zuöffentliche Angelegenheiten aus derStandard.at, 11. 9. 2026 Moderne Robotik im Kraftwerksbetrieb, hier bei Wien Energie.
Zukunftstechnologie
"Die heikle Phase der KI-Revolution ist genau jetzt"
Die technologische und wirtschaftliche Abhängigkeit Europas von den USA und China scheint erdrückend. Doch selbst beim Thema KI könnte Europa noch eine Chance haben
von Martin Stepanek
Europa hat ein veritables Problem. Nicht nur scheint das Rennen bei den KI-basierten Sprachmodellen von ChatGPT über Gemini bis Claude bereits zugunsten der US-Konzerne entschieden. Auch bei der für KI-Anwendungen notwendigen elaborierten Hardware wie Chips und Speicher liegt die Wertschöpfung woanders. "Von 1000 ausgegebenen Euros für besonders leistungsfähige Chips fließen derzeit 900 Euro ins EU-Ausland", rechnet der Halbleiter-Experte und Innovationsstratege Jo De Boeck vom belgischen Forschungszentrum Imec vor.
Fehlende Wertschöpfung
Genau diese Wertschöpfung fehle Europa aber schmerzlich, um in Forschung, Innovation und weitere Infrastruktur zu investieren, sagte er am ersten Tag der Technology Days Austria im Wiener Museumsquartier am Donnerstag. Denn Europa sei in der Halbleiterindustrie zwar traditionell stark vertreten. Die aktuell für KI eingesetzten Chips würden derzeit allerdings woanders entwickelt und produziert. Dabei wäre das Potenzial gigantisch. Wachstumsraten von bis zu 28 Prozent in diesem Bereich seien selbst für ihn, der seit 40 Jahren in der Chip- und Halbleiterindustrie beschäftigt sei, erstaunlich, sagte De Boeck auf der vom Austrian Institute of Technology (AIT) veranstalteten Konferenz.
Dass die EU bis 2035 ihre Datenzentren-Kapazitäten verdreifachen wolle, zeige, dass man die Dringlichkeit verstanden habe. Die nackten Investitionszahlen in technische Infrastruktur bleiben dennoch alarmierend. So gaben die USA in den vergangenen Jahren De Boeck zufolge 471 Milliarden Dollar aus, China investierte 119 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: einzelne europäische Länder wie Deutschland und Frankreich investierten gerade einmal 13 und 11 Milliarden Dollar. Um irgendwie mithalten zu können, müsse Europa gemeinsam investieren, fordert De Boeck.
"Vor industriellen Revolutionen und danach läuft das Leben in halbwegs geordneten Bahnen. Die Mitte ist die heikle Phase, die besonders problematisch ist. Und das ist genau jetzt", erklärte De Boeck. Der Innovationsforscher warnte davor, dass Europa den Kopf in den Sand steckt. Zwar sei das Rennen im Bereich Large-Language-Models wohl tatsächlich bereits gelaufen. Wirklich spannend seien aber die nächsten Schritte. Denn KI wandere aus der Cloud und somit den großen Datenzentren künftig in Geräte, die wir in der physischen Welt tagtäglich benutzen.
Als Beispiele nannte der Imec-Forschungsleiter diverse medizinische Geräte, aber auch Autos und andere Fahrzeuge, etwa im landwirtschaftlichen Bereich. "Wenn man 100 km/h mit einem Auto oder auch 50 km/h mit einem Traktor fährt, kann man sich nicht auf die Cloud verlassen. Die KI muss vor Ort operieren, sie muss extrem energieeffizient sein, und benötigt eine Vielzahl von Sensoren, um die Umgebung zu sehen, hören und vielleicht auch zu riechen", sagte De Boeck.
Chance für Europa
Viele dieser Sensoren über Halbleitertechnologien zu realisieren, sei sehr herausfordernd. Europa verfüge in diesem Bereich jedoch über viel Innovation und könne auch global gesehen stark punkten. Das gelte auch für neu gedachte Chiparchitekturen und Algorithmen. Auch hier seien viele Probleme noch längst nicht gelöst, sprich das Rennen nicht gelaufen. "Aktuell werden Algorithmen um die Systeme von gestern entwickelt. Die Chips von morgen werden aber optimiert für all die neuen Anforderungen sein, die KI mit sich bringt", ist De Boeck überzeugt.
Europa verfüge über ein exzellentes Bildungssystem, auch die Forschung an Universitäten und in der Industrie sei hervorragend aufgestellt. Und: Mit 450 Millionen Menschen in Europa, die heute schon KI nutzen, gebe es auch einen großen heimischen Markt, den man bedienen könne. Damit das funktioniere, müsse Europa aber zusammenrücken und statt 27 nationalen Strategien eine gemeinsame Linie finden, sagte der Halbleiter-Experte. Dazu zähle etwa ein orchestriertes europäisches Chiplet-Ökosystem. Chiplets sind winzige Chipbauteile, die bestimmte Funktionen abdecken und modular zusammengesetzt werden können – je nach Einsatzbereich und speziellen Aufgaben, die ein Gerät erfüllen muss.
Wie Europa seine technologische und wirtschaftliche Souveränität zurückerobern und sicherstellen kann, war ein roter Faden, der sich durch den ganzen ersten Tag der diesjährigen Technology Talks Austria zog. "Alle Forschungserfolge und Innovationen sind verloren, wenn wir sie nicht auf den Markt bringen können", sagte Marie-Hélène Ametsreiter vom Venture-Capital-Fonds Speedinvest. Zwar seien im Vorjahr bereits 20.000 neue Start-ups in Europa gegründet worden – am Ende fehle aber das Kapital, um diese zu skalieren und wachsen zu lassen. Viele seien gezwungen abzuwandern oder würden schlichtweg aus kapitalstärkeren Märkten wie den USA aufgekauft.
Geparktes Geld
Dabei verfüge auch Europa über genügend Kapital, ist Ametsreiter überzeugt. "In europäischen Haushalten liegen zehn Billionen, also 10.000 Milliarden Euro passiv als Ersparnisse herum. Wenn ein Teil davon in Fonds fließen würden oder auch Pension-Fonds in Risikokapital investieren dürften – mit entsprechenden Anreizen und Garantien auf staatlicher Ebene – würde das die Situation völlig verändern", sagte Ametsreiter. Abseits von Kapital bräuchten Start-ups zum Skalieren aber auch renommierte Kunden, um weitere Investoren anzulocken. Öffentliche Institutionen könnten hier eine entscheidende Rolle spielen, regte sie an.
Bei der aktuellen Bundesregierung kann man dem Vorschlag einiges abgewinnen. Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) verwies auf das Beschaffungsvolumen staatsnaher Institutionen und Betriebe von 67 Milliarden Euro in Österreich. Die Vergabe von Aufträgen müsse künftig stärker auf Innovation und Wertschöpfung aus Österreich und Europa ausgerichtet sein. Eine entsprechende Richtlinie werde gerade über alle Ministerien hinweg ausgearbeitet, teilte Hanke auf STANDARD-Nachfrage mit. Ungeachtet von Vergabekriterien, die teilweise auf EU-Ebene geregelt sind, habe man diesbezüglich jedenfalls einen Spielraum, den man nutzen wolle.
Bei der Frage, wie und ob das geplante Rechenzentrum des US-Konzerns Google im oberösterreichischen Kronstorf tatsächlich die vielbeschworene europäische Souveränität und Resilienz stärkt, blieben die österreichischen Regierungsvertreter ausweichend. Es ist nicht zuletzt auch deswegen umstritten, weil es enorme Mengen an Energie und Kühlwasser benötigen wird. Hanke erklärte, bei der Wahl solcher Standorte müsse künftig selbstverständlich die österreichische und europäische Perspektive stärker berücksichtigt werden. ...
Die Union ist Angela Merkel 2015 in den Rücken gefallen. Wenn sie es jetzt bei Merz wieder tut, wird es das letzte Mal gewesen sein, dass sie dazu die Gelegenheit hatte.
Wie sich bei Geparden durch Machtgewinn der Körper verwandelt
Jene Männchen, die sich im Kampf um ein Territorium durchsetzen, werden auch körperlich stärker und aggressiver. Dafür gibt es nun eine epigenetische Erklärung
von Klaus Taschwer
Manche männliche Geparde machen im Laufe ihres Lebens Karriere – und dabei eine erstaunliche körperliche Veränderung durch. Die schnellsten Landtiere des Planeten beginnen ihr Erwachsenenleben als sogenannte "Floater" – heimatlose Streuner, die allein oder mit ihren Brüdern durch riesige Gebiete im südlichen Afrika ziehen. Doch einige von ihnen schaffen später den Aufstieg in die Elite: Sie erobern ein eigenes Territorium und werden zu Revierbesitzern.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur der soziale Statuswechsel. Innerhalb weniger Monate verändern sich die Tiere auch körperlich und in ihrem Verhalten. Sie werden schwerer, kräftiger, aggressiver und beschränken ihre Streifzüge auf ein vergleichsweise kleines Gebiet rund um markante Bäume, die als Kommunikationszentren der Gepardengesellschaft dienen. Doch wie ist es möglich, dass es in kurzer Zeit zu einem derart starken Veränderungsprozess kommt?
Ein interdisziplinäres Team um Alexandra Weyrich und Bettina Wachter (Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, IZW, in Berlin) gehen in einer neuen Studie davon aus, dass hinter dieser Verwandlung ein Mechanismus steckt, der in der Biologie seit Beginn dieses Jahrhunderts für Aufsehen sorgt: die Epigenetik.
Mehr als Mutation und Selektion
Die neuen Erkenntnisse, die am Montag im Fachblatt Molecular Ecology erschienen, sind auch deshalb interessant, weil Geparden eine außergewöhnlich geringe genetische Vielfalt aufweist. Fachleute sehen darin seit Langem ein Risiko, denn genetische Unterschiede gelten als Voraussetzung für Anpassung. Fehlen sie, sinken die Chancen, auf neue Krankheiten, Klimaveränderungen oder andere Umweltbedingungen zu "reagieren", indem sich geeignetere Mutationsträger durchsetzen und vermehren.
Doch die Evolution verfügt offenbar über mehr Werkzeuge als nur Mutationen und natürliche Selektion, weshalb Fachleute seit vielen Jahren argumentieren, epigenetische Mechanismen in einer erweiterten Evolutionstheorie zu berücksichtigen. Die Epigenetik untersucht chemische Markierungen auf der DNA, die beeinflussen, welche Gene aktiv sind und welche nicht. Die genetische Information selbst bleibt unverändert – vergleichbar mit einem Buch, dessen Text gleich bleibt, während einzelne Kapitel hervorgehoben oder ausgeblendet werden.
Zwei streunende Männchen auf einem Baum. Sollte eines der Tiere ein Revier erobern, verändert das auch seinen Körper.
Genau solche Markierungen, sogenannte DNA-Methylierungen, standen im Zentrum der neuen Untersuchung. Das Forschungsteam analysierte Blutproben von zehn freilebenden männlichen Geparden aus Namibia. Der besondere Wert des Datensatzes: Von denselben Tieren lagen Proben aus zwei Lebensphasen vor – zunächst als Floater, später als territoriale Männchen. Dadurch konnten die Forschenden die Veränderungen innerhalb derselben Individuen verfolgen.
Veränderte Methylierung
Das Ergebnis fiel deutlich aus. Hunderte Gene zeigten nach der Territoriumsübernahme veränderte Methylierungsmuster. Viele davon gehören zu biologischen Signal- und Stoffwechselwegen, die mit körperlicher Entwicklung, Organfunktionen und Verhalten in Zusammenhang stehen. Bereits frühere Analysen hatten angedeutet, dass territoriale Männchen schwerer sind und sich weniger scheu verhalten als Floater. Nun liefert die Epigenetik einen möglichen molekularen Erklärungsansatz dafür.
"Unsere Ausgangsthese hat sich bestätigt", sagt die Evolutionsgenetikerin Alexandra Weyrich vom Leibniz-IZW. Der Übergang vom Floater zum Territorialmännchen gehe tatsächlich mit deutlichen Veränderungen der DNA-Methylierung einher. Besonders auffällig sei gewesen, dass viele der betroffenen Gene genau in jenen Stoffwechselwegen aktiv sind, die zu den beobachteten körperlichen Veränderungen passen.
Zoologischer Sonderfall
Das würde auch den biologischen Sonderfall der Geparden schlüssig erklären. Bei vielen Säugetieren sind dominante Männchen bereits vor dem Kampf um ein Revier größer, stärker oder hormonell überlegen. Der körperliche Vorteil ermöglicht den Sieg. Bei Geparden scheint die Reihenfolge anders zu sein. "Die Männchen verändern sich erst, nachdem sie den Kampf um ein Territorium gewonnen haben", erklärt die Verhaltensökologin Bettina Wachter, die seit Jahrzehnten das namibische Gepardenprojekt leitet. Genau deshalb eigne sich die Art so gut, um die biologischen Prozesse hinter einem Statuswechsel zu untersuchen.
Die Forschenden versuchten zudem auszuschließen, dass die beobachteten Unterschiede bloß auf das höhere Alter der Revierbesitzer zurückzuführen sind. Ihre Analysen deuten darauf hin, dass die Methylierungsmuster des Alterns andere Spuren hinterlassen als jene des sozialen Aufstiegs. Auch Floater, die bis ins hohe Alter kein Territorium eroberten, zeigten keine vergleichbaren körperlichen Veränderungen.
Hoffnungsträger mit Fragezeichen
Für den Artenschutz sind die Ergebnisse potenziell bedeutsam. Sie deuten darauf hin, dass selbst Arten mit geringer genetischer Vielfalt über eine gewisse biologische Flexibilität verfügen könnten. Epigenetische Mechanismen könnten es Individuen ermöglichen, rascher auf neue Umweltbedingungen zu reagieren, als dies allein über genetische Veränderungen möglich wäre.
Allerdings mahnen die Autorinnen und Autoren zur Vorsicht. Die Studie zeigt lediglich einen Zusammenhang zwischen Statuswechsel und veränderter DNA-Methylierung. Ob die epigenetischen Veränderungen die Transformation auslösen, sie begleiten oder erst als Folge des neuen Lebensstils entstehen, bleibt offen. Ursache und Wirkung lassen sich mit den vorliegenden Daten nicht trennen.
Gerade darin liegt nun die nächste Herausforderung für die Forschung. Sollten ähnliche Mechanismen auch bei anderen bedrohten Arten nachweisbar sein, könnte sich das Bild von Anpassungsfähigkeit verändern. Dann wären Gene allein nicht mehr die ganze Geschichte.
ausderStandard.at, 8. 9. 2026 Szenen eines reformpädagogischen Schulalltags in einer Volksschule von 1927. Im Vorder-grund (v. li.): Alfred Adler, Anna Freud, Maria Montessori, Sigmund Freud und Otto Glöckel zuLevana
Wien, Musterschulstadt der Welt Die Wiener Schulreform der 1920er-Jahre wurde international zum Vorbild und mit dem politischen Umbruch 1934 brutal beendet
von Michael Fembek
Am 18. September 1927 erschien in der Arbeiter-Zeitung ein Artikel unter dem Titel Das Ausland studiert das Wiener Schulwesen. Darin berichtet Otto Glöckel, Chef des Stadtschulrates und oberster Schulreformer der Stadt Wien, über das große Interesse von Schulfachmännern aus allen europäischen und aus vielen außereuropäischen Ländern, die im amtlichen Auftrag nach Wien kamen, um die Wiener Schulreform zu studieren: 71 aus Amerika waren darunter, 132 aus Deutschland. Immer noch elf aus Japan und sogar zwei aus Indien.
Retrospektiv gesehen war Wien in den 1920er-Jahren tatsächlich eine Musterschulstadt, und zwar nicht nur im Sinn eines Vorreiters, sondern auch als Modell, das Glöckel zur Nachahmung anbot (Göttlicher: Schulreform, Seite 5).
Wenn Wien heute auf dem Gebiet der modernen Schule in der ganzen Welt führend geworden ist, wenn unsere Methoden von Kapstadt bis Kanada überall erprobt werden, wenn die internationalen pädagogischen Kongresse von Montreux, Heidelberg, Locarno, und Helsingör voll Bewunderung die geleistete Arbeit anerkennen, wenn der große französische Pädagoge Ferrière, der kein Sozialdemokrat ist, nach einem gründlichen Studium der Wiener Schulverhältnisse öffentlich verkündet: "Wien ist die Hauptstadt des Kindes!", so rufen wir aus: Sehet, so haben die Sozialdemokraten für die Kinder, für die Jugend gesorgt! (Arbeiter-Zeitung, 25. Oktober 1929; Rede von Otto Glöckel bei einer Versammlung des Vereins Freie Schule-Kinderfreunde in den Sophiensälen im Oktober 1929)
Internationale Pädagogen in Wien
Auch Richard Thomas Alexander, Pädagogik-Professor an der Columbia-University in New York war angetan: Die Höhe, zu der Sie die Volksschulen in kürzester Zeit gebracht haben, war mir eine große Überraschung, Sie haben wirklich der ganzen Welt etwas Großes gebracht (zitiert in: Entwicklung Schulwesen, Seite 39).
Richard Thomas Alexander erhielt im Jahr 1946 gemeinsam mit einem anderen führenden Pädagogen der USA, John W. Taylor, von der US-Regierung den Auftrag, das Bildungssystem Deutschlands in der amerikanischen Besatzungszone wieder aufzubauen. In programmatischen Ankündigungen sahen Alexander und Taylor die Einheitsschule als ein wichtiges Instrument zur Demokratisierung Deutschlands. Aber auch in der deutschen Nachkriegszeit war der Widerstand der katholischen wie auch der evangelischen Kirchen gegenüber der gemeinsamen Schule für alle Sechs- bis 14-Jährigen ungebrochen. Der Einheitsschulen-Versuch wurde schon 1948 abgebrochen
1928 kam Adolphe Ferrière (1879 bis 1960) nach Wien, um die Schulreformen und Fürsorgeeinrichtungen Wiens vor Ort zu begutachten (Wiener Zeitung, 1. Dezember 1928). Ferrière war einer der führenden Pädagogen Europas und hatte das Bureau International des Écoles Nouvelles in Genf gegründet, eine Anlaufstelle für alle europäischen Bildungspioniere. Er war auch Professor am Institut Jean-Jacques Rousseau, einem 1912 gegründetes Forschungs- und Innovationszentrum für Pädagogik, das bis heute besteht.
In der Schweiz hatte Otto Glöckel seine stärksten Verbündeten. Der Schuldirektor und Zürcher Stadtpolitiker Jean Briner (1876 bis 1967) war ein persönlicher Freund. Briner veröffentlichte 1939 in der Schweiz die Selbstbiographie von Otto Glöckel, vervollständigt um die Jahre, die Glöckel selbst nicht mehr verfassen konnte. Er beschreibt darin die Vorbildrolle von Wien und von Glöckel persönlich, die vielen wechselseitigen Besuche, wie zum Beispiel die Begeisterungsstürme für Glöckels Rede beim Schweizer Lehrertag 1927 in der Zürcher St. Peterskirche (Quelle, Glöckel, Selbstbiographie, Seite 211).
Im April 1930 erschien in der Zeitschrift "Der Kuckuck" eine ganzseitige Reportage über eine Schule für 600 Kinder in Montevideo, die nach dem Vorbild der Wiener Schulreformen umgestaltet und in Beisein des Präsidenten von Uruguay wiedereröffnet worden war. Auf dem Bild links unten stellen die Schülerinnen und Schüler das Wort Austria dar. Laut einem aktuellen Blogeintrag wurde die Schule 1875 gegründet und existiert als "Escuela 48 Austria" heute noch.
Alfred Adlers aktive Fan-Gemeinde
Es waren aber nicht nur die Reformen der Stadt Wien, die Aufmerksamkeit erregten, sondern auch verschiedenste Pädagogik-Revoluzzer mit ihren Neugründungen und Experimenten. Allen voran Alfred Adlers Individualpsychologie: Die drei Lehrer Franz Scharmer, Ferdinand Birnbaum und Oskar Spiel konnten die Hauptschule Staudingergasse in Wien-Brigittenau, an der sie unterrichteten, in eine individualpsychologische Musterschule umwandeln. Sie wurde ein besonderer Magnet für ausländische Besucher.
"Vieles wurde … mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Bescheidenheit versucht, dass dann Jahrzehnte später in gleicher Gestalt als neueste Erkenntnis von überall her in der Welt wieder zurück nach Wien strömte, erst dann aber die nötige Anerkennung fand." (Walter Spiel, Sohn von Oskar Spiel, über die langfristige Wechselwirkung von Indivdualpsychologie und Wiener Schulversuchen mit dem Ausland; Spiel 1977, S. 172)
Alfred Adler motivierte unterschiedlichste Persönlichkeiten, sich für kinderzentrierte Erziehung zu engagieren; nach 1918 auch in Großbritannien und in den USA, wo er über seine Buch-Bestseller weithin bekannt war.
Im Jahr 1924 gründeten die britische Romanschriftstellerin Phyllis Bottome, die Unterricht bei Adler in Wien genommen hatte, und ihr Ehemann Alban Forbes-Dennis, Leiter des MI6-Geheimdienstes in Wien, die TennerhofSchule im gleichnamigen Hotel in Kitzbühel. Dort wurden Schüler aus Großbritannien und den USA nach den Grundsätzen der Individualpsychologie unterrichtet, lernten Deutsch und Französisch, mit dem erklärten Ziel, den allgegenwärtigen Nationalismus überwinden zu helfen.
Freud, Montessori, Čižek, Eurhythmics
Anna Freud (1895 bis 1982) gründete 1927 die Hietzing Schule in einem Garten in der Maxingstrasse, überwiegend für Kinder, die von ihr in der Berggasse 19 analysiert wurden. Auch sie zog internationale Bildungseliten an, wie Erik Erikson (auch Erik Homburger, Erik Samuelson) und Peter Blos aus Deutschland. Mitgründerin der Hietzing Schule war die US-Amerikanerin und Psychoanalytikerin Dorothy Burlingham, ihre Lebensgefährtin und eine Enkelin des Juweliers Charles Lewis Tiffany.
Die US-amerikanische Ärztin Edith Jackson (1895 bis 1977), die eine sechsjährige Ausbildung bei Sigmund Freud in Wien gemacht hatte, gründete 1937 mit den beiden die Jackson Nursery, eine kleine, wissenschaftlich begleitete Kinderkrippe für armutsbetroffene Kleinkinder, im Montessori-Haus des Kindes am Rudolfsplatz. Jackson entwickelte später in den USA das Rooming-In-Modell für Mütter und ihre neugeborenen Babys in Krankenhäusern.
Maria Montessori kam immer wieder nach Wien. Für sie war das "Haus des Kindes" in der Troststraße in Wien 10 von persönlicher Bedeutung, das von Lili Peller-Roubiczek und Emma Plank-Spira aufgebaut wurde. Sie würdigte es ausdrücklich als "scuola modella", auch weil es in einem Arbeiterbezirk lag. 1927 übersiedelte es mithilfe der Stadt Wien an den Rudolfsplatz in Wien 1.
Franz Čižek (1865 bis 1946) hatte schon um 1905 mit seinen Jugendkunstklassen die Kunst als Instrument der Pädagogik entdeckt, im Umfeld der Kunstgewerbeschule, der späteren Hochschule für Angewandte Kunst. Er leitete die Klassen persönlich bis 1937 und beeinflusste damit ganze Generationen von späteren Kunstschaffenden und Lehrenden.
Čižek machte aber auch Kunstwerke begabter Kinder bekannt, die sich bei ihm kreativ austoben und verwirklichen konnten. Ab 1920 gingen einige der Bilder von Wiener Kindern als Teil von internationalen Ausstellungen rund um die Welt. Die englische Pädagogin, Kinderhilfs-Aktivistin und Quäkerin Francesca Wilson spielte dabei eine wichtige Rolle: Der Save the Children Fund, der in England für hungernde Kinder in Deutschland und Österreich entstand, brachte eine Ausstellung in 80 britische Städte, die die große Not zeigte, darunter auch die Bilder der Wiener Kinder (Wikidal, Jugendkunstklasse).
Der Komponist Émile Jaques-Dalcroze (1865 bis 1950), ein in Wien geborener Sohn eines Schweizer Uhrmachers, war einer der Väter der rhythmischen Gymnastik. Dalcroze hat für die Methode den Begriff Eurhythmics geprägt, unter dem er heute noch unterrichtet wird. Von 1911 bis 1925 leitete Jaques-Dalcroze die Bildungsanstalt für Rhythmus und Musik in Hellerau bei Dresden (hier im Bild, Jaques-Dalcroze rechts). Dass Annie Lennox für ihr Popmusik-Duo mit Dave Stewart den Namen Eurythmics wählte, ist kein Zufall: Dalcroze-Unterricht war richtungsweisend für sie, und sie ist seit 2023 auch Ehrenbotschafterin von "Dalcroze UK".
Nach dem Ausscheiden von Jaques-Dalcroze übersiedelte die Bildungsanstalt nach Laxenburg bei Wien und wurde dort als Schule Hellerau-Laxenburg fortgeführt, aber auch in Richtung einer neuen Tanzform, dem Ausdruckstanz, entwickelt.
Der schottische Pädagoge Alexander Sutherland Neill (1883 bis 1973) gründete in Hellerau eine weitere Schule, die Internationalen Schule nach Ideen von Dalcroze und Montessori, aber auch inspiriert von Freud-Schüler Wilhelm Stekel in Bezug auf freierem Umgang mit Sexualität. Neill musste diese Schule mangels Zuspruch schließen und öffnete dann seinen nächsten Versuch ausgerechnet im konservativen Sonntagberg (Bezirk Amstetten/NÖ). Auch diese Schule scheiterte an mangelndem Interesse und am Widerstand der lokalen Bevölkerung. Erst seine Summerhill-School, die er in Lyme Regis im Süden Englands eröffnete, war dann mit ihrer Freiwilligkeit und demokratischen Selbstverwaltung erfolgreich, und existiert bis heute.
Verbissener Widerstand
In der polarisierten politischen Landschaft Österreich nach 1927 wurden die Bildungsreformen in Wien von der christlichsozialen Partei und der Kirche noch stärker bekämpft als in den Jahrzehnten davor. 1929 versuchte Unterrichtsminister Richard Schmitz über die Verfassungsreform von 1929, die Befugnisse des Wiener Stadtschulrates zu beschneiden und diesen dem Unterrichtsministerium zu unterstellen, was aber nur in Ansätzen gelang.
Am 31. Dezember 1929 veröffentlichte Papst Pius XI. die Enzyklika Divini illius Magistri. Darin wird jeder pädagogische Naturalismus, der die übernatürliche christliche Formung ausschließt oder schwächt, abgelehnt. Ausdrücklich gemeint sind damit jene heutigen Systeme mit verschiedenen Namen, die sich auf die Autonomie und unbegrenzte Freiheit des Kindes berufen und die Autorität des Erziehers mindern oder beseitigen – also der Kern der Reformpädagogik. Abgelehnt werden in der Enzyklika auch die sexuelle Aufklärung in der Schule, die Koedukation von Mädchen und Jungen und generell die Oberhoheit des Staates über die Bildung, denn die müsse bei Kirche und Familie bleiben (Divini Illius Magistri, 1929).
Auffällig ist 100 Jahre später auch, dass von der katholischen Kirche selbst kaum Reformen ausgingen, wie dies in anderen Krisenzeiten ja der Fall war. Die Neulandschulen waren die einzigen Neugründungen im konservativen Geist und mit kirchlicher Unterstützung, aber auch diese wurden von führenden Kirchenmännern abgelehnt.
Die große Anerkennung für die Schulreformen aus dem Ausland kam da besonders ungelegen, wurde ignoriert oder als Fälschungendargestellt.
"Was Musterschule? Dort geht's ja zu wie in einem Narrenhaus. Keine Disziplin – alle schreien durcheinander … Von dem unerhört Neuartigen, Grandiosen, Ueberwältigenden habe ich nirgends etwas bemerkt, wenn ich vom Tohuwabohu in der Burggasse absehe." (Artikel aus dem Dezember 1929 in der "Freiheit!", eine konservativ-autoritäre Zeitschrift, der unter der Überschrift erschien: "Wien – ein Schulkrähwinkel. Vernichtende Auslandurteile – Die Not der Junglehrer". Er erzählt von den Erfahrungen Schweizer Junglehrerinnen in Wien, die aus dem offiziellen Besuchsprogramm ausgebüchst waren, und sich selbst ein Bild von einzelnen Schulen gemacht hatten.
Otto Glöckels tragisches Ende
Im Oktober 1932 war die Radikalisierung der Politik in den öffentlichen Kundgebungen nicht mehr zu übersehen. Hier berichtet "Der Kuckuck" nebeneinander über eine politische Rede von Otto Glöckel und einen Auftritt von Hermann Göring in Wien.
Am 5. Februar 1934 schrieb die Tageszeitung DerMorgen einen netten Artikel über Otto Glöckels Sechziger, unter dem Titel Glöckel jubiliert. Was da noch niemand wusste: Er hatte da das letzte Mal in seinem Leben jubiliert. Denn schon eine Woche später brach der Bürgerkrieg los, und Glöckel, der an den Aufständen nicht beteiligt war, wurde an seinem Schreibtisch im Palais Epstein bereits am Morgen des 13. Februar verhaftet.
Er war wochenlang wie viele andere Sozialdemokraten in das Polizeigefängnis Rossauer Lände eingesperrt, unter schlimmen Zuständen, ohne Außenkontakt, ohne Anklage oder Rechtshilfe. Zufällig begegnete er dort auf einem Rundgang seiner Frau Leopoldine, die dort wie er eingesperrt war und über deren Schicksal er im Unklaren gelassen worden war (Selbstbiographie, Seite 134).
Ex-Unterrichtsminister Richard Schmitz, schon ab 13. Februar Regierungskommissär für Wien, trug persönlich dafür Sorge, dass gerade im Schulwesen die Reformen und auch die Reformer im Rekordtempo verschwanden. Hans Fischl, Bildungsreformer und Spitzenbeamter im Unterrichtsministerium berichtete, dass für die Zustellung der Enthebungsdekrete in der Nacht zum 15. Februar sogar Feuerwehr-Fahrzeuge eingesetzt wurden (Achs, Furtmüller, Seite 115).
Bericht der Reichspost vom 16. Februar über die Amtsenthebungen der Schulreformer, nur Tage nach Ausbruch des Bürgerkriegs.
Otto Glöckels Gesundheit verschlechterte sich mit unbehandelter Angina Pectoris zusehends. Blutdruck 230 schrieb er in einer seiner wenigen Nachrichten. Eine Behandlung im Krankenhaus ließ man erst Wochen später zu. Im April wurde er ins Anhaltelager Wöllersdorf überstellt, einer Art von Guantánamo des Ständestaates, wo politische Gegner ohne Verfahren und Rechte jahrelang festgehalten werden konnten (Selbstbiographie, Seite 217).
Zahlreiche ausländische Bittschreiben für Glöckel an Bundeskanzler Kurt Schuschnigg zeigten keine Wirkung. Erst Ende Oktober 1934 wurde er aus Wöllersdorf entlassen, schwer gezeichnet, und starb am 23. Juli 1935 in seiner Wohnung am Gaudenzdorfer Gürtel. Ehegattin Leopoldine überlebte ihn nicht einmal zwei Jahre.
Die Machthaber im Ständestaat wollten mit allen Mitteln verhindern, dass das Begräbnis Otto Glöckels zu einer sozialdemokratischen Demonstration wurde und hatten Besucherzahl, Rednerzahl und Redendauer eng reglementiert. Beim Begräbnis auf dem Meidlinger Friedhof kam es dann wegen des großen Andranges zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, bei denen die Polizei etliche Trauernde mit Schlagstöcken bearbeitete.
Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges konnten einige von Wiens Reformpädagogen wieder dort ansetzen, wo 1934 alles geendet hatte: Die legendären "Fi-Fa-Fu der Schulreform", Hans Fischl, Viktor Fadrus und Carl Furtmüller kamen nach 1945 dafür noch einmal zusammen, zusammengeholt von Stadtschulpräsident Leopold Zechner, einem ehemaligen Reformlehrer, und auch Oskar Spiel, Franz Scharmer und andere wurden sofort wieder aktiv. Die Art der Auseinandersetzung in der Schulpolitik zwischen ÖVP und SPÖ war zwar nun gemäßigt, in der Sache aber genauso kompromisslos wie vorher. Trotz langjähriger Großer Koalition und gelebter Sozialpartnerschaft konnte man sich erst 1962 auf die erste größere Schulreform der Nachkriegszeit einigen.
Nota. -Heutige Diskussionen über die Schule sind endlos, pedantisch, kleinlich und ermüdend. Geplaudert wird eine Menge, aber es passiert selten etwas anderes als eine Reform des Vokabulars. Denn wenn bei fast jeder Äußerung auch durchklingt, welcher Partei der Redner anhängt, sind die Unterschiede doch meist nur dem Fachmann erkenntlich: Um Himmelswillen keine Weltanschauung!
Damals war das anders. Da musste man darauf hinweisen, dass in den Weltan-schauungen regelmäßig divergierende Menschenbilder versteckt sind - und das er-kannte jeder, der nicht abschichtlich die Augen zukniff. -
"Aber man hat doch gesehen, wohin das führt!"
Ja: Es wurde etwas getan - und dass man sich darüber die Köpfe einschlug, sollte uns Nachgeborene immerhin daran erinnern, dass es um was ging. Das seichte Ge-säusel dieser Tage ist dagegen geeignet, jeden, der mit Pädadogik nicht sein Brot verdient, von der Debatte fernzuhalten. Fast muss man dem furchtbaren Herrn Schleicher danken, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und unverhohlen propa-giert, was Industrie und Verwaltung für ein Bild vom Menschen haben, das er gegen jedes Sachargument durchzusetzen entschlossen ist.
Wir
leben in einer Epoche, wo - nicht allein, aber auch nicht zuletzt -
die Neuen Medien dafür sorgen, dass kein Bild mehr an die Öffentlichkeit
gelangen wird, das nicht - so oder ein bisschen anders - schonmal dagewesen
ist. Alles, was in der zeitgenössischen Kunst etwas taugt, von Gerhard
Richter über Cy Twombly bis zu den amerikanischen Hyperrealisten, sind
nur Variationen zu dem Thema Was kann man heute noch malen? Und ihr jeweiliger anschaulich-ästhetischer Gewinn besteht eben in der Variation und nicht im Werk. Mit andern Worten: Wenn es je sinnvoll gewesen wäre, 'Kunst' an der Qualität (Washeit) ihrer Produkte zu definieren - dann ist das heute vorbei.
Man
hätte sagen können: Kunst ist eine bildnerische Praxis, die, wenn sie
gelingt, die Augen der Zeitgenossen öffnet für ästhetische Qualitäten,
die zuvor noch nicht sichtbar waren.
Das ist verführerisch, aber es ließ immer die Frage offen: Wer oder was entscheidet darüber, was in der Kunst gelungenist und was mißraten? Und das ist ein Fass ohne Boden. Was Kunst ist, definieren zu wollen durch ihre ästhetische Qualität, läuft darauf hinaus, Kunst nicht definieren
zu können. Und recht besehen war das auch der Zweck der definitorischen
Übung; denn sie ging immer aus von den un-mittelbar Interessierten: den
Künstlern selbst und ihren... nun ja, Agenten. Diente das epochale Werk
Giorgio Vasaris etwa nicht der Propagierung - Marketing heißt das
heute - des aufkommenden Manierismus in der italienischen Malerei? Wird
einer behaupten, er habe sich um 'Objktivität' überhaupt bemüht? Er
postulierte die Maßstäbe, denen er in seinem eigenen Werk selber gefolgt
war und weiter zu folgen gedachte. Anders ist Kunstgeschichte unter dieser Prämisse auch gar nicht möglich, und darum wurde sie auch niemals ohne Interesse betrieben.
Kunst war erstens ein sozialgeschichtliches Phänomen und wurde zweitens zu einer kulturellen Instanz.
Da ist zuerst das Aufkommen des Künstlers als Phänotyp. Als
Professioneller nämlich, zünftig organisiert und gegen andere
Berufsgruppen privi-legiert. So jedenfalls im Abendland, wo Kunst in specie
entstanden ist, unterm Pro-tektorat einer feudalen Amtskirche zunächst
und bald auch zum Lob und Preis weltlicher Herrschaft. Ihre Entfaltung
verdankt sie nicht unwesentlich ebendieser ambivalenten Stellung als
Dienerin zweier Herrn mit konkurrierenden Interessen. Und erst recht
ihren Aufstieg - parallel zum Aufstieg des Gelehrtenstandes - zur
autoritativen Instanz, die wie die Wissenschaft eine autonome Stellung
zwischen den Mächten geltend macht. Und nur darum konnte die eine nichts als die Wahrheit und die andere das Schöne selbst zu ihrem (fast) ausschließlichen Geschäft machen und den Zwiespalt des menschlichen Geistes als reflektierende Absicht und als zweckfreie Betrachtuung objektivieren. Wie der Erfinder und der Gelehrte erscheint der Künstler mit der Renaissance als Held, der mit den Aristokraten auf Du ist, seit die (in Italien) keine Blaublütler, sondern nur noch Parvenüs sind.
Natürlich
hält diese Stellung der folgenden Entwicklung zur bürgerlichen
Gesell-schaft nicht stand, denn zwischen Bourgeoisie und Bourgeoisie ist
schlecht schwe-ben. Als Geschäftspartner stehen weder der Künstler noch
der Gelehrte dem Kapi-talisten ebenbürtig gegenüber, denn während Kirche
und weltliche Herren auf die öffentliche Repräsentation ihrer Herrschaft
durch Schönheit und Wissen dauerhaft angewiesen waren, kann der
Bourgeois als Privatmann auf die Hohe Kunst ver-zichten und sich mit
einem kitschigen Surrogat begnügen. Der Wissenschaftler konnte sich als
Supervisor des Technikers unabkömmlich machen, was sich der Kapitalist
als Geschäftsmann etwas kosten lässt, aber dem Künstler blieb nur das
Abenteuer der Bohème; wenn er nämlich auf der Kunst um ihrer selbst willen
beharrte und sich zum Serienfertiger wohlfeiler Massenware zu vornehm
blieb. (Vorher gab es keine Unterscheidung zwischen Kunst und Kitsch).
So entstand die Avantgarde, seit der Romantik eigentlich, und der Romantiker verstand den Künstler als Genie, und rückblickend verklärte Ludwig Tiecks Franz Sternbald noch den Zunftgesellen der mittelalterlichen Malerwerkstatt dazu.
Als Kunst gilt seit rund hundert Jahren nur noch das, was zu der Frage Ist das überhaupt noch Kunst?Anlass
gibt. Kunst ist avantgardistisch - oder akademische Afterkunst. In den
fünfziger, sechziger Jahren waren erkennbare Gegenstände auf den Bildern
regelrecht untersagt. Abstrakt war nicht erst die Avantgarde, sondern
noch der Tross.
Die
Abstraktion musste sich bald totlaufen, denn bloße Farben und Formen
sind erschöpflich, und Varianten im Mikrobereich sind irgendwann
langweilig. Bleibt das dekorative Bemalen von Leinwänden in Wandgröße,
aber originell ist das nun auch nicht mehr. Wohl oder übel müssen
die Gegenstände wieder hergenommen werden - wenn man schon das Malen
nunmal nicht lassen kann. Welch eine Verlegenheit! Man sieht sie
allenthalben. Ihr von Sotheby und Christie's gekrönter König ist Gerhard
Richter, der offenkundig alles kann (wie kein zweiter), aber ebenso
offenkundig nicht weiß, was er wollen soll. Merke: Das Tafelbild hat es nicht immer gegeben. 21. 9. 13