Ob diese genderspezifische Leistungsverweigerung damals in erster Linie pubertärer Verwirrungen geschuldet war oder andere Gründe hatte, tut hier nichts zu Sache. Relevanter ist in dem hier vorgestellten Zusammenhang, dass Burschen nicht nur in der österreichischen Provinz der 1980er-Jahre, sondern bis heute und ziemlich global schulische Anstrengung negativer beurteilen als Mädchen. Und dass genau diese nicht besonders intelligente Verweigerungshaltung auch einen nicht gerade geringen Teil des unterschiedlichen Lernerfolgs von Mädchen und Burschen erklären dürfte, wie eine neue Studie argumentiert.

Dass Mädchen in der Schule häufig bessere Noten bekommen als Burschen, ist inzwischen gut dokumentiert. Sie brechen seltener die Schule ab und nehmen häufiger ein Studium auf. Und zumindest in bestimmten Bereichen des Pisa-Tests – insbesondere beim Lesen – schneiden Mädchen systematisch deutlich besser ab. Doch was steckt hinter diesen Unterschieden?

750.000 15-Jährige

Um diese Fragen zu beantworten, hat die französische Sozialwissenschafterin Clotilde Napp (CNRS Paris, Université Paris Dauphine) Daten von mehr als 750.000 15-Jährigen aus 61 Ländern ausgewertet. Grundlage dafür waren die PISA-Erhebungen der Jahre 2012 und 2018, bei denen die OECD nicht nur die Kompetenzen der Jugendlichen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften untersuchte, sondern auch ihre Einstellungen und Überzeugungen erfasste.

 

 

Das im Fachblatt PNAS Nexus veröffentlichte Ergebnis ist bemerkenswert eindeutig – und bestätigt: Mädchen bewerten schulische Anstrengung positiver als Burschen. In 60 der 61 untersuchten Länder war die positivere Einstellung der Mädchen statistisch signifikant. Sie stimmen häufiger der Aussage zu, dass es wichtig sei, sich in der Schule anzustrengen. Dieser Unterschied findet sich in nahezu allen untersuchten Ländern. Er lässt sich auch nicht einfach damit erklären, dass Mädchen und Burschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen kommen, eine andere Familienstruktur haben oder verschiedene Bildungserfahrungen machen.

Verteilung von 61 Ländern in einer Grafik, die den Zusammenhang von Unterschieden bei der Bewertung schulischer Anstrengung und dem Prozentsatz männlicher Studierender zeigt.
Geschlechtsunterschiede bei der Bewertung schulischer Anstrengung (x-Achse) und dem Prozentsatz männlicher Studierender (y-Achse). Österreich zählte 2017 zu den Ländern mit einer vergleichweise geringen Quote männlicher Studierender (hier deutlich unter 45 Prozent)

Am geringsten fiel der Unterschied in Südkorea aus, am größten in Norwegen. Im Durchschnitt betrug er 0,2 Standardabweichungen. Das ist kein dramatischer, aber doch relevanter Abstand zwischen zwei klar getrennten Gruppen. Aufschlussreicher an Napps Analysen ist, dass es sich erstens nicht um ein auf einzelne Bildungssysteme beschränktes Phänomen handelt – und dass zweitens die Einstellung zur Anstrengung mit den tatsächlichen Leistungen zusammenhängt: Jugendliche, die ihr eine größere Bedeutung beimessen, schneiden in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen besser ab. Am stärksten ist dieser Zusammenhang beim Lesen.

Gleichstellungsparadox

Besonders interessant ist ein weiteres Ergebnis: Die Unterschiede zwischen Mädchen und Burschen sind in wirtschaftlich entwickelten Ländern größer als in weniger wohlhabenden Gesellschaften. Das gilt auch für Länder mit höherer Geschlechtergleichstellung und stärker individualistisch geprägten Gesellschaften.
Dieses Ergebnis erinnert an das sogenannte Gleichstellungsparadox, das in der Bildungsforschung schon länger diskutiert wird.

Grafik, die das Gleichstellungsparadoxon anhang von 61 Ländern illustriert.
Sozioökonomischer Entwicklungsgrad (x-Achse) und Geschlechtsunterschiede bei der Bewertung schulischer Anstrengung (y-Achse). Die Unterschiede nehmen mit dem Entwicklungsgrad eher zu, was in der Literatur als Gleichstellungsparadox bezeichnet wird. (Österreich liegt bei etwas über 0 beim sozioökonomischen Status und etwas unter 0,2 bei den Geschlchtsunterschieden.)

Dieses Paradox besagt, dass in bestimmten Bereichen Geschlechterunterschiede nicht automatisch kleiner werden, wenn Gesellschaften wohlhabender und gleichberechtigter werden. Manchmal fallen sie sogar größer aus. Bekannt ist diese Debatte vor allem im Zusammenhang mit den MINT-Fächern, konkret: Warum Frauen in manchen besonders gleichberechtigten Ländern seltener technische und naturwissenschaftliche Studienrichtungen wählen. Eine mögliche Erklärung dieser Tatsache und auch von Napps Analysen liegt in gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, was als typisch männlich oder weiblich gilt.

Anstrengung, Fleiß und schulische Disziplin werden kulturell offenbar nicht geschlechtsneutral bewertet. In manchen sozialen Umfeldern ist es attraktiver, Erfolg als Ausdruck angeborener Intelligenz darzustellen, als zuzugeben, dafür viel gearbeitet zu haben. Mädchen könnten dazu tendieren, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen und vermeintlich mangelndes Talent durch zusätzliche Anstrengung auszugleichen. Burschen könnten sich hingegen auf eine vermeintlich natürliche Begabung verlassen und den Wert kontinuierlicher Arbeit geringer einschätzen.

Zahlreiche Einschränkungen

Das ist eine plausible Interpretation, aber noch kein nachgewiesener Mechanismus. Auch die umgekehrte Richtung ist denkbar, wie Napp einräumt: Wer in der Schule weniger erfolgreich ist, verliert möglicherweise mit der Zeit die Überzeugung, dass sich Anstrengung überhaupt lohnt. Es gibt aber auch noch weitere Einschränkungen: Untersucht wurden Selbstauskünfte über die Bedeutung schulischer Anstrengung, nicht der tatsächliche Lernaufwand. Außerdem handelt es sich um eine korrelative Analyse, die keine eindeutigen Aussagen über Ursache und Wirkung erlaubt.

Auf die österreichischen PISA-Ergebnisse von 2025 sind Napps Analysen nur bedingt übertragbar. Diese Ergebnisse zeichnen nämlich kein Bild einer allgemeinen Leistungsschwäche der Burschen. Vielmehr unterscheiden sich ihre Leistungen je nach Kompetenzbereich deutlich.

Beim Lesen liegen die Mädchen in Österreich um 26 Punkte vor den Burschen. Der Abstand entspricht ungefähr dem OECD-Durchschnitt und ist seit Jahren relativ stabil. In Mathematik ist das Verhältnis umgekehrt: Burschen erreichen im Schnitt 23 Punkte mehr als Mädchen. Dieser Vorsprung ist im internationalen Vergleich besonders ausgeprägt. In den Naturwissenschaften gibt es dagegen keinen praktisch bedeutsamen Geschlechterunterschied – aber dennoch vergleichsweise mehr junge Männer, die MINT-Fächer studieren (Ausnahme: Biologie).

Trotz all dieser Einschränkungen scheint Napps Studie dennoch ein wichtiger Beitrag zur Debatte über die Bildungskrise der Burschen. Sie lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass Bildungserfolg nicht nur von Fähigkeiten und institutionellen Bedingungen abhängt, sondern auch davon, welche Bedeutung Jugendliche ihrer eigenen Anstrengung beimessen. Und vielleicht trägt sie auch etwas dazu bei, dass die Bezeichnung "Streber" nicht mehr ganz so beleidigend ist, wie er früher einmal war.