IMAGO / Müller-Stauffenberg zu öffentliche Angelegenheiten Die AfD braucht nicht glaubhaft zu machen, dass und wozu sie eine Alter-native ist, seit der Regenbogen sie zur einzigen Alternative skandalisierte.
IMAGO / Müller-Stauffenberg zu öffentliche Angelegenheiten Die AfD braucht nicht glaubhaft zu machen, dass und wozu sie eine Alter-native ist, seit der Regenbogen sie zur einzigen Alternative skandalisierte.
aus welt.de, 30. 6. 2026 zu Jochen Ebmeiers Realien
Von Larena Klöckner
Schizophrenie gehört noch immer zu den rätselhaftesten Erkrankungen der Medizin. Forscher wissen seit Jahrzehnten, dass sie erblich ist. Trotzdem gelang es bislang nur teilweise, die genetischen Ursachen zu entschlüsseln. Forscher haben nun nicht nur einzelne Gene, sondern deren Zusammenspiel im Gehirn untersucht. Dabei stießen sie auf Hunderte bislang unbekannte Kandidaten, die das Erkrankungsrisiko beeinflussen könnten.
Die Studie, die im Fachmagazin „Nature Genetics“ erschienen ist, liefert dazu einen bedeutenden Schritt nach vorn: Die Forscher identifizierten 766 Gene, die mit dem Erkrankungsrisiko verbunden sind, 641 davon waren laut den Forschern bislang unbekannt.
Der Schlüssel zum Erfolg lag in einer methodischen Erweiterung. Bisherige Analysen konzentrierten sich vor allem auf sogenannte cis-Effekte: Sie schauten, ob eine Genvariante das unmittelbar benachbarte Gen beeinflusst. Das ist der naheliegendste Mechanismus, erklärt aber nur einen Teil der genetischen Risikoarchitektur. Die Forscher berücksichtigten also auch trans-Effekte, also den Einfluss von Genvarianten auf Gene, die weit entfernt im Genom liegen.
Das klingt technisch, folgt aber einer biologischen Logik. Gene arbeiten nicht isoliert, sondern sind im Gehirn in Koexpressionsnetzwerken organisiert: Sie werden gemeinsam aktiv oder gemeinsam stillgelegt, weil sie an denselben biologischen Prozessen beteiligt sind. Eine Variante, die ein solches Netzwerk reguliert, kann damit indirekt viele Gene gleichzeitig beeinflussen. Auch solche, die weit entfernt im Genom liegen.
Um diese Fernwirkungen zu verstehen, entwickelten die Forscher zwei neue Vorhersagemodelle. Beide nutzen Genaktivitätsdaten aus sechs verschiedenen Hirnregionen von postmortem gewonnenen Spendergehirnen, darunter der präfrontale Kortex, der Hippocampus und die Amygdala.
Anschließend kombinierten sie ihre neuen Methoden mit etablierten Analysewerkzeugen und wendeten das Framework auf genetische Daten von über 100.000 Personen an, die im Rahmen des Psychiatric Genomics Consortium gesammelt worden waren.
Die kombinierte Methode konnte die Genaktivität für rund 18.700 Gene besser vorhersagen als bisherige Ansätze. In der anschließenden Suche nach Schizophrenie-assoziierten Genen konnten die Forscher 766 unabhängige Gene finden, mehr als dreimal so viele wie in früheren Analysen.
Besonders interessant ist, welche biologischen Prozesse diese Gene betreffen. Im präfrontalen Kortex, also dem Bereich des Gehirns, der für Planung, Entscheidungen und das Arbeitsgedächtnis zuständig ist, häuften sich Gene, die den Transport von AMPA-Rezeptoren regulieren. Das sind Eiweißstrukturen, die für die Signalübertragung zwischen Nervenzellen entscheidend sind.
In mehreren Hirnregionen fanden sich zudem auffällig viele Gene aus dem Bereich der Immunantwort. Das passt zu aktuellen Forschungsergebnissen, die dem Immunsystem und Entzündungsprozessen im Gehirn eine Rolle bei Schizophrenie zuschreiben.
„Diese Arbeit zeigt, dass das Schizophrenie-Risiko nicht einfach auf einzelne Gene zurückzuführen ist, die nacheinander wirken. Es geht darum, wie Netzwerke von Genen zusammenarbeiten“, wird Daniel Weinberger, Direktor des Lieber Institute for Brain Development, zitiert. „Wenn wir diese koordinierten genetischen Programme verstehen, kommen wir der Präzisionspsychiatrie näher, also Behandlungen, die auf das individuelle biologische Profil eines Patienten zugeschnitten sind.“
Doch die Studie hat Grenzen. Die Genaktivitätsdaten stammen aus Gewebeproben, die alle Zelltypen eines Hirnbereichs vermischen. Feinere Unterschiede zwischen einzelnen Nervenzelltypen bleiben dabei unerkannt. Und bei solchen Analysen gilt: Eine statistische Verbindung zwischen einem Gen und einer Erkrankung ist noch kein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang.
Dennoch markiert die Studie methodisch einen Fortschritt. Sie zeigt, dass ein erheblicher Teil der genetischen Grundlagen von Schizophrenie bislang schlicht übersehen wurde, weil die Analyseansätze zu eng gefasst waren.
Nota. - "Forscher wissen seit Jahrzehnten, dass sie erblich ist" - genauer gesagt, Forscher sind sich einig, dass die Disposition zu einer Schizophrenie auf familialem Weg weitergegeben wird. Strittig ist nach wie vor, ob es sich bei der familialen 'Vererbung' um einen physiologischen, nämlich genetischen Prozess handelt, oder um eine systemisch-kybernetische Übertragung im Rahmen einer spezifischen Familienstruktur - wobei im ersten Fall eine faktorielle Kausalität, im zweiten Fall lediglich ein Bedingungsverhältnis gegeben ist, in dem genetische Faktoren, die eine Disposition erst aktivieren könnten, nur eine unter vielen Bedingungen wären.
Obige Untersuchung geht fraglos von der Überzeugung von einer genetisch-kausalen Erblichkeit aus, ohne eine Beteiligung lebensweltlicher Zusatzbedingungen wenigstens in Frage zu stellen. Zum Beispiel, ob die besagten 'Koexpressionsnetz-werke' etwa erst durch individuelle lebensgeschichtliche Erfahrungen zusammengeführt werden...
JE
aus scinexx.de, 16. Januar 2026
Schizophrenie ist eine der am meisten missverstandenen psychischen Erkrankun-gen. Sie wird häufig mit einer „gespaltenen Persönlichkeit“ verwechselt, bezeichnet jedoch eine Störung von Wahrnehmung, Denken und Realitätsbezug. Wie Schizo-phrenie entsteht und wie sie behandelt werden kann, versuchen Forschende anhand von genetischen Risikofaktoren, Veränderungen im Gehirn und dem Einfluss von Umwelt und Lebensgeschichte zu entschlüsseln.
„Das ist doch total schizophren.“ Das wird umgangssprachlich manchmal gesagt, um etwas als widersprüchlich, inkonsequent oder absurd zu beschreiben. Tatsäch-lich ist Schizophrenie jedoch eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die für Betroffene mit großem Leid verbunden ist und ihre Lebenserwartung im Schnitt um etwa 15 Jahre verkürzt. Doch was macht diese Erkrankung aus?

Viele Menschen denken zuerst an einen Menschen mit mehreren Persönlichkeiten, eine Symptomatik, die heute als dissoziative Identitätsstörung bekannt ist. Doch das ist eine Fehlannahme, denn bei Schizophrenie nicht der Fall. Der Begriff Schizophrenie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „gespaltener Geist“. Daher ist es nachvollziehbar, dass manche Menschen diese Erkrankung mit einer „gespaltenen Persönlichkeit“ gleichsetzen. Das ist jedoch nicht gemeint, sondern eine Störung im Zusammenspiel von Denken, Wahrnehmung und Gefühlen. Schizophrenie zählt zu den psychotischen Erkrankungen und verläuft bei den meisten Betroffenen in Schüben, also in Phasen mit akuten Symptomen und Zeiten relativer Stabilität.
20 bis 25 Prozent der Betroffenen erleben eine psychotische Episode und haben danach keine Beschwerden mehr. Nur ein vergleichsweiser kleiner Anteil entwickelt einen schweren chronischen Verlauf, etwa fünf bis zehn Prozent. Im Laufe ihres Lebens erkrankt etwa eine von 100 Personen in Deutschland an Schizophrenie. Männer sind dabei leicht häufiger betroffen und haben ein durchschnittlich früheres Erkrankungsalter.
Es gibt kein einzelnes Symptom, das eindeutig auf Schizophrenie hinweist. Entsprechend unterschiedlich können auch Krankheitsverläufe aussehen. Allgemein lässt sich aber sagen, dass betroffene Menschen in psychotischen Episoden in einer anderen Realität leben. So denken sie zum Beispiel, sie würden verfolgt, selbst, wenn es dafür keine glaubwürdigen Beweise gibt. Das ist eine für Schizophrenie typische Wahnvorstellung.
Der Verfolgungswahn zählt zu den sogenannten Positivsymptomen der Schizophrenie – nicht, weil er „gut“ oder positiv im umgangssprachlichen Sinn wäre, sondern weil der normalen Realität etwas hinzugefügt wird.
Deshalb werden solche Symptome auch als Plussymptome bezeichnet. Dazu gehören auch Halluzinationen, die in jeder Sinnesform auftreten können, aber sehr häufig als Stimmen wahrgenommen werden. Betroffene hören diese Stimmen, als wären sie wirklich im Raum. Sie können kommentierend sein oder in seltenen Fällen auch Befehle erteilen.

Ebenfalls zu den Positivsymptomen der Schizophrenie zählen die sogenannten Ich-Störungen. Dabei haben Betroffene das Gefühl, dass die Grenze zwischen ihnen selbst und der Außenwelt verschwimmt. Beispielsweise kann es so scheinen, als wenn ihnen Gedanken von außen eingegeben werden oder eigene Handlungen nicht mehr als selbst gesteuert wahrgenommen werden. Für Außenstehende sind solche Erlebnisse oft schwer nachzuvollziehen, für die Betroffenen fühlen sie sich jedoch vollkommen real an.
Das Gegenstück zu den Positivsymptomen sind die Negativsymptome. Dabei geht etwas verloren, das bei gesunden Menschen normalerweise vorhanden ist. Dazu zählen etwa Antriebslosigkeit oder die sogenannte Affektverflachung, was bedeutet, dass Betroffene kaum noch starke Gefühle empfinden. Das geht oft mit sozialem Rückzug einher. Die Negativsymptomatik kann einer Depression ähneln, ist aber nicht das Gleiche.
Zudem kognitive Beeinträchtigungen können bei einer Schizophrenie auftreten. Das können Probleme mit der Aufmerksamkeit sein, mit der Konzentration oder dem Lern- und Erinnerungsvermögen. Früher wurden solche kognitiven Symptome der Schizophrenie kaum beachtet. Aktuell gelten sie dagegen sogar als zentraler Bestandteil der Erkrankung.
Denn solche kognitiven Störungen treten oft schon in frühen Krankheitsphasen auf und spielen deswegen bei der Früherkennung eine große Rolle. Außerdem haben sie großen Einfluss auf das soziale und berufliche Leben der Betroffenen. Diese Symptome können beispielsweise auch den Therapieerfolg beeinträchtigen, da sie die Schizophrenie-Patienten zum Beispiel daran hindern, regelmäßig Arzttermine wahrzunehmen oder ihren Alltag zu bewältigen.
Doch für viele Betroffene bedeutet eine Schizophrenie-Diagnose nicht zwangsläufig eine dauerhafte Einschränkung. Denn antipsychotische Medikamente, auch Neuroleptika genannt, können die Positivsymptomatik der Schizophrenie gut unterdrücken. Wer nur eine einzelne Episode durchlebt oder über lange Zeit stabile Phasen hat, kann sogar ein ganz normales Leben führen. Entscheidend sind jedoch eine frühzeitige Behandlung, eine gute medizinische Begleitung und ein unterstützendes soziales Umfeld. Antipsychotika, Psychotherapie und die Vermeidung von Stress können dabei helfen, Rückfälle zu vermeiden.
Du bist überzeugt, dass etwas nicht stimmt. Du prüfst deine Gedanken immer wieder, suchst nach Gegenargumenten, doch alles läuft darauf hinaus, dass etwas Schlimmes passieren wird. Wenn du mit anderen darüber sprichst, winken sie jedoch ab. Was du beobachtest, sei Zufall. Für dich wirkt das unglaubwürdig. Es scheint dir wahrscheinlicher, dass deine Mitmenschen etwas vor Dir verbergen oder Teil einer Verschwörung sind. Denn nur das kann erklären, warum sie behaupten, es sei nichts.
Doch die Dinge, die andere zu ignorieren scheinen, fühlen sich für dich enorm wichtig an. Stimmen, die du nicht zuordnen kannst, geben hämische Kommentare ab, manchmal hörst du deine Nachbarn, die über dich reden. Lieder im Radio beziehen sich scheinbar direkt auf dein Leben, enthalten versteckte Botschaften. Manchmal sind es Drohungen, manchmal Hinweise darauf, dass du rund um die Uhr beobachtet wirst. Prominente im Fernsehen sprechen über dich, ohne deinen Namen zu nennen. Warum sie nicht direkt zu dir sprechen, kannst du dir nicht erklären.
Du hast Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, weil du überzeugt bist, dass die Menschen, die dich beobachten, dich bestrafen werden. Einmal nimmst du allen Mut zusammen und widersetzt dich den Beobachtern. Du gehst spazieren, ohne vorher im Fernsehen nachzuschauen, ob es erlaubt ist. Prompt reagieren die Stimmen wütend. Im Radio laufen Lieder, die dir drohen: „One way, or another, we’re gonna find you, we’re gonna get you, get you, get you, get you…“ Du suchst verzweifelt nach einer anderen Deutung, aber keine erscheint plausibel. Sie wollen dir etwas Böses.
Doch dann, so schnell es gekommen ist, verschwindet es wieder: Die Stimmen verstummen. Fernsehsendungen sind wieder nur Sendungen, Lieder nur Lieder. Die Notizen, die du aufgeschrieben hast, wirken plötzlich wie wirres Kauderwelsch. Langsam erkennst du, dass das alles nur ein Wahn war. Die Welt interessiert sich nicht für dich, geschweige denn will sie dir etwas antun. Endlich hast du deinen Verstand zurück. Und doch weißt du: Wenn du ihn jemals wieder verlierst, wirst du es als Letztes merken.

So beschreibt ein Betroffener im Internetforum „Psychosis“ auf der Plattform Reddit seine Erfahrung mit einer schizophrenen Psychose. Der Text veranschaulicht typische Positivsymptome, bei denen dem subjektiven Erleben Wahrnehmungen oder Bedeutungen hinzugefügt werden, die für andere nicht vorhanden sind.
Für viele Betroffene beginnt eine psychotische Episode mit dem diffusen Gefühl, das etwas „im Busch ist“. Sie können noch nicht zuordnen, was genau nicht stimmt, bis ein vollständiger Wahn ausbricht, in diesem Fall der Verfolgungswahn. Er ist besonders häufig und galt lange als charakteristisch für die sogenannte paranoide Schizophrenie, die nach der internationalen Krankheitsklassifikation ICD-10 die am häufigsten diagnostizierte Unterform war. In der aktuellen ICD-11 wurden diese Unterteilungen jedoch aufgegeben und zu einer einheitlichen Schizophrenie-Diagnose zusammengeführt.
Was ebenfalls im Text deutlich wird, ist der sogenannte Beziehungswahn. Dabei beziehen erkrankte Menschen alles auf sich, alltägliche Dinge enthalten dann plötzlich verschlüsselte Nachrichten. Nicht zu verwechseln ist der Beziehungswahn mit dem Liebeswahn. Dabei denken Betroffene, eine meist höhergestellte Person wie Stars oder Vorgesetzte wäre in sie verliebt. Manchmal werden dann Versuche unternommen, diese Person zu kontaktieren.
Was nicht im Text vorkommt, ist der für Schizophrenie ebenfalls häufige Beeinflussungswahn. Dabei erleben Betroffene ihre Gedanken, Gefühle oder Handlungen als von außen gesteuert, etwa durch technische Geräte, Strahlen oder fremde Mächte. Damit einher gehen oft sogenannte Ich-Störungen. Sie betreffen das grundlegende Erleben des eigenen Selbst. Gedanken fühlen sich plötzlich fremd an, als würden sie eingegeben oder aufgezwungen. Manche Betroffene sind überzeugt, ihre Gedanken würden nach außen dringen und von anderen mitgehört, andere glauben, Gedanken würden ihnen entzogen oder manipuliert. Das, was normalerweise als innerer, geschützter Raum erlebt wird, verliert seine Abgrenzung.
Auch Schuldwahn kommt vor: Betroffene sind dann überzeugt, schwere Schuld auf sich geladen zu haben oder für Unglücke, Krankheiten oder das Leid anderer verantwortlich zu sein. Im Verarmungswahn besteht hingegen die feste Überzeugung, finanziell ruiniert zu sein oder unmittelbar vor dem sozialen Absturz zu stehen, unabhängig von der tatsächlichen Lebenssituation. Körperbezogene Wahninhalte äußern sich etwa als hypochondrischer Wahn, bei dem Menschen glauben, schwer krank zu sein.
Auch wenn sich Wahninhalte unterscheiden: Gemeinsam haben sie alle, dass die Betroffenen unerschütterlich von ihren Vorstellungen

überzeugt sind. Mit logischen Argumenten lässt sich dies nicht auflösen, was den Umgang mit erkrankten Menschen erschwert. Es hilft wenig, Betroffene vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Widerspruch führt oft eher dazu, dass sich Menschen missverstanden fühlen oder sich zurückziehen. Sinnvoller ist es, das Leiden ernst zu nehmen, ohne die wahnhaften Überzeugungen zu bestärken – eine schwierige Gradwanderung.
Bisher ist erst in Teilen geklärt, welche Ursachen eine Schizophrenie hat und warum sie bei einigen Menschen auftritt, bei anderen nicht. Dennoch gibt es einige Faktoren, die das Risiko stark erhöhen. Auch zu den Mechanismen, die der Schizophrenie zugrunde liegen, hat die Forschung inzwischen einiges herausgefunden.

Was alle an Schizophrenie erkrankten Menschen gemeinsam haben, ist eine genetische Veranlagung für die Krankheit. Studien mit Zwillingen zeigen: Rund 81 Prozent des Erkrankungsrisikos lassen sich durch genetische Faktoren erklären. Besonders deutlich wird das bei eineiigen Zwillingen: Erkrankt ein Zwilling, ist das Erkrankungsrisiko für den anderen Zwilling deutlich höher, und zwar um die 40 bis 50 Prozent. Dabei ist es egal, ob die Zwillinge in derselben Familie oder separat aufwachsen.
Neben der genetischen Veranlagung gibt es weitere biologische Faktoren, die das Risiko beeinflussen können. Dazu zählen etwa Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt, Störungen des Immunsystems, Virusinfektionen vor der Geburt oder Mangelernährung. Jeder dieser Faktoren für sich genommen erhöht das Risiko allerdings nur leicht. Deutlich stärker fällt dies bei belastenden Erfahrungen in der Kindheit aus. Menschen, die Vernachlässigung oder körperliche beziehungsweise sexuelle Gewalt erlebt haben, erkranken häufiger an Schizophrenie.

Auch Cannabiskonsum gilt als Risikofaktor, vor allem bei jungen Menschen mit psychischer Vorbelastung. Der berauschend wirkende Cannabis-Inhaltsstoff THC kann bei anfälligen Personen den Hirnstoffwechsel beeinflussen und so das Auftreten von Psychosen begünstigen. Heutige Cannabisprodukte enthalten jedoch mehr THC als früher. „Dies ist wahrscheinlich ein wesentlicher Treiber für den zunehmenden Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Schizophrenie“, erklärt Nicholas Fabiano von der University of Ottawa.
Neben diesen Risikofaktoren hat die Forschung eine eindeutige und einheitliche Ursache der Schizophrenie bislang nicht gefunden. Weder ein einzelner Auslöser noch ein bestimmter Hirnmechanismus kann die große Bandbreite der Symptome erklären. Möglicherweise verbergen sich hinter dem Begriff Schizophrenie sogar mehrere unterschiedliche Krankheitsbilder, da Symptome, Schweregrad und Verlauf individuell sehr verschieden sind.
Zwei wichtige Erklärungsansätze für die Entstehung der Schizophrenie sind jedoch die Dopamin- und die Glutamathypothese. Die Dopaminhypothese geht davon aus, dass psychotische Symptome entstehen, wenn das Dopaminsystem im Gehirn aus dem Gleichgewicht gerät. Dopamin ist ein zentraler Botenstoff, der an Motivation, Lernen, Belohnung und der Bewertung von Reizen beteiligt ist. Das Dopaminsystem hilft dem Gehirn dabei, Bedeutung zuzuweisen und zwischen relevanten und irrelevanten Eindrücken zu unterscheiden.
Gerät dieses System aus der Balance, kann es dazu kommen, dass eigentlich neutrale Reize als besonders bedeutsam wahrgenommen werden. In der Forschung gilt dies als möglicher Mechanismus für die Entstehung von Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Hinweise darauf lieferten frühe Beobachtungen, dass Substanzen, die die Dopaminaktivität erhöhen, psychoseähnliche Symptome auslösen können, während eine Hemmung der Dopaminwirkung diese Symptome abschwächt.

Allerdings stößt die Dopaminhypothese auch an ihre Grenzen. Bis heute ist nicht bekannt, warum Medikamente, die an Dopaminrezeptoren ansetzen, erst nach ein paar Wochen wirken, obwohl die Rezeptorbindung bereits innerhalb von Minuten erfolgt. Zudem zeigen Studien, dass man auch bei gesunden Menschen erhöhte Dopaminspiegel messen kann, ohne dass diese eine Schizophrenie entwickeln. Deswegen geht man heute davon aus, dass das Ungleichgewicht im Dopaminsystem nur einen kleinen Teil der Ursachen für psychotische Erkrankungen ausmacht.
Die Glutamathypothese besagt, dass eine Unterfunktion bestimmter Glutamatrezeptoren, insbesondere des N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptors, zur Entstehung der Schizophrenie beiträgt. Der NMDA-Rezeptor ist eine Andockstelle für den Neurotransmitter Glutamant, die die Kommunikation zwischen Nervenzellen ermöglicht und für Lernfähigkeit und Anpassungsfähigkeit des Gehirns wichtig ist.
Substanzen wie Phencyclidin (PCP) oder Ketamin blockieren diesen Rezeptor und können dadurch Symptome hervorrufen, die der Schizophrenie ähneln. Da der NMDA-Rezeptor so wichtig für die Anpassungsfähigkeit des Gehirns ist, könnten Störungen an ihm sowohl Positivsymptome wie Halluzinationen oder Wahn als auch Negativsymptome wie Antriebslosigkeit oder sozialer Rückzug erklären. Genetische Studien stützen die Annahme, dass Veränderungen an diesem Rezeptor mit der Krankheit zusammenhängen.
Ein wichtiger Aspekt der Glutamathypothese ist, dass sie die klassische Dopaminhypothese ergänzt. Nach aktuellen Modellen kann eine NMDA-Rezeptor-Unterfunktion zu einer indirekten Überaktivierung des dopaminergen Systems führen.
Eine psychische Erkrankung bringt für die Betroffenen meist nicht nur die Symptome und Einschränkungen der Krankheit selbst mit sich. Hinzu kommt oft der Umgang mit Vorurteilen und ablehnenden Reaktionen aus dem Umfeld. Weil viele Betroffene immer wieder Ausgrenzung, Benachteiligung oder Ablehnung erleben, sprechen Fachleute auch von einer „zweiten Krankheit“: der Stigmatisierung, die zusätzlich zur eigentlichen Erkrankung belastet.
Menschen mit Schizophrenie werden in der Gesellschaft häufig als gefährlich, unberechenbar oder wenig leistungsfähig angesehen. Oft wird ihnen sogar eine Mitschuld an ihrer Erkrankung gegeben und viele glauben fälschlicherweise, dass es kaum Chancen auf Besserung oder Heilung gibt. Dabei ist die Schizophrenie eine zwar schwere, aber durchaus behandelbare Krankheit.

Für die Betroffenen haben diese Fehlannahmen schwerwiegende Folgen: Sie erleben soziale Ausgrenzung und werden bei der Suche nach Arbeit oder Wohnraum benachteiligt. Das ist besonders fatal, wenn die Erkrankung bereits im jungen Erwachsenenalter beginnt und manche Betroffene deshalb keine berufliche Ausbildung abschließen können. Auch bei der medizinischen Behandlung kann es zu Nachteilen kommen, zum Beispiel wenn körperliche Beschwerden nicht ernst genommen und stattdessen allein auf die Psyche zurückgeführt werden. Die Stigmatisierung belastet zudem das Selbstwertgefühl und schränkt die Lebensqualität der Betroffenen deutlich ein.
Wie stark diese Ablehnung ist, zeigen Studien zur sogenannten sozialen Distanz. Damit ist gemeint, wie bereit Menschen sind, im Alltag Kontakt zu einer psychisch erkrankten Person zu haben – etwa als Nachbarin, Kollegen oder Freund. Gegenüber Menschen mit Schizophrenie ist diese Bereitschaft in Deutschland in den letzten 30 Jahren zurückgegangen. Im Gegensatz dazu werden andere psychische Erkrankungen wie Depressionen heute deutlich stärker akzeptiert.

Einer der Gründe dafür: Vor allem einzelne Gewalttaten prägen heute das öffentliche Bild der Schizophrenie. Ein Beispiel dafür ist die Tat in Aschaffenburg im Januar 2025: Ein Täter griff während einer schizophrenen Psychose eine Kita-Gruppe an. Dabei wurde ein zweijähriges Kind tödlich verletzt, ebenso ein 41-jähriger Passant, der versuchte, den Täter aufzuhalten. Mehrere weitere Personen erlitten schwere Verletzungen. Aufgrund seiner Erkrankung wurde der Täter für schuldunfähig erklärt und bis auf Weiteres in einer Psychiatrie untergebracht. Nach eigenen Angaben hatte er Stimmen gehört, die ihm das Töten von Kindern befohlen hätten.
Für viele Menschen ist ein Bericht über solch eine Tat der erste Berührungspunkt mit Schizophrenie. Dadurch verfestigt sich der Eindruck, Gewalt sei ein fester Bestandteil der Krankheit, obwohl dies in vielen Fällen weniger mit der Diagnose selbst als mit den Lebensumständen der Betroffenen zusammenhängt. Wie verbreitet diese Vorstellung ist, zeigt auch eine Studie des Generika- und Biopharmazeutika-Herstellers TEVA: Demnach bringen rund 60 Prozent der Befragten eine Schizophrenie-Erkrankung direkt mit Gewalt in Verbindung.
Tatsächlich zeigen Studien einen statistischen Zusammenhang zwischen Schizophrenie und Gewaltdelikten. In einer großen Registerstudie mit schwedischen Bevölkerungsdaten kamen Forschende 2014 zu dem Ergebnis, dass Menschen mit Schizophrenie im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung häufiger wegen Gewaltdelikten verurteilt werden. Das Team um Seena Fazel von der University of Oxford fand dabei ein bis zu siebenfach erhöhtes relatives Risiko.
Dieses Ergebnis bedeutet jedoch nicht, dass Menschen mit Schizophrenie mit hoher Wahrscheinlichkeit gewalttätig werden. Ein relatives Risiko beschreibt einen Vergleich: Wenn in der Allgemeinbevölkerung zum Beispiel eine von 100 Personen wegen eines Gewaltdelikts verurteilt wird, wären es bei Menschen mit Schizophrenie etwa 6 bis 7 von 100. Zudem erfassen diese Zahlen ausschließlich strafrechtliche Verurteilungen. Nicht jede Gewalttat führt jedoch zu einer Anzeige, sodass die Studie kein vollständiges Bild individueller Gewaltbereitschaft liefert.
„Es ist wahrscheinlicher, dass Schizophrenie-Betroffene selbst zum Opfer von Gewalttaten werden. Und das muss man bei dem Thema auch immer im Hinterkopf haben „, sagt Fazel.
Bei Gewaltdelikten von Schizophrenie-Patienten spielen neben der Erkrankung zudem meist weitere Merkmale eine wichtige Rolle, darunter Alkohol- oder Drogenmissbrauch, frühere Gewalttaten, soziale Belastungen sowie das männliche Geschlecht. Diese Faktoren erhöhen das Gewaltrisiko auch bei Menschen ohne Schizophrenie.
Seena Fazel betont zudem: „Was mir ganz wichtig ist: Es ist immer noch so, dass die meisten Menschen mit Schizophrenie – trotz des erhöhten Risikos – niemals gewalttätig werden. In ihrem ganzen Leben nicht.“ Eine angemessene Behandlung sowie soziale Unterstützung können das Gewaltrisiko zusätzlich deutlich senken.
16. Januar 2026
von Carolin Malmendi
Eisgang zu öffentliche Angelegenheiten Die Verwendung von links und rechts als politische Begriffe stammt aus der Abge-ordnetenkammer der restaurierten bourbonischen Monarchie in Frankreich. Rechts vom Rednerpult saßen die Verteter des altbewährten Königtums von Gottes Gna-den, ganz links davon die verstohlenen überlebenden Sympathisanten den geschei-terten Revolution. Aber es war sowieso eine Chambre introuvable, von der die Welt keine Notiz nahm.
Der 'legitime' König Karl X. wurde 1830 von einer Volksrevolution gestürzt und durch den "Bürgerkönig" Louis Philippe aus dem orléanistischen Zweig der Bour-bonen ersetzt. Doch schon kamen in der Volksbewegung Rufe nach einer sozia-len oder "roten" Republik auf. 1848 wurde auch der König des Juste milieu hin-weggefegt und etablierte sich eine volkstümlich-proletarische Linke in der Juni-Insurrektion als Generalopposition gegen die neue Herrschaft der noch eher fi-nanziellen als industriellen Bourgoisie.
Ihre blutige Niederschlagung durch den General Cavaignac hinterließ einen tief-roten Trennungsstrich zwischen Rechts und Links - quer durch Europa hindurch, und machte den Kommunismus zum ultimativen Bezugspunkt des politischen Spektrums. Für oder gegen die proletarische Weltrevolution war die Scheidelinie; mit tausenden Nuancen dazwischen.
Nicht aber in Frankreich selbst. Dort warf sich das Haupt der Familie Bonaparte zum neuen Kaiser auf, der mit starker Hand ein Schiedsrichter oberhalb von Links und Rechts zu sein versprach; und die große Masse der französischen Parzellenbau-ern, die zwar die eigentlichen Gewinnler der Revolution gewesen waren, aber inzwi-schen längst am Tropf der Banken hingen, weil ihnen nicht mehr das Land, aber das nötige Geld fehlte, ergaben sich seiner Führerschaft.
Die auf die Niederlage Napoleons III. gegen Bismarck folgende Pariser Commu-ne ließ keinen Raum mehr für Schattierungen: Dafür oder dagegen?
Machen wirs kurz. Aus der Massenschlächterei des (I.) Weltkriegs ging in Russland mit der Oktoberrevolution die erste proletarische Staatsmacht hervor. Sie konnte nicht überleben, solange sie auf das rückständige Zarenreich beschränkt blieb. Sozi-alismus konnte es nicht geben in einem Land. Links oder rechts hieß: Für oder ge-gen die Ausweitung der Weltrevolution?
Der entscheidende Platz war Deutschland. Die bürgerliche Republik hatte sich schnell als eine Chimäre entpuppt: Ihr eigentlicher Träger war die Sozialdemokratie, nachdem sie sich eben als Speerspitze der Konterrvolution bewährt hatte. Ach nein, sie wussten ihr kein' Dank, und ließen sie mit den Kriegsschulden allein im Regen stehn. Im Sommer 1923 schien ihre Zeit abgelaufen.
Doch keine Revolution ohne eine revolutionäre Partei, die entschlossen ist, die Macht zu ergreifen, sobald sie taumelt. Die junge KPD war der Aufgabe - warum auch immer - nicht gewachsen. Die Folgen waren verheerend und nicht nur in Deutschland. In Russland gewannen die Kräfte, die nach jahrelangem Bürgerkrieg endlich auf Ruhe und Frieden hofften, die Oberhand gegen die Falken der Weltre-volution. Ihr gemeinsamer Nenner wurde im Lauf der Jahre der gesichtslose Ap-paratschik Josef Stalin, der zuerst den hartnäckigen Revolutionären den Garaus machte, und danach, einem nach dem anderen, seinen Veründeten, die es ihm er-möglicht hatten.
Die Herrschaft Stalins in Russland schlug sich in der Kommunistischen Internatio-nale darin nieder, dass die deutschen Kommunisten unter der Parole, der Haupt-feind sei der sozialdemokratische Sozialfaschismus und "Nach Hitler kommen wir!", den politischen Kampf gegen den Nationalsozialismus gar nicht erst versuch-ten, sondern mit Straßenaufzügen, Agitprop und Saalschlachten mit der SA vorgau-kelten. Sie wurden am 30. Januar 1933 von Hitlers Reichskanzlerschaft völlig über-rumpelt.
Die Tragödie, die folgte, muss ich hier nicht nacherzählen. Nicht verschweigen kann ich allerdings den stalinistischen Verrat an der spanischen Revolution, die mit dem Sturz der dortigen Bourbonen begonnen und zur Wahl einer ersten Volksfront-regierung geführt hatte. Ihr erster und letzter Höhepunkt war die Bestellung des sozialistischen Arbeiterführers Largo Caballero zum Ministerpräsidenten, der den Militärputsch durch die Ausweitung der Arbeiterrevolution brekämpfen wollte. Im Mai 1937 wurde Largo Caballero auf Druck aus Moskau gestürzt und in der repu-blikanischen Zone der 'erste Versuch einer Volksdemokratie' durchgedrückt - GPU inclusive.
Und das ganze in dem Bemühen, England und Frankreich zu einem Anti-Hitler-Bündnis mit der Sowjetunion zu verführen. Als das Bemühen erfloglos blieb und Franco gesiegt hatte, zögerte Stalin nicht, mit Hitler ein Bündnis zu schließen...
*
Mit der Weltrevolution ist es danach nichts mehr geworden. Man kann streiten, zu welchem Datum Schluss war. Daran liegt hauptsächlich denen, die es nie so recht abwarten konnten, weil sie es nie so ernt gemeint hatten. Das sind die, die im Lauf der Zeit und dann immer rascher von links nach rechts gewechselt sind, Schritt für Schritt.
So ein Linker bin ich nie gewesen. Als 1989/90 kein Zweifel mehr war, dass die Zeit der Weltrevolution vergangen ist, habe ich es eingesehen. Dann muss die Ge-schichte eben weitergehen, wie sie mal geworden ist; und man muss das beste draus machen.
unsplashTief durchatmen vor einer schwierigen Entscheidung – der Ratschlag ist so alt wie banal. Nun zeigt sich, dass an ihm mehr dran sein dürfte als bloße Küchenpsycho-logie. Wer langsam und vor allem lange ausatmet, trifft mutigere Entscheidungen. Das berichtet ein Forschungsteam des Deutschen Instituts für Ernährungsfor-schung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) und der Charité – Universitätsmedizin Berlin .
Die im Fachjournal Neuron präsentierten Ergebnisse rühren an einer verbreiteten Annahme darüber, wo unsere Entscheidungen eigentlich entstehen. Gemeinhin verortet man sie im Gehirn, das Informationen abwägt und zu einem Urteil gelangt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn der momentane körperliche Zustand redet mit, und zwar mehr, als den meisten bewusst ist. Die Arbeit ist Teil des Forschungsfeldes, das die Wechselwirkung von Körper und Gehirn vermisst. Sie stützt sogenannte neuroviszerale Modelle, denen zufolge der Zustand des Körpers kognitive Vorgänge maßgeblich mitformt.
Die Situation, die die Forschenden besonders interessierte, kennt fast jeder: Das Herz pocht, der Atem geht schnell, und gerade jetzt steht eine Entscheidung an. Unter solchen Bedingungen neigen Menschen dazu, vorsichtig zu agieren und mögliche Verluste klein zu halten – ob bei einer Investition unter Zeitdruck, im heiklen Personalgespräch oder bei der eiligen Wahl des Mittagessens. Ein ruhigerer Puls könnte umgekehrt dazu führen, die Lage günstiger einzuschätzen.
Hier setzte das Team um Soyoung Q Park (DIfE) an, das wissen wollte, ob sich über die bewusste Steuerung des Atems eine Art physiologischer Neustart erreichen lässt. "Unsere Entscheidungen werden selten nur durch äußere Informationen bestimmt", sagt Park. "Vielmehr erfolgt unser Urteilsvermögen im Zusammenspiel mit unserem momentanen körperlichen Zustand."
Für das Experiment beobachteten die Wissenschafterinnen und Wissenschafter 41 gesunde Probandinnen und Probanden bei riskanten Entscheidungen. Visuelle Hinweise gaben den Takt vor: Mal atmeten die Teilnehmenden in ihrem natürlichen Rhythmus, mal langsamer und mit deutlich verlängerter Ausatmung. Währenddes-sen erfasste die funktionelle Magnetresonanztomographie die Hirnaktivität, parallel dazu zeichneten die Forschenden Atmung, Herzschlag, Hautleitfähigkeit und Pupillenreaktionen auf.
Die Kombination dieser Messungen lieferte Hinweise darauf, dass die verlängerte Ausatmung tatsächlich ursächlich auf die Belohnungsverarbeitung im Gehirn durchschlägt: Wer länger ausatmete, verlangsamte damit seinen Herzschlag und entschied sich anschließend riskanter. Die Probanden ließen sich stärker von möglichen Gewinnen leiten, während die Bewertung drohender Verluste unverändert blieb. Es ging also nicht um pauschal mehr Wagemut, sondern um eine verschobene Aufmerksamkeit – hin zur Belohnung.
Das ließ sich auch im Gehirn nachzeichnen. Zwei Areale, der ventro-mediale präfrontale Kortex und der Precuneus, zeigten erhöhte Aktivität. Beide stehen mit der Herzfrequenzvariabilität in Verbindung, also den feinen zeitlichen Abständen zwischen zwei Herzschlägen, und zugleich mit der Empfänglichkeit für Belohnungen. "Das Zusammenspiel von Atmung und Herzdynamik macht das Gehirn auch empfänglicher für Belohnungen", erklärt Erstautor Wenhao Huang.
Atemtechniken begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden, in Religionen ebenso wie in fernöstlichen Übungstraditionen. Was bislang fehlte, war der Nachweis, dass sie messbar und gezielt auf das Entscheiden wirken. "Wir liefern mit der Studie den wissenschaftlichen Beweis, dass es sich um eine verlässliche und gezielte Methode handelt, die unsere Entscheidungen steuern kann", sagt Park.
Als Werkzeug zur Selbstregulation hätte das einen seltenen Vorzug: Es kostet nichts, lässt sich überall anwenden und ist rasch erlernt. Auch in der Klinik könnte es als ergänzende, nichtpharmakologische Strategie taugen, etwa bei Angststörungen oder Depressionen. Beide gehen mit einer gestörten Selbstregulation des Körpers und einer veränderten Belohnungswahrnehmung einher.
Ob sich die Effekte über die gesunde Stichprobe hinaus bestätigen, müssen weitere Studien klären, etwa an Menschen mit Übergewicht. Dort könnten die Ergebnisse eine besondere Bedeutung zukommen: Was und wie viel wir essen, hängt stark davon ab, wie das Gehirn Belohnung bewertet und in welchem Zustand sich der Körper befindet. Eine gezielte Atemregulation, so die Hoffnung, könnte helfen, das eigene Essverhalten klarer wahrzunehmen und besser zu steuern. (tberg, 20.6.2026)
aus spektrum.de, 1. 7. 2026 Exklusive Übersetzung aus Scientific American
Lange war es relativ einfach, Gesichter zu erkennen, die aus der Feder von künstlicher Intelligenz (KI) stammten. Ob die Haut der abgebildeten Person unheimlich schimmerte, ob mit den Augen der Person etwas nicht stimmte oder sie gleich ein drittes Ohr besaß: Die Nachbildungen älterer KI-Modelle ließen sich meist schnell als Fälschungen entlarven.
Heute trifft das nicht mehr zu. Moderne KI-Bildgeneratoren erschaffen so überzeugende Porträts, dass selbst aufmerksame Betrachter oft nicht mehr zwischen echt und künstlich unterscheiden können. Deshalb erlauben Apps wie Zoom oder Tinder ihren Nutzern inzwischen, biometrische Daten wie Netzhaut-Scans hochzuladen, um zu beweisen, dass hinter einem Profilbild tatsächlich eine real existierende Person steckt. Doch eine neue Studie legt nahe, dass man auch sein Gehirn darauf trainieren kann, gefälschte Gesichter besser zu erkennen.
In der Vergangenheit empfahlen Fachleute vor allem, auf optische Auffälligkeiten oder andere charakteristische Signale zu achten, die entsprechende Programme meistens hinterlassen – etwa ein schiefes Ohr oder ein Auge mit zwei Pupillen. Solche Artefakte verschwinden allerdings oft, wenn die KI ein Update bekommt oder die Nutzer andere Prompts verwenden. »Die KI wird einfach zu gut«, sagt die Hauptautorin der Studie, Amy Dawel von der Australian National University. »Und Betrüger vermeiden oft ohnehin Bilder mit offensichtlichen Fehlern.«
Die Forscher gingen deshalb einen anderen Weg: Sie brachten den Teilnehmern bei, grundsätzliche Muster zu erkennen, die KI-generierte Gesichter von echten menschlichen Gesichtern unterscheiden. Moderne KI-Bildgeneratoren werden mit Datensätzen trainiert, die aus Millionen von Bildern bestehen. Wenn sie ein Gesicht erzeugen sollen, kopieren sie keine einzelnen Gesichter, sondern setzen ein neues zusammen, das zum Teil auf mathematischen Mustern basiert, die in den Gesichtern des Datensatzes häufig vorkommen. So entsteht ein »typisches« menschliches Gesicht.
Das führt dazu, dass KI-generierte Gesichter oft statistischen Durchschnittswerten entsprechen. Sie wirken nicht unrealistisch, sondern eher zu ausgewogen, zu generisch und zu konventionell. Keines dieser Merkmale ist für sich genommen verdächtig, doch zusammen ergeben sie ein Gesamtbild, das fade und langweilig erscheint, was Menschen oft unterbewusst wahrnehmen.
Künstlich oder echt? Tatsächlich
sind alle diese Porträts mithilfe eines KI-Tools erzeugt worden. Die
Forscherinnen und Forscher nutzten diese und ähnliche Aufnahmen, um ihre
Probanden im Erkennen von KI-generierten Gesichtern zu trainieren.
Im Vergleich zu echten Gesichtern sind KI-generierte Gesichter oft symmetrischer, besser proportioniert und attraktiver – wirken zugleich aber weniger ausdrucksstark, weniger markant und deutlich weniger einprägsam. Teilnehmenden, die darauf trainiert waren, diese sechs Merkmale zu erkennen, gelang es entsprechend doppelt so häufig, Fälschungen zu entlarven.
KI tendiert insgesamt zum Durchschnitt, Menschen hingegen nicht. Unsere Gesichter zeichnen sich durch zahllose kleine Abweichungen vom Normbild aus – subtile Asymmetrien, unverwechselbare Merkmale und individuelle Ausdrücke machen uns einprägsam. Was auf den ersten Blick wie Unvollkommenheit wirken mag, ist in Wirklichkeit unsere ganz eigene charakteristische Signatur.
Nota. - Die Natur rechnet nicht, sondern wächst. Dass die linke Gesichtshälfte der exakte Spiegel den rechten wäre, kommt so gut wie gar nicht vor. Ein Gesicht ohne Unebenheiten wirkt unecht, und das ist, wenn es um Menschen geht, ein Mangel.
JE
earworm
aus spektrum.de,
...
Der Ursprung des Ohrwurms hat viel damit zu tun, wie unser Arbeitsgedächtnis funktioniert. Verantwortlich dafür ist die sogenannte phonologische Schleife (Phonological Loop). Das ist ein Teil unseres Kurzzeitgedächtnisses, den man sich wie ein imaginäres Tonband vorstellen kann. Dieses Tonband läuft im Alltag ununterbrochen im Hintergrund. Wir brauchen es, um uns eine Telefonnummer im Kopf mehrmals vorzusagen, bis wir einen Stift gefunden haben, oder um die Sätze zu verstehen, die unser Gegenüber gerade spricht. Also damit, wenn wir das Ende hören, uns der Anfang noch präsent ist. [1] Normalerweise wird das Band danach sofort wieder gelöscht.
Musik hat allerdings Eigenschaften, die unser Gehirn fast magisch anziehen. Sie ist rhythmisch, wiederholt sich ständig und löst Emotionen aus. Wenn wir ein Lied mit einer besonders eingängigen Melodie hören (zum Beispiel eben der geniale Riff gleich zu Beginn von Suzie Q) verfängt sich diese Tonfolge in unserer phonologischen Schleife. Das Gehirn fängt an, das Tonband unbewusst im Kreis abzuspielen. Es entsteht ein mentaler Juckreiz, und das Gehirn versucht ihn zu kratzen, indem es uns das Lied immer wieder innerlich vorsingt. Und warum können wir nicht einfach aufhören?
Die Antwort darauf liefert eine bekannte Theorie aus der Psychologie: der Zeigarnik-Effekt. Die Forscherin Bluma Zeigarnik fand heraus, dass unser Gehirn eine fundamentale Eigenschaft hat. Es hasst unvollendete Aufgaben. Unerledigte Dinge bleiben im Gedächtnis extrem präsent, während erledigte Aufgaben sofort gelöscht werden. [3] Und genau da sitzt die Schwachstelle, an der sich der Ohrwurm festbeißt. Aus der Musikpsychologie wissen wir, dass wir selten einen ganzen Song als Ohrwurm haben. Meistens sind es nur Fragmente, ein paar Sekunden des Refrains oder, wie bei mir gerade, der markante Gitarrenriff am Anfang.
Wenn wir das Lied irgendwo im Radio oder beim Vorbeigehen kurz aufgeschnappt haben, hat unser Gehirn oft nur diesen einen Ausschnitt parat. Und der läuft nun auf Dauerschleife. Da wir das Ende des Liedes in diesem Moment womöglich nicht im Kopf haben, stuft unser Hirn den Song als „unvollendete Aufgabe“ ein. Die phonologische Schleife springt an, um das Rätsel zu lösen.

Und weil sie das Ende nicht findet, fängt sie am Ende des bekannten Fragments einfach wieder von vorne an. Schon sind wir in einer Dauerschleife gefangen. Der Ohrwurm. [4]
Was allerdings noch spannend bleibt, ist die Frage, wie wir überhaupt etwas hören können, das eigentlich überhaupt nicht da ist. Was passiert im Gehirn, wenn wir den Ohrwurm “hören”? Mithilfe funktioneller MRT-Untersuchungen, durch die wir sehen können, wo im Hirn erhöhte Aktivität zu finden ist, hat die Neurowissenschaft eine spannende Beobachtung gemacht. Ein Ohrwurm ist keine reine Einbildung, nicht bloß ein abstrakter Gedanke oder die Idee des Songs. Wenn wir einen Ohrwurm haben, dann hören wir das Lied gewissermaßen tatsächlich. [2]
In den Hirnscans können wir sehen, dass eben das Areal, das beim wirklichen Musikhören aktiv ist, auch hier aktiviert wird: der primäre auditorische Kortex, die Hörrinde. Gleichzeitig kommt auch der tiefer liegende Hippocampus ins Spiel, der zentral für das Gedächtnis ist. Er speichert die Erinnerung an das Lied ab und triggert die Hörrinde im Falle des Ohrwurms “den Song nochmal zu spielen”.


Zusätzlich findet im Hirn eine spannende Rückkopplung statt. Wenn wir im Kopf Mitsingen spannen wir unbewusst die Muskeln unseres Kehlkopfs und rund um die Stimmbänder ganz leicht an. Diese minimale körperliche Reaktion reicht, dass die motorischen Areale, die nun aktiv werden, wiederum Signale zurück an die Hörrinde senden. Diese Signale nennen wir Efferenzkopien. Sie teilen der Hörrinde mit, dass akustische Signale erzeugt werden. Das Gehirn feuert also einen Reiz ab, der Körper reagiert minimal und füttert schließlich die phonologische Schleife selbst direkt wieder von vorne. Der Ohrwurm geht weiter und weiter. Das System erhält sich also selbst.
Das Phänomen Ohrwurm zeigt uns, wie aktiv unser Gehirn selbst dann ist, wenn wir meinen, an gar nichts zu denken. Ohrwürmer treten nämlich besonders dann auf, wenn unser Kopf entweder unterfordert (beim Zähneputzen oder Spazierengehen) oder völlig überfordert (bei Stress) ist. In beiden Fällen sucht sich das Gehirn ein vertrautes, rhythmisches Muster, um sich entweder zu beschäftigen oder zu beruhigen.
Unser Gehirn ist sogar evolutionär darauf programmiert. Bevor die Menschheit die Schrift erfand, mussten Geschichten, Wissen und Traditionen über Generationen hinweg durch Gesang und Rhythmus weitergegeben werden. Unser Kopf liebt Melodien, weil er sich Informationen so am besten merken kann. An diese grundlegenden neuronalen Verschaltungen knüpft der Ohrwurm an.
Das nächste Mal, wenn dir ein Song den letzten Nerv raubt, ärgere dich also nicht. Es ist nur dein Gehirn, das versucht, eine offene Akte in deinem Gedächtnis zu schließen.
Und wenn dich der Ohrwurm zu sehr nervt, ist hier ein praktischer Tipp, wie du den Zeigarnik-Effekt austricksen kannst. Du musst dir das Lied, das in deinem Kopf feststeckt, einmal ganz bewusst von Anfang bis ganz zum Ende anhören. Sobald dein Gehirn das echte Finale hört, hakt es die Aufgabe als „erledigt“ ab. Das Tonband stoppt, die Akte wird geschlossen – und im Kopf ist endlich wieder Ruhe. Zumindest so lange, bis der nächste Ohrwurm anbeißt.
[1] Baddeley, A. (2000). The episodic buffer: a new component of working memory? Trends in Cognitive Sciences, 4(11), 417-423.
[2] Kraemer, D. J., Macrae, C. N., Green, A. E., & Kelley, W. M. (2005). Musical imagery: Sound of silence activates auditory cortex. Nature, 434(7030), 158-158.
[3] Zeigarnik, B. (1927). Das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen. Psychologische Forschung, 9(1), 1-85.
[4] Williamson, V. J., et al. (2012). How do „earworms“ start? Classifying the everyday triggers of Involuntary Musical Imagery (INMI). Psychology of Music, 40(3), 259-284.
[5] Bildquelle
[6] Bildquelle
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