Der Ausbau der Ganztagsbetreuung [!] im Südwesten soll zu
einem höheren Arbeitsvolumen von Frauen, mehr Bildungsgerechtigkeit und
Wirtschafts-wachstum führen. Doch was wollen eigentlich Kinder?
aus derStandard.at, 8. 7. 2026 Nachbildungen eines Schädels von Homo habilis (rechts) sowie eines
frühen Homo sapiens. zuJochen Ebmeiers Realien
Gehirn und Gesicht
Die menschliche Evolution verlief zum Teil anders als bisher angenommen
Eine Analyse von 87
Homo-Fossilien deutet an, dass das Wachstum des Gehirns und die
Verkleinerung des Gesichts weniger auf gerichtete Selektion zurückgehen
als auf neutrale Prozesse
von Thomas Bergmayr
Zwei entscheidende Trends prägen die Geschichte der Gattung Homo. Das
Gehirn wurde größer, das Gesicht dagegen kleiner, Kiefer und Wangen
weniger massiv. In der Fachwelt gilt beides als Musterbeispiel für
gerichtete natürliche Selektion: Größere Gehirne brachten kognitive
Vorteile, kleinere Gesichter senkten den Energieaufwand, weil Werkzeuge
und Nahrungsverarbeitung dem Kauapparat Arbeit abnahmen. Eine aktuelle
Studie stellt diese Annahmen zur menschlichen Evolution nun aber
infrage.
Mark Hubbe von der University of Tennessee in Knoxville und Katerina Harvati
vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment
(Universität Tübingen) haben geprüft, wie gut die anatomischen
Veränderungen zu verschiedenen Evolutionsmodellen passen. "Unsere
Analysen bestätigen zwar die bekannten evolutionären Trends des
Wachstums des Hirnschädels und der Reduktion des Gesichts, zeigen
jedoch, dass die Unterschiede innerhalb unserer Gattung deutlich besser
durch neutrale evolutionäre Prozesse und lange Phasen evolutionärer
Stasis erklärt werden können", sagt Hubbe.
Entscheidende Verhaltensänderungen
Die
Gattung Homo entstand vor rund 2,5 Millionen Jahren, ihr einziger heute
noch lebender Vertreter ist der moderne Mensch. Mit wenigen Ausnahmen
wuchs bei den verschiedenen Arten das Gehirn, während Gesicht und Kiefer
an Größe und Robustheit einbüßten. Parallel dazu änderte sich das
Verhalten: Steinwerkzeuge kamen zum Einsatz, die Ernährung wurde
vielfältiger, die Populationen dehnten sich über weitere Regionen aus,
und vermutlich entstanden komplexere soziale Gefüge.
Vor allem diese Verhaltensänderungen galten lange als Motor der
körperlichen Umformung. Größere Gehirne wurden begünstigt, weil sie
Erfindungsreichtum und Kreativität förderten; kleinere Gesichter, weil
sich der Aufwand fürs Kauen nicht mehr lohnte. Mit anderen Worten: Ein
stetiger, gerichteter Druck verlieh unserer Art ihre heutige Gestalt.
Neutrale Evolution und Stillstand
Um
die Annahme zu prüfen, griffen Hubbe und Harvati auf dreidimensionale
Schädelvermessungen von 87 Fossilien der Gattung Homo zurück. Vertreten
sind frühe Formen wie Homo habilis und Homo rudolfensis, dazu Homo
erectus und Homo heidelbergensis, Neandertaler sowie frühe und heutige
Populationen von Homo sapiens. Der Datensatz erfasst einen großen Teil
der gut erhaltenen Homininenfossilien der vergangenen zwei Millionen
Jahre.
Diese Gebeine verglichen die Forschenden mit sechs
Evolutionsmodellen, um zu bestimmen, welches die beobachteten
Veränderungen am wahrscheinlichsten erklärt. Neben der gerichteten
Selektion prüften sie neutrale Evolution, in der sich Merkmale
ungerichtet verschieben, sowie längere Phasen kaum wahrnehmbarer
Veränderung. Getestet wurde auch das Modell des punktuierten
Gleichgewichts: die Annahme, dass Arten über lange Zeit stabil bleiben
und sich nur in kurzen Schüben rasch verändern.
Nach Ansicht der Forschenden spielen bei der Schädelentwicklung
der Gattung Homo genetische Drift und stabilisierende Selektion die
Hauptrollen.
Drei Arten von Bedingungen
Die im Fachjournal Nature Communications vorgestellten Resultate
waren für die Forschenden eine Überraschung: Für die allmähliche,
gerichtete Selektion fanden sich nur schwache Belege. Deutlich besser
passten neutrale Prozesse und Stasis, also lange Abschnitte, in denen
sich am Bauplan wenig bewegte. Wenn der Normalzustand eher Beharrung als
gerichtete Selektion ist, stellt sich die Frage, warum sich diese
Beharrung löste. Denn die großen Schübe der Gehirnvergrößerung fielen
den Analysen zufolge vermutlich in Zeiten, in denen die einschränkenden
Faktoren vorübergehend nachließen.
Solche Phasen ordnet das Team vor allem drei Arten von Bedingungen
zu: der Entwicklungsbiologie, dem Energie- und Stoffwechselhaushalt
sowie der kulturellen Innovation. Der letzte Punkt sei der
entscheidende. "Kultur wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein Puffer: Sie
ermöglicht es uns, neue Lebensräume zu nutzen und mehr Ressourcen zu
erschließen. Dadurch wird der Druck auf bestimmte Körperstrukturen
geringer, weil sie weniger stark an Umweltbedingungen angepasst sein
müssen", sagt Hubbe.
Ein größeres Gehirn verlangt viel Energie, und ohne verlässliche,
nahrhafte Versorgung lässt sich der Aufwand kaum stemmen. Die Kultur,
also die stärkere Nutzung tierischer Ressourcen und das Kochen, das den
Nährwert vieler Speisen erhöht, kann den erhöhten Bedarf jedoch decken.
Phasen technologischer und kultureller Neuerung, so Hubbe, könnten
deshalb rasche Veränderungen anstoßen, weil sie es den Vorfahren
erlaubten, den Energiehunger größerer Gehirne zu stillen und deren
kognitive Vorteile auszuschöpfen.
Schwerpunktverlagerung
Auffällig
sind die Unterschiede zwischen den beiden späten Linien. Bei den
Neandertalern blieb die Gesichtsform über lange Zeiträume stärker durch
evolutionäre Einschränkungen geprägt. Das Gesicht des modernen Menschen
dagegen fiel deutlich kleiner aus als das anderer Linien. Womöglich
hingen auch diese späten Veränderungen mit tiefgreifenden Verschiebungen
im Verhalten zusammen, die mit dem Auftreten unserer Art einhergingen.
"Unsere Ergebnisse verlagern den Schwerpunkt", erklärt Harvati.
"Statt zu fragen, warum sich Menschen kontinuierlich in Richtung
größerer Gehirne und kleinerer Gesichter entwickelt haben, wäre es
sinnvoller zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sich menschliche
Populationen von bestehenden Einschränkungen lösen und neue Merkmale
entwickeln konnten."
aus derStandard.at, 9. 7. 2026Eine Seite aus einer deutschen Abschrift des Rolandslieds aus dem
späten 12. Jahrhundert. Der mittelalterliche Klassiker entstand Ende des
11. Jahrhunderts in der Normandie und hat sich dank zahlreicher
Abschriften gut erhalten. zuJochen Ebmeiers Realien
Lücken der Überlieferung
Mehr als die Hälfte aller Texte des Mittelalters könnten verschwunden sein
Forschende haben
mit neuen Methoden untersucht, wie viele mittelalterliche Manuskripte
verloren gegangen sein dürften – und kommen auf erstaunlich hohe Zahlen
von Klaus Taschwer
Was wir über die Antike und das Mittelalter wissen, verdanken wir
einer winzigen Auswahl von Texten, die die Jahrhunderte überstanden
haben. Werke wie das Gilgamesch-Epos, Homers Odyssee oder die
Geschichten um König Artus erscheinen heute als feste Bestandteile des
kulturellen Erbes. Doch sie könnten ebenso gut verschwunden sein. Eine
neue Studie zeigt nun, wie stark der Zufall darüber entschieden hat,
welche Schriften bis heute überlebt haben – und welche für immer
verloren gingen.
Ein französisches Forscherteam um den Mediävisten Jean-Baptiste Camps
(Université Paris), einen Spezialisten für den Einsatz von digitalen
Textanalysen, hat den Weg mittelalterlicher Handschriften mit Methoden
der Komplexitätsforschung untersucht. Das Ergebnis, publiziert am Dienstag im Fachblatt PNAS Nexus,
ist erstaunlich: Bis zu 60 Prozent aller einst existierenden Texte
könnten vollständig verschwunden sein. Noch dramatischer ist der Verlust
einzelner Handschriften. Von ihnen könnten mehr als 95 Prozent
vernichtet worden sein.
Kopien mit Fehlern
Vor der Erfindung
des Buchdrucks war jeder Text ein Unikat. Wollte sich ein Werk
verbreiten, musste es von Hand abgeschrieben werden. Ein Schreiber
fertigte eine Kopie an, von der wiederum weitere Kopien entstanden. Jede
Abschrift brachte neue Fehler, Korrekturen oder bewusste Änderungen mit
sich. Gleichzeitig gingen Handschriften durch Brände, Feuchtigkeit,
Kriege, Materialverschleiß oder schlichte Gleichgültigkeit verloren. Das
Schicksal eines Textes hing davon ab, ob er oft genug kopiert wurde, um
das Verschwinden einzelner Exemplare zu überstehen.
Philologen rekonstruieren diese Überlieferung seit mehr als hundert
Jahren mithilfe sogenannter Stemmata – Stammbäumen von Handschriften.
Ähnlich wie in der Evolutionsbiologie Verwandtschaftsbeziehungen
zwischen Arten rekonstruiert werden, wird so nachvollzogen, welche
Handschrift von welcher Vorlage abstammt. Gemeinsame Schreibfehler oder
identische Veränderungen verraten dabei die Abstammungslinien.
Ein Handschriftenstammbaum für das Rolandslied.
Bislang fehlte jedoch ein allgemeines Modell dafür, wie solche
Überlieferungsprozesse tatsächlich ablaufen. Genau hier setzt die neue
Arbeit an. Die Forschenden um Jean-Baptiste Camp
verbinden historische Überlieferungsforschung mit mathematischen
Modellen und Computersimulationen. Grundlage ihrer Analysen sind rund
2000 mittelalterliche Handschriften aus einem Zeitraum von etwa vier
Jahrhunderten.
Die drei Wissenschafter behandeln die Verbreitung von Texten als
komplexes dynamisches System. Dabei spielen zwei gegenläufige Prozesse
die entscheidende Rolle: das Kopieren und das Verschwinden. Je häufiger
ein Manuskript abgeschrieben wird, desto größer werden die
Überlebenschancen des Textes. Gleichzeitig reduziert jede zerstörte
Handschrift die Wahrscheinlichkeit, dass ein Werk an spätere
Generationen weitergegeben wird.
Bemerkenswert ist, dass sich viele Eigenschaften historischer
Überlieferungen durch Zufallsprozesse erklären lassen. Die Autoren
sprechen von "Drift", einem Begriff aus der Evolutionsbiologie. Gemeint
ist, dass nicht unbedingt die qualitativ besten oder wichtigsten Werke
überleben, sondern oft jene, die zufällig häufiger kopiert wurden oder
günstige historische Umstände vorfanden. Kulturgeschichte erscheint
damit weniger als Ergebnis einer kontinuierlichen Auswahl der besten
Texte, sondern auch als Folge statistischer Zufälle.
Unausgewogene Stammbäume
Das
Modell reproduziert sogar ein Phänomen, das Handschriftenforschende seit
Jahrzehnten beschäftigt: die auffällige Unausgewogenheit vieler
Überlieferungsstammbäume. Manche Zweige einer Texttradition brachten
zahlreiche Nachkommen hervor, andere starben rasch aus. Über die
Ursachen dieser Asymmetrie wurde lange diskutiert. Nach den neuen
Berechnungen kann sie bereits aus den grundlegenden Prozessen des
Kopierens und Verlierens entstehen – ganz ohne besondere historische
Ereignisse.
Historische Katastrophen spielen dennoch eine wichtige Rolle. Das
Modell erlaubt es erstmals, deren Auswirkungen systematisch
einzubeziehen. So könnten Ereignisse wie die Pestepidemien im 14.
Jahrhundert, Klosterauflösungen, Kriege oder politische Umbrüche die
Überlieferung zusätzlich verzerrt haben, indem ganze Bibliotheken
vernichtet oder Regionen als Zentren des Abschreibens ausfielen.
Verzerrte Stichprobe
Die Ergebnisse
werfen auch ein neues Licht auf die Frage, wie repräsentativ unser
kulturelles Erbe überhaupt ist. Wenn tatsächlich mehr als die Hälfte
aller Texte vollständig verschwunden ist, dann beruht unser Bild
vergangener Gesellschaften auf einer äußerst kleinen und möglicherweise
verzerrten Stichprobe. Viele literarische Gattungen, wissenschaftliche
Abhandlungen oder religiöse Schriften könnten vollständig verloren
gegangen sein, ohne jemals Spuren in der heutigen Überlieferung zu
hinterlassen.
Das betrifft keineswegs nur mittelalterliche Literatur. Nach Ansicht
der Autoren lässt sich ihr Modell auf zahlreiche andere Bereiche
übertragen – von antiken Klassikern über Gesetzestexte und religiöse
Manuskripte bis hin zu wissenschaftlichen Schriften. Überall dort, wo
Texte über Generationen hinweg kopiert, verändert und teilweise
vernichtet wurden, wirken ähnliche Mechanismen.
Zufälle der Überlieferung
Die
Studie schlägt damit auch eine Brücke zwischen Geistes- und
Naturwissenschaften. Während Philologen seit langem einzelne
Handschriftentraditionen im Detail untersuchen, liefert die
Komplexitätsforschung nun einen theoretischen Rahmen, um allgemeine
Gesetzmäßigkeiten der kulturellen Überlieferung zu beschreiben. Statt
einzelne Verluste isoliert zu betrachten, wird sichtbar, wie aus
zahllosen Entscheidungen von Schreibern, Bibliothekaren und Leserinnen
über Jahrhunderte hinweg das kulturelle Gedächtnis Europas entstand.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist jedoch eine andere: Was
heute als literarischer Kanon gilt, ist nicht zwangsläufig das Beste
oder Bedeutendste, was frühere Gesellschaften hervorgebracht haben. Es
ist vielmehr das Ergebnis eines fragilen Überlieferungsprozesses, in dem
Zufall, historische Krisen und menschliche Entscheidungen darüber
bestimmten, welche Stimmen bis in die Gegenwart hörbar blieben – und
welche endgültig verstummten.
In christlichen Familien des Mittelalters wurden Kinder mit fremden Erwachsenen begraben
Eine Untersuchung
von Knochen aus Gräbern in Schweden ergab, dass gemeinsam begrabene
Kinder und Erwachsene nicht verwandt waren. Andere Faktoren waren
wichtiger
von Reinhard Kleindl
Genetische Untersuchungen sind zu einem unverzichtbaren Werkzeug der
Archäologie geworden, und immer öfter sorgen sie für Überraschungen,
etwa im Fall der Toten von Pompeji, bei denen etwa die Mitglieder einer
scheinbar gemeinsam verstorbenen Familie doch nicht verwandt waren.
Ein ähnlich verblüffendes Ergebnis liefert nun eine neue Studie im Fachjournal Science Advances.
Ein schwedisches Forschungsteam untersuchte dafür 142 Tote, darunter
mehr als 60 Kinder, aus Gräbern der späten Wikingerzeit und des
Mittelalters, die in der Nähe von Stockholm, Jämtland und Skåne gefunden
wurden. Anzunehmen wäre eigentlich, dass die Erwachsenen, die neben
Kindern in denselben Gräbern gefunden wurden, ihre Eltern waren. "In den
meisten Fällen war das nicht das, was wir gefunden haben", sagt
Studien-Erstautorin Maja Krzewińska von der Universität Stockholm.
Der Forscher Oscar Nilsson macht hier ein Bild von der Frau Nummer 56, in deren Grab Muschelschalen gefunden wurden
Verwandtschaft wenig entscheidend
Diese
Erkenntnis wirft ein neues Licht auf christliche Traditionen im
mittelalterlichen Skandinavien. Das Christentum verbreitete sich im
späten 10. und im 11. Jahrhundert in Skandinavien. Wie auch sonst im
christlichen Europa konnten nur getaufte Kinder christlich bestattet
werden. Bei den Gräbern, aus denen sich ausreichend gutes Genmaterial
gewinnen ließ, enthielten nur zwölf Prozent Eltern und ihre Kinder. Die
Toten in gemeinsamen Gräbern wurden meist zur gleichen Zeit bestattet.
Einen Hinweis auf die Gründe für die Trennung von Eltern und Kindern
könnte ein anderes Detail geben. Auffällig ist nämlich, dass oft Männer
mit Burschen und Frauen mit Mädchen bestattet wurden. Generell fanden
sich Gräber von Männern und Frauen auf dem Friedhof von Västerhus an
gegenüberliegenden Seiten der Kirche. "Bestattungen von Erwachsenen und
Kindern desselben Geschlechts ohne enge biologische Verwandtschaft waren
im frühchristlichen Kontext besonders häufig. Buben und Mädchen wurden
oft auf derselben Seite des Friedhofs beigesetzt wie Erwachsene
desselben Geschlechts", heißt es in der Studie.
Rund um die Kirche von Västerhus wurden unzählige Gräber freigelegt.
Erwachsenen gleichgestellt
Womöglich
war die Nähe der Kinder zu ihren direkten Verwandten also weniger
wichtig für den Ort der Bestattung als ihr Geschlecht. "Die Kinder
wurden nicht als eigene Kategorie behandelt. Im Tod scheinen sie nach
denselben sozialen und religiösen Grundsätzen behandelt worden zu sein
wie erwachsene Männer und Frauen", sagt Studienautor Anders Götherström
von der Universität Stockholm.
Grabbeigaben wurden, wie bei solchen christlichen Bestattungen
üblich, kaum gefunden. Eine Ausnahme bildet eine Frau, die zwei
Muschelschalen bei sich hatte. Das deutet laut den Forschenden auf eine
Wallfahrt nach Santiago de Compostela hin, die sie vor ihrem Tod im 30.
Lebensjahr vollendete. Bei ihr ließ sich ein guter Teil der
Verwandtschaft inklusive ihres Bruders, ihrer Eltern und zweier Töchter
identifizieren.
Eine Frau hatte diese Muschel aus Santiago di Compostela bei sich.
Komplexe Haushalte
Diese Praktiken
dürften an vorchristliche Traditionen anschließen. Große Familien, die
nicht nur auf Verwandtschaftsbeziehungen begründet waren, waren in
Skandinavien schon vor der Verbreitung des Christentums üblich. Zu den
Haushalten gehörten neben Verwandten aus dem weiteren Familienkreis auch
Bedienstete oder Sklaven. Der Einfluss des Christentums veränderte das
zum Teil, aber es gab weiterhin wichtige nicht-biologische Beziehungen
wie Pflegeverhältnisse, Konkubinat, Lehrverhältnisse und
Freundschaftsbündnisse. Dazu kam, dass auch uneheliche Kinder erben
konnten. Das Verhältnis zwischen biologischer Verwandtschaft und
sozialer Zugehörigkeit wurde dadurch komplizierter, wie es in der Studie
heißt. Die fehlenden Verwandtschaftsverhältnisse in den Gräbern
spiegeln das wider.
"Archäologen diskutieren schon seit langem über die Beziehungen
zwischen Menschen, die gemeinsam in dieser Art von Gräbern bestattet
wurden. Die alte DNA hat uns endlich das Werkzeug in die Hand gegeben,
auf das wir gewartet haben, um diese Interpretationen direkt zu
überprüfen", freut sich Studienautorin Anna Kjellström von der
Universität Stockholm.
In welchem genauen Verhältnis die gemeinsam begrabenen Personen
jeweils zueinander standen, klärt die Studie nicht. Jedenfalls scheinen
die Bestattungen nicht von enger Verwandtschaft, sondern von Haushalten,
erweiterten Verwandtschaftsgruppen oder lokalen Gemeinschaften bestimmt
worden zu sein, die sich an christliche Normen hielten, schreibt das
Autorenteam. Rein familiäre Überlegungen wurden so abgeschwächt oder
außer Kraft gesetzt.
aus FAZ.NET, 8. 7. 2026Interieur mit Frau am Klavier, Strandgade 30; 1901
Seine Bilder geben Rätsel auf
Vilhelm
Hammershøi malte enigmatische Interieurs, die den Surrealismus
vorwegnahmen – er selbst blieb aber wortkarg. Seine graue Moderne, die
jetzt in Zürich zu beschauen ist, fasziniert bis heute.
Der Begründer der Landschaftmalerei war gewissermaßen Claude Lorrain: Bei ihm sind die Figuren lediglich Vorwand, um die Landschaft selbst zum Gegenstand zu machen. Vermeer malte gar kein Landschaften, sondern Intérieurs, aber nicht so ty-pisiert, wie es nach späteren Übermalungen gelegentlich erscheint. Dagegen sehen seine Figuren meist aus wie ein Denkmal ihrer selbst, oder wie schockgefroren.
Bei Hammershøi sind die Figuren dann nicht einmal thematischer Vorwand, son-dern Teil der Komposition, und die Zimmerlandschaften sind kubistische Schemata im Lichtspiel. Eine Parodie des Wirklichen ist es wohl schon; aber eine ästhetische. JE
Wohnzimmer. Studie im Sonnenlicht 1906
Die Gebäude der asiatischen Kompanie, gesehen von der Sankt Annæ Gade, Kopenhagen, 1902
Das Innere der Kirche Santo Stefano Rotondo in Rom, 1902
aus derStandard.at, 5. 6. 2026 Heute wirkt Haughey's Fort im Norden Irlands aus der Luft ziemlich
unscheinbar. Vor 3000 Jahren jedoch befand sich an dieser Stelle eine
für damalige Verhältnisse gewaltige Siedlung.
3000 Jahre alte irische Stätte entpuppt sich als ältestes urbanes Zentrum Westeuropas
Ein unscheinbarer
Hügel bei Armagh galt als Vorstufe zur berühmten Königsstadt Navan Fort.
Neue Scans zeigen: Er war selbst schon eine bronzezeitliche Siedlung
von beachtlicher Größe
von Thomas Bergmayr
Die ersten echten Städte auf europäischem Boden entstanden im
östlichen Mittelmeerraum. Auf Kreta wuchsen die Vorstädte von Knossos
schon im zweiten Jahrtausend vor Christus zu einem dichten Gefüge aus
Palästen, Gassen und Werkstätten zusammen. Bis zu 80.000 Menschen sollen
dort zur Hochblüte der Kultur gelebt haben. Wenig später schwang sich
auf dem griechischen Festland Mykene empor. Beide gelten gemeinhin als
die Wiege urbanen Lebens in Europa.
In den letzten Jahren rückte jedoch auch Osteuropa in den Fokus der
Forschung, wenn es um stadtähnliche Zentren geht. Im heutigen Bulgarien
produzierte die Siedlung Provadia-Solnitsata schon ab 5600 v. Chr. Salz,
umgeben von Europas ältesten Steinmauern – ein Vorposten des
Wohlstands, lange bevor auf Kreta die ersten Paläste errichtet wurden.
Im Schwarzmeerraum wiederum, in der heutigen Ukraine, Moldawien und
Rumänien, wuchsen ab etwa 4100 v. Chr. die Megasiedlungen der
Cucuteni-Tripolje-Kultur: Protostädte mit bis zu 320 Hektar Fläche und
geschätzten 15.000 Einwohnern, älter als jede vergleichbare Ansammlung
in Mesopotamien. Urbane Siedlungen entstanden also mehrfach, an
verschiedenen Orten und aus unterschiedlichen Gründen.
Der Wallring unter dem Acker
Ein
Hillfort gilt gemeinhin nicht als Kandidat für diese Liste. Der Begriff
bezeichnet eine befestigte Anhöhe – vielleicht der Sitz eines
Häuptlings, möglicherweise auch ein Fluchtort oder bloß ein Gehege für
das Vieh einer Saison. Städte jedenfalls stellt man sich darunter nicht
vor.
Haughey's Fort, eine unscheinbare Ackererhebung bei Armagh in
Nordirland, musste sich lange mit dieser bescheidenen Rolle begnügen.
Sein Nachbar, das nur wenige hundert Meter entfernte Navan Fort, war
dagegen ein Star: Es war legendäre Hauptstadt von Ulster, Sitz
eisenzeitlicher Könige und Bühne frühmittelalterlicher Sagen. Haughey's
Fort lieferte dazu bloß die Vorgeschichte. Es bestand aus drei
konzentrischen Gräben, die in den 1980er- und 1990er-Jahren teilweise
freigelegt wurden.
Eine neue Studie im Fachjournal Antiquity
dreht die Verhältnisse nun um. James O'Driscoll von der University of
Glasgow und Patrick Gleeson von der Queen's University Belfast haben mit
Lidar, Magnetometrie, Bodenradar und einem zweiten Blick auf
jahrzehntealte Grabungsergebnisse eine Landschaft rekonstruiert, die weniger nach Festung aussieht als nach einem umfangreichen geplanten Zentrum.
Die Datierung steht dabei außer Zweifel: Ein Eichenbalken vom Grund
des inneren Grabens wurde zwischen 1152 und 1116 v. Chr. gefällt, die
Radiokarbondaten verorten Bau und Nutzung der Anlage auf etwa 1191 bis
1018 v. Chr.
Lidar- und Magnetometrie-Untersuchungen offenbarten an der Stätte ein umfangreiches proto-urbanes Zentrum.
204 Häuser
Die Magnetometrie zeichnet unter
dem heutigen Grasland ein enges Muster aus Gruben, Pfostenlöchern und
Zaunlinien nach. Augenfällig waren dabei 204 kreisförmige Anomalien, die
mit hoher Wahrscheinlichkeit auf hölzerne Wohnbauten zurückgehen. Die
meisten davon liegen dicht beieinander innerhalb der inneren Umwallung.
Ihre jeweiligen Durchmesser von sieben bis neun Metern entsprechen
gewöhnlichen bronzezeitlichen Wohnhäusern in Irland.
Drei Gebäude aber sprengen den Rahmen. Sie besitzen einen Durchmesser
von 22, 23 und 30 Metern und weisen zentrale Pfostenspuren auf, die auf
überdachte Konstruktionen hindeuten. Für Wohnhäuser oder Werkstätten
sind sie allerdings zu groß. O'Driscoll und Gleeson vermuten dahinter
institutionelle oder rituelle Versammlungsbauten – ein seltener Fund in
der bronzezeitlichen Archäologie Irlands und Großbritanniens, mit nur
einer bekannten Parallele im südwestirischen Glanbane.
Einzigartige Dimensionen
Ob
alle 204 Strukturen gleichzeitig bewohnt waren, lässt sich ohne
großflächige Grabung nicht sicher sagen. Doch die reihenartige Anordnung
mancher Gebäude spricht dafür. Auch die übrigen Funde passen ins Bild einer groß angelegten Siedlung.
Grabungen förderten verkohltes Getreide, Keramik, Bronze- und
Goldfragmente sowie Gussabfälle zutage. Letztere sind Belege für
spezialisierte Metallverarbeitung, möglicherweise samt lokal gefertigter
Kopien importierter Kontinentalware. "Unsere Forschung zeigt ein Ausmaß
an Größe, Organisation und Konnektivität im bronzezeitlichen Irland,
das bisher nicht vollends erkannt wurde", sagt O'Driscoll. "Im weiteren
westeuropäischen Kontext zählt Haughey's Fort damit zu den klarsten
Beispielen eines proto-urbanen Zentrums."
Die Ausgrabungen und Messungen legen nach Ansicht der Forschenden
nahe, dass in Haughey's Fort oben Produktion und Alltag vorherrschten,
unten dagegen Opfergaben dargebracht und Ritual abgehalten wurden.
Was eine Stadt zur Stadt macht, ist in der Bronzezeitforschung
freilich eine heikle Frage. Klassische Checklisten für Urbanität stammen
meist aus dem mediterranen Raum und lassen sich schlecht mit der
Holzarchitektur Nordwesteuropas vereinbaren, die im Boden kaum Spuren
hinterlässt. Ein passenderer Maßstab orientiert sich an Siedlungsgröße,
Bebauungsdichte und -vielfalt sowie an handfesten Kriterien wie
spezialisierter Handwerksproduktion und Fernhandel – all das würde
Haughey's Fort erfüllen.
Ähnlich dichte Bronzezeitsiedlungen wurden vereinzelt auch anderswo
entdeckt, im nordirischen Corrstown etwa, wo 73 Rundhäuser um eine
gepflasterte Straße gruppiert waren. Doch die am Haughey's Fort
vorgefundene Kombination aus Wohndichte, Monumentalbauten und Fernhandel
bleibt eine Ausnahme.
Palisadenweg zum Wasser
Alle
drei Umwallungen von Haughey's Fort öffnen sich an derselben Stelle nach
Nordosten, dem einzigen bekannten Zugang zur Anlage. Von dort führte
eine 87 Meter lange, von Palisaden gesäumte Prozessionsstrecke bergab,
deutlich weiter als die Fortgrenzen selbst reichten. Der Weg endet
schließlich bei den sogenannten King's Stables, einem 25 Meter
durchmessenden, künstlich angelegten Wasserbecken am Fuß des Hügels.
Was damals bei den King's Stables vor sich ging, dürfte sich
fundamental von dem unterschieden haben, was oben auf dem Hügel geschah.
Während in Haughey's Fort tausende Knochen von Rindern, Schafen und
Schweinen auf Festmähler und Alltagsmahlzeiten hindeuten, dominierten im
Becken der King's Stables Hundeknochen, Rothirschgeweihe und teilweise
vollständige Tierskelette. Auch der vordere Teil eines menschlichen
Schädels und lose Rippenknochen wurden gefunden. Außerdem legte man dort
18 Gussformfragmente für blattförmige Schwerter frei, aber keine
sonstigen Produktionsabfälle.
Ausgrabungen an den sogenannten Creeveroe Earthworks zeigten, dass
Haughey's Fort von einer großzügigen Wallanlage umgeben war.
Ring um 109 Hektar
Am auffälligsten
aber ist, was Lidar und Magnetometrie über die sogenannten Creeveroe
Earthworks zutage förderten. Die Strukturen stellten sich als großzügige
äußere Umwallung der Siedlung heraus. Sie umgab eine Fläche von 109
Hektar und schnitt quer durch Hügelkuppen und Moore, nahm also keine
Rücksicht auf das Gelände. Diese Dimensionen machen Haughey's Fort zu
einem der drei größten bekannten Hillforts Irlands und Großbritanniens.
Entlang der neu vermessenen Umwallung liegen zahlreiche kleinere
Ringstrukturen, vermutlich eingeebnete Grabhügel, die sich besonders
dicht um einen vermuteten südlichen Zugang drängen. "Die Studie macht
deutlich, dass wir es hier nicht mit isolierten Denkmälern zu tun haben,
sondern mit einer einzigen, hochgradig organisierten Landschaft", sagt
Gleeson. "Haughey's Fort, die King's Stables und die Creeveroe
Earthworks waren Teile eines Systems, das sorgfältig strukturiert wurde,
um Siedlung, Produktion und Ritual zusammenzubringen."
Wer hier damals das Sagen hatte, bleibt allerdings offen. Manches
spricht für Eliten, die Handwerk, Handel und Gemeinschaftsarbeit
koordinierten. Ebenso plausibel sei aber auch ein loses System, in dem
Autorität nicht dauerhaft an Personen gebunden war, sondern sich in
Zeremonien und gemeinsamer Arbeit immer neu herstellte. Haughey's Fort,
so O'Driscoll und Gleeson, lässt beide Interpretationen zu.