Mittwoch, 29. April 2026

Gibt es ein Geistiges in Raum und Zeit?

                                                                zu Philosophierungen

Der Gegensatz zum Materialismus ist nicht der Idealismus, sondern der Spiritualis-mus. Sie sind die beiden möglichen Antworten auf die metaphysische Frage nach dem 'Stoff, aus dem die Welt gemacht ist'. Der Materialist sagt, die Welt bestünde aus Dingen im Raum - res extensae -, während der Spiritualist den Geist - spiritus - jenseits von Raum und Zeit als das eigentliche Material der Welt ansieht. 

Dem Idealismus entgegen steht der Realismus. Sie sind die beiden möglichen Ant-worten auf die Frage, woher unser Wissen kommt. Der Realist sagt: von den Din-gen - lat. res -, die ihre Eigenschaften gewissermaßen in unsere Wahrnehmung ein-prägen; während der Idealist sagt: aus unserem Sehen - gr. ídein - selbst, das kein passives Ab
bilden ist, sondern ein projektives Hinein bilden. Der Unterschied ist der: Im ersten Fall liegt die Washeit - qualitas -  der Dinge in ihnen selbst; im zwei-ten Fall liegt er 'im Auge des Betrachters'.

Ein Zusammenhang besteht nicht vorne-, sondern nur hintenrum. Der Realist mag Materialist oder Spiritualist sein: Das Was der Dinge läge in ihnen selbst begründet und könnte sich ungeniert 'einprägen'. Der Realist ist Dogma
 tiker: Er glaubt daran, dass es ein Ansich der Dinge gäbe, das hinter ihrer Erscheinung liegt und unserm Denken lediglich nicht zugänglich ist.

Der Idealist kann jedenfalls kein Spiritualist sein: Ein Sein, das nicht wahrnehmbar wäre, weil es in Raum und Zeit nicht erscheint, ist nach seiner Prämisse nicht vor-stellbar: Für den Idealisten kann es jenseits des Wahrnehmbaren nichts geben. Ma-terialist im vordergründigen Sinn kann er freilich auch nicht sein: Die Frage nach einem Ansich hinter der Erscheinung ist für ihn ohne Sinn. Was nicht erscheint, kann nicht angeschaut werden, und was nicht angeschaut werden kann, ist nicht wirklich. 'Begriff ohne Anschauung ist leer.' 

Wie aber ist es mit 'dem Geistigen'? Das kann angeschaut werden. Denn es er-scheint durchaus. Ein Geistiges 'gibt es'* nicht anders als im wirklichen Handeln wirklicher Menschen in Raum und Zeit. Es 'erscheint' als Zweck.

5. 6. 18 

*) ...ein Stoffliches freilich auch.

Montag, 27. April 2026

Wir sind die kommende Mehrheit.

 
aus derStandard.at, 27. April 2026                                                                                             zu Männlich

Männerüberschuss führt zu mehr ungewollter Kinderlosigkeit
Es gibt weltweit mehr Männer im reproduktionsfähigen Alter als Frauen. Das führt nicht nur zu Verschiebungen bei den Geburtenraten, sondern zieht weitreichende Probleme nach sich. 

von Karin Krichmayr

Es war lange ein Stehsatz: Auf der Welt gibt es mehr Frauen als Männer. Dieses Verhältnis dreht sich seit einiger Zeit. Weltweit leben aktuellen UN-Daten zufolge ein bis zwei Prozent mehr Männer auf der Erde als Frauen. Noch ausgeprägter ist der Überschuss im reproduktionsfähigen Alter. Das hat dazu geführt, dass seit dem Jahr 2024 Männer verhältnismäßig weniger Kinder zeugen als Frauen. Bis zu dem Zeitpunkt war das Verhältnis umgekehrt, wie ein Forschungsteam im Fachjournal PNAS berichtet.

"Die absolute Zahl der Geburten ist natürlich identisch", sagt Henrik-Alexander Schubert vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. "Aber wir beobachten einen Wechsel von einer höheren Gesamtfertilitätsrate bei Männern zu einer höheren Gesamtfertilitätsrate bei Frauen. Dieser Wechsel wird durch eine Erhöhung des Bevölkerungsanteils der Männer relativ zu Frauen angetrieben." Schubert hat sich gemeinsam mit Kollegen von der United Nations Population Division und der Universität Oslo dem wenig beachteten Thema der männlichen Fertilität gewidmet, die im Gegensatz zur weiblichen Geburtenrate kaum untersucht ist.

Der steigende Männeranteil in der Bevölkerung ist auf mehrere Trends zurückzuführen: Generell nimmt die Sterblichkeit ab, insbesondere die der Männer, die historisch gesehen öfter an Risikoverhalten und gewaltsamen Konflikten starben. Dadurch nähert sich die Sterblichkeit von Frauen und Männern in jungen Jahren an. Hinzu kommt, dass in einigen Ländern verstärkt Mädchen abgetrieben werden, um männlichem Nachwuchs den Vorzug zu geben. All das führt dazu, dass sich der natürliche Geburtenüberschuss – im Schnitt kommen 105 Buben auf 100 Mädchen – in einem generellen Männerüberschuss widerspiegelt. Das wiederum hat weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft.

 

Grafik
Bis zu 20 Prozent mehr Männer

In Ländern mit patriarchalen Strukturen in Ostasien, wo geschlechtsspezifische Abtreibungen häufig waren und sind, ist der Männerüberschuss bereits deutlich. Junge Männer, die eine Partnerin suchen, haben es schwerer, eine zu finden und eine Familie zu gründen, wodurch auch die Anzahl der Kinder pro Kopf gesunken ist. Die ungewollte Partner- und Kinderlosigkeit und damit einhergehende Frustrationen werden auch immer wieder mit einer erhöhten Anfälligkeit für Kriminalität in Verbindung gebracht.

Der Trend wird sich fortsetzen, wie das Forschungsteam anhand von Daten der UN World Population Prospects berechnet hat: "In sehr bevölkerungsreichen Ländern wie China und Indien, wo der Männerschuss auf bis zu 20 Prozent anwachsen könnte, werden Männer im Schnitt mindestens fünf Prozent weniger Kinder haben als Frauen", sagt Schubert. Ab 2030 wird mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Ländern mit derartigen Verschiebungen leben."

In Europa und Nordamerika hat dieser Wechsel bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren stattgefunden, wo sich der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Fertilität auf etwa zwei Prozent eingependelt hat. Regional gibt es jedoch Ausnahmen, wie etwa in Ostdeutschland, wo durch eine verstärkte Abwanderung von Frauen noch heute etwa 115 Männer auf 100 Frauen kommen – ein Verhältnis wie in China. Asien, Südamerika und Ozeanien haben den Übergang erst vor Kurzem durchlaufen. Nur in Subsahara-Afrika bleibt das Verhältnis den Prognosen zufolge bis mindestens 2100 umgedreht, da die Geburtenraten hier nicht sinken und die Sterblichkeit weiterhin hoch ist.

Politische Lösungen gefordert

In großen Teilen der Welt sinken hingegen die Geburtenraten, durch den demografischen Wandel altern die Bevölkerungen, Menschen entscheiden sich später für Kinder und die Altersunterschiede zwischen Müttern und Vätern sinken. "All diese Prozesse greifen ineinander", sagt Schubert im Gespräch mit dem STANDARD. Zusammen mit sinkender Sterblichkeit hat das dazu geführt, dass es in der Gruppe der unter 50-Jährigen mehr Männer als Frauen gibt – wodurch die Kinderzahl pro Kopf sinkt. Erst in höheren Altersgruppen haben Frauen aufgrund der höheren Lebenserwartung wieder die Nase vorn.

Zwei junge Männer sitzen auf einer Betonmauer und unterhalten sich. Einer trägt ein weißes Hemd und hält eine beige Mütze, der andere trägt ein schwarzes Tanktop und eine graue Hose mit einer Mütze in der Hand. Im Hintergrund sind eine Landschaft mit Hügeln und moderne Gebäude zu sehen.
Junge Männer brauchen Perspektiven abseits von Partnerschaft und Kindern, betonen Fachleute.

Die möglichen Auswirkungen dieses demografischen Übergangs werden bisher noch zu wenig diskutiert, bemängeln Fachleute. "Die Herausforderungen betreffen vor allem Männer, die kinderlos bleiben – ein Status, der oft mit schlechterer Gesundheit und wachsender Abhängigkeit von professioneller Pflege im Alter verbunden ist", erläutert Schubert. "Um dem entgegenzuwirken, braucht es dringend politische Lösungen."

Damit meint der Demograf allerdings nicht familienpolitische Maßnahmen wie finanzielle Anreize und Steuererleichterungen, wie sie in vielen Ländern gefordert oder durchgeführt werden, um die Geburtenraten wieder anzukurbeln. "Mit solchen Maßnahmen können, wenn überhaupt, nur kurzzeitige Effekte erzielt werden", sagt Schubert. "Die Geburtenraten steigen dann, weil die Entscheidung für Kinder vorgezogen wird, und fallen später wieder umso mehr." Einschneidende Maßnahmen wie die Ein-Kind-Politik in China hätten zu massiven Problemen geführt. Generell müsse die Stellung von Frauen in der Gesellschaft gestärkt werden, auch um geschlechtsselektive Abtreibungen zu verhindern.

Erfolge abseits des Partnermarkts

Um die Rahmenbedingungen für Männer zu verbessern, müsse man darauf achten, dass Männer auch ohne Familie erfolgreich sein können, also etwa in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt. "Der Partnermarkt ist nicht alles", sagt Schubert. Außerdem brauche es mehr staatliche Betreuungseinrichtungen, wenn Familiennetzwerke im Alter oder bei Krankheit wegfallen.

"Werden die Herausforderungen dieser Männer nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr einer kulturellen Gegenreaktion gegen die Gleichstellung der Geschlechter und gesellschaftlicher Konflikte", warnt das Forscherteam. Einen Vorgeschmack darauf zeigt schon jetzt die sogenannte Incel-Szene, in der sich unfreiwillig zölibatär lebende Männer vernetzen und Frauenhass schüren. 

 

Sonntag, 26. April 2026

Das Einfache, das schwer zu machen ist.

Eine Tafel voller Formeln.
aus derStandard.at, 25. 4. 2026                                                                  In der Schule lernen wir Grundrechenarten und darauf aufbauend immer komplexere Methoden.                                                         zu Jochen Ebmeiers Realien zu Philosophierungen

Die Mathematik lässt sich auf eine einzige Grundrechnungsart reduzieren
Eine einzelne Funktion und die Zahl Eins genügen, um daraus die wichtigsten Konstanten und Funktionen auf jedem Taschenrechner zu gewinnen

Mathematik ist, in all ihrer Komplexität, eigentlich erstaunlich simpel. Aus einer Reihe von Zahlen, die sich an Fingern abzählen lassen, und wenigen Rechenoperationen, die Kinder bereits in ihren ersten Lebensjahren in der Schule lernen, lässt sich Schritt für Schritt die Mathematik aufbauen – inklusive komplexer Zahlen, unendlichdimensionaler Funktionenräume und allem, was man sonst so an Handwerkszeug braucht, um etwa mittels Physik die Welt bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Was nicht heißen soll, dass sich die Möglichkeiten der Mathematik nur darauf beschränken.

Weniger offensichtlich ist, dass auch die Sprache, mit der man Mathematik betreibt, auf einige wenige Grundelemente heruntergebrochen werden kann. Eine Handvoll Worte wie "und", "nicht" und "oder" genügen, um mathematische Aussagen und deren Beweise zu formulieren. Diese Worte folgen dabei Regeln, die eine Algebra bilden, womit die Sprache selbst zu Mathematik wird. Für die Untersuchung der mathematischen Grundlagen erwies sich das vor allem im vergangenen Jahrhundert als enorm wertvoll. Doch es gab auch große praktische Implikationen: Die einfachen Regeln hinter dieser "booleschen" Algebra, wie sie nach dem englischen Mathematiker George Boole genannt wird, erlaubten es, sie Maschinen beizubringen. Damit war der Computer geboren.

Die boolesche Algebra hat dabei eine interessante Besonderheit: Eines ihrer Elemente, in der Computerwissenschaft NAND genannt, das mehr oder weniger "nicht beides" bedeutet, ist in der Lage, alle anderen zu ersetzen. Es ist universell. Das wirft die Frage auf, ob etwas Ähnliches auch in anderen Bereichen der Mathematik möglich ist. Während für bestimmte Teilbereiche der Mathematik durchaus eine einzige Operation ausreicht, um sie vollständig zu durchdringen, war für die klassischen Grundrechnungsarten inklusive allem, was etwa sonst so auf Tasten von Taschenrechnern vertreten ist, bisher keine Operation bekannt, die sie alle ersetzen könnte.

Neue Allzweckfunktion

Bis jetzt. Denn nun scheint der polnische Astrophysiker Andrzej Odrzywołek von der Jagiellonian University im polnischen Krakau eine solche Operation gefunden zu haben. Davon berichtet er in einer zur Publikation eingereichten und vorab auf einem Preprint-Server veröffentlichten Studie."Ein einziges Gatter mit zwei Eingängen reicht für die gesamte Boolesche Logik in digitaler Hardware aus", schreibt Odrzywołek. "In der Analysis ist keine vergleichbare Grundoperation bekannt: Die Berechnung elementarer Funktionen wie sin, cos, sqrt und log erforderte immer mehrere unterschiedliche Operationen."

Nun stellt Odrzywołek eine Funktion vor, die all das zu leisten imstande ist, allerdings nicht mit einer, sondern zwei Variablen: "Hier zeige ich, dass ein einziger binärer Operator, eml(x,y) = exp(x) – ln(y), zusammen mit der Konstante 1 das Standardrepertoire eines wissenschaftlichen Taschenrechners erzeugt. Dazu gehören Konstanten wie e, π und i, arithmetische Operationen wie Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division und Potenzierung sowie die üblichen transzendenten und algebraischen Funktionen", schreibt der Forscher.

Dass sich manche dieser Funktionen auf andere zurückführen lassen, ist nicht neu. Die Exponentialfunktion, die auch Teil der von Odrzywołek vorgestellten Funktion Eml ist, und bei der eigentlich die Eulersche Zahl e mit einem Wert x potenziert wird, um das etwa aus der Verbreitung von Krankheiten bekannte exponentielle Wachstum wiederzugeben, genügt etwa für die Darstellung aller Winkelfunktionen. Dazu müssen allerdings komplexe Zahlen verwendet werden. Ebenfalls möglich ist die Darstellung von Winkelfunktionen mittels unendlicher Summenformeln, was hier aber nicht gemeint ist.

Derlei ist für Odrzywołeks Rahmen nicht nötig: Die einzige Zahl, die er verwendet, ist die Eins. Mithilfe von Eml kann er alle anderen Zahlen, inklusive wichtiger irrationaler Zahlen wie der Kreiszahl π und der Eulerschen Zahl e, daraus erzeugen. Einfach ist das in der Regel nicht. Die Formel für die Null sieht etwa so aus:

          0=eml(1, eml(eml(1, 1), 1)).


Hier zeigt Studienautor Odrzywołek, wie sich Funktionen und 
wichtige Konstanten auf Eml und die Zahl 1 zurückführen lassen.
 
 
 
 
 
 
Suche mit Computern

Dass mit Odrzywołek ein Astrophysiker und kein Mathematiker diese Entdeckung präsentiert, ist ungewöhnlich. Doch Odrzywołek beschäftigt sich intensiv mit einem Gebiet der Computerwissenschaften, das sich symbolische Regression nennt. "Es handelt sich mehr um eine Schatzsuche als um eine Denksportaufgabe", sagt er dem Wissenschaftsportal IFLScience. Im Prinzip geht es darum, aufgrund von Ergebnissen auf bestimmte Funktionen zurückzuschließen. "Im Laufe der Zeit wurde ich neugierig, wie klein die Basis für eine solche Suche sein könnte", erzählt der Physiker. Dabei stieß er auf die Funktion Eml.

Die Studie liest sich dann auch eher wie eine computerwissenschaftliche, denn wie eine mathematische Publikation. Eine Skizze des eigentlichen, konstruktiven Beweises findet sich in einer Beilage zur Studie, neben dem verwendeten Programmcode.

Der Computerwissenschafter Martin Benning vom University College London zeigt sich von der Arbeit angetan. Damit ließen sich mathematische Probleme möglicherweise in einer für KI einfacher zugänglichen Form übersetzen. "Aus der Perspektive des maschinellen Lernens ist das eine interessante und vielversprechende Wende, da sie es uns theoretisch ermöglicht, mithilfe von Standardtechniken zum Training neuronaler Netze exakte mathematische Formeln aus Daten abzuleiten", sagt Benning gegenüber IFLScience.

Wie viel Nutzen das Resultat am Ende tatsächlich bringen kann, wagt Odrzywołek nicht zu sagen. Die Zeit werde es zeigen. Praktischer Nutzen gilt bei Fragen der Mathematik ohnehin nicht als zentrale Anforderung. 


Samstag, 25. April 2026

Auch das Riechen hat seine Geschichte.


aus derStandard.at, 21. 4. 2026                                                                                      zu Geschmackssachen

Mit dem Ackerbau schwand ein Teil unseres Geruchssinns
Eine Genstudie an indigenen Gruppen in Malaysia zeigt: Jäger und Sammler haben ein anderes genetisches Duftrepertoire als sesshafte Bauern

Wer an einem Regentag durch einen Wald geht, kennt den erdigen Duft, der aus dem Boden aufsteigt. Für die Negrito im Norden Malaysias ist dieser Geruch Teil ihrer alltäglichen Lebenswelt. Er zählt zu den Hinweisen, mit denen sich diese Jäger und Sammler seit Jahrtausenden in einem der artenreichsten Ökosysteme der Erde orientieren. Diese Lebensweise hat Spuren im Erbgut hinterlassen, wie eine neue Studie nahelegt – und zwar in jenen Genen, die bestimmen, welche Duftmoleküle die Nase registriert.

Die Ergebnisse eines internationalen Forschungsteams zeigen eine überraschend direkte Verbindung zwischen Lebensweise und Geruchssinn auf. Die Gruppe um Shuhua Xu von der Fudan University (Shanghai) hat die Orang Asli, die indigenen Völker der Malaiischen Halbinsel, untersucht. Auf engem geografischen Raum finden sich dort drei Gruppen mit grundlegend unterschiedlichen Lebensgrundlagen: die Negrito in den isolierten Bergregionen des Nordens, die sich noch immer von dem ernähren, was der Wald hergibt; die Senoi in der Mitte des Landes, die Wanderfeldbau mit dem Sammeln kombinieren; und die Jakun im Süden, die längst zu sesshaften Bauern geworden sind.

Eine Gruppe von Menschen, darunter auch Kinder, sitzt unter einem einfachen Unterstand in einer von üppigem Grün umgebenen Umgebung. Einige tragen bunte Kleidung, während sie miteinander interagieren. Im Vordergrund sind Pflanzen und Stoffe zu sehen.
 Der Geruchssinn verändert sich mit der Lebensweise, wie ein Blick ins Erbgut indigener Gruppen (im Bild eine Batek-Familie im Taman-Negara-Nationalpark) in Malaysia zeigt: Die Umstellung von der Jagd auf den Feldbau hinterließ Spuren in jenen Genen, die Düfte in Signale übersetzen.
Schwindender Geruchssinn

Für die Genetikerinnen und Genetiker war das eine seltene Gelegenheit: drei eng verwandte Populationen, dieselbe Umwelt, verschiedene Wege durch die jüngere Menschheitsgeschichte. Das Team analysierte das Erbgut von 50 Angehörigen der Orang Asli und verglich die Daten mit jenen von mehr als 2800 Personen aus 65 Populationen weltweit.

Im Fokus standen jene rund 800 Gene, die für die Proteine zuständig sind, mit denen die Nase einzelne Duftmoleküle einfängt. Etwa 60 Prozent dieser Gene sind im Laufe der Evolution funktionslos geworden – ein bekanntes Muster, das Fachleute darauf zurückführen, dass der Mensch seine Orientierung zunehmend dem Sehsinn überließ.

Der Duft von feuchter Erde

Doch ausgerechnet die Negrito weichen von diesem Trend ab. Ihre Geruchsgene tragen deutlich weniger funktionsstörende Mutationen als jene benachbarter Bevölkerungen. Statistische Tests ergaben, dass sich die Muster nicht zufällig erklären lassen. Die im Fachjournal Cell Reports präsentierten Befunde deuten darauf hin, dass eine natürliche Selektion die Funktionstüchtigkeit der Geruchsgene bewahrt hat. Die Forschenden räumen ein, dass auch Gendrift und die spezifische demografische Geschichte der kleinen Population als alternative Erklärungen infrage kommen. Völlig ausschließen lassen sie sich nicht.

Besonders auffällig ist ein Gen namens OR12D2. Es reagiert auf erdig-modrige Verbindungen, zu denen auch Geosmin zählt – der Stoff hinter dem Duft frisch beregneter Erde. In tropischen Wäldern ist Geosmin allgegenwärtig, etwa als Hinweis auf Pilze, feuchte Böden oder bestimmte Mikroorganismen. Bei den Negrito hat sich eine Variante dieses Gens rasch ausgebreitet. Sie könnte, wie die Forscher vorsichtig formulieren, dabei helfen, sich im Wald zu orientieren, Ressourcen zu lokalisieren und Essbares aufzuspüren.

Die Infografik zeigt die genetische Analyse dreier indigener Gruppen in Malaysia (Negrito, Senoi und Jakun) und hebt die Gen-Kultur-Koevolution hervor. Links eine Karte der malaiischen Halbinsel mit den Standorten der Gruppen. Rechts Boxplots zur Genmutationslast, die bei den Negrito (Jäger und Sammler) niedriger bleibt, was auf eine stärkere Erhaltung von Geruchsgenen hinweist. Unten Diagramme zur positiven Selektion und Introgression von Geruchsgenen, z. B. für erdige/moschusartige Gerüche, einschließlich Einfluss von Altai-Neandertaler-ähnlicher DNA.
Das Forschungsteam untersuchte unterschiedliche Gen-Cluster dreier indigener Gruppen Malaysias. Dabei zeigte sich: Bei der Jäger-und-Sammler-Gemeinschaft der Negrito blieben bestimmte Geruchsgene besser erhalten als bei benachbarten Bauern.

Mit dem Aufstieg des Ackerbaus

Die Mutation ist keineswegs neu. Es handelt sich vielmehr um eine angestammte, evolutionär ältere Form. Die Analyse alter Genome zeigt: In süd- und ostasiatischen Bevölkerungen nahm die Häufigkeit genau dieser Urform in den vergangenen 10.000 Jahren kontinuierlich ab – parallel zur Ausbreitung des Ackerbaus. Dort, wo Menschen als Jäger und Sammler weiterlebten, blieb sie erhalten oder wurde sogar häufiger. Der Übergang zur Agrikultur scheint den alten Duftdetektor also zurückgedrängt zu haben. 

Ein weiterer Gencluster, OR52J3 und OR52E2, zeigt bei den Negrito ähnliche Spuren von Selektion. Er ist für buttrige und süßliche Gerüche zuständig – Signale, die typischerweise auf fett- und kalorienreiche Nahrung hinweisen. Dass Menschen allein am Geruch Milchproben mit unterschiedlichem Fettgehalt unterscheiden können, ist experimentell belegt. Die Urform dieses Clusters ist schätzungsweise 284.500 Jahre alt und damit älter als der Auszug des modernen Menschen aus Afrika.

Bei den ackerbauenden Jakun sieht die Situation anders aus. Dort finden sich Veränderungen an Geruchsgenen, die nicht allein mit der Wahrnehmung, sondern mit Insulinregulation, Lungenfunktion und Immunantwort zusammenhängen. Möglich wird das durch eine biologische Doppelrolle. Manche Geruchsrezeptoren sind auch außerhalb der Nase aktiv. Das Gen OR12D3 etwa wirkt nachweislich als Rezeptor für eine Insulinform und beeinflusst die Insulinausschüttung. Ernährt sich eine Bevölkerung kohlenhydratreich und erlebt regelmäßig Blutzuckerspitzen, könnte das Veränderungen an solchen Genen begünstigen, auch wenn sie gleichzeitig Düfte verarbeiten.

Neandertaler-Rezeptoren

Besonders verblüfft hat das Team der Blick tief in die Vergangenheit. Auf Chromosom 11 stießen die Forschenden bei den Bateq, einer Negrito-Gruppe, auf einen erstaunlich häufig vorkommenden DNA-Abschnitt mit Neandertaler-Ursprung. Fünf dort gelegene Gensequenzen ähneln stark denen eines Neandertalers aus Sibirien. Sie kodieren für Rezeptoren, die moschusartige, florale und fruchtige Düfte wahrnehmen und eine verschobene Sensibilität bewirken: weniger Empfindlichkeit für Moschus, mehr für blumig-fruchtige Noten. Ob hinter dieser sogenannten adaptiven Introgression ein konkreter Anpassungsvorteil steckt, bleibt vorerst offen. Der genaue Selektionsdruck liegt im Dunkeln.

Die Studie untermauert bisherige Untersuchungen der Evolutionsbiologie: Kultur und Genetik lassen sich nicht sauber trennen. Wie Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten, hinterlässt messbare Spuren in der Genetik des Riechens, und vermutlich nicht nur dort. 

40 Prozent leiden an Geruchs- oder Geschmacksstörungen
In Österreich, der Schweiz und Deutschland wurden insgesamt mehr als 2300 Menschen befragt. Phantom-Geruchsempfindungen haben demnach am häufigsten eine negative Auswirkung auf die Lebensqualität.
 
Ein hoher Prozentsatz der Menschen in Österreich, Deutschland und der Schweiz berichtet von Geruchs- und/oder Geschmacksstörungen. Die Häufigkeit liegt bei rund 40 Prozent. Das hat eine Studie mit der Auswertung von Umfragedaten in den drei Ländern und 2340 Probanden ergeben.

Die wissenschaftliche Studie wurde im Jänner 2025 mit einer Online-Umfrage unter Erwachsenen im Alter von mehr als 18 Jahren in Österreich (1023 Teilnehmer), in Deutschland (1031 Probanden) und der Schweiz (286 Teilnehmer) durchgeführt. Die Ergebnisse wurden jetzt in den European Archives of Oto-Rhino-Laryngology veröffentlicht. Unter den Autoren finden sich mit Christian Müller (HNO-Universitätsklinik MedUni Wien/AKH) und Andreas Huber (Tirol Kliniken/Innsbruck) auch österreichische Experten.

Die Hauptergebnisse, so die Autoren: „Insgesamt berichteten 40 Prozent der Befragten über mindestens ein Symptom, wobei Geruchsintoleranz (29 Prozent), Phantosmie (Geruchswahrnehmungen ohne reale Ursache, 27 Prozent; Anm.) und Parosmie (veränderte Geruchswahrnehmung, 19 %; Anm.) am häufigsten auftraten“, schrieben die Fachleute. Phantom-Geruchsempfindungen hatten offenbar am häufigsten eine negative Auswirkung auf die Lebensqualität.

Häufigkeit in Deutschland und Österreich etwa gleich

Die Aufschlüsselung nach den Teilnehmerländern zeigt, dass Österreich am ehesten mit Deutschland zu vergleichen ist. In der Schweiz lag die Häufigkeit mancher der Störungen höher.

So berichteten 10,7 Prozent der österreichischen Teilnehmer über Geruchsverlust (Deutschland: 12,2 Prozent, Schweiz: 11,5 Prozent). Eine veränderte Geruchswahrnehmung beschrieben 17,5 Prozent der Probanden aus Österreich (Deutschland: 19,8 Prozent) und 23,8 Prozent der Schweizer.

„Phantom“-Geruchsempfindungen plagten 25,5 Prozent der österreichischen Teilnehmer, in Deutschland waren es 25,6 Prozent, in der Schweiz 33,9 Prozent. Geruchsintoleranz nahmen in Österreich und Deutschland jeweils 27,9 Prozent wahr, in der Schweiz waren es hier allein 39,5 Prozent der Probanden.

Auch hoher Anteil von Menschen mit Geschmacksstörungen

Von Geschmacksstörungen waren in Österreich 16,4 Prozent der Befragten betroffen, in Deutschland hingegen 19,1 Prozent und in der Schweiz 26,9 Prozent. Über keine derartigen Probleme berichteten in Österreich 61,9 Prozent der Befragten, in Deutschland 59,5 Prozent und in der Schweiz 52,1 Prozent.

Ein möglicher Zusammenhang dieser hohen Anteile an Menschen mit Geruchs- oder Geschmacksstörungen könnte auch mit der durchgemachten Covid-19-Pandemie bestehen. Die Wissenschafter in ihrer Zusammenfassung: „Bei 48 Prozent bis 62 Prozent der Betroffenen blieben die Symptome unverändert oder verschlechterten sich, was auf eine erhebliche Belastung durch anhaltende Funktionsstörungen hinweist. Schweizer Befragte berichteten signifikant häufiger über Parosmie (veränderte Geruchsempfindung; Anm.), Phantosmie (Geruchsempfindung ohne realen Hintergrund; Anm.), Geruchsintoleranz und Geschmacksstörungen als österreichische oder deutsche Teilnehmer, was möglicherweise Unterschiede in der Covid-19-Exposition und den Pandemiebeschränkungen widerspiegelt.“ (APA)

 

 

Donnerstag, 23. April 2026

Biopic oder Monographie?

                     zu Geschmackssachen
 
Als ich mein Buch über Michael Jackson geschrieben habe, habe ich - wenig origi-nell - mit dem Eingangskapitel angefangen, denn von dem hängt es ab -  sachlich und stilistisch -, ob die Leute weiterlesen. Aber danach bin ich gleich auf die Große Klippe losgegangen, the Jackson Chase oder den Fall, der keiner wurde; denn eins war mir klar: Wenn ich den nicht auf anständige Weise auf die Reihe bekäme, durfte ich so ein Buch gar nicht schreiben.

Fanchroniken über die Höhepunkte der öffentlichen Karriere - mit vielleicht ein paar Blicken durchs Schlüsselloch in den häuslichen Hintergrund - gab es ja schon in unterschiedlichster Qualität. Noch nicht gab es eine ernstgemeinte Würdigung der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Gesamtkunstwerks Michael Jackson. 

Das war es aber, wozu ich mich aufgerufen fühlte, und da springt als Erstes ins Auge seine Zweideutigkeit - einerseits feinste Stilisierung, und andereseits eine fast vulgäre Sinnlichkeit. 

Und gleich höre ich den Zwischenruf: Und was ist mit dem Künstler, der zeitweilig als Prince bekannt war? Doch bei dem waren die stilistischen Capricen ein Medium, um die Öffentlichkeit mit Vulgarität zu unterwandern. Bei Jackson sind Schönheit und Kunst ein Mittel, um den Geist der Unbefangensten zu sublimieren und in spöttische Distanz über den Alltag zu erheben. Weil er eine kindliche Kunst machte, wurde es eine Kunst für Kinder, und nicht umgekehrt.

Und hier sind wir am kitzlichen Punkt. Das sieht doch jeder, der Augen im Kopf hat - wenn ers schon mit den Ohren nicht hört -, dass das Kindliche das Faszino-sum an diesem Künster war. Dass es so lange gedauert hat, bis es Schleimern und Schleichern gelang, ihm daraus einen Strick zu drehen, ist das eigentlich Erstaun-liche an diesem Skandal; und nicht, dass er bis heute in den Gazetten blieb. 

Michael  ist kein Film für die Fans - die sind Beßres gewöhnt. Sondern ein Streifen, um Millionen neue Fans zu schaffen und um den Tresor des Jackson Family Esta-te weiter zu füllen. Wem daran gelegen ist, ein Kunstwerk allererster Güte am Le-ben zu halten, kann das nur begrüßen. Früher oder später werden sie ja doch alle in meinem Buch lesen.

 

 

"Die Leute wissen nicht mehr: Wofür ist die SPD eigentlich da?"

                                                    zu öffentliche Angelegenheiten 

Da hat die Mitvorsitzende Recht. Nur der Apparat weiß es noch und hat es immer gewusst: Um ihn zu ernähren.

 

 

 

Das Phänomen.

           zu Geschmackssachen

Wenn ich den Kritikern glauben kann, ist der Film noch etwas banaler, als ich befürchtet habe. Ich werde ihn mir nicht ansehen. Ich glaube und wollte auch gar nicht, dass er meinen Blick auf das Phänomen Michael Jackson verändern würde. Allen, die ihn gesehen haben, empfehle ich, mein Buch zu lesen. 

Und allen Andern empfehle ich es auch. Es steht frei im Internet.

Jochen Ebmeier 

 

 


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