Als ich 1985 nach längerem Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückkam, stieß ich auf den SpruchVäter sind Täter! Niemand*in gab das als Satire aus. Ich ahnte nicht, dass das nur der Beginn eines Jahrzehnte währenden Medienauftriebs werden sollte. Männern wurdeseitherallerlei zugemutet. MeToo war noch eine vergleichs-weisemaßvolle Variante.
Ich habe vor 20 Jahren meinen Fernseher rausgeschmissen. Dieter Nuhr war da-mals einer der wenigen Comedians, die ich nicht weggezappt habe, seine neueren Performances kenne ich aber nicht.
Früher hat er sich sorgsam den Beifall von der falschen Seite vom Hals gehalten, doch um den von der konsensuell richtigen Seite hat er nie gebuhlt. So habe ich ihn in Erinnerung. Es scheint, als habe er sich nicht verändert. Dazu würde ich ihm gra-tulieren.
Der wichtigste österreichische Wissenschaftspreis geht in diesem Jahr an den Quantenphysiker Markus Aspelmeyer
Interview von Tanja Traxler
Wie die beiden großen Theorien der modernen Physik zusammengeführt
werden können, gilt als die zentrale Herausforderung der Physik. Zwar
gibt es einige theoretische Ansätze, doch ein experimenteller Nachweis
steht bislang aus. Genau hier setzt die Forschung des Quantenphysikers
Markus Aspelmeyer an, der an der Universität Wien und der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig ist. In
hochspezialisierten Laboren werden Glasteilchen von der Größe eines
Sandkorns im Vakuum mithilfe von Licht kontrolliert und in
Quantenzustände versetzt. Langfristig sollen diese Experimente klären,
ob auch die Gravitation den Gesetzen der Quantenwelt folgt. Wie der
Wissenschaftsfonds FWF am Mittwochabend bekannt gab, wird Aspelmeyer für
seine Forschung mit dem diesjährigen Wittgenstein-Preis ausgezeichnet.
STANDARD: Gratulation zum Wittgenstein-Preis! Die
Auszeichnung ist mit zwei Millionen Euro dotiert und zweckgebunden für
die Forschung. Was haben Sie damit vor?
Aspelmeyer:Wir werden definitiv das Team
ausbauen, das ist für unsere Forschung das Wesentlichste. Der Preis ist
eine Auszeichnung für das gesamte Team und hilft uns, die besten Köpfe
zu bekommen. Dabei geht es oft um Timing, dass man in dem Moment, wenn
eine gute Bewerberin verfügbar ist, auch ein Angebot machen kann. Durch
den Wittgenstein-Preis haben wir nun die Flexibilität, auf dem großen
internationalen Markt die Besten ansprechen zu können.
STANDARD: Ihre Forschung ergründet das Grenzgebiet
zwischen Gravitation und Quantenphysik. Seit vielen Jahrzehnten wird
daran gearbeitet, diese beiden großen Theorien der modernen Physik
zusammenzuführen – doch bisher ist der große Durchbruch ausgeblieben.
Warum sehen Sie nun ein historisches Zeitfenster anbrechen, wo das
tatsächlich gelingen könnte?
Aspelmeyer:Die größten Fortschritte, die
in den letzten Jahrzehnten gelungen sind, waren im Bereich der Theorie.
Es wird oft gesagt, dass es unmöglich sei, die Theorie der Quantenphysik
und Gravitation zusammenzubringen. Aber das stimmt nicht! Wir haben ja
bereits Theorien der Quantengravitation. Das Problem ist, dass wir nicht
wissen, ob sich die Natur tatsächlich so verhält. Dass man es auf dem
Papier als Theorie hinschreiben kann, heißt noch nicht, dass sich die
Natur daran halten muss.
Die Forschung der Gruppe von Markus Aspelmeyer fokussiert auf das Grenzgebiet zwischen Gravitation und Quantenphysik.
STANDARD: Dazu werden Experimente benötigt, wo Ihre Forschung ins Spiel kommt.
Aspelmeyer: Lange Zeit hat man geglaubt, dass diese
Phänomene so klein sind, dass sie experimentell nicht zugänglich sind.
Dasselbe galt übrigens auch für Gravitationswellen. Ende der
1950er-Jahre war es die vorherrschende Meinung, dass Gravitationswellen
und Gravitation von Quantenobjekten interessante Effekte sind, die aber
so klein sind, dass es nicht möglich ist, sie in einem Experiment zu
zeigen. Für Gravitationswellen wissen wir seit 2015, dass das nicht
stimmt: Wir können Gravitationswellen messen, inzwischen fast schon
täglich.
STANDARD: Wie sieht es aus mit Quantenexperimenten mit großen Objekten?
Aspelmeyer: Unter dem Schlagwort makroskopische
Quantenphysik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wahnsinnig viel
getan. Mein Lieblingsbeispiel sind natürlich die Experimente von meinem
Kollegen Markus Arndt (Wittgenstein-Preisträger 2008, Anm.) mit seinen
Molekül-Interferenzexperimenten. Dabei kann man Quanten-Phänomene bei
Objekten mit Tausenden Atomen zeigen. In meiner Forschungsgruppe haben
wir in den letzten 20 Jahren viel Zeit investiert, um Festkörperobjekte
wie kleine Sprungbretter ins Quantenregime zu treiben. Jetzt haben wir
erstmals die Methoden in der Hand, um die Masse von Quantenobjekten so
groß zu machen. Das war vor 60 oder 70 Jahren denkunmöglich, dass die
experimentellen Möglichkeiten einmal so weit entwickelt sein werden.
Deswegen ist jetzt die Zeit, in der wir hier sehr große Chancen haben.
STANDARD: International arbeiten unterschiedliche
Forschungsgruppen an dieser Schnittstelle. Was zeichnet den Ansatz, den
Ihr Team verfolgt, aus?
Aspelmeyer: Wir sind führend darin, dass wir die
Vermessung von kleinsten Gravitationsfeldern, also wirklich
Präzisionsmessungen im Gravitationsbereich damit verbinden,
Quantenobjekte immer massiver zu machen – bis in einen Bereich, in dem
wir hoffentlich irgendwann deren Gravitationsfeld messen können. Das
macht unsere Forschung einzigartig: Anstatt sich auf eines zu
fokussieren und zum Beispiel zu versuchen, nur die Quantenphysik oder
nur die Gravitationsphysik voranzubringen, schauen wir, dass wir an
beiden Fronten neue Weltrekorde aufstellen und sie zusammenführen.
STANDARD: Prognosen sind gerade bei der
Grundlagenforschung schwierig. Sie haben aber dennoch eine ganz klare
Timeline vor Augen. Wie sieht die aus?
Aspelmeyer:Die Timeline ist 17 Jahre, das
hängt mit dem europäischen Forschungssystem zusammen, weil bei uns gibt
es ja das System der Zwangspensionierung. Bei mir wird das in 20 Jahren
so weit sein. Als Experimentalphysiker gibt man sich immer einen Puffer,
so von drei Jahren, und deswegen wird das Experiment in 17 Jahren
fertig sein. Meine amerikanischen Kollegen schauen mich dabei immer
verständnislos an, die verstehen den Witz nicht dabei.
STANDARD: Ein anderes Themenfeld, mit dem
US-Forschende vielleicht mehr anfangen können, ist der Einsatz von KI in
der Wissenschaft. Künstliche Intelligenz revolutioniert viele Bereiche
der Forschung – welche Vorteile kann KI bei Ihrer Arbeit bieten?
Aspelmeyer:Das ist tatsächlich noch offen.
Wir verwenden KI schon lange für einfache Dinge wie Coden von kleiner
Maschinerie innerhalb der Experimente. Da beschleunigt es schlichtweg
den Alltag. Ansonsten muss man sich das jetzt anschauen. Wir diskutieren
definitiv innerhalb der Gruppe sehr stark, wie wir die Möglichkeiten
von KI nutzen können, um unsere Forschung qualitativ noch stärker zu
machen. Ich glaube, das ist die Kunst, dass man es nicht einfach
verwendet, um mehr zu produzieren, sondern dass man die Möglichkeiten
durch KI sinnvoll nutzt, um qualitativ noch besser zu werden.
STANDARD: Sie haben sich trotz mehrfacher Angebote aus dem Ausland dazu entschieden, in Wien zu bleiben. Warum?
Aspelmeyer:Wien ist die schönste Stadt der
Welt und bietet einzigartige Möglichkeiten. Für mich persönlich kann
ich sagen, dass diese Kombination von Universität Wien und Akademie der
Wissenschaften für meine Gruppe die Möglichkeit bietet, diese
grundlegenden Fragen wirklich langfristig anzugehen. Das ist absolut
einzigartig. Hinzu kommt in Wien und in Österreich eine lange Tradition
in der Quantenphysik, beginnend mit Erwin Schrödinger bis zum Nobelpreis
für Anton Zeilinger. Forschung ist aus meiner Sicht wie Kunst, das ist
ein Gesamtentwurf, ein Gesamtkonzept. Da müssen alle Randbedingungen
stimmen und Wien kann das bieten. Ich denke, da lohnt es sich, weiter zu
investieren, sowohl intellektuell als auch materiell.
"Ich sehe mich als einen durch unbändige Neugier getriebenen jung
gebliebenen Mann, der schlichtweg einfach nur Neues lernen möchte", sagt
der Quantenphysiker Markus Aspelmeyer.
STANDARD: Was schon länger eine große Rolle für Ihre
Forschung spielt sind philosophische Überlegungen. Wie beeinflusst die
Philosophie die experimentelle Physik?
Aspelmeyer:Im konkreten Alltag ist der
Einfluss von Philosophie zum Drehen des Schraubenziehers im Labor
natürlich nicht relevant. Aber tatsächlich ist es so, dass die
Motivation hinter der Forschung natürlich getrieben ist durch die
Neugier und das Bedürfnis, bestehendes Wissen infrage zu stellen und
noch mehr dahinter zu schauen. Und genau diese Art des kritischen
Hinterfragens sind die Grundwerkzeuge, die dir das Philosophiestudium
mit auf den Weg gibt. Und so sehe ich mich: Ich sehe mich als einen
durch unbändige Neugier getriebenen jung gebliebenen Mann, der
schlichtweg einfach nur Neues lernen möchte. Unsere Experimente sind für
mich eine intellektuelle Herausforderung. Das ist die eigentliche
Aufgabe der Grundlagenforschung, Bestehendes infrage zu stellen, und ich
denke, das ist ein genuin philosophischer Zugang.
STANDARD: Und wie wirkt die Physik zurück in die Philosophie?
Aspelmeyer: Ich denke, dass diese Fragestellungen,
an denen wir jetzt dran sind, die Schnittstelle zwischen Quantenphysik
und Gravitation, auch vom philosophischen Aspekt her wahnsinnig spannend
ist. Wir haben hier zwei funktionierende physikalische Theorien, die
auf Weltbildern beruhen, die sich gegenseitig ausschließen. Und das ist
eine Grundsatzfrage: Kann es so etwas geben in der Natur? Ich glaube
nicht. Also ich denke schon, unsere Aufgabe als Physikerinnen und
Physiker ist es, diese Widersprüche in den Weltbildern aufzudecken und
dann nachzubohren.
STANDARD: Nachdem Sie sich nun zu den
Wittgenstein-Preisträgern zählen können: Welche Bedeutung hat Ludwig
Wittgensteins philosophisches Vermächtnis für Ihre Arbeit?
Aspelmeyer:Ich glaube, das wesentliche
Element zum Verständnis der Bedeutung und Relevanz der Quantentheorie
führt über die Sprache. "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen
meiner Welt" ist ein Zitat von Wittgenstein, dass genau das zum Ausdruck
bringt, was uns die Quantenphysik als Spiegel vorhält: Wir sind in
einer Situation, in der wir die Natur nicht mehr mittels unserer Sprache
beschreiben können. Diese Grenzen zeigen sich in diesem völlig
kontraintuitiven Verhalten. Ein anderes Beispiel aus dem Tractatus ist:
"Die Welt ist alles, was der Fall ist." Auch hier könnte man fragen, was
würde Wittgenstein heute sagen? Würde er die Quantenphysik so sehen,
wie wir sie heute sehen, würde der Tractatus anders beginnen, nämlich
mit: "Die Welt ist alles, was möglicherweise der Fall sein könnte."
Der mit zwei Millionen Euro höchstdotierte
Wissenschaftspreis des Landes, der Wittgenstein-Preis des
Wissenschaftsfonds FWF, geht 2026 an Markus Aspelmeyer. Der Physiker
arbeitet an der Schnittstelle von Gravitation und Quantenphysik.
In seiner Forschung stellt der Physiker Aspelmeyer die
Gravitation auf den Prüfstand der Quantenphysik. Denn die Gravitation
entzieht sich als einzige der vier fundamentalen Wechselwirkungen der
Physik den Regeln der Quantenphysik. Für unser Verständnis der Welt sei
eine Theorie der Quantengravitation jedoch unerlässlich, sagt Aspelmeyer
gegenüber science.ORF.at.
Den mit zwei Millionen Euro dotierten Wittgenstein-Preis
des Wissenschaftsfonds FWF erhalte der Quantenphysiker laut der
internationalen Fachjury nicht nur als Auszeichnung seiner
herausragenden wissenschaftlichen Karriere, es handle sich auch um eine
Investition in die Zukunft.
Investition in ambitioniertes Vorhaben
Die
Vergabe des „Austronobelpreises“ an Aspelmeyer ist laut Jury „eine
Investition in eines der ambitioniertesten Vorhaben in der modernen
Physik, das Österreichs erfolgreiche Tradition in der Quantenforschung
um ein weiteres vielversprechendes Kapitel bereichert“. Für Aspelmeyer
selbst ist der Wittgenstein-Preis eine Auszeichnung für sein gesamtes
Team, mit dem er als Leiter des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie als Professor für Physik an der Universität Wien forscht.
Konkret geht es dabei um aufwendige Experimente, die untersuchen, ob
die Regeln der Quantenphysik auch für die von Albert Einstein
beschriebene Raumzeit gelten. Das Konzept der Raumzeit ist ein Baustein
der Allgemeinen Relativitätstheorie. „Raum und Zeit werden gekrümmt
durch Massen“, erklärt Aspelmeyer. Diese Krümmung hängt also mit der
Gravitation zusammen. Doch gelten hier auch die Regeln der
Quantenphysik?
Gravitation vs. Quantenphysik
„Wir wissen,
dass sich in der Quantenphysik Objekte so verhalten können, als ob sie
an zwei Orten gleichzeitig sind“, so Aspelmeyer. Wenn nun also eine
Masse die Raumzeit krümmt, die sich so verhält, als ob sie an zwei Orten
gleichzeitig wäre, ist die Raumzeit dann auch zweifach vorhanden? „Es
sind Fragen wie diese, die wir experimentell beantworten wollen“, sagt
Aspelmeyer. Die Einstein’sche Gravitationstheorie sagt, es kann nur eine
Raumzeit geben – die Quantenphysik sagt, dass das so nicht stimmen
kann.
Wittgenstein-Preis an Quantenphysiker Aspelmeyer
Der diesjährige Wittgenstein-Preisträger untersucht diese Frage im
Labor etwa anhand eines „großen“ Quantenobjektes. Es handelt sich um
eine Glaskugel in der Größe eines Sandkorns, aufgebaut aus ca. einer
Milliarde Atomen. Die Kugel mit einem halben Mikrometer Durchmesser wird
mit einem Laser in einer Vakuumkammer gehalten und gleichzeitig so
gekühlt, dass ihre Bewegungsenergie minus 273 Grad Celsius entspricht
und sie Quanteneigenschaften zeigt. In diesem Experiment, mit dem
größten Quantenobjekt des Forschungsteams, wird das Quantensystem selbst
untersucht.
Anziehungskraft kleinster Objekte
Auf der
anderen Seite gebe es Gravitationsexperimente, sagt Aspelmeyer. „Da ist
die kleinste Masse, von der man bislang ein Gravitationsfeld messen
konnte, eine ein Millimeter große Goldkugel“, so der Physiker. Betrachte
man diese Goldkugel als einen kleinen Planeten, dann habe der eine
Anziehung, also eine Schwerkraft, die 30 Milliarden mal kleiner ist als
die Schwerkraft der Erde, erklärt Aspelmeyer.
Beim Ziel der
Verkleinerung gelang dem Team um Aspelmeyer 2021 damit ein Rekord: Sie
konnten so die kleinste jemals bestimmte Gravitationskraft messen, also
die Anziehungskraft dieses 90 Milligramm schweren Goldkügelchens, das
etwa so schwer ist wie ein Marienkäfer und andere Objekte mit einer
Beschleunigung anzieht, die eben 30 Milliarden Mal kleiner ist als jene
der Erde.
Nun sollen diese Experimente zusammengeführt werden – die kleine
Glaskugel soll größer werden und die Gravitationsexperimente mit der
Goldkugel kleiner. „Letztlich wird es ein so kleines Objekt sein, das
man gerade noch mit freiem Auge sehen kann und das dann Quanteneffekte
hat, dessen Gravitationsfeld wir allerdings noch messen können“, sagt
Aspelmeyer. „Da soll die Reise hingehen“, sagt der Physiker
zuversichtlich.
Weiter Weg zur Quantengravitation
2020 hat
Aspelmeyer gemeinsam mit Innsbrucker und Zürcher Kollegen einen mit 13
Mio. Euro dotierten „Synergy Grant“ des Europäischen Forschungsrats ERC
erhalten, um Überlagerungszustände an die äußerste Grenze zu treiben:
Ein aus Milliarden von Atomen bestehender Festkörper soll an zwei Orten
gleichzeitig positioniert werden.
Aspelmeyer: Kochend Gravitation erklären
Bis zur Quantengravitation ist es dann noch immer ein weiter Weg:
„Wenn wir im Quantenbereich die Größe verhundertfachen können und im
Gravitationsbereich ebenso um den Faktor 100 verkleinern können, dann
sind wir am Ziel“, so Aspelmeyer. Wann das der Fall sein wird, weiß er
genau: „In 17 Jahren – weil vorher ist es unrealistisch, und länger kann
es aufgrund des europäischen Systems der Zwangspensionierung nicht
dauern, weil ich dann in Pension gehen muss“, so der Physiker mit
Augenzwinkern.
Philosoph der Quantenphysik
Der aus Bayern stammende Physiker, der 2002 als Postdoc von München zur Gruppe Anton Zeilinger – Nobelpreisträger 2022
– an die Uni Wien wechselte, hat auch einen Abschluss in Philosophie.
„Der hilft jetzt nicht beim Schraubenzieherdrehen im Labor, aber
Philosophie ist ja eigentlich die Kunst des kritischen Hinterfragens,
und in der Grundlagenforschung geht es immer auch darum, existierendes
Wissen infrage zu stellen“, sagt Aspelmeyer.
Seine quantenphysikalischen Experimente hätten jedenfalls auch eine
philosophische Dimension, so der Physiker. „Denn die Gravitation und die
Quantenphysik, also beide Theorien zusammen, ruhen auf Weltbildern, die
sich gegenseitig ausschließen, und das ist einfach ein gefundenes
Fressen für einen Philosophen“, sagt Aspelmeyer.
Doppelrolle als Vorteil
Der
ausgezeichnete Forscher hebt zudem seine Doppelrolle als Uniprofessor
und Leiter eines ÖAW-Instituts hervor, die es ihm ermöglicht, solch
langfristige Forschungsprojekte anzugehen. Auch die zwei Millionen Euro
des Wittgenstein-Preises will Aspelmeyer den Arbeiten an der
Schnittstelle von Quantenphysik und Gravitation widmen, „weil das so ein
langfristiges Unterfangen ist“. Der Preis sei ein „riesiger
Motivationsschub und eine Auszeichnung für sein ganzes Team“, das er mit
dem Preisgeld auch entsprechend ausbauen will.
Mittagessen in einer Ganztagsschule in NRW aus Tagesspiegel.de, 27.12. 2019 ausLevana, oder Erziehlehre
Kommunen fürchten Scheitern der flächendeckenden Ganztagsbetreuung Ab 2025 soll es einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in
Grundschulen geben. Doch die Umsetzung droht zu scheitern, warnen die
Kommunen.
Der Deutsche Städtetag sieht große Probleme mit dem für 2025 geplanten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler.
Es werde bis dahin "kaum gelingen, ausreichend Fachkräfte mit den
notwendigen pädagogischen Qualifikationen zu finden", sagte der
Hauptgeschäftsführer der Organisation, Helmut Dedy, den Zeitungen der
Funke Mediengruppe. "Ein Ganztagesbetrieb macht zudem an
den Schulen den Bau von zusätzlichen Räumen nötig für die
Mittagsverpflegung, die individuelle Förderung von Schul-kindern und mehr
Freizeitmöglichkeiten", erläuterte Dedy. "Das wird nur schrittweise
möglich sein."
Bund und Länder müssten "einen erheblich größeren
Anteil an den Investitions-kosten übernehmen und sich dauerhaft an den
Betriebskosten beteiligen", forderte Dedy. Die bisher vom Bund
eingeplanten Mittel von zwei Milliarden Euro deckten nur einen kleinen
Teil der notwendigen Investitionen
von etwa 7,5 Milliarden Euro. Die jährlichen Betriebskosten bezifferte
Dedy auf 4,4 Milliarden Euro. Er berief sich auf Schätzungen des
Deutschen Jugendinstituts. "Die
Kommunen brauchen einen realistischen Zeitplan und hinreichend
Finanzmittel", resümierte Dedy. "Nur dann kann das Projekt
Rechtsanspruch bundesweit gelingen." Den
Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung von Kindern im Grundschulalter soll
es laut Koalitionsvertrag von Union und SPD ab dem Jahr 2025 geben. Zur
Vor-bereitung beschloss das Bundeskabinett Mitte November die
Einrichtung eines Sondervermögens, um die eigentlich zuständigen Länder
zu unterstützen. In den Jahren 2020 und 2021 sind jeweils eine Milliarde
Euro für das Sondervermögen vorgesehen. Die Mittel können bis Ende 2028
ausgegeben werden. Nota I. -
Haben Sie's bemerkt? Die Zeit des pädagogisch-Lyrischen is over. Wo's
jetzt ernst wird und ums Geld geht, reden sie Prosa. Mehr lernen,
Integration, sozi-aler Ausgleich? Das war alles für die Galerie. Um Betreuung geht es den ganzen Tag, damit die Mütter dem Arbeitsmarkt flächendeckend zur Verfügung stehen.
Alle haben es immer gewusst, aber weil sie unter derselben Decke stecken,
hat es keiner gesagt. Und immer noch klingt es nur zwischen den Zeilen
durch, doch weil sich's von selbst versteht, reicht das.
27. 11. 19
Nota II. - Sie haben's vielleicht gar nicht bemerkt: Der Post ist sieben Jahre alt. Aber er könnte von heute stammen. Wieviele Wörter sie immer ablassen: Die Ganztagsschule kommt nicht vom Fleck - heute wie damals. Welche fiskalischen und administrativen Hemmnisse immer vorgeschoben werden - der wahre Grund ist, dass Eltern sie aus Rücksicht auf ihre Kinder gottlob nicht wollen. Kindheit ist zu schade, um am Smartphone verdaddelt zu werden, das ist wahr. Aber sie statt-dessen den fürsorglichen Staatsbediensteten überlassen wäre gewissenlos.
Der Aufschrei wird ein großer sein. Dabei hat er völlig Recht: In der Kinder- und Jugendhilfe wäre enorm was einzusparen. Nur nicht kurzfristig, sondern auf lange Sicht und mit streng fachlicher Absicht.
Was überall gilt, gilt doppelt und dreifach im Jugendbereich: Vorbeugen ist besser als reparieren. Und um vieles billiger! Wer immer sich zur Jugendhilfe äußert, sagt seit Jahren: "Prävention!" Und wer ein bisschen was davon versteht, nickt mit dem Kopf.
Aber wer wirklich was davon versteht, zuckt bedauernd mit den Achseln: "Leider ist Prävention nach deutschem Recht nicht finanzierbar."
Nach dem Kinder- und Jugendhilfe Gesetz KJHG besteht auf Leistungen der Jugendhilfe ein individueller Anspruch, und die Anspruchsberechtigten haben ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Hilfen. Die Jugendämter haben die Pflicht, ein erfahrungsmäßig erforderliches Angebot 'vorzuhalten'. Denn fällig wird die Leistung erst, wenn das Kind ins Wasser gefallen ist und der Anspruch akut angemeldet - und natürlich gewissenhaft geprüft wurde. Und wenn der Anspruch gewährt wird, muss die 'Maßnahme' sogleich... vorrätig sein.
Wer könnte nach KJHG Prävention 'in Anspruch nehmen'? Vorsorglich?!!
Die Leistungen der Jugendhilfe sind fallbezogen, anders können sie nicht gewährt, bezahlt und abgerechnet werden. Prävention könnte in einem gewissen Raum geleistet werden - dort, wo die Leute sind, deren Umfeld man verbessern will.
Und so weiter. Das verlangt nicht eine Maßnahme mal hier, mal da, sondern langfristige Vorbereitungen; und Investitionen, die sich erst über Jahre auszahlen - indem nämlich die fallbezogenen 'Maßnahmen' nach und nach weniger werden.
Das wäre eine veritable Revolution der Jugend- und Sozialhilfe. Das ist nicht Sache einer Legislaturperiode, sondern einer Generation; das ist Sache des politischen Willens.
Nota.Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden.
Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.JE
Zunehmende Verrohung von Kindern und Jugendlichen:
Gewaltstudie offenbart extreme Belastungen bei Berliner Schülern
Schulleitungen
sprechen von „erschreckenden Ergebnissen“. Die Bildungssenatorin
kündigt Konsequenzen an. Es ist die erste Studie ihrer Art in
Deutschland.
Berlins Schülerinnen und Schüler leiden massiv unter Gewalt, Bedrohung, Mobbing und Diskriminierung. Aber auch Schulbeschäftigte werden häufig zu Opfern
und beklagen eine zunehmende Verrohung der Kinder und Jugendlichen.
Dies belegt das erstmals erstellte „Gewalt- und Konfliktbarometer“, das
am Montag vorgestellt wurde. Schulleitungen nannten die Ergebnisse
gegenüber dem Tagesspiegel „erschreckend“.
„Mehr
als die Hälfte der Lehrkräfte bewertet die Gewalt und Konflikte an
ihrer Schule als großes oder sehr großes Problem“, hieß es am Montag zur
Auswertung der Studie. Fast zwei Drittel hätten von einer Zunahme der
Gewalt seit der Corona-Pandemie berichtet. Nur vier Prozent sähen kein
Problem. An der Befragung nahmen 14.000 Schüler und 2500 Lehrkräfte
teil.
„Religiöser und sozialer Konformitätsdruck“
Auffällig
seien auch die Entwicklungen an der Grundschule, die zunehmende
Bedeutung digitaler Konflikte sowie „religiöser und sozialer
Konformitätsdruck“. Die Hälfte der Neuntklässler berichtete, dass über
sie Gerüchte und Lügen verbreitet würden.
Als
„deutliches Warnsignal“ bezeichnete Bildungssenatorin Katharina
Günther-Wünsch (CDU), die die Befragung beauftragt hatte, die
Ergebnisse. Mit dem Konflikt- und Gewaltbarometer legte Berlin nach
eigener Darstellung als erstes Bundesland eine umfassende
wissenschaftliche Untersuchung zu Konflikten und Gewalt an Schulen vor.
Die
Senatorin präsentierte die Ergebnisse zusammen mit Ullrich Bauer von
der Universität Bielefeld sowie Marc Grimm von der Universität
Wuppertal. Die beiden Professoren hatten die Untersuchung geleitet.
Steffen de Sombre vom Institut für Demoskopie Allensbach verantwortete
die Befragung an den Schulen.
Eine Aufgabe aus den Leitlinien der Regierungspolitik
Mit
der Beauftragung und Vorstellung des Berliner „Gewalt- und
Konfliktbarometers“ hat Günther-Wünsch ein ambitioniertes Vorhaben der
zu Ende gehenden Legislatur umgesetzt, das 2023 auch in die „Leitlinien
der Regierungspolitik“ aufgenommen worden war. Dort war ihr aufgegeben
worden, eine universitäre Studie zu veranlassen, die „umfassend“
Schulkonflikte untersuchen sollte. Explizit aufgezählt wurden dabei
„Mobbing, Antisemitismus, Sexismus, Konflikte durch religiösen
Konformitätsdruck, Queer- und Transfeindlichkeit und andere
Diskriminierungsformen“.
Abgesehen
von der puren Abfrage der erlittenen oder beobachteten
Gewalterfahrungen sollte auch zur Sprache kommen, wie darauf pädagogisch
zu antworten sei. Das hatte die Bildungsverwaltung im Vorfeld angekündigt.
Die Studie erfasste daher alle Formen von Gewalt, „deren Ausmaß und
Dynamiken, Gewaltbeziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern,
Lehrkräften und weiterem Schulpersonal sowie die Folgen von Gewalt und
den institutionellen Umgang mit Gewaltvorfällen“.
Als
Ziel wurde formuliert, dass ein „belastbares und differenziertes
Lagebild“ gewonnen werden sollte, um darauf aufbauend „wirksame und
passgenaue Unterstützungsmaßnahmen für den schulischen Alltag zu
entwickeln“. Die Auswahl der Klassen und Kurse innerhalb der jeweiligen
Klassenstufen, in denen die Interviews durchgeführt werden, erfolgte
nach dem Zufallsprinzip.
Interview und Gruppendiskussionen gaben weiteren Aufschluss
Zudem
gab es eine vorgelagerte qualitative Befragung von 41 Schülerinnen und
Schülern in Einzel- oder Tandeminterviews durch das Institut für
Demoskopie Allensbach. Diese wurde in verschiedenen Schulformen,
verschiedenen Bezirken und in verschiedenen Klassenstufen (5, 6, 9, 10,
11, 12, erstes und zweites Ausbildungsjahr) organisiert. Zudem wurden 43
Lehrkräfte sowie weitere pädagogische Fachkräfte in elf
Gruppendiskussionen befragt. Auch in diesem Modul wurden Personen aus
verschiedenen Bezirken und verschiedenen Schulformen befragt.
Die
Studie war nach Aussage der Bildungsverwaltung ergebnisoffen angelegt.
Konkrete „Maßnahmen“ sollten erst auf Grundlage der ausgewerteten
Befunde entwickelt werden. Zudem sollte geprüft werden, in welchem
Umfang bestehende Gewaltpräventions- und Demokratieförderprogramme
„fortgeführt, angepasst oder ergänzt werden sollten“.
Nota. - Das wundert mich aber sehr, dass als Remedium diesmal nicht wie immer die Ganztagsschule vorgeschlagen wird. Ist der Pausenhof etwa kein passgenauer Ort sozialen Lernens? Man kann ihn ja vorsorglich von der Polizei überwachen lassen, das macht's noch realitätsbezogener. JE