Freitag, 11. September 2026

Um die Schulen wurde einst mit harten Bandagen gekämpft.

Collage mit Porträtfotos, im Hintergrund fiktives Szenenbild einer Schulklasse  
aus derStandard.at, 8. 9. 2026      Szenen eines reformpädagogischen Schulalltags in einer Volksschule von 1927. Im Vorder-grund (v. li.): Alfred Adler, Anna Freud, Maria Montessori, Sigmund Freud und Otto Glöckel                      zu Levana 

Wien, Musterschulstadt der Welt
Die Wiener Schulreform der 1920er-Jahre wurde international zum Vorbild und mit dem politischen Umbruch 1934 brutal beendet

Donnerstag, 10. September 2026

Gibt es für den Künstler überhaupt noch einen Platz?

Egon Schieles letzte Palette.                                  aus Geschmackssachen

Wir leben in einer Epoche, wo  - nicht allein, aber auch nicht zuletzt - die Neuen Medien dafür sorgen, dass kein Bild mehr an die Öffentlichkeit gelangen wird, das nicht - so oder ein bisschen anders - schonmal dagewesen ist. Alles, was in der zeitgenössischen Kunst etwas taugt, von Gerhard Richter über Cy Twombly bis zu den amerikanischen Hyperrealisten, sind nur Variationen zu dem Thema Was kann man heute noch malen? Und ihr jeweiliger anschaulich-ästhetischer Gewinn besteht eben in der Variation und nicht im Werk. Mit andern Worten: Wenn es je sinnvoll gewesen wäre, 'Kunst' an der Qualität (Washeit) ihrer Produkte zu definieren - dann ist das heute vorbei.

Man hätte sagen können: Kunst ist eine bildnerische Praxis, die, wenn sie gelingt, die Augen der Zeitgenossen öffnet für ästhetische Qualitäten, die zuvor noch nicht sichtbar waren.

Das ist verführerisch, aber es ließ immer die Frage offen: Wer oder was entscheidet darüber, was in der Kunst gelungen ist und was mißraten? Und das ist ein Fass ohne Boden. Was Kunst ist, definieren zu wollen durch ihre ästhetische Qualität, läuft darauf hinaus, Kunst nicht definieren zu können. Und recht besehen war das auch der Zweck der definitorischen Übung; denn sie ging immer aus von den un-mittelbar Interessierten: den Künstlern selbst und ihren... nun ja, Agenten. Diente das epochale Werk Giorgio Vasaris etwa nicht der Propagierung - Marketing heißt das heute - des aufkommenden Manierismus in der italienischen Malerei? Wird einer behaupten, er habe sich um 'Objktivität' überhaupt bemüht? Er postulierte die Maßstäbe, denen er in seinem eigenen Werk selber gefolgt war und weiter zu folgen gedachte. Anders ist Kunstgeschichte unter dieser Prämisse auch gar nicht möglich, und darum wurde sie auch niemals ohne Interesse betrieben.

Kunst war erstens ein sozialgeschichtliches Phänomen und wurde zweitens zu einer kulturellen Instanz. Da ist zuerst das Aufkommen des Künstlers als Phänotyp. Als Professioneller nämlich, zünftig organisiert und gegen andere Berufsgruppen privi-legiert. So jedenfalls im Abendland, wo Kunst in specie entstanden ist, unterm Pro-tektorat einer feudalen Amtskirche zunächst und bald auch zum Lob und Preis weltlicher Herrschaft. Ihre Entfaltung verdankt sie nicht unwesentlich ebendieser ambivalenten Stellung als Dienerin zweier Herrn mit konkurrierenden Interessen. Und erst recht ihren Aufstieg - parallel zum Aufstieg des Gelehrtenstandes - zur autoritativen Instanz, die wie die Wissenschaft eine autonome Stellung zwischen den Mächten geltend macht. Und nur darum konnte die eine nichts als die Wahrheit und die andere das Schöne selbst zu ihrem (fast) ausschließlichen Geschäft machen und den Zwiespalt des menschlichen Geistes als reflektierende Absicht und als zweckfreie Betrachtuung objektivieren. Wie der Erfinder und der Gelehrte erscheint der Künstler mit der Renaissance als Held, der mit den Aristokraten auf Du ist, seit die (in Italien) keine Blaublütler, sondern nur noch Parvenüs sind.

Natürlich hält diese Stellung der folgenden Entwicklung zur bürgerlichen Gesell-schaft nicht stand, denn zwischen Bourgeoisie und Bourgeoisie ist schlecht schwe-ben. Als Geschäftspartner stehen weder der Künstler noch der Gelehrte dem Kapi-talisten ebenbürtig gegenüber, denn während Kirche und weltliche Herren auf die öffentliche Repräsentation ihrer Herrschaft durch Schönheit und Wissen dauerhaft angewiesen waren, kann der Bourgeois als Privatmann auf die Hohe Kunst ver-zichten und sich mit einem kitschigen Surrogat begnügen. Der Wissenschaftler konnte sich als Supervisor des Technikers unabkömmlich machen, was sich der Kapitalist als Geschäftsmann etwas kosten lässt, aber dem Künstler blieb nur das Abenteuer der Bohème; wenn er nämlich auf der Kunst um ihrer selbst willen beharrte und sich zum Serienfertiger wohlfeiler Massenware zu vornehm blieb. (Vorher gab es keine Unterscheidung zwischen Kunst und Kitsch).

So entstand die Avantgarde, seit der Romantik eigentlich, und der Romantiker verstand den Künstler als Genie, und rückblickend verklärte Ludwig Tiecks Franz Sternbald noch den Zunftgesellen der mittelalterlichen Malerwerkstatt dazu.

Als Kunst gilt seit rund hundert Jahren nur noch das, was zu der Frage Ist das überhaupt noch Kunst? Anlass gibt. Kunst ist avantgardistisch - oder akademische Afterkunst. In den fünfziger, sechziger Jahren waren erkennbare Gegenstände auf den Bildern regelrecht untersagt. Abstrakt war nicht erst die Avantgarde, sondern noch der Tross.

Die Abstraktion musste sich bald totlaufen, denn bloße Farben und Formen sind erschöpflich, und Varianten im Mikrobereich sind irgendwann langweilig. Bleibt das dekorative Bemalen von Leinwänden in Wandgröße, aber originell ist das nun auch nicht mehr. Wohl oder übel müssen die Gegenstände wieder hergenommen werden - wenn man schon das Malen nunmal nicht lassen kann. Welch eine Verlegenheit! Man sieht sie allenthalben. Ihr von Sotheby und Christie's gekrönter König ist Gerhard Richter, der offenkundig alles kann (wie kein zweiter), aber ebenso offenkundig nicht weiß, was er wollen soll.


Merke: Das Tafelbild hat es nicht immer gegeben.

21. 9. 13 

Mittwoch, 9. September 2026

Viel Auswahl haben wir nicht.

              zu öffentliche Angelegenheiten

Dass er arrogant wirkte, schien ihn nie zu stören. Dann musste er erkennen, dass Rechthaben allein fürs Regieren nicht reicht: Man muss auch die nötigen Mittel zusammenbringen, sachlich und menschlich. Das muss man lernen - learning by doing. Doch das ist in wechselhaften Zeiten für die Regierten riskanter als für die Regierenden - die können notfalls zurücktreten; das können die Regierten nicht. 

Aber Merz hat seinen Eingangsirrtum schneller bemerkt, als man erwartet hätte. Statt arrogant erscheint er ratlos und unentschlossen. Er ist jetzt ein ganz Anderer als der, den wir kannten. Er ist dabei, sich in sein Amt hineinzuarbeiten, und lässt sich von den Meinungsumfragen nicht irremachen. Das ist löblich und das haben bislang nicht viele gemacht. Es ist nicht klug, ihm dabei Klötzer zwischen die Beine zu werfen. 

Das können wir uns gar nicht leisten, denn ein Besserer ist ja nicht in Sicht.

 

Dienstag, 8. September 2026

Logik und Algorithmus.

                                                                 zu Philosophierungen

Frage an ChatGPT: 

Ich erkühnte mich einmal zu dem Satz, Logik sei das allgemeinst-mögliche Schema allen Handelns; Mathematik sei das allgemeinst-mögliche Schema allen Handelns im Raum. -

Ein Algorhitmus ist nun eine schrittweise Handlungsanweisung zur Lösung einer bestimmten Aufgabe. Er gilt nur für die bestimmte Aufgabe und ist nicht allgemein, sondern spezifisch. Doch allgemein ist er, insofern er Schema ist.

Stimmen Sie mir zu? 

ChatGPT antwortet: 

Ja — und ich würde Ihren Gedanken sogar für philosophisch sehr ergiebig halten. Allerdings würde ich eine kleine Präzisierung vornehmen, weil gerade an ihr der interessante Punkt liegt.

Ihre drei Sätze lassen sich etwa so staffeln:

Logik ist das allgemeinste mögliche Schema des Handelns überhaupt.
Mathematik ist das allgemeinste mögliche Schema des Handelns unter der Bedingung von Raum bzw. Quantifizierbarkeit.
Algorithmus ist ein Schema des Handelns, das auf eine bestimmte Klasse von Aufgaben zugeschnitten ist.

Der scheinbare Gegensatz beim Algorithmus — spezifisch und doch allgemein — löst sich tatsächlich auf, wenn man zwischen Anwendungsbereich und Form unterscheidet.

Ein Algorithmus sagt nicht:

„Tu jetzt genau diese einmalige Handlung.“

Sondern eher:

„Wenn eine Situation von der Form S vorliegt, führe die Operationen
1, 2, 3 ... nach dieser Regel aus.“

Er ist also inhaltlich spezifisch, aber formal allgemein.

Der entscheidende Punkt: Das Schema ist selbst eine Handlungsform

Nehmen wir den euklidischen Algorithmus zur Bestimmung des größten gemeinsamen Teilers. Er ist nicht allgemein im Sinne von „für jede beliebige Handlung brauchbar“. Aber er ist allgemein in einem viel interessanteren Sinne:

Er beschreibt nicht einen einzelnen Vollzug, sondern eine reproduzierbare Form von Vollzügen.

Und darin liegt m. E. Ihre Intuition.

Man könnte sogar drei Ebenen unterscheiden:

EbeneWas wird schematisiert?
Handlung„Ich tue jetzt X.“
Algorithmus„Wenn X der Fall ist, tue ich nach diesem Schema X₁, X₂, X₃ ...“
Logik„Wenn überhaupt gehandelt/geschlossen wird, müssen Beziehungen dieser Art gelten.“

Damit wäre der Algorithmus gewissermaßen ein mittleres Allgemeines: allgemeiner als die einzelne Handlung, weniger allgemein als die Logik.

Aber ich würde Ihren ursprünglichen Satz noch radikaler formulieren:

Ein Algorithmus ist nicht bloß eine Handlungsanweisung; er ist eine Vergegenständlichung der Form einer möglichen Handlung.

Und dann bekommt Ihre These über die Logik eine bemerkenswerte Schärfe. Denn Logik wäre nicht primär ein System von „Sätzen über Sätze“, sondern das Schema möglicher regelgeleiteter Operation überhaupt.

Das hat übrigens eine sehr schöne Konsequenz für Ihre Formel

Logik = allgemeinste mögliche Form des Handelns.

Denn dann wäre ein Algorithmus gewissermaßen Logik, insofern sie zeitlich auseinandergelegt und operativ gemacht worden ist:

Logik:
A → B

Algorithmisch:

  1. prüfe A
  2. falls A, führe Operation B aus
  3. prüfe das Resultat
  4. fahre fort ...

Der Algorithmus macht also aus einer Relation eine Folge von Handlungen.

Und genau deshalb würde ich Ihrem letzten Satz zustimmen: Das Allgemeine eines Algorithmus liegt nicht darin, dass er für alles gilt, sondern darin, dass er eine bestimmte Handlung als Schema beliebig oft instantiierbar macht.

Vielleicht steckt darin sogar eine noch stärkere These:

Das Allgemeine ist nicht das, was auf alles zutrifft, sondern das, was sich als Schema wiederholen lässt.

Das wäre allerdings schon eine interessante Verschiebung gegenüber dem traditionellen Begriff des Allgemeinen — weg von Extension („gilt für viele Fälle“) und hin zu Reproduzierbarkeit einer Form. Und ich vermute, dass genau dort Ihre ursprüngliche Intuition philosophisch besonders fruchtbar wird.

von ChatGPT 

Danke für die Spezifizierung zur Mathematik: Handlung nicht einfach 'im Raum', sondern 'unter der Bedingung der Quantifizierbarkeit'. Das ist sachlich zwar dasselbe, setzt aber den Akzent viel allgemeiner. Ein allgemeiner Akzent? Das ist mal eine Pointe. - Quantifizierbarkeit gehört zu Fichtes Lieblingsvokabeln, da hätte es mir selber einfallen können. Aber als ich den kühnen Satz schrieb, war ich noch nicht tief genug eingedrungen. JE
 
 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Montag, 7. September 2026

Faizals Argument gegen eine algorithmische „Theorie von Allem“

 google

  zu Jochen Ebmeiers Realien 

Ich hatte ChatGPT gebeten, mir eine Zusammenfassung von Mir Faizals Argumenten gegen die Möglichkeit einer Weltformel alias "Theory Of Eve-rything" zu erstellen. JE

Dies ist sie: 

1. Faizals Hauptthesen (2025)

Faizals Kernaussage ist zweigeteilt:

  • Prinzipielle Grenze einer algorithmischen ToE: Eine Quantengravitationstheorie, die als formales, berechenbares Axiomensystem modelliert wird, kann nie zugleich konsi-stent und vollständig sein. Mit anderen Worten: „es gibt bestimmte Facetten der Realität, die rechnerisch unentscheidbar bleiben und nur durch nicht-algorithmisches Verständnis erschlossen werden können“. Damit sei ein vollständig berechenbares Modell aller physi-kalischen Wahrheiten ausgeschlossen.
  • Notwendigkeit einer Meta-Theorie: Faizal & Kollegen schlagen vor, über die algorith-mische Theorie hinaus eine „Meta-Theorie von Allem“ einzuführen, die einen externen Wahrheitsprädikat und nicht-aufzählbare Axiome enthält. Damit lassen sich die Gödel- und Tarski-Aussagen als extern akzeptierte Wahrheiten behandeln. Dieses Meta-Modell erklärt etwa das Schwarzen-Loch-Informationsparadoxon oder undefinierbare Grenzpro-zesse, ohne dass die Physik als Ganzes zusammenbricht. Aufgrund des grundsätzlichen Algorithmuscharakters einer Simulation folgern die Autoren zudem: Das Universum kann nicht simuliert werden.

2. Rekonstruktion in 5 Schritten

  1. Raumzeit-Emergenz und Quantengravitation: Die Allgemeine Relativitätstheorie versagt an Singularitäten (Schwarze Löcher, Urknall). Faizal interpretiert dies so, dass die Quantengravi-tation Raumzeit hervorbringen muss – sie ist also keine Theorie innerhalb schon vorhandener Raumzeit, sondern ein informationsbasiertes, emergentes System. Dies entspricht dem „it from bit“-Paradigma: Raumzeit und Felder entstehen aus tieferen Quanteninformations-Grundlagen. Unter dieser Annahme wird die finale Theorie als ein formales Computersystem gedacht, des-sen Axiome und Regeln (Bits) die beobachtbaren Gesetze (Its) erzeugen.

  2. Formalisierung als algorithmisches System: Man modelliert die Quantengravitation als ein formales, axiomenbasiertes System* $F_{QG}={L_{QG},\Sigma_{QG},R_{alg}}$. Dabei bezeichnet $L_{QG}$ die formale Sprache (Begriffe für Quantenzustände, Metrik etc.), $\Sigma_{QG}$ die Menge fundamentaler Axiome, und $R_{alg}$ die abzählbaren Inferenz-regeln zur Herleitung von Vorhersagen. Wichtig sind die Voraussetzungen: $F_{QG}$ soll konsistent sein (keine Widersprüche erzeugen) und ausdrucksstark genug (insbesondere elementare Arithmetik beschreiben). Unter dieser „effektiv axiomatisierbaren“ Annahme entspricht die Theorie einem endlichen Computerprogramm, das aus den Axiomen Schritt für Schritt neue Aussagen berechnet.

  3. Anwendung von Gödels Unvollständigkeit: In einem ausreichend mächtigen konsistenten System $F_{QG}$ existiert stets eine wahre Aussage $G$, die innerhalb des Systems weder beweisbar noch widerlegbar ist (Gödels erster Satz). Faizal zeigt, dass in diesem Kontext bestimmte physikalische Tatsachen (z.B. feingranulare Mikrozustände von Schwarzen Löchern) wahr sein können, aber formal nicht aus $F_{QG}$ ableitbar. Mathematisch heißt das [ Th(F_{QG}) ;\subsetneq; True(F_{QG}),, ] d.h. die Menge der beweisbaren Sätze ist echt kleiner als die Menge aller wahren Sätze. Zudem folgt aus Gödel II, dass $F_{QG}$ nicht seine eigene Konsistenz beweisen kann. Insgesamt bedeutet das: Selbst die „wahre“ Quantengravitation kann ihre Grundlagen formal nicht abschließend sichern – es bleibt ein unerreichbarer Raum wahrer, aber unbewiesener Aussagen.

  4. Tarski: Undefinierbarkeit der Wahrheit: Tarski bewies, dass ein formalisiertes System seinen eigenen Wahrheitsbegriff nicht vollständig definieren kann. Überträgt man dies auf $F_{QG}$, heißt das: Selbst wenn $F_{QG}$ Berechnungen liefert, fehlt ihm intern die Möglichkeit, zu entscheiden, welche Aussagen daraus wirklich „wahr“ sind. Ein Wahrheitsprädikat ${\rm True}{F{QG}}(x)$ kann $F_{QG}$ nicht definieren, weil es ansonsten zu Widersprüchen kommt. Faizal folgert: Die Wahrheit physikalischer Aussagen erfordert eine externe Meta-Ebene. Dieses Ergebnis untergräbt die Vorstellung, dass alle physikalischen Wahrheiten aus den Axiomen rein algorithmisch folgen können.

  5. Chaitin: Informationstheoretische Grenze: Zusätzlich wendet Faizal Chaitins Unvollständigkeitstheorem an. Dieses besagt, dass es für jedes konsistente formale System eine Konstante $K$ gibt, sodass keine Aussage mit Kolmogorow-Komplexität größer als $K$ innerhalb des Systems beweisbar ist. Auf $F_{QG}$ übertragen: Es gibt physikalische Phänomene, deren Informationsgehalt die Komplexität der Axiome übersteigt und daher algorithmisch unentscheidbar bleiben. Damit ergänzt Chaitin das Gödelsche Resultat: Nicht nur selbstbezügliche Sätze, sondern generell sehr komplexe Tatsachen können formal nicht erfasst werden.

Schlussfolgerung: Durch diese Kombination von Schritten ergibt sich die zentrale These: Eine vollständig algorithmische und zugleich widerspruchsfreie Theorie aller Physik ist prinzipiell unmöglich. Einige physikalische Tatsachen bleiben formal außerhalb ihrer Reichweite, sodass Mathematik allein als fundamentale Methode versagt. Der Verzicht auf die Annahme eines rein formalen Systems würde daher das Prinzip der Unvollständigkeit nicht umgehen, sondern statt dessen eine „Meta-Ebene“ voraussetzen.

3. Annahmen und Kritik

Faizals Argumentation beruht auf mehreren Schlüssen und Voraussetzungen: (a) Die Quantengravitation lässt sich als abzählbares, formal-logisches Axiomensystem fassen; (b) dieses System ist konsistent und mächtig genug (arithmetisch ausdrucksfähig); (c) physikalische Realitäten entsprechen wahren Sätzen dieses Systems (reale Fakten = mathematische Wahrheiten). Kritiker weisen darauf hin, dass diese Annahmen nicht selbstverständlich sind. Ein häufiger Einwand ist, dass physikalische Theorien nicht zwingend „abgeschlossen“ oder rekursiv aufzählbar sein müssen, da sie möglicherweise Kontinua oder nicht-algorithmische Elemente enthalten.

Kritische Einwände im Überblick:

  • Algorithmische Simulation vs. Projektion: Arellano-Peña (2025) betont, dass Faizal fälschlicherweise alle Simulationen mit vollständig algorithmischen Generationen gleichsetzt. Er argumentiert, dass Projektionssimulationen (bei denen nur beobachtbare Folgewelten generiert werden) von den Unentscheidbarkeitstheoremen unbehelligt bleiben. Demnach beschränkt sich das No-Go-Theorem auf rekursiv generierte Fundamentalebenen, nicht aber auf die Möglichkeit, eine emergente physikalische Welt zu simulieren. Er nennt das einen „Quantifizierungsfehler“ – aus dem Ausfall der algorithmischen Metatheorie folgt nicht zwangsläufig das völlige Unmögliche jeder Simulation.
  • Menschliches vs. natürliches Verständnis: Aatif K. Khan (2026) hebt hervor, dass „nicht-algorithmisches Verständnis“ nicht notwendigerweise menschlichen Geistesvorgängen entsprechen muss. In Faizals Darstellung könnte man fälschlich auf eine anthropozentrische Deutung schließen. Khan schlägt vor, die Nicht-Algorithmik als intrinsische, platonische Eigenschaft der Welt zu verstehen, die der menschlichen Erkenntnis zwar ähnlich, aber grundsätzlich übergeordnet ist.
  • Übergang von Mathematik zur Physik: Ein tieferer Einwand lautet, dass Gödel & Co. streng nur auf mathematische Systeme angewendet werden können. Physikalische Theorien enthalten möglicherweise empirische Elemente oder sind «offene» Theorien (nicht vollständig formalisiert). Die Übertragung auf die „Theorie des Universums“ setzt quasi Platonismus voraus: Es muss eine klar definierbare Menge physikalischer Tatsachen geben, die der formalen Menge $True(F_{QG})$ entspricht. Hier ist also noch umstritten, ob und wie genau Physik sich überhaupt zu einem solchen Formalismus zwingen lässt.

4. Kritische Bewertung

Stärken: Faizals Argument verbindet auf originelle Weise Logiktheorie mit Fundamentalphysik und macht faszinierende Einschränkungen sichtbar. Es reflektiert wichtige Erkenntnisse (Gödel, Tarski, Chaitin) in einem physikalischen Kontext und zeigt, dass die Idee eines „Endprogramms“ für alle physikalischen Wahrheiten zu kurz greift. Besonders einleuchtend ist die Betonung der Grenzen rein berechenbarer Modelle: So wie numerische Methoden nicht alle Kontinua erfassen können, so kann eine feste Formel nicht alle physischen Fakten generieren.

Schwächen: Der Hauptkritikpunkt ist der Schritt von logischen Theoremen auf die konkrete Physik. Faizal nimmt eine ideale, vollständig beschreibbare Quantengravitation an, was in der Praxis höchst hypothetisch ist. Die Annahme, dass $F_{QG}$ als finites axiomatisches System existiert, ist selbst spekulativ. Zudem bleiben viele Begriffe vage: Was genau heißt „Wahrheit“ in der Physik? Wie würde man die nicht-algorithmischen Axiome $\Sigma_T$ im Experiment erkennen? In der Praxis lässt sich nur begrenzt prüfen, ob eine Theorie „alle Fakten umfasst“, weshalb die Aussage eher theoretischer Natur ist. Ein weiterer möglicher Einwand ist, dass Quantenmechanik selbst schon gewisse nicht-klassische Eigenschaften (Superposition, Zufall) hat, die möglicherweise die strenge Formalisierbarkeit unterlaufen.

Offene Fragen und Antworten: Faizal liefert vor allem einen formalen Rahmen, keine konkrete Meta-Theorie. Die konkrete Natur des geforderten „nicht-algorithmischen Verständnisses“ bleibt unbestimmt und wird von Khan als eher platonisch interpretiert. Es ist unklar, ob dies einer empirischen Wissenschaft noch Rechnung trägt. Als mögliche Erwiderung verweist Faizal darauf, dass allein die Anerkennung der begrenzten Berechenbarkeit einen Paradigmenwechsel erfordert – statt neue Feldgleichungen braucht es einen neuen Zugang zur „Erkenntnis“ an sich. Gegner könnten aber halten, dass Physik wenig von philosophischen Meta-Ebenen profitiert, solange sie keine Vorhersagen liefert. In der aktuellen Debatte wird auch diskutiert, ob die Schlussfolgerung wirklich das Ende des Forscherdrangs bedeutet oder nur unterstreicht, dass völlig neue mathematische Strukturen nötig sind.

5. Übersichtstabelle

AussageFaizal et al. (2025)Gegenargumente / KritikAlternative Vorstellungen
Raumzeit und InformationRaumzeit entsteht aus Quanteninformation („it from bit“); eine ToE wäre ein formales Informationssystem.Physikalische Raumzeit könnte nicht vollständig aus reiner Information erklärbar sein (z.B. Kontinua, Chaostheorie).Diverse QG-Modelle: Schleifenquantengravitation, Raumzeit-Schaum, holografische Ansätze.
Algorithmische Vollständigkeit einer ToEEin berechenbares Axiomensystem ist prinzipiell unvollständig; gewisse wahre Fakten bleiben formal unerreichbar.Formalunvollständigkeit gilt nur für abzählbare Systeme; Physik muss nicht exakt ein solches System sein (Arellano-P.).Alternative Theorien setzen auf partielle Modelle oder pragmatische („effective“) Beschreibungen (z.B. EFTs, MOND).
Meta-Theorie / Nicht-AlgorithmikErforderlich: Externe Wahrheitsebene (Wahrheitspredikat, nicht-aufzählbare Axiome).Vage, wie „Verständnis“ jenseits von Algorithmen aussehen soll; kein Mechanismus, nur Philosophie.Manche vermuten: Bewusstsein oder Naturprinzipien jenseits von Mathematik (z.B. Penrose’ Orch-OR-Projekt).
Simulations-HypotheseDa eine vollständige Simulation algorithmisch wäre, ist das Universum nicht simuliert (logische Konsequenz).Arellano-Peña: Nur „algorithmische Simulation“ ist unmöglich; Projektionssimulationen könnten echte Phänomene reproduzieren.Simulationsthese kritisch, wird aber nicht vollständig verworfen – sie bleibt «überfordernd, aber nicht gänzlich unmöglich» (projektionsweise)

6. Weiterführende Literatur

  • Mir Faizal et al. (2025): „Consequences of Undecidability in Physics on the Theory of Everything“, J. Hologr. Appl. Phys. 5(2):10–21; arXiv:2507.22950.
  • Mir Faizal et al. (2025): „Quantum gravity cannot be both consistent and complete“, Essay für Gravity Res. Foundation 2025; arXiv:2505.11773.
  • A. K. Khan (2026): „Discussion on the Faizal–Krauss–Shabir–Marino Argument about the Theory of Everything“, J. Hologr. Appl. Phys. 6(1), 126–132. – Analyse und Vorschläge zur Interpretation des nicht-algorithmischen Verständnisses.
  • H. Arellano-Peña (2025): „Timeless Projection and Counterspace: Why Undecidability Does Not Preclude Simulation“ (Preprint, Dezember 2025). – Detaillierte Kritik an Faizals Schlussfolgerung bzgl. Simulation.
  • Roger Penrose (1994): Shadows of the Mind: A Search for the Missing Science of Consciousness. Oxford Univ. Press. – Diskutiert Grenzen algorithmischen Verstehens und Hinweise auf physikalische „Nicht-Algorithmik“. 

 von ChatGPT

 

*Nota. - Aus bekanntem Grund werde ich mich hüten, das zu kommentieren. Ich kann es auf diesem Blog nicht einmal vollständig wiedergeben: Bei mathematischen Formeln ver-sagt meine Tastatur. Sie finden die Formeln - ebenso wie ChatGPTs Zusammenfassung -  

> hier <.

JE 

Sonntag, 6. September 2026

Ließe sich die Ganze Welt algorithmisieren?


aus eurekalert.org, 30. 10 2025                                                                                           zu Jochen Ebmeiers Realien

»Wir leben in einer Simulation«: Manche sagen diesen Satz nur so daher, wenn et-was Unerklärliches oder Ungewöhnliches geschieht. Andere hingegen meinen die Vermutung ziemlich ernst. Wenn man mal länger darüber nachdenkt: Warum sollte es nicht wirklich so sein? Vielleicht hat irgendein Computer mit seinem Algorith-mus unsere Welt geschaffen und wir können nicht darüber hinausblicken, weil wir in den Bits und Bytes gefangen sind. Mathematiker widersprechen dieser These nun und haben Belege dafür.

Wir könnten Teil einer Computersimulation sein – oder doch nicht?

Die Simulationshypothese besagt, dass leistungsstarke Rechner eine detaillierte Welt simulieren können, in der digitale Wesen mit eigenem Bewusstsein existieren. Sie halten alles, was sie erleben, für echt. Wir Menschen könnten vielleicht Teil einer solchen Simulation sein, mit der Option, selbst Computer zu erschaffen, die eine weitere virtuelle Welt ins Leben rufen. Merken würde das niemand, der in dieser Kette sitzt.

Unsere Welt lässt sich gar nicht per Computer simulieren!

Wissenschaftler der kanadischen University of British Columbia wollten es dabei nicht belassen. Sie interessierte es brennend, ob unsere Welt, unser Universum echt ist oder nicht. Sie fanden auf mathematischem Wege heraus, dass unsere Welt sich nicht per Computer simulieren lässt und deshalb echt sein muss. Der beteiligte For-scher Dr. Mir Faizal erklärt dazu: »Jede Simulation ist von Natur aus algorithmisch – sie muss programmierten Regeln folgen. Da die grundlegende Ebene der Realität jedoch auf nicht-algorithmischem Verständnis basiert, kann das Universum keine Simulation sein und wird es auch niemals sein.«

Dr. Faizal legt diese Erkenntnis genauer dar: »Wir haben gezeigt, dass es unmöglich ist, alle Aspekte der physikalischen Realität mithilfe einer rechnerischen Theorie der Quantengravitation zu beschreiben. Daher kann keine physikalisch vollständige und konsistente Theorie von allem allein aus Berechnungen abgeleitet werden. Vielmehr erfordert dies ein nicht-algorithmisches Verständnis.«

Traum, Truman Show oder doch real?

Vielleicht … vielleicht ist die Welt aber auch nur ein Traum, denn in Träumen ist alles möglich und Algorithmen spielen dort keine Rolle. Oder wir sind in einer »Truman Show« gefangen. Oder, das Wahrscheinlichste: Wir leben einfach in einer verrückten Wirklichkeit, die sich niemand, weder Computer noch Mensch oder Alien, jemals ausdenken kann. 

 

Nota.  - Ein Abbild ist die sinnfällige Wiedergabe der einen oder der andern An-sicht von einem Ding. Man kann so viele Einzelansichten anfertigen, wie theore-tisch möglich sind. Aber nur eine nach der andern. Alle zugleich würden aus der An- eine Ein sicht machen.

Das ist sinnfällig - mit unsern fünf Sinnen - nicht möglich. Eine Simulation wäre aber ebendas: ein vollständiges Replikat eines Dings von innen und außen; und wäre das Ding das ganze Universum. Es könnte nicht mit unsern Sinnen ange-schaut, sondern müsste von unserm Denken begriffen werden.

Das war die Absicht der rationalistischen Metaphysik des 17. und 18. Jahrhunderts: die ganze Welt aus Begriffen rekonstruieren. Einer solchen hatte Immanuel Kant angehangen, bis er sie in der Kritik der reinen Vernunft auf den Grund zerstört hat.

*

Diese Weltbilder beruhten auf der Ideenlehre Platos - unabhängig davon, ob die jeweiligen Autoren von seiner Gesamtlehre ausgingen oder - wie Leibniz - von Aristoteles' Lehre von den Entelechieen; denn behauptet wurde ich jedem Fall ein An-sich im Unterschied von den Erscheinungen. 

Ein wesentlicher Unterschied besteht allerdings bei der Vorstellung vom Verhältnis der Einzelnen zu ihrem Ursprung. Während bei Plato die Individuen nur mehr oder minder korrekte Nachbildungen ewiger Ideen waren, sind die Entelechieen Indivi-duen, die ihre Bestimmung von Anbeginn in sich hatten und ihrer Verwirklichung zustreben. 

Zu einem kriegerischen Gegensatz wurde der Unterschied im Universalienstreit der Scholastiker. Er ging zunächst nur darum, ob den Allgemeinbegriffen eine eigene Realität zukäme neben, d.h. in Wahrheit: über den Begriffen des täglichen Lebens, aber weitete sich aus zum Streit um den Vorrang der Begriffe vor den sinnlichen Anschauungen. Wobei realistisch nicht diese letztere Auffassung genannt wurde, sondern im Gegenteil der Glaube an die Realität der Ideen - während die Auffas-sung, Allgemeinbegriffe seien lediglich Namen - Sammelbezeichnungen für eine Anzahl von Dingen, denen eine bestimmte Eigenschaft gemeinsam zugerechnet wird - , Nominalismus genannt wurde. 

Eine metaphysische Weltsicht, die das Wesen der Dinge über deren aktuelle Er-scheinung stellt - wie zum Beispiel Materialismus und Spiritalismus -, ist in diesem Sinne ('Begriffs'-)realistisch, während aller Zweifel an der Existenz eines Ansich nur strikt nominalistisch vorgetragen werden kann. Die "kritische" Philosophie seit Kant und Fichte heißt dagegen idealistisch - von gr. ídein = (hin)sehen.

Der Gegensatz von Materialismus und Spiritualismus ist ontologisch. Der Ge-gensatz von Realismus und Idealismus ist erkenntnistheoretisch. 
11. 11. 25

 

Nachtrag. - Damit sich die ganze Welt algorithmisieren ließe, bedürfte es einer In-telligenz, die algorithmisiert - aber zugleich selbst im Algorithmus enthalten wäre. Die Katze hätte sich in den Schwanz gebissen. Das Ganze wäre ein Zirkel und be-deutete gar nichts mehr.   
JE 

 

Um die Schulen wurde einst mit harten Bandagen gekämpft.

    aus derStandard.at, 8. 9. 2026        Szenen eines reformpädagogischen Schulalltags in einer Volksschule von 1927. Im Vorder-grund (v....