Bei körperlichen Spitzenleistungen – egal ob beim Laufen, Schwimmen oder Springen – ist der Mensch spezialisierten Säugetieren durchwegs unterlegen. Dafür sind wir die besseren Mehrkämpfer, worauf auch der österreichische Zoologe, Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz in einem bekannten Vortragszitat hinwies: "Denken Sie sich einen Wettkampf – 15 km wandern; dann in ein 3 m tiefes Becken tauchen, um einen Ziegelstein aus dem Wasser heraufzuholen; und dann ein Hanfseil hinaufklettern, das hier an der Decke hängt – das kann kein Säugetier!"

Wohl könne der Gepard schneller laufen, der Delfin schneller schwimmen und der Schimpanse schneller klettern als der Mensch, argumentierte Lorenz. "Aber diese Tiere sind Spezialisten auf ihrem Gebiet und für die anderen Disziplinen ungeeignet." Im Vergleich zu den Primaten, aus denen auch der Mensch hervorging, sind wir aber nicht nur bessere Generalisten, sondern verfügen auch über eine deutlich bessere Ausdauer: Beim Klettern sind wir ihnen natürlich unterlegen, aber beim Wandern und Tauchen können sie uns nicht das Wasser reichen.

"Dive first, run later"

Die außergewöhnliche Ausdauer des Menschen kommt laut allen einschlägigen anthropologischen Lehrbüchern daher, dass unsere Vorfahren Beutetiere über lange Strecken verfolgten, bis diese endgültig erlegt wurden. Doch nun warten zwei Forscherinnen mit einer überraschenden neuen Vermutung auf: Die studierte Meeresbiologin Josephine Joordens (Naturalis Biodiversity Center in Leiden; Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig) und die Tierphysiologin Erika Schagatay (Mid Sweden University in Östersund) schlagen in einer neuen Studie vor, dass der Mensch seine bemerkenswerte aerobe Ausdauer zunächst beim Tauchen entwickelte – und erst später zum Langstreckenläufer wurde.

Die These "Dive first, run later" („Zuerst tauchen, dann laufen“) stellt die etablierte Ausdauerlauf-Hypothese nicht auf den Kopf, ergänzt sie aber um eine bislang wenig beachtete Perspektive. Menschen seien nicht nur die einzigen Primaten, die lange Strecken laufen können, argumentieren die Autorinnen in ihrer Analyse, die bisher nur gedruckt im Fachblatt Paleoanthropology erschien. Sie seien auch bemerkenswert gute Schwimmer und Freitaucher. Moderne Gemeinschaften wie die japanischen Ama-Taucherinnen oder die Sama-Bajau in Südostasien zeigten, dass Menschen stundenlang wiederholt tauchen können, um Fische, Muscheln und andere Meeresfrüchte zu sammeln.

Eine Person mit roter Brille taucht teilweise im Wasser auf und hält einen Behälter, gefüllt mit verschiedenen Schalentiere und anderen Meerestieren. Im Hintergrund ist das offene Meer und eine entfernte Küstenlinie zu sehen.
Die Sama-Bajau jagen Fische und sammeln Schalentiere und andere aquatische Ressourcen durch Apnoetauchen. Haben das bereits unsere Vorfahren in Afrika gemacht?

Für die Forscherinnen, die selbst auch Freitaucherinnen sind, ist das mehr als eine ethnografische Kuriosität. Sie sehen darin einen Hinweis auf eine möglicherweise sehr alte Anpassung des Menschen. Das wiederholte Apnoetauchen – also das Tauchen mit angehaltenem Atem – verlangt eine außergewöhnlich effiziente Steuerung von Atmung, Herzschlag und Sauerstoffverbrauch. Wer die Hälfte seiner Zeit unter Wasser verbringt, muss lernen, mit knappen Sauerstoffreserven hauszuhalten. Genau jene Fähigkeiten könnten später auch die Grundlage für die enorme Ausdauerleistung beim Laufen gebildet haben.

Damit passt die neue Hypothese gut zum eingangs erwähnten Lorenz’schen Triathlon, nur mit einer anderen evolutionären Abfolge: Zuerst könnte das Tauchen gekommen sein, dann erst die lange Wanderung. Joordens und Schagatay gehen noch darüber hinaus: Genau diese Kombination aus Land- und Wasseranpassungen könnte den entscheidenden Vorteil unserer Gattung ausgemacht haben. Oder wie es in ihrem Artikel heißt: "Wenn man den Ursprung der menschlichen Ausdauer und die Evolutionsgeschichte der Homo-sapiens-Linie untersucht, muss man neben dem Ausdauerlaufen auch das Ausdauertauchen zur Nahrungssuche berücksichtigen."

Rätsel der schweren Knochen                                                 

Ein spannender Teil der Studie betrifft fossile Knochen. Viele frühe Menschenarten, darunter Homo erectus oder die Neandertaler, besaßen ungewöhnlich schwere Knochen. Bisher wurde dies oft als Folge intensiver körperlicher Belastung interpretiert. Joordens und Schagatay verweisen jedoch auf Vergleiche mit semiaquatischen Säugetieren. Bei Arten, die regelmäßig in flachen Gewässern tauchen, helfen schwere Knochen dabei, den Auftrieb zu kontrollieren. Für Langstreckenläufer wären sie hingegen eher ein Nachteil. Vielleicht waren manche frühen Menschenpopulationen also stärker an das Leben am Wasser angepasst als bislang angenommen.

Ein Mann mit Bart steht auf einem alten rostigen Anker, er hält Flossen, Taucherbrille und Schnorchel in seinen abgespreizten Händen.  
Konrad Lorenz war in seinen späteren Jahren ebenfalls ein begeisterter Schnorchler. Hier am Foto 1967 in Florida, aufgenommen von seinem Freund Hans Zeisel.

Besonders die ersten bekannten Vertreter von Homo erectus auf Java könnten nach Ansicht der Autorinnen regelmäßig aquatische Nahrungsquellen genutzt haben. Andere Populationen entwickelten sich möglicherweise stärker in Richtung Jagd und Sammeln an Land. Das würde erklären, warum sich innerhalb der Gattung Homo unterschiedliche Körperformen und Lebensweisen herausbildeten.

Leben mit Sauerstoffmangel

Die Studie schlägt sogar eine Verbindung zu einem weiteren außergewöhnlichen Merkmal des Menschen vor: seiner Fähigkeit, in großen Höhen zu leben. Sowohl Taucher als auch Bewohner hochgelegener Regionen müssen mit Sauerstoffmangel zurechtkommen. Mechanismen wie eine besonders effiziente Sauerstoffnutzung oder eine größere Milz, die zusätzliche rote Blutkörperchen freisetzen kann, könnten in beiden Umwelten von Vorteil sein. Die Forscherinnen sehen darin einen weiteren Hinweis darauf, dass die Evolution des Menschen stärker von der Bewältigung von Hypoxie geprägt war als bisher angenommen.

Noch ist die Hypothese der beiden Wissenschafterinnen eher spekulativ. Die beiden betonen selbst, dass ihre Beweiskette noch lückenhaft ist und weitere Untersuchungen nötig sind. Künftige Forschung müsse Fossilien, Physiologie und ökologische Daten zusammenführen, um zu klären, ob das Tauchen tatsächlich eine entscheidende Rolle in der Menschwerdung spielte.

Unabhängig davon, ob sich die Vermutung bestätigt, rückt sie – so wie das Zitat von Konrad Lorenz – eine oft übersehene Eigenschaft des Menschen ins Zentrum: seine Vielseitigkeit. Wahrscheinlich liegt die Besonderheit unserer Art tatsächlich nicht darin, dass wir etwas besser können als alle anderen, sondern darin, dass wir Generalisten sind, die an Land ebenso wie am Wasser ihren Platz und ihre ökolo-gischen Nischen gefunden haben.