zuEbmeiers Realien aus derStandard.at, 19. Mai 2026 Künstlerische Darstellung des "Todestanzes" zweier Schwarzer
Löcher. Forscher glauben, das bisher massereichste Paar Schwarzer Löcher
entdeckt zu haben, das bei diesem Vorgang beobachtet wurde.
"Kritischer Kollaps"
Neue Formel bestätigt mögliche Entstehung winziger Schwarzer Löcher
Physiker finden
eine Formel für ein merkwürdiges Phänomen: Wenn Raum und Zeit eine Art
"Kristall" bilden, führt das womöglich zu einem kleinen Schwarzen Loch
Neben den berühmten Schwarzen Löchern mit ihren gigantischen Ausmaßen
gibt es im Universum theoretisch auch mikroskopisch kleine Varianten.
Beginnen wir mit Neuigkeiten von den Giganten: In einer 4,4 Milliarden
Lichtjahre entfernten Galaxie haben Astronomen möglicherweise das
massereichste Paar Schwarzer Löcher entdeckt, das bisher gefunden wurde.
Zusammen haben diese Giganten eine geschätzte Masse, die 60 Milliarden
Mal so groß ist wie die unserer Sonne – und mindestens doppelt so groß
ist wie das bisherige Rekordduo, berichtete kürzlich ein Team um Michael
McDonald (MIT) im Fachblatt Astrophysical Journal Letters.
Doch hier soll es vor allem ums Gegenteil gehen: winzige,
mikroskopische Objekte, die durch kleinste Energiezufuhr aus bestimmten
kritischen Zuständen hervorgehen können. Solche Zustände könnten etwa
kurz nach dem Urknall entstanden sein – als das Universum noch ein
chaotisches Gemisch aus Teilchen war. Das könnte zu sogenannten
"primordialen Schwarzen Löchern" geführt haben, die unter anderem von
Stephen Hawking vorgeschlagen wurden, für die es aber noch keinen
empirischen Nachweis gibt.
Die theoretische Möglichkeit solcher kritischen Strukturen wurde
bereits durch Computersimulationen bewiesen. Nun ist es einem Team der
Goethe-Universität Frankfurt und der Technischen Universität Wien
gelungen, dieses Ergebnis mittels eines mathematischen Kniffs und einer
exakten Formel zu bestätigen und im renommierten Fachblatt Physical Review Letters zu veröffentlichen.
Wasser als Analogie
„Manchmal reicht eine kleine, unspektakuläre Ursache, um eine große, spektakuläre Veränderung auszulösen", sagt Ko-Autor Daniel Grumiller,
theoretischer Physiker von der TU Wien. "Stellen wir uns zum Beispiel
flüssiges Wasser bei null Grad Celsius vor. Hier reicht eine kleine
Veränderung, um das Wasser gefrieren zu lassen. Ganz von selbst ordnen
sich die Wassermoleküle dann zu einem regelmäßigen Muster an und bilden
einen Eiskristall."
Etwas ganz Ähnliches kann nach Albert Einsteins Relativitätstheorie
auch in Raum und Zeit passieren: Bewegen sich Teilchen von A nach B, hat
das einen Einfluss auf Raum und Zeit. "Man sagt: Die Raumzeit wird
durch Masse gekrümmt", erklärt Christian Ecker vom Institut für
Theoretische Physik an der Goethe-Universität Frankfurt. "Große Objekte
wie etwa Sterne krümmen die Raumzeit stark – das kann man etwa bei
Lichtstrahlen beobachten, die von massereichen Sternen abgelenkt werden.
Aber in geringerem Ausmaß verursachen auch kleine Massen eine Krümmung
von Raum und Zeit."
"Kritischer Kollaps"
Ähnlich wie die
Physik den Wassermolekülen erlaubt, aus ungeordnetem, flüssigem Wasser
einen regelmäßigen Kristall zu bilden, erlaubt die Relativitätstheorie,
dass sich aus Raumzeitkrümmungen eine regelmäßige Struktur bildet – ein
immer wiederkehrendes Muster in Raum und Zeit. Eine Art
"Raumzeitkristall" entsteht. Der Prozess, der zu diesem Zustand führt,
wird in der Physik "kritischer Kollaps" genannt.
Visualisierung eines "Raumzeitkristalls" (links), rechts im
Vergleich dazu ein gewöhnlicher Kristall, oben: ein Schwarzes Loch.
"Dieser Raumzeitkristall ist ein ganz besonderes und merkwürdiges
Objekt", sagt Grumiller. "Er ist eine Art Zwischenzustand, ein
instabiler Punkt, der sich in zwei Richtungen entwickeln kann: Er kann
einfach wieder zerfallen – übrig bleibt eine gewöhnliche Raumzeit mit
herumfliegenden Teilchen. Wenn man allerdings eine minimale Menge an
Energie zuführt, nimmt die Entwicklung eine völlig andere Richtung: Aus
dem unscheinbaren "Raumzeitkristall" wird ein Schwarzes Loch."
Alte Vermutung bestätigt
Dass
sich Schwarze Löcher auf diese Weise spontan bilden können, legten
bereits Computersimulationen aus dem Jahr 1993 nahe. Seither versuchte
man, den Prozess rechnerisch zu beschreiben und die korrekten Formeln
dafür aufzustellen – aber das stellte sich als äußerst schwierig heraus.
Dem Team aus Wien und Frankfurt gelang das nun durch einen
verblüffenden Trick: "Unser Universum hat vier Dimensionen – drei
Raumdimensionen und die Dimension der Zeit", erläutert Christian Ecker.
"Prinzipiell hindert uns aber nichts daran, physikalische Gleichungen
für eine höhere Anzahl von Dimensionen aufzuschreiben – für fünf
Dimensionen, oder zweiundvierzig, oder für unendlich viele."
Man könnte erwarten, dass die Theorie dadurch noch viel komplexer
wird, aber das ist nicht notwendigerweise der Fall. Das Team konnte
zeigen, dass sich im Grenzfall unendlich vieler Dimensionen manche
hochkomplexen Fragen auf verblüffend einfache Weise beantworten lassen.
Im Anschluss wird überprüft, ob sich die Lösung auch auf den Fall einer
geringeren Anzahl von Dimensionen "rückübersetzen" lässt. Auf diese
Weise konnte das Team durch den Umweg über eine hypothetische,
unendlich-dimensionale Welt eine Erkenntnis über unsere vierdimensionale
Welt gewinnen.
"Unsere Technik erweist sich als stabil. Je nach gewünschter
Präzision können wir unsere Formeln sogar noch durch zusätzliche
Näherungsmethoden verbessern", so Florian Ecker von der TU Wien. "Wir
haben damit eine Methode entwickelt, mit der man Phänomene rund um
Schwarze Löcher untersuchen kann, die bisher nicht analysierbar waren."
Keine größere Gefahr
Bleibt die
Frage, welchen Schaden solche mikroskopisch kleinen Schwarzen Löcher
anrichten können, falls es sie tatsächlich gibt. Der hängt von ihrer
Masse ab, wie Physiker vor wenigen Monaten ermittelten.
Dai De-Chang und Dejan Stojkovic kamen zu dem Schluss, dass selbst ein
primordiales Schwarzes Loch von der Masse eines mittleren Berges, das
sich schnell genug bewegt, beim Durchgang durch einen Festkörper nur
einen Tunnel von einem Zehntausendstelmillimeter hinterlassen würde.
Wäre ein solches exotisches Objekt also klein genug, könnte es einen
menschlichen Körper durchfliegen, ohne dass man davon Notiz nehmen
würde. Die Menge an Material, die es bei der Durchreise aufnimmt, wäre
also kaum der Rede wert. (red, tasch.)
aus derStandard.at, 17. 5. 2026 Laut der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage waren
hierzulande nur 8,1 Prozent an einer "echten" Ganztagsschule angemeldet. zuLevana, oder Erziehlehre
Drittel der Kinder an Ganztagsschule, kaum verschränktes Angebot
Regional gibt es
große Unterschiede. Die Länder erwarten in den nächsten Jahren nur eine
geringe Steigerung bei den Betreuungsquoten
Wien – In Österreich gehen immer noch die meisten Kinder in eine
Halbtagsschule. In diesem Schuljahr haben an Pflichtschulen (vor allem
Volks- und Mittelschule) und AHS-Unterstufen 33,7 Prozent einen Standort
mit ganztägigem Angebot besucht. Nur 8,1 Prozent waren dabei an einer
"echten" Ganztagsschule angemeldet, in der sich Unterricht mit Lern- und
Freizeit abwechselt, zeigt die Beantwortung einer parlamentarischen
Anfrage der Grünen durch Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos).
Die
Infografik zeigt den Anteil der Schülerinnen und Schüler in
Ganztagsschulen oder Tagesbetreuung für das Schuljahr 2025/26. Insgesamt
liegt der Anteil bei 33,7 %. Die AHS-Unterstufe hat mit 45,1 % den
höchsten Wert, die Mittelschule mit 19,5 % den niedrigsten. Volksschule
und Sonderschule liegen bei 39,4 % beziehungsweise 34,1 %. Quelle:
BMBWF.
Seit 15 Jahren versucht der Bund über Fördergelder den Ausbau
ganztägiger Angebote an Pflichtschulen (Volks-, Mittel-, Sonder- und
Polytechnische Schule) und AHS-Unterstufen voranzutreiben. Abgerufen
wurden die nach wechselnden Kriterien vergebenen Mittel nur zum Teil. Im
Langzeitvergleich hat sich bei den Betreuungsquoten trotzdem langsam,
aber stetig etwas getan: 2010/11 nutzte gerade ein Zehntel der
Pflichtschüler ein ganztägiges Schulangebot, inklusive Hort wurden 17,3
Prozent am Nachmittag betreut. 2020/21 lag die Quote bereits bei 26,2
beziehungsweise 41,3 Prozent, im vergangenen Schuljahr waren es 32,4
Prozent beziehungsweise 47,5 bei Einberechnung der Hortbetreuung (für
das aktuelle Schuljahr liegen noch keine Zahlen zum Hort vor,
Anmerkung).
In Tirol am niedrigsten
Wie so
oft sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern und dann noch
einmal innerhalb der Bildungsregionen enorm: Während derzeit in Wien
56,6 und in Vorarlberg 49,7 Prozent der Pflichtschüler eine schulische
Ganztagsbetreuung bekommen, sind es am anderen Ende der Skala in Tirol
nur 18,8 Prozent und in Oberösterreich 21,7. Das Burgenland liegt mit
38,9 Prozent über dem Österreich-Schnitt, Salzburg (29,2), Kärnten
(28,8), die Steiermark (27,5) und Niederösterreich (26,9) landen
darunter.
Für die kommenden Jahre werden von den meisten Ländern keine großen
Sprünge im Vergleich zu 2025/26 erwartet. Von der stärksten Steigerung
bis zum Schuljahr 2028/29 wird im bereits gut aufgestellten Wien (3,7
Prozent) und beim derzeitigen Schlusslicht Tirol (3) ausgegangen, in den
anderen Bundesländern sind es zwischen 0,2 (Steiermark) und 1,7
(Salzburg).
3100 Standorte
Seit 2020/21 sind
österreichweit 309 Standorte mit Tagesbetreuungsangebot dazugekommen,
vor allem an Volksschulen (289). Insgesamt bieten aktuell knapp 3100
Standorte eine ganztägige Betreuung an, das sind 62,3 Prozent der
Schulen für Sechs- bis 15-Jährige.
Weiterhin ein Minderheitenprogramm sind dabei die verschränkten
Ganztagsschulen. Hier sind in den vergangenen Jahren gerade einmal 37
Standorte dazugekommen, wobei auch Schulen mitgezählt werden, in denen
nur einzelne Klassen verschränkt geführt werden. Von den aktuell 252
"echten" Ganztagsschulen sind 134 in Wien, das auch fast zur Gänze
verantwortlich für das kleine Plus ist. Nur in Kärnten und
Niederösterreich gab es ebenfalls (minimale) Zuwächse. In Vorarlberg,
Oberösterreich, Tirol und Salzburg wurde das Angebot beim international
üblichen Ganztagsschulmodell unterdessen sogar zurückgefahren.
Für die Grüne Bildungssprecherin Sigrid Maurer zeigen die Zahlen,
dass Österreich "beim Ausbau gerechter ganztägiger Bildung viel zu
langsam voran" komme. "Dass Kinder je nach Wohnort völlig
unterschiedliche Chancen auf Betreuung und Förderung haben, ist ein
bildungspolitisches Versagen." (APA)
Nota. - Auch der größte Sachverstand wird uns nicht von unserer politischen Über-zeugung abbringen - mit diesem Satz im Bundestag ging in der Adenauerzeit ein Regierungsvertreter in die Annalen des deutschen Parlamentarismus ein. Ich weiß nicht mehr, worum es in der Sache ging, aber es würde mich nicht wundern, wenn es die Bildung war.
Damals waren besagte Überzeugungen konservativ bis reaktionär, doch im Bil-dungsbereich hat sich das Blatt seither entschieden gewendet: Heute sind es die zwanghaften Reformer, die die Wünsche der Industrie und der Behörden betreiben, und der katastrophalste Rückschritt der Kultur - die Ganztagsverschulung - wird nur durch den passiven Widerstand von Eltern gebremst, die auf der Seite ihrer Kinder stehen, und von konservativen Landbevölkerungen wie in Tirol.
Der gemeinsame Nenner von Industrie und öffentlicher Verwaltung im Bildungs-bereich ist der Technizismus, der Erziehung aggressiv auf Organisations- und Me-thodenfragen reduziert, weil es ihnen ausschließlich um Ausbildung für ein - ver-flossenes - Gesellschaftsmodell geht: die marktgerechte Arbeitszivilisation, die in Zeiten von KI und digitaler Revolution nur noch reaktionär ist.
Dabei ist der gesunde Menschenverstand längst gründlich gewarnt vor "soziale-Verhaltenweisen-Einüben" auf unsern Pausenhöfen und der endgültigen Vetreibung der Kindheit aus dem öffentlichen Leben. Unter nicht erwerbsmäßig-interessiertem Publikum treffen meine Argumente meist auf väter*mütterliches Wohlwollen. Wie-so finden sie unter den pp. Fachleuten gar kein Echo?
Ich erzähle Ihnen eine Anekdote: Im Frühjahr 1991 besuchte ich eine Seminarver-anstaltung für Pädagog*innen aus Margot Honneckers Aufgebot. Ein progressiver Professor aus Marburg hielt ein flammendes Plädoyer für die ''Entpädagogisierung der Kindheit". Ich war der einzige im Saal, der ihm zur Seite trat. Ich glaubte aber aus seinen Ausführungen herauszuhören, dass er ganz selbstverständlich - wie übri-gens alle andern im Saal - die Ganztagsschule befürwortete, und fragte ihn, ob er darin nicht einen Widerspruch erkannte.
Ihm fiel das Kinn runter. Darauf war er noch nicht gekommem und das müsse er sich erst durch den Kopf gehen lassen. JE
aus derStandard.at, 7. 3. 2026 Drei mit Steinen überdeckte spätbronzezeitliche Gräber bei
Esperstedt in Sachsen-Anhalt. Genetische Daten zeigen langsam
verlaufende, regional unterschiedliche Veränderungen der Abstammung mit
zunehmenden Verbindungen ins Donaugebiet, ohne dass lokale Traditionen
dabei verdrängt wurden. zuöffentliche Angelegenheiten
Rekonstruierte Bronzezeit
Wie die Menschen vor 3000 Jahren in Mitteleuropa lebten und starben
Die Urnenfelderzeit
galt wegen der Brandbestattungen lange als schwer erforschbar. Eine
neue Studie liefert nun detaillierte Einblicke in Mobilität und Alltag
von Thomas Bergmayr
Die Urnenfelderzeit hat der Fachwelt lange ein Problem beschert: Da
in dieser Epoche vor rund 3000 Jahren in Mitteleuropa die
Brandbestattung zur allgemein verbreiteten Beisetzungsnorm wurde, gehen
für die Wissenschaft kostbare Informationen verloren. Wo die Toten
verbrannt werden, verschwinden DNA, viele Isotopensignale und weitere
wichtige Hinweise auf die Lebensumstände und die Krankheiten der
damaligen Menschen.
Wer im Detail wissen will, wie Menschen
zwischen etwa 1300 und 800 v. Chr. lebten, muss sich deshalb mit den
wenigen Ausnahmen begnügen und in mühsamer Kleinarbeit
Ausgrabungsergebnisse zusammentragen. Einer interdisziplinären
Forschungsgruppe ist dies nun gelungen. Das Team um Eleftheria Orfanou
vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat alte DNA,
Sauerstoff- und Strontiumisotope sowie osteoarchäologische Befunde
zusammengeführt und damit einen Zeitraum erhellt, der bislang in vieler
Hinsicht ein blinder Fleck war.
Wandel im Alltag
Untersucht wurden unter anderem die
Überreste von Feuerbestattungen aus Deutschland, Tschechien und Polen.
Für Mitteldeutschland kamen außerdem Strontiumdaten hinzu. Im Zentrum
der Untersuchungen standen die beiden Fundorte Kuckenburg und Esperstedt
in Sachsen-Anhalt, ausgegraben vom Landesamt für Denkmalpflege und
Archäologie Sachsen-Anhalt. Die Ergebnisse wurden mit genetischen Daten
derselben Epoche aus Nachbarregionen kombiniert.
Die Autorinnen und Autoren der im Fachjournal Nature Communications veröffentlichten Arbeit
interessieren sich dabei weniger für große Umbrüche als für das, was
sich im Alltag und über Generationen hinweg verändert hat. Dazu zählen
vor allem Herkunftslinien, Mobilität, Ernährung und Gesundheitszustand.
Nicht zuletzt ging es den Fachleuten auch um die Frage, wie flexibel
Bestattungsrituale damals tatsächlich waren.
"Mithilfe dieser Studie können wir nachvollziehen, wie Menschen den
Wandel erlebt haben", sagt Orfanou, Erstautorin der Studie. "Die späte
Bronzezeit wurde nicht als ein einziger Moment des Wandels erlebt,
sondern als eine Reihe von Entscheidungen über Ernährung und
Subsistenzstrategien, Bestattungen und soziale Beziehungen. Diese
Gemeinschaften waren eng mit ihrer Landschaft verbunden, aber auch
überregional vernetzt."
Kontakte brachten neue Ideen
Ein zentraler Befund betrifft
die Mobilität – und damit die oft implizite Frage, ob neue Sitten vor
allem durch die Migration neuer Bevölkerungsgruppen Einzug hielten.
Strontium- und Sauerstoffisotope erlauben dabei vereinfacht gesagt ein
chemisches Herkunftsprofil. Sie spiegeln geologische und klimatische
Signaturen wider, die Menschen über Kindheit und Jugend in ihren Körper
einbauen.
In Mitteldeutschland zeigen die meisten untersuchten Personen lokale
Isotopensignaturen, und zwar sowohl in den seltenen Körperbestattungen
als auch, soweit mit Strontiumdaten möglich, in den Brandbestattungen.
Das spricht dafür, dass sich Ideen und Praktiken vielfach durch Kontakte
und Austausch verbreiteten, nicht zwingend durch größere Zuwanderung.
Ausgrabungen bei Esperstedt in Sachsen-Anhalt. Die
interdisziplinären Analysen liefern erstmals detaillierte Einblicke in
die Abstammung, Mobilität, Ernährung, Gesundheit und
Bestattungspraktiken der späten Bronzezeit in Mitteleuropa.
Die genetischen Daten zeichnen ein ähnliches Bild. Die Forschenden
fanden keine Hinweise auf abrupte Verdrängungen, sondern vielmehr Spuren
von graduellen, regional unterschiedlich schnellen Verschiebungen. Für
Mitteldeutschland werden Veränderungen in der Abstammung demnach erst in
späteren Phasen der Bronzezeit deutlicher sichtbar. Das zeigte sich
unter anderem in Form wachsender Verbindungen zum mittleren Donaugebiet.
Die Gemeinschaften blieben lokal verwurzelt, nahmen aber zunehmend an
größeren Interaktionsräumen teil.
Hirse nicht lange auf dem Menüplan
Besonders anschaulich wird
das Zusammenspiel aus Stabilität und Anpassung bei dem, was den
Menschen dieser Epoche in Mitteleuropa auf den Tisch kam: In einer
frühen Phase der späten Bronzezeit taucht Hirse im Speiseplan auf – ein
Getreide, das vergleichsweise kurz zuvor aus Nordostchina nach Europa gelangt war.
Die Forschenden deuten die Umstellung als flexible Reaktion auf
ökologische oder ökonomische Zwänge. Auffällig ist, dass der Hirseboom
nicht mit einem demografischen oder genetischen Wandel einhergeht, was
eher für eine Einführung innerhalb bestehender Gemeinschaften spricht.
Und er bleibt nicht dauerhaft: Später nimmt der Hirseverzehr deutlich ab
und Weizen und Gerste gewinnen wieder an Gewicht. Dieses Muster deutet
eher auf Experimentierfreudigkeit, Anpassungsfähigkeit und kulturelle
Präferenzen hin als auf eine Intensivierung des Hirseanbaus.
Wie es den Menschen gesundheitlich ging, schlossen die Forschenden
aus molekularen Spuren und Untersuchungen der wenigen erhaltenen
Skelette. In der DNA fanden sich Bakterien, wie sie häufig mit Mund- und
Zahnerkrankungen assoziiert sind; Hinweise auf großflächige Epidemien
fehlen jedoch.
Osteoarchäologisch zeigen sich Spuren eines körperlich anstrengenden
Lebens. Die Wissenschafter fanden Stressmarker aus der Kindheit,
degenerative Veränderungen an Gelenken und gelegentliche Traumata.
Gleichzeitig wirkt der Gesamtzustand vieler Individuen nicht so, als
wäre Krankheit der Normalfall gewesen.
Spätbronzezeitliche Kreisgräben mit zentralen Gräbern bei
Esperstedt. Die damaligen Gemeinschaften zeigen eine vielfältige
Bestattungskultur.
Verschiedene Riten
Mindestens ebenso spannend ist, was die
Daten über die Beisetzungsrituale der Bronzezeit erzählen. Die
Urnenfelderzeit wird wie eingangs beschrieben vor allem mit der
allgemein verbreiteten Brandbestattung in Verbindung gebracht. Doch die
Studie betont, wie vielfältig die Bestattungspraxis innerhalb derselben
Gemeinschaft gewesen sein kann. Häufig fanden sich Brand- und
Erdbestattungen nebeneinander oder die alleinige Beisetzung von
Schädeln.
"Diese Praktiken scheinen keine Randerscheinungen beziehungsweise
Ausnahmen gewesen zu sein", erklärt Orfanou, "sondern Teil eines
breiteren Repertoires, aus dem die Menschen während der Urnenfelderzeit
wählen konnten. Dieses Repertoire war mit der Schaffung von Erinnerung,
Identität und Vorstellungen darüber verbunden, was es bedeutete, in der
späten Bronzezeit ein Mensch zu sein."
Die Brandbestattung bleibt zwar prägend, aber sie ist nicht die
einzige praktizierte Beisetzungsvariante. Nicht zuletzt dieser rituelle
Reichtum im Umgang mit den Verstorbenen verdeutliche, wie dynamisch die
Gesellschaften der späten Bronzezeit waren, so die Forschenden.
"Veränderung und Innovation wurden in bestehende Traditionen
integriert", sagt Wolfgang Haak, Leiter des Projekts am
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Diese
Gemeinschaften gestalteten ihre Lebensweisen aktiv und schufen hybride
Praktiken, die in einer zunehmend vernetzten Welt lokal von Bedeutung
waren." (tberg)
aus derStandard.at, 14. 5. 2026 Jedes Gehirn tickt anders – weil wir alle im Leben
unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Genau die prägen aber unsere
Entscheidungen und Handlungen im täglichen Leben. zu Jochen Ebmeiers Realien
"Das Gehirn trifft keine rationalen Entscheidungen"
Warum reagieren
Menschen völlig unterschiedlich auf dieselbe Situation? Warum macht
Angst uns manipulierbarer? Neurowissenschafter Damir del Monte erklärt,
wie unser Gehirn tickt
Interview von Pia Kruckenhauser
Es gibt einen großen Irrglauben, was unser Gehirn anbelangt: Dass es
klar und nüchtern ist und ganz sachlich die objektiv vernünftigste
Entscheidung trifft. Das mag aus der eigenen Sichtweise womöglich so
sein – aber eine andere Person interpretiert die gleiche Ausgangslage
womöglich ganz anders. Und trifft entsprechend ganz andere
Entscheidungen.
Das liegt an der Funktionsweise des Gehirns. Es entscheidet nicht
primär rational, sondern emotional, es trifft Entscheidungen auf Basis
der erlebten Erfahrungen. Das ist auch der Grund, warum es nicht reicht,
ein Verhalten zu verstehen, wenn man es ändern möchte. Was
dahintersteckt, erklärt der Neurowissenschafter und Key Note Speaker
Damir del Monte in seinem Buch Ein Date mit deinem Gehirn. Im
STANDARD-Interview spricht er darüber, wie das Gehirn organisiert ist,
warum wir alle – nicht nur "die anderen" – in unserer eigenen Echokammer
leben und warum Kochen so glücklich machen kann.
STANDARD: Das Gehirn wurde historisch immer mit der
jeweils modernsten existierenden Technologie verglichen. Am Anfang war
das die Dampfmaschine, zuletzt war es der Computer. Jetzt kommt die
Künstliche Intelligenz dazu. Aber ist dieser Vergleich überhaupt
zulässig?
Del Monte: Es ist verlockend, das Gehirn mit einer
Maschine zu vergleichen, aber es greift viel zu kurz. Anders als eine
Maschine oder auch die Künstliche Intelligenz ist das Gehirn kein
lineares System, bei dem auf Input A zuverlässig Output A folgt. Das
Gehirn ist vielmehr ein hochkomplexes, selbstorganisierendes System, das
ständig in Wechselwirkung mit dem gesamten Körper steht. Es arbeitet
nicht isoliert oder objektiv, sondern ist eingebettet in biologische,
emotionale und soziale Prozesse. Und es hat unzählige
Reaktionsmöglichkeiten in petto, die es je nach Bedarf ausspielt.
STANDARD: Wie kann man sich das vorstellen?
Del Monte: Das Gehirn konstruiert fortlaufend
Modelle der Welt und unseres Selbst und gleicht diese mit der Realität
ab. Das heißt, es gibt eine Erwartungshaltung dazu, was als Nächstes
passiert. Kommt ein Reiz von außen, wird dieser nicht einfach neutral
wahrgenommen, das Gehirn gleicht ihn mit den Erwartungen auf Basis der
eigenen Erfahrungen ab.
Stimmen Vorhersage und Realität überein, passiert wenig, wir nehmen
das kaum bewusst wahr. Erst wenn es Abweichungen gibt, man könnte sie
als Vorhersagefehler bezeichnen, wird unsere Aufmerksamkeit aktiviert.
STANDARD: Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Del Monte: Steht man morgens auf und kommt aus dem
Schlafzimmer, erwartet das Gehirn bestimmte Geräusche, Gerüche,
Lichtverhältnisse. Ist etwas anders als sonst, ein ungewohnter Geruch,
ein fremdes Geräusch, entsteht so ein Vorhersagefehler, das Gehirn ist
alarmiert.
Das betrifft aber nicht nur Alltagssituationen, sondern unsere
gesamte Identität. Wenn jemand etwa jahrzehntelang glaubt: "Ich bin nur
wertvoll, wenn ich Leistung bringe", wird das zum inneren Modell. Dieses
Modell bestimmt dann Wahrnehmung, Verhalten und Emotionen. Das geht so
weit, dass Lob oft nicht wirklich wahrgenommen wird, weil es nicht zum
bestehenden Selbstbild passt.
Del Monte: Nein, keineswegs. Das Gehirn beginnt ja
genau dort zu lernen, wo Erwartung und Wirklichkeit nicht mehr
zusammenpassen. Man muss sich diese Diskrepanz aber bewusst machen. Das
Gehirn arbeitet dabei selektiv. Es integriert permanent neue
Informationen in bestehende Strukturen, reorganisiert sie und vergisst
im Zuge dieses Prozesses auch Informationen. Dieses Vergessen ist
entscheidend, weil es uns erlaubt, Prinzipien zu bilden und
handlungsfähig zu bleiben.
Außerdem ist das Gehirn immer auf Bedeutung ausgerichtet. Es fragt
nicht nur "Was ist?", sondern "Was bedeutet das für mich?". Diese
Selbstbezüglichkeit fehlt übrigens der KI, die ja auf der Akkumulation
von Informationen basiert, aus der sie dann aufgrund eines Algorithmus
die wahrscheinlichste Antwort auswählt.
STANDARD: Und warum ist das Gehirn so organisiert?
Del Monte: Weil wir sonst in der permanenten Flut an
Informationen untergehen würden. Pro Sekunde erreichen elf Millionen
Bits an Informationen das Gehirn. Verarbeiten können wir aber maximal
100 Bits. Das Gehirn filtert radikal heraus, was es als nicht relevant
erachtet. Und das eben auf Basis der individuellen Erwartungs- und
Erfahrungswelt.
STANDARD: Ist das der Grund, warum Menschen oft auf die gleiche Situation so unterschiedlich reagieren?
Del Monte: Ja. Jeder Mensch hat im
Laufe seines Lebens unterschiedliche Erfahrungen gemacht, deshalb hat
auch jeder unterschiedliche Vorhersagemodelle. Das Gehirn ist ja kein
neutrales System, es ist geprägt von der eigenen Biografie. Deshalb gibt
es keine einheitliche Reaktion auf eine Situation. Was für die eine
Person bedrohlich ist, kann für die andere völlig unproblematisch sein.
STANDARD: Man kann also eine noch so logische
Erklärung haben für ein Problem, eine Bedrohung oder ein Gefühl der
Angst. Die Emotionen, die damit einhergehen, sind immer stärker als die
Vernunft. Woran liegt das?
Del Monte: Das liegt an der Organisation des
Gehirns. Die kognitive Ebene, also das, was wir als rationales Denken
bezeichnen, analysiert, plant, spielt Optionen durch. Aber sie liefert
nur Möglichkeiten, sie entscheidet nicht. Die Entscheidungen fallen
dort, wo Bedeutung entsteht. Und das ist die emotionale Ebene. Sie
bewertet: Ist etwas wichtig? Gefährlich? Relevant für mich? Und das auf
Basis der individuellen Erfahrungswelt. Deshalb kann ein Mensch rational
wissen, was "richtig" wäre, und dennoch ganz anders handeln.
Die Systematik in den sozialen Medien zeigt das gut. Man sieht ein
empörendes Video oder eine Schlagzeile. Noch bevor der Inhalt geprüft
wird, reagiert das emotionale System, Angst, Wut, Empörung oder auch
Euphorie kommen. Erst danach beginnt die rationale Ebene,
Rechtfertigungen zu produzieren. Dazu kommt, dass das Gehirn Sicherheit
liebt. Deshalb macht Angst Menschen anfälliger für einfache Erklärungen,
gerade in Krisenzeiten.
STANDARD: Heißt das, wir sind unseren Emotionen ausgeliefert?
Del Monte: Nicht ausgeliefert, aber wir können sie
auch nicht einfach abschalten. Der entscheidende Punkt ist Integration.
Wir müssen lernen zu verstehen, woher unsere emotionalen Bewertungen
kommen. Und dafür müssen wir eine Verbindung zwischen rationaler
Einordnung und emotionaler Bewertung schaffen.
STANDARD: Wie kann das gelingen?
Del Monte: Indem man sich damit auseinandersetzt.
Aber nicht auf rein rationaler Ebene, das funktioniert ja nicht. Dafür
muss man verstehen, dass das Gehirn kein statisches Organ ist, es
verändert sich auch Basis seiner Erfahrungen. Die schreiben sich in
unser System ein, vor allem, wenn sie belastend sind. Und zwar nicht nur
als Gefühle wie Angst oder Panik, sondern auch biologisch. Das Gehirn
verändert sich strukturell, bestimmte neuronale Verbindungen gestärkt
oder abgeschwächt werden.
Wenn zum Beispiel ein Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem
Konflikte jederzeit eskalieren können, lernt das Gehirn: "Ich muss
ständig wachsam sein." Später, als Erwachsener, reagiert diese Person
vielleicht extrem empfindlich auf Kritik oder Spannung. Nicht weil sie
"übertreibt", sondern weil das Nervensystem gelernt hat, Gefahr
permanent zu antizipieren. Erlebte Traumata verändern also die Art, wie
die Welt vorhergesagt wird, die eigene Vergangenheit formt buchstäblich
die Architektur des Gehirns.
STANDARD: Kann man das auch wieder rückgängig
machen? In der Gehirnforschung ist ja immer die Rede von der
Neuroplastizität, dass man die Gehirnstrukturen verändern kann.
Del Monte: Ja, das kann gelingen, aber nicht
beliebig und auch nicht schnell. Neue Erfahrungen, auch bewusst
angestoßene, können die etablierten neuronalen Strukturen verändern,
aber dieser Prozess braucht Zeit, Wiederholung und oft auch emotionale
Beteiligung. Es reicht nicht, etwas kognitiv zu verstehen. Veränderung
passiert dann, wenn neue Erfahrungen gemacht werden, die auch emotional
relevant sind. Deshalb ist es so schwierig, alte Muster zu durchbrechen.
STANDARD: Kann Psychotherapie dabei helfen?
Del Monte: Auf jeden Fall, sie setzt genau hier an.
In der Psychotherapie kann es gelingen, Muster sichtbar zu machen, zu
verstehen und zu integrieren, also die Verbindung zwischen emotionalem
Erleben und rationalem Beurteilen zu bauen. Sie schafft einen Raum, in
dem wir aus automatisierten Reaktionsmustern aussteigen, Modelle
hinterfragen und erweitern können.
Das erfordert aber Mut, weil man sich dabei auch unangenehmen
Erfahrungen stellen muss. Man erkennt etwa auf einmal, dass viele
Entscheidungen gar nicht frei waren, sondern Wiederholungen alter
Anpassungsstrategien. Therapie ist oft der erste ehrliche Kontakt mit
sich selbst. Aber genau darin liegt ihre Stärke.
STANDARD: Warum ist es aber so schwer, sich von den
alten Mustern zu lösen? Auch mit therapeutischer Unterstützung ist das
ja alles andere als selbstverständlich, das wissen alle Menschen, die
Therapieerfahrung haben.
Del Monte: Weil diese Muster Sicherheit geben. Sie
sind vertraut, und auch wenn sie einem nicht guttun, sind sie zumindest
stabil. Deshalb verteidigen wir unsere inneren Modelle mit enormer
Kraft, selbst wenn wir daran leiden.
In einer Welt, die ohnehin von Unsicherheit geprägt ist, wie das etwa
durch permanente Informationsflut oder gesellschaftlichen Druck der
Fall ist, klammern sich Menschen dann noch stärker an ihre bestehenden
Modelle. Das erklärt auch viele gesellschaftliche Phänomene, etwa die
Bildung von Echokammern oder die Schwierigkeit, neue Perspektiven
zuzulassen.
Damir del Monte, "Ein Date mit deinem Gehirn. Wer die Hirnwelten
versteht, braucht KI nicht zu fürchten". 248 Seiten / € 24,95,
Kneipp-Verlag.
STANDARD: Das heißt, man kann das Gehirn manipulieren und das wird auch ausgenutzt?
Del Monte: Absolut. Werbung, soziale Netzwerke,
politische Bewegungen, viele Medien nutzen genau diese Mechanismen und
sprechen unsere emotionalen Bewertungssysteme an.
Dieser Mechanismus greift bei allen Menschen. Man denkt ja gerne, nur
"die anderen" lebten in einer Bubble. Aber neurobiologisch betrachtet
ist jeder Mensch in seiner eigenen Echokammer, weil ja jeder Mensch die
Welt über das eigene Referenzsystem wahrnimmt. Trotzdem sind nicht alle
Menschen gleich stark beeinflusst. Entscheidend ist, wie stabil und
reflektiert die eigenen Modelle sind. Wer sich seiner eigenen Muster
bewusst ist, kann leichter unterscheiden, was von außen kommt und was
wirklich das Eigene ist.
STANDARD: Wie funktioniert das in der Praxis?
Del Monte: Wenn jemand überzeugt ist, dass die Welt
gefährlich ist, wird er oder sie bevorzugt Nachrichten wahrnehmen, die
diese gefühlte Bedrohung bestätigen. Wenn jemand überzeugt ist, dass
Menschen egoistisch sind, wird er oder sie besonders aufmerksam auf
egoistisches Verhalten reagieren. Das Gehirn hebt sie selektiv hervor
und deshalb wirken sie präsenter, die Bedrohung ist stärker. Das Gleiche
funktioniert ja auch umgekehrt, bei Menschen, die prinzipiell positiv
eingestellt sind. Es kann passieren, dass sie deshalb eine Gefahr
unterschätzen.
Problematisch in Bezug auf die eigene Echokammer wird das deshalb,
weil heute oft der Wirklichkeitsabgleich fehlt. Stattdessen sucht man
sich Informationswelten, die die eigene Weltsicht stabilisieren. Und
genau hier entsteht Polarisierung.
STANDARD: Wie kann man Reflexion und Bewertung verbessern?
Del Monte: Indem man sich nicht permanent ablenken
lässt. Wir leben in einer Welt voller Reize, die um unsere
Aufmerksamkeit konkurrieren. Das Smartphone ist ein permanenter,
unbewusster Begleiter, zu dem man in fast jeder Lebenslage greift. Das
führt aber dazu, dass wir einen Großteil unserer Zeit im Autopilot
verbringen. Studien zeigen, dass wir nur einen kleinen Teil unserer
Wachzeit wirklich bewusst und intentional handeln. Dazu kommt die
ständige Konfrontation mit idealisierten Bildern von Erfolg, Schönheit
oder Glück. Diese setzen uns unter Druck und beeinflussen unser
Selbstbild, oft ohne dass wir es merken.
STANDARD: Wie kann man das Gehirn in dieser permanenten Reizflut unterstützen?
Del Monte: Mit allem, was uns wieder in Kontakt mit
uns selbst bringt. Das sind oft ganz einfache Dinge, ein Gespräch, ein
Spaziergang, Musik, Bewegung, Kochen. Entscheidend ist, dass man dabei
präsent ist, dass man in der Zeitspanne, auch wenn sie nur kurz ist,
nichts anderes tut. Dann kann sogar ein sogenannter Flow-Zustand
entstehen, also ein Moment, in dem man komplett in der eigenen Tätigkeit
aufgeht. Herausforderung und eigene Fähigkeiten sind dann im
Gleichgewicht.
STANDARD: Das klingt im Grunde recht simpel.
Del Monte: Das ist es auch, wenn man sich wieder
darauf einlässt. Die moderne Welt suggeriert uns ja, dass Glück
spektakulär sein muss, es geht um große Erfolge, große Sichtbarkeit und
große Selbstverwirklichung. Aber aus neurobiologischer Sicht sind es die
kleinen Momente der Zufriedenheit, die uns stabilisieren und dem Gehirn
guttun.
Nota. - Zum Glück aber haben sich die Menschen im Zuge der Evolution einen Fallschirm erworben: Reflexion, Kritik und Vernunft. Zu jeder Entscheidung, die das Hirn 'von allein' schon getroffen hat, kann 'Ich' - die kognitive Ebene, wie del Monte sagt - doch noch nein! sagen. Dafür bleibt ihm gerademal eine Fünftel-sekunde. In der kann er seinem Willen ein Fenster der Freiheit öffnen: Reflexion, Kritik und - vernünftiges Urteil.
Letzteres mag auch darin bestehen, das vorerst negierte Urteil zu rehabilitieren und ja! zu sagen: das moralisch-ästhetische Urteil aus Gründen zu bestätigen. Das dürfte öfter der Fall sein, als man denkt: weil es nämlich meistens unbeachtet bleibt.
Bedenke: Das ganze Reich der ästhetischen Wahrnehmung entsteht in meinerWelt - unddazugehörendiemoralischenUrteile.DarumfindeninMoral-undGeschmacksfragen vernünftige Erwägungen so wenig Gehör. JE
Kontaktlinsen, die das Gehirn stimulieren, wirken wie Antidepressivum
Materialwissenschafter
haben Linsen entwickelt, die elektrische Impulse vom Auge ins Gehirn
senden. Bei Mäusen half die Methode erstaunlich gut gegen Depressionen
von Karin Krichmayr
Unsere Augen sind nicht nur das Tor zur Welt, sie stellen auch
praktisch einen vorgeschalteten Teil des Gehirns dar. Die Netzhaut
verarbeitet Licht und ist über mehrere neuronale Bahnen mit
Gehirnregionen verknüpft, die nicht nur den Schlaf, Hormone und
Aufmerksamkeit, sondern auch die Stimmung regulieren. Die Retina
beeinflusst indirekt die Melatoninproduktion, aber auch die Amygdala und
das limbische System, die für die Emotionsregulation und
Stressreaktionen verantwortlich sind und somit Angst und depressive
Stimmungen steuern.
Diese Verbindung vom Auge zum Gehirn haben Forschende genutzt, um
Kontaktlinsen zu entwickeln, die das Gehirn stimulieren und bei der
Behandlung von Depressionen bei Mäusen ebenso wirksam waren wie Prozac,
ein weitverbreitetes Antidepressivum. In den weichen, transparenten
Kontaktlinsen sind Elektroden integriert, die über die Netzhaut
elektrische Signale an bestimmte Gehirnregionen senden, berichtet die
Gruppe rund um den Materialwissenschafter Jang-Ung Park von der
koreanischen Yonsei-Universität in einer Studie, die in der Fachzeitschrift Cell Reports Physical Science veröffentlicht wurde.
"Unsere Arbeit eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die Behandlung
von Hirnerkrankungen über das Auge", sagt Jang-Ung Park. Dieser
nicht-invasive Ansatz habe enormes Potenzial, die Behandlung von
Depressionen und anderen Hirnerkrankungen, darunter Angstzustände,
Drogenabhängigkeit und kognitiver Verfall, grundlegend zu verändern,
sind die Forschenden überzeugt.
Intelligente Linsen
Es wird zwar
schon länger an intelligenten, mit Sensoren und ultradünner Elektronik
ausgestatteten Kontaktlinsen geforscht, die beispielsweise zur Messung
des Augendrucks oder des Blutzuckerspiegels dienen. Nun wurden derartige
Kontaktlinsen, die sich dem Auge anpassen und auch die Sicht nicht
beeinträchtigen, erstmals zur experimentellen Behandlung neurologischer
Krankheiten verwendet. Um die neue Technologie zu testen, produzierten
die Wissenschafter winzige Kontaktlinsen mit wenigen Millimetern
Durchmesser, die dann den Versuchsmäusen eingesetzt werden mussten.
Die Kontaktlinsen stimulieren das Gehirn mithilfe einer Methode
namens transkranielle temporale Interferenzstimulation, bei der zwei
elektrische Signale an die Netzhaut gesendet werden. Diese werden
ausschließlich an ihrem Schnittpunkt aktiv, was bedeutet, dass die
Behandlung sehr präzise ist und nur bestimmte Gehirnregionen anspricht,
wie die Forschenden betonen.
"Stellen Sie sich zwei Taschenlampen vor: Jeder Lichtstrahl für sich
ist schwach, aber dort, wo sie sich überlappen, entsteht ein heller
Punkt, und dieser helle Punkt kann weit entfernt von den Taschenlampen
selbst erzeugt werden. Unsere Kontaktlinse macht dasselbe mit zwei
harmlosen elektrischen Signalen", erklärt Park. Die elektrischen Impulse
würden die natürlichen Nervenbahnen aktivieren, die das Signal zu den
stimmungsbezogenen Hirnregionen leiten.
Gleiche Wirkung wie Antidepressiva
Als
Probanden dienten Mäuse, die gezielt mit Stresshormonen behandelt
wurden. Dieses Mausmodell bildet Verhaltens- und biologische Merkmale
nach, die auch im Zusammenhang mit Depressionen auftreten. Die
depressiven Mäuse erhielten drei Wochen lang täglich für 30 Minuten eine
Kontaktlinsenbehandlung, eine andere Gruppe erhielt Fluoxetin, einen
selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Wirkstoff in Prozac.
Gegenüber einer Kontrollgruppe zeigten die Mäuse mit
Kontaktlinsentherapie Verhaltensverbesserungen, die mit denen der
Prozac-Mäuse vergleichbar waren.
Aufzeichnungen der Gehirnaktivität zeigten, dass die Hirnstimulation
Verbindungen zwischen dem Hippocampus und dem präfrontalen Kortex
wiederherstellte, die durch die depressiven Zustände verloren gegangen
waren. Die Behandlung reduzierte die Werte von Entzündungsmolekülen im
Gehirn, bewirkte eine 48-prozentige Senkung des Stresshormons
Corticosteron im Blut und einen 47-prozentigen Anstieg des
Serotoninspiegels im Vergleich zu den unbehandelten depressiven Mäusen.
"Wir waren beeindruckt, dass sich Verbesserungen gleichzeitig in
Bezug auf Verhalten, Gehirnaktivität und Biologie zeigten und dass die
Wirkung mit einem Antidepressivum vergleichbar war", sagt Park. Auch
eine Bewertung der Mäuse durch ein Machine-Learning-Modell bestätigte
den Effekt.
Nächste Schritte
Nun plant die
Forschungsgruppe, die neue Medizintechnologie in den klinischen Bereich
zu bringen. Dabei gilt es Park zufolge noch einige Hürden zu überwinden.
"Als Nächstes planen wir, die Linse vollständig kabellos zu gestalten,
sie bei größeren Tieren auf Langzeitsicherheit zu testen und die
Stimulation für jeden Nutzer individuell anzupassen, bevor wir mit
klinischen Studien an Patienten fortfahren." (kri)
Nota. - Seit wir nicht mehr auf allen Vieren am Boden schnüffeln, riechen wir weniger und sehen wir mehr - und rundum. Das Bild einer Welt konnte uns nur so entstehen. Es ist keine waagerechte Gerade, sondern ein Gesichtskreis, der sich zum Rand hin verflüchtigt.
Dessen Sehen prägt das Wesen von Homo sapiens im selben Maße wie sein aufrechter Gang, zu dem es ursächlich gehört. JE
Eine
Frage, die mich schon seit Jahren umtreibt: Woher wissen wir
eigentlich, dass der Massenanteil an Schwarzen Löchern im Universum
nicht ausreicht, um das Phänomen der sogenannten Dunklen Materie zu
erklären? Ist es nicht möglich, dass die Gesamtanzahl und die
Gesamtmasse Schwarzer Löcher deutlich unterschätzt werden? Gerade in der
Jugendzeit des Universums sollten durch die damalige Bildung
zahlreicher massereicher Sterne und deren Supernovae Unmengen von
Neutronensternen und Schwarzen Löchern entstanden sein. Über die Anzahl
Schwarzer Löcher in der Größenordnung von etwa 5 bis 20 Sonnenmassen
können wir eigentlich nur spekulieren. Ich könnte die Frage auch
umformulieren: Woher wissen wir, dass der gravitative Effekt der Dunklen
Materie nicht von bislang unentdeckten, frei vagabundierenden Schwarzen
Löchern herrührt? Dr. Jürgen Kupka, Bad König
Die
Frage, die Herr Kupka stellt, trifft einen wichtigen Nagel genau auf
den Kopf. Weite Massenbereiche können wir aufgrund ganz verschiedener
Beobachtungen oder Effekte ausschließen: Schwarze Löcher mit Massen
unterhalb von 1017 Gramm wären inzwischen aufgrund ihrer
Hawking-Strahlung verdampft und hätten sich somit komplett in
elektromagnetische Strahlung aufgelöst. Die Nichtbeob-achtung riesiger
Anzahlen von Gravitationslinsen setzt enge Grenzen oberhalb von etwa 1021 Gramm, die Emission von Gravitationswellen und andere Effekte schließen Massen ab etwa 1031 Gramm,
also rund 0,01 Sonnenmassen, aus. Das betrifft insbesondere alle
stellaren und extrem massereichen Schwarzen Löcher. Ein Beispiel: Wenn
stellare Löcher von im Durchschnitt zehn Sonnenmassen die gesamte Dunkle
Materie in der Sonnenumgebung darstellen sollten, dann müssten sie hier
häufiger sein als alle Sterne zusammengenommen.
Aber
ein größeres Massenfenster bleibt bisher offen, in dem primordiale
Schwarze Löcher – das heißt solche, die nur winzige Sekundenbruchteile
nach dem Urknall entstanden sind – durchaus noch mögliche Kandidaten
sein können. Diese Information stammt aus der meines Wissens neuesten
gründlichen Analyse dieser Frage (Green & Kavanagh, in Journal of
Physics, 2021). Daraus stammen auch die Informationen der unten
stehenden Abbildung. Nach aktuellem Kenntnisstand könnte die gesamte
Dunkle Materie aus Schwarzen Löchern bestehen, die in den Massenbereich
zwischen etwa 1017 und 1021 Gramm fallen, also
etwa zwischen der Masse des Halleyschen Kometen und der Masse eines
Kleinplaneten von knapp 100 Kilometern Durchmesser – wie zum Beispiel
der Asteroid (10) Hygiea. Solche Schwarzen Löcher sind winzig; der
Radius ihres Ereignishorizonts liegt im Bereich eines Atomdurchmessers
an der oberen und eines Atomkerndurchmessers an der unteren Grenze des
genannten Massenbereichs.Diese
Winzlinge müssten allerdings sehr häufig sein, um die ganze Dunkle
Materie zu erklären. Zu jeder Zeit müsste dafür beispielsweise das
Sonnensystem innerhalb des Radius der Neptunbahn (30 Astronomische
Einheiten) von rund 70 Löchern mit 10
Die
müssten dann doch relativ oft mit der Erde zusammenstoßen, oder? Ja,
wenn man 20 Treffer pro Gigajahr auf die ganze Erde als häufig
bezeichnen mag. Aber unglaublicherweise können die meisten dieser
Objekte wegen ihrer Winzigkeit und hohen Geschwindigkeit (typischerweise
400 bis 800 Kilometer pro Sekunde aufgrund des Gravitationsfelds des
Milchstraßensystems) den gesamten Erdkörper unbeschädigt und folgenlos
durchqueren. Sie würden dabei lediglich ein wenig Gestein und Eisen in
Milligramm- bis Kilogramm-Mengen auf Nimmerwiedersehen verschlingen.
Auch menschliche Körper würden die kleineren unbemerkt durchqueren. Und
die größeren sind viel zu selten, um auch nur einen Menschen jemals
getroffen zu haben.
Schwarze Löcher? | Die Grafik zeigt den Anteil der gesamten Dunklen
Materie, der höchstens aus Schwarzen Löchern in einem gewissen
Massenbereich bestehen könnte. In den meisten Bereichen können sie
höchstens einige Prozent oder gar nichts beitragen. Nur im Bereich von
etwa 1017 bis 1021 Gramm gibt es bisher noch keine
Einschränkung. Die verschieden gefärbten Linien stellen die
unterschiedlichen Ausschlussgründe dar. Nota. - Die Vorstellung liegt nahe. Aber der Begriff liegt ganz wo anders; denn er ist in eine mathematische Formel gefasst, und vorstellen lässt die sich nicht. JE