aus derStandard.at, 8. 9. 2026 Szenen eines reformpädagogischen Schulalltags in einer Volksschule von 1927. Im Vorder-grund (v. li.): Alfred Adler, Anna Freud, Maria Montessori, Sigmund Freud und Otto Glöckel zu Levana
Wien, Musterschulstadt der Welt
Die Wiener Schulreform der 1920er-Jahre wurde international zum Vorbild und mit dem politischen Umbruch 1934 brutal beendet
Am 18. September 1927 erschien in der Arbeiter-Zeitung ein Artikel unter dem Titel Das Ausland studiert das Wiener Schulwesen. Darin berichtet Otto Glöckel, Chef des Stadtschulrates und oberster Schulreformer der Stadt Wien, über das große Interesse von Schulfachmännern aus allen europäischen und aus vielen außereuropäischen Ländern, die im amtlichen Auftrag nach Wien kamen, um die Wiener Schulreform zu studieren: 71 aus Amerika waren darunter, 132 aus Deutschland. Immer noch elf aus Japan und sogar zwei aus Indien.
Retrospektiv gesehen war Wien in den 1920er-Jahren tatsächlich eine Musterschulstadt, und zwar nicht nur im Sinn eines Vorreiters, sondern auch als Modell, das Glöckel zur Nachahmung anbot (Göttlicher: Schulreform, Seite 5).
Wenn Wien heute auf dem Gebiet der modernen Schule in der ganzen Welt führend geworden ist, wenn unsere Methoden von Kapstadt bis Kanada überall erprobt werden, wenn die internationalen pädagogischen Kongresse von Montreux, Heidelberg, Locarno, und Helsingör voll Bewunderung die geleistete Arbeit anerkennen, wenn der große französische Pädagoge Ferrière, der kein Sozialdemokrat ist, nach einem gründlichen Studium der Wiener Schulverhältnisse öffentlich verkündet: "Wien ist die Hauptstadt des Kindes!", so rufen wir aus: Sehet, so haben die Sozialdemokraten für die Kinder, für die Jugend gesorgt! (Arbeiter-Zeitung, 25. Oktober 1929; Rede von Otto Glöckel bei einer Versammlung des Vereins Freie Schule-Kinderfreunde in den Sophiensälen im Oktober 1929)
Auch Richard Thomas Alexander, Pädagogik-Professor an der Columbia-University in New York war angetan: Die Höhe, zu der Sie die Volksschulen in kürzester Zeit gebracht haben, war mir eine große Überraschung, Sie haben wirklich der ganzen Welt etwas Großes gebracht (zitiert in: Entwicklung Schulwesen, Seite 39).
1928 kam Adolphe Ferrière (1879 bis 1960) nach Wien, um die Schulreformen und Fürsorgeeinrichtungen Wiens vor Ort zu begutachten (Wiener Zeitung, 1. Dezember 1928). Ferrière war einer der führenden Pädagogen Europas und hatte das Bureau International des Écoles Nouvelles in Genf gegründet, eine Anlaufstelle für alle europäischen Bildungspioniere. Er war auch Professor am Institut Jean-Jacques Rousseau, einem 1912 gegründetes Forschungs- und Innovationszentrum für Pädagogik, das bis heute besteht.
In der Schweiz hatte Otto Glöckel seine stärksten Verbündeten. Der Schuldirektor und Zürcher Stadtpolitiker Jean Briner (1876 bis 1967) war ein persönlicher Freund. Briner veröffentlichte 1939 in der Schweiz die Selbstbiographie von Otto Glöckel, vervollständigt um die Jahre, die Glöckel selbst nicht mehr verfassen konnte. Er beschreibt darin die Vorbildrolle von Wien und von Glöckel persönlich, die vielen wechselseitigen Besuche, wie zum Beispiel die Begeisterungsstürme für Glöckels Rede beim Schweizer Lehrertag 1927 in der Zürcher St. Peterskirche (Quelle, Glöckel, Selbstbiographie, Seite 211).
Es waren aber nicht nur die Reformen der Stadt Wien, die Aufmerksamkeit erregten, sondern auch verschiedenste Pädagogik-Revoluzzer mit ihren Neugründungen und Experimenten. Allen voran Alfred Adlers Individualpsychologie: Die drei Lehrer Franz Scharmer, Ferdinand Birnbaum und Oskar Spiel konnten die Hauptschule Staudingergasse in Wien-Brigittenau, an der sie unterrichteten, in eine individualpsychologische Musterschule umwandeln. Sie wurde ein besonderer Magnet für ausländische Besucher.
"Vieles wurde … mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Bescheidenheit versucht, dass dann Jahrzehnte später in gleicher Gestalt als neueste Erkenntnis von überall her in der Welt wieder zurück nach Wien strömte, erst dann aber die nötige Anerkennung fand." (Walter Spiel, Sohn von Oskar Spiel, über die langfristige Wechselwirkung von Indivdualpsychologie und Wiener Schulversuchen mit dem Ausland; Spiel 1977, S. 172)
Alfred Adler motivierte unterschiedlichste Persönlichkeiten, sich für kinderzentrierte Erziehung zu engagieren; nach 1918 auch in Großbritannien und in den USA, wo er über seine Buch-Bestseller weithin bekannt war.
Im Jahr 1924 gründeten die britische Romanschriftstellerin Phyllis Bottome, die Unterricht bei Adler in Wien genommen hatte, und ihr Ehemann Alban Forbes-Dennis, Leiter des MI6-Geheimdienstes in Wien, die Tennerhof Schule im gleichnamigen Hotel in Kitzbühel. Dort wurden Schüler aus Großbritannien und den USA nach den Grundsätzen der Individualpsychologie unterrichtet, lernten Deutsch und Französisch, mit dem erklärten Ziel, den allgegenwärtigen Nationalismus überwinden zu helfen.
Anna Freud (1895 bis 1982) gründete 1927 die Hietzing Schule in einem Garten in der Maxingstrasse, überwiegend für Kinder, die von ihr in der Berggasse 19 analysiert wurden. Auch sie zog internationale Bildungseliten an, wie Erik Erikson (auch Erik Homburger, Erik Samuelson) und Peter Blos aus Deutschland. Mitgründerin der Hietzing Schule war die US-Amerikanerin und Psychoanalytikerin Dorothy Burlingham, ihre Lebensgefährtin und eine Enkelin des Juweliers Charles Lewis Tiffany.
Die US-amerikanische Ärztin Edith Jackson (1895 bis 1977), die eine sechsjährige Ausbildung bei Sigmund Freud in Wien gemacht hatte, gründete 1937 mit den beiden die Jackson Nursery, eine kleine, wissenschaftlich begleitete Kinderkrippe für armutsbetroffene Kleinkinder, im Montessori-Haus des Kindes am Rudolfsplatz. Jackson entwickelte später in den USA das Rooming-In-Modell für Mütter und ihre neugeborenen Babys in Krankenhäusern.
Franz Čižek (1865 bis 1946) hatte schon um 1905 mit seinen Jugendkunstklassen die Kunst als Instrument der Pädagogik entdeckt, im Umfeld der Kunstgewerbeschule, der späteren Hochschule für Angewandte Kunst. Er leitete die Klassen persönlich bis 1937 und beeinflusste damit ganze Generationen von späteren Kunstschaffenden und Lehrenden.
Čižek machte aber auch Kunstwerke begabter Kinder bekannt, die sich bei ihm kreativ austoben und verwirklichen konnten. Ab 1920 gingen einige der Bilder von Wiener Kindern als Teil von internationalen Ausstellungen rund um die Welt. Die englische Pädagogin, Kinderhilfs-Aktivistin und Quäkerin Francesca Wilson spielte dabei eine wichtige Rolle: Der Save the Children Fund, der in England für hungernde Kinder in Deutschland und Österreich entstand, brachte eine Ausstellung in 80 britische Städte, die die große Not zeigte, darunter auch die Bilder der Wiener Kinder (Wikidal, Jugendkunstklasse).

Nach dem Ausscheiden von Jaques-Dalcroze übersiedelte die Bildungsanstalt nach Laxenburg bei Wien und wurde dort als Schule Hellerau-Laxenburg fortgeführt, aber auch in Richtung einer neuen Tanzform, dem Ausdruckstanz, entwickelt.
Der schottische Pädagoge Alexander Sutherland Neill (1883 bis 1973) gründete in Hellerau eine weitere Schule, die Internationalen Schule nach Ideen von Dalcroze und Montessori, aber auch inspiriert von Freud-Schüler Wilhelm Stekel in Bezug auf freierem Umgang mit Sexualität. Neill musste diese Schule mangels Zuspruch schließen und öffnete dann seinen nächsten Versuch ausgerechnet im konservativen Sonntagberg (Bezirk Amstetten/NÖ). Auch diese Schule scheiterte an mangelndem Interesse und am Widerstand der lokalen Bevölkerung. Erst seine Summerhill-School, die er in Lyme Regis im Süden Englands eröffnete, war dann mit ihrer Freiwilligkeit und demokratischen Selbstverwaltung erfolgreich, und existiert bis heute.
In der polarisierten politischen Landschaft Österreich nach 1927 wurden die Bildungsreformen in Wien von der christlichsozialen Partei und der Kirche noch stärker bekämpft als in den Jahrzehnten davor. 1929 versuchte Unterrichtsminister Richard Schmitz über die Verfassungsreform von 1929, die Befugnisse des Wiener Stadtschulrates zu beschneiden und diesen dem Unterrichtsministerium zu unterstellen, was aber nur in Ansätzen gelang.
Am 31. Dezember 1929 veröffentlichte Papst Pius XI. die Enzyklika Divini illius Magistri. Darin wird jeder pädagogische Naturalismus, der die übernatürliche christliche Formung ausschließt oder schwächt, abgelehnt. Ausdrücklich gemeint sind damit jene heutigen Systeme mit verschiedenen Namen, die sich auf die Autonomie und unbegrenzte Freiheit des Kindes berufen und die Autorität des Erziehers mindern oder beseitigen – also der Kern der Reformpädagogik. Abgelehnt werden in der Enzyklika auch die sexuelle Aufklärung in der Schule, die Koedukation von Mädchen und Jungen und generell die Oberhoheit des Staates über die Bildung, denn die müsse bei Kirche und Familie bleiben (Divini Illius Magistri, 1929).
Auffällig ist 100 Jahre später auch, dass von der katholischen Kirche selbst kaum Reformen ausgingen, wie dies in anderen Krisenzeiten ja der Fall war. Die Neulandschulen waren die einzigen Neugründungen im konservativen Geist und mit kirchlicher Unterstützung, aber auch diese wurden von führenden Kirchenmännern abgelehnt.
Die große Anerkennung für die Schulreformen aus dem Ausland kam da besonders ungelegen, wurde ignoriert oder als Fälschungen dargestellt.
"Was Musterschule? Dort geht's ja zu wie in einem Narrenhaus. Keine Disziplin – alle schreien durcheinander … Von dem unerhört Neuartigen, Grandiosen, Ueberwältigenden habe ich nirgends etwas bemerkt, wenn ich vom Tohuwabohu in der Burggasse absehe." (Artikel aus dem Dezember 1929 in der "Freiheit!", eine konservativ-autoritäre Zeitschrift, der unter der Überschrift erschien: "Wien – ein Schulkrähwinkel. Vernichtende Auslandurteile – Die Not der Junglehrer". Er erzählt von den Erfahrungen Schweizer Junglehrerinnen in Wien, die aus dem offiziellen Besuchsprogramm ausgebüchst waren, und sich selbst ein Bild von einzelnen Schulen gemacht hatten.
Am 5. Februar 1934 schrieb die Tageszeitung Der Morgen einen netten Artikel über Otto Glöckels Sechziger, unter dem Titel Glöckel jubiliert. Was da noch niemand wusste: Er hatte da das letzte Mal in seinem Leben jubiliert. Denn schon eine Woche später brach der Bürgerkrieg los, und Glöckel, der an den Aufständen nicht beteiligt war, wurde an seinem Schreibtisch im Palais Epstein bereits am Morgen des 13. Februar verhaftet.
Er war wochenlang wie viele andere Sozialdemokraten in das Polizeigefängnis Rossauer Lände eingesperrt, unter schlimmen Zuständen, ohne Außenkontakt, ohne Anklage oder Rechtshilfe. Zufällig begegnete er dort auf einem Rundgang seiner Frau Leopoldine, die dort wie er eingesperrt war und über deren Schicksal er im Unklaren gelassen worden war (Selbstbiographie, Seite 134).
Ex-Unterrichtsminister Richard Schmitz, schon ab 13. Februar Regierungskommissär für Wien, trug persönlich dafür Sorge, dass gerade im Schulwesen die Reformen und auch die Reformer im Rekordtempo verschwanden. Hans Fischl, Bildungsreformer und Spitzenbeamter im Unterrichtsministerium berichtete, dass für die Zustellung der Enthebungsdekrete in der Nacht zum 15. Februar sogar Feuerwehr-Fahrzeuge eingesetzt wurden (Achs, Furtmüller, Seite 115).
Otto Glöckels Gesundheit verschlechterte sich mit unbehandelter Angina Pectoris zusehends. Blutdruck 230 schrieb er in einer seiner wenigen Nachrichten. Eine Behandlung im Krankenhaus ließ man erst Wochen später zu. Im April wurde er ins Anhaltelager Wöllersdorf überstellt, einer Art von Guantánamo des Ständestaates, wo politische Gegner ohne Verfahren und Rechte jahrelang festgehalten werden konnten (Selbstbiographie, Seite 217).
Zahlreiche ausländische Bittschreiben für Glöckel an Bundeskanzler Kurt Schuschnigg zeigten keine Wirkung. Erst Ende Oktober 1934 wurde er aus Wöllersdorf entlassen, schwer gezeichnet, und starb am 23. Juli 1935 in seiner Wohnung am Gaudenzdorfer Gürtel. Ehegattin Leopoldine überlebte ihn nicht einmal zwei Jahre.
Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges konnten einige von Wiens Reformpädagogen wieder dort ansetzen, wo 1934 alles geendet hatte: Die legendären "Fi-Fa-Fu der Schulreform", Hans Fischl, Viktor Fadrus und Carl Furtmüller kamen nach 1945 dafür noch einmal zusammen, zusammengeholt von Stadtschulpräsident Leopold Zechner, einem ehemaligen Reformlehrer, und auch Oskar Spiel, Franz Scharmer und andere wurden sofort wieder aktiv. Die Art der Auseinandersetzung in der Schulpolitik zwischen ÖVP und SPÖ war zwar nun gemäßigt, in der Sache aber genauso kompromisslos wie vorher. Trotz langjähriger Großer Koalition und gelebter Sozialpartnerschaft konnte man sich erst 1962 auf die erste größere Schulreform der Nachkriegszeit einigen.



