Trauer
in der Jazzwelt: Der Musiker Sonny Rollins ist im Alter von 95 Jahren
gestorben. Miles Davis nannte ihn einst „den größten Tenorsaxophonisten
aller Zeiten“.
Der
legendäre Saxophonist und Jazzkomponist Sonny Rollins ist tot. Rollins
starb im Alter von 95 Jahren in seinem Zuhause in Woodstock im
US-Bundesstaat New York, wie es in einem Post auf seiner offiziellen
Facebook-Seite heißt. Eine Todesursache wurde zunächst nicht bekannt
gegeben. ...
Rollins
wurde 1930 im New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Mit seinem
unverwechselbaren Ton – voll, robust, rau, zugleich aber subtil und
nuanciert – galt der vielfach ausgezeichnete Rollins in der Jazzwelt als
„Saxophon-Koloss“. So nannte er auch eines seiner Alben im Jahr 1956.
Er arbeitete mit allen Großen seiner Szene zusammen, ob Charlie Parker,
Thelonious Monk oder John Coltrane. Die meisten von ihnen überlebte er
lange.
Von
seinen Aufnahmen gehören unter anderem „Oleo“, „Doxy“ und „St. Thomas“
zum Jazzstandard. Der Trompeter Miles Davis, den Rollins in seinen
Anfangsjahren in verschiedenen Gruppen begleitete, nannte ihn „den
größten Tenorsaxophonisten aller Zeiten“. Atemwegserkrankungen zwangen
Rollins vor einigen Jahren in den Ruhestand. ...
Kunstsensation: London zeigt Monets Themse-Ansichten
Ein Traum auf Erbsensuppengrün
Nach
120 Jahren bekommt London endlich die Bilder zu sehen, die Claude Monet
hier malte: Seine berühmte Gemäldeserie mit Themse-Ansichten wird in
der Courtauld Gallery ausgestellt.
von Andreas Platthaus
Ein
Maler, zwei Räume, drei Motive, 21 Bilder. Das klingt nach nicht viel,
aber zusammen ergibt es eine der schönsten Ausstellungen des Jahres. Und
ein spektakuläres Rekonstruktionsprojekt, auch wenn es nur zur Hälfte
erfolgt ist. Aber der Reihe nach.
Der Maler, das ist Claude Monet
– derjenige unter den Impressionisten, auf den sich Frankreich früh als
Nationalliebling geeinigt hat, was kurz vor dem Lebensende des 1840
geborenen Künstlers dadurch bekräftigt wurde, dass er seinem Heimatland
(in Person seines guten Freundes Georges Clemenceau, des
Staatspräsidenten) anlässlich des Siegs über Deutschland im Ersten
Weltkrieg den jüngst vollendeten Zyklus mit großformatigen
Seerosenbildern schenkte.
Der
Friedensvertrag von Versailles war eine süße Revanche auch für
Monet, der 1870 mit Frau und Sohn vor den anrückenden preußischen
Truppen aus Paris nach London
geflohen war. Dort sah er zum ersten Mal das, was damals (und noch
lange danach) als Londoner Nebel berühmt war und heute nicht mehr
existiert, weil der Luftverschmutzung durch Kohlefeuerung Einhalt
geboten worden ist.
Umweltverschmutzung intensivierte diese Farbpracht: Monets „London, Parliament. Sunlight in the fog“, 1904.
Dieser
Smog in der damals größten Stadt der Welt sorgte für erstaunliche
Himmels- und Sonnenlichtfärbungen, und da Monet erst wenige Jahre
vorher damit begonnen hatte, solche Eindrücke zu zentralen
Stimmungsphänomenen seiner Malerei zu machen (was der von ihm maßgeblich
inspirierten Stilrichtung die anfangs als Schimpfname gedachte
Bezeichnung „Impressionismus“ eintragen sollte), war er vom
Exilaufenthaltsort bezaubert und nahm sich vor, in friedlicheren Zeiten
dorthin zurückzukehren, um in Ruhe an einer Bilderserie zu arbeiten, die
dem ihn am meisten begeisternden Phänomen gelten sollte: den
wechselnden Lichteffekten auf dem Wasser der Themse.
Bis es so weit war, sollte allerdings noch viel Zeit vergehen, aber
schließlich kam Monet gleich dreimal hintereinander für jeweils mehrere
Wochen nach London und malte: in den dunkleren Monaten der Jahre 1899,
1900 und 1901.
Freude am „köstlichen Nebel“
Die
zwei Räume, das ist die Sonderausstellungsfläche der Courtauld Gallery
im Somerset House. Das liegt in London, und zwar gerade einmal
dreihundert Meter entfernt vom Hotel Savoy, wo Monet sich zum Malen
einquartierte, weil das seinerzeit teuerste Haus der Stadt in seinen
fünf Obergeschossen Zimmer mit großen Balkons zur Themse hin bot, Monet
mietete gleich zwei davon: eines als Wohn-, das andere als
Arbeitszimmer. In den Briefen an seine Frau, die ihn nur bei der ersten
Rückkehr begleitete, begeisterte sich der Maler über das, was ihm
geboten wurde, vor allem eben der „köstliche Nebel“, auf den er jeden
Morgen hoffte.
Claude Monet, „Waterloo Bridge, Gray Weather“, 1900
„Pea
soup fog“ nannten die Londoner diese Wetterlage, und die
Courtauld-Kuratorin Karen Serres hatte die, nun ja, brillante Idee, ihre
beiden Räume für die Sonderausstellung mit Monets Themse-Ansichten in
Erbsensuppengrün streichen zu lassen.
Die
Bilder strahlen darauf in Farben, die man auf ihnen nie zuvor
wahrgenommen hat, und die Hängung simuliert in ihrer Dichte, was Monet
empfunden haben muss, als die Sonnenauf- und -untergänge für derart
schnell wechselnde Impressionen sorgten, dass er ständig an mehreren
Bildern gleichzeitig malte, die ja jeweils nur eine bestimmte Stimmung
festhalten sollten. Am Ende der drei Jahre waren auf diese Weise in
London an die hundert Leinwände zusammengekommen, die für Monet
allerdings sämtlich noch nicht fertig waren und daheim in Giverny aus
der Erinnerung vollendet wurden, teilweise erst viele Jahre später.
Claude Monet, „Houses of Parliament, Sunset“, 1900–1903
Drei
Motive, das ist die Folge von Monets Wahl seines Domizils. Flussabwärts
fiel sein Blick vom Balkon des Savoy auf die Waterloo Bridge,
flussaufwärts eröffnete sich ihm ein Panorama mit der Charing Cross
Bridge im Vorder- und dem neogotischen Parlamentsgebäude von Westminster
im Hintergrund. Das wurden seine drei Motive, immer wieder neu
inszeniert vom sich verändernden Licht, aber immer vom gleichen
Standpunkt aus gemalt, wobei Monet sich für die Ansichten des
Parlamentsgebäudes von 1900 an aufs andere Themse-Ufer begab, wo das
Gebäude ihm direkt gegenüber lag. So entstanden insgesamt 93 Bilder: 41
Ansichten der Waterloo Bridge, 34 der Charing Cross Bridge und neunzehn
von Westminster.
21
Bilder, das ist das zweigrößte Konvolut aus der Werkgruppe, der jemals
versammelt wurde. Größer war nur jene Pariser Ausstellung, auf der Monet
1904 seine Themse-Ansichten überhaupt zum ersten Mal vorstellte. Da
waren es 37, acht Mal Charing Cross, elf Mal Parlament und achtzehn Mal
Waterloo – Monets favorisierte Bilder aus dem Gesamtkomplex, alle
eigens von ihm frisch für die Schau vollendet. Karen Serres wollte für
ihre Ausstellung so viele wie möglich davon zusammenbekommen, und es
kamen aus aller Welt fast die Hälfte zusammen, nämlich achtzehn: drei
Mal Charing Cross, sechs Mal Parlament und neun Mal Waterloo – also dem
Verhältnis der Motive zueinander nach ziemlich genau wie in Monets
ursprünglicher Auswahl.
London musste fast 120 Jahre auf diese Schau warten
Die
drei zusätzlichen Bilder tragen der Tatsache Rechnung, dass sich nur
zwei von Monets London-Bildern in britischen Sammlungen befinden, beides
später vollendete Ansichten der Charing Cross Bridge (eine davon wurde
1949 Churchill von seinem Literaturagenten geschenkt – mit der
Bemerkung, wenn er wieder Premierminister werde, würde sich der Nebel
über England lichten).
Und
schließlich noch ein Westminster-Gemälde aus dem Kunsthaus Zürich, das
deshalb besonderes Interesse beanspruchen darf, weil Monet es 1905 für
eine dann doch nicht zustande gekommene Londoner Ausstellung vollendete
und dabei ein Motiv annähernd wiederholte, das im Vorjahr schon an den
berühmten Pariser Sammler Isaac de Camondo verkauft worden war und also
nicht mehr zur Verfügung stand. Nun wird nicht nur nach fast 120 Jahren
die Londoner Schau endlich nachgeholt, sondern darin auch ein Vergleich
beider Bilder möglich, weil das frühere aus dem Musée d’Orsay
ausgeliehen werden konnte.
Genug
der Fakten, am Schluss eine Impression: Diese erbsensuppengrün
grundierte Ausstellung strahlt, als wären die Bilder gerade von der
Staffelei genommen. Man muss hier einmal die Lichtsetzerin nennen:
Zerlina Hughes. Wie wichtig ist die Arbeit solcher Koryphäen für ein
Ausstellungserlebnis! Denn nur dann entfaltet sich die ganze Magie eines
Bildes wie Monets „Le soleil dans le brouillard“ (Die Sonne im Nebel),
sonst in der National Gallery of Canada in Ottawa und das schönste Bild
der Schau. Wie da die wie eine verschrumpelte Mandarine über der
Waterloo Bridge stehende Sonne durch einen Brückenbogen hindurch die
Themse entflammt, das entzündet eine schier unlöschbare [...]
Monet and London – Views of the Thames. In der Courtauld Gallery, London; bis 19. Januar 2025. Der Katalog (Holborton) kostet 25 Pfund.
ausderStandard.at, 21. 5. 2026 Um 3100 v. Chr. diente das Steingrab von Sorsum als
gemeinschaftliche Begräbnisstätte (hier eine künstlerische Darstellung)
für die dort ansässigen bäuerlichen Gemeinschaften. Genetische Analysen
zeigten, dass unter den Bestatteten unter anderem der Sohn einer Familie
aus einer Region war, die über 200 Kilometer weiter südlich liegt. zuöffentliche Angelegenheiten
Überraschung aus der Steinzeit:
Vater und Sohn durch hunderte Kilometer getrennt
Analysen von 5000
Jahre alten Megalithgräbern in Deutschland zeigen die bislang
enfernteste neolithische Verwandtschaft ersten Grades – und stellen alte
Annahmen infrage
von Thomas Bergmayr
Vor mehr als 5000 Jahren wurde im hessischen Niedertiefenbach ein Mann in einem sogenanntenGaleriegrab
beigesetzt. Das ist eine steinzeitliche Grabanlage, für die große Steine
(altgriechisch: Megalithe) in zwei Reihen angeordnet wurden. Sein Sohn
hingegen fand seine letzte Ruhe rund 225 Kilometer weiter nördlich, in
einer in den Fels geschlagenen Kammer bei Sorsum, südwestlich des
heutigen Hildesheim in Niedersachsen.
Dass die beiden zu Lebzeiten voneinander wussten, lässt sich nicht
beweisen. Dass sie biologisch Vater und Sohn waren, dagegen schon, wie
ein internationales Forschungsteam fünf Jahrtausende später nachweisen
konnte. Es ist der bisher größte dokumentierte geografische Abstand
zwischen Verwandten ersten oder zweiten Grades aus dem Neolithikum.
Spätneolithisches Mosaik
Vater
und Sohn lebten in einer Welt, in der zwischen der Iberischen Halbinsel
und Skandinavien über zwei Jahrtausende hinweg eine Bauwut sondergleichen
herrschte: Bauern errichteten Dolmen, Ganggräber, Steinkreise und
Galerien aus tonnenschweren Blöcken. Die Forschung hat in diesen
Monumenten lange nicht nur Ausdruck lokaler Identitäten gesehen, sondern
auch Zeichen weitreichender sozialer oder ahnenbezogener Netzwerke. Ob
hinter der gemeinsamen Architektursprache auch eine gemeinsame Abstammung stand, blieb offen.
Diese Frage haben Nicolas Antonio da Silva und Ben Krause-Kyora
von der Universität Kiel mit ihrem Team in einer neuen Untersuchung
aufgegriffen. Sie analysierten genetische Daten von 203 Individuen aus
sechs deutschen Megalithgrabkomplexen, 129 Genome haben sie dafür neu
sequenziert. Untersucht wurden die Bestattung in Sorsum, der einzigen
bislang gut erhaltenen Fundstelle der westlichen Trichterbecherkultur,
sowie fünf Fundorte der benachbarten Wartberg-Kultur: Altendorf,
Niedertiefenbach, Rimbeck, Warburg und Züschen.
Archäologisch lassen sich die beiden Gruppen klar unterscheiden. Die westliche Trichterbecherkultur ist bekannt für oberirdische Ganggräber und reich verzierte Tongefäße mit ihrem charakteristischen trichterförmigen Rand. Die Wartberg-Kultur
hingegen legte unterirdische Galeriegräber an und verwendete weitgehend
schmucklose Keramik in Tonnenform. Sorsum selbst fällt aus dem Rahmen
der eigenen Kultur: Die Grabkammer wurde in den Fels geschlagen und
ähnelt damit eher den Wartberg-Anlagen.
Ein Netzwerk aus Verwandten ersten und zweiten Grades offenbart
weitreichende biologische Verbindungen zwischen geografisch weit
entfernten Bestattungsgemeinschaften. Die Untersuchungsergebnisse deuten
auf auf eine ausgeprägte Mobilität und einen intensiven sozialen
Austausch hin.
Eine Bevölkerung, zwei Stilrichtungen
Diese
Besonderheit bestätigt sich auch genetisch. Laut den Analysen passen
die Menschen aus Sorsum nicht zu anderen Trichterbecher-Vertretern aus
dem Norden oder Osten, sondern gleichen Angehörigen der Wartberg-Kultur.
Sorsum und die fünf Wartberg-Fundorte bilden eine genetisch homogene
Population. Auffällig ist auch der hohe Anteil westeuropäischer
Jäger-und-Sammler-Abstammung in beiden Gruppen, der vor allem über die
männliche Linie weitergegeben wurde. Das deutet auf langfristige
biologische Verbindungen hin.Über alle sechs Bestattungsplätze hinweg identifizierten die
Forschenden 123 genetisch eng verwandte Paare, 44 davon ersten Grades,
79 zweiten Grades. Etwa die Hälfte der untersuchten Menschen hatte eine
nahe Verwandte oder einen nahen Verwandten in der Stichprobe. Die
wirkliche Überraschung lag jedoch zwischen den Fundorten: sechs
grenzüberschreitende Verwandtschaftsbeziehungen, fünf davon mit
Sorsum-Beteiligung. Das auffälligste Paar ist das des Mannes aus
Niedertiefenbach und seines noch nicht erwachsenen Sohnes aus Sorsum.
Die Forschenden formulieren in ihrer im Fachjournal Science veröffentlichten Studie
vorsichtig, was das bedeuten könnte. Die zusätzlich durchgeführte
Analyse gemeinsam vererbter DNA-Segmente legt nahe, dass der Jugendliche
ursprünglich aus dem Umfeld von Niedertiefenbach stammte, aber in
Sorsum bestattet wurde. Denkbar sei etwa, dass er dort gelebt habe – als
Pflege- oder Adoptivkind, vielleicht auch in einer Art Lehrverhältnis.
Belegt ist dieses Szenario nicht. Man kann nur daraus schließen, dass
Mobilität, Einheirat oder Austausch über erstaunlich große Distanzen
nichts Außergewöhnliches waren.
Soziale statt biologische Familie
Zugleich
zeigen die Daten, dass die Steinkammern keine reinen Familiengräber im
engen Sinn waren. Rund 48 Prozent der untersuchten Individuen gehörten
keiner engen genetischen Verwandtschaftsgruppe an. An schwedischen oder
britischen Megalithanlagen liegen die vergleichbaren Werte deutlich
niedriger, dort scheinen die Gräber stärker auf eine einzelne Linie
beschränkt gewesen zu sein. Sorsum und die Wartberg-Anlagen
funktionierten daher offenbar anders, nämlich als Gemeinschaftsgräber,
in denen biologische und soziale Zugehörigkeit nebeneinanderstanden. Die
Forschenden vermuten ein Netz aus gemeinsamer Kinderaufzucht, geteilten
Ritualen und gemeinsamer Bauarbeit – was Verwandtschaft im weiteren
Sinn schuf.
Das Galeriegrab von Züschen in Nordhessen wurde von Angehörigen der Wartberg-Kultur errichtet.
Wer aber wanderte und wer blieb? Die rekonstruierten Stammbäume aus
Sorsum und Niedertiefenbach zeigen eine durchgehende Linie männlicher
Vorfahren über bis zu sechs Generationen, abzulesen am Y-Chromosom. Die
mitochondrialen Linien der eingeheirateten Frauen sind dagegen breit
gefächert. Statistische Analysen der genetischen Unterschiede innerhalb
der Geschlechter bestätigen das Bild: Frauen waren mobiler als Männer.
Fachsprachlich heißt das Virilokalität
– also dass Männer eher in der Gemeinschaft ihrer Eltern blieben – und
weibliche Exogamie, was bedeutet, dass Frauen ihre Partner außerhalb der
Geburtsgemeinschaft suchten. Auffällig ist auch, dass Frauen in den
Gräbern unterrepräsentiert sind. Sie machen nur rund 40 Prozent der
analysierten Individuen aus. Wo die übrigen begraben wurden, bleibt
unklar.
Kein europäischer Stammbaum
Wer
aus diesen Befunden ein gesamteuropäisches Megalithnetzwerk basteln
möchte, wird enttäuscht. Genetische Verbindungen zu den Erbauern der
atlantischen Anlagen auf den Britischen Inseln oder zu den
Trichterbecher-Gruppen Südskandinaviens fanden sich kaum. Die Wartberg-
und Sorsum-Gemeinschaften bildeten ein dichtes regionales Netz, das
vereinzelte Spuren bis ins westliche Deutschland und ins Pariser Becken
zog. Aber die großen Steinbauten verbreiteten sich nicht über
biologische Großfamilien, sondern vielmehr als Idee. Architektonische
Konzepte, Bestattungsrituale und Weltbilder reisten über die Köpfe und
Hände der Menschen, nicht über deren Erbgut.
Damit offenbaren sich zwei unterschiedliche Aspekte: Auf der einen
Seite eine spätneolithische Welt, in der Menschen offenbar regelmäßig
zwischen entfernten Siedlungen wechselten, in der ein Kind 225 Kilometer
von seinem Vater begraben werden konnte und in der Gräber Platz für
ganz unterschiedliche Menschen boten. Auf der anderen Seite eine Welt,
in der das verbindende Element der Megalithkultur eben nicht das Blut
war, sondern die geteilte Vorstellung davon, wie man seine Toten unter
tonnenschweren Steinen zur Ruhe bettet.
aus derStandard.at, 13. März 2026 Das neu entdeckte Blatt, auf dem der Text und die Grafiken
des Archimedes (schwach im Hintergrund) und auch, quer dazu, die
Überschreibung aus dem 13. Jahrhundert sichtbar sind.zu Ebmeiers Realien
Forscher entdeckt fehlende Seite des legendären Archimedes-Pa-limpsests
Die mehr als 1000
Jahre alte, einzigartige Abschrift wichtiger Werke des antiken
Mathe-
matikers hat eine wahre Odyssee hinter sich. Nun fehlen nur noch
zwei von 177 Blättern
von Klaus Taschwer
Archimedes war einer der wichtigsten Mathematiker und Physiker der
Antike. Der Gelehrte, der im dritten Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung lebte, formulierte unter anderem das Hebelgesetz, das die
Grundlage der späteren Mechanik wurde; nach ihm wurden auch der
archimedische Punkt und das archimedische Prinzip benannt, das den
Auftrieb eines Körpers in einem flüssigen Medium beschreibt. Auch der
freudige Ausruf "Heureka!" ("Ich habe es gefunden!" – anlässlich der
Entdeckung "seines" Prinzips) geht auf ihn zurück.
Der
außergewöhnliche Ruf des großen Naturforschers verdankt sich seinen
zahlreichen Werken und der Tatsache, dass viele von ihnen in Abschriften
bis in die Neuzeit erhalten blieben. Eine besonders abenteuerliche
Odyssee, über die sich selbst schon fast ein Buch schreiben ließe, hat
eine dieser Kopien hinter sich: das sogenannte Archimedes-Palimpsest, das im 10. Jahrhundert angefertigt wurde und das die einzige bekannte (griechische) Abschrift seiner Methodenlehre und der Abhandlung Über schwimmende Körper enthält.
Fund bei Online-Recherchen
Bis vor kurzem fehlten von diesem
Manuskript, das im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und im 21. Jahrhundert
in vollem Umfang lesbar gemacht wurde, allerdings drei der ursprünglich
177 Blätter. Nun sind es nur noch zwei. Denn eine dieser Seiten ist
dank eines französischen Forschers wieder aufgetaucht. Der französische
Altphilologe und Wissenschaftshistoriker Victor Gysembergh identifizierte das Blatt in der Sammlung der Musée des Beaux-Arts der Stadt Blois in Zentralfrankreich.
Der Forscher, der am französischen Forschungszentrum CNRS und an der
Sorbonne arbeitet, war bei seinen Online-Recherchen auf eine Seite
gestoßen, unter deren Text sich ein weiterer Text mit geometrischen
Abbildungen abzeichnete. So etwas nennt sich Palimpsest – also ein
Pergament, dessen ursprünglicher Text abgeschabt oder abgewaschen wurde,
um aus Kostengründen Platz für ein neues Werk zu schaffen. Gysembergh
hatte einen Verdacht, der sich als richtig erwies: Es handelte sich um
die fehlende Seite 123, wie er in der Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik berichtet.
Sehr bewegte Geschichte
Um die Bedeutung dieses Funds richtig
einschätzen zu können, ist ein Blick zurück auf die bewegte Geschichte
dieser Archimedes-Schrift hilfreich. Angefertigt wurde die Abschrift in
Konstantinopel, das im Jahr 1204 während des 4. Kreuzzugs geplündert
wurde. Viele Bibliotheken gingen in Flammen auf. Doch einige Jahre
später tauchte dieser Archimedes-Kodex in der Nähe von Jerusalem auf.
Das Pergament wurde auseinandergenommen, abgekratzt, gewaschen und im
Jahr 1229 mit christlichen liturgischen Texten über 177 Seiten neu
beschrieben, also zu einem Palimpsest.
Im 19. Jahrhundert besuchte der Theologe Konstantin von Tischendorf
Konstantinopel und untersuchte die Bibliothek des Metochion des Heiligen
Grabes. Dort entdeckte er das Palimpsest und nahm eine Seite mit nach
Europa, die später in der Bibliothek der Universität Cambridge landete.
1899 katalogisierte der griechische Gelehrte Athanasios
Papadopoulos-Kerameus die Handschrift (Kodex C, Ms. 355) und
veröffentlichte eine Transkription einiger sichtbarer Zeilen.
Der dänische Mathematikhistoriker Johan Heiberg erkannte sofort, dass einige der sichtbaren Zeilen aus Archimedes’ Werk Über Kugel und Zylinder
stammten. 1906 untersuchte er das Palimpsest vor Ort und fotografierte
vorsichtig sämtliche vorhandenen Seiten. Auf Grundlage dieser Bilder
fertigte er Transkriptionen an, die er zwischen 1910 und 1915
veröffentlichte. Noch 1920 befand sich das Manuskript im Metochion,
verschwand jedoch während der politischen Unruhen und des
Griechisch-Türkischen Kriegs.
Fragwürdige Geschäfte
1932 tauchte es im Besitz des Pariser
Antiquitätenhändlers Salomon Guerson auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg
gehörte es dem Pariser Geschäftsmann Marie Louis Sirieix, der
behauptete, es von einem Mönch gekauft zu haben, jedoch keinen Beleg
vorlegen konnte. Jahrzehntelang lagerte das Palimpsest in seinem
feuchten Keller und wurde beschädigt. Zudem fügte ein Fälscher nach 1938
vier vergoldete Porträts der Evangelisten hinzu, um den Wert zu
steigern. Dabei wurde der darunterliegende Text teilweise zerstört.
Moderne Röntgenfluoreszenzmethoden wurden später nötig, um ihn wieder
sichtbar zu machen.
Auch das nun entdeckte Blatt enthält ein nachträglich
hinzugefügtes Porträt eines Evangelisten, was die Sichtbarmachung des
Originaltexts erschwert.
Nach Sirieix’ Tod versuchte seine Tochter das Manuskript zu
verkaufen. 1998 kam es bei Christie’s in New York zur Versteigerung. Das
griechisch-orthodoxe Patriarchat von Jerusalem klagte auf Eigentum, da
das Manuskript angeblich gestohlen worden war, verlor jedoch den
Prozess. Das Palimpsest wurde schließlich für zwei Millionen Dollar an
einen anonymen Bieter verkauft, der es 1999 dem Walters Art Museum in
Baltimore zur wissenschaftlichen Untersuchung zur Verfügung stellte.
In einem zehnjährigen Projekt wurde es konserviert und mit modernen
bildgebenden Verfahren untersucht. Experten fotografierten die Seiten in
verschiedenen Spektralbereichen von Ultraviolett bis Infrarot, um den
ursprünglichen Text sichtbar zu machen. Auch hochfokussierte
Röntgenstrahlen kamen zum Einsatz, insbesondere bei Stellen, die durch
spätere Miniaturen überdeckt waren. (Detaillierte Materialien dazu sind hier online verfügbar.)
"Über Kugel und Zylinder"
Dass Gysembergh sich in der
Online-Datenbank des Museums von Blois auf die Suche begab, war kein
Zufall. Dort wird ein Teil der Bibliothek der französischen Könige
aufbewahrt. Nachdem er auf die verdächtige Seite gestoßen war, verglich
er den Text mit den ebenfalls online zugänglichen Fotos, die Johan
Heiberg 1906 angefertigt hatte. "Wenn es mehrere handschriftliche Kopien
desselben Textes gibt, schleichen sich immer Fehler ein. Aber hier ist
der Schriftstil exakt derselbe, jeder einzelne Buchstabe ist genau
derselbe", sagt der Forscher der Agentur AFP.
Das wiedergefundene Pergament enthält auf der einen Seite erkennbar
zwei übereinandergeschriebene Texte. Auf der anderen Seite ist eine
Illustration eines Heiligen zu sehen, unter der sich vermutlich
ebenfalls Abschnitte der Niederschrift von Archimedes befinden. "Es
handelt sich um die Abhandlung Über Kugel und Zylinder, konkret
um Buch I und die Sätze 39 bis 41", sagt der Forscher, der das
Pergament nun ebenfalls mit Spezialkameras und Röntgenstrahlen
untersuchen will, um den ursprünglichen Text zu entziffern.
Der Fund nähre zudem die Hoffnung, nun auch die beiden letzten
fehlenden Seiten wiederzufinden, sagte der Forscher. Institutionen und
private Sammler, die vergleichbare Manuskripte hätten, sollten diese
genau prüfen.
Flynn-Effekt Erwachsene können sich immer besser konzentrieren Laut
Intelligenztests ist der durchschnittliche IQ jahrzehntelang gestiegen.
Dieser »Flynn-Effekt« zeigt sich auch in einem
Standard-Aufmerksamkeitstest – aber nur bei Erwach-senen. Bei Kindern
sieht es etwas anders.
Das
Konzentrationsvermögen von Erwachsenen ist in den vergangenen 20 bis
30 Jahren gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Metaanalyse in der
Fachzeit-schrift »Personality and Individual Differences«.
Die Forschungsgruppe um Denise Andrzejewski von der Universität Wien
sieht darin einen ersten Beleg dafür, dass auch die Aufmerksamkeit dem
Flynn-Effekt unterliegt.
Der
Flynn-Effekt bezeichnet ein Phänomen, das Mitte bis Ende des
20. Jahrhun-derts in vielen Ländern beobachtet wurde: Der mittlere
Intelligenzquotient – das Ergebnis von standardisierten
Intelligenztests – stieg von Generation zu Genera-tion. Benannt ist der
Effekt nach dem Politologen James Flynn, der erstmals 1984 darüber
berichtet hatte. Im Schnitt legte der IQ pro Jahrzehnt rund drei Punkte
zu, doch inzwischen stagniert die Entwicklung in einigen Ländern, und in
manchen hat sich der Trend sogar umgekehrt. Über die Ursachen sind sich Fachleute bis heute nicht einig.
Der
Test besteht aus 14 Zeilen (in der Neufassung 12 Zeilen), und jede
Zeile ist ge-füllt mit 47 Zeichen, darunter ausschließlich die Buchstaben
d und p sowie teilweise ein oder zwei kleine senkrechte Striche über
oder unter den Buchstaben. Die Auf-gabe: jedes d mit zwei Strichen
durchzustreichen, möglichst fehlerfrei, aber auch möglichst schnell,
denn die Zeit ist auf im Mittel 20 Sekunden pro Zeile begrenzt.
Im
Durchschnitt stieg die Konzentrationsleistung (definiert als die Zahl
von korrek-ten minus falschen Antworten) bei den Erwachsenen mit den
Jahren moderat an. Bei den Kindern blieb sie jedoch in etwa gleich: Sie
arbeiteten zwar zunehmend schneller, machten dabei aber mehr Fehler. Die
Forschenden deuten das als Hinweis auf ein impulsives,
oberflächlicheres Testverhalten, möglicherweise dadurch verursacht, dass
die Gesellschaft heute fehlertoleranter sei und dass Leistung eher an
Geschwindigkeit als an Genauigkeit gemessen werde.
Allerdings
fielen die Ergebnisse etwas anders aus, als die Gruppe die
deutschsprachigen Länder separat betrachtete. Die Kinder machten hier
nicht mehr, sondern weniger Fehler, und das Konzentrationsvermögen der
Erwachsenen war nicht gestiegen. Das Gesamtfazit über mehr als 30 Länder
lautete dennoch: Der Flynn-Effekt gilt auch für das
Konzentrationsvermögen. Und dieser Zuwachs könnte zu einem Anstieg der
Intelligenz – dem eigentlichen Flynn-Effekt – beitragen.
Nota. - In die Medien kommen Intelligenzdebatten regelmäßig als Beiwerk von Bildungsfragen - die ihrerseits zu Schul- und Lernfragen verengt werden. Unter Intelligenz kann viel Verschiedenes verstanden werden. Gleich am Anfang: aktuelle Leistung oder latentes Vermögen. Aufmerksamkeit und Konzentration - auch nicht ganz dasselbe - gehören zur Leistungskraft und nicht zum bloßen Denken. Das große Unglück der Schulen im Westen ist, dass sie in Jahrhunderten zu Dressuran-stalten für Konzentration und Gedächtnis entwickelt wurden. Eigene Denkarbeit wurde nicht nur nicht gefördert, sondern oft gelähmt. Sie ist jedoch das eigentliche Ziel von Aufmerksamkeit und Konzentration, die ihnen lediglich als Mittel dienen.
Bleibt als Ergebnis nur übrig, dass erstens kein Anhaltspunkt sichtbar wird, der ein evtl. Rückgang des Flynn-Effekt verständlich machen könnte; und zweitens der überraschende Umstand, dass die deutschsprachigen Länder aus dem allgemeinen Rahmen fallen - nämlich ihre Schulkinder.
Ich will mich Ihnen nicht aufdrängen, aber erlauben Sie mir die Bemerkung, dass in Deutschland und Österreich jahrzehntelang der Nachmittag schulfrei war und gott-lob weitgehend noch ist, und der Nachmittag Zeit und Raum für selbstbestimmte Unternehmung Zeit und Raum bot. Is ja nur so'ne Idee... JE
Warum fühlen sich depressive Menschen oft erschöpft? Ein Forschungsteam vermutet die Antwort tief in den Kraftwerken der Zellen.
von Anna von Hopffgarten
Menschen
mit Depressionen leiden häufig unter starker Erschöpfung – selbst ohne
körperliche Belastung. Ein Forschungsteam aus Australien und den USA liefert nun Hinweise auf mögliche Ursachen:
Die Mitochondrien von Menschen mit Depressionen arbeiten schon im
Ruhezustand ungewöhnlich intensiv. Dadurch fehlt ihnen die Fähigkeit,
bei zusätzlichem Stress ihre Energieproduktion angemessen zu erhöhen.
Das
Ergebnis: Die Mitochondrien im Gehirn depressiver Versuchspersonen
stellten im Ruhezustand viel mehr ATP her als die im Gehirn der
Kontrollprobanden. Auch die Immunzellen enthielten in Ruhe mehr ATP als
bei Gesunden. In beiden Fällen hing die Menge des Energieträgers eng mit
dem Ausmaß der empfundenen Erschöpfung zusammen: Je stärker diese gemäß
der Fatigue Severity Scale war, desto mehr ATP lag vor.
Behandelten
die Forscherinnen und Forscher die Blutproben mit speziellen
mitochond-
rialen Stressoren, reagierten die Zellen der depressiven
Probanden allerdings weniger fle-
xibel und erreichten keine höhere
Leistung – anders als die Zellen der gesunden Kontroll-
personen. Das Team
schloss daraus, dass die Mitochondrien der Erkrankten bereits nahe
am
Limit laufen.
Dieses Muster könnte typische Symptome der
Depression erklären: Wenn Zellen bereits im
Ruhezustand sehr viel
Energie verbrauchen, bleibt in Phasen geistiger oder emotionaler
Anfor-
derung wenig Spielraum. Das löst womöglich jene Antriebslosigkeit
und Erschöpfung aus, un-
ter denen Menschen mit Depressionen häufig
leiden, mutmaßen die Autoren der Studie.
zu Jochen Ebmeiers Realien aus derStandard.at, 18. 5. 2026 Linkshändigkeit ist beim Menschen die große Ausnahme. Neun von zehn Menschen bevorzugen die rechte Hand.
Evolutionäres Rätsel
Warum die allermeisten Menschen Rechtshänder sind
Unter den
Menschenaffen ist Homo sapiens die einzige Art mit dieser eindeutigen
Präferenz. Eine neue Studie nennt dafür zwei wahrscheinliche Gründe
von Klaus Taschwer
Es ist eines der rätselhafteren Merkmale der menschlichen Evolution: Fast 90 Prozent aller Menschen
bevorzugen ihre rechte Hand, wie eine Meta-Analyse im Jahr 2020
ermittelte – und das unabhängig von Kultur, Herkunft oder Epoche. Keine
andere Primatenart weist eine derart ausgeprägte Dominanz einer
Körperseite auf. Zwar zeigen auch Menschenaffen oder Affen individuelle
Vorlieben beim Greifen, Werkzeuggebrauch oder Klettern. Doch ein so
eindeutiges Muster wie beim Menschen existiert dort nicht.
Seit Jahrzehnten versuchen Forschende zu erklären, warum ausgerechnet
beim Menschen eine so starke Rechtshändigkeit ausgeprägt ist. Gene,
Gehirnstruktur, Sprachentwicklung oder soziale Kooperation wurden als
mögliche Ursachen diskutiert. Eine neue Studie der Universität Oxford
legt nun nahe, dass die Antwort deutlich tiefer in der Evolution
verankert ist: im aufrechten Gang – und in der außergewöhnlichen
Vergrößerung des menschlichen Gehirns.
41 untersuchte Primatenarten
Die Untersuchung wurde unter Leitung des Evolutionsanthropologen Thomas Püschel an der School of Anthropology and Museum Ethnography der Universität Oxford durchgeführt und kürzlich im Fachjournal PLoS Biology veröffentlicht.
Gemeinsam mit Rachel Hurwitz und dem Evolutionsbiologen Chris Venditti
von der University of Reading analysierte Püschel Daten von 2025
Individuen aus insgesamt 41 Primatenarten.
Nanette, eine Schimpansin im Zoo in Zürich, dürfte auch eher
Rechtshänderin gewesen sein. Bei nicht-menschlichen Primaten sind Links-
und Rechtshändigkeit aber längst nicht so eindeutig verteilt wie bei
Homo sapiens.
Die drei Forschenden kombinierten dabei Verhaltensdaten mit
evolutionären Stammbäumen und nutzten statistische Modelle, um
verschiedene Hypothesen zur Entstehung der Händigkeit zu testen.
Untersucht wurden unter anderem Werkzeuggebrauch, Ernährungsweise,
Körpergröße, Lebensraum, soziale Organisation, Gehirnvolumen und
Fortbewegungsart.Überraschend eindeutiges Ergebnis
Das
Ergebnis überraschte auch Püschel und sein Team. Menschen wirkten
zunächst wie ein extremer Ausreißer: Keine andere Primatenart zeigte
eine vergleichbare Dominanz der rechten Hand. Als die Modelle jedoch um
zwei entscheidende Faktoren ergänzt wurden – Gehirngröße und das
Verhältnis von Arm- zu Beinlänge als Marker für Zweibeinigkeit –,
verschwand die Sonderstellung des Menschen weitgehend. Mit anderen
Worten: Berücksichtigt man den aufrechten Gang und die enorme Expansion
des Gehirns, erscheint die menschliche Rechtshändigkeit nicht mehr als
evolutionäre Ausnahme, sondern als logische Folge bestimmter
Entwicklungsschritte.
"Das ist die erste Studie, die mehrere zentrale Hypothesen zur
menschlichen Händigkeit in einem einzigen Modell untersucht", erklärt
Studienleiter Thomas Püschel in einer Aussendung der Uni Oxford.
Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Händigkeit eng mit jenen
Eigenschaften verbunden sei, die den Menschen überhaupt erst zum
Menschen gemacht hätten: aufrechtes Gehen und große Gehirne. Besonders
interessant ist dabei die rekonstruierte Entwicklungslinie früher
Menschenarten. Mithilfe ihrer Modelle versuchten die Forschenden auch
abzuschätzen, wie ausgeprägt die Händigkeit ausgestorbener Homininen
gewesen sein könnte.
Rechtshänder in der Evolution
Demnach
hatten frühe Vormenschen wie Ardipithecus oder Australopithecus
vermutlich nur eine leichte Präferenz für die rechte Hand – ähnlich wie
heutige Menschenaffen. Erst mit dem Auftreten der Gattung Homo
verstärkte sich die Tendenz deutlich. Bei Homo ergaster, Homo erectus
und später den Neandertalern entwickelte sich zunehmend jene starke
Rechtsdominanz, die schließlich beim modernen Homo sapiens beinahe
universell wurde.
Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet allerdings Homo floresiensis –
jene kleinwüchsige Menschenart aus Indonesien, die wegen ihrer geringen
Körpergröße oft als Hobbit bezeichnet wird. Für sie sagen die Modelle
nur eine schwache Rechtshändigkeit voraus. Auch das passt laut den
Forschenden ins Bild: Homo floresiensis besaß ein vergleichsweise
kleines Gehirn und war anatomisch sowohl ans Klettern als auch an den
aufrechten Gang angepasst.
Zwei Schritte zur Präferenz
Die
Studie zeichnet damit eine evolutionäre Zwei-Stufen-Geschichte nach.
Zunächst befreite der aufrechte Gang die Hände von der Fortbewegung.
Dadurch konnten feinere und spezialisierte Bewegungen entstehen – etwa
beim Tragen, Greifen oder später beim Werkzeuggebrauch. In einem zweiten
Schritt führte die Vergrößerung und Umorganisation des Gehirns offenbar
dazu, dass sich bestimmte Funktionen stärker auf eine Hirnhälfte
konzentrierten. Diese sogenannte Lateralisierung könnte schließlich die
starke Dominanz der rechten Hand hervorgebracht haben.
Warum allerdings bis heute etwa jeder zehnte Mensch linkshändig
geblieben ist, bleibt weiterhin ungeklärt. Denkbar wäre laut den
Forschenden, dass eine gewisse Vielfalt evolutionäre Vorteile bot – etwa
bei Kampf, Kooperation oder Werkzeuggebrauch. Auch kulturelle Faktoren
könnten eine Rolle gespielt haben. Faktum ist, dass Linkshänderinnen und
Linkshänder in Ballsportarten mit schnellen Ballwechseln (wie Tischtennis) deutlich öfter als mit zehn Prozent im Top-Bereich vertreten sind.
Händigkeit im Tierreich
Offen
bleibt zudem, ob ähnliche Mechanismen auch bei anderen Tierarten wirken.
Einige Papageienarten zeigen etwa deutliche Präferenzen beim Greifen
mit den Krallen, Kängurus bevorzugen häufig eine Körperseite bei
bestimmten Bewegungen. Die Parallelen könnten darauf hinweisen, dass
sich funktionelle Asymmetrien im Tierreich mehrfach unabhängig
voneinander entwickelt haben.
Die neue Studie liefert mithin keinen endgültigen Beweis für den
Ursprung der menschlichen Rechtshändigkeit. Sie bietet aber erstmals ein
konsistentes evolutionäres Modell, das Anatomie, Gehirnentwicklung und
Fortbewegung gemeinsam betrachtet – und damit eine der ältesten Fragen
der Anthropologie in einen neuen Zusammenhang stellt.