aus Ästhetik: Rohentwurf.
Es gibt ‚Gehalte’ des Erlebens, die – jedenfalls innerhalb derselben Kultur – einem jeden bekannt sind und über die er darum mit jedem andern sprechen kann, sofern sie sich über deren Benennung einigen. Sofern sie sie also gemeinsam ‚bezeichnen’ können; ohne daß nur einer von ihnen imstande wäre, den exakten Ort anzugeben, den sie im beweglichen System („Sprachspiel“) all der andern ‚gültigen’ Namen ein-nehmen – weil sie anscheinend gar nicht darinnen liegen, sondern irgendwo an sei-ner Grenze. Das sind, mit einem altertümlichen Wort zu reden, Existenzialien, die dem je individuellen Leben gewissermaßen als vorausgesetzt begegnen („Urphäno-mene“, nach Goethe); wie z. B. Liebe, Leidenschaft, Freiheit, Sinn, Verzweiflung, Schuld, Schönheit, Glück, Ehre und Anstand. (Übrigens auch Komik und... Wis-sen.) Ein jeder für sich ‚weiß, was gemeint ist’; nur sobald er es einem andern er-klären soll, dann geht es ihm wie Augustinus mit der Zeit: Er kann es nicht sagen. Und je kritischer der Geist, der im öffentlichen Diskurs waltet, umso mehr neigen die ‚existenziellen’ Begriffe dazu, aus dem aktiven Wortschatz ganz zu schwinden.
Daß sie sich
seit drei Jahrtausenden – seit das Definieren begonnen hat – der
Defi-nition widersetzen, zeigt an, daß sie zur Exposition in diskursiver
Wissenschaft nicht taugen. Sie können allenfalls in Bildern gezeigt
und in Mythen erzählt werden, denn sie sind uns nie positiv gegeben,
sondern immer als Problem. Wir ‚haben’ sie nicht, sondern wir ‚meinen’
sie nur. Das ist dann auch eine Form von Wissen (oder ‚Gewärtigkeit’),
aber eben nicht Wissenschaft, sondern Kunst. Die Kunst „erscheint, als
hätte sie gelöst, was am Dasein Rätsel ist“, steht bei Th. Adorno. Sie
ist nicht das Leben, und sie ‚dient’ ihm auch nicht wie die
Wissenschaften. Sondern sie stellt es dar – als sein Anderes, an dem es
‚sich selbst erkennt’. Ob nämlich ihre Verheißung nur eine Täuschung
ist, sei selber ein Rätsel, fügte Adorno hinzu. Sie ist eine Lüge, nach
Picasso, an der die Wahrheit deutlich wird. Das immerhin hat die Kunst
mit der Wissenschaft gemein: daß sie das Andere des Lebens ist.
„Wissenschaft ist Kunst, aber Kunst ist nicht Wissenschaft“, fand der
ungarische Musiker Sándor Végh. Und wenn das Leben ‚bestimmt’ werden
sollte (was es aber nicht nötig hat), so wäre es nur zu bestimmen als
das Andere dieses Anderen.
Bislang: Das Leben ist Arbeit [s. 4., Schluß]: bestimmt als Bestimmen.
Aneignung der Welt, Ökonomie, Begreifen. Ist nun die
Arbeitsgesellschaft am Ende? Je weni-ger ‚bestimmt’ die Welt nun ist,
umso weniger erscheint der irreduzible Rest als unbestimmt! Umso
weniger rätselhaft erscheint die Welt – nämlich was „an ihrer Grenze
liegt“. Weniger rätselhaft – weniger ‚ästhetisch’? Ein Zeitalter der
Neuen Anästhetik? (Schwätzer W. Welsch)
Oder auch: Was
dem „System“ zu Grunde liegt, kommt im System nicht vor. Von „darinnen“
kann man sich seiner nur so eben noch „erinnern“ (anámnesis),
eigent-lich: eräußern. Und zwar nicht so, als ob es einmal ‚da’ gewesen
wäre und dann ver-loren ging, sondern wie wenn es wohl präsent, aber doch
nicht gegeben ist. „Es“ hat dich mehr, als du „es“ hast; méthexis.
Es ist das, worauf alles Andere deutet; sozusagen „die Bedeutung
selbst“, vulgo Sinn des Lebens – worum es nämlich „allem Wissen zu tun
ist“, welcher Modalität es auch sei. Da es den Begriffen zu Grunde
liegt, kann es unter dieselben nicht gefaßt werden. Man kann es nur in
Bildern „sehen lassen“ oder Geschichten davon erzählen. Das ist auch ein
‚Wissen von...’, aber ein anschauliches.
Daß der Alltag,
alias Werktag und materieller Verkehr der Menschen, in der
„post-industriellen“ („Medien“-) Gesellschaft „remythisiert“, also neu
„verzaubert“ würde – glaubt das jemand im Ernst? Nein, der Alltag
schrumpft, nimmt weniger Platz ein im Leben, er wird weniger. Und mit
ihm schrumpft die Erwachsenheit der Men-schen. Wogegen der Sinn des Lebens
bedeutender wird, nämlich unmittelbarer be-deutend. Das tägliche Leben
wird unalltäglicher. Nicht, daß die Figuren, in denen vom Sinn des
Lebens erzählt wird, unästhetischer würden. Nur wird ihre anschau-liche
Gegebenheitsweise nicht mehr in aggressivem Gegensatz stehen zum
diskur-siven Verstand; weil der jetzt weiß, wo er hin gehört und wohin
nicht.
[Pädagogik ist
Kunst und nicht Wissenschaft. Sie ist eine ästhetische Praxis und wo
sie glückt, rechtfertigt sie sich aktual - hier und jetzt und
anschaulich. Dabei ist sie nicht „das Leben“. Denn das, was sie in ihren
Bildern zeigt und in ihren Mythen erzählt, ist nicht das Leben selbst,
sondern - sein Anderes; ein Rätsel, an dem es kenntlich wird. Dies
Rätsel hat die Pädagogik den Menschen zu vergewärtigen, solange sie in
dem Alter sind, wo sie dafür noch Muße haben und das Rätsel noch lockt.
Denn hinterher ist es zu spät.]
Der Grund des
Lebens ist problematisch: eine (unendliche) Aufgabe – nämlich eine, die
sich dadurch „auszeichnet“, daß sie nie gelöst ist; „bestimmbar“ nur
als Rätsel. – Geführt werden kann das Leben immer nur „so, als ob“ das
Rätsel all-bereits gelöst sei. Von diesem Als-ob gibt die Kunst uns ein
Bild: „Schönheit“. Die moderne Kunst - als die 'zu ihrer Bestimmung
gelangte' - zeigt zugleich, daß ihre Lösungen Schein sind. Je positiver das Zeitalter, umso problematischer
(„subver-siv“, „kritisch“) seine Kunst: 19. Jahrhundert! Mit der
Romantik kommt das Schö-ne in Verruf – als etwas, das die Kunst zu
entlarven habe. – Am Ende des 20. Jahr-hunderts scheint – mit der
„Postmoderne“ – die Kunst diesen ihren positiven Wi-derpart verloren zu
haben: Weder „Das Rätsel ist gelöst“, noch wird die schöne Lö-sung
denunziert; sondern: J'm'en fous, anything goes! Es gibt gar
keine Rätsel für die, denen eh’ alles wurscht ist.
Daß nicht alles wurscht ist, kann mittlerweile nur die Kunst zeigen. Oder auch, das Leben läßt sich nur ästhetisch rechtfertigen.
Nachtrag. Obiges habe ich um die Jahrtausendwende aufgeschrieben. Da hatte ich mich noch lange nicht erkühnt, die Wege der Transzendentalphilosophie nachzu-gehen.
Alle Philosophie, meinte Wittgenstein zunächst, sei Sprachkritik. Um sich später dahin zu korrigieren, die könne nur den Weg bereiten: Philosophie dürfe man "eigentlich nur dichten".* Ich hatte mich soeben in ästhetische Fragen verstrickt und war zu der Auffassung gelangt, Ästhetik könne man nicht theoretisch, sondern allein kritisch betreiben. Das hat sich im obigen Text noch nicht recht niederge-schlagen, er spricht im blumigen Stil des Feuilletons; in Bildern, wie es der literari-schen Kritik frommt, und nicht in Begriffen. Kunstkritik ist selber Teil des Kunst-betriebs.
Die Frage, welche Stelle dem Ästhetischen im Gesamtbestand unserer Welt-An-schauung zukommt, ist allerdings nicht durch Stilblüten zu entscheiden, sondern mit der Schärfe des Begriffs. Philosophie ist ihrerseits wissenschaftlich nur als Kritik, nämlich als Transzendentalphilosophie.
So kann ich selbst bezeugen, was mein Gewährsmann postuliert: Einen Übergang vom gemeinen zum transzendentalen Standpunkt gibt es wirklich - es ist das Ästhe-tische.
*) Vermischte Bemerkungen, Ffm. 1994, S. 58
Nota. Das
obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
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