Cristofano Allori zu öffentliche Angelegenheiten
Cristofano Allori zu öffentliche Angelegenheiten
aus derStandard.at, 28. 6. 2026 zu Jochen Ebmeiers Realien
Die aktuelle Hitzewelle gilt inzwischen als schlimmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Doch welche Temperatur ist eigentlich für unseren Planeten normal? Tatsächlich ist das Weltklima in ständiger Bewegung, mit wechselnden Kalt- und Heißzeiten, für die es teils ganz unterschiedliche Gründe gab.
Die erste und extremste Hitzeperiode erlebte die Erde an ihrem Anfang. Sie entstand vor viereinhalb Milliarden Jahren und musste erst einmal ihre Umlaufbahn säubern, in der sich viele Planetisimale tummelten, wie die kleinen Brocken genannt werden. Einer davon war alles andere als klein, sondern hatte etwa die Größe des Mars. Aus der Kollision mit ihm ging der Mond hervor. Nach dieser Kollision war es auf der Erdoberfläche wohl mehr als 2000 Grad Celsius heiß.
Danach kühlte die Erde nur langsam ab. Noch zig Millionen Jahre nach der mondbildenden Kollision hatte es auf der Erdoberfläche mehr als 200 Grad Celsius. Doch bald bestimmte vor allem die Atmosphäre die Oberflächentemperatur.
Extreme Temperaturveränderungen gab es aber weiterhin. Die vielleicht spektakulärste war dabei keine Hitzewelle. Vor rund 800 bis 600 Millionen Jahren wurde es auf unserem Planeten so kalt, dass buchstäblich die Meere, zumindest weitgehend, zufroren. Man spricht von der "Schneeballerde". Wie konnte sich der Planet von dieser Kältephase erholen?
Auf der Erde wird durch Vulkanismus auf natürliche Weise immer wieder Kohlendioxid ausgestoßen. In einer Welt, die nicht von Eis bedeckt ist, nehmen Silikatgesteine bei Regen das Treibhausgas wieder auf. All das geschieht über Zeiträume von Jahrtausenden. Auf der Schneeballerde gab es aber einerseits wenig Regen, und andererseits nur wenig freiliegendes Gestein, auf das er hätte fallen können. Die Folge: Kohlendioxid reicherte sich in der Atmosphäre an und die Temperaturen stiegen, sodass das Eis wieder schmolz.
Während der letzten 500 Millionen Jahre wurde es dann mehrmals sehr heiß, mit Durchschnittstemperaturen von über 20 bis über 30 Grad Celsius. Zum Vergleich: Heute sind es rund 15 Grad. Eine solche Hitzephase ereignete sich während der Kreidezeit rund 25 Millionen Jahre vor dem Aussterben der Dinosaurier. Rund um den Äquator breiteten sich Wüsten aus. Das Leben zog sich dorthin zurück, wo die Temperaturen noch moderater waren. Ein solcher Ort war der eisfreie Südpol, wo sich Wälder ausbreiteten.
Die Hitze hielt nicht an, kehrte aber wieder. Vor rund 56 Millionen Jahren waren die Pole erneut warm, über dem Polarkreis gab es Palmen und Krokodile. Es war nicht ganz so heiß wie während der Kreidezeit, aber während eines großen Teils des Paläozän trugen die Pole der Erde kein Eis. Die globalen Durchschnittstemperaturen erreichten bis zu 34 Grad Celsius. Es wurde nicht nur heißer, sondern in Summe auch feuchter. Der Meeresspiegel stieg teils um bis zu 50 Meter.
Der Mensch hatte mit all dem selbstverständlich nichts zu tun, bis zu seinem Auftauchen sollten noch Millionen Jahre vergehen. Was die heutige Klimaforschung aber anhand dieser vergangenen Ereignisse feststellen kann, ist, dass Kohlendioxid eine zentrale Rolle bei der Erwärmung der Erde spielte. Das sogenannte Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum (PETM) gilt heute als bester Anhaltspunkt dafür, was ein starker Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre verursacht. Einige wesentliche Unterschiede zur aktuellen Situation gibt es dabei. So waren etwa die Pole schon vor dem starken Temperaturanstieg eisfrei.
Woher das CO₂ damals kam, ist nicht restlos geklärt. Gesichert ist hingegen, dass der Anstieg zu diesen prähistorischen Extremtemperaturen einer der schnellsten bekannten in der Erdgeschichte war. Die Oberflächentemperatur der Erde stieg damals innerhalb von nur 10.000 Jahren um sechs Grad Celsius.
Nicht, dass das nach heutigen Maßstäben besonders schnell wäre. Scott Wing von der US-amerikanischen Smithsonian Institution gibt zu bedenken, dass der Treibhausgasausstoß des Menschen, wenn er weiter hoch bleibt, in etwa dieselbe Erderwärmung rund zehnmal schneller erreichen dürfte.
Nach den Temperaturextremen des PETM erholte sich die Erde wieder. Die hohen Temperaturen und die große CO₂-Konzentration regten das Pflanzenwachstum im Meer an. Das CO₂ wurde von den Pflanzen umgesetzt und der Kohlenstoff im Meer gebunden. Kopierbar ist das Konzept für uns Menschen eher nicht: Der Prozess dauerte zigtausend Jahre.
Auch wenn das aktuell ein schwacher Trost sein dürfte: Es war in der Erdgeschichte schon deutlich heißer als aktuell. Während der letzten Jahrtausende waren die Temperaturen dann relativ stabil, was als wesentlicher Faktor für die Entwicklung der menschlichen Kultur betrachtet wird. Bemerkenswert ist, dass es etwas wärmer war als in der jüngeren Vergangenheit, etwa in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Zwischen den Jahren 1450 und 1850 gab es eine kurze Kälteperiode, die auch "kleine Eiszeit" genannt wird.Seither steigen die Temperaturen wieder und haben alle Werte der letzten 10.000 Jahre übertroffen. Um ähnlich warme Temperaturen wie heute zu finden, muss man schon etwa 125.000 Jahre zurückblicken. Eine Abkühlung ist, zumindest was den längerfristigen Trend angeht, nicht in Sicht.
aus welt.de, 27. 6. 2026 zu Jochen Ebmeiers Realien
Schlafmangel kann sich einer Studie zufolge wohl direkt auf die Struktur des Gehirns auswirken. Eine schlaflose Nacht führe offenbar zu verstärkten Verbindungen zwischen Gehirnzellen, berichtet ein Forschungsteam im Fachjournal „PLOS Biology“. Darauf weise eine steigende Menge entsprechender Marker hin.
Viel im Kopf haben – das gilt allgemein als erstrebenswert. Verstärkte Verbindungen zwischen Neuronen im Gehirn machen aber nicht automatisch leistungsfähiger, ein besonders dichtes Netzwerk kann sogar ungünstig sein: Mit mehr Verbindungsstellen zwischen Gehirnzellen – Synapsen genannt – steige der Energiebedarf des Gehirns und es sammelten sich mehr Proteine an, erklärt das Team um David Elmenhorst vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin des Forschungszentrums Jülich (FZJ).
Etwa ein Drittel seines Lebens verbringt der Mensch mit Schlafen. Dauerhaft zu wenig Nachtruhe trübt nicht nur die Stimmung, sondern kann auch ernsthafte Folgen für die Gesundheit haben. Chronische Schlafprobleme werden unter anderem mit Depressionen, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einem geschwächten Immunsystem in Verbindung gebracht.
Unser Gehirn besteht aus etwa 86 Milliarden Nervenzellen. Sie sind nicht gerade dicht vernetzt, im Gegenteil: Weniger als ein Prozent der möglichen Verbindungen zwischen Neuronen werden Forschern zufolge tatsächlich ausgebildet.
Bei Tests an künstlichen neuronalen Netzwerken zeigten Forscher, dass die spärliche Konnektivität die Verarbeitung von Signalen nicht verlangsamt, sondern die Effizienz sogar steigert. Solche Systeme waren zudem robuster und anpassungsfähiger, wie ein Team bereits im Jahr 2025 im Fachmagazin „Frontiers in Neural Circuits“ berichtete.
Die Wissenschaftler um Elmenhorst suchten nun bei 40 Menschen mittels sogenannter Positronen-Emissions-Tomografie (PET) an zwei aufeinanderfolgenden Tagen nach dem Protein SV2A, einem Marker für Synapsen im Gehirn. Die Hälfte der Teilnehmer hatte zuvor eine Nacht lang nicht geschlafen.
Nach rund 28 Stunden ununterbrochener Wachheit war in mehreren Hirnregionen wie Thalamus und Hippocampus etwas mehr von dem Marker zu finden als zuvor. In der Kontrollgruppe wurde keine Veränderung beobachtet.
Das stütze die Annahme, dass Schlaf wichtig dafür ist, die Balance im Hirnnetzwerk wiederherzustellen. Demnach hieß es: Synapsen werden im Wachzustand verstärkt und im Schlaf wieder reduziert. Nur wichtige Synapsen bleiben bestehen oder werden gestärkt. Solche Wartungsarbeiten passieren Experten zufolge nachts, um – ähnlich wie bei in Randzeiten gewarteten und reparierten U-Bahnen – die Abläufe im Wachzustand nicht zu behindern.
„Schlaf ermöglicht eine synaptische Herunterregulierung, erhält Energie und steigert die Effizienz neuronaler Netzwerke“, schließen die Forscher um Elmenhorst. Die Aussagekraft der Daten habe allerdings Grenzen.
SV2A sei nur ein indirekter Marker, vorerst bleibe darum unklar, ob die beobachteten Veränderungen tatsächlich auf neue Synapsen oder andere Prozesse zurückgehen. Zudem seien die Effekte mit rund zwei bis sechs Prozent relativ klein. Die Annahme werde aber durch anatomische und molekulare Studien an Tieren gestützt.
Wissenschaftler fragen sich seit Langem, warum Menschen und Tiere überhaupt schlafen müssen. Selbst Quallen und Seeanemonen – einfache Tiere ohne Gehirn – schlummern. Mäuse schlafen fünfmal länger als Elefanten, bei Delfinen und Zugvögeln schläft abwechselnd immer nur eine Hirnhälfte, während die andere wacht.
Klar ist inzwischen, dass sich das Nervensystem anders als einst angenommen im Schlaf nicht einfach nur ausruht und weitgehend inaktiv ist. Im Gegenteil, gibt es dort ein sehr umtriebiges Nachtleben.
Als zentral gilt die Festigung von Erinnerungen und Erlerntem. Zudem müssen wahre Berge an Stoffwechselabfällen beseitigt werden, die sich beim Überlegen, Rechnen, Entscheiden und Sonstigem angehäuft haben. Über längere Zeit angehäufte Abfälle wie bestimmte Proteine können zu neurodegenerativen Erkrankungen beitragen.
Vor einigen Jahren wurde bekannt, dass es im Gehirn sogar eine Art Abwassersystem gibt: Neuronen erzeugen elektrische Impulse, die sich zu rhythmischen Wellen verdichten und Liquorflüssigkeit durch das dichte Hirngewebe treiben. Die mit Abfallstoffen angereicherte Flüssigkeit fließt dann in die Lymphgefäße in der Dura mater ab, der äußeren Gewebeschicht, die das Gehirn unter dem Schädel umhüllt.
zu öffentliche AngelegenheitenAls ich 1985 nach längerem Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückkam, stieß ich auf den Spruch Väter sind Täter! Niemand*in gab das als Satire aus. Ich ahnte nicht, dass das nur der Beginn eines Jahrzehnte währenden Medienauftriebs werden sollte. Männern wurde seither allerlei zugemutet. MeToo war noch eine vergleichs-weise maßvolle Variante.
Ich habe vor 20 Jahren meinen Fernseher rausgeschmissen. Dieter Nuhr war da-mals einer der wenigen Comedians, die ich nicht weggezappt habe, seine neueren Performances kenne ich aber nicht.
Früher hat er sich sorgsam den Beifall von der falschen Seite vom Hals gehalten, doch um den von der konsensuell richtigen Seite hat er nie gebuhlt. So habe ich ihn in Erinnerung. Es scheint, als habe er sich nicht verändert. Dazu würde ich ihm gra-tulieren.
aus derStandard.at, 24. 6. 2026 zu Jochen Ebmeiers Realien
Wie die beiden großen Theorien der modernen Physik zusammengeführt werden können, gilt als die zentrale Herausforderung der Physik. Zwar gibt es einige theoretische Ansätze, doch ein experimenteller Nachweis steht bislang aus. Genau hier setzt die Forschung des Quantenphysikers Markus Aspelmeyer an, der an der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig ist. In hochspezialisierten Laboren werden Glasteilchen von der Größe eines Sandkorns im Vakuum mithilfe von Licht kontrolliert und in Quantenzustände versetzt. Langfristig sollen diese Experimente klären, ob auch die Gravitation den Gesetzen der Quantenwelt folgt. Wie der Wissenschaftsfonds FWF am Mittwochabend bekannt gab, wird Aspelmeyer für seine Forschung mit dem diesjährigen Wittgenstein-Preis ausgezeichnet.
STANDARD: Gratulation zum Wittgenstein-Preis! Die Auszeichnung ist mit zwei Millionen Euro dotiert und zweckgebunden für die Forschung. Was haben Sie damit vor?
Aspelmeyer: Wir werden definitiv das Team ausbauen, das ist für unsere Forschung das Wesentlichste. Der Preis ist eine Auszeichnung für das gesamte Team und hilft uns, die besten Köpfe zu bekommen. Dabei geht es oft um Timing, dass man in dem Moment, wenn eine gute Bewerberin verfügbar ist, auch ein Angebot machen kann. Durch den Wittgenstein-Preis haben wir nun die Flexibilität, auf dem großen internationalen Markt die Besten ansprechen zu können.
STANDARD: Ihre Forschung ergründet das Grenzgebiet zwischen Gravitation und Quantenphysik. Seit vielen Jahrzehnten wird daran gearbeitet, diese beiden großen Theorien der modernen Physik zusammenzuführen – doch bisher ist der große Durchbruch ausgeblieben. Warum sehen Sie nun ein historisches Zeitfenster anbrechen, wo das tatsächlich gelingen könnte?
Aspelmeyer: Die größten Fortschritte, die in den letzten Jahrzehnten gelungen sind, waren im Bereich der Theorie. Es wird oft gesagt, dass es unmöglich sei, die Theorie der Quantenphysik und Gravitation zusammenzubringen. Aber das stimmt nicht! Wir haben ja bereits Theorien der Quantengravitation. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, ob sich die Natur tatsächlich so verhält. Dass man es auf dem Papier als Theorie hinschreiben kann, heißt noch nicht, dass sich die Natur daran halten muss.
STANDARD: Dazu werden Experimente benötigt, wo Ihre Forschung ins Spiel kommt.
Aspelmeyer: Lange Zeit hat man geglaubt, dass diese Phänomene so klein sind, dass sie experimentell nicht zugänglich sind. Dasselbe galt übrigens auch für Gravitationswellen. Ende der 1950er-Jahre war es die vorherrschende Meinung, dass Gravitationswellen und Gravitation von Quantenobjekten interessante Effekte sind, die aber so klein sind, dass es nicht möglich ist, sie in einem Experiment zu zeigen. Für Gravitationswellen wissen wir seit 2015, dass das nicht stimmt: Wir können Gravitationswellen messen, inzwischen fast schon täglich.
STANDARD: Wie sieht es aus mit Quantenexperimenten mit großen Objekten?
Aspelmeyer: Unter dem Schlagwort makroskopische Quantenphysik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wahnsinnig viel getan. Mein Lieblingsbeispiel sind natürlich die Experimente von meinem Kollegen Markus Arndt (Wittgenstein-Preisträger 2008, Anm.) mit seinen Molekül-Interferenzexperimenten. Dabei kann man Quanten-Phänomene bei Objekten mit Tausenden Atomen zeigen. In meiner Forschungsgruppe haben wir in den letzten 20 Jahren viel Zeit investiert, um Festkörperobjekte wie kleine Sprungbretter ins Quantenregime zu treiben. Jetzt haben wir erstmals die Methoden in der Hand, um die Masse von Quantenobjekten so groß zu machen. Das war vor 60 oder 70 Jahren denkunmöglich, dass die experimentellen Möglichkeiten einmal so weit entwickelt sein werden. Deswegen ist jetzt die Zeit, in der wir hier sehr große Chancen haben.
STANDARD: International arbeiten unterschiedliche Forschungsgruppen an dieser Schnittstelle. Was zeichnet den Ansatz, den Ihr Team verfolgt, aus?
Aspelmeyer: Wir sind führend darin, dass wir die Vermessung von kleinsten Gravitationsfeldern, also wirklich Präzisionsmessungen im Gravitationsbereich damit verbinden, Quantenobjekte immer massiver zu machen – bis in einen Bereich, in dem wir hoffentlich irgendwann deren Gravitationsfeld messen können. Das macht unsere Forschung einzigartig: Anstatt sich auf eines zu fokussieren und zum Beispiel zu versuchen, nur die Quantenphysik oder nur die Gravitationsphysik voranzubringen, schauen wir, dass wir an beiden Fronten neue Weltrekorde aufstellen und sie zusammenführen.
STANDARD: Prognosen sind gerade bei der Grundlagenforschung schwierig. Sie haben aber dennoch eine ganz klare Timeline vor Augen. Wie sieht die aus?
Aspelmeyer: Die Timeline ist 17 Jahre, das hängt mit dem europäischen Forschungssystem zusammen, weil bei uns gibt es ja das System der Zwangspensionierung. Bei mir wird das in 20 Jahren so weit sein. Als Experimentalphysiker gibt man sich immer einen Puffer, so von drei Jahren, und deswegen wird das Experiment in 17 Jahren fertig sein. Meine amerikanischen Kollegen schauen mich dabei immer verständnislos an, die verstehen den Witz nicht dabei.
STANDARD: Ein anderes Themenfeld, mit dem US-Forschende vielleicht mehr anfangen können, ist der Einsatz von KI in der Wissenschaft. Künstliche Intelligenz revolutioniert viele Bereiche der Forschung – welche Vorteile kann KI bei Ihrer Arbeit bieten?
Aspelmeyer: Das ist tatsächlich noch offen. Wir verwenden KI schon lange für einfache Dinge wie Coden von kleiner Maschinerie innerhalb der Experimente. Da beschleunigt es schlichtweg den Alltag. Ansonsten muss man sich das jetzt anschauen. Wir diskutieren definitiv innerhalb der Gruppe sehr stark, wie wir die Möglichkeiten von KI nutzen können, um unsere Forschung qualitativ noch stärker zu machen. Ich glaube, das ist die Kunst, dass man es nicht einfach verwendet, um mehr zu produzieren, sondern dass man die Möglichkeiten durch KI sinnvoll nutzt, um qualitativ noch besser zu werden.
STANDARD: Sie haben sich trotz mehrfacher Angebote aus dem Ausland dazu entschieden, in Wien zu bleiben. Warum?
Aspelmeyer: Wien ist die schönste Stadt der Welt und bietet einzigartige Möglichkeiten. Für mich persönlich kann ich sagen, dass diese Kombination von Universität Wien und Akademie der Wissenschaften für meine Gruppe die Möglichkeit bietet, diese grundlegenden Fragen wirklich langfristig anzugehen. Das ist absolut einzigartig. Hinzu kommt in Wien und in Österreich eine lange Tradition in der Quantenphysik, beginnend mit Erwin Schrödinger bis zum Nobelpreis für Anton Zeilinger. Forschung ist aus meiner Sicht wie Kunst, das ist ein Gesamtentwurf, ein Gesamtkonzept. Da müssen alle Randbedingungen stimmen und Wien kann das bieten. Ich denke, da lohnt es sich, weiter zu investieren, sowohl intellektuell als auch materiell.
STANDARD: Was schon länger eine große Rolle für Ihre Forschung spielt sind philosophische Überlegungen. Wie beeinflusst die Philosophie die experimentelle Physik?
Aspelmeyer: Im konkreten Alltag ist der Einfluss von Philosophie zum Drehen des Schraubenziehers im Labor natürlich nicht relevant. Aber tatsächlich ist es so, dass die Motivation hinter der Forschung natürlich getrieben ist durch die Neugier und das Bedürfnis, bestehendes Wissen infrage zu stellen und noch mehr dahinter zu schauen. Und genau diese Art des kritischen Hinterfragens sind die Grundwerkzeuge, die dir das Philosophiestudium mit auf den Weg gibt. Und so sehe ich mich: Ich sehe mich als einen durch unbändige Neugier getriebenen jung gebliebenen Mann, der schlichtweg einfach nur Neues lernen möchte. Unsere Experimente sind für mich eine intellektuelle Herausforderung. Das ist die eigentliche Aufgabe der Grundlagenforschung, Bestehendes infrage zu stellen, und ich denke, das ist ein genuin philosophischer Zugang.
STANDARD: Und wie wirkt die Physik zurück in die Philosophie?
Aspelmeyer: Ich denke, dass diese Fragestellungen, an denen wir jetzt dran sind, die Schnittstelle zwischen Quantenphysik und Gravitation, auch vom philosophischen Aspekt her wahnsinnig spannend ist. Wir haben hier zwei funktionierende physikalische Theorien, die auf Weltbildern beruhen, die sich gegenseitig ausschließen. Und das ist eine Grundsatzfrage: Kann es so etwas geben in der Natur? Ich glaube nicht. Also ich denke schon, unsere Aufgabe als Physikerinnen und Physiker ist es, diese Widersprüche in den Weltbildern aufzudecken und dann nachzubohren.
STANDARD: Nachdem Sie sich nun zu den Wittgenstein-Preisträgern zählen können: Welche Bedeutung hat Ludwig Wittgensteins philosophisches Vermächtnis für Ihre Arbeit?
Aspelmeyer: Ich glaube, das wesentliche Element zum Verständnis der Bedeutung und Relevanz der Quantentheorie führt über die Sprache. "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt" ist ein Zitat von Wittgenstein, dass genau das zum Ausdruck bringt, was uns die Quantenphysik als Spiegel vorhält: Wir sind in einer Situation, in der wir die Natur nicht mehr mittels unserer Sprache beschreiben können. Diese Grenzen zeigen sich in diesem völlig kontraintuitiven Verhalten. Ein anderes Beispiel aus dem Tractatus ist: "Die Welt ist alles, was der Fall ist." Auch hier könnte man fragen, was würde Wittgenstein heute sagen? Würde er die Quantenphysik so sehen, wie wir sie heute sehen, würde der Tractatus anders beginnen, nämlich mit: "Die Welt ist alles, was möglicherweise der Fall sein könnte."
zu öffentliche AngelegenheitenAdorno war ein aufgeblähter Flachmann.
Seine Publikumswirkung verdankte er seinem mystifizierenden Redestil.
12. 1. 26
Er stand immer hoch über seinem Publikum.
Habermas holte ihn vom Podest und entlarvte seine Banalität.

In seiner Forschung stellt der Physiker Aspelmeyer die Gravitation auf den Prüfstand der Quantenphysik. Denn die Gravitation entzieht sich als einzige der vier fundamentalen Wechselwirkungen der Physik den Regeln der Quantenphysik. Für unser Verständnis der Welt sei eine Theorie der Quantengravitation jedoch unerlässlich, sagt Aspelmeyer gegenüber science.ORF.at.
Den mit zwei Millionen Euro dotierten Wittgenstein-Preis des Wissenschaftsfonds FWF erhalte der Quantenphysiker laut der internationalen Fachjury nicht nur als Auszeichnung seiner herausragenden wissenschaftlichen Karriere, es handle sich auch um eine Investition in die Zukunft.
Die Vergabe des „Austronobelpreises“ an Aspelmeyer ist laut Jury „eine Investition in eines der ambitioniertesten Vorhaben in der modernen Physik, das Österreichs erfolgreiche Tradition in der Quantenforschung um ein weiteres vielversprechendes Kapitel bereichert“. Für Aspelmeyer selbst ist der Wittgenstein-Preis eine Auszeichnung für sein gesamtes Team, mit dem er als Leiter des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie als Professor für Physik an der Universität Wien forscht.
Konkret geht es dabei um aufwendige Experimente, die untersuchen, ob die Regeln der Quantenphysik auch für die von Albert Einstein beschriebene Raumzeit gelten. Das Konzept der Raumzeit ist ein Baustein der Allgemeinen Relativitätstheorie. „Raum und Zeit werden gekrümmt durch Massen“, erklärt Aspelmeyer. Diese Krümmung hängt also mit der Gravitation zusammen. Doch gelten hier auch die Regeln der Quantenphysik?
„Wir wissen, dass sich in der Quantenphysik Objekte so verhalten können, als ob sie an zwei Orten gleichzeitig sind“, so Aspelmeyer. Wenn nun also eine Masse die Raumzeit krümmt, die sich so verhält, als ob sie an zwei Orten gleichzeitig wäre, ist die Raumzeit dann auch zweifach vorhanden? „Es sind Fragen wie diese, die wir experimentell beantworten wollen“, sagt Aspelmeyer. Die Einstein’sche Gravitationstheorie sagt, es kann nur eine Raumzeit geben – die Quantenphysik sagt, dass das so nicht stimmen kann.
Der diesjährige Wittgenstein-Preisträger untersucht diese Frage im Labor etwa anhand eines „großen“ Quantenobjektes. Es handelt sich um eine Glaskugel in der Größe eines Sandkorns, aufgebaut aus ca. einer Milliarde Atomen. Die Kugel mit einem halben Mikrometer Durchmesser wird mit einem Laser in einer Vakuumkammer gehalten und gleichzeitig so gekühlt, dass ihre Bewegungsenergie minus 273 Grad Celsius entspricht und sie Quanteneigenschaften zeigt. In diesem Experiment, mit dem größten Quantenobjekt des Forschungsteams, wird das Quantensystem selbst untersucht.
Auf der anderen Seite gebe es Gravitationsexperimente, sagt Aspelmeyer. „Da ist die kleinste Masse, von der man bislang ein Gravitationsfeld messen konnte, eine ein Millimeter große Goldkugel“, so der Physiker. Betrachte man diese Goldkugel als einen kleinen Planeten, dann habe der eine Anziehung, also eine Schwerkraft, die 30 Milliarden mal kleiner ist als die Schwerkraft der Erde, erklärt Aspelmeyer.
Beim Ziel der Verkleinerung gelang dem Team um Aspelmeyer 2021 damit ein Rekord: Sie konnten so die kleinste jemals bestimmte Gravitationskraft messen, also die Anziehungskraft dieses 90 Milligramm schweren Goldkügelchens, das etwa so schwer ist wie ein Marienkäfer und andere Objekte mit einer Beschleunigung anzieht, die eben 30 Milliarden Mal kleiner ist als jene der Erde.

Nun sollen diese Experimente zusammengeführt werden – die kleine Glaskugel soll größer werden und die Gravitationsexperimente mit der Goldkugel kleiner. „Letztlich wird es ein so kleines Objekt sein, das man gerade noch mit freiem Auge sehen kann und das dann Quanteneffekte hat, dessen Gravitationsfeld wir allerdings noch messen können“, sagt Aspelmeyer. „Da soll die Reise hingehen“, sagt der Physiker zuversichtlich.
2020 hat Aspelmeyer gemeinsam mit Innsbrucker und Zürcher Kollegen einen mit 13 Mio. Euro dotierten „Synergy Grant“ des Europäischen Forschungsrats ERC erhalten, um Überlagerungszustände an die äußerste Grenze zu treiben: Ein aus Milliarden von Atomen bestehender Festkörper soll an zwei Orten gleichzeitig positioniert werden.
Bis zur Quantengravitation ist es dann noch immer ein weiter Weg: „Wenn wir im Quantenbereich die Größe verhundertfachen können und im Gravitationsbereich ebenso um den Faktor 100 verkleinern können, dann sind wir am Ziel“, so Aspelmeyer. Wann das der Fall sein wird, weiß er genau: „In 17 Jahren – weil vorher ist es unrealistisch, und länger kann es aufgrund des europäischen Systems der Zwangspensionierung nicht dauern, weil ich dann in Pension gehen muss“, so der Physiker mit Augenzwinkern.
Der aus Bayern stammende Physiker, der 2002 als Postdoc von München zur Gruppe Anton Zeilinger – Nobelpreisträger 2022 – an die Uni Wien wechselte, hat auch einen Abschluss in Philosophie. „Der hilft jetzt nicht beim Schraubenzieherdrehen im Labor, aber Philosophie ist ja eigentlich die Kunst des kritischen Hinterfragens, und in der Grundlagenforschung geht es immer auch darum, existierendes Wissen infrage zu stellen“, sagt Aspelmeyer.
Seine quantenphysikalischen Experimente hätten jedenfalls auch eine philosophische Dimension, so der Physiker. „Denn die Gravitation und die Quantenphysik, also beide Theorien zusammen, ruhen auf Weltbildern, die sich gegenseitig ausschließen, und das ist einfach ein gefundenes Fressen für einen Philosophen“, sagt Aspelmeyer.
Der ausgezeichnete Forscher hebt zudem seine Doppelrolle als Uniprofessor und Leiter eines ÖAW-Instituts hervor, die es ihm ermöglicht, solch langfristige Forschungsprojekte anzugehen. Auch die zwei Millionen Euro des Wittgenstein-Preises will Aspelmeyer den Arbeiten an der Schnittstelle von Quantenphysik und Gravitation widmen, „weil das so ein langfristiges Unterfangen ist“. Der Preis sei ein „riesiger Motivationsschub und eine Auszeichnung für sein ganzes Team“, das er mit dem Preisgeld auch entsprechend ausbauen will.
von Marlene Nowotny, ORF Wissen/Agenturen
Dieser Beitrag begleitet die Sendung „ZIB“, ORF 2, und das Ö1-Morgenjournal, 25. Juni 2026.
Nota. - 'In der Quantenphysik kann ein Objekt sich gleichzeitig an zwei verschie-denen Orten befinden' - was mag das bedeuten? Und was heißt gleichzeitig: Im selben Messvorgang? Und lassen sich die beiden verschiedenen Orte lokalisieren - gleichzeitig oder jeder für sich?
Wie immer der Physiker spezifizieren mag - der Nichtphysiker kann sich nichts dar-unter vorstellen. So wenig wie unterm Raum-Zeit-Kontinuum, das er hilfsweise als ein vibrierendes Kippbild anschauen muss.
Wenn es beiden Welten - die der Quanten und die relativistische - wirklich gibt, dann müsste das, was in der einen geschieht, sich auch irgendwie in der andern darstellen lassen; und sollten wir uns beides vorstellen können. Der Haken ist aber, dass es die eine sowenig 'gibt', wie die andere. Wirklich gibt es die Welt, in der wir denken, messen und Erfahrungen machen - mit unserm in Milliarden Jahren aus-gebildeten Sensorium.
Letzteres ist freilich historisch geworden und eo ipso kontingent. Im Vergleich mit den aus mittelbar geprüften Daten objektiv (sic) errechneten Modellen ist es rein zufällig. Vielleicht sind beide Theorien wahr, aber unser Sensorium mangelhaft. Vielleicht ist nur das eine wahr und das andere nicht - so wenig wie unsere sinnliche Wahrnehmung. Und vielleicht sind alle drei mangelhaft. Doch vielleicht ist unsere zufällige Wahrnehmung wahr - nur keines der beiden Modelle vollständig.
Allerdings stammen auch unsere Vorstellungen von wahr, notwendig und zufällig aus dieser unsern einmalig einzigartigen Gattungserfahrung. Von der wir unmöglich abstrahieren können, weil sie heute wie je unser tägliches Leben bestimmt. Und so weiter.
Es könnte aber auch sein, daß bloß die Suche nach einem Einheitsmodell zwecklos und abwegig ist.
JE
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