Montag, 20. April 2026

Helen Frankenthaler, II.

Ausstellung Helen Frankenthaler
Kunstmuseum Basel 
18.04. - 23.08.2026Frankenthaler, Helen, 1964-1989, undated
Titel: Helen Frankenthaler in her studio on East 83rd Street, New York, 1974
Beschreibung: Im Hintergrund das Werk "April Mood" (1974).

Creditline: Photograph by Alexander Liberman, Getty Research Institute, Los Angeles (2000.R.19)
Photo Credit: Alexander Liberman, © J. Paul Getty Trust
Photo Credit: Werke © 2026 Helen Frankenthaler Foundation, Inc / ProLitteris, Zurich
aus welt.de, 20. 4. 2026     Helen Frankenthaler, 1974 im New Yorker Atelier vor „April Moon“             zu Geschmackssachen

Malerische Freiheit und das Wunder der Abstraktion

Wie Wetterfronten ziehen Helen Frankenthalers Farbflächen über riesige Lein-wände. Eine Ausstellung in Basel erinnert daran, wie radikal und wie unverbraucht die gegenstandslose Moderne in ihrem Werk geblieben ist.

Wie farbige Wolken, die vor der untergehenden Sonne und der längst unsichtbaren Welt schweben. Oder wie ausgerissene Stoffreste, die sich in wuchernden Farbfäden verfangen. So muss man sich diese Bilder vorstellen: Farbfluten, die wie Wetter-fronten über riesenhafte Leinwände ziehen. Und ganz klein, rechts unten, in dünner Schrift hat Helen Frankenthaler ihren Namen unter die visuellen Ereignisse gesetzt. Als sollte vom somnambulen Gleichgewicht aus Denken und Träumen nicht allzu viel Herkunft verraten werden.
 

Spektakulär, nichts weniger, ist die Ausstellung der amerikanischen Malerin im Kunstmuseum Basel. Es ist im andächtigen Fluss der Inszenierung wie kostbares Andenken an einen Triumph der gegenstandslosen Moderne. Längst hat man sich ja an den Verschleiß der Abstraktion gewöhnt, an die ungezählten Entlehnungen, Repliken und Verwertungen, sodass einem die Erinnerung an die einst großen Augenblicke des bestimmenden Idioms des 20. Jahrhunderts wie Wunder vorkommen.

Helen Frankenthaler, Tochter einer reichen, kunstaufgeschlossenen Familie, hat ihr Werk in den frühen 1950er-Jahren im Kreis der amerikanischen abstrakten Expressionisten begonnen. Bekannt und befreundet mit Künstlern wie Jackson Pollock, Lee Krasner, Willem de Kooning, Adolph Gottlieb, Arshile Gorky oder Morris Louis gehörte sie zum Inner Circle der sogenannten New York School, die ihr Partner, der Kritiker Clement Greenberg zur Referenzgröße des zeitgemäßen künstlerischen Fortschritts promotete.

Lee Krasner, Clement Greenberg, Helen Frankenthaler und Jackson Pollock, 1951
Lee Krasner, Clement Greenberg, Helen Frankenthaler und Jackson Pollock, 1951

Mit herrischer Geste haben die USA den Führungsstab von Europa übernommen. Und es hat gar nicht ausbleiben können, dass die meist monumentalen Abstraktionen der New Yorker Maler und Malerinnen, verbunden mit dem nicht weniger monumentalen Anspruch ihrer künstlerischen Letztbegründungen, zu Langstrecken-Waffen im Kalten Krieg wurden.

An der Front freilich hat sich Helen Frankenthaler nicht aufgehalten. Die ersten Bilder aus dem Jahr 1951 verraten noch die Nähe der Freunde, die Schule des Wildmalers Pollock, den sie „Jack the Dripper“ nannten, die expressiven Formauflösungen, die All-over-Struktur, die gestische Intuition, die Greenberg als „Action-Painting“ beschreiben wird. Aber schon Monate später ist die Künstlerin auf ihrer eigenen Spur. Sie breitet ihre Leinwände auf dem Boden aus und begießt sie mit stark verdünnter Farbe, die mit Händen oder Bürsten über die nicht grundierten Flächen gelenkt wird. Tief dringt das Kolorit ins Gewebe ein, wobei die verblassenden Töne diese eigentümliche Nebel-Stimmung erzeugen.

Helen Frankenthaler malt ihre selbstbegründete Welt

Dass die entstehenden Bilder Namen haben – „Open Wall“, „Shatter“, „Eden“, „Mediterranean Thoughts“ –, ist wohl unvermeidlich. Unser Sehen ist von Geburt an gegenständlich konditioniert. Es gibt keine genuin abstrakte Wahrnehmung. Erkenntnis ist immer mit Assoziationen verbunden. Assoziationen, die sich einstellen, wenn die Malerin auf ihren Leinwänden kniet oder sich über sie beugt. „Mediterranean Thoughts“ ist 1960 in Italien entstanden, wo Helen Frankenthaler mit ihrem Mann, dem Maler Robert Motherwell den Sommer verbrachte. Anders als ihr Titel führt die aufgeregte Komposition aber nicht gerade nach Alassio ans Meer. An Ferienruhe, genüssliche Entspanntheit denkt man beim Aufruhr der wie abgerissen wirkenden Farbfetzen zuletzt. Allenfalls sie, die Blau- und Braunakkorde, lassen an Meer und Sand denken.

Helen Frankenthaler träumt, was sie malt. Aber sie malt nicht, was sie träumt. Das gibt ihrem Werk diesen unverwechselbaren Zauber. Und der Verlass auf die letztlich unzugängliche Regie der Phantasie, das Vertrauen auf die Magie aus Steuern und Gewährenlassen bewahrt dieses Werk auch vor der Erstarrung im Muster. Es gibt nicht diese Frankenthaler-Marke – so wie man einen Pollock ziemlich sicher als Pollock oder einen Rothko gleich als Rothko identifizieren kann. Die wie zufällig anmutenden Berührungen der formlosen Farben, die Flucht der Linien über weite Bildstrecken, das Aufeinandertreffen der herkunftslosen Bilddinge, ihre fast scheue Verdichtung zur Atmosphäre – das alles macht diese Bilder zu Inszenierungen von singulärer Kraft. Wenn es einmal gelungen ist, das Bild gänzlich vom Abbild zu lösen und es in zeichenlose Freiheit zu entlassen, dann in diesem Werk.

Ganz anders als das Label „abstrakter Expressionismus“, der in den 1950er-Jahren „state of the art“ war und als offizielle Kunstsprache zum Signum des „freien Westens“ wurde, erklärte sich Helen Frankenthaler völlig unzuständig für die künstlerische Systemkonkurrenz. Ohne alles Pathos, ohne den Anspruch, die Kunst an ihr letztmögliches Ende gebracht (wie Ad Reinhardt) oder sie à fond neu erfunden zu haben (wie Barnett Newman) malt die Künstlerin ihre eigene, ihre selbstbegründete Welt.

„April Mood“ von Helen Frankenthaler, 1974
„April Mood“ von Helen Frankenthaler, 1974

„Blue Moon“ von Helen Frankenthaler, 1963
„Blue Moon“ von Helen Frankenthaler, 1963

Eine Welt, zu der sehr wohl auch die Geschichte gehört. Früh schon hat sich die Malerin von Museumsbesuchen auf ihren Europareisen anregen lassen und die empfangenen Eindrücke und Gedanken in scheu angelegten Allusionen verarbeitet. Dann ist aus Tizians „Dame in Weiß“ in der Dresdener Gemäldegalerie eine Komposition aus vertikal und horizontal geschichteten Grau- und Weisstönen entstanden, die sich ganz ausdrücklich „Portrait of a Lady in White“ nennt. So eindeutig indes ist die Zuordnung meist nicht. Die Ausstellung geht da etwas kühn vor, indem sie mögliche, aber kaum einmal gesicherte Vorlagen auswählt und so eine Methode Frankenthaler insinuiert, die es so nicht gegeben hat.

Dass die Mobile-artige „Hommage à H.M“ Matisse meint, kann man allenfalls ahnen. Mehr als Ahnung soll nicht sein. Und mehr als atmosphärische Verwandtschaft, Gefühlsnähe soll nie verraten werden. Es gelten für die gelegentlichen Paraphrasen keine anderen Regeln als für die frei assoziierten Bilder. Ob Erinnerungen oder Eindrücke, Erlebnisse oder Einbildungen, Erregungen oder Erfahrungen – es sind alles keine Bildbausteine, es ist nie etwas anderes als Energiezufuhr für Frankenthalers Malerei. Lieder ohne Worte: Vielleicht lässt es sich so am besten sagen.

Das Werk ist von Beginn an hoch respektiert worden – von den männlichen Kollegen geradeso wie vom Kunstmarkt. Bereits 1951 hatte die junge Künstlerin ihre erste Soloshow in der Tibor de Nagy Gallery in New York, wo sie dann Jahr für Jahr ausstellen wird. Und wenn es auch sicherlich ihrem hochtalentierten Impresario Clement Greenberg zu danken ist, dass gleich einmal das Whitney Museum, das Jewish Museum und das Museum of Modern Art in New York auf Frankenthaler aufmerksam geworden sind, dann zeigt der frühe Hype doch auch, wie stark diese Bilder empfunden worden sind. Nicht zuletzt auch in Europa, wo die Malerin 1959 zur Teilnahme an der documenta II in Kassel eingeladen war. Und bis in die letzten Jahre hinein gab es hierzulande immer wieder retrospektive Ausstellungen. Unvergessen die imposante Werkschau 1969 in der Berliner Kongresshalle.

Helen Frankenthaler war nie das Opfer eines maskulin dominierten Kunstbetriebs – auch nicht in Europa, wie jetzt vom Baseler Kunstmuseum unterstellt wird, wo die neue Direktion mit beeindruckender Zeitgeist-Geschmeidigkeit sich mehr für „Geister“ und „Homosexuelle“ zu interessieren scheint als für das Erbe der einzigartigen Sammlung des Hauses und ganz entsprechend nun auch in Helen Frankenthaler einen Fall feministischer Wiedergutmachung erkennt. Ein Trost nur, dass die grandiose Ausstellung doch noch einmal an die alten Tugenden des ehrwürdigen Hauses anschließt. Helen Frankenthaler braucht nicht wiederentdeckt zu werden. Ihre Bilder sind immer noch und immer wieder zum Erstaunen.

„Helen Frankenthaler“, bis 23. August 2026, Kunstmuseum Basel

 

Nota. - Der Komponist Ferruccio Busoni, selber ein Neutöner, monierte an der Zwölftonmusik, dass man nie wüsste, ob man das Stück schonmal gehört habe, oder nicht. Von der Bildenden Kunst wurde gesagt, das Schlimmste, was einem Werk passieren könne, sei, dass die Kritik es interessant findet. 

Von Jackson Pollock kann man sehen, was man will - man ist immer gewiss, dass man es schon gesehen hat, und darum kann man es nichtmal interessant finden.

Von Helen Frankenthaler kommt einem jedes Bild immer wieder neu vor; und auch, wenn es einem nicht gefällt, wird es ihm wenigstens interessant vorkommen.

Dass es in allen Künsten wenigstens im Westen immer wieder Moden - Epochalstile - gibt, mag diesen oder jenen Grund haben. Es hat sicher damit zu tun, dass es im Westen Öffentlichkeit gibt und, was dasselbe ist, ein Publikum. Ob das für die Kunst gut ist, sei dahingestellt - es ist ein-mal so. Doch jede Mode hat immerhin ihre besseren Vertreter und auch schlechte-re. Helen Frankenthaler ist vom Abstrakten Expressionismus einer des besten.
JE 

 

Das Mogul-Reich.

Taj Mahal, ein großes, weißes Marmorgebäude mit einer zentralen Kuppel und vier Minaretten, umgeben von gepflegten Gärten und einem reflektierenden Wasserbecken im Vordergrund. Der Himmel ist leicht bewölkt und in warmen Tönen gehalten. 
aus spektrum.de, 20.04.2026                der Taj Mahal aus dem 17. Jahrhundert.                      zu öffentliche Angelegenheiten 

Die Geburt des Giganten
Vor 500 Jahren gründete der Eroberer Babur das Mogulreich. Seine Nachfolger machten es mächtig – auch weil sie ihre größte Schwachstelle geschickt in eine Stärke verwandelten.

 von Hakan Baykal 

Es ist ein seltsames Land und verglichen mit unserem Land eine ganz andere Welt«, stellte vor einem halben Jahrtausend Zahiruddin Muhammad fest. Der Mann aus dem Ferghana-Tal im heutigen Usbekistan war besser bekannt als Babur, der Tiger. Er war Kriegsherr und seine jüngste Eroberung, das Sultanat von Delhi in Nordindien, hielt er für ausgesprochen eigenartig.

»Alles ist dort anders, die Berge, die Flüsse, die Wälder und Ebenen, die Dörfer und das bebaute Land, die Tier- und die Pflanzenwelt, Menschen und Sprache, Regen und Wind.« Sobald man den Indus überschreite, finde man sich in der Fremde wieder, seien die Landschaft, die Menschen und ihre Sitten »allesamt indisch«. In den Augen des Fürsten aus Zentralasien war dies nicht unbedingt ein Gütezeichen.

»Indien bietet nur wenig Reize und Annehmlichkeiten«, urteilte Babur (1483–1530) über sein neues Reich, von dessen Bevölkerung er gleichfalls keine hohe Meinung hatte. »Anmut und Schönheit sucht man unter seinen Bewohnern vergeblich.« Weder Verstand, feine Sitten noch Großherzigkeit zeichnen sie aus. Im Handwerk hätten sie keinen Sinn für Symmetrie, gerade Linien fände man nicht. »Sie besitzen keine guten Pferde, keine Hunde, keine guten Trauben und Melonen, kein gutes Obst und haben weder Eis noch kühles Wasser.«

Obwohl Indien und seine Bevölkerung offenbar sein Missfallen erregten, hatte der muslimische Fürst bereits vier kleine Feldzüge in das Land unternommen. Bis schließlich seine Soldaten in der Schlacht von Panipat am 20. April 1526 gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Truppen des Sultans von Delhi einen fulminanten Sieg errangen – und Babur damit das langlebige Mogulreich begründete, das offiziell bis 1858 existierte.

Das Land südlich des Indus mochte dem Eroberer zwar seltsam und reizlos erscheinen, doch es war ungeheuer reich. »Der größte Vorzug von Indien ist seine Größe und sein Überfluss an Gold und Silber«, notierte sein neuer Herrscher zufrieden.

Eine detaillierte Miniaturmalerei zeigt eine lebhafte Kampfszene mit Reitern in farbenfrohen Gewändern und Rüstungen. Die Szene spielt in einer hügeligen Landschaft mit Bäumen im Hintergrund. Die Reiter sind in dynamischen Posen dargestellt, während sie auf verzierten Pferden reiten. Die Farben sind lebendig, mit dominierenden Rot-, Blau- und Goldtönen. Die Komposition ist dicht und voller Bewegung, was die Dramatik der Szene unterstreicht.
Schlacht von Panipat | Am 20. April 1526 schlug Baburs Heer die Truppen des Sultans von Delhi. Damit begründete der Mann aus Zentralasien das Mogulreich. Die Buchmalerei aus dem späten 16. Jahrhundert illustrierte eine Ausgabe von Baburs Autobiografie.

Ein Nachkomme von Timur und Dschingis Khan 

Dennoch war der Subkontinent in Baburs Augen nur zweite Wahl. »Er hätte viel lieber in Samarkand residiert«, sagt Eva Orthmann, Professorin für Iranistik an der Universität Göttingen. Über ein Jahrhundert zuvor hatte der turko-mongolische Warlord Timur (1336–1405) den Handelsplatz im heutigen Usbekistan zu seiner Residenz erkoren, Handwerker angesiedelt, Kaufleute angelockt und den Ort zu einer der prächtigsten und bedeutendsten Metropolen an der Seidenstraße ausgebaut.

Samarkand wäre für den Nachkommen Timurs wohl eine angemessene Hauptstadt gewesen. Babur stammte väterlicherseits von Timur und mütterlicherseits von Dschingis Khan (1162–1227) ab. Somit gehörte er zum allerhöchsten Kriegeradel Zentralasiens. »Zahlreiche seiner Onkel und Cousins konnten allerdings denselben Herrschaftsanspruch stellen wie er«, so die Mogulexpertin Orthmann. Denn die Dynastie der Timuriden war weitverzweigt, Nachkommen gab es reichlich.

Sie alle gingen einmütig davon aus, dass jedes Land und jede Region, die ihr kriegerischer Vorfahr einst erobert hatte, zu ihrem rechtmäßigen Herrschaftsgebiet gehörten. Darüber aber, welcher Timuride in welchem Fürstentum herrschte, entschied das Recht des Stärkeren.

Nach dem frühen Tod seines Vaters im Jahr 1494, der über ein kleines Reich im Ferghana-Tal herrschte, trat Babur dessen Nachfolge an – und sah sich mit gerade einmal elf Jahren von zahlreichen Verwandten umzingelt, die ihm den Machtanspruch streitig machen wollten.

In diesen Auseinandersetzungen verlor der rechtmäßige Thronerbe vorübergehend sein Reich. Er ging dennoch auf Feldzug, musste aber weitere Rückschläge hinnehmen. Zeitweise schrumpfte seine Truppe auf 200 Mann. »Ich befand mich nun in einer sehr traurigen Lage und konnte es nicht hindern, dass ich viele Tränen vergoss«, schrieb er im Rückblick.

Doch nach und nach stellten sich militärische Erfolge ein und Baburs Truppen bemächtigten sich einiger kleiner Festungen. Daraufhin vergrößerte sich seine Gefolgschaft, was wiederum zu weiteren Erfolgen und schließlich zur Rückeroberung von Ferghana führte. Auch nach Samarkand griff Babur in dieser Zeit mehrmals. Insgesamt gelang es ihm im Lauf der Jahre dreimal, die Stadt zu erobern – halten konnte er sie nie.

Unerfüllte Liebe zum Sohn eines Basarhändlers

Von den guten und den schlechten Zeiten erzählte der »Tiger« in seinen Erinnerungen, dem »Baburnama«, das er in seiner Muttersprache Tschagataisch verfasste. »Das Buch wirkt erstaunlich selbstkritisch«, sagt Eva Orthmann. Doch müsse man vorsichtig sein. Es handle sich schließlich um eine Selbstdarstellung Baburs und liefere deshalb keine neutrale Sicht. »Selbstverständlich wertete er etwa die eigenen Erfolge auf und spielte die seiner Gegner herunter.« Dennoch dürfte das Werk eine der aufrichtigsten Autobiografien sein, die je ein Herrscher verfasst hat. »Babur berichtet die Geschichte von seiner Kindheit bis in die letzten Jahre seines Lebens, ohne sich die Mühe zu geben, seine Schwächen, Fehler und Niederlagen zu vertuschen«, betont auch der Islamwissenschaftler Stephan Conermann von der Universität Bonn in seiner Darstellung des Mogulreichs.

Eine kunstvolle Illustration zeigt eine Landschaft mit mehreren Tieren, darunter Rehe und Schafe, die in einer felsigen Umgebung grasen. Die Szene ist von Bäumen und Hügeln umgeben. Oberhalb der Tiere sind kalligrafische Textelemente in einer dekorativen Schrift zu sehen. Die Farben sind lebendig und die Details fein ausgearbeitet, was der Abbildung eine historische und kulturelle Tiefe verleiht.
 Tiere in Hindustan | In seinem »Baburnama« beschreibt der erste Mogulkaiser auch Landschaften und Tiere in Hindustan. In dieser Malerei sind kleine Hirsche und Kühe wiedergegeben.

So berichtete Babur freimütig und eindringlich von der unerfüllten Liebe, die er als frisch vermählter junger Fürst für den Sohn eines Basarhändlers empfand. »Bis dahin hatte mich noch nie eine solch heftige Leidenschaft für einen anderen Menschen ergriffen, und hatte ich noch nie von solchem Liebesleid und solcher Sehnsucht gehört.«

Der praktizierende Muslim verschwieg auch nicht die exzessiven Trinkgelage, die er mit seinen Männern veranstaltete. Nach eigenen Angaben trank Babur mit 23 Jahren das erste Mal Wein und fand offenbar ausgesprochen großen Gefallen daran – wie auch an anderen Rauschmitteln: Später bestimmte er an seinem Hof vier Wochentage als ausdrückliche Trinktage, an den übrigen gab es Madschun, ein aus Trockenfrüchten, Honig und Haschisch unter gelegentlicher Beimengung von Opium zubereitetes Konfekt.

Kriegsherr, Naturkundler, Poet

Seine Erinnerungen schrieb Babur hauptsächlich während der letzten drei Jahre seines Lebens, als er bereits Herrscher über Hindustan war. Er erzählt darin nicht nur über sein eigenes Leben, sondern auch über Astronomie, Geografie, Poesie, Staatskunst oder Militärwesen. Seinem kriegerischen Leben entsprechend beinhaltet Baburs Autobiografie zahlreiche Schlachtenberichte, doch seine Naturbetrachtungen sind fesselnder. »Babur war naturkundlich sehr interessiert und ein guter Beobachter«, erklärt die Iranistin Orthmann. »Seine Beschreibung der Fauna und Flora Indiens ist bis heute sehr aufschlussreich.«

Der Autor beschönigte seine diversen militärischen Fehlschläge nicht. »Über weite Strecken kann man das Leben Baburs als die Geschichte einer Serie von Niederlagen betrachten«, so Orthmann. »Er konnte sein großes Ziel, nämlich Samarkand zu erobern und zu halten, nie erreichen.« Nachdem die Stadt schließlich dauerhaft an die Usbeken gefallen war, gab Babur das Vorhaben auf und wandte sich nach Süden, wo er mehr Glück hatte. 1504 gelang es ihm, Kabul zu erobern, das er zu seiner Hauptstadt machte und in timuridischer Tradition ausbaute.

»Babur ließ in und um Kabul sowie in anderen Regionen des heutigen Afghanistans mehrere Gärten anlegen, die gemäß den Bräuchen der Timuriden als Residenzen für seinen wandernden Hofstaat und als seine Landhäuser dienten«, sagt die Kunsthistorikerin Ebba Koch von der Universität Wien. Der kriegerische Fürst sei ein außergewöhnlich talentierter Mensch gewesen, »der die unterschiedlichsten Begabungen und Interessen in seiner Person vereinigte«, so Koch. »Es gehörte zum höfischen Lebensstil der Timuriden, dass ein Adeliger in der Lage sein musste, passende Verse zu jeder Lebenssituation von sich zu geben.« Bei Babur waren es dann mehr als nur ein paar Verse: Neben dem »Baburnama« verfasste er einen »Diwan«, eine Gedichtsammlung, sowie ein didaktisches Poem zu Fragen des islamischen Rechts und ein Werk über die türkisch-persische Verslehre.

Feldzug nach Indien

Auf Dauer konnte Baburs kleines afghanisches Reich sein Heer nicht ernähren. Daher verlegte er ab den 1510er-Jahren den Fokus zunehmend auf Indien, genauer gesagt: auf den Norden des Subkontinents, der sich seit dem 12. Jahrhundert in der Hand wechselnder muslimischer Herrscherhäuser befand – damals in jener der afghanischen Lodi-Dynastie.

Eine farbenfrohe Miniaturmalerei zeigt eine königliche Szene in einem Palast. Im Zentrum sitzt eine Person auf einem reich verzierten Thron, umgeben von Höflingen in prächtigen Gewändern. Einige Personen tragen Turbane und halten Fächer oder andere Gegenstände. Im Hintergrund ist ein Zelt mit dekorativen Mustern zu sehen. Die Komposition ist detailreich und zeigt eine Vielzahl von Figuren in lebhaften Farben, die eine festliche oder zeremonielle Atmosphäre vermitteln.
Babur hält Hof | Der Gründer des Mogulreichs empfängt Fürsten, die sich ihm unterworfen haben. Das Miniaturbild aus dem späten 16. Jahrhundert stammt aus einer Ausgabe des »Baburnama«, Baburs Autobiografie.

Der Griff nach Indien lag für Babur nahe, schließlich hatte auch Timur 1398 Delhi erobert. Aus Sicht Baburs war es legitimes Erbland. Zunächst begnügte er sich mit vier kleinen Vorstößen über den Indus, auf denen er und seine Truppen reichlich Beute machten und zugleich einen Eindruck von der Schwäche und inneren Zerrissenheit des Sultanats von Delhi gewannen.

Im Winter 1525/26 brach Babur schließlich mit rund 12 000 Mann erneut nach Indien auf. Dort errangen die Invasoren zunächst eine Reihe von kleinen Siegen, ehe sie bei Panipat in Nordindien auf die 100 000 Mann zählende Streitmacht des Sultans von Delhi, Ibrahim Lodi, trafen – und diese dank überlegener Artillerie, Kavallerie und Taktik innerhalb weniger Stunden vernichtend schlugen.

Unter den Zehntausenden Gefallenen befand sich auch der letzte Herrscher des Delhi-Sultanats. An dessen Stelle gründete Babur wenige Tage darauf sein eigenes Reich und erklärte sich zu dessen Padischah (Kaiser). In Europa erhielt der Staat den Namen Mogulreich, Babur selbst und seine Nachfolger verwendeten den Begriff jedoch nie. Sie nannten ihr Herrscherhaus die Gurkani-Dynastie – von »gurkan«, der persischen Form des mongolischen Wortes »kürägän« (Schwiegersohn). Diesen Titel hatte sich Timur nach der Hochzeit mit einer Prinzessin aus der Familie Dschingis Khans selbst verliehen – und bei den Timuriden war der Ahnherr Maßstab für alles.

Religionsfreiheit als Herrschaftsstrategie

Lange sollte sich Babur seines neuen Reiches jedoch nicht erfreuen. Er starb nur vier Jahre nach der Gründung in der nordindischen Mogul-Hauptstadt Agra. Das Reich aber, das er hinterließ, entwickelte sich unter seinen Nachfolgern zu einer militärischen wie wirtschaftlichen Großmacht, zu deren herausragenden Merkmalen ein erstaunliches Maß an religiöser Toleranz gehörte – nicht ohne Grund. »Die Moguln waren Realpolitiker und sich dessen bewusst, dass sie als Minorität einer herrschenden Elite über ein weites Reich mit Untertanen, die anderen religiösen Überzeugungen und kulturellen Praktiken folgten, mit Offenheit und Toleranz regieren mussten, um auf die Dauer erfolgreich zu sein«, erläutert Koch.
Eine kunstvolle Miniaturmalerei zeigt zwei Personen in traditioneller Kleidung, die sich in einer grünen Landschaft gegenüberstehen. Eine Person hält einen weißen Vogel, möglicherweise einen Falken, auf der Hand. Die Szene ist von einem reich verzierten Rahmen mit floralen Mustern umgeben, die in leuchtenden Farben wie Rot, Orange und Lila gestaltet sind. Der Himmel im Hintergrund ist in sanften Blau- und Grautönen gehalten.
Moguln | In dieser Malerei stehen sich der Mogul Jahangir und sein Vater Akbar gegenüber. Das Bild datiert um 1630.

Hatte der Reichsgründer selbst noch Distanz zu den Indern und ihrem Götterglauben gehalten, zeigte bereits sein Sohn und Nachfolger Humayun (1508–1556) großes Interesse für den Hinduismus, seine Philosophie und künstlerischen Ausdrucksformen. Er nahm altindische Rituale in sein Hofzeremoniell auf und inszenierte sich als Sonnenkönig. »Wir können hier von einem simultanen Herrscherkonzept sprechen, das sich in seinen Ausdrucksweisen sowohl an die muslimischen als auch die hinduistischen Untertanen richtet und somit beide als gleichbedeutend annimmt«, so Koch.

Baburs Enkel Akbar (1542–1605), der das Mogulreich beträchtlich vergrößerte, ging in seiner religiösen Toleranz noch um einige Schritte weiter und suchte aktiv den Dialog mit allen Glaubensrichtungen unter seiner Herrschaft und darüber hinaus. Er lud neben muslimischen Geistlichen und Gelehrten auch Vertreter des Hinduismus, Zoroastrismus und Jainismus sowie sogar Jesuiten aus Europa zu häufigen religiösen Disputationen in das eigens dafür errichtete »Ibadath Khana«, das Haus der Gottesverehrung. »Für seine vergleichenden Religionsstudien ordnete er zudem die Übersetzung der heiligen Texte des Hinduismus ins Persische an, die offizielle Sprache des Mogulreichs«, erzählt Koch.

Akbar entwickelte schließlich sogar sein eigenes, »Din-i ilahi« genanntes Glaubenssystem, seine »göttliche Religion«. Sie verknüpfte Elemente aus Islam, Hinduismus und anderen Religionen. »Dabei handelte es sich jedoch weniger um eine neue Religion, sondern um einen auf den Herrscher bezogenen Kult, der viele im Sufismus übliche Praktiken übernahm – mit dem Großmogul selbst als einer Art Sufi-Meister oder Scheich«, sagt Eva Orthmann. »Ein zentraler Bestandteil seiner Herrschaftsideologie war der sogenannte ›Sulh-i kull‹ [wörtlich: der allgemeine Frieden], der es allen ermöglichte, ihrem Glauben unbeeinträchtigt nachzugehen.«

Ein beeindruckendes Foto des Taj Mahal bei Sonnenuntergang, das sich im ruhigen Wasser eines Flusses spiegelt. Der Himmel zeigt einen sanften Übergang von Blau zu Orange, während das weiße Marmor-Mausoleum von zwei roten Sandstein-Gebäuden flankiert wird. Die Szene strahlt Ruhe und Erhabenheit aus.
Taj Mahal | Mogul Shah Jahan, der von 1628 bis 1658 an der Macht war, ließ für seine Frau Mumtaz Mahal ein prächtiges Mausoleum erbauen. Der Taj Mahal liegt am Ufer des Yamuna in der alten Mogul-Hauptstadt Agra.

Obwohl auch Jahangir (1569–1627), Sohn und Thronfolger Akbars, dem Glauben seines Vaters anhing und ihn weiter propagierte, überlebte der »Din-i ilahi« seinen Schöpfer nicht lange. Doch das tolerante Klima im Mogulreich begünstigte eine rund zwei Jahrhunderte andauernde außerordentliche kulturelle Blüte auf dem Subkontinent.

»Babur und seine unmittelbaren fünf Nachfolger waren außergewöhnliche Männer, deren persönliche in ihrer Zeit einzigartige Begabung, Weltoffenheit und universalistisch-kosmopolitische Herrschaftsideologie zu einem ausgeprägten Mäzenatentum und der Entstehung großartiger, universalistisch geprägter Werke in Malerei und Architektur führten«, sagt Koch. Die Kunst sei eines der wesentlichen Ausdrucksmittel der Moguln gewesen. Ihr berühmtestes Werk: der Taj Mahal, »der eine harmonische Synthese aus unterschiedlichen Kunsttraditionen darstellt«, so Koch.

Das vom fünften Mogul Shah Jahan (1592–1666) als Mausoleum für seine verstorbene Frau Mumtaz Mahal (1593–1631) in Auftrag gegebene Bauwerk vereint mittelasiatisch-timuridische, indische, persische, osmanische und sogar abendländische Elemente. So ist die naturalistische Blumenornamentik des Taj Mahal von europäischen Pflanzenbüchern inspiriert. »Der Grabbau ist ein universales Kunstwerk«, erklärt Koch. Es spreche daher sehr viele Menschen an.

Ein Mann in traditioneller Kleidung steht in einem reich verzierten Tempel, umgeben von kunstvollen Säulen und bunten Blumenarrangements. Die Architektur ist detailliert mit Schnitzereien und floralen Mustern geschmückt. Der Mann hält eine Blumengirlande und blickt in die Kamera. Die Szene ist hell erleuchtet, mit natürlichem Licht, das durch die Öffnungen des Tempels strömt.
Modi im Tempel | Anfang 2024 weihte Indiens Premierminister Narendra Modi einen umstrittenen Tempel in Ayodhya ein. Der Bau steht an der Stelle einer Moschee aus dem 16. Jahrhundert, die 1992 bei Ausschreitungen zerstört wurde.

Keine Touristen für das Taj Mahal

Doch offenbar sprach es nicht zu Yogi Adityanath. Als der Hindu-Nationalist 2017 zum Chief Minister des bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaates Uttar Pradesh ernannt wurde, in dem Agra und damit der Taj Mahal liegen, ließ er das Weltkulturerbe aus dem offiziellen Tourismusbulletin streichen. Eine Gruppe von Anwälten beantragte sogar, das Bauwerk zu einem Hindutempel zu erklären. Soweit kam es bislang nicht, aber die Regierung von Narendra Modi arbeitet entschlossener denn je daran, die muslimischen Moguln vergessen zu machen. Der Historiker Richard Eaton von der University of Arizona sieht Modis Indien gar in einem »Krieg« gegen das Mogulreich. »Das heutige Indien wäre ohne den Einfluss, den die Moguln auf seine Gesellschaft und Kultur hatten und weiterhin haben, nicht wiederzuerkennen«, so Eaton.

Kleidung, Architektur, Sprachen, Kunst und Literatur des Landes seien bis heute von der Mogulkultur geprägt, dennoch betrachteten Hindu-Nationalisten die muslimischen Kaiser als Fremdkörper in ihrer Vision eines rein hinduistischen Subkontinents: als Invasoren, Besatzer und Kolonialherren – wie die Briten, die nach den Moguln kamen. Das historische Erbe des Mogulreichs, meint Eaton, werde durch »eine mythische Vision von der Vergangenheit Indiens« bedroht.

Es passt ins Bild, dass Premierminister Modi im Januar 2024 einen neuen Tempel für den Gott Ram in Ayodhya einweihte, der auf den Ruinen eines muslimischen Gotteshauses errichtet worden war. Jenem, das 1528 Babur errichten ließ – und das hindu-nationalistische Extremisten 1992 zerstört hatten. 

Miniaturen aus einer Ausgabe des »Baburnama«, Baburs Autobiografie, aus dem späten 16. Jahrhundert

Sonntag, 19. April 2026

Lifestyle ist politisch.

COPENHAGEN, DENMARK - AUGUST 09: A guest wears a green with embroidered white latte slogan cap, earrings, a white necklace, a silver and black necklace, a white latte with navy blue / purple / green / orange checkered print pattern silk shirt, pale pink denim cargo pants, gold rings, a brown shiny leather nailed / studded City handbag from Balenciaga, beige suede and gray suede velcro / wedge heels ankle sneakers from Isabel Marrant, outside Lovechild 1979, during Copenhagen Fashion Week Spring/Summer 2023, on August 09, 2022 in Copenhagen, Denmark. (Photo by Edward Berthelot/Getty Images) 
aus welt.de, 19. 4. 2026                                                                                   Der Pullover, Schmuck oder das Transportmittel werden plötzlich als politisches Signal gelesen.                                                                              zu öffentliche Angelegenheiten                   

Sprudelwasser ist „rechts“, Fahrradfahren „links“ – der Trend, alles politisch zu werten
Hobby bis Kleidung: Auf TikTok wird gerade alles als „links“ oder „rechts“ gelesen. Selbst banalste Alltagsentscheidungen gelten plötzlich als politische Haltung. Alles nur ein Witz – oder steckt doch Wahrheit darin? 

Hobby bis Kleidung: Auf TikTok wird gerade alles als „links“ oder „rechts“ gelesen. Selbst banalste Alltagsentscheidungen gelten plötzlich als politische Haltung. Alles nur ein Witz – oder steckt doch Wahrheit darin?

Ein Glas Sprudelwasser bestellen – und plötzlich ist man politisch verortet. Zumindest, wenn man lange genug durch TikTok scrollt. Dort wird derzeit alles einsortiert: Kabelkopfhörer gelten als links, AirPods als rechts. Stilles Wasser: links. Sprudel: verdächtig rechts.

In den sozialen Medien kursieren unzählige Videos, in denen Nutzer Alltagsgegenstände, Gewohnheiten und Kleidung in „links“ und „rechts“ einordnen. Was als ironisches Spiel beginnt, entwickelt schnell eine eigene Dynamik: Es bleibt nicht bei einzelnen Dingen, sondern greift auf ganze Lebensstile über. Plötzlich scheint nichts mehr neutral – alles wird zum Signal dafür, wie jemand wohl denkt und sich zur Welt positioniert.

Die Antworten entstehen weniger in politischen Debatten als im Alltag selbst. Das, was als „links“ gelesen wird, zeigt sich in konkreten Dingen: Jutebeutel, Flohmarktbesuche, das Leben in WGs, Techno-Musik, „Zu verschenken“-Kisten vor Altbautüren, Lastenrad fahren.

NEW YORK, NEW YORK - FEBRUARY 09: A model wears a blue knit scarf over the head as a hood / balaclava, a brown trench coat, holds a paper shopping bag outside Ulla Johnson , during  New York Fashion Week, on February 09, 2025 in New York City. (Photo by Edward Berthelot/Getty Images)
Ein großer, bunter Schal, gebunden wie eine Balaclava – für viele ein klares „linkes“ Signal

Dazu kommen visuelle Marker: ein grüner Secondhand-Pullover, Dr. Martens, Nasenring, rote Haare oder ein kurzer Pony, Sticker auf dem Laptop. Selbst scheinbar beiläufige Details wie das Bestreuen des Essens mit Kürbiskernen oder die Art, einen Schal zu binden, fügen sich in dieses Bild.

Als „rechts“ gilt dagegen: Seitenscheitel, „Rock am Ring“-Fan, Fitnessstudio, Filterkaffee, ein Samsung-Handy mit Klapphülle, Mitglied im Karnevalsverein. Eine Jacke von North Face, dazu ein gebügeltes Hemd oder eine Bluse, Feierabendbier trinken – all das wird zu einem Set äußerer Merkmale, die – wie die „linken“ Beispiele zuvor – eigentlich unpolitisch sind, und doch politisch gelesen werden.

Auffällig ist, wie mühelos diese Einordnungen ins Absurde kippen. Unter den Videos reihen sich tausende Kommentare und Ideen anderer User: Gestreifte Shirts gelten als links – allerdings nur, wenn die Streifen horizontal verlaufen. Vertikal seien sie „so was von rechts“. Fahrradfahren wird als links verstanden, Autofahren als rechts. Wer an einer Kunstschule studiert, ist links; wer abgelehnt wird, gilt als rechts. Ein Aquarium besitzen kann links sein, es sei denn, man hält darin illegale Tiere, dann klar rechts. Die Regeln sind beliebig – und wohl gerade deshalb so anschlussfähig.

NUERBURG, GERMANY - JUNE 07: Festival visitors during the Rock Am Ring Festival at Nuerburgring on June 07, 2025 in Nuerburg, Germany. (Photo by Gina Wetzler/Getty Images)„Rock am Ring“, Bandshirt, Bier in der Hand – auf TikTok gilt das als „rechts“

Auf die Frage, warum all das so sei, fällt die Antwort bei den meisten Influencer auf TikTok oft bemerkenswert schlicht aus: Es gebe keinen rationalen Grund, es sei „einfach der Vibe“.

Genau darin liegt die Ironie: Man sucht nach Orientierung und interpretiert am Ende willkürlich in alles etwas hinein. Haltung wird nicht mehr argumentiert, sondern oft einfach „gefühlt“. Dieses „links“ und „rechts“ hat mit Parteien oder Programmen oft nichts mehr zu tun. Es beschreibt vor allem einen Stil – Zeichen, die gelesen werden, ohne dass jemand sie begründet. 

Und doch entsteht dieser Trend in einer Generation, die politisch spürbar auseinanderdriftet – und in der es zunehmend schwerer wird, sich nicht zu verorten. Mit realer Politik haben die Videos zunächst wenig zu tun. Ein Blick auf Studien zeigt jedoch, dass die Einteilung in „links“ und „rechts“ für viele junge Menschen längst mehr ist als ein ironisches Spiel.

Daten der European Election Studies 2024 verweisen auf einen deutlichen politischen Graben: Während Frauen der Gen Z häufiger progressive Positionen vertreten, tendieren junge Männer eher zu konservativen oder rechten Parteien. Der TikTok-Trend erklärt diese Entwicklung nicht – er zeigt aber, wie stark politische Zuschreibungen inzwischen in den Alltag – sogar ins Dating – hineinreichen. Für viele ist Haltung nicht mehr nur private Meinung, sondern etwas, das sichtbar sein soll.

„Unpolitisch“ im Profil bei Tinder oder Hinge reicht oft schon aus, um kein Match zu bekommen – selbst wenn es sonst passen könnte. Viele suchen gezielt nach Partnern mit ähnlichen Überzeugungen. Wer „links“ angibt, schließt jemanden mit dem Label „konservativ“ häufig aus – auch wenn damit nicht zwingend „rechts“ gemeint ist. Anziehung entsteht oft im Ungefähren, im Offenen. Dort, wo noch nicht alles festgelegt ist. Wenn aber schon vor dem ersten Treffen klar scheint, wofür jemand steht – und wofür nicht –, bleibt dafür immer weniger Raum.

In einem Video mit mehr als einer Million Aufrufen wird ein Mann, der sich als konservativ beschreibt, sofort mit der Annahme konfrontiert, er sei gegen Abtreibung – ohne dass er dazu etwas gesagt hat. Die Haltung wird nicht erfragt, sondern unterstellt oder „gefühlt“. Ein Date mit dem jungen Mann kommt für die Frau ihm gegenüber nicht infrage:

Es zieht sich durch den Alltag vieler junger Menschen: Partner werden aussortiert, Menschen nach Kleidung und Hobbys taxiert, Lebensstile in richtig und falsch zerlegt. Ein Blick, ein Profil, ein falsch gewähltes Getränk – und aus einem ersten Eindruck wird ein Urteil, das sich erstaunlich endgültig anfühlt. Einige formulieren ihre Haltung heute so klar wie nie zuvor. Bei anderen reicht schon die Art, wie sie ihr Wasser trinken.

Vielleicht liegt die größere Freiheit inzwischen darin, es nicht so wichtig zu nehmen. Den Kaffee mit Kuh- statt Hafermilch zu bestellen und die Einordnung einfach auszuhalten, ohne jeden Schluck zur Weltanschauung zu erklären. Manchmal ist Kuhmilch eben nur Kuhmilch. Und der Rest: Projektion mit Milchschaum.

 

Nota. - Wenn Alles politisch ist, ist nichts mehr politisch.
JE 

Das stellvertretende Sterben der Maschinen.

Ein Soldat der ukrainischen Streitkräfte bereitet ein Maschinengewehr auf einem bodengebundenen Kampfdrohnenfahrzeug während eines Trainings in der Region Saporischschja vor. Die Drohne steht auf einem grasbewachsenen Feld, Hintergrund zeigt eine natürliche Landschaft mit Bäumen und bewölktem Himmel. 
aus derStandard.at, 18. April 2026      Maschinengewehr auf einer Bodendrohne                zu öffentliche Angelegenheiten 

Ukraine schreibt Geschichte mit dem ersten rein robotischen Sturmangriff
Erstmals wurde eine feindliche Stellung ausschließlich durch unbemannte Systeme erobert. Kein einziger ukrainischer Soldat war in der Gefahrenzone
 
von Peter Zellinger

Es ist eine der Kernstrategien der Ukraine im Krieg gegen die russischen Angreifer, die eigenen Kräfte nach Möglichkeit zu schonen, denn Mangel an Soldaten herrscht eigentlich chronisch. Deshalb ist es auch kein großes Geheimnis, dass die Ukraine massiv auf Robotersysteme und Drohnen setzt. Erst in dieser Woche wurden 30 neue Drohnentypen vorgestellt. Dabei erwähnte Präsident Wolodymyr Selenskyj auch, dass erstmals in der Geschichte der Kriegsführung eine feindliche Stellung rein durch Maschinen erobert wurde. Nun wurden erstmals Details zu der Operation bekannt.

Der Schauplatz der Operation war ein hart umkämpfter Waldabschnitt in der Oblast Charkiw. Russische Befestigungen in diesem Gebiet hatten zuvor zwei herkömmliche Angriffsversuche benachbarter Infanterie-Einheiten abgewehrt. Das dichte Gelände und die gut ausgebauten Unterstände der Russen machten ein Vorankommen für menschliche Soldaten extrem verlustreich.

Die Führung der 3. Separaten Sturmbrigade entschied sich daher für einen taktischen Kurswechsel und ein Experiment. Die Aufgabe, die Stellungen zu erobern, wurde der Einheit NC13 übertragen, einer spezialisierten Gruppe für Bodenrobotik innerhalb der Drohnen-Kompanie "Deus Ex Machina", wie der Kommandeur der Brigade Mykola Zinkevych, Rufname Makar in einem Interview mit Radio NV die Operation vom Sommer 2025 beschreibt.

Roboter statt "Fleischangriff"

Der Angriff wurde akribisch geplant. Statt Wellen von Soldaten einzusetzen, wie es die Russen in ihren berüchtigten "Fleischangriffen" tun, setzte die Einheit auf eine koordinierte Operation mit Robotern. Die Stellung wurde zuerst mit Drohnen angegriffen, einerseits um sie zu schwächen und andererseits um die Besatzer in Deckung zu zwingen.

Anschließend wurden vier unbemannte Bodenfahrzeuge vom Typ Tarhan losgeschickt. Dabei handelt es sich um eine relativ einfache Lastendrohne. Jedes Fahrzeug war mit 30 Kilogramm Sprengstoff geladen. Der erste Roboter steuerte direkt auf den Eingang des Hauptbunkers zu und detonierte.

Die gewaltige Sprengkraft zerstörte die Befestigung und riegelte den Fluchtweg der russischen Soldaten teilweise ab. Ein zweiter Bodenroboter fuhr unmittelbar danach vor einen verbliebenen Ausgang des zerstörten Unterstandes und blockierte diesen effektiv.

Eine Bodendrohne mit grüner Ladefläche und vier Rädern.
Eine Bodendrohne vom Typ Tarhan.

Die beiden weiteren Roboter kamen nicht mehr zum Einsatz – die psychologische und physische Wirkung der ersten beiden Maschinen reichte aus, um den Widerstand der Besatzer zu brechen.

Kapitulation vor der Maschine

Die überlebenden russischen Soldaten, die im Bunker festsaßen und eine weitere Explosion der vor ihnen postierten Roboter fürchteten, signalisierten ihre Kapitulation auf: Sie schrieben "Wir ergeben uns" auf ein Stück Pappe und hielten es in die Kamera des Bodenroboters und der über ihnen kreisenden Drohnen.

Die unbemannten Systeme übernahmen daraufhin die Rolle der Eskorte. Luftdrohnen geleiteten die Gefangenen zu den ukrainischen Linien. Erst 20 Minuten später rückte die ukrainische Infanterie nach, um die bereits geräumten Befestigungen zu sichern – ohne einen einzigen Schuss abzugeben und ohne eigene Verluste. Während der gesamten Operation befand sich kein einziger ukrainischer Soldat im unmittelbaren Gefahrenbereich.

Technologische Überlegenheit als Lebensversicherung

Präsident Wolodymyr Selenskyj hob in seiner Rede zum Tag der Rüstungsindustrie am 13. April 2026 die strategische Bedeutung dieses Erfolgs hervor. Er gab bekannt, dass allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 Bodenroboter mehr als 22.000 Missionen an der Front absolviert haben.

"Das bedeutet, dass mehr als 22.000 Mal Leben gerettet wurden, weil ein Roboter anstelle eines Kriegers in die gefährlichsten Gebiete vorgedrungen ist", so Selenskyj.

Die Ukraine setzt dabei auf ein breites Arsenal an Systemen wie Ratel, TerMIT, Ardal, Rys, Zmiy, Protector und Volia. Diese Roboter übernehmen nicht nur Kampfaufgaben, sondern auch logistische Tätigkeiten. Ein einziger Zug von Bodenrobotern transportiert pro Woche etwa 10 Tonnen lebenswichtige Güter an die vordersten Positionen. Verwundete werden aus der "Kill Zone" gerettet, in die sich menschliche Sanitäter aufgrund des Drohnenbeschusses nicht mehr wagen können. Besonders gefährliche Pionierarbeiten wie Minenräumung werden zunehmend automatisiert.

"In Wirklichkeit gewinnt weder die Person, welche die Technologie erfindet, noch diejenige, die herausfindet, wie man sie anwendet. Stattdessen gewinnt derjenige, der in der Lage ist, Technologie kontinuierlich zu skalieren und einen langen Atem zu beweisen", so der Kommandant der Sturmbrigade.

Schule für den Roboterkrieg

Die 3. Sturmbrigade hat aus diesen Erfolgen Konsequenzen gezogen und mittlerweile eine eigene Schule für Bodenrobotik eröffnet. Hier werden Zivilisten in fünf Tagen und Soldaten in elf Tagen intensiv an den Systemen geschult. Ziel ist es, die "robotischen Sturmangriffe" zu standardisieren und die Infanterie weitestgehend von den gefährlichsten Aufgaben zu entbinden.

Eine Bodendrohne mit Kettenlaufwerk und einem darauf montierten schweren Maschinengewehr.
Bodendrohnen können mit automatischen Geschützen wie Maschinengewehren oder Granatwerfern das Feuer eröffnen, sobald die Bild-KI Bewegung erkennt.
Künstliche Intelligenz spielt eine große Rolle

Künstliche Intelligenz in Form von Bild- und Mustererkennung spielt dabei laut Zinkevych eine große Rolle: "Wir setzen künstliche Intelligenz in Kampfmodulen und maschinelles Sehen ein, um Patrouillen und die Zielerkennung zu unterstützen. Sobald ein Sektor oder Winkel eingestellt ist, patrouilliert der Geschützturm automatisch. Wenn er ein sich bewegendes Objekt oder eine Wärmesignatur erkennt, beginnt er mit der Verfolgung und alarmiert den Operator: 'Schau mal, da kommt jemand.'"

Mithilfe dieser Technologie sei es möglich, mit einem Granatwerfer zehn bis 15 Ziele gleichzeitig zu verfolgen. Man könne damit die Grenzen eines Waldstückes festlegen. Wenn dort eine Bewegung erfasst wird, bekämpft die Waffe die Ziele selbstständig, erklärt der Kommandant.

„Das ist etwas, wovon ich als ehemaliger Sturmsoldat nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Wir haben Menschen gerettet, den Feind angegriffen und Gefangene gemacht. Die ganze Welt hat es gesehen. Und eines Tages wird es in den Geschichtsbüchern stehen", so Zinkevych. 

 

Nota. - Bis gestern wurden digitale Revolution und künstliche Intelligenz von den einen begrüßt, von den andern gefürchtet, weil sie natürliche Arbeit überflüssig machen. Ab heute machen sie auch natürliches Sterben überflüssig.
JE 

 

Samstag, 18. April 2026

Mathematik ist die Wissenschaft der Größen.

 God the geometer                                   zu Philosophierungen

Die Mathematik ist überhaupt nichts anderes, als eine Wissenschaft der Größen, welche Mittel ausfindig macht, wie man letztere messen kann.
                        Leonhard Euler, "Von den mathematischen Wissenschaften", (1766) in SuhrkampP. (Hg.), Deutscher Geist, Bd. I, Frankfurt a. M., 1953; S. 39 

Die Frage war nicht, wie die Mathematik entstanden ist und sich zu ihrem heutigen Stand entwickelt hat, und auch nicht, ob sie damit ihr 'inneres Wesen' ausgeschöpft hat; sondern welches ihr Stand bis heute ist.

Die Menschen haben das Feuer zum erstenmal gezähmt als Defensivwaffe gegen wilde Tiere, doch über das Feuer selbst sagt das nichts.

Die Mathematik ist auch nicht eine (ontologische?) Wissenschaft "der Größen", sondern davon, wie man sie messen kann. Sie ist überall an ihrem Platz, wo es Größen zu messen gibt. 

Alle Größen kann man messen - man muss es aber nicht. Wenn und wo man es will, muss man es aber - durch Mathematik.

Aber nur dann

Qualitäten kann man nicht messen. Man muss sie erwägen, zum Beispiel indem man sie beschreibend vergleicht, doch am Ende bleibt immer singuläre Schätzung ohne objektives Maß.

Unter Naturwissenschaften verstehen wir solche, die sich mathematischer Verfah-ren bedienen - in dem Maße, wie sie sich ihrer bedienen.

 

Nachtrag.
Zuvörderst wird alles dasjenige eine Größe genannt, was einer Vermehrung oder Verminderung fähig ist, oder wozu sich etwas hinzusetzen oder wovon sich etwas wegnehmen läßt.
ders., S. 38 

 

Freitag, 17. April 2026

Körpereigne Psychedelika.

Spektrum-Podcast


Ein farbenfroher, abstrakter Tunnel mit wellenförmigen Wänden in verschiedenen Rottönen, die sich zu einem hellen Licht am Ende verjüngen. Die Struktur erzeugt einen dynamischen, fließenden Effekt, der an moderne Kunst erinnert. Der Boden reflektiert die Farben der Wände und verstärkt die visuelle Tiefe.
aus spektrum.de, 17.04.2026                                                                                    zu Jochen Ebmeiers Realien 
 
Warum wir vor dem Tod high sind
Unser Körper produziert eigenständig starke Psychedelika, wie sie auch im halluzinogenen Ayahuasca-Trank enthalten sind. Erklärt das Träume, Kreativität und den letzten Rausch kurz vor dem Tod?


Psychedelika wie DMT (kurz für: Dimethyltryptamin) werden in Lateinamerika seit Jahrhunderten für rituelle Zeremonien genutzt. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des schamanischen Gebräus Ayahuasca. Das ist ein halluzinogener Trank, der einen heftigen Rausch auslöst und zur Bewusstseinserweiterung genutzt wird.

Erstaunlicherweise produziert der menschliche Körper solche Psychedelika auch selbst. Forschende haben DMT im Blut, Urin und im Gehirn nachgewiesen. DMT ähnelt strukturell dem Neurotransmitter Serotonin, ein Hormon das für unsere Stimmung, den Schlaf-Wach-Rhythmus, Appetit und sogar Darmtätigkeit zuständig ist. DMT bindet an dessen Rezeptoren. Offenbar kann es Prozesse auslösen, die Reparatur und Wachstum von Nervenzellen fördern.

Gleichzeitig scheint die Substanz das Gehirn bei Sauerstoffmangel zu schützen: In Experimenten mit Tieren überlebten Nervenzellen mit DMT deutlich besser, Entzündungen nahmen ab, Schäden nach Schlaganfällen waren geringer.

Aufgrund der rauschhaften Wirkung auf das Gehirn könnten die Psychedelika auch Träume und Kreativität beeinflussen sowie spirituelle Erfahrungen und insbesondere Nahtoderlebnisse erklären.

Versuche zeigen beispielsweise, dass der DMT-Spiegel im Gehirn bei lebensbedrohlichen Situationen stark ansteigt. Berichte von Nahtoderfahrungen ähneln auffällig den Beschreibungen eines DMT-Trips: Es fühlt sich an, als würde man seinen Körper verlassen, das Zeitgefühl verändert sich, Emotionen sind verstärkt. Forschende vermuten daher, dass kurz vor dem Tod vermehrt Psychedelika ausgeschüttet werden.

Warum der Körper eine halluzinogene Substanz herstellt, ohne dass wir ständig »high« sind, ist dabei bis heute nicht vollständig geklärt. Aber seine neuroprotektiven Eigenschaften machen DMT auch therapeutisch interessant. Erste Studien untersuchen seinen Einsatz bei Schlaganfällen, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. Gleichzeitig arbeitet man daran, DMT-Derivate zu entwickeln, die medizinisch wirksam sind, ohne starke Halluzinationen auszulösen.

Donnerstag, 16. April 2026

Polybolos - eine antike Mehrschusswaffe.

Polybolos vor STadtmauer
aus scinexx.de, 16. 4. 2016                                                                                           zu öffentliche Angelegenheiten 
 
Pompeji: Römer nutzten antikes „Maschinengewehr“
Löcher in der Stadtmauer von Pompeji sprechen für einen Einsatz der Mehrschusswaffe Polybolos

Antike Wunderwaffe: Bei einer Belagerung Pompejis vor gut 2.100 Jahren könnten die Römer eine legendäre Waffe eingesetzt haben – das mehrschüssige Polybolos. Dieser antike Vorläufer des Maschinengewehrs konnte mithilfe eines kettengetriebenen Mechanismus sehr schnell mehrere Bolzen nacheinander feuern. Mögliche Spuren dieser Geschosse haben Archäologen nun in der nördlichen Stadtmauer von Pompeji identifiziert.

Die Stadt Pompeji ist eine einzigartige Zeitkapsel der Antike: Durch den Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 wurde sie mit Asche überdeckt und nahezu perfekt konserviert. Ausgrabungen haben dort prachtvolle Villen, Badehäuser und Wandfresken zutage gefördert, aber auch Überreste der Bewohner und ihrer Alltagsobjekte. Ebenfalls erhalten geblieben ist die bis zu sechs Meter hohe Stadtmauer von Pompeji, bisher ist jedoch nur ein Mauerabschnitt im Norden der Stadt freigelegt.

Einschusslöcher
Einschusslöcher in der Stadtmauer von Pompeji. Links von einem Katapult-Steingeschoss, rechts eine kleinere, regelmäßig angeordnete Lochgruppe.

Spuren der römischen Belagerung

Dieser nördliche Teil der Pompeji-Stadtmauer hat es in sich: In den Mauersteinen klaffen zahlreiche Löcher, die auf intensiven Beschuss hindeuten. „Diese Zeitzeugnisse haben römische Umbauten, Naturkatastrophen, die Bomben des Zweiten Weltkriegs und moderne Maßnahmen überdauert“, erklären Adriana Rossi von der Vanvitelli-Universität Kampaniens und ihre Kollegen. Ihre historische Bedeutung sei jedoch lange nicht klar gewesen.

Inzwischen ist jedoch klar, dass diese Einschusslöcher von der Belagerung Pompejis durch den römischen Feldherrn Lucius Cornelius Sulla im Jahr 89 vor Christus stammen. Anlass des Angriffs war der sogenannte Bundesgenossenkrieg (Bellum Sociale), bei dem italienische Stämme gegen die Römer rebellierten, weil ihnen ein volles Bürgerrecht verweigert wurde. Die Stadt Pompeji stand in diesem Krieg auf Seiten der Aufständischen und sollte durch den Angriff Sullas und seiner Truppen unterworfen werden.Die großen Löcher in der Stadtmauer verraten, dass die Römer bei ihrer Belagerung Katapulte einsetzten, mit denen sie schwere Sandsteinkugeln auf die Mauer und ihre Verteidiger schossen.

Was erzeugte die eckigen Einschusslöcher?

Doch das war nicht alles: Neben solchen größeren Geschossspuren finden sich in der Mauer von Pompeji auch kleinere, auffallend regelmäßig angeordnete Einschüsse. „Diese fächerförmigen Löchergruppen fallen nicht nur durch ihre rechteckige Form auf, sondern auch durch ihre bogenförmige Anordnung mit kurzen, regelmäßigen Abständen“, berichten Rossi und ihr Team. Damit unterscheiden sich diese meist in Dreier- oder Viergruppen stehenden Löcher deutlich von den Spuren der großen Katapultgeschosse.

Aber was war ihre Ursache? Um dies herauszufinden, haben Rossi und ihr Team die kleinen Löcher mithilfe von Laserscans und weiteren Methoden noch einmal genauer analysiert. Anhand von digitalen 3D-Modellen und Vergleichen mit antiken historischen Quellen untersuchten sie, welche Waffen solche Löcher hinterlassen haben könnten.

Bolzen in Mauer
So könnten die Löcher entstanden sein: Durch eine Reihe von Bolzen aus einem Polybolos.

„Polybolos“- eine antike Automatikwaffe

Das Ergebnis: Die größte Übereinstimmung zu den rätselhaften Löchern fanden die Archäologen in einer Beschreibung des griechischen Gelehrten und Erfinders Philon von Byzanz aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert. Dieser berichtete in seinem „Handbuch der Mechanik“ von einem „Polybolos“ – einer Schusswaffe, mit der man mehrere metallene Bolzen schnell hintereinander verschießen konnte.

Möglich wurde dies durch einen ausgeklügelten Kurbel- und Ketten-Mechanismus, durch den nach jedem Schuss automatisch ein Bolzen aus einem Magazin in die Abschussvorrichtung nachrutschte. „Die Geschosse streuen nicht, sondern erzeugen eine Bahn, die mehr oder weniger entlang eines Kreissegments liegt“, beschreibt Philon den Effekt dieses Mehrschüssers. Im Prinzip war das Polybolos damit ein antiker Vorläufer des modernen Maschinengewehrs.

Ursprung in den antiken Waffenschmieden von Rhodos

Nach Ansicht von Rossi und ihrem Team passen die Löcher in der Stadtmauer von Pompeji ziemlich gut zu diesen antiken Beschreibungen. „Die radiale Konfiguration und engen Abstände der Einschüsse in Pompeji machen die Nutzung einer solchen automatischen Waffe plausibel“, schreiben die Archäologen. Um dies zusätzlich zu überprüfen, haben sie ein Polyboros virtuell nachgebaut und dessen Schussmuster digital analysiert. Auch nies ergab gute Übereinstimmungen zu den Löchern in der Stadtmauer von Pompeji.

Der römische Feldherr Sulla könnte das Polybolros in seiner Zeit als Gouverneur der Provinz Kilikien, heute Teil der Türkei, kennengelernt haben, wie Rossi und ihr Team erklären. Denn diese Provinz umfasste auch die Insel Rhodos, die damals ein Zentrum der Waffenproduktion war – und auf der das Polybolos der Überlieferung nach erfunden wurde. „Es ist daher plausibel, dass Sulla – ein politisch erfahrener und technischer versierter Kommandeur – eine solche Mehrschusswaffe bei der Belagerung von Pompeji einsetzte“, so die Archäologen.

Ob dank der Katapulte oder durch das „Maschinengewehr“: Die Strategie Sullas hatte Erfolg. Die Römer durchbrachen die Verteidigungslinien und Mauern Pompejis und eroberten im Jahr 80 vor Christus die Stadt. Pompeji wurde dadurch zu einer römischen Kolonie und seine Bewohner nahmen im Laufe der folgenden Jahrzehnte zunehmend römische Sitten an – bis ihre Stadt und viele Bewohner im Jahr 79 nach Christus vom Ausbruch des Vesuv verschüttet wurde. (Heritage, 2026; doi: 10.3390/heritage9030096)

Quelle: Heritage; 16. April 2026 - von Nadja Podbregar


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