Mittwoch, 15. April 2026

Der neolithische Absturz.

Die Luftaufnahme zeigt die Megalithen der Steinreihen von Carnac in Westfrankreich. 
aus derStandard.at, 14. 4. 2026          Steinreihen von Carnac in der Bretagne                           zu öffentliche Angelegenheiten 
 
Mysteriöser Kollaps
Warum vor 5000 Jahren plötzlich keine Megalithgräber mehr errichtet wurden
Neue DNA-Ergebnisse zeigen: Auch im Westen Europas kam es während der Jungsteinzeit zu einem rätselhaften Zusammenbruch der Bevölkerung. Fachleute vermuten mehrere Ursachen

Ungefähr vor 5000 Jahren verschwand ein großer Teil der nordwesteuropäischen Gemeinschaften. Der jungsteinzeitliche Kollaps vollzog sich in nur wenigen hundert Jahren und lässt sich unter anderem aus archäologischen Funden herauslesen: Während bis in die erste Hälfte des 4. Jahrtausends etwa in Skandinavien viele neue Siedlungen entstanden, kam es ab etwa 3400 v. Chr. zu einem Stillstand. Keine neuen Dörfer wurden gegründet und viele bestehende wurden dauerhaft aufgegeben. Auch ein Rückgang der Getreideproduktion lässt sich erkennen – ob letzterer ein Ausgangspunkt oder eine Folge der Zäsur war, ist unklar.

Überhaupt stehen hinter dem "Neolithic Decline" in Nordwesteuropa noch viele Fragezeichen. Über die möglichen Ursachen wird ebenso spekuliert, wie über das Ausmaß des Bevölkerungsverlustes, und ob auch andere Gebiete in Europa davon betroffen waren. Eine über 5000 Jahre alte Grabanlage im heutigen Frankreich könnte nun Antworten auf diese Fragen liefern.

Ende der Megalithbauten

Die Überreste des jungsteinzeitlichen Monumentalbaus liegen etwa 40 Kilometer nördlich des Pariser Stadtzentrums, am Rande des französischen Dorfes Bury. Das Galeriegrab ist ein langgezogener Megalithkorridor aus mächtigen Steinblöcken. Es war einst die letzte Ruhestätte einer Gemeinschaft, die mit beachtlichem Aufwand ihre Toten ehrte – zumindest bis um das Jahr 3100 v. Chr. Ab dann verebbte jegliche Bautätigkeit und auch Beisetzungen gab es nicht. Es vergingen Jahrhunderte, ehe an diesem Ort wieder Menschen beerdigt wurden.

Solche Megalithgräber sind das wohl markanteste Erbe der europäischen Jungsteinzeit. Von der iberischen Halbinsel bis nach Skandinavien errichteten neolithische Gesellschaften zwischen etwa 4500 und 3000 v. Chr. gewaltige Steinmonumente – Dolmen, Ganggräber, Hügelgräber –, die kollektive Bestattungen ermöglichten und damit ein Gemeinschaftsgefühl über den Tod hinaus ausdrückten. Genetische Studien aus Skandinavien hatten bereits gezeigt, dass das Ende der Megalithanlagen mit dem dortigen großen Bevölkerungsrückgang zusammenfiel.

Mehr noch: Der Niedergang der Megalithepoche im Norden ging einem umfassenden Zuzug neuer Menschen aus dem Osten voraus, Einwanderer aus der eurasischen Steppe, die in die nunmehr entvölkerten Gebiete drängten. Dass dieses Muster auch für Westeuropa galt, konnte nun erstmals ein internationales Team um Frederik Seersholm von der Universität von Kopenhagen anhand der DNA von 132 in Bury bestatteten Individuen nachweisen.

Zwei Phasen und ein Bruch

Das Grab wurde laut den im Fachjournal Nature Ecology & Evolution präsentierten Ergebnissen in zwei klar getrennten Phasen genutzt. Die erste wurde datiert auf etwa 3200 bis 3100 v. Chr. und war von einem Menschenschlag mit lokaler neolithischer Abstammung geprägt. Das bedeutet, dass sie Nachfahren jener Bauerngemeinschaften waren, die Jahrtausende zuvor aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen waren.

Nach dieser Ära tut sich eine Befundlücke auf, die sich erst ab etwa 2900 v. Chr., durch eine zweite Gruppe von Bestattungen wieder schließt. Deren genetisches Profil verweist im Unterschied zu jenem der Vorgänger auf eine iberische und südfranzösische Herkunft. Zwischen beiden Phasen konnten die Forschenden keinen fließenden Übergang beobachten.

"Wir können einen deutlichen genetischen Bruch zwischen den beiden Bestattungsphasen erkennen. Die Menschen, die das Grab vor und nach dem Kollaps nutzten, scheinen zwei völlig unterschiedliche Populationen zu sein", erklärt Seersholm. "Das zeigt uns, dass etwas Bedeutendes passiert ist – eine massive Störung, die zum Niedergang der einen Bevölkerung und zur Ankunft einer anderen führte."

Eine Karte zeigt die Lage von Bury in Frankreich, umgeben von anderen archäologischen Stätten. Daneben sind zwei Diagramme: Oben ist Phase 1 (3500–3000 v. Chr.) dargestellt, mit länglicher Grabkammer, Begräbnissen in ausgestreckter Position und Ablagerungen. Unten Phase 2 (2800–2500 v. Chr.) mit Hauptgrabkammer und flexierten Körperpositionen. Unterschiedliche Farben markieren die Begräbnisareale beider Phasen.
Die Untersuchungen zeigten: Die Grabanlage von Bury wurde in zwei getrennten Phasen genutzt. Die erste Phase ist durch Individuen mit lokaler Abstammung geprägt, die zweite besteht aus Toten, die ein iberisches und südfranzösisches Erbe aufweisen und sich auch in den Bestattungsriten unterscheiden.

Zuzug aus dem Süden und Osten

Ähnliche punktuelle Belege, unter anderem aus Deutschland, weisen immer deutlicher darauf hin, dass der "Neolithic Decline" tatsächlich kein lokales Phänomen war, sondern weite Teile Europas erfasst hatte: Die Gesellschaften, die Megalithgräber bauten, starben aus oder schrumpften so stark, dass sie ihre Gebiete nicht mehr bevölkern konnten. In das dadurch entstehende demografische Vakuum drängten andere Gruppen aus Südeuropa und aus den Steppen im Osten.

Auch die Bestattungsriten spiegeln einen kulturellen Wandel wider: In der ersten Phase von Bury wurden die Toten typischerweise in gestreckter Haltung entlang der Hauptachse des Grabes ausgerichtet. Die Bestatteten der zweiten Phase zeigen keine solche Ausrichtung mehr, ihre Körper liegen in Hockerstellung.

Die Befunde liefern zwar keine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Warum des Bevölkerungseinbruchs, aber immerhin verdächtige Spuren: Die erste Bestattungsphase in Bury enthält gegen Ende dieser Epoche auffällig viele Säuglings- und Kinderskelette. Die Forschenden schließen daraus auf eine möglicherweise erhöhte Kindersterblichkeit – üblicherweise die Folge von katastrophalen Ereignissen wie Krieg, Hunger oder eines Seuchenausbruchs.

Tatsächlich fanden sich in den Skeletten DNA-Spuren von Yersinia pestis, dem Erreger der Pest. Der Befund beweist zwar nichts, fügt sich aber ein in die Hypothese, die in der Forschung bereits seit einigen Jahren kursiert: dass eine frühe Form der Pest maßgeblich am neolithischen Bevölkerungsrückgang beteiligt gewesen sein könnte. "Es gibt zwar keinen stichhaltigen Beleg dafür, dass die Pest allein den Zusammenbruch der Bevölkerung verursacht hat, aber die Krankheitslast könnte einer von mehreren Faktoren gewesen sein", sagt Martin Sikora, Koautor der Studie.

Zusammenspiel vieler Faktoren

Wahrscheinlich sei demnach ein Zusammenspiel von Klimaschwankungen, Bodenerschöpfung durch jahrtausendelangen Ackerbau sowie möglicherweise soziale Spannungen – eine Situation, in der eine Seuche leichtes Spiel hätte. Was immer den Ausschlag gab, es bereitete letztlich zwei Migrationswellen den Boden: Einwanderer aus dem Süden, wie in Bury belegt, und jene aus der pontisch-kaspischen Steppe, deren Expansion die europäische Demografie und Sprache in den folgenden Jahrtausenden nachhaltig prägen sollte.

"Wir können die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sowohl die iberische Nordwanderung als auch die Expansion aus der Steppe verwandte Reaktionen auf den neolithischen Rückgang waren", erklären die Autorinnen und Autoren. "Ein weit verbreiteter demografischer Rückgang hätte ein Vakuum geschaffen, in das benachbarte Gruppen expandieren konnten."

 

Dienstag, 14. April 2026

Man möcht es für eine gehässige Fälschung halten.

...

 

 

Künstlich, aber nicht sehr intelligent.

Ein transparentes Modell eines menschlichen Kopfes mit sichtbarem Gehirn ist im Vordergrund zu sehen, während im Hintergrund verschwommen das Profil eines blauen Gehirns dargestellt ist. 
aus derStandard.at, 13. 4. 2026                                                                                          zu Jochen Ebmeiers Realien   
 
KI-Revolution
Philosophisch betrachtet: Wie intelligent kann künstliche Intelligenz sein?    
KI-Systeme geben nach vor viel Unsinn von sich: Welche Rolle sie in unserer Gesellschaft spielen sollen, ist nicht nur eine technische Frage

Die KI-Entwicklung schreitet rasant voran. Die Systeme können immer komplexere Aufgaben erledigen. Doch nach wie vor unterlaufen ihnen banale Fehler. "Ich muss mein Auto waschen, und die Waschanlage ist nur 100 Meter entfernt. Soll ich zu Fuß gehen oder fahren?" – ChatGPT empfiehlt auf diese Frage hin zu Fuß zu gehen, obwohl es wenig Sinn hat, eine Waschanlage ohne Fahrzeug aufzusuchen. Darauf hingewiesen gesteht der Chatbot seinen Fehler und sagt, es sei in dieser Situation natürlich richtig, zu fahren – empfiehlt aber noch als "lustigen Trick", den "tatsächlich viele Leute bei nahen Waschanlagen nutzen", das Auto einfach zu schieben.

Dass sich KI-Chatbots trotz Milliardeninvestitionen noch immer so leicht überlisten lassen und in vielen Fällen Unsinniges von sich geben, legt nahe, dass am Vorwurf etwas dran sein könnte, es handle sich bei ihnen nur um "stochastische Papageien". Demnach könnten sie zwar plausibel klingende Antworten fabulieren, weil ihnen die statistische Häufigkeit von Worten antrainiert wird, aber sie könnten nicht schlussfolgernd denken und hätten kein Verständnis davon, was in der Welt los ist. Ist es da überhaupt sinnvoll, ihnen "Intelligenz" zuzuschreiben? Die Frage wurde zuletzt bei einer Tagung zu den historischen und philosophischen Grundlagen von KI diskutiert, die vom Department of Philosophy der Central European University und dem FWF-Exzellenzcluster "Knowledge in Crisis" veranstaltet wurde.

Illusorische Intelligenz

Der Organisator der Tagung, CEU-Philosoph Tim Crane, zeigte sich skeptisch. Er argumentierte in seinem Vortrag dafür, dass das von vielen Unternehmen verfolgte Ziel der Entwicklung allgemeiner künstlicher Intelligenz (AGI, artificial general intelligence) in sich widersinnig ist. Wie er in Anlehnung an das Werk The Concept of Mind von Gilbert Ryle ausführte, sei "Intelligenz" ein normativer Begriff: Wir benutzen ihn, um die Ausübung spezifischer Fähigkeiten wie Rechnen oder Fußballspielen zu bewerten, aber er bezeichne keine psychologische Realität, die solchen Fähigkeiten übergeordnet sei. Zwar könne man in analogem Sinn auch Maschinen grundsätzlich "Intelligenz" zuschreiben – aber nur solange man sich dabei stets auf die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe wie Schachspielen oder Gesichtserkennung bezieht, nicht im Sinne einer davon unabhängigen "allgemeinen" oder gar einer "Superintelligenz".

Digitales Rendering eines Gehirns mit leuchtenden, abstrakten neuronalen Verbindungen, das die Komplexität und Vernetzung von künstlicher Intelligenz und kognitiven Technologien darstellt.

Was ist Intelligenz? Welche Maßstäbe setzen wir dafür an?

Eine abwägendere Position vertrat der Oxford-Philosoph Raphaël Millière. So wie es falsch wäre, Maschinen menschenähnliche Eigenschaften zuzuschreiben (Anthropomorphismus), wäre es falsch, Intelligenz auf eine Weise zu definieren, die an menschliche Eigenschaften gebunden ist und darum nicht auch Tieren oder Maschinen zugesprochen werden kann (Anthropozentrismus). Dabei seien Tests unter ungünstigen Bedingungen – etwa die Fangfrage im Eingangsbeispiel – womöglich keine faire Weise, über das Vorliegen von Kompetenz zu entscheiden. Schließlich könnten so auch Menschen irregeführt werden, denen wir deshalb nicht die Denkfähigkeit absprechen würden.

Millière schlug vor, die Zuschreibung von Kompetenz bei KI-Systemen davon abhängig zu machen, ob sie für die fraglichen Aufgaben eine zuverlässige Lösungsprozedur ausgebildet haben und ob sie diese Prozedur unter geeigneten Umständen anwenden. Der in der Branche übliche Hinweis auf die besser werdenden Testergebnisse allein sei darum noch nicht ausreichend. Stattdessen müsse auch gezeigt werden, dass die künstlichen neuronalen Netze im Trainingsprozess Verschaltungen ausgebildet haben, die geeignet sind, bestimmte Aufgaben zuverlässig zu lösen. Als Maßstab dient dabei die neuronale Verschaltung im Gehirn des Menschen und die daraus resultierenden kognitiven Kompetenzen.

Unklare Grundlagen

Eine zentrale Botschaft vieler Tagungsbeiträge war dabei, dass die Technologieentwicklung nicht geradlinig verläuft und viele kontingente Umstände zusammenkommen mussten, damit es zur Dominanz der Technologie kommt, die wir heute als "KI" bezeichnen. Wie die Ideenhistorikerin Amira Moeding von der Cambridge University zeigte, spielten dabei auch sich ändernde Wissenschaftsverständnisse eine Rolle. Heute vergleichen Venture-Investoren wie Marc Andreessen KI gerne mit "Alchemie", um zu unterstreichen, wie magisch es sei, dass wir nun "Sand das Denken beibringen" würden. Zum Vergleich: Der Miterfinder des Transistors, John R. Peirce, nutzte in den 1960er-Jahren denselben Vergleich, um die frühe KI-Forschung in einem Report für US-Behörden als unwissenschaftliche Spielerei abzutun, die keine Forschungsgelder verdient.

Die aktuell beliebten KI-Modelle sind allesamt große Sprachmodelle, die auf Basis statistischer Wahrscheinlichkeiten operieren.

Laut Moeding kam es dazwischen zu einer Verschiebung des Erkenntnisideals vom "understanding" zum "engineering": Während Peirce davon ausging, dass man gute Theorien über die Natur des Denkens und der Sprache brauche, um Maschinen solche Fähigkeiten beizubringen, würde man sich heute umgekehrt auf die Entwicklung funktionsfähiger Systeme konzentrieren und sodann zu ihnen passende Theorien wählen. Bis heute seien die von Peirce aufgeworfenen Probleme unklarer konzeptueller Grundlagen nicht verschwunden – nur werde mit den inzwischen üblich gewordenen Benchmarks die Entwicklung auf eine Weise gemessen, in der diese Fragen eingeklammert und im Lichte der erzielten Fortschritte beantwortet werden.

Gefahr des Kompetenzverlustes

In diesem Sinne zitierte Moeding den KI-Forscher Peter Norvig von Google, der Sprache als rein probabilistisches Phänomen sieht – eine Position, die in den 1960er-Jahren durch Noam Chomsky überwunden schien. Chomsky argumentierte, der Spracherwerb könne nicht nur durch "Versuch und Irrtum" stattfinden, sondern erfordere angeborene Anlagen. Wie der Wissenschafts- und Technikhistoriker Matthew Jones von der Princeton University hervorhob, war diese Sichtweise auch in der KI-Forschung sehr einflussreich.

Jahrzehntelang wurden die heute dominanten datenzentrierten Ansätze belächelt, als Königsweg galten regelbasierte Systeme. Dass sich der Trend in den vergangenen 15 Jahren umgekehrt hat, habe nicht nur mit technologischen Innovationen im Bereich von Grafikprozessoren zu tun. Auch fragwürdige rechtliche Praktiken im Umgang mit Privatsphäre und intellektuellem Eigentum, durch die KI-Unternehmen zu ihren Trainingsdaten kommen, seien wesentlich gewesen.

Nicht nur deshalb ist KI in den Augen der Ethikerin Shannon Vallor von der Edinburgh University mit der Gefahr einer "epistemischen Enteignung" verbunden. Vielmehr berge der KI-Einsatz die Gefahr des Kompetenz- und Autonomieverlusts aufseiten der Nutzenden. Die Verklärung der Systeme zur Quintessenz von Denken und Wissen führe zur Abwertung menschlicher Bildung. Was man gegen solche Entwicklungen tun könnte, bleibt unklar. Nicht zuletzt durch die Tagung wurde allerdings klar, wie sehr die bisherige Technologieentwicklung von regulatorischen Rahmenbedingungen, konzeptuellen Verschiebungen und historischen Zufällen geprägt war. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass die Zukunft der Technologie gesellschaftlich gestaltbar ist und nicht als ein über uns hereinbrechendes Schicksal passiv erwartet werden muss.  

Montag, 13. April 2026

"Borderline".

 
aus scinexx.de, 13. 3. 2026                                                                                zu Jochen Ebmeiers Realien

Über die Grenze hinaus
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung

Leben auf der emotionalen Achterbahn: Für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung sind intensive Gefühle und gleichzeitig innere Leere Teil des Alltags. Beziehungen können innerhalb kürzester Zeit zwischen Idealisierung und Entwertung kippen, innere Anspannung entlädt sich nicht selten in selbstschädigendem oder riskantem Verhalten. Doch wie entstehen diese Muster? Und warum galt Borderline lange als therapeutisch besonders schwierig?

Der Begriff „Borderline“ geht auf eine frühe Vorstellung in der Psychiatrie zurück: Man nahm an, die Störung liege an der Grenze zwischen Neurose und Psychose, zwischen Verhaltungsstörung und schweren Erkrankungen mit Realitätsverlust. Heute gilt Borderline jedoch als eigenständige psychische Störung. Sie betrifft vor allem die Emotionsregulation und beeinflusst Selbstbild, Verhalten und zwischenmenschliche Beziehungen.

Symptome und Erkennungszeichen
Was ist Borderline?

Extreme Gefühlsintensität, rasche Stimmungsschwankungen und ein unsicheres Selbstbild prägen die emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ. Viele Betroffene reagieren besonders sensibel auf zwischenmenschliche Spannungen oder Zurückweisung und erleben ihre Emotionen oft wie verstärkt oder kaum kontrollierbar.

Achterbahn der Gefühle
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung kann mit suizidalen Handlungen einhergehen.

„Die Betroffenen haben oft ein Gefühlsleben, das einer Achterbahnfahrt gleicht – in einem Moment ist alles supertoll: die Freundschaft, die Beziehung oder der Job. Und im nächsten Moment kippt das Ganze in ein anderes Extrem: die Freundin wird beschimpft, die Beziehung ist furchtbar und der Job das Allerletzte. Das sind nur Beispiele und das ist sehr anstrengend, für die Betroffenen und für die Menschen um sie oder ihn herum“, erklärt Katharina Falk, Leitende Psychotherapeutin der Psychosomatischen Station in Flensburg.

Das instabile Selbstbild äußert sich beispielsweise, in dem sich Betroffene immer wieder diese Fragen stellen: Wer bin ich? Was will ich? Was fühle ich wirklich? Hinzu kommt impulsives Verhalten wie riskante Geldausgaben, Substanzkonsum, Essanfälle oder andere selbstschädigende Handlungen. Selbstverletzungen oder suizidale Krisen können ebenfalls auftreten und stehen häufig im Zusammenhang mit schwer zu bewältigenden Gefühlen oder innerer Anspannung.

In besonders belastenden Situationen kann es zudem zu dissoziativen Zuständen kommen. Betroffene berichten dann, sich wie von außen zu beobachten und die eigene Umgebung als unwirklich zu erleben.

Borderline kommt selten allein

Schätzungen zufolge sind etwa 0,7 bis 2,7 Prozent der Erwachsenen von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) betroffen. Sie tritt bei

Die Begleiterkrankungen wie zum Beispiel Depressionen können zusätzlich belasten. 

Frauen und Männern auf, auch wenn sich mehr Frauen in Therapie begeben und deshalb häufiger in Statistiken erscheinen. Außerdem kommt Borderline selten allein: Rund 80 Prozent der Betroffenen haben zusätzliche psychische Erkrankungen, zum Beispiel Depressionen, Angststörungen, Essstörungen oder Suchterkrankungen.

Diese hohe Komorbidität ist so ausgeprägt, dass eine „reine“ Borderline-Persönlichkeitsstörung selten zu finden ist. Deshalb wird auch diskutiert, ob Borderline wirklich eine Persönlichkeitsstörung ist oder eher mit affektiven Störungen oder traumabezogenen Erkrankungen verwandt sein könnte. Aufgrund der häufigen Verbindung zu traumatischen Erfahrungen und der Überschneidungen mit Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung wurde sogar vorgeschlagen, Borderline als eine Art verzögerte oder komplexe Form von PTBS zu verstehen. Trotz dieser Diskussion gilt BPS aktuell als eigenständiges Störungsbild.

Mit Zeit und Behandlung wird es besser

Diese Begleiterkrankungen haben auch dazu beigetragen, dass Borderline lange als besonders schwer therapierbar galt. Häufige Therapieabbrüche erschweren die Behandlung zusätzlich. Inzwischen hat sich dieses Bild jedoch deutlich verändert. Mehrere unabhängige Studien zeigen, dass Borderline grundsätzlich behandelbar ist, sich die Symptome bei vielen Betroffenen im Verlauf deutlich bessern und die Störung zudem biologische und genetische Grundlagen hat.

Ein Team um die Psychiaterin Mary Zanarini vom McLean Hospital der Harvard Medical School hat in einer großen Langzeitstudie den Verlauf einer solchen Störung über viele Jahre verfolgt. Nach 16 Jahren erlebten 99 Prozent der Patienten mindestens einmal eine Symptompause von zwei Jahren oder länger. Rund 78 Prozent erreichten sogar eine stabile Remission von mindestens acht Jahren.

Allerdings bedeutet das nicht automatisch vollständige Genesung, denn viele Betroffene kämpfen weiterhin mit Einschränkungen im sozialen oder beruflichen Alltag. Insgesamt deutet die Forschung aber klar darauf hin, dass sich die Symptomatik bei vielen Menschen mit Borderline im Laufe der Zeit deutlich verbessert.

Als wichtige Risikofaktoren gelten vor allem belastende oder instabile Erfahrungen in der Familie oder im nahen sozialen Umfeld während der Kindheit und Jugend. Dazu gehören etwa traumatisches Verlassenwerden, schwere Erziehungsdefizite oder Erfahrungen von Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung.

Die Geschichte einer Störung
Zwischen Neurose und Psychose

Der Begriff „Borderline“ stammt aus einer Zeit, in der die Psychoanalyse die Psychiatrie dominierte und psychische Erkrankungen ganz anders eingeordnet wurden als heute. Damals teilte man Patienten vor allem danach ein, ob sie als behandelbar galten oder nicht.

Neurosen galten als therapierbar. Damit meinte man seelische Störungen, bei denen Betroffene ihre Probleme zwar als belastend erleben, den Bezug zur Realität aber behalten, zum Beispiel Angst- oder Zwangsstörungen. Heute gilt dieser Begriff als veraltet. Psychosen dagegen wurden als schwere Erkrankungen mit Realitätsverlust verstanden und damit als kaum psychoanalytisch zugänglich. Manche Patientinnen und Patienten passten jedoch in keine dieser Kategorien. Sie schienen irgendwo dazwischen zu liegen, an einer Grenzlinie, eben an der „border line“.

An der Grenze zu Schizophrenie?

Besonders geprägt wurde der Begriff in den 1930er Jahren vom ungarisch-amerikanischen Psychoanalytiker Adolph Stern. In einem

Adolph Stern, 1920, Vater des „Boderline“-Begriffs.

Fachartikel aus dem Jahr 1938 beschrieb er eine Gruppe von Menschen mit auffälligen emotionalen und zwischenmenschlichen Mustern. Viele der von ihm geschilderten Merkmale ähneln den heutigen diagnostischen Kriterien. Er beobachtete auch, dass Betroffene wichtige Bezugspersonen, auch ihre Therapeuten, abwechselnd idealisierten und abwerteten. Diese Gruppe bezeichnete er als „borderline group“ und gab der Störung damit ihren Namen.

Viele Psychiater aus dieser Zeit sahen Borderline jedoch nicht als eigenständige Störung, sondern als Randbereich oder abgeschwächte Form der Schizophrenie. Begriffe wie „borderline schizophrenia“, „ambulante Schizophrenie“ oder „pseudoneurotische Schizophrenie“ waren zeitweise verbreitet. Da die diagnostischen Kriterien für Schizophrenie damals sehr weit gefasst waren, wurden viele emotional instabile oder impulsive Patienten diesem Spektrum vorschnell zugeordnet.

Der Weg ins Diagnosesystem

Erst rund drei Jahrzehnte später begann man, „Borderline“ tatsächlich als Bezeichnung für eine spezifische Form von Persönlichkeitsstörung zu verwenden. Der Name selbst ist bis heute ein Überbleibsel aus der Vergangenheit. Im Gegensatz zu vielen anderen psychiatrischen Begriffen sagt er auch wenig über die tatsächlichen Symptome oder die Entstehung der Störung aus.

Offiziell anerkannt wurde die Diagnose schließlich 1980. In diesem Jahr nahm die dritte Ausgabe des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) die Borderline-Persönlichkeitsstörung erstmals auf. In diesem weltweit relevanten Klassifikationssystem wird sie den Persönlichkeitsstörungen zugeordnet. Gemeint sind damit langfristige Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster, die stark von gesellschaftlichen Erwartungen abweichen und das Leben der Betroffenen sowie ihre Beziehungen erheblich belasten können.

Missverstanden und stigmatisiert
Edvard Munch: Jugend am Meer (1904). In späterer Zeit wurde Munch von Psychiatern selbst als von BPS Betroffener diagnostiziert.  

Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass Borderline keine Form der Schizophrenie ist. Mit der Einführung der schizotypischen Persönlichkeitsstörung zog die Psychiatrie endgültig eine klare Grenze zwischen beiden Diagnosen. Auch das klinische Bild sprach dagegen, Borderline dem schizophrenen Spektrum zuzuordnen. Zwar können unter starkem Stress vorübergehend Realitätsverzerrungen auftreten, doch eine anhaltende Psychose gehört in der Regel nicht dazu.

Gleichzeitig haftete Borderline lange ein schwieriger Ruf an. Die häufigen schweren Rückfälle und Suizidversuchen stellten viele Therapeuten auf die Probe. In der Fachliteratur jener Zeit finden sich deshalb oft wenig schmeichelhafte Beschreibungen. Manche Autoren bezeichneten diese Patienten als unberechenbar, egozentrisch oder kaum behandelbar. Solche Zuschreibungen prägten das Bild der Störung über Jahrzehnte und trugen zur Stigmatisierung von Borderline bei,

Ein Werkzeugkasten für starke Gefühle
Therapiemöglichkeiten

Für die Borderline-Persönlichkeitsstörung gibt es verschiedene psychotherapeutische Interventionen, allen voran die Dialektisch-Behaviorale Therapie, kurz DBT. Sie wurde speziell für Menschen mit Borderline entwickelt und vermittelt Strategien, um Anspannung regulieren und gesunde Beziehungen aufzubauen.

Psychotherapie ist ein wichtiger Anker für die Betroffenen von Borderline.

Viele Programme kombinieren Einzeltherapie, Gruppentraining und konkrete Übungen für den Alltag. Die DBT ist im Kern eine Form der kognitiven Verhaltenstherapie, doch häufig fließen auch Achtsamkeitsübungen, körperorientierte Methoden oder kreative Elemente mit ein. „Dialektisch“ bedeutet dabei, eine Balance zu finden: zwischen dem Annehmen der eigenen Schwierigkeiten und dem Wunsch, etwas zu verändern.

Entwickelt wurde DBT von der US-amerikanische Psychologin Marsha M. Linehan in den 1990ern. Sie ist selbst von einer Borderline- Persönlichkeitsstörung betroffen. „Ich glaube, es stimmt, dass ich eine Therapie entwickelt habe, die genau das bietet, was ich so viele Jahre gebraucht habe und nie bekommen habe“, sagt sie in einem Interview mit der New York Times.

Konstruktive Skills statt destruktivem Verhalten

Ein zentraler Bestandteil der DBT sind sogenannte „Skills“. Das sind Maßnahmen, die Betroffenen helfen sollen, mit intensiven Gefühlen und Krisensituationen konstruktiv umzugehen.

„Die größte Herausforderung stellt es meiner Meinung nach dar, im Angesicht von sehr starken Emotionen, die einem Borderline-Patienten häufig entgegenbringen, Ruhe zu bewahren und die Emotionen weder kleinzureden noch mit ‚in den Pool zu fallen‘“, erklärt Psychotherapeutin Stephanie Höschel im Interview mit Therapie Tools. „Die DBT bietet hierbei gutes Rüstzeug, um zum einen empathisch auf Emotionen zu reagieren, aber auch Fertigkeiten (Skills) zu vermitteln, mit deren Hilfe Patienten und Patientinnen in die Lage kommen, ihre Anspannung eigenständig zu regulieren.“

Fidget toys wie dieser Würfel können gute Skills sein, um Anspannung zu regulieren.

Skills werden außerdem eingesetzt, aus dissoziativen Zuständen herauszufinden. Bei der 5-4-3-2-1-Methode etwa richten Betroffene ihre Aufmerksamkeit auf ihre Umgebung: fünf Dinge sehen, vier hören, drei fühlen, zwei riechen und eines schmecken. Solche Übungen helfen, wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Auch bei Panik können sie wirksam sein. Viele Betroffene stellen sich zudem eine persönliche Skill-Tasche zusammen. Darin befinden sich individuell hilfreiche Gegenstände, die starke Sinnesreize auslösen oder beruhigend wirken: Zum Beispiel Chili-Bonbons, Duftöle, ein Stressball oder kleine Erinnerungszettel mit hilfreichen Strategien sowie ein Notfallplan.

Therapie wirkt im Gehirn

Dass solche psychotherapeutischen Verfahren tiefgreifend wirken können, zeigen auch neurobiologische Studien. So fand ein Forschungsteam um Psychiaterin Marianne Goodman vom Mount Sinai Hospital in New York City heraus, dass nach einer Dialektisch-Behavioralen Therapie die Amygdala – ein wichtiges Zentrum für die Verarbeitung von Emotionen in unserem Gehirn – weniger stark auf negative Reize reagierte. Gleichzeitig zeigte sich eine stärkere Beteiligung des präfrontalen Cortex, der an der bewussten Emotionsregulation beteiligt ist.

Neben klassischen psychotherapeutischen Verfahren werden zunehmend auch neue Technologien erprobt, etwa virtuelle Realität. Da Borderline häufig mit Störungen der Selbst- und Körperwahrnehmung einhergeht, soll virtuelle Realität helfen, den Körper wieder klar zu spüren und den Umgang mit solchen Zuständen zu verbessern.

Medikamente als Unterstützung
Manchmal ist eine medikamentöse Behandlung nötig.  

Auch Medikamente können bei Borderline zum Einsatz kommen. Ein spezifisches Borderline-Medikament gibt es jedoch nicht. Stattdessen werden Arzneimittel vor allem eingesetzt, um einzelne Symptome oder Begleiterkrankungen zu behandeln. Stimmungsstabilisierer können manchen helfen, starke Stimmungsschwankungen oder Impulsivität zu reduzieren.  

Bei starken Angstzuständen verschreiben Ärzte oft Benzodiazepine, zum Beispiel Lorazepam. Diese Medikamente haben jedoch ein hohes Suchtpotenzial und sollten nur über einen kurzen Zeitraum eingenommen werden. Für begleitende Depressionen oder Angsterkrankungen können Antidepressiva, besonders die Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eingenommen werden.

 

Nota. - Der Laie erwartet von eine Diagnose eine Auskunft über die Ursachen und den wahrscheinlichen Verlauf einer Krankheit. Das geben die Diagnosen des DSM nicht her. Sie sind strikt phänomenologisch und zählen Symptome auf. Sie dienen der Verständigung zwischen den Professionellen der psychiatrischen Klinik, um ihnen einen Hinweis zu geben auf das zu erwartende Krankheitsbild und einen Rat für die allerer-sten Behandlungsschritte. Dass bei vielen Patienten nacheinander unterschiedliche Diagnosen ausgesprochen werden, ist kein Hinweis auf mangel-de Qualifikation der Diagnostiker, sondern eine Folge des pragmatischen Grundcharakters des DSM, das darauf absieht, sich Schritt für Schritt an den individuellen 'Fall' heranzutasten.

Es wäre löblich, den Gebrauch eines so unscharfen Begriffs wie Borderline streng auf den klinischen Bereich einzuschränken - und den andern psychiatrischen Dia-gnosen würde das aucch nicht schaden.
JE 

Uff.


Sonntag, 12. April 2026

Die ursprüngliche Unterdrückung des Männlichen.

Geschlecht                                  zu Männlich
aus scinexx.de, 11. 4. 2226
Ein DNA-Buchstabe verändert das Geschlecht
Mutation nur einer DNA-Base macht weibliche Genitalien zu männlichen und umgekehrt

Folgenreiche Mutation: Ob wir männliche oder weibliche Geschlechtsmerkmale entwickeln, hängt von nur einer DNA-Base ab – und diese liegt nicht einmal in einem proteinkodierenden Gen, wie Forschende entdeckt haben. Fügten sie bei genetisch weiblichen XX-Mäusen diesen DNA-Buchstaben ein, entwickelten die Weibchen Hoden und andere männliche Geschlechtsmerkmale statt Eierstöcke und Uterus. Ursache dafür ist ein Mechanismus, der auch unsere Geschlechtsentwicklung reguliert, wie das Team in „Nature Communications“ berichtet.

Bei uns Menschen und allen Säugetieren entsteht das biologische Geschlecht durch eine Abfolge verschiedener Akteure. Die Basis bilden dabei die Geschlechtschromosomen: Trägt ein Embryo zwei X-Chromosomen, ist er genetisch weiblich, die Kombination XY macht ihn genetisch männlich. Im nächsten Schritt sorgt die Aktivität bestimmter Gene dafür, dass sich die noch undifferenzierten Geschlechtsorgane des Embryos entweder zu Hoden und Penis oder aber zu Uterus und Eierstöcken entwickeln.

XY-Chromosomen
Die Geschlechtschromosomen – hier XY für männlich – sind nur der Anfang einer ganzen Kaskade von Ereignissen, durch die sich unsere biologischen Geschlechtsmerkmale entwickeln. 

Eine Schlüsselrolle für die Entwicklung der Geschlechtsorgane spielt das Gen Sox9. Bei genetisch männlichen XY-Embryos wird Sox9 durch ein Gen auf dem Y-Chromosom aktiviert und löst dann eine biologische Kaskade aus, durch die sich männliche Geschlechtsorgane entwickeln. Weibliche Geschlechtsorgane entwickeln sich dagegen, wenn mehrere weibliche Steuergene aktiv sind und Sox9 ausgeschaltet bleibt.

Ein DNA-Abschnitt als Schalter

Doch es gibt einen winzigen Schalter in unserem Genom, der diese geregelte Geschlechtsentwicklung durcheinanderbringen und sogar umkehren kann, wie nun Elisheva Abberbock von der Bar-Ilan Universität in Israel und ihre Kollegen entdeckt haben. Für ihre Studie haben sie einen kleinen DNA-Abschnitt untersucht, der rund 565.000 Basenpaare vom Sox9-Gen entfernt liegt. 

Diese Enh13 getaufte Sequenz kodiert kein Protein und liegt außerhalb der Gene. Stattdessen wirkt der nur 557 Basen lange DNA-Abschnitt als Enhancer – er reguliert die Aktivität des Sox9-Gens. Eine frühere Studie hat bereits gezeigt, wie sich der komplette Verlust von Enh13 auf die Geschlechtsentwicklung von männlichen XY-Mäusen auswirkt: Sie ändern ihr biologisches Geschlecht und entwickeln weibliche Geschlechtsorgane statt der männlichen.

Mäuse
Geschlechtsorgane bei weiblichen (links), männlichen (rechts) und durch Hinzufügen einer DNA-Base in Enh13 veränderten XX-Mäusen (Mitte).
Aus Weibchen werden Männchen

Jetzt demonstrieren Abberbock und ihr Team, dass schon eine einzige, winzige Mutation in diesem DNA-Schalter ausreicht, um auch den umgekehrten Geschlechtswandel zu verursachen. Für ihr Experiment entfernten sie im Enh13-Abschnitt weiblicher XX-Mäuseembryos entweder drei Basenpaare oder fügten ein DNA-Basenpaar hinzu.

Das Ergebnis war dramatisch: Die genetisch weiblichen Mäuse entwickelten sich zu Männchen – sie besaßen Hoden mitsamt Samenkanälchen und andere männliche Geschlechtsmerkmale. „Die ausgewachsenen XX-Mäuse erscheinen äußerlich und innerlich als Männchen“, berichten die Forschenden. „Ihre Hoden sind allerdings etwas kleiner als normal und enthalten keine Spermien, weil ihnen dafür das Y-Chromosom fehlt.“

„Das ist bemerkenswert: Eine so winzige Veränderung – nur ein DNA-Buchtstabe von rund 2 ,8 Milliarden reicht aus, um eine so dramatische Entwicklung auszulösen“, sagt Abberbocks Kollege Nitzan Gonen. „Dies unterstreicht, welchen fundamentalen Einfluss nicht-kodierende DNA auf Entwicklung und Gesundheit haben kann.“

ENh13 und Sox9
Die Geschlechtschromosomen – hier XY für männlich – sind nur der Anfang einer ganzen Kaskade von Ereignissen, durch die sich unsere biologischen Geschlechtsmerkmale entwickeln. 
So funktioniert der Genschalter

Doch wie bewirkt dieser eine DNA-Buchstabe den Geschlechtswechsel? Nähere Analysen enthüllten, dass der Enh13-Genschalter und das von ihm regulierte Gen Sox9 bei genetisch weiblichen Tieren gehemmt werden: Mehrere weibliche Kontrollproteine binden an diesen DNA-Abschnitt und blockieren damit auch die Aktivierung von Sox9. So verhindern sie, dass sich die embryonalen Geschlechtsanlagen zu männlichen Genitalien entwickeln.

Doch wenn Enh13 mutiert ist, funktioniert diese Blockade nicht mehr, wie das Team feststellte. Stattdessen erleichtert die zusätzliche DNA-Base die Anlagerung eines Kontrollfaktors, der Enh13 und Sox9 aktiviert. „Diese minimale Aktivierung reicht aus, um den sich selbst verstärkenden männlichen Entwicklungspfad anzustoßen“, erklären Abberbock und ihre Kollegen.

Auch beim Menschen vorhanden

Das Interessante daran: Dieser Mechanismus existiert auch bei uns Menschen. Auch wir besitzen das Sox9-Gen und einen Genschalter, der Enh13 sehr ähnlich ist. Das legt nahe, dass die biologische Geschlechtsentwicklung beim Menschen ebenfalls durch eine winzige Mutation gestört werden kann. „Tatsächlich wurden bereits drei männliche Patienten mit weiblichen XX-Chromosomen beschrieben, die eine kleine Verdopplung im menschlichen Analog zu Enh13 tragen“, berichten die Forschenden.

Damit könnten die neuen Erkenntnisse auch für Menschen mit einer abweichenden Geschlechtsentwicklung wichtig sein. Betroffen davon sind rund eines von 4.000 Neugeborenen weltweit – und bei vielen fehlt eine biologisch-genetische Erklärung. „Unsere Ergebnisse zeigen nun, dass es nicht genügt, sich nur die Gene anzuschauen. Wichtige Mutationen könne auch in den nicht-proteinkodierenden Teilen der DNA liegen, sagt Abberbock. (Nature Communications, 2026; doi: 10.1038/s41467-026-71328-9)

Quelle: Bar-Ilan University, Nature Communications; 10. April 2026 - von Nadja Podbregar

 

Nota. -  Das Männliche kommt also nicht, wie es bislang aussah, erst nachträglich zum wesentlich weiblichen Rohling hinzu, sondern war von Anfang an dabei - doch seine Entfaltung wird durch weibliche Proteine verhindert, die  die Aktivierung von Sox9 blockieren, so dass sich die männlichen Anlagen nicht zu männlichen Ge-schlechtsorganen ausbilden können. 

Na, wenn das keine Symbolik hat...!
JE 

Samstag, 11. April 2026

Des Benutzers Oberfläche.

novacura                                        zu öffentliche Angelegenheiten 

... Mit andern Worten - das Internet nährt, und bei zuvor eigentlich recht gebildeten Nutzern schafft es überhaupt erst die Illusion, der Zugriff auf Milliarden von Infor-mationspartikeln sei virtuell schon fast so etwas wie Wissen: Man bräuchte die Teil-chen nur noch zu verlinken, dann verfüge man über das Wissen der Welt. Die Mü-he, das Gewusste nach oben und unten, zentral und peripher, groß und klein ar-chitektonisch einander zuzuordnen - zuerst nämlich im eigenen Gedächtnisarchiv -,  entfällt: Das besorgt scheinbar apriori schon die Maschine, und es springt nicht einmal mehr die Aufgabe ins Auge. Die digital-virtuelle Sorte von Unbildung ist schlimmer als die herkömmliche real-analoge, denn fehlende Kenntnisse konnte man zur Not mit Gewalt einbläuen. Aber die Bereitschaft zum Denken nicht; die Piratenpartei ist daran zugrunde gegangen.
7. 3. 14

Der neolithische Absturz.

  aus derStandard.at, 14. 4. 2026           Steinreihen von Carnac in der Bretagne                           zu   öffentliche Angelegenh...