zu öffentliche Angelegenheitenaus welt.de, 4. 10. 2026 Die Schlacht bei Wittstock am 4. Oktober 1636 zählt zu den blutigsten des Dreißigjährigen Krieges
Wie sehr sich der große Krieg seit dem Prager Fenstersturz 1618 verändert hatte, bewies ein Vertrag, der im März 1635 in Wismar unterzeichnet wurde. Darin verpflichtete sich Frankreich, Schweden mit 400.000 Reichstalern pro Jahr zu unterstützen. Als Gegenleistung für diese enorme Summe, die ein Viertel des schwedischen Staatshaushalts ausmachte, sagten die Gesandten aus Skandinavien zu, im Heiligen Römischen Reich eine Armee von mindestens 36.000 Mann zu unterhalten.
Erinnern wir uns: 17 Jahre zuvor war der Krieg, der als der Dreißigjährige in die Geschichte eingehen sollte, über den Streit zwischen den protestantischen Ständen Böhmens und ihrem katholischen Herrn in Wien ausgebrochen und hatte sich durch den Beitritt der beiden konfessionellen Bündnissysteme Union und Liga zu einem Konflikt ausgeweitet, der das ganze Reich zum Schlachtfeld werden ließ.
Nun, 1635, verhandelten Kaiser Ferdinand II. und der Kurfürst von Sachsen als Vormacht der Lutheraner in Prag über einen Friedensschluss, den Axel Oxenstierna, der Kanzler der protestantischen Großmacht Schweden, und das von Kardinal Richelieu geführte Frankreich unbedingt verhindern wollten. Der Krieg war zu einem internationalen Machtkampf geworden, in den auch Spanien und die Niederlande eintraten.
Ein Jahr später waren die meisten Reichsstände – nur die reformierten unter Führung von Hessen-Kassel blieben abseits – dem Prager Frieden beigetreten. Dass der Krieg dennoch kein Ende fand, entschied sich am 4. Oktober 1636 in der Mark Brandenburg. Bei Wittstock, 100 Kilometer nordwestlich von Berlin, schlug ein schwedisches Heer das kaiserlich-sächsische Aufgebot so schwer, dass sich der Krieg noch zwölf Jahre weiterschleppen konnte. In ihnen vollzog sich endgültig die Verwüstung des Reiches.
Nicht, dass der Krieg bis dahin weniger grausam gewütet hätte. Bis 1630 hatten kaiserliche Heere nicht nur Süddeutschland durchzogen, sondern waren erstmals an den Küsten von Nord- und Ostsee erschienen. Durch das Restitutionsedikt Kaiser Ferdinands II. von 1629, das den Besitzstand der Konfessionen im Reich auf das Jahr 1552 – also noch vor den Augsburger Religionsfrieden von 1555 – zurücksetzte, schien dem Protestantismus das Rückgrat gebrochen. Dass er am Leben blieb, verdankte er dem Eingreifen Gustav II. Adolfs, der sein Ziel, Schweden ein baltisches Imperium zu schaffen, als Rettungstat für Luthers Botschaft zu verkaufen verstand. In schnellen Schlägen drängte der König die Kaiserlichen zurück, bis er 1632 bei Lützen den Tod fand.
Mit der Ermordung seines Generalissimus’ Wallenstein kam Ferdinand 1634 dem Drängen der mit ihm verbündeten Fürsten, allen voran Bayerns, nach, die ihre Positionen durch die Machtstellung des Militärunternehmers gefährdet sahen. Weil damit aber auch die Gefahr einer kaiserlichen Dominanz gebannt schien, war die Basis zu einem Ausgleich gelegt, dem nach der vernichtenden Niederlage der Schweden vor Nördlingen 1634 auch Sachsen und weitere protestantische Stände zuneigten. Mit dem Prager Frieden schien das Ende des Krieges zum Greifen nah. Das einzige Hindernis dorthin bildete die schwedischen Armeen, die jedoch nur noch Gebiete an Elbe, Weser und der Ostseeküste hielten.
Schon 1631 hatten französische Subsidien Gustav Adolfs Kriegführung unterstützt. Nun, durch den Pakt von Wismar, retteten sie die schwedischen Truppen, mit denen Oxenstierna, der für Gustav Adolfs Tochter Christina die Geschäfte führte, Nordostdeutschland unter seiner Kontrolle halten wollte. Ein weiteres Kriegsziel war der Unterhalt der Armee, die bei einem Rückzug ohne Kompensationen zu einer nicht finanzierbaren und damit unkalkulierbaren Macht in Schweden geworden wäre.
Das zu verhindern war Johan Banér der rechte Mann, hatte der schwedische Feldmarschall die Lehren des Krieges doch verinnerlicht. Das Leiden der Zivilbevölkerung interessierte ihn nicht, wenn nur seine Armee auf ihre Kosten kam. Dafür ließ er seinen Soldaten bei ihren Beutezügen freie Hand, während er sich in seinem Zelt Wein und Frauen hingab. Das hinderte ihn jedoch nicht an genialen Schachzügen in der Schlacht.
An denen gebrach es seinem Gegner, dem kaiserlichen Feldmarschall Melchior von Hatzfeldt. Der verfügte zwar über gute Beziehungen und Bildung, verlor sich aber vor einem Gefecht in der Planung von Details, die anschließend von der Realität leicht überrollt wurden. Als Banér im Spätsommer 1636 von Mecklenburg aus einen Vorstoß nach Westen wagte, nahm Hatzfeldt zusammen mit dem sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. die Verfolgung auf. Beide erkannten aber erst spät, dass es sich um ein Täuschungsmanöver handelte und die Schweden längst auf dem Rückmarsch waren. Bei Wittstock machte Banér Halt und stellte sich den Verfolgern.
Umgehend ließ Hatzfeldt auf dem Scharfenberg eine feste Stellung anlegen, die er mit Artillerie und Schanzen verstärkte. Obwohl mit 17.000 gegenüber 20.000 Soldaten deutlich unterlegen, setzte Banér alles auf eine Karte. Er erkannte, dass ein Frontalangriff auf diese Stellung einem Selbstmord gleichkam. Also teilte er seine Armee – ein seltener taktischer Schachzug, der wegen der schwankenden Disziplin der Heere und mangelhafter Aufklärung ausgesprochen riskant war.
Zunächst attackierte Banér die linke Flanke der Kaiserlichen. Dort hielten die Sachsen jedoch stand und wurden bald von Truppen aus Hatzfeldts Zentrum unterstützt. In der Zwischenzeit marschierte jedoch der linke Flügel der Schweden unerkannt durch einen Wald. Ziel war der linke Flügel der Verbündeten. Kurz bevor Banérs Zentrum zusammenzubrechen drohte – die Schwedische Brigade verlor zwei Drittel ihrer Leute – erschien die Truppe am anderen Ende der Front und konnte auch einige Geschütze in Stellung bringen.
Das war zu viel für die Verbündeten. Demoralisiert zogen sie in der Nacht ab und hinterließen den Schweden ihre Geschütze und Munitionswagen. Sogar die Kanzlei des Kurfürsten, seine vergoldete Kutsche und sein gesamtes Tafelsilber wurden zur Beute. Den Rest besorgte die schwedische Kavallerie, die über die ungeordnet Fliehenden herfiel. Mit rund 6000 Toten zählte die Schlacht bei Wittstock in Brandenburg zu den blutigsten des Dreißigjährigen Krieges.
Hans Jakob von Grimmelshausen, der als Trossjunge dabei war, schildert in seinem Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ das Grauen der Kämpfe: „Köpfe lagen dorten welche ihre natürlichen Herren verloren hatten, und hingegen Leiber, die ihrer Köpf mangleten; etliche hatten grausam- und jämmerlicher Weis das Ingeweid herauß, und andern war der Kopf zerschmettert und das Hirn zerspritzt ... Da sah man zerstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Tods, hingegen andere um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten. Summa summarum: da war nichts anders als ein elender jämmerlicher Anblick!“
Das war ein Vorgeschmack auf das, was Deutschland in den folgenden Jahren blühte. Denn nach 18 Jahren Krieg war dieser längst nicht mehr in der Lage, sich zu ernähren. Ohne Nahrung und feste Führung verkamen die Heere zu einer Soldateska, die wie Heuschrecken das Land verwüstete. Der Fund eines Massengrabes, das 2007 bei Bauarbeiten in Wittstock gefunden wurde, gibt Aufschluss über den Zustand der Soldaten.
Die 124 Opfer der Schlacht, die nackt und dicht an dicht darin verscharrt worden waren, zeigten allesamt dieselben Krankheitsbilder: unterernährt seit Kindheit und Jugend, die Knochen von endlosen Märschen ramponiert, von schmerzhaften Entzündungen geplagt, von Parasiten gequält und von zahlreichen Verwundungen durch Schuss- und Blankwaffen gezeichnet. Bei einem jugendlichen Kämpfer wurden sechs Hiebverletzungen mit unterschiedlichen Waffentypen gezählt. Jeder Zehnte von ihnen wies Symptome der Syphilis im fortgeschrittenen Stadium auf.
„Wittstock war eine der wichtigsten Schlachten des Krieges“, urteilt der britische Historiker Peter H. Wilson. „Eine schwedische Niederlage hätte das letzte Feldheer in Deutschland vernichtet und Hessen-Kassel ermuntert, seinen Waffenstillstand in einen (Beitritt zum Prager) Frieden umzuwandeln.“ So aber musste der Kurfürst von Brandenburg aus Berlin fliehen, und die kaiserlich-sächsische Armee löste sich auf.
Der eigentliche Sieger aber hieß Frankreich. Um die Umklammerung durch die Habsburger in Spanien und Österreich aufzubrechen, hatte Richelieu 1635 den Krieg erklärt und dafür auch ein Bündnis mit den Niederlanden geschlossen. Aber die Offensiven in Italien und den Spanischen Niederlanden scheiterten. Stattdessen zog eine kaiserliche Armee zur Unterstützung bis vor Dijon, während ein spanisches Heer sich Paris näherte. Der schwedische Sieg bei Wittstock sorgte umgehend für Entlastung, indem die Kaiserlichen sich zurückzogen. Von einer Durchsetzung des Prager Friedens konnte keine Rede mehr sein.
Stattdessen „begann der Krieg praktisch von vorn – von Frankreich und Schweden geführt, um einen monarchisch regierenden Kaiser zu verhindern“, schreibt Wilsons Jenaer Kollege Georg Schmidt. Diese Internationalisierung des Konflikts aber bedeutete, dass den Akteuren innerhalb des Reiches die Möglichkeit genommen war, zu einem Friedensschluss zu gelangen, zumal einzelne Fürsten ihre Interessen mal bei dieser, mal bei jener Macht besser aufgehoben sahen.
Die Zeche hatten die Menschen zu zahlen. Einige Beispiele: Als nach der Schlacht von Nördlingen eine kaiserliche Armee im Jahr 1635 durch das Gebiet des Landgrafen von Hessen-Darmstadt zog, summierten sich die Verluste auf 30.000 Pferde, 100.000 Kühe und 600.000 Schafe. Württemberg verlor zwischen 1634 und 1638 mehr als drei Viertel seiner Bevölkerung. Eine englische Gesandtschaft kam 1636 zwischen Mainz und Frankfurt durch ein Dorf, das innerhalb von zwei Jahren 18-mal geplündert worden war. In Hessen und Schwaben überfielen apokalyptische Reiter in Form von Wölfen die Überlebenden. Lebten im Heiligen Römischen Reich 1618 zwischen 17 und 20 Millionen Menschen, waren es 30 Jahre später nur zehn bis 13 Millionen.
Die Verwüstung weiter Teile Deutschlands begann erst nach der Schlacht von Wittstock. Der Dichter Andreas Gryphius hat 1636 in seinem berühmten Sonett „Thränen des Vaterlandes“ geschrieben: „Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret! // Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun // Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun // Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.“
Nota. - Mit der Schlacht von Wittstock hat sich der Dreißigjährige Krieg endgültig aus einem innerdeutschen Konflikt zu einem kontinentalen Machtkampf ausgewei-tet. Der Kampf um die Vorherrschaft in Europa wurde auf deutschem Boden aus-getragen, der nur noch verbrannte Erde war. Als Folge war Deutschland seither bis ins 19. Jahrhundert "nur noch ein geographischer Begriff".
Aber nicht zu vergessen: Ohne den 30jährigen Krieg hätte es keinen Westfälischen Frieden, kein Völkerrecht und keinen Aufschwung der Vernunft zur Weltmacht gegeben. Das alles haben wir bezahlt.
JE
