Warum wir vor dem Tod high sind Unser
Körper produziert eigenständig starke Psychedelika, wie sie auch im
halluzinogenen Ayahuasca-Trank enthalten sind. Erklärt das Träume,
Kreativität und den letzten Rausch kurz vor dem Tod?
Psychedelika
wie DMT (kurz für: Dimethyltryptamin) werden in Lateinamerika seit
Jahrhunderten für rituelle Zeremonien genutzt. Sie sind ein wichtiger
Bestandteil des schamanischen Gebräus Ayahuasca. Das ist ein halluzinogener Trank, der einen heftigen Rausch auslöst und zur Bewusstseinserweiterung genutzt wird.
Erstaunlicherweise
produziert der menschliche Körper solche Psychedelika auch selbst.
Forschende haben DMT im Blut, Urin und im Gehirn nachgewiesen. DMT
ähnelt strukturell dem Neurotransmitter Serotonin, ein Hormon das für
unsere Stimmung, den Schlaf-Wach-Rhythmus, Appetit und sogar
Darmtätigkeit zuständig ist. DMT bindet an dessen Rezeptoren. Offenbar
kann es Prozesse auslösen, die Reparatur und Wachstum von Nervenzellen
fördern.
Gleichzeitig scheint die Substanz das Gehirn bei
Sauerstoffmangel zu schützen: In Experimenten mit Tieren überlebten
Nervenzellen mit DMT deutlich besser, Entzündungen nahmen ab, Schäden
nach Schlaganfällen waren geringer.
Aufgrund
der rauschhaften Wirkung auf das Gehirn könnten die Psychedelika auch
Träume und Kreativität beeinflussen sowie spirituelle Erfahrungen und
insbesondere Nahtoderlebnisse erklären.
Versuche
zeigen beispielsweise, dass der DMT-Spiegel im Gehirn bei
lebensbedrohlichen Situationen stark ansteigt. Berichte von
Nahtoderfahrungen ähneln auffällig den Beschreibungen eines DMT-Trips:
Es fühlt sich an, als würde man seinen Körper verlassen, das Zeitgefühl
verändert sich, Emotionen sind verstärkt. Forschende vermuten daher,
dass kurz vor dem Tod vermehrt Psychedelika ausgeschüttet werden.
Warum
der Körper eine halluzinogene Substanz herstellt, ohne dass wir ständig
»high« sind, ist dabei bis heute nicht vollständig geklärt. Aber seine
neuroprotektiven Eigenschaften machen DMT auch therapeutisch
interessant. Erste Studien untersuchen seinen Einsatz bei
Schlaganfällen, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen.
Gleichzeitig arbeitet man daran, DMT-Derivate zu entwickeln, die
medizinisch wirksam sind, ohne starke Halluzinationen auszulösen.
Löcher in der Stadtmauer von Pompeji sprechen für einen Einsatz der Mehrschusswaffe Polybolos
Antike Wunderwaffe: Bei einer Belagerung Pompejis vor gut
2.100 Jahren könnten die Römer eine legendäre Waffe eingesetzt haben –
das mehrschüssige Polybolos. Dieser antike Vorläufer des
Maschinengewehrs konnte mithilfe eines kettengetriebenen Mechanismus
sehr schnell mehrere Bolzen nacheinander feuern. Mögliche Spuren dieser
Geschosse haben Archäologen nun in der nördlichen Stadtmauer von Pompeji
identifiziert.
Die Stadt Pompeji ist eine einzigartige Zeitkapsel der Antike: Durch den Ausbruch des Vesuv
im Jahr 79 wurde sie mit Asche überdeckt und nahezu perfekt
konserviert. Ausgrabungen haben dort prachtvolle Villen, Badehäuser und
Wandfresken zutage gefördert, aber auch Überreste der Bewohner und ihrer
Alltagsobjekte. Ebenfalls erhalten geblieben ist die bis zu sechs Meter
hohe Stadtmauer von Pompeji, bisher ist jedoch nur ein Mauerabschnitt
im Norden der Stadt freigelegt.
Einschusslöcher
in der Stadtmauer von Pompeji. Links von einem Katapult-Steingeschoss,
rechts eine kleinere, regelmäßig angeordnete Lochgruppe.
Spuren der römischen Belagerung
Dieser nördliche Teil der Pompeji-Stadtmauer hat es in sich: In den
Mauersteinen klaffen zahlreiche Löcher, die auf intensiven Beschuss
hindeuten. „Diese Zeitzeugnisse haben römische Umbauten,
Naturkatastrophen, die Bomben des Zweiten Weltkriegs und moderne
Maßnahmen überdauert“, erklären Adriana Rossi von der
Vanvitelli-Universität Kampaniens und ihre Kollegen. Ihre historische
Bedeutung sei jedoch lange nicht klar gewesen.
Inzwischen ist jedoch klar, dass diese Einschusslöcher von der
Belagerung Pompejis durch den römischen Feldherrn Lucius Cornelius Sulla
im Jahr 89 vor Christus stammen. Anlass des Angriffs war der sogenannte
Bundesgenossenkrieg (Bellum Sociale), bei dem italienische Stämme gegen
die Römer rebellierten, weil ihnen ein volles Bürgerrecht verweigert
wurde. Die Stadt Pompeji stand in diesem Krieg auf Seiten der
Aufständischen und sollte durch den Angriff Sullas und seiner Truppen
unterworfen werden.Die großen Löcher in der Stadtmauer verraten, dass die Römer bei
ihrer Belagerung Katapulte einsetzten, mit denen sie schwere
Sandsteinkugeln auf die Mauer und ihre Verteidiger schossen.
Was erzeugte die eckigen Einschusslöcher?
Doch das war nicht alles: Neben solchen größeren Geschossspuren
finden sich in der Mauer von Pompeji auch kleinere, auffallend
regelmäßig angeordnete Einschüsse. „Diese fächerförmigen Löchergruppen
fallen nicht nur durch ihre rechteckige Form auf, sondern auch durch
ihre bogenförmige Anordnung mit kurzen, regelmäßigen Abständen“,
berichten Rossi und ihr Team. Damit unterscheiden sich diese meist in
Dreier- oder Viergruppen stehenden Löcher deutlich von den Spuren der
großen Katapultgeschosse.
Aber was war ihre Ursache? Um dies herauszufinden, haben Rossi
und ihr Team die kleinen Löcher mithilfe von Laserscans und weiteren
Methoden noch einmal genauer analysiert. Anhand von digitalen
3D-Modellen und Vergleichen mit antiken historischen Quellen
untersuchten sie, welche Waffen solche Löcher hinterlassen haben
könnten.
So könnten die Löcher entstanden sein: Durch eine Reihe von Bolzen aus einem Polybolos.
„Polybolos“- eine antike Automatikwaffe
Das Ergebnis: Die größte Übereinstimmung zu den rätselhaften Löchern
fanden die Archäologen in einer Beschreibung des griechischen Gelehrten
und Erfinders Philon von Byzanz aus dem dritten vorchristlichen
Jahrhundert. Dieser berichtete in seinem „Handbuch der Mechanik“ von
einem „Polybolos“ – einer Schusswaffe, mit der man mehrere metallene
Bolzen schnell hintereinander verschießen konnte.
Möglich wurde dies durch einen ausgeklügelten Kurbel- und
Ketten-Mechanismus, durch den nach jedem Schuss automatisch ein Bolzen
aus einem Magazin in die Abschussvorrichtung nachrutschte. „Die
Geschosse streuen nicht, sondern erzeugen eine Bahn, die mehr oder
weniger entlang eines Kreissegments liegt“, beschreibt Philon den Effekt
dieses Mehrschüssers. Im Prinzip war das Polybolos damit ein antiker
Vorläufer des modernen Maschinengewehrs.
Ursprung in den antiken Waffenschmieden von Rhodos
Nach Ansicht von Rossi und ihrem Team passen die Löcher in der
Stadtmauer von Pompeji ziemlich gut zu diesen antiken Beschreibungen.
„Die radiale Konfiguration und engen Abstände der Einschüsse in Pompeji
machen die Nutzung einer solchen automatischen Waffe plausibel“,
schreiben die Archäologen. Um dies zusätzlich zu überprüfen, haben sie
ein Polyboros virtuell nachgebaut und dessen Schussmuster digital
analysiert. Auch nies ergab gute Übereinstimmungen zu den Löchern in der
Stadtmauer von Pompeji.
Der römische Feldherr Sulla könnte das Polybolros in seiner Zeit
als Gouverneur der Provinz Kilikien, heute Teil der Türkei,
kennengelernt haben, wie Rossi und ihr Team erklären. Denn diese Provinz
umfasste auch die Insel Rhodos, die damals ein Zentrum der
Waffenproduktion war – und auf der das Polybolos der Überlieferung nach
erfunden wurde. „Es ist daher plausibel, dass Sulla – ein politisch
erfahrener und technischer versierter Kommandeur – eine solche
Mehrschusswaffe bei der Belagerung von Pompeji einsetzte“, so die
Archäologen.
Ob dank der Katapulte oder durch das „Maschinengewehr“: Die
Strategie Sullas hatte Erfolg. Die Römer durchbrachen die
Verteidigungslinien und Mauern Pompejis und eroberten im Jahr 80 vor
Christus die Stadt. Pompeji wurde dadurch zu einer römischen Kolonie und
seine Bewohner nahmen im Laufe der folgenden Jahrzehnte zunehmend
römische Sitten an – bis ihre Stadt und viele Bewohner im Jahr 79 nach
Christus vom Ausbruch des Vesuv verschüttet wurde. (Heritage, 2026; doi: 10.3390/heritage9030096)
Quelle: Heritage; 16. April 2026
- von Nadja Podbregar
Nota. - Warum hat man nicht mehr Zeugnisse von dieser Wunderwaffe gefunden? Man kann sichs denken: Bei der Belagerung ummauerter Festungen war es, wie die Bilder zeigen, ziemlich wirkungslos; und für den Einsatz auf dem Schlachfeld war es nicht wendig genug.
Warum vor 5000 Jahren plötzlich keine Megalithgräber mehr errichtet wurden
Neue DNA-Ergebnisse
zeigen: Auch im Westen Europas kam es während der Jungsteinzeit zu
einem rätselhaften Zusammenbruch der Bevölkerung. Fachleute vermuten
mehrere Ursachen
von Thomas Bergmayr
Ungefähr vor 5000 Jahren verschwand ein großer Teil der
nordwesteuropäischen Gemeinschaften. Der jungsteinzeitliche Kollaps
vollzog sich in nur wenigen hundert Jahren und lässt sich unter anderem
aus archäologischen Funden herauslesen: Während bis in die erste Hälfte
des 4. Jahrtausends etwa in Skandinavien viele neue Siedlungen
entstanden, kam es ab etwa 3400 v. Chr. zu einem Stillstand. Keine neuen
Dörfer wurden gegründet und viele bestehende wurden dauerhaft
aufgegeben. Auch ein Rückgang der Getreideproduktion lässt sich erkennen
– ob letzterer ein Ausgangspunkt oder eine Folge der Zäsur war, ist
unklar.
Überhaupt stehen hinter dem "Neolithic Decline"
in Nordwesteuropa noch viele Fragezeichen. Über die möglichen Ursachen
wird ebenso spekuliert, wie über das Ausmaß des Bevölkerungsverlustes,
und ob auch andere Gebiete in Europa davon betroffen waren. Eine über
5000 Jahre alte Grabanlage im heutigen Frankreich könnte nun Antworten
auf diese Fragen liefern.
Ende der Megalithbauten
Die Überreste des jungsteinzeitlichen
Monumentalbaus liegen etwa 40 Kilometer nördlich des Pariser
Stadtzentrums, am Rande des französischen Dorfes Bury. Das Galeriegrab
ist ein langgezogener Megalithkorridor aus mächtigen Steinblöcken. Es
war einst die letzte Ruhestätte einer Gemeinschaft, die mit beachtlichem
Aufwand ihre Toten ehrte – zumindest bis um das Jahr 3100 v. Chr. Ab
dann verebbte jegliche Bautätigkeit und auch Beisetzungen gab es nicht.
Es vergingen Jahrhunderte, ehe an diesem Ort wieder Menschen beerdigt
wurden.
Solche Megalithgräber
sind das wohl markanteste Erbe der europäischen Jungsteinzeit. Von der
iberischen Halbinsel bis nach Skandinavien errichteten neolithische
Gesellschaften zwischen etwa 4500 und 3000 v. Chr. gewaltige
Steinmonumente – Dolmen, Ganggräber, Hügelgräber –, die kollektive
Bestattungen ermöglichten und damit ein Gemeinschaftsgefühl über den Tod
hinaus ausdrückten. Genetische Studien aus Skandinavien hatten bereits
gezeigt, dass das Ende der Megalithanlagen mit dem dortigen großen
Bevölkerungsrückgang zusammenfiel.
Mehr noch: Der Niedergang der Megalithepoche im Norden ging einem
umfassenden Zuzug neuer Menschen aus dem Osten voraus, Einwanderer aus der eurasischen Steppe, die in die nunmehr entvölkerten Gebiete
drängten. Dass dieses Muster auch für Westeuropa galt, konnte nun
erstmals ein internationales Team um Frederik Seersholm von der
Universität von Kopenhagen anhand der DNA von 132 in Bury bestatteten
Individuen nachweisen.
Zwei Phasen und ein Bruch
Das Grab wurde laut den im Fachjournal Nature Ecology & Evolution präsentierten Ergebnissen
in zwei klar getrennten Phasen genutzt. Die erste wurde datiert auf
etwa 3200 bis 3100 v. Chr. und war von einem Menschenschlag mit lokaler
neolithischer Abstammung geprägt. Das bedeutet, dass sie Nachfahren
jener Bauerngemeinschaften waren, die Jahrtausende zuvor aus dem Nahen
Osten nach Europa gekommen waren.
Nach dieser Ära tut sich eine Befundlücke auf, die sich erst ab etwa
2900 v. Chr., durch eine zweite Gruppe von Bestattungen wieder schließt.
Deren genetisches Profil verweist im Unterschied zu jenem der Vorgänger
auf eine iberische und südfranzösische Herkunft. Zwischen beiden Phasen
konnten die Forschenden keinen fließenden Übergang beobachten.
"Wir können einen deutlichen genetischen Bruch zwischen den beiden
Bestattungsphasen erkennen. Die Menschen, die das Grab vor und nach dem
Kollaps nutzten, scheinen zwei völlig unterschiedliche Populationen zu
sein", erklärt Seersholm. "Das zeigt uns, dass etwas Bedeutendes
passiert ist – eine massive Störung, die zum Niedergang der einen
Bevölkerung und zur Ankunft einer anderen führte."
Die Untersuchungen zeigten: Die Grabanlage von Bury wurde in zwei
getrennten Phasen genutzt. Die erste Phase ist durch Individuen mit
lokaler Abstammung geprägt, die zweite besteht aus Toten, die ein
iberisches und südfranzösisches Erbe aufweisen und sich auch in den
Bestattungsriten unterscheiden.
Zuzug aus dem Süden und Osten
Ähnliche punktuelle Belege,
unter anderem aus Deutschland, weisen immer deutlicher darauf hin, dass
der "Neolithic Decline" tatsächlich kein lokales Phänomen war, sondern
weite Teile Europas erfasst hatte: Die Gesellschaften, die
Megalithgräber bauten, starben aus oder schrumpften so stark, dass sie
ihre Gebiete nicht mehr bevölkern konnten. In das dadurch entstehende
demografische Vakuum drängten andere Gruppen aus Südeuropa und aus den
Steppen im Osten.
Auch die Bestattungsriten spiegeln einen kulturellen Wandel wider: In
der ersten Phase von Bury wurden die Toten typischerweise in
gestreckter Haltung entlang der Hauptachse des Grabes ausgerichtet. Die
Bestatteten der zweiten Phase zeigen keine solche Ausrichtung mehr, ihre
Körper liegen in Hockerstellung.
Die Befunde liefern zwar keine eindeutige Antwort auf die Frage nach
dem Warum des Bevölkerungseinbruchs, aber immerhin verdächtige Spuren:
Die erste Bestattungsphase in Bury enthält gegen Ende dieser Epoche
auffällig viele Säuglings- und Kinderskelette. Die Forschenden schließen
daraus auf eine möglicherweise erhöhte Kindersterblichkeit –
üblicherweise die Folge von katastrophalen Ereignissen wie Krieg, Hunger
oder eines Seuchenausbruchs.
Tatsächlich fanden sich in den Skeletten DNA-Spuren von Yersinia pestis, dem Erreger der Pest.
Der Befund beweist zwar nichts, fügt sich aber ein in die Hypothese,
die in der Forschung bereits seit einigen Jahren kursiert: dass eine
frühe Form der Pest maßgeblich am neolithischen Bevölkerungsrückgang
beteiligt gewesen sein könnte. "Es gibt zwar keinen stichhaltigen Beleg
dafür, dass die Pest allein den Zusammenbruch der Bevölkerung verursacht
hat, aber die Krankheitslast könnte einer von mehreren Faktoren gewesen
sein", sagt Martin Sikora, Koautor der Studie.
Zusammenspiel vieler Faktoren
Wahrscheinlich sei demnach ein
Zusammenspiel von Klimaschwankungen, Bodenerschöpfung durch
jahrtausendelangen Ackerbau sowie möglicherweise soziale Spannungen –
eine Situation, in der eine Seuche leichtes Spiel hätte. Was immer den
Ausschlag gab, es bereitete letztlich zwei Migrationswellen den Boden:
Einwanderer aus dem Süden, wie in Bury belegt, und jene aus der
pontisch-kaspischen Steppe, deren Expansion die europäische Demografie
und Sprache in den folgenden Jahrtausenden nachhaltig prägen sollte.
"Wir können die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sowohl die
iberische Nordwanderung als auch die Expansion aus der Steppe verwandte
Reaktionen auf den neolithischen Rückgang waren", erklären die
Autorinnen und Autoren. "Ein weit verbreiteter demografischer Rückgang
hätte ein Vakuum geschaffen, in das benachbarte Gruppen expandieren
konnten."
Philosophisch betrachtet: Wie intelligent kann künstliche Intelligenz sein?
KI-Systeme geben
nach vor viel Unsinn von sich: Welche Rolle sie in unserer Gesellschaft
spielen sollen, ist nicht nur eine technische Frage
von Miguel de la Riva
Die KI-Entwicklung schreitet rasant voran. Die Systeme können immer
komplexere Aufgaben erledigen. Doch nach wie vor unterlaufen ihnen
banale Fehler. "Ich muss mein Auto waschen, und die Waschanlage ist nur
100 Meter entfernt. Soll ich zu Fuß gehen oder fahren?" – ChatGPT
empfiehlt auf diese Frage hin zu Fuß zu gehen, obwohl es wenig Sinn hat,
eine Waschanlage ohne Fahrzeug aufzusuchen. Darauf hingewiesen gesteht
der Chatbot seinen Fehler und sagt, es sei in dieser Situation natürlich
richtig, zu fahren – empfiehlt aber noch als "lustigen Trick", den
"tatsächlich viele Leute bei nahen Waschanlagen nutzen", das Auto
einfach zu schieben.
Dass sich KI-Chatbots trotz Milliardeninvestitionen noch immer so
leicht überlisten lassen und in vielen Fällen Unsinniges von sich geben,
legt nahe, dass am Vorwurf etwas dran sein könnte, es handle sich bei
ihnen nur um "stochastische Papageien". Demnach könnten sie zwar
plausibel klingende Antworten fabulieren, weil ihnen die statistische
Häufigkeit von Worten antrainiert wird, aber sie könnten nicht
schlussfolgernd denken und hätten kein Verständnis davon, was in der
Welt los ist. Ist es da überhaupt sinnvoll, ihnen "Intelligenz"
zuzuschreiben? Die Frage wurde zuletzt bei einer Tagung zu den
historischen und philosophischen Grundlagen von KI diskutiert, die vom
Department of Philosophy der Central European University und dem
FWF-Exzellenzcluster "Knowledge in Crisis" veranstaltet wurde.
Illusorische Intelligenz
Der Organisator der Tagung,
CEU-Philosoph Tim Crane, zeigte sich skeptisch. Er argumentierte in
seinem Vortrag dafür, dass das von vielen Unternehmen verfolgte Ziel der
Entwicklung allgemeiner künstlicher Intelligenz (AGI, artificial
general intelligence) in sich widersinnig ist. Wie er in Anlehnung an
das Werk The Concept of Mind von Gilbert Ryle ausführte, sei
"Intelligenz" ein normativer Begriff: Wir benutzen ihn, um die Ausübung
spezifischer Fähigkeiten wie Rechnen oder Fußballspielen zu bewerten,
aber er bezeichne keine psychologische Realität, die solchen Fähigkeiten
übergeordnet sei. Zwar könne man in analogem Sinn auch Maschinen
grundsätzlich "Intelligenz" zuschreiben – aber nur solange man sich
dabei stets auf die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe wie Schachspielen
oder Gesichtserkennung bezieht, nicht im Sinne einer davon unabhängigen
"allgemeinen" oder gar einer "Superintelligenz".
Was ist Intelligenz? Welche Maßstäbe setzen wir dafür an?
Eine abwägendere Position vertrat der Oxford-Philosoph Raphaël
Millière. So wie es falsch wäre, Maschinen menschenähnliche
Eigenschaften zuzuschreiben (Anthropomorphismus), wäre es falsch,
Intelligenz auf eine Weise zu definieren, die an menschliche
Eigenschaften gebunden ist und darum nicht auch Tieren oder Maschinen
zugesprochen werden kann (Anthropozentrismus). Dabei seien Tests unter
ungünstigen Bedingungen – etwa die Fangfrage im Eingangsbeispiel –
womöglich keine faire Weise, über das Vorliegen von Kompetenz zu
entscheiden. Schließlich könnten so auch Menschen irregeführt werden,
denen wir deshalb nicht die Denkfähigkeit absprechen würden.
Millière schlug vor, die Zuschreibung von Kompetenz bei KI-Systemen
davon abhängig zu machen, ob sie für die fraglichen Aufgaben eine
zuverlässige Lösungsprozedur ausgebildet haben und ob sie diese Prozedur
unter geeigneten Umständen anwenden. Der in der Branche übliche Hinweis
auf die besser werdenden Testergebnisse allein sei darum noch nicht
ausreichend. Stattdessen müsse auch gezeigt werden, dass die künstlichen
neuronalen Netze im Trainingsprozess Verschaltungen ausgebildet haben,
die geeignet sind, bestimmte Aufgaben zuverlässig zu lösen. Als Maßstab
dient dabei die neuronale Verschaltung im Gehirn des Menschen und die
daraus resultierenden kognitiven Kompetenzen.
Unklare Grundlagen
Eine zentrale Botschaft vieler
Tagungsbeiträge war dabei, dass die Technologieentwicklung nicht
geradlinig verläuft und viele kontingente Umstände zusammenkommen
mussten, damit es zur Dominanz der Technologie kommt, die wir heute als
"KI" bezeichnen. Wie die Ideenhistorikerin Amira Moeding von der
Cambridge University zeigte, spielten dabei auch sich ändernde
Wissenschaftsverständnisse eine Rolle. Heute vergleichen
Venture-Investoren wie Marc Andreessen KI gerne mit "Alchemie", um zu
unterstreichen, wie magisch es sei, dass wir nun "Sand das Denken
beibringen" würden. Zum Vergleich: Der Miterfinder des Transistors, John
R. Peirce, nutzte in den 1960er-Jahren denselben Vergleich, um die
frühe KI-Forschung in einem Report für US-Behörden als
unwissenschaftliche Spielerei abzutun, die keine Forschungsgelder
verdient.
Die aktuell beliebten KI-Modelle sind allesamt große
Sprachmodelle, die auf Basis statistischer Wahrscheinlichkeiten
operieren.
Laut Moeding kam es dazwischen zu einer Verschiebung des
Erkenntnisideals vom "understanding" zum "engineering": Während Peirce
davon ausging, dass man gute Theorien über die Natur des Denkens und der
Sprache brauche, um Maschinen solche Fähigkeiten beizubringen, würde
man sich heute umgekehrt auf die Entwicklung funktionsfähiger Systeme
konzentrieren und sodann zu ihnen passende Theorien wählen. Bis heute
seien die von Peirce aufgeworfenen Probleme unklarer konzeptueller
Grundlagen nicht verschwunden – nur werde mit den inzwischen üblich
gewordenen Benchmarks die Entwicklung auf eine Weise gemessen, in der
diese Fragen eingeklammert und im Lichte der erzielten Fortschritte
beantwortet werden.
Gefahr des Kompetenzverlustes
In diesem Sinne zitierte
Moeding den KI-Forscher Peter Norvig von Google, der Sprache als rein
probabilistisches Phänomen sieht – eine Position, die in den
1960er-Jahren durch Noam Chomsky überwunden schien. Chomsky
argumentierte, der Spracherwerb könne nicht nur durch "Versuch und
Irrtum" stattfinden, sondern erfordere angeborene Anlagen. Wie der
Wissenschafts- und Technikhistoriker Matthew Jones von der Princeton
University hervorhob, war diese Sichtweise auch in der KI-Forschung sehr
einflussreich.
Jahrzehntelang wurden die heute dominanten datenzentrierten Ansätze
belächelt, als Königsweg galten regelbasierte Systeme. Dass sich der
Trend in den vergangenen 15 Jahren umgekehrt hat, habe nicht nur mit
technologischen Innovationen im Bereich von Grafikprozessoren zu tun.
Auch fragwürdige rechtliche Praktiken im Umgang mit Privatsphäre und
intellektuellem Eigentum, durch die KI-Unternehmen zu ihren
Trainingsdaten kommen, seien wesentlich gewesen.
Nicht nur deshalb ist KI in den Augen der Ethikerin Shannon Vallor
von der Edinburgh University mit der Gefahr einer "epistemischen
Enteignung" verbunden. Vielmehr berge der KI-Einsatz die Gefahr des
Kompetenz- und Autonomieverlusts aufseiten der Nutzenden. Die Verklärung
der Systeme zur Quintessenz von Denken und Wissen führe zur Abwertung
menschlicher Bildung. Was man gegen solche Entwicklungen tun könnte,
bleibt unklar. Nicht zuletzt durch die Tagung wurde allerdings klar, wie
sehr die bisherige Technologieentwicklung von regulatorischen
Rahmenbedingungen, konzeptuellen Verschiebungen und historischen
Zufällen geprägt war. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass die Zukunft
der Technologie gesellschaftlich gestaltbar ist und nicht als ein über
uns hereinbrechendes Schicksal passiv erwartet werden muss.
Leben auf der emotionalen Achterbahn: Für Menschen mit
Borderline-Persönlichkeitsstörung sind intensive Gefühle und
gleichzeitig innere Leere Teil des Alltags. Beziehungen können innerhalb
kürzester Zeit zwischen Idealisierung und Entwertung kippen, innere
Anspannung entlädt sich nicht selten in selbstschädigendem oder
riskantem Verhalten. Doch wie entstehen diese Muster? Und warum galt
Borderline lange als therapeutisch besonders schwierig?
Der Begriff „Borderline“ geht auf eine frühe Vorstellung in der
Psychiatrie zurück: Man nahm an, die Störung liege an der Grenze
zwischen Neurose und Psychose, zwischen Verhaltungsstörung und schweren
Erkrankungen mit Realitätsverlust. Heute gilt Borderline jedoch als
eigenständige psychische Störung. Sie betrifft vor allem die
Emotionsregulation und beeinflusst Selbstbild, Verhalten und
zwischenmenschliche Beziehungen.
Symptome und Erkennungszeichen
Was ist Borderline?
Extreme Gefühlsintensität, rasche Stimmungsschwankungen und ein
unsicheres Selbstbild prägen die emotional instabile
Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ. Viele Betroffene reagieren
besonders sensibel auf zwischenmenschliche Spannungen oder Zurückweisung
und erleben ihre Emotionen oft wie verstärkt oder kaum kontrollierbar.
Achterbahn der Gefühle
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung kann mit suizidalen Handlungen einhergehen.
„Die Betroffenen haben oft ein Gefühlsleben, das einer
Achterbahnfahrt gleicht – in einem Moment ist alles supertoll: die
Freundschaft, die Beziehung oder der Job. Und im nächsten Moment kippt
das Ganze in ein anderes Extrem: die Freundin wird beschimpft, die
Beziehung ist furchtbar und der Job das Allerletzte. Das sind nur
Beispiele und das ist sehr anstrengend, für die Betroffenen und für die
Menschen um sie oder ihn herum“, erklärt Katharina Falk, Leitende
Psychotherapeutin der Psychosomatischen Station in Flensburg.
Das instabile Selbstbild
äußert sich beispielsweise, in dem sich Betroffene immer wieder diese
Fragen stellen: Wer bin ich? Was will ich? Was fühle ich wirklich? Hinzu
kommt impulsives Verhalten wie riskante Geldausgaben, Substanzkonsum,
Essanfälle oder andere selbstschädigende Handlungen. Selbstverletzungen
oder suizidale Krisen können ebenfalls auftreten und stehen häufig im
Zusammenhang mit schwer zu bewältigenden Gefühlen oder innerer
Anspannung.
In besonders belastenden Situationen kann es zudem zu dissoziativen
Zuständen kommen. Betroffene berichten dann, sich wie von außen zu
beobachten und die eigene Umgebung als unwirklich zu erleben.
Borderline kommt selten allein
Schätzungen zufolge sind etwa 0,7 bis 2,7 Prozent der Erwachsenen von
einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) betroffen. Sie tritt bei
Die Begleiterkrankungen wie zum Beispiel Depressionen können zusätzlich belasten.
Frauen und Männern auf, auch wenn sich mehr Frauen in Therapie
begeben und deshalb häufiger in Statistiken erscheinen. Außerdem kommt
Borderline selten allein: Rund 80 Prozent der Betroffenen haben
zusätzliche psychische Erkrankungen, zum Beispiel Depressionen,
Angststörungen, Essstörungen oder Suchterkrankungen.
Diese hohe Komorbidität ist so ausgeprägt, dass eine „reine“
Borderline-Persönlichkeitsstörung selten zu finden ist. Deshalb wird
auch diskutiert, ob Borderline wirklich eine Persönlichkeitsstörung ist
oder eher mit affektiven Störungen oder traumabezogenen Erkrankungen
verwandt sein könnte. Aufgrund der häufigen Verbindung zu traumatischen Erfahrungen und
der Überschneidungen mit Symptomen einer Posttraumatischen
Belastungsstörung wurde sogar vorgeschlagen, Borderline als eine Art
verzögerte oder komplexe Form von PTBS zu verstehen. Trotz dieser
Diskussion gilt BPS aktuell als eigenständiges Störungsbild.
Mit Zeit und Behandlung wird es besser
Diese Begleiterkrankungen haben auch dazu beigetragen, dass
Borderline lange als besonders schwer therapierbar galt. Häufige
Therapieabbrüche erschweren die Behandlung zusätzlich. Inzwischen hat
sich dieses Bild jedoch deutlich verändert. Mehrere unabhängige Studien
zeigen, dass Borderline grundsätzlich behandelbar ist, sich die Symptome
bei vielen Betroffenen im Verlauf deutlich bessern und die Störung
zudem biologische und genetische Grundlagen hat.
Ein Team um die Psychiaterin Mary Zanarini vom McLean Hospital der
Harvard Medical School hat in einer großen Langzeitstudie den Verlauf
einer solchen Störung über viele Jahre verfolgt. Nach 16 Jahren erlebten
99 Prozent der Patienten mindestens einmal eine Symptompause von zwei
Jahren oder länger. Rund 78 Prozent erreichten sogar eine stabile
Remission von mindestens acht Jahren.
Allerdings bedeutet das nicht automatisch vollständige Genesung, denn
viele Betroffene kämpfen weiterhin mit Einschränkungen im sozialen oder
beruflichen Alltag. Insgesamt deutet die Forschung aber klar darauf
hin, dass sich die Symptomatik bei vielen Menschen mit Borderline im
Laufe der Zeit deutlich verbessert.
Als wichtige Risikofaktoren gelten vor allem belastende oder
instabile Erfahrungen in der Familie oder im nahen sozialen Umfeld
während der Kindheit und Jugend. Dazu gehören etwa traumatisches
Verlassenwerden, schwere Erziehungsdefizite oder Erfahrungen von Gewalt,
Missbrauch oder Vernachlässigung.
Die Geschichte einer Störung
Zwischen Neurose und Psychose
Der Begriff „Borderline“ stammt aus einer Zeit, in der die
Psychoanalyse die Psychiatrie dominierte und psychische Erkrankungen
ganz anders eingeordnet wurden als heute. Damals teilte man Patienten
vor allem danach ein, ob sie als behandelbar galten oder nicht.
Neurosen galten als therapierbar. Damit meinte man seelische
Störungen, bei denen Betroffene ihre Probleme zwar als belastend
erleben, den Bezug zur Realität aber behalten, zum Beispiel Angst- oder
Zwangsstörungen. Heute gilt dieser Begriff als veraltet. Psychosen
dagegen wurden als schwere Erkrankungen mit Realitätsverlust verstanden
und damit als kaum psychoanalytisch zugänglich. Manche Patientinnen und
Patienten passten jedoch in keine dieser Kategorien. Sie schienen
irgendwo dazwischen zu liegen, an einer Grenzlinie, eben an der „border
line“.
An der Grenze zu Schizophrenie?
Besonders geprägt wurde der Begriff in den 1930er Jahren vom ungarisch-amerikanischen Psychoanalytiker Adolph Stern. In einem
Adolph Stern, 1920, Vater des „Boderline“-Begriffs.
Fachartikel aus dem Jahr 1938 beschrieb er eine Gruppe von Menschen
mit auffälligen emotionalen und zwischenmenschlichen Mustern. Viele der
von ihm geschilderten Merkmale ähneln den heutigen diagnostischen
Kriterien. Er beobachtete auch, dass Betroffene wichtige Bezugspersonen,
auch ihre Therapeuten, abwechselnd idealisierten und abwerteten. Diese
Gruppe bezeichnete er als „borderline group“ und gab der Störung damit
ihren Namen.
Viele Psychiater aus dieser Zeit sahen Borderline jedoch nicht als
eigenständige Störung, sondern als Randbereich oder abgeschwächte Form
der Schizophrenie.
Begriffe wie „borderline schizophrenia“, „ambulante Schizophrenie“ oder
„pseudoneurotische Schizophrenie“ waren zeitweise verbreitet. Da die
diagnostischen Kriterien für Schizophrenie damals sehr weit gefasst
waren, wurden viele emotional instabile oder impulsive Patienten diesem
Spektrum vorschnell zugeordnet.
Der Weg ins Diagnosesystem
Erst rund drei Jahrzehnte später begann man, „Borderline“ tatsächlich
als Bezeichnung für eine spezifische Form von Persönlichkeitsstörung zu
verwenden. Der Name selbst ist bis heute ein Überbleibsel aus der
Vergangenheit. Im Gegensatz zu vielen anderen psychiatrischen Begriffen
sagt er auch wenig über die tatsächlichen Symptome oder die Entstehung
der Störung aus.
Offiziell anerkannt wurde die Diagnose schließlich 1980. In diesem
Jahr nahm die dritte Ausgabe des „Diagnostic and Statistical Manual of
Mental Disorders“ (DSM) die Borderline-Persönlichkeitsstörung erstmals
auf. In diesem weltweit relevanten Klassifikationssystem wird sie den
Persönlichkeitsstörungen zugeordnet. Gemeint sind damit langfristige
Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster, die stark von gesellschaftlichen
Erwartungen abweichen und das Leben der Betroffenen sowie ihre
Beziehungen erheblich belasten können.
Missverstanden und stigmatisiert
Edvard
Munch: Jugend am Meer (1904). In späterer Zeit wurde Munch von
Psychiatern selbst als von BPS Betroffener diagnostiziert.
Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass Borderline keine Form der
Schizophrenie ist. Mit der Einführung der schizotypischen
Persönlichkeitsstörung zog die Psychiatrie endgültig eine klare Grenze
zwischen beiden Diagnosen. Auch das klinische Bild sprach dagegen,
Borderline dem schizophrenen Spektrum zuzuordnen. Zwar können unter
starkem Stress vorübergehend Realitätsverzerrungen auftreten, doch eine
anhaltende Psychose gehört in der Regel nicht dazu.
Gleichzeitig haftete Borderline lange ein schwieriger Ruf an. Die
häufigen schweren Rückfälle und Suizidversuchen stellten viele
Therapeuten auf die Probe. In der Fachliteratur jener Zeit finden sich
deshalb oft wenig schmeichelhafte Beschreibungen. Manche Autoren
bezeichneten diese Patienten als unberechenbar, egozentrisch oder kaum
behandelbar. Solche Zuschreibungen prägten das Bild der Störung über
Jahrzehnte und trugen zur Stigmatisierung von Borderline bei,
Ein Werkzeugkasten für starke Gefühle Therapiemöglichkeiten
Für die Borderline-Persönlichkeitsstörung gibt es verschiedene
psychotherapeutische Interventionen, allen voran die
Dialektisch-Behaviorale Therapie, kurz DBT. Sie wurde speziell für
Menschen mit Borderline entwickelt und vermittelt Strategien, um
Anspannung regulieren und gesunde Beziehungen aufzubauen.
Psychotherapie ist ein wichtiger Anker für die Betroffenen von Borderline.
Viele Programme kombinieren Einzeltherapie, Gruppentraining und
konkrete Übungen für den Alltag. Die DBT ist im Kern eine Form der
kognitiven Verhaltenstherapie, doch häufig fließen auch
Achtsamkeitsübungen, körperorientierte Methoden oder kreative Elemente
mit ein. „Dialektisch“ bedeutet dabei, eine Balance zu finden: zwischen
dem Annehmen der eigenen Schwierigkeiten und dem Wunsch, etwas zu
verändern.
Entwickelt wurde DBT von der US-amerikanische Psychologin Marsha M.
Linehan in den 1990ern. Sie ist selbst von einer Borderline-
Persönlichkeitsstörung betroffen. „Ich glaube, es stimmt, dass ich eine
Therapie entwickelt habe, die genau das bietet, was ich so viele Jahre
gebraucht habe und nie bekommen habe“, sagt sie in einem Interview mit
der New York Times.
Konstruktive Skills statt destruktivem Verhalten
Ein zentraler Bestandteil der DBT sind sogenannte „Skills“. Das sind
Maßnahmen, die Betroffenen helfen sollen, mit intensiven Gefühlen und
Krisensituationen konstruktiv umzugehen.
„Die größte Herausforderung stellt es meiner Meinung nach dar, im
Angesicht von sehr starken Emotionen, die einem Borderline-Patienten
häufig entgegenbringen, Ruhe zu bewahren und die Emotionen weder
kleinzureden noch mit ‚in den Pool zu fallen‘“, erklärt
Psychotherapeutin Stephanie Höschel im Interview mit Therapie Tools.
„Die DBT bietet hierbei gutes Rüstzeug, um zum einen empathisch auf
Emotionen zu reagieren, aber auch Fertigkeiten (Skills) zu vermitteln,
mit deren Hilfe Patienten und Patientinnen in die Lage kommen, ihre
Anspannung eigenständig zu regulieren.“
Fidget toys wie dieser Würfel können gute Skills sein, um Anspannung zu regulieren.
Skills werden außerdem eingesetzt, aus dissoziativen Zuständen
herauszufinden. Bei der 5-4-3-2-1-Methode etwa richten Betroffene ihre
Aufmerksamkeit auf ihre Umgebung: fünf Dinge sehen, vier hören, drei
fühlen, zwei riechen und eines schmecken. Solche Übungen helfen, wieder
im Hier und Jetzt anzukommen. Auch bei Panik können sie wirksam sein.
Viele Betroffene stellen sich zudem eine persönliche Skill-Tasche
zusammen. Darin befinden sich individuell hilfreiche Gegenstände, die
starke Sinnesreize auslösen oder beruhigend wirken: Zum Beispiel
Chili-Bonbons, Duftöle, ein Stressball oder kleine Erinnerungszettel mit
hilfreichen Strategien sowie ein Notfallplan.
Therapie wirkt im Gehirn
Dass solche psychotherapeutischen Verfahren tiefgreifend wirken
können, zeigen auch neurobiologische Studien. So fand ein Forschungsteam
um Psychiaterin Marianne Goodman vom Mount Sinai Hospital in New York
City heraus, dass nach einer Dialektisch-Behavioralen Therapie die
Amygdala – ein wichtiges Zentrum für die Verarbeitung von Emotionen in
unserem Gehirn – weniger stark auf negative Reize reagierte.
Gleichzeitig zeigte sich eine stärkere Beteiligung des präfrontalen
Cortex, der an der bewussten Emotionsregulation beteiligt ist.
Neben klassischen psychotherapeutischen Verfahren werden zunehmend
auch neue Technologien erprobt, etwa virtuelle Realität. Da Borderline
häufig mit Störungen der Selbst- und Körperwahrnehmung einhergeht, soll virtuelle Realität helfen, den Körper wieder klar zu spüren und den Umgang mit solchen Zuständen zu verbessern.
Medikamente als Unterstützung
Manchmal ist eine medikamentöse Behandlung nötig.
Auch Medikamente können bei Borderline zum Einsatz kommen. Ein
spezifisches Borderline-Medikament gibt es jedoch nicht. Stattdessen
werden Arzneimittel vor allem eingesetzt, um einzelne Symptome oder
Begleiterkrankungen zu behandeln. Stimmungsstabilisierer können manchen
helfen, starke Stimmungsschwankungen oder Impulsivität zu reduzieren.
Bei starken Angstzuständen verschreiben Ärzte oft Benzodiazepine, zum
Beispiel Lorazepam. Diese Medikamente haben jedoch ein hohes
Suchtpotenzial und sollten nur über einen kurzen Zeitraum eingenommen
werden. Für begleitende Depressionen oder Angsterkrankungen können Antidepressiva, besonders die Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eingenommen werden.
13. März 2026 - von Carolin Malmendier
Nota. -Der Laie erwartet von eine Diagnose eine Auskunft über die Ursachen und den wahrscheinlichen Verlauf einer Krankheit. Das geben die Diagnosen des DSM nicht her. Sie sind strikt phänomenologisch und zählen Symptome auf. Sie dienen der Verständigung zwischen den Professionellen der psychiatrischen Klinik, um ihnen einen Hinweis zu geben auf das zu erwartende Krankheitsbild und einen Rat für die allerer-sten Behandlungsschritte. Dass bei vielen Patienten nacheinander unterschiedliche Diagnosen ausgesprochen werden, ist kein Hinweis auf mangel-de Qualifikation der Diagnostiker, sondern eine Folge des pragmatischen Grundcharakters des DSM, das darauf absieht, sich Schritt für Schritt an den individuellen 'Fall' heranzutasten.
Es wäre löblich, den Gebrauch eines so unscharfen Begriffs wie Borderline streng auf den klinischen Bereich einzuschränken - und den andern psychiatrischen Dia-gnosen würde das aucch nicht schaden. JE