Samstag, 8. August 2026

Von der Ästhetik der Geselligkeit.

 
 
Rubens, Bauerntanz                                                                                                                           aus Geschmackssachen

Zu den natürlichen Bedürfnissen der Menschen gehören außer den physischen - Hunger, Durst, Frost - auch das Bedürfnis nach Geselligkeit. Solange Arbeit (in schwindendem Maß) auch gesellig geschieht, hat sie einen Wert, der über ihren bloß physischen Erhaltungswert hinausweist (und ist nicht nur Mühsal). Aber Gesellig-keit ist - anders als Hunger, Durst, Frost - nicht mit einem immanenten Maß da, sondern um ihrer selbst willen. Sie hat ästhetischen Charakter.

In dem Maße, wie in der Arbeit die Erhaltungsfunktion auf Kosten der Gesellig-keit immer mehr an Boden gewinnt, verbindet sich jene umso enger mit dem Äs-thetischen (Tanz!). Geselligkeit wird Feierabend, "Erholung" = Reproduktion des Arbeitsvermögens. Wird vom Erhaltungswert absorbiert, unterworfen, mediatisiert. Und nun wiederum schwindet das Ästhetische in den privaten Winkel: Es wird ab/solut. 
aus e. Notizbuch, 17. 10. 08

Freitag, 7. August 2026

Takt und Motorik.

tanzende Mänade                                                                                        zu Geschmackssachen
aus derStandard.at, 18. 1. 2025

Warum wir beim Musikhören automatisch im Takt blinzeln
Menschen synchronisieren unbewusst ihren Lidschlag mit dem Rhythmus der Musik – und das überraschend zuverlässig. Das könnte Hinweise auf Prozesse im Gehirn geben

Auch wenn Sie zu jenen Menschen gehören, die meinen, nicht einmal mit der Wimper zu zucken, wenn härtester Industrial-Sound die Gehörgänge zermalmt: Sie werden vermutlich dennoch automatisch im Rhythmus blinzeln, wenn Sie Musik hören. Das fand ein chinesisches Wissenschaftsteam heraus. Es servierte ihren Probandinnen und Probanden allerdings klassische Musik.

Wenn wir nicht anders können, als bei einem Konzert oder vor dem Radio mit den Füßen zu wippen und mit dem Kopf zu nicken, dann liegt das an einem neurologischen Prozess, der auditorisch-motorische Synchronisation heißt. Diese Verbindung hilft auch Läufern, ihr Tempo zu halten, wenn sie Songs mit einer bestimmten Anzahl von Beats pro Minute hören.

Wir reagieren aber nicht nur mit Bewegungen auf Musik, die wir bewusst machen oder abstellen können. Auch der unbewusste Lidschlag gleicht sich an den Beat an, wie ein Forschungsteam rund um die Psychologin Yi Du von der chinesischen Akademie der Wissenschaften im Fachmagazin Plos Biology berichtet. Das offenbare einen verborgenen Zusammenhang zwischen dem Hören von Musik und dem okulomotorischen System, das die Bewegung der Augen steuert.

Blinzel-Frequenz

Blinzeln ist zunächst ein physiologischer Vorgang, um das Auge zu schützen und zu befeuchten. Erwachsene kommen auf durchschnittlich zehn bis 15 Lidschläge pro Minute, bei Kindern sind es weniger. Je nach Situation kann die Frequenz schwanken: Bei konzentrierter Arbeit vor dem Bildschirm kann sie sinken, bei Nervosität stark ansteigen.

Nahaufnahme eines menschlichen Auges mit einem auffällig mehrfarbigen Irismuster in Blau- und Brauntönen. Die Details der Haut und Wimpern sind deutlich sichtbar.
Das Auge samt seinem Wimpernschlag kann ein Fenster zu den Vorgängen im Gehirn sein.

Blinzeln scheint daher eng mit einigen kognitiven Prozessen verknüpft zu sein. Nicht nur gibt es Zusammenhänge mit der Aufmerksamkeit, das Blinzeln ist auch Teil der nonverbalen Kommunikation und dient der Segmentierung von Gedanken und Wahrnehmung. Hier wirkt der Lidschlag wie ein Reset und trägt dazu bei, das Gehirn für einen kurzen Moment zu entlasten.

Bach-Choräle vor- und rückwärts

In der Studie hörten nun 123 junge Erwachsenen ohne musikalische Vorbildung Choräle von Johann Sebastian Bach, während ihre Gehirnaktivität und ihre Augenbewegungen gemessen wurden. Sie wählten dabei Stücke mit gleichmäßigem Tempo aus. Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmenden nicht nur im Takt zu blinzeln begannen, auch ihre Gehirnströme passten sich an.

Zur Sicherheit spielten die Forschenden die Choräle rückwärts ab, um zu überprüfen, dass die Testpersonen nicht auf andere melodische Signale reagierten, doch sie blinzelten trotzdem im Takt. "Was uns am meisten überrascht hat, war, wie zuverlässig so eine kleine Bewegung wie das Blinzeln mit dem Takt synchronisiert ist – diese winzige Handlung weist auf eine tiefgreifende Koordination zwischen Hören und Bewegung hin, die wir überhaupt nicht erwartet hatten", sagt Yi Du.

Die Forschenden interpretierten das als Hinweis darauf, dass das Gehirn die Struktur der Klänge genau verfolgt – allerdings nur, wenn die Aufmerksamkeit auf die Musik gerichtet ist. Denn in einem weiteren Experiment mussten die Teilnehmenden während des Musikhörens darauf warten, dass ein roter Punkt auf dem Bildschirm vor ihnen erscheint. Die Folge: Das Blinzeln verlief nicht mehr im Takt, unabhängig davon, ob der Punkt im Takt der Musik oder außerhalb davon erschien. Die Forschenden schließen daraus, dass auch eine unbewusste Reaktion wie der Lidschlag erfordert, dass wir uns auf die Musik konzentrieren.

Zeitmechanismen im Gehirn

Die Untersuchung solcher Phänomene könne helfen zu verstehen, wie Sinneswahrnehmungen und Gehirnfunktionen verdrahtet sind, hofft das Forschungsteam. Es gebe bereits Hinweise darauf, dass bestimmte neurologische Erkrankungen, die die Körperbewegung beeinträchtigen, mit Musiktherapien behandelt werden können, die die auditiv-motorische Synchronisation nutzen.

"Ich fand es toll, dass ein einfaches, nicht-invasives Signal wie das Blinzeln als Fenster zur Rhythmusverarbeitung dienen kann. Das eröffnet Möglichkeiten für Studien außerhalb des Labors", sagt die Expertin für Sprach- und Musikwahrnehmung. Sie sei beeindruckt davon, "dass die Augen mit den Ohren im Takt bleiben – das ist ein elegantes, alltägliches Zeichen für die Zeitmechanismen des Gehirns." 

 

Donnerstag, 6. August 2026

Warum ist der Mensch intelligenter als andere Tiere?

Neuronen des menschlichen Gehirns © ktsdesign / depositphotos.com                 zu Jochen Ebmeiers Realien
aus scinexx.de, 3. 8. 2026 

Warum ist der Mensch intelligenter als andere Tiere?
Neuronen ähneln simplen Microchips und nicht Ein-/Ausschaltern

Die Neurowissenschaft ging lange davon aus, dass Menschen vor allem deshalb intelligenter als andere Tiere sind, weil sie mehr Neuronen besitzen und weil diese stärker miteinander verknüpft sind. Nun wurde entdeckt, dass die Intelligenz auch auf den besonderen morphologischen Aufbau zurückgeht, dank dem menschliche Neuronen nicht wie ein Ein-/Ausschalter funktionieren, sondern wie ein simpler Microchip.

Jerusalem (Israel). Menschen sind den meisten anderen Tierarten in vielen kognitiven Bereichen wie der Sprache und dem abstrakten Denken deutlich überlegen. In der Forschung ging man lange davon aus, dass die hohe Intelligenz des Menschen vor allem darauf zurückgeht, dass sein Gehirn im Verhältnis zu seiner Körpergröße überdurchschnittlich groß ist und besonders stark vernetzt ist. Nun haben Wissenschaftler der Hebrew University of Jerusalem (HUJI) um Idan Segev eine Studie publiziert, laut der das komplexe Netzwerk aus rund 86 Milliarden Nervenzellen im Gehirn eines erwachsenen Menschen nicht allein für die hohe Intelligenz verantwortlich sind.

Wie die Forscher erklären, können einzelne menschliche Neuronen deutlich komplexere Berechnungen durchführen als die Neuronen anderer Säugetiere. Dies könnte dabei helfen zu erklären, wieso Menschen intelligenter sind als Elefanten, die mehr Neuronen besitzen, und intelligenter als Honigbienen, deren Neuronendichte höher ist.

„Menschen stellen sich ein Neuron oft als einen einfachen Schalter vor, der entweder an- oder ausgeht. Was wir zeigen, ist, dass ein einzelnes menschliches Neuron selbst ein außerordentlich hochentwickeltes Rechengerät ist“, erklärt Idan Segev.

„Rechenleistung“ einzelner Neuronen

Laut den Wissenschaftlern um Idan Segev haben Studien zunehmend Hinweise darauf erbracht, dass nicht nur die Zahl der Neuronen, sondern vor allem ihre Eigenschaften entscheidend für die Intelligenz sind. Ein Beispiel dafür sind die Neuronen der menschlichen Großhirnrinde, die besonders lange, verzweigte Dendritenfortsätze besitzen.

 

Nota. - Dass Menschen intelligent sind, unterscheidet sie nicht von den Tieren; sondern nur, dass sie intelligenter sind: Der Unterschied ist bloß graduell. Doch ein rein quantitativer ist er eben auch nicht: Die Neuronen im Menschenhirn sind nicht nur zahlreicher, sondern auch qualitativ anders als beim Tier.
JE 

Mittwoch, 5. August 2026

Die allerletzte Chance?

                                          zu öffentliche Angelegenheiten

Kaum schrieb ich, die Krise der CDU habe eben erst angefangen - und schon sind wir mittendrin. So trivial ist es: Es hängt an der Merz-Regierung. 

Wenn die scheitert - was scheitert dann noch? Um die SPD wärs nicht schade. Die hängt wie ein Parasit am Bein der Union und weiß, dass ihr Erfolg die Regierung zum Scheitern brächte - und dass das auch ihr Ende wäre; und kann ihn darum nicht wirklich wollen, und darum tut sie grad noch das Mindeste, was ihre verblie-bene Klientel von ihr erwarten mag; nach ihnen die Sintflut.  

Merz hat sich in eine Situation gebracht, die er selbst gesucht hat, aber ohne zu ahnen, was auf ihn zukam. Es wurde gemunkelt, es sei nicht einmal Machtwille gewesen, sondern bloß Eitelkeit. Das mag ihn selber überrumpelt haben, aber gekniffen hat er nicht, selbst auf die Gefahr hin, verwirrt zu wirken und füh-rungsschwach. Arrogant wirkt er immerhin nicht mehr; eher schon wie eine tragische Figur

Angela Merkel hat für die CDU Wahlen gewonnen und war in ihrer Partei unan-fechtbar. Aber nicht in der CSU, deren Nase über den bairischen Horizont nicht hinausreicht, und hinter deren Rücken konnten sich ihre parteiinternen Gegner verstecken. Man mag ihr vorwerfen, sie habe Putin falsch eingeschätzt, aber da war sie ja wohl nicht die Einzige. Man muss ihr vorwerfen, sie habe nicht über die eige-ne Kanzlerschaft hinausgeblickt und ihre Partei nicht so geführt, dass sie ihr Pro-gramm über ihre Regierungszeit hinaus getragen würde.

Ihr Programm? Das war immer im Sichtflug, von einer Klippe um die andre herum. Dass sie Deutschland so vertreten hätte, dass es Europa anführen konnte, mochte man erstmals in der Griechenlandkrise finden, als ihr Schäuble die Hand führte. Aber dann in historischer Dimension im Herbst 2015 beim Flüchtlingsansturm. Die Lösung dieses Problems war eine europäische Aufgabe - weit über die internen Angelegenheiten hinaus: zu einer überkontinentalen Perspektive. 

Wie bekannt, sind ihr die bairischen Provinzler und die Neider, die sich hinter ihnen versteckten, damals im entscheidenden Moment in den Rücken gefallen und haben eine große Chance vertan für Deutschland und für Europa in der Welt. 

Merz hat sich damals nicht mit Ruhm bekleckert. Aber es ist einmal so, wie es ge-worden ist. Und da kamen dann Trump und Putin hinzu. Damit muss sich Merz heute herumschlagen, und wir Deutschen können nicht wirklich wünschen, dass ers vermasselt. Seine verbliebene Chance ist vielleicht die letzte, die uns verbleibt: näm-lich Deutschlands Parteienlandschaft so umzupflügen, dass sich die Spreu vom Weizen trennt, dass sich die paar verbliebenen Glücksritter und die große Legion der Pöstchenjäger ins Showgeschäft verziehen, wohin sie gehören, und sich die Politischen im Land um eine scharfe Mitte zusammenfinden, um die sich die Rän-der ranken müssen, statt den Takt anzugeben. 

Merz hat sich in den letzten Wochen nicht als ein mit allen Wassern gewaschener Taktiker erwiesen. Doch das hätte ihn zu einer solchen Aufgabe auch gar nicht qualifiziert. Dafür bräuchte man einen, dem man glaubt, was er sagt. Davon müsste er uns nun überzeugen. 

Nicht eben wahrscheinlich? 
Aber gerade darum unverzichtbar. 

 

Dienstag, 4. August 2026

Ein letztes Wort zum Untergang der Bronzezeit?

Odysseus tötet die Freier seiner Frau Odyssos und die Freier
 aus spektrum.de, 3. 8. 2026                                                                                  zu öffentliche Angelegenheiten

Bronzezeit: Klima-Fernwirkung zerstörte die Welt des Odysseus
Vor 3200 Jahren endete die Bronzezeit, eine Phase großer Hochkulturen, in einer mehreren Zusammenbrüchen. Nun ist das Rätsel um eine mögliche Ursache gelöst.

Homers große Epen »Ilias« und »Odyssee« sind nicht nur Geschichten über mythische Helden, sondern auch Zeugnisse der Bronzezeit, einer Epoche blühender Hochkulturen und Reiche. Doch dieses Goldene Zeitalter des östlichen Mittelmeerraums endete vor 3200 Jahren während einer langen regionalen Dürre in einem bis heute rätselhaften Kollaps. Wie nun Katherine Power und Qiong Zhang von der Universität Stockholm berichten, machten zwei spezielle Klimaeinflüsse diese spezifische Trockenperiode so verheerend. Laut ihrer in der Fachzeitschrift »Science Advances« veröffentlichten Analyse bestimmten eine langfristige Veränderung der Erdbahn einerseits und zyklische Veränderungen im Atlantik andererseits, wie trocken der östliche Mittelmeerraum während der vergangenen rund 8000 Jahre war.

In der Bronzezeit hatten sich im östlichen Mittelmeerraum und dem Fruchtbaren Halbmond große und gut organisierte Reiche etabliert. Homers Achaier, heute als mykenische Kultur bezeichnet, bildeten den nordwestlichen Rand dieses Kulturraums. Dort waren die Reiche der Hethiter, Assyrer, Babylonier, Elamiten und Ägypter eng vernetzt. Sie alle einte jedoch ihre Verwundbarkeit gegenüber dem trockenen Klima der Region.

Um herauszufinden, wie häufig und schwer besonders trockene Phasen in den letzten paar Tausend Jahren waren, benutzten Zhang und Power einen Typ von Simulation, der speziell darauf ausgelegt ist, das Klima der als Holozän bezeichneten Epoche seit dem Ende der letzten Eiszeit zu modellieren. In solche Simulationen fließen viele historische Klimadaten ein, zum Beispiel Kohlendioxidkonzentrationen, die man aus Eisbohrkernen kennt. Dadurch lassen sich mit solchen Modellen regionale Effekte viel genauer abbilden.

Demnach führten die zyklischen, langfristigen Veränderungen der Erdbahn dazu, dass die Nordhalbkugel im Sommer nach und nach weniger Sonneneinstrahlung erhält. Dadurch wird die Landoberfläche weniger warm, was die Monsunsysteme schwächt und die innertropische Konvergenzzone weiter südlich verlaufen lässt. Darum erreicht weniger Regen die Subtropen.

Das Computermodell zeigt außerdem, dass die Stärke des Strömungssystems AMOC sowie langfristige Wetterzyklen über dem Atlantik eng mit Regenfällen im Mittelmeerraum gekoppelt waren. Wie Power und Zhang berichten, überlagern sich dadurch mehrere Zyklen von einigen Dutzend bis über 1000 Jahren Länge so, dass sie rund alle 1000 Jahre zusammenfallen und eine sehr schwere, lang anhaltende Trockenperiode verursachen. Eine von ihnen fiel demnach mit dem verheerenden Untergang der bronzezeitlichen Welt des Odysseus zusammen.

 

 

 

Montag, 3. August 2026

Die Deutschen und ihre Natur.

Lebensreform und völkische Bewegung: Ludwig Fahrenkrog: „Die heilige Stunde“, 1918.  
aus FAZ.NET, 14. 1. 2026  Ludwig Fahrenkrug, Heilige Stunde, 1918                                    zu Geschmackssachen

Gespräch mit Birgit Aschmann
Die deutsche Liebe zur Natur – bloß ein Mythos?

Während Caspar David Friedrich romantische Wälder malte, begradigten andere den Rhein: Die Historikerin Birgit Aschmann über deutsche Naturverehrung.

Frau Aschmann, der Titel Ihres neuen Buchs lautet „Die Deutschen und die Natur – Eine andere Geschichte des 19. Jahrhunderts“. Haben denn die Deutschen ein besonderes Verhältnis zur Natur?

Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Deutschen im neunzehnten Jahrhundert gegenüber der Natur verhalten haben, zeichnen sich unweigerlich nationale Besonderheiten ab. Wenn man danach fragen würde, wie Engländer oder Franzosen damals mit der Natur umgegangen sind, würde man ebenfalls ein „besonderes Verhältnis“ entdecken. Dennoch gibt es im deutschen Naturverhältnis Eigenheiten, die auch im internationalen Vergleich auffallen.

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Die Romantik war ein europäisches Projekt, aber die Innerlichkeit und der kontemplative Blick auf die Natur war bei deutschen Romantikern besonders ausgeprägt. Das wird in den Bildern Caspar David Friedrichs deutlich. Bei Friedrichs britischem Zeitgenossen William Turner steckt eine ganz andere Dramatik in den Gemälden, da wirkt die Natur gleich viel weniger beschaulich. Oder vergleichen Sie Friedrichs Bilder mit der revolutionären Drastik in Francisco Goyas „Saturn frisst seine Kinder“.

Im 20. Jahrhundert haben die Nationalsozialisten Caspar David Friedrich allerdings nicht nur aus Gründen der Beschaulichkeit verehrt.
Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Berliner Humboldt-Universität
Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Berliner Humboldt-UniversitätUllstein Verlag

Die propagandistische Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten kann Friedrich nicht angelastet werden. Zwar lassen sich patriotische Motive bei ihm finden, die vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege entstanden sind. Ein Bild wie „Der Chasseur im Walde“, das einen einsamen französischen Soldaten auf einer Lichtung zeigt, umgeben von deutschen Tannen, mag sich als Warnung an den Feind deuten lassen. Aufdringliche völkische Emotionen lassen sich hier aber nicht erkennen. Mit dem aggressiven nationalistischen Aktivismus eines Ernst Moritz Arndt oder eines Theodor Körner – beide gehörten zu Friedrichs Dresdner Umfeld – war das nicht vergleichbar.

Gab es einen Begriff von Natur, der besonders prägend für das neunzehnte Jahrhundert war?

Dazu war das Jahrhundert zu vielfältig. Für die romantische Naturverehrung gab es kanonische Stichwortgeber wie Spinoza, Rousseau und Schelling, die eine komplexe Ganzheitlichkeit beschworen. Allerdings stehen begriffs- und ideengeschichtliche Entwicklungen nicht im Zentrum meiner Untersuchung. Mir geht es um konkrete Handlungen, Gefühlsdynamiken, Projekte und Verhaltensweisen. Für die Industrialisierung oder die Rheinbegradigung spielten philosophische Konzepte keine nennenswerte Rolle, da wurde einfach gemacht. Man suchte nicht groß nach einer theoretischen Legitimation, um die Natur zu korrigieren oder auszu­beuten.

Die Rheinbegradigung unter Leitung des badischen Ingenieurs Johann Gottfried Tulla war damals das größte europäische Wasserbauprojekt. Wie haben Zeitgenossen auf diesen massiven Umwelteingriff reagiert?

Das hing vom Zeitpunkt und von der Personengruppe ab. Das Projekt wurde 1817 begonnen und kam 1876 zum Abschluss. Tulla, der 1828 verstarb, leitete lediglich die erste Phase der Rheinbegradigung. Von Anfang an handelte es sich um eine sehr kontroverse Angelegenheit, weil es Verlierer und Gewinner gab. Nach der Begradigung des Flussbetts in Baden verlagerte sich die Hochwassergefahr flussabwärts. Hessen und Preußen protestierten, weil sie steigende Pegelstände fürchteten; das Projekt kam zwischenzeitlich zum Erliegen. Auch der Fischbestand im Rhein verringerte sich, und zahlreiche ­Fischer mussten sich umorientieren. Der Beruf des Goldwäschers am Rhein starb schließlich ganz aus.

Wie kam es dazu?

Die Bauarbeiten hatten zunächst sogar für ein erhöhtes Aufkommen von Goldpartikeln im Rhein gesorgt. Von 1817 an brachen sprichwörtlich goldene Zeiten an den Ufern des Flusses an. Nicht von ungefähr schrieb Richard Wagner das ­Libretto für seine Oper „Das Rheingold“ in den 1850er-Jahren. Doch nachdem der Rhein sein festes, künstlich angelegtes Bett eingenommen hatte, kamen die Goldfunde an ihr Ende. Dennoch überwogen in der Wahrnehmung des neunzehnten Jahrhunderts die Vorteile dieses Eingriffs.

Rheinstromkarte, umfassend das Gebiet zwischen links: Lauterburg / Au am Rhein, rechts: Worms / Lampertheim.
Rheinstromkarte, umfassend das Gebiet zwischen links: Lauterburg / Au am Rhein, rechts: Worms / Lampertheim.
Zu diesen Vorteilen zählten?

Die existenzielle Bedrohung durch regelmäßige Überflutungen am Oberrhein war vorbei. Damit konnten zugleich die Gebiete in Ufernähe für die Landwirtschaft genutzt werden. Auch bot der begradigte Fluss verbesserte Bedingungen für die Schifffahrt, was Industrie und Handel entgegenkam. Erst in den Siebzigern des zwanzigsten Jahrhunderts setzte ein Bewusstsein für die ökologischen Nachteile der Rheinbegradigung ein.

Sie zitieren Nietzsche, der schrieb: „Hy­bris ist heute unsere ganze Stellung zur Natur, unsere Natur-Vergewaltigung mit Hilfe der Maschinen und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit.“ Wie verbreitet war diese Ansicht damals?

Der Satz stammt aus „Zur Genealogie der Moral“ von 1887. Die Kritik an der „Natur-Vergewaltigung“ war damals noch weit davon entfernt, Mainstream zu sein. Aber es gab erste Naturschutzmaßnahmen. Man setzte sich dafür ein, bestimmte Areale zu bewahren. Der Begriff des „Naturdenkmals“ kam auf. Eine Infragestellung der Industrialisierung bedeutete das nicht. Bei der Nutzung fossiler Energien spielte Nachhaltigkeit keine Rolle, auf die die deutsche Forstwirtschaft so stolz war. Diese wurde im Übrigen auch im europäischen Kolonialismus geschätzt. Der Vorwurf gegenüber einheimischen „Naturvölkern“, mit den regionalen Ressourcen nicht nachhaltig umzugehen, diente auch der Legitimierung deutscher Kolonialherrschaft. Dabei zielte dieser „schonende“ Umgang mit der Natur letztlich darauf, die wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonien über lange Zeit zu sichern.

Gab es Ereignisse, die den Machbarkeitswahn im neunzehnten Jahrhundert nennenswert irritiert haben?

Vor allem die Cholera-Epidemie, die 1831 erstmals nach Deutschland kam, war eine enorme Herausforderung für den Fortschrittsglauben. Die Natur zeigte sich hier von ihrer bedrohlichsten und am schwierigsten zu bezähmenden Seite. Daher steht die Cholera beispielhaft für die Angst vor der Natur. Lange wusste man nichts Genaues über die Infektionswege. Zwischen 1830 und 1900 starben in Europa weit mehr Menschen durch Infektionskrankheiten als durch Waffengewalt im Krieg.

Wie sah der Umgang mit Seuchen in Deutschland aus?

Bei der Seuchenbekämpfung gab es verschiedene Paradigmenwechsel. Die hygienische Revolution zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde an dessen Ende von der bakteriologischen Revolution ab­gelöst. Als es nicht zuletzt Robert Koch gelang, kleinste Lebewesen unter dem Mi­kroskop zu erkennen, verlagerte sich die Stoßrichtung vom Kampf für Stadt­hygiene auf jenen gegen einzelne konkrete Mikroorganismen. Es war der Siegeszug der Labormedizin, gegen die sich wiederum die Lebensreform richtete.

Die Lebensreform ging Ende des Jahrhunderts auf maximale Distanz zum Geist der Industrialisierung. Offenkundig knüpfte man an die romantische Naturverehrung an. Worin unterscheiden sich Lebensreform und Romantik?

Bei der Lebensreform stand der menschliche Körper im Fokus, auch die praktische Komponente und der (wenn auch versteckte) gesellschaftsverändernde Anspruch waren stärker ausgeprägt als bei den Romantikern. Allerdings ist „Lebensreform“ ein Sammelbegriff für sehr verschiedenartige Veranstaltungen, die sich dem „Zurück zur Natur“ verschrieben haben. Die drei Hauptsäulen waren Naturheilkunde, Freikörperkultur und Vegetarismus. Bei vielen Lebensreformern wurzelte die starke emotionale Aufladung der Natur in einer religiösen und politischen Dissidenz.

Inwiefern spielte die politische und religiöse Dissidenz bei Lebensreformern eine Rolle?

Exemplarisch ist der Werdegang von Eduard Baltzer, einem Wegbereiter des Vegetarismus in Deutschland. Nach dem Theologiestudium gelang es Baltzer nicht, in der evangelischen Landeskirche als Pastor Fuß zu fassen, er gründete eine freikirchliche Gemeinde. Prägend war auch die Erfahrung des Scheiterns der Revolution von 1848, deren leidenschaftlicher Anhänger Baltzer war. Später suchte er nach neuen Möglichkeiten der Gesellschaftsveränderung und setzte beim Individuum und bei dessen Ernährung an. Baltzer gründete einen Vegetarier-Verein und gab die erste deutschsprachige Vegetarier-Zeitschrift heraus. Seine Ernährungslehre hat Züge einer Ersatzreligion.

Charles Darwin gehört zu den bedeutendsten Naturwissenschaftlern des neunzehnten Jahrhunderts. Wie wurde seine Evolutionstheorie in Deutschland aufge­nommen?

Der wohl einflussreichste Popularisierer der Evolutionstheorie hierzulande war der Zoologe Ernst Haeckel. Er beschränkte sich nicht auf reine Vermittlungsarbeit, sondern verstärkte den Gedanken vom „Kampf ums Dasein“, der bei Darwin vergleichsweise zurückhaltend formuliert ist. Haeckel übertrug biologische Vorstellungen auf gesellschaftliche Verhältnisse. Dieser Sozialdarwinismus prägte im Wilhelminismus weite Kreise. Auch förderte Haeckel Autoren, die seine Thesen noch mal radikalisierten, beispielsweise Wilhelm Schallmayer, einer der Wegbereiter der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“.

Vom allzu Offensichtlichem wie Klimaschutz, Reformhäusern oder Outdoor-Tourismus mal abgesehen – welche Verhaltensweisen, die man im neunzehnten Jahrhundert gegenüber der Natur an den Tag legte, wirken heute nach?

Die Ambivalenz von damals gibt es noch heute. Angebote wie Seminare zum „Waldbaden“ illustrieren Tendenzen der Verehrung der Natur. Corona zeigte hingegen die Aktualität der Angst vor unberechenbaren Mikroben. Auch die indus­trielle Ausbeutung der Natur wird etwa in der globalen Jagd nach Seltenen Erden fortgesetzt. Und der Wille, die Natur zu korrigieren, findet sich in Schönheitsoperationen ebenso wie in den Initiativen, mittels Genschere das Erbgut von Pflanzen, Tieren oder sogar Menschen zu „verbessern“.

In Ihrem Buch wird deutlich, wie verschiedenartig, aber auch wie willkürlich, konstruiert und missbrauchsanfällig unser Verständnis von Natur ist. Können Sie sich eigentlich noch während eines Waldspaziergangs erholen?

Aber ja! Das Bedürfnis, die Lungen mit frischer Luft zu füllen und sich in der freien Natur zu bewegen, ist nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein physiologisches. Der Mensch ist eben nicht nur „Kultur“, sondern auch „Natur“.

Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Berliner Humboldt-Universität. Ihr Buch „Die Deutschen und die Natur – Eine andere Geschichte des 19. Jahrhunderts“ (720 S., geb., 38,– €) ist im Propyläen-Verlag erschienen. 

 

Nota. - Nicht zu vergessen der irrationale Naturkult, wie er selbst in Horkheimer-Adornos Dialektik der Aufklärung Eingang fand.
JE  


 

Sonntag, 2. August 2026

Ursprung des Totalitarismus.

                                          zu öffentliche Angelegenheiten

Die Wurzel des Übels ist die Idee der politischen Korrektheit. Sie bedeutet die Anmaßung einer Menschengruppe, so groß sie sei, sich Andern als normgebend vorzusetzen; von da ab wird alles denkbar.  

Jeder Spießer neigt im Herzen dazu. 
Bedenke aber: Möglich ist das nur, wo Öffentlichkeit herrscht. 

 

 

Von der Ästhetik der Geselligkeit.

    Rubens,  Bauerntanz                                                                                                                     ...