aus scinexx.de, 27. 11. 2024 Beim Nachdenken über die Gedanken anderer Menschen sind mehrere Teile unseres Gehirns aktiv. zu Jochen Ebmeiers Realien
Was beim Hineindenken in unserem Gehirn passiert
Grübeln über Mitmenschen erfordert Teamwork alter und neuer Hirnareale
Was denkt mein Gegenüber? Diese Frage stellen wir uns
bewusst und unbewusst unzählige Male in unserem Alltag – und oft liegen
wir dabei richtig. Möglich macht dieses sich Hineindenken eine besondere
Verschaltung mehrerer Regionen in unserem Gehirn, wie nun Neurologen
herausgefunden haben. Demnach spricht ein evolutionär alter Teil unseres
Hirns, der für Gefühle zuständig ist, mit neueren Arealen in unserem
Gehirn, die unser soziales Miteinander steuern. Die Erkenntnisse könnten
künftig die Behandlung von Angststörungen erleichtern.
Wir alle kennen es: Kaum haben wir eine Party verlassen, beschäftigen
uns plötzlich aufdringliche Gedanken. Habe ich zu viel geredet? Hat
mein Witz andere beleidigt? Haben sie sich amüsiert? Unser Gehirn denkt
viel darüber nach, was in den Köpfen anderer Menschen vor sich geht. „Im
Wesentlichen versetzt man sich in den Geist einer anderen Person und
zieht Rückschlüsse darauf, was diese Person denkt, wenn man es nicht
wirklich wissen kann“, sagt Seniorautor Rodrigo Braga von der
Northwestern University. Neurowissenschaftler und Psychologen bezeichnen
diese Fähigkeit zur Perspektivübernahme auch als „Theory of Mind“.
Blick ins Gehirn beim Gedankenraten
Aber warum können wir uns in andere hineinversetzen, während dies
viele Tiere nicht oder nur zum Teil können? Was passiert bei dieser Form
des Grübelns in unserem Gehirn? Dieser Frage ist nun ein Team um
Donnisa Edmonds von der Northwestern University nachgegangen. Dafür
analysierten die Neurologen mittels funktioneller
Magnetresonanztomographie (fMRT) die Hirnaktivität von sechs
Studienteilnehmern.
Diese hochauflösenden Hirnscans zeigen anhand von Veränderungen
des Blutsauerstoffgehalts, welche Areale unseres Gehirns aktiv sind.
Während der Aufnahmen sollten die Testpersonen Fragen darüber
beantworten, wie sich eine andere Person in einer fiktiven Situation
möglicherweise fühlt oder was sie denken könnte.
„Reptilienhirn” spricht mit „modernem” Hirn
Die Auswertung ergab, dass beim Rekapitulieren unserer Handlungen und
dem sich Hineindenken in andere Menschen mehrere Teile unseres Gehirns
aktiv werden. Darunter sind Areale im sogenannten „sozialen kognitiven
Netzwerk“, deren Beteiligung zuvor unbekannt war. „Weil wir so
hochauflösende Daten hatten, konnten wir beteiligte Netzwerkregionen
identifizieren, die wir vorher nicht sehen konnten“, sagt Edmonds.
Diese Hirnregionen gehören zu einem evolutionär jungen und hoch
entwickelten Teil unseres Gehirns und sind für soziale Interaktionen
zuständig. Wenn wir über uns und unsere Mitmenschen grübeln,
kommuniziert dieses „soziale kognitive Netzwerk“ jedoch zusätzlich mit
einem evolutionär alten Teil des Gehirns, der Amygdala, wie die
Hirnscans enthüllten. Die Amygdala, auch Mandelkern genannt, ist Teil
unseres „Reptiliengehirns“, das unsere frühen tierischen Vorfahren schon
vor hunderten Millionen Jahren entwickelten.
Ständige Kommunikation zwischen Amygdala-Kern und Sozialnetzwerk
Die Amygdala erkennt Bedrohungen und verarbeitet primitive Angstgefühle.
Beim Anblick einer Schlange sorgt sie beispielsweise für Herzrasen und
verschwitzte Hände. Zudem sorgt die Amygdala dafür, dass wir Gefühle in
der Mimik anderer lesen können. Aber sie ist auch für soziale Belange
zuständig: „Zum Beispiel ist die Amygdala für soziales Verhalten wie
Elternschaft, Paarung, Aggression und das Navigieren durch soziale
Dominanzhierarchien verantwortlich“, erklärt Braga.
„Frühere Studien haben bereits eine Koaktivierung der Amygdala
und des sozialen kognitiven Netzwerks festgestellt“, sagt Braga. „Neu
ist hingegen die Erkenntnis, dass diese Kommunikation immer
stattfindet.“ Die Hirnscans zeigten auch erstmals, dass diese
Kommunikation zwischen Amygdala und dem sozialen kognitiven Netzwerk
über den sogenannten medialen Kern der Amygdala (MeA) erfolgt. Dieser
ist demnach für das soziale Verhalten sehr wichtig, so das Team.
Grübeln über Mitmenschen, eine „neu“ erworbene Fähigkeit?
Die Neurologen schließen aus ihren Beobachtungen, dass diese alten
und neuen Hirnareale beim Hineindenken in unsere Mitmenschen
zusammenarbeiten. Dabei ergänzen sie sich gegenseitig, indem die
Amygdala dem sozialen kognitiven Netzwerk einen Zugang zu wichtigen, mit
dieser Perspektivübernahme verknüpften Emotionen gibt.
Die Lage der beteiligten neueren Hirnregionen und die Tatsache, dass
sie bei Menschen überproportional groß sind, legt zudem nahe, dass nur
wir Menschen und möglicherweise unsere nahen Primatenverwandten so
intensiv über unser soziales Miteinander nachdenken. „Die Teile unseres
Gehirns, die uns dies ermöglichen, befinden sich in Regionen, die sich
erst spät im Laufe unserer Evolution ausgedehnt haben. Das impliziert,
dass es sich um einen erst ‚kürzlich‘ entwickelten Prozess handelt“,
sagt Braga.
Denken Sie zu
viel über das nach, was Sie gesagt haben? Schuld daran ist unser
„Echsenhirn“, das mit neueren, fortgeschritteneren Teilen unseres
Gehirns kommuniziert.© Northwestern University
Neue Möglichkeiten bei Depressionen und Angststörungen
Die neuen Erkenntnisse geben nicht nur Einblicke in die Hintergründe der „Theory of Mind“, sie könnten künftig auch helfen, Angstzustände
und Depressionen zu behandeln. Denn bei beiden Erkrankungen ist die
Amygdala hyperaktiv, was zu übermäßigen emotionalen Reaktionen und einer
gestörten Gefühlskontrolle führt. Zwar können beide Erkrankungen
bereits jetzt durch eine tiefe Hirnstimulation behandelt werden.
Allerdings erfordert das eine OP, weil sich die Amygdala tief im Gehirn
befindet, hinter den Augen.
Die neu identifizierten Hirnareale, die beim Hineindenken mit der
Amygdala verbunden sind, liegen hingegen in der Hirnrinde, näher am
Schädel und sind leichter zu erreichen. Die Amygdala könnte daher
künftig indirekt über diese Partnerareale und über ein weniger invasives
Verfahren, die transkranielle Magnetstimulation (TMS), stimuliert
werden, um psychische Erkrankungen zu lindern. (Science Advances, 2024; doi: 10.1126/sciadv.adp0453)
Quelle: Northwestern University; 27. November 2024
- von Claudia Krapp
Nota. - Man könnte erwarten, dass neu erworben 'rezente' Hirnareale die älteren überlagern und in die hintere Reihe drängen. Doch so ist es gottlob nicht, es wäre auch eine Verarmung: Sie stehen miteinender in systemischer Wechselwirkung. Oben ist gar von Dialog die Rede - was man sich darunter genauer vorstellen soll, müssen wohl erst weitere Untersuchungen erweisen.
Bemerkenswert ist aber schon jetzt das Licht, das auf das Verhältnis zwischen gefühlsmäßiger Empathie und reflexivem Perspektivenwechsel fällt. Es ist zu vermuten, dass die erstere vom älteren Mandelkern und die zweite vom 'sozialen kognitiven Netzwerk' ausgeht: Beide wirken synthetisch, sind aber nicht ein und dasselbe; und könnten nicht bloß begrifflich seitens der Beobachter, sondern vielleicht auch willkürlich durch die Subjekte selbst unterschieden werden.
JE