Samstag, 2. Mai 2026

Kleinkinder denken überraschend komplex.

 
aus derStandard.at, 25. April 2026                                        zu Jochen Ebmeiers Realienzu Levana, oder Erziehlehre  

Kleinkinder denken überraschend komplex
Viele Annahmen, wie selbst schon Babys mit ihrer Umwelt agieren und davon lernen, sind mittlerweile überholt. Kleinkinder sind weder ein unbeschriebenes Blatt, noch wie ein Schwamm
 

Viele Annahmen zum frühkindlichen Lernen und Denken sind überholt. Komplexes Verstehen etwa beginnt nicht erst mit dem Sprechen. Studien zeigen: Schon im ersten Lebensjahr erfassen Kinder Zusammenhänge, prüfen Informationen und bilden Erwartungen an ihre Umwelt. Bereits im Alter von zwei Monaten erkennen Babys Objekte und sortieren diese im Gehirn in Kategorien. Lernen ist dabei kein linearer Prozess, sondern entsteht aus einem Zusammenspiel von externen Wahrnehmungen und sozialer Interaktion.

Agnes-Melinda Kovács ist Entwicklungspsychologin und Direktorin des Cognitive Development Centers an der Central European University. Sie interessiert sich vor allem für die Grundlagen des abstrakten Denkens sowie die Mechanismen des frühkindlichen Lernens. Im Zuge ihrer Forschung arbeitet sie daher hauptsächlich mit Kleinkindern im Alter von 12 bis 18 Monaten. Denn die Psychologin ist überzeugt: Durch das Beobachten von Kindern können wir viel über die menschliche Natur im Allgemeinen lernen.

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, wie stark sich das Verständnis kindlichen Lernens verändert hat. Lange Zeit beschäftigte sich die Entwicklungsforschung primär damit, wie Kleinkinder die physikalischen Eigenschaften ihrer Umgebung erkunden. Erst später verlagerte sich das Interesse auf das Lernen selbst, etwa den Einfluss von sprachlichem Input. Dabei sind Forschende zunächst davon ausgegangen, dass Kleinkinder nur sehr wenig wissen. Sie prägten die Vorstellung eines Babys als unbeschriebenes Blatt.

Weder Blatt noch Schwamm

Etwas später wurden Kleinkinder gerne mit einem Schwamm verglichen, der jegliches Wissen unkontrolliert aufsaugt. Doch auch diese Vorstellung ist inzwischen überholt, erklärt Kovács. "Heute wissen wir, dass Kinder Informationen nicht nur passiv wie ein Schwamm aufsaugen, sondern aktiv lernen." Zeigt ein Kind beispielsweise auf ein bestimmtes Objekt, interpretieren das Entwicklungspsychologinnen und -psychologen heutzutage als aktives Abfragen einer Information.

Doch erst in den vergangenen zehn Jahren haben Forschende damit begonnen, sich verstärkt mit höheren kognitiven Prozessen zu befassen – etwa mit der Frage, ob Kleinkinder die Absichten, Ziele und mentalen Zustände anderer Menschen nachvollziehen können. In ihrer neuesten Publikation untersucht Kovács deshalb, wie früh Kinder erwarten, dass Handlungen, Überzeugungen und Kommunikation anderer Menschen konsequent sind.

Kleinkind dekoriert ein Fenster mit roten, herzförmigen Stickern für den Valentinstag. Die Szene wird durch das Glas aufgenommen und wirkt stimmungsvoll beleuchtet.
Komplexes Denken ist nicht mit dem Auftreten der Sprache verbunden, sondern beginnt viel früher.

"Uns hat interessiert, wie Kinder mit widersprüchlichen Informationen umgehen. Denn das ist gerade in der heutigen Zeit – in der es so viele Falschinformationen wie noch nie gibt – besonders relevant." Im Rahmen der Studie wurden den Kindern zwei Boxen vorgelegt. In einer der Boxen versteckte sich ein Objekt. Die Versuchsleitung zeigte im Laufe des Experiments zunächst fälschlicherweise auf die erste Box und behauptete, das Objekt befinde sich hier drin. Später korrigierte sich die Person selbst und zeigte schließlich auf die zweite Box. Im Anschluss wurden die Kinder nach dem versteckten Objekt gefragt.

Das Ergebnis: Die meisten Kinder richteten sich nach dem letzten Hinweis und vermuteten das Objekt in der zweiten Box. Danach wurde das Experiment wiederholt. Diesmal gab es jedoch zwei Personen, die beide auf die jeweils andere Box zeigten. Kovács erklärt: "Die Kinder wussten nicht mehr, wem sie vertrauen sollten. Damit wollten wir testen, ob sie erkennen können, dass die Kommunikations- und Informationsstruktur tatsächlich konsistent sein muss."

Konsistentes Handeln

Am Ende wurde deutlich, dass bereits Säuglinge davon ausgehen, dass eine einzelne Person konsistent handelt und kommuniziert – und widersprüchliches Verhalten eher auf mehrere Personen zurückzuführen ist. In Zukunft möchte Kovács noch weiter gehen und auf Basis dieser Erkenntnis untersuchen, welche Faktoren und Mechanismen das Verhalten und Handeln der Kinder beeinflussen: "Wir wollen herausfinden, welche Faktoren dazu führen, dass wir in manchen Situationen weniger rational denken und dadurch anfälliger für Falschinformationen sind, und ob diese Faktoren bereits in der frühen Kindheit eine Rolle spielen."

Fest steht: Kinder können auf ganz unterschiedliche Art und Weise lernen. Neben dem Beobachten ist dabei vor allem das aktive Erkunden wichtig. Speziell Kleinkinder nehmen Gegenstände primär mit den Händen wahr – "oder sie stecken sie in den Mund, was ebenfalls eine Form des Erkundens darstellt", sagt Kovács. Ein mindestens genauso relevanter Aspekt sei jedoch das soziale Lernen. Denn dabei lernt ein Baby wichtige Dinge von unwichtigen zu entscheiden. "Es handelt sich da um ganz banale Sachen. Zum Beispiel, dass es sich das Muster des Teppichs nicht merken muss, aber die Gesichter seiner Geschwister schon."

Auch als Erwachsene erleben wir noch soziales Lernen – etwa beim Entdecken fremder Kulturen: Immerhin orientieren wir uns auf Reisen meist am Verhalten von anderen Menschen. "Bei Säuglingen funktioniert das eben genauso," sagt Kovács. Hinzu kommt: Nicht jedes Kind ist gleich. "Wir lernen unterschiedlich, wir interessieren uns für unterschiedliche Dinge. Wir haben unterschiedliche Beweggründe, Dinge zu lernen. Das gilt auch für Babys." Eltern können das Lernen aber durch gewisse Verhaltensweisen unterstützen. Kovács empfiehlt: "Babys lernen besser, wenn man sie beim Namen nennt oder Augenkontakt herstellt." Außerdem gilt: Qualität vor Quantität. Entscheidend in der kindlichen Entwicklung ist nicht die Menge an Förderung, sondern vor allem die Qualität von Beziehungen. Denn feinfühlige Interaktionen – etwa durch die Eltern oder andere Bezugspersonen – prägen Kleinkinder wesentlich stärker als jedes noch so ausgefuchste Lern-Programm. 

 

Freitag, 1. Mai 2026

Das neugeborene Gehirn ist übervoll.

     
aus derStandard.at, 27. April 2026                                                            zu Jochen Ebmeiers Realien
 
Das Gedächtnis startet nach der Geburt mit einem überfüllten Nervennetz
Im Hippocampus reift das zentrale Nervengeflecht nicht durch Zuwachs, sondern durch gezielte Ausdünnung, wie eine Wiener Studie zeigt

Der Hippocampus gilt als Entstehungsort unserer Erinnerung. In der seepferd-chenförmigen Struktur tief im Inneren des Gehirns werden flüchtige Wahrneh-mungen zu dauerhaften Eindrücken verarbeitet. Wie das neuronale Geflecht, das diese Leistungen ermöglicht, in den ersten Lebenswochen entsteht, hat nun ein Team um den Neurowissenschafter Peter Jonas am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) untersucht.

Eine Darstellung der Entwicklung von CA3-Pyramiden-Neuronen im Hippocampus nach der Geburt, mit Biocytin markiert und bunt gefärbt. Die Grafik zeigt die komplexen Verzweigungen und Formen der Neuronen vor einem schwarzen Hintergrund. Ein Maßstab von 100 µm ist unten rechts angegeben.
ISTA-Forschende konnten nachweisen, wie sich das zentrale Nervennetzwerk im Hippocampus nach der Geburt entwickelt. Untersucht wurden sogenannte CA3-Pyramiden-Neuronen, die hier zu sehen sind. Die mit Biocytin markierten Nervenzellen werden fixiert und gefärbt, um eine vollständige Rekonstruktion ihrer Formen zu ermöglichen.

Tabula rasa oder Tabula plena?

Im Hintergrund der Studie steht eine alte philosophische Streitfrage. Ist im Organismus alles bereits angelegt, oder formen erst Erfahrungen, was wir am Ende sind? Es ist das Problem von Tabula rasa – ein Gedächtnis, das bei null beginnt und erst Stück für Stück entsteht – oder Tabula plena, eine gefüllte Tafel, auf der Bestehendes immer neu geordnet, ergänzt oder gestrichen wird.

Im Gehirn lässt sich das auch anhand des Nervennetzwerks beobachten: Wie ist es verschaltet, wenn es zu arbeiten beginnt – und wie verändert es sich, sobald die Welt auf den Organismus einwirkt? Im Zentrum der Untersuchung stand die sogenannte CA3-Region des Hippocampus, ein Geflecht aus pyramidenförmigen Nervenzellen, die untereinander dicht verknüpft sind.

Drei Lebensabschnitte

Sie gelten als das eigentliche Speicher- und Abrufnetz für Erinnerungen. Möglich wird das durch neuronale Plastizität, also die Fähigkeit dieser Zellen, ihre Verbindungen ständig anzupassen: Signale lauter oder leiser zu schalten, Kontakte zu verstärken oder ganz aufzugeben.

Die Forschenden nahmen das Netzwerk an Mäusen in drei Lebensabschnitten unter die Lupe. Kurz nach der Geburt am siebten und achten Tag, im juvenilen Stadium zwischen Tag 18 und 25 und schließlich im erwachsenen Alter zwischen Tag 45 und 50. Methodisch griff das Team tief zur Patch-Clamp-Technik.

Dabei maßen sie winzige elektrische Ströme an den Sende- und Empfangsstellen einzelner Nervenzellen, also an präsynaptischen Endigungen und an den Dendriten. Hochauflösende Mikroskopie machte sichtbar, was im Inneren der Zellen vor sich geht, und mit laserbasierten Verfahren ließen sich gezielt einzelne Synapsen ansteuern und aktivieren.

Erst dicht, dann ausgelichtet

Das im Fachjournal Nature Communications veröffentlichte Ergebnis stellt die intuitive Vorstellung von einem reifenden Gehirn auf den Kopf. Direkt nach der Geburt fanden die Forschenden ein extrem dichtes Geflecht vor, dessen Verbindungen weitgehend zufällig wirkten. Mit zunehmendem Alter wurde das Netzwerk dann nicht voller, sondern lichter und zugleich präziser geordnet.

"Diese Entdeckung war überraschend", sagt Jonas. "Intuitiv würde man erwarten, dass ein Netzwerk mit der Zeit wächst und dichter wird. Hier sehen wir aber genau das Gegenteil. Es handelt sich um ein Pruning-Modell: Anfangs ist es voll, später wird verfeinert und optimiert."

Das hippocampale Netzwerk arbeitet also offenbar nicht mit einer leeren, sondern mit einer überfüllten Tafel. Verbindungen werden im Laufe der Entwicklung weniger angelegt als zurückgeschnitten – das englische pruning steht für genau jenes Auslichten, das man auch von Obstbäumen kennt.

Zwei mikroskopische Aufnahmen eines CA3-Pyramiden-Neuronennetzwerks im Hippocampus von Mäusen. Links: Dichtes, gelbes Netzwerk junger Mäuse. Rechts: Spärlicher, aber strukturierter und verfeinerter blauer Neuronenaufbau bei älteren Mäusen.
Die Aufnahmen zeigen ein Netzwerk miteinander verbundener CA3-Pyramiden-Neuronen im Hippocampus von Mäusen. Bei jungen Mäusen ist das CA3-Netzwerk sehr dicht, hier links in gelb. Mit zunehmendem Alter der Tiere verändert sich die Konfiguration. Das Netzwerk wird spärlicher, aber strukturierter und verfeinert, hier rechts in blau zu sehen.

Rätselhafte Fülle

Weshalb das Gehirn diesen scheinbar verschwenderischen Umweg nimmt, lässt sich derzeit nur vermuten. Jonas hält es für plausibel, dass ein anfangs weit verzweigtes Geflecht den Zellen einen entscheidenden Startvorteil verschafft. Der Hippocampus speichert ja keine isolierten Eindrücke, sondern verknüpft, was zusammengehört: einen Geruch mit einem Bild, eine Stimme mit einem Ort, eine Bewegung mit einem Gefühl. Damit aus einzelnen Sinnesreizen eine Erinnerung wird, müssen sehr unterschiedliche Zellen miteinander ins Gespräch kommen.

"Das ist eine komplexe Aufgabe für die Neuronen", erklärt Jonas. "Eine anfänglich überschwängliche oder exuberante Konnektivität, gefolgt von einer gezielten Ausdünnung der Verbindungen, könnte genau dabei helfen."

Viele Möglichkeiten zu Beginn

Müsste das Netzwerk dagegen aus einer echten Tabula rasa heraus wachsen, stünden viele Zellen anfangs zu weit voneinander entfernt, um effizient kommunizieren zu können. Wertvolle Verbindungen müssten erst mühsam aufgebaut werden, bevor das System überhaupt seine Kernaufgabe übernehmen könnte. Die üppige Anfangsverschaltung erweist sich damit als kluger Vorrat an möglichen Verbindungen, aus denen sich später gezielt jene auswählen lassen, die im individuellen Leben wirklich gebraucht werden. (tberg, red.)

 

Nota. - 'Lernen' ist also kein Anhäufen von Daten, sondern das Bestimmen einer gestaltlosen Masse von Möglichkeiten. Die Möglichkeiten sind "da"; sie müssen bloß noch 'erkannt' werden. 

Das ist für den Schulunterricht eine revolutionäre Entdeckung - und eine Bestätigung der Wissensschaftslehre.
JE 

Donnerstag, 30. April 2026

Seit wann kann der Mensch sprechen?

Was beim Sprechen im Kopf passiert   
aus spektrum.de, 29.04.2026                                                                                 zu Jochen Ebmeiers Realien

Exklusive Übersetzung aus Scientific American 

Genetik der Sprache: Seit wann kann der Mensch sprechen?
Auf der Suche nach dem Ursprung unserer Sprachfähigkeit haben Fachleute uralte Regionen in unserem Genom entdeckt. Diese entstanden, noch bevor sich die Abstammungslinien des modernen Menschen und des Neandertalers trennten.

»Das war das Gen, das tausend Schiffe in Bewegung setzte«, sagt der Neurowissenschaftler Jacob Michaelson von der University of Iowa in Anspielung auf ein berühmtes englisches Literaturzitat. Doch seither haben weitere Studien diese These relativiert: Auf die Gesamtbevölkerung betrachtet scheint FOXP2 nämlich unsere Sprachfähigkeiten nicht im Alleingang zu steuern. Es müssen noch andere Faktoren im Spiel sein.

Nun hat eine neue Studie von Michaelson und seinen Kollegen einen weiteren Teil des Rätsels gelöst: Einige Regionen unseres Genoms, die mit den von Genen wie FOXP2 codierten Proteinen interagieren, könnten viel älter sein, als Wissenschaftler bisher angenommen hatten.

Michaelson und sein Team hatten das menschliche Genom in Bereiche aufgeteilt und diese nach evolutionärem Alter sortiert. Daraufhin untersuchten sie, welche davon am engsten mit der Sprachfähigkeit zusammenhängen. Sie stellten fest, dass jene Regionen, die laut Michaelson den größten Einfluss haben, zu überraschend alten Teilen unseres Erbguts gehören: Sie entstanden, nachdem sich die Abstammungslinien der Schimpansen und Homininen getrennt hatten, aber bereits bevor die Vorfahren der modernen Menschen und der Neandertaler vor etwa 600 000 Jahren eigene Wege einschlugen. Wissenschaftler bezeichnen diese genetischen Regionen als »human ancestor quickly evolved regions«, kurz HAQERs.

»Es ist nicht sehr viel vom Genom«, sagt Michaelson und erklärt, dass die Abschnitte etwa ein Tausendstel unserer DNA ausmachen. »Aber wir haben herausgefunden, dass ein Großteil der genetischen Variation, aus der die individuellen Unterschiede in der Sprach[fähigkeit] resultieren, genau dort liegt.« 

Sprachentwicklung bei heutigen Grundschülern

Die Forscher analysierten die Genome von 350 Grundschülern in Iowa, die während ihrer Zeit im Kindergarten bis zur vierten Klasse zu verschiedenen Zeitpunkten 17 Tests zur Sprachfähigkeit absolviert hatten. Dabei zeigte sich ein klarer Zusammenhang der Testergebnisse mit den evolutionär alten HAQERs. Die Fachleute fanden dasselbe Muster bei mehr als 100 000 Menschen, die an anderen Studien teilgenommen hatten, darunter die UK Biobank und SPARK (Simons Powering Autism Research), einer groß angelegten Untersuchung zu Autismus.

HAQERs sind keine Gene. Vielmehr handelt es sich um Regionen im Genom, die wie »Lautstärkeregler« oder »Drehknöpfe« wirken; sie sorgen für die Feinabstimmung, wann, wo und wie stark Gene aktiv sind, also Proteine produzieren, erklärt Michaelson. »Einzeln üben sie keine großen Effekte aus, und daher sind sie oft sehr schwer zu untersuchen. Aber gebündelt können sie eine große Wirkung entfalten.« Denn sie beeinflussen die Funktion von Proteinen, die von Genen wie FOXP2 gebildet werden. Und die wirken ihrerseits als sogenannte Transkriptionsfaktoren an Stellreglern an vielen Orten im gesamten Genom.

Erst zusammengenommen scheinen HAQERs und Gene wie FOXP2 die menschliche Sprachentwicklung zu beeinflussen. »Es ist dieser kollektive Effekt [genetischer] Variation an all den verschiedenen Stellen [im Genom], der offenbar die individuellen Unterschiede im Sprechen am besten erklärt«, sagt Michaelson. »Es gibt kein einzelnes Gen für Sprache.«

Wichtig sei, dass die HAQERs nur einer von vielen Faktoren seien, die bei der Sprachentwicklung des modernen Menschen eine Rolle gespielt haben könnten. Auch ist unklar, wie eine »Sprache« der Neandertaler ausgesehen haben könnte. Michaelson betont aber, dass die Ergebnisse seines Teams darauf hindeuten, dass »sie sicher über die biologische Ausstattung und die Veranlagung zur Sprache verfügten«. Es sei jedoch noch mehr Forschung nötig, um die Funktion der HAQERs bei den Neandertalern aufzuklären.

Der Evolutionsbiologe Mark Pagel von der University of Reading in England ist von den Schlussfolgerungen seiner Kollegen noch nicht überzeugt. Die Frage sei, ob sich die HAQERs einst zur Sprachsteuerung entwickelt hätten oder sie diese Funktion erst später übernommen hätten. »Die Autoren haben zwar genetische Abschnitte identifiziert, die mit Variationen der Sprachfähigkeit beim modernen Menschen in Verbindung stehen, aber wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob diese Sequenzen in unserer fernen Vergangenheit entstanden sind, weil sie unseren Vorfahren Sprachfähigkeiten verliehen haben«, sagt Pagel, der nicht an der aktuellen Studie beteiligt war. »Sie entwickelten sich in einer Phase, als sich das Gehirn der Homininen stark vergrößerte; daher könnte ihr Ursprung auch darin gelegen haben, dieses evolutionäre Gehirnwachstum zu befördern.«

Auf einer eher philosophischen Ebene, so Michaelson, würden die Ergebnisse auch verdeutlichen, dass unser Wunsch nach persönlicher Kommunikation – und danach, von anderen verstanden zu werden – uralte evolutionäre Wurzeln hat. Die menschliche Sprache »steht im Einklang mit dem Code, der in uns steckt«, sagt Michaelson. »Im Lauf der Evolution hat sich unsere Spezies darauf optimiert.«

 

Mittwoch, 29. April 2026

Gibt es ein Geistiges in Raum und Zeit?

                                                                zu Philosophierungen

Der Gegensatz zum Materialismus ist nicht der Idealismus, sondern der Spiritualis-mus. Sie sind die beiden möglichen Antworten auf die metaphysische Frage nach dem 'Stoff, aus dem die Welt gemacht ist'. Der Materialist sagt, die Welt bestünde aus Dingen im Raum - res extensae -, während der Spiritualist den Geist - spiritus - jenseits von Raum und Zeit als das eigentliche Material der Welt ansieht. 

Dem Idealismus entgegen steht der Realismus. Sie sind die beiden möglichen Ant-worten auf die Frage, woher unser Wissen kommt. Der Realist sagt: von den Din-gen - lat. res -, die ihre Eigenschaften gewissermaßen in unsere Wahrnehmung ein-prägen; während der Idealist sagt: aus unserem Sehen - gr. ídein - selbst, das kein passives Ab
bilden ist, sondern ein projektives Hinein bilden. Der Unterschied ist der: Im ersten Fall liegt die Washeit - qualitas -  der Dinge in ihnen selbst; im zwei-ten Fall liegt er 'im Auge des Betrachters'.

Ein Zusammenhang besteht nicht vorne-, sondern nur hintenrum. Der Realist mag Materialist oder Spiritualist sein: Das Was der Dinge läge in ihnen selbst begründet und könnte sich ungeniert 'einprägen'. Der Realist ist Dogma
 tiker: Er glaubt daran, dass es ein Ansich der Dinge gäbe, das hinter ihrer Erscheinung liegt und unserm Denken lediglich nicht zugänglich ist.

Der Idealist kann jedenfalls kein Spiritualist sein: Ein Sein, das nicht wahrnehmbar wäre, weil es in Raum und Zeit nicht erscheint, ist nach seiner Prämisse nicht vor-stellbar: Für den Idealisten kann es jenseits des Wahrnehmbaren nichts geben. Ma-terialist im vordergründigen Sinn kann er freilich auch nicht sein: Die Frage nach einem Ansich hinter der Erscheinung ist für ihn ohne Sinn. Was nicht erscheint, kann nicht angeschaut werden, und was nicht angeschaut werden kann, ist nicht wirklich. 'Begriff ohne Anschauung ist leer.' 

Wie aber ist es mit 'dem Geistigen'? Das kann angeschaut werden. Denn es er-scheint durchaus. Ein Geistiges 'gibt es'* nicht anders als im wirklichen Handeln wirklicher Menschen in Raum und Zeit. Es 'erscheint' als Zweck.

5. 6. 18 

*) ...ein Stoffliches freilich auch.

Montag, 27. April 2026

Wir sind die kommende Mehrheit.

 
aus derStandard.at, 27. April 2026                                                                                             zu Männlich

Männerüberschuss führt zu mehr ungewollter Kinderlosigkeit
Es gibt weltweit mehr Männer im reproduktionsfähigen Alter als Frauen. Das führt nicht nur zu Verschiebungen bei den Geburtenraten, sondern zieht weitreichende Probleme nach sich. 

von Karin Krichmayr

Es war lange ein Stehsatz: Auf der Welt gibt es mehr Frauen als Männer. Dieses Verhältnis dreht sich seit einiger Zeit. Weltweit leben aktuellen UN-Daten zufolge ein bis zwei Prozent mehr Männer auf der Erde als Frauen. Noch ausgeprägter ist der Überschuss im reproduktionsfähigen Alter. Das hat dazu geführt, dass seit dem Jahr 2024 Männer verhältnismäßig weniger Kinder zeugen als Frauen. Bis zu dem Zeitpunkt war das Verhältnis umgekehrt, wie ein Forschungsteam im Fachjournal PNAS berichtet.

"Die absolute Zahl der Geburten ist natürlich identisch", sagt Henrik-Alexander Schubert vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. "Aber wir beobachten einen Wechsel von einer höheren Gesamtfertilitätsrate bei Männern zu einer höheren Gesamtfertilitätsrate bei Frauen. Dieser Wechsel wird durch eine Erhöhung des Bevölkerungsanteils der Männer relativ zu Frauen angetrieben." Schubert hat sich gemeinsam mit Kollegen von der United Nations Population Division und der Universität Oslo dem wenig beachteten Thema der männlichen Fertilität gewidmet, die im Gegensatz zur weiblichen Geburtenrate kaum untersucht ist.

Der steigende Männeranteil in der Bevölkerung ist auf mehrere Trends zurückzuführen: Generell nimmt die Sterblichkeit ab, insbesondere die der Männer, die historisch gesehen öfter an Risikoverhalten und gewaltsamen Konflikten starben. Dadurch nähert sich die Sterblichkeit von Frauen und Männern in jungen Jahren an. Hinzu kommt, dass in einigen Ländern verstärkt Mädchen abgetrieben werden, um männlichem Nachwuchs den Vorzug zu geben. All das führt dazu, dass sich der natürliche Geburtenüberschuss – im Schnitt kommen 105 Buben auf 100 Mädchen – in einem generellen Männerüberschuss widerspiegelt. Das wiederum hat weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft.

 

Grafik
Bis zu 20 Prozent mehr Männer

In Ländern mit patriarchalen Strukturen in Ostasien, wo geschlechtsspezifische Abtreibungen häufig waren und sind, ist der Männerüberschuss bereits deutlich. Junge Männer, die eine Partnerin suchen, haben es schwerer, eine zu finden und eine Familie zu gründen, wodurch auch die Anzahl der Kinder pro Kopf gesunken ist. Die ungewollte Partner- und Kinderlosigkeit und damit einhergehende Frustrationen werden auch immer wieder mit einer erhöhten Anfälligkeit für Kriminalität in Verbindung gebracht.

Der Trend wird sich fortsetzen, wie das Forschungsteam anhand von Daten der UN World Population Prospects berechnet hat: "In sehr bevölkerungsreichen Ländern wie China und Indien, wo der Männerschuss auf bis zu 20 Prozent anwachsen könnte, werden Männer im Schnitt mindestens fünf Prozent weniger Kinder haben als Frauen", sagt Schubert. Ab 2030 wird mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Ländern mit derartigen Verschiebungen leben."

In Europa und Nordamerika hat dieser Wechsel bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren stattgefunden, wo sich der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Fertilität auf etwa zwei Prozent eingependelt hat. Regional gibt es jedoch Ausnahmen, wie etwa in Ostdeutschland, wo durch eine verstärkte Abwanderung von Frauen noch heute etwa 115 Männer auf 100 Frauen kommen – ein Verhältnis wie in China. Asien, Südamerika und Ozeanien haben den Übergang erst vor Kurzem durchlaufen. Nur in Subsahara-Afrika bleibt das Verhältnis den Prognosen zufolge bis mindestens 2100 umgedreht, da die Geburtenraten hier nicht sinken und die Sterblichkeit weiterhin hoch ist.

Politische Lösungen gefordert

In großen Teilen der Welt sinken hingegen die Geburtenraten, durch den demografischen Wandel altern die Bevölkerungen, Menschen entscheiden sich später für Kinder und die Altersunterschiede zwischen Müttern und Vätern sinken. "All diese Prozesse greifen ineinander", sagt Schubert im Gespräch mit dem STANDARD. Zusammen mit sinkender Sterblichkeit hat das dazu geführt, dass es in der Gruppe der unter 50-Jährigen mehr Männer als Frauen gibt – wodurch die Kinderzahl pro Kopf sinkt. Erst in höheren Altersgruppen haben Frauen aufgrund der höheren Lebenserwartung wieder die Nase vorn.

Zwei junge Männer sitzen auf einer Betonmauer und unterhalten sich. Einer trägt ein weißes Hemd und hält eine beige Mütze, der andere trägt ein schwarzes Tanktop und eine graue Hose mit einer Mütze in der Hand. Im Hintergrund sind eine Landschaft mit Hügeln und moderne Gebäude zu sehen.
Junge Männer brauchen Perspektiven abseits von Partnerschaft und Kindern, betonen Fachleute.

Die möglichen Auswirkungen dieses demografischen Übergangs werden bisher noch zu wenig diskutiert, bemängeln Fachleute. "Die Herausforderungen betreffen vor allem Männer, die kinderlos bleiben – ein Status, der oft mit schlechterer Gesundheit und wachsender Abhängigkeit von professioneller Pflege im Alter verbunden ist", erläutert Schubert. "Um dem entgegenzuwirken, braucht es dringend politische Lösungen."

Damit meint der Demograf allerdings nicht familienpolitische Maßnahmen wie finanzielle Anreize und Steuererleichterungen, wie sie in vielen Ländern gefordert oder durchgeführt werden, um die Geburtenraten wieder anzukurbeln. "Mit solchen Maßnahmen können, wenn überhaupt, nur kurzzeitige Effekte erzielt werden", sagt Schubert. "Die Geburtenraten steigen dann, weil die Entscheidung für Kinder vorgezogen wird, und fallen später wieder umso mehr." Einschneidende Maßnahmen wie die Ein-Kind-Politik in China hätten zu massiven Problemen geführt. Generell müsse die Stellung von Frauen in der Gesellschaft gestärkt werden, auch um geschlechtsselektive Abtreibungen zu verhindern.

Erfolge abseits des Partnermarkts

Um die Rahmenbedingungen für Männer zu verbessern, müsse man darauf achten, dass Männer auch ohne Familie erfolgreich sein können, also etwa in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt. "Der Partnermarkt ist nicht alles", sagt Schubert. Außerdem brauche es mehr staatliche Betreuungseinrichtungen, wenn Familiennetzwerke im Alter oder bei Krankheit wegfallen.

"Werden die Herausforderungen dieser Männer nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr einer kulturellen Gegenreaktion gegen die Gleichstellung der Geschlechter und gesellschaftlicher Konflikte", warnt das Forscherteam. Einen Vorgeschmack darauf zeigt schon jetzt die sogenannte Incel-Szene, in der sich unfreiwillig zölibatär lebende Männer vernetzen und Frauenhass schüren. 

 

Sonntag, 26. April 2026

Das Einfache, das schwer zu machen ist.

Eine Tafel voller Formeln.
aus derStandard.at, 25. 4. 2026                                                                  In der Schule lernen wir Grundrechenarten und darauf aufbauend immer komplexere Methoden.                                                         zu Jochen Ebmeiers Realien zu Philosophierungen

Die Mathematik lässt sich auf eine einzige Grundrechnungsart reduzieren
Eine einzelne Funktion und die Zahl Eins genügen, um daraus die wichtigsten Konstanten und Funktionen auf jedem Taschenrechner zu gewinnen

Mathematik ist, in all ihrer Komplexität, eigentlich erstaunlich simpel. Aus einer Reihe von Zahlen, die sich an Fingern abzählen lassen, und wenigen Rechenoperationen, die Kinder bereits in ihren ersten Lebensjahren in der Schule lernen, lässt sich Schritt für Schritt die Mathematik aufbauen – inklusive komplexer Zahlen, unendlichdimensionaler Funktionenräume und allem, was man sonst so an Handwerkszeug braucht, um etwa mittels Physik die Welt bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Was nicht heißen soll, dass sich die Möglichkeiten der Mathematik nur darauf beschränken.

Weniger offensichtlich ist, dass auch die Sprache, mit der man Mathematik betreibt, auf einige wenige Grundelemente heruntergebrochen werden kann. Eine Handvoll Worte wie "und", "nicht" und "oder" genügen, um mathematische Aussagen und deren Beweise zu formulieren. Diese Worte folgen dabei Regeln, die eine Algebra bilden, womit die Sprache selbst zu Mathematik wird. Für die Untersuchung der mathematischen Grundlagen erwies sich das vor allem im vergangenen Jahrhundert als enorm wertvoll. Doch es gab auch große praktische Implikationen: Die einfachen Regeln hinter dieser "booleschen" Algebra, wie sie nach dem englischen Mathematiker George Boole genannt wird, erlaubten es, sie Maschinen beizubringen. Damit war der Computer geboren.

Die boolesche Algebra hat dabei eine interessante Besonderheit: Eines ihrer Elemente, in der Computerwissenschaft NAND genannt, das mehr oder weniger "nicht beides" bedeutet, ist in der Lage, alle anderen zu ersetzen. Es ist universell. Das wirft die Frage auf, ob etwas Ähnliches auch in anderen Bereichen der Mathematik möglich ist. Während für bestimmte Teilbereiche der Mathematik durchaus eine einzige Operation ausreicht, um sie vollständig zu durchdringen, war für die klassischen Grundrechnungsarten inklusive allem, was etwa sonst so auf Tasten von Taschenrechnern vertreten ist, bisher keine Operation bekannt, die sie alle ersetzen könnte.

Neue Allzweckfunktion

Bis jetzt. Denn nun scheint der polnische Astrophysiker Andrzej Odrzywołek von der Jagiellonian University im polnischen Krakau eine solche Operation gefunden zu haben. Davon berichtet er in einer zur Publikation eingereichten und vorab auf einem Preprint-Server veröffentlichten Studie."Ein einziges Gatter mit zwei Eingängen reicht für die gesamte Boolesche Logik in digitaler Hardware aus", schreibt Odrzywołek. "In der Analysis ist keine vergleichbare Grundoperation bekannt: Die Berechnung elementarer Funktionen wie sin, cos, sqrt und log erforderte immer mehrere unterschiedliche Operationen."

Nun stellt Odrzywołek eine Funktion vor, die all das zu leisten imstande ist, allerdings nicht mit einer, sondern zwei Variablen: "Hier zeige ich, dass ein einziger binärer Operator, eml(x,y) = exp(x) – ln(y), zusammen mit der Konstante 1 das Standardrepertoire eines wissenschaftlichen Taschenrechners erzeugt. Dazu gehören Konstanten wie e, π und i, arithmetische Operationen wie Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division und Potenzierung sowie die üblichen transzendenten und algebraischen Funktionen", schreibt der Forscher.

Dass sich manche dieser Funktionen auf andere zurückführen lassen, ist nicht neu. Die Exponentialfunktion, die auch Teil der von Odrzywołek vorgestellten Funktion Eml ist, und bei der eigentlich die Eulersche Zahl e mit einem Wert x potenziert wird, um das etwa aus der Verbreitung von Krankheiten bekannte exponentielle Wachstum wiederzugeben, genügt etwa für die Darstellung aller Winkelfunktionen. Dazu müssen allerdings komplexe Zahlen verwendet werden. Ebenfalls möglich ist die Darstellung von Winkelfunktionen mittels unendlicher Summenformeln, was hier aber nicht gemeint ist.

Derlei ist für Odrzywołeks Rahmen nicht nötig: Die einzige Zahl, die er verwendet, ist die Eins. Mithilfe von Eml kann er alle anderen Zahlen, inklusive wichtiger irrationaler Zahlen wie der Kreiszahl π und der Eulerschen Zahl e, daraus erzeugen. Einfach ist das in der Regel nicht. Die Formel für die Null sieht etwa so aus:

          0=eml(1, eml(eml(1, 1), 1)).


Hier zeigt Studienautor Odrzywołek, wie sich Funktionen und 
wichtige Konstanten auf Eml und die Zahl 1 zurückführen lassen.
 
 
 
 
 
 
Suche mit Computern

Dass mit Odrzywołek ein Astrophysiker und kein Mathematiker diese Entdeckung präsentiert, ist ungewöhnlich. Doch Odrzywołek beschäftigt sich intensiv mit einem Gebiet der Computerwissenschaften, das sich symbolische Regression nennt. "Es handelt sich mehr um eine Schatzsuche als um eine Denksportaufgabe", sagt er dem Wissenschaftsportal IFLScience. Im Prinzip geht es darum, aufgrund von Ergebnissen auf bestimmte Funktionen zurückzuschließen. "Im Laufe der Zeit wurde ich neugierig, wie klein die Basis für eine solche Suche sein könnte", erzählt der Physiker. Dabei stieß er auf die Funktion Eml.

Die Studie liest sich dann auch eher wie eine computerwissenschaftliche, denn wie eine mathematische Publikation. Eine Skizze des eigentlichen, konstruktiven Beweises findet sich in einer Beilage zur Studie, neben dem verwendeten Programmcode.

Der Computerwissenschafter Martin Benning vom University College London zeigt sich von der Arbeit angetan. Damit ließen sich mathematische Probleme möglicherweise in einer für KI einfacher zugänglichen Form übersetzen. "Aus der Perspektive des maschinellen Lernens ist das eine interessante und vielversprechende Wende, da sie es uns theoretisch ermöglicht, mithilfe von Standardtechniken zum Training neuronaler Netze exakte mathematische Formeln aus Daten abzuleiten", sagt Benning gegenüber IFLScience.

Wie viel Nutzen das Resultat am Ende tatsächlich bringen kann, wagt Odrzywołek nicht zu sagen. Die Zeit werde es zeigen. Praktischer Nutzen gilt bei Fragen der Mathematik ohnehin nicht als zentrale Anforderung. 


Samstag, 25. April 2026

Auch das Riechen hat seine Geschichte.


aus derStandard.at, 21. 4. 2026                                                                                      zu Geschmackssachen

Mit dem Ackerbau schwand ein Teil unseres Geruchssinns
Eine Genstudie an indigenen Gruppen in Malaysia zeigt: Jäger und Sammler haben ein anderes genetisches Duftrepertoire als sesshafte Bauern

Wer an einem Regentag durch einen Wald geht, kennt den erdigen Duft, der aus dem Boden aufsteigt. Für die Negrito im Norden Malaysias ist dieser Geruch Teil ihrer alltäglichen Lebenswelt. Er zählt zu den Hinweisen, mit denen sich diese Jäger und Sammler seit Jahrtausenden in einem der artenreichsten Ökosysteme der Erde orientieren. Diese Lebensweise hat Spuren im Erbgut hinterlassen, wie eine neue Studie nahelegt – und zwar in jenen Genen, die bestimmen, welche Duftmoleküle die Nase registriert.

Die Ergebnisse eines internationalen Forschungsteams zeigen eine überraschend direkte Verbindung zwischen Lebensweise und Geruchssinn auf. Die Gruppe um Shuhua Xu von der Fudan University (Shanghai) hat die Orang Asli, die indigenen Völker der Malaiischen Halbinsel, untersucht. Auf engem geografischen Raum finden sich dort drei Gruppen mit grundlegend unterschiedlichen Lebensgrundlagen: die Negrito in den isolierten Bergregionen des Nordens, die sich noch immer von dem ernähren, was der Wald hergibt; die Senoi in der Mitte des Landes, die Wanderfeldbau mit dem Sammeln kombinieren; und die Jakun im Süden, die längst zu sesshaften Bauern geworden sind.

Eine Gruppe von Menschen, darunter auch Kinder, sitzt unter einem einfachen Unterstand in einer von üppigem Grün umgebenen Umgebung. Einige tragen bunte Kleidung, während sie miteinander interagieren. Im Vordergrund sind Pflanzen und Stoffe zu sehen.
 Der Geruchssinn verändert sich mit der Lebensweise, wie ein Blick ins Erbgut indigener Gruppen (im Bild eine Batek-Familie im Taman-Negara-Nationalpark) in Malaysia zeigt: Die Umstellung von der Jagd auf den Feldbau hinterließ Spuren in jenen Genen, die Düfte in Signale übersetzen.
Schwindender Geruchssinn

Für die Genetikerinnen und Genetiker war das eine seltene Gelegenheit: drei eng verwandte Populationen, dieselbe Umwelt, verschiedene Wege durch die jüngere Menschheitsgeschichte. Das Team analysierte das Erbgut von 50 Angehörigen der Orang Asli und verglich die Daten mit jenen von mehr als 2800 Personen aus 65 Populationen weltweit.

Im Fokus standen jene rund 800 Gene, die für die Proteine zuständig sind, mit denen die Nase einzelne Duftmoleküle einfängt. Etwa 60 Prozent dieser Gene sind im Laufe der Evolution funktionslos geworden – ein bekanntes Muster, das Fachleute darauf zurückführen, dass der Mensch seine Orientierung zunehmend dem Sehsinn überließ.

Der Duft von feuchter Erde

Doch ausgerechnet die Negrito weichen von diesem Trend ab. Ihre Geruchsgene tragen deutlich weniger funktionsstörende Mutationen als jene benachbarter Bevölkerungen. Statistische Tests ergaben, dass sich die Muster nicht zufällig erklären lassen. Die im Fachjournal Cell Reports präsentierten Befunde deuten darauf hin, dass eine natürliche Selektion die Funktionstüchtigkeit der Geruchsgene bewahrt hat. Die Forschenden räumen ein, dass auch Gendrift und die spezifische demografische Geschichte der kleinen Population als alternative Erklärungen infrage kommen. Völlig ausschließen lassen sie sich nicht.

Besonders auffällig ist ein Gen namens OR12D2. Es reagiert auf erdig-modrige Verbindungen, zu denen auch Geosmin zählt – der Stoff hinter dem Duft frisch beregneter Erde. In tropischen Wäldern ist Geosmin allgegenwärtig, etwa als Hinweis auf Pilze, feuchte Böden oder bestimmte Mikroorganismen. Bei den Negrito hat sich eine Variante dieses Gens rasch ausgebreitet. Sie könnte, wie die Forscher vorsichtig formulieren, dabei helfen, sich im Wald zu orientieren, Ressourcen zu lokalisieren und Essbares aufzuspüren.

Die Infografik zeigt die genetische Analyse dreier indigener Gruppen in Malaysia (Negrito, Senoi und Jakun) und hebt die Gen-Kultur-Koevolution hervor. Links eine Karte der malaiischen Halbinsel mit den Standorten der Gruppen. Rechts Boxplots zur Genmutationslast, die bei den Negrito (Jäger und Sammler) niedriger bleibt, was auf eine stärkere Erhaltung von Geruchsgenen hinweist. Unten Diagramme zur positiven Selektion und Introgression von Geruchsgenen, z. B. für erdige/moschusartige Gerüche, einschließlich Einfluss von Altai-Neandertaler-ähnlicher DNA.
Das Forschungsteam untersuchte unterschiedliche Gen-Cluster dreier indigener Gruppen Malaysias. Dabei zeigte sich: Bei der Jäger-und-Sammler-Gemeinschaft der Negrito blieben bestimmte Geruchsgene besser erhalten als bei benachbarten Bauern.

Mit dem Aufstieg des Ackerbaus

Die Mutation ist keineswegs neu. Es handelt sich vielmehr um eine angestammte, evolutionär ältere Form. Die Analyse alter Genome zeigt: In süd- und ostasiatischen Bevölkerungen nahm die Häufigkeit genau dieser Urform in den vergangenen 10.000 Jahren kontinuierlich ab – parallel zur Ausbreitung des Ackerbaus. Dort, wo Menschen als Jäger und Sammler weiterlebten, blieb sie erhalten oder wurde sogar häufiger. Der Übergang zur Agrikultur scheint den alten Duftdetektor also zurückgedrängt zu haben. 

Ein weiterer Gencluster, OR52J3 und OR52E2, zeigt bei den Negrito ähnliche Spuren von Selektion. Er ist für buttrige und süßliche Gerüche zuständig – Signale, die typischerweise auf fett- und kalorienreiche Nahrung hinweisen. Dass Menschen allein am Geruch Milchproben mit unterschiedlichem Fettgehalt unterscheiden können, ist experimentell belegt. Die Urform dieses Clusters ist schätzungsweise 284.500 Jahre alt und damit älter als der Auszug des modernen Menschen aus Afrika.

Bei den ackerbauenden Jakun sieht die Situation anders aus. Dort finden sich Veränderungen an Geruchsgenen, die nicht allein mit der Wahrnehmung, sondern mit Insulinregulation, Lungenfunktion und Immunantwort zusammenhängen. Möglich wird das durch eine biologische Doppelrolle. Manche Geruchsrezeptoren sind auch außerhalb der Nase aktiv. Das Gen OR12D3 etwa wirkt nachweislich als Rezeptor für eine Insulinform und beeinflusst die Insulinausschüttung. Ernährt sich eine Bevölkerung kohlenhydratreich und erlebt regelmäßig Blutzuckerspitzen, könnte das Veränderungen an solchen Genen begünstigen, auch wenn sie gleichzeitig Düfte verarbeiten.

Neandertaler-Rezeptoren

Besonders verblüfft hat das Team der Blick tief in die Vergangenheit. Auf Chromosom 11 stießen die Forschenden bei den Bateq, einer Negrito-Gruppe, auf einen erstaunlich häufig vorkommenden DNA-Abschnitt mit Neandertaler-Ursprung. Fünf dort gelegene Gensequenzen ähneln stark denen eines Neandertalers aus Sibirien. Sie kodieren für Rezeptoren, die moschusartige, florale und fruchtige Düfte wahrnehmen und eine verschobene Sensibilität bewirken: weniger Empfindlichkeit für Moschus, mehr für blumig-fruchtige Noten. Ob hinter dieser sogenannten adaptiven Introgression ein konkreter Anpassungsvorteil steckt, bleibt vorerst offen. Der genaue Selektionsdruck liegt im Dunkeln.

Die Studie untermauert bisherige Untersuchungen der Evolutionsbiologie: Kultur und Genetik lassen sich nicht sauber trennen. Wie Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten, hinterlässt messbare Spuren in der Genetik des Riechens, und vermutlich nicht nur dort. 

40 Prozent leiden an Geruchs- oder Geschmacksstörungen
In Österreich, der Schweiz und Deutschland wurden insgesamt mehr als 2300 Menschen befragt. Phantom-Geruchsempfindungen haben demnach am häufigsten eine negative Auswirkung auf die Lebensqualität.
 
Ein hoher Prozentsatz der Menschen in Österreich, Deutschland und der Schweiz berichtet von Geruchs- und/oder Geschmacksstörungen. Die Häufigkeit liegt bei rund 40 Prozent. Das hat eine Studie mit der Auswertung von Umfragedaten in den drei Ländern und 2340 Probanden ergeben.

Die wissenschaftliche Studie wurde im Jänner 2025 mit einer Online-Umfrage unter Erwachsenen im Alter von mehr als 18 Jahren in Österreich (1023 Teilnehmer), in Deutschland (1031 Probanden) und der Schweiz (286 Teilnehmer) durchgeführt. Die Ergebnisse wurden jetzt in den European Archives of Oto-Rhino-Laryngology veröffentlicht. Unter den Autoren finden sich mit Christian Müller (HNO-Universitätsklinik MedUni Wien/AKH) und Andreas Huber (Tirol Kliniken/Innsbruck) auch österreichische Experten.

Die Hauptergebnisse, so die Autoren: „Insgesamt berichteten 40 Prozent der Befragten über mindestens ein Symptom, wobei Geruchsintoleranz (29 Prozent), Phantosmie (Geruchswahrnehmungen ohne reale Ursache, 27 Prozent; Anm.) und Parosmie (veränderte Geruchswahrnehmung, 19 %; Anm.) am häufigsten auftraten“, schrieben die Fachleute. Phantom-Geruchsempfindungen hatten offenbar am häufigsten eine negative Auswirkung auf die Lebensqualität.

Häufigkeit in Deutschland und Österreich etwa gleich

Die Aufschlüsselung nach den Teilnehmerländern zeigt, dass Österreich am ehesten mit Deutschland zu vergleichen ist. In der Schweiz lag die Häufigkeit mancher der Störungen höher.

So berichteten 10,7 Prozent der österreichischen Teilnehmer über Geruchsverlust (Deutschland: 12,2 Prozent, Schweiz: 11,5 Prozent). Eine veränderte Geruchswahrnehmung beschrieben 17,5 Prozent der Probanden aus Österreich (Deutschland: 19,8 Prozent) und 23,8 Prozent der Schweizer.

„Phantom“-Geruchsempfindungen plagten 25,5 Prozent der österreichischen Teilnehmer, in Deutschland waren es 25,6 Prozent, in der Schweiz 33,9 Prozent. Geruchsintoleranz nahmen in Österreich und Deutschland jeweils 27,9 Prozent wahr, in der Schweiz waren es hier allein 39,5 Prozent der Probanden.

Auch hoher Anteil von Menschen mit Geschmacksstörungen

Von Geschmacksstörungen waren in Österreich 16,4 Prozent der Befragten betroffen, in Deutschland hingegen 19,1 Prozent und in der Schweiz 26,9 Prozent. Über keine derartigen Probleme berichteten in Österreich 61,9 Prozent der Befragten, in Deutschland 59,5 Prozent und in der Schweiz 52,1 Prozent.

Ein möglicher Zusammenhang dieser hohen Anteile an Menschen mit Geruchs- oder Geschmacksstörungen könnte auch mit der durchgemachten Covid-19-Pandemie bestehen. Die Wissenschafter in ihrer Zusammenfassung: „Bei 48 Prozent bis 62 Prozent der Betroffenen blieben die Symptome unverändert oder verschlechterten sich, was auf eine erhebliche Belastung durch anhaltende Funktionsstörungen hinweist. Schweizer Befragte berichteten signifikant häufiger über Parosmie (veränderte Geruchsempfindung; Anm.), Phantosmie (Geruchsempfindung ohne realen Hintergrund; Anm.), Geruchsintoleranz und Geschmacksstörungen als österreichische oder deutsche Teilnehmer, was möglicherweise Unterschiede in der Covid-19-Exposition und den Pandemiebeschränkungen widerspiegelt.“ (APA)

 

 

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