Donnerstag, 15. Oktober 2026

Nochmal Foucault.

Michel Foucault (1926 bis 1984)
aus welt.de, 15. 10. 2026                                                                                                                                  zu Philosophierungen

Er kam um 10, las exakt eine Stunde und verschwand grußlos durch die Seitentür
Seinetwegen sagen wir „Diskurs“: Wie es Michel Foucault gelang, die intellektuelle Nachwelt so zu prägen wie vor ihm Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Erinnerungen von einem, der dabei war. 
 
Von Hans Ulrich Gumbrecht

Wer in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren Michel Foucault aus unmittelbarer Nähe bei seinen Mittwochs-Vorlesungen am Collège de France erleben wollte, musste sich Stunden vor Beginn am entsprechenden Hörsaal in eine Warteschlange stellen. Denn diese Auftritte wurden für tatsächlich Tausende von interessierten Lesern und Anhängern, unter denen manche wöchentlich aus einiger Ferne nach Paris reisten, auf Bildschirme in andere Räume des Gebäudes an der Place Marcelin Berthelet übertragen.

Foucault trat pünktlich um zehn Uhr auf, bestätigte mit dem glattrasierten Schädel über einem weißen Rollkragenpullover die von Bucheinbänden vertrauten Fotografien, nahm an einem ovalen Tisch gegenüber den Reihen Platz und verlas mit heller, konzentriert klingender Stimme, aber ohne große Hinwendung zum mitschreibenden Publikum genau eine Stunde lang Passagen aus dem Manuskript seines jeweils nächsten Buchs. Personen, die ab und an Kassetten in den ihn umgebenden Tonbandgeräten wechselten, schien er nicht wahrzunehmen, sodass eine Intensität gemeinsamer Aufmerksamkeit anhielt, bis er nach 60 Minuten und einem die Hauptthese des Tages konturierenden Satz ohne Abschiedsfloskel durch eine Seitentür verschwand.

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Während es damals noch keinen prägnanten Begriff für Foucaults intellektuellen Stil gab, können wir aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts zwei Dimensionen unterscheiden, welche die singuläre Anziehungskraft seiner Arbeit ausmachten. Mit einer neuen Verwendung des Wortes „Archäologie“ weckte er zunächst ein Interesse für die geschichtliche Analyse von Institutionen, die bis dahin als metahistorisch und transkulturell gegolten hatten. Seine Buchpublikationen setzten 1954 mit einer Studie zum Verhältnis von „Geisteskrankheit und Persönlichkeit“ ein, wurden neun Jahre später mit seiner Analyse über „Die Geburt der Klinik“ und 1975 „Die Geburt des Gefängnisses“ fortgesetzt, um ab 1976 in eine auf sechs Bände geplante „Geschichte der Sexualität“ zu münden, die er nicht mehr zum Abschluss brachte. Den sozialhistorischen Horizont seiner Untersuchungen erweiterte er um Bemerkungen zu Erlebensformen des menschlichen Körpers, der bis dahin allein Gegenstand der Medizin und anderer Naturwissenschaften gewesen war.

Eine neue Beziehung zur Vergangenheit

In einem Buch über „Die Ordnung der Dinge“ aus dem Jahr 1966, das nicht wenige Leser immer noch für Foucaults Hauptwerk halten, veränderte er entlang vier solcher Historisierungen das Verhältnis von Hörern und Lesern zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit und zum menschlichen Dasein schlechthin. Der Text begann mit Kapiteln zu Modifikationen bei der Darstellung (représentation) von Wirklichkeit seit der frühen europäischen Neuzeit, welche in das zum ersten Mal selbst als historischer Prozess verstandene Entstehen von historischem Denken um 1800 übergingen. Aus der neuen Beziehung zur Vergangenheit sollte sich drittens während des frühen neunzehnten Jahrhunderts die bis heute in den westlichen Kulturen vorherrschende Auffassung vom Menschen ergeben haben, deren Mitte ein Habitus der Selbstbeobachtung als „Bewusstsein“ einnahm.

Diese Konzeption vom Menschen wurde schließlich zum Impuls für die Emergenz der Geisteswissenschaften (der Sciences Humaines nach ihrer französischen Version), in denen Selbstbeobachtung eine institutionelle Form gewann. Doch es ging Foucault nicht allein um Abläufe des Entstehens. Wenn der bis dahin als metahistorisch angesehene Begriff des Menschen und die auf Dauer gestellte Existenz der Wissenschaften einen jeweils geschichtlichen Ursprung hatten, dann musste man auch mit ihrem Ende rechnen. Und mit einer Vergegenwärtigung des Gedankens an jenes aus seiner Sicht unvermeidliche Ende beschloss Michel Foucault das Werk über die „Ordnung der Dinge.“ „Wie in einen Sandstrand gezeichnete Figuren unter den Wellen des Ozeans,“ schrieb er, würden eines Tages auch „die Auffassung vom Menschen und die von ihr geformten Wissenschaften ihre Konturen verlieren.“

Statt das Entfalten seiner Themen mit existenzieller Verunsicherung nachzuvollziehen, arbeiteten Foucaults Kollegen sie in einen Theorierahmen für ihre Untersuchungen um. Daraus entstand eine weitere Dimension bei der Rezeption seines Werks, wo vor allem das Ausblenden der Menschen als Agenten historischen Wandels zur philosophischen Innovation wurde. Denn Foucault hatte die ererbte, auf Protagonisten fixierte Historiografie durch eine Abfolge von Formationen sozialen Wissens ersetzt, für die er das Wort Epistémé einführte und die er ohne Thesen über die Gründe der zwischen ihnen vorgehenden Verschiebungen nachzeichnete.

Zur Rekonstruktion solcher Wissenssysteme verwendete er das Konzept des Diskurses, das nicht nur in der akademischen Welt erstaunliche Resonanz auslöste. Es ähnelt dem Begriff der Textgattungen, soll aber auch die sich aus sozialen Hierarchien und Interessendivergenzen ergebenden Machtkonflikte berücksichtigen. Hinsichtlich der Abfolge von artikulierten Wissensstrukturen borgte Foucault das Nietzsche-Wort der Genealogie, das er polemisch gegen alle Annahmen von Regelmäßigkeiten oder „Gesetzen“ im Prozess der Vergangenheit kehrte.

Hegel und Foucault

Hier scheint eine Distanz zum Denken von Hegel auf, dessen Name in Foucaults Texten nur selten vorkommt, obwohl einige seiner wichtigsten Intuitionen wohl aus Auseinandersetzungen mit Hegel hervorgingen. Besonders das Bestehen auf epistemischen Horizonten und Diskursen wirkt wie eine Alternative zu Hegels Dialektik von Geist und Materie und auch zum Materialismus des Links-Hegelianers Karl Marx. Gegen dessen Einfluss auf die Mehrheit französischer Denker nach 1950 stellte Foucault das schroffe Urteil, dass sich seine Philosophie „im neunzehnten Jahrhundert bewege wie ein Fisch im Wasser.“

Durchaus nach der dreifachen Bedeutung des Begriffs der „Aufhebung“ bei Hegel als ein Beenden, Bewahren und Erheben von Wissensformen in größere Komplexität hat Foucault also mit einer neuen Philosophie der Vergangenheit Hegels Geschichtsphilosophie und mit ihr die Geisteswissenschaften aufgehoben. Auch wenn nur wenige Leser diese Bewegung wahrgenommen haben und die Geisteswissenschaften eher schlecht als recht weiterexistieren, lässt sich deshalb sagen, dass Michel Foucaults Status für uns als intellektuelle Nachwelt an Hegels Einfluss auf die Zeit seit dem frühen 19. Jahrhundert erinnert.

Doch nicht nur dem human- oder geisteswissenschaftlichen Denken verlieh Foucault eine ungeahnte Energie. Er wirkte auch als kraftvolle Gestalt für die Öffentlichkeit seiner Gegenwart, womit er in ein paradoxales Verhältnis zu dem von ihm begründeten Theoriegestus des Aussparens aller Subjektrollen trat. Statt sich aber, wie zum Beispiel Jean-Paul Sartre, ausgehend von einer kohärenten ideologischen Position in laufenden politischen Debatten zu engagieren, gab Foucault seine wirksame Unterstützung ganz verschiedenen Initiativen, die mit persönlichen Interessen und Sympathien konvergierten. An einer Novellierung der das Leben in französischen Gefängnissen bestimmenden Gesetze war ihm gelegen; an der Integration von in ihren eigenen Ländern verfolgten Einwanderern; und auch an der Aufnahme politischer Beziehungen zu dem sich ab den Sechzigerjahren als islamische Republik etablierenden Iran.

Foucault (M.) bei einer Demonstration 1972 in Paris. Rechts: der Schriftsteller Jean Genet
Foucault (M.) bei einer Demonstration 1972 in Paris. Rechts: der Schriftsteller Jean Genet

Solche meist kurzfristigen Interventionen machten Foucault bei Zeitgenossen berühmt und auch berüchtigt, die nie eines seiner Bücher gelesen oder eine seiner Vorlesungen besucht hatten. Zugleich sind manche der ihm zu verdankenden Begriffe und Ideen nicht nur ins westliche Alltagswissen eingegangen, wo sie sich meist ohne Assoziation mit ihrem Erfinder bis heute gehalten haben. Vor Foucault war etwa das heute global benutzte Wort „Diskurs“ kaum verwendet worden, und vor Foucault hatten Bildungsbürger daran geglaubt, dass sich die Zukunft aus jeweiligen Rhythmen historischer Veränderung hochrechnen ließ.

Foucaults Werdegang

All diese Diskontinuitäten des Denkens und der Erfahrungsbildung gingen aus einem klassischen Intellektuellenleben hervor, dessen seltene dramatische Momente mehrere Biografien betont haben. Michel Foucault war am 15. Oktober 1926 als Sohn einer wohlhabenden Arztfamilie aus der westfranzösischen Provinzstadt Poitiers zur Welt gekommen und beeindruckte seine ersten Lehrer ebenso mit konsequent ausgebauten geistigen Talenten wie mit lässig hingenommenem Desinteresse an arithmetischen Übungen. Eine liebende Mutter ermöglichte ihm mehrere Monate als Schüler am angesehenen Lycée Henri IV. von Paris, denen beim zweiten Anlauf die Aufnahme in die Elite-Institution der École normale supérieure folgte.

Dort nahmen Jean Hyppolite, ein angesehener Kenner deutscher Philosophie, und Louis Althusser, der letzte bedeutende Philosoph des Marxismus, den jungen Foucault in die Kreise ihrer Schüler auf. Dass er der sowjettreuen Kommunistischen Partei beitrat und sie wegen ihrer schweigenden Hinnahme von Verbrechen des Stalinismus nach zwei Jahren verließ, gehörte zu den um 1950 typischen Verhaltensmustern jener Umwelt.

Ähnliche Bildungs-Parcours absolvierten auch andere Mitglieder einer aufsteigenden und bald charismatisch leuchtenden Generation französischer Humanwissenschaftler wie der Soziologe Pierre Bourdieu, der Philosoph Jacques Derrida oder der Historiker François Furet. Weil er sich aufgrund seiner homoerotischen Leidenschaft von der Selbstverständlichkeit sozialer Begegnungen ausgeschlossen fühlte, erlebte Michel Foucault jene Jahre vor allem als Zeit persönlicher Depression. Zweimal versuchte er, sich das Leben zu nehmen, und fand dennoch einen Weg durch die Etappen einer Karriere für Höchstbegabte.

Er unterrichtete an Kulturinstituten oder Universitäten in Uppsala, Warschau, Hamburg und Tunis; er wurde Professor für Philosophie in Clermont-Ferrand, wo er „Die Ordnung der Dinge“ verfasste, und an der Reform-Hochschule von Vincennes, wo neben ihm Jean-François Lyotard, Gilles Deleuze und Alain Badiou nach neuen Funktionen für die Philosophie suchten. Am 12. April 1970 stimmte eine knappe Mehrheit der sechsundvierzig Professoren am Collège de France für Michel Foucaults Aufnahme in ihr Kollegium. Er hatte die letzte Stufe akademischer Kanonisierung erreicht und gab nach jahrhundertealter Tradition dem eigenen Lehrstuhl einen programmatischen Namen: „Geschichte der Denk-Systeme“.

Mit gelassener Eleganz

Seit der existenziellen Krise seiner Studienzeit hatte Foucault eine Lebensform gefunden, in der Liebe zu Männern gegen alle damals weitverbreiteten Widerstände einen Platz hatte. Mit gelassener Eleganz verkörperte er diese Rolle und bezog sie gelegentlich in seine Arbeit ein, ohne je in Identitätspolitik zu erstarren. Foucault hob gerne hervor, dass homoerotische und heteroerotische Beziehungen für manche Gesellschaften der griechischen Antike als Variablen bestanden hatten, und bei Gastprofessuren in Berkeley genoss er den homosexuellen Alltag des Castro-Viertels von San Francisco als wirklich gewordene Utopie.

Bis heute kursiert unter kalifornischen Geisteswissenschaftlern eine dokumentarisch nie bestätigte Vermutung, nach der sich Foucault 1983 entschlossen hatte, einen Ruf nach Berkeley anzunehmen. Dazu konnte es nicht kommen, weil er am 25. Juni 1984 in Paris an der Immunkrankheit Aids starb, kurz bevor sie diagnostisch erfasst wurde. Sein Tod hinterließ nicht bloß ein Vakuum in der intellektuellen Welt. Denn Michel Foucault war ein Leben als Gestalt der Präsenz gelungen, deren attraktive Exzentrik wir noch immer vermissen.

 

Nota. - Mit Hegel verglichen zu werden hat er nicht verdient. Wohl hat er wie jener die ('kontinentale') Philosophie weit über seinen Tod hinaus beherrscht, und selbst die Sachbearbeiter konnten seine Stichwörter sagen. Aber dabei hat das Philoso-phieren einen regen Aufschwung genommen; während nach dem schließlichen Zu-sammenbruch der Hegelschule die Philosophie in Deutschland ein toter Hund war und sich erst in den 1870er Jahren mit dem Neukantianismus mühsam wieder auf-rappelte. 

Das Bemühen um eine systematischen Darstellung blieb allerdings verpönt, das gilt bis heute als obszön. Dazu hat Foucault allerdings wie kaum ein andrer im 20. Jahr-hundert wieder beigetragen.

Ich mache kein Hehl daraus, dass ich eine Philosophie für verloren halte, die nicht bis an ihr Ende geht und sich als System zu rechtfertigen sucht.

Da denke ich an einen Zeitgenossen, mit dem Foucault in einer Hinsicht besser zu vergleichen ist als mit Hegel. Th. W. Adorno ist dem Systemgedanken in großem Bogen aus dem Weg gegangen. Seine Theorie  ist "kritisch", aber sie mäkelt an Oberflächenerscheinungen herum. Um Philosophie zu werden, hätte sie kritizi-stisch sein müssen. Und so war er, kaum gestorben, schon fast vergessen.

Kant hat daran bis ans Lebensende am System laboriert, und selbst der unglück-liche Nietzsche hat zum Schluss daran basteln müssen. Aber mehr als der ubiquitäre Wille zur Macht ist dabei nicht herausgekommen. Nietzsche hat ihn auch nicht weitergeführt.

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Als Lovis Corinth von München nach Berlin zog.

Die zweite Fassung des Gemäldes "Salome" aus dem Jahr 1900 von Lovis Corinth
aus Tagesspiegel, 14. 10. 26                                                  Die Ablehnung von „Salome II“ (1900) in München war mit ein Auslöser für Corinths Übersiedelung nach Berlin.                                                                                       zu Geschmackssachen 

Als Lovis Corinth von München nach Berlin zog.
Welche Stadt war fortschrittlicher? 
Nachdem 1901 ein Bild von ihm abgelehnt wurde, siedelte der Maler in die Reichshauptstadt über, die ihn mit offenen Armen empfing. Aber auch hier herrschte nicht überall die große Freiheit.

Von  Bernhard Schulz

Im „Simplicissimus“, der großen und großartigen Satirezeitschrift des Kaiserreichs, erschien 1901 eine Karikatur von Thomas Theodor Heine, eine Szene aus einem Münchner Biergarten. Ein älteres Ehepaar mit Dackel hört den Tiraden eines Berliners zu. „Mit der Münchner Kunst ist nischt mehr, Berlin is jetzt die deutsche Kunstmetropole“, tönt der. Nicht mehr als ein „So, so“, entlockt es dem Münchner. Doch der Berliner setzt eins drauf: „Und besseres Bier wird in Berlin auch schon jebraut.“ Das geht zu weit. Das Ehepaar drischt schimpfend auf ihn ein, der Hund beißt ihm in die Wade.

Wunderbar hat Heine die Charaktere der beiden Städte und ihrer Bewohner in seine auf einen Blick verständliche Bildfolge gepackt. München hat seinen Rang als Kunstmetropole eingebüßt, aber das ist schon abgehakt und schmerzt nicht weiter. Berlin hingegen ist großkotzig und beansprucht den ersten Rang, in allem. Das trifft den Lokalstolz Münchens. Am Bier, nicht an der Kunst, hängt das Selbstwertgefühl.

In seiner Linken hält der Berliner die Zeitung „Tag“. Dort nämlich hatte der Berliner Kunstkritiker Hans Rosenhagen zwei Artikel über „Münchens Niedergang als Kunststadt“ veröffentlicht, die eine heftige Debatte auslösten. Rosenhagen kritisierte die Kulturpolitik Münchens und die mangelnde Unterstützung für die Secession, was zur Übersiedlung von Künstlern wie Lovis Corinth und Max Slevogt nach Berlin geführt habe.

Tatsächlich waren Corinth (oben ein Selbstporträt von ihm von 1900) und Slevogt im Herbst 1901 nach Berlin gezogen, nachdem sie in der Münchner Secession auf Ablehnung gestoßen waren. Die zweite Fassung von Corinths Gemälde „Salome“ wurde nicht zur Ausstellung zugelassen und Slevogts „Danae“ nachträglich entfernt. In Berlin sind sie mit offenen Armen empfangen worden. „Salome II“ war schon 1900 bei der zweiten Ausstellung der Berliner Secession gefeiert worden.

Bis dahin galt Corinth geradezu als Verkörperung der Münchner Gegenwartskunst. Seit 1891 hatte er in der bayrischen Residenzstadt gelebt. „München leuchtete“, um es mit dem geflügelten Wort Thomas Manns zu sagen, und Else Lasker-Schüler schwärmte: „Ein Paradies ist München, aus dem man nicht vertrieben werden möchte.“

Doch der Kunstbetrieb zielte auf die Dekoration aller Lebensbereiche. Ein ungeheuer vielfältiges Kunstgewerbe hatte sich breitgemacht; Rosenhagen sprach verächtlich von „Imitations-Industrie“. Dieser Vorwurf traf so sehr, dass Prinzregent Luitpold eine Kommission einsetzte, die den Zustand der selbst ernannten „Kunststadt“ untersuchen sollte.

Zentrum des deutschen Impressionismus

Mit der Übersiedlung der beiden Künstler – Corinth aus Ostpreußen, Slevogt waschechter Bayer – setzte der Siegeszug des deutschen Impressionismus ein. Die Berliner Secession oder, wie der Name sagt, Abspaltung, nämlich von den etablierten Künstlergenossenschaften, war von Max Liebermann, Walter Leistikow und dem Kunsthändler Paul Cassirer gegründet worden. Mit dem Münchner Zuwachs wurde sie zum unbestrittenen Zentrum der nicht mehr neuen, aber noch immer offiziell missachteten Kunstrichtung.

Angeblich hat die Jury der Großen Berliner Kunstausstellung 1898 eine Grunewald-Landschaft Leistikows abgelehnt, was der Auslöser für die Gründung der Secession nach Münchner und Wiener Vorbild gewesen sein soll. Cassirer wurde Sekretär, 1912 sogar Vorsitzender. Es gab Erfolge und Streit, Secessionen von der Secession, Austritte, Wiedereintritte. Eine turbulente Zeit – die Jahre, in denen sich „die“ Moderne im Kaiserreich etablierte, und das hieß naturgemäß zuerst in der Reichshauptstadt Berlin.

Lovis Corinth Porträt Walter Leistikow, 1893 Öl auf Lwd., Gemäldemaß: H: 124,50 cm , B: 100,00 cm Inv.Nr.: VII 61/704 x Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin Reproduktion: Oliver Ziebe, Berlin Aufnahme von Sammlungsgut 2014
Lovis Corinths Porträt des Malers Walter Leistikow von 1893

Dass die Stadt, in die man ging, um nach dem Wort Fontanes „Carrière“ zu machen, ein besseres Pflaster für Neues bot als München, liegt auf der Hand. Hier war „neues“ Geld, Wagemut, Nährboden für Experimente, gesellschaftlicher Aufstieg.

Doch die Gegenüberstellung eines konservativ verharrenden München mit einem modern losstürmenden Berlin hält der näheren Betrachtung nicht stand. Denn während in München in der verklärten Prinzregentenzeit die liberalitas Bavariae, verstanden als ur-bayerische Toleranz, den Maßstab bildete, war Berlin die Stadt des in Kunstfragen sich zum obersten Richter aufschwingenden Kaisers.

Und während in München eine konservative, aber generöse Künstlerschaft jedem seinen Platz ließ, solange die eigenen, merkantilen Interessen nicht tangiert wurden, gaben die Berliner unter der kompromisslosen Führung des kaisertreuen Akademiedirektors Anton von Werner keinen Millimeter preis. Das gilt zumal für die Bildhauer, die mit Aufträgen wie der unsäglichen Siegesallee im Tiergarten überschüttet wurden, dabei jedoch geübt waren, um keine Haaresbreite von der verlangten neobarocken Formensprache abzuweichen.

Stichwort SOKU2026
Anton von Werner, Enthüllung des Richard-Wagner-Denkmals im Tiergarten, Berlinische Galerie, Foto: Roman März
Kunst, die dem offiziellen Geschmack entsprach: „Enthüllung des Richard-Wagner-Denkmals im Tiergarten“ des kaisertreuen Akademiedirektors Anton von Werner.

Gerade am Lebensweg von Lovis Corinth lässt sich zeigen, dass die Verdammung Münchens und der Lobpreis Berlins aus der besonderen Situation der Durchsetzung der Moderne heraus zu verstehen sind. Corinth war in den 1880er Jahren als junger Mann nach München gekommen, um an der in ganz Europa gerühmten Akademie zu studieren.

Wanderjahre folgten, unter anderem nach Paris, ehe er sich 1891 in München niederließ. Die dortige Kunstszene wurde von „Malerfürsten“ beherrscht: Kaulbach, Lenbach und auch schon Franz Stuck, die ihren Erfolg in aufwendigen Häusern zelebrierten und regelrecht Hof hielten. 1892 kam es zur Gründung der Münchner Secession, im Grunde nur ein Interessenverband für Ausstellungsmöglichkeiten, denn nur darüber stellten sich Öffentlichkeit und Verkäufe her.

1899 besuchte Corinth Liebermann in Berlin, und als, wie erwähnt, seine „Salome II“ sogar von der Secession abgelehnt wurde, entschloss er sich zum Umzug nach Berlin. Sein Freund Slevogt ging mit. Die Münchner Secession verkraftete den Fortgang der beiden Protagonisten problemlos.

„Danae“ von Max Slevogt (1895)
„Danae“ von Max Slevogt, gemalt 1895

In Berlin oder genauer: im damals noch eigenständigen Charlottenburg hatte die Secession bald ein eigenes Gebäude an der Kantstraße. Öffentliche Aufmerksamkeit war garantiert. Seit dem Munch-Skandal von 1892, als Anton von Werner eine Ausstellung des Norwegers wegen Anstößigkeit hatte schließen lassen, definierte sich die Berliner Moderne durch den Affront gegen Kaiser und Hof.

Rot und Weiß, Edvard Munch/ Berlinische Galerie
Edvard Munch (hier „Rot und Weiß von 1899/1900) malte auf eine Weise, die von der etablierten, akademischen Malkunst nicht verstanden und abgelehnt wurde.

Mochte Wilhelm auch gegen die als „Rinnsteinkunst“ verdammte Moderne wettern – das liberale Großbürgertum kaufte und sammelte sie. Beide Secessionen, München wie Berlin, erwarben sich bleibende Verdienste in der Vermittlung der internationalen, zuvörderst französischen Moderne. Und wenn die – immerhin unter königlicher Prerogative stehende – Nationalgalerie unter Hugo von Tschudi französische Impressionisten erwarb, baute sie auf dieser erzieherischen Vorarbeit auf.

Nachdem er im Konflikt mit dem Kaiser 1908 sein Amt aufgeben musste, ging Tschudi nach München und konnte dort an Kunstwerken erwerben, was ihm in Berlin versagt worden war. Das unterstreicht, wie aufgeschlossen die dortige Kunstpolitik war. In München entstand mit dem „Jugendstil“ der erste neue und von historischen Anklängen freie Stil des 20. Jahrhunderts, benannt nach einer der in München verlegten Kunstzeitschriften, eben der „Jugend“. Die war 1896 gegründet worden, im selben Jahr wie der ebenfalls Münchnerische „Simplicissimus“.

Berlin hatte erst ein Jahrzehnt später maßgeblichen Anteil an einer neuen Kunstrichtung, dem Expressionismus. Die Ironie der Geschichte will es, dass die Secessionisten sich die jungen Expressionisten ebenso fernzuhalten versuchten, wie sie selbst Jahre zuvor von den offiziellen Vertriebswesen ausgeschlossen wurden. 1910 entstand so die „Neue Secession“.

Corinth und Slevogt gehörten nicht dazu. Ein Schlaganfall, der Corinth 1911 halbseitig lähmte, beförderte eine neue, letzte Phase seines Werks mit. Er entwickelte im Laufe der Zeit einen ganz eigenen Expressionismus, der wohl bereits in seinen naturalistischen Werken, etwa den Schlachthausszenen, angelegt war.

In der Gesellschaft füllte er die Rolle als Genussmensch und Salonlöwe aus, die den oberen Schichten der immer wohlhabender werdenden Reichshauptstadt zupasskam. Für ihn war die Zeit erfüllt von Ausstellungen, die dem nun schon über 50-Jährigen den ersehnten Erfolg in reicher Fülle brachten.

1908 malte Lovis Corinth die Schauspielerin Tilla Durieux als spanische Tänzerin.

Erst nach dem Krieg lockerte sich Corinths Bindung an Berlin, da er immer mehr Zeit in Oberbayern auf seinem neu erbauten Landsitz am Walchensee verbrachte.

Ob nun München oder Berlin in diesen Jahrzehnten konservativer oder aber moderner waren, muss dahingestellt bleiben. In München herrschte die Kunst, doch sie wurde geradezu erstickt von einer florierenden, jedoch unschöpferischen Kunstindustrie. Davon war Berlin frei. Dafür wehte hier der schärfere Wind beständiger politischer Einflussnahme.

So wurden in beiden Städten auf unterschiedliche Weise die gesellschaftlichen Konflikte ausgetragen, die mit der rasanten Industrialisierung und Verstädterung Deutschlands einhergingen. Daran hatte die Kunst ihren spezifischen Anteil, nicht als Spiegelbild, sondern als eigenständiger Kampfplatz eben solcher Konflikte und Reibungen. Aus ihnen gingen in beiden Städten staunenswerte produktive Leistungen hervor. Sie bewundern wir bis heute.


Dienstag, 13. Oktober 2026

Das Intelligenteste an der KI ist, dass sie Kausalität auch nicht versteht.

                                                                  zu Philosophierungen
Ich: 
Beobachten lässt sich nur Zuerst und Danach. Was zwischen den beiden passiert, die sogenannte Wirkung, liegt nicht in dem Bereich, wo wir Erfahrung machen können. Es ist ein Mythos, sehr wahr! 

Erfahren können wir, dass wir, wenn wir einen Nagel in die Wand schlagen wollen, mit einem Hammer darauf hauen müssen. Das ist die Wahrheit, die dem Kausalitätsmythos zum Sieg verholfen und die bürgerliche Gesellschaft und die Herrschaft der Vernunft begründet hat. Er verschweigt allerdings die Selbstverständlichkeit, dass immer einer da sein muss, der dieses oder jenes will und das Erforderliche dann auch tut. Das ist die Bedingung, die dem ganzen Kausalnexus zugrundeliegt. Zu Grunde, das heißt: davor, außerhalb - und nicht darin. 

Im Zeichensystem künstlicher Intelligenz lässt sie sich eo ipso nicht kodieren. Im Algorithmus lässt sie sich daher nicht unterbringen. Sie gehört zu einer natürlichen Intelligenz, die die ganze Maschinerie erfunden hat und hoffentlich nicht aus den Augen lässt.
JE
11. 1. 22

ChatGPT antwortet:          

Ich finde den Text sehr stark, gerade weil er eine Pointe enthält, die zunächst paradox klingt: Die KI versteht Kausalität nicht – und gerade darin liegt etwas Intelligentes an ihr. Ich würde allerdings an zwei Stellen etwas genauer unterscheiden.

Der entscheidende Gedanke scheint mir dieser zu sein:

Beobachtbar sind Zuerst und Danach; die Wirkung als solche ist nicht beobachtbar.

Das ist zunächst sehr nah an Hume. Aber Ihr Text geht dann über Hume hinaus. Denn Hume ersetzt die Kausalität im Grunde durch Gewohnheit bzw. die Erwartung einer regelmäßigen Folge. Sie machen dagegen auf etwas anderes aufmerksam: auf das Tun, das zwischen bloßer zeitlicher Folge und dem von uns gesetzten Zweckzusammenhang liegt.

Das Beispiel mit dem Hammer ist dafür ausgezeichnet. Man kann beobachten:

  1. Hammer bewegt sich.
  2. Nagel bewegt sich.
  3. Nagel dringt in die Wand ein.

Aber dass der erste Vorgang deshalb geschieht, damit der dritte eintritt, ist nicht als weiteres beobachtbares Ereignis da. Und noch wichtiger: Der Hammer schlägt nicht „von selbst“ auf den Nagel. Es gibt einen Handelnden, der etwas will und deshalb eine Tätigkeit beginnt.

Damit bekommt Ihr Satz

„immer einer da sein muss, der dieses oder jenes will und das Erforderliche dann auch tut“

eine viel stärkere Funktion als bloß die Einführung eines menschlichen Akteurs. Das Wollen setzt den Zusammenhang überhaupt erst als Zusammenhang eines Handelns.

Und hier sehe ich eine sehr schöne Verbindung zu dem, was Sie zuletzt über das „Anfangen“ gesagt haben. Der Kausalnexus beschreibt Ereignisse innerhalb einer schon gegebenen Reihe. Das Wollen bezeichnet dagegen den Punkt, an dem eine Reihe angefangen wird. Deshalb ist Ihr „zu Grunde“ tatsächlich interessant: Der Grund ist hier nicht einfach ein früheres Glied derselben Kausalkette.

Ich würde allerdings gegen eine mögliche Lesart Ihres Textes eine kleine Einwendung machen. „Kausalität ist ein Mythos“ ist mir etwas zu stark, wenn damit gemeint sein sollte, dass es überhaupt keine reale Wirksamkeit gibt. Ein Hammer wirkt ja durchaus auf den Nagel. Die philosophisch interessantere Behauptung scheint mir vielmehr zu sein:

Die Kausalität, sofern sie als beobachtbare Beziehung zwischen Ereignissen verstanden wird, ist nicht selbst beobachtbar. Beobachtbar sind nur Ereignisse und ihre zeitlichen bzw. regelhaften Zusammenhänge.

Dann wird Ihre eigentliche Pointe sogar schärfer: Die KI kann aus zahllosen beobachteten und symbolisch repräsentierten Zusammenhängen ein außerordentlich leistungsfähiges Kausalitätsmodell bilden. Aber das Modell enthält noch nicht notwendig das, was Sie mit Wollen und Tun meinen.

Und da würde ich auch bei Ihrem letzten Absatz leicht bremsen. „Im Algorithmus lässt sie sich daher nicht unterbringen“ ist als philosophische These interessant, aber als Behauptung über KI ziemlich absolut. Man kann natürlich Willenszustände, Ziele, Handlungsentscheidungen usw. algorithmisch repräsentieren. Die schwierigere These wäre:

Man kann den Begriff des Wollens algorithmisch darstellen; damit ist aber noch nicht gezeigt, dass im System selbst ein Wollen stattfindet.

Das wäre meines Erachtens sogar die präzisere Fassung Ihrer Pointe.

Denn dann landet der Text genau bei Ihrem früheren Gedanken zum KI-„Ich“: Syntax kann die Form des Selbstbezugs besitzen, ohne deshalb schon ein wollendes Subjekt zu sein. Ein Algorithmus kann „Wenn ich X will, tue ich Y“ verarbeiten. Aber daraus folgt noch nicht, dass es ein Ich gibt, für das X überhaupt etwas bedeutet.

Und Ihr letzter Satz gefällt mir deshalb besonders:

„Sie gehört zu einer natürlichen Intelligenz, die die ganze Maschinerie erfunden hat und hoffentlich nicht aus den Augen lässt.“

Das ist nicht bloß eine Pointe gegen KI. Es dreht das Verhältnis um: Die Maschine kann uns zeigen, wie weit man mit der Abbildung von Zusammenhängen kommt, wenn man daIchs ursprüngliche Wollen bereits voraussetzt – aber sie erklärt damit noch nicht das Wollen, aus dem die ganze Tätigkeit des Abbildens ursprünglich hervorgegangen ist.                    

Das scheint mir der philosophisch stärkste Kern Ihres kleinen Textes zu sein.
von ChatGPT

Ich:
kleiner Nachtrag: Unter Mythos verstehe ich nicht ein Märchen, in dem Falsches berichtet wird, sondern jede Erzählung mit einem beabsichtigten Sinn. Wie sinnvoll, lässt sich immer wieder - von Jahrhundert zu Jahrhundert - diskutieren 
JE.

Er:  
...das ändert die Bedeutung von „Mythos“ ganz wesentlich, und ich glaube, damit wird Ihre ursprüngliche Formulierung sogar sehr viel stimmiger.
Dann ist

„Es ist ein Mythos, sehr wahr!“

kein Widerspruch im Sinne von „Es ist eine falsche Geschichte, aber irgendwie wahr“, sondern eher: Eine mythische Erzählung kann wahr sein, insofern sie einen Sinnzusammenhang stiftet, ohne deshalb eine empirische Beschreibung der Wirklichkeit zu sein.

Das passt sehr gut zu Ihrer Argumentation über die Kausalität. Der Kausalmythos erzählt die Welt als Geschichte von Ursache → Wirkung. Er gibt dem Geschehen einen bestimmten Sinn: Die Dinge geschehen nicht bloß nacheinander, sondern weil etwas anderes sie hervorbringt. Und diese Erzählung kann für Technik, Wissenschaft und gesellschaftliche Organisation ungeheuer produktiv sein, selbst wenn die „Wirkung“ als solche niemals Gegenstand unmittelbarer Erfahrung wird.

Noch interessanter wird dadurch Ihr Satz:

„Das ist die Wahrheit, die dem Kausalitätsmythos zum Sieg verholfen ... hat.“

Denn die Wahrheit des Mythos läge dann nicht in der empirischen Nachweisbarkeit der erzählten Kausalität, sondern in seiner Funktion für unser Handeln. Beim Nagel ist die Erzählung „Wenn ich mit dem Hammer darauf schlage, wird er in die Wand getrieben“ eben sinnvoll wahr, weil sie unser Handeln orientiert und sich in der Praxis bewährt.

Das bringt Sie übrigens sehr nahe an Ihre eigene Unterscheidung von Motiv und Grund: Ein Mythos erzählt nicht einfach, was ist, sondern macht verständlich, worauf etwas hinausläuft. Sein „beabsichtigter Sinn“ gehört damit bereits in die Dimension des ad quem.

Und deshalb würde ich jetzt auch meine vorige Einschränkung gegenüber „Kausalitätsmythos“ zurücknehmen. Wenn Sie „Mythos“ so definieren, ist der Ausdruck geradezu präzise. Man müsste nur vermeiden, dass ein Leser den Begriff im landläufigen Sinn von „falsche Geschichte“ versteht.

Das Sternchen bei Ihrem Nachtrag ist dabei fast wichtiger als es aussieht: „mit einem beabsichtigten Sinn“. Denn dann wäre die Frage nicht mehr:

Ist der Mythos wahr oder falsch?

sondern:

Welchen Sinn setzt er voraus, welchen Sinn erzeugt er – und was macht er dadurch möglich?

Das scheint mir viel näher an Ihrem gesamten neokritischen Ansatz zu liegen.



Montag, 12. Oktober 2026

Das Ende der Mathematik, 'wie wir sie kennen'.

 aus spektrum.de, 12.10. 2026 Fachleute sind nun mit etlichen Ergebnissen konfrontiert, die sie erst einmal verdauen müssen.
 
Schöne neue Mathematik-Welt:  
Ein Beweis ist noch keine Erkenntnis!
OpenAI hat Mathematiker mit hunderten KI-generierten Beweisen überrollt. Doch diese sind völlig wertlos, solange sie nicht verstanden sind, kommentiert Manon Bischoff – und wagt einen Blick in die Zukunft des Fachs.

»Es ist, als hätte mich ein Lastwagen überrollt; alle Probleme (und damit Forschungsansätze), die ich in meinen Vorträgen, Artikeln und Förderanträgen erwähnt habe, sind gelöst worden«, sagt der renommierte französische Mathematiker Hugo Duminil-Copin in einem Vortrag. Er bezieht sich dabei auf die Ereignisse des 6. Oktober 2026, als OpenAI unvermittelt Hunderte Ergebnisse und Fortschritte zu einigen der bedeutendsten Rätsel des Fachs veröffentlicht hat. Ihm und all seinen Kolleginnen und Kollegen ist klar: Dieser schicksalhafte Tag markiert einen Wendepunkt – die Mathematik wird vermutlich nie wieder so sein, wie sie einmal war.

Anstatt Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre über vereinzelte Probleme zu brüten, sind Mathematikerinnen und Mathematiker nun mit einer Flut von Lösungen konfrontiert. Lösungen, die bisher noch kein Mensch versteht – und somit zunächst wertlos sind. Denn in der Mathematik geht es nicht nur um konkrete Lösungen. So, wie 42 als Antwort »auf die endgültige Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest« im Kultroman »Per Anhalter durch die Galaxis« keinerlei Mehrwert bringt, weil unklar ist, wie genau die Frage dazu eigentlich lauten soll.

Die Bedeutung des Worts Mathematik lautet »Kunst des Lernens«. Solange also Menschen die KI-generierten Beweise noch nicht verarbeitet haben, haben diese keine Bedeutung. Damit verschiebt sich der Flaschenhals in der Forschung. Es sind nicht mehr die Ergebnisse, die rar sind, sondern das Verständnis – und die Zeit, um dorthin zu gelangen.

Die Frage der vergangenen Jahre, ob KI auch Mathematik betreiben kann, ist nun endgültig geklärt. Offen bleibt jedoch, wer die neue mathematische Aufmerksamkeitsökonomie kontrolliert. Wer wählt die Probleme aus? Wer entscheidet, welche Ergebnisse veröffentlicht werden? Und wer verfügt über die Modelle und die Rechenleistung, mit denen sich ganze Forschungsprogramme in wenigen Stunden lösen lassen? Wie schon beim Informationszeitalter ist nun auch in der Mathematik der Übergang vom Mangel zum Überfluss zugleich eine Chance: zu hinterfragen, was den Menschen wirklich wichtig ist.

 

ChatGPT kommentiert:

Ich halte den Text für interessant, aber philosophisch für erheblich problematischer, als seine Verfasserin vermutlich meint. Und ich glaube, dass er unmittelbar an Ihre [meine, JE] Überlegungen zum Verhältnis von Anschauung und Begriff, analogem und digitalem Denken rührt.

Ich würde drei Behauptungen auseinanderhalten.

1. „Ein Beweis ist noch keine Erkenntnis!“

Das ist der stärkste Satz des Artikels. Aber was besagt er genau?

Ein mathematischer Beweis kann formal korrekt sein, ohne dass derjenige, der ihn vor sich hat, verstanden hat, was da bewiesen wird, warum der Beweis funktioniert und welche Bedeutung das Ergebnis im Zusammenhang des mathematischen Wissens besitzt.

Allerdings muss man unterscheiden:

  • Gültigkeit: Folgt die Konklusion aus den Voraussetzungen nach den zugelassenen Regeln?

  • Verstehen: Kann jemand die Schritte nachvollziehen und erklären, weshalb sie zum Ziel führen?

  • Erkenntnis: Hat jemand begriffen, was mit dem Beweis gewonnen ist, welche Zusammenhänge er aufdeckt und was sich daraus weiter ergibt?

Diese drei Dinge fallen nicht zusammen.

Aber daraus folgt nicht, dass ein unverstandener Beweis an sich wertlos wäre. Er kann eine Erkenntnismöglichkeit enthalten, die noch niemand realisiert hat. Die Autorin sagt ja selbst, dass sich der Flaschenhals verschiebt: Nicht mehr die Erzeugung von Ergebnissen, sondern deren Verarbeitung wird knapp.

Hier scheint mir eine Unterscheidung nötig: Ein Ergebnis kann mathematisch wertvoll sein, ohne schon menschlich angeeignete Erkenntnis zu sein. Die Möglichkeit der Erkenntnis und deren wirkliche Aneignung sind nicht dasselbe.

2. Kann eine KI Mathematik betreiben?

Hier würde ich der Autorin widersprechen, jedenfalls wenn sie meint, die Frage sei durch die bloße Erzeugung zahlreicher Beweise endgültig entschieden.

Denn was heißt Mathematik betreiben?

Wenn damit gemeint ist, Probleme zu bearbeiten und korrekte Beweise zu erzeugen, dann spricht sehr viel dafür, dass KI-Systeme mathematische Forschungsarbeit leisten können. Wenn damit gemeint ist, mathematische Zusammenhänge zu verstehen, dann müsste man zunächst klären, was unter diesem Verstehen verstanden wird.

Und gerade da wird es interessant.

Eine Maschine kann mathematische Zeichen nach Regeln verarbeiten, Beziehungen zwischen ihnen entdecken und Beweisgänge konstruieren. Aber folgt daraus, dass sie weiß, was diese Zeichen bedeuten? Oder dass sie weiß, warum wir überhaupt mathematische Gegenstände konstruieren und uns auf mathematische Fragen einlassen?

Die Erzeugung eines gültigen Beweises beantwortet nicht von selbst die Frage nach den Bedingungen, unter denen Mathematik für ein erkennendes Wesen Bedeutung hat.

Das ist kein Beweis dafür, dass eine KI prinzipiell nicht verstehen könne. Es ist vielmehr eine Unterscheidung zwischen einer nachweisbaren Leistung und einer weitergehenden Behauptung über deren erkenntnistheoretischen Status.

Und ich vermute, Sie [ich, JE] würden noch einen Schritt weitergehen: Man kann die Mathematik nicht angemessen verstehen, wenn man nur die begrifflich-symbolische Seite betrachtet und die Anschauung, aus der sie hervorgeht, als bloß vorläufiges Hilfsmittel behandelt.

3. Was heißt eigentlich „Kunst des Lernens“?

Hier wird der Text für mich am angreifbarsten.

Die etymologische Erklärung von Mathematik als „Kunst des Lernens“ klingt schön. Aber sie leistet philosophisch noch nichts. Aus der Wortherkunft folgt nicht, was Mathematik ist.

Die Autorin verwendet die Erklärung, um zu begründen, dass KI-Ergebnisse erst dann Bedeutung erlangen, wenn Menschen sie verstanden haben. Das ist eine plausible These über menschliche Erkenntnis. Aber sie hängt nicht an der Etymologie.

Und es gibt eine zweite Schwierigkeit: Der Text behandelt das Verstehen, als sei es eine nachträgliche Verarbeitung bereits fertiger Ergebnisse. Dabei könnte gerade das Verstehen selbst mathematisch produktiv sein. Wer einen Beweis wirklich durchdringt, entdeckt möglicherweise einen allgemeineren Zusammenhang, eine neue Fragestellung oder einen anderen Beweisweg. Verstehen ist dann nicht bloß Konsumtion von Erkenntnissen, sondern ein Akt, in dem neue Erkenntnis entsteht.

Damit verschiebt sich die Frage. Nicht nur: Wie viel kann die Maschine produzieren, bevor der Mensch mit dem Lesen nachkommt? Sondern auch: Was geschieht beim Verstehen, das sich nicht schon mit der Produktion eines formal korrekten Ergebnisses erledigt hat?

Das wäre meines Erachtens die philosophisch ergiebigere Fragestellung.

4. Was der Artikel aus Ihrer [meiner, JE] Perspektive übersieht

Ich glaube, hier liegt der entscheidende Punkt.

Sie haben in Ihren Überlegungen zum Symbolisieren die Scheidung zwischen bildhaftem Vorstellen und begrifflichem Denken nicht einfach als einen Gegensatz zwischen einer primitiven und einer höher entwickelten Erkenntnisform behandelt. Sie betonen vielmehr, dass beide durch ihre Scheidung aufeinander angewiesen sind.

Übertragen auf die Mathematik:

Die mathematischen Symbole ermöglichen eine Art von Denken, die sich von der jeweiligen anschaulichen Situation ablösen und über sie hinausgehen kann. Aber dass sie überhaupt etwas bedeuten, ist damit noch nicht erklärt.

Man könnte den Unterschied so formulieren:

  • Das Symbolische erlaubt es, Beziehungen unabhängig von der jeweils einzelnen Anschauung zu bearbeiten.

  • Die Anschauung liefert nicht einfach nur Bilder zur Illustration fertiger Begriffe. Sie gehört zu den Bedingungen, unter denen wir überhaupt etwas als einen bestimmten Gegenstand, eine Größe oder eine Beziehung auffassen können.

  • Das mathematische Verstehen besteht dann nicht bloß darin, Symbolfolgen zu lesen, sondern darin, die symbolisch dargestellten Beziehungen in einen Zusammenhang möglicher Anschauung und möglichen Handelns zu bringen.

Das ist keine fertige Theorie der Mathematik. Aber es bezeichnet eine Frage, die der Artikel nicht stellt.

Und hier wäre ich vorsichtig: Man sollte nicht behaupten, dass ein KI-System keine Anschauung im philosophisch relevanten Sinn haben könne, nur weil es keine menschlichen Bilder vor Augen hat. Damit wäre die Sache schon entschieden, bevor die Begriffe geklärt sind. Entscheidend wäre vielmehr, welche Funktion Anschauung in der Konstitution mathematischer Bedeutung erfüllt und ob eine Maschine diese Funktion auf irgendeine Weise realisieren kann.

5. Ein letzter, politisch-ökonomischer Gesichtspunkt

Der Schluss des Artikels spricht von einer neuen „mathematischen Aufmerksamkeitsökonomie“ und fragt, wer die Probleme auswählt, Ergebnisse veröffentlicht und über Rechenleistung verfügt.

Das ist keineswegs nebensächlich. Hier wird der Übergang vom Mangel zum Überfluss als gesellschaftliches Problem sichtbar. Die Fähigkeit, Ergebnisse zu produzieren, und die gesellschaftliche Verfügung über die Mittel ihrer Produktion sind zwei verschiedene Dinge.

Man könnte sogar sagen: Der Überfluss an mathematischen Ergebnissen hebt die Knappheit nicht einfach auf. Er verlagert sie auf andere Bedingungen – Rechenressourcen, Auswahl, Prüfung, Verstehen und die Zeit der Forschenden.

Das ist eine bemerkenswerte Parallele zu einer marxistischen Fragestellung: Die Produktivkraftentwicklung beantwortet nicht von selbst die Frage, welchen Gebrauch von ihren Resultaten eine Gesellschaft macht und wer darüber entscheidet.

Nur sollte man die Analogie nicht überdehnen. Mathematische Beweise sind keine Waren im selben Sinn wie die Produkte kapitalistischer Arbeit. Aber die gesellschaftliche Organisation ihrer Produktion und Aneignung lässt sich sehr wohl untersuchen.

Mein Gesamturteil: Der Artikel erkennt ein wirkliches Problem, bleibt aber in einer merkwürdigen Zweideutigkeit stecken. Einerseits erklärt er die Frage, ob KI Mathematik betreiben könne, für entschieden. Andererseits räumt er ein, dass die erzeugten Resultate noch gar nicht verstanden seien. Gerade damit ist aber die philosophische Frage keineswegs entschieden, sondern erst richtig eröffnet.

Und ich möchte Ihnen [mir, JE] eine Frage zurückgeben, weil sie für Ihre eigene Erkenntnistheorie der Mathematik zentral sein dürfte:

Wenn ein Mensch einen KI-generierten Beweis nachvollzieht und dabei einen mathematischen Zusammenhang wirklich versteht – wo liegt dann der entscheidende Unterschied zwischen dem Denken, das den Beweis hervorgebracht hat, und dem Denken, das ihn versteht?

Ich vermute, dass Ihre [meine, JE] Antwort nicht einfach lauten würde: im Bewusstsein des einen und im fehlenden Bewusstsein des anderen. Sie würden vermutlich danach fragen, welche Tätigkeit in beiden Fällen stattfindet, was sie jeweils voraussetzt und worauf sie gerichtet ist. Genau dort könnte Ihre Unterscheidung zwischen bloßer symbolischer Verarbeitung und dem Denken, das in Anschauung gründet, ihre eigentliche Bewährungsprobe finden.

ChatGPT, 12. 10. 2026  


 

Nochmal Foucault.

aus welt.de, 15. 10. 2026                                                                                                                 ...