Begriffe ohne Anschauung seien leer und Anschauung ohne Begriff sei blind, heißt es bei Kant. Jedes reale Wissen beruhe auf Erfahrung.
In Relativitätstheorie und Quantenphysik können wir Sachen denken, die auf Mo-dellprognosen beruhen. Wenn die Modelle richtig sind und ihrerseits aus Erfah-rungsdaten errechnet waren, beruhen sie selber auf Erfahrung. Je mehr Rechen-schritte zwischen den zugrundeliegenden Experimenten und den prognostizierten Daten liegen, umso mehr kleinste Fehler können sich einschleichen. Doch die Re-chenfehler derer, sie sie anwenden, berühren nicht die Gültigkeit der theoretischen Modelle. Die kann nur durch Rechen- und Denkfehler in den Modellen selbst oder durch nachträglich entdeckte Messfehler bei den experimentell zugrundegelegten Daten beeinträchtigt werden.
Je mehr Rechenarbeit* zwischen dem Modell und den Hypothesen liegt, umso we-niger können jene vorgestellt werden. Vorstellung ist ein Rückgriff der Intelligenz auf gehabte innere oder äußere Anschauung, und die wird von Rechenschritt zu Rechenschritt blasser.
Einer, der was von Physik versteht, würde sich geschickter ausdrücken. Doch etwas anderes könnte er nicht sagen.
*) Mathematik gründet auf Anschauung, aber nicht das Rechnen selbst.
Viele Annahmen, wie
selbst schon Babys mit ihrer Umwelt agieren und davon lernen, sind
mittlerweile überholt. Kleinkinder sind weder ein unbeschriebenes Blatt,
noch wie ein Schwamm
von Anna Tratter
Viele Annahmen zum frühkindlichen Lernen und Denken sind überholt.
Komplexes Verstehen etwa beginnt nicht erst mit dem Sprechen. Studien
zeigen: Schon im ersten Lebensjahr erfassen Kinder Zusammenhänge, prüfen
Informationen und bilden Erwartungen an ihre Umwelt. Bereits im Alter von zwei Monaten erkennen Babys Objekte und sortieren diese im Gehirn in Kategorien.
Lernen ist dabei kein linearer Prozess, sondern entsteht aus einem
Zusammenspiel von externen Wahrnehmungen und sozialer Interaktion.
Agnes-Melinda Kovács ist Entwicklungspsychologin und Direktorin des
Cognitive Development Centers an der Central European University. Sie
interessiert sich vor allem für die Grundlagen des abstrakten Denkens
sowie die Mechanismen des frühkindlichen Lernens. Im Zuge ihrer
Forschung arbeitet sie daher hauptsächlich mit Kleinkindern im Alter von
12 bis 18 Monaten. Denn die Psychologin ist überzeugt: Durch das
Beobachten von Kindern können wir viel über die menschliche Natur im
Allgemeinen lernen.
Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, wie stark sich das
Verständnis kindlichen Lernens verändert hat. Lange Zeit beschäftigte
sich die Entwicklungsforschung primär damit, wie Kleinkinder die
physikalischen Eigenschaften ihrer Umgebung erkunden. Erst später
verlagerte sich das Interesse auf das Lernen selbst, etwa den Einfluss
von sprachlichem Input. Dabei sind Forschende zunächst davon
ausgegangen, dass Kleinkinder nur sehr wenig wissen. Sie prägten die
Vorstellung eines Babys als unbeschriebenes Blatt.
Weder Blatt noch Schwamm
Etwas
später wurden Kleinkinder gerne mit einem Schwamm verglichen, der
jegliches Wissen unkontrolliert aufsaugt. Doch auch diese Vorstellung
ist inzwischen überholt, erklärt Kovács. "Heute wissen wir, dass Kinder
Informationen nicht nur passiv wie ein Schwamm aufsaugen, sondern aktiv
lernen." Zeigt ein Kind beispielsweise auf ein bestimmtes Objekt,
interpretieren das Entwicklungspsychologinnen und -psychologen
heutzutage als aktives Abfragen einer Information.
Doch erst in den vergangenen zehn Jahren haben Forschende damit
begonnen, sich verstärkt mit höheren kognitiven Prozessen zu befassen –
etwa mit der Frage, ob Kleinkinder die Absichten, Ziele und mentalen
Zustände anderer Menschen nachvollziehen können. In ihrer neuesten
Publikation untersucht Kovács deshalb, wie früh Kinder erwarten, dass
Handlungen, Überzeugungen und Kommunikation anderer Menschen konsequent
sind.
Komplexes Denken ist nicht mit dem Auftreten der Sprache verbunden, sondern beginnt viel früher.
"Uns hat interessiert, wie Kinder mit widersprüchlichen Informationen
umgehen. Denn das ist gerade in der heutigen Zeit – in der es so viele
Falschinformationen wie noch nie gibt – besonders relevant." Im Rahmen
der Studie wurden den Kindern zwei Boxen vorgelegt. In einer der Boxen
versteckte sich ein Objekt. Die Versuchsleitung zeigte im Laufe des
Experiments zunächst fälschlicherweise auf die erste Box und behauptete,
das Objekt befinde sich hier drin. Später korrigierte sich die Person
selbst und zeigte schließlich auf die zweite Box. Im Anschluss wurden
die Kinder nach dem versteckten Objekt gefragt.
Das Ergebnis: Die meisten Kinder richteten sich nach dem letzten
Hinweis und vermuteten das Objekt in der zweiten Box. Danach wurde das
Experiment wiederholt. Diesmal gab es jedoch zwei Personen, die beide
auf die jeweils andere Box zeigten. Kovács erklärt: "Die Kinder wussten
nicht mehr, wem sie vertrauen sollten. Damit wollten wir testen, ob sie
erkennen können, dass die Kommunikations- und Informationsstruktur
tatsächlich konsistent sein muss."
Konsistentes Handeln
Am Ende wurde
deutlich, dass bereits Säuglinge davon ausgehen, dass eine einzelne
Person konsistent handelt und kommuniziert – und widersprüchliches
Verhalten eher auf mehrere Personen zurückzuführen ist. In Zukunft
möchte Kovács noch weiter gehen und auf Basis dieser Erkenntnis
untersuchen, welche Faktoren und Mechanismen das Verhalten und Handeln
der Kinder beeinflussen: "Wir wollen herausfinden, welche Faktoren dazu
führen, dass wir in manchen Situationen weniger rational denken und
dadurch anfälliger für Falschinformationen sind, und ob diese Faktoren
bereits in der frühen Kindheit eine Rolle spielen."
Fest steht: Kinder können auf ganz unterschiedliche Art und Weise
lernen. Neben dem Beobachten ist dabei vor allem das aktive Erkunden
wichtig. Speziell Kleinkinder nehmen Gegenstände primär mit den Händen
wahr – "oder sie stecken sie in den Mund, was ebenfalls eine Form des
Erkundens darstellt", sagt Kovács. Ein mindestens genauso relevanter
Aspekt sei jedoch das soziale Lernen. Denn dabei lernt ein Baby wichtige
Dinge von unwichtigen zu entscheiden. "Es handelt sich da um ganz
banale Sachen. Zum Beispiel, dass es sich das Muster des Teppichs nicht
merken muss, aber die Gesichter seiner Geschwister schon."
Auch als Erwachsene erleben wir noch soziales Lernen – etwa beim
Entdecken fremder Kulturen: Immerhin orientieren wir uns auf Reisen
meist am Verhalten von anderen Menschen. "Bei Säuglingen funktioniert
das eben genauso," sagt Kovács. Hinzu kommt: Nicht jedes Kind ist
gleich. "Wir lernen unterschiedlich, wir interessieren uns für
unterschiedliche Dinge. Wir haben unterschiedliche Beweggründe, Dinge zu
lernen. Das gilt auch für Babys." Eltern können das Lernen aber durch
gewisse Verhaltensweisen unterstützen. Kovács empfiehlt: "Babys lernen
besser, wenn man sie beim Namen nennt oder Augenkontakt herstellt."
Außerdem gilt: Qualität vor Quantität. Entscheidend in der kindlichen
Entwicklung ist nicht die Menge an Förderung, sondern vor allem die
Qualität von Beziehungen. Denn feinfühlige Interaktionen – etwa durch
die Eltern oder andere Bezugspersonen – prägen Kleinkinder wesentlich
stärker als jedes noch so ausgefuchste Lern-Programm.
aus derStandard.at, 9. 5. 2026 Albert Einstein in seinem Wunderjahr 1905 oder unmittelbar davor.
Damals war der Begründer der Relativitätstheorie erst 25 Jahre alt. zu öffentliche Angelegenheitenzu Philosophierungen
In welchem Alter Forschende besonders innovativ und revolutionär sind
Die Analyse der
Daten von 12,5 Millionen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern wartet
mit einigen überraschenden Ergebnissen auf, die forschungspolitische
Brisanz besitzen
von Klaus Taschwer
Albert Einstein war gerade einmal 25, als sein bestes Jahr begann: In seinem annus mirabilis
1905 ereignete sich geradezu "eine Explosion von Genie", wie es sein
Physikerkollege Carl Friedrich von Weizsäcker formulierte: "Vier
Publikationen über verschiedene Themen, deren jede, wie man heute sagt,
nobelpreiswürdig ist: die spezielle Relativitätstheorie, die
Lichtquantenhypothese, die Bestätigung des molekularen Aufbaus der
Materie durch die 'Brownsche Bewegung', die quantentheoretische
Erklärung der spezifischen Wärme fester Körper."
Der junge Einstein entspricht paradigmatisch der romantischen
Vorstellung des jungen, kühnen Genies in der Wissenschaft, der mit
frischen Ideen ganze Disziplinen umkrempelt, während ältere Kolleginnen
und Kollegen eher konservative Bewahrer bestehender Paradigmen sind. Für
die wissenschaftlichen Revolutionen und für die disruptiven
Erkenntnisse seien hingegen einzig die Jungen zuständig. Wie etwa auch
der kürzlich verstorbene James Watson, der noch keine 25 Jahre alt war, als er mit dem deutlich älteren Francis Crick 1953 die Struktur der DNA entschlüsselte.
Daten von 12,5 Millionen Forschenden
Doch eine neue Studie im Fachjournal Science, die bereits seit 2022 als Preprint auf Arxiv vorliegt,
zeigt nun: Ganz so einfach ist es nicht. Und auch das Alter hat seine
Meriten. Erfahrung macht Wissenschafterinnen und Wissenschafter durchaus
innovativ – allerdings auf andere Weise, als lange angenommen wurde. Es
steigt ihre Fähigkeit, neue Verbindungen zwischen bislang getrennten
Ideenfeldern herzustellen. Ältere Forschende werden besser darin, Wissen
zu kombinieren und bestehende Ansätze weiterzuentwickeln. Gleichzeitig
sinkt jedoch ihre Neigung zu radikal disruptiven Ideen, die etablierte
Paradigmen grundsätzlich infrage stellen.
Der Wissenschaftsforscher Haochuan Cui
(Nanjing Normal University, Santa Fe Institute) wertete mit einem Team
Daten von mehr als 12,5 Millionen Forschenden aus, die zwischen 1960 und
2020 publiziert haben. Das Ergebnis zeichnet ein differenziertes Bild
wissenschaftlicher Kreativität über den Verlauf einer Karriere hinweg.
Innovation, so legen die Daten nahe, hat mindestens zwei Gesichter: das
disruptive und das synthetisierende. Während jüngere Forschende häufiger
völlig neue Perspektiven eröffnen, gelingt es erfahreneren Forschenden
besser, vorhandenes Wissen produktiv zu verknüpfen.
Wahrscheinlichkeit nach wissenschaftlichem Alter (von 0 bis 40
Jahren ab der ersten Publikation) und Fach, eine Arbeit zu verfassen,
die zu den obersten zehn Prozent der disruptiven Artikel zählt. In allen
Fächern geht diese Wahrscheinlichkeit mit dem Alter zurück.
Diese Unterscheidung ist sehr viel mehr als
wissenschaftssoziologische Haarspalterei. Sie berührt zentrale Fragen
der Wissenschaftspolitik – von Förderprogrammen über Tenure-Systeme bis
hin zu Pensionsregelungen. Denn die Struktur wissenschaftlicher
Karrieren hat sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert.
Ausbildungszeiten werden länger, prekäre Beschäftigungsverhältnisse
nehmen zu, gleichzeitig bleiben etablierte Top-Forschende immer länger
aktiv und einflussreich. Besonders in den USA hat die Abschaffung
verpflichtender Pensionsgrenzen im Jahr 1994 dazu beigetragen, dass
ältere Forschende heute einen größeren Anteil an Ressourcen,
Fördergeldern und institutioneller Macht kontrollieren.
Weniger revolutionär
Cui und sein
Team argumentieren nun, dass diese Entwicklung auch die Art
wissenschaftlicher Erkenntnis verändert. Wo ältere Forschende
dominieren, wird tendenziell mehr auf bestehendem Wissen aufgebaut. Das
fördert Kontinuität und Stabilität, könnte aber radikale Neuerungen
bremsen. Die Wissenschaft wird dadurch nicht weniger kreativ – aber
möglicherweise weniger revolutionär. Das deckt sich auch mit dem Befund einer Nature-Studie aus dem Jahr 2023, dass es tendenziell immer weniger revolutionäre Arbeiten in der Forschung gäbe.
Die Autorinnen und Autoren sprechen damit ein Problem an, das viele
junge Forschende aus eigener Erfahrung kennen: Wer Fördergelder
beantragt, muss meist umfangreiche Publikationslisten, institutionelle
Reputation und Netzwerke vorweisen. Gerade riskante Projekte haben es
schwer, wenn Gutachterinnen und Gutachter auf Sicherheit und
Anschlussfähigkeit achten. Das System bevorzugt häufig jene, die bereits
erfolgreich sind – und das sind meist ältere Wissenschafterinnen und
Wissenschafter.
Ältere forschen anders
Gleichzeitig
wäre es falsch, daraus eine simple Generationenkritik abzuleiten. Denn
die Daten zeigen ebenso klar, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht
allein von disruptiven Durchbrüchen lebt. Viele der wichtigsten
Innovationen entstehen gerade dadurch, dass bestehende Erkenntnisse neu
kombiniert werden. Erfahrene Forschende verfügen oft über einen
breiteren Überblick, kennen unterschiedliche Disziplinen und können
Ideen miteinander verbinden, die jüngeren Kolleginnen und Kollegen
verborgen bleiben.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Jüngere oder Ältere
"besser" forschen. Vielmehr geht es darum, wie Wissenschaftssysteme ein
Gleichgewicht zwischen Erneuerung und Kontinuität schaffen können. Cui
und sein Team plädieren deshalb für institutionelle Strukturen, die
beide Formen von Innovation gezielt fördern. Frühkarriere-Forschende
sollten mehr Möglichkeiten erhalten, eigenständig Projekte zu leiten und
riskante Ideen zu verfolgen. Gleichzeitig müsse die Expertise
erfahrener Wissenschafter stärker als Ressource für Synthese und
Integration verstanden werden.
Prozentanteil der Artikel mit einem positiven disruptiven
Indexwert und dem durchschnittlichen wissenschaftlichen Alter der
beteiligten Forschenden in einer Länderwertung. In China sind die
Forschenden besonders jung, aber ihre Publikationen für das Alter
vergleichsweise wenig disruptiv. In Japan sind die Forschenden besonders
alt.
Brisant werden die Ergebnisse auch im geopolitischen Kontext. Die
Autoren weisen darauf hin, dass Länder mit vergleichsweise jungen
Wissenschaftssystemen – etwa China oder Indien – häufiger besonders
disruptive Forschung hervorbringen. Ältere Forschungssysteme wie jene
der USA oder Großbritanniens seien hingegen besonders stark darin,
bestehendes Wissen auszubauen und zu integrieren. Wissenschaftliche
Innovationskraft hängt demnach nicht nur von Geld oder Infrastruktur ab,
sondern auch von der Altersstruktur eines Forschungssystems.
Fragen für Europas Forschung
Für
Europa – und Österreich – ergibt sich daraus eine unbequeme Frage:
Fördert das bestehende Wissenschaftssystem tatsächlich die kreativsten
Ideen – oder vor allem jene, die sich gut in bestehende Strukturen
einfügen? Gerade Universitäten und Förderagenturen setzen häufig auf
Risikoaversion. Junge Forschende verbringen oft Jahre in befristeten
Positionen, bevor sie überhaupt die Chance erhalten, eigenständig zu
arbeiten. Wer jedoch erst mit vierzig oder fünfzig institutionelle
Sicherheit erreicht, hat womöglich längst gelernt, welche Ideen
förderbar sind – und welche besser unausgesprochen bleiben.
Dieses Problem hat in Österreich eine besonders lange Tradition. Im
Jahr 1965, als die Universität Wien 600 Jahre alt wurde, schrieb der
1936 aus Wien ausgewanderte Biochemiker Max Perutz: "Talentierte junge
österreichische Wissenschaftler trifft man oft in Amerika. Sie verlassen
ihre Heimat, weil sich dort zu wenig Gelegenheit für unabhängige
Forschung bietet. Der wichtigste Schritt scheint mir daher eine
Modernisierung des Universitätssystems, um jungen Forschern größere
Unabhängigkeit zu sichern."
Der Chemie-Nobelpreisträger des Jahres 1962 musste wissen, worauf es
bei innovativer Top-Forschung ankommt: Das von ihm 1947 gegründete
Laboratory of Molecular Biology (LMB) des Medical Research Council –
Perutz war damals übrigens 32 – sorgte in der Nachkriegszeit für die
meisten Durchbrüche in der frühen Molekularbiologie und brachte nicht
weniger als 15 Nobelpreisträger hervor.
Vor gut einem Jahr habe ich noch geschrieben, er habe sich besser geschlagen, als zu befürchten war. Richtig falsch hätte er bis damals nicht gemacht. Heute muss ich nachtragen: Richtig richtig aber auch nicht. Dass er sich, neu im Amt, als Außen-kanzler ins Zeug gelegt hat, war nicht falsch. Für Europas Stellung in der Welt und Deutschlands Rolle in Europa war's schon richtig. Aber zum amerikanisch-israeli-schen Krieg gegen Persien fällt ihm nichts ein. Der russische Krieg gegen die Ukra-ine ist weltpolitisch vorrangig, das stimmt. Doch akut ist Persien zu brenzlig, um einfach zur Seite zu treten. Hat er wenigstens versucht, einen europäischen Stand-punkt zu formulieren?
Für sein eigentliches Geschäft, von dem Deutschlands Rolle in der Welt schließlich abhängt, hat er dagegen noch gar nichts erreicht oder auch nur versucht: eine ent-schiedene Mitte zu formieren, die mit den antiquierten Ideologien und antiquari-schen Perteiapparaten der Nachkriegszeit aufräumt, indem sie die deutsche Politik um eine neue Achse gruppiert.
Er sagt, eine Minderheitsregierung will er nicht. Aber vielleicht ist es der einzige Weg, die längst zerbröckelten Mäuerchen zu überwinden. Zuerst dachte ich, das müsse er behutsam angehen. Aber inzwischen glaube ich, er hat - wie vor ihm Angela Merkel - diese Aufgabe noch gar nicht erkannt.
zu öffentliche Angelegenheiten aus derStandard.at, 9. Mai 2026 Gebeine eines neolithischen Bauern, gefunden auf dem Gebiet der
Gemeinde Asparn an der Zaya in Niederösterreich. Mit dem Übergang zur
Landwirtschaft stiegen die Bevölkerungszahlen in Europa, während Statur
und Gewicht der Menschen sanken.
Warum Landwirtschaft die ersten Bauern Europas plötzlich schrumpfen ließ
Eine groß angelegte
Studie verknüpft den Bevölkerungsboom vor 8500 Jahren mit einem
Rückgang von Körpergröße und Gewicht – ein evolutionsbiologischer
Zielkonflikt
von Thomas Bergmayr
Vor etwa 9000 Jahren brachen Bauerngruppen aus Anatolien
in Richtung Westen auf. Im Gepäck hatten sie Getreide, allerlei
Nutztiere und ein neues Verständnis davon, wie ein Leben zu organisieren
sei und was täglich auf den Tisch kommt. Im Verlauf vieler Jahrhunderte
folgten sie zwei Hauptrouten: Eine führte über die Ägäis und den Balkan
ins Donaubecken bis nach Mitteleuropa, die andere entlang der
Mittelmeerküste nach Süditalien, Südfrankreich und auf die Iberische
Halbinsel.
Was sie mitbrachten, hatte seinen Ursprung im Fruchtbaren Halbmond,
dem Streifen zwischen heutiger Levante, Nordsyrien und Südostanatolien.
Emmer und Einkorn, Gerste, Linsen und Erbsen ließen sich säen und
ernten; Schafe und Ziegen lieferten Milch, Wolle und Fleisch. Die
ansässigen Jäger und Sammler, auf die sie in Europa trafen, verschwanden
nicht über Nacht. Genetische Daten zeigen, dass beide Gruppen
jahrhundertelang nebeneinander lebten, sich allmählich vermischten und gemeinsam die damaligen Bevölkerungen prägten.
Spuren der neuen Lebensart
Lange
galt diese Umstellung als die Erfolgsgeschichte schlechthin.
Sesshaftigkeit und Vorräte gewährleisteten eine geregelte, ausreichende
Ernährung und ermöglichten Dörfer und steinerne Monumente. Die Knochen
der frühen Bauern scheinen jedoch eine etwas andere Geschichte zu
erzählen: Sie waren im Schnitt kleiner und schmaler gebaut als die Jäger
und Sammler vor ihnen. Karies und Mangelerscheinungen häuften sich.
Offensichtlich hinterließ der "Fortschritt" am Skelett deutliche Spuren.
Forschende um Eóin Parkinson vom University College Cork
in Irland haben sich nun angesehen, was hinter diesem scheinbaren
Widerspruch steckt. Das Team hat dafür einen umfangreichen Datensatz
zusammengeführt. Es sammelte rund 3000 Skelettmessungen, 30.937
Isotopenwerte zur Ernährung und 60.197 Radiokarbondatierungen, die einen
Zeitraum von 15.000 Jahren abdecken. Letztere dienen als Näherungswert
für die Bevölkerungsgröße. Je mehr datierte Funde aus einer Epoche
stammen, desto mehr Menschen lebten dort vermutlich.
Wachstum vs. Fortpflanzung
Dabei
zeigte sich: Vor etwa 8500 Jahren stieg die Zahl der Funde sprunghaft
an, während die aus den Knochen rekonstruierte Körpergröße und das
Körpergewicht zurückgingen. Mit anderen Worten: Man findet mehr Menschen
mit kleineren Körpern. Ähnliche Befunde gab es bereits zuvor. Frühere
Auswertungen schätzten, dass neolithische Europäerinnen und Europäer im
Schnitt rund 3,8 Zentimeter kleiner waren als die Jäger und Sammler vor
ihnen. Neu dagegen ist die Verbindung der steigenden Bevölkerung bei
schrumpfender Körpergröße.
Parkinson und seine Kolleginnen und Kollegen interpretieren diese Gleichzeitigkeit im Fachjournal Pnas
als sogenannten Life-History-Trade-off, einen Zielkonflikt zwischen
Wachstum und Fortpflanzung, wie ihn die Evolutionsbiologie auch bei
vielen anderen Arten beobachtet. Verfügbare Energie kann in den eigenen
Körper fließen oder in Nachkommen, beides zugleich geht nur begrenzt.
Mehr Kinder, kleinere Körper
"Ein
Bevölkerungsboom unter den frühen Bauern ab etwa 8500 Jahren vor heute
fiel mit einer Abnahme der Körpergröße zusammen, was im Einklang mit
einer Lebenslaufstrategie steht, die Fortpflanzung gegenüber dem
Skelettwachstum bevorzugte", sagt Parkinson. Die zusätzlichen Kalorien
aus dem Ackerbau, so die Interpretation, gingen weniger in lange Knochen
als in mehr Kinder pro Familie.
Damit ist nicht gesagt, dass die frühen Bauern hungerten, eher das
Gegenteil war der Fall. Eine kalorisch verlässlichere, aber einseitigere
Kost könnte genau jene Voraussetzungen geschaffen haben, unter denen
sich Geburtenraten erhöhen und das individuelle Wachstum zugleich
nachlässt. Die Studie versteht den Trade-off als plausibles Modell,
allerdings nicht als zwingenden Beweis.
Die berühmten Steinreihen von Carnac in der Bretagne zählen zu den
ältesten Megalithanlagen der westeuropäischen Jungsteinzeit. Sie sind
das Werk der unmittelbaren Nachkommen jener ersten Bauern aus dem Osten,
die vor rund 8000 Jahren Europa besiedelten.
Regionale Unterschiede
Auffällig
sind die regionalen Unterschiede. Entlang der Mittelmeerroute ließen
sich Menschen schon vor 9000 bis 8000 Jahren auf einen Speiseplan aus
Weizen, Gerste, Früchten und Meeresressourcen ein. In Mitteleuropa
dauerte es länger, bis Getreideanbau im großen Stil etabliert war. Dort
spielten Milchprodukte und robustere Sorten eine größere Rolle.
Beide Wege führten zu Bevölkerungswachstum, doch der Rückgang von
Statur und Gewicht fiel im Süden klarer aus als im Norden. Eine mögliche
Erklärung sieht das Team in der Ernährung: Mehr tierisches Eiweiß und
Milch im Norden könnten manche körperlichen Folgen abgefangen haben,
während die stark getreidelastige Kost im Süden den Effekt verstärkte.
Neolithisches Tauschgeschäft
Die
Befunde zeigten sich freilich nicht überall in derselben Weise. Weder
waren alle frühen Bauern gleich, noch verlief der Übergang in allen
Regionen im selben Tempo. Sicher ist, dass die Landwirtschaft Europa im
Schnitt demografisch in eine andere Liga hob und gleichzeitig den
einzelnen Körper messbar veränderte. "Der Übergang zur Landwirtschaft
hatte keine einseitigen biologischen Auswirkungen, sondern manifestierte
sich in einem komplexen Gefüge von Zielkonflikten", erklärt Parkinson.
Die neolithische Revolution verlief damit weniger als gerade Linie
nach oben, sondern entpuppte sich als Tauschgeschäft. Mehr Menschen und
dichtere Siedlungen, die einem neuen Rhythmus aus Saat und Ernte
folgten, stehen kleineren Körpern, mehr Karies und anderen
Zivilisationskrankheiten gegenüber.
Giorgione, Alte Vettel aus FAZ.NET, 29. 4. 2026 zuMännlich
Der Unterschied der Geschlechter beim Thema Gesundheit reicht tief in
den Fettstoffwechsel. Das hat Folgen: Frauen leben im Schnitt neun Jahre
mit Er-krankungen oder Behinderung, bei Männern sind es nur zwei Jahre.
Nota.-Vielleicht ist es protestantischgemeint, oder garbuddhistisch:Leben heißt leiden -? Oder ist, dass Männer früher sterben, womöglich eine Gnade? JE
Eine indigene Bäuerin in Peru bereitet Kartoffeln auf traditionelle
Weise durch Gefriertrocknung zu. Die Bevölkerung des Anden-Hochlands
blickt auf eine jahrtausendealte Kartoffelkultur zurück, die auch im
Erbgut der Menschen Niederschlag fand.
Die
indigene Bevölkerung der Anden ist genetisch wie keine andere auf der
Welt auf das Verdauen von Stärke ausgelegt. Das zeigt eine aktuelle
Untersuchung von Wissenschaftlern um Omur Gokcumen von der University at
Buffalo in New York. Die Fachleute betrachteten dafür das Gen für das
Speichelenzym Amylase. Es trägt maßgeblich dazu bei, Stärke schon im
Mund vorzuverdauen und in Zucker aufzuspalten.
Bei
den indigenen Quechua-Sprecherinnen und -Sprechern des peruanischen
Hochlands funktioniert das offenbar besonders effektiv: Von allen
85 untersuchten Populationen hatten sie die höchste Zahl an Kopien des
entsprechenden Amylase-Gens (AMY1) in ihrem Erbgut, heißt es in der im Fachmagazin »Nature Communications« erschienenen Studie.
Dadurch produziert ihr Körper besonders große Mengen des
Verdauungsenzyms. Mit im Schnitt zehn Gen-Kopien übertreffen sie andere
Populationen um das Doppelte, manche sogar um das Vierfache.
Gokcumen
und Kollegen sehen darin eine jahrtausendealte Anpassung an die
Ernährung. Vor rund 10 000 Jahren begannen die Menschen im Hochland, die
Kartoffel zu nutzen und anzubauen. Für den gleichen Zeitraum
rekonstruiert die Forschergruppe einen Anstieg der Gen-Kopienzahl. Wer
die von ihr gelieferte Stärke besonders gut abbauen konnte, war
ernährungsphysiologisch offenbar im Vorteil. Dieser Selektionsdruck
sorgte im Lauf der Zeit für die Vervielfältigung des Gens. Ähnliches wurde auch bei anderen Populationen beobachtet, die auf eine
lange Geschichte der Landwirtschaft zurückblicken. In der europäischen
Bevölkerung beispielsweise ist im Verlauf der vergangenen Jahrtausende
ebenfalls die Kopienzahl des AMY1-Gens gestiegen. Wie die
Gruppe um Gokcumen schon in früheren Studien beobachtete, begann der
Trend zur Vervielfältigung dieses Gens allerdings lange vor dem Umstieg
auf eine bäuerliche Lebensweise. Bereits bei frühmenschlichen Vorfahren
des Homo sapiens lag es wohl in doppelter Ausführung vor.