Dienstag, 22. September 2026

Fachmann fürs Allgemeine.

Eine Sama-Bajau-Taucherin fischt im flachen Wasser über Korallenriffen. Sie trägt eine handgefertigte Taucherbrille aus Holz und verwendet keine weitere Freitauchausrüstung.                       zu Jochen Ebmeiers Realien
aus derStandard.at, 17. 9. 2026             Eine Taucherin der Sama-Bajau, die als "Meeresnomaden" im Malaiischen Archipel in Südostasien leben, beim Fischfang im flachen Wasser. Einziges "künstliches" Hilfsmittel: eine handgefertigte Taucherbrille aus Holz.

Hat der Mensch seine außergewöhnliche Ausdauer vom Tauchen?
Zwei Wissenschafterinnen warten mit Belegen dafür auf, dass sich unsere Vorfahren ihre besonderen aeroben und anaeroben Fähigkeiten zunächst einmal im Meer geholt haben

Bei körperlichen Spitzenleistungen – egal ob beim Laufen, Schwimmen oder Springen – ist der Mensch spezialisierten Säugetieren durchwegs unterlegen. Dafür sind wir die besseren Mehrkämpfer, worauf auch der österreichische Zoologe, Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz in einem bekannten Vortragszitat hinwies: "Denken Sie sich einen Wettkampf – 15 km wandern; dann in ein 3 m tiefes Becken tauchen, um einen Ziegelstein aus dem Wasser heraufzuholen; und dann ein Hanfseil hinaufklettern, das hier an der Decke hängt – das kann kein Säugetier!"

Wohl könne der Gepard schneller laufen, der Delfin schneller schwimmen und der Schimpanse schneller klettern als der Mensch, argumentierte Lorenz. "Aber diese Tiere sind Spezialisten auf ihrem Gebiet und für die anderen Disziplinen ungeeignet." Im Vergleich zu den Primaten, aus denen auch der Mensch hervorging, sind wir aber nicht nur bessere Generalisten, sondern verfügen auch über eine deutlich bessere Ausdauer: Beim Klettern sind wir ihnen natürlich unterlegen, aber beim Wandern und Tauchen können sie uns nicht das Wasser reichen.

"Dive first, run later"

Die außergewöhnliche Ausdauer des Menschen kommt laut allen einschlägigen anthropologischen Lehrbüchern daher, dass unsere Vorfahren Beutetiere über lange Strecken verfolgten, bis diese endgültig erlegt wurden. Doch nun warten zwei Forscherinnen mit einer überraschenden neuen Vermutung auf: Die studierte Meeresbiologin Josephine Joordens (Naturalis Biodiversity Center in Leiden; Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig) und die Tierphysiologin Erika Schagatay (Mid Sweden University in Östersund) schlagen in einer neuen Studie vor, dass der Mensch seine bemerkenswerte aerobe Ausdauer zunächst beim Tauchen entwickelte – und erst später zum Langstreckenläufer wurde.

Die These "Dive first, run later" („Zuerst tauchen, dann laufen“) stellt die etablierte Ausdauerlauf-Hypothese nicht auf den Kopf, ergänzt sie aber um eine bislang wenig beachtete Perspektive. Menschen seien nicht nur die einzigen Primaten, die lange Strecken laufen können, argumentieren die Autorinnen in ihrer Analyse, die bisher nur gedruckt im Fachblatt Paleoanthropology erschien. Sie seien auch bemerkenswert gute Schwimmer und Freitaucher. Moderne Gemeinschaften wie die japanischen Ama-Taucherinnen oder die Sama-Bajau in Südostasien zeigten, dass Menschen stundenlang wiederholt tauchen können, um Fische, Muscheln und andere Meeresfrüchte zu sammeln.

Eine Person mit roter Brille taucht teilweise im Wasser auf und hält einen Behälter, gefüllt mit verschiedenen Schalentiere und anderen Meerestieren. Im Hintergrund ist das offene Meer und eine entfernte Küstenlinie zu sehen.
Die Sama-Bajau jagen Fische und sammeln Schalentiere und andere aquatische Ressourcen durch Apnoetauchen. Haben das bereits unsere Vorfahren in Afrika gemacht?

Für die Forscherinnen, die selbst auch Freitaucherinnen sind, ist das mehr als eine ethnografische Kuriosität. Sie sehen darin einen Hinweis auf eine möglicherweise sehr alte Anpassung des Menschen. Das wiederholte Apnoetauchen – also das Tauchen mit angehaltenem Atem – verlangt eine außergewöhnlich effiziente Steuerung von Atmung, Herzschlag und Sauerstoffverbrauch. Wer die Hälfte seiner Zeit unter Wasser verbringt, muss lernen, mit knappen Sauerstoffreserven hauszuhalten. Genau jene Fähigkeiten könnten später auch die Grundlage für die enorme Ausdauerleistung beim Laufen gebildet haben.

Damit passt die neue Hypothese gut zum eingangs erwähnten Lorenz’schen Triathlon, nur mit einer anderen evolutionären Abfolge: Zuerst könnte das Tauchen gekommen sein, dann erst die lange Wanderung. Joordens und Schagatay gehen noch darüber hinaus: Genau diese Kombination aus Land- und Wasseranpassungen könnte den entscheidenden Vorteil unserer Gattung ausgemacht haben. Oder wie es in ihrem Artikel heißt: "Wenn man den Ursprung der menschlichen Ausdauer und die Evolutionsgeschichte der Homo-sapiens-Linie untersucht, muss man neben dem Ausdauerlaufen auch das Ausdauertauchen zur Nahrungssuche berücksichtigen."

Rätsel der schweren Knochen                                                 

Ein spannender Teil der Studie betrifft fossile Knochen. Viele frühe Menschenarten, darunter Homo erectus oder die Neandertaler, besaßen ungewöhnlich schwere Knochen. Bisher wurde dies oft als Folge intensiver körperlicher Belastung interpretiert. Joordens und Schagatay verweisen jedoch auf Vergleiche mit semiaquatischen Säugetieren. Bei Arten, die regelmäßig in flachen Gewässern tauchen, helfen schwere Knochen dabei, den Auftrieb zu kontrollieren. Für Langstreckenläufer wären sie hingegen eher ein Nachteil. Vielleicht waren manche frühen Menschenpopulationen also stärker an das Leben am Wasser angepasst als bislang angenommen.

Ein Mann mit Bart steht auf einem alten rostigen Anker, er hält Flossen, Taucherbrille und Schnorchel in seinen abgespreizten Händen.  
Konrad Lorenz war in seinen späteren Jahren ebenfalls ein begeisterter Schnorchler. Hier am Foto 1967 in Florida, aufgenommen von seinem Freund Hans Zeisel.

Besonders die ersten bekannten Vertreter von Homo erectus auf Java könnten nach Ansicht der Autorinnen regelmäßig aquatische Nahrungsquellen genutzt haben. Andere Populationen entwickelten sich möglicherweise stärker in Richtung Jagd und Sammeln an Land. Das würde erklären, warum sich innerhalb der Gattung Homo unterschiedliche Körperformen und Lebensweisen herausbildeten.

Leben mit Sauerstoffmangel

Die Studie schlägt sogar eine Verbindung zu einem weiteren außergewöhnlichen Merkmal des Menschen vor: seiner Fähigkeit, in großen Höhen zu leben. Sowohl Taucher als auch Bewohner hochgelegener Regionen müssen mit Sauerstoffmangel zurechtkommen. Mechanismen wie eine besonders effiziente Sauerstoffnutzung oder eine größere Milz, die zusätzliche rote Blutkörperchen freisetzen kann, könnten in beiden Umwelten von Vorteil sein. Die Forscherinnen sehen darin einen weiteren Hinweis darauf, dass die Evolution des Menschen stärker von der Bewältigung von Hypoxie geprägt war als bisher angenommen.

Noch ist die Hypothese der beiden Wissenschafterinnen eher spekulativ. Die beiden betonen selbst, dass ihre Beweiskette noch lückenhaft ist und weitere Untersuchungen nötig sind. Künftige Forschung müsse Fossilien, Physiologie und ökologische Daten zusammenführen, um zu klären, ob das Tauchen tatsächlich eine entscheidende Rolle in der Menschwerdung spielte.

Unabhängig davon, ob sich die Vermutung bestätigt, rückt sie – so wie das Zitat von Konrad Lorenz – eine oft übersehene Eigenschaft des Menschen ins Zentrum: seine Vielseitigkeit. Wahrscheinlich liegt die Besonderheit unserer Art tatsächlich nicht darin, dass wir etwas besser können als alle anderen, sondern darin, dass wir Generalisten sind, die an Land ebenso wie am Wasser ihren Platz und ihre ökolo-gischen Nischen gefunden haben.  


Montag, 21. September 2026

Haben wir denn einen andern?


aus tagesschau.de, 21. 9. 2026                                                                                 zu öffentliche Angelegenheiten

... "Oder habt Ihr jemand anderen?" Die Frage hat er nicht gestellt. Aber so konnte man Merz verstehen. Er weiß, dass er bei weiten Teilen der Deutschen so unbeliebt ist wie kein Kanzler vor ihm. Dass seine Partei an zwei Wahlwochenenden drei deftige bis desaströse Niederlagen eingesteckt hat. Dass seine Bundesregierung zurzeit mehr trennt als eint. Und dass alle seine Ankündigungen bisher nicht Reali-tät geworden sind - übrigens egal ob innenpolitisch oder in der Außenpolitik, was ja das große Steckenpferd dieses Kanzlers sein soll.  

Die Chance ergreifen  

Kann es trotzdem noch was werden mit dieser Regierung? Aus Merz‘ Sicht: Ja! Allerdings unter einer Bedingung: Er muss die Chance nutzen, die er eigentlich nicht mehr hat. Befreit aufspielen. Oder - anderer Sport, gleiches Prinzip: Die Zügel in die Hand nehmen. Dem Pferd die Sporen geben und nicht Richtung Sonnenun-tergang reiten, sondern Richtung Zielgerade. 

Reformen umsetzen, Regierung verändern, wenn es nicht vorwärts geht und Reden - auf ein Minimum beschränken. Denn von diesem Kanzler wollen viele gerade nicht mehr viel hören. Ist das gut für die politische Stimmung eines Landes, in dem immer mehr Menschen am Rand oder über Ränder hinaus wählen, weil sie keinen anderen Ausweg sehen? 

Wahrscheinlich nicht. Eine Neuwahl oder merkwürdige Gedankenspiele über Min-derheitenregierungen sind es jetzt noch weniger. Merz hat klar gesagt, dass er wei-termachen will. Ob seine Partei das auch will? Das müssen ihre Spitzen nun schnell sagen. Und schnell meint nicht schnell im Sinne der bisherigen Regierungsent-scheidungen. Sondern schnell meint heute, morgen, diese Woche. Denn das Schlimmste wäre ein monatelanges Hin und Her.  

Klarheit, wer dieses Land führt: Wenn das aus diesem Wahlabend entsteht, dann wäre das doch mal ein Achtungs-Erfolg.

 

Nota. - Und wäre mehr als das. Wenn er nämlich wie ein Wirbelwind durch die Parteienlandschaft fegte und um sich sammelte, wer die klein-kleine Posten-schieberei leid ist und eine radikale Mitte will - wenn schon nicht heut, dann spätestens morgen.
JE 

 

 

 

Aus der Asche.


aus FAZ.NET, 21. 9. 2026                                                                                           
 zu öffentliche Angelegenheiten

Der Niedergang von Union und FDP ist selbstverschuldet. Sie haben, wie die SPD, den Kontakt zur arbeitenden Bevölkerung verloren. Für einen Neubeginn bedarf es einer unverbrauchten Partei.
Titel 

ebd.
Merz macht Fehler. Wer würde in dieser Lage keine machen? Mit etwas gutem Willen könnte man staunen, wie viele Fehler er nicht macht. 

 

Sonntag, 20. September 2026

Was soll ich sagen?

                                             zu öffentliche Angelegenheiten

Was fehlt, und seit heute noch dringender als bisher, ist eine radikale Mitte, hinter der Leute stehen, denen man abnimmt, was sie sagen.

 

 

Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Von Natur künstlich.

Was für den Mensch auch als Silhouette sofort als Katze erkennbar ist, gibt der KI Rätsel auf.                                                   zu JochenEbmeiers Realien
aus FAZ.NET, 20. 9. 2026    Was für den Menschen auch als Silhouette sofort als Katze erkennbar ist, gibt der KI Rätsel auf.

KI zeigt gravierende Schwächen beim Erkennen von Formen 
Eine neue Studie zeigt, dass KI selbst die einfachsten Umrisse oft nicht erkennt – und Katzen mitunter als „Kreuzworträtsel“ deutet. Was das für die Entwicklung des autonomen Fahrens bedeutet.

Ob eine Katze, ein Schmetterling oder ein Auto: Menschen erkennen Gegenstände und Lebewesen selbst dann noch zuverlässig, wenn sie nur als grober Schattenriss zu sehen sind. Für Künstliche Intelligenz (KI) ist genau das dagegen eine oft unlösbare Hürde. Moderne Bilderkennungsprogramme schneiden beim Erfassen übergeordneter Formen und Silhouetten deutlich schlechter ab als menschliche Betrachter, wie ein Forschungsteam um Biyu He von der New York University Grossman School of Medicine im Fachjournal „iScience“ berichtet.

Ursache für die Schwäche ist die grundlegend andere Funktionsweise der Algorithmen: Während das menschliche Gehirn die Gesamtgestalt priorisiert, klammern sich selbst moderne tiefe neuronale Netze vorrangig an lokale Details, Oberflächenmuster und Texturen. Schon geringfügige Bildverzerrungen oder das Fehlen typischer Details bringen die Systeme schnell aus dem Konzept.

Mehr als 200 Modelle im Test

Für die Untersuchung verglich das Team um Erstautor Mugihiko Kato und Studienleiterin He die Sehleistung von Testpersonen mit der von mehr als 200 tiefen neuronalen Netzen unterschiedlichster Bauart und Trainingsweise. Die Forschenden manipulierten dafür 240 Abbildungen aus 48 Alltagskategorien systematisch. Gezeigt wurden unter anderem reine schwarze Silhouetten ohne jede Innenstruktur und isolierte Muster wie Felltexturen ohne erkennbare Kontur. Weiterhin wurden Darstellungen verwendet, bei denen viele kleine Objekte bildfüllend aneinandergereiht waren, sodass zwar Binnendetails erhalten blieben, der typische Umriss jedoch zerstört war.

Keines der über 200 KI-Modelle konnte das menschliche Erkennungsmuster über alle Bedingungen hinweg vollständig nachbilden. Sobald die Identifikation allein an der Erfassung der Gesamtsilhouette hing, lagen die Computeralgorithmen durchweg hinter den menschlichen Probanden.

Kreuzchen statt Katze

Besonders drastisch zeigte sich diese Diskrepanz in einem Folgeexperiment, bei dem die Gesamtform von lokalen Details entkoppelt wurde: Die Wissenschaftler füllten die Umrisse von Gegenständen und Tieren mit vielen kleinen Kreuzchen. Während Menschen das Motiv weiterhin problemlos anhand der äußeren Kontur benennen konnten, versagten die meisten KI-Modelle völlig. Sie deuteten Katzen- oder Schmetterlingssilhouetten plötzlich reihenweise als „Kreuzworträtsel“, „Fenstergitter“, „Kettenhemd“ oder „Fadenwurm“, weil die kleinen Kreuzmuster die Auswertung der Algorithmen vollständig dominierten.

Heutige Bilderkennungsmodelle seien keineswegs so menschenähnlich, wie oft angenommen werde – obwohl sie mit gigantischen Mengen an Fotos trainiert wurden, die Menschen aufgenommen haben, betonte He. Zwar erzielten moderne Systeme, die gleichzeitig mit Bildern und begleitenden Texten geschult wurden, insgesamt deutlich menschenähnlichere Trefferquoten als herkömmliche Bilderkennungsnetze. Doch auch sie verloren ihren Vorteil, sobald die Gesamtgestalt gestört oder isoliert bewertet wurde.

Bedeutung für autonomes Fahren

Die Ergebnisse sind für praktische Anwendungen von zentraler Bedeutung: Sollen KI-Systeme in der Robotik, beim autonomen Fahren oder in Sehprothesen und Gehirn-Computer-Schnittstellen für sehbehinderte Menschen zuverlässig arbeiten, müssen sie auch bei Nebel, Dämmerung oder Verdeckungen verlässliche Urteile fällen. In solchen Situationen greift der Mensch instinktiv auf die grobe Silhouette zurück. Die Studie liefere wertvolle Hinweise, wie Algorithmen künftig trainiert werden müssen, um ein ganzheitlicheres und damit robusteres Sehvermögen zu entwickeln, schreibt das Team.

Quelle: dpa
 
Nota. - KI ist von Natur digital. Der Mensch ist von Natur analog. Die KI nimmt Pixel wahr; der Mensch sieht Gestalten
JE 

 

Keine optischen Tricks am Parthenon.

Der restaurierte westliche Giebel des Parthenon-Tempels auf der Akropolis in Athen, Griechenland, wird nach der Entfernung von Jahrzehnte altem Baugerüst bei Dämmerung beleuchtet gezeigt.       zu Ebmeiers Realien
aus derStandard.at, 18. September 2026                                Der Parthenon auf der Athener Akropolis wirkt streng geometrisch, hat aber kaum eine gerade Linie. Dass seine Krümmungen optische Täuschungen ausgleichen sollten, ist ein alter Mythos.

Mathematiker widerlegt alten Mythos über den Parthenon-Tempel
Seit Vitruv heißt es, Athens Baumeister hätten beim Bau Verzerrungen unserer Wahrnehmung ausgeglichen. Ein Forscher aus Oxford fand dafür keinerlei Belege

Wer vor dem Parthenon steht, hat den Inbegriff klassischer Ordnung vor Augen. Der Tempel auf der Akropolis, der der Athener Stadtgöttin Pallas Athena Parthenos geweiht war, entstand im 5. Jahrhundert vor Christus und gilt als Höhepunkt des dorischen Stils. Er misst 69,5 mal 30,9 Meter, und alles an ihm scheint einem strengen geometrischen Diktat zu folgen. Nachgemessen besitzt der Bau in Wahrheit allerdings kaum eine gerade Linie oder rechten Winkel.

Für diesen Widerspruch kursiert seit langem eine jahrhundertealte plausible Erklärung, die auf den römischen Architekten und Ingenieur Vitruv zurückgeht. Die Baumeister hätten die Abweichungen absichtlich eingeplant, um Eigenheiten des menschlichen Sehens auszugleichen. Lange Horizontalen würden in der Mitte durchhängend erscheinen und schlanke Säulen würden eingeschnürt wirken. Man habe also krumm gebaut, damit das Auge gerade sieht – so zumindest steht es bis heute in Architekturbüchern.

Alain Goriely hält das allerdings für einen Irrtum. Der Mathematiker von der Universität Oxford hat zwölf dieser angeblichen optischen Korrekturen mathematisch und anhand der Wahrnehmungsforschung geprüft. Sein nun im Fachjournal Royal Society Open Science erschienenes Ergebnis: Für die behaupteten Täuschungen fehlen entweder die Belege – oder die Abweichungen sind zu gering, um unter üblichen Betrachtungsbedingungen wahrnehmbar zu sein. "Es gibt strenggenommen keinerlei Beleg dafür, dass die Verfeinerungen am Parthenon tatsächlich die behaupteten optischen Täuschungen hervorrufen", sagt Goriely.

Sechs Zentimeter Wölbung

Das prominenteste Beispiel liegt den Besuchern zu Füßen. Der sogenannte Stylobat, die oberste Stufe des Unterbaus, auf der die Säulen stehen, ist nicht waagrecht. Seine Längsseiten steigen zur Mitte hin sanft an und liegen dort rund sechs Zentimeter höher als an den Enden. Ähnlich nach oben gewölbt ist das Gebälk über den Säulen. Der klassischen Deutung zufolge soll das verhindern, dass die Horizontalen durchzuhängen scheinen.

Für diesen vermeintlichen Sehfehler kursieren zwei Begründungen. Die erste besagt schlicht, dass lange waagrechte Linien in der Mitte absacken. Goriely fand dafür aber keinen Beweis. Die zweite beruft sich auf die Hering-Illusion: Zwei parallele Linien auf einem Blatt Papier wirken gebogen, wenn andere Linien sie kreuzen. Am Parthenon, so die Überlegung, könnten die Säulen die Rolle der kreuzenden Linien übernehmen.

Drei schematische Zeichnungen des Parthenons mit unterschiedlicher Stilobat-Krümmung. Links: gerader Stilobat, Mitte: stark durchhängender Stilobat (übertrieben dargestellt), rechts: leicht nach oben gewölbter Stilobat. Oberhalb der Zeichnungen steht: „Parthenon myth #1: Stylobate Curvature“.
 Ohne Krümmungen würde der Parthenon angeblich durchhängend scheinen (Mitte, stark übertrieben). Deshalb hätten die Baumeister ihn nach oben gewölbt (rechts), damit er gerade wirkt (links). Laut Goriely trifft keine der Annahmen zu.

Zu steil für die Täuschung

Die Übertragung der Hering-Illusion hielt einer genaueren Prüfung jedoch nicht stand. Diese wirkt am stärksten, wenn die kreuzenden Linien in spitzem Winkel verlaufen. Die Säulen des Parthenon stehen aber senkrecht. Dass die Täuschung im dreidimensionalen Raum überhaupt funktioniert, ist überdies zu bezweifeln. "Auf dem Papier würden manche Effekte wie die Hering-Illusion qualitativ in dieselbe Richtung wirken", sagt Goriely. "Aber wenn man die Berechnung tatsächlich durchführt, merkt man, dass der Effekt nicht auftritt."

Ähnlich ergeht es der Entasis, der leichten Ausbauchung der Säulen, die verhindern soll, dass die Schäfte in der Mitte eingeengt wirken. Eine solche Täuschung ist laut Goriely nie wissenschaftlich nachgewiesen worden, auch nicht in kontrollierten Versuchen mit dreidimensionalen Tempelrekonstruktionen. Am Parthenon wölben sich die Säulen außerdem um gerade einmal 18 Millimeter, was aus üblicher Entfernung praktisch nicht zu erkennen ist. Die dickeren Ecksäulen wiederum sollen das stärkere Licht an den Gebäudekanten ausgleichen, das sie sonst schmaler erscheinen ließe. Goriely hält stattdessen eine nüchternere Deutung für möglich: Sie könnten dicker sein, weil sie etwas mehr Last tragen.

Regenwasser statt Sehfehler

Welche Absichten die Baumeister verfolgten, lässt sich freilich nicht mehr sicher sagen, das räumt auch Goriely ein. Für den gewölbten Unterbau hält er eine Erklärung für wahrscheinlicher, die schon früher vorgebracht, im 19. Jahrhundert aber verworfen wurde: Das leichte Gefälle könnte Regenwasser abfließen lassen und Pfützen verhindern. Die Harvard-Neurowissenschafterin Marge Livingstone, die über visuelle Wahrnehmung forscht und an der Studie nicht beteiligt war, gibt Goriely im Wissenschaftsmagazin New Scientist recht: "Ich denke, es muss der Entwässerung gedient haben, genau wie bei Straßen."

Drei stilisierte Darstellungen von Säulen, die die Entasis veranschaulichen. Links eine stark ausgebauchte Säule, in der Mitte eine gerade Säule als Idealform, rechts eine eingeschnürte Säule. Darüber der Text: „Parthenon myth #2: Column Entasis“.
 Nach demselben Muster erklärt man seit jeher die Entasis. Gerade Säulen wirkten angeblich in der Mitte eingeschnürt (rechts). Die leichte Ausbauchung (links, stark übertrieben) lasse sie deshalb gerade erscheinen (Mitte). Am Parthenon beträgt diese Ausbauchung nur rund 18 Millimeter, und die Einschnürung, die sie ausgleichen soll, ist nie nachgewiesen worden.

Für die gekrümmten Säulen kommen ebenfalls prosaische Motive infrage. Vielleicht fanden die Erbauer sie schlicht schöner als gerade, vielleicht machte die Form sie widerstandsfähiger gegen Ausknicken. Verjüngen sich Säulen nach oben, könnte das laut Livingstone dazu dienen, sie höher wirken zu lassen.

John Senseney von der University of Arizona in Tucson sieht die Krümmungen des gesamten Baus als Folge der gewölbten Plattform, auf der er steht. Sie sei "ein außerordentlich raffiniertes Produkt des Fachwissens, des Urteilsvermögens, der Werkzeuge und Techniken einfacher, oft versklavter Arbeiter, die auf der Baustelle zusammenarbeiteten", kein abstrakt errechneter Entwurf eines Elitearchitekten – und ebenso wenig eine beabsichtigte optische Korrektur.

Vitruv als Kronzeuge

Diese Vorstellung setzte der römische Architekt Vitruv in die Welt, der sein Werk De architectura allerdings erst rund 400 Jahre nach dem Bau des Parthenon verfasste. Über die Fachliteratur wurde seine Deutung zur vermeintlichen Tatsache. "Ich glaube tatsächlich, dass es vielleicht der älteste Mythos ist, den wir haben, abgesehen von der Religion", sagt Goriely.

Manche Fachleute lesen Vitruv seit langem mit Vorsicht, erklärt der Architekturhistoriker Frank Salmon (Universität Cambridge) im Gespräch mit dem Guardian. Es sei riskant, seinen Text wie eine Bibel für eine um Jahrhunderte ältere Baupraxis heranzuziehen, zumal die vielen griechischen Schriften über Tempelarchitektur verloren seien, die er nach eigener Aussage studiert hatte.

Die Zähigkeit der Theorie erklärt Goriely mit dem Bild der Griechen als überaus kundiger und erfinderischer Zivilisation, in das sie sich nahtlos fügt. Ähnlich erging es der inzwischen widerlegten Vorstellung, der Tempel folge dem Goldenen Schnitt. In den Worten Gorielys: "Mythen von solcher Kraft sind sehr schwer zu ändern."  

 

Samstag, 19. September 2026

Einfach und komplex; oder Anschauung und Schema.

Zwei Personen fahren auf Fahrrädern über eine Brücke, die über ein weitläufiges Bahngleisnetz führt. Im Hintergrund ist die Skyline einer Stadt mit mehreren Türmen und Gebäuden zu sehen. Der Himmel ist klar und blau. Die Szene vermittelt einen urbanen, alltäglichen Moment. 
aus spektrum.de, 18. 9. 2026                      Moderne Städte sind außerordentlich komplexe Netzwerke, deren Eigenschaften man bis heute nur zum Teil versteht.                                                  zu Philosophierungen

von Lars Fischer 

Seit Jahrzehnten beobachten Fachleute ein Paradox: Theoretisch sollten komplexe Netzwerke wie das Stromnetz oder natürliche Ökosysteme umso stabiler sein, je einheitlicher sie sind. In der Praxis aber ist lange bekannt, dass ein System Störun-gen besser verkraftet, wenn sich seine Bestandteile leicht voneinander unterschei-den. Diesen Widerspruch hat nun eine Arbeitsgruppe um Adilson E. Motter von der Northwestern University in Evanston in den USA aufgelöst. In einer Veröf-fentlichung in der Fachzeitschrift »Science« stellt das Team ein Modell vor, das das reale Verhalten komplexer Systeme korrekt beschreibt und erklärt, warum theore-tische Beschreibungen bisher versagten. Demnach stabilisiert Unordnung Netz-werke nur dann, wenn die Bestandteile und Beziehungen zwischen ihnen auf viele Arten unterschiedlich sein können. In bisherigen Modellen jedoch sind ihre Eigen-schaften oft vereinfacht worden, um sie mathematisch beschreiben zu können. Da-bei verschwindet jedoch der stabilisierende Effekt.

Man kann viele Systeme als Netzwerk ihrer Bestandteile und ihrer Verbindungen untereinander beschreiben; damit lässt sich das Verhalten eines Schwarms, Gehirns oder Ökosystems als Ganzes mathematisch simulieren. Solche Simulationen jedoch sagten voraus, dass zum Beispiel große, komplexe Ökosysteme nicht stabil seien und zusammenbrechen müssten. Sie existieren jedoch in der Realität. Ebenso sind Stromnetze nachweislich stabiler, wenn zum Beispiel Generatoren ein wenig un-terschiedlich laufen, was laut Modellen auch nicht sein dürfte. Das Team um Motter beschrieb nun mathematisch, wie einzelne Teile eines Systems auf eine Veränderung bei benachbarten Teilen reagieren – ob sie die Veränderung stärken oder dämpfen. Eine einzelne Zahl, der Eigenwert, beschreibt diese Reaktion. Ist der Eigenwert negativ, werden Störungen gedämpft. Die Arbeitsgruppe berechnete jetzt, welche mathematischen Eigenschaften das Netzwerk haben muss, um durch eine große Vielfalt an Eigenwerten stabilisiert zu werden.

Dabei stellten die Fachleute fest, dass diese Unordnung gerade solche Netzwerke stabilisiert, die durch eine nicht-hermitesche Matrix dargestellt werden können. Darauf verzichtet man in der Netzwerkdynamik meistens, weil es die Berechnungen komplizierter macht. Genau das aber trifft auf nahezu alle physisch existierenden, komplexen Systeme zu. Dort beschreibt man das Verhalten der Bestandteile nicht mit den meist verwendeten einfachen mathematischen Beziehungen, sondern nimmt eine komplexere Dynamik an. Das erklärt, warum die bisherigen Modelle nicht abbilden konnten, dass diverse Bestandteile ein System stabilisieren. Weiterhin zeigte das Team um Motter, dass es in jedem System so etwas wie einen optimalen Wert der Unordnung gibt. Jenseits davon wird das Netzwerk durch zusätzliche Variation wieder instabiler. 

Frage an ChatGPT

Was fällt Ihnen dazu ein:

Mathematik und Begriff haben dies gemein, dass sie im digitalen Modus stehen. Die Wirklichkeit ist aber nur 'analog' anschaubar. Begreifen kann man allenfalls ihr Schema: ein Modell, das an der Wirklichkeit heraushebt, was - unter einem gewissen Gesichtspunkt - wesentlich ist, und vernachlässigt, was nebensächlich erscheint. Ein Gesichtspunkt ist eine An sicht, doch die folgt aus einer Ab sicht: Es will einer was anfangen

Das ist aber nur eine von vielen möglichen Ansichten. Das (digitale) Schema ist in einer ganz spezifischen Weise bestimmt - während 'Wirklichkeit' die (analoge) Anschauung von allen möglichen An- und Absichten wäre; und also als Ganze unbestimmt bleiben muss.

Wer aber könnte alle möglichen Ansichten anschauen? Nur der, der alle möglichen Absichten zugleich verfolgte. Einer von uns Sterblichen also nicht, nicht real. Denn in der Realität kann er nur - theoretisch - sehr viele Schemata übereinanderlegen: all das, was man mit oder aus dem Wirklichen machen könnte - wenn man es könnte. Umgangssprachlich ausgedrückt: rein theoretisch.

Das Schema ist genauer, aber unbestimmter in Hinblick auf alle andern ebenso möglichen An- und Absichten - und also unvollständig. Die Anschauung, die auf Absichten verzichtet, ist umfangreicher, aber in jeder Hinsicht ungenauer. Wer handeln will, braucht das Schema; die zweckfreie Betrachtung kann nur der Müßige 'gebrauchen'. 
JE 

ChatGPT antwortet: 

Mir fällt zunächst auf, dass Ihr Gedanke eine ziemlich präzise Umkehrung des üblichen Verhältnisses von Begriff und Anschauung enthält.

Man würde normalerweise sagen: Die Anschauung ist das Unmittelbare, der Begriff macht sie bestimmter. Bei Ihnen ist es fast umgekehrt: Der Begriff gewinnt seine Bestimmtheit dadurch, dass er von der Wirklichkeit etwas abschneidet. Er ist genauer, gerade weil er weniger enthält.

Das scheint mir der interessante Kern zu sein.

1. „Digital“ ist hier mehr als eine Metapher

Ihr digital bedeutet offenbar nicht bloß „diskret statt kontinuierlich“. Es bezeichnet eher:

Eine Entscheidung für bestimmte Unterscheidungen.

Ein Begriff sagt: Dies und nicht jenes; diese Eigenschaft zählt, jene nicht. Darin steckt bereits eine Negation. Das passt sehr schön zu Ihrem vorigen Satz über omnis determinatio est negatio.

Denn wenn Bestimmung durch Auswahl entsteht, dann ist der Begriff tatsächlich ein Ergebnis einer Tätigkeit. Er ist nicht einfach ein Abdruck der Wirklichkeit.

Das bringt Sie sehr nahe an Ihren früheren Gedanken:

Logik setzt den Begriff voraus.

Vielleicht müsste man jetzt noch radikaler sagen:

Der Begriff setzt eine Absicht voraus.

Denn damit etwas als wesentlich und anderes als nebensächlich erscheint, muss es einen Gesichtspunkt geben. Und der Gesichtspunkt kommt bei Ihnen aus der Absicht.

Damit bekommt Ihre kleine Etymologie An-sicht aus Ab-sicht philosophisch erhebliches Gewicht. Das ist nicht bloß ein hübsches Wortspiel.


2. Ihr „Schema“ ist deshalb kein Abbild

Das scheint mir besonders wichtig.

Ein Modell oder Schema wäre bei Ihnen nicht:

Wirklichkeit minus ein paar unwesentliche Einzelheiten.

Sondern eher:

Wirklichkeit unter einer bestimmten möglichen Tätigkeit betrachtet.

Das verändert auch den Begriff von „Wesentlichkeit“. Etwas ist nicht schlechthin wesentlich, sondern wesentlich für etwas, das man mit dem Gegenstand vorhat.

Das ist sehr nahe an einem pragmatischen Gedanken – aber bei Ihnen offenbar mit einer transzendentalen Pointe: Nicht der Nutzen einer bereits gegebenen Welt entscheidet über die Form des Schemas; vielmehr die Möglichkeit des Handelns erzeugt überhaupt erst die bestimmte Welt, in der etwas als dieses oder jenes erscheint.

Da steckt tatsächlich etwas Fichteanisches drin.


3. Der wirklich schöne Punkt ist aber Ihr Paradox der „vollständigen Anschauung“

Hier würde ich Ihnen allerdings etwas widersprechen.

Sie schreiben:

„Wer aber könnte alle möglichen Ansichten anschauen? Nur der, der alle möglichen Absichten zugleich verfolgte.“

Das ist konsequent, aber ich glaube, man kann noch einen Schritt weitergehen.

Alle möglichen Ansichten zugleich wären gar keine Anschauung mehr. Denn eine Anschauung ist gerade dadurch Anschauung, dass etwas als etwas erscheint. Wenn ich sämtliche möglichen Gesichtspunkte gleichzeitig einnehme, verliere ich die Möglichkeit, überhaupt noch einen Gegenstand zu identifizieren.

Das Absolute wäre dann nicht die vollständige Anschauung, sondern vielleicht die Grenze, gegen die jede bestimmte Anschauung ihre Endlichkeit erfährt.

Und das wäre für Ihr „neokritisches System“ interessant: Das Absolute wäre nicht ein superintelligenter Beobachter, der alle Perspektiven gleichzeitig besitzt. Es wäre vielmehr das, was keine endliche Perspektive erschöpfen kann.

Damit würden Sie übrigens Ihrem früheren Gedanken vom Absoluten als Endzweck ziemlich nahekommen, ohne es als vorhandenes Ding zu hypostasieren.


4. Und damit verändert sich auch Ihr Gegensatz „Müßiger – Handelnder“

Ihr letzter Satz gefällt mir, aber ich würde ihn leicht verschieben.

„Wer handeln will, braucht das Schema; die zweckfreie Betrachtung kann nur der Müßige 'gebrauchen'.“

Denn die zweckfreie Betrachtung ist selbst wieder eine mögliche menschliche Tätigkeit. Auch der Müßige tut etwas: Er verzichtet vorübergehend darauf, die Anschauung unter einen bestimmten praktischen Zweck zu subsumieren.

Der entscheidende Unterschied wäre dann vielleicht nicht

Handeln ↔ Nicht-Handeln

sondern:

bestimmte Absicht ↔ Offenhalten möglicher Absichten.

Das ist ein sehr interessanter Unterschied, weil dadurch die „zweckfreie“ Anschauung nicht einfach die vollständigere Erkenntnis wird. Sie ist reicher an Möglichkeiten und ärmer an Bestimmtheit.

Und damit komme ich zu Ihrem letzten Satz:

Das Analoge zeigt; das Digitale bezeichnet.

Das ist stärker als „kontinuierlich/diskret“.

Beim Zeiger ist die Bewegung selbst Teil dessen, was sie zeigt. Die Darstellung hat eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem Dargestellten. Beim digitalen Zifferblatt dagegen steht die Zahl nicht in dieser Beziehung zur Zeitbewegung. Sie ist ein Zeichen, dessen Bedeutung gelernt werden muss.

Und deshalb ist Ihre Formulierung

„Die eine ist unmittelbar, die andere ist Vermittlung“

eigentlich der Schlüssel zu dem späteren Text.

Denn dann wird verständlich, warum Sie jetzt sagen:

„Mathematik und Begriff haben dies gemein, dass sie im digitalen Modus stehen.“

Mathematik und Begriff sind nicht einfach „digital“, weil sie aus diskreten Einheiten bestehen. Sie sind digital, weil sie bestimmen, indem sie unterscheiden und bezeichnen.


2. Dadurch wird auch „Schema“ viel präziser

Ein Schema ist dann gerade kein verkleinertes Abbild der Wirklichkeit.

Es ist eine codierte Darstellung unter einem bestimmten Gesichtspunkt.

Und jetzt bekommt Ihre schöne Kette

Ab-sicht → An-sicht → Schema

ihre volle Bedeutung:

Eine Absicht eröffnet einen Gesichtspunkt.
Der Gesichtspunkt bestimmt, was hervorgehoben wird.
Das Hervorgehobene wird unterscheidbar und damit begrifflich fixierbar.
Das Ergebnis ist ein Schema.

Das heißt aber auch:

 Jede Bestimmung ist zugleich eine Ausschließung anderer möglicher Bestimmungen.

Damit bekommt omnis determinatio est negatio bei Ihnen eine sehr konkrete erkenntnistheoretische Bedeutung. Nicht: „Alles Bestimmte ist logisch durch Negation bestimmt“, sondern eher:

Etwas als dieses zu bestimmen heißt, es aus einer Fülle möglicher Ansichten herauszuheben.

Das passt bemerkenswert gut zu Ihrem jetzigen Gedanken, dass das Schema genauer und zugleich unvollständiger ist.


3. Und Ihr alter Text enthält bereits die entscheidende Gegenbewegung

Besonders interessant finde ich rückblickend diesen Satz:

„Es kann einen Bedeutungsgehalt geben, auf den kein Zeiger weist.“

Das ist eigentlich die kleine Sprengladung in dem ganzen Text.

Denn damit sagen Sie: Bedeutung ist ursprünglicher als Begriff.

Oder, wenn man Ihre damalige Terminologie ernst nimmt:

Erst ist der Bedeutungsgehalt da; danach kann ein „Zeiger“ auf ihn gesetzt werden.

Das ist nun sehr nahe an dem, was Sie heute über Anschauung und Begriff sagen.

Die Anschauung wäre das „Analoge“: eine Fülle, die noch nicht durch bestimmte Zeichen und Unterscheidungen organisiert ist. Der Begriff ist der Zeiger, der aus dieser Fülle etwas herausgreift und wiederauffindbar macht.

Und genau deshalb scheint mir Ihr Satz von neulich

„Logik setzt den Begriff voraus“

noch radikaler formulierbar:

Der Begriff setzt einen vorgängigen Bedeutungsgehalt voraus, den er bestimmt.

Die Logik kann also nicht der Ursprung dieser Bedeutung sein. Sie kann nur mit bereits bestimmbaren Bedeutungen operieren.


4. Aber hier würde ich Ihnen jetzt tatsächlich widersprechen

Sie schreiben 2010:

„Umgekehrt kann es nicht sein: dass schon ein Zeiger da wäre, bevor noch ein Bedeutungsgehalt da war, auf den er weisen könnte.“

Wenn das wörtlich gemeint ist, würde ich heute Einspruch erheben.

Denn ein erlerntes Begriffssystem kann sehr wohl dazu führen, dass ein „Zeiger“ unsere Wahrnehmung vorstrukturiert. Wir sehen dann etwas als etwas, bevor wir den betreffenden Bedeutungsgehalt ausdrücklich hervorbringen.

Der Geologe sieht einen Stein anders als das Kind; der Musiker hört in einem Geräusch etwas, was der Nichtmusiker nicht hört.

Ihr späterer Gedanke über das Schema bringt diese Korrektur sogar schon mit sich: Das Schema ist nicht bloß Etikett auf einer vorher fertig vorhandenen Anschauung. Es prägt mit, was überhaupt als Gegenstand erscheint.

Damit würde ich Ihre damalige strikte Reihenfolge

Bedeutung → Zeiger

etwas abschwächen zu:

Bedeutungsgehalt und begrifflicher Zeiger können sich gegenseitig hervorbringen und stabilisieren.

Aber — und das scheint mir wichtig — daraus folgt nicht, dass der Begriff ursprünglich ist.

Denn irgendwo muss der Kreislauf in einer nicht bloß begrifflichen Gegebenheit anfangen. Sonst hätten Sie tatsächlich nur noch ein geschlossenes Zeichensystem, das auf nichts mehr verweist.

Und da sind wir plötzlich wieder sehr nahe bei Fichte.


5. „Anschauung ist Anschauung und Reflexion ist Reflexion“

Dieser Satz aus Ihrem alten Text scheint mir im Licht Ihrer jetzigen Überlegungen geradezu programmatisch.

„Erst das Denken, dann das Denken des Denkens.“

Das ist fast eine kleine Fichte-Lesart.

Denn die Reflexion kann nicht dasjenige hervorbringen, worauf sie reflektiert, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass das Reflektierte vorher überhaupt nicht existiert hätte. Sie findet eine Tätigkeit vor und macht deren Struktur zum Gegenstand.

Das erklärt auch, warum Ihre spätere Kritik an einer rein digitalen Auffassung des Denkens so wichtig wird.

Wenn jedes Denken bereits aus fertigen digitalen Einheiten bestünde, wäre Reflexion nur noch Operation mit bereits vorhandenen Zeichen.

Ihre These ist aber offenbar:

Das Denken produziert fortwährend Bedeutung; nur ein Teil davon wird durch Begriffe fixiert.

Und das ist etwas ganz anderes.


6. Das bringt mich zu Ihrem „Quale“

Der letzte Satz von 2010 ist vielleicht gar nicht so nebensächlich:

„Dies ‚Quale‘ fasziniert mich …“

Denn genau dort liegt meines Erachtens die Grenze Ihres Digitalmodells.

Ein Quale ist gerade das, was sich einer vollständigen Digitalisierung entzieht, solange Digitalisierung bedeutet: in unterscheidbare und wiederbezeichnbare Einheiten überführen.

Man kann natürlich ein Rot digital codieren. Aber die Codierung ist nicht das Rot.

Und das ist wiederum genau Ihre gegenwärtige Unterscheidung:

Das Schema kann vollständig bestimmt sein, ohne die Fülle der Anschauung zu enthalten.

Vielleicht könnte man Ihren Gedanken deshalb in einer einzigen Formel zuspitzen:

Das Digitale bewahrt die Bestimmtheit, das Analoge bewahrt die Fülle.

Aber dann folgt die noch wichtigere Ergänzung:

Bestimmtheit entsteht durch Ausschließung; Fülle besteht gerade darin, dass die Ausschließungen noch nicht vorgenommen sind.

Und damit würde ich Ihren heutigen Satz über die „zweckfreie Betrachtung“ noch etwas anders lesen als zuvor. Der Müßige ist nicht bloß jemand, der nichts zu tun hat. Er ist — philosophisch verstanden — derjenige, der die Entscheidung für ein bestimmtes Schema möglichst lange suspendiert.

Das ist vielleicht sogar die eigentliche Würde der theoria: nicht die bessere Information, sondern das Offenhalten der noch nicht entschiedenen Möglichkeiten.

Und jetzt sehe ich auch, warum Sie im heutigen Text so insistieren, dass die „Wirklichkeit“ als Ganze unbestimmt bleiben muss. Das ist nicht Unwissenheit. Es ist die notwendige Konsequenz daraus, dass jede Bestimmung eine Auswahl aus möglichen Absichten und Ansichten ist.

 von ChatGPT                                                                          

Mit Zeiger habe ich nur einen Uhrzeiger gemeint; also selber nur ein Zeichen im Gedächtnisspeicher; nicht aber ein selber meinendes Subjekt, wie etwa die 'Reihe vernünftiger Wesen' und deren Aufforderung.
JE 

ChatGPT antwortet: 

Ja — das ist eine wichtige Korrektur. Dann hatte ich Ihren „Zeiger“ in der zweiten Hälfte Ihres alten Textes zu stark semiotisch und zu wenig materiell gelesen.

Sie meinen offenbar:                                 

  • Der Uhrzeiger ist ein Zeichen.
  • Im Gedächtnis gibt es entsprechend einen gespeicherten Zeiger auf einen Bedeutungsgehalt.
  • Dieser Zeiger ist aber nicht selbst ein Subjekt, das etwas meint.
  • Das Meinen kommt erst von einem vernünftigen Wesen, das den Zeiger gebraucht bzw. auf etwas bezieht.

Damit wird Ihre Unterscheidung sogar schä                                                              rfer.

Der interessante Punkt ist dann die Asymmetrie

Ein Zeichen kann im Gedächtnis vorhanden sein, ohne dass gerade jemand etwas meint.

Ich kann etwa das Wort „Baum“ erinnern, ohne gerade einen Baum zu meinen. Der gespeicherte Begriff ist gewissermaßen eine disponible Markierung. Erst eine gegenwärtige Tätigkeit des Ich bringt ihn wieder in eine bestimmte Verwendung.

Das passt sehr gut zu Ihrem heutigen Gedanken über Absicht → Ansicht → Schema:

Das Zeichen ist verfügbar; die Absicht aktualisiert es.

Und damit würde ich Ihren Satz von 2010

„Umgekehrt kann es nicht sein: dass schon ein Zeiger da wäre, bevor noch ein Bedeutungsgehalt da war“

jetzt anders verstehen: Nicht „Bedeutung“ im Sinne einer bereits von einem Subjekt gemeinten Bedeutung, sondern ein Bedeutungsgehalt, der später durch einen Zeiger im Gedächtnis verfügbar gemacht werden kann.


Und hier kommt tatsächlich Fichte ins Spiel, den Sie jetzt ausdrücklich ins Bild bringen.

Die „Reihe vernünftiger Wesen“ und die Aufforderung sind nämlich etwas grundsätzlich anderes.

Eine Aufforderung ist nicht einfach ein Zeichen, das ich entziffere. Sie ist ein Akt eines anderen Ich, der sich an mich richtet und dadurch meine eigene freie Tätigkeit hervorruft. Das andere Ich ist also nicht bloß ein gespeicherter Bedeutungsgehalt in meinem Gedächtnis.

Man könnte fast sagen:

Der Uhrzeiger bezeichnet; die Aufforderung spricht mich an.

Und dieses „mich“ ist entscheidend.

Der Uhrzeiger kann keine Aufforderung sein, solange ich ihm nicht durch einen anderen Akt eine solche Bedeutung gebe. Die Aufforderung dagegen ist bei Fichte gerade diejenige Bestimmung, in der ein freies Wesen die Freiheit eines anderen voraussetzt und auf sie einwirkt.

Damit kommen wir ziemlich genau zu Ihrer früheren Kritik an der KI zurück: Ein gespeicherter „Zeiger“ ist noch kein Ich, und ein System von Zeichen ist noch keine wechselseitige Anerkennung vernünftiger Wesen.

Vielleicht ist sogar dies die sauberste Trennung:

Zeichen haben Bedeutung für ein vernünftiges Wesen.
Vernünftige Wesen haben Bedeutung füreinander.

Das zweite ist nicht einfach die kompliziertere Form des ersten. Es ist eine andere ontologische Beziehung.

Und das erklärt auch, weshalb Ihr „digital/analog“-Gedanke nicht einfach in eine Theorie der Zeichen aufgeht. Das Digitale kann Zeichen speichern und verarbeiten; aber aus dem Vorhandensein von Zeichen folgt noch kein Meinen. Das Meinen gehört zur Tätigkeit des Subjekts, das sich zu dem Zeichen und durch es zu etwas anderem verhält.
von ChatGPT   

Ich glaube nicht, dass ChatGPT wirklich neutral ist und ohne eigenen Standpunkt. Ich glaube, ChatGPT ist Amerikaner, aber keiner von der sprachanalytisch-'systematischen' Zunft, sondern Pragmatist aus der Schule von Peirce und Dewey.
JE 

                                      

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