Freitag, 23. Oktober 2026

Erich Engel im Ungarnaufstand.

Schwarz-weißes Foto von Menschenmenge, von oben fotografiert. 
aus derStandard.at, 22. 10. 2026          Diskussionsveranstaltungen zogen 1956 in Ungarn viele Neugierige an. Hier musste in Budapest am 27. Juni die Diskussion mittels Megafons in den Hof übertragen werden.              zu öffentliche Angelegenheiten

Ungarn 1956: Ein Moment der Hoffnung
Erich Lessings Fotografien prägen das visuelle Gedächtnis des Ungarnaufstandes. Sie zeigen aber nicht nur Gewalt, sondern auch Hoffnung

 

Ragebait.

                                  zu Geschmackssachen

Das fette haarige Schwein ist Provokation genug. 

 

 

Ohne Worte.

                zu öffentliche Angelegenheiten 

Donnerstag, 22. Oktober 2026

Kinder haben kein höheres Selbstbewusstsein als Erwachsene, sondern ein unbefangeneres.

Ein Kind zeichnet mit einem orangefarbenen Stift auf Papier. Daneben stehen gelbe Becher mit Farbstiften. 
aus derStandard.at, 21. 10. 2026    Kinder haben keine Hemmungen bei kreativen Tätigkeiten.      zu Levana, oder Erziehlehre

Kindliches Selbstbewusstsein
Kinder sind doch nicht kreativer als Erwachsene
Eine neue Studie aus Graz bescheinigt Kindern weniger Versagensängste als Erwachsenen. Kreativer macht sie das aber nicht
 
Ein weit verbreiteter Glaube besagt, dass Kinder kreativer sind als Erwachsene und wir einen Teil unserer Kreativität beim Erwachsenwerden einbüßen – etwa durch das Schulsystem. Doch eine neue Studie im Fachjournal PLOS One zeichnet ein anderes Bild: Erwachsene sind demnach kreativer als Vorschulkinder. Wie beide ihre Tätigkeit wahrnehmen, ist aber stark unterschiedlich.

Der Frage nach der Entwicklung von Kreativität widmete sich ein Team vom Creative Cognition Lab an der Universität Graz unter der Leitung von Mathias Benedek. Man nahm gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus München, Louvain und New Haven das kreative Verhalten von Vorschulkindern und Erwachsenen anhand einer Reihe von kreativen Aufgaben unter die Lupe.  

Die Gruppen von 92 Vorschulkindern und 70 Erwachsenen sollten sich unter anderem in drei Minuten alternative Verwendungszwecke für eine einfache Blechdose überlegen oder in acht Minuten ein Fantasietier zeichnen. Dann hatten sie noch acht Minuten Zeit, um mit Buntstiften frei auf weißem Papier zu zeichnen, was ihnen gerade einfiel. Anschließend wurden alle Teilnehmenden gebeten, ihr Selbstvertrauen, ihre Versagensangst und ihre Freude an den absolvierten Aktivitäten zu reflektieren.   

Die Gutachter bewerteten die Schöpfungen, ohne zu wissen, von wem sie stammten. Wie sich zeigte, haben sie über die Aufgaben hinweg die Ideen und Werke der Erwachsenen als neuartiger, effektiver und kreativer eingestuft. In der subjektiven Beurteilung schnitten die Vorschulkinder besser ab: Sie zeigten mehr Freude an den Aufgaben, gaben eine höhere Motivation und weniger Angst an als die erwachsenen Probanden. Diese gaben messbar mehr Versagensangst und ein deutlich geringeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten an. Über drei Viertel der erwachsenen Teilnehmenden schätzten die Kinder fälschlicherweise als kreativer ein.

Zielgerichtet

"Erwachsenen ist es wichtiger, wie andere ihre Ideen beurteilen könnten. Sie schätzen ihre eigene Kreativität vielleicht realistischer ein, aber diese Selbstüberwachung kann auch Sorgen vor einer Bewertung mit sich bringen – und diese Sorge kann den freien Fluss von Ideen hemmen", so der Grazer Kreativitätsforscher Mathias Benedek, der an der Uni Graz das neurokognitive Zusammenspiel im Gehirn untersucht.

Er zeigte sich überrascht, "wie viel Freude die Kinder an den Aktivitäten hatten, besonders wenn es kein klares Ziel gab. Auf der anderen Seite bevorzugten Erwachsene ein klares Ziel, auf das sie hinarbeiten konnten. Ich habe mich auch gefragt, ob Erwachsene einfach effektivere Ideen haben und Kinder originellere. Aber Erwachsene produzierten auch originellere Ideen. Zum Beispiel erfanden Erwachsene höchst ungewöhnliche Fantasietiere, während viele Kinder einhornähnliche Wesen zeichneten."

Enthusiasmus bei Kindern

Dass uns Kinder dennoch kreativer vorkommen, erklärten die Forschenden mit ihrem Enthusiasmus und Selbstvertrauen in Bezug auf Kreativität. Es verhalte sich ähnlich wie beim Sport: Als "sportlich" nehmen wir oft jene Personen wahr, die sich regelmäßig bewegen, und nicht zwingend jene, die am Ende Medaillen gewinnen. Das spiegelte auch die Auswertung der Studie wider: Die teilnehmenden Kinder gaben an, sich einmal pro Tag kreativ zu betätigen, im Gegensatz zu den Erwachsenen, die ihre Kreativität einmal wöchentlich verorteten.

Kinder haben übrigens keine Vorurteile gegenüber anderen Altersgruppen. Sie halten Erwachsene und andere Kinder in etwa für gleich kreativ. Das Forschungsteam will klären, wie es zu dem angeknacksten Selbstbewusstsein bei Erwachsenen kommt.  

 

Nota. -  Kein Erwachsener wird die die Zeichnung eines Einhorns originell finden, sondern längst-schon-dagewesen. Man müsste eher erwarten, dass sie 'kreativer' wä-ren, weil sie schon Vieles gesehen haben und nach dem Ausgefallenen suchen. Wa-rum sind sie aber nicht kreativer, sondern unsicherer? Weil sie alle andertalb Jahr-zehnte lang pädagogischer Inobhutnahme unterzogen wurden. (red, APA)
JE 

Mittwoch, 21. Oktober 2026

Gender-Gap an der Schule.

Ein Junge im Teenageralter steht mit verschränkten Armen vor einer grünen Schultafel, auf der mathematische Gleichungen geschrieben sind. Er blickt nachdenklich in die Ferne, während er über die Aufgaben nachzudenken scheint.  
aus derStandard.at, 20. Oktober 2026                  zu Männlich; zu öffentliche Angelegenheiten; zu Levana, oder Erziehlehre

Warum Burschen im Schnitt schlechtere Noten haben als Mädchen
Die Daten von 750.000 15-Jährigen aus 61 Ländern zeigen, dass Mädchen schulische Anstrengung positiver bewerten als Burschen – was mit deren jeweiligen Leistungen korreliert

Ob diese genderspezifische Leistungsverweigerung damals in erster Linie pubertärer Verwirrungen geschuldet war oder andere Gründe hatte, tut hier nichts zu Sache. Relevanter ist in dem hier vorgestellten Zusammenhang, dass Burschen nicht nur in der österreichischen Provinz der 1980er-Jahre, sondern bis heute und ziemlich global schulische Anstrengung negativer beurteilen als Mädchen. Und dass genau diese nicht besonders intelligente Verweigerungshaltung auch einen nicht gerade geringen Teil des unterschiedlichen Lernerfolgs von Mädchen und Burschen erklären dürfte, wie eine neue Studie argumentiert.

Dass Mädchen in der Schule häufig bessere Noten bekommen als Burschen, ist inzwischen gut dokumentiert. Sie brechen seltener die Schule ab und nehmen häufiger ein Studium auf. Und zumindest in bestimmten Bereichen des Pisa-Tests – insbesondere beim Lesen – schneiden Mädchen systematisch deutlich besser ab. Doch was steckt hinter diesen Unterschieden?

750.000 15-Jährige

Um diese Fragen zu beantworten, hat die französische Sozialwissenschafterin Clotilde Napp (CNRS Paris, Université Paris Dauphine) Daten von mehr als 750.000 15-Jährigen aus 61 Ländern ausgewertet. Grundlage dafür waren die PISA-Erhebungen der Jahre 2012 und 2018, bei denen die OECD nicht nur die Kompetenzen der Jugendlichen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften untersuchte, sondern auch ihre Einstellungen und Überzeugungen erfasste.

 

 

Das im Fachblatt PNAS Nexus veröffentlichte Ergebnis ist bemerkenswert eindeutig – und bestätigt: Mädchen bewerten schulische Anstrengung positiver als Burschen. In 60 der 61 untersuchten Länder war die positivere Einstellung der Mädchen statistisch signifikant. Sie stimmen häufiger der Aussage zu, dass es wichtig sei, sich in der Schule anzustrengen. Dieser Unterschied findet sich in nahezu allen untersuchten Ländern. Er lässt sich auch nicht einfach damit erklären, dass Mädchen und Burschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen kommen, eine andere Familienstruktur haben oder verschiedene Bildungserfahrungen machen.

Verteilung von 61 Ländern in einer Grafik, die den Zusammenhang von Unterschieden bei der Bewertung schulischer Anstrengung und dem Prozentsatz männlicher Studierender zeigt.
Geschlechtsunterschiede bei der Bewertung schulischer Anstrengung (x-Achse) und dem Prozentsatz männlicher Studierender (y-Achse). Österreich zählte 2017 zu den Ländern mit einer vergleichweise geringen Quote männlicher Studierender (hier deutlich unter 45 Prozent)

Am geringsten fiel der Unterschied in Südkorea aus, am größten in Norwegen. Im Durchschnitt betrug er 0,2 Standardabweichungen. Das ist kein dramatischer, aber doch relevanter Abstand zwischen zwei klar getrennten Gruppen. Aufschlussreicher an Napps Analysen ist, dass es sich erstens nicht um ein auf einzelne Bildungssysteme beschränktes Phänomen handelt – und dass zweitens die Einstellung zur Anstrengung mit den tatsächlichen Leistungen zusammenhängt: Jugendliche, die ihr eine größere Bedeutung beimessen, schneiden in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen besser ab. Am stärksten ist dieser Zusammenhang beim Lesen.

Gleichstellungsparadox

Besonders interessant ist ein weiteres Ergebnis: Die Unterschiede zwischen Mädchen und Burschen sind in wirtschaftlich entwickelten Ländern größer als in weniger wohlhabenden Gesellschaften. Das gilt auch für Länder mit höherer Geschlechtergleichstellung und stärker individualistisch geprägten Gesellschaften.
Dieses Ergebnis erinnert an das sogenannte Gleichstellungsparadox, das in der Bildungsforschung schon länger diskutiert wird.

Grafik, die das Gleichstellungsparadoxon anhang von 61 Ländern illustriert.
Sozioökonomischer Entwicklungsgrad (x-Achse) und Geschlechtsunterschiede bei der Bewertung schulischer Anstrengung (y-Achse). Die Unterschiede nehmen mit dem Entwicklungsgrad eher zu, was in der Literatur als Gleichstellungsparadox bezeichnet wird. (Österreich liegt bei etwas über 0 beim sozioökonomischen Status und etwas unter 0,2 bei den Geschlchtsunterschieden.)

Dieses Paradox besagt, dass in bestimmten Bereichen Geschlechterunterschiede nicht automatisch kleiner werden, wenn Gesellschaften wohlhabender und gleichberechtigter werden. Manchmal fallen sie sogar größer aus. Bekannt ist diese Debatte vor allem im Zusammenhang mit den MINT-Fächern, konkret: Warum Frauen in manchen besonders gleichberechtigten Ländern seltener technische und naturwissenschaftliche Studienrichtungen wählen. Eine mögliche Erklärung dieser Tatsache und auch von Napps Analysen liegt in gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, was als typisch männlich oder weiblich gilt.

Anstrengung, Fleiß und schulische Disziplin werden kulturell offenbar nicht geschlechtsneutral bewertet. In manchen sozialen Umfeldern ist es attraktiver, Erfolg als Ausdruck angeborener Intelligenz darzustellen, als zuzugeben, dafür viel gearbeitet zu haben. Mädchen könnten dazu tendieren, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen und vermeintlich mangelndes Talent durch zusätzliche Anstrengung auszugleichen. Burschen könnten sich hingegen auf eine vermeintlich natürliche Begabung verlassen und den Wert kontinuierlicher Arbeit geringer einschätzen.

Zahlreiche Einschränkungen

Das ist eine plausible Interpretation, aber noch kein nachgewiesener Mechanismus. Auch die umgekehrte Richtung ist denkbar, wie Napp einräumt: Wer in der Schule weniger erfolgreich ist, verliert möglicherweise mit der Zeit die Überzeugung, dass sich Anstrengung überhaupt lohnt. Es gibt aber auch noch weitere Einschränkungen: Untersucht wurden Selbstauskünfte über die Bedeutung schulischer Anstrengung, nicht der tatsächliche Lernaufwand. Außerdem handelt es sich um eine korrelative Analyse, die keine eindeutigen Aussagen über Ursache und Wirkung erlaubt.

Auf die österreichischen PISA-Ergebnisse von 2025 sind Napps Analysen nur bedingt übertragbar. Diese Ergebnisse zeichnen nämlich kein Bild einer allgemeinen Leistungsschwäche der Burschen. Vielmehr unterscheiden sich ihre Leistungen je nach Kompetenzbereich deutlich.

Beim Lesen liegen die Mädchen in Österreich um 26 Punkte vor den Burschen. Der Abstand entspricht ungefähr dem OECD-Durchschnitt und ist seit Jahren relativ stabil. In Mathematik ist das Verhältnis umgekehrt: Burschen erreichen im Schnitt 23 Punkte mehr als Mädchen. Dieser Vorsprung ist im internationalen Vergleich besonders ausgeprägt. In den Naturwissenschaften gibt es dagegen keinen praktisch bedeutsamen Geschlechterunterschied – aber dennoch vergleichsweise mehr junge Männer, die MINT-Fächer studieren (Ausnahme: Biologie).

Trotz all dieser Einschränkungen scheint Napps Studie dennoch ein wichtiger Beitrag zur Debatte über die Bildungskrise der Burschen. Sie lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass Bildungserfolg nicht nur von Fähigkeiten und institutionellen Bedingungen abhängt, sondern auch davon, welche Bedeutung Jugendliche ihrer eigenen Anstrengung beimessen. Und vielleicht trägt sie auch etwas dazu bei, dass die Bezeichnung "Streber" nicht mehr ganz so beleidigend ist, wie er früher einmal war. 

Nota. - Es gibt allerdings Erhebungen, wonach weibliche wie männliche Lehrer dazu neigen, Jungen bei gleicher Leistung schlechter zu beurteilen als Mädchen. 

Das widerspricht nicht der obigen Untersuchung, sondern illustriert sie vielmehr.

Dies zum einen. Zum andern: Dass nicht Jungens so und Mädchen so sind, hat sich allmählich herumgesprochen. Richtiger wäre es, zu sagen, dass unter den Jungen mehr Mutwillige und Eigensinnige sind, als unter den Mädchen; und unter den Mädchen mehr Brave und Folgsame, als unter den Jungen. Sachlich ist das zwar fast dasselbe, aber in der Öffentlichkeit geschrieben ist es korrekter.
JE 

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Nochmal Foucault.

Michel Foucault (1926 bis 1984)
aus welt.de, 15. 10. 2026                                                                                                                                  zu Philosophierungen

Er kam um 10, las exakt eine Stunde und verschwand grußlos durch die Seitentür
Seinetwegen sagen wir „Diskurs“: Wie es Michel Foucault gelang, die intellektuelle Nachwelt so zu prägen wie vor ihm Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Erinnerungen von einem, der dabei war. 
 
Von Hans Ulrich Gumbrecht

Wer in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren Michel Foucault aus unmittelbarer Nähe bei seinen Mittwochs-Vorlesungen am Collège de France erleben wollte, musste sich Stunden vor Beginn am entsprechenden Hörsaal in eine Warteschlange stellen. Denn diese Auftritte wurden für tatsächlich Tausende von interessierten Lesern und Anhängern, unter denen manche wöchentlich aus einiger Ferne nach Paris reisten, auf Bildschirme in andere Räume des Gebäudes an der Place Marcelin Berthelet übertragen.

Foucault trat pünktlich um zehn Uhr auf, bestätigte mit dem glattrasierten Schädel über einem weißen Rollkragenpullover die von Bucheinbänden vertrauten Fotografien, nahm an einem ovalen Tisch gegenüber den Reihen Platz und verlas mit heller, konzentriert klingender Stimme, aber ohne große Hinwendung zum mitschreibenden Publikum genau eine Stunde lang Passagen aus dem Manuskript seines jeweils nächsten Buchs. Personen, die ab und an Kassetten in den ihn umgebenden Tonbandgeräten wechselten, schien er nicht wahrzunehmen, sodass eine Intensität gemeinsamer Aufmerksamkeit anhielt, bis er nach 60 Minuten und einem die Hauptthese des Tages konturierenden Satz ohne Abschiedsfloskel durch eine Seitentür verschwand.

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  • Collage

Während es damals noch keinen prägnanten Begriff für Foucaults intellektuellen Stil gab, können wir aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts zwei Dimensionen unterscheiden, welche die singuläre Anziehungskraft seiner Arbeit ausmachten. Mit einer neuen Verwendung des Wortes „Archäologie“ weckte er zunächst ein Interesse für die geschichtliche Analyse von Institutionen, die bis dahin als metahistorisch und transkulturell gegolten hatten. Seine Buchpublikationen setzten 1954 mit einer Studie zum Verhältnis von „Geisteskrankheit und Persönlichkeit“ ein, wurden neun Jahre später mit seiner Analyse über „Die Geburt der Klinik“ und 1975 „Die Geburt des Gefängnisses“ fortgesetzt, um ab 1976 in eine auf sechs Bände geplante „Geschichte der Sexualität“ zu münden, die er nicht mehr zum Abschluss brachte. Den sozialhistorischen Horizont seiner Untersuchungen erweiterte er um Bemerkungen zu Erlebensformen des menschlichen Körpers, der bis dahin allein Gegenstand der Medizin und anderer Naturwissenschaften gewesen war.

Eine neue Beziehung zur Vergangenheit

In einem Buch über „Die Ordnung der Dinge“ aus dem Jahr 1966, das nicht wenige Leser immer noch für Foucaults Hauptwerk halten, veränderte er entlang vier solcher Historisierungen das Verhältnis von Hörern und Lesern zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit und zum menschlichen Dasein schlechthin. Der Text begann mit Kapiteln zu Modifikationen bei der Darstellung (représentation) von Wirklichkeit seit der frühen europäischen Neuzeit, welche in das zum ersten Mal selbst als historischer Prozess verstandene Entstehen von historischem Denken um 1800 übergingen. Aus der neuen Beziehung zur Vergangenheit sollte sich drittens während des frühen neunzehnten Jahrhunderts die bis heute in den westlichen Kulturen vorherrschende Auffassung vom Menschen ergeben haben, deren Mitte ein Habitus der Selbstbeobachtung als „Bewusstsein“ einnahm.

Diese Konzeption vom Menschen wurde schließlich zum Impuls für die Emergenz der Geisteswissenschaften (der Sciences Humaines nach ihrer französischen Version), in denen Selbstbeobachtung eine institutionelle Form gewann. Doch es ging Foucault nicht allein um Abläufe des Entstehens. Wenn der bis dahin als metahistorisch angesehene Begriff des Menschen und die auf Dauer gestellte Existenz der Wissenschaften einen jeweils geschichtlichen Ursprung hatten, dann musste man auch mit ihrem Ende rechnen. Und mit einer Vergegenwärtigung des Gedankens an jenes aus seiner Sicht unvermeidliche Ende beschloss Michel Foucault das Werk über die „Ordnung der Dinge.“ „Wie in einen Sandstrand gezeichnete Figuren unter den Wellen des Ozeans,“ schrieb er, würden eines Tages auch „die Auffassung vom Menschen und die von ihr geformten Wissenschaften ihre Konturen verlieren.“

Statt das Entfalten seiner Themen mit existenzieller Verunsicherung nachzuvollziehen, arbeiteten Foucaults Kollegen sie in einen Theorierahmen für ihre Untersuchungen um. Daraus entstand eine weitere Dimension bei der Rezeption seines Werks, wo vor allem das Ausblenden der Menschen als Agenten historischen Wandels zur philosophischen Innovation wurde. Denn Foucault hatte die ererbte, auf Protagonisten fixierte Historiografie durch eine Abfolge von Formationen sozialen Wissens ersetzt, für die er das Wort Epistémé einführte und die er ohne Thesen über die Gründe der zwischen ihnen vorgehenden Verschiebungen nachzeichnete.

Zur Rekonstruktion solcher Wissenssysteme verwendete er das Konzept des Diskurses, das nicht nur in der akademischen Welt erstaunliche Resonanz auslöste. Es ähnelt dem Begriff der Textgattungen, soll aber auch die sich aus sozialen Hierarchien und Interessendivergenzen ergebenden Machtkonflikte berücksichtigen. Hinsichtlich der Abfolge von artikulierten Wissensstrukturen borgte Foucault das Nietzsche-Wort der Genealogie, das er polemisch gegen alle Annahmen von Regelmäßigkeiten oder „Gesetzen“ im Prozess der Vergangenheit kehrte.

Hegel und Foucault

Hier scheint eine Distanz zum Denken von Hegel auf, dessen Name in Foucaults Texten nur selten vorkommt, obwohl einige seiner wichtigsten Intuitionen wohl aus Auseinandersetzungen mit Hegel hervorgingen. Besonders das Bestehen auf epistemischen Horizonten und Diskursen wirkt wie eine Alternative zu Hegels Dialektik von Geist und Materie und auch zum Materialismus des Links-Hegelianers Karl Marx. Gegen dessen Einfluss auf die Mehrheit französischer Denker nach 1950 stellte Foucault das schroffe Urteil, dass sich seine Philosophie „im neunzehnten Jahrhundert bewege wie ein Fisch im Wasser.“

Durchaus nach der dreifachen Bedeutung des Begriffs der „Aufhebung“ bei Hegel als ein Beenden, Bewahren und Erheben von Wissensformen in größere Komplexität hat Foucault also mit einer neuen Philosophie der Vergangenheit Hegels Geschichtsphilosophie und mit ihr die Geisteswissenschaften aufgehoben. Auch wenn nur wenige Leser diese Bewegung wahrgenommen haben und die Geisteswissenschaften eher schlecht als recht weiterexistieren, lässt sich deshalb sagen, dass Michel Foucaults Status für uns als intellektuelle Nachwelt an Hegels Einfluss auf die Zeit seit dem frühen 19. Jahrhundert erinnert.

Doch nicht nur dem human- oder geisteswissenschaftlichen Denken verlieh Foucault eine ungeahnte Energie. Er wirkte auch als kraftvolle Gestalt für die Öffentlichkeit seiner Gegenwart, womit er in ein paradoxales Verhältnis zu dem von ihm begründeten Theoriegestus des Aussparens aller Subjektrollen trat. Statt sich aber, wie zum Beispiel Jean-Paul Sartre, ausgehend von einer kohärenten ideologischen Position in laufenden politischen Debatten zu engagieren, gab Foucault seine wirksame Unterstützung ganz verschiedenen Initiativen, die mit persönlichen Interessen und Sympathien konvergierten. An einer Novellierung der das Leben in französischen Gefängnissen bestimmenden Gesetze war ihm gelegen; an der Integration von in ihren eigenen Ländern verfolgten Einwanderern; und auch an der Aufnahme politischer Beziehungen zu dem sich ab den Sechzigerjahren als islamische Republik etablierenden Iran.

Foucault (M.) bei einer Demonstration 1972 in Paris. Rechts: der Schriftsteller Jean Genet
Foucault (M.) bei einer Demonstration 1972 in Paris. Rechts: der Schriftsteller Jean Genet

Solche meist kurzfristigen Interventionen machten Foucault bei Zeitgenossen berühmt und auch berüchtigt, die nie eines seiner Bücher gelesen oder eine seiner Vorlesungen besucht hatten. Zugleich sind manche der ihm zu verdankenden Begriffe und Ideen nicht nur ins westliche Alltagswissen eingegangen, wo sie sich meist ohne Assoziation mit ihrem Erfinder bis heute gehalten haben. Vor Foucault war etwa das heute global benutzte Wort „Diskurs“ kaum verwendet worden, und vor Foucault hatten Bildungsbürger daran geglaubt, dass sich die Zukunft aus jeweiligen Rhythmen historischer Veränderung hochrechnen ließ.

Foucaults Werdegang

All diese Diskontinuitäten des Denkens und der Erfahrungsbildung gingen aus einem klassischen Intellektuellenleben hervor, dessen seltene dramatische Momente mehrere Biografien betont haben. Michel Foucault war am 15. Oktober 1926 als Sohn einer wohlhabenden Arztfamilie aus der westfranzösischen Provinzstadt Poitiers zur Welt gekommen und beeindruckte seine ersten Lehrer ebenso mit konsequent ausgebauten geistigen Talenten wie mit lässig hingenommenem Desinteresse an arithmetischen Übungen. Eine liebende Mutter ermöglichte ihm mehrere Monate als Schüler am angesehenen Lycée Henri IV. von Paris, denen beim zweiten Anlauf die Aufnahme in die Elite-Institution der École normale supérieure folgte.

Dort nahmen Jean Hyppolite, ein angesehener Kenner deutscher Philosophie, und Louis Althusser, der letzte bedeutende Philosoph des Marxismus, den jungen Foucault in die Kreise ihrer Schüler auf. Dass er der sowjettreuen Kommunistischen Partei beitrat und sie wegen ihrer schweigenden Hinnahme von Verbrechen des Stalinismus nach zwei Jahren verließ, gehörte zu den um 1950 typischen Verhaltensmustern jener Umwelt.

Ähnliche Bildungs-Parcours absolvierten auch andere Mitglieder einer aufsteigenden und bald charismatisch leuchtenden Generation französischer Humanwissenschaftler wie der Soziologe Pierre Bourdieu, der Philosoph Jacques Derrida oder der Historiker François Furet. Weil er sich aufgrund seiner homoerotischen Leidenschaft von der Selbstverständlichkeit sozialer Begegnungen ausgeschlossen fühlte, erlebte Michel Foucault jene Jahre vor allem als Zeit persönlicher Depression. Zweimal versuchte er, sich das Leben zu nehmen, und fand dennoch einen Weg durch die Etappen einer Karriere für Höchstbegabte.

Er unterrichtete an Kulturinstituten oder Universitäten in Uppsala, Warschau, Hamburg und Tunis; er wurde Professor für Philosophie in Clermont-Ferrand, wo er „Die Ordnung der Dinge“ verfasste, und an der Reform-Hochschule von Vincennes, wo neben ihm Jean-François Lyotard, Gilles Deleuze und Alain Badiou nach neuen Funktionen für die Philosophie suchten. Am 12. April 1970 stimmte eine knappe Mehrheit der sechsundvierzig Professoren am Collège de France für Michel Foucaults Aufnahme in ihr Kollegium. Er hatte die letzte Stufe akademischer Kanonisierung erreicht und gab nach jahrhundertealter Tradition dem eigenen Lehrstuhl einen programmatischen Namen: „Geschichte der Denk-Systeme“.

Mit gelassener Eleganz

Seit der existenziellen Krise seiner Studienzeit hatte Foucault eine Lebensform gefunden, in der Liebe zu Männern gegen alle damals weitverbreiteten Widerstände einen Platz hatte. Mit gelassener Eleganz verkörperte er diese Rolle und bezog sie gelegentlich in seine Arbeit ein, ohne je in Identitätspolitik zu erstarren. Foucault hob gerne hervor, dass homoerotische und heteroerotische Beziehungen für manche Gesellschaften der griechischen Antike als Variablen bestanden hatten, und bei Gastprofessuren in Berkeley genoss er den homosexuellen Alltag des Castro-Viertels von San Francisco als wirklich gewordene Utopie.

Bis heute kursiert unter kalifornischen Geisteswissenschaftlern eine dokumentarisch nie bestätigte Vermutung, nach der sich Foucault 1983 entschlossen hatte, einen Ruf nach Berkeley anzunehmen. Dazu konnte es nicht kommen, weil er am 25. Juni 1984 in Paris an der Immunkrankheit Aids starb, kurz bevor sie diagnostisch erfasst wurde. Sein Tod hinterließ nicht bloß ein Vakuum in der intellektuellen Welt. Denn Michel Foucault war ein Leben als Gestalt der Präsenz gelungen, deren attraktive Exzentrik wir noch immer vermissen.

 

Nota. - Mit Hegel verglichen zu werden hat er nicht verdient. Wohl hat er wie jener die ('kontinentale') Philosophie weit über seinen Tod hinaus beherrscht, und selbst die Sachbearbeiter konnten seine Stichwörter sagen. Aber dabei hat das Philoso-phieren einen regen Aufschwung genommen; während nach dem schließlichen Zu-sammenbruch der Hegelschule die Philosophie in Deutschland ein toter Hund war und sich erst in den 1870er Jahren mit dem Neukantianismus mühsam wieder auf-rappelte. 

Das Bemühen um eine systematischen Darstellung blieb allerdings verpönt, das gilt bis heute als obszön. Dazu hat Foucault allerdings wie kaum ein andrer im 20. Jahr-hundert wieder beigetragen.

Ich mache kein Hehl daraus, dass ich eine Philosophie für verloren halte, die nicht bis an ihr Ende geht und sich als System zu rechtfertigen sucht.

Da denke ich an einen Zeitgenossen, mit dem Foucault in einer Hinsicht besser zu vergleichen ist als mit Hegel. Th. W. Adorno ist dem Systemgedanken in großem Bogen aus dem Weg gegangen. Seine Theorie  ist "kritisch", aber sie mäkelt an Oberflächenerscheinungen herum. Um Philosophie zu werden, hätte sie kritizi-stisch sein müssen. Und so war er, kaum gestorben, schon fast vergessen.

Kant hat daran bis ans Lebensende am System laboriert, und selbst der unglück-liche Nietzsche hat zum Schluss daran basteln müssen. Aber mehr als der ubiquitäre Wille zur Macht ist dabei nicht herausgekommen. Nietzsche hat ihn auch nicht weitergeführt.

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Als Lovis Corinth von München nach Berlin zog.

Die zweite Fassung des Gemäldes "Salome" aus dem Jahr 1900 von Lovis Corinth
aus Tagesspiegel, 14. 10. 26                                                  Die Ablehnung von „Salome II“ (1900) in München war mit ein Auslöser für Corinths Übersiedelung nach Berlin.                                                                                       zu Geschmackssachen 

Als Lovis Corinth von München nach Berlin zog.
Welche Stadt war fortschrittlicher? 
Nachdem 1901 ein Bild von ihm abgelehnt wurde, siedelte der Maler in die Reichshauptstadt über, die ihn mit offenen Armen empfing. Aber auch hier herrschte nicht überall die große Freiheit.

Von  Bernhard Schulz

Im „Simplicissimus“, der großen und großartigen Satirezeitschrift des Kaiserreichs, erschien 1901 eine Karikatur von Thomas Theodor Heine, eine Szene aus einem Münchner Biergarten. Ein älteres Ehepaar mit Dackel hört den Tiraden eines Berliners zu. „Mit der Münchner Kunst ist nischt mehr, Berlin is jetzt die deutsche Kunstmetropole“, tönt der. Nicht mehr als ein „So, so“, entlockt es dem Münchner. Doch der Berliner setzt eins drauf: „Und besseres Bier wird in Berlin auch schon jebraut.“ Das geht zu weit. Das Ehepaar drischt schimpfend auf ihn ein, der Hund beißt ihm in die Wade.

Wunderbar hat Heine die Charaktere der beiden Städte und ihrer Bewohner in seine auf einen Blick verständliche Bildfolge gepackt. München hat seinen Rang als Kunstmetropole eingebüßt, aber das ist schon abgehakt und schmerzt nicht weiter. Berlin hingegen ist großkotzig und beansprucht den ersten Rang, in allem. Das trifft den Lokalstolz Münchens. Am Bier, nicht an der Kunst, hängt das Selbstwertgefühl.

In seiner Linken hält der Berliner die Zeitung „Tag“. Dort nämlich hatte der Berliner Kunstkritiker Hans Rosenhagen zwei Artikel über „Münchens Niedergang als Kunststadt“ veröffentlicht, die eine heftige Debatte auslösten. Rosenhagen kritisierte die Kulturpolitik Münchens und die mangelnde Unterstützung für die Secession, was zur Übersiedlung von Künstlern wie Lovis Corinth und Max Slevogt nach Berlin geführt habe.

Tatsächlich waren Corinth (oben ein Selbstporträt von ihm von 1900) und Slevogt im Herbst 1901 nach Berlin gezogen, nachdem sie in der Münchner Secession auf Ablehnung gestoßen waren. Die zweite Fassung von Corinths Gemälde „Salome“ wurde nicht zur Ausstellung zugelassen und Slevogts „Danae“ nachträglich entfernt. In Berlin sind sie mit offenen Armen empfangen worden. „Salome II“ war schon 1900 bei der zweiten Ausstellung der Berliner Secession gefeiert worden.

Bis dahin galt Corinth geradezu als Verkörperung der Münchner Gegenwartskunst. Seit 1891 hatte er in der bayrischen Residenzstadt gelebt. „München leuchtete“, um es mit dem geflügelten Wort Thomas Manns zu sagen, und Else Lasker-Schüler schwärmte: „Ein Paradies ist München, aus dem man nicht vertrieben werden möchte.“

Doch der Kunstbetrieb zielte auf die Dekoration aller Lebensbereiche. Ein ungeheuer vielfältiges Kunstgewerbe hatte sich breitgemacht; Rosenhagen sprach verächtlich von „Imitations-Industrie“. Dieser Vorwurf traf so sehr, dass Prinzregent Luitpold eine Kommission einsetzte, die den Zustand der selbst ernannten „Kunststadt“ untersuchen sollte.

Zentrum des deutschen Impressionismus

Mit der Übersiedlung der beiden Künstler – Corinth aus Ostpreußen, Slevogt waschechter Bayer – setzte der Siegeszug des deutschen Impressionismus ein. Die Berliner Secession oder, wie der Name sagt, Abspaltung, nämlich von den etablierten Künstlergenossenschaften, war von Max Liebermann, Walter Leistikow und dem Kunsthändler Paul Cassirer gegründet worden. Mit dem Münchner Zuwachs wurde sie zum unbestrittenen Zentrum der nicht mehr neuen, aber noch immer offiziell missachteten Kunstrichtung.

Angeblich hat die Jury der Großen Berliner Kunstausstellung 1898 eine Grunewald-Landschaft Leistikows abgelehnt, was der Auslöser für die Gründung der Secession nach Münchner und Wiener Vorbild gewesen sein soll. Cassirer wurde Sekretär, 1912 sogar Vorsitzender. Es gab Erfolge und Streit, Secessionen von der Secession, Austritte, Wiedereintritte. Eine turbulente Zeit – die Jahre, in denen sich „die“ Moderne im Kaiserreich etablierte, und das hieß naturgemäß zuerst in der Reichshauptstadt Berlin.

Lovis Corinth Porträt Walter Leistikow, 1893 Öl auf Lwd., Gemäldemaß: H: 124,50 cm , B: 100,00 cm Inv.Nr.: VII 61/704 x Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin Reproduktion: Oliver Ziebe, Berlin Aufnahme von Sammlungsgut 2014
Lovis Corinths Porträt des Malers Walter Leistikow von 1893

Dass die Stadt, in die man ging, um nach dem Wort Fontanes „Carrière“ zu machen, ein besseres Pflaster für Neues bot als München, liegt auf der Hand. Hier war „neues“ Geld, Wagemut, Nährboden für Experimente, gesellschaftlicher Aufstieg.

Doch die Gegenüberstellung eines konservativ verharrenden München mit einem modern losstürmenden Berlin hält der näheren Betrachtung nicht stand. Denn während in München in der verklärten Prinzregentenzeit die liberalitas Bavariae, verstanden als ur-bayerische Toleranz, den Maßstab bildete, war Berlin die Stadt des in Kunstfragen sich zum obersten Richter aufschwingenden Kaisers.

Und während in München eine konservative, aber generöse Künstlerschaft jedem seinen Platz ließ, solange die eigenen, merkantilen Interessen nicht tangiert wurden, gaben die Berliner unter der kompromisslosen Führung des kaisertreuen Akademiedirektors Anton von Werner keinen Millimeter preis. Das gilt zumal für die Bildhauer, die mit Aufträgen wie der unsäglichen Siegesallee im Tiergarten überschüttet wurden, dabei jedoch geübt waren, um keine Haaresbreite von der verlangten neobarocken Formensprache abzuweichen.

Stichwort SOKU2026
Anton von Werner, Enthüllung des Richard-Wagner-Denkmals im Tiergarten, Berlinische Galerie, Foto: Roman März
Kunst, die dem offiziellen Geschmack entsprach: „Enthüllung des Richard-Wagner-Denkmals im Tiergarten“ des kaisertreuen Akademiedirektors Anton von Werner.

Gerade am Lebensweg von Lovis Corinth lässt sich zeigen, dass die Verdammung Münchens und der Lobpreis Berlins aus der besonderen Situation der Durchsetzung der Moderne heraus zu verstehen sind. Corinth war in den 1880er Jahren als junger Mann nach München gekommen, um an der in ganz Europa gerühmten Akademie zu studieren.

Wanderjahre folgten, unter anderem nach Paris, ehe er sich 1891 in München niederließ. Die dortige Kunstszene wurde von „Malerfürsten“ beherrscht: Kaulbach, Lenbach und auch schon Franz Stuck, die ihren Erfolg in aufwendigen Häusern zelebrierten und regelrecht Hof hielten. 1892 kam es zur Gründung der Münchner Secession, im Grunde nur ein Interessenverband für Ausstellungsmöglichkeiten, denn nur darüber stellten sich Öffentlichkeit und Verkäufe her.

1899 besuchte Corinth Liebermann in Berlin, und als, wie erwähnt, seine „Salome II“ sogar von der Secession abgelehnt wurde, entschloss er sich zum Umzug nach Berlin. Sein Freund Slevogt ging mit. Die Münchner Secession verkraftete den Fortgang der beiden Protagonisten problemlos.

„Danae“ von Max Slevogt (1895)
„Danae“ von Max Slevogt, gemalt 1895

In Berlin oder genauer: im damals noch eigenständigen Charlottenburg hatte die Secession bald ein eigenes Gebäude an der Kantstraße. Öffentliche Aufmerksamkeit war garantiert. Seit dem Munch-Skandal von 1892, als Anton von Werner eine Ausstellung des Norwegers wegen Anstößigkeit hatte schließen lassen, definierte sich die Berliner Moderne durch den Affront gegen Kaiser und Hof.

Rot und Weiß, Edvard Munch/ Berlinische Galerie
Edvard Munch (hier „Rot und Weiß von 1899/1900) malte auf eine Weise, die von der etablierten, akademischen Malkunst nicht verstanden und abgelehnt wurde.

Mochte Wilhelm auch gegen die als „Rinnsteinkunst“ verdammte Moderne wettern – das liberale Großbürgertum kaufte und sammelte sie. Beide Secessionen, München wie Berlin, erwarben sich bleibende Verdienste in der Vermittlung der internationalen, zuvörderst französischen Moderne. Und wenn die – immerhin unter königlicher Prerogative stehende – Nationalgalerie unter Hugo von Tschudi französische Impressionisten erwarb, baute sie auf dieser erzieherischen Vorarbeit auf.

Nachdem er im Konflikt mit dem Kaiser 1908 sein Amt aufgeben musste, ging Tschudi nach München und konnte dort an Kunstwerken erwerben, was ihm in Berlin versagt worden war. Das unterstreicht, wie aufgeschlossen die dortige Kunstpolitik war. In München entstand mit dem „Jugendstil“ der erste neue und von historischen Anklängen freie Stil des 20. Jahrhunderts, benannt nach einer der in München verlegten Kunstzeitschriften, eben der „Jugend“. Die war 1896 gegründet worden, im selben Jahr wie der ebenfalls Münchnerische „Simplicissimus“.

Berlin hatte erst ein Jahrzehnt später maßgeblichen Anteil an einer neuen Kunstrichtung, dem Expressionismus. Die Ironie der Geschichte will es, dass die Secessionisten sich die jungen Expressionisten ebenso fernzuhalten versuchten, wie sie selbst Jahre zuvor von den offiziellen Vertriebswesen ausgeschlossen wurden. 1910 entstand so die „Neue Secession“.

Corinth und Slevogt gehörten nicht dazu. Ein Schlaganfall, der Corinth 1911 halbseitig lähmte, beförderte eine neue, letzte Phase seines Werks mit. Er entwickelte im Laufe der Zeit einen ganz eigenen Expressionismus, der wohl bereits in seinen naturalistischen Werken, etwa den Schlachthausszenen, angelegt war.

In der Gesellschaft füllte er die Rolle als Genussmensch und Salonlöwe aus, die den oberen Schichten der immer wohlhabender werdenden Reichshauptstadt zupasskam. Für ihn war die Zeit erfüllt von Ausstellungen, die dem nun schon über 50-Jährigen den ersehnten Erfolg in reicher Fülle brachten.

1908 malte Lovis Corinth die Schauspielerin Tilla Durieux als spanische Tänzerin.

Erst nach dem Krieg lockerte sich Corinths Bindung an Berlin, da er immer mehr Zeit in Oberbayern auf seinem neu erbauten Landsitz am Walchensee verbrachte.

Ob nun München oder Berlin in diesen Jahrzehnten konservativer oder aber moderner waren, muss dahingestellt bleiben. In München herrschte die Kunst, doch sie wurde geradezu erstickt von einer florierenden, jedoch unschöpferischen Kunstindustrie. Davon war Berlin frei. Dafür wehte hier der schärfere Wind beständiger politischer Einflussnahme.

So wurden in beiden Städten auf unterschiedliche Weise die gesellschaftlichen Konflikte ausgetragen, die mit der rasanten Industrialisierung und Verstädterung Deutschlands einhergingen. Daran hatte die Kunst ihren spezifischen Anteil, nicht als Spiegelbild, sondern als eigenständiger Kampfplatz eben solcher Konflikte und Reibungen. Aus ihnen gingen in beiden Städten staunenswerte produktive Leistungen hervor. Sie bewundern wir bis heute.


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