Dienstag, 26. Mai 2026

Sonny Rollins ist tot.

Sonny Rollins, 2007 in seiner Heimatstadt Germantown, New York
aus FAZ.NET, 26. 5. 2026                                                                                    zu Geschmackssachen
 
Sonny Rollins ist tot
 
Trauer in der Jazzwelt: Der Musiker Sonny Rollins ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Miles Davis nannte ihn einst „den größten Tenorsaxophonisten aller Zeiten“.

Der legendäre Saxophonist und Jazzkomponist Sonny Rollins ist tot. Rollins starb im Alter von 95 Jahren in seinem Zuhause in Woodstock im US-Bundesstaat New York, wie es in einem Post auf seiner offiziellen Facebook-Seite heißt. Eine Todesursache wurde zunächst nicht bekannt gegeben. ...

Rollins wurde 1930 im New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Mit seinem unverwechselbaren Ton – voll, robust, rau, zugleich aber subtil und nuanciert – galt der vielfach ausgezeichnete Rollins in der Jazzwelt als „Saxophon-Koloss“. So nannte er auch eines seiner Alben im Jahr 1956. Er arbeitete mit allen Großen seiner Szene zusammen, ob Charlie Parker, Thelonious Monk oder John Coltrane. Die meisten von ihnen überlebte er lange.

Von seinen Aufnahmen gehören unter anderem „Oleo“, „Doxy“ und „St. Thomas“ zum Jazzstandard. Der Trompeter Miles Davis, den Rollins in seinen Anfangsjahren in verschiedenen Gruppen begleitete, nannte ihn „den größten Tenorsaxophonisten aller Zeiten“. Atemwegserkrankungen zwangen Rollins vor einigen Jahren in den Ruhestand. ...

Monets London.

Der Smog macht die Farben: Monets „Waterloo Bridge“ von 1903.
aus FAZ.NET, 15. 10. 2024                                          Waterloo Bridge                                          zu Geschmackssachen

Ein Traum auf Erbsensuppengrün
Nach 120 Jahren bekommt London endlich die Bilder zu sehen, die Claude Monet hier malte: Seine berühmte Gemäldeserie mit Themse-Ansichten wird in der Courtauld Gallery ausgestellt.

von Andreas Platthaus 

Ein Maler, zwei Räume, drei Motive, 21 Bilder. Das klingt nach nicht viel, aber zusammen ergibt es eine der schönsten Ausstellungen des Jahres. Und ein spekta­kuläres Rekonstruktionsprojekt, auch wenn es nur zur Hälfte erfolgt ist. Aber der Reihe nach.

Der Maler, das ist Claude Monet – derjenige unter den Impressionisten, auf den sich Frankreich früh als Nationalliebling geeinigt hat, was kurz vor dem Lebensende des 1840 geborenen Künstlers dadurch bekräftigt wurde, dass er seinem Heimatland (in Person seines guten Freundes Georges Clemen­ceau, des Staatspräsidenten) anlässlich des Siegs über Deutschland im Ersten Weltkrieg den jüngst vollendeten Zyklus mit großformatigen Seerosenbildern schenkte.

Der Frie­dens­vertrag von Versailles war eine süße Re­vanche auch für Monet, der 1870 mit Frau und Sohn vor den anrückenden preußischen Truppen aus Paris nach London geflohen war. Dort sah er zum ersten Mal das, was damals (und noch lange danach) als Londoner Nebel berühmt war und heute nicht mehr existiert, weil der Luftverschmutzung durch Kohlefeuerung Einhalt geboten worden ist.

Umweltverschmutrzug intensivierte diese Farbpracht: Monets „London, Parliament. Sunlight in the fog“, 1904.
Umweltverschmutzung intensivierte diese Farbpracht: Monets „London, Parliament. Sunlight in the fog“, 1904.

Dieser Smog in der damals größten Stadt der Welt sorgte für erstaunliche Himmels- und Sonnenlicht­färbungen, und da Monet erst wenige Jahre vorher damit begonnen hatte, solche Eindrücke zu zentralen Stimmungsphänomenen seiner Malerei zu machen (was der von ihm maßgeblich inspirierten Stilrichtung die anfangs als Schimpfname gedachte Bezeichnung „Impressionismus“ eintragen sollte), war er vom Exilaufenthaltsort bezaubert und nahm sich vor, in friedlicheren Zeiten dorthin zurückzukehren, um in Ruhe an einer Bilderserie zu arbeiten, die dem ihn am meisten begeisternden Phänomen gelten sollte: den wechselnden Licht­effekten auf dem Wasser der Themse. Bis es so weit war, sollte allerdings noch viel Zeit vergehen, aber schließlich kam Monet gleich dreimal hintereinander für jeweils mehrere Wochen nach London und malte: in den dunkleren Monaten der Jahre 1899, 1900 und 1901.

Freude am „köstlichen Nebel“

Die zwei Räume, das ist die Sonderausstellungsfläche der Courtauld Gallery im Somerset House. Das liegt in London, und zwar gerade einmal dreihundert Meter entfernt vom Hotel Savoy, wo Monet sich zum Malen einquartierte, weil das seinerzeit teuerste Haus der Stadt in seinen fünf Obergeschossen Zimmer mit großen Balkons zur Themse hin bot, Monet mietete gleich zwei davon: eines als Wohn-, das andere als Arbeitszimmer. In den Briefen an seine Frau, die ihn nur bei der ersten Rückkehr begleitete, begeisterte sich der Maler über das, was ihm geboten wurde, vor allem eben der „köstliche Nebel“, auf den er jeden Morgen hoffte.

Claude Monet, „Waterloo Bridge, Gray Weather“, 1900
Claude Monet, „Waterloo Bridge, Gray Weather“, 1900

„Pea soup fog“ nannten die Londoner diese Wetterlage, und die Courtauld-Kuratorin Karen Serres hatte die, nun ja, brillante Idee, ihre beiden Räume für die Sonderausstellung mit Monets Themse-Ansichten in Erbsensuppengrün streichen zu lassen.

Die Bilder strahlen darauf in Farben, die man auf ihnen nie zuvor wahrgenommen hat, und die Hängung simuliert in ihrer Dichte, was Monet empfunden haben muss, als die Sonnenauf- und -untergänge für derart schnell wechselnde Impressionen sorgten, dass er ständig an mehreren Bildern gleichzeitig malte, die ja jeweils nur eine bestimmte Stimmung festhalten sollten. Am Ende der drei Jahre waren auf diese Weise in London an die hundert Leinwände zusammengekommen, die für Monet allerdings sämtlich noch nicht fertig waren und daheim in Giverny aus der Erinnerung vollendet wurden, teilweise erst viele Jahre später.

Claude Monet, „Houses of Parliament, Sunset“, 1900–1903
Claude Monet, „Houses of Parliament, Sunset“, 1900–1903

Drei Motive, das ist die Folge von Monets Wahl seines Domizils. Flussabwärts fiel sein Blick vom Balkon des Savoy auf die Waterloo Bridge, flussaufwärts er­öffnete sich ihm ein Panorama mit der Charing Cross Bridge im Vorder- und dem neogotischen Parlamentsgebäude von Westminster im Hintergrund. Das wurden seine drei Motive, immer wieder neu inszeniert vom sich verändernden Licht, aber immer vom gleichen Standpunkt aus gemalt, wobei Monet sich für die Ansichten des Parlamentsgebäudes von 1900 an aufs andere Themse-Ufer begab, wo das Gebäude ihm direkt gegenüber lag. So entstanden insgesamt 93 Bilder: 41 Ansichten der Waterloo Bridge, 34 der Charing Cross Bridge und neunzehn von Westminster.

21 Bilder, das ist das zweigrößte Konvolut aus der Werkgruppe, der jemals versammelt wurde. Größer war nur jene Pariser Ausstellung, auf der Monet 1904 seine Themse-Ansichten überhaupt zum ersten Mal vorstellte. Da waren es 37, acht Mal Charing Cross, elf Mal Parlament und achtzehn Mal Waterloo – Monets favorisierte Bilder aus dem Gesamtkomplex, alle ­eigens von ihm frisch für die Schau vollendet. Karen Serres wollte für ihre Ausstellung so viele wie möglich davon zusammenbekommen, und es kamen aus aller Welt fast die Hälfte zusammen, nämlich achtzehn: drei Mal Charing Cross, sechs Mal Parlament und neun Mal Waterloo – also dem Verhältnis der Motive zueinander nach ziemlich genau wie in Monets ursprünglicher Auswahl.

London musste fast 120 Jahre auf diese Schau warten

Die drei zusätzlichen Bilder tragen der Tatsache Rechnung, dass sich nur zwei von Monets London-Bildern in britischen Sammlungen befinden, beides später vollendete Ansichten der Charing Cross Bridge (eine ­davon wurde 1949 Churchill von seinem Literaturagenten geschenkt – mit der Bemerkung, wenn er wieder Premierminister werde, würde sich der Nebel über England lichten).

Und schließlich noch ein Westminster-Gemälde aus dem Kunsthaus Zürich, das deshalb besonderes Interesse beanspruchen darf, weil Monet es 1905 für eine dann doch nicht zustande gekommene Londoner Ausstellung vollendete und dabei ein Motiv annähernd wiederholte, das im Vorjahr schon an den berühmten Pariser Sammler Isaac de Camondo verkauft worden war und also nicht mehr zur Verfügung stand. Nun wird nicht nur nach fast 120 Jahren die Londoner Schau endlich nachgeholt, sondern darin auch ein Vergleich beider Bilder möglich, weil das frühere aus dem Musée d’Orsay ausgeliehen werden konnte.

Genug der Fakten, am Schluss eine Impression: Diese erbsensuppengrün grundierte Ausstellung strahlt, als wären die Bilder gerade von der Staffelei genommen. Man muss hier einmal die Lichtsetzerin nennen: Zerlina Hughes. Wie wichtig ist die Arbeit solcher Koryphäen für ein Ausstellungserlebnis! Denn nur dann entfaltet sich die ganze Magie eines Bildes wie Monets „Le soleil dans le brouillard“ (Die Sonne im Nebel), sonst in der National Gallery of Canada in Ottawa und das schönste Bild der Schau. Wie da die wie eine verschrumpelte Mandarine über der Waterloo Bridge stehende Sonne durch einen Brückenbogen hindurch die Themse entflammt, das entzündet eine schier unlöschbare [...]

Monet and London – Views of the Thames. In der Courtauld Gallery, London; bis 19. Januar 2025. Der Katalog (Holborton) kostet 25 Pfund.

Montag, 25. Mai 2026

Mobilität zur Zeit der Megalithkultur.

Künstlerische Darstellung eines prähistorischen Steingrabs in einem Wald. Das halb geöffnete Grab zeigt menschliche Schädel und Knochen, umgeben von Steinen und Keramikgefäßen. Die Szene symbolisiert eine gemeinschaftliche Begräbnisstätte um 3100 v. Chr. im heutigen Sorsum. aus derStandard.at,  21. 5. 2026                      Um 3100 v. Chr. diente das Steingrab von Sorsum als gemeinschaftliche Begräbnisstätte (hier eine künstlerische Darstellung) für die dort ansässigen bäuerlichen Gemeinschaften. Genetische Analysen zeigten, dass unter den Bestatteten unter anderem der Sohn einer Familie aus einer Region war, die über 200 Kilometer weiter südlich liegt.                                                                                                                                      zu öffentliche Angelegenheiten

Überraschung aus der Steinzeit: 
Vater und Sohn durch hunderte Kilometer getrennt
Analysen von 5000 Jahre alten Megalithgräbern in Deutschland zeigen die bislang enfernteste neolithische Verwandtschaft ersten Grades – und stellen alte Annahmen infrage
 
Spätneolithisches Mosaik

Vater und Sohn lebten in einer Welt, in der zwischen der Iberischen Halbinsel und Skandinavien über zwei Jahrtausende hinweg eine Bauwut sondergleichen herrschte: Bauern errichteten Dolmen, Ganggräber, Steinkreise und Galerien aus tonnenschweren Blöcken. Die Forschung hat in diesen Monumenten lange nicht nur Ausdruck lokaler Identitäten gesehen, sondern auch Zeichen weitreichender sozialer oder ahnenbezogener Netzwerke. Ob hinter der gemeinsamen Architektursprache auch eine gemeinsame Abstammung stand, blieb offen.

Diese Frage haben Nicolas Antonio da Silva und Ben Krause-Kyora von der Universität Kiel mit ihrem Team in einer neuen Untersuchung aufgegriffen. Sie analysierten genetische Daten von 203 Individuen aus sechs deutschen Megalithgrabkomplexen, 129 Genome haben sie dafür neu sequenziert. Untersucht wurden die Bestattung in Sorsum, der einzigen bislang gut erhaltenen Fundstelle der westlichen Trichterbecherkultur, sowie fünf Fundorte der benachbarten Wartberg-Kultur: Altendorf, Niedertiefenbach, Rimbeck, Warburg und Züschen.

Archäologisch lassen sich die beiden Gruppen klar unterscheiden. Die westliche Trichterbecherkultur ist bekannt für oberirdische Ganggräber und reich verzierte Tongefäße mit ihrem charakteristischen trichterförmigen Rand. Die Wartberg-Kultur hingegen legte unterirdische Galeriegräber an und verwendete weitgehend schmucklose Keramik in Tonnenform. Sorsum selbst fällt aus dem Rahmen der eigenen Kultur: Die Grabkammer wurde in den Fels geschlagen und ähnelt damit eher den Wartberg-Anlagen.

Eine Karte zeigt Verwandtschaftsnetzwerke ersten und zweiten Grades zwischen vier Bestattungsorten (Altendorf, Niedertiefenbach, Sorsum und Warburg) in Deutschland. Verschiedene Symbole und Farben repräsentieren Geschlecht, Standorte und Y-Haplogruppen. Die Pfeile markieren Verbindungen über große Entfernungen von bis zu 230 km und illustrieren eine hohe Mobilität sowie sozialen Austausch. Ein Maßstab und ein Kompass zeigen Orientierung und Distanz.
Ein Netzwerk aus Verwandten ersten und zweiten Grades offenbart weitreichende biologische Verbindungen zwischen geografisch weit entfernten Bestattungsgemeinschaften. Die Untersuchungsergebnisse deuten auf auf eine ausgeprägte Mobilität und einen intensiven sozialen Austausch hin.
Eine Bevölkerung, zwei Stilrichtungen

Diese Besonderheit bestätigt sich auch genetisch. Laut den Analysen passen die Menschen aus Sorsum nicht zu anderen Trichterbecher-Vertretern aus dem Norden oder Osten, sondern gleichen Angehörigen der Wartberg-Kultur. Sorsum und die fünf Wartberg-Fundorte bilden eine genetisch homogene Population. Auffällig ist auch der hohe Anteil westeuropäischer Jäger-und-Sammler-Abstammung in beiden Gruppen, der vor allem über die männliche Linie weitergegeben wurde. Das deutet auf langfristige biologische Verbindungen hin.Über alle sechs Bestattungsplätze hinweg identifizierten die Forschenden 123 genetisch eng verwandte Paare, 44 davon ersten Grades, 79 zweiten Grades. Etwa die Hälfte der untersuchten Menschen hatte eine nahe Verwandte oder einen nahen Verwandten in der Stichprobe. Die wirkliche Überraschung lag jedoch zwischen den Fundorten: sechs grenzüberschreitende Verwandtschaftsbeziehungen, fünf davon mit Sorsum-Beteiligung. Das auffälligste Paar ist das des Mannes aus Niedertiefenbach und seines noch nicht erwachsenen Sohnes aus Sorsum.

Die Forschenden formulieren in ihrer im Fachjournal Science veröffentlichten Studie vorsichtig, was das bedeuten könnte. Die zusätzlich durchgeführte Analyse gemeinsam vererbter DNA-Segmente legt nahe, dass der Jugendliche ursprünglich aus dem Umfeld von Niedertiefenbach stammte, aber in Sorsum bestattet wurde. Denkbar sei etwa, dass er dort gelebt habe – als Pflege- oder Adoptivkind, vielleicht auch in einer Art Lehrverhältnis. Belegt ist dieses Szenario nicht. Man kann nur daraus schließen, dass Mobilität, Einheirat oder Austausch über erstaunlich große Distanzen nichts Außergewöhnliches waren.

Soziale statt biologische Familie

Zugleich zeigen die Daten, dass die Steinkammern keine reinen Familiengräber im engen Sinn waren. Rund 48 Prozent der untersuchten Individuen gehörten keiner engen genetischen Verwandtschaftsgruppe an. An schwedischen oder britischen Megalithanlagen liegen die vergleichbaren Werte deutlich niedriger, dort scheinen die Gräber stärker auf eine einzelne Linie beschränkt gewesen zu sein. Sorsum und die Wartberg-Anlagen funktionierten daher offenbar anders, nämlich als Gemeinschaftsgräber, in denen biologische und soziale Zugehörigkeit nebeneinanderstanden. Die Forschenden vermuten ein Netz aus gemeinsamer Kinderaufzucht, geteilten Ritualen und gemeinsamer Bauarbeit – was Verwandtschaft im weiteren Sinn schuf.

Das Bild zeigt das Galeriegrab von Züschen in Nordhessen, ein steinernes Ganggrab aus der Zeit der Wartberg-Kultur. Es ist von einem schützenden Dach umgeben. Innerhalb des Grabes sind große seitliche Steinplatten und ein sandiger Boden zu sehen.
Das Galeriegrab von Züschen in Nordhessen wurde von Angehörigen der Wartberg-Kultur errichtet.

Wer aber wanderte und wer blieb? Die rekonstruierten Stammbäume aus Sorsum und Niedertiefenbach zeigen eine durchgehende Linie männlicher Vorfahren über bis zu sechs Generationen, abzulesen am Y-Chromosom. Die mitochondrialen Linien der eingeheirateten Frauen sind dagegen breit gefächert. Statistische Analysen der genetischen Unterschiede innerhalb der Geschlechter bestätigen das Bild: Frauen waren mobiler als Männer.

Fachsprachlich heißt das Virilokalität – also dass Männer eher in der Gemeinschaft ihrer Eltern blieben – und weibliche Exogamie, was bedeutet, dass Frauen ihre Partner außerhalb der Geburtsgemeinschaft suchten. Auffällig ist auch, dass Frauen in den Gräbern unterrepräsentiert sind. Sie machen nur rund 40 Prozent der analysierten Individuen aus. Wo die übrigen begraben wurden, bleibt unklar.

Kein europäischer Stammbaum

Wer aus diesen Befunden ein gesamteuropäisches Megalithnetzwerk basteln möchte, wird enttäuscht. Genetische Verbindungen zu den Erbauern der atlantischen Anlagen auf den Britischen Inseln oder zu den Trichterbecher-Gruppen Südskandinaviens fanden sich kaum. Die Wartberg- und Sorsum-Gemeinschaften bildeten ein dichtes regionales Netz, das vereinzelte Spuren bis ins westliche Deutschland und ins Pariser Becken zog. Aber die großen Steinbauten verbreiteten sich nicht über biologische Großfamilien, sondern vielmehr als Idee. Architektonische Konzepte, Bestattungsrituale und Weltbilder reisten über die Köpfe und Hände der Menschen, nicht über deren Erbgut.

Damit offenbaren sich zwei unterschiedliche Aspekte: Auf der einen Seite eine spätneolithische Welt, in der Menschen offenbar regelmäßig zwischen entfernten Siedlungen wechselten, in der ein Kind 225 Kilometer von seinem Vater begraben werden konnte und in der Gräber Platz für ganz unterschiedliche Menschen boten. Auf der anderen Seite eine Welt, in der das verbindende Element der Megalithkultur eben nicht das Blut war, sondern die geteilte Vorstellung davon, wie man seine Toten unter tonnenschweren Steinen zur Ruhe bettet. 

 

Sonntag, 24. Mai 2026

Das Archimedes-Palimpsest.

Blatt eines Palimsests mit sehr dunklen Rändern, das nun wieder aufgetaucht ist
aus derStandard.at, 13. März 2026       Das neu entdeckte Blatt, auf dem der Text und die Grafiken des Archimedes (schwach im Hintergrund) und auch, quer dazu, die Überschreibung aus dem 13. Jahrhundert sichtbar sind.               zu Ebmeiers Realien

Forscher entdeckt fehlende Seite des legendären Archimedes-Pa-limpsests
Die mehr als 1000 Jahre alte, einzigartige Abschrift wichtiger Werke des antiken Mathe-
matikers hat eine wahre Odyssee hinter sich. Nun fehlen nur noch zwei von 177 Blättern

Archimedes war einer der wichtigsten Mathematiker und Physiker der Antike. Der Gelehrte, der im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte, formulierte unter anderem das Hebelgesetz, das die Grundlage der späteren Mechanik wurde; nach ihm wurden auch der archimedische Punkt und das archimedische Prinzip benannt, das den Auftrieb eines Körpers in einem flüssigen Medium beschreibt. Auch der freudige Ausruf "Heureka!" ("Ich habe es gefunden!" – anlässlich der Entdeckung "seines" Prinzips) geht auf ihn zurück.

Der außergewöhnliche Ruf des großen Naturforschers verdankt sich seinen zahlreichen Werken und der Tatsache, dass viele von ihnen in Abschriften bis in die Neuzeit erhalten blieben. Eine besonders abenteuerliche Odyssee, über die sich selbst schon fast ein Buch schreiben ließe, hat eine dieser Kopien hinter sich: das sogenannte Archimedes-Palimpsest, das im 10. Jahrhundert angefertigt wurde und das die einzige bekannte (griechische) Abschrift seiner Methodenlehre und der Abhandlung Über schwimmende Körper enthält.

Fund bei Online-Recherchen

Bis vor kurzem fehlten von diesem Manuskript, das im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und im 21. Jahrhundert in vollem Umfang lesbar gemacht wurde, allerdings drei der ursprünglich 177 Blätter. Nun sind es nur noch zwei. Denn eine dieser Seiten ist dank eines französischen Forschers wieder aufgetaucht. Der französische Altphilologe und Wissenschaftshistoriker Victor Gysembergh identifizierte das Blatt in der Sammlung der Musée des Beaux-Arts der Stadt Blois in Zentralfrankreich.

Der Forscher, der am französischen Forschungszentrum CNRS und an der Sorbonne arbeitet, war bei seinen Online-Recherchen auf eine Seite gestoßen, unter deren Text sich ein weiterer Text mit geometrischen Abbildungen abzeichnete. So etwas nennt sich Palimpsest – also ein Pergament, dessen ursprünglicher Text abgeschabt oder abgewaschen wurde, um aus Kostengründen Platz für ein neues Werk zu schaffen. Gysembergh hatte einen Verdacht, der sich als richtig erwies: Es handelte sich um die fehlende Seite 123, wie er in der Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik berichtet.

Sehr bewegte Geschichte

Um die Bedeutung dieses Funds richtig einschätzen zu können, ist ein Blick zurück auf die bewegte Geschichte dieser Archimedes-Schrift hilfreich. Angefertigt wurde die Abschrift in Konstantinopel, das im Jahr 1204 während des 4. Kreuzzugs geplündert wurde. Viele Bibliotheken gingen in Flammen auf. Doch einige Jahre später tauchte dieser Archimedes-Kodex in der Nähe von Jerusalem auf. Das Pergament wurde auseinandergenommen, abgekratzt, gewaschen und im Jahr 1229 mit christlichen liturgischen Texten über 177 Seiten neu beschrieben, also zu einem Palimpsest.

Im 19. Jahrhundert besuchte der Theologe Konstantin von Tischendorf Konstantinopel und untersuchte die Bibliothek des Metochion des Heiligen Grabes. Dort entdeckte er das Palimpsest und nahm eine Seite mit nach Europa, die später in der Bibliothek der Universität Cambridge landete. 1899 katalogisierte der griechische Gelehrte Athanasios Papadopoulos-Kerameus die Handschrift (Kodex C, Ms. 355) und veröffentlichte eine Transkription einiger sichtbarer Zeilen.

Der dänische Mathematikhistoriker Johan Heiberg erkannte sofort, dass einige der sichtbaren Zeilen aus Archimedes’ Werk Über Kugel und Zylinder stammten. 1906 untersuchte er das Palimpsest vor Ort und fotografierte vorsichtig sämtliche vorhandenen Seiten. Auf Grundlage dieser Bilder fertigte er Transkriptionen an, die er zwischen 1910 und 1915 veröffentlichte. Noch 1920 befand sich das Manuskript im Metochion, verschwand jedoch während der politischen Unruhen und des Griechisch-Türkischen Kriegs.

Fragwürdige Geschäfte

1932 tauchte es im Besitz des Pariser Antiquitätenhändlers Salomon Guerson auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte es dem Pariser Geschäftsmann Marie Louis Sirieix, der behauptete, es von einem Mönch gekauft zu haben, jedoch keinen Beleg vorlegen konnte. Jahrzehntelang lagerte das Palimpsest in seinem feuchten Keller und wurde beschädigt. Zudem fügte ein Fälscher nach 1938 vier vergoldete Porträts der Evangelisten hinzu, um den Wert zu steigern. Dabei wurde der darunterliegende Text teilweise zerstört. Moderne Röntgenfluoreszenzmethoden wurden später nötig, um ihn wieder sichtbar zu machen.

Blatt des Palimpsests, das einen Evangelisten mit zwei Löwen vor goldenem Hintergrund zeigt.
Auch das nun entdeckte Blatt enthält ein nachträglich hinzugefügtes Porträt eines Evangelisten, was die Sichtbarmachung des Originaltexts erschwert.

Nach Sirieix’ Tod versuchte seine Tochter das Manuskript zu verkaufen. 1998 kam es bei Christie’s in New York zur Versteigerung. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Jerusalem klagte auf Eigentum, da das Manuskript angeblich gestohlen worden war, verlor jedoch den Prozess. Das Palimpsest wurde schließlich für zwei Millionen Dollar an einen anonymen Bieter verkauft, der es 1999 dem Walters Art Museum in Baltimore zur wissenschaftlichen Untersuchung zur Verfügung stellte.

In einem zehnjährigen Projekt wurde es konserviert und mit modernen bildgebenden Verfahren untersucht. Experten fotografierten die Seiten in verschiedenen Spektralbereichen von Ultraviolett bis Infrarot, um den ursprünglichen Text sichtbar zu machen. Auch hochfokussierte Röntgenstrahlen kamen zum Einsatz, insbesondere bei Stellen, die durch spätere Miniaturen überdeckt waren. (Detaillierte Materialien dazu sind hier online verfügbar.)

"Über Kugel und Zylinder"

Dass Gysembergh sich in der Online-Datenbank des Museums von Blois auf die Suche begab, war kein Zufall. Dort wird ein Teil der Bibliothek der französischen Könige aufbewahrt. Nachdem er auf die verdächtige Seite gestoßen war, verglich er den Text mit den ebenfalls online zugänglichen Fotos, die Johan Heiberg 1906 angefertigt hatte. "Wenn es mehrere handschriftliche Kopien desselben Textes gibt, schleichen sich immer Fehler ein. Aber hier ist der Schriftstil exakt derselbe, jeder einzelne Buchstabe ist genau derselbe", sagt der Forscher der Agentur AFP.

Das wiedergefundene Pergament enthält auf der einen Seite erkennbar zwei übereinandergeschriebene Texte. Auf der anderen Seite ist eine Illustration eines Heiligen zu sehen, unter der sich vermutlich ebenfalls Abschnitte der Niederschrift von Archimedes befinden. "Es handelt sich um die Abhandlung Über Kugel und Zylinder, konkret um Buch I und die Sätze 39 bis 41", sagt der Forscher, der das Pergament nun ebenfalls mit Spezialkameras und Röntgenstrahlen untersuchen will, um den ursprünglichen Text zu entziffern.

Der Fund nähre zudem die Hoffnung, nun auch die beiden letzten fehlenden Seiten wiederzufinden, sagte der Forscher. Institutionen und private Sammler, die vergleichbare Manuskripte hätten, sollten diese genau prüfen. 

 

Samstag, 23. Mai 2026

Der Anteil der Aufmerksamkeit an der pp. Intelligenz.


aus spektrum.de, 06.11.202                                                           zu Levana, oder Erziehlehre

Flynn-Effekt
Erwachsene können sich immer besser konzentrieren
Laut Intelligenztests ist der durchschnittliche IQ jahrzehntelang gestiegen. Dieser »Flynn-Effekt« zeigt sich auch in einem Standard-Aufmerksamkeitstest – aber nur bei Erwach-senen. Bei Kindern sieht es etwas anders.

von Christiane Gelitz

Das Konzentrationsvermögen von Erwachsenen ist in den vergangenen 20 bis 30 Jahren gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Metaanalyse in der Fachzeit-schrift »Personality and Individual Differences«. Die Forschungsgruppe um Denise Andrzejewski von der Universität Wien sieht darin einen ersten Beleg dafür, dass auch die Aufmerksamkeit dem Flynn-Effekt unterliegt.

Der Flynn-Effekt bezeichnet ein Phänomen, das Mitte bis Ende des 20. Jahrhun-derts in vielen Ländern beobachtet wurde: Der mittlere Intelligenzquotient – das Ergebnis von standardisierten Intelligenztests – stieg von Generation zu Genera-tion. Benannt ist der Effekt nach dem Politologen James Flynn, der erstmals 1984 darüber berichtet hatte. Im Schnitt legte der IQ pro Jahrzehnt rund drei Punkte zu, doch inzwischen stagniert die Entwicklung in einigen Ländern, und in manchen hat sich der Trend sogar umgekehrt. Über die Ursachen sind sich Fachleute bis heute nicht einig.

Der Test besteht aus 14 Zeilen (in der Neufassung 12 Zeilen), und jede Zeile ist ge-füllt mit 47 Zeichen, darunter ausschließlich die Buchstaben d und p sowie teilweise ein oder zwei kleine senkrechte Striche über oder unter den Buchstaben. Die Auf-gabe: jedes d mit zwei Strichen durchzustreichen, möglichst fehlerfrei, aber auch möglichst schnell, denn die Zeit ist auf im Mittel 20 Sekunden pro Zeile begrenzt.

Im Durchschnitt stieg die Konzentrationsleistung (definiert als die Zahl von korrek-ten minus falschen Antworten) bei den Erwachsenen mit den Jahren moderat an. Bei den Kindern blieb sie jedoch in etwa gleich: Sie arbeiteten zwar zunehmend schneller, machten dabei aber mehr Fehler. Die Forschenden deuten das als Hinweis auf ein impulsives, oberflächlicheres Testverhalten, möglicherweise dadurch verursacht, dass die Gesellschaft heute fehlertoleranter sei und dass Leistung eher an Geschwindigkeit als an Genauigkeit gemessen werde.

Allerdings fielen die Ergebnisse etwas anders aus, als die Gruppe die deutschsprachigen Länder separat betrachtete. Die Kinder machten hier nicht mehr, sondern weniger Fehler, und das Konzentrationsvermögen der Erwachsenen war nicht gestiegen. Das Gesamtfazit über mehr als 30 Länder lautete dennoch: Der Flynn-Effekt gilt auch für das Konzentrationsvermögen. Und dieser Zuwachs könnte zu einem Anstieg der Intelligenz – dem eigentlichen Flynn-Effekt – beitragen.

  • Warum Schule schadet.
  •  Anregende Langeweile
  • Konzentrieren und zerstreuen.
  • Nota. - In die Medien kommen Intelligenzdebatten regelmäßig als Beiwerk von Bildungsfragen - die ihrerseits zu Schul- und Lernfragen verengt werden. Unter Intelligenz kann viel Verschiedenes verstanden werden. Gleich am Anfang: aktuelle Leistung oder latentes Vermögen. Aufmerksamkeit und Konzentration - auch nicht ganz dasselbe - gehören zur Leistungskraft und nicht zum bloßen Denken. Das große Unglück der Schulen im Westen ist, dass sie in Jahrhunderten zu Dressuran-stalten für Konzentration und Gedächtnis entwickelt wurden. Eigene Denkarbeit wurde nicht nur nicht gefördert, sondern oft gelähmt. Sie ist jedoch das eigentliche Ziel von Aufmerksamkeit und Konzentration, die ihnen lediglich als Mittel dienen. 

    Bleibt als Ergebnis nur übrig, dass erstens kein Anhaltspunkt sichtbar wird, der ein evtl. Rückgang des Flynn-Effekt verständlich machen könnte; und zweitens der überraschende Umstand, dass die deutschsprachigen Länder aus dem allgemeinen Rahmen fallen - nämlich ihre Schulkinder.  

    Ich will mich Ihnen nicht aufdrängen, aber erlauben Sie mir die Bemerkung, dass in Deutschland und Österreich jahrzehntelang der Nachmittag schulfrei war und gott-lob weitgehend noch ist, und der Nachmittag Zeit und Raum für selbstbestimmte Unternehmung Zeit und Raum bot. 
    Is ja nur so'ne Idee...
    JE 

     

    Freitag, 22. Mai 2026

    Depression und Energiekrise.

    Illustration zweier Mitochondrien. Die Strukturen sind in leuchtenden Farben dargestellt, die Details der inneren Textur und Muster hervorheben. Der Hintergrund ist einfarbig und kontrastiert mit den bunten Strukturen, um die Sichtbarkeit zu verbessern. 
    aus spektrum.de, 13. 3. 2026                                                                      zu Jochen Ebmeiers Realien
     
    Energiekrise im Körper:  
    Depressionen bringen Mitochondrien ans Limit 
    Warum fühlen sich depressive Menschen oft erschöpft? Ein Forschungsteam vermutet die Antwort tief in den Kraftwerken der Zellen.

    von Anna von Hopffgarten

    Menschen mit Depressionen leiden häufig unter starker Erschöpfung – selbst ohne körperliche Belastung. Ein Forschungsteam aus Australien und den USA liefert nun Hinweise auf mögliche Ursachen: Die Mitochondrien von Menschen mit Depressionen arbeiten schon im Ruhezustand ungewöhnlich intensiv. Dadurch fehlt ihnen die Fähigkeit, bei zusätzlichem Stress ihre Energieproduktion angemessen zu erhöhen.  

    Das Team untersuchte junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren mit einer diagnostizierten Depression und verglich sie mit gesunden Kontrollprobanden. Es nutzte dabei ein Verfahren namens 31P-Magnetresonanzspektroskopie, um die Konzentration von Adenosintriphosphat (ATP) im Gehirn zu bestimmen. ATP ist der zentrale Energieträger der Zellen: Die Mitochondrien produzieren es fortlau-fend und stellen damit den »Brennstoff« bereit, den der Körper für zahlreiche molekulare und zelluläre Funktionen benötigt. Zusätzlich analysierte die Gruppe anhand von Blutproben die Energiebilanz bestimmter Immunzellen.

    Das Ergebnis: Die Mitochondrien im Gehirn depressiver Versuchspersonen stellten im Ruhezustand viel mehr ATP her als die im Gehirn der Kontrollprobanden. Auch die Immunzellen enthielten in Ruhe mehr ATP als bei Gesunden. In beiden Fällen hing die Menge des Energieträgers eng mit dem Ausmaß der empfundenen Erschöpfung zusammen: Je stärker diese gemäß der Fatigue Severity Scale war, desto mehr ATP lag vor.

    Donnerstag, 21. Mai 2026

    Der Mensch neigt generisch zu rechts.

    Ein Kind schreibt mit einem Bleistift, den es in der linken Hand hält, auf einem weißen Blatt              zu Jochen Ebmeiers Realien
    aus derStandard.at, 18. 5. 2026     Linkshändigkeit ist beim Menschen die große Ausnahme. Neun von zehn Menschen bevorzugen die rechte Hand.

    Evolutionäres Rätsel
    Warum die allermeisten Menschen Rechtshänder sind
    Unter den Menschenaffen ist Homo sapiens die einzige Art mit dieser eindeutigen Präferenz. Eine neue Studie nennt dafür zwei wahrscheinliche Gründe

    Es ist eines der rätselhafteren Merkmale der menschlichen Evolution: Fast 90 Prozent aller Menschen bevorzugen ihre rechte Hand, wie eine Meta-Analyse im Jahr 2020 ermittelte – und das unabhängig von Kultur, Herkunft oder Epoche. Keine andere Primatenart weist eine derart ausgeprägte Dominanz einer Körperseite auf. Zwar zeigen auch Menschenaffen oder Affen individuelle Vorlieben beim Greifen, Werkzeuggebrauch oder Klettern. Doch ein so eindeutiges Muster wie beim Menschen existiert dort nicht.

    Seit Jahrzehnten versuchen Forschende zu erklären, warum ausgerechnet beim Menschen eine so starke Rechtshändigkeit ausgeprägt ist. Gene, Gehirnstruktur, Sprachentwicklung oder soziale Kooperation wurden als mögliche Ursachen diskutiert. Eine neue Studie der Universität Oxford legt nun nahe, dass die Antwort deutlich tiefer in der Evolution verankert ist: im aufrechten Gang – und in der außergewöhnlichen Vergrößerung des menschlichen Gehirns.

    41 untersuchte Primatenarten

    Die Untersuchung wurde unter Leitung des Evolutionsanthropologen Thomas Püschel an der School of Anthropology and Museum Ethnography der Universität Oxford durchgeführt und kürzlich im Fachjournal PLoS Biology veröffentlicht. Gemeinsam mit Rachel Hurwitz und dem Evolutionsbiologen Chris Venditti von der University of Reading analysierte Püschel Daten von 2025 Individuen aus insgesamt 41 Primatenarten.

    Ein historisches SW-Foto zeigt eine Schimpansin, die mit dem rechten Zeigefinder auf einer Schreibmaschine tippt.
    Nanette, eine Schimpansin im Zoo in Zürich, dürfte auch eher Rechtshänderin gewesen sein. Bei nicht-menschlichen Primaten sind Links- und Rechtshändigkeit aber längst nicht so eindeutig verteilt wie bei Homo sapiens.

    Die drei Forschenden kombinierten dabei Verhaltensdaten mit evolutionären Stammbäumen und nutzten statistische Modelle, um verschiedene Hypothesen zur Entstehung der Händigkeit zu testen. Untersucht wurden unter anderem Werkzeuggebrauch, Ernährungsweise, Körpergröße, Lebensraum, soziale Organisation, Gehirnvolumen und Fortbewegungsart.Überraschend eindeutiges Ergebnis

    Das Ergebnis überraschte auch Püschel und sein Team. Menschen wirkten zunächst wie ein extremer Ausreißer: Keine andere Primatenart zeigte eine vergleichbare Dominanz der rechten Hand. Als die Modelle jedoch um zwei entscheidende Faktoren ergänzt wurden – Gehirngröße und das Verhältnis von Arm- zu Beinlänge als Marker für Zweibeinigkeit –, verschwand die Sonderstellung des Menschen weitgehend. Mit anderen Worten: Berücksichtigt man den aufrechten Gang und die enorme Expansion des Gehirns, erscheint die menschliche Rechtshändigkeit nicht mehr als evolutionäre Ausnahme, sondern als logische Folge bestimmter Entwicklungsschritte.

    "Das ist die erste Studie, die mehrere zentrale Hypothesen zur menschlichen Händigkeit in einem einzigen Modell untersucht", erklärt Studienleiter Thomas Püschel in einer Aussendung der Uni Oxford. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Händigkeit eng mit jenen Eigenschaften verbunden sei, die den Menschen überhaupt erst zum Menschen gemacht hätten: aufrechtes Gehen und große Gehirne. Besonders interessant ist dabei die rekonstruierte Entwicklungslinie früher Menschenarten. Mithilfe ihrer Modelle versuchten die Forschenden auch abzuschätzen, wie ausgeprägt die Händigkeit ausgestorbener Homininen gewesen sein könnte.

    Rechtshänder in der Evolution

    Demnach hatten frühe Vormenschen wie Ardipithecus oder Australopithecus vermutlich nur eine leichte Präferenz für die rechte Hand – ähnlich wie heutige Menschenaffen. Erst mit dem Auftreten der Gattung Homo verstärkte sich die Tendenz deutlich. Bei Homo ergaster, Homo erectus und später den Neandertalern entwickelte sich zunehmend jene starke Rechtsdominanz, die schließlich beim modernen Homo sapiens beinahe universell wurde.

    Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet allerdings Homo floresiensis – jene kleinwüchsige Menschenart aus Indonesien, die wegen ihrer geringen Körpergröße oft als Hobbit bezeichnet wird. Für sie sagen die Modelle nur eine schwache Rechtshändigkeit voraus. Auch das passt laut den Forschenden ins Bild: Homo floresiensis besaß ein vergleichsweise kleines Gehirn und war anatomisch sowohl ans Klettern als auch an den aufrechten Gang angepasst.

    Zwei Schritte zur Präferenz

    Die Studie zeichnet damit eine evolutionäre Zwei-Stufen-Geschichte nach. Zunächst befreite der aufrechte Gang die Hände von der Fortbewegung. Dadurch konnten feinere und spezialisierte Bewegungen entstehen – etwa beim Tragen, Greifen oder später beim Werkzeuggebrauch. In einem zweiten Schritt führte die Vergrößerung und Umorganisation des Gehirns offenbar dazu, dass sich bestimmte Funktionen stärker auf eine Hirnhälfte konzentrierten. Diese sogenannte Lateralisierung könnte schließlich die starke Dominanz der rechten Hand hervorgebracht haben.

    Warum allerdings bis heute etwa jeder zehnte Mensch linkshändig geblieben ist, bleibt weiterhin ungeklärt. Denkbar wäre laut den Forschenden, dass eine gewisse Vielfalt evolutionäre Vorteile bot – etwa bei Kampf, Kooperation oder Werkzeuggebrauch. Auch kulturelle Faktoren könnten eine Rolle gespielt haben. Faktum ist, dass Linkshänderinnen und Linkshänder in Ballsportarten mit schnellen Ballwechseln (wie Tischtennis) deutlich öfter als mit zehn Prozent im Top-Bereich vertreten sind.

    Händigkeit im Tierreich

    Offen bleibt zudem, ob ähnliche Mechanismen auch bei anderen Tierarten wirken. Einige Papageienarten zeigen etwa deutliche Präferenzen beim Greifen mit den Krallen, Kängurus bevorzugen häufig eine Körperseite bei bestimmten Bewegungen. Die Parallelen könnten darauf hinweisen, dass sich funktionelle Asymmetrien im Tierreich mehrfach unabhängig voneinander entwickelt haben.

    Die neue Studie liefert mithin keinen endgültigen Beweis für den Ursprung der menschlichen Rechtshändigkeit. Sie bietet aber erstmals ein konsistentes evolutionäres Modell, das Anatomie, Gehirnentwicklung und Fortbewegung gemeinsam betrachtet – und damit eine der ältesten Fragen der Anthropologie in einen neuen Zusammenhang stellt. 

     

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