Montag, 14. September 2026

KI und Europa - jetzt.

Mehrere vierbeinige robotische Maschinen mit der Aufschrift „Energy Dog“ in einer Industrieanlage mit grünen Rohren und metallischen Strukturen. Die Roboter scheinen für Inspektionsaufgaben eingesetzt zu werden.                        zu öffentliche Angelegenheiten
aus derStandard.at, 11. 9. 2026                                          Moderne Robotik im Kraftwerksbetrieb, hier bei Wien Energie.

Zukunftstechnologie
"Die heikle Phase der KI-Revolution ist genau jetzt"
Die technologische und wirtschaftliche Abhängigkeit Europas von den USA und China scheint erdrückend. Doch selbst beim Thema KI könnte Europa noch eine Chance haben
 
Fehlende Wertschöpfung

Genau diese Wertschöpfung fehle Europa aber schmerzlich, um in Forschung, Innovation und weitere Infrastruktur zu investieren, sagte er am ersten Tag der Technology Days Austria im Wiener Museumsquartier am Donnerstag. Denn Europa sei in der Halbleiterindustrie zwar traditionell stark vertreten. Die aktuell für KI eingesetzten Chips würden derzeit allerdings woanders entwickelt und produziert. Dabei wäre das Potenzial gigantisch. Wachstumsraten von bis zu 28 Prozent in diesem Bereich seien selbst für ihn, der seit 40 Jahren in der Chip- und Halbleiterindustrie beschäftigt sei, erstaunlich, sagte De Boeck auf der vom Austrian Institute of Technology (AIT) veranstalteten Konferenz.

Dass die EU bis 2035 ihre Datenzentren-Kapazitäten verdreifachen wolle, zeige, dass man die Dringlichkeit verstanden habe. Die nackten Investitionszahlen in technische Infrastruktur bleiben dennoch alarmierend. So gaben die USA in den vergangenen Jahren De Boeck zufolge 471 Milliarden Dollar aus, China investierte 119 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: einzelne europäische Länder wie Deutschland und Frankreich investierten gerade einmal 13 und 11 Milliarden Dollar. Um irgendwie mithalten zu können, müsse Europa gemeinsam investieren, fordert De Boeck.

"Vor industriellen Revolutionen und danach läuft das Leben in halbwegs geordneten Bahnen. Die Mitte ist die heikle Phase, die besonders problematisch ist. Und das ist genau jetzt", erklärte De Boeck. Der Innovationsforscher warnte davor, dass Europa den Kopf in den Sand steckt. Zwar sei das Rennen im Bereich Large-Language-Models wohl tatsächlich bereits gelaufen. Wirklich spannend seien aber die nächsten Schritte. Denn KI wandere aus der Cloud und somit den großen Datenzentren künftig in Geräte, die wir in der physischen Welt tagtäglich benutzen.

Als Beispiele nannte der Imec-Forschungsleiter diverse medizinische Geräte, aber auch Autos und andere Fahrzeuge, etwa im landwirtschaftlichen Bereich. "Wenn man 100 km/h mit einem Auto oder auch 50 km/h mit einem Traktor fährt, kann man sich nicht auf die Cloud verlassen. Die KI muss vor Ort operieren, sie muss extrem energieeffizient sein, und benötigt eine Vielzahl von Sensoren, um die Umgebung zu sehen, hören und vielleicht auch zu riechen", sagte De Boeck.

Chance für Europa

Viele dieser Sensoren über Halbleitertechnologien zu realisieren, sei sehr herausfordernd. Europa verfüge in diesem Bereich jedoch über viel Innovation und könne auch global gesehen stark punkten. Das gelte auch für neu gedachte Chiparchitekturen und Algorithmen. Auch hier seien viele Probleme noch längst nicht gelöst, sprich das Rennen nicht gelaufen. "Aktuell werden Algorithmen um die Systeme von gestern entwickelt. Die Chips von morgen werden aber optimiert für all die neuen Anforderungen sein, die KI mit sich bringt", ist De Boeck überzeugt.

Europa verfüge über ein exzellentes Bildungssystem, auch die Forschung an Universitäten und in der Industrie sei hervorragend aufgestellt. Und: Mit 450 Millionen Menschen in Europa, die heute schon KI nutzen, gebe es auch einen großen heimischen Markt, den man bedienen könne. Damit das funktioniere, müsse Europa aber zusammenrücken und statt 27 nationalen Strategien eine gemeinsame Linie finden, sagte der Halbleiter-Experte. Dazu zähle etwa ein orchestriertes europäisches Chiplet-Ökosystem. Chiplets sind winzige Chipbauteile, die bestimmte Funktionen abdecken und modular zusammengesetzt werden können – je nach Einsatzbereich und speziellen Aufgaben, die ein Gerät erfüllen muss.

Wie Europa seine technologische und wirtschaftliche Souveränität zurückerobern und sicherstellen kann, war ein roter Faden, der sich durch den ganzen ersten Tag der diesjährigen Technology Talks Austria zog. "Alle Forschungserfolge und Innovationen sind verloren, wenn wir sie nicht auf den Markt bringen können", sagte Marie-Hélène Ametsreiter vom Venture-Capital-Fonds Speedinvest. Zwar seien im Vorjahr bereits 20.000 neue Start-ups in Europa gegründet worden – am Ende fehle aber das Kapital, um diese zu skalieren und wachsen zu lassen. Viele seien gezwungen abzuwandern oder würden schlichtweg aus kapitalstärkeren Märkten wie den USA aufgekauft.

Geparktes Geld

Dabei verfüge auch Europa über genügend Kapital, ist Ametsreiter überzeugt. "In europäischen Haushalten liegen zehn Billionen, also 10.000 Milliarden Euro passiv als Ersparnisse herum. Wenn ein Teil davon in Fonds fließen würden oder auch Pension-Fonds in Risikokapital investieren dürften – mit entsprechenden Anreizen und Garantien auf staatlicher Ebene – würde das die Situation völlig verändern", sagte Ametsreiter. Abseits von Kapital bräuchten Start-ups zum Skalieren aber auch renommierte Kunden, um weitere Investoren anzulocken. Öffentliche Institutionen könnten hier eine entscheidende Rolle spielen, regte sie an.

Bei der aktuellen Bundesregierung kann man dem Vorschlag einiges abgewinnen. Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) verwies auf das Beschaffungsvolumen staatsnaher Institutionen und Betriebe von 67 Milliarden Euro in Österreich. Die Vergabe von Aufträgen müsse künftig stärker auf Innovation und Wertschöpfung aus Österreich und Europa ausgerichtet sein. Eine entsprechende Richtlinie werde gerade über alle Ministerien hinweg ausgearbeitet, teilte Hanke auf STANDARD-Nachfrage mit. Ungeachtet von Vergabekriterien, die teilweise auf EU-Ebene geregelt sind, habe man diesbezüglich jedenfalls einen Spielraum, den man nutzen wolle.

Bei der Frage, wie und ob das geplante Rechenzentrum des US-Konzerns Google im oberösterreichischen Kronstorf tatsächlich die vielbeschworene europäische Souveränität und Resilienz stärkt, blieben die österreichischen Regierungsvertreter ausweichend. Es ist nicht zuletzt auch deswegen umstritten, weil es enorme Mengen an Energie und Kühlwasser benötigen wird. Hanke erklärte, bei der Wahl solcher Standorte müsse künftig selbstverständlich die österreichische und europäische Perspektive stärker berücksichtigt werden. ...

 

Sonntag, 13. September 2026

Wenigstens einer...


 ...muss der öffentlichen Stimmung widerstehen. Nur so kann er sie überleben.

 

 

Auch eine letzte Chance.

               zu öffentliche Angelegenheiten

Die Union ist Angela Merkel 2015 in den Rücken gefallen. Wenn sie es jetzt bei Merz wieder tut, wird es das letzte Mal gewesen sein, dass sie dazu die Gelegenheit hatte.

 

Samstag, 12. September 2026

Epigenetik: Macht macht stark.

Ein Gepard in einer bräunlichen Savannenlandschaft 
aus derStandard.at, 8. 9. 2026                                                                               zu Jochen Ebmeiers Realien 

Wie sich bei Geparden durch Machtgewinn der Körper verwandelt
Jene Männchen, die sich im Kampf um ein Territorium durchsetzen, werden auch körperlich stärker und aggressiver. Dafür gibt es nun eine epigenetische Erklärung

Ein interdisziplinäres Team um Alexandra Weyrich und Bettina Wachter (Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, IZW, in Berlin) gehen in einer neuen Studie davon aus, dass hinter dieser Verwandlung ein Mechanismus steckt, der in der Biologie seit Beginn dieses Jahrhunderts für Aufsehen sorgt: die Epigenetik.

Mehr als Mutation und Selektion

Die neuen Erkenntnisse, die am Montag im Fachblatt Molecular Ecology erschienen, sind auch deshalb interessant, weil Geparden eine außergewöhnlich geringe genetische Vielfalt aufweist. Fachleute sehen darin seit Langem ein Risiko, denn genetische Unterschiede gelten als Voraussetzung für Anpassung. Fehlen sie, sinken die Chancen, auf neue Krankheiten, Klimaveränderungen oder andere Umweltbedingungen zu "reagieren", indem sich geeignetere Mutationsträger durchsetzen und vermehren.

Doch die Evolution verfügt offenbar über mehr Werkzeuge als nur Mutationen und natürliche Selektion, weshalb Fachleute seit vielen Jahren argumentieren, epigenetische Mechanismen in einer erweiterten Evolutionstheorie zu berücksichtigen. Die Epigenetik untersucht chemische Markierungen auf der DNA, die beeinflussen, welche Gene aktiv sind und welche nicht. Die genetische Information selbst bleibt unverändert – vergleichbar mit einem Buch, dessen Text gleich bleibt, während einzelne Kapitel hervorgehoben oder ausgeblendet werden.

Zwei männluche Geparden auf einem Baum in Savannenlandschaft
Zwei streunende Männchen auf einem Baum. Sollte eines der Tiere ein Revier erobern, verändert das auch seinen Körper.

Genau solche Markierungen, sogenannte DNA-Methylierungen, standen im Zentrum der neuen Untersuchung. Das Forschungsteam analysierte Blutproben von zehn freilebenden männlichen Geparden aus Namibia. Der besondere Wert des Datensatzes: Von denselben Tieren lagen Proben aus zwei Lebensphasen vor – zunächst als Floater, später als territoriale Männchen. Dadurch konnten die Forschenden die Veränderungen innerhalb derselben Individuen verfolgen.

Veränderte Methylierung

Das Ergebnis fiel deutlich aus. Hunderte Gene zeigten nach der Territoriumsübernahme veränderte Methylierungsmuster. Viele davon gehören zu biologischen Signal- und Stoffwechselwegen, die mit körperlicher Entwicklung, Organfunktionen und Verhalten in Zusammenhang stehen. Bereits frühere Analysen hatten angedeutet, dass territoriale Männchen schwerer sind und sich weniger scheu verhalten als Floater. Nun liefert die Epigenetik einen möglichen molekularen Erklärungsansatz dafür.

"Unsere Ausgangsthese hat sich bestätigt", sagt die Evolutionsgenetikerin Alexandra Weyrich vom Leibniz-IZW. Der Übergang vom Floater zum Territorialmännchen gehe tatsächlich mit deutlichen Veränderungen der DNA-Methylierung einher. Besonders auffällig sei gewesen, dass viele der betroffenen Gene genau in jenen Stoffwechselwegen aktiv sind, die zu den beobachteten körperlichen Veränderungen passen.

Zoologischer Sonderfall

Das würde auch den biologischen Sonderfall der Geparden schlüssig erklären. Bei vielen Säugetieren sind dominante Männchen bereits vor dem Kampf um ein Revier größer, stärker oder hormonell überlegen. Der körperliche Vorteil ermöglicht den Sieg. Bei Geparden scheint die Reihenfolge anders zu sein. "Die Männchen verändern sich erst, nachdem sie den Kampf um ein Territorium gewonnen haben", erklärt die Verhaltensökologin Bettina Wachter, die seit Jahrzehnten das namibische Gepardenprojekt leitet. Genau deshalb eigne sich die Art so gut, um die biologischen Prozesse hinter einem Statuswechsel zu untersuchen.

Die Forschenden versuchten zudem auszuschließen, dass die beobachteten Unterschiede bloß auf das höhere Alter der Revierbesitzer zurückzuführen sind. Ihre Analysen deuten darauf hin, dass die Methylierungsmuster des Alterns andere Spuren hinterlassen als jene des sozialen Aufstiegs. Auch Floater, die bis ins hohe Alter kein Territorium eroberten, zeigten keine vergleichbaren körperlichen Veränderungen.

Hoffnungsträger mit Fragezeichen

Für den Artenschutz sind die Ergebnisse potenziell bedeutsam. Sie deuten darauf hin, dass selbst Arten mit geringer genetischer Vielfalt über eine gewisse biologische Flexibilität verfügen könnten. Epigenetische Mechanismen könnten es Individuen ermöglichen, rascher auf neue Umweltbedingungen zu reagieren, als dies allein über genetische Veränderungen möglich wäre.

Allerdings mahnen die Autorinnen und Autoren zur Vorsicht. Die Studie zeigt lediglich einen Zusammenhang zwischen Statuswechsel und veränderter DNA-Methylierung. Ob die epigenetischen Veränderungen die Transformation auslösen, sie begleiten oder erst als Folge des neuen Lebensstils entstehen, bleibt offen. Ursache und Wirkung lassen sich mit den vorliegenden Daten nicht trennen.

Gerade darin liegt nun die nächste Herausforderung für die Forschung. Sollten ähnliche Mechanismen auch bei anderen bedrohten Arten nachweisbar sein, könnte sich das Bild von Anpassungsfähigkeit verändern. Dann wären Gene allein nicht mehr die ganze Geschichte. 

 

Freitag, 11. September 2026

Demokratischer Engpass.

Klaus Stuttmann ET 12.9.2026

© Klaus Stuttmann für den Tagesspiegel 

Die würden genau das tun, dessen sie die andern bezichtigen. Da kann einem die Wahl schonmal schwerfallen.

Um die Schulen wurde einst mit harten Bandagen gekämpft.

Collage mit Porträtfotos, im Hintergrund fiktives Szenenbild einer Schulklasse  
aus derStandard.at, 8. 9. 2026      Szenen eines reformpädagogischen Schulalltags in einer Volksschule von 1927. Im Vorder-grund (v. li.): Alfred Adler, Anna Freud, Maria Montessori, Sigmund Freud und Otto Glöckel                      zu Levana 

Wien, Musterschulstadt der Welt
Die Wiener Schulreform der 1920er-Jahre wurde international zum Vorbild und mit dem politischen Umbruch 1934 brutal beendet

Donnerstag, 10. September 2026

Gibt es für den Künstler überhaupt noch einen Platz?

Egon Schieles letzte Palette.                                  aus Geschmackssachen

Wir leben in einer Epoche, wo  - nicht allein, aber auch nicht zuletzt - die Neuen Medien dafür sorgen, dass kein Bild mehr an die Öffentlichkeit gelangen wird, das nicht - so oder ein bisschen anders - schonmal dagewesen ist. Alles, was in der zeitgenössischen Kunst etwas taugt, von Gerhard Richter über Cy Twombly bis zu den amerikanischen Hyperrealisten, sind nur Variationen zu dem Thema Was kann man heute noch malen? Und ihr jeweiliger anschaulich-ästhetischer Gewinn besteht eben in der Variation und nicht im Werk. Mit andern Worten: Wenn es je sinnvoll gewesen wäre, 'Kunst' an der Qualität (Washeit) ihrer Produkte zu definieren - dann ist das heute vorbei.

Man hätte sagen können: Kunst ist eine bildnerische Praxis, die, wenn sie gelingt, die Augen der Zeitgenossen öffnet für ästhetische Qualitäten, die zuvor noch nicht sichtbar waren.

Das ist verführerisch, aber es ließ immer die Frage offen: Wer oder was entscheidet darüber, was in der Kunst gelungen ist und was mißraten? Und das ist ein Fass ohne Boden. Was Kunst ist, definieren zu wollen durch ihre ästhetische Qualität, läuft darauf hinaus, Kunst nicht definieren zu können. Und recht besehen war das auch der Zweck der definitorischen Übung; denn sie ging immer aus von den un-mittelbar Interessierten: den Künstlern selbst und ihren... nun ja, Agenten. Diente das epochale Werk Giorgio Vasaris etwa nicht der Propagierung - Marketing heißt das heute - des aufkommenden Manierismus in der italienischen Malerei? Wird einer behaupten, er habe sich um 'Objktivität' überhaupt bemüht? Er postulierte die Maßstäbe, denen er in seinem eigenen Werk selber gefolgt war und weiter zu folgen gedachte. Anders ist Kunstgeschichte unter dieser Prämisse auch gar nicht möglich, und darum wurde sie auch niemals ohne Interesse betrieben.

Kunst war erstens ein sozialgeschichtliches Phänomen und wurde zweitens zu einer kulturellen Instanz. Da ist zuerst das Aufkommen des Künstlers als Phänotyp. Als Professioneller nämlich, zünftig organisiert und gegen andere Berufsgruppen privi-legiert. So jedenfalls im Abendland, wo Kunst in specie entstanden ist, unterm Pro-tektorat einer feudalen Amtskirche zunächst und bald auch zum Lob und Preis weltlicher Herrschaft. Ihre Entfaltung verdankt sie nicht unwesentlich ebendieser ambivalenten Stellung als Dienerin zweier Herrn mit konkurrierenden Interessen. Und erst recht ihren Aufstieg - parallel zum Aufstieg des Gelehrtenstandes - zur autoritativen Instanz, die wie die Wissenschaft eine autonome Stellung zwischen den Mächten geltend macht. Und nur darum konnte die eine nichts als die Wahrheit und die andere das Schöne selbst zu ihrem (fast) ausschließlichen Geschäft machen und den Zwiespalt des menschlichen Geistes als reflektierende Absicht und als zweckfreie Betrachtuung objektivieren. Wie der Erfinder und der Gelehrte erscheint der Künstler mit der Renaissance als Held, der mit den Aristokraten auf Du ist, seit die (in Italien) keine Blaublütler, sondern nur noch Parvenüs sind.

Natürlich hält diese Stellung der folgenden Entwicklung zur bürgerlichen Gesell-schaft nicht stand, denn zwischen Bourgeoisie und Bourgeoisie ist schlecht schwe-ben. Als Geschäftspartner stehen weder der Künstler noch der Gelehrte dem Kapi-talisten ebenbürtig gegenüber, denn während Kirche und weltliche Herren auf die öffentliche Repräsentation ihrer Herrschaft durch Schönheit und Wissen dauerhaft angewiesen waren, kann der Bourgeois als Privatmann auf die Hohe Kunst ver-zichten und sich mit einem kitschigen Surrogat begnügen. Der Wissenschaftler konnte sich als Supervisor des Technikers unabkömmlich machen, was sich der Kapitalist als Geschäftsmann etwas kosten lässt, aber dem Künstler blieb nur das Abenteuer der Bohème; wenn er nämlich auf der Kunst um ihrer selbst willen beharrte und sich zum Serienfertiger wohlfeiler Massenware zu vornehm blieb. (Vorher gab es keine Unterscheidung zwischen Kunst und Kitsch).

So entstand die Avantgarde, seit der Romantik eigentlich, und der Romantiker verstand den Künstler als Genie, und rückblickend verklärte Ludwig Tiecks Franz Sternbald noch den Zunftgesellen der mittelalterlichen Malerwerkstatt dazu.

Als Kunst gilt seit rund hundert Jahren nur noch das, was zu der Frage Ist das überhaupt noch Kunst? Anlass gibt. Kunst ist avantgardistisch - oder akademische Afterkunst. In den fünfziger, sechziger Jahren waren erkennbare Gegenstände auf den Bildern regelrecht untersagt. Abstrakt war nicht erst die Avantgarde, sondern noch der Tross.

Die Abstraktion musste sich bald totlaufen, denn bloße Farben und Formen sind erschöpflich, und Varianten im Mikrobereich sind irgendwann langweilig. Bleibt das dekorative Bemalen von Leinwänden in Wandgröße, aber originell ist das nun auch nicht mehr. Wohl oder übel müssen die Gegenstände wieder hergenommen werden - wenn man schon das Malen nunmal nicht lassen kann. Welch eine Verlegenheit! Man sieht sie allenthalben. Ihr von Sotheby und Christie's gekrönter König ist Gerhard Richter, der offenkundig alles kann (wie kein zweiter), aber ebenso offenkundig nicht weiß, was er wollen soll.


Merke: Das Tafelbild hat es nicht immer gegeben.

21. 9. 13 

KI und Europa - jetzt.

                         zu   öffentliche Angelegenheiten aus derStandard.at, 11. 9. 2026                                            Modern...