'Offenbar verwischen die abstrakten Zahlensymbole die fundamentalen
Unter-schiede zwischen dem Etwas und dem Nichts'!* Denn schon die Begriffe
habendieihnenzugrundeliegendenVorstellungenverblassenlassen. Mit den abstrakten Sym-bolen kann der Verstand leichter operieren, doch die anschaulichen Bilder lassen sich erwägen - das tun Symbole nicht.
Halten
wir fest: Das Experiment* setzte voraus, dass Zahlen im Gehirn
entstanden sind. Und als sie da waren, hat dasselbe Gehirn die Null hinzu erfunden. Anders ergibt die Versuchsanordnung* keinen Sinn.
Zahlen
entstehen aus Zählen. Nicht aber die Null. Wie die Berichterstatterin
schreibt: Sie bezeichnet ein Fehlen. Erst mussten die aus abzählbaren
Mengen entstandenen Zahlen in der Vorstellung zu einer unendlichen Reihe
gefügt werden, damit auffallen konnte: Wenn es ein Ende nicht gibt,
kann es auch einen Anfang nicht geben. Die Eins, die in die
Mannigfaltigkeit hinein gesetzt wurde, um mit dem Zählen anfangen zu
können, ist vom Zählenden willkürlich plaziert worden - er hätte auch
später anfangen können. Dann musste er aber auch früher anfangen können.
Zahlen dienen nicht nur zum Abzählen.
Solange sie nur zum Abzählen gebraucht werden, existieren Zahlen nur medial, doch nicht real: Sie bezeichnen nur und haben keinen Eigen-Sinn. Werden sie aber astrologisch verwendet, bezeichnen sie nicht Realien, sondern Phantasmen - aber so, als ob sie Realien bezeichneten.
Historisch hat sich aus der Astrologie die Astronomie entwickelt, und nun konnten - mussten - die Zahlen sich praktisch bewähren. Es konnte die Vorstellung aufkom-men, sie wären Zeichen für Wirkliches - und also selber ein kleines Bisschen wirk-lich.
Man konnte mit dem Rechnen anfangen.
Und so konnten sie die Geometrie begründen, die ohne sie nicht reell gewesen wäre. Geometrie handelt von Raumverhältnissen. Ohne
Zahlen gäbe es in der Wirklichkeit keine verstehbaren Verhältnisse,
denn Geometrie betrachtet das Wirkliche als ein einiges Kontinuum, das
von ihnen konstituiert wird.
Zahlen sind seither nicht mehr medial, sondern konstituiv.
Wenn dem so ist, muss der Zählbarkeit ein Zustandvorangegangen sein, wo nicht gezählt werden konnte: nämlich vor der Eins. Das kann man umkehren - sofern man die Null als die Grenze der Zählbarkeit feststellt: minus Eins, minus Zwei...
Mit andern Worten, Null setzt die Mathematik voraus, nicht umgekehrt. Kein Wunder, dass sie den Alltagsverstand befremdet.
*
Die Null war die Schallgrenze, die das analoge Vorstellen vom digitalen Denken geschieden hat. An die Stelle der Anschauung von Mengen - Äpfel und Birnen -
tritt das Operieren mit Symbolen. Konnte es auch woanders als beim
Rechnen ent-stehen? Wahrscheinlich - zufällig und bei besonderer
Gelegenheit; doch davon ist uns nichts überliefert. Beim Rechnen aber musste es geschehen. Das Rechnen ist in diesem engeren Sinn der Ursprung des Begriffs, nichtdas Reden. Es ist das Grund-muster des diskursiven Verfahrens.
In der Mengenlehre wird dieser Zusammenhang durch Umkehrung wiederherge-stellt.
Diese Sozialphilosophin sieht den Opferkult skeptisch
Von Trauma bis
Mikroaggression: Maria-Sibylla Lotters Buch "Opfer" handelt von der
Aufwertung, die der Status der Verwundbarkeit im Diskurs erfährt
von Ronald Pohl
Mitunter sind es gerade die Erniedrigten und Gequälten, die
begründete Aussicht besitzen auf symbolischen Ruhm. Es war Frankreichs
damaliger Präsident François Hollande, der nach den Anschlägen auf das
Bataclan 2015 den Opfern posthum den Orden der Ehrenlegion zuerkennen
wollte. Doch nicht allen schien die Gleichsetzung von passivem Erleiden
mit dem Erweis von Tatkraft plausibel, zumal in einem Land, das die
Erinnerung an die Geschichte der Résistance hochhält. Doch der zugrunde
liegende Registerwechsel war schon vorher vollzogen. Wer den begründeten
Anspruch stellen kann, Opfer zu sein, dem widerfährt ein Zugewinn an
moralischer Autorität.
Ihm oder ihr fällt zu, aus einer neuen Mitte der Gesellschaft heraus
über jene zu befinden, die laut Papierform stärker sind, weil
strukturell bevorteilt. Mehr noch als das: Die "neue" Empörungslogik,
schreibt die in Bochum lehrende Sozialphilosophin Maria-Sibylla Lotter,
bewirkt eine stupende Neudefinition dessen, wer über wen befindet. Kaum
je zuvor durfte Ohnmacht sich omnipotenter wähnen als heute.
Unterschiedliche Gruppen von Marginalisierten wetteifern um das
Privileg, moralisch im Recht zu sein. Und mit der Bitte um
Schadensabwehr Gehör zu finden.
Maria-Sibylla Lotter, Professorin für Ethik und
Ästhetik in Bochum
Bei flüchtiger Betrachtung befinden sich die Kategorien in der
schändlichsten Verwirrung. Ansprüche der vordem Marginalisierten haben
den öffentlichen Raum in eine Therapiezone verwandelt. Wer von
Erfahrungen als Opfer erzählt, dem wird unhinterfragt, doch redlich
zerknirscht Glauben geschenkt. Öffentlichkeit als Austragungsort von
Konflikten unterliegt seit geraumer Zeit den Auflagen der
Therapiekultur. Mit der Ausdehnung der "Posttraumatischen
Belastungsstörung", so Lotter, setzte vor bald 50 Jahren ein Prozess
zunehmender Pathologisierung ein.
Maß des inneren Erlebens
Was
einem äußerlich an Schädigung widerfährt, wird seither mit immer
dramatischeren Folgen in Begriffe inneren Erlebens übersetzt. Es ist die
Ich-Instanz des Opfers, die bei Therapierenden auf offene Ohren stoßen
soll. Dementsprechend ist es heilsam für jede Person, die unter
Leidensdruck steht, auch wirklich zu sagen, was ihr, freilich ihrer
Meinung nach, an Schlechtem widerfahren ist.
Es gehört zu den größeren Verdiensten von Lotters Buch mit Titel Opfer,
sich über niemanden zu erheben und es doch nicht an Deutlichkeit fehlen
zu lassen. Keineswegs lassen sich soziale Übel und andere
himmelschreiende Ungerechtigkeiten in pathologische Urteile übersetzen.
Nicht jedes Leiden schreit danach, als Krankheit beurteilt zu werden.
Nicht nur horizontal dehnt sich der Trauma-Begriff allseitig aus.
Sukzessive erfasst er das Repertoire selbst geringfügiger
Unleidlichkeiten. Verwundet darf sich dünken, wer gehörig Frust schiebt.
Unter dem Sammelbegriff der "Mikroaggressionen" hat sich ein weites
Feld für die Bewirtschaftung von Ohnmachts- und ähnlichen Erfahrungen
eröffnet. Die Zunahme von Sensibilisierung macht aus Mücken Elefanten.
Und doch bleibt jeder Mensch, der moralisch guten Willens ist, dem
Prinzip der Achtsamkeit selbstredend unterworfen. Es verhält sich wie in
dem Witz von Woody Allen. Bloß weil jemand paranoid ist, heißt das noch
lange nicht, dass "sie" nicht hinter ihm/ihr her sind. Der Rassismus
schwärt weiter. Wenn jemand das N-Wort nicht mehr unbedenklich
aussprechen darf, heißt das nicht, dass ihm jemand einen Maulkorb
umbindet.
Eigentümlich bevormundend
Strukturell
erfahrene Gewalt richtet sich häufig genug gegen Menschen, denen keine
Judith Butler gibt zu sagen, was sie leiden. Schindluder treibt, wer aus
lauter Achtsamkeit und Sorge potenziellen Opfern das Wort entwendet, um
es ungerechtfertigt, an ihrer statt, im Mund zu führen. Hinzu kommt die
eigentümliche Betonung der Sprachgewalt. Seit jeder Anflug von Hassrede
ins Sündenregister eingetragen wird, ergibt sich eine bedenkliche
Schieflage. Reale Machtverhältnisse werden zurückübersetzt in die
Ordnung sprachlicher Grammatik.
Moralische Anerkennung trägt davon, wer den Status eines Geschädigten
anmelden kann, und zwar möglichst im Vorhinein. In solchen Fällen
schlägt häufig die Stunde bürokratischer Sprachkontrolleure. So mag es
passieren, dass in der Bundesrepublik Deutschland immer mehr Menschen
meinen, sie würden in ihrer Meinungsfreiheit beschnitten. Und blieben –
vielleicht weil sie sich nicht elaboriert auszudrücken verstehen wie
Uni-Abgängerinnen – ungehört.
Dissonantes Phänomen
Maria-Sibylla Lotters Buch Opfer
mutet Lesenden zu, das dissonante Erscheinungsbild der Öffentlichkeit
mit gebührender Toleranz auszuhalten. Man nennt dies das Ertragen von
Ambivalenz. Ein Schlüsselsatz taucht gegen Ende dieses überaus
empfehlenswerten Traktats auf: "Schließlich haben die Bestrebungen, eine
zivilere Kommunikationskultur zu fördern – getragen von wachsender
Sensibilität für menschliche Verletzlichkeit –, paradoxerweise selbst zu
einem mitunter sehr harten und ausgrenzenden Umgang mit jenen geführt,
die diese Sensibilitäten nicht teilen."
Der Ausbau der Ganztagsbetreuung [!] im Südwesten soll zu
einem höheren Arbeitsvolumen von Frauen, mehr Bildungsgerechtigkeit und
Wirtschafts-wachstum führen. Doch was wollen eigentlich Kinder?
aus derStandard.at, 8. 7. 2026 Nachbildungen eines Schädels von Homo habilis (rechts) sowie eines
frühen Homo sapiens. zuJochen Ebmeiers Realien
Gehirn und Gesicht
Die menschliche Evolution verlief zum Teil anders als bisher angenommen
Eine Analyse von 87
Homo-Fossilien deutet an, dass das Wachstum des Gehirns und die
Verkleinerung des Gesichts weniger auf gerichtete Selektion zurückgehen
als auf neutrale Prozesse
von Thomas Bergmayr
Zwei entscheidende Trends prägen die Geschichte der Gattung Homo. Das
Gehirn wurde größer, das Gesicht dagegen kleiner, Kiefer und Wangen
weniger massiv. In der Fachwelt gilt beides als Musterbeispiel für
gerichtete natürliche Selektion: Größere Gehirne brachten kognitive
Vorteile, kleinere Gesichter senkten den Energieaufwand, weil Werkzeuge
und Nahrungsverarbeitung dem Kauapparat Arbeit abnahmen. Eine aktuelle
Studie stellt diese Annahmen zur menschlichen Evolution nun aber
infrage.
Mark Hubbe von der University of Tennessee in Knoxville und Katerina Harvati
vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment
(Universität Tübingen) haben geprüft, wie gut die anatomischen
Veränderungen zu verschiedenen Evolutionsmodellen passen. "Unsere
Analysen bestätigen zwar die bekannten evolutionären Trends des
Wachstums des Hirnschädels und der Reduktion des Gesichts, zeigen
jedoch, dass die Unterschiede innerhalb unserer Gattung deutlich besser
durch neutrale evolutionäre Prozesse und lange Phasen evolutionärer
Stasis erklärt werden können", sagt Hubbe.
Entscheidende Verhaltensänderungen
Die
Gattung Homo entstand vor rund 2,5 Millionen Jahren, ihr einziger heute
noch lebender Vertreter ist der moderne Mensch. Mit wenigen Ausnahmen
wuchs bei den verschiedenen Arten das Gehirn, während Gesicht und Kiefer
an Größe und Robustheit einbüßten. Parallel dazu änderte sich das
Verhalten: Steinwerkzeuge kamen zum Einsatz, die Ernährung wurde
vielfältiger, die Populationen dehnten sich über weitere Regionen aus,
und vermutlich entstanden komplexere soziale Gefüge.
Vor allem diese Verhaltensänderungen galten lange als Motor der
körperlichen Umformung. Größere Gehirne wurden begünstigt, weil sie
Erfindungsreichtum und Kreativität förderten; kleinere Gesichter, weil
sich der Aufwand fürs Kauen nicht mehr lohnte. Mit anderen Worten: Ein
stetiger, gerichteter Druck verlieh unserer Art ihre heutige Gestalt.
Neutrale Evolution und Stillstand
Um
die Annahme zu prüfen, griffen Hubbe und Harvati auf dreidimensionale
Schädelvermessungen von 87 Fossilien der Gattung Homo zurück. Vertreten
sind frühe Formen wie Homo habilis und Homo rudolfensis, dazu Homo
erectus und Homo heidelbergensis, Neandertaler sowie frühe und heutige
Populationen von Homo sapiens. Der Datensatz erfasst einen großen Teil
der gut erhaltenen Homininenfossilien der vergangenen zwei Millionen
Jahre.
Diese Gebeine verglichen die Forschenden mit sechs
Evolutionsmodellen, um zu bestimmen, welches die beobachteten
Veränderungen am wahrscheinlichsten erklärt. Neben der gerichteten
Selektion prüften sie neutrale Evolution, in der sich Merkmale
ungerichtet verschieben, sowie längere Phasen kaum wahrnehmbarer
Veränderung. Getestet wurde auch das Modell des punktuierten
Gleichgewichts: die Annahme, dass Arten über lange Zeit stabil bleiben
und sich nur in kurzen Schüben rasch verändern.
Nach Ansicht der Forschenden spielen bei der Schädelentwicklung
der Gattung Homo genetische Drift und stabilisierende Selektion die
Hauptrollen.
Drei Arten von Bedingungen
Die im Fachjournal Nature Communications vorgestellten Resultate
waren für die Forschenden eine Überraschung: Für die allmähliche,
gerichtete Selektion fanden sich nur schwache Belege. Deutlich besser
passten neutrale Prozesse und Stasis, also lange Abschnitte, in denen
sich am Bauplan wenig bewegte. Wenn der Normalzustand eher Beharrung als
gerichtete Selektion ist, stellt sich die Frage, warum sich diese
Beharrung löste. Denn die großen Schübe der Gehirnvergrößerung fielen
den Analysen zufolge vermutlich in Zeiten, in denen die einschränkenden
Faktoren vorübergehend nachließen.
Solche Phasen ordnet das Team vor allem drei Arten von Bedingungen
zu: der Entwicklungsbiologie, dem Energie- und Stoffwechselhaushalt
sowie der kulturellen Innovation. Der letzte Punkt sei der
entscheidende. "Kultur wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein Puffer: Sie
ermöglicht es uns, neue Lebensräume zu nutzen und mehr Ressourcen zu
erschließen. Dadurch wird der Druck auf bestimmte Körperstrukturen
geringer, weil sie weniger stark an Umweltbedingungen angepasst sein
müssen", sagt Hubbe.
Ein größeres Gehirn verlangt viel Energie, und ohne verlässliche,
nahrhafte Versorgung lässt sich der Aufwand kaum stemmen. Die Kultur,
also die stärkere Nutzung tierischer Ressourcen und das Kochen, das den
Nährwert vieler Speisen erhöht, kann den erhöhten Bedarf jedoch decken.
Phasen technologischer und kultureller Neuerung, so Hubbe, könnten
deshalb rasche Veränderungen anstoßen, weil sie es den Vorfahren
erlaubten, den Energiehunger größerer Gehirne zu stillen und deren
kognitive Vorteile auszuschöpfen.
Schwerpunktverlagerung
Auffällig
sind die Unterschiede zwischen den beiden späten Linien. Bei den
Neandertalern blieb die Gesichtsform über lange Zeiträume stärker durch
evolutionäre Einschränkungen geprägt. Das Gesicht des modernen Menschen
dagegen fiel deutlich kleiner aus als das anderer Linien. Womöglich
hingen auch diese späten Veränderungen mit tiefgreifenden Verschiebungen
im Verhalten zusammen, die mit dem Auftreten unserer Art einhergingen.
"Unsere Ergebnisse verlagern den Schwerpunkt", erklärt Harvati.
"Statt zu fragen, warum sich Menschen kontinuierlich in Richtung
größerer Gehirne und kleinerer Gesichter entwickelt haben, wäre es
sinnvoller zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sich menschliche
Populationen von bestehenden Einschränkungen lösen und neue Merkmale
entwickeln konnten."
aus derStandard.at, 9. 7. 2026Eine Seite aus einer deutschen Abschrift des Rolandslieds aus dem
späten 12. Jahrhundert. Der mittelalterliche Klassiker entstand Ende des
11. Jahrhunderts in der Normandie und hat sich dank zahlreicher
Abschriften gut erhalten. zuJochen Ebmeiers Realien
Lücken der Überlieferung
Mehr als die Hälfte aller Texte des Mittelalters könnten verschwunden sein
Forschende haben
mit neuen Methoden untersucht, wie viele mittelalterliche Manuskripte
verloren gegangen sein dürften – und kommen auf erstaunlich hohe Zahlen
von Klaus Taschwer
Was wir über die Antike und das Mittelalter wissen, verdanken wir
einer winzigen Auswahl von Texten, die die Jahrhunderte überstanden
haben. Werke wie das Gilgamesch-Epos, Homers Odyssee oder die
Geschichten um König Artus erscheinen heute als feste Bestandteile des
kulturellen Erbes. Doch sie könnten ebenso gut verschwunden sein. Eine
neue Studie zeigt nun, wie stark der Zufall darüber entschieden hat,
welche Schriften bis heute überlebt haben – und welche für immer
verloren gingen.
Ein französisches Forscherteam um den Mediävisten Jean-Baptiste Camps
(Université Paris), einen Spezialisten für den Einsatz von digitalen
Textanalysen, hat den Weg mittelalterlicher Handschriften mit Methoden
der Komplexitätsforschung untersucht. Das Ergebnis, publiziert am Dienstag im Fachblatt PNAS Nexus,
ist erstaunlich: Bis zu 60 Prozent aller einst existierenden Texte
könnten vollständig verschwunden sein. Noch dramatischer ist der Verlust
einzelner Handschriften. Von ihnen könnten mehr als 95 Prozent
vernichtet worden sein.
Kopien mit Fehlern
Vor der Erfindung
des Buchdrucks war jeder Text ein Unikat. Wollte sich ein Werk
verbreiten, musste es von Hand abgeschrieben werden. Ein Schreiber
fertigte eine Kopie an, von der wiederum weitere Kopien entstanden. Jede
Abschrift brachte neue Fehler, Korrekturen oder bewusste Änderungen mit
sich. Gleichzeitig gingen Handschriften durch Brände, Feuchtigkeit,
Kriege, Materialverschleiß oder schlichte Gleichgültigkeit verloren. Das
Schicksal eines Textes hing davon ab, ob er oft genug kopiert wurde, um
das Verschwinden einzelner Exemplare zu überstehen.
Philologen rekonstruieren diese Überlieferung seit mehr als hundert
Jahren mithilfe sogenannter Stemmata – Stammbäumen von Handschriften.
Ähnlich wie in der Evolutionsbiologie Verwandtschaftsbeziehungen
zwischen Arten rekonstruiert werden, wird so nachvollzogen, welche
Handschrift von welcher Vorlage abstammt. Gemeinsame Schreibfehler oder
identische Veränderungen verraten dabei die Abstammungslinien.
Ein Handschriftenstammbaum für das Rolandslied.
Bislang fehlte jedoch ein allgemeines Modell dafür, wie solche
Überlieferungsprozesse tatsächlich ablaufen. Genau hier setzt die neue
Arbeit an. Die Forschenden um Jean-Baptiste Camp
verbinden historische Überlieferungsforschung mit mathematischen
Modellen und Computersimulationen. Grundlage ihrer Analysen sind rund
2000 mittelalterliche Handschriften aus einem Zeitraum von etwa vier
Jahrhunderten.
Die drei Wissenschafter behandeln die Verbreitung von Texten als
komplexes dynamisches System. Dabei spielen zwei gegenläufige Prozesse
die entscheidende Rolle: das Kopieren und das Verschwinden. Je häufiger
ein Manuskript abgeschrieben wird, desto größer werden die
Überlebenschancen des Textes. Gleichzeitig reduziert jede zerstörte
Handschrift die Wahrscheinlichkeit, dass ein Werk an spätere
Generationen weitergegeben wird.
Bemerkenswert ist, dass sich viele Eigenschaften historischer
Überlieferungen durch Zufallsprozesse erklären lassen. Die Autoren
sprechen von "Drift", einem Begriff aus der Evolutionsbiologie. Gemeint
ist, dass nicht unbedingt die qualitativ besten oder wichtigsten Werke
überleben, sondern oft jene, die zufällig häufiger kopiert wurden oder
günstige historische Umstände vorfanden. Kulturgeschichte erscheint
damit weniger als Ergebnis einer kontinuierlichen Auswahl der besten
Texte, sondern auch als Folge statistischer Zufälle.
Unausgewogene Stammbäume
Das
Modell reproduziert sogar ein Phänomen, das Handschriftenforschende seit
Jahrzehnten beschäftigt: die auffällige Unausgewogenheit vieler
Überlieferungsstammbäume. Manche Zweige einer Texttradition brachten
zahlreiche Nachkommen hervor, andere starben rasch aus. Über die
Ursachen dieser Asymmetrie wurde lange diskutiert. Nach den neuen
Berechnungen kann sie bereits aus den grundlegenden Prozessen des
Kopierens und Verlierens entstehen – ganz ohne besondere historische
Ereignisse.
Historische Katastrophen spielen dennoch eine wichtige Rolle. Das
Modell erlaubt es erstmals, deren Auswirkungen systematisch
einzubeziehen. So könnten Ereignisse wie die Pestepidemien im 14.
Jahrhundert, Klosterauflösungen, Kriege oder politische Umbrüche die
Überlieferung zusätzlich verzerrt haben, indem ganze Bibliotheken
vernichtet oder Regionen als Zentren des Abschreibens ausfielen.
Verzerrte Stichprobe
Die Ergebnisse
werfen auch ein neues Licht auf die Frage, wie repräsentativ unser
kulturelles Erbe überhaupt ist. Wenn tatsächlich mehr als die Hälfte
aller Texte vollständig verschwunden ist, dann beruht unser Bild
vergangener Gesellschaften auf einer äußerst kleinen und möglicherweise
verzerrten Stichprobe. Viele literarische Gattungen, wissenschaftliche
Abhandlungen oder religiöse Schriften könnten vollständig verloren
gegangen sein, ohne jemals Spuren in der heutigen Überlieferung zu
hinterlassen.
Das betrifft keineswegs nur mittelalterliche Literatur. Nach Ansicht
der Autoren lässt sich ihr Modell auf zahlreiche andere Bereiche
übertragen – von antiken Klassikern über Gesetzestexte und religiöse
Manuskripte bis hin zu wissenschaftlichen Schriften. Überall dort, wo
Texte über Generationen hinweg kopiert, verändert und teilweise
vernichtet wurden, wirken ähnliche Mechanismen.
Zufälle der Überlieferung
Die
Studie schlägt damit auch eine Brücke zwischen Geistes- und
Naturwissenschaften. Während Philologen seit langem einzelne
Handschriftentraditionen im Detail untersuchen, liefert die
Komplexitätsforschung nun einen theoretischen Rahmen, um allgemeine
Gesetzmäßigkeiten der kulturellen Überlieferung zu beschreiben. Statt
einzelne Verluste isoliert zu betrachten, wird sichtbar, wie aus
zahllosen Entscheidungen von Schreibern, Bibliothekaren und Leserinnen
über Jahrhunderte hinweg das kulturelle Gedächtnis Europas entstand.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist jedoch eine andere: Was
heute als literarischer Kanon gilt, ist nicht zwangsläufig das Beste
oder Bedeutendste, was frühere Gesellschaften hervorgebracht haben. Es
ist vielmehr das Ergebnis eines fragilen Überlieferungsprozesses, in dem
Zufall, historische Krisen und menschliche Entscheidungen darüber
bestimmten, welche Stimmen bis in die Gegenwart hörbar blieben – und
welche endgültig verstummten.
In christlichen Familien des Mittelalters wurden Kinder mit fremden Erwachsenen begraben
Eine Untersuchung
von Knochen aus Gräbern in Schweden ergab, dass gemeinsam begrabene
Kinder und Erwachsene nicht verwandt waren. Andere Faktoren waren
wichtiger
von Reinhard Kleindl
Genetische Untersuchungen sind zu einem unverzichtbaren Werkzeug der
Archäologie geworden, und immer öfter sorgen sie für Überraschungen,
etwa im Fall der Toten von Pompeji, bei denen etwa die Mitglieder einer
scheinbar gemeinsam verstorbenen Familie doch nicht verwandt waren.
Ein ähnlich verblüffendes Ergebnis liefert nun eine neue Studie im Fachjournal Science Advances.
Ein schwedisches Forschungsteam untersuchte dafür 142 Tote, darunter
mehr als 60 Kinder, aus Gräbern der späten Wikingerzeit und des
Mittelalters, die in der Nähe von Stockholm, Jämtland und Skåne gefunden
wurden. Anzunehmen wäre eigentlich, dass die Erwachsenen, die neben
Kindern in denselben Gräbern gefunden wurden, ihre Eltern waren. "In den
meisten Fällen war das nicht das, was wir gefunden haben", sagt
Studien-Erstautorin Maja Krzewińska von der Universität Stockholm.
Der Forscher Oscar Nilsson macht hier ein Bild von der Frau Nummer 56, in deren Grab Muschelschalen gefunden wurden
Verwandtschaft wenig entscheidend
Diese
Erkenntnis wirft ein neues Licht auf christliche Traditionen im
mittelalterlichen Skandinavien. Das Christentum verbreitete sich im
späten 10. und im 11. Jahrhundert in Skandinavien. Wie auch sonst im
christlichen Europa konnten nur getaufte Kinder christlich bestattet
werden. Bei den Gräbern, aus denen sich ausreichend gutes Genmaterial
gewinnen ließ, enthielten nur zwölf Prozent Eltern und ihre Kinder. Die
Toten in gemeinsamen Gräbern wurden meist zur gleichen Zeit bestattet.
Einen Hinweis auf die Gründe für die Trennung von Eltern und Kindern
könnte ein anderes Detail geben. Auffällig ist nämlich, dass oft Männer
mit Burschen und Frauen mit Mädchen bestattet wurden. Generell fanden
sich Gräber von Männern und Frauen auf dem Friedhof von Västerhus an
gegenüberliegenden Seiten der Kirche. "Bestattungen von Erwachsenen und
Kindern desselben Geschlechts ohne enge biologische Verwandtschaft waren
im frühchristlichen Kontext besonders häufig. Buben und Mädchen wurden
oft auf derselben Seite des Friedhofs beigesetzt wie Erwachsene
desselben Geschlechts", heißt es in der Studie.
Rund um die Kirche von Västerhus wurden unzählige Gräber freigelegt.
Erwachsenen gleichgestellt
Womöglich
war die Nähe der Kinder zu ihren direkten Verwandten also weniger
wichtig für den Ort der Bestattung als ihr Geschlecht. "Die Kinder
wurden nicht als eigene Kategorie behandelt. Im Tod scheinen sie nach
denselben sozialen und religiösen Grundsätzen behandelt worden zu sein
wie erwachsene Männer und Frauen", sagt Studienautor Anders Götherström
von der Universität Stockholm.
Grabbeigaben wurden, wie bei solchen christlichen Bestattungen
üblich, kaum gefunden. Eine Ausnahme bildet eine Frau, die zwei
Muschelschalen bei sich hatte. Das deutet laut den Forschenden auf eine
Wallfahrt nach Santiago de Compostela hin, die sie vor ihrem Tod im 30.
Lebensjahr vollendete. Bei ihr ließ sich ein guter Teil der
Verwandtschaft inklusive ihres Bruders, ihrer Eltern und zweier Töchter
identifizieren.
Eine Frau hatte diese Muschel aus Santiago di Compostela bei sich.
Komplexe Haushalte
Diese Praktiken
dürften an vorchristliche Traditionen anschließen. Große Familien, die
nicht nur auf Verwandtschaftsbeziehungen begründet waren, waren in
Skandinavien schon vor der Verbreitung des Christentums üblich. Zu den
Haushalten gehörten neben Verwandten aus dem weiteren Familienkreis auch
Bedienstete oder Sklaven. Der Einfluss des Christentums veränderte das
zum Teil, aber es gab weiterhin wichtige nicht-biologische Beziehungen
wie Pflegeverhältnisse, Konkubinat, Lehrverhältnisse und
Freundschaftsbündnisse. Dazu kam, dass auch uneheliche Kinder erben
konnten. Das Verhältnis zwischen biologischer Verwandtschaft und
sozialer Zugehörigkeit wurde dadurch komplizierter, wie es in der Studie
heißt. Die fehlenden Verwandtschaftsverhältnisse in den Gräbern
spiegeln das wider.
"Archäologen diskutieren schon seit langem über die Beziehungen
zwischen Menschen, die gemeinsam in dieser Art von Gräbern bestattet
wurden. Die alte DNA hat uns endlich das Werkzeug in die Hand gegeben,
auf das wir gewartet haben, um diese Interpretationen direkt zu
überprüfen", freut sich Studienautorin Anna Kjellström von der
Universität Stockholm.
In welchem genauen Verhältnis die gemeinsam begrabenen Personen
jeweils zueinander standen, klärt die Studie nicht. Jedenfalls scheinen
die Bestattungen nicht von enger Verwandtschaft, sondern von Haushalten,
erweiterten Verwandtschaftsgruppen oder lokalen Gemeinschaften bestimmt
worden zu sein, die sich an christliche Normen hielten, schreibt das
Autorenteam. Rein familiäre Überlegungen wurden so abgeschwächt oder
außer Kraft gesetzt.