Freitag, 14. August 2026

Was die Welt im Innersten zusammenhält.

Kollision von Teilchen im Beschleuniger
aus spektrum.de, 13. 8. 2026                                                                                 zu Jochen Ebmeiers Realien 

Protonenrätsel gelöst?
CERN-Daten stellen Bild des Protons auf den Kopf
Prägen Quarks oder Gluonen die Eigenschaften von Protonen? Neueste Ergebnisse scheinen auf Letzteres zu deuten – und zeichnen damit ein neues Bild von Protonen.

Donnerstag, 13. August 2026

Die größte Schulreform aller Zeiten.

2 Porträtfotos vor Foto in Klassenzimmer 
aus derStandard.at, 13. 8. 2026                        zu Levana, oder Erziehlehre; zu öffentliche Angelegenheiten 

Die größte Schulreform aller Zeiten
Im Wien der 1920er-Jahre erzeugte der Schulpolitiker Otto Glöckel gemeinsam mit dem Psychologen Alfred Adler und anderen Bildungsinnovatoren einen einzigartigen Gründerboom

von Michael Fembek

Wien bot um 1921 ideale Rahmenbedingungen für umfassende Schulreformen: Die Sozialdemokraten hatten Bildung zu einem ihrer Kernthemen gemacht, und sie regierten alleine im neuen Bundesland.

Die Herausforderungen nach 1918 waren riesig: Das Schulwesen war ausgehöhlt, Gebäude zweckentfremdet, Unterrichtsmaterialien uralt oder verschwunden. Kinder waren von Hunger, Wohnungsnot, Tuberkulose (aber auch Rotlauf, Diphtherie und Spanischer Grippe) und schlimmen hygienischen Verhältnissen überdurchschnittlich betroffen. Hunderttausende Kinder und Jugendliche mussten arbeiten, waren Waisen oder konnten nicht von ihren Eltern aufgezogen werden.

Die Nachkriegsmisere unterstützte die Wiener Schulreformer kurioserweise auch, weil ja Schulgebäude und die meisten Lehrer aus der Zeit vor 1914 da waren, aber nur halb so viele Kinder. Die Stadt Wien kürzte die Vorkriegs-Budgets nicht und investierte damit ab 1922 ein Mehrfaches der anderen Bundesländer in Bildung: Für 1927 sind 492 Schilling pro Kind dokumentiert, gegenüber 194 in Niederösterreich und 79 im Schlusslicht Burgenland. In Wien waren die Schülerzahl mit 30 pro Klasse limitiert (auf dem Land gab es hingegen auch Klassen mit 80 Kindern). Schulbücher waren gratis, ein eigener Verlag - Jugend & Volk - wurde dafür gegründet. Es gab kostenlose Untersuchungen durch praktische Ärzte, Augen- und Zahnärzte     

Otto Glöckel hatte bis 1920 als De-Facto-Unterrichtsminister eine umfassende, aber nur provisorische Volksschulreform für ganz Österreich eingeführt (per Erlass, siehe letzter Blog), die er nun in Wien ausgestalten konnte. Auch der Zugang von Mädchen zu allen Schulformen und von Frauen zum Lehramt (Aufhebung des Lehrerinnen-Zölibates) und zu allen Studienrichtungen war 1919 auf Bundesebene ermöglicht worden.

Am 22. Oktober 1920 schied Glöckel wie alle anderen Sozialdemokraten aus der Staatsregierung aus. Noch am selben Tag legte Gemeinderätin Amalie Seidel ihr Mandat im Wiener Bezirksschulrat nieder, um diesen Platz für ihn frei zu machen (Arbeiter-Zeitung, 23. Oktober 1920). Und nur vier Tage später wurde er als dessen neuer Leiter gewählt (formal erster Vorsitzenderstellvertreter, denn Vorsitzender war der Bürgermeister). Hier löste er seinen langjährigen Freund und Weggefährten Paul Speiser ab (Seidel und Speiser hatten mehrere Rollen in der Wiener Stadtpolitik und gaben nur jeweils eine davon auf).

Was nach Versorgungsposten für einen Ex-Minister klang, stellte sich bald als das Gegenteil heraus: Das neue Bundesland fusioniert Bezirks- und Landesschulrat zum Stadtschulrat und schuf damit eine mächtige Behörde, die nicht dem (christlichsozialen) Unterrichtsminister unterstand, sondern dem (sozialdemokratischen) Wiener Bürgermeister. Nach einer monatelangen Kontroverse um das Entsendungsrecht von Religionsgemeinschaften (siehe letzter Blog) fand dessen konstituierende Versammlung im Februar 1922 statt.

Foto des Palais Epstein
Zu einem kuriosen Kompetenzstreit kam es im Sommer 1922, als die Stadt Wien das prominente Palais Epstein neben dem Parlament für den Sitz des neuen Stadtschulrates anforderte und damit den Verwaltungsgerichtshof de facto delogierte, der dort residierte (der Palais-Errichter, Bankier Gustav von Epstein, hatte Vermögen und Gebäude bereits nach dem Börsenkrach von 1873 verloren). Der VwGH wehrte sich monatelang gegen die Aussiedelung, musste aber dann doch in ein Gebäude des Verkehrsministeriums, Ecke Schillerplatz/Nibelungengasse, weichen. Neben dem personell stark besetzten Stadtschulrat kam hier auch das neue Pädagogische Institut der Stadt Wien und die Lehrmittelzentrale unter. Das Palais Epstein blieb bis 2001 dessen Sitz. 
Von Versuchsschulen, Versuchs- und Besuchsklassen

Schon in der ersten Stadtschulrat-Sitzung startete Otto Glöckel mit seinem Reformprogramm durch, und setzte einen Reformausschuss für die Allgemeine Mittelschule ein. Ab September 1922 wurde sie an sechs Bürgerschulen erprobt (Olechowski, Seite 599). Dieses Schulmodell hätte als Einheitsschule alle 11- bis 14jährigen umfasst, unterteilt in Leistungsgruppen, um auch Kindern aus bildungsfernen Arbeiterfamilien mehr Chancen auf Bildung zu geben (was bekanntlich bis heute nicht verwirklicht ist).

Glöckel setzte auf Pilotprojekte, um damit Erfahrungen zu sammeln, zu dokumentieren und Erfolge herzuzeigen, und auf möglichst viele Baustellen gleichzeitig. Herausragend dabei:

  • Versuchsklassen (für Volksschulen gab es 156 in Wien, die die neuen Lehrpläne umsetzten),
  • Versuchsschulen (wie die Allgemeine Mittelschule),
  • Besuchsklassen, die Hospitanten aus dem In- und Ausland anzogen.

Eine besondere Stellung erhielt die Knabenschule Staudingergasse (Staudingergasse 6, Wien 20), in der Lehrkräfte mit individualpsychologischer Ausbildung 1924 Versuchsklassen starteten, unterstützt und genau beobachtet vom Stadtschulrat: Oskar Spiel, Franz Scharmer und Ferdinand Birnbaum konnten diese dann 1931 in eine erste Individualpsychologische Versuchsschule umwandeln. Im Mittelpunkt des Modells stand das Gemeinschaftsgefühl, gelebt in fünf verschiedenen Formen: Aussprachegemeinschaft, Verwaltungsgemeinschaft, Arbeitsgemeinschaft, Erlebnisgemeinschaft und Hilfeleistungsgemeinschaft (Quelle: Wittenberg: Geschichte der Individualpsychologischen Versuchsschule).

Buchcover
Die Publikationen der Schulgründer Oskar Spiel und Ferdinand Birnbaum, aber auch Dutzender anderer Bildungspioniere wie Viktor Fadrus oder Hans Fischl fanden damals wie auch nach 1945 große Beachtung und wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Sie pägten auch den Neustart der Schule in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg mit.

Die Mehrheit der Eltern und Schüler unterstützten die vielen revolutionären Änderungen in der Schulorganisation wie Elternvereine, Schülerbeschreibungsbögen statt reiner Notenbeurteilung, oder Sitzungen von Klassengemeinschaften, die von einzelnen Schülerinnen oder Schülern geleitet wurden, die dort ihre aktuellen Probleme thematisieren konnten. Die Lehrerschaft war hingegen gespalten:

In den Volks- und Hauptschulen unterstützten die Lehrer die Reform durchwegs mit Hingabe, oft mit Begeisterung. In den Mittelschulen (Gymnasien und Realgymnasien) mussten die Anhänger der Schulreform um jeden Zentimeter Boden kämpfen. Carl Furtmüller, zitiert in. Achs: Carl und Aline Furtmüller, Seite 96

Das lag auch daran, dass Volksschullehrer in Wien nun Gehälter bezogen, von denen man leben konnte - ein Riesenunterschied zur Zeit der Unterlehrer bis 1918. Gleichzeitig behielten alle, auch die reformkritischen Mittelschullehrer, ihren Job und verstellten damit engagierten Junglehrern mit den neuen Ausbildungen den Eintritt ins Schulsystem (die Schönbrunner Erzieherinnenschule der Kinderfreunde wurde unter anderem deswegen bereits 1923 wieder geschlossen). Erst 1927 wurden die ersten Absolventen des Pädagogischen Institutes fertig und erhielten bevorzugt die begehrten Lehrerposten an den neu geschaffenen Gymnasien - sie waren aber dann 1945 da, als man das Schulsystem der Zeit bis 1934 anschließen wollte.

Breiter Ripple-Effekt

Die historische Wiener Schulreform führte zu einem echten Systemwandel, weil Otto Glöckel mit seiner Energie tausende andere mitnahm, die sich an die Umsetzung ihrer eigener Visionen machten (heute auch Ripple-Effekt genannt).

Zur Lehrerausbildung und wissenschaftlichen Begleitung der Reformen holte Glöckel das Ehepaar Charlotte und Karl Bühler von Berlin nach Wien, die das Pädagogische Institut der Stadt Wien mitgründeten, einen "akademischen Joint-Venture" zwischen Stadt und Universität Wien. An der Schnittstelle mit der Sozialpolitik der Stadt Wien wurde 1925 die Kinderübernahmestelle eröffnet, ein Herzeigeprojekt von Sozialstadtrat Julius Tandler, wo ebenfalls Charlotte Bühler zur wichtigsten Entscheidungsträgerin wurde (Lustkandlgasse 50 in Wien 9).

Zwei Porträtfotos
Die "Kinderübernahmestelle" ermöglichte Müttern aus benachteiligten Verhältnissen, die ihre Kinder nicht aufziehen konnten, eine geordnete Übergabe. Die Entscheidungen, was mit dem Kind dann passierte (Heim, Pflegeeltern oder Rückgabe), traf Charlotte Bühler (links), die daraus bahnbrechende Studien über die Kinderpsyche sowie Erfolg und Misserfolg von pädagogischen Maßnahmen erstellte. Mehrjährige Mitarbeiterin war vor Ort Hildegard Hetzer (re.), die später an der Eingliederung der Kinderübernahmestelle in die Nazi-Ermordungssysteme für Kinder mit intellektuellen oder psychischen Beeinträchtigungen nach 1938 mitarbeitete.
  • Für sozial benachteiligte (damals verwahrlost genannte) Kinder gab es etliche Unterstützungsprojekte, die von der Stadt Wien gefördert und wissenschaftlich begleitet wurden, wie das Kinderheim Baumgarten in Wien 13 für 300 jüdische Kinder, organisiert vom Freud-Schüler Siegfried Bernfeld.
  • Ein weiterer Psychoanalytiker, August Aichhorn, führte ab 1918 die Fürsorgeanstalt für verwahrloste Jugendliche in Hollabrunn (bis 1928: Oberhollabrunn) im Auftrag der Stadt Wien. Auch daraus entstanden eine große Zahl von Studien
Ansicht des Gebäudes heute
 Den Montessori-Pionierinnen Lili Roubiczek-Peller und Emma Plank-Spira genehmigte das Jugendamt der Stadt Wien 1927 die Errichtung des "Haus des Kindes" im Park des zentral gelegenen Rudolfsplatzes, bestehend aus Kindergarten und Schule (heute: Städtischer Kindergarten).

Die Achse Adler-Furtmüller-Glöckel

Die zentralen Personen für die Ausgestaltung der Schulreformen waren aber Carl Furtmüller und Alfred Adler, und indirekt auch ihre Ehefrauen. Carl Furtmüller (1880 bis 1951) hatte Germanistik und Philosophie mit Lehramtsabschluss studiert. Schon in jungen Jahren überzeugter Sozialdemokrat und Bildungsreformer, war er an der Gründung des Volksheims durch Ludo Hartmann und Emil Reich in Ottakring (1901) federführend beteiligt, der erste Volkshochschule Wiens (Ochs, Carl und Aline Furtmüller, s44).

Das Volksheim-Gebäude in der Koppstraße (heute Ludo Hartmann-Platz) war dann der erste Sitz der Freie Schule-Bewegung, die Otto Glöckel bereits 1905 mitgegründet hatte. Furtmüller nahm 1904 eine Stelle als Gymnasiallehrer in Kaaden (heute: Kadaň) in Nordböhmen an und gründete dort eine lokale Sektion der Freien Schule. 1919 holte ihn umgekehrt Glöckel zunächst als Fachexperten ins Unterrichtsministerium und machte ihn 1922 als Landesschulinspektor für die Mittelschulreformen in Wien verantwortlich.

Zeitungausschnitt mit Titelzeile
 Die Verbindung zwischen Carl Furtmüller und Alfred Adler war über deren Ehefrauen entstanden, die eine russische-revolutionäre Herkunft verband: Aline Furtmüller (1881 bis 1951) war die Tochter des 1880 aus Rußland nach Wien ausgewanderten Sowjetrevolutionärs Samuel Klatschko. Sie wuchs in Wien auf, beeindruckt von der Emigrantenszene rund um ihren Vater, studierte Romanische Sprachen an der Universität Wien und unterrichtete ab 1920 an der berühmten Schule der Eugenie Schwarzwald (siehe späterer Blog). 1919 wurde Aline Furtmüller in den Wiener Gemeinderat gewählt und profilierte sich als Aktivistin für Frauen-, Friedens- und Bildungsthemen. Ihre Freundin Raissa Epstein *(1872 bis 1962), genauso überzeugte Kommunistin und Frauenrechtlerin, hatte 1907 Alfred Adler in Smolensk geheiratet, und mit ihm vier gemeinsame Kinder (Achs s29; Zeitungsausschnitt). Adler selbst hatte nur kurze Phasen, in denen er mit dem Kommunismus sympathisierte, spätestens mit seinen Erfolgen in den USA ab 1925 aber nicht mehr.

Furtmüller war mit Alfred Adler (1870 bis 1937) befreundet. Der junge Alfred Adler war einer der Mitstreiter von Sigmund Freud und 1902 ein Mitgründer der Mittwochsrunde, aus der die weltumspannende Internationale Psychoanalytische Vereinigung entstand. 1909 trat auch Furtmüller auf Einladung von Adler in diesen elitären Kreis und ihren wöchentlichen Treffen ein, was sofort zu Spannungen mit Freud führte.

Von Anfang an war Furtmüller ein freimütiger Teilnehmer, der imstande war, sich verständlich auszudrücken, und der versuchte, eine marxistische Perspektive in die breit gefächerten Diskussionen über emotionale Probleme von Kindern und Erwachsenen in der Mittwoch-Gesellschaft einzubringen. Zitiert aus einem der Protokolle der Mittwochrunde (Achs: Furtmüller, Seite 121)

Freud wollte von den sozialpolitischen Forderungen, die Adler und Furtmüller an die Erkenntnisse der Psychoanalyse knüpften, nichts wissen. Das war auch eine der Ursachen für den schmerzhaften Bruch zwischen Freud und Adler im Jahr 1912.

Abbildung der Titelseite der ersten Ausgabe
Nach dem Auszug aus der Psychoanalyse-Welt des Sigmund Freud gründete Alfred Adler mit Unterstützung von Carl Furtmüller den "Verein für Individualpsychologie", Adler wurde Obmann und Furtmüller sein Stellvertreter. Auch für deren vielbeachtete Zeitschrift fungierten Adler und Furtmüller von Beginn weg gemeinsam als Herausgeber.
gemeinfrei

Charakter und Hilfe statt Gehorsam und Strafe

Individualpsychologie und Wiener Schulreformen, das war wechselseitige Faszination von Anfang an. Für die reformwilligen Lehrer füllten Adlers Thesen ein Vakuum, dass das Verdrängen der katholischen Kirche als oberste Schulautorität hinterlassen hatte. Die simplen katholischen Prinzipien von Gehorsam und Strafe waren für die neuen Bildungsziele ungeeignet, und für die Unterstützung der hunderttausenden unterprivilegierten Kinder immer ungeeignet gewesen. Adlers Lehren vom Charakter des Menschen, von Minderwertigkeitskomplex und Kompensation, die durch frühkindliche Erfahrungen entstehen (Organminderwertigkeiten war einer seiner frühen Begriffe dafür), von der systematischen Diskriminierung von Mädchen - das waren die Anleitungen, die dringend gebraucht wurden und auch Möglichkeiten der Korrektur und Hilfe boten (Hoffman: Drive for Self, Seite 135).

Die Individualpsychologen, auch Adler selbst, gingen laufend in die Schulen zu den Klassenbesprechungen und Sitzungen von Elternvereinen. Und sie gründeten vor allem 28 Erziehungsberatungsstellen, in denen sie ehrenamtlich analysierten und berieten. Diese Beratungsstellen wurden rasch an existierenden Sozialeinrichtungen aller Art eingerichtet, wo Eltern während der Sprechstunden vorbeikommen konnten, und die sich enormer Beliebtheit erfreuten.

Die erste Erziehungsberatungsstelle wurde von den Mitgliedern einer Wiener Freimaurer-Loge eingerichtet: Viktor Hammerschlag und Karl Friedjung, letzterer ein begeisterter Adler-Schüler, hatten 1913 Die Bereitschaft gegründet, die 1923 die erste Erziehungsberatung in der Annagasse 18 in Wien 1 einrichtete, und 1925 eine weitere in der Oberzellergasse 8 in Wien 3 für schwererziehbare Kinder (ANNO, Arbeiter Zeitung, 1924-10-26, Seite 5; ANNO, Die Mutter, 1925-10-16, Seite 15)

Auch der Karitasverband der Erzdiözese Wien betrieb eine solche Beratungsstelle (Bernardgasse 27 in Wien 7), einer der seltenen Brückenschläge der Schulreformen ins katholisch-konservative Lager, das ja ansonsten alles daran setzte, die Reformen zu blockieren und die Kirche wieder als Oberstinstanz im Schulwesen einzusetzen (ALEX, Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien, 1926-02-15, Seite 3).

Foto, wie Alfred Adler einem Mädchen bei einem Armverband hilft; Buchcover
Für Adler und Dutzende andere führende Individualpsychologen war der Zugang zu den Schülern, Lehrern und Eltern ein einmaliger Daten- und Erfahrungsschatz. Adler wurde in den 1920er-Jahren hauptsächlich durch seine Buch-Bestseller im deutschsprachigen Raum und auch in den USA bekannt, für die er hier seine Fallbeispiele bezog. Das Buch "Understanding Human Nature" wurde 1927 in den USA ein Bestseller, was ihm dort auch den Aufbau einer Existenz und die spätere Übersiedlung ermöglichte.
Wenige Schulneubauten

Der Neubau von Schulen gehörte nicht zum Reformprogramm Wiens, auch in den berühmten Wohnbauten der Gemeinde Wien gab es zwar manchmal Kindergärten, aber keine Schulen. Da die alten Schulbauten für den neuen, interaktiven Unterricht nicht wirklich geeignet waren, scheiterte es wohl an der Finanzierung.

  1. Zeitungsausschnitt mit Titel
    Für Adler und Dutzende andere führende Individualpsychologen war der Zugang zu den Schülern, Lehrern und Eltern ein einmaliger Daten- und Erfahrungsschatz. Adler wurde in den 1920er-Jahren hauptsächlich durch seine Buch-Bestseller im deutschsprachigen Raum und auch in den USA bekannt, für die er hier seine Fallbeispiele bezog. Das Buch "Understanding Human Nature" wurde 1927 in den USA ein Bestseller, was ihm dort auch den Aufbau einer Existenz und die spätere Übersiedlung ermöglichte.                                        

*) Raissa Adler gehörte vor dem Krieg dem Interrayonisten-Block von Leo Trotzki an, der ebenfalls in Wien lebte. Sie war 1926 die erste Person, die sich im Westen öffentlich für die Linke Opposition in Sowjetrussland ausspach. JE

 

Nota. - Eine weitere Neuerung Glöckles, die bis heute erhalten blieb und deren Bedeutung seit Jahr und Tag stetig wächst, erwähnt Michael Fembek gar nicht: die Abschaffung des Nachmittagsunterrichts in Österreich! Etwa, weil die Sozialdemo-kraten dieser Tage die lautesten Trompeter der Ganztagsschule geworden sind, die die Frauen der Industrie und die Kinder der Beamtenschaft in die Fänge treibt?
JE 

 

Mittwoch, 12. August 2026

Die deutsche und die israelische Staatsräson.

Steffen Seibert, der ehemalige Botschafter Deutschlands in Israel 
 aus welt.de, 12. 8. 2026                                                                                       zu öffentliche Angelegenheiten

Steffen Seibert grenzt deutsche Staatsräson von israelischer Siedlungspolitik ab
Bis vor Kurzem war Steffen Seibert Deutschlands Botschafter in Israel. Kaum zurück, kritisiert er die israelische Siedlungspolitik und betont, dass die deutsche Staatsräson nur für Israels Staatsgebiet gelte.

Der frühere deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, grenzt die deutsche Staatsräson ausdrücklich von der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland ab. Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel geprägte Formel „Israels Sicherheit ist Teil der deutschen Staatsräson“ gelte für Israel in den Grenzen von 1967, sagte der frühere Regierungssprecher Merkels dem „ZEITmagazin“.

„Aber das gilt nicht gegenüber den Siedlern im Jordantal“, sagte Seibert. „Nach internationalem Recht sind das illegale Siedlungen, die der Ideologie folgen: Dies ist allein unser Land, Gott hat es uns geschenkt. Darauf bezieht sich die Staatsräson nicht, sie unterstützt nicht das Überlegenheitsgefühl gegenüber einer anderen Bevölkerung.“

Zugleich übte Seibert deutliche Kritik an der israelischen Siedlungspolitik. Diese sei „Vertreibung mit Mitteln der psychologischen und der realen Gewalt“. Er sprach sich dafür aus, die deutsche Unterstützung für Israel klarer von einzelnen politischen Entscheidungen der jeweiligen Regierung zu unterscheiden.

„Wir müssen jedenfalls klarmachen, was wir meinen, wenn wir richtigerweise sagen, dass wir zu Israel stehen“, sagte Seibert. „Wir haben jahrzehntelang von Israel als der einzigen Demokratie in der Region gesprochen, und das stimmt. Aber das bedeutet nicht, dass unsere Unterstützung jegliches staatliche Verhalten Israels einschließt, zum Beispiel nicht die Besatzung, die nun ins 60. Jahr geht.“

Der ehemalige Botschafter lehnte Boykotte sowie Einschränkungen im Wissen-schaftsaustausch mit Israel ab. Zugleich stellte er die Frage, ob es „gezielte Maßnahmen“ geben könne, die die deutsche Ablehnung der Siedlungspolitik deutlicher machten. Zudem müsse man gegenüber den Palästinensern deutlich machen, dass das Recht des israelischen Volkes, in seinem Staat zu leben, zu achten sei. 

Seibert war von 2022 bis Juli 2026 deutscher Botschafter in Israel. Zuvor hatte er elf Jahre lang als Sprecher der Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel gearbeitet. Im Interview schildert er zudem, kurz vor Ende seiner Amtszeit einen Tag lang israelische Aktivisten im Westjordanland begleitet zu haben, die nach eigenen Angaben durch ihre Präsenz Übergriffe radikaler Siedler auf Palästinenser verhindern oder dokumentieren wollen. Dafür habe er bewusst die Rolle des Botschafters verlassen und Urlaub genommen.

 

Nota. - Das Existenzrecht Israels sei deutsche Staatsräson, hat Angela Merkel kanonisch formuliert. Der Zionismus ist Israels Staatsräson. Das eine bedeutet nicht das andere. Auf lange Sicht kann Israel nur erhalten bleiben, wenn es seine Staatsräson neu bestimmt. Dass es sich dabei nicht von außen unter Druck setzen lassen will, ist begreiflich. Aber unter welchen Umständen war Israel je ohne äußeren Druck?
JE 

 

Ist Kinder-Großziehen Arbeit?

                                                               zu Männlich

Der östereichische Bundeskanzler hat Skandal gemacht, indem er öffentlich die Meinung äußerte, familiäre Kinderbetreuung sei "keine Arbeit".

aus derStandard.at, 11. 8. 2026                                                           

... Empörend ist die politische Ignoranz, mit der österreichische Regierungen die tendenziell frauenfeindliche Stimmung negieren, die den Arbeitsmarkt immer noch dominiert – und damit den Druck, der seit Jahrzehnten auf Frauen lastet.

Sind sie jung, bekommen sie die guten Jobs nicht, weil sie schwanger werden könnten. Haben sie Kinder, werden sie nicht befördert, weil Betreuungspflichten ihre 24/7-Verfügbarkeit in Frage stellen. Entscheiden sie sich gegen eigene Kinder, verdienen sie oftmals trotzdem weniger als ihre männlichen Kollegen (mit Kindern), weil ... einfach so. Haben Frauen das gebärfähige Alter hinter sich, gelten sie oft als zu qualifiziert, zu selbstbewusst und jedenfalls zu teuer.

Im Grunde hat sich diese Einstellung vieler Arbeitgeber nie maßgeblich verändert. Gerade die Wirtschaftspartei ÖVP hätte hier schon lange viel mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen – im Sinne von Familien, die ihr ja angeblich so sehr am Herzen liegt. Das ist keine Kritik an jenen engagierten konservativen Politikerinnen, die sich sehr wohl glaubhaft für Frauen einsetzen. Allein: Viele ihrer männlichen, einflussreichen Parteikollegen haben die Gleichstellung von Frauen stets nur halbherzig unterstützt. Ähnliches gilt für die SPÖ, ebenfalls langjährige Regierungspartei: Der Enthusiasmus roter Funktionäre für weibliche Anliegen hält sich in Grenzen.

Was ist die Konsequenz? Immer mehr junge Frauen verzichten lieber auf Partnerschaft und Familie, ehe sie sich in den gesellschaftlichen Schraubstock einspannen lassen. Darüber sollte endlich ernsthaft diskutiert werden: Wie kann man die Arbeitswelt frauenfreundlicher gestalten? Wie überhaupt ein menschenfreundlicheres Klima schaffen? ...

 

Nota. - Wir leben in einer Gesellschaft, in der Arbeit zugleich höchsten Wert und größte Mühe bedeutet; in einer Gesellschaft, in der als Arbeit nur solche Mühsal* gilt, die Wert - Geld wert - vervorbringt. Diese Mehrdeutigkeit zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung zu machen, wäre ein gutes Stück Aufklärung, und das könnte man dem österreichischen Bundeskanzler zugute schreiben. Dass das Aufziehen von Kindern keine Mühsal sei, die Geldwert generiert - damit hat er doppelt Recht. 

Entgegnen könnte man ihm, dass das Leben mit Kindern nicht nur Freude macht, sondern wohl auch anstrengend ist; und dass es Geldwert nicht einträgt, aber eintragen sollte.  

Wahr ist, dass Kindererziehung landein, landaus eher mit Frauen in Verbindung gebracht wird, aber man sollte sich hüten, das als frauenfeindlich zu verbuchen - weil andererseits geharnischte Machos es dann ebensogut als kinderfeindlich brandmarken könnten. 

Sie sehen: Es kommt weniger auf den Sachverhalt an, als auf die Tendenz, die man der Sache von vornherein zugrunde legt. Nimmt man es volkswirtschaftlich, dann Kinderaufziehen natürlich keine Arbeit, denn sie schafft keinen Geldwert, indem sie Kapital verwertete. Man könnte allerdings einwenden, indem es für die Reproduk-tion der Arbeitskraft sorgt, sei es immehin wertwerhaltend. Dem ist entgegenzuhalten, dass diesem Umstand in der Bestimmung des Arbeitslohns bereits Rechnung getragen ist, in welchem die Ausgaben für den Nachwuchs schon berücksichtigt sind. Über die Höhe mag man immer streiten.

Im volkswirtschaftlichen Sinn hat Kanzler Stocker es aber nicht gemeint. Er wollte nur sagen, dass das Zusammenleben mit heranwachsenden Kinder eben nicht nur Mühsal, sondern auch Freude ist. Wer es anders auffasst, muss sich nicht bei der Gesellschaft, sondern bei seinem Charakter beschweren. Dass Väter vorwiegend mit Spiel und Sport, Mütter aber mit Kochen und Wäschewaschen beschäftigt sind, ist familiär zu regeln. Wie sie das Familieneinkommen unter einander teilen, auch. Sie könnten auch, wenn sie es wünschen, Buch führen und einander die Stunden zahlen; aber populär wird das sicher nicht.

Dass dort aber auch gesellschaftliche Erwartungen eingehen, gilt für die einen wie die andern. Darauf ist bei öffentlichen Äußerungen Rücksicht zu nehmen.

Hat Stocker auch getan; er hat sich am nächsten Tag entschuldigt.

*) Mühsal hieß auf Mittelhochdeutsch arebeit.
JE 

 

Dienstag, 11. August 2026

Urteilskraft und das Nachdenken.

Eine Person mit langen, roten Haaren lehnt ihren Kopf sanft gegen einen Spiegel, wodurch ihr Gesicht und ihre Haare doppelt reflektiert werden. Die Szene vermittelt eine ruhige und nachdenkliche Stimmung. Der Hintergrund ist schlicht und grau, was den Fokus auf die Person und ihre Spiegelung lenkt.                               
aus  spektrum.de, 11. 8. 2016                                                                           zu Jochen Ebmeiers Realien              

Entscheidungen: 
Nachdenken macht Ängstliche unsicherer
Wer zu Ängstlichkeit neigt, sollte nach einer Entscheidung nicht lange darüber sinnieren – sonst sinkt das Vertrauen in die eigene Urteilskraft. 

Wie sicher sind sich Menschen nach einer Entscheidung, die richtige Wahl getroffen zu haben – und wovon hängt ihre Einschätzung ab? Das haben die Psychologen Sucharit Katyal und Stephen Fleming vom University College London in einer neuen Studie untersucht.

Die Forscher analysierten die Daten aus vier bereits veröffentlichten Online-Experimenten mit insgesamt 1447 Teilnehmenden. In allen Untersuchungen sollten die Versuchspersonen einfache Entscheidungen treffen. Beispielsweise mussten sie nach einem kurzen Blick angeben, welche von zwei Farben stärker auf einem Bild vertreten war oder welches von zwei Objekten sie zuvor schon einmal gesehen hatten. Direkt im Anschluss sollten die Testpersonen beurteilen, wie sicher sie sich mit ihrer Entscheidung fühlten. Dabei wurde auch erfasst, wie viel Zeit zwischen der Reaktion und der anschließenden Selbsteinschätzung lag. Zudem wurden auch allgemeine psychische Symptome wie Ängstlichkeit und Depressivität erhoben.

Höhere Angstsymptome gingen mit einem geringeren Vertrauen in die eigene Urteilskraft einher. Außerdem hatten weibliche Teilnehmende im Durchschnitt weniger Zuversicht in ihre Antworten als Männer – unabhängig von ihrer objektiven Leistung. Beide Gruppen zeigten den Auswertungen zufolge einen gesteigerten Anspruch daran, sich wirklich sicher zu sein, bevor sie Vertrauen in ihr Urteil ausdrückten.

Bedenkzeit verändert die Bewertung

Neu an der Studie war vor allem eine Analyse dessen, wie sich diese Bewertung mit einigen Sekunden mehr oder weniger Bedenkzeit entwickelt. Bei Personen mit stärkerer Angstsymptomatik nahm das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ab, je länger sie mit ihrer Bewertung warteten. Demzufolge verstärkte bei diesen Teilnehmenden mehr Zeit zur Selbstreflexion die Abwertung der eigenen Urteilskraft vermutlich eher. Bei den Frauen hingegen war das Selbstvertrauen unmittelbar nach der Entscheidung am niedrigsten ausgeprägt und nahm danach wieder zu. Offenbar konnte etwas längere Bedenkzeit bei ihnen dafür sorgen, dass automatische Denkmuster verändert wurden.

Die Autoren folgern daraus, dass geringes Vertrauen in eine eigene Entscheidung mehrere Gründe haben kann. Bei ausgeprägten Ängsten scheint zusätzliche Grübelei nach dem Entschluss vorhandene Selbstzweifel noch zu verstärken. Für diese Menschen könne es demnach sinnvoll sein, sich auf die erste, direkte Selbsteinschätzung nach einer vollendeten Aufgabe zu verlassen. Das geringere Selbstvertrauen der weiblichen Probanden dagegen deutet wohl mehr auf gewohnheitsmäßiges anfängliches »Tiefstapeln« hin, das sich mit etwas mehr Zeit korrigieren lässt. Frauen könne es folglich helfen, sich bewusst mehr Zeit für die Selbsteinschätzung zu lassen, so die Forscher.

 

Nota. - Wer von Selbstzweifeln geplagt ist, könnte aus Zutrauen in seine Urteils-kraft Stärke gewinnen. Er müsste nur eingesehen haben, dass Selbstvertrauen - das eine subjektive Gestimmtheit ist - und Urteilskraft, die eine objektivierbare Leistung ist, nicht dasselbe sind; und dass das Trainieren der einen zugleich ein Trainieren des andern ist. Dafür wäre Nachdenken allerdings unerlässlich.
JE 
 

Montag, 10. August 2026

Was heißt hier ästhetisch?

                                                 zu Geschmackssachen

Aussagen zu Qualitäten nenne ich ästhetisch.

Qualia sind Singularia. Sie sind an sich und stehen in keinem Verhältnis zu Etwas anderem. Sie sind nicht aus Voraussetzungen konstruiert und werden nicht begrif-fen, sondern angeschaut: De singularibus non est scientia.

Sie lassen sich nicht begründen, sondern nur anpreisen.
10. 12. 16

 

Sonntag, 9. August 2026

Das Absolute ist eben nicht von dieser Welt.

 Inntel-Hotel Amsterdam                                              aus Ebmeiers Einblick
aus Süddeutsche.de, 30. 3. 2022               "Die Vielheit unter einem Gemeinsamen denken, das kein Absolutes sein kann." 

Die Krise des Absoluten                                                                             
Verkannter Knotenpunkt 
Daniel-Pascal Zorn rettet die philosophische Postmoderne.

Von Christoph Möllers

Bei einem Gespräch über die Zukunft der Demokratie im Schloss Bellevue beklagten sich vor Kurzem gleich mehrere Rednerinnen und Redner angesichts des Grassierens politischer Falschmeldungen über die herrschende "postmoderne Beliebigkeit". Nun mag man über Beliebigkeit lamentieren, doch was an dieser genau "postmodern" ist, bleibt die Frage. Die Vorstellung, den einst wahrheitsliebenden westlichen Gesellschaften sei durch eine kleine Schar französischer Denker der Relativismus eingeflößt und der Drang nach faktischer Richtigkeit ausgetrieben worden, wird ja eigentlich in der Sekunde abwegig, in der man sie ausspricht. Trotzdem findet sie weiterhin Anklang.

Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn hat dieser schlichten Geschichte nun auf mehr als 600 Seiten eine gewaltige und komplexe Gegenerzählung gewidmet. Anhand einer kollektiven intellektuellen Biografie von acht Philosophen zeichnet er die Denkbewegung eines unübersichtlichen und vielfältigen intellektuellen Projekts nach, das weniger eine geschlossene Schule darstellt als einen repräsentativen Knotenpunkt im Denken unserer Zeit.

 Daniel-Pascal
 Zorn: Die Krise des Absoluten - Was die Postmoderne hätte sein können. 
Klett-Cotta, Stuttgart 2022. 648 Seiten, 38 Euro.

Die philosophische Postmoderne wird damit zu einem tief in die Geschichte der Philosophie eingebetteten Unternehmen

Unter den dargestellten Autoren findet sich zunächst die klassische vierköpfige Kernmannschaft der französischen Philosophie der Siebziger und Achtziger: Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Michel Foucault und Jean-François Lyotard. Ergänzt werden diese - und hierin liegt ein Clou des Buches - durch vier weitere Denker: zwei deutsche Philosophen einer früheren Generation, Theodor W. Adorno und Joachim Ritter, dazu dem Kybernetiker Heinz von Foerster und den amerikanischen Neo-Pragmatisten Richard Rorty.

Die Spuren, die Zorn in seinem Buch legt, führen dabei weit in die Philosophiegeschichte zurück, sie verästeln sich nicht allein in den mal intellektuellen, mal realen Begegnungen der Protagonisten miteinander, sondern beziehen ein riesiges Nebenpersonal ein, Lehrer, Lehrer von Lehrern, intellektuelle Milchbrüder- und schwestern, Förderer und mitunter Begleitfiguren von außerhalb der Philosophie. Die Länge der Liste der dramatis personae, die dem Buch leider ebenso fehlt wie ein Personen- oder Sachregister, kann mit jedem russischen Roman konkurrieren: Wer war noch gleich Jean Cavaillès? Es lohnt sich, ihn kennenzulernen.

Derart wird die philosophische Postmoderne zu einem tief in die Geschichte der Philosophie eingebetteten Unternehmen der Suche nach einem Begriff des Absoluten, das sich nicht, wie Habermas wirkmächtig behauptete, schlicht als Antithese zu aufklärerischer Rationalität verstehen lässt. Wie Zorn deutlich macht, erweisen sich nicht nur Nietzsche und Heidegger als Vordenker der Postmodernisten, sondern auch der Empirist Hume, der Neukantianer Cassirer oder der Analytiker Quine.

Das Bild, das so entsteht, ist abschreckend kompliziert. Weil das Buch nicht streng chronologisch vorgeht, sondern sich mit vielen Rück- und Seitenschritten von den Anfängen der Protagonisten mal in deren näheren und weiteren Vorgeschichten, im Ganzen dann aber doch wieder von hinten in die Gegenwart vorarbeitet, ist die Lektüre auch dann anspruchsvoll, wenn man versucht, den Faden des verlorenen Absoluten im Kopf zu behalten. Denn, wie Zorn schön formuliert, startet die Krise des Absoluten mit jeder Figur neu, in die sich das Absolute zurückzieht.

Geordnet sind die Abschnitte und Unterabschnitte nach bestimmten Problemen, deren Darstellung durch Schnitte unterbrochen wird, die sich erst bei weiterer Lektüre durch Rückverweise erklären. Man vertraut dem Autor, dass er über den Aufbau des Buchs lange nachgedacht hat, ist sich aber nicht immer sicher, diesen nachvollziehen zu können. Dabei werden Argumente in der Sache vorbildlich klar und lesbar entwickelt. Es bleibt kein anderer Weg als die langsame, konzentrierte und lineare Lektüre eines Buches, das man sich als Netz- und Verweisstruktur hätte denken können. Diese wird nicht dadurch erleichtert, dass die Überschriften der Abschnitte und Unterabschnitte eigentlich gar keinen Hinweis auf ihren Inhalt geben. Im Abschnitt "Hügel 937" geht es übrigens um den Studentenaufstand 1970 in Paris Nanterre.

Die Postmodernisten sind hier Helden eines Denkens, das frei ist, ohne seine genuin intellektuelle Rigorosität aufzugeben

Zorn bezieht die politischen Umstände der Debatten mit ein, konzentriert sich aber zumeist auf die eigentlichen Argumente. Das Konzept der "Dekonstruktion" auf zwei Seiten auch aus seiner philosophischen Herkunft zu erklären, setzt eine intellektuelle Fähigkeit voraus, die sich im Buch an unzähligen Stellen zeigt. Dass die Philosophie hier nicht als ein Nebeneinander großer Systeme erscheint, sondern als ein Gegeneinander argumentativer Elemente, ist natürlich kein Zufall - aber es wäre eben ein Fehler, das als "typisch postmodern" zu klassifizieren. Wie Zorn lakonisch bemerkt: "Die philosophische Postmoderne ist, so verstanden, einfach Philosophie."

Die konsequente Verschiebung bekannter Frontlinien wird damit zu einer der wichtigen Einsichten von Zorn. Der "Kontinent der Postmoderne" ist nicht rein europäisch, er steht in keinem Gegensatz zum amerikanischen, er richtet sich auch nicht gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisformen oder analytische Zugänge. Und die intellektuellen Begegnungen zwischen Adorno und Ryle, Deleuze und Hume oder die Parallelen zwischen Genealogiekonzepten bei Foucault und Koselleck, die Zorn uns vorstellt, schließen es aus, die Postmoderne von der restlichen Geschichte der Philosophie zu isolieren.

Der etwas rätselhafte Untertitel des Buchs "Was die Postmoderne hätte sein können", wird zu Beginn kaum erklärt und erst ganz am Ende wirklich verständlich. Hier erst kommt die Zuneigung zutage, mit der sich Zorn wie mit anderen Wertungen auch ansonsten angenehm zurückhält. Für ihn sind die Postmodernisten Helden eines Denkens, das frei ist, ohne seine genuin intellektuelle Rigorosität aufzugeben, ein Denken, das - nicht zufällig auch in den Schuhen des amerikanischen Pragmatismus stehend - den Weg für eine philosophische Praxis frei machen will, in der durch freie Gedanken freie Institutionen entstehen, die sich nicht der Beliebigkeit eines anspruchslosen Pluralismus verschreiben: "Der Schritt von der Pluralität zum - bequemeren - Relativismus ist klein. Er besteht darin, das Unternehmen aufzugeben, die Vielheit unter einem Gemeinsamen zu denken, das kein Absolutes sein kann."

Fehlt uns die Geduld, uns mit der Komplexität dieser Entwürfe wirklich zu beschäftigen?

Die Utopie eines solchen Denkens, dessen Verwirklichungsmöglichkeiten Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger kurz aufblitzen, wird in Zorns vielleicht etwas kulturpessimistischer Lesart durch die kapitalistische Wende der Achtziger unmöglich gemacht. Sie endet also in dem Moment, in dem der Ausdruck "Postmodernität" überhaupt erst in einen breiteren Gebrauch kommt. Dass die Postmodernisten, wenn man Zorn folgt, Opfer einer durch den Kapitalismus geschaffenen Aufmerksamkeitsökonomie wurden, in der es an Geduld fehlt, sich mit der Komplexität ihrer Entwürfe zu beschäftigen, und in der stattdessen preiswerte Moralisierung nachgefragt wird, erscheint aber zumindest leicht undialektisch.

Denn es dürfte nicht zuletzt der Popstar-Status von Figuren wie Derrida und Foucault sein, der dazu geführt hat, dass sie von vielen ernsthaft und gründlich gelesen wurden. Wie es überhaupt etwas seltsam anmutet, einer Gruppe so ausnehmend erfolgreicher Autoren den Status einer verkannten Kleinsekte zuzuweisen. Wenn Zorns Buch hoffentlich viele Leserinnen findet, dann auch, weil die Philosophen, über die er schreibt, viele Leserinnen gefunden haben. Dies wünscht man ihm auch deswegen, weil es wahrscheinlich keine Disziplin gibt, in der es größeren Muts bedarf, ein solches Buch zu schreiben.

Heute scheint die Philosophie in großer Sorge um ihren wissenschaftlichen Status zu sein, obwohl sie doch gerade die Bedeutung dieses Status infrage stellen sollte. Auch deswegen hat sie zu öffentlichen Debatten bemerkenswert wenig beizutragen. Dass Zorn sich um intelligente Vereinfachung bemüht, die im Ergebnis immer noch nicht "einfach" genannt werden kann, um das Anliegen der Philosophie zu erklären, wird sie ihm hoffentlich nicht übelnehmen, sondern danken.

 

Nota. - Die postmodernen Denker hätten bis 1780 in der Welt auftreten dürfen. Ab 1781 nicht mehr. Da ist die Kritik der reinen Vernunft erschienen. Seither sind sie veraltet, bloß wissen die Franzosen davon bis heute nichts.

Ein Real-Absolutes ist seit Kant so etwas wie ein schwarzer Schimmel. Das war am Vorabend der Revolution - der französischen. Die hat, ein Jahr, nachdem sie auf ihrem Höhepunkt den Kult der Vernunft gefeiert hat, dem Höchsten Wesen gehul-digt. Da gings schon längst mit ihr bergab.

Die Romantik, die wie die Transzendentalphilosophie ihr deutsches Echo gewesen ist, hielt der Rückkehr des Absoluten in Politik und Philosophie nicht lange stand, die eine verblühte zum Biedermeier, die andere zu Deutschem Idealismus. Immer wieder gab es danach Versuche, zur Stunde Null - Revolution, Romantik, Transzen-dentalphilosophie - zurückzukehren. Deren Hardware ruht inzwischen auf dem Müllberg der Geschichte. So müsste die Software nun umso dringlicher auch für sie eintreten.

Mit andern Worten, den wahren Knotenpunkt verkennt auch Christoph Mölders. Die Vielheit ist nicht unter einem Gemeinsamen zu denken, das allerdings ein reales sein müsste, aber nicht kann; sondern aus einem Ursprung zu denken: der Einbil-dungskraft, denn der Gegenstand ist an sich ununterschieden und kennt keine Vielheit.
JE 31. 3. 22 
 

 

Was die Welt im Innersten zusammenhält.

aus spektrum.de, 13. 8. 2026                                                                                  zu Jochen Ebmeiers Realien  ...