Samstag, 29. August 2026

Der Leopardenreiter von Karahantepe.

Eine Person mit einem lila Hut und einem gestreiften Hemd reinigt mit einem Pinsel eine archäologische Steinfigur. Die Szene findet in einer Ausgrabungsstätte statt, umgeben von Erde und Steinen. Die Figur hat eine abstrakte Form und scheint Teil einer größeren archäologischen Entdeckung zu sein.                                                 zu öffentliche Angelegenheiten
aus spektrum.de, 28. 8. 2026         Eine Mitarbeiterin der Ausgrabungen in Karahantepe reinigt die 2026 entdeckte Steinfigur.
 
Taș-Tepeler-Kulturlandschaft    
Der Leopardenreiter von Karahantepe
Ein Mann, der auf einem Leoparden sitzt. Der etwa 11 000 Jahre alte Fund aus der Türkei liefert ein neues Detail für die Zeit, als sich das Leben der Menschen grundlegend wandelte.

von Karin Schlott 

Vor etwa 12 000 Jahren veränderten Jäger und Sammler allmählich ihre Lebensweise und begannen, als Bauern zu leben. Was dabei geschah, verraten Ausgrabungsstätten im Südosten der Türkei. Dort, im Umfeld der Stadt Şanlıurfa, haben Archäologen mehrere Rundanlagen aus T-förmigen Steinpfeilern freigelegt. Am bekanntesten ist der Fundplatz Göbeklitepe, dessen Monumentalbauten lange als die ältesten Tempel der Welt gedeutet wurden. Der benachbarte Ort Karahantepe sorgt jedoch ebenfalls für aussagekräftige Funde.

So berichtet das türkische Kulturministerium, dass bei den diesjährigen Grabungen eine ungefähr 70 Zentimeter hohe Skulptur gefunden wurde. Die etwa 11 000 Jahre alte Figur stelle einen Menschen dar, der auf dem Rücken eines Leoparden sitzt. Schon zuvor haben Fachleute an Stätten in der sogenannten Taș-Tepeler-Kulturlandschaft Statuen ausgegraben. Über deren genaue Bedeutung rätseln sie aber noch.

Seit 2019 gräbt ein Team um Necmi Karul von der Universität Istanbul in Karahantepe. Auf einer Steinbank an der Innenwand eines drei Meter weiten Rundbaus entdeckten die Archäologen dort den Leopardenreiter. Einen ähnlichen Fund machten Forschende 2023 in Göbeklitepe. Damals handelte es sich um die lebensgroße Statue eines Keilers, an der noch Spuren weißer, schwarzer und roter Farbe hafteten. Im selben Jahr kam auch in Karahantepe eine kolossale Skulptur zum Vorschein: Etwa 2,4 Meter hoch, zeigt sie einen nackten Mann, der womöglich sitzend dargestellt ist und mit beiden Händen seinen Penis umgreift. Denkbar sei, dass hier eine Art Schöpfergott dargestellt ist.

Eine grob behauene Steinskulptur, die eine menschliche Figur darstellt, steht zwischen großen, unregelmäßigen Steinen in einer archäologischen Ausgrabungsstätte. Die Figur hat keine klaren Gesichtszüge und hält ein undefinierbares Objekt. Der Hintergrund zeigt erdige, steinige Strukturen, die auf eine historische oder prähistorische Umgebung hindeuten. Nach Angaben des türkischen Kulturministeriums zeigt die Skulptur einen Menschen auf einem Leoparden. Sie sei etwa 11 000 Jahre alt.

Auch zahlreiche T-Pfeiler in den Anlagen der Taș-Tepeler-Kulturlandschaft sind übersät mit Bildern von wilden Tieren wie Füchsen, Keilern oder Schlangen. In Karahantepe fand sich zudem 2025 eine T-Säule mit menschlichem Gesicht – womöglich sollten die großen Monolithe stilisierte Menschen darstellen. Ob es sich bei den Strukturen im engeren Sinn um Tempel handelte, ist noch unklar. Denn ihre Erbauer, Gemeinschaften von Jägern und Sammlern vor etwa 11 000 Jahren, wohnten auch an diesen Orten in Häusern. Fachleute sehen hier die Frühphase der Sesshaftigkeit, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit einer voll ausgeprägten bäuerlichen Lebensweise einherging.

Freitag, 28. August 2026

"Fetisch Intelligenz".

W. Busch
aus spektrum.de, 26.08.2026                                                                   zu öffentliche Angelegenheiten
 
»Fetisch Intelligenz«
Über Intelligenz lässt sich streiten
In ihrer Streitschrift wendet sich Gisela Schmalz gegen ein kulturell und ideologisch verengtes Verständnis von Intelligenz und die ihm entsprechenden IQ-Tests.

von Anne-Kathrin Weber

Im Dezember 2024 lobte Elon Musk in einem X-Post die AfD. Nur sie könne Deutschland retten, schrieb der Mann, der sich selbst für ein Genie hält – und dies die Welt auch permanent wissen lässt. Einen Monat später habe sich ein Mann aus Südkorea in die Lobhudelei für Musk und die AfD eingereiht – ein Mann, der angeblich einen IQ von sage und schreibe 276 habe nachweisen können, schreibt Gisela Schmalz. Die AfD habe das Lob des vermeintlich intelligentesten Menschen der Welt genüsslich auf ihren Social-Media-Kanälen geteilt – bis sie kurz darauf alle Posts dazu wieder gelöscht habe. Herausgestellt habe sich nämlich, so die Wirtschaftswissenschaftlerin und Philosophin, dass der vermeintliche Geniestatus des Mannes aus Südkorea erstunken und erlogen gewesen sei. Mit diesem Beispiel illustriert Gisela Schmalz die zentrale These ihrer Streitschrift: Intelligenz ist zum »Fetisch« geworden – was sich vor allem diejenigen zunutze machen, die damit nichts Gutes im Schilde führen.

Zunächst wird laut der Autorin heillos überschätzt, was wir gemeinhin »Intelligenz« nennen. Denn entsprechende Tests messen nur einen schmalen Ausschnitt der menschlichen Fähigkeiten: »Kreativität, geistige Flexibilität, Prioritätensetzung, Kritikfähigkeit, holistisches Denken, Intuition, Zielauswahl, soziale, moralische oder motorische Talente ermitteln gängige IQ‑Tests nicht«, moniert Schmalz. Außerdem würden die kulturellen Wertvorstellungen des Westens bei gängigen Verfahren immer indirekt mitgetestet – diejenigen anderer Kulturen, die beispielsweise praktische Fähigkeiten in das Verständnis von Intelligenz einbezögen, kämen dagegen in den Tests nicht vor. Diese Verengung liegt laut Schmalz auch daran, dass herkömmliche IQ-Messungen den Anforderungen einer neoliberalen Wirtschaftsordnung entsprechen: »Zu einer Kultur mit den Idealen Effizienz, Wettbewerb, Wachstum, Beschleunigung, Globalisierung und Digitalisierung passt ein enger, funktionalisierbarer Intelligenzbegriff.«

Der Preis des Fetischs

Unsere gesellschaftliche Fixierung auf Intelligenz und ihre Überhöhung führten vor allem zu Leistungsstress in Schule und Beruf, zu Stigmatisierungen bei Bildungschancen und zu selbsterfüllenden Prophezeiungen, wenn Menschen ihren IQ-Wert stark internalisierten und ihr Selbstwertgefühl daran ausrichteten – die Autorin verwendet dafür gar die Metapher des Krebsgeschwürs. Gisela Schmalz zufolge dient der IQ damit als »gesellschaftsstrukturierendes Instrument«, das politisch eine deutliche Schlagseite besitze. So zielten Rechte und Rechtsextreme unter Begriffen wie »Human Diversity« oder »Human Biodiversity« darauf ab, ganze Bevölkerungsgruppen mit dem Verweis auf vermeintlich geringere Intelligenzwerte zu diskriminieren. »Die Verbindung zwischen Intelligenzfetisch und rechtem Spektrum hat eine lange Tradition«, konstatiert Schmalz.

Fetisch Intelligenz 

Gisela Schmalz
Fetisch Intelligenz
Wie ein überbewertetes Konzept unser Leben prägt
Verlag: Berlin Verlag, Berlin 2026, 288 S.
ISBN: 9783827015396 | Preis: 24,00 €

Laut der Autorin werden derartige hochgefährliche Diskurse auch von Pseudowissenschaftlern unterstützt, die unter dem Deckmantel der Intelligenzforschung eugenisches Gedankengut verbreiteten. Vom Gros der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihres Fachgebiets würden sie trotzdem nicht systematisch und nachhaltig kritisiert, moniert die Autorin: »Dass diese Leute sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben können, verdanken sie der Toleranz einer Forschungsgemeinschaft ohne klare Standards für ihre Forschung.«

Künstliche Intelligenz als verstecktes Ideal gängiger IQ‑Tests?

Aber auch Elon Musk und andere libertäre Tech-Giganten aus dem Silicon Valley tragen gemäß der Autorin dazu bei, eine auch noch in anderer Hinsicht menschenfeindliche Vorstellung von Intelligenz zu forcieren: »Fetischisiert wird nicht nur die Intelligenz der dort aktiven Menschen. Auch die Intelligenz der dort entwickelten Technologien wird zum Fetisch«, kritisiert Gisela Schmalz. Das gesamte Konzept der IQ-Messungen müsse daher dringend überdacht werden: »Dass Maschinen überhaupt per IQ‑Test testbar sind, entlarvt, dass das den Standard-IQ‑Tests zugrunde liegende Intelligenzkonzept mehr einer künstlichen als einer menschlichen Intelligenz entspricht.«

Die Autorin plädiert dafür, den Intelligenzbegriff wieder am Menschen auszurichten – und die Perspektive der Philosophie stärker in diesen Diskurs einzubeziehen. Demnach könnte eine philosophische Definition lauten: »Intelligenz ist das, was Menschen nach dem Warum fragen lässt.« Dieser Vorschlag überzeugt als Alternative zu rein psychometrischen Intelligenzkonzepten, auch wenn Gisela Schmalz in ihm die Bedeutung von Emotionen für ein alternatives Verständnis von Intelligenz ebenfalls vernachlässigt.

Trotz einiger Ungenauigkeiten und Redundanzen gelingt es der Autorin, anhand vieler Details zu belegen, wie tief der vorherrschende Intelligenzdiskurs mit neoliberalen und mitunter gar rechtsextremen Denkmustern verwoben ist. »Fetisch Intelligenz« ist eine Streitschrift, die aktuelle gesellschaftliche Prämissen gleich auf mehreren Ebenen nachhaltig infrage stellt.

Mittwoch, 26. August 2026

Auf meine Identität...

                                     zu öffentliche Angelegenheiten

... kann jeder pfeifen, dem seine eigne wichtiger ist. Und das sind die meisten.
Jeder sei Ausländer, sagen die Woken: fast überall. Aber sie denken es nicht zuende. 

 

 

Dienstag, 25. August 2026

Können Frauen besser mulitasken?

  
aus scinexx.de, 24. August 2026,                                                                                         zu Männlich

Deshalb erscheinen Frauen beim Multitasking oft besser als Männer
Gesprächsaufgabe prägt den Eindruck von Leistung
 
Ein hartnäckiges Klischee bekommt eine überraschende Wendung: Männer und Frauen schnitten in vier von fünf alltagsnahen Multitasking-Aufgaben ähnlich ab. Nur beim gleichzeitigen Gespräch ließen Männer deutlich mehr Fragen unbeantwortet. Genau dieser Unterschied hing damit zusammen, wie Außenstehende ihre gesamte Leistung einschätzten, obwohl die übrigen Aufgaben keine signifikanten Geschlechtsunterschiede zeigten.

Uxbridge (England). Im Alltag bedeutet Multitasking oft, mehrere Anforderungen in kurzer Folge zu bewältigen. Doch unser Gehirn kann nur begrenzt mehrere anspruchsvolle Prozesse gleichzeitig abarbeiten, wie auch Experimente zu den Grenzen des Multitaskings zeigen. Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, Frauen seien darin grundsätzlich besser als Männer. Frühere Studien lieferten dazu jedoch nur kleine und widersprüchliche Unterschiede.

Auch eine frühere Untersuchung zu Geschlechtsunterschieden beim Multitasking deutete bereits darauf hin, dass das Ergebnis stark von der jeweiligen Aufgabe abhängen könnte. Forscher der Brunel University of London (BUL) um Dr. André J. Szameitat haben deshalb nun ein komplexeres Szenario entwickelt, das typische Alltagsanforderungen stärker nachbildet als klassische Tests am Computer.

Fünf Aufgaben gleichzeitig im Blick

Für den ersten Versuch wertete das Team Daten von 37 Frauen und 41 Männern aus. Zehn Minuten lang mussten die Testpersonen eine Kochaufgabe bearbeiten, Telefonnummern suchen, Zahlen und Buchstaben zuordnen sowie bestimmte Wörter auf einem Bildschirm überwachen. Zusätzlich ertönte alle 20 Sekunden eine Frage, auf die sie ausführlich antworten sollten. Die Aufgaben waren auf drei Tische verteilt, sodass die Teilnehmer dabei auch durch den Raum laufen mussten.

Gleichzeitig erhöhte das Team schrittweise den Zeitdruck. Anfangs klingelte ein Küchentimer alle 90 Sekunden, später verkürzte sich das Intervall bis auf 30 Sekunden. Damit sollte das Experiment nicht nur parallele geistige Anforderungen erzeugen, sondern auch das Wechseln zwischen verschiedenen Tätigkeiten unter zunehmender Belastung abbilden.

Mehr als doppelt so viele Fragen bleiben offen

In vier der fünf Aufgaben fanden die Forscher keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Anders sah es beim Gespräch aus: Frauen beantworteten im Mittel 24,76 von 28 Fragen, Männer 20,24. Damit ließen die Frauen 11,6 Prozent der Fragen unbeantwortet, bei den Männern waren es 27,7 Prozent. Der Unterschied blieb auch nach Korrektur für die fünf Aufgaben signifikant und erreichte eine Effektgröße von Cohens d = 0,61.

Entscheidend ist dabei, was der Befund nicht zeigt. Wenn Männer eine Frage beantworteten, unterschieden sich weder Qualität noch Verzögerung bis zum Antwortbeginn signifikant von denen der Frauen. Auch in den Koch-, Such-, Zuordnungs- und Überwachungsaufgaben schnitten beide Gruppen vergleichbar ab. Es geht demnach nicht um eine allgemeine Überlegenheit beim Multitasking, sondern um einen spezifischen Unterschied im Gesprächsverhalten unter Mehrfachbelastung.

„Warum Männer die Gesprächsaufgabe häufiger unbeantwortet ließen als Frauen, ist unklar“, schreiben André J. Szameitat und seine Co-Autorin Dr. Diana P. Szameitat von der City St George’s, University of London.

Denkbar ist etwa, dass Männer die Fragen häufiger überhörten, weil ihre Aufmerksamkeit stärker von den anderen Aufgaben gebunden war. Ebenso könnten sie bewusst darauf verzichtet haben zu antworten und dem Gespräch eine geringere Priorität gegeben haben. Welche Erklärung zutrifft, hat die Studie nicht untersucht.

Schweigen hängt mit dem Gesamteindruck zusammen

Im zweiten Teil wollten die Forscher wissen, ob dieser Unterschied für Außenstehende überhaupt sichtbar ist. Dazu sahen 160 Beobachter jeweils 75 Sekunden lange Videoausschnitte aus dem ersten Experiment. Die Hälfte der Ausschnitte stammte aus einer Phase mit niedrigem, die andere aus einer Phase mit hohem Zeitdruck. Die Beobachter wussten zunächst nichts von der eigentlichen Forschungsfrage.

Dennoch bewerteten sie Frauen in sechs von sieben Merkmalen positiver. Diese wirkten unter anderem stärker in Kontrolle, leistungsfähiger, aufmerksamer und engagierter. Mit steigendem Zeitdruck nahm der Eindruck von Kontrolle und Leistung bei Männern zudem stärker ab. Beim Stress zeigte sich dagegen kein genereller Geschlechtsunterschied. Unter hohem Zeitdruck erschienen Männer jedoch gestresster als in ihren eigenen Aufnahmen mit niedrigerem Zeitdruck, während sich diese Veränderung bei Frauen nicht zeigte.

Besonders aufschlussreich waren die Zusammenhänge mit der Gesprächsleistung. Wer mehr Fragen beantwortete, wurde deutlich häufiger als kontrollierter und leistungsfähiger eingeschätzt. Für die vier anderen Aufgaben fanden sich solche signifikanten Zusammenhänge nicht. Selbst bei den 52 Beobachtern, die Männer und Frauen ausdrücklich für gleich gute Multitasker hielten, blieb das grundsätzliche Bewertungsmuster bestehen.

Das spricht dafür, dass ausgerechnet die gut sichtbare Kommunikation den Gesamteindruck stark färbt. Die Korrelation beweist allerdings nicht, dass das häufigere Schweigen die Bewertungen verursacht hat. Die Autoren sehen darin dennoch einen möglichen Baustein für die Entstehung des verbreiteten Klischees, Frauen könnten besser multitasken.

Noch kein echtes Alltagsgespräch

Die Ergebnisse haben Grenzen. Die erste Stichprobe blieb wegen der Covid-Pandemie kleiner als ursprünglich geplant. Die Testpersonen der ersten Studie waren im Mittel rund 23 Jahre alt und wurden lokal auf dem Brunel-Campus rekrutiert. Zudem bestand die Gesprächsaufgabe aus aufgezeichneten Fragen und nicht aus einem echten Dialog mit spontanen Antworten und wechselnden Gesprächsrollen. Ob sich derselbe Unterschied im Berufs- oder Familienalltag zeigt, muss daher erst weitere Forschung klären. 

Quellen:


Nota. - Vielleicht unterschieden Männer öfter, welches Thema sie für wichtig und welches sie für weniger wichtig hielten? Oder vielleicht auch, zu welchem Thema sie etwas zu sagen hatten, und zu welchem nicht?

Is' nur sone Idee.

JE 

Montag, 24. August 2026

Tätigkeit ist die eigentliche Realität.

Courbet, Holzfäller                                                  aus Philosophierungen

Tätigkeit ist die eigentliche Realität. (Weder Gegenstand noch Zustand sind allein rein zu denken. Durchs Reflektieren mischt sich das Entgegengesetzte hinein und selbst schon durchs Streben – Begehren – denn beides sind identische Handlungen. Der Begriff der Identität muss den Begriff der Tätigkeit enthalten – des Wechsels in sich selber. Zwei Zusammengesetzte sind die höchste Sphäre, zu der wir uns erhe-ben können.
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Novalis, "Fichte-Studien", in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 83

 

Sonntag, 23. August 2026

Die Magdalenen-Flut - ein Jahrtausendereignis.

Immer wieder brachten Hochwasser, wie hier im 17. Jahrhundert in den Niederlanden, Zerstörungen – die Magdalenenflut war besonders verheerend 
aus welt.de, 22. 8. 2026  Hochwasser, wie hier im 17. Jahrhundert in den Niederlanden     zu öffentliche Angelegenheiten
     
Jahrtausend-Ereignis
„Enorme Verluste, Tausende Tote“ – als die Magdalenenflut durch Europas Flüsse schoss
Die Magdalenenflut 1342 gilt als Jahrtausend-Ereignis. Forscher sehen das verheerende Hochwasser in Mitteleuropa mittlerweile als Teil einer dramatischen Serie von Überschwemmungen. Die Katastrophe wirkt bis heute nach.

Zerstörte Brücken, verwüstete Siedlungen, Ernteausfälle, Hunger: Die Magdalenenflut vom Juli 1342 gilt als das schwerste Hochwasser Mitteleuropas im vergangenen Jahrtausend – mit Rekordpegelständen an vielen Flüssen wie Rhein und Main. „Das Ausmaß der Überschwemmungen ging weit darüber hinaus, was wir heute kennen“, sagt der Historiker Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig.

Jetzt hat ein internationales Forschungsteam im Fachjournal „Nature“ das damalige Geschehen rekonstruiert – mit überraschendem Befund. Demnach ist das Extremhochwasser im Mittelalter zwar bis heute beispiellos, aber es war kein Einzelereignis.

Vielmehr bildete es den besonders verheerenden Höhepunkt einer Reihe von insgesamt 16 Hochwasserereignissen über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren. Und: Die Katastrophenserie leitete den Beginn des modernen Hochwasserschutzes ein.

Säule zur Erinnerung an historische Weser Hochwasser in Hameln, Niedersachsen, Deutschland, Europa | Memorial stone for historic Weser floods in Hamelin, Lower Saxony, Germany, Europe
Diese Säule in Hameln (Niedersachsen) erinnert an das Hochwasser der Weser

Möglich wurde die detaillierte Rekonstruktion durch das Zusammentragen von mehr als 1000 zeitgenössischen Dokumenten. „Wir können Monat für Monat rekonstruieren, wann welche Gegenden Europas betroffen waren“, sagt Erstautorin Andrea Kiss von der Technischen Universität (TU) Wien. 

„So sieht man ganz klar: Wie eine Perlenkette zieht sich eine Serie von Hochwasserereignissen durch die Jahre 1341 bis 1343“, sagt Kiss. „Nicht alle gleich verheerend, nicht alle am selben Ort, aber doch alle in einem klar erkennbaren Zusammenhang.“

Bisher lag der öffentliche Fokus auf jenem Hochwasser, das auf die Zeit um den St.-Magdalenentag am 22. Juli 1342 fiel. „In Mitteleuropa gilt die Magdalenenflut üblicherweise als die größte Flut des vergangenen Jahrtausends und als schlimmstes Erosionsereignis während des Holozäns“, schreibt das Team unter Verweis auf die enorme Menge an abgetragenem Bodenmaterial, die für die vergangenen etwa 12.000 Jahre beispiellos ist.

Zentrum der Niederschläge waren damals Süddeutschland, Österreich und die Schweiz, wie Co-Autor Bauch erläutert. Doch spürbar waren die Auswirkungen weit darüber hinaus – entlang der großen Abflüsse von Rhône, Rhein, Weser und Elbe bis nach Schlesien. „In Würzburg stand das Wasser auf den Stufen des mittelalterlichen Doms, in Frankfurt waren Kirchen überflutet“, beschreibt Bauch das verheerende Geschehen. „Solche Wasserstände gab es seitdem nicht mehr.“

Verursacht wurde die Katastrophe vermutlich durch eine sogenannte Vb-Wetterlage, bei der feuchte Luftmassen vom Mittelmeerraum nach Mitteleuropa geleitet werden und sich dort abregnen. „Die Verluste waren enorm, mit Tausenden Toten. Die meisten Brücken und Siedlungen entlang der Hauptflüsse waren zerstört, und die landwirtschaftlichen Schäden verursachten eine Hungersnot“, schreibt das Autorenteam.

Doch die Analyse verschiedenster Dokumente aus jener Zeit – etwa Chroniken, Rechnungsbücher, Urkunden und Briefe – zeigt die Flut nun in einem größeren Zusammenhang. Die Zahl der ausgewerteten Dokumente entspricht nach Angaben von Studienleiter Günter Blöschl von der TU Wien etwa dem Zehnfachen der in früheren Studien verwendeten Quellen. Diese enorme Datenmenge hat eine hohe zeitliche Auflösung der Ereignisse ermöglicht.

Abrupte Schneeschmelze ließ Flüsse enorm anschwellen

Demnach gab es von Ende 1341 bis Herbst 1343 insgesamt 16 große Hochwasserereignisse in Europa. 1342 war das Jahr mit der größten Anzahl von Überschwemmungen auf dem Kontinent während der vergangenen 700 Jahre. Das Folgejahr 1343 liegt auf Platz 3 dieser Liste.

Bereits der Herbst 1341 war ausgesprochen feucht; Überflutungen trafen im November und Dezember das östliche Mitteleuropa sowie Teile von Südosteuropa. Darauf folgte ein schneereicher Winter mit einer abrupten Schneeschmelze, die im Februar 1342 die Flüsse enorm anschwellen ließ.

Von diesem sogenannten Lichtmess-Hochwasser – benannt nach dem christlichen Fest – waren insbesondere die Einzugsbereiche von Donau und Elbe betroffen. In Prag zerstörte das Hochwasser die aus dem 12. Jahrhundert stammende steinerne Judithbrücke über die Moldau – die Vorgängerin der heutigen Karlsbrücke.

Nach mehreren weiteren Hochwassern im Frühjahr traf dann die Magdalenenflut weite Teile des heutigen Deutschlands. „Die Magdalenenflut zerstörte die meisten Siedlungen und alle Brücken, Straßen und Mühlen entlang des Mittelrheins, Mains und ihrer Zuflüsse“, schreiben die Forscher. Ein Jahr später – im Juli und August 1343 – hatten die Jakobs- und die Bartholomäusflut einen ähnlichen Effekt am Rhein zwischen Schaffhausen und Basel.

An der Elbe ließen die Wassermassen in jenen Jahren die Brücken in Dresden und Meißen einstürzen, in Thüringen rissen sie in Erfurt die Übergänge über die Gera und bei Vacha, Meiningen und Eisenach die Brücken über die Werra fort. In der Lausitz zerstörten sie die Spreebrücke in Bautzen.

„Während dieser zwei Jahre wurden die Brücken über die europäischen Hauptflüsse beschädigt, und Straßen waren auf kontinentaler Ebene gestört, was fundamentale Auswirkungen auf die europäischen Transport- und Reisemöglichkeiten hatte“, schreibt das Team. Dies hatte steigende Lebensmittelpreise zur Folge und eine Hungersnot, vor allem in Süddeutschland, der Schweiz und Österreich.

Gerade die Häufung dieser Ereignisse in der dicht besiedelten Region sorgte für enorme Verunsicherung. So passierte der Scheitel des größten Hochwassers Frankfurt am 20. Juli 1342, zwei Tage vor dem Magdalenentag. Die Fluten ließen die steinerne Brücke – damals die einzige Frankfurter Brücke über den Main – einstürzen, erzählt Co-Autor Bauch.

Danach zogen jährliche Bußprozessionen fast 200 Jahre lang – bis zur Reformation – entlang der damals überfluteten Kirchen. „Die Route war eine topografische Visualisierung des Überflutungsgebietes“, sagt Bauch.

Zwar sahen viele Menschen die Fluten als Strafe Gottes. Doch gleichzeitig wappnete man sich gezielt gegen solche Gefahren: Nun wurden große Brücken – etwa in Dresden und Säckingen – zumindest teilweise aus Stein errichtet und verstärkt. Die Prager Karlsbrücke, deren Vorläuferin im Februar 1342 zerstört worden war, wurde mit eisbrechenden Pfeilern versehen.

Die Stadtmauer etwa von Straßburg wurde gezielt gegen Hochwasser befestigt, der Niederrhein wurde bei Kleve durch kollektive Arbeiten eingedeicht. Der gewundene Lauf der Donau wurde am niederbayerischen Kloster Oberalteich bei Straubing mit einem Durchstich begradigt, um den Fluss auf Abstand zu halten.

Dies könne man durchaus als Beginn des modernen Hochwasserschutzes betrachten, sagt Blöschl. „Siedlungen werden nicht nach einem einzelnen Hochwasser aufgegeben“, erläutert der Wiener Hydrologe. „Es waren die Mehrfachereignisse, die zu einem Umdenken im Hochwassermanagement geführt haben.“

Zwar habe es auch in der jüngeren Geschichte Überschwemmungen in Mitteleuropa durch Vb-Wetterlagen gegeben, schreibt das Team und nennt unter anderem die Jahre 1999 und 2005. „Allerdings war die räumliche Ausdehnung der Magdalenenflut viel größer als bei den jüngeren Überschwemmungen.“

Die Flutjahre 1342 und 1343 seien so außergewöhnlich, als ob die großen europäischen Hochwasserereignisse von 1999, 2002, 2005, 2006 und 2013 sowie ein Dutzend anderer Überschwemmungen in weniger als zwei Jahren aufgetreten wären.

Die Illustration aus dem Jahr 1888 zeigt den aktiven Hekla Vulkan
Die Illustration aus dem Jahr 1888 zeigt den aktiven Hekla Vulkan

Zur Ursache der gehäuften Hochwasser stellt das Forschungsteam Vermutungen an: Ein Faktor könnten etliche Vulkanausbrüche um 1340 gewesen sein, heißt es unter Verweis auf das Global Volcanism Programm (GVP) der US-amerikanischen Smithsonian Institution.

Fünf der acht dort für den Zeitraum 1340/41 gelisteten außertropischen Eruptionen entfallen auf Island, darunter die des Vulkans Hekla im Mai/Juni 1341. Möglicherweise könne der Ausstoß von schwefelhaltigen Aerosolen in die Stratosphäre eine starke Klimareaktion auf der Nordhalbkugel hervorgerufen und zu Abkühlung beigetragen haben, mutmaßt das Team.

Ein weiterer möglicher Faktor könne die geringe Meereisbedeckung in der Arktis seit den 1330er Jahren gewesen sein. Dies könne durch die fehlende Albedo die Temperatur an der Meeresoberfläche erhöht und so zu stärkeren Niederschlägen beigetragen haben, heißt es weiter. Diese Kombination, so Blöschl, habe vermutlich entscheidend zu der Häufung der Hochwasser beigetragen.

„Das ist die wahrscheinlichste Erklärung, die wir finden konnten“, betont er. „Ganz sicher lässt sich das zwar nicht sagen – doch die neuen Erkenntnisse bringen uns dem Verständnis dieser außergewöhnlichen Serie ein gutes Stück näher.“

Als Konsequenz aus der Analyse plädiert das Team dafür, Sequenzen mehrerer Extremhochwasser binnen weniger Monate im heutigen Risikomanagement stärker zu berücksichtigen, zumal der Klimawandel Häufungen von Überschwemmungen künftig wahrscheinlicher mache.

Überraschend ist, dass von den vielen Hochwassern nur die Magdalenenflut in der öffentlichen Aufmerksamkeit überlebt habe. „Die Magdalenenflut ist bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent, weil sie mit Hochwassermarken und Gedenktafeln festgehalten wurde, aber auch durch jährlich wiederholte Bittprozessionen“, sagt Bauch. „Dass sie nur ein Ereignis in einer ganzen Kette von Katastrophen war, ist über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten.“

Dazu könnte auch beigetragen haben, dass die größte Katastrophe des 14. Jahrhunderts damals unmittelbar folgte: Wenige Jahre nach der Flut brach die Pest aus. Der Schwarze Tod war in Europa die schwerste Seuchenwelle des vergangenen Jahrtausends.

Walter Willems, dpa/dia

 

Freitag, 21. August 2026

L'art pour l'art.

zu Geschmackssachen

Mit der Kunst ist es wie mit jeder produktiven Tätigkeit: Wenn man sie nicht als Selbstzweck betreibt, wird nichts draus. 

Von Kandinsky heißt es, er habe über Sinn und Zweck der Kunst manch esoteri-schen Schwulst geschrieben. Ich habe das nie gelesen. Was der Künstler über sein Werk sagt, ist diskursiv zu beurteilen, wenn man sich für sowas interessiert, aber nicht ästhetisch.  
28. 2. 20 

Blog-Archiv

Der Leopardenreiter von Karahantepe.

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