Sonntag, 4. Oktober 2026

Wittstock - die Wende im 30jährigen Krieg.

                  zu öffentliche Angelegenheiten
 aus welt.de, 4. 10. 2026 Die Schlacht bei Wittstock am 4. Oktober 1636 zählt zu den blutigsten des Dreißigjährigen Krieges 
 
„Köpfe lagen dorten welche ihre natürlichen Herren verloren hatten“
Der Dreißigjährige Krieg schien bereits im Jahr 1636 an sein Ende gekommen zu sein. Die meisten Fürsten hatten ihren Frieden mit dem Kaiser gemacht. Aber der Sieg der Schweden in der Schlacht bei Wittstock im Oktober veränderte alles.
 

Wie sehr sich der große Krieg seit dem Prager Fenstersturz 1618 verändert hatte, bewies ein Vertrag, der im März 1635 in Wismar unterzeichnet wurde. Darin verpflichtete sich Frankreich, Schweden mit 400.000 Reichstalern pro Jahr zu unterstützen. Als Gegenleistung für diese enorme Summe, die ein Viertel des schwedischen Staatshaushalts ausmachte, sagten die Gesandten aus Skandinavien zu, im Heiligen Römischen Reich eine Armee von mindestens 36.000 Mann zu unterhalten.

Erinnern wir uns: 17 Jahre zuvor war der Krieg, der als der Dreißigjährige in die Geschichte eingehen sollte, über den Streit zwischen den protestantischen Ständen Böhmens und ihrem katholischen Herrn in Wien ausgebrochen und hatte sich durch den Beitritt der beiden konfessionellen Bündnissysteme Union und Liga zu einem Konflikt ausgeweitet, der das ganze Reich zum Schlachtfeld werden ließ.

Ferdinand II. (1578–1637), römisch-deutscher Kaiser
Ferdinand II. (1578–1637), römisch-deutscher Kaiser

Nun, 1635, verhandelten Kaiser Ferdinand II. und der Kurfürst von Sachsen als Vormacht der Lutheraner in Prag über einen Friedensschluss, den Axel Oxenstierna, der Kanzler der protestantischen Großmacht Schweden, und das von Kardinal Richelieu geführte Frankreich unbedingt verhindern wollten. Der Krieg war zu einem internationalen Machtkampf geworden, in den auch Spanien und die Niederlande eintraten.

Ein Jahr später waren die meisten Reichsstände – nur die reformierten unter Führung von Hessen-Kassel blieben abseits – dem Prager Frieden beigetreten. Dass der Krieg dennoch kein Ende fand, entschied sich am 4. Oktober 1636 in der Mark Brandenburg. Bei Wittstock, 100 Kilometer nordwestlich von Berlin, schlug ein schwedisches Heer das kaiserlich-sächsische Aufgebot so schwer, dass sich der Krieg noch zwölf Jahre weiterschleppen konnte. In ihnen vollzog sich endgültig die Verwüstung des Reiches.

Nicht, dass der Krieg bis dahin weniger grausam gewütet hätte. Bis 1630 hatten kaiserliche Heere nicht nur Süddeutschland durchzogen, sondern waren erstmals an den Küsten von Nord- und Ostsee erschienen. Durch das Restitutionsedikt Kaiser Ferdinands II. von 1629, das den Besitzstand der Konfessionen im Reich auf das Jahr 1552 – also noch vor den Augsburger Religionsfrieden von 1555 – zurücksetzte, schien dem Protestantismus das Rückgrat gebrochen. Dass er am Leben blieb, verdankte er dem Eingreifen Gustav II. Adolfs, der sein Ziel, Schweden ein baltisches Imperium zu schaffen, als Rettungstat für Luthers Botschaft zu verkaufen verstand. In schnellen Schlägen drängte der König die Kaiserlichen zurück, bis er 1632 bei Lützen den Tod fand.

Mit der Ermordung seines Generalissimus’ Wallenstein kam Ferdinand 1634 dem Drängen der mit ihm verbündeten Fürsten, allen voran Bayerns, nach, die ihre Positionen durch die Machtstellung des Militärunternehmers gefährdet sahen. Weil damit aber auch die Gefahr einer kaiserlichen Dominanz gebannt schien, war die Basis zu einem Ausgleich gelegt, dem nach der vernichtenden Niederlage der Schweden vor Nördlingen 1634 auch Sachsen und weitere protestantische Stände zuneigten. Mit dem Prager Frieden schien das Ende des Krieges zum Greifen nah. Das einzige Hindernis dorthin bildete die schwedischen Armeen, die jedoch nur noch Gebiete an Elbe, Weser und der Ostseeküste hielten.

Schon 1631 hatten französische Subsidien Gustav Adolfs Kriegführung unterstützt. Nun, durch den Pakt von Wismar, retteten sie die schwedischen Truppen, mit denen Oxenstierna, der für Gustav Adolfs Tochter Christina die Geschäfte führte, Nordostdeutschland unter seiner Kontrolle halten wollte. Ein weiteres Kriegsziel war der Unterhalt der Armee, die bei einem Rückzug ohne Kompensationen zu einer nicht finanzierbaren und damit unkalkulierbaren Macht in Schweden geworden wäre.

Das zu verhindern war Johan Banér der rechte Mann, hatte der schwedische Feldmarschall die Lehren des Krieges doch verinnerlicht. Das Leiden der Zivilbevölkerung interessierte ihn nicht, wenn nur seine Armee auf ihre Kosten kam. Dafür ließ er seinen Soldaten bei ihren Beutezügen freie Hand, während er sich in seinem Zelt Wein und Frauen hingab. Das hinderte ihn jedoch nicht an genialen Schachzügen in der Schlacht.

An denen gebrach es seinem Gegner, dem kaiserlichen Feldmarschall Melchior von Hatzfeldt. Der verfügte zwar über gute Beziehungen und Bildung, verlor sich aber vor einem Gefecht in der Planung von Details, die anschließend von der Realität leicht überrollt wurden. Als Banér im Spätsommer 1636 von Mecklenburg aus einen Vorstoß nach Westen wagte, nahm Hatzfeldt zusammen mit dem sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. die Verfolgung auf. Beide erkannten aber erst spät, dass es sich um ein Täuschungsmanöver handelte und die Schweden längst auf dem Rückmarsch waren. Bei Wittstock machte Banér Halt und stellte sich den Verfolgern.

Johan Banér (1596–1641), schwedischer Feldmarschall
Johan Banér (1596–1641), schwedischer Feldmarschall

Umgehend ließ Hatzfeldt auf dem Scharfenberg eine feste Stellung anlegen, die er mit Artillerie und Schanzen verstärkte. Obwohl mit 17.000 gegenüber 20.000 Soldaten deutlich unterlegen, setzte Banér alles auf eine Karte. Er erkannte, dass ein Frontalangriff auf diese Stellung einem Selbstmord gleichkam. Also teilte er seine Armee – ein seltener taktischer Schachzug, der wegen der schwankenden Disziplin der Heere und mangelhafter Aufklärung ausgesprochen riskant war.

Zunächst attackierte Banér die linke Flanke der Kaiserlichen. Dort hielten die Sachsen jedoch stand und wurden bald von Truppen aus Hatzfeldts Zentrum unterstützt. In der Zwischenzeit marschierte jedoch der linke Flügel der Schweden unerkannt durch einen Wald. Ziel war der linke Flügel der Verbündeten. Kurz bevor Banérs Zentrum zusammenzubrechen drohte – die Schwedische Brigade verlor zwei Drittel ihrer Leute – erschien die Truppe am anderen Ende der Front und konnte auch einige Geschütze in Stellung bringen.

Das war zu viel für die Verbündeten. Demoralisiert zogen sie in der Nacht ab und hinterließen den Schweden ihre Geschütze und Munitionswagen. Sogar die Kanzlei des Kurfürsten, seine vergoldete Kutsche und sein gesamtes Tafelsilber wurden zur Beute. Den Rest besorgte die schwedische Kavallerie, die über die ungeordnet Fliehenden herfiel. Mit rund 6000 Toten zählte die Schlacht bei Wittstock in Brandenburg zu den blutigsten des Dreißigjährigen Krieges.

„Da war nichts anders als ein elender jämmerlicher Anblick!“: Szene aus der Schlacht
„Da war nichts anders als ein elender jämmerlicher Anblick!“: Szene aus der Schlacht

Hans Jakob von Grimmelshausen, der als Trossjunge dabei war, schildert in seinem Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ das Grauen der Kämpfe: „Köpfe lagen dorten welche ihre natürlichen Herren verloren hatten, und hingegen Leiber, die ihrer Köpf mangleten; etliche hatten grausam- und jämmerlicher Weis das Ingeweid herauß, und andern war der Kopf zerschmettert und das Hirn zerspritzt ... Da sah man zerstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Tods, hingegen andere um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten. Summa summarum: da war nichts anders als ein elender jämmerlicher Anblick!“

Das war ein Vorgeschmack auf das, was Deutschland in den folgenden Jahren blühte. Denn nach 18 Jahren Krieg war dieser längst nicht mehr in der Lage, sich zu ernähren. Ohne Nahrung und feste Führung verkamen die Heere zu einer Soldateska, die wie Heuschrecken das Land verwüstete. Der Fund eines Massengrabes, das 2007 bei Bauarbeiten in Wittstock gefunden wurde, gibt Aufschluss über den Zustand der Soldaten.

Die 124 Opfer der Schlacht, die nackt und dicht an dicht darin verscharrt worden waren, zeigten allesamt dieselben Krankheitsbilder: unterernährt seit Kindheit und Jugend, die Knochen von endlosen Märschen ramponiert, von schmerzhaften Entzündungen geplagt, von Parasiten gequält und von zahlreichen Verwundungen durch Schuss- und Blankwaffen gezeichnet. Bei einem jugendlichen Kämpfer wurden sechs Hiebverletzungen mit unterschiedlichen Waffentypen gezählt. Jeder Zehnte von ihnen wies Symptome der Syphilis im fortgeschrittenen Stadium auf.

„Wittstock war eine der wichtigsten Schlachten des Krieges“, urteilt der britische Historiker Peter H. Wilson. „Eine schwedische Niederlage hätte das letzte Feldheer in Deutschland vernichtet und Hessen-Kassel ermuntert, seinen Waffenstillstand in einen (Beitritt zum Prager) Frieden umzuwandeln.“ So aber musste der Kurfürst von Brandenburg aus Berlin fliehen, und die kaiserlich-sächsische Armee löste sich auf.

Der eigentliche Sieger aber hieß Frankreich. Um die Umklammerung durch die Habsburger in Spanien und Österreich aufzubrechen, hatte Richelieu 1635 den Krieg erklärt und dafür auch ein Bündnis mit den Niederlanden geschlossen. Aber die Offensiven in Italien und den Spanischen Niederlanden scheiterten. Stattdessen zog eine kaiserliche Armee zur Unterstützung bis vor Dijon, während ein spanisches Heer sich Paris näherte. Der schwedische Sieg bei Wittstock sorgte umgehend für Entlastung, indem die Kaiserlichen sich zurückzogen. Von einer Durchsetzung des Prager Friedens konnte keine Rede mehr sein.

Stattdessen „begann der Krieg praktisch von vorn – von Frankreich und Schweden geführt, um einen monarchisch regierenden Kaiser zu verhindern“, schreibt Wilsons Jenaer Kollege Georg Schmidt. Diese Internationalisierung des Konflikts aber bedeutete, dass den Akteuren innerhalb des Reiches die Möglichkeit genommen war, zu einem Friedensschluss zu gelangen, zumal einzelne Fürsten ihre Interessen mal bei dieser, mal bei jener Macht besser aufgehoben sahen.

Die Zeche hatten die Menschen zu zahlen. Einige Beispiele: Als nach der Schlacht von Nördlingen eine kaiserliche Armee im Jahr 1635 durch das Gebiet des Landgrafen von Hessen-Darmstadt zog, summierten sich die Verluste auf 30.000 Pferde, 100.000 Kühe und 600.000 Schafe. Württemberg verlor zwischen 1634 und 1638 mehr als drei Viertel seiner Bevölkerung. Eine englische Gesandtschaft kam 1636 zwischen Mainz und Frankfurt durch ein Dorf, das innerhalb von zwei Jahren 18-mal geplündert worden war. In Hessen und Schwaben überfielen apokalyptische Reiter in Form von Wölfen die Überlebenden. Lebten im Heiligen Römischen Reich 1618 zwischen 17 und 20 Millionen Menschen, waren es 30 Jahre später nur zehn bis 13 Millionen.

Die Verwüstung weiter Teile Deutschlands begann erst nach der Schlacht von Wittstock. Der Dichter Andreas Gryphius hat 1636 in seinem berühmten Sonett „Thränen des Vaterlandes“ geschrieben: „Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret! // Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun // Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun // Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.“

 

Nota. - Mit der Schlacht von Wittstock hat sich der Dreißigjährige Krieg endgültig aus einem innerdeutschen Konflikt zu einem kontinentalen Machtkampf ausgewei-tet. Der Kampf um die Vorherrschaft in Europa wurde auf deutschem Boden aus-getragen, der nur noch verbrannte Erde war. Als Folge war Deutschland seither bis ins 19. Jahrhundert "nur noch ein geographischer Begriff".

Aber nicht zu vergessen: Ohne den 30jährigen Krieg hätte es keinen Westfälischen Frieden, kein Völkerrecht und keinen Aufschwung der Vernunft zur Weltmacht gegeben. Das alles haben wir bezahlt.
JE 

 

 

Samstag, 3. Oktober 2026

Leviathans Wohlgefühl.


aus welt.de, 3. 10. 2026                                                                    zu öffentliche Angelegenheiten

In einer aktuellen Umfrage zeigen sich Beamte insgesamt zufrieden mit ihrer Ar-beit. Sie erkennen dennoch, dass fast kein Projekt wie geplant läuft – und fordern noch mehr Behördenmitarbeiter. 

 

Nota. - Das sind die einzigen, die bei uns nicht jammern.
JE 

Freitag, 2. Oktober 2026

Der Herr der Fliegen ist uns nicht eingeboren.

 aus Lord Of The Flies
aus derStandard.at, 1. Oktober 2026                                   zu Levana, oder Erziehlehre, zu öffentliche Angelegenheiten
 
Kinder helfen Gleichaltrigen quer durch alle Kulturen – aber mit Unterschieden
Forschende untersuchten Kinder aus sechs Gesellschaften, ob sie einander Hilfe leisteten. Die Ergebnisse fielen eindeutig aus, wiesen aber lokale Nuancen auf

Als der britische Schriftsteller William Golding 1954 seinen Roman Herr der Fliegen veröffentlichte, traf er einen Nerv der Nachkriegszeit. Eine Gruppe gestrandeter Schüler strandet auf einer einsamen Insel, gesellschaftliche Regeln brechen zusammen, Gewalt und Machtkämpfe übernehmen die Kontrolle. Das Buch wurde zu einem Klassiker und gilt bis heute vielen als Gleichnis für die dunklen Seiten der menschlichen Natur.

Der niederländische Historiker und Autor Rutger Bregman hält diese Sicht für grundlegend falsch. In seinem Bestseller Im Grunde gut (2019) verweist er auf einen realen Vorfall, der sich in den 1960er-Jahren im Pazifik ereignete. Sechs Jugendliche aus Tonga strandeten nach einem missglückten Segelabenteuer auf einer unbewohnten Insel und überlebten dort mehr als 15 Monate.

Als sie gerettet wurden, waren sie gesund, hatten feste Regeln entwickelt, gemeinsam gearbeitet und einander gegenseitig versorgt. Einer der Jungen hatte sich sogar ein Bein gebrochen – die anderen pflegten ihn, bis die Verletzung verheilt war. Die Geschichte lieferte Bregman den Gegenentwurf zu Goldings düsterer Vision.

Sechs verschiedene Kulturen

Nun bestärkt eine internationale Untersuchung mit neuen wissenschaftlichen Argumenten seine These: Kooperation und Hilfsbereitschaft unter Kindern scheinen keine kulturelle Ausnahme zu sein, sondern dürften zum Grundinventar menschlichen Verhaltens gehören.

Für die Studie, die am Montag im Fachblatt PNAS erschien, untersuchte ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der Sapienza-Universität Rom sowie mehrerer weiterer Universitäten 336 Kinder im Alter zwischen vier und neun Jahren aus sechs sehr unterschiedlichen Gesellschaften. Beteiligt waren Kinder aus Deutschland, aus den Wichí-Gemeinschaften Argentiniens, den Quechua-Gemeinden Boliviens, den ≠Akhoe Hai||om in Namibia sowie den Kikuyu und Samburu in Kenia.

Damit umfasst die Studie sowohl eine moderne Industriegesellschaft als auch Gemeinschaften von Hirten, Bauern sowie Jägern und Sammlern. "Auffällig war sofort, wie ähnlich die Reaktionen der Kinder waren – unabhängig davon, wo sie aufgewachsen sind", sagt Erstautorin Henriette Zeidler von der Sapienza-Universität Rom in einer Presseaussendung der Max-Planck-Gesellschaft.

Murmelspiel als Test

Die Versuchsanordnung war bewusst einfach gehalten. Jeweils zwei gleichaltrige Kinder spielten ein Murmelspiel. Dabei geriet eines von ihnen immer wieder in kleine Schwierigkeiten: Eine Kiste ließ sich nicht öffnen, oder Murmeln fielen aus einem Behälter auf den Boden. Das andere Kind wusste bereits, wie sich das Problem lösen lässt. Nun konnte es entscheiden, ob es helfen wollte – und auf welche Weise. Die Kinder konnten entweder selbst eingreifen, eine Erklärung geben oder beides kombinieren. Genau diese Entscheidung interessierte die Forschenden.

Zwei akrikanische Kinder in einem Klassenzimmer. Eines ist mit einem Murmelspiel beschäftigt, das andere schaut zu.
Der Standardtest, der in der Studie verwendet wurde, hier am Beispiel der Kinder in Kenia.

Das Ergebnis fiel überraschend eindeutig aus. In allen sechs Kulturen halfen Kinder ihren Spielpartnern regelmäßig. Sie reagierten dabei keineswegs wahllos, sondern orientierten sich daran, ob Unterstützung tatsächlich erforderlich war. Mussten verstreute Murmeln lediglich aufgehoben werden, hielten sich viele Kinder zurück. War die Aufgabe dagegen ohne Hilfe schwer zu bewältigen, griffen sie deutlich häufiger ein.

Ältere helfen gezielter

Besonders interessant war die Entwicklung mit zunehmendem Alter. Jüngere Kinder neigten dazu, Probleme unmittelbar selbst zu lösen. Sie öffneten etwa die blockierte Kiste oder sammelten die Murmeln auf. Ältere Kinder gingen differenzierter vor. Sie schienen genauer einschätzen zu können, wann Hilfe wirklich notwendig war und wann nicht.

Zugleich änderte sich die Form der Unterstützung. Während die Jüngeren vor allem praktisch handelten, erklärten ältere Kinder häufiger, wie sich ein Problem lösen lässt. Damit fördern sie nicht nur den unmittelbaren Erfolg, sondern auch das Lernen des anderen Kindes. Hilfe wird gewissermaßen pädagogischer. Die Fähigkeit, die Bedürfnisse anderer zu erkennen und das eigene Verhalten daran anzupassen, gilt als wichtiger Baustein sozialer Intelligenz. Offenbar entwickelt sie sich bereits in den ersten Schuljahren deutlich weiter.

Deutsche Kinder erklären mehr

Ganz ohne kulturelle Unterschiede verlief die Studie allerdings nicht. Deutsche Kinder kombinierten praktische Hilfe besonders häufig mit verbalen Erklärungen. Sie griffen ein und erläuterten gleichzeitig, was zu tun sei. Keine andere Gruppe zeigte dieses Muster so ausgeprägt. Bei den Kikuyu-Kindern in Kenia beobachteten die Forschenden hingegen etwas weniger direkte praktische Unterstützung als in den übrigen Gruppen. Solche Unterschiede seien jedoch eher Feinabstimmungen als grundlegende Gegensätze, betont Zeidler. Sie spiegelten vermutlich wider, wie Kinder in ihrem Alltag lernen.

In vielen ländlichen Gemeinschaften erwerben Kinder Fähigkeiten vor allem durch Beobachten und Mitmachen. Erwachsene erklären vergleichsweise wenig und demonstrieren stattdessen Handlungen. In Deutschland hingegen gehört das Verbalisieren zum pädagogischen Standardrepertoire. Eltern kommentieren, erläutern und begründen oft ausführlich. Kinder übernehmen diese Muster offenbar auch dann, wenn sie Gleichaltrigen helfen.

Keine Geschlechterdifferenzen

Ein weiteres Ergebnis überraschte die Forschenden: Zwischen Jungen und Mädchen fanden sich keine bedeutsamen Unterschiede im Hilfsverhalten. In einer Zeit, in der Geschlechterunterschiede oft intensiv diskutiert werden, deutet dies darauf hin, dass die Bereitschaft zur Unterstützung offenbar weniger vom Geschlecht als von allgemeinen sozialen Fähigkeiten abhängt.

Noch wichtiger ist für die Forschenden jedoch ein anderer Befund: Trotz aller kulturellen Unterschiede blieb das Grundmuster überall gleich. Keine der sechs Gruppen zeigte ein grundsätzlich anderes Verständnis von Hilfe. Keine Kultur produzierte kleine Egoisten, keine besonders selbstlose Ausnahmegesellschaft.

Kooperation als Stärke

Für Daniel Haun, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Mitautor der Studie, verweist das auf eine grundlegende menschliche Eigenschaft. "Helfen ist eine der deutlichsten Ausdrucksformen menschlicher Kooperationsfähigkeit", sagt er. Die Daten zeigten, dass diese Fähigkeit weltweit zuverlässig auftrete und gleichzeitig durch die jeweilige soziale Umwelt geformt werde.

Die Ergebnisse passen zu einer wachsenden Zahl von Studien aus Psychologie, Anthropologie und Evolutionsforschung, die den Menschen nicht primär als egoistisches Wesen betrachten. Kooperation, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung könnten vielmehr zu den evolutionären Stärken unserer Art gehören. Goldings Inselgesellschaft mag literarisch faszinierend sein. Die Wirklichkeit, so legen die neuen Daten nahe, erinnert eher an Rutger Bregmans Geschichte der gestrandeten Jugendlichen von Tonga.  

 

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Immerhin weiß er, wozu er deutscher Regierungschef geworden ist.

Nato-Generalsekretär Mark Rutte, Kanzler Friedrich Merz und der niederländische Regierungschef  Rob Jetten (v.l.) beim Deutsch-Niederländischen Corps in Münster.                                              zu öffentliche Angelegenheiten  
aus Süddeutsche Zeitung, 1. 10. 2026                                                                      Nato-Generalsekretär Mark Rutte, Friedrich Merz und der niederländische Regierungschef  Rob Jetten (v.l.) beim Deutsch-Niederländischen Corps in Münster.
 
Friedenspreis für die Nato 
Kehrt das „Grauen des Krieges“  zurück nach Deutschland?  Merz warnt davor
Der Bundeskanzler nutzt eine Laudatio für eine Ansprache, wie er sie noch nicht gehalten hat. Eindringlich warnt er vor der Gefahr aus Russland, spricht über die Verantwortung Deutschlands und legt sich mit der AfD an.

Von Daniel Brössler, Berlin

Das historische Rathaus von Münster ist am Donnerstag Schauplatz einer Verwand-lung. Friedrich Merz, als Bundeskanzler seit Monaten innenpolitisch in der Defen-sive, hat den Ort mit Bedacht gewählt. Am Ort der Verhandlungen zum Westfäli-schen Frieden schaltet er auf Angriff um und zeigt sich in der Rolle, in der er endlich wieder gesehen werden will. Spöttisch war Merz zu Beginn seiner Amtszeit als „Außenkanzler“ tituliert worden. Merz würde wohl eher von der schweren außenpolitischen Verantwortung auf seinen Schultern sprechen. „Wanken wir in Deutschland, dann wankt Europa. Wankt Europa, dann wankt auch die Ukraine“, warnt Merz.

Angekündigt wurde die Ansprache als Grundsatzrede zur deutschen Russland-Politik. Und tatsächlich ist es eine Rede, wie Merz sie als Kanzler so noch nicht gehalten hat. Merz spricht über die Gefahr aus Russland, über standfeste Hilfe für die Ukraine, über europäischen Zusammenhalt, unausgesprochen aber letztlich darüber, welchen Sinn seine Kanzlerschaft noch haben soll.

Seit drei Generationen bürge die Nato für Sicherheit und Frieden, sagt Friedrich Merz

Die Gelegenheit bietet sich dem Bundeskanzler durch die Verleihung des Internationalen Preises des Westfälischen Friedens an die Nato.  Stellvertretend für das Militärbündnis nimmt Nato-Generalsekretär Mark Rutte den Preis entgegen. Zuvor hatte Merz mit Rutte und dem niederländischen Regierungschef Rob Jetten das Deutsch-Niederländische Corps in Münster besucht, das eine wichtige Rolle bei der Sicherung der Nato-Ostflanke im Baltikum spielt.

Gewürdigt werde eine Institution, „die in einer Zeit globaler Unsicherheit Verlässlichkeit schafft, Partnerschaft fördert und Frieden durch Stabilität ermöglicht“, hatte die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe, die den Preis verleiht, die Ehrung begründet. Erwartungsgemäß ist diese nicht unumstritten. Der Friedenspreis für ein Militärbündnis bedürfe einer „Erläuterung“, räumt Merz ein. Der Kanzler holt aus bis zum Dreißigjährigen Krieg, dem Westfälischen Frieden von 1648 und kommt dann zur Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Nato sei „zu einer tragenden Säule dieser Ordnung“ geworden, lobt Merz. Seit drei Generationen bürge sie „für Sicherheit und Frieden im euro-atlantischen Raum“. Seine Laudatio ist der Nato gewidmet, aber Merz richtet sich in Wahrheit hauptsächlich an die eigene Bevölkerung. Nach den Wahlerfolgen der Russland sehr zugetanen AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie der Linken in Berlin sieht er offenkundig die Notwendigkeit, seine Politik zu erklären.

Merz ist nicht entgangen, dass Teile der Bevölkerung nicht in Russland, das 2022 die Ukraine überfallen hat, den Aggressor sehen, sondern im Friedenspreisträger Nato. „Ja, wir sind gut beraten, solche Wahrnehmungen ernst zu nehmen. Das tun wir. Aber wir müssen widersprechen, wenn sich Täter selbst zum Opfer machen“, sagt er. Auch auf Klagen, das Geld für die Ukraine fehle in Deutschland, geht Merz ein. Seine Antwort: „Unsere Unterstützung für die Ukraine ist kein Selbstzweck. Wir leisten sie vor allem anderen, um die Freiheit und die Sicherheit der Menschen in unserem Land zu schützen. Freiheit und Sicherheit sind die Voraussetzungen unseres Wohlstandes.“

Merz ist bewusst, wie heikel die Frage ist. Das liegt auch an den Anhängern von AfD und BSW

Merz' zentraler Appell lautet, Russland so zu sehen, wie es sei. Frieden und Freiheit seien unmittelbar „durch den gewalttätigen, expansiven Revisionismus“ Russlands bedroht. „Diese Bedrohung, sie ist nicht abstrakt“, warnt er. Der Kanzler erinnert an die gewaltigen Zerstörungen in der Ukraine. „Die Grausamkeit der Angreifer, sie stößt uns ab. Vor allem aber haben wir begriffen: Dieser Krieg geht uns etwas an, sehr direkt sogar“, sagt Merz. In der Ukraine stehe „auch die Sicherheit Europas, unseres Europas, auf dem Spiel. Es geht auch um uns“.

Russland breche in der Ukraine mit äußerster Brutalität die grundlegendsten Regeln des Völkerrechts und der europäischen Ordnung. Deshalb bleibe es richtig, „dass wir die Ukraine mit aller Kraft unterstützen“. Auch durch hybride Angriffe, wie zuletzt durch Drohnen auf den Flughafen von Leipzig, dürfe man sich nicht beirren lassen. Das führt Merz zu seiner eindringlichen Warnung: „Gelingt es nicht, Moskau Einhalt zu gebieten, dann wird sich die russische Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns, gegen die Nato selbst richten. Vor dieser Gefahr dürfen wir nicht die Augen verschließen.“

Vor Merz hatte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), immer wieder als möglicher Kanzlernachfolger im Gespräch, geredet und interessanterweise neben der Nato auch Merz gepriesen: „Wo andere gezögert haben, hat der deutsche Bundeskanzler Kurs gehalten“, lobte er. Der Kanzler, über dessen baldigen Austausch in den vergangenen Wochen wieder spekuliert worden war, spricht nun selbst über eine Art historischer Mission. Ob am Ende „wir Deutsche das Grauen des Krieges wieder am eigenen Leib zu spüren bekommen?“, fragt er. Und antwortet: „Unsere dringlichste europäische und transatlantische Verantwortung ist heute, mit aller Kraft abzuwenden, dass es so weit kommt.“

Merz ist bewusst, wie heikel diese Frage ist, verorten doch die Anhänger von AfD, BSW und teils wohl auch der Linken die Verantwortung für die drohende Ausweitung des Krieges im Westen.  Merz hält dem die Notwendigkeit eines „realistischen Bildes von Russland“ entgegen. Dabei beruft er sich auf den Münchner Historiker Martin Schulze Wessel, von dem gerade das Buch „Warum Russland nicht aufhören wird“ erschienen ist.

Der Kanzler will eine Spaltung Europas verhindern

Russland verfolge eine „Agenda revisionistischer, imperialer Expansion“, argumentiert Merz. Der Moskauer Führung gehe es um die „Wiederherstellung einer wahren oder erträumten einstigen Größe“. Diplomatie sei nur möglich, wenn man dieses Denkmuster erkenne. Russland respektiere überdies „vor allem Stärke“. In diesem Zusammenhang wendet sich der Kanzler gegen die Behauptung, Deutschland und seine Partner seien nicht an Verhandlungen interessiert. „Wir ringen um eine diplomatische Lösung“, hatte Merz schon beim Truppenbesuch versichert.

Auch in diesem Punkt dringt die Bundesregierung in Teilen der Bevölkerung kaum durch, obwohl es Russland ist, das sich bisher dem ukrainischen Angebot zu bedingungslosen Verhandlungen verweigert. Wohl auch als innenpolitisches Signal hatte Außenminister Johann Wadephul (CDU) am Rande der UN-Generalversammlung den russischen Außenminister Sergej Lawrow getroffen. Der Westen müsse Russland geschlossen gegenübertreten, fordert Merz in Münster. „Dieses Ringen um Geschlossenheit ist mühsam. Aber es ist entscheidend auf dem Weg zum Frieden in der Ukraine und zu Sicherheit für Europa“, betont er.

Als übergeordnetes außenpolitisches Ziel nennt Merz, eine Spaltung Europas durch den Krieg in der Ukraine zu verhindern. „Auch in Deutschland werden wir uns nicht spalten lassen“, formuliert er dann eine Kampfansage, „nicht durch hybride Angriffe, nicht durch von Moskauer Bots gesteuerte Hetze in den sozialen Medien und, erlauben Sie mir das zu sagen, nicht durch die Parolen der AfD und ihrer russischen Hintermänner“. Alle spürten, „wie schwer das in einer Öffentlichkeit ist, die immer stärker von Polarisierung, Streit und Wut bestimmt ist“. Deutschland stelle sich auf „weitere hybride Angriffe ein, auch auf schwere“. Aber auch dann werde man „klar antworten“.

Der russische Angriff dürfe nicht belohnt werden, mahnt Merz zum Schluss. „Bleiben wir fest, dann bleibt Europa fest. Und bleibt Europa fest, dann bleibt auch die Ukraine fest“, sagt der Kanzler. Und er macht klar, dass er hier vor allem Deutschland in der Verantwortung sieht: „Kein anderes Land kann uns Deutschen diese Verantwortung abnehmen.“ Dass er selbst diese Verantwortung nicht abgeben will, muss Merz gar nicht erst dazu sagen.

 

Nota. - Noch unlängst galt die Süddeutsche als Zentralorgan der deutschen Woke-ley. Und jetzt das? Frohnaturen werden sagen, das sei ein Zeitzeichen. Skeptiker sagen, eine Schwalbe mache noch keinen Sommer.
JE 

Alter Orient: Kupfer für die alte Welt.

Maysar Kupfermine Kupfermine Maysar
aus spektrum.de, 24.03. 2015                                                                zu öffentliche Angelegenheiten  

Alter Orient: Kupfer für die alte Welt
Im Oman erforschen deutsche Archäologen eine Kultur der frühen Bronzezeit, die den Stadtstaaten an Euphrat, Tigris und Indus wichtige Rohstoffe lieferte. Hinweise auf die Lebensweise der Menschen finden die Forscher vor allem in ihren Grabtürmen. 

von Luise Loges 

Das Sultanat Oman, an der südöstlichen Spitze der Arabischen Halbinsel gelegen, verbindet heutzutage orientalische Lebensweise mit westlichen Standards. Vor allem dank des Exports von Erdöl und Erdgas kann es beispielsweise in Bildung und ein modernes Gesundheitswesen investieren. Die Region fungierte aber nicht nur schon im Mittelalter als Knotenpunkt für den Fernhandel von Weihrauch, Silber, Waffen und Sklaven; diese Tradition reicht archäologischen Grabungen zufolge noch weit länger zurück. 

Bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. begannen die Bewohner des Oman nämlich Kupfererz und verhüttetes Kupfer gegen Lebensmittel aus dem fruchtbareren Mesopotamien zu tauschen; das beweisen Scherben von Importkeramik. Im darauf folgenden Jahrtausend, also während der frühen Bronzezeit, verknüpfte der Seehandel entlang des Persischen Golfs die Landrouten von Zentralasien und die Seeroute bis zum Horn von Afrika. Im Zentrum dieses frühen Welthandels standen die Stadtstaaten Mesopotamiens und der so genannten Harappa-Kultur im Indus-Tal.

>Steinreiche Nomaden
  1. In den Bergen des heutigen Sultanats Oman wurden kostbare Mineralien geschürft sowie Kupfererze abgebaut und verhüttet. Ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. lieferte die Region diese Rohstoffe über den Seehandel nach Mesopotamien und ins Indus-Tal.
  2. Wahrscheinlich lebten die Menschen einen Teil des Jahres über in den Minen und Steinbrüchen, den anderen verbrachten sie als Fischer und Händler an der Küste. Sowohl die Siedlungsbefunde wie die Erforschung der Turmgräber sprechen für eine weit gehend egalitäre Gesellschaft.

Aus den Keilschriftdokumenten sumerischer Händler weiß man, dass Erstere tonnenweise Kupfer sowie Diorit, Malachit und andere edle Steine aus dem Oman importierten. Umgekehrt verschiffte man Keramiken, Öl und vor allem Getreide als Exportgüter dorthin, zudem feine Textilien, wie sumerische Listen und entsprechende Funde beweisen. ...

 

 

Mittwoch, 30. September 2026

Knochen erneuern sich ein Leben lang.

Auch im schwammartigen Inneren unserer Knochen findet offenbar ein bislang übersehener Umbau statt. In feinen Tunneln folgen auf den Abbau alter Knochensubstanz Zonen, in denen neuer Knochen entsteht © Crevis / depositphotos.com 
aus scinexx.de, 30. 9. 2026                                                                            zu Jochen Ebmeiers Realien

Knochen des Menschen erneuern sich offenbar auch von innen
In feinen Tunneln des schwammartigen Knochens wechseln sich Abbau und Neubildung ab.

Verborgene Erneuerung: Im schwammartigen Inneren unserer Knochen läuft offenbar ein bisher übersehener Umbauprozess ab. Forscher fanden in feinen Tunneln nicht nur Knochenabbau, sondern auch nachfolgende Neubildung. Das Parathormon PTH kann diesen intratrabekulären Knochenumbau stark verstärken, doch ob er Knochen im Menschen stärkt oder schwächt, ist noch offen.

Odense (Dänemark). Knochen wirken starr, sind aber lebendes Gewebe und werden ein Leben lang umgebaut. Spezialisierte Zellen tragen altes Material ab und ersetzen es durch neuen Knochen. Im kompakten Außenbereich ist bekannt, dass dieser Umbau auch durch kleine Tunnel im Gewebe verlaufen kann.

Beim schwammartigen Trabekelknochen im Inneren ging man dagegen davon aus, dass die Erneuerung vor allem an den Oberflächen seiner feinen Platten und Streben stattfindet. Mikroskopische Kanäle innerhalb dieser Strukturen wurden zwar schon länger beobachtet, häufig aber vor allem mit Knochenabbau, Nierenerkrankungen oder Störungen des Parathormons in Verbindung gebracht.

Tunnel verraten einen vollständigen Umbau

Forscher der University of Southern Denmark (SDU) um Prof. Thomas Levin Andersen haben nun menschliche Knochenbiopsien mit Mikroskopie und dreidimensionaler Bildgebung untersucht. Dabei verfolgten sie unter anderem einen solchen Tunnel durch eine Serie sehr dünner Schnitte. An verschiedenen Stellen fanden sie zunächst Abbauflächen und anschließend Zonen, in denen neuer Knochen gebildet wurde.

Die Tunnel markieren demnach nicht nur verlorene Knochensubstanz, sondern können Teil eines gekoppelten Ab- und Aufbauprozesses sein. Die Forscher nennen ihn intratrabekulären Knochenumbau. In weiteren Proben trat er in unterschiedlichen Altersgruppen und Krankheitskontexten auf, wobei die Daten nicht zeigen, wie häufig er in der Allgemeinbevölkerung ist.

Forscher der University of Southern Denmark (SDU) um Prof. Thomas Levin Andersen haben nun menschliche Knochenbiopsien mit Mikroskopie und dreidimensionaler Bildgebung untersucht. Dabei verfolgten sie unter anderem einen solchen Tunnel durch eine Serie sehr dünner Schnitte. An verschiedenen Stellen fanden sie zunächst Abbauflächen und anschließend Zonen, in denen neuer Knochen gebildet wurde. 

 

Dienstag, 29. September 2026

Wenn Berufe sterben - entstehen dann andere?

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Frau in einer Schuhfabrik in Lynn, Massachusetts, im Jahr 1895. Sie sitzt an einem Arbeitstisch und bearbeitet ein Stück Leder an einer Nähmaschine. Im Hintergrund sind Werkzeuge und Materialien erkennbar. 
aus derStandard.at, 28. September 2026

Ersetzt durch Maschinen
Was uns das Schicksal der Schuhmacher im viktorianischen England über unsere KI-Zukunft sagt
Durch das Aufkommen von Nähmaschinen verschwanden 153.000 Jobs. Gleichzeitig entstanden jedoch 140.000 neue, rechnet eine Studie vor. Was bedeutet das für heutige Umwälzungen?

Es war eine der Boomindustrien im England des 19. Jahrhunderts: Bekleidung und Schuhe herzustellen war ein anspruchsvolles Handwerk, das Geschick, Erfahrung und Zeit erforderte. Um 1851 gab es im Land rund 220.000 Schuhmacher. Mit der Erfindung von Nähmaschinen, die dickes Schuhleder verarbeiten konnten und die sich rasch durchsetzten, kam es zu einem tiefgreifenden Umbruch in der Branche.

"Die Leute waren sogar bereit, Geld zu bezahlen, nur um die Maschine in Aktion zu sehen", sagt Hillary Vipond vom Complexity Science Hub (CSH) Vienna über die Innovation, die letztlich zusammen mit der Verlagerung in Fabriken die gesamte Bekleidungsindustrie verändert hat.

Vipond hat sich in einer Studie die Mechanisierung der englischen Schuhmacherindustrie exemplarisch vorgenommen, um zu quantifizieren, wie viele Arbeitsplätze verloren gingen und wie viele neu entstanden. Ein Grund dafür war, dass für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hervorragende historische Zensusdaten auf Personenebene aus England vorliegen, einschließlich Angaben zum Beruf. Wie sich der Übergang von alten zu neuen Berufen gestaltet, ist angesichts der KI-Revolution hochaktuell.

Zwei Drittel der Jobs verloren

"Seit Beginn der Industriellen Revolution erleben wir diesen Prozess, bei dem neue Technologien entstehen und Arbeitsplätze vollständig zerstören. Sie lassen Jobs verschwinden", erklärt die Wirtschaftshistorikerin mit Verweis auf Menschen, die früher Gaslaternen angezündet, Aufzüge manuell bedient oder Telefonate vermittelt haben. Gleichzeitig seien durch technologische Durchbrüche aber auch neue Arbeitsplätze und Möglichkeiten geschaffen worden.

Mit den neuen Nähmaschinen sind der Studie zufolge in der gleichen Zeit vier- bis achtmal so viele Schuhe hergestellt worden, was laut Zensusdaten zu einer stetigen Abnahme von Handwerks-Jobs geführt hat. 1911, also 60 Jahre nach Einführung der Nähmaschinen, gab es zwei Drittel der Jobs nicht mehr. 153.000 traditionelle Jobs gingen verloren, allerdings sind 140.000 neue entstanden, etwa in der Maschinenbedienung, im Verkauf, im Management oder der Verwaltung. Dies sei auch auf günstigere Produkte und eine dadurch gestiegene Nachfrage zurückzuführen, betont Vipond.

Umorientierung der Jungen

Eine weitere Folge war die regionale Konzentration der neuen Arbeitsplätze rund um Fabriken. Diese Jobs gingen zudem überwiegend an junge Beschäftigte, die sich anpassten und erst gar nicht in das sterbende Handwerk eingestiegen sind. Viele Schuster blieben aber in ihrem Beruf und zogen auch nicht um, fand Vipond heraus. Denn die Nachfrage nach handgefertigten Schuhen hielt trotz der günstigen Produkte aus der Fabrik – zumindest bei reicheren Bevölkerungsgruppen – noch länger an. Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt wurden also großteils von der Umorientierung der Jungen, die nicht mehr ins Handwerk nachrückten, getragen. 

Breitet sich eine neue Technologie nur langsam aus und bleibt die Nachfrage nach den älteren Fähigkeiten bestehen, könnten die bereits Beschäftigten ihren Beruf noch länger ausüben und nur die jungen Leute seien darauf angewiesen, dass neue Arbeitsplätze entstehen, schließt Vipond. Bei raschen Umbrüchen würden hingegen die bereits Beschäftigten aus der Arbeit gedrängt und müssten sich neue Jobs suchen. "Die Auswirkungen auf Beschäftigte, ihre Familien und ganze Regionen hängen nicht nur davon ab, welche Arbeitsplätze verschwinden, sondern auch davon, wie viele neue Jobs entstehen, der Art der Arbeitsplätze, wo sie entstehen und für wen", strich Vipond hervor.

Dabei gab es auch deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Die meisten Frauen in der Branche waren jene, die die Lederteile von Hand zusammennähten. Die neuen Maschinen ersetzten sie vollständig. Nahezu ebenso viele neue Stellen für Frauen entstanden zwar, doch diese gingen an junge Frauen in jenen Regionen, wo sich die Fabriken konzentrierten. Männer hingegen verfügten über ein breiteres Aufgabenspektrum und Fähigkeiten, die weiterhin gefragt waren.

Jahrelanger heftiger Widerstand

Sollten aktuelle Forderungen nach einer Verlangsamung der KI-Entwicklung aus Sicherheitsgründen dann nicht um ein zusätzliches Argument, nämlich mehr Zeit für die Anpassung der Arbeitsmärkte zu haben, erweitert werden? Das sei in der Vergangenheit, besonders im 19. Jahrhundert, oft versucht worden, so Vipond, allerdings mit anderen Mitteln: So wurden Webstühle zerstört und Fabriken niedergebrannt. Auch die Schuhmacher hätten zwei Jahre heftigen Widerstand gegen die Nähmaschinen geleistet.

"Es gab in England aber das Bewusstsein, dass diese Entwicklung auch in Amerika stattfindet und letztendlich günstigere Schuhe von dort auf den heimischen Markt kommen. Die Wahl bestand nicht zwischen der Einführung oder Nicht-Einführung, sondern zwischen der Einführung oder dem Verlust der Branche", ist die Forscherin überzeugt. Auch hier gebe es Parallelen zur heutigen Zeit: "Amerika kann es sich nicht leisten, China das Rennen um KI gewinnen zu lassen und umgekehrt. Und die EU denkt darüber nach, wie sie in diesem Rennen aufholen kann." Eine Verlangsamung sei also schwierig und könne nur auf globaler Ebene festgelegt werden.

Die Anpassung der Arbeitsmärkte in Bezug auf KI sei natürlich nicht wie bei Nähmaschinen 60 Jahre Zeit. Aber so schnell, wie oft propagiert, würden die Veränderungen nur bei der Technologie ablaufen, weniger bei der Umstellung der Abläufe und Prozesse in den Unternehmen sowie beim tatsächlichen Verhalten, warnt die Forscherin. Wie schnell der Wandel einsetze, werde aber letztendlich "einen großen Unterschied machen, wer die Last trägt und wer die Kosten dieses Übergangs zahlt".

Wer die Last des Wandels schultert

Dem Argument, dass KI vermutlich einen ungleich breiteren Einfluss auf sehr viele Berufsbilder haben könnte als bisherige technologische Durchbrüche, hält Vipond die Elektrifizierung und die Dampfmaschine entgegen, die eine sehr große Anzahl an Branchen verändert hätten. Auch als die Nähmaschine und ihre vielen Varianten eingeführt wurden, seien viele Bereiche betroffen gewesen. Schließlich habe die Herstellung von Kleidung, eine der wichtigsten Industrien Englands im 19. Jahrhundert, einen großen Teil der Bevölkerung betroffen.

Aus der Geschichte dieses radikalen technologischen Wandels würden sich für heute zwei Schlüsse ziehen lassen: "Wir müssen mehr über die neuen Arbeitsplätze und wo sie entstehen werden, nachdenken. Was bedeutet es für Menschen, die in ländlichen Gebieten wohnen? Das Verschwinden der Jobs ist nur die Hälfte des Problems."

Zweitens sei es keine ausgemachte Sache, dass bestehende Arbeitskräfte sofort überflüssig werden, umschulen und einen Job in einer anderen Branche finden müssen. Das sei historisch betrachtet zwar manchmal so geschehen, etwa als die Telefonvermittlung automatisiert wurde, aber generell keine Notwendigkeit. Oft seien die Fähigkeiten weiter sehr gefragt, wie beim Übergang vom Segeln zum Dampfschiff, und nur jüngere Arbeitskräfte müssten in andere Branchen einsteigen, so Vipond. Sobald absehbar sei, wie rasch KI-Technologien viele Aufgaben übernehmen könnten, lasse sich einschätzen, welche Generation die Last des Wandels schultern müsse. (APA, red,)

 

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