Dienstag, 3. Februar 2026

Gequantelt heißt messbar: Naive Mutmaßung über die Schwerkraft.

 science                             zu Jochen Ebmeiers Realien

Von den drei klassischen Grundkräften unterscheidet man die Gravitation dadurch, dass fraglich ist, ob sie an sich gequantelt ist.

Nun sind die drei andern Grundkräfte nicht an sich gequantelt, sondern in unserer Vorstellungskraft. Sie lassen sich nämlich darstellen unter der Voraussetzung, dass Raum und Zeit ge schieden sind - und eine als Maß der andern verwendet werden kann.

Nicht so die Gravitation: Sie findet in der relastivistischen Raumzeit statt - es gibt keine zwei 'Dinge', die schlechterdings ver schieden sind und sich eo ipso auf ein-ander beziehen lassen.

*

Es wird uns zugemutet, die Zeit als gequantelt aufzufassen - weil nämlich Photo-nen nicht nur als Wellen, sondern auch als Teilchen angeschaut werden können. Nun ist das Licht selber Maßstab der Zeit. Wie soll man die Zeit nicht als messbar durch Licht auffassen? Solange wir qua Lichtgeschwindigkeit Raum einerseits, und unsere Bewegung darin andererseits eo ipso als messbar denken müssen, 'sind' die drei klassischen Grundkräfte - gequantelt: so wie alles, was uns in unserer Lebens-welt aus Raum und Zeit sonst so begegnet.

Quantelung heißt nicht Gemessenheit, sondern Messbar keit. Woran aber sollten wir in der relativistischen Raumzeit sie oder sonstwas messen können?

Das ist die Schnapsidee eines physikalischen Laien. 

Es gibt tausenderlei durch Messungen verbürgte faktische Gegebenheiten, die ich nicht kenne. Aber gedanklich habe ich in Obigem keinen Fehler finden können.

Bedenke: Quantenphysik findet ihre Untergrenze im unendlich Kleinen. Sie ist nicht anders erweislich, als indem sie nie überschritten werden kann. Die Relativitätstheorie hat dagegen keine Grenze.

 

Nachtrag.
Ausgangspunkt von Erfahrung und Denken ist die Mesosphäre von Raum und Zeit.

Im relativistischen Makrokosmos sind Raum und Zeit noch nicht geschieden.

Im quantenphysikalichen Mikrokosmos sind Raum und Zeit nicht mehr trennbar, weil Ort und Zeitpunkt jeweils nicht mehr bestimmbar sind. Sie müssten unabhän-gig von einander bestimmt werden, aber das geht nicht

*

Kritisch ist eine Wissenschaft, wenn sie sich ihre Voraussetzungen bewusst macht und überprüft - und gegebenenfalls bestätigt, berichtigt oder verwirft. Generalvor-aussetzung einer jeden Wissenschaft sind die Erfahrungen aus der wirklichen Welt. Vor denen hat sich das Laborexperiment zu rechtfertigen, und nicht umgekehrt. 

 

Intuitiv und rational.

 freepik                                                           zu Jochen Ebmeiers Realien

Wir könnten unsere Intuitionen nicht von unserm rationalen Denken trennen? Nein, nicht im Verlauf des Denkens selbst. Aber wir können unser Denken von unseren Intuitionen trennen: 

Das ist das Mysterium der Reflexion, die sich mit keinem bildgebenden Verfahren der Hirn-forscher beobachten lässt. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns unserer selbst be-wusst werden können. Das erlaubt uns, neben uns selbst und un-ser Tun und Lassen zu treten, darauf zu blicken und zu bestätigen oder zu verwer-fen, was wir gerade zu tun im Begriff sind. Wir können während des Denkens nicht Intuition und verständiges Folgern unterscheiden. Aber wir können das Ergebnis vom Verlauf unterscheiden.* Wir können das Denken denken. Selbst dann, wenn es manchmal schnellgehen muss.

*) Im wirklichen Leben gelingt das Unterscheiden nur mehr oder weniger genau. Aber wann und wo wäre das anders? 

Kommentar zu Intuition und Verstand, empirisch. JE, 21. 6. 21 

Montag, 2. Februar 2026

Performing Art.

André Derain, Arlequin et Pierrot                           aus  Levana, oder Erziehlehre
aus Der Standard. Wien,

"70 Prozent der Lehrertätigkeit sind Schauspielerei"
Erziehungswissenschafter Detlef Zöllner über Überlebensstrategien in der Klasse, Lehrer als wichtige Reibungsfläche und gute Lernmühsal

Interview |  

STANDARD: Wie viel "Erzieher" müssen Lehrer auch sein? Es gibt ja die Klage, dass immer mehr Erziehungsaufgaben delegiert werden. 

Zöllner: Es kommt auf die Schulform an. Mein Professor, bei dem ich habilitiert habe, hat immer gesagt, wenn es um die Qualifikation eines Lehrers ging, 70 Prozent der Lehrertätigkeit sind Schauspielerei, der Rest ist Fachwissen. Im Grunde genommen ist das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern eben nicht so sehr geprägt durch das zu vermittelnde Fachwissen, sondern größtenteils durch Gruppendynamiken und soziale Prozesse im Unterricht. Und der Lehrer, der dort überleben will, muss eine Persönlichkeit haben, ein Standing, Menschenkenntnis und Erfahrung. Jedenfalls sind die Anforderungen an Lehrer im erzieherischen Bereich deutlich höher als im fachwissenschaftlichen. Lehrer müssen in jeder Schulform zu einem erheblichen Teil auch Erzieher und Psychologen sein.

STANDARD:
Welche Dimension von Lehrersein ist mit den "70 Prozent Schauspielerei" angesprochen?


Zöllner: Vor allem Vorbild sein. Das Vorbild kann positiv oder negativ sein. Vorbild sein heißt, Schüler können und müssen sich vom Lehrervorbild abgrenzen, es je nachdem, wie der Umgang miteinander läuft, auch ablehnen, oder sie identifizieren sich mit ihm. Beides ist wichtig, weil diese Auseinandersetzung mit der Lehrerpersönlichkeit auch für die persönliche Entwicklung und Bildung unverzichtbar ist. Das ist eine große Herausforderung für den Lehrer als Mensch, nicht so sehr als Fachkraft. Es nimmt auch unglaublich in Anspruch, und darum ist es auch kein Wunder, dass Burnout gerade im Lehrerberuf so verbreitet ist. Die persönliche Beanspruchung des Lehrers ist einfach enorm. Es geht gar nicht anders. Die Schüler brauchen diese Reibungsfläche.

STANDARD:
Welche Bedingungen brauchen Lehrer, um in diesem immer komplexeren Schulzusammenhang "überleben" zu können? 

Zöllner: Das Wichtigste wäre Supervision und zusätzliches Personal - Sozialpädagogen und Psychologen -, das auch beratend und unterstützend an den Schulen tätig ist. Es befreit ungemein, wenn es die Möglichkeit gibt, dass Lehrer ihre täglichen Erfahrungen mit Kollegen, aber auch entsprechend geschultem Personal teilen können und gespiegelt bekommen, wie sich ihre Situation von einer Beobachterperspektive aus darstellt. Es würde auf jeden Fall die Belastung, die Lehrer aushalten müssen, erheblich mindern. 

STANDARD: Sie haben im Rahmen der von Konrad Paul Liessmann, Katharina Lacina und Bernhard Hemetsberger in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "Schöner scheitern - zur Pädagogik des Misslingens" am Fachdidaktikzentrum Psychologie - Philosophie der Uni Wien referiert. Welchen Bezug haben Sie als Erzieher zum Scheitern? 

Zöllner: Das Scheitern ist eine tägliche Erfahrung in der Pädagogik. Man macht sich ein falsches Bild von Pädagogik als Wissenschaft und Praxis, wenn man sich das wie eine Technologie vorstellt, wo man mit einer entsprechenden Ausbildung einen Werkzeugkasten zur Verfügung gestellt bekommt, mit dem man die Situationen, mit denen man es zu tun bekommt, bewältigen kann und Dinge zum Funktionieren bringt. Meine Erfahrung mit der Pädagogik ist die, dass alle Vorstellungen von gutem Leben, von gelingendem Umgang, von gelingender gemeinsamer Arbeit, die man vielleicht vom Studium her hat, bevor man es mit der Praxis zu tun bekommt, scheitern müssen. 

STANDARD: Warum das? 

Zöllner: Die Pädagogik ist zuerst ein Verhältnis zwischen Erwachsenen und sich entwickelnden Menschen, die in verschiedenen Lebensaltern ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Potenziale haben. Die bescheidene und zugleich anspruchsvolle Aufgabe der Pädagogik ist es, den sich entwickelnden Menschen in seiner Entwicklung zu unterstützen, in welche Richtung auch immer. Man kann das nicht lenken. Wenn ich mir Lehrpläne ansehe, vor allem Begriffe wie Bildungsstandards oder Kompetenzraster- modelle, die seit der Pisa-Studie in der Bildungsszene so verbreitet sind und den klassischen Bildungs- prozess verdrängt haben - die gehen alle von der Vorstellung aus, man könnte Menschen sortieren, standardmäßig in eine bestimmte Richtung schubsen, drängen, lenken oder locken. Das muss scheitern. 

STANDARD: Scheitern in diesem Kontext heißt dann also was? 

Zöllner: Wenn ich von "Scheitern" spreche, dann meine ich: Wir scheitern immer dann, wenn wir uns eine bestimmte Vorstellung machen, wie der Mensch auszusehen hat, den wir da vor uns haben. Wir müssen es einfach zulassen. Wir haben aber auch die Seite des Scheiterns vom Schüler aus. Da haben wir inzwischen ein bestimmtes Konzept von Lernen, das das Scheitern tabuisiert. Lernen soll immer Spaß machen, Erfolg vermitteln, Gelingenserfahrungen ermöglichen. Damit auch wirklich jeder Schüler seine persönlichen Erfolgserfahrungen machen kann, wird dann eben das Niveau diesem Schüler angepasst. Das ist dann individuelles Lernen. Da wird - egal, wie erfüllend und produktiv das Lernen für den Schüler ist - so weit heruminterpretiert an den Lernergebnissen und Erfahrungen, dass es am Ende als Erfolg wahrgenommen werden kann. Was dabei verlorengeht, ist die Erfahrung, dass Lernen auch mit Anstrengung und Mühsal verbunden ist und dass diese Mühsal ihre eigene Befriedigung mit sich bringen kann, dass man am Ende an diesem Scheitern oder die oft erfahrene Vergeblichkeit wachsen kann, weil man kämpfen und mit dem Gegenstand ringen musste. 

STANDARD: Ihr Vortragsthema lautete "Problemlösungen, Problemfindungen: am Gegenstand 
scheitern können". Ist "am Gegenstand" zu scheitern einfacher, als irgendwie am Leben zu scheitern? 

Zöllner: Ich mache den Unterschied zwischen Problemlösung und Problemfindung in der Hinsicht: Es gibt ja das schöne Wort Problemlösungskompetenz, das immer wieder an zentraler Stelle erwähnt wird. Was wir an Schulen damit fördern, ist, vorgegebene Probleme, die schon vorformuliert und aufbereitet, "didaktisiert" sind in Form von Lern- und Unterrichtsmaterialien, zu lösen. Quasi standardisierte Probleme. Im Leben draußen besteht der Weg zur Problemlösung aber nicht darin, dass man ein Problem vorgelegt bekommt, sondern man muss sich durch viele Schwierigkeiten durcharbeiten. Zuerst muss man mit den Phänomenen konfrontiert werden, das Interesse muss geweckt werden, erst dann kann gelernt werden. Die erste Aufgabe des Lehrers ist also, Interesse zu wecken. Wenn das Interesse geweckt ist, wird der lernende Mensch auch keinen Schwierigkeiten mehr aus dem Weg gehen. Er will es dann wissen, dann macht Lernen auch Spaß.

Detlef Zöllner (geb. 1959) ist Privatdozent an der Universität Erfurt mit der Lehrbefugnis für Allgemeine Pädagogik und Schulpädagogik, arbeitet zurzeit als Erzieher in einem Landerziehungsheim und betreibt einen Blog zur Erkenntnisethik.


Nota. - Als ich beim ersten Überfliegen vom "Scheitern" gelesen habe, war mir mulmig. Aber beim genaueren Hinsehen hat er die Sache treffend entmystifiziert. Alle Leute haben in allen Berufen mal Erfolg, mal scheitern sie, wieso sollte das bei Pädagogen anders sein? Aber sie neigen eben zum Dramatisieren und Sich-in-Szene-setzen. Und gehen sich dabei willig auf den eigenen Leim, denn pompös und knallig scheitert vor allem der, der sein Maß nicht kennt; der sich überschätzt hat, der von "der Gesellschaft" mehr Zucker erwartet hat, und vor allem: der von den Kindern erwartet hat, dass sie in sein Bild passen.

Lieber Herr Zöllner, Supervision oder gar Sozialpädagogik (davon verstehe ich was) helfen an der Schule gar nicht weiter. Das Kreuz ist, dass der Lehrer immer allein vor der Klasse steht, wenn's sein muss vor fünf verschiednen Klassen nacheinan-der. Er hat keine Mitspieler, auch beim Freundschaftsspiel trifft er immer nur auf die Spieler der gegnerischen Mannschaft. 

Und da kommen wir zu dem wichtigsten Punkt, den Herr Z. löblicherweise angesprochen hat, aber leider nur nebenher in einer Metapher. Ich habe vor Jahrzehnten meine sozialpädagogischen KollegInnen schockiert mit dem Satz, Pädagogik sei zu 50% Komödie. Das meinte und meine ich aber völlig ernst und wäre froh, wenn ich das einmal ernsthaft diskutieren könnte. Eins wird doch niemand bestreiten wollen: Das ist ein performing art, da kann man nicht unterscheiden zwischen der 'Rolle' und der 'Person'. Nicht das, was er darbietet, ist sein 'Werk', sondern die Darbietung selbst, sein Auftritt mit Haut und Haar. 

Jeden Tag immer wieder neu, ohne Manuskript, ohne Regieanweisung, vor immer wieder neuem und gar nicht immer neugierigem, weil unfreiwilligem Publikum. 

Für die Sozialpädagogik hat mir seither die Commedia dell'arte vorgeschwebt, das ist ein Stegreifspiel mit verteilten Rollen, "Charaktermasken", die wissen, was für einen Typ sie darzustellen haben, alles andere improvisieren sie je nach Situation. Der Witz dabei ist freilich, dass sie auf der Bühne nicht bloß agieren, sondern inter agieren und sich Stichworte zuwerfen, da kann das Publikum ruhig mitspielen, die Truppe ist selbst gespannt, wie es diesmal ausgeht; und notfalls, wenn die Situation allzu verfahren ist, hat man als Joker immer noch Arlecchino auf der Hinterhand, meist der impresario selbst, der lässt dann den Knoten platzen.

So habe ich mir das gedacht, mich aber gehütet, davon zu erzählen, ach das hätte wieder ein Geschrei gegeben! Nun habe ich dieses Fach hinter mir, und ich rede an dieser Stelle über die Schule und über Lehrer. Da gibt es keine Truppe, keiner wirft mal ein Stichwort zu, eher stellen sie einander ein Bein, keiner, dem man außer Puste mal die Führung überlassen kann, und ganz bestimmt keiner, der den Arlecchino macht, jedenfalls nicht wissentlich.
 
Lange Rede kurzer Sinn: 'Erziehen' ist kein Beruf, dazu ist diese 'Tätigkeit' zu unspezifisch. Aber weil es in unseren Gesellschaften pädagogische Institutionen gibt, kann man daraus einen Beruf machen. Absichtsvoll. Mit andern Worten, mehr als in einem jeden andern Beruf mit seiner spezifischen Tätigkeit muss man sich dabei über die eigene Absicht klarwerden. 

- Ach, mit welcher Absicht "soll man" denn erziehen zu seinem Beruf machen wollen?

Die Frage ist wie ein Pflasterstein im Froschtümpel. Nach einer spezifischen Absicht darf man nicht suchen. Nicht: Das will ich tun, sondern Das will ich sein. Wer sich zum Künstler berufen fühlt, zum Fachmann fürs Ungefähre und Unvorhergesehene, der darf erziehen zu seinem Beruf machen. Alle andern sollten sich's nochmal überlegen.
JE, 12. 12. 19

Sonntag, 1. Februar 2026

Das deutsche Dorf als Chinas Zukunft?

Xiangong Hill is in Yang Shuo, Guili, Guangxi, China. It is the viewpoint of the Li River and the excellent karst mountain range view. 
aus welt.de, 31. 1. 2026         Kleine Dörfer in den ländlichen Regionen Chinas        zu öffentliche Angelegenheiten

Für seine große Land-Reform übersetzt China extra ein deutsches Standardwerk
China hat seine Metropolen rasant entwickelt. Die Menschen in den Dörfern aber leben oft in bitterer Armut. Das soll sich nach dem Willen von Präsident Xi Jinping ändern. Als Vorbild hat die KP Deutschland auserkoren, Humangeograf Gerhard Henkel soll helfen.

Von Claudia Ehrenstein 

Der Humangeograf Professor Gerhard Henkel wird aus gutem Grund der deutsche „Dorfpapst“ genannt. In einem mehr als 340 Seiten umfassenden Standardwerk hat er die Entwicklung der deutschen Dörfer von der Agrargesellschaft im 19. Jahrhundert bis in die moderne Gegenwart beschrieben.

Nun ist, 15 Jahre nach der ersten Auflage, „Das Dorf“ sogar in chinesischer Übersetzung erschienen. Aber warum interessiert sich ausgerechnet ein Land wie China für das deutsche Dorf?

In den vergangenen Jahrzehnten hatte Peking vor allem die Urbanisierung vorangetrieben und die Metropolen ausgebaut. Noch 1979 wohnten nur 20 Prozent der Bevölkerung in Städten, knapp 40 Jahre später waren es mit fast 60 Prozent schon dreimal so viel. Diese Entwicklung ging zulasten der ländlichen Regionen. Allein vom Jahr 2000 bis 2010 sank die Zahl der Dörfer von 3,6 auf 2,7 Millionen. Seither gibt es eine immer stärker werdende Gegenbewegung.

DWOSB KOMBO Das Dorf Buch Landleben in Deutschland China-Ausgabe 
Deutsche und chinesische Ausgabe des Buches „Das Dorf“  

Die Kommunistische Partei Chinas beschloss 2017 auf ihrem 19. Parteitag die Umsetzung einer Strategie zur Revitalisierung des ländlichen Raumes. Noch im selben Jahr, so berichtet Henkel, machte sich ein Forscherteam der Tongji-Universität in Shanghai auf den Weg nach Mitteleuropa zu „Feldforschungen“ – und besuchte auch den Dorfforscher Henkel, der im westfälischen Fürstenberg lebt und seinen Gästen aus China die Vorteile und Stärken des Landlebens präsentierte. 

Der ländliche Wirtschafts- und Lebensraum, so Henkel, sei für Staat und Gesellschaft in Deutschland genauso wichtig wie die Großstadt. Mehr als 50 Prozent der ökonomischen Wertschöpfung erfolgten auf dem Land. Viele unbekannte Weltmarktführer, sogenannte Hidden Champions, hätten ihren Sitz in einem der 30.000 Dörfer und Kleinstädte. Auf dem Land herrsche relativ hoher Wohlstand, was unter anderem an der hohen Eigenheimquote von über 80 Prozent läge.

Eine Rolle spiele auch das „informelle Wirtschaften“, das ständige Geben und Nehmen im Rahmen von Nachbarschaftshilfe. Das Land versorge die Gesellschaft mit Lebensmitteln und Rohstoffen wie Wasser, Holz und erneuerbaren Energien. Dorfbewohner hätten eine hohe, durch viele Erfahrungen aufgebaute Kompetenz, Verantwortung für das Gemeinwesen zu tragen.

All das, berichtet Henkel, hätten sich die chinesischen Wissenschaftler mit großem Interesse angeschaut. Vor allem interessierte sie auch das große ehrenamtliche Engagement der Dorfbewohner in Vereinen und Genossenschaften. Auf dem Land seien die Menschen insgesamt zufriedener, Kinder und Jugendliche könnten ruhiger und entspannter und generell physisch und psychisch gesünder aufwachsen.

Henkel sagt: „Ich freue mich, dass ein großer Staat wie China sich Hilfe und Vorbilder in einem kleinen Land wie Deutschland holt.“ Es war schließlich ein chinesischer Doktorand am Geographischen Institut der Universität Bonn, der seine Kollegen zu Hause auf Henkels Dorfbuch aufmerksam machte.

Professor Li Zhang vom Fachbereich Stadtplanung der Tongji-Universität entschied, das Werk in China herauszugeben. Bedingt durch Verzögerungen während der Corona-Pandemie dauerte die Übersetzung insgesamt fünf Jahre. Zur Vorstellung der chinesischen Ausgabe reiste Henkel im Herbst 2025 nach Shanghai.

Der Besuch war verbunden mit einer Exkursion in die ländliche Umgebung der 24-Millionen-Metropole, berichtet Henkel. So wird etwa auf der Insel Chongming ein Reis-Forschungsprojekt aufgebaut, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Region damit attraktiver zu machen.

Chinas Präsident Xi Jinping wolle die ländlichen Regionen aber nicht nur ökonomisch stärken und die Selbstversorgung ausbauen, erklärt Henkel, sondern auch die ländliche Identität wieder stärken. Durch die Abwanderung so vieler Menschen in die großen Städte seien Kultur und Traditionen in Vergessenheit geraten. Der Kontrast zwischen Stadt und Land sei extrem groß, zum Teil herrsche bittere Armut. 

„Das Dorfbuch soll zur Revitalisierung des ländlichen Raumes in China beitragen und in Schulen und Universitäten sowie in der Kommunalpolitik und Raumordnung eingesetzt werden“, sagt Henkel, und sieht darin auch einen Beitrag zur Annäherung zwischen Deutschland und China. Die Tongji-Universität sei immerhin eine deutsche Gründung und feiere im kommenden Jahr ihr 120-jähriges Bestehen.

 

Nota. - Die große und unbekannte Variable der Weltpolitik ist für die nächsten fünfzig Jahre China.

Putins Russland ist das verbleibende Caput mortuum der Sowjetunion, und dass es sich in sein Schicksal nicht fügen will, ist allein dem Unstand geschuldet, dass dort dieser Tage kein anderes Herrschaftssystem möglich ist, als ein bonapartistisches, und dass es eine Entschärfung der inneren Gegensätze nur durch deren Kanalisie-rung in eine expansionistische Außenpolitik erhoffen kann. Insofern ist sie schon heut zum Scheitern verurteilt; nur steht noch nicht fest, wie teuer es die Welt zu stehen kommt. 

Die Zweiteilung der chinesischen Gesellschaft in einen abenteuernden Privatkapi-talismus als zu behütende Herde, und einen privilegierten Staatskapitalismus als deren Hütehund hat ihren unkontrollierten Zerfall wie in Russland verhindern können - weil Die Partei  bei allen Fährnissen unbeschadet blieb. 

Das Ganze auf Kosten der bäuerlichen Massen, die schon immer die Leidtragenden der voluntaristischen Abenteuer der Parteispitze waren und ihr Heil in der Flucht in die städtischen Zentren suchten, wo sie als Wanderarbeiter diskriminiert und an den Rand der Gesetzlosigkeit gedrängt wurden. 

Seit inzwischen neun Jahren wird von parteiwegen also daran gedacht, das Problem durch die Wiederbelebung des Dorfes zu entschärfen, und zur Übersetzung von Prof. Henkels Buch hat es nun immerhin gereicht. 

Inzwischen steht die Sorge um die aktuellen Produktionszuwächse schon lange im Vordergrund, da müssen gesellschaftspolitische Metaprobleme erstmal zurückste-hen. Ich habe es längst gesagt: Sobald in China Zahltag ist, wird in der Welt Heulen und Zähneklappern ausbrechen.
JE  


 

Samstag, 31. Januar 2026

Schule macht lebensuntüchtig.


aus Tagesspiegel.de, 10. 12. 2019                                                                               zu  Levana, oder Erziehlehre

Klopapier und Neues von der Pisa-Front 

von Harald Martenstein
 
Am Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Prenzlauer Berg sollten die Schüler kürzlich Klopapier und Seife selber mitbringen, falls sie planten, eine Toilette zu besuchen. Nach wiederholten Akten des Vandalismus sah die Schulleitung keinen anderen Weg mehr.

Noch ein wenig düsterer scheint die Lage an einer Pankower Oberschule zu sein, wo der Unterricht komplett ausfallen musste. Sämtliche Klos waren so verdreckt, dass keiner mehr hinein konnte. Wie heißt es doch im Schatzkästlein der deutschen Sprichwörter? Ein voller Darm studiert nicht gern.

Parallel dazu treffen neue Hiobsbotschaften von der Pisa-Front ein. 21 Prozent der 15-Jährigen können in Deutschland, trotz Schulpflicht, keinen einfachen Text lesen und verstehen, in Berlin ist die Zahl höher. Der Staat erfüllt seine Kernaufgabe nicht mehr, allen Kindern ein Minimum an Chancen und Bildung zu verschaffen.


Diese Menschen werden keinen Zugang zu Jobs mit Zukunft haben, ein Tsunami an sozialen Problemen rollt auf uns zu. Mann der Stunde scheint der Bildungsforscher Jürgen Baumert zu sein, der 2011 bis aufs Prozent genau die Zahl der heutigen Beinahe-Analphabeten unter den Schülern vorausgesagt hat. Er brauchte dazu nur die Geburtsstatistik.

2000 hatten 22 Prozent der 15-Jährigen einen Migrationshintergrund, heute sind es 36 Prozent, bald werden sie wohl die Mehrheit stellen. Von diesen 15-Jährigen können sogar 50 Prozent nicht wirklich lesen, obwohl die weitaus meisten in Deutschland geboren wurden. Sie sind nicht dümmer als andere.

Wenn die Eltern sich abschotten

Aber die Verhältnisse, aus denen sie kommen, sind sozial schwach. Und in ihrem Milieu kämpfen viele Eltern nicht um sozialen Aufstieg, nein, sie schotten sich ab. Wichtigstes Indiz: Die Deutschkenntnisse werden in dieser Gruppe nicht besser, sondern schlechter.

Wenn dieses Land nicht zerfallen und absteigen soll, müsste Bildungspolitik den gleichen Stellenwert haben wie Klimaschutz. Und die Bildungspolitik müsste sich ändern. Beides ist nicht zu erkennen. Die Einheitsschule und die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems, heilige Kühe der Linken, haben wenig bis nichts gebracht. Der Plan, fast alle Kinder zum Abitur zu führen, wird spätestens dann irrsinnig, wenn viele Kinder nicht einmal mehr Lesen können und Handwerker keine Azubis finden.

Eines der Hauptübel ist auch die protektionistische Pädagogik, die Kinder vor „Überforderung“ schützen will und ihnen die Lüge einredet, Erfolg sei ohne Anstrengung zu haben. Eine Schule, die nicht Leistungswillen fördert, macht lebensuntüchtig.

Dieser Irrweg wurde kürzlich auch von der Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen gegeißelt, das ist endlich mal ein Hoffnungsschimmer.


Nota. - Dieser Alarm-Ton ist mir zuwider. Dass die Schule 'in der Krise' steckt, liegt in ihrer Natur - ihrer Natur als Notbehelf. Ein Notbehelf hat Bestand nur zwischen zwei Ausbesserungen.

Das einzige echte oben angesprochene Problem ist die seit Jahrzehnten und für Jahrzehnte andauernde Zuwanderung aus andern Kulturkreisen. Aber das ist ein Problem der Gesellschaftspolitik und nicht der Institution Schule.

Und zwar der Gesellschaftspolitik in scheinbarer Umkehruung der Perspektiven. Die wirklichen Behinderer der Zuwanderung waren die Verhinderer von Integra-tion; nämlich die Herolde des Multikulti. Denn Multikulti bedeutet: Zuwanderung ist kein Problem. Jedenfalls nicht für uns. (Wenn für die Zugewanderten, dann ist es deren Sache; solln sie sich eben in Subkulturen ein Zuhause schaffen.) 

So ist es Jahrzehnte lang gelaufen, das Ergebnis ist so augenfällig, dass von Multi-kulti auch der ranzigste Alternative nicht mehr zu reden wagt. Doch jetzt ist das Problem so hoch wie ein Gebirge: Die Subkulturen sind stabilisiert und von den Agenten der Herkunftsländer durchsetzt und agitiert: Die haben an einer gelingen-den Integration kein Interesse.

Die Aversion der Multikulti-Jünger gegen Integration war freilich nicht unverständ-lich: Denn bei Befürwortern wie Gegnern verstand man Assimilation darunter. Das ist weder eine realistische Perspektive, noch befördert sie die Bereicherung, den die Zuwanderung über den Arbeitsmarkt hinaus zu unserer eigenen autochthonen Kul-tur bringen kann.

Der Fehler liegt freilich in der selbstgefälligen, aber ungebildeten Auffassung, dass 'eine Kultur so gut ist wie die anderer' - und alles andere sei kolonialistischer Euro-zentrismus.  

Aber der Unterschied der westlichen zu allen anderen Kulturen ist substanziell. Während alle anderen - nämlich traditionellen - Kulturen weltanschaulich geschlos-sen sind und sich als überzeitlich verbürgt vorkommen, wo Andersheit lediglich in isolierten, nach außen aseptischen Inseln* möglich ist, außerhalb derer man sich in der Tat anzupassen hat -, ist die westliche Kultur - nicht in allen ihren Ecken, wie ihr wohl wisst - universalistisch statt partikulär, weil sie nämlich individualistisch ist und ihre Mitglieder nicht nach ihrer Stammeszugehörigkeit beurteilt (aber fängt das nicht bei uns auch wieder an?!), sondern nach dem Beitrag, den ein jeder selber zum gesellschaftlichen Verkehr leistet.

Das ist für jeden Einzelnen keineswegs so selbstverständlich, wie es nach der ver-fassungsmäßigen Norm sein sollte. Um so mehr Grund haben wir, die Aufnahme von Zuwanderen aus anderen Kulturen an dieser Perspektive auszurichten und nicht an einer andern. 

*) Ghetto heißt eine Insel in der Lagune von Venedig, wo die Juden ein Gemeinswesen nach eigenem Gesetz unterhielten.
JE, 11. 12. 19

Freitag, 30. Januar 2026

Das Unglück der Erwachsenheit.

 Daumier                  aus Von der Künstlichkeit des Kindes uind der kindlichkeit der Kunst Wie  wir erwachsen wurden.

Erwachsenheit ist nicht die Reifeform des Menschen. Wie der Phänotyp ‚Erwach-sener’ entstand, das ist ziemlich genau dieselbe Geschichte, die Norbert Elias als den „Prozeß der Zivilisation“ beschrieben hat: die Ausbildung des bürgerlichen Menschen. Das feudale Mittelalter, das war, mit Egon Friedell zu reden, die Puber-tät, waren die „Flegeljahre“ der Europäer (und die griechische Antike war, nach Karl Marx, ihre Kindheit). Die Neuzeit und die Geldwirtschaft machten sie er-wachsen.

Die Zivilisierung der Gesellschaft ist die Rationalisierung ihrer Funktionen. Ratio-nalisierung ist Ökonomisierung. Rationalität selbst ist Ökonomie der Vorstellung: Einbildungskraft plus Berechnung. Denken, das dient; funktionales Denken: Rati-onalität ist der abstrakte Begriff von Arbeitsfähigkeit. Und von Arbeitsteilung. Was im Ganzen Teilung ist, bedeutet für den Einzelnen Spezialisierung. Erwachsen sein heißt einen Beruf haben. Und der Weg dorthin heißt: lernen.

Max Weber sprach von der Rationalisierung der modernen Welt als von einer Ent-zauberung. Bezaubernd war die Welt, solange sie wenigstens an ihrem äußersten Rand noch unbestimmt blieb. Zweckmäßige Bestimmtheit banalisiert sie zur bloßen Umwelt. Webers Begriff der Rationalisierung bezeichnet die durchgehenden Funk-tionalisierung der bürgerlichen Gesellschaft, wo jedes um eines andern willen da ist; die Zuordnung eines jeden Minus zu einem Plus, eines jeden Topfs zu seinem Dek-kel, jedes Gegenstands zu seinem Bedürfnis.

Ausgleich, Äquivalenz, Assimilation. Paradigma der bürgerlichen Welt ist der Saldo. Ist nicht aber Surplus der Sinn und Zweck kapitalistischen Wirtschaftens? Ach, kaum ist ein Überschuß erzielt, meldet sich auch schon das „neue Bedürfnis“: Ick bün all do! Der Erwachsene ist der rational handelnde, die Folgen erwägende Bür-ger: der Haushälter, homo oeconomicus. Ja, doch – er ist spezialisiert; auf die häus-liche Existenzweise. Er funktioniert, eingebunden in seine „zweite Natur“: sein selbstgemachtes Wirkungsgefüge (namens Wertgesetz). Er ist die Domestikations-form des Menschen. Seine „Verhausschweinung“, wie Konrad Lorenz das nannte.

Der rührende Rest

Nicht zum Spaß und nicht aus Stolz ist der Mensch zum Homo oeconomicus „er-wachsen“. Es war der Fluch des Fortschritts, der Entfaltung der materiellen Pro-duktivkräfte. Es war das immanente Gesetz der Arbeitsgesellschaft. Es war die Hürde, die erst einmal genommen sein wollte. Auf einmal verrät das Herder’sche Stufenmodell von der „ersten“ und der „zweiten Natur“ des Menschen seinen gan-zen pädagogischen Sinn: Kindlichkeit wird bestimmt – als Unbestimmtheit; als Dysfunktionalität. Was unser ursprünglicher Gattungsstil war, wird gesetzt als Man-gel – an Zivilisation. An Erwachsenheit. An Beruf! Den Mangel zu beheben wird selbst zur bestimmten Tätigkeit: zu Arbeit. Die Arbeit der Kinder heißt „lernen“.

Die Kindlichkeit des Kindes wurde, ebensowenig wie das Kind selbst, nicht einfach unterdrückt. Nein, sie wurde sogar idealisiert und mystifiziert – und dabei entfrem-det und lahmgelegt. Was unbestimmt, nicht-rationell, nicht funktional und folgenlos war, wurde als noch-nicht-wirklich aus dem werktätigen Alltag ausgeschieden. Nach unten, ins Souterrain: die Kindheit, Caput mortuum einer zivilisierten Wildheit; Quell der Lebenskraft zwar, aber sentimentaler Schwachmacher. Asyl der Unzu-rechnungsfähigkeit und Insel der Seligen, je nachdem.

Und nach oben, in die gute Stube, den Salon, der nur des Sonntags aufgesperrt wird: die Kunst. In der Kunst erscheinen die Dinge, als hätten sie Wert und Sinn an sich selber, unbekümmert um die Folgen und gleichgültig gegen mein Bedürfnis. Schön ist, was zweckmäßig erscheint ohne Zweck, meint Kant. In der Kunst und in der Kindlichkeit des Kindes erscheint die gattungsmäßige Unbestimmtheit des Men-schen als ein Residuum; irreduzibel, aber im wirklichen Leben nicht zu gebrauchen. Geschätzt nur bei feierlichem Anlaß.

In der bürgerlichen Kultur ist das Verhältnis von Werktag und Sonntag verkehrt: Während in traditionalen Gesellschaften das werktätige Leben um seiner Feiertage willen dazusein scheint, ist in der Arbeitsgesellschaft der Sonntag für den Werktag da: als Pause. Doch gerechterweise sei hinzugefügt: Im Phänotyp des Unternehmers hat die bürgerliche Wirtschaftsweise die alltägliche Häuslichkeit um eine Dosis Künstlertum bereichert. Allerdings ist der Sachbearbeiter inzwischen typischer als der Unternehmer.

 

Donnerstag, 29. Januar 2026

Dunkle Materie. Oder: Ist Gravitation eine Wechselwirkung sui generis?

Dunkle Materie 
aus scinexx.de, 27. Januar 2026                 Eine neue Kartierung zeigt die Verteilung und Dichte Dunkler Materie so genau wie nie zuvor. Die Konturlinien verbinden Bereiche gleicher Dunkle-Materie-Dichte.                      zuJochen Ebmeiers Realien

Unsichtbares Gerüst des Universums enthüllt
James-Webb-Teleskop liefert bisher genaueste Karte der Dunklen Materie

Astronomen haben die Dunkle Materie so genau kartiert wie nie zuvor – und damit das verborgene Gerüst unseres Universums enthüllt. Denn diese unsichtbare, noch immer rätselhafte Materieform beeinflusst, wo Galaxien, Sterne und alle anderen kosmischen Strukturen entstehen. Die mit dem James-Webb-Teleskop erstellte Kartierung zeigt die Dichte und Verteilung dieser unsichtbaren Materieform nun in doppelt so hoher Auflösung wie frühere Karten. Sie enthüllt selbst feinste Filamente, wie das Team in „Nature Astronomy“ berichtet.

Die Dunkle Materie hat die Entwicklung und Struktur unseres Universums entscheidend geprägt. Nach dem Urknall bestimmte ihre Verteilung, wo im Kosmos die ersten Sterne und Galaxien entstanden. Der Schwerkrafteinfluss dieser unsichtbaren Materieform schuf das Grundgerüst für alle großräumigen Strukturen im Universum – von riesigen Galaxienhaufen und Filamenten des kosmischen Netzwerks bis zur Form und Bewegung der kleinsten Galaxien. Entsprechend wichtig ist es, die Verteilung der Dunklen Materie möglichst genau zu erkennen – um beispielsweise kosmologische Modelle zu überprüfen. 

Hubble-Karte
Vergleich normaler Materie und Dunkler Materie im COSMOS-Feld, erstellt 2007 mit dem Hubble-Teleskop.

Wie kartiert man unsichtbare Materie?

Doch wo sich Dunkle Materie verbirgt, lässt sich nur indirekt ermitteln. Im nahen Umfeld analysieren Astronomen dafür die Bewegung von Sternen oder Galaxien. Für umfassendere Kartierungen nutzen sie winzige Verzerrungen im Licht ferner Galaxien, die durch den Schwerkrafteinfluss von Dunkler Materie zwischen dem Teleskop und den Galaxien entstehen. Über diesen schwachen Gravitationslinseneffekt können sie Rückschlüsse auf die Masse und Verteilung der Dunklen Materie ziehen.

„Allerdings waren die bisherigen Kartierungen auf Basis des schwachen Gravitationslinseneffekts durch ihre Auflösung oder Sensitivität begrenzt, so dass die feineren Dunkle-Materie-Strukturen, die dem kosmischen Netzwerk zugrunde liegen, unsichtbar bleiben“, erklären Diana Scognamiglio vom Jet Propulsion Laboratory der NASA und ihre Kollegen.

800.000 Galaxien im Visier

Für die neue Kartierung richteten die Astronomen die Nahinfrarotkamera (NIRCam) des James-Webb-Weltraumtelekops 255 Stunden lang auf das sogenannte COSMOS-Feld, einen rund 2,5 Vollmonde großen Ausschnitt am Himmelsäquator. „Jahrzehnte der Beobachtungen durch nahezu alle großen Teleskope auf der Erde und im Weltraum haben uns eine umfassende Sicht dieses Felds in allen Wellenlängen geliefert“, erklärt das Team. Das ermöglicht einen guten Vergleich zwischen der Verteilung normaler Materie und Dunkler Materie.

Die neuen Aufnahmen des Webb-Teleskops erfassten rund 800.000 Galaxien im COSMOS-Feld, darunter viele zuvor unbekannte. Im Schnitt erfassten die Astronomen 129 Galaxien pro Quadratbogenminute – so viel wie nie zuvor. Am Licht dieser Galaxien konnten die Astronomen dann die subtilen Effekte der zwischen Teleskop und Galaxien liegenden Dunklen Materie ermitteln.

Hubble versus Webb
Dunkle-Materie-Karte des Hubble-Teleskops von 2007 (links) und die neue Kartierung durch das James-Webb-Teleskop.

So genau wie nie zuvor

Das Ergebnis ist eine Karte der Dunklen Materie mit zuvor unerreichter Auflösung. „Sie ist doppelt so scharf wie alle früheren Kartierungen der Dunklen Materie durch andere Observatorien“, sagt Scognamiglio. „Vorher haben wir nur ein verschwommenes Bild der Dunklen Materie gesehen. Jetzt sehen wir dank der unglaublichen Auflösung des Webb-Teleskops das unsichtbare Gerüst des Universums in erstaunlichem Detail.“

Konkret zeigt die neue Dunkle-Materie-Karte die Verteilung der Dunklen Materie in diesem Himmelsausschnitt mit einer Auflösung von rund einer Bogenminute. Das ist gut doppelt so hoch wie die Vorgängerkarte des Hubble-Weltraumteleskops. Die Kartierung enthüllt dadurch nicht nur Ansammlungen Dunkler Materie in Galaxienhaufen und anderen großräumigen Strukturen, sondern auch das Netzwerk der Dunkle-Materie-Brücken, die diese Ansammlungen miteinander verbinden. Sogar feine Filamente und Halos sind sichtbar.

Dunkle Materie – Architekt des Universums

Die neue Karte verrät auch, wie eng normale Materie und Dunkle Materie gekoppelt sind. „Unsere Karte zeigt, wie diese unsichtbare Komponente des Universums die sichtbare Materie strukturiert hat – und so die Entstehung von Galaxien, Sternen und letztlich auch des Lebens ermöglicht hat“, sagt Koautor Gavin Leroy von der Durham University. „Die Karte enthüllt damit die verborgene, aber essenzielle Rolle der Dunklen Materie, des wahren Architekten des Universums.“

Noch umfasst die neue Dunkle-Materie-Karte nur einen kleinen Himmelsausschnitt. Deutlich mehr sollen aber die Kartierungen mithilfe des europäischen Euclid-Teleskops und des künftigen Nancy-Grace-Roman-Weltraumteleskops der NASA zeigen. (Nature Astronomy, 2026, doi: 10.1038/s41550-025-02763-9)

Quelle: Nature Astronomy, Durham University

 

Nota. - Wenn ich es recht verstehe, ist Dunkle Materie eine solche, die mit anderer Materie nicht interagiert, zum Beispiel nicht mit unseren Messgeräten. Man kann sie nur durch Rückschlüsse aus der Normalmaterie "ermitteln". Aber dennoch bremst sie die Ausdehnung des Universums, dem sie beide angehören. 

Wie das? Interagieren nicht ihre individuellen Teilchen mit den individuellen Teil-chen der Normalmaterie, wohl aber 'gravitieren' ihre jeweiligen Gesamtheiten mit einander? 

Das wäre ja noch unverständlicher. Eine Infrastruktur, die "da" ist, ohne zu wirken? Aber so müsste es sein, denn immerhin hinterlässt sie Spuren in der Normalmate-rie, aus denen sich Rückschlüsse ziehen lassen. 

Oder ließe sich daraus vermuten, dass Gravitation eben doch eine andere Wechsel-wirkung ist als die drei übrigen? Oder wäre sie vielleicht nur so 'leicht' im Vergleich zu den andern Wechselwirkungen, dass dieser quantitativer Unterschied qualititative Folgen hätte? Ein naiver Gedanke, aber doch kein extravaganter.
JE 

Gequantelt heißt messbar: Naive Mutmaßung über die Schwerkraft.

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