Er hat sich entschieden, dass ihm sein Privates wichtiger ist, als sein Politisches. Endlich mal ein Politiker, dem es Ernst ist. Wenn es ihm denn mal ernst wäre. Warten wir's ab, und schleich di.
Es könnte ab er auch sein, dass er meint, unter diesem Kanzler würde sowieso nichts mehr aus ihm. Und untertaucht, um bei günstiger Gelegenheit wieder hochzukommen.
aus derStandard.at, 8. 7. 2026 Bereits im ersten Lebenshalbjahr verarbeitet das kindliche Gehirn
musikalische Strukturen. Zu passenden Bewegungsmustern im Takt sind sie
aber erst später in der Lage. zuGeschmackssachen
Warum Babys zur Musik zappeln, aber nicht im Takt wippen
Eine Studie mit 79
Säuglingen fand eine frühe Verbindung von Musik und Bewegung. Echte
Synchronisation mit dem Takt fand sich aber in keiner Altersgruppe
Ab welchem Alter tanzen Menschen? Ein internationales Team unter
Beteiligung der Universität Wien hat sich der Frage nun von zwei Seiten
genähert. Das Ergebnis: Schon ab dem dritten Lebensmonat verarbeitet das
Gehirn von Säuglingen Musik. Komplexere Bewegungen zum Gehörten stellen
sich aber erst gegen Ende des ersten Lebensjahres ein.
Bisherige Untersuchungen hatten meist nur eine Seite betrachtet. "Es gibt schon viele Studien zu Säuglingen und Musik,
die sich mit der auditiven Seite beschäftigt haben. Hingegen gibt es
wenige, bei denen man sich die rhythmische Bewegung angeschaut hat",
sagt die federführend beteiligte Entwicklungspsychologin Trinh Nguyen von der Universität Wien. Beides gleichzeitig zu messen, sei bisher gar nicht versucht worden.
Kinderlieder für Babyohren
Für die Studie spielte das Team 79 Säuglingen im Alter von drei, sechs und zwölf Monaten zwei Kinderlieder vor, "La Vaca Lola" und "Hopp Juliska".
Währenddessen zeichnete es die Gehirnaktivität der Kinder mittels EEG
auf und erfasste ihre Körperbewegungen über ein Video-Tracking-System.
Als Kontrolle bekamen die Babys rhythmisch und melodisch durchmischte
Fassungen der Lieder zu hören, außerdem Versionen mit gezielt
veränderter Tonhöhe.
Die Hirndaten zeigten, dass schon die drei Monate alten Babys auf die
strukturierte Musik mit stärkerer Gehirnaktivität reagierten als auf
die durchmischten Tonfolgen. Die auditive Verarbeitung von Musik beginnt
also sehr früh in der Entwicklung.
Keine Bewegung im Takt
Der Körper
hinkt dabei hinterher. Eine grundlegende Verbindung zwischen Musik und
Bewegung ließ sich zwar in allen drei Altersgruppen nachweisen, und in
allen regten höhere Töne die Babys stärker zum Zappeln an.
Strukturierte, komplexere Bewegungsmuster traten jedoch erst bei den
Zwölfmonatigen auf. Eine koordinierte Synchronisation mit dem Takt fand
sich in keiner Altersgruppe.
"Die Bewegungen sind tatsächlich schon rhythmisch, und sie sind von
der Musik informiert. Aber sie sind nicht wie bei Erwachsenen, die dann
etwa im Takt wippen", sagt Nguyen. Das sich entwickelnde Gehirn lernt
demnach allmählich, Gehörtes in Bewegung mit zunehmender Komplexität zu
übersetzen.
Mehr als Hintergrundrauschen
Die Aussagekraft der im Fachjournal eLife präsentierten Resultate
ist freilich an die Versuchsanordnung gebunden. Die Babys saßen dabei
in einem Stuhl, ihre Bezugspersonen hinter ihnen. Unter anderen
Bedingungen wären andere Ergebnisse denkbar, so die Forschenden.
Als Nächstes will das Team die musikalische Interaktion zwischen
Eltern und Kindern in den Blick nehmen. "Ganz oft ist es ja so, dass man
zusammen Musik macht oder vorsingt – in einem nächsten Schritt sind wir
daran interessiert, wie sich die Gehirnaktivitäten dabei verhalten und
ob sie sich vielleicht sogar synchronisieren", sagt Nguyen.
Für die Praxis lässt sich aus den Daten dennoch etwas ableiten. Musik
ist für Babys früh mehr als Hintergrundrauschen. "Für Eltern,
pädagogische Fachkräfte und die frühe Förderung bedeutet das, dass
gemeinsames Singen, rhythmisches Wiegen und wiederholte musikalische
Routinen bereits im ersten Lebensjahr wertvolle Erfahrungen sein können –
auch dann, wenn Babys noch nicht sichtbar im Takt mitgehen", sagt
Co-Studienleiterin Stefanie Höhl von der Uni Wien. (tberg, APA,
8.7.2026)
Nota. - Ich erlaube mir die Vermutung, dass nach dieser Untersuchung Musikalität nicht von Anfang an, also vegetativ, unserm Nervensystem eingeboren ist, sondern erst aus sensorischer Erfahrung aufgebaut wird: Gefühltes wird beurteilt. Das ist bereits ein intellektiver Akt.
Wenn sich das in anderen Versuchsanordnungen und auf andern ästhetischen Feldern bestätigen ließe, wäre es ein entscheidender wissenslogischer Gewinn. JE
aus spektrum.de, 12. 7. 2026 zuGeschmackssachen Dornauszieher:Das coolste Aua der Geschichte Die
Menschen der Antike schmückten ihre Gärten mit Statuen. Gerne auch mit
Skulpturen von Hirtenjungen, die sich einen Dorn aus dem Fuß ziehen, so
wie der »Spinario« in Rom. Idyllischer konnte es kaum werden.
von Karin Schlott
Autsch!
Das hat weh getan. Der Junge hat sich einen Dorn in den Fuß getreten.
Nun sitzt er da auf einem Felsen, beugt sich über seinen linken Fuß, den
er sich – auf den rechten Oberschenkel gestützt – entgegenreckt. Mit
Zeigefinger und Daumen der anderen Hand versucht er, den Fremdkörper aus
der Sohle zu zupfen. Eine schmerzhafte Prozedur, die den Jungen
überraschend kaltlässt: Wer ihm ins Gesicht blickt, sieht ein
ebenmäßiges Antlitz mit einem leichten Lächeln – und extrem gut
frisierten Locken. Der Junge ist sogar derart gut frisiert, dass selbst
mit gesenktem Kopf keine einzige Strähne verrutscht. Als hielten große
Mengen Haarspray die feine Frisur in Form.
Der Junge, der nackt
auf einem Felsen hockt und seinen Fuß verarztet, ist eine Statue: eine
73 Zentimeter hohe Bronzeskulptur, die besser bekannt ist als
Dornauszieher oder Spinario. Sie steht heute in einem lichtdurchfluteten
Saal der Kapitolinischen Museen in Rom, wo sie sich, einmal abgesehen
von einer Unterbrechung unter Napoleon, seit dem Jahr 1471 befindet.
Damals hatte Papst Sixtus IV. die Figur dem neu eingerichteten
Antikenmuseum auf dem Kapitol geschenkt.
Öffentlich
zu sehen war sie aber schon davor: Reisende wie Magister Gregorius aus
England, der Rom im 13. Jahrhundert besuchte, betrachteten die Statue am
Lateranpalast. Ab wann sie dort aufgestellt war, ist unbekannt. Sicher
ist aber: Schon dereinst war sie viele Jahrhunderte alt.
Archäologen
gehen heute davon aus, dass ein Künstler die Skulptur im 1. Jahrhundert
v. Chr. in Bronze gegossen hat. Dabei kopierte er ein Motiv, das
bereits damals einige Generationen lang bekannt war. Aus der Antike hat
nämlich nicht nur ein einziger Dornauszieher überdauert, sondern gleich
mehrere. Spätestens im 2. Jahrhundert v. Chr. war das Motiv geläufig,
wie eine Tonfigur aus der Stadt Priene in Kleinasien bezeugt:
Dargestellt ist ein Hirte, der sich ganz so wie der Spinario in Rom
einen Fremdkörper aus der Fußsohle puhlt.
Dornauszieher | Die 73 Zentimeter hohe Skulptur zeigt einen Jungen, der
sich einen Dorn aus dem Fuß zieht. Vermutlich entstand die Statue im
1. Jahrhundert v. Chr., das Motiv geht aber auf ein älteres Vorbild
zurück.
Das harte Hirtenleben Die
Idee vom Dornauszieher dürfte aber noch älter sein. So ließ der
griechische Dichter Theokrit in einem seiner launigen Gedichte aus dem
3. Jahrhundert v. Chr. zwei Hirten durchs Gestrüpp hasten. Sie wollten
Kälber einfangen – wobei sich einer der beiden einen Dorn eintritt, den
ihm der andere wieder aus dem Fuß zieht.
Ohne diese schriftliche
Überlieferung wäre im Fall des Spinario in Rom wohl nicht einmal klar,
dass der Junge einen Dorn entfernen will. Denn weder im Fuß der
Bronzestatue noch zwischen den Fingern steckt irgendetwas.
Die
Szene in Theokrits Gedicht spielt in einem ländlichen Idyll, dem
Hauptschauplatz der bukolischen Dichtkunst, als deren Schöpfer ebenjener
Theokrit gilt. In der Zeit des Hellenismus, ungefähr ab 300 v. Chr.,
waren Gedichte, die das harte Hirtenleben in epischem Versmaß
zelebrierten, in der griechischen Welt äußerst beliebt. Sie prägten eine
ganze Epoche – so sehr, dass die Menschen nicht nur den Worten über
eine rustikale Ländlichkeit lauschten, sondern auch ihre Gärten und
Heiligtümer mit bukolischen Statuen bevölkerten.
Durch dieses
Idyll, über das in der Vorstellung der Griechen der Gott Dionysos
herrschte, sollten Mythenwesen wie Satyrn, Pane und Mänaden streifen.
Und dort tapsen auch sie in Dornen, die sie sich teils selbst
herausziehen, teils von ihren Kumpanen aus dem Fuß zupfen lassen.
Zum
Umfeld dieser dionysischen Figuren gehören Bilder, die Angehörige
niedriger Schichten wiedergeben: eine trunkene, verlebte Dame, ein
ausgemergelter Fischer oder eine betagte Marktfrau.
Die Menschen des Hellenismus fanden Gefallen an solchen Figuren,
die das Leben gesellschaftlicher Randgruppen in krassem Realismus
spiegelten und eine Gegenwelt zur gepflegten Stadtkultur zeigten, wie es der Archäologe Tonio Hölscher in seinen Schriften erklärt.
Mit solchen Gegenbildern vor Augen hätten sich die hellenistischen
Bürger ihrer eigenen Werte, ihres eigenen Wohlstands versichert. Und zu
diesen Skulpturen zählen auch die Dornauszieher.
Hellenistischer Hirte | Dicke Backen, krumme Beine – in den Augen
der Griechen war der junge Hirte, der einen Dorn aus seiner Fußsohle
entfernt, kein Hingucker, sondern eine lächerliche Gestalt. Filzhut und
Fellgewand geben ihn als Hirten zu erkennen.
Der
Spinario in Rom hat auf einem Felsen Platz genommen. Er sitzt demnach
im Freien. Dort hat er sich den Dorn eingetreten – wie der Hirte im
Gedicht des Theokrit. Viele Darstellungen im selben Sitzmotiv sind
ebenfalls als Hirten charakterisiert, etwa die Terrakotte aus Priene.
Mütze und umgebundenes Fell machen diesen Jungen zu einem Hirten, der
körperlich besonders derb daherkommt: eine gerunzelte Stirn, dicke
Backen, krumme Beine und ein – entgegen antiker Sittlichkeit – zu großer
Penis. Solche Körpermerkmale galten damals als typische Eigenschaften
einer ziemlich lächerlichen Gestalt.
Alle Dornauszieher seien als Hirtenknaben aufgefasst worden, schreibt die Archäologin Rita Amedick im »Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft«,
aber nicht alle hielt man für lachhafte Typen. Es gab Dornauszieher wie
den bäurischen Jungen aus Priene, und am anderen Ende des
Bedeutungsspektrums »schöne, erotisch attraktive Hirtenknaben, wie sie
als Götterlieblinge schon aus griechischen Mythen bekannt sind«, so
Amedick. Ganymed sei so einer, der nichts ahnend seine Schafe hütet, als
ihn Zeus in Gestalt eines Adlers entführt, weil der Gott im Olymp einen
Mundschenk braucht und sich noch dazu in den Jungen verliebt hat.
Kunstvolle Frisur
Ob
der Dornauszieher in Rom einen solchen Hirtenjungen aus den
Mythengeschichten darstellen soll, lässt sich kaum klären. Als lachhafte
Gestalt ist er jedoch nicht charakterisiert, im Gegenteil: Das
idealisierte Gesicht, die fein gekämmten und gelockten Haarsträhnen, die
über der Stirn kunstvoll geknotet sind, zeigen einen – im Sinne der
Antike – schönen Jungen.
Eine Sache will dennoch so gar nicht
passen: die Frisur des Spinario, die wie betoniert am Kopf haftet. Die
Künstler des 1. Jahrhunderts v. Chr. waren sehr wohl in der Lage, ein
naturalistisches Bildnis zu schaffen, das dem Gesetz der Schwerkraft
gehorcht. Warum also hat man dem Dornauszieher diese spezielle
Haartracht verpasst? Fachleute sind überzeugt davon, den Grund für
diesen Widerspruch entlarvt zu haben. Es dürfte sich bei dem Spinario um
ein eklektisches Bild handeln.
Für ihre Auftraggeber schufen die
Bildhauer Skulpturen, die sie aus verschiedenen Kunstepochen
zusammenstückelten. Der Kopf des Dornausziehers in Rom ähnelt
stilistisch Darstellungen aus dem frühen 5. Jahrhundert v. Chr. Damals
gab es allerdings noch keine einzige Figur eines Dornausziehers. Ein
solches Motiv fand seine Abnehmer frühestens im Hellenismus und stieß
auch noch in römischer Zeit auf Liebhaber.
Gut möglich also, dass
einst ein wohlhabender Römer den Spinario erworben hatte und in seinem
Garten aufstellen ließ – als Teil eines ländlichen Idylls, in dem selbst
vornehm frisierte Hirtenknaben in Dornen steigen.
'Offenbar verwischen die abstrakten Zahlensymbole die fundamentalen
Unter-schiede zwischen dem Etwas und dem Nichts'!* Denn schon die Begriffe
habendieihnenzugrundeliegendenVorstellungenverblassenlassen. Mit den abstrakten Sym-bolen kann der Verstand leichter operieren, doch die anschaulichen Bilder lassen sich erwägen - das tun Symbole nicht.
Halten
wir fest: Das Experiment* setzte voraus, dass Zahlen im Gehirn
entstanden sind. Und als sie da waren, hat dasselbe Gehirn die Null hinzu erfunden. Anders ergibt die Versuchsanordnung* keinen Sinn.
Zahlen
entstehen aus Zählen. Nicht aber die Null. Wie die Berichterstatterin
schreibt: Sie bezeichnet ein Fehlen. Erst mussten die aus abzählbaren
Mengen entstandenen Zahlen in der Vorstellung zu einer unendlichen Reihe
gefügt werden, damit auffallen konnte: Wenn es ein Ende nicht gibt,
kann es auch einen Anfang nicht geben. Die Eins, die in die
Mannigfaltigkeit hinein gesetzt wurde, um mit dem Zählen anfangen zu
können, ist vom Zählenden willkürlich plaziert worden - er hätte auch
später anfangen können. Dann musste er aber auch früher anfangen können.
Zahlen dienen nicht nur zum Abzählen.
Solange sie nur zum Abzählen gebraucht werden, existieren Zahlen nur medial, doch nicht real: Sie bezeichnen nur und haben keinen Eigen-Sinn. Werden sie aber astrologisch verwendet, bezeichnen sie nicht Realien, sondern Phantasmen - aber so, als ob sie Realien bezeichneten.
Historisch hat sich aus der Astrologie die Astronomie entwickelt, und nun konnten - mussten - die Zahlen sich praktisch bewähren. Es konnte die Vorstellung aufkom-men, sie wären Zeichen für Wirkliches - und also selber ein kleines Bisschen wirk-lich.
Man konnte mit dem Rechnen anfangen.
Und so konnten sie die Geometrie begründen, die ohne sie nicht reell gewesen wäre. Geometrie handelt von Raumverhältnissen. Ohne
Zahlen gäbe es in der Wirklichkeit keine verstehbaren Verhältnisse,
denn Geometrie betrachtet das Wirkliche als ein einiges Kontinuum, das
von ihnen konstituiert wird.
Zahlen sind seither nicht mehr medial, sondern konstituiv.
Wenn dem so ist, muss der Zählbarkeit ein Zustandvorangegangen sein, wo nicht gezählt werden konnte: nämlich vor der Eins. Das kann man umkehren - sofern man die Null als die Grenze der Zählbarkeit feststellt: minus Eins, minus Zwei...
Mit andern Worten, Null setzt die Mathematik voraus, nicht umgekehrt. Kein Wunder, dass sie den Alltagsverstand befremdet.
*
Die Null war die Schallgrenze, die das analoge Vorstellen vom digitalen Denken geschieden hat. An die Stelle der Anschauung von Mengen - Äpfel und Birnen -
tritt das Operieren mit Symbolen. Konnte es auch woanders als beim
Rechnen ent-stehen? Wahrscheinlich - zufällig und bei besonderer
Gelegenheit; doch davon ist uns nichts überliefert. Beim Rechnen aber musste es geschehen. Das Rechnen ist in diesem engeren Sinn der Ursprung des Begriffs, nichtdas Reden. Es ist das Grund-muster des diskursiven Verfahrens.
In der Mengenlehre wird dieser Zusammenhang durch Umkehrung wiederherge-stellt.
Diese Sozialphilosophin sieht den Opferkult skeptisch
Von Trauma bis
Mikroaggression: Maria-Sibylla Lotters Buch "Opfer" handelt von der
Aufwertung, die der Status der Verwundbarkeit im Diskurs erfährt
von Ronald Pohl
Mitunter sind es gerade die Erniedrigten und Gequälten, die
begründete Aussicht besitzen auf symbolischen Ruhm. Es war Frankreichs
damaliger Präsident François Hollande, der nach den Anschlägen auf das
Bataclan 2015 den Opfern posthum den Orden der Ehrenlegion zuerkennen
wollte. Doch nicht allen schien die Gleichsetzung von passivem Erleiden
mit dem Erweis von Tatkraft plausibel, zumal in einem Land, das die
Erinnerung an die Geschichte der Résistance hochhält. Doch der zugrunde
liegende Registerwechsel war schon vorher vollzogen. Wer den begründeten
Anspruch stellen kann, Opfer zu sein, dem widerfährt ein Zugewinn an
moralischer Autorität.
Ihm oder ihr fällt zu, aus einer neuen Mitte der Gesellschaft heraus
über jene zu befinden, die laut Papierform stärker sind, weil
strukturell bevorteilt. Mehr noch als das: Die "neue" Empörungslogik,
schreibt die in Bochum lehrende Sozialphilosophin Maria-Sibylla Lotter,
bewirkt eine stupende Neudefinition dessen, wer über wen befindet. Kaum
je zuvor durfte Ohnmacht sich omnipotenter wähnen als heute.
Unterschiedliche Gruppen von Marginalisierten wetteifern um das
Privileg, moralisch im Recht zu sein. Und mit der Bitte um
Schadensabwehr Gehör zu finden.
Maria-Sibylla Lotter, Professorin für Ethik und
Ästhetik in Bochum
Bei flüchtiger Betrachtung befinden sich die Kategorien in der
schändlichsten Verwirrung. Ansprüche der vordem Marginalisierten haben
den öffentlichen Raum in eine Therapiezone verwandelt. Wer von
Erfahrungen als Opfer erzählt, dem wird unhinterfragt, doch redlich
zerknirscht Glauben geschenkt. Öffentlichkeit als Austragungsort von
Konflikten unterliegt seit geraumer Zeit den Auflagen der
Therapiekultur. Mit der Ausdehnung der "Posttraumatischen
Belastungsstörung", so Lotter, setzte vor bald 50 Jahren ein Prozess
zunehmender Pathologisierung ein.
Maß des inneren Erlebens
Was
einem äußerlich an Schädigung widerfährt, wird seither mit immer
dramatischeren Folgen in Begriffe inneren Erlebens übersetzt. Es ist die
Ich-Instanz des Opfers, die bei Therapierenden auf offene Ohren stoßen
soll. Dementsprechend ist es heilsam für jede Person, die unter
Leidensdruck steht, auch wirklich zu sagen, was ihr, freilich ihrer
Meinung nach, an Schlechtem widerfahren ist.
Es gehört zu den größeren Verdiensten von Lotters Buch mit Titel Opfer,
sich über niemanden zu erheben und es doch nicht an Deutlichkeit fehlen
zu lassen. Keineswegs lassen sich soziale Übel und andere
himmelschreiende Ungerechtigkeiten in pathologische Urteile übersetzen.
Nicht jedes Leiden schreit danach, als Krankheit beurteilt zu werden.
Nicht nur horizontal dehnt sich der Trauma-Begriff allseitig aus.
Sukzessive erfasst er das Repertoire selbst geringfügiger
Unleidlichkeiten. Verwundet darf sich dünken, wer gehörig Frust schiebt.
Unter dem Sammelbegriff der "Mikroaggressionen" hat sich ein weites
Feld für die Bewirtschaftung von Ohnmachts- und ähnlichen Erfahrungen
eröffnet. Die Zunahme von Sensibilisierung macht aus Mücken Elefanten.
Und doch bleibt jeder Mensch, der moralisch guten Willens ist, dem
Prinzip der Achtsamkeit selbstredend unterworfen. Es verhält sich wie in
dem Witz von Woody Allen. Bloß weil jemand paranoid ist, heißt das noch
lange nicht, dass "sie" nicht hinter ihm/ihr her sind. Der Rassismus
schwärt weiter. Wenn jemand das N-Wort nicht mehr unbedenklich
aussprechen darf, heißt das nicht, dass ihm jemand einen Maulkorb
umbindet.
Eigentümlich bevormundend
Strukturell
erfahrene Gewalt richtet sich häufig genug gegen Menschen, denen keine
Judith Butler gibt zu sagen, was sie leiden. Schindluder treibt, wer aus
lauter Achtsamkeit und Sorge potenziellen Opfern das Wort entwendet, um
es ungerechtfertigt, an ihrer statt, im Mund zu führen. Hinzu kommt die
eigentümliche Betonung der Sprachgewalt. Seit jeder Anflug von Hassrede
ins Sündenregister eingetragen wird, ergibt sich eine bedenkliche
Schieflage. Reale Machtverhältnisse werden zurückübersetzt in die
Ordnung sprachlicher Grammatik.
Moralische Anerkennung trägt davon, wer den Status eines Geschädigten
anmelden kann, und zwar möglichst im Vorhinein. In solchen Fällen
schlägt häufig die Stunde bürokratischer Sprachkontrolleure. So mag es
passieren, dass in der Bundesrepublik Deutschland immer mehr Menschen
meinen, sie würden in ihrer Meinungsfreiheit beschnitten. Und blieben –
vielleicht weil sie sich nicht elaboriert auszudrücken verstehen wie
Uni-Abgängerinnen – ungehört.
Dissonantes Phänomen
Maria-Sibylla Lotters Buch Opfer
mutet Lesenden zu, das dissonante Erscheinungsbild der Öffentlichkeit
mit gebührender Toleranz auszuhalten. Man nennt dies das Ertragen von
Ambivalenz. Ein Schlüsselsatz taucht gegen Ende dieses überaus
empfehlenswerten Traktats auf: "Schließlich haben die Bestrebungen, eine
zivilere Kommunikationskultur zu fördern – getragen von wachsender
Sensibilität für menschliche Verletzlichkeit –, paradoxerweise selbst zu
einem mitunter sehr harten und ausgrenzenden Umgang mit jenen geführt,
die diese Sensibilitäten nicht teilen."
Der Ausbau der Ganztagsbetreuung [!] im Südwesten soll zu
einem höheren Arbeitsvolumen von Frauen, mehr Bildungsgerechtigkeit und
Wirtschafts-wachstum führen. Doch was wollen eigentlich Kinder?
aus derStandard.at, 8. 7. 2026 Nachbildungen eines Schädels von Homo habilis (rechts) sowie eines
frühen Homo sapiens. zuJochen Ebmeiers Realien
Gehirn und Gesicht
Die menschliche Evolution verlief zum Teil anders als bisher angenommen
Eine Analyse von 87
Homo-Fossilien deutet an, dass das Wachstum des Gehirns und die
Verkleinerung des Gesichts weniger auf gerichtete Selektion zurückgehen
als auf neutrale Prozesse
von Thomas Bergmayr
Zwei entscheidende Trends prägen die Geschichte der Gattung Homo. Das
Gehirn wurde größer, das Gesicht dagegen kleiner, Kiefer und Wangen
weniger massiv. In der Fachwelt gilt beides als Musterbeispiel für
gerichtete natürliche Selektion: Größere Gehirne brachten kognitive
Vorteile, kleinere Gesichter senkten den Energieaufwand, weil Werkzeuge
und Nahrungsverarbeitung dem Kauapparat Arbeit abnahmen. Eine aktuelle
Studie stellt diese Annahmen zur menschlichen Evolution nun aber
infrage.
Mark Hubbe von der University of Tennessee in Knoxville und Katerina Harvati
vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment
(Universität Tübingen) haben geprüft, wie gut die anatomischen
Veränderungen zu verschiedenen Evolutionsmodellen passen. "Unsere
Analysen bestätigen zwar die bekannten evolutionären Trends des
Wachstums des Hirnschädels und der Reduktion des Gesichts, zeigen
jedoch, dass die Unterschiede innerhalb unserer Gattung deutlich besser
durch neutrale evolutionäre Prozesse und lange Phasen evolutionärer
Stasis erklärt werden können", sagt Hubbe.
Entscheidende Verhaltensänderungen
Die
Gattung Homo entstand vor rund 2,5 Millionen Jahren, ihr einziger heute
noch lebender Vertreter ist der moderne Mensch. Mit wenigen Ausnahmen
wuchs bei den verschiedenen Arten das Gehirn, während Gesicht und Kiefer
an Größe und Robustheit einbüßten. Parallel dazu änderte sich das
Verhalten: Steinwerkzeuge kamen zum Einsatz, die Ernährung wurde
vielfältiger, die Populationen dehnten sich über weitere Regionen aus,
und vermutlich entstanden komplexere soziale Gefüge.
Vor allem diese Verhaltensänderungen galten lange als Motor der
körperlichen Umformung. Größere Gehirne wurden begünstigt, weil sie
Erfindungsreichtum und Kreativität förderten; kleinere Gesichter, weil
sich der Aufwand fürs Kauen nicht mehr lohnte. Mit anderen Worten: Ein
stetiger, gerichteter Druck verlieh unserer Art ihre heutige Gestalt.
Neutrale Evolution und Stillstand
Um
die Annahme zu prüfen, griffen Hubbe und Harvati auf dreidimensionale
Schädelvermessungen von 87 Fossilien der Gattung Homo zurück. Vertreten
sind frühe Formen wie Homo habilis und Homo rudolfensis, dazu Homo
erectus und Homo heidelbergensis, Neandertaler sowie frühe und heutige
Populationen von Homo sapiens. Der Datensatz erfasst einen großen Teil
der gut erhaltenen Homininenfossilien der vergangenen zwei Millionen
Jahre.
Diese Gebeine verglichen die Forschenden mit sechs
Evolutionsmodellen, um zu bestimmen, welches die beobachteten
Veränderungen am wahrscheinlichsten erklärt. Neben der gerichteten
Selektion prüften sie neutrale Evolution, in der sich Merkmale
ungerichtet verschieben, sowie längere Phasen kaum wahrnehmbarer
Veränderung. Getestet wurde auch das Modell des punktuierten
Gleichgewichts: die Annahme, dass Arten über lange Zeit stabil bleiben
und sich nur in kurzen Schüben rasch verändern.
Nach Ansicht der Forschenden spielen bei der Schädelentwicklung
der Gattung Homo genetische Drift und stabilisierende Selektion die
Hauptrollen.
Drei Arten von Bedingungen
Die im Fachjournal Nature Communications vorgestellten Resultate
waren für die Forschenden eine Überraschung: Für die allmähliche,
gerichtete Selektion fanden sich nur schwache Belege. Deutlich besser
passten neutrale Prozesse und Stasis, also lange Abschnitte, in denen
sich am Bauplan wenig bewegte. Wenn der Normalzustand eher Beharrung als
gerichtete Selektion ist, stellt sich die Frage, warum sich diese
Beharrung löste. Denn die großen Schübe der Gehirnvergrößerung fielen
den Analysen zufolge vermutlich in Zeiten, in denen die einschränkenden
Faktoren vorübergehend nachließen.
Solche Phasen ordnet das Team vor allem drei Arten von Bedingungen
zu: der Entwicklungsbiologie, dem Energie- und Stoffwechselhaushalt
sowie der kulturellen Innovation. Der letzte Punkt sei der
entscheidende. "Kultur wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein Puffer: Sie
ermöglicht es uns, neue Lebensräume zu nutzen und mehr Ressourcen zu
erschließen. Dadurch wird der Druck auf bestimmte Körperstrukturen
geringer, weil sie weniger stark an Umweltbedingungen angepasst sein
müssen", sagt Hubbe.
Ein größeres Gehirn verlangt viel Energie, und ohne verlässliche,
nahrhafte Versorgung lässt sich der Aufwand kaum stemmen. Die Kultur,
also die stärkere Nutzung tierischer Ressourcen und das Kochen, das den
Nährwert vieler Speisen erhöht, kann den erhöhten Bedarf jedoch decken.
Phasen technologischer und kultureller Neuerung, so Hubbe, könnten
deshalb rasche Veränderungen anstoßen, weil sie es den Vorfahren
erlaubten, den Energiehunger größerer Gehirne zu stillen und deren
kognitive Vorteile auszuschöpfen.
Schwerpunktverlagerung
Auffällig
sind die Unterschiede zwischen den beiden späten Linien. Bei den
Neandertalern blieb die Gesichtsform über lange Zeiträume stärker durch
evolutionäre Einschränkungen geprägt. Das Gesicht des modernen Menschen
dagegen fiel deutlich kleiner aus als das anderer Linien. Womöglich
hingen auch diese späten Veränderungen mit tiefgreifenden Verschiebungen
im Verhalten zusammen, die mit dem Auftreten unserer Art einhergingen.
"Unsere Ergebnisse verlagern den Schwerpunkt", erklärt Harvati.
"Statt zu fragen, warum sich Menschen kontinuierlich in Richtung
größerer Gehirne und kleinerer Gesichter entwickelt haben, wäre es
sinnvoller zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sich menschliche
Populationen von bestehenden Einschränkungen lösen und neue Merkmale
entwickeln konnten."