Mittwoch, 18. März 2026

Revenü.

Doré, Gargantua                                                                                      aus Marxiana

Es ist bereits gesagt, daß wir den Mehrwerth nur so weit in Erwägung ziehn, als er nicht accumulirt wird, also blos zur individuellen Consumtion des Capitalisten dient. Diese Verausgabung des Mehrwerths nennen wir seine Verausgabung als Revenue. Was andrerseits das variable Capital betrifft, so wird es in der Form von Geld dem Arbeiter vorgeschossen, der dafür seine Arbeit giebt, mit dem erhaltnen Geld aber seine Lebensmittel kauft. Da vorausgesetzt ist, daß der Arbeitslohn = dem Werth der Arbeit oder rather des Arbeitsvermögens, ist damit gleichzeitig vorausgesetzt, daß der Arbeiter seinen ganzen Lohn zur Reproduction seines Arbeitsvermögens, daher im Ankauf von necessaries verausgabt. 

Das ganze variable Capital wird daher realiter verausgabt als Revenue oder verwan-delt sich für den Arbeiter in Revenue, während es sich für den Capitalisten in Arbeit verwandelt. Realiter, abgesehn von der durch die Geldform bewirkten Vermittlung, existirt also das variable Capital in der Form von Lebensmitteln, welche die Reve-nue der Arbeiterklasse bilden. Bei der Betrachtung des wirklichen Productionspro-cesses fällt uns daher sowohl der Theil des Products, der als Mehrwerth vom Capi-talisten, wie der Theil desselben, der als Arbeitslohn vom Arbeiter verzehrt wird, zusammen unter die gemeinschaft/liche Categorie der Revenue. Das variable Capi-tal als solches, d. h. so weit es sich nicht in Arbeitslohn und daher in Revenue für den Arbeiter auflöst, sondern in Arbeit für den Capitalisten, Arbeit, = der nothwen-digen Arbeit + Surplusarbeit, fällt hier also zunächst ausserhalb unsrer Betrachtung.
 

Da ferner vorausgesetzt wird, daß die capitalistische Productionsweise nicht nur die herrschende, sondern die allgemeine und ausschließliche Form der Production ist, müssen sowohl die Waaren, die Revenue bilden, sei es für den Capitalisten, sei es für den Arbeiter, die Waaren, welche die constituirenden Elemente des constanten Ca-pitals bilden, zunächst als Product des Capitals und daher als Waarencapitalien exi-stiren. Es muß daher ein Austausch von Waarencapitalien, die in die Revenue ein-gehn, ebensowohl stattfinden, gegen andre Waarencapitalien, die in Revenue ein-gehn, als Austausch von solchen Capitalien gegen Waarencapitalien, die constantes Capital bilden, als Austausch von Waarencapitalien, die constante Capitalien bilden, gegen einander.
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript 1863-1865, MEGA II/4.1, 305f.



Nota. - Mehrwert, der nicht akkumuliert und in Kapital verwandelt wird, ist Revenü - egal, was sonst aus ihm wird. Revenü ist auch das variable Kapital, sobald es als Lohn ausgezahlt wird; genauer: Es wird Revenü, indem...

Revenü ist zunächst das Privateinkommen des Kapitalisten; das Gehalt, das er sich selber auszahlt. Aber sind insbesondere auch die Steuern und Abgaben, die der Staat auf seinen Gewinn erhebt. Er mag selber als Unternehmer tätig werden; in Bau, Energie, Kommunikation. Dann wird Revenü ggf. zu Kapital; nämlich wenn es sich gegen Arbeitskraft austauscht, um Mehrwert zu erzeugen.

Der gewöhnliche Staatsbedienstete tauscht seine Arbeitskraft nicht gegen (variables) Kapital aus (um Mehrwert zu schaffen), sondern gegen Revenü - um seinen Staats-zweck zu erfüllen und daher seine... Abzüge vom Mehrwert zu rechtfertigen. Leh-rer, Sozialarbeiter und sonstige Staatsdiener schaffen keinen Mehrwert und tau-schen ihre Arbeitskraft nicht gegen Kapital, sondern gegen Revenü. Arbeiter mö-gen sie sein, aber sie sind - in ökonomischem Sinn - unproduktive Arbeiter, die anderer Leute Mehrprodukt lediglich verzehren.
JE, 5. 11. 18

Die Schule ist so gut wie ihre Lehrer.

                     zu Levana, oder Erziehlehre,

Strukturen, Theorien, Methoden - das ist unterm Strich alles ziemlich egal. Was zählt, ist der Lehrer. Und wohl eben nicht seine spezifischen Fertigkeiten: Denn dann käme es auf Strukturen, Theorien, Methoden eben doch an; zwar nicht un-mittelbar, aber mittelbar: nämlich indem sie die Lehrer fitter machen für den Un-terricht. Auch hier geht es nicht um einzelne "Kompetenzen" oder skills. Denn mehr als ein Experte ist der Lehrer ein performer. Er ist ein Darstellungskünstler. Das kann man nicht 'werden', das muss man sein. Natürlich macht Übung den Meister, aber ein Talent, das man ausbilden kann, muss schonmal da sein.

Darum ist das Problem der Schulen auch nicht in erster Linie die Lehrerausbildung, sondern die Rekrutierung. Die Bedingungen, unter denen Lehrer ihren Beruf aus-üben, müssen so sein, dass sie die Geeigneten anziehen und die Ungeeigneten ab-weisen - denn eine Charakterprüfung als Zugangsbedingung zum Beruf kommt nicht in Frage: weil sich nicht objektivieren lässt, um welche Charaktermerkmale es geht - und weil sie sich ohnehin nicht messen ließen; aber vor allem, weil sich vorab nicht bestimmen lässt, wer zum Prüfen der Eignung geeignet ist.

Mit andern Worten, auch bei der Reform der Lehrerschaft geht es nicht um Struk-turen, Theorien und Methoden. Auch da kann man basteln, soviel man will; es ko-stet nur Zeit, Geld und Humanressourcen. Die gesellschaftliche Grundstimmung müsste sich ändern. Leute, die sich dazu begabt fühlen, müssten in den Beruf strö-men; Leute, die sich darauf freuen, jeden Tag eine gelungene Darbietung liefern zu müssen und zu können; Leute, die sich gerne überraschen lassen und sich auch un-befangen der Routine hingeben können, wenn sich's grade so ergibt.

Einstweilen ist es noch so, dass solche Leute um den öffentlichen Dienst einen großen Bogen machen.

PS. Gut wäre auch, wenn die Öffentlichkeit vom Unterricht nicht länger erwarten würde, dass er "funktioniert".
16. 12. 19

Dienstag, 17. März 2026

Bei Kindern ist der Unterschied nicht noch kleiner, sondern noch größer.

Carpeaux                          aus Männlich

Kinder sind kleiner als Erwachsene.
Jungens sind noch phantasiebegabt und schon unternehmungslustig.
Mädchen sind noch phantasiebegabt und schon gefallsüchtig.
An zu viel Phantasie scheitern manche Unternehmen.
Durch Phantasie wird Gefallsucht verführerisch.
 

Und wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel.

 

Montag, 16. März 2026

Vernunft ist kein Kamillentee für...


... Altherren in Rheuma-Unterwäsche, sondern ein scharfmachender Jungbrunnen.

 

Hat er's, ach, so gemeint? 

 

 

Der evolutionäre Sinn der geschlechtlichen Arbeitsteilung.

                                                 aus Männlich 

Von allen Lebewesen sind wir Menschen die einzige Gattung, in der der männliche Teil der Population als solcher einen eigenen Anteil hat an der Aufzucht und Ver-sorgung der Nachkommenschaft - und daher an der Erhaltung der ganzen Art über den bloßen Zeugungsakt hinaus.

Am meisten verbreitet ist es im Tierreich, dass die männlichen Individuen nach dem Zeugungsakt ihrer Wege gehen. Ernährung und Behütung der Jungen ist Sache der Mütter und anderen weiblich Verwandten. Wo die männlichen Tiere immerhin mit ihrem Harem und den Jungtieren zusammenleben, da beteiligen sie sich, wie die Löwen, nicht einmal am Erwerb der gemeinsamen Nahrung: Auch das besorgen die Löwinnen, sie jagen in Gemeinschaft, während der Pascha restlos damit ausgelastet ist, die Gruppe gegen Feinde zu verteidigen und... andere Löwenmänner von sei-nem Harem fernzuhalten. Das lastet ihn nicht nur aus, sondern nimmt ihn so in Anspruch, dass er schon nach wenigen Jahren das Rudel einem Stärkeren und Jün-geren überlassen muss (dem es dann ebenso ergehen wird). Mehr als die Abgabe seines Samenpakets hat er bis dahin zur Erhaltung seiner Art nicht beigetragen. 

 
Bei anderen Rudeltieren mit einer komplexeren sozialen Organisation, nämlich bei Beutegreifern, die wie Wölfe und Hyänen im Verband jagen, beteiligen sich regel-mäßig männliche wie weibliche Tiere an der Beschaffung der gemeinsamen Nah-rung; aber nur gelegentlich beteiligen sich die männlichen Tiere auch an der Auf-zucht der Jungen, indem sie sich nachsichtig auch mal auf der Nase rumtanzen lassen. (Eine Kuriosität ist der Polarfuchs: Der lebt nicht mit der Fähe und ihren Kindern im selben Bau, versorgt sie auch nicht mit Nahrung. Aber morgens holt er die Jungen zuhause ab und zieht mit ihnen aus, um sie das Jagen zu lehren.) Bei manchen Vögeln kommt es schließlich vor, dass Mutter- und Vatertier nicht nur beim Füttern, sondern schon bei der Brut ablösen. Aber immer sind es die Väter, die sich an dem beteiligen, was die Mütter angefangen haben - individuell.

 
Dass das männliche Geschlecht als Ganzes eine Tätigkeit entwickelt, die zur Erhal-tung der Art einen eigenen Beitrag leistet, kommt aber nur bei uns Menschen vor. Die Männer jagen. Das tat die Familie Homo "von Hause aus" nicht. Unsere Vor-fahren werden - wie unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen und Bonobos - in größeren Gruppen gesammelt haben: um sich gegen Nahrungskonkurrenten durchsetzen zu können. Und wenn sie dabei auch gelegentlich kleinere Affen ge-tötet und gefressen haben, so tat es doch jedes Individuum für sich - wie eben noch heute Schimpansen und Bonobos. Gesammelt und erst nachher geteilt wird dort nicht, und sowenig wie das reguläre Sammeln wird gelegenliches Jagen organisiert. Doch erst Organisation macht Arbeitsteilung möglich.
16. 12. 19 


Sonntag, 15. März 2026

Fichte und Kant (anekdotisch).

                       aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Fichte versichert zwar wiederholt, sein System sei kein anderes als das Kantische. Indessen kann ich Sie aus bester Quelle versichern, dass der Stifter des letzteren selbst anderer Meinung ist. Dies allein dürfte Sie indes noch nicht irre machen; denn es widerfährt den Philosophen öfter, dass andere sie besser verstehen, als sie sich selbst verstanden. Ich sage es Ihnen bloß, um in beide Waagschalen Ihres Urteils die Autorität einen großen Mannes zu legen, damit nicht die eine vor der anderen sinke.
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Friedrich Carl Forberg, Fragmente aus meinen Papieren, Jena 1796, S. 77



Nota. - Der Autor sei nicht sein bester Interpret, hatte Kant selbst geschrieben. Sein Ausfall gegen Fichte später, während des Atheismusstreits, ist ein hässlicher Fleck auf seinem Nachruhm. Jener schrieb resigniert an Schelling, Kant sei wohl doch nur ein "Dreiviertelskopf". Dass er kurz vor dem Ende seinem Opus postu-mum den Titel "Philosophie als Wissenschaftslehre in einem vollständigen System aufgestellt" geben wollte, ist ja erst mit dessen Erscheinen in der Akademie-Ausga-be an die Öffentlichkeit gedrungen - und setzt dort manch orthodoxen Kantianer bis heute in Verlegenheit.

JE, 7. März 2015




Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Samstag, 14. März 2026

Habermas.

In ihm hat sich die Frankfurter Schule überlebt.                                                                                                                                   

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Revenü.

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