Mittwoch, 8. April 2026

Logik und Mechanik, oder begreifen und verstehen.

 Tinguely, Éloge de la Folie                                      zu Philosophierungen
 
Verstehen kann ich ein Handeln: indem ich die Veränderung, die ich beobachte, auf einen vermuteten Zweck beziehe - und den Zweck dem Veränderer zurechne. Eine Maschine kann ich nur per Analogie verstehen: indem ich ihr die Absicht ihres Kon-strukteurs beimesse.

Anders als ein lebendes Subjekt, kann ich eine Maschine begreifen: indem ich die Veränderungen, die ich an ihr beobachte, einem Komplex von Ursachen und Wir-kungen zurechne. Per Analogie begreife ich ein Gedankengebäude, indem ich es in einen Komplex von Begriffen und Operationen zergliedere. Die Analogie von Lo-gik und Mechanik ist das offene Geheimnis des westlichen Denkens; alias der Ver-nunft.

Anders wäre die Vorstellung, menschliches Denken maschinell zu imitieren, gar nicht möglich geworden. Was die künstlich-intelligente Black Box getan haben muss, könnte ich daher begreifen - an dem, was sie mir liefert. Verstehen könnte ich es gar nicht wollen, denn dazu müsste ich ihr Zwecke und Absichten unterstellen, die sie gar nicht haben kann, weil sie nicht wie wir in der Welt ist. Doch kann ich ihr nicht dabei zuschauen, wie sie etwas tut - und kann es mir nicht einmal vorstellen.

Nachrechnen kann ich ihre Operationen nicht, weil ich gar nicht weiß, wie sie ver-fährt. Ich kann es nicht einmal, Schritt für Schritt rückwärtsgehend, analysieren: Ich weiß ja gar nicht, welcher ihr letzter Schritt gewesen ist, bevor sie mit ihr Ergebnis ausgespuckt hat. Und wenn ich es könnte, wäre das Verfahren so zeitraubend, dass ich auf ihren Einsatz achselzuckend verzichten müsste. Es ist wie in der experimen-tellen Wissenschaft: Ein Versuch, den ich nicht wiederholen  kann, beweist nichts.

Abstrakte Formen helfen überhaupt nicht: 'Ist das System hinreichen komplex, kann nur es selbst sich steuern.' Aber was heißt 'hinreichend komplex', genauer: Wer beurteilt das? Man möchte meinen, der Satz gilt überhaupt nur für unser Denken: Kein System ist komplexer als das menschliche Hirn, darum kann keine Maschine es steuern. Umgekehrt: Jede Maschine ist prinzipiell durch menschliche Gehirntätigkeit steuerbar. Hat der Satz noch praktischen Belang? Am äußersten Ende schon: 'Das schaffen wir nie' ist grundlos. So viel zum Ersten Satz.

Der Zweite Satz entwertet ganz den Dritten Satz: Um ein komplexes System voll-ständig zu beschreiben, muss ich es vollkommen verstehen. Das kann ich aber nur, wenn es dümmer ist als ich. Doch dann gibt es keinen Anlass, es 'durch Formali-sierung vereinfachen' zu wollen.

Durch Formalisierung kann man gar nichts vereinfachen, jedenfalls keinen opera-tiven Vorgang. Denn der besteht nicht aus der Abfolge einzelner Schritte. In der Schule lernten wir das Modell eines Otto-Motors kennen. Man konnte zusehen, wie er arbeitet - unter der Voraussetzung, dass man eine arbeitende Energie von außen hinzufügt: Man dreht an einer Kurbel, die gehörte zum Modell. Aber nicht die Kraft, die das Modell überhaupt erst zu einem Modell von Etwas macht.

Nun wäre aber die Kraft auch nur eine Formalie, würde sie nicht in eine Richtung eingesetzt. Und die kann nur eine Absicht sein: ein Wille. Der lässt sich aber schlechterdings nicht formalisieren - nicht in Begriffe zerlegen -, sondern nur an-schauen bei seiner Tätigkeit. Nur analog, nicht digital - und da schließt sich der Kreis: Digitalität ist kein Accessoire von Künstlicher Intelligenz, sondern ihr We-sen. Wenn man also das innere Funktionieren der Black Box doch einmal voll-ständig beschreiben könnte, würde man dennoch nichts an ihr verstehen - weil sie keine Zwecke hat, die sie selber verstehen müsste. Sie könnte uns sicher eine Liste drucken, aus der hervorgeht, wie sie's macht. Aber was sie macht, könnte sie uns nicht sagen, weil sie's nicht weiß.
Kommentar zu Wie und was, oder begreifen und verstehen JE, 22. Juli 2023

 


Dienstag, 7. April 2026

Was kann man verstehen?

                                                                 zu Philosophierungen

Eine Handlung verstehen heißt verstehen, was sie bedeutet. Sie bedeutet die Ab-sicht, der sie dient - mit Erfolg oder ohne. Stelle ich mir vor, ich hätte sie selber begangen, kann ich mir - mit ein wenig Einbildungskraft - vorstellen, was ich ge-wollt haben müsste. Die Voraussetzung: Der Handelnde ist ein Wollender wie ich. Er konnte frei wollen, und das kann ich so wie er.

Für mich ist die Handlung bestimmt durch den ihr zugrunde liegenden Willensakt. Den muss ich verstehen, das ist eine intellektive Leistung. Beurteilen, ob die Hand-lung in ihrer Wirkung den Willensinhalt getroffen oder verfehlt hat, ist demgegen-über eine mechanische Verrichtung, so, als ob ich einen Zollstock daranhielte; ich muss nur die Differenz messen.
 
Vorausgesetzt ist ein freier Wille, etwas anderes ist nicht verstehbar. Nicht nur kann es nicht verstanden werden, sondern muss auch nicht. Angenommen, ein Tier han-delt stets nur aus seinem genetisch angelegten Handlungsrepertoire, so muss es die Situationen, in denen sein neuronaler Apparat reagiert, nicht verstehen; es reagiert so wie so. Sogenannte* Spiegelneurone mögen ihm helfen, die gegebene Situation präziser wahrzunehmen. Doch nach welchem Sinn (=Absicht) könnten sie suchen? Wonach es nicht sucht, wird es nicht finden.
 
Bei den Tieren gibt es einen verstehbaren Willen nicht. Allerdings wird er uns Men-schen auch nicht über Nacht von den Bäumen auf den Kopf gefallen sein. Die Auf-richtung unserer Vorfahren auf zwei Beine, die Befreiung des Kopfes und der Hän-de mag vieles in Bewegung gesetzt haben. Doch eine gewisse neuronale Grundlage wird schon dagewesen sein. Dass sich in Affenhirnen mancherlei vorbereitet hat, ist zu vermuten. Aber sie sind auf den Bäumen geblieben und haben nichts daraus ge-macht.
 
Allerdings sind heutige Affen nicht unsere Vorfahren. Sie stehen unseren gemein-samen Ahnen zeitlich so fern wie wir. Was deren Großeltern mal konnten, mag inzwischen verkümmert sein, denn - sie haben nichts draus gemacht.
*) nach wie vor rein hypothetische 
23. 5. 19 
 
 
Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Die Mitte Europas.

 Tagesanzeiger                                                                     zu öffentliche Angelegenheiten

Deutschland liegt mitten in Europa – geografisch, historisch, mental. Wenn Sie auf dem Brocken stehen und dieselben Fragen nach Westen und nach Osten stellen, merken Sie, dass dieses Land die Mitte ist, durch die die Bruchlinien laufen. Denn man bekommt jeweils ganz andere Antworten. Deutschland muss es hinkriegen, wenn Europa zusammenbleiben soll...

Reiner Haseloff in welt.de, 6. 4. 2026

 

                

Resteverwertung.


Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Montag, 6. April 2026

Naturgesetz und Ideenlehre.

 Arcimboldo                            zu Philosophierungen

Die Idee von Naturgesetzen wirkt auf die Forschung eher vernebelnd als aufklä-rend. Ein Gesetz gilt immer und ohne Ansehen der Person. Andernfalls wäre es ein Privileg, das wiederum gilt nur für bestimmte Personen. In der Natur sieht es dage-gen so aus, dass jede Regel, die die Evolution einmal hervorgebracht hat, den Orga-nimus anregt, nach Wegen zu suchen, wie er sie umgehen kann. Hat er diese glück-lich herausgefunden, sind die Auswege selber zu Regeln geworden - die, wie unsere Schulweisheit lehrt, durch allerlei Ausnahmen immer wieder nur bestätigt werden.
8. 2. 21 

Die Idee von Naturgesetzen ist nicht aus naturkundlicher Forschung entstanden, sondern aus metaphysischer Spekulation. Sie stammt von Galileo Galilei, er ver-stand, dass aus bloßem Zusehen keine Einsicht erwächst, sondern dass mathema-tische Konstruktion den Wag zu Forschungshypothesen öffnen müsse. Ausdrück-lich berief er sich auf Platos Hochschätzung der Mathematik, und deutete dessen Ideen-Lehre zur Vorstellung von ewigen Naturgesetzen um - darstellbar in mathe-matischen Formeln.

 

Sonntag, 5. April 2026

Abschied von der Kausalität?

Eine abstrakte künstlerische Darstellung von Uhrwerken und Zahnrädern in verschiedenen Größen, die sich überlappen und in einem dunklen Hintergrund schweben. Die Komposition ist in leuchtenden Farben wie Blau, Lila und Gelb gehalten, die einen dynamischen und fließenden Eindruck erzeugen. Die Anordnung der Elemente vermittelt ein Gefühl von Bewegung und Zeitfluss. 
aus spektrum.de, 2. 4. 2026                                        Nicht nur einzelne Zustände können sich in der Quantenwelt überlagern, sondern sogar verschiedene zeitliche Abfolgen von Ereignissen.                                                      zu Jochen Ebmeiers Realien   

Quantenkausalität:
Experiment überlagert Ursache und Wirkung
Bei ausgeklügelten Versuchen im Quantenlabor verschwimmt die kausale Ordnung - es lässt sich nicht mehr sagen, welches Ereignis welchem vorausgegangen ist. Neue Ver-suche sollen letzte Schlupflöcher für klasische Vorstellungen schließen.

Im Alltag erkennen wir Ursache und Wirkung sofort. Wenn die linke Billardkugel die rechte anstößt, setzt – selbstverständlich! – die linke die rechte in Bewegung. Die Vergangenheit beeinflusst die Zukunft. Auf Quantenebene ist das mitunter nicht mehr eindeutig so. Ob Ereignis A vor Ereignis B stattgefunden hat oder ob nun doch B vor A kam, lässt sich manchmal nicht beantworten. Nicht, weil man es aus praktischen Gründen nicht wüsste, sondern weil sich beide Abläufe quanten-mechanisch überlagern – und man es deswegen aus fundamentalen Gründen gar nicht wissen kann. Ursache und Wirkung vermischen sich. Solche Effekte zwingen uns, grundlegende Vorstellungen zur Kausalität und zum Wesen der Zeit zu hin-terfragen.

Dass in der Quantenphysik solch eine »unbestimmte kausale Ordnung« denkbar und vielleicht sogar real ist, hat sich seit den 2000er-Jahren herausgestellt, im Lauf theoretischer Überlegungen und bei praktischen Versuchen. Allerdings fanden sich bisher stets Schlupflöcher. Kein Laboraufbau ist perfekt: Unzulänglichkeiten der jeweiligen Messkonzepte lassen alternative Erklärungen zu. Sie retten unsere klassische Vorstellung von Kausalität.

Ein Team von der Universität Wien hat ein neues experimentelles Konzept vorgestellt und überprüft, mit dem sich solche Schlupflöcher in Zukunft leichter schließen lassen sollen. Denn laut Carla Richter, Michael Antesberger und ihren Kollegen von der Fakultät für Physik hingen die Nachweise bisher zumindest teilweise davon ab, welche Geräte dafür verwendet wurden. Das bedeutet, daraus lässt sich nur schwer verallgemeinern: Ist die Kausalität immer verletzt – oder bloß unter diesen speziellen Bedingungen? Gelänge so ein Beweis vollständig geräteunabhängig, schreiben die Fachleute weiter, »würde das implizieren, dass die Natur Korrelationen zulässt, welche die Kausalität nicht beachten, unabhängig von experimentellen Annahmen oder der zugrunde liegenden theoretischen Beschreibung des Experiments«.

 

 

Die Messungen des Teams scheinen einen ersten solchen Beleg zu liefern. Mithilfe ihres geräteunabhängigen Protokolls stellte die Forschungsgruppe fest, dass die kausale Ordnung beim Versuch tatsächlich unbestimmt ist.

Dabei konnte ein Lichtteilchen entlang zweier möglicher Pfade laufen. Auf jedem davon befanden sich zwei Bauteile, welche eine bestimmte Eigenschaft (die Polarisation) des Photons veränderten – und zwar je nach eingeschlagenem Pfad in unterschiedlicher Abfolge. Mit den Regeln der Quantenmechanik ließen sich beide Pfade überlagern, das Lichtteilchen bewegte sich also gewissermaßen entlang beider Wege gleichzeitig. Dabei überlagerte sich auch die Reihenfolge der Operationen. Das ließ sich anhand eines zweiten Lichtteilchens nachweisen. Es lief auf einem anderen Weg und war mit der Polarisation des ersten Lichtteilchens verschränkt, das heißt quantenmechanisch verknüpft.

Nach zahlreichen Messungen war aus statistischer Sicht klar: Die kausale Ordnung ist stärker verletzt, als es jede klassische Erklärung zuließe. Ursache und Wirkung überlagern sich tatsächlich. Doch wie das Team einräumt, bleiben zahlreiche Schlupflöcher offen. Zunächst ging es ihm lediglich darum, das Messprinzip erfolgreich zu demonstrieren.

Auswege aus der Unentscheidbarkeit

Ein Schlupfloch betrifft beispielsweise die Unabhängigkeit der Messungen. Die Wahl der Einstellungen könnte auf unerkannte Weise die Ergebnisse beeinflussen und muss daher frei oder zufällig sein – hier war sie noch vom Code fest vorgegeben. Auch in der Auswahl der gemessenen Photonen könnte eine Unzulänglichkeit stecken. Lediglich knapp ein Prozent der eingesetzten Lichtteilchen wurden am Ende detektiert, und eventuell hätten gerade diejenigen, die verloren gegangen sind, die Kausalität auf irgendeine Weise wieder hergestellt.

Zusätzlich gilt es, das Schlupfloch der sogenannten Lokalität zu schließen. Dazu muss man verhindern, dass sich zwei Messungen gegenseitig beeinflussen können. Das klappt aber nur, wenn sie so weit voneinander entfernt stattfinden, dass kein Signal schnell genug vom einen zum anderen Apparaturteil laufen kann. Doch Informationen breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus, und der Versuchsaufbau umfasste lediglich einen Labortisch mit kaum einem Meter Abstand zwischen den entscheidenden Komponenten.

Das sind bloß ein paar mögliche Schlupflöcher. Diverse weitere müssen erst noch geschlossen werden, und Kritiker werden zusätzliche finden. Erst dann steht zweifelsfrei fest, dass die Quantenmechanik mit unseren klassischen Vorstellungen von Kausalität bricht.

Konsequenzen für Raumzeit und Quantencomputer

Die Situation erinnert an andere eingehende Überprüfungen, denen sich die Quantenmechanik etwa ein halbes Jahrhundert lang unterziehen musste. Seit den 1970er-Jahren haben zahlreiche Experimente dabei geholfen, eine fundamentale Eigenart der Quantenphysik unter die Lupe zu nehmen: die Verschränkung. Im Rahmen sogenannter Bell-Tests wollten Physiker herausfinden, ob die Verschränkung tatsächlich zwei Teilchen auf eine Weise verknüpft, die klassischen Vorstellungen widerspricht. Es dauerte bis ins 21. Jahrhundert, die letzten Schlupflöcher zu schließen. Für den wasserdichten Nachweis gab es dann im Jahr 2022 den Nobelpreis.

Sollte unbestimmte Kausalität sich wirklich als eine weitere Konsequenz der Quantengesetze herausstellen, böte das neue Einsichten, zum Beispiel in das Zusammenspiel von Quantenmechanik und Relativitätstheorie. Denn dann hätten auch Gravitationsquellen Einfluss auf die Überlagerung von Ursache und Wirkung, wie ein Team um den Wiener Physiker Časlav Brukner bereits im Jahr 2019 herausgefunden hat. Gemeinsam mit seinem Kollegen Philip Walther, der auch an der jüngsten Arbeit beteiligt war, hat Brukner in einem Artikel für »Spektrum« seinerzeit erläutert, wie die »nichtkausale Quanteninformationsverarbeitung« sogar zu leistungsfähigeren Quantencomputern führen könnte.

Die Verschränkung wurde bereits genutzt, bevor die letzten Zweifel an ihrem außergewöhnlichen Charakter ausgeräumt waren. Doch das Ausloten möglicher Schlupflöcher hat Quantentechnologien und theoretische Einsichten zusätzlich beflügelt. Die Quantenkausalität mithilfe der neuen experimentellen Methoden auf Herz und Nieren zu prüfen, verspricht nicht weniger faszinierende Erkenntnisse. 

 

Nota. - Die Vorstellung von Ursache und Wirkung hat ihren eignen lebensprak-tischen Grund, und keinen physikalisch-wissenschaftlichen. Zu einem wissenschaft-lichen Problem ist die Kausalität erst durch die Philosophie geworden; zunächst durch den Skeptiker David Hume, der sie als eine pragmatische Fiktion erkannte, und vollends durch die Kritische alias Transzendentalphilosophie von Kant. Sie ist legitimiert durch ihre Brauchbarkeit im Alltag - und die wird auch durch die Quan-tenphysik nicht in Frage gestellt. 

Ein Begriff der physikalischen Wissenschaft ist sie nie gewesen, und die Quanten-lehre erklärt, weshalb sie es nie wurde. 

Merke: Wirklich ist nicht, was ein Forscher in seinem kunstvollen Labor beobachtet, sondern das, was ein Mensch im Austausch mit seiner Welt erlebt. 
JE 

 

 

Samstag, 4. April 2026

Aufmerken, wahrnehmen und erinnern.

Eine fantasievolle Illustration zeigt eine märchenhafte Waldszene mit übergroßen Pilzen und einer großen Schnecke. Eine kleine, menschliche Figur steht unter einem der Pilze, während eine andere Figur mit Schmetterlingsflügeln auf der Schnecke sitzt. Ein gepflasterter Weg führt durch das grüne Gras zu den Pilzen. Die Szene ist von üppigem Laub umgeben und vermittelt eine mystische, naturverbundene Atmosphäre. 
aus spektrum.de, 02.04.2026                                                             zu Jochen Ebmeiers Realien   

Merkwürdige Vorgänge bleiben oft unbemerkt
Ein unerklärliches Ereignis fällt in der Regel nicht auf, sofern die Aufmerksamkeit auf etwas anderem liegt – selbst dann nicht, wenn es sich unmittelbar vor unseren Augen abspielt.

Laufen die Menschen halb blind durch die Welt? Ein Experiment von französischen Psychologen legt das nahe. Wie sie in der Fachzeitschrift »Psychonomic Bulletin & Review« schreiben, fiel den meisten ihrer Versuchspersonen ein eigentlich höchst unlogisches Geschehen nicht weiter auf. Und daran änderte sich selbst dann nur wenig, wenn sie mit der Nase darauf gestoßen wurden, berichten Cyril Thomas und André Didierjean von der Université Marie et Louis Pasteur in Besançon.

Die Psychologen hatten 88 Studierende zunächst an einem Tisch eine Denkaufgabe lösen lassen. Anschließend sollten sie ihre Matrikelnummer und eine vierstellige Geheimzahl auf ein Blatt Papier schreiben. Die Geheimzahl diente vermeintlich dazu, die Daten später derselben Person zuzuordnen und dabei die Anonymität zu wahren. Was die Versuchspersonen nicht wussten: Das Klemmbrett unter dem Papier übertrug die Zahlen an den Versuchsleiter, der an einem zweiten Tisch saß und von dort die Zahlen nicht hätte sehen können.

Während das Papier weiter auf dem ersten Tisch lag, gingen die Probanden zum zweiten, um dort noch einen Test zu absolvieren. Scheinbar zum Datenabgleich las der Versuchsleiter danach ihre Matrikelnummer und die Geheimzahl von einem Zettel ab – was eigentlich unmöglich erscheinen musste, da das Papier weiter auf dem ersten Tisch lag. Im Anschluss sollten die Versuchspersonen sagen, ob ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen war, wo sich ihr Zettel befinde und wie der Versuchsleiter wohl an die Geheimzahl gekommen war. Die Hälfte erhielt noch den zusätzlichen Hinweis, dass das Experiment einen Zaubertrick enthielt.

Dennoch war der großen Mehrheit nichts aufgefallen. Ohne den Hinweis bemerkten 93 Prozent der Teilnehmenden nichts von der unlogischen Ereigniskette, aber auch mit Hinweis begriffen rund 80 Prozent nicht, dass es bei dem erwähnten Zaubertrick um ihre Geheimzahl ging. Die meisten erinnerten sich dabei chronologisch korrekt an den Ablauf der Ereignisse – und übersahen trotzdem, dass der Versuchsleiter ihre Geheimzahl nicht hätte kennen dürfen. Lediglich eine Minderheit erinnerte sich falsch, etwa dass der Versuchsleiter den Zettel geholt habe oder sie ihm die Nummer selbst mitgeteilt hätten.

Aufmerksamkeit ist begrenzt

Die Autoren erklären ihre Befunde mit begrenzter Aufmerksamkeit, in Anlehnung an das Phänomen der »Unaufmerksamkeitsblindheit«, bekannt aus dem Gorilla-Experiment von 1999: Darin bekamen die Probanden einen Kurzfilm über ein Basketballspiel vorgespielt und sollten dabei die Pässe des in Weiß gekleideten Teams zählen – und viele merkten so nicht, dass eine Person in einem Gorilla-Kostüm übers Feld lief und sich dabei sogar auf die Brust trommelte. So auch beim vorliegenden Experiment: Die Teilnehmenden hätten sich auf ihre Aufgabe konzentriert und deshalb logische Brüche in der Ereigniskette übersehen, erklären Thomas und Didierjean. Dazu beigetragen habe auch, dass der Versuchsleiter zunächst eine legitime Information (die Matrikelnummer) und erst danach die Geheimzahl vorlas.

Die Studie ist nur eingeschränkt aussagekräftig, weil die Laborsituation künstlich war: Der Anspruch, das Geschehen zu verstehen, ist hier womöglich geringer als in einer Alltagsumgebung. Die Autoren glauben dennoch daraus schließen zu können, dass logische Unstimmigkeiten oft gar nicht erst bemerkt werden. Und wenn sie doch auffielen, werde die Erinnerung daran im Nachhinein passend gemacht – wie in anderen klassischen Experimenten dokumentiert: Darin belegt die Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus, dass Menschen Ereignisse im Nachhinein aktiv umdeuten, wodurch falsche Erinnerungen entstehen können.

 

Nota. - Auch der Mensch hat Reflexe. Aber nicht nur: Er kann z. B. seine Aufmerk-samkeit richten und verhindern, dass ihn störende Reize ablenken. Beim Tier gibt die Physis den Ausschlag, welcher Reiz dominiert und welche Reize in den Hinter-grund treten. 

Der Mensch kann wählen, und nur so hat der Ausdruck aufmerken einen Sinn. Dies ist die Grundlage allen Streits über den freien Willen: Er entscheidet selbst, was des Merkens würdig ist und was nicht; und dabei kann er sich irren oder Recht behal-ten. 
JE 

Logik und Mechanik, oder begreifen und verstehen.

  Tinguely, Éloge de la Folie                                      zu Philosophierungen   Verstehen kann ich ein Handeln: indem ich die V...