Montag, 22. Juni 2026

Verrohung ganztags.

Fast jede zweite öffentliche Schule wurde in die Befragung einbezogen (Symbolbild). 
aus Tagesspiegel, 22. 6. 2026                                               zu Levana, oder Erziehlehrezu öffentliche Angelegenheiten
Zunehmende Verrohung von Kindern und Jugendlichen: 
Gewaltstudie offenbart extreme Belastungen bei Berliner Schülern
Schulleitungen sprechen von „erschreckenden Ergebnissen“. Die Bildungssenatorin kündigt Konsequenzen an. Es ist die erste Studie ihrer Art in Deutschland.

Berlins Schülerinnen und Schüler leiden massiv unter Gewalt, Bedrohung, Mobbing und Diskriminierung. Aber auch Schulbeschäftigte werden häufig zu Opfern und beklagen eine zunehmende Verrohung der Kinder und Jugendlichen. Dies belegt das erstmals erstellte „Gewalt- und Konfliktbarometer“, das am Montag vorgestellt wurde. Schulleitungen nannten die Ergebnisse gegenüber dem Tagesspiegel „erschreckend“.

„Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte bewertet die Gewalt und Konflikte an ihrer Schule als großes oder sehr großes Problem“, hieß es am Montag zur Auswertung der Studie. Fast zwei Drittel hätten von einer Zunahme der Gewalt seit der Corona-Pandemie berichtet. Nur vier Prozent sähen kein Problem. An der Befragung nahmen 14.000 Schüler und 2500 Lehrkräfte teil.

„Religiöser und sozialer Konformitätsdruck“

Auffällig seien auch die Entwicklungen an der Grundschule, die zunehmende Bedeutung digitaler Konflikte sowie „religiöser und sozialer Konformitätsdruck“. Die Hälfte der Neuntklässler berichtete, dass über sie Gerüchte und Lügen verbreitet würden.

Als „deutliches Warnsignal“ bezeichnete Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU), die die Befragung beauftragt hatte, die Ergebnisse. Mit dem Konflikt- und Gewaltbarometer legte Berlin nach eigener Darstellung als erstes Bundesland eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung zu Konflikten und Gewalt an Schulen vor.

Die Senatorin präsentierte die Ergebnisse zusammen mit Ullrich Bauer von der Universität Bielefeld sowie Marc Grimm von der Universität Wuppertal. Die beiden Professoren hatten die Untersuchung geleitet. Steffen de Sombre vom Institut für Demoskopie Allensbach verantwortete die Befragung an den Schulen.

Eine Aufgabe aus den Leitlinien der Regierungspolitik

Mit der Beauftragung und Vorstellung des Berliner „Gewalt- und Konfliktbarometers“ hat Günther-Wünsch ein ambitioniertes Vorhaben der zu Ende gehenden Legislatur umgesetzt, das 2023 auch in die „Leitlinien der Regierungspolitik“ aufgenommen worden war. Dort war ihr aufgegeben worden, eine universitäre Studie zu veranlassen, die „umfassend“ Schulkonflikte untersuchen sollte. Explizit aufgezählt wurden dabei „Mobbing, Antisemitismus, Sexismus, Konflikte durch religiösen Konformitätsdruck, Queer- und Transfeindlichkeit und andere Diskriminierungsformen“.

Abgesehen von der puren Abfrage der erlittenen oder beobachteten Gewalterfahrungen sollte auch zur Sprache kommen, wie darauf pädagogisch zu antworten sei. Das hatte die Bildungsverwaltung im Vorfeld angekündigt. Die Studie erfasste daher alle Formen von Gewalt, „deren Ausmaß und Dynamiken, Gewaltbeziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und weiterem Schulpersonal sowie die Folgen von Gewalt und den institutionellen Umgang mit Gewaltvorfällen“.

Als Ziel wurde formuliert, dass ein „belastbares und differenziertes Lagebild“ gewonnen werden sollte, um darauf aufbauend „wirksame und passgenaue Unterstützungsmaßnahmen für den schulischen Alltag zu entwickeln“. Die Auswahl der Klassen und Kurse innerhalb der jeweiligen Klassenstufen, in denen die Interviews durchgeführt werden, erfolgte nach dem Zufallsprinzip.

Interview und Gruppendiskussionen gaben weiteren Aufschluss

Zudem gab es eine vorgelagerte qualitative Befragung von 41 Schülerinnen und Schülern in Einzel- oder Tandeminterviews durch das Institut für Demoskopie Allensbach. Diese wurde in verschiedenen Schulformen, verschiedenen Bezirken und in verschiedenen Klassenstufen (5, 6, 9, 10, 11, 12, erstes und zweites Ausbildungsjahr) organisiert. Zudem wurden 43 Lehrkräfte sowie weitere pädagogische Fachkräfte in elf Gruppendiskussionen befragt. Auch in diesem Modul wurden Personen aus verschiedenen Bezirken und verschiedenen Schulformen befragt.

Die Studie war nach Aussage der Bildungsverwaltung ergebnisoffen angelegt. Konkrete „Maßnahmen“ sollten erst auf Grundlage der ausgewerteten Befunde entwickelt werden. Zudem sollte geprüft werden, in welchem Umfang bestehende Gewaltpräventions- und Demokratieförderprogramme „fortgeführt, angepasst oder ergänzt werden sollten“.

 

Nota. - Das wundert mich aber sehr, dass als Remedium diesmal nicht wie immer die Ganztagsschule vorgeschlagen wird. Ist der Pausenhof etwa kein passgenauer Ort sozialen Lernens? Man kann ihn ja vorsorglich von der Polizei überwachen lassen, das macht's noch realitätsbezogener.  
JE 

 

Modisch ist es nicht.

 


Jeremy Miranda, Summer Road, Light trap. 2026

Wer will, kann immer noch auch so malen; wenn ers kann

 

Geschmack urteilt.

 W. Busch                                                 zu Geschmackssachen

... Die Sicherheit eines Urteils hängt natürlich auch ab von dem Modus, in dem es verfasst ist. Klar und deutlich alias bestimmt ist nur der Begriff. Als Teilhaber eines Kommunikationsnetzes ist er nicht nur logisch durch die andern Begriffe, sondern auch faktisch durch den Austausch der verkehrenden Personen verbürgt. Rein lo-gisch betrachtet, ist ein in Begriffe gefasstes Urteil ewig, oder genauer gesagt, es liegt jenseits von Raum und Zeit. 'Sicherer' geht nicht - mit der Einschränkung, dass ein Urteil nur gilt, wenn es von mindestens Einem geteilt wird - in Raum und Zeit. 

Allerdings lassen sich Geschmacks-, nämlich ästhetische Urteile schlechterdings nicht in Begriffe fassen, weil sie nicht aus (begriffener) Erkenntnis stammen, so-ndern aus unmittelbarem Erleben. Und das lässt sich allenfalls mit Wörtern (nomi-nis)  markieren, die aber nicht durch ein Bedeutungsnetz definiert sind, sondern von jedermann nach eigenem Gutdünken verwendet und verstanden werden kön-nen, nämlich müssen. Denn was sie bezeichnen, sind Qualitäten und keine Relati-onen. Doch nur Relationen können diskursiv dargestellt werden. Qualitäten kann man nur anschauen.

Kommentar zu Geschmacksurteile fallen im Gehirn.JE, 27. 2. 22.

Sonntag, 21. Juni 2026

Metaphysik des Sprachspiels.

 Glasperlen                                                         aus Philosophierungen

Begriffe - Substantive, Adjektive und Verben - liegen alle auf derselben logischen Ebene - neben einander. In der Ebene liegen sie mal hinten, mals vorn, und mal rechts und mal links; aber nur, weenn sie ein Denkender so plaziert hat. Ohne dies wären sie alle nur irgendwo. Mit andern Worten: ein jeder für sich, ohne alle Bezie-hung auf einander. 

Ein Verhältnis zu einander gewinnen sie erst in der Grammatik: Wer wen? Das geschieht im Satz: Subjekt, Prädikat, Objekt. Und erst so bekommen sie eine Be-deutung. Ohne dies gäbe es keine Semantik, alles Gesagte wäre gleich-gültig. Im Satz aber werde die Bestandteile einander hierachisch über-, gleich- und unterge-ordnet.  

Will man es genau nehmen, muss man aber sagen: Der Satz erhält seine Bedeutung erst durch den Diskurs, in dem er steht.

Wollte man es noch ein wenig genauer nehmen, müsste man sagen: Der Diskurs erhält das, was er bedeutet, erst aus dem Weltbild, in das er sich fügt. 

*

Auf einmal steht Alles auf dem Kopf: Nicht die Begriffe - Substantive, Adjektive und Verben - bilden den sinnhaften Stoff, sondern das Bild der Welt differenziert sich aus in mannigfaltige Bestandteile. Nicht die Atome bilden das Ganze, sondern das Ganze scheidet sich in zahllose Einzelheiten. 

Mit andern Worten, der logische Atomismus ist von hinten nichts anderes als die dogmatische Metaphysik von vorn

Ob ich die Welt als das Bestimmende auffasse oder das Sprachspiel, macht lediglich einen stilistischen Unterschied. 

Samstag, 20. Juni 2026

Begriffe wurden aus Vorstellungen erschliffen.

                        zu Philosophierungen

Man mag es in den Dokumenten nachsehen: Aller Dogmatismus geht von den Be-griffen aus. Woher sie gekommen sein mögen, sagt er nicht - oder höchstens: Das kann man nicht wissen, das muss man glauben. 

Alle Metaphysik beginnt daher mit der Suche nach dem allerersten Begriff. Doch da das wirkliche Wissen von Begriffen voll ist wie der Himmel von Sternen, ist das kein aussichtsreiches Unterfangen; ebenso gut könnte man würfeln, denn logisch ist einer so gut wie ein anderer.

Aus den Dokumenten weiß man aber, dass nicht alle unserer Begriff auf einmal fix und fertig da waren, sondern unter Mühen nach und nach und oft genug aus ein-ander entstanden sind.  

Es liegt der Gedanke nahe, dass der erste Begriff nicht als Offenbarung urplötzlich auf die Welt gekommen ist, sondern sich wie so vieles andere auf dieser Welt aus Vorläufern entwickelt hat.

Erfahrung, sagten die englischen Empiristen. 

Doch Erfahrung geschieht nicht als Anhäufung von Sinnesdaten, sondern durch deren Ordnung nach... Begriffen. Aus diesem Einwand ging die Kantsche Kritische Philosophie hervor: Man kann nicht nach dem Vorläufer des Begreifens suchen, wenn man sich dabei der Begriffe bedient. Denn deren Vorgeschichte ist uns nicht dokumentiert, weil sie... eben "noch nicht" in Begriffen überliefert wurde.   

Man muss es daher spekulativ ergründen. Nicht aus historischen Spuren suchen, sondern im Gedankenexperiment ausprobieren.

Gedanken sind Begriffe, die noch keine Form gefunden haben: alles Denken, das einstweilen noch unbestimmt ist und allenfalls in Bildern mitgeteilt werden kann; auf die Gefahr hin, dass ein jeder sie anders erkennt.

Wir nennen sie Vorstellungen. Sie sind offenbar der Rohstoff, aus dem die Begriffe geschliffen wurden: Das nennen wir Reflektieren, und ohne den Rohling geht es nicht.  

 

 

Freitag, 19. Juni 2026

Alles, was einmal bewiesen wurde, ist seither trivial.

Schwarzes Quadrat und Roter Platz
aus spektrum.de, 24.08.2022                                                                                  zu Jochen Ebmeiers Realien

Einfach ist Ansichtssache
Was trivial ist, muss nicht weiter erläutert werden. Das gilt auch für die Mathematik. Einfach ignorieren kann man das Triviale dort aber nicht.


von Florian Freistetter

Wer die Mathematik dank schlechtem Schulunterricht in ebenso schlechter Erinnerung hat, wird an all ihren Formeln, Zahlen und Symbolen vermutlich nichts Triviales erkennen. Wer sich dagegen beruflich mit der Mathematik beschäftigt, hat einen anderen Blick auf das Triviale. Trivial bedeutet hier etwas, was man direkt aus dem Kontext beziehungsweise dem unter Betrachtung stehenden mathematischen Objekt selbst erkennen kann. Man muss nicht groß weiter darüber nachdenken.

Hier ist ein Beispiel: Tn = {1, n}

Das bedeutet: Jede natürliche Zahl ist immer durch 1 und durch sich selbst ohne Rest teilbar. Meist ist das nur ein Teil der Wahrheit. Hat man eine natürliche Zahl n gegeben, dann existieren für diese Zahl auch andere natürliche Zahlen, durch die n ohne Rest geteilt werden kann. Die Bestimmung dieser Teiler ist aus vielen Gründen in der Mathematik wichtig und kann durchaus eine schwer zu lösende Aufgabe sein. Moderne Verschlüsselungsalgorithmen etwa basieren darauf, dass es bei manchen Zahlen sehr schwer ist, bestimmte Teiler zu finden. Die in der Formel angegebene Menge an Teilern dagegen ist trivial. Darüber muss man nicht weiter nachdenken, und deswegen werden 1 und n in diesem Fall auch die »trivialen Teiler« genannt.

Ein weiteres Beispiel für mathematische Trivialität findet man bei der Lösung von Gleichungen. Dazu können wir uns eine der bekanntesten Aussagen der Mathematik ansehen: den Großen fermatschen Satz. Dabei geht es um die Gleichung a
n + bn = cn. Gesucht sind ganze Zahlen a, b und c, die diese Beziehung für eine ganze Zahl n (größer als 2) erfüllen. Im 17. Jahrhundert behauptete Pierre de Fermat, dass es keine solchen Zahlen a, b und c gibt – der Beweis für diese Behauptung wurde aber erst 1994 erbracht.

Der Unterschied zwischen einfach und schwierig

Damit aber überhaupt ein mathematisch anspruchsvolles Problem entsteht, muss man bei der Formulierung des Satzes noch zusätzlich fordern, dass a, b und c positive Zahlen sind. Denn sonst könnte man sofort und ohne weiteres Nachdenken für jedes n eine Lösung angeben, etwa 0
n + 0n = 0n. Diese Lösung ist allerdings vollkommen uninteressant; sie ist offensichtlich, und man kann aus ihr keine neuen Erkenntnisse gewinnen – sie ist trivial.

Was nun genau alles aus mathematischer Sicht trivial ist und was nicht, ist durchaus auch Ansichtssache. Nicht umsonst gibt es den alten Witz über eine Diskussion unter Mathematikern: Der eine merkt an, dass ein bestimmter Rechenschritt trivial sei, und auf die Nachfrage des Gegenübers erläutert er eine halbe Stunde lang die Details dieses Schritts – bis sich am Ende beide sicher sind: Ja, das ist tatsächlich trivial.

Das klingt vielleicht seltsam, doch hinter mathematischer Trivialität kann durchaus sehr viel Rechnerei stecken. Für die einen mag die Aussage, dass die Ableitung von x² gleich 2x ist, vollkommen trivial sein. Wer aber gerade erst lernt, wie Differenzialrechnung funktioniert, sieht die Sache womöglich anders.

Der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman hat die Problematik etwas scherzhaft so zusammengefasst: Jedes Theorem ist trivial, sobald es einmal bewiesen wurde, unabhängig davon, wie kompliziert die Beweisführung war. Es gebe daher nur zwei Arten wahrer mathematischer Aussagen: die trivialen und die, die bis jetzt noch nicht bewiesen sind.

Die Mathematik ist immer auf der Suche nach dem, was nicht trivial ist. Nur dort findet man neue Erkenntnisse. Doch auch das Triviale lohnt ab und zu eine nähere Betrachtung. Schauen wir noch einmal auf die trivialen Teiler aus der Formel. Wenn wir es mit einer natürlichen Zahl zu tun haben, deren gesamte Teilermenge lediglich aus den trivialen Teilern besteht, dann hat man es nämlich mit nichts anderem zu tun als mit einer Primzahl. Und Primzahlen sind definitiv alles andere als trivial!

Donnerstag, 18. Juni 2026

Sind Sie ein visueller oder ein verbaler Denker?


aus spektrum.de, 15. 6. 2026                                                                    

Wenn Apfel nicht gleich Apfel ist:
Visuelle vs. verbale Denktypen


 

Na? Wie sah er aus? Wie scharf war das Bild, konntest du Details sehen? Oder war es doch eher schwammig? Und hast du überhaupt ein Bild gesehen, oder vielleicht sogar gar keins?

Wir Menschen tendieren dazu, einfach anzunehmen, dass die Welt so funktioniert, wie sie es bei uns selbst tut. Bis ich mich näher mit dem Thema beschäftigt habe, dachte ich zugegebenermaßen schon, dass Leute in der gleichen Art und Weise denken und sich Dinge vorstellen, wie ich das tue – und zwar hauptsächlich in Bildern. Doch das stimmt so nicht.

Wenn man manche Menschen nach dem Namen einer Person fragt, haben sie das Gesicht der Person im Kopf, andere deren Stimme, und wieder andere den ausgeschriebenen Namen als Text. Manche brauchen bei einer Wegbeschreibung eine Karte vor sich, andere kommen super mit verbalen Beschreibungen zurecht. Wie kann das alles so unterschiedlich sein?

Was es damit alles auf sich hat, schauen wir uns in diesem Blogbeitrag an!

Visuelle vs. verbale Denktypen
 
Die visuellen Denker

Wenn du bei dem Test ein Bild eines Apfels gesehen hast, dann bist du vermutlich eher ein visueller Denker.

Visuelle Denktypen

Ca. 50 – 90 % der Menschen weltweit sind visuelle Denker, sie denken also in mentalen Bildern [1]. Werden sie nach einer Person gefragt, erscheint das Gesicht im Kopf, handelt die Frage von einer Wegbeschreibung, dann taucht auf einmal eine Stadtkarte mit Straßen vor ihrem Inneren Auge auf.

Wie detailreich ein Bild vorgestellt wird ist von Person zu Person unterschiedlich und es gibt diverse Abstufungen. Wie in Abbildung 4 zu sehen ist, kann man sich einen Apfel von sehr detaillreich bis sehr simpel erdenken. Auch die Szenerie, wo der Apfel liegt (schwebt er, liegt er auf einem Tisch?), ob man ihn von mehreren Perspektiven aus sehen kann, oder ob sich das Bild wie in einem Film bewegt und die Kamera um ihn herumfährt, ist bei jedem Menschen unterschiedlich.

Visuelle Denktypen
Abbildung 4: Unterschiede im visuellen Denken

Visuelle Denker kennen oft das Problem, Konzepte und Sachverhalte, die ihnen verbal erklärt werden, schwerer zu verstehen als Bilder. Oft hilft es ihnen daher, das Konzept aufzuzeichnen, eine Mind-Map zu erstellen oder Ideen auf Papier zu bringen. Diagramme, Bilder, Videos oder Demonstrationen helfen Ihnen oft beim Verstehen und Erinnern von Informationen. Umgekehrt verwenden visuelle Denker selbst auch gerne Bilder und Grafiken, um Dinge verständlich zu machen.

Visuelle Denker sollen durch Ihre Neigung zu bildlichen Präsentationen ein besonders gutes Vorstellungsvermögen und ein gutes visuelles Gedächtnis haben, zum Beispiel, mentale Objekte drehen zu können. Auch Navigation, wo man sich bildlich Wege merken muss, oder Geometrie fällt ihnen eher leicht, zb. Dinge mental zu drehen und zusammenzufügen.

Hyperfantasie

Während die meisten Menschen eine „typische“ visuelle Vorstellungskraft haben [2], gibt es zwei Extreme an je einem Ende des Spektrums, wobei die Hyperfantasie das erste Extrem präsentiert.

Sie sehen den Apfel vor ihrem inneren Auge ganz genau: Die rot-grüne Farbe, Kondenswasser an der Oberfläche, die kleine Delle oben rechts, und das kleine Blatt, welches noch am leicht gekrümmten Stängel hängt. Dazu müssen sich oft nicht mal iher Augen schließen.

Ein anderes Beispiel: Stell dir einmal deine beste Freundin vor: Wie siehst du sie vor deinem inneren Auge? Du kannst sie bestimmt erkennen, aber vermutlich ist das Bild leicht unscharf und nicht jedes Detail erkennbar, vielleicht sogar unvollständig. Doch Menschen mit Hyperfantasie würden die Person fast fotografisch deutlich vor sich sehen. Sie haben eine überdurchschnittlich klare und detailreiche bildliche Vorstellung.

Hyperfantasie

Nach aktuellem Forschungsstand haben ca. 3 – 6 % der Menschen Hyperfantasie [3]. Die Vorstellungskraft kann so ausgeprägt sein, dass Menschen mit Hyperfantasie oft nicht mehr wissen, ob die Bilder in ihrem Kopf real waren oder nur ausgedacht. Es ist fast so, als würden sie sich nicht nur visuell etwas vorstellen, sondern tatsächlich mit allen Sinnen erleben!

Jedoch kann auch Hyperfantasie mit Schwierigkeiten einhergehen. Für Menschen mit stark bildhaftem Denken fühlen sich Szenen oft beinahe real an, was bei schönen Erinnerungen oder Geschichten schön sein kann. Jedoch können sich drastische Beschreibungen von Unfällen oder Gewalt auch unangenehm tief einprägen und emotional belastend werden, da sie keine gute Kontrolle über die Entstehung der mentalen Bilder haben.

Afantasie

Im Gegensatz zu Hyperfantasie beschreibt Afantasie („Nicht-Vorstellung“), dass man sich kaum oder keine Bilder gedanklich vorstellen kann und bildet somit das andere Ende des Spektrums ab (Abbildung 7, Darstellung 5). Dies haben ca. 1 – 5 % der Menschen [4], [5] und nach Zahlen von 2023 ca. 1,6 Millionen Deutsche.

Afantasie
Abbildung 7: Afantasie (Darstellung 5)

Wenn Menschen mit Afantasie gefragt werden, sich einen Apfel vorzustellen, können sie kein Bild erzeugen – genauso ist es auch, wenn man sie nach anderen Gegenständen oder z.B. auch Gesichtern fragt. Kein Bild kommt in den Sinn. Stattdessen denken sie bei einem Apfel eher an den Geschmack, die glatte Oberfläche oder auch den Geruch, und bei Gesichtern kommt vielleicht die Stimme der Person oder was wohl-warme Gefühl auf, welches man mit der Person verbindet.

Die Ursachen für Afantasie sind noch unklar, aber man weiß, dass bei mentalen Vorstellungen die visuellen Areale im Gehirn sowie der Frontalkortex beteiligt sind [7], deren Verbindung bei Menschen mit Afantasie schwächer zu sein scheint [8]. Afantasie ist keinesfalls als Krankheit zu verstehen, sondern einfach als kognitive Eigenschaft und hat normalerweise für den Alltag keine Konsequenzen [4]. Oft fällt Leuten sogar erst im Erwachsenenalter auf, dass sie Afantasie haben. Statt innerer Bilder greifen sie bei Fragen meist auf Faktenwissen zurück und können sie deshalb trotzdem ganz normal beantworten. [6]. Übrigens können Menschen mit Afantasie trotzdem bildlich träumen, da die bildlichen Prozesse beim Träumen anders gesteuert werden als im Wachzustand [6].

Die verbalen Denker

Kommen wir nun von Bildern zu Text.

Verbale Denker

Ungefähr 25 % aller Menschen denken nicht in Bildern, sondern hauptsächlich in Worten und Sätzen, die in ihrem Kopf von einer Stimme gesprochen werden [9]. Manche Menschen denken in einzelnen Worten, andere in ganzen Sätzen, und wiederum andere bewegen sich irgendwo dazwischen.

In unserem Beispiel mit der Aufgabe an einen Apfel zu denken, würden eher verbal orientierte Menschen vermutlich nicht an ein Bild, sondern an das Wort „Apfel“ denken. Das Wort kann dabei von der Stimme gesprochen werden, oder man hat eher das Gefühl, im Kopf leise das Wort zu lesen. Oft tauchen auch sprachliche Assoziationen auf, z.B. „Ein Apfel ist rund“, “Obst” oder „rot“.

Bei ca. 30 – 50 % der Menschen ist die Stimme im Kopf ein innerer Monolog [10]. Diese Stimme kennen bestimmt viele von euch: Man geht gedanklich die Einkaufsliste durch, spielt das anstehende Bewerbungsgespräch nach und was für Fragen gestellt werden könnten, oder sagt zu sich selbst „gut gemacht“, wenn man mit der anstrengenden Sporteinheit fertig ist. Die innere Sprache kann jedoch auch die Form eines Kommentators annehmen: Dabei denkt man also nicht in der “Ich-Perspektive”, sondern in 3. Person, wobei die Stimme alles, was man tut, beschreibt und kommentiert, als würde sie einen von außen beobachten.

Studien zeigen, dass die innere Stimme auch ein Dialog sein kann, beispielsweise, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss. Diese struktuierte Anleitung kann besonders hilfreich bei Selbstkontrolle und Problemlösen sein. Ca. 25 % der Menschen berichteten übrigens, dass sogar noch weitere Stimmen in den inneren Dialogen auftauchen [1], [11].

Verbale Denker besitzen die Fähigkeit, Sprache im Kopf zu nutzen, um Gedanken effektiv zu sortieren und Probleme zu lösen. Beim Lösen von schwierigen Aufgaben gehen verbale Denker gerne Szenarien oder Listen durch, um zu guten Entscheidungen zu kommen. Dies ist zum Beispiel von Vorteil, wenn man ein wichtiges Gespräch vorbereiten will und dies im Kopf durchgeht. Somit sagt man ihnen nach, generell ein gutes verbales Gedächtnis zu haben und auch Sprachen schnell lernen zu können [11]. Auch bezüglich mentaler Gesundheit scheint die innere Stimme wichtig zu sein. Studien zeigen, dass Menschen mit depressiven Symptomen oft weniger inneren Monolog haben. Menschen mit Angststörungen zeigen zudem eine besonders negativ eingestellte innere Stimme.

Auf der anderen Seite tendieren verbale Denker oft zum übermäßigen Grübeln und können gerne mal in Gedankenschleifen festhängen [11]. Was die verschiedenen Arten von inneren Monologen nun über die Gehirne und die Menschen an sich aussagen, da steht die Forschung leider noch vor einem Rätsel.

Anendophasie

Ebenfalls entgegen meiner persönlichen Vorstellung, war ich sehr überrascht zu lernen, dass manche Menschen keine innere Stimme im Kopf haben. Dies nennt man Anendophasie („an“ = ohne, „endo“ = innerlich, „phasie“ = Sprache, Stimme). Menschen mit Anendophasie fehlt weitgehend oder sogar komplett eine innere Stimme, daher denken sie eher visuell, gefühlsorientiert oder durch Faktenwissen. Schätzungen zufolge sind etwa 5–10 % der Bevölkerung betroffen [12].

In den letzten Jahren hat die Forschung erst begonnen, sich mit Anendophasie auseinanderzusetzen. Bislang weiß man, dass Menschen mit Anendophasie Schwierigkeiten beim Erkennen von Reimen haben können, und auch beim Merken und Erkennen von Wörtern tun sie sich manchmal schwer. Ansonsten ist die Eigenschaft aber nur wenig alltagseinschränkend und zählt laut Kognitionsforschung als eine Art der kognitiven Organisation und nicht als Defizit.

Entweder, oder?

Aber ist man jetzt entweder visueller oder verbaler Denker?

Fernab von visuellen und verbalen Denkern gibt es noch verschiedenste andere Denkmuster, die wir teilweise auch alle miteinander kombinieren. Manche Menschen denken weniger in Bild und Text, sondern in emotionalen körperlichen Reaktionen wie Gefühlen. Ca. 20 Prozent der Menschen erfahren solche emotionalen Gedanken [1]. Wenn beispielsweise vor einer wichtigen Präsentation der Laptop kaputt geht, sind die Gedanken im Kopf geflutet mit Panik und Stress, bevor später die innere Stimme einsetzt und versucht zu analysieren, wie es dazu kam. Beim Denken an einen Apfel könnte der leckere Geschmack des Apfels in den Sinn kommen, oder die Textur, wenn man in ihn hineinbeißt.

Trotzdem scheinen die meisten von uns eine vorherrschende Denkweise zu haben [13], schlussendlich haben wir aber oft ein bisschen von allem: Viele können sich sowohl bildlich einen Apfel vorstellen und zugleich eine innere Stimme haben, die den Apfel beschreibt.

Die Systeme von visuellem und verbalem Denken sind relativ unabhängig voneinander, dies bedeutet, dass man nicht automatisch gut im visuellen Vorstellen ist, wenn man eher weniger verbale Denkmuster hat [11]. Am Ende ist unser Gehirn meistens sehr gut darin, die verschiedenen Denkmuster zu verbinden und je nach Situation das Effektivste abzurufen!

Falls euch weiterhin interessiert, ob eigentlich die Künstliche Intelligenz denken kann, dann schaut gerne hier vorbei: KI - die Illusion des Denkens.

Fazit

Die verschiedenen Typen von Denkern zeigen, wie unterschiedlich Menschen in ihrem Innersten klingen und wie sie mit Informationen umgehen. Es gibt nicht die eine Weise, die am besten ist. Es kommt darauf an, wie man am besten mit seinen eigenen Denkmustern umgeht und in welcher Situation welcher Denktyp am ehesten passt.

Zu verstehen, welche Denkmuster am ehesten auf einen zutreffen, ist nicht nur einfach eine lustige Selbstanalyse. Es kann praktische Anwendung finden, zum Beispiel, um seine Lernmethoden, Probemlöse-Fähigkeiten und Kommunikation zu Mitmenschen zu verbessern. Die verschiedenen Arten, zu denken, sind weder eine Superpower, noch ein Handicap – es sind einfach Tendenzen zu denken auf einem großen Spektrum, mit ihren persönlichen Vor- und Nachteilen, und die meisten befinden sich irgendwo in der Mitte.

Also: Apfel ist nicht gleich Apfel, und genau so unterschiedlich, wie wir Menschen denken, so unterschiedlich sind wir auch als Personen!

Quellen

[1]          SciShow, Why Some People Don’t Have an Inner Monologue, (Jul. 22, 2020). Accessed: May 07, 2026. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=DRLkDafQbP8

[2]          D. Wright et al., ‘An international estimate of the prevalence of differing visual imagery abilities’, Front. Psychol., vol. 15, pp. 1–12, Oct. 2024, doi: 10.3389/fpsyg.2024.1454107.

[3]          A. Network, ‘Hyperphantasia: When Your Mind’s Eye Is Extraordinarily Vivid’, Aphantasia Network. Accessed: May 11, 2026. [Online]. Available: https://aphantasia.com/what-is-hyperphantasia

[4]          A. Zeman et al., ‘Phantasia–The psychological significance of lifelong visual imagery vividness extremes’, Cortex, vol. 130, pp. 426–440, Sep. 2020, doi: 10.1016/j.cortex.2020.04.003.

[5]          C. J. Dance, A. Ipser, and J. Simner, ‘The prevalence of aphantasia (imagery weakness) in the general population’, Conscious. Cogn., vol. 97, p. 103243, Jan. 2022, doi: 10.1016/j.concog.2021.103243.

[6]          L. Maddox, ‘Aphantasia: what it’s like to live with no mind’s eye’, BBC Science Focus Magazine. Accessed: May 11, 2026. [Online]. Available: https://www.sciencefocus.com/the-human-body/aphantasia-life-with-no-minds-eye

[7]          J. Pearson, ‘The human imagination: the cognitive neuroscience of visual mental imagery’, Nat. Rev. Neurosci., vol. 20, no. 10, pp. 624–634, Oct. 2019, doi: 10.1038/s41583-019-0202-9.

[8]          J. Liu et al., ‘Visual mental imagery in typical imagers and in aphantasia: A millimeter-scale 7-T fMRI study’, Cortex J. Devoted Study Nerv. Syst. Behav., vol. 185, pp. 113–132, Apr. 2025, doi: 10.1016/j.cortex.2025.01.013.

[9]          Voided Thoughts, How Different Are Our Inner Monologues?, (Dec. 13, 2025). Accessed: May 24, 2026. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=_pZDgL6QMN0

[10]       K. Killian, ‘How Inner Monologues Work, and Who Has Them | Psychology Today’. Accessed: May 12, 2026. [Online]. Available: https://www.psychologytoday.com/us/blog/intersections/202304/inner-monologues-what-are-they-and-whos-having-them

[11]       B. Alderson-Day and C. Fernyhough, ‘Inner Speech: Development, Cognitive Functions, Phenomenology, and Neurobiology’, Psychol. Bull., vol. 141, no. 5, pp. 931–965, Sep. 2015, doi: 10.1037/bul0000021.

[12]       ‘Kurz & Bündig’, physiopraxis, vol. 22, no. 09, pp. 19–19, Sep. 2024, doi: 10.1055/a-2346-6234.

[13]       dmerven, ‘Was ist visuelles Denken? Und warum ist es nützlich? | MindManager Blog’, MindManager Blog DE. Accessed: May 07, 2026. [Online]. Available: https://blog.mindmanager.com/de/was-ist-visuelles-denken-und-warum-ist-es-nutzlich/

 

Nota. - Anschauung und Vorstellung.

Die lebendige Anschauung möge vollständig sein: ein Ganzes Bild sowohl als alle seine Details. Doch davon ist in Obigem gar nicht die Rede - sondern von dem aus der Erinnerung replizierte Ab bild. Das ist nicht mehr Anschauung, sondern schon Vorstellung; ein Bild, in dem das Wesentliche von dem zufällig-Nebensächlichen bereits geschieden wurde. Das ist das Produkt einer Reflexion, die das als wesent-lich für-'wahr'-Genommene bestimmt hat. 

Nicht jede Vorstellung ist ein erinnertes Nachbild. Die Ein bildungskraft schafft, wenn man sie lässt, Bilder, die nicht reproduziert, sondern frei entworfen wurden. Die sind das eo ipso Wesentliche. Das Urteil, was wesentlich ist, ist a priori gefallen; alles zufällig-Nebensächliche müsste erst noch hinzugefügt werden; bei dem erin-nerten Bild muss das Urteil erst nachträglich eingetragen werden.

In beiden Fällen hat das Denken i. e. S. schon stattgefunden. So erst konnten 'visu-elle' von 'verbalen' Denkern unterschieden werden: nicht nach Mehr oder Weniger, sondern danach, an welchem Punkt die Reflexion in den Wahrnehmungsakt hin-eingetreten ist.
JE 

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