Der Gegensatz zum Materialismus ist nicht der Idealismus, sondern der Spiritualis-mus. Sie sind die beiden möglichen
Antworten auf die metaphysische Frage nach dem 'Stoff, aus dem die Welt
gemacht ist'. Der Materialist sagt, die Welt bestünde aus Dingen im
Raum -res extensae -, während der Spiritualist den Geist - spiritus - jenseits von Raum und Zeit als das eigentliche Material der Welt ansieht. Dem
Idealismus entgegen steht der Realismus. Sie sind die beiden möglichen
Ant-worten auf die Frage, woher unser Wissen kommt. Der Realist sagt:
von den Din-gen - lat. res -, die ihre Eigenschaften gewissermaßen in unsere Wahrnehmung ein-prägen; während der Idealist sagt: aus unserem Sehen - gr. ídein - selbst, das kein passives Abbilden ist, sondern ein projektives Hineinbilden. Der Unterschied ist der: Im ersten Fall liegt die Washeit - qualitas - der Dinge in ihnen selbst; im zwei-ten Fall liegt er 'im Auge des Betrachters'. Ein
Zusammenhang besteht nicht vorne-, sondern nur hintenrum. Der Realist
mag Materialist oder Spiritualist sein: Das Was der Dinge läge in
ihnen selbst begründet und könnte sich ungeniert 'einprägen'. Der Realist ist Dogmatiker: Er glaubt daran, dass es ein Ansich der Dinge gäbe, das hinter ihrer Erscheinung liegt und unserm Denken lediglich nicht zugänglich ist. Der Idealist kann jedenfalls kein Spiritualist sein: Ein Sein, das nicht wahrnehmbar wäre, weil es in Raum und Zeit nicht erscheint, ist nach seiner Prämisse nicht vor-stellbar: Für den Idealisten kann es jenseits des Wahrnehmbaren nichts geben. Ma-terialist im vordergründigen Sinn kann er freilich auch nicht sein: Die Frage nach einem Ansich hinter
der Erscheinung ist für ihn ohne Sinn. Was nicht erscheint, kann nicht
angeschaut werden, und was nicht angeschaut werden kann, ist nicht
wirklich. 'Begriff ohne Anschauung ist leer.' Wie aber ist es mit 'dem Geistigen'? Das kann angeschaut werden. Denn es er-scheint durchaus. Ein Geistiges 'gibt es'* nicht anders als im wirklichen Handeln wirklicher Menschen in Raum und Zeit. Es 'erscheint' als Zweck. 5. 6. 18 *) ...ein Stoffliches freilich auch.
Männerüberschuss führt zu mehr ungewollter Kinderlosigkeit
Es gibt weltweit
mehr Männer im reproduktionsfähigen Alter als Frauen. Das führt nicht
nur zu Verschiebungen bei den Geburtenraten, sondern zieht weitreichende
Probleme nach sich.
von Karin Krichmayr
Es war lange ein Stehsatz: Auf der Welt gibt es mehr Frauen als
Männer. Dieses Verhältnis dreht sich seit einiger Zeit. Weltweit leben
aktuellen UN-Daten zufolge ein bis zwei Prozent mehr Männer auf der Erde
als Frauen. Noch ausgeprägter ist der Überschuss im
reproduktionsfähigen Alter. Das hat dazu geführt, dass seit dem Jahr
2024 Männer verhältnismäßig weniger Kinder zeugen als Frauen. Bis zu dem
Zeitpunkt war das Verhältnis umgekehrt, wie ein Forschungsteam im Fachjournal PNAS berichtet.
"Die absolute Zahl der Geburten ist natürlich identisch", sagt
Henrik-Alexander Schubert vom Max-Planck-Institut für demografische
Forschung in Rostock. "Aber wir beobachten einen Wechsel von einer
höheren Gesamtfertilitätsrate bei Männern zu einer höheren
Gesamtfertilitätsrate bei Frauen. Dieser Wechsel wird durch eine
Erhöhung des Bevölkerungsanteils der Männer relativ zu Frauen
angetrieben." Schubert hat sich gemeinsam mit Kollegen von der United
Nations Population Division und der Universität Oslo dem wenig
beachteten Thema der männlichen Fertilität gewidmet, die im Gegensatz
zur weiblichen Geburtenrate kaum untersucht ist.
Der steigende Männeranteil in der Bevölkerung ist auf mehrere Trends
zurückzuführen: Generell nimmt die Sterblichkeit ab, insbesondere die
der Männer, die historisch gesehen öfter an Risikoverhalten und
gewaltsamen Konflikten starben. Dadurch nähert sich die Sterblichkeit
von Frauen und Männern in jungen Jahren an. Hinzu kommt, dass in einigen
Ländern verstärkt Mädchen abgetrieben werden, um männlichem Nachwuchs
den Vorzug zu geben. All das führt dazu, dass sich der natürliche
Geburtenüberschuss – im Schnitt kommen 105 Buben auf 100 Mädchen – in
einem generellen Männerüberschuss widerspiegelt. Das wiederum hat
weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Bis zu 20 Prozent mehr Männer
In
Ländern mit patriarchalen Strukturen in Ostasien, wo
geschlechtsspezifische Abtreibungen häufig waren und sind, ist der
Männerüberschuss bereits deutlich. Junge Männer, die eine Partnerin
suchen, haben es schwerer, eine zu finden und eine Familie zu gründen,
wodurch auch die Anzahl der Kinder pro Kopf gesunken ist. Die ungewollte
Partner- und Kinderlosigkeit und damit einhergehende Frustrationen
werden auch immer wieder mit einer erhöhten Anfälligkeit für
Kriminalität in Verbindung gebracht.
Der Trend wird sich fortsetzen, wie das Forschungsteam anhand von Daten der UN World Population Prospects
berechnet hat: "In sehr bevölkerungsreichen Ländern wie China und
Indien, wo der Männerschuss auf bis zu 20 Prozent anwachsen könnte,
werden Männer im Schnitt mindestens fünf Prozent weniger Kinder haben
als Frauen", sagt Schubert. Ab 2030 wird mehr als die Hälfte der
Weltbevölkerung in Ländern mit derartigen Verschiebungen leben."
In Europa und Nordamerika hat dieser Wechsel bereits in den 1960er-
und 1970er-Jahren stattgefunden, wo sich der Unterschied zwischen
weiblicher und männlicher Fertilität auf etwa zwei Prozent eingependelt
hat. Regional gibt es jedoch Ausnahmen, wie etwa in Ostdeutschland, wo
durch eine verstärkte Abwanderung von Frauen noch heute etwa 115 Männer
auf 100 Frauen kommen – ein Verhältnis wie in China. Asien, Südamerika
und Ozeanien haben den Übergang erst vor Kurzem durchlaufen. Nur in
Subsahara-Afrika bleibt das Verhältnis den Prognosen zufolge bis
mindestens 2100 umgedreht, da die Geburtenraten hier nicht sinken und
die Sterblichkeit weiterhin hoch ist.
Politische Lösungen gefordert
In
großen Teilen der Welt sinken hingegen die Geburtenraten, durch den
demografischen Wandel altern die Bevölkerungen, Menschen entscheiden
sich später für Kinder und die Altersunterschiede zwischen Müttern und
Vätern sinken. "All diese Prozesse greifen ineinander", sagt Schubert im
Gespräch mit dem STANDARD. Zusammen mit sinkender Sterblichkeit hat das
dazu geführt, dass es in der Gruppe der unter 50-Jährigen mehr Männer
als Frauen gibt – wodurch die Kinderzahl pro Kopf sinkt. Erst in höheren
Altersgruppen haben Frauen aufgrund der höheren Lebenserwartung wieder
die Nase vorn.
Junge Männer brauchen Perspektiven abseits von Partnerschaft und Kindern, betonen Fachleute.
Die möglichen Auswirkungen dieses demografischen Übergangs werden
bisher noch zu wenig diskutiert, bemängeln Fachleute. "Die
Herausforderungen betreffen vor allem Männer, die kinderlos bleiben –
ein Status, der oft mit schlechterer Gesundheit und wachsender
Abhängigkeit von professioneller Pflege im Alter verbunden ist",
erläutert Schubert. "Um dem entgegenzuwirken, braucht es dringend
politische Lösungen."
Damit meint der Demograf allerdings nicht familienpolitische
Maßnahmen wie finanzielle Anreize und Steuererleichterungen, wie sie in
vielen Ländern gefordert oder durchgeführt werden, um die Geburtenraten
wieder anzukurbeln. "Mit solchen Maßnahmen können, wenn überhaupt, nur
kurzzeitige Effekte erzielt werden", sagt Schubert. "Die Geburtenraten
steigen dann, weil die Entscheidung für Kinder vorgezogen wird, und
fallen später wieder umso mehr." Einschneidende Maßnahmen wie die
Ein-Kind-Politik in China hätten zu massiven Problemen geführt. Generell
müsse die Stellung von Frauen in der Gesellschaft gestärkt werden, auch
um geschlechtsselektive Abtreibungen zu verhindern.
Erfolge abseits des Partnermarkts
Um
die Rahmenbedingungen für Männer zu verbessern, müsse man darauf
achten, dass Männer auch ohne Familie erfolgreich sein können, also etwa
in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt. "Der Partnermarkt ist nicht
alles", sagt Schubert. Außerdem brauche es mehr staatliche
Betreuungseinrichtungen, wenn Familiennetzwerke im Alter oder bei
Krankheit wegfallen.
"Werden die Herausforderungen dieser Männer nicht berücksichtigt,
besteht die Gefahr einer kulturellen Gegenreaktion gegen die
Gleichstellung der Geschlechter und gesellschaftlicher Konflikte", warnt
das Forscherteam. Einen Vorgeschmack darauf zeigt schon jetzt die
sogenannte Incel-Szene, in der sich unfreiwillig zölibatär lebende
Männer vernetzen und Frauenhass schüren.
Die Mathematik lässt sich auf eine einzige Grundrechnungsart reduzieren Eine einzelne
Funktion und die Zahl Eins genügen, um daraus die wichtigsten Konstanten
und Funktionen auf jedem Taschenrechner zu gewinnen
von Reinhard Kleindl
Mathematik ist, in all ihrer Komplexität, eigentlich erstaunlich
simpel. Aus einer Reihe von Zahlen, die sich an Fingern abzählen lassen,
und wenigen Rechenoperationen, die Kinder bereits in ihren ersten
Lebensjahren in der Schule lernen, lässt sich Schritt für Schritt die
Mathematik aufbauen – inklusive komplexer Zahlen, unendlichdimensionaler
Funktionenräume und allem, was man sonst so an Handwerkszeug braucht,
um etwa mittels Physik die Welt bis ins kleinste Detail zu beschreiben.
Was nicht heißen soll, dass sich die Möglichkeiten der Mathematik nur
darauf beschränken.
Weniger offensichtlich ist, dass auch die Sprache, mit der man
Mathematik betreibt, auf einige wenige Grundelemente heruntergebrochen
werden kann. Eine Handvoll Worte wie "und", "nicht" und "oder" genügen,
um mathematische Aussagen und deren Beweise zu formulieren. Diese Worte
folgen dabei Regeln, die eine Algebra bilden, womit die Sprache selbst
zu Mathematik wird. Für die Untersuchung der mathematischen Grundlagen
erwies sich das vor allem im vergangenen Jahrhundert als enorm wertvoll.
Doch es gab auch große praktische Implikationen: Die einfachen Regeln
hinter dieser "booleschen" Algebra, wie sie nach dem englischen
Mathematiker George Boole genannt wird, erlaubten es, sie Maschinen
beizubringen. Damit war der Computer geboren.
Die boolesche Algebra hat dabei eine interessante Besonderheit: Eines
ihrer Elemente, in der Computerwissenschaft NAND genannt, das mehr oder
weniger "nicht beides" bedeutet, ist in der Lage, alle anderen zu
ersetzen. Es ist universell. Das wirft die Frage auf, ob etwas Ähnliches
auch in anderen Bereichen der Mathematik möglich ist. Während für
bestimmte Teilbereiche der Mathematik durchaus eine einzige Operation
ausreicht, um sie vollständig zu durchdringen, war für die klassischen
Grundrechnungsarten inklusive allem, was etwa sonst so auf Tasten von
Taschenrechnern vertreten ist, bisher keine Operation bekannt, die sie
alle ersetzen könnte.
Neue Allzweckfunktion
Bis jetzt.
Denn nun scheint der polnische Astrophysiker Andrzej Odrzywołek von der
Jagiellonian University im polnischen Krakau eine solche Operation
gefunden zu haben. Davon berichtet er in einer zur Publikation
eingereichten und vorab auf einem Preprint-Server veröffentlichten Studie."Ein
einziges Gatter mit zwei Eingängen reicht für die gesamte Boolesche
Logik in digitaler Hardware aus", schreibt Odrzywołek. "In der Analysis
ist keine vergleichbare Grundoperation bekannt: Die Berechnung
elementarer Funktionen wie sin, cos, sqrt und log erforderte immer
mehrere unterschiedliche Operationen."
Nun stellt Odrzywołek eine Funktion vor, die all das zu leisten
imstande ist, allerdings nicht mit einer, sondern zwei Variablen: "Hier
zeige ich, dass ein einziger binärer Operator, eml(x,y) = exp(x) –
ln(y), zusammen mit der Konstante 1 das Standardrepertoire eines
wissenschaftlichen Taschenrechners erzeugt. Dazu gehören Konstanten wie
e, π und i, arithmetische Operationen wie Addition, Subtraktion,
Multiplikation, Division und Potenzierung sowie die üblichen
transzendenten und algebraischen Funktionen", schreibt der Forscher.
Dass sich manche dieser Funktionen auf andere zurückführen lassen,
ist nicht neu. Die Exponentialfunktion, die auch Teil der von Odrzywołek
vorgestellten Funktion Eml ist, und bei der eigentlich die Eulersche
Zahl e mit einem Wert x potenziert wird, um das etwa aus der Verbreitung
von Krankheiten bekannte exponentielle Wachstum wiederzugeben, genügt
etwa für die Darstellung aller Winkelfunktionen. Dazu müssen allerdings
komplexe Zahlen verwendet werden. Ebenfalls möglich ist die Darstellung
von Winkelfunktionen mittels unendlicher Summenformeln, was hier aber
nicht gemeint ist.
Derlei ist für Odrzywołeks Rahmen nicht nötig: Die einzige Zahl, die
er verwendet, ist die Eins. Mithilfe von Eml kann er alle anderen
Zahlen, inklusive wichtiger irrationaler Zahlen wie der Kreiszahl π und
der Eulerschen Zahl e, daraus erzeugen. Einfach ist das in der Regel
nicht. Die Formel für die Null sieht etwa so aus:
Dass mit
Odrzywołek ein Astrophysiker und kein Mathematiker diese Entdeckung
präsentiert, ist ungewöhnlich. Doch Odrzywołek beschäftigt sich intensiv
mit einem Gebiet der Computerwissenschaften, das sich symbolische
Regression nennt. "Es handelt sich mehr um eine Schatzsuche als um eine
Denksportaufgabe", sagt er dem Wissenschaftsportal IFLScience.
Im Prinzip geht es darum, aufgrund von Ergebnissen auf bestimmte
Funktionen zurückzuschließen. "Im Laufe der Zeit wurde ich neugierig,
wie klein die Basis für eine solche Suche sein könnte", erzählt der
Physiker. Dabei stieß er auf die Funktion Eml.
Die Studie liest sich dann auch eher wie eine
computerwissenschaftliche, denn wie eine mathematische Publikation. Eine
Skizze des eigentlichen, konstruktiven Beweises findet sich in einer
Beilage zur Studie, neben dem verwendeten Programmcode.
Der Computerwissenschafter Martin Benning vom University College
London zeigt sich von der Arbeit angetan. Damit ließen sich
mathematische Probleme möglicherweise in einer für KI einfacher
zugänglichen Form übersetzen. "Aus der Perspektive des maschinellen
Lernens ist das eine interessante und vielversprechende Wende, da sie es
uns theoretisch ermöglicht, mithilfe von Standardtechniken zum Training
neuronaler Netze exakte mathematische Formeln aus Daten abzuleiten",
sagt Benning gegenüber IFLScience.
Wie viel Nutzen das Resultat am Ende tatsächlich bringen kann, wagt
Odrzywołek nicht zu sagen. Die Zeit werde es zeigen. Praktischer Nutzen
gilt bei Fragen der Mathematik ohnehin nicht als zentrale Anforderung.
Mit dem Ackerbau schwand ein Teil unseres Geruchssinns
Eine Genstudie an
indigenen Gruppen in Malaysia zeigt: Jäger und Sammler haben ein anderes
genetisches Duftrepertoire als sesshafte Bauern
von Thomas Bergmayr
Wer an einem Regentag durch einen Wald geht, kennt den erdigen Duft,
der aus dem Boden aufsteigt. Für die Negrito im Norden Malaysias ist
dieser Geruch Teil ihrer alltäglichen Lebenswelt. Er zählt zu den
Hinweisen, mit denen sich diese Jäger und Sammler seit Jahrtausenden in
einem der artenreichsten Ökosysteme der Erde orientieren. Diese
Lebensweise hat Spuren im Erbgut hinterlassen, wie eine neue Studie
nahelegt – und zwar in jenen Genen, die bestimmen, welche Duftmoleküle
die Nase registriert.
Die Ergebnisse eines internationalen
Forschungsteams zeigen eine überraschend direkte Verbindung zwischen
Lebensweise und Geruchssinn auf. Die Gruppe um Shuhua Xu von der Fudan
University (Shanghai) hat die Orang Asli, die indigenen Völker der
Malaiischen Halbinsel, untersucht. Auf engem geografischen Raum finden
sich dort drei Gruppen mit grundlegend unterschiedlichen
Lebensgrundlagen: die Negrito in den isolierten Bergregionen des Nordens, die sich noch immer von dem ernähren, was der Wald hergibt; die Senoi in der Mitte des Landes, die Wanderfeldbau mit dem Sammeln kombinieren; und die Jakun im Süden, die längst zu sesshaften Bauern geworden sind.
Der Geruchssinn verändert sich mit der Lebensweise, wie ein Blick
ins Erbgut indigener Gruppen (im Bild eine Batek-Familie im
Taman-Negara-Nationalpark) in Malaysia zeigt: Die Umstellung von der
Jagd auf den Feldbau hinterließ Spuren in jenen Genen, die Düfte in
Signale übersetzen.
Schwindender Geruchssinn
Für
die Genetikerinnen und Genetiker war das eine seltene Gelegenheit: drei
eng verwandte Populationen, dieselbe Umwelt, verschiedene Wege durch die
jüngere Menschheitsgeschichte. Das Team analysierte das Erbgut von 50
Angehörigen der Orang Asli und verglich die Daten mit jenen von mehr als
2800 Personen aus 65 Populationen weltweit.
Im Fokus standen jene rund 800 Gene, die für die Proteine zuständig
sind, mit denen die Nase einzelne Duftmoleküle einfängt. Etwa 60 Prozent
dieser Gene sind im Laufe der Evolution funktionslos geworden – ein
bekanntes Muster, das Fachleute darauf zurückführen, dass der Mensch
seine Orientierung zunehmend dem Sehsinn überließ.
Der Duft von feuchter Erde
Doch
ausgerechnet die Negrito weichen von diesem Trend ab. Ihre Geruchsgene
tragen deutlich weniger funktionsstörende Mutationen als jene
benachbarter Bevölkerungen. Statistische Tests ergaben, dass sich die
Muster nicht zufällig erklären lassen. Die im Fachjournal Cell Reports präsentierten Befunde
deuten darauf hin, dass eine natürliche Selektion die
Funktionstüchtigkeit der Geruchsgene bewahrt hat. Die Forschenden räumen
ein, dass auch Gendrift und die spezifische demografische Geschichte
der kleinen Population als alternative Erklärungen infrage kommen.
Völlig ausschließen lassen sie sich nicht.
Besonders auffällig ist ein Gen namens OR12D2. Es reagiert auf erdig-modrige Verbindungen, zu denen auch Geosmin zählt
– der Stoff hinter dem Duft frisch beregneter Erde. In tropischen
Wäldern ist Geosmin allgegenwärtig, etwa als Hinweis auf Pilze, feuchte
Böden oder bestimmte Mikroorganismen. Bei den Negrito hat sich eine
Variante dieses Gens rasch ausgebreitet. Sie könnte, wie die Forscher
vorsichtig formulieren, dabei helfen, sich im Wald zu orientieren,
Ressourcen zu lokalisieren und Essbares aufzuspüren.
Das Forschungsteam untersuchte unterschiedliche Gen-Cluster dreier
indigener Gruppen Malaysias. Dabei zeigte sich: Bei der
Jäger-und-Sammler-Gemeinschaft der Negrito blieben bestimmte Geruchsgene
besser erhalten als bei benachbarten Bauern.
Mit dem Aufstieg des Ackerbaus
Die
Mutation ist keineswegs neu. Es handelt sich vielmehr um eine
angestammte, evolutionär ältere Form. Die Analyse alter Genome zeigt: In
süd- und ostasiatischen Bevölkerungen nahm die Häufigkeit genau dieser
Urform in den vergangenen 10.000 Jahren kontinuierlich ab – parallel zur
Ausbreitung des Ackerbaus. Dort, wo Menschen als Jäger und Sammler
weiterlebten, blieb sie erhalten oder wurde sogar häufiger. Der Übergang
zur Agrikultur scheint den alten Duftdetektor also zurückgedrängt zu
haben.
Ein weiterer Gencluster, OR52J3 und OR52E2, zeigt bei den Negrito
ähnliche Spuren von Selektion. Er ist für buttrige und süßliche Gerüche
zuständig – Signale, die typischerweise auf fett- und kalorienreiche
Nahrung hinweisen. Dass Menschen allein am Geruch Milchproben mit
unterschiedlichem Fettgehalt unterscheiden können, ist experimentell
belegt. Die Urform dieses Clusters ist schätzungsweise 284.500 Jahre alt
und damit älter als der Auszug des modernen Menschen aus Afrika.
Bei den ackerbauenden Jakun sieht die Situation anders aus. Dort
finden sich Veränderungen an Geruchsgenen, die nicht allein mit der
Wahrnehmung, sondern mit Insulinregulation, Lungenfunktion und
Immunantwort zusammenhängen. Möglich wird das durch eine biologische
Doppelrolle. Manche Geruchsrezeptoren sind auch außerhalb der Nase
aktiv. Das Gen OR12D3 etwa wirkt nachweislich als Rezeptor für eine
Insulinform und beeinflusst die Insulinausschüttung. Ernährt sich eine
Bevölkerung kohlenhydratreich und erlebt regelmäßig Blutzuckerspitzen,
könnte das Veränderungen an solchen Genen begünstigen, auch wenn sie
gleichzeitig Düfte verarbeiten.
Neandertaler-Rezeptoren
Besonders verblüfft hat das Team der Blick tief in die Vergangenheit. Auf Chromosom 11
stießen die Forschenden bei den Bateq, einer Negrito-Gruppe, auf einen
erstaunlich häufig vorkommenden DNA-Abschnitt mit Neandertaler-Ursprung.
Fünf dort gelegene Gensequenzen ähneln stark denen eines Neandertalers
aus Sibirien. Sie kodieren für Rezeptoren, die moschusartige, florale
und fruchtige Düfte wahrnehmen und eine verschobene Sensibilität
bewirken: weniger Empfindlichkeit für Moschus, mehr für blumig-fruchtige
Noten. Ob hinter dieser sogenannten adaptiven Introgression ein
konkreter Anpassungsvorteil steckt, bleibt vorerst offen. Der genaue
Selektionsdruck liegt im Dunkeln.
Die Studie untermauert bisherige Untersuchungen der
Evolutionsbiologie: Kultur und Genetik lassen sich nicht sauber trennen.
Wie Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten, hinterlässt messbare
Spuren in der Genetik des Riechens, und vermutlich nicht nur dort.
40 Prozent leiden an Geruchs- oder Geschmacksstörungen
In Österreich, der Schweiz und Deutschland
wurden insgesamt mehr als 2300 Menschen befragt.
Phantom-Geruchsempfindungen haben demnach am häufigsten eine negative
Auswirkung auf die Lebensqualität.
Ein hoher Prozentsatz der Menschen in Österreich,
Deutschland und der Schweiz berichtet von Geruchs- und/oder
Geschmacksstörungen. Die Häufigkeit liegt bei rund 40 Prozent. Das hat
eine Studie mit der Auswertung von Umfragedaten in den drei Ländern und
2340 Probanden ergeben.
Die wissenschaftliche Studie wurde im
Jänner 2025 mit einer Online-Umfrage unter Erwachsenen im Alter von mehr
als 18 Jahren in Österreich (1023 Teilnehmer), in Deutschland (1031
Probanden) und der Schweiz (286 Teilnehmer) durchgeführt. Die Ergebnisse
wurden jetzt in den European Archives of Oto-Rhino-Laryngology
veröffentlicht. Unter den Autoren finden sich mit Christian Müller
(HNO-Universitätsklinik MedUni Wien/AKH) und Andreas Huber (Tirol
Kliniken/Innsbruck) auch österreichische Experten.
Die Hauptergebnisse, so die Autoren: „Insgesamt berichteten 40
Prozent der Befragten über mindestens ein Symptom, wobei
Geruchsintoleranz (29 Prozent), Phantosmie (Geruchswahrnehmungen ohne
reale Ursache, 27 Prozent; Anm.) und Parosmie (veränderte
Geruchswahrnehmung, 19 %; Anm.) am häufigsten auftraten“, schrieben die
Fachleute. Phantom-Geruchsempfindungen hatten offenbar am häufigsten
eine negative Auswirkung auf die Lebensqualität.
Die
Aufschlüsselung nach den Teilnehmerländern zeigt, dass Österreich am
ehesten mit Deutschland zu vergleichen ist. In der Schweiz lag die
Häufigkeit mancher der Störungen höher.
So berichteten 10,7
Prozent der österreichischen Teilnehmer über Geruchsverlust
(Deutschland: 12,2 Prozent, Schweiz: 11,5 Prozent). Eine veränderte
Geruchswahrnehmung beschrieben 17,5 Prozent der Probanden aus Österreich
(Deutschland: 19,8 Prozent) und 23,8 Prozent der Schweizer.
„Phantom“-Geruchsempfindungen
plagten 25,5 Prozent der österreichischen Teilnehmer, in Deutschland
waren es 25,6 Prozent, in der Schweiz 33,9 Prozent. Geruchsintoleranz
nahmen in Österreich und Deutschland jeweils 27,9 Prozent wahr, in der
Schweiz waren es hier allein 39,5 Prozent der Probanden.
Von
Geschmacksstörungen waren in Österreich 16,4 Prozent der Befragten
betroffen, in Deutschland hingegen 19,1 Prozent und in der Schweiz 26,9
Prozent. Über keine derartigen Probleme berichteten in Österreich 61,9
Prozent der Befragten, in Deutschland 59,5 Prozent und in der Schweiz
52,1 Prozent.
Ein
möglicher Zusammenhang dieser hohen Anteile an Menschen mit Geruchs-
oder Geschmacksstörungen könnte auch mit der durchgemachten
Covid-19-Pandemie bestehen. Die Wissenschafter in ihrer Zusammenfassung:
„Bei 48 Prozent bis 62 Prozent der Betroffenen blieben die Symptome
unverändert oder verschlechterten sich, was auf eine erhebliche
Belastung durch anhaltende Funktionsstörungen hinweist. Schweizer
Befragte berichteten signifikant häufiger über Parosmie (veränderte
Geruchsempfindung; Anm.), Phantosmie (Geruchsempfindung ohne realen
Hintergrund; Anm.), Geruchsintoleranz und Geschmacksstörungen als
österreichische oder deutsche Teilnehmer, was möglicherweise
Unterschiede in der Covid-19-Exposition und den Pandemiebeschränkungen
widerspiegelt.“ (APA)
zuGeschmackssachen Als ich mein Buch über Michael Jackson geschrieben habe, habe ich - wenig origi-nell - mit dem Eingangskapitel angefangen, denn von dem hängt es ab - sachlich und stilistisch -, ob die Leute weiterlesen. Aber danach bin ich gleich auf die Große Klippe losgegangen, the Jackson Chase oder den Fall, der keiner wurde; denn eins war mir klar: Wenn ich den nicht auf anständige Weise auf die Reihe bekäme, durfte ich so ein Buch gar nicht schreiben.
Fanchroniken über die Höhepunkte der öffentlichen Karriere - mit vielleicht ein paar Blicken durchs Schlüsselloch in den häuslichen Hintergrund - gab es ja schon in unterschiedlichster Qualität. Noch nicht gab es eine ernstgemeinte Würdigung der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Gesamtkunstwerks Michael Jackson.
Das war es aber, wozu ich mich aufgerufen fühlte, und da springt als Erstes ins Auge seine Zweideutigkeit - einerseits feinste Stilisierung, und andereseits eine fast vulgäre Sinnlichkeit.
Und gleich höre ich den Zwischenruf: Und was ist mit dem Künstler, der zeitweilig als Prince bekannt war? Doch bei dem waren die stilistischen Capricen ein Medium, um die Öffentlichkeit mit Vulgarität zu unterwandern. Bei Jackson sind Schönheit und Kunst ein Mittel, um den Geist der Unbefangensten zu sublimieren und in spöttische Distanz über den Alltag zu erheben. Weil er eine kindliche Kunst machte, wurde es eine Kunst für Kinder, und nicht umgekehrt.
Und hier sind wir am kitzlichen Punkt. Das sieht doch jeder, der Augen im Kopf hat - wenn ers schon mit den Ohren nicht hört -, dass das Kindliche das Faszino-sum an diesem Künster war. Dass es so lange gedauert hat, bis es Schleimern und Schleichern gelang, ihm daraus einen Strick zu drehen, ist das eigentlich Erstaun-liche an diesem Skandal; und nicht, dass er bis heute in den Gazetten blieb.
Michael ist kein Film für die Fans - die sind Beßres gewöhnt. Sondern ein Streifen, um Millionen neue Fans zu schaffen und um den Tresor des Jackson Family Esta-te weiter zu füllen. Wem daran gelegen ist, ein Kunstwerk allererster Güte am Le-ben zu halten, kann das nur begrüßen. Früher oder später werden sie ja doch alle in meinem Buch lesen.
Wenn ich den Kritikern glauben kann, ist der Film noch etwas banaler, als ich befürchtet habe. Ich werde ihn mir nicht ansehen. Ich glaube und wollte auch gar nicht, dass er meinen Blick auf das Phänomen Michael Jackson verändern würde. Allen, die ihn gesehen haben, empfehle ich, mein Buch zu lesen.