Freitag, 17. Juli 2026

Das Private ist unpolitisch.

hier stehe ich, ich kann nicht anders.

Er hat sich entschieden, dass ihm sein Privates wichtiger ist, als sein Politisches. Endlich mal ein Politiker, dem es Ernst ist. Wenn es ihm denn mal ernst wäre. Warten wir's ab, und schleich di.

Es könnte ab er auch sein, dass er meint, unter diesem Kanzler würde sowieso nichts mehr aus ihm. Und untertaucht, um bei günstiger Gelegenheit wieder hochzukommen. 

 

Ist der Mensch von Natur musikalisch?

Eine Frau hält ein kleines Kind auf dem Arm, das Ohrenschützer trägt. Das Kind hat einen Schnuller im Mund, rote Schleifen im Haar und ist in eine rot-blau gemusterte Decke gewickelt. Hintergrund unscharf mit anderen Menschen. Szene während eines Eishockeyspiels. 
aus derStandard.at, 8. 7. 2026                    Bereits im ersten Lebenshalbjahr verarbeitet das kindliche Gehirn musikalische Strukturen. Zu passenden Bewegungsmustern im Takt sind sie aber erst später in der Lage.                 zu Geschmackssachen 

Warum Babys zur Musik zappeln, aber nicht im Takt wippen
Eine Studie mit 79 Säuglingen fand eine frühe Verbindung von Musik und Bewegung. Echte Synchronisation mit dem Takt fand sich aber in keiner Altersgruppe

Ab welchem Alter tanzen Menschen? Ein internationales Team unter Beteiligung der Universität Wien hat sich der Frage nun von zwei Seiten genähert. Das Ergebnis: Schon ab dem dritten Lebensmonat verarbeitet das Gehirn von Säuglingen Musik. Komplexere Bewegungen zum Gehörten stellen sich aber erst gegen Ende des ersten Lebensjahres ein.

Bisherige Untersuchungen hatten meist nur eine Seite betrachtet. "Es gibt schon viele Studien zu Säuglingen und Musik, die sich mit der auditiven Seite beschäftigt haben. Hingegen gibt es wenige, bei denen man sich die rhythmische Bewegung angeschaut hat", sagt die federführend beteiligte Entwicklungspsychologin Trinh Nguyen von der Universität Wien. Beides gleichzeitig zu messen, sei bisher gar nicht versucht worden.

Kinderlieder für Babyohren

Für die Studie spielte das Team 79 Säuglingen im Alter von drei, sechs und zwölf Monaten zwei Kinderlieder vor, "La Vaca Lola" und "Hopp Juliska". Währenddessen zeichnete es die Gehirnaktivität der Kinder mittels EEG auf und erfasste ihre Körperbewegungen über ein Video-Tracking-System. Als Kontrolle bekamen die Babys rhythmisch und melodisch durchmischte Fassungen der Lieder zu hören, außerdem Versionen mit gezielt veränderter Tonhöhe.

Die Hirndaten zeigten, dass schon die drei Monate alten Babys auf die strukturierte Musik mit stärkerer Gehirnaktivität reagierten als auf die durchmischten Tonfolgen. Die auditive Verarbeitung von Musik beginnt also sehr früh in der Entwicklung.

Keine Bewegung im Takt

Der Körper hinkt dabei hinterher. Eine grundlegende Verbindung zwischen Musik und Bewegung ließ sich zwar in allen drei Altersgruppen nachweisen, und in allen regten höhere Töne die Babys stärker zum Zappeln an. Strukturierte, komplexere Bewegungsmuster traten jedoch erst bei den Zwölfmonatigen auf. Eine koordinierte Synchronisation mit dem Takt fand sich in keiner Altersgruppe.

"Die Bewegungen sind tatsächlich schon rhythmisch, und sie sind von der Musik informiert. Aber sie sind nicht wie bei Erwachsenen, die dann etwa im Takt wippen", sagt Nguyen. Das sich entwickelnde Gehirn lernt demnach allmählich, Gehörtes in Bewegung mit zunehmender Komplexität zu übersetzen.

Mehr als Hintergrundrauschen

Die Aussagekraft der im Fachjournal eLife präsentierten Resultate ist freilich an die Versuchsanordnung gebunden. Die Babys saßen dabei in einem Stuhl, ihre Bezugspersonen hinter ihnen. Unter anderen Bedingungen wären andere Ergebnisse denkbar, so die Forschenden.

Als Nächstes will das Team die musikalische Interaktion zwischen Eltern und Kindern in den Blick nehmen. "Ganz oft ist es ja so, dass man zusammen Musik macht oder vorsingt – in einem nächsten Schritt sind wir daran interessiert, wie sich die Gehirnaktivitäten dabei verhalten und ob sie sich vielleicht sogar synchronisieren", sagt Nguyen.

Für die Praxis lässt sich aus den Daten dennoch etwas ableiten. Musik ist für Babys früh mehr als Hintergrundrauschen. "Für Eltern, pädagogische Fachkräfte und die frühe Förderung bedeutet das, dass gemeinsames Singen, rhythmisches Wiegen und wiederholte musikalische Routinen bereits im ersten Lebensjahr wertvolle Erfahrungen sein können – auch dann, wenn Babys noch nicht sichtbar im Takt mitgehen", sagt Co-Studienleiterin Stefanie Höhl von der Uni Wien. (tberg, APA, 8.7.2026)

 

Nota. - Ich erlaube mir die Vermutung, dass nach dieser Untersuchung Musikalität nicht von Anfang an, also vegetativ, unserm Nervensystem eingeboren ist, sondern erst aus sensorischer Erfahrung aufgebaut wird: Gefühltes wird beurteilt. Das ist bereits ein intellektiver Akt. 

Wenn sich das in anderen Versuchsanordnungen und auf andern ästhetischen Feldern bestätigen ließe, wäre es ein entscheidender wissenslogischer Gewinn.
JE 

Donnerstag, 16. Juli 2026

Lo spinario.

Eine Bronzestatue eines jungen Mannes, der auf einem Felsen sitzt und einen Dorn aus seinem Fuß zieht. Die Skulptur befindet sich in einem Museum mit Steinwänden und einer großen Fensterfront im Hintergrund. Der Raum ist gut beleuchtet und die Statue steht auf einem runden Sockel. 
aus spektrum.de, 12. 7. 2026                                                                                  zu Geschmackssachen

Dornauszieher: Das coolste Aua der Geschichte

Die Menschen der Antike schmückten ihre Gärten mit Statuen. Gerne auch mit Skulpturen von Hirtenjungen, die sich einen Dorn aus dem Fuß ziehen, so wie der »Spinario« in Rom. Idyllischer konnte es kaum werden.

von Karin Schlott 

Autsch! Das hat weh getan. Der Junge hat sich einen Dorn in den Fuß getreten. Nun sitzt er da auf einem Felsen, beugt sich über seinen linken Fuß, den er sich – auf den rechten Oberschenkel gestützt – entgegenreckt. Mit Zeigefinger und Daumen der anderen Hand versucht er, den Fremdkörper aus der Sohle zu zupfen. Eine schmerzhafte Prozedur, die den Jungen überraschend kaltlässt: Wer ihm ins Gesicht blickt, sieht ein ebenmäßiges Antlitz mit einem leichten Lächeln – und extrem gut frisierten Locken. Der Junge ist sogar derart gut frisiert, dass selbst mit gesenktem Kopf keine einzige Strähne verrutscht. Als hielten große Mengen Haarspray die feine Frisur in Form.

Der Junge, der nackt auf einem Felsen hockt und seinen Fuß verarztet, ist eine Statue: eine 73 Zentimeter hohe Bronzeskulptur, die besser bekannt ist als Dornauszieher oder Spinario. Sie steht heute in einem lichtdurchfluteten Saal der Kapitolinischen Museen in Rom, wo sie sich, einmal abgesehen von einer Unterbrechung unter Napoleon, seit dem Jahr 1471 befindet. Damals hatte Papst Sixtus IV. die Figur dem neu eingerichteten Antikenmuseum auf dem Kapitol geschenkt.

Öffentlich zu sehen war sie aber schon davor: Reisende wie Magister Gregorius aus England, der Rom im 13. Jahrhundert besuchte, betrachteten die Statue am Lateranpalast. Ab wann sie dort aufgestellt war, ist unbekannt. Sicher ist aber: Schon dereinst war sie viele Jahrhunderte alt.

Archäologen gehen heute davon aus, dass ein Künstler die Skulptur im 1. Jahrhundert v. Chr. in Bronze gegossen hat. Dabei kopierte er ein Motiv, das bereits damals einige Generationen lang bekannt war. Aus der Antike hat nämlich nicht nur ein einziger Dornauszieher überdauert, sondern gleich mehrere. Spätestens im 2. Jahrhundert v. Chr. war das Motiv geläufig, wie eine Tonfigur aus der Stadt Priene in Kleinasien bezeugt: Dargestellt ist ein Hirte, der sich ganz so wie der Spinario in Rom einen Fremdkörper aus der Fußsohle puhlt.


Eine Bronzestatue eines jungen Mannes, der auf einem Felsen sitzt und einen Dorn aus seinem Fuß zieht. Die Skulptur befindet sich in einem Museum mit Steinwänden und einer großen Fensterfront im Hintergrund. Der Raum ist gut beleuchtet und die Statue steht auf einem runden Sockel.
Dornauszieher | Die 73 Zentimeter hohe Skulptur zeigt einen Jungen, der sich einen Dorn aus dem Fuß zieht. Vermutlich entstand die Statue im 1. Jahrhundert v. Chr., das Motiv geht aber auf ein älteres Vorbild zurück.

Das harte Hirtenleben


Die Idee vom Dornauszieher dürfte aber noch älter sein. So ließ der griechische Dichter Theokrit in einem seiner launigen Gedichte aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. zwei Hirten durchs Gestrüpp hasten. Sie wollten Kälber einfangen – wobei sich einer der beiden einen Dorn eintritt, den ihm der andere wieder aus dem Fuß zieht.

Ohne diese schriftliche Überlieferung wäre im Fall des Spinario in Rom wohl nicht einmal klar, dass der Junge einen Dorn entfernen will. Denn weder im Fuß der Bronzestatue noch zwischen den Fingern steckt irgendetwas.

Die Szene in Theokrits Gedicht spielt in einem ländlichen Idyll, dem Hauptschauplatz der bukolischen Dichtkunst, als deren Schöpfer ebenjener Theokrit gilt. In der Zeit des Hellenismus, ungefähr ab 300 v. Chr., waren Gedichte, die das harte Hirtenleben in epischem Versmaß zelebrierten, in der griechischen Welt äußerst beliebt. Sie prägten eine ganze Epoche – so sehr, dass die Menschen nicht nur den Worten über eine rustikale Ländlichkeit lauschten, sondern auch ihre Gärten und Heiligtümer mit bukolischen Statuen bevölkerten.

Durch dieses Idyll, über das in der Vorstellung der Griechen der Gott Dionysos herrschte, sollten Mythenwesen wie Satyrn, Pane und Mänaden streifen. Und dort tapsen auch sie in Dornen, die sie sich teils selbst herausziehen, teils von ihren Kumpanen aus dem Fuß zupfen lassen.

Zum Umfeld dieser dionysischen Figuren gehören Bilder, die Angehörige niedriger Schichten wiedergeben: eine trunkene, verlebte Dame, ein ausgemergelter Fischer oder eine betagte Marktfrau.

Die Menschen des Hellenismus fanden Gefallen an solchen Figuren
, die das Leben gesellschaftlicher Randgruppen in krassem Realismus spiegelten und eine Gegenwelt zur gepflegten Stadtkultur zeigten, wie es der Archäologe Tonio Hölscher in seinen Schriften erklärt. Mit solchen Gegenbildern vor Augen hätten sich die hellenistischen Bürger ihrer eigenen Werte, ihres eigenen Wohlstands versichert. Und zu diesen Skulpturen zählen auch die Dornauszieher.

Eine Terrakotta-Skulptur eines sitzenden Mannes, der einen Dorn aus seinem Fuß zieht. Der Mann trägt eine Mütze und ein einfaches Gewand, während er auf einem Felsen sitzt. Der Hintergrund ist neutral grau, was den Fokus auf die detaillierte Darstellung der Figur lenkt. Hellenistischer Hirte | Dicke Backen, krumme Beine – in den Augen der Griechen war der junge Hirte, der einen Dorn aus seiner Fußsohle entfernt, kein Hingucker, sondern eine lächerliche Gestalt. Filzhut und Fellgewand geben ihn als Hirten zu erkennen. 

Der Spinario in Rom hat auf einem Felsen Platz genommen. Er sitzt demnach im Freien. Dort hat er sich den Dorn eingetreten – wie der Hirte im Gedicht des Theokrit. Viele Darstellungen im selben Sitzmotiv sind ebenfalls als Hirten charakterisiert, etwa die Terrakotte aus Priene. Mütze und umgebundenes Fell machen diesen Jungen zu einem Hirten, der körperlich besonders derb daherkommt: eine gerunzelte Stirn, dicke Backen, krumme Beine und ein – entgegen antiker Sittlichkeit – zu großer Penis. Solche Körpermerkmale galten damals als typische Eigenschaften einer ziemlich lächerlichen Gestalt.

Alle Dornauszieher seien als Hirtenknaben aufgefasst worden, schreibt die Archäologin Rita Amedick im »Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft«, aber nicht alle hielt man für lachhafte Typen. Es gab Dornauszieher wie den bäurischen Jungen aus Priene, und am anderen Ende des Bedeutungsspektrums »schöne, erotisch attraktive Hirtenknaben, wie sie als Götterlieblinge schon aus griechischen Mythen bekannt sind«, so Amedick. Ganymed sei so einer, der nichts ahnend seine Schafe hütet, als ihn Zeus in Gestalt eines Adlers entführt, weil der Gott im Olymp einen Mundschenk braucht und sich noch dazu in den Jungen verliebt hat.

Kunstvolle Frisur

Ob der Dornauszieher in Rom einen solchen Hirtenjungen aus den Mythengeschichten darstellen soll, lässt sich kaum klären. Als lachhafte Gestalt ist er jedoch nicht charakterisiert, im Gegenteil: Das idealisierte Gesicht, die fein gekämmten und gelockten Haarsträhnen, die über der Stirn kunstvoll geknotet sind, zeigen einen – im Sinne der Antike – schönen Jungen.

Eine Sache will dennoch so gar nicht passen: die Frisur des Spinario, die wie betoniert am Kopf haftet. Die Künstler des 1. Jahrhunderts v. Chr. waren sehr wohl in der Lage, ein naturalistisches Bildnis zu schaffen, das dem Gesetz der Schwerkraft gehorcht. Warum also hat man dem Dornauszieher diese spezielle Haartracht verpasst? Fachleute sind überzeugt davon, den Grund für diesen Widerspruch entlarvt zu haben. Es dürfte sich bei dem Spinario um ein eklektisches Bild handeln.

Für ihre Auftraggeber schufen die Bildhauer Skulpturen, die sie aus verschiedenen Kunstepochen zusammenstückelten. Der Kopf des Dornausziehers in Rom ähnelt stilistisch Darstellungen aus dem frühen 5. Jahrhundert v. Chr. Damals gab es allerdings noch keine einzige Figur eines Dornausziehers. Ein solches Motiv fand seine Abnehmer frühestens im Hellenismus und stieß auch noch in römischer Zeit auf Liebhaber.

Gut möglich also, dass einst ein wohlhabender Römer den Spinario erworben hatte und in seinem Garten aufstellen ließ – als Teil eines ländlichen Idylls, in dem selbst vornehm frisierte Hirtenknaben in Dornen steigen.

 

Mittwoch, 15. Juli 2026

Zahl und Begriff; oder Zahlen kamen vom Zählen.

rechnen                               zu Ebmeiers Realien zu Philosophierungen,

'Offenbar verwischen die abstrakten Zahlensymbole die fundamentalen Unter-schiede zwischen dem Etwas und dem Nichts'!* Denn schon die Begriffe haben die ihnen zugrundeliegenden Vorstellungen verblassen lassen. Mit den abstrakten Sym-bolen kann der Verstand leichter operieren, doch die anschaulichen Bilder lassen sich erwägen - das tun Symbole nicht. 

Dienstag, 14. Juli 2026

Ich Opfer!

 Goya, Desastres
aus derStandard.at, 14. Juli 2026                                                                                  zu öffentliche Angelegenheiten

Sind wir zu empfindlich? 
Diese Sozialphilosophin sieht den Opferkult skeptisch
Von Trauma bis Mikroaggression: Maria-Sibylla Lotters Buch "Opfer" handelt von der Aufwertung, die der Status der Verwundbarkeit im Diskurs erfährt

Mitunter sind es gerade die Erniedrigten und Gequälten, die begründete Aussicht besitzen auf symbolischen Ruhm. Es war Frankreichs damaliger Präsident François Hollande, der nach den Anschlägen auf das Bataclan 2015 den Opfern posthum den Orden der Ehrenlegion zuerkennen wollte. Doch nicht allen schien die Gleichsetzung von passivem Erleiden mit dem Erweis von Tatkraft plausibel, zumal in einem Land, das die Erinnerung an die Geschichte der Résistance hochhält. Doch der zugrunde liegende Registerwechsel war schon vorher vollzogen. Wer den begründeten Anspruch stellen kann, Opfer zu sein, dem widerfährt ein Zugewinn an moralischer Autorität.

Ihm oder ihr fällt zu, aus einer neuen Mitte der Gesellschaft heraus über jene zu befinden, die laut Papierform stärker sind, weil strukturell bevorteilt. Mehr noch als das: Die "neue" Empörungslogik, schreibt die in Bochum lehrende Sozialphilosophin Maria-Sibylla Lotter, bewirkt eine stupende Neudefinition dessen, wer über wen befindet. Kaum je zuvor durfte Ohnmacht sich omnipotenter wähnen als heute. Unterschiedliche Gruppen von Marginalisierten wetteifern um das Privileg, moralisch im Recht zu sein. Und mit der Bitte um Schadensabwehr Gehör zu finden.

 Eine Frau mit Brille, kurzem blondem Haar und einem dunkelgrünen Samtblazer sitzt auf einem schwarzen Stuhl vor einer Bücherwand.
Maria-Sibylla Lotter, Professorin für Ethik und Ästhetik in Bochum   

Bei flüchtiger Betrachtung befinden sich die Kategorien in der schändlichsten Verwirrung. Ansprüche der vordem Marginalisierten haben den öffentlichen Raum in eine Therapiezone verwandelt. Wer von Erfahrungen als Opfer erzählt, dem wird unhinterfragt, doch redlich zerknirscht Glauben geschenkt. Öffentlichkeit als Austragungsort von Konflikten unterliegt seit geraumer Zeit den Auflagen der Therapiekultur. Mit der Ausdehnung der "Posttraumatischen Belastungsstörung", so Lotter, setzte vor bald 50 Jahren ein Prozess zunehmender Pathologisierung ein.

Maß des inneren Erlebens

Was einem äußerlich an Schädigung widerfährt, wird seither mit immer dramatischeren Folgen in Begriffe inneren Erlebens übersetzt. Es ist die Ich-Instanz des Opfers, die bei Therapierenden auf offene Ohren stoßen soll. Dementsprechend ist es heilsam für jede Person, die unter Leidensdruck steht, auch wirklich zu sagen, was ihr, freilich ihrer Meinung nach, an Schlechtem widerfahren ist.

Es gehört zu den größeren Verdiensten von Lotters Buch mit Titel Opfer, sich über niemanden zu erheben und es doch nicht an Deutlichkeit fehlen zu lassen. Keineswegs lassen sich soziale Übel und andere himmelschreiende Ungerechtigkeiten in pathologische Urteile übersetzen. Nicht jedes Leiden schreit danach, als Krankheit beurteilt zu werden. Nicht nur horizontal dehnt sich der Trauma-Begriff allseitig aus. Sukzessive erfasst er das Repertoire selbst geringfügiger Unleidlichkeiten. Verwundet darf sich dünken, wer gehörig Frust schiebt. Unter dem Sammelbegriff der "Mikroaggressionen" hat sich ein weites Feld für die Bewirtschaftung von Ohnmachts- und ähnlichen Erfahrungen eröffnet. Die Zunahme von Sensibilisierung macht aus Mücken Elefanten.

Und doch bleibt jeder Mensch, der moralisch guten Willens ist, dem Prinzip der Achtsamkeit selbstredend unterworfen. Es verhält sich wie in dem Witz von Woody Allen. Bloß weil jemand paranoid ist, heißt das noch lange nicht, dass "sie" nicht hinter ihm/ihr her sind. Der Rassismus schwärt weiter. Wenn jemand das N-Wort nicht mehr unbedenklich aussprechen darf, heißt das nicht, dass ihm jemand einen Maulkorb umbindet.

Eigentümlich bevormundend

Strukturell erfahrene Gewalt richtet sich häufig genug gegen Menschen, denen keine Judith Butler gibt zu sagen, was sie leiden. Schindluder treibt, wer aus lauter Achtsamkeit und Sorge potenziellen Opfern das Wort entwendet, um es ungerechtfertigt, an ihrer statt, im Mund zu führen. Hinzu kommt die eigentümliche Betonung der Sprachgewalt. Seit jeder Anflug von Hassrede ins Sündenregister eingetragen wird, ergibt sich eine bedenkliche Schieflage. Reale Machtverhältnisse werden zurückübersetzt in die Ordnung sprachlicher Grammatik.

Moralische Anerkennung trägt davon, wer den Status eines Geschädigten anmelden kann, und zwar möglichst im Vorhinein. In solchen Fällen schlägt häufig die Stunde bürokratischer Sprachkontrolleure. So mag es passieren, dass in der Bundesrepublik Deutschland immer mehr Menschen meinen, sie würden in ihrer Meinungsfreiheit beschnitten. Und blieben – vielleicht weil sie sich nicht elaboriert auszudrücken verstehen wie Uni-Abgängerinnen – ungehört.

Dissonantes Phänomen

Maria-Sibylla Lotters Buch Opfer mutet Lesenden zu, das dissonante Erscheinungsbild der Öffentlichkeit mit gebührender Toleranz auszuhalten. Man nennt dies das Ertragen von Ambivalenz. Ein Schlüsselsatz taucht gegen Ende dieses überaus empfehlenswerten Traktats auf: "Schließlich haben die Bestrebungen, eine zivilere Kommunikationskultur zu fördern – getragen von wachsender Sensibilität für menschliche Verletzlichkeit –, paradoxerweise selbst zu einem mitunter sehr harten und ausgrenzenden Umgang mit jenen geführt, die diese Sensibilitäten nicht teilen."  

 

Montag, 13. Juli 2026

Eine Frage der Perspektive.

Behüterli
aus Badische Zeitung,  13. 7. 20 26                zu Levana, oder Erziehlehre; zu öffentliche Angelegenheiten  

Der Ausbau der Ganztagsbetreuung [!] im Südwesten soll zu einem höheren Arbeitsvolumen von Frauen, mehr Bildungsgerechtigkeit und Wirtschafts-wachstum führen. Doch was wollen eigentlich Kinder? 

 

Nota. - Wer fragt wen - und warum?
JE                                                     

 

 

Mehr Zufall als Selektion?

Nachbildungen zweier Schädel: links ein Schädel eines frühen Homo sapiens mit brauner Farbgebung, rechts ein heller Schädel von Homo habilis. Unterschiede in Größe und Form von Schädel, Gesicht und Kiefer sind erkennbar. 
aus derStandard.at, 8. 7. 2026                                                                               Nachbildungen eines Schädels von Homo habilis (rechts) sowie eines frühen Homo sapiens.                                                                                zu Jochen Ebmeiers Realien
      
Gehirn und Gesicht
Die menschliche Evolution verlief zum Teil anders als bisher angenommen
Eine Analyse von 87 Homo-Fossilien deutet an, dass das Wachstum des Gehirns und die Verkleinerung des Gesichts weniger auf gerichtete Selektion zurückgehen als auf neutrale Prozesse

Zwei entscheidende Trends prägen die Geschichte der Gattung Homo. Das Gehirn wurde größer, das Gesicht dagegen kleiner, Kiefer und Wangen weniger massiv. In der Fachwelt gilt beides als Musterbeispiel für gerichtete natürliche Selektion: Größere Gehirne brachten kognitive Vorteile, kleinere Gesichter senkten den Energieaufwand, weil Werkzeuge und Nahrungsverarbeitung dem Kauapparat Arbeit abnahmen. Eine aktuelle Studie stellt diese Annahmen zur menschlichen Evolution nun aber infrage.

Mark Hubbe von der University of Tennessee in Knoxville und Katerina Harvati vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (Universität Tübingen) haben geprüft, wie gut die anatomischen Veränderungen zu verschiedenen Evolutionsmodellen passen. "Unsere Analysen bestätigen zwar die bekannten evolutionären Trends des Wachstums des Hirnschädels und der Reduktion des Gesichts, zeigen jedoch, dass die Unterschiede innerhalb unserer Gattung deutlich besser durch neutrale evolutionäre Prozesse und lange Phasen evolutionärer Stasis erklärt werden können", sagt Hubbe.

Entscheidende Verhaltensänderungen

Die Gattung Homo entstand vor rund 2,5 Millionen Jahren, ihr einziger heute noch lebender Vertreter ist der moderne Mensch. Mit wenigen Ausnahmen wuchs bei den verschiedenen Arten das Gehirn, während Gesicht und Kiefer an Größe und Robustheit einbüßten. Parallel dazu änderte sich das Verhalten: Steinwerkzeuge kamen zum Einsatz, die Ernährung wurde vielfältiger, die Populationen dehnten sich über weitere Regionen aus, und vermutlich entstanden komplexere soziale Gefüge.

Vor allem diese Verhaltensänderungen galten lange als Motor der körperlichen Umformung. Größere Gehirne wurden begünstigt, weil sie Erfindungsreichtum und Kreativität förderten; kleinere Gesichter, weil sich der Aufwand fürs Kauen nicht mehr lohnte. Mit anderen Worten: Ein stetiger, gerichteter Druck verlieh unserer Art ihre heutige Gestalt.

Neutrale Evolution und Stillstand

Um die Annahme zu prüfen, griffen Hubbe und Harvati auf dreidimensionale Schädelvermessungen von 87 Fossilien der Gattung Homo zurück. Vertreten sind frühe Formen wie Homo habilis und Homo rudolfensis, dazu Homo erectus und Homo heidelbergensis, Neandertaler sowie frühe und heutige Populationen von Homo sapiens. Der Datensatz erfasst einen großen Teil der gut erhaltenen Homininenfossilien der vergangenen zwei Millionen Jahre.

Diese Gebeine verglichen die Forschenden mit sechs Evolutionsmodellen, um zu bestimmen, welches die beobachteten Veränderungen am wahrscheinlichsten erklärt. Neben der gerichteten Selektion prüften sie neutrale Evolution, in der sich Merkmale ungerichtet verschieben, sowie längere Phasen kaum wahrnehmbarer Veränderung. Getestet wurde auch das Modell des punktuierten Gleichgewichts: die Annahme, dass Arten über lange Zeit stabil bleiben und sich nur in kurzen Schüben rasch verändern.

Diagramm, das die evolutionären Veränderungen in der Homo-Linie zeigt. Es sind fünf stilisierte Schädel dargestellt, die von links nach rechts eine Entwicklung zu größeren und runderen Schädelformen zeigen. Die vertikale Achse ist mit „evolutionary change“ und die horizontale Achse mit „Homo lineage“ beschriftet. Linien zeigen den Verlauf der Entwicklung. Hintergrund in beige-braunen Tönen.
Nach Ansicht der Forschenden spielen bei der Schädelentwicklung der Gattung Homo genetische Drift und stabilisierende Selektion die Hauptrollen.
Drei Arten von Bedingungen

Die im Fachjournal Nature Communications vorgestellten Resultate waren für die Forschenden eine Überraschung: Für die allmähliche, gerichtete Selektion fanden sich nur schwache Belege. Deutlich besser passten neutrale Prozesse und Stasis, also lange Abschnitte, in denen sich am Bauplan wenig bewegte. Wenn der Normalzustand eher Beharrung als gerichtete Selektion ist, stellt sich die Frage, warum sich diese Beharrung löste. Denn die großen Schübe der Gehirnvergrößerung fielen den Analysen zufolge vermutlich in Zeiten, in denen die einschränkenden Faktoren vorübergehend nachließen.

Solche Phasen ordnet das Team vor allem drei Arten von Bedingungen zu: der Entwicklungsbiologie, dem Energie- und Stoffwechselhaushalt sowie der kulturellen Innovation. Der letzte Punkt sei der entscheidende. "Kultur wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein Puffer: Sie ermöglicht es uns, neue Lebensräume zu nutzen und mehr Ressourcen zu erschließen. Dadurch wird der Druck auf bestimmte Körperstrukturen geringer, weil sie weniger stark an Umweltbedingungen angepasst sein müssen", sagt Hubbe.

Ein größeres Gehirn verlangt viel Energie, und ohne verlässliche, nahrhafte Versorgung lässt sich der Aufwand kaum stemmen. Die Kultur, also die stärkere Nutzung tierischer Ressourcen und das Kochen, das den Nährwert vieler Speisen erhöht, kann den erhöhten Bedarf jedoch decken. Phasen technologischer und kultureller Neuerung, so Hubbe, könnten deshalb rasche Veränderungen anstoßen, weil sie es den Vorfahren erlaubten, den Energiehunger größerer Gehirne zu stillen und deren kognitive Vorteile auszuschöpfen.

Schwerpunktverlagerung

Auffällig sind die Unterschiede zwischen den beiden späten Linien. Bei den Neandertalern blieb die Gesichtsform über lange Zeiträume stärker durch evolutionäre Einschränkungen geprägt. Das Gesicht des modernen Menschen dagegen fiel deutlich kleiner aus als das anderer Linien. Womöglich hingen auch diese späten Veränderungen mit tiefgreifenden Verschiebungen im Verhalten zusammen, die mit dem Auftreten unserer Art einhergingen.

"Unsere Ergebnisse verlagern den Schwerpunkt", erklärt Harvati. "Statt zu fragen, warum sich Menschen kontinuierlich in Richtung größerer Gehirne und kleinerer Gesichter entwickelt haben, wäre es sinnvoller zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sich menschliche Populationen von bestehenden Einschränkungen lösen und neue Merkmale entwickeln konnten." 

 

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