aus derStandard.at, 7. 2. 2026 Panden nannten sich die Vorläufer moderner Kunstmessen: etwa im
Vladislav-Saal der Prager Burg, um 1607 von Bartholomeus van Bassen
verewigt zuGeschmackssachen; zuJochen Ebmeiers Realien
Neue Ausstellung belegt: Kunst braucht Kommerz
Der oft als
unseriös gebrandmarkte Kunstmarkt spielte in der
Kunstgeschichtsschreibung eine entscheidende Rolle, wie die Ausstellung
"Noble Begierden" im Gartenpalais Liechtenstein bis 6.4. zeigt
von Olga Kronsteiner
Eine Ausstellung, die sich in einem zeitlichen Rahmen von der Antike
bis in das 19. Jahrhundert ausschließlich mit dem Kunstmarkt, seinen
Strukturen, Zentren, prägenden Persönlichkeiten oder
Vermarktungsmethoden befasst? Eine solche gab es weltweit noch nie. Die
unter dem Titel Noble Begierden – Eine Geschichte des europäischen Kunstmarkts angelaufene Premiere in Wien schürt deshalb schon vor dem Ende ihrer Laufzeit Begehrlichkeiten anderer Museen.
Wann und in welcher Zusammensetzung die bis 6. April im Gartenpalais
stattfindende Schau von welchen Institutionen übernommen wird, muss sich
erst weisen. Zumal die mehr als 200 Exponate nicht nur aus den üppigen,
über mehrere Generationen von Liechtenstein'schen Fürsten erworbenen
Kunstwerken der hauseigenen Sammlungen (Wien-Vaduz) stammen, sondern
auch an die 80 teils prominente Leihgaben umfassen.
Dazu gehören etwa auch auf den ersten Blick wenig spektakulär
wirkende, jedoch aufschlussreiche Aufzeichnungen des als Unternehmer
agierenden Florentiner Malers Neri di Bicci aus den Beständen der
Uffizien. Diese dokumentieren beispielhaft den Werkstattalltag im
Hinblick auf die Auswahl der Materialien, das Delegieren an Mitarbeiter
und dahingehend anfallende Arbeitskosten oder auch die mit Auftraggebern
getroffenen Vereinbarungen: all das gewährt rückblickend Einblick in
die damalige Preisgestaltung.
Erste Kunstmessen
Zugleich entwickelte man im 15. Jahrhundert
Methoden und Strategien, um sowohl repräsentative öffentliche und
private Großaufträge auszuführen, aber auch solche für private Sammler
mit kleineren Budgets: statt Lapislazuli kam beim Pigment dann nur
Azurit zum Einsatz und ersetzte ein dünner Goldstreifen den
Heiligenschein.
Zusätzlich begrenzten Kooperationen mit Handwerkern, etwa
Holzschnitzern, die Tafeln und Rahmen zu wettbewerbsfähigen Preisen
lieferten, den finanziellen Aufwand. Kreativität und wirtschaftliche
Kalkulation gingen in diesem System Hand in Hand, Sonderanfertigungen
standen ebenso auf der Tagesordnung wie vorgefertigte Werke. Die
Verwertung beliebter Motive mit geringfügigen Abweichungen verstand sich
von selbst.
In der belgischen Hafenstadt Antwerpen, einem wichtigen Exportzentrum
für Gemälde, Tapisserien und andere Luxusgüter, hatte sich bereits ab
dem späten 15. Jahrhundert der Vorläufer moderner Kunstmessen etabliert:
sogenannte Panden, spezialisierte Verkaufsräume, die Künstlern,
Händlern und internationaler Klientel als Treffpunkt nutzten und
zugleich zur Marktbildung beitrugen.
"Rembrandt sieht Raffael" titelt eine Station, die auf eine
legendäre Versteigerung in Amsterdam 1639 Bezug nimmt und Rembrandts
Reaktion dokumentiert.
Eine Zäsur bescherte das "Goldene Zeitalter" der Niederlande im 17.
Jahrhundert, genauer das rasante Wirtschaftswachstum, der globale Handel
und der rasche Bevölkerungsanstieg, dank dem sich Amsterdam zu einem
Massenmarkt entwickelte, der wiederum die künstlerische Praxis
grundlegend änderte. Um die große Nachfrage zu bedienen, begannen sich
Künstler auf Motivgattungen zu spezialisieren.
Der Überlieferung nach sollen Haushalte der Mittelschicht in
Amsterdam in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Durchschnitt 37
Gemälde besessen haben. Die Fülle an Kunstwerken hatte die Entstehung
eines florierenden Sekundärmarktes für den Wiederverkauf zur Folge. Über
öffentliche Auktionen gelangten zuvor aufgebaute Sammlungen auf den
Markt, womit auch die Nachfrage eines internationalen Publikums gedeckt
werden konnte.
Legendäre Auktion
Beispielhaft dafür war die Versteigerung
einer außergewöhnlichen Sammlung italienischer Renaissancegemälde 1639,
die der flämische Kaufmann Lucas van Uffel aufgebaut hatte. Zum
Höhepunkt seiner Nachlassauktion avancierte Raffaels Porträt von
Baldassare Castiglione, das für stolze 3.500 Gulden den Besitzer
wechselte. Das entsprach damals etwa dem Gegenwert von fast 17
komfortablen Stadthäusern in Amsterdam.
Im Publikum saß auch Rembrandt, der das Gemälde auf einem Blatt
skizzierte und den erzielten Preis notierte. Die Skizze diente ihm
später als Vorlage für mehrere Selbstportraits, inklusive Castigliones
Pose. "Rembrandt sieht Raffael" titelt das Ensemble in der Ausstellung,
das Leihgaben aus dem Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig
(Anthonis van Dycks Porträt des Lucas van Uffel), aus dem Samuel
Courtauld Trust in London (Peter Paul Rubens Porträt des Baldassare
Castiglione), Rembrandts Skizze und Notiz sowie ein zugehöriges
Selbstbildnis aus dem Bestand der Albertina und ein gemaltes
Selbstportrait aus dem Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid vereint.
Es ist eine von insgesamt zehn Stationen, anhand derer die Geschichte
des europäischen Kunstmarktes und dessen Professionalisierung
nachvollziehbar werden soll. Denn, wie Stefan Koja, seit 2023 Direktor
der Sammlungen Liechtenstein, betont: "Der Kunstmarkt spielte in der
Kunstgeschichteschreibung eine entscheidende Rolle", demnach seien
bekannte Künstlernamen nicht nur von Kunsthistorikern, "sondern auch
ganz wesentlich von Kunsthändlern" geprägt worden.
Zudem hätten viele der bis heute genutzten "wissenschaftlichen
Werkzeuge", wie Werkverzeichnisse, bebilderte Kataloge oder
monographische Ausstellungen ihren Ursprung im Handel. Der begleitende
Katalog empfiehlt sich fraglos als erstes umfassendes Standardwerk zu
diesem Thema.
Nota I. - Es fällt auf, dass es Epochenstile nur in der europäischen Kunst gab - wie übrigens malerische Genres. Warum? Weil nur in Europa Kunst zu einer gesell-schaftlichen Instanz geworden ist - so wie Wissenschaft und Politik. Seither gibt es in den Gesellschaften einen momentan herrschenden Geschmack, alias Moden. Denn nun wurde Geschmack aus einer privaten zu einer öffentlichen Angelegenheit - durch den Markt.
In demselben Maße wandelt sich die Stellung der Künstler von einem Meister in einem vornehmen Handwerk, der für persönliche Auftraggeber malte, zu einem Freibeuter auf einem anonymen Markt, der am Rande der Gesellschaft haust.
Nota II. - Man könnte meinen, Kunst sei es schon gewesen, bevor sie zu Markte getragen wurde. Nämlich solange sie bloß von Können kam. Denn da war das, was gekonnt werden sollte, vom Aufraggeber und nicht vom Künstler bestimmt. Das war gerade heikel genug, ein Drahtseilakt zwischen den Bestimmungen - der freilich das eben Künstlerische daran war.
Doch als der Auftraggeber fortfiel und der Künstler als einzig Bestimmender übrigblieb, wurde es nicht bestimmter, sondern womöglich noch heikler: Nach welchem Kriterium soll der freie Künstler das Was seiner Darstellungen bestim-men? Er kann sich sicherheitshalber an das halten, was ein erhoffter Auftraggeber ex post als das erkennt, was er hätte in Auftrag geben mögen.
Das wäre Reklame, oder, was meist dasselbe ist, Kitsch.
Ist er sich dafür zu fein und bewusst, dass dadurch sein Risiko gar nicht gemindert würde, stellt er ins Blaue hinein dar, was ihm eben einfällt - und gefallen könnte.
Das erkennt man im Nachhinein als das Äthetische daran. JE
Zeit in der Quantenwelt: Wie lange dauert ein Quantensprung?
Experimente
an verschiedenen Kristallstrukturen zeigen, dass Elektronen
unterschiedlich lange für einen quantenmechanischen Übergang benötigen.
Eine interne Quanten‑Uhr macht diese ultrakurzen Zeitskalen erstmals
sichtbar.
In
der Quantenwelt spielt sich vieles unfassbar schnell ab. Wenn ein
Elektron ein Photon absorbiert und dadurch in einen neuen Zustand
übergeht, dauert das nur wenige Attosekunden. Solche Zeiträume liegen an der Grenze des derzeit Mess-baren. Doch wie lange ein Quantenübergang exakt dauert, war bisher unklar.
Ein
Forschungsteam um den Physiker Hugo Dil von der École polytechnique
fédérale de Lausanne hat nun die Dauer von Quantenübergängen direkt
bestimmt, ohne externe Zeitreferenz. Im Fachjournal »Newton« stellt es sein überraschendes Ergebnis vor:
Wie lange der Übergang von einem Quantenzustand zu einem anderen
dauert, hängt von der Symmetrie des zugrunde liegenden Systems ab.
Das
Messen extrem kurzer Vorgänge zählt zu den hartnäckigsten Problemen der
Physik. Denn jeder Versuch, eine externe Uhr einzusetzen, etwa einen
Laserpuls, beeinflusst das zu untersuchende System. Die Laserpulse oder
andere Zeitsignale koppeln an das Quantensystem an und verfälschen den
Prozess, den man eigentlich messen will. Deshalb haben die Forschenden
um Dil die Zeit an den Quantensys-temen direkt abgelesen, ohne auf eine
externe Zeitmessung angewiesen zu sein. Hierfür untersuchten sie die
Quanteneigenschaften von Elektronen, die durch Licht aus einem Material
herausgelöst werden.
Symmetrie beeinflusst die Dauer
Wenn
ein Lichtteilchen ein Elektron in einem Material anregt, kann das
Elektron mehrere verschiedene Wege einschlagen. Da die Regeln der
Quantenmechanik gelten, folgt das Teilchen gewissermaßen allen Pfaden
gleichzeitig. Durch die Überlagerung verschiedener Quantenpfade entsteht
ein charakteristi-sches Interferenzmuster. Dieses hinterlässt eine
Signatur im Spin des Elektrons, die Rückschlüsse auf die Dauer des
Übergangs erlaubt. Indem die Forschenden um Dil den Spin der Elektronen
in verschie-denen Situationen untersuchten, konnten sie bestimmen, wie
lange der Quantenübergang – also die Anregung des Elektrons – gedauert
hat, ganz ohne externe Uhr.
Die Forschenden nutzten hierfür
Materialien mit unterschiedlicher innerer Struktur: dreidimensionale
Metalle wie Kupfer, schichtartige Verbindungen wie TiSe2 und TiTe2
sowie kettenartige Materialien wie CuTe. Die Messungen zeigten ein
klares Muster: Je einfacher und reduzierter die Struktur eines Materi-als
ist (also je flacher, schichtartiger oder eindimensionaler), desto
länger dauert der Quantenübergang. So brauchte der Übergang im quasi
eindimensionalen CuTe rund 200 Attosekunden, während er im
dreidimensionalen Kupfer bloß 26 Attosekunden brauchte.
Der
zeitliche Ablauf eines quantenmechanischen Übergangs ist also keineswegs
universell oder instantan, sondern hängt von den strukturellen
Eigenschaften des Materials ab. »Unsere experimentellen Ergebnisse
liefern Erkenntnisse darüber, welche Faktoren die Zeit auf Quantenebene
beeinflussen«, erklärt Dil. »Und sie könnten den Weg ebnen, um endlich
die Rolle der Zeit in der Quantenmechanik zu verstehen.«
Nota. - Da schwirrt mir der Kopf, aber ich poste es doch: nämlich um des letzten Satzes willen. Denn soviel verstehe ich schon: Die Zeit gibt es in der Mikrowelt als sie selbst, und nicht untergegangen als Ingrediens eines krummen Kontinuums; nämlich weil es auch einen Raum "gibt" - denn wo anders könnte ein Quantum "springen"?
Ausgangpunkt des Kosmos war nicht die Newtonsche Physik, aber Ausgangspunkt unseres Wissen von ihm ist sie gewesen und geblieben: Von ihr aus hat sich unser Wissen in die obere "makrokosmische" und die niedere "mikrokosmische" Region auf- und niedergeschlängelt; so rum war es, nicht andersrum. Das Raumzeitkonti-nuum lässt sich denken, wenn auch nicht vorstellen, weil man Zeit und Raum zuvor hat anschauen können. Sie aus einem Raumzeitkontinuum herauszudestillieren hät-te kein Barockalchimist vermocht. JE
sport1 aus scinexx, 10. 12. 19 Wie ein Elfmeterschießen im Gehirn entschieden wird Elfmeterschießen bei der
Fußballweltmeisterschaft. Alle Augen sind auf den besten Stürmer der
Mannschaft gerichtet. Er soll den entscheidenden Schuss vollbringen,
möglichst am Torwart vorbei. Der Stürmer muss sich entscheiden, ob er in
die rechte oder linke Torecke schießt. Im Gehirn plant er dafür bereits
beide Handlungsoptionen, noch bevor er eine Entscheidung getroffen hat.
Zeigt der Torwart durch seine Haltung an, dass er im entscheidenden
Moment nach rechts springen wird, so wird der Stürmer bei der
Bewegungsplanung im Gehirn eine vorläufige Präferenz für die linke Ecke
entwickeln. Doch wie wirkt sich diese Tendenz auf die Entscheidung aus,
wenn der Torwart kurz vorm Schuss seine Haltung ändert? Wird der Stürmer
trotzdem nach links schießen? Und wie wird dieser Prozess auf der Ebene
der Nervenzellen gesteuert? Neurowissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) –
Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen haben die Fragen zur
Entscheidungsfindung beim Elfer in einer Studie mit Rhesusaffen
unter- sucht. Sie konnten zeigen, dass für den Entscheidungsprozess zwei
verschiedene Nervenzelltypen im gleichen Hirnareal zuständig sind. Eine
vorläufige Tendenz für einen Handlungsplan beeinflusst dabei die
schlussendliche Entscheidung und die Gewichtung beider Optionen ist
schon vorher auf neuronaler Ebene sichtbar. Der Stürmer wird also
wahrscheinlich auch dann nach links schießen, wenn der Torwart seine
Haltung plötzlich ändert – und der Elfmeter dadurch eventuell
misslingen. Die Wissenschaftler haben zwei Rhesusaffen darauf trainiert, eine
Aufgabe am Bildschirm durchzuführen. Gleichzeitig wurde die Aktivität
der Nervenzellen in ihrem Gehirn gemessen. Auf dem Touchscreen
erschienen kreisrunde Signale, die die Affen berühren sollten. Die
Kreise zeigten sich rechts oder links, oben oder unten auf dem
Bildschirm. Der Ort, wo sie erschienen, war zufällig, die Affen
erhielten aber vorher in Form von kleinen Pfeilen einen Hinweis, wo das
nächste Signal erscheinen könnte. Zeigten sich zum Beispiel gleichzeitig
ein großer violetter Pfeil, der nach links und ein kleiner blauer
Pfeil, der nach rechts wies, so war die Wahrscheinlichkeit größer, dass
das Signal auf der linken Seite erschien. Diese Erwartung wurde aber in
unregelmäßigen Abständen durchbrochen, in dem das Signal genau gegenüber
von der vorher angezeigten Richtung auftauchte oder beide Signale
gleichzeitig rechts und links erschienen, die dann frei angewählt werden
konnten.
Die Forscher beobachteten, dass die Affen eine Tendenz entsprechend
der vorher gezeigten Richtungspfeile entwickelten. Erschien das Signal
auf der erwarteten Seite, lösten sie die Aufgabe richtig und schnell.
Zeigte sich das Signal wider Erwarten auf der gegenüberliegenden Seite,
verlängerten sich die Reaktions- zeiten und die Affen machten mehr Fehler.
Hatten die Tiere die freie Wahl, zogen sie in den meisten Fällen
diejenigen Signale vor, die auf der vorher angezeigten Seite erschienen,
auch wenn beide Möglichkeiten objektiv betrachtet gleichwertig waren. „Eine vorläufige Handlungstendenz beeinflusst nachfolgende
Entscheidungen, auch wenn sich die Tatsachen zwischenzeitlich ändern“,
sagt Lalitta Suriya-Arunroj, Erstautorin der Studie. „Auch wenn die
Affen die freie Wahl hatten, entschieden sie sich für ihren vorläufig
gefassten Handlungsplan. Ganz ähnlich ergeht es dem Stürmer vorm Tor. Er
sieht, dass der Torwart nach rechts springen will und plant zunächst
die linke Ecke. Auch wenn der Torwart im letzten Moment wieder eine
neutrale Haltung einnimmt, wird er deshalb in den meisten Fällen diese
Schussrichtung beibehalten und der Elfmeter wird möglicherweise
abgefangen.“ Auf der Ebene der Nervenzellen konnten die Wissenschaftler zudem eine
neue Entdeckung machen: Die Entscheidungsfindung und die Gewichtung
zwischen mehreren Handlungsalternativen werden auf neuronaler Ebene als
dualer Prozess abgebildet. Dafür zuständig sind zwei verschiedene Arten
von Nervenzellen. Die erste Gruppe ist für die Kodierung des bevorzugten
Ziels zuständig. So lange keine Tendenz besteht, sind sie nicht aktiv,
sie regen sich erst, wenn eine Präferenz für eine Handlungsoption
entsteht. Die Zellen werden dann umso aktiver, je stärker die Tendenz
für diese Option wird. Die zweite Gruppe von Nervenzellen zeigt von
Beginn an alle gegebenen Alternativen an. Entschieden wird danach,
welche der Handlungsoptionen nicht in Frage kommt. Die Nervenzellen, die
für die nicht präferierte Möglichkeit kodieren, werden umso stärker
herunterreguliert, je weniger die Option in Betracht kommt. Nach dem
Ausschlussprinzip bleibt schließlich diejenige Option übrig, die die
beste Wahl darstellt. „Dass für den Entscheidungsfindungsprozess zwei verschiedene
Nervenzellen im gleichen Hirnareal zuständig sind, ist eine neue
Erkenntnis dieser Studie“, sagt Alexander Gail, Leiter der
Forschungsgruppe Sensomotorik am DPZ und ebenfalls Autor der Studie.
„Die Planung wird also im Gehirn durch einen dualen Vorgang gesteuert,
der sowohl starke Handlungstendenzen widerspiegelt als auch alle anderen
Möglichkeiten abbildet, die durch das Ausschlussprinzip nacheinander
eliminiert werden können. Dadurch ermöglicht uns das Gehirn
ausbalancierte und flexible Entscheidungen. Der Stürmer vorm Tor ist
somit trotz seiner ersten Präferenz in der Lage, die andere Torecke als
Option nicht sofort auszuschließen, kann im letzten Moment [entscheiden?]. (eLife,
2019; doi: 10.7554/eLife.47581) Quelle: Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung 10. Dezember 2019- von Kay Sanders
Menschenaffe versteht imaginäre Objekte und kann "so tun als ob"
So tun als ob: Auch Menschenaffen verstehen das Konzept
imaginärer Objekte – eine bislang als rein menschlich geltende
Fähigkeit. Im Experiment begriff der Bonobo Kanzi beispielsweise, in
welchem Glas imaginärer Saft aus einer leeren Karaffe gelandet sein
musste. Gleichzeitig verstand der Bonobo, dass dies nicht real war, wie
Forschende in „Science“ berichten. Kanzi demonstriert damit erstmals,
dass auch Menschenaffen über Vorstellungskraft verfügen und so tun
können als ob.
Lange galten einige kognitive Fähigkeiten als alleinige Domäne des Menschen: Nur wir, so dachte man, können Werkzeuge herstellen, uns in die Perspektive anderer
hineinversetzen, uneigennützig handeln oder vorausplanen. Doch
Menschenaffen haben diese Grenze des typisch menschlichen immer weiter verschoben. Inzwischen ist klar, dass auch Schimpansen und Bonobos diese Fähigkeiten besitzen.
Der
43-jähige Bonobo Kanzi ist für seine sprachlichen Fähigkeiten berühmt.
Er kennt 300 abstrakte Symbole und kann mit ihnen kommunizieren.
So tun als ob – einzigartig menschlich?
Jetzt hat ein Menschenaffe eine weitere Domäne des Menschen geknackt:
die Fähigkeit, in Scheinwelten abzutauchen und sich imaginäre Objekte
vorzustellen. Ein typisches Beispiel für dieses „So tun, als ob“:
Menschenkinder spielen oft Kaufladen, Essenkochen oder Teepartys, bei
denen sie imaginäre Getränke und Speisen zubereiten, verkaufen oder zu
sich nehmen. Kinder verstehen solche Fantasiespiele schon im Alter von
zwei Jahren.
Die kognitive Herausforderung liegt darin, dass wir uns diese
Scheinwelt parallel zur realen Welt vorstellen – ohne sie miteinander zu
vermischen oder zu verwechseln. „In solchen Schein-Kontexten müssen wir
parallel zur Realität eine zweite Ebene der Vorstellung entwickeln“,
erklären Amalia Bastos und Christopher Krupenye von der Johns Hopkins
University in Baltimore. Bislang galt diese Fähigkeit der sekundären
Repräsentation als einzigartig menschlich.
Das Experiment: Schein-Saft und imaginäre Trauben
Doch der berühmte Bonobo Kanzi belehrt uns nun eines Besseren. Dieser
43 Jahre alte Bonobo wurde berühmt, weil er mithilfe von abstrakten
Symbolen mit uns Menschen kommuniziert und auch menschliche Sprache
versteht. Der Bonobo kann mehr als 300 verschiedene Symbole
unterscheiden und sie durch Antippen auf einer Tastatur zu einfachen,
aber sinnvollen Sätzen kombinieren. In drei Experimente haben Bastos und
Krupenye nun untersucht, ob Kanzi auch das Konzept imaginärer Objekte
versteht.
Im ersten Test standen zwei durchsichtige, leere Becher sowie eine
leere, durchsichtige Kanne auf dem Tisch. Eine Person goss nun
Schein-Saft aus der leeren Kanne in einen der beiden Becher. Dann fragte
sie Kanzi: Wo ist der Saft? In einer zweiten Variante wurden erst beide
Becher mit Schein-Saft gefüllt, dann der Inhalt des einen zurück in die
Kanne geschüttet. Wenn der Bonobo das Konzept des Fantasiespiels
versteht, müsste er in beiden Fällen konsequent auf den mit imaginärem
Saft gefüllten Becher zeigen.
Scheinwelt im Kopf
„Genau das tat Kanzi: Der Bonobo wählte in 34 von 50 Durchgängen den
korrekten Becher – das entspricht 68 Prozent richtiger Antworten“,
berichten die Biologen. Ähnliches zeigte sich in einem weiteren Test, in
dem statt Schein-Saft imaginäre Tauben auf eine von zwei Schalen
verteilt wurden: Kanzi lag auch hier bei 31 von 45 Durchgängen richtig.
Diese Ergebnisse erzielte der Menschenaffe zudem ohne gezieltes Training
oder eine Belohnung für richtige Antworten, wie das Team betont.
Aber begriff der Bonobo wirklich, dass der Mensch so tat, als ob?
„Theoretisch wäre denkbar, dass Kanzi einfach nur glaubte, dass
wirklich echter Saft in den Bechern war“, erklären die Biologen. Um das
auszuschließen, führten sie einen weiteren Test durch. In diesem stand
ein Becher mit echtem Saft auf dem Tisch, ein zweiter war leer. Mit der
leeren Kanne goss der Experimentator dann beide Becher mit imaginärem
Saft voll. Wenn Kanzi den Schein-Saft für echt hält, müsste er beide
Becher gleich häufig wählen. Das war aber nicht der Fall.
„Transformative Erkenntnis“
Damit belegt dieses Experiment zum ersten Mal, dass auch ein
Menschenaffe Vorstellungskraft besitzt. „Kanzi ist in der Lage, sich ein
Schein-Objekts vorzustellen und zugleich zu wissen, dass es nicht real
ist“, sagt Bastos. „Demnach kann er sich in seinem Geist Dinge
vorstellen, die nicht da sind.“ Die Ergebnisse liefern den klaren
Beweis, dass zumindest einige Menschenaffen das Konzept des so Tuns als
ob verstehen.
Dies stellt gängige Annahmen über die kognitiven Grenzen unserer
tierischen Verwandten infrage. „Vorstellungskraft wurde lange als
zentrales Element des Menschseins betrachtet. Die Erkenntnis, dass diese
Fähigkeit nicht einzigartig für unsere Spezies ist, ist wirklich
transformativ“, sagt Krupenye. „Dies gibt Anlass dazu, erneut zu
überdenken, was uns besonders macht.“
Keine rein menschliche Domäne mehr
Kanzi bestätigt zudem frühere, rein anekdotische Beobachtungen auch
bei anderen Menschenaffen: „In freier Wildbahn tragen weiblichen
Schimpansen manchmal Stöcke mit sich herum als wären diese ihr Baby“,
berichten Bastos und Krupenye. Ein in Gefangenschaft gehaltener
Schimpanse zog nach dem Bauklötzespiel oft imaginäre Klötze über den
Boden, Bonobos „fütterten“ nach Aufforderung eine Puppe. Allerdings war
bei diesen Beobachtungen nicht eindeutig klar, ob nicht doch eine
Fehlinterpretation oder Einflussnahme durch die Betreuer
dahintersteckte.
Kanzi belegt nun, dass diese Fähigkeit real ist – auch wenn
dieser Bonobo durch sein Sprachlerntraining besondere Voraussetzungen
mitbringt. „Es könnte sein, dass solche trainierten Menschenaffen im
Hinblick auf diese Fähigkeit zur Imagination typisch für ihre Art sind.
Aber ihre verbesserten kommunikativen Fähigkeiten machen es uns
leichter, dies zu erkennen“, schreibt das Team. (Science, 2026; doi: 10.1126/science.adz0743)
Nota. -Wenn Katzenkinder sich "zum Spaß" balgen, tun sie so als ob. Auch erwachsene Katzen tun das noch - seltener, aber bis ins hohe Alter. Von Delphinen nicht zu reden.
Eine spezifisch menschliche Fähigkeit war das nie. Spezifisch menschlich ist freilich die Rolle, die es in unserm Leben spielt. Und das ist nicht bloß die Häufigkeit. Wenn Tiere so als ob spielen, bleibt es ein momentanes und individuelles Verhalten. Bei uns Menschen führt das so-als-ob-Tun zu Ritualen, aus denen sich soziale Strukturen bilden.
Das nennt man Symbolisieren. Alle Kultur beruht darauf; und die Geldwirtschaft: Wenn einer einen Groschen reicht und der andere ihm dafür einen Kaugummi gibt, dann gilt der eine so, als ob er der andere wäre.
Beruht das alles auf unserer ursprünglichen Fähigkeit zum Spielen? Johan Huizinga wollte es glauben machen. Der springende Punkt ist aber nicht das Symbolisieren als Verfahren - das ist nur die formale Bedingung; sondern um die Bedeutung, die symbolisiert wird. Denn die ist die wirkliche Handlung, zu der das Symbol aufgerufen hat. Man mag es drehen, wie man will - um das Was kommt man nicht herum. JE
Quantenoptisches Mikroskop erreicht atomare Auflösung
Kombination aus Tunneleffekt und Laserstrahlung überwindet Auflösungsgrenze des Lichts
Physiker haben
ein Mikroskop entwickelt, das selbst atomkleine Strukturen sichtbar
macht. Das Besondere daran: Nötig sind dafür nur eine ultrafeine
Metallspitze, der Laserstrahl eines gängigen Infrarotlasers und ein
Quanteneffekt: Tunnelnde Elektronen hinterlassen im Laserlicht
charakteristische Signaturen, die Informationen über die Probe und ihre
Struktur liefern. Diese neue Version der Nahfeld-optischen Mikroskopie
(NOTE) eröffnet neue Möglichkeiten, atomare Prozesse zu erforschen, wie
das Team erklärt.
Beim Blick in kleinste Strukturen stößt die Optik an eine
grundlegende Grenze: das Licht selbst. Herkömmliche optische Mikroskope
können keine Strukturen auflösen, die deutlich kleiner sind als die
Wellenlänge des verwendeten Lichts. Um diese Abbesche Auflösungsgrenze
zu überwinden, haben Physiker jedoch einige Tricks entwickelt. So nutzen
das STED-Mikroskop und Quantengasmikroskope eine induzierte Fluoreszenz, andere Quantenmikroskope schärfen das Bild mithilfe verschränkter Photonen.
Funktionsprinzip
des NOTE-Mikroskops: Tunnelnde Elektronen zwischen Spitze und Probe
verändern das eingestrahlte Laserlicht. Die dabei freigesetzte Emission
liefert nahezu atomgenaue Informationen zur Probe.
Metallspitze, tunnelnde Elektronen und Laserlicht
Ein weiterer neuer Ansatz ist das Nahfeld-optische Tunnelmikroskop
(NOTE). Diese 2024 von Thomas Siday von der University of Birmingham erstmals vorgestellte Technik
kombiniert das Prinzip des Rastersondenmikroskops mit der
laserbasierten Messung. Dabei wird eine atomar feine Metallspitze dicht
an die Atome der Probenoberfläche herangeführt. Im zweiten Schritt
beschießen die Physiker den nur wenige Atombreiten schmalen Spalt
zwischen Spitze und Probe mit ultrakurzen Laserpulsen.
Dieser Laserbeschuss löst einen quantenmechanischen Effekt im
winzigen Spalt zwischen Mikroskopspitze und Probe aus: Elektronen
beginnen, den wenige Nanometer kleinen Abstand zu durchtunneln – sie
überwinden die bestehenden Energiebarrieren und bewegen sich zwischen
beiden hin und her. Der Clou dabei: Dieses Tunneln verändert das
eingestrahlt Laserlicht auf charakteristische Weise und erlaubt es
dadurch, Informationen über Abstand, Leitfähigkeit und andere Merkmale
der Probe zu gewinnen.
Das Problem jedoch: Die bisherige Version des NOTE-Mikroskops
funktionierte nur mit Terahertzstrahlung und erforderte daher teure
Speziallaser.
Vergleich der gepulsten Terahertz-Version (links) mit der neuen, auf einem gängigen Dauerstrichlaser beruhenden NOTE-Technik.
Das hat sich nun geändert: Dem Team um Siday und Erstautor Felix
Schiegl von der Universität Regensburg hat eine Version des
NOTE-Mikroskops konstruiert, die mit einem einfachen, kommerziell
erhältlichen Infrarotlaser läuft. „Wir beobachten optische Signale, die
auf Nanometer-Längenskalen moduliert werden“, berichten die Physiker. Im
Test ließen sich dadurch Probenstrukturen auf atomarer Längenskala bis
hinunter zu etwa 0,1 Nanometern messen.
„Wir messen wir damit quantenmechanische Elektronenbewegungen auf
atomaren Längenskalen – ein echter Quantensprung, der die Auflösung
optischer Mikroskopie im Vergleich zu herkömmlichen lichtbasierten
Mikroskopen um nahezu den Faktor hunderttausend verbessert“, sagt
Schiegl. Schon ein tunnelndes Elektron, das sich über eine Distanz
kleiner ein Atomdurchmesser bewegt, reicht aus, um ein messbares
optisches Signal zu erzeugen.
Vorstoß in zuvor kaum erreichbare Dimensionen
Nach Ansicht der Physiker ist dies ein echter Durchbruch in der
Mikroskopietechnik. Denn es demonstriere, dass optische Messungen heute
in Dimensionen vorstoßen können, die lange als unerreichbar galten.
Besonders bemerkenswert sei, dass diese Auflösungen auch mit einem
handelsüblichen Dauerstrichlaser erreichbar sind. „Die Beobachtung einer
Nahfeld-optischen Tunnelemission unter Dauerlaser ist bemerkenswert,
denn typischerweise erforderte dies ultrakurze
Hochleistungs-Laserpulse“, schreibt das Team.
Mit der neuen NOTE-Technik sind solche leistungsstarken und
teuren ultraschnellen Lasersysteme jedoch nicht mehr erforderlich.
Dadurch wird die Methode technisch einfacher zugänglich und könnte
künftig in vielen Laboren weltweit eingesetzt werden. Damit eröffnet
dieser Ansatz neue Möglichkeiten, die Wechselwirkung von Licht und
Materie auf der Ebene einzelner Atome zu erforschen. (Nano Letters,
2026; doi: 10.1021/acs.nanolett.5c05319)
Quelle: Universität Regensburg; 5. Februar 2026
-von Nadja Podbregar
Nota. - Eine kategorische "immanente" Grenze zwischen unserer lebensweltlichen Mesosphäre und der mikrokosmischen Quantenwelt gibt es nicht, denn ab jetzt können wir in die Mikrowelt hineinsehen - mit einer technischen Prothese zwar, aber doch sinnlich mit eigenen Augen. Im Prinzip ist es nicht anders, als wenn wir durch eine Brille schauen - während wir bislang Messwerte in eine mathematische Formel eintragen und uns dabei was denken mussten. Nicht, dass es die Grenze gar nicht mehr gäbe - aber sie ist überwindbar.
Mit
der Einführung der Gravitation als Naturgesetz hatte Newton die Sicht
der Welt revolutioniert: Sie konnte seither als entstanden und musste
nicht länger als erschaffen gedacht werden. Doch da war ein Haken. War die Gravitation eine Kraft, dann bedurfte sie, um übertragen zu werden, eines Mediums. Doch
offenkundig waren die Räume zwischen den Gestirnen leer. Also mussten
sie spekulativ angefüllt werden. Newton postulierte anstelle des Vakuums
einen verborgenen Stoff namens Äther, der zu fein wäre, um von uns gemessen zu werden. Doch auch die stets feineren Instrumente konnten keinen Äther messen, und so blieb er der Schamfleck des Newton'schen Weltbilds. Und jetzt wissen wir, dass die Zwischenräume im All nicht leer sind. * Die Begriffe mögen unsauber sein, aber auf sie kommt es nicht an, sondern auf die Vorstellungen, die sie schlecht und recht fassen sollten. Der durch die mehr oder minder dichte Materie mehr oder minder gekrümmte Raum ist selber die "Kraft", die in ihm wirken sollte. Ein wirklich leerer Raum wäre 'ungekrümmt' und wäre kein Raum.*
Newtons Vorstellung war im Großen richtig; manche Begriffe, in denen er
sie notdürftig darstellte, waren nicht ganz passend. Aber darauf kommt
es nicht an, wenn das, was dargestellt wird, stimmt. Die Begriffe werden sich irgendwann schon finden. *) Man kann es auch so sagen: 'Nichts' gibt es nicht. 18. 8. 14