Prägen
Quarks oder Gluonen die Eigenschaften von Protonen? Neueste Ergebnisse
scheinen auf Letzteres zu deuten – und zeichnen damit ein neues Bild von
Protonen.
Seit
Jahrzehnten streiten sich Forschende um einen der wichtigsten Bausteine
unserer Welt: das Proton. Dieses Teilchen ist Teil eines jeden
Atomkerns, und damit aller bekannten Materie des Universums. Doch wie es
zu seinen Eigenschaften kommt, ist ein Rätsel. Denn nun zeigen
Experimente am weltgrößten Teilchenbe-schleuniger des CERN, dass eine
grundlegende Eigenschaft des Protons nicht von den Teilchen ausgeht, aus
denen es eigentlich besteht – sondern von der Kraft, die sie verbindet.
Wie Forschende von der STAR-Collaboration, einem internationalen
Forschungsverbund, in einer bei der Fachzeitschrift »Science« veröffentlichten Arbeit erklären, spielen Gluonen, die Träger der starken Kernkraft, im Inneren der Protonen eine wichtigere Rolle als bisher angenommen.
Schon
lange ist bekannt, dass das Proton nicht elementar ist, sondern
seinerseits aus drei Quarks besteht. Im Prinzip genau wie ein Atomkern
aus Protonen und Neu-tronen aufgebaut ist. In den vergangenen Jahren zeigte sich jedoch, dass das Innen-leben des Protons weit komplizierter ist.
Es zeichnet sich ab, dass auch Gluonen – die eigentlich nur als
Überträgerteilchen zwischen den Quarks ausgetauscht wer-den – die
Eigenschaften von Protonen erheblich beeinflussen.
Damit fingen
Diskussionen rund um die sogenannte Baryonenzahl an. Das Proton ist ein
Baryon, also hat seine Baryonenzahl den Wert eins. Das klingt banal,
doch die Baryonenzahl ist eine Erhaltungsgröße: Die gesamte Baryonenzahl
aller beteiligten Teilchen bleibt über alle Reaktionen hinweg gleich.
Würde man also die drei Quarks im Proton einzeln betrachten, müssten
sich ihre Baryonenzahlen zu eins addieren – dachten die allermeisten
Fachleute bisher jedenfalls: Die drei Quarks im Innern des Protons legen
die Baryonenzahl fest. Doch mit dem wandelnden Bild des Protons
äußerten einige Experten die Ansicht, dass auch Gluonen die Baryonenzahl
beeinflussen könnten.
Und wie es nun scheint, hatten Letztere recht. Die STAR-Collaboration
kommt anhand dreier verschiedener Untersuchungen zu diesem Fazit. Die
Forschenden haben hierzu Daten von Experimenten mit hochenergetischen
Photonen und Protonen sowie mit Protonenkollisionen analysiert. Darüber
hinaus haben die Forschenden untersucht, wie sich die Baryonenzahl und
die elektrische Ladung in den Experimenten auf die in der Kollision
entstehenden neuen Teilchen verteilten und mit ihnen ausbreiteten. Alle
drei Untersuchungen deuteten darauf hin, dass nicht die drei Quarks die
Baryonenzahl transportieren, sondern die Gluonen. Das zeigt sich
insbesondere daran, dass sich die elektrische Ladung (welche die Quarks
tragen, im Gegensatz zu den neutralen Gluonen) in andere Richtungen
ausbreitete als die Baryonenzahl.
Doch damit sind noch nicht alle
Fragen beigelegt. »Obwohl die Ergebnisse darauf hindeuten, dass Gluonen
zum Transport der Baryonenzahl bei hochenergetischen Kernkollisionen
beitragen, liefern die Messungen keine direkten Nachweise für den
zugrunde liegenden Mechanismus«, schreibt der Physiker Wenliang Li von
der Mississippi State University in einem begleitenden Artikel bei »Science«.
»Die Klä-rung dieser Fragen könnte dazu beitragen, zu verstehen, wie
die starke Kernkraft zwischen subatomaren Teilchen stabile Materie
organisiert und bildet – und was das Ungleichgewicht zwischen Materie
und Antimaterie im Universum verursacht.«
Die größte Schulreform aller Zeiten Im Wien der
1920er-Jahre erzeugte der Schulpolitiker Otto Glöckel gemeinsam mit dem
Psychologen Alfred Adler und anderen Bildungsinnovatoren einen
einzigartigen Gründerboom
von Michael Fembek
Wien bot um 1921 ideale Rahmenbedingungen für umfassende
Schulreformen: Die Sozialdemokraten hatten Bildung zu einem ihrer
Kernthemen gemacht, und sie regierten alleine im neuen Bundesland.
Die Herausforderungen nach 1918 waren riesig: Das Schulwesen war
ausgehöhlt, Gebäude zweckentfremdet, Unterrichtsmaterialien uralt oder
verschwunden. Kinder waren von Hunger, Wohnungsnot, Tuberkulose (aber
auch Rotlauf, Diphtherie und Spanischer Grippe) und schlimmen
hygienischen Verhältnissen überdurchschnittlich betroffen.
Hunderttausende Kinder und Jugendliche mussten arbeiten, waren Waisen
oder konnten nicht von ihren Eltern aufgezogen werden.
Die Nachkriegsmisere unterstützte die Wiener Schulreformer
kurioserweise auch, weil ja Schulgebäude und die meisten Lehrer aus der
Zeit vor 1914 da waren, aber nur halb so viele Kinder. Die Stadt Wien
kürzte die Vorkriegs-Budgets nicht und investierte damit ab 1922 ein
Mehrfaches der anderen Bundesländer in Bildung: Für 1927 sind 492
Schilling pro Kind dokumentiert, gegenüber 194 in Niederösterreich und
79 im Schlusslicht Burgenland. In Wien waren die Schülerzahl mit 30 pro
Klasse limitiert (auf dem Land gab es hingegen auch Klassen mit 80
Kindern). Schulbücher waren gratis, ein eigener Verlag - Jugend &
Volk - wurde dafür gegründet. Es gab kostenlose Untersuchungen durch
praktische Ärzte, Augen- und Zahnärzte
Otto
Glöckel hatte bis 1920 als De-Facto-Unterrichtsminister eine
umfassende, aber nur provisorische Volksschulreform für ganz Österreich
eingeführt (per Erlass, siehe letzter Blog),
die er nun in Wien ausgestalten konnte. Auch der Zugang von Mädchen zu
allen Schulformen und von Frauen zum Lehramt (Aufhebung des
Lehrerinnen-Zölibates) und zu allen Studienrichtungen war 1919 auf
Bundesebene ermöglicht worden.
Am 22. Oktober 1920 schied Glöckel wie alle anderen Sozialdemokraten aus der Staatsregierung
aus. Noch am selben Tag legte Gemeinderätin Amalie Seidel ihr Mandat im
Wiener Bezirksschulrat nieder, um diesen Platz für ihn frei zu machen (Arbeiter-Zeitung, 23. Oktober 1920).
Und nur vier Tage später wurde er als dessen neuer Leiter gewählt
(formal erster Vorsitzenderstellvertreter, denn Vorsitzender war der
Bürgermeister). Hier löste er seinen langjährigen Freund und
Weggefährten Paul Speiser ab (Seidel und Speiser hatten mehrere Rollen
in der Wiener Stadtpolitik und gaben nur jeweils eine davon auf).
Was nach Versorgungsposten für einen Ex-Minister klang, stellte sich
bald als das Gegenteil heraus: Das neue Bundesland fusioniert Bezirks-
und Landesschulrat zum Stadtschulrat und schuf damit eine
mächtige Behörde, die nicht dem (christlichsozialen) Unterrichtsminister
unterstand, sondern dem (sozialdemokratischen) Wiener Bürgermeister.
Nach einer monatelangen Kontroverse um das Entsendungsrecht von
Religionsgemeinschaften (siehe letzter Blog) fand dessen konstituierende Versammlung im Februar 1922 statt.
Zu einem kuriosen Kompetenzstreit kam es im Sommer 1922, als die
Stadt Wien das prominente Palais Epstein neben dem Parlament für den
Sitz des neuen Stadtschulrates anforderte und damit den
Verwaltungsgerichtshof de facto delogierte, der dort residierte (der
Palais-Errichter, Bankier Gustav von Epstein, hatte Vermögen und Gebäude
bereits nach dem Börsenkrach von 1873 verloren). Der VwGH wehrte sich
monatelang gegen die Aussiedelung, musste aber dann doch in ein Gebäude
des Verkehrsministeriums, Ecke Schillerplatz/Nibelungengasse, weichen.
Neben dem personell stark besetzten Stadtschulrat kam hier auch das neue
Pädagogische Institut der Stadt Wien und die Lehrmittelzentrale unter.
Das Palais Epstein blieb bis 2001 dessen Sitz.
Von Versuchsschulen, Versuchs- und Besuchsklassen
Schon in der ersten Stadtschulrat-Sitzung startete Otto Glöckel mit seinem Reformprogramm durch, und setzte einen Reformausschuss für die Allgemeine Mittelschule ein. Ab September 1922 wurde sie an sechs Bürgerschulen erprobt (Olechowski, Seite 599). Dieses Schulmodell hätte als Einheitsschule
alle 11- bis 14jährigen umfasst, unterteilt in Leistungsgruppen, um
auch Kindern aus bildungsfernen Arbeiterfamilien mehr Chancen auf
Bildung zu geben (was bekanntlich bis heute nicht verwirklicht ist).
Glöckel setzte auf Pilotprojekte, um damit Erfahrungen zu sammeln, zu
dokumentieren und Erfolge herzuzeigen, und auf möglichst viele Baustellen gleichzeitig. Herausragend dabei:
Versuchsklassen (für Volksschulen gab es 156 in Wien, die die neuen Lehrpläne umsetzten),
Versuchsschulen (wie die Allgemeine Mittelschule),
Besuchsklassen, die Hospitanten aus dem In- und Ausland anzogen.
Eine besondere Stellung erhielt die KnabenschuleStaudingergasse
(Staudingergasse 6, Wien 20), in der Lehrkräfte mit
individualpsychologischer Ausbildung 1924 Versuchsklassen starteten,
unterstützt und genau beobachtet vom Stadtschulrat: Oskar Spiel, Franz
Scharmer und Ferdinand Birnbaum konnten diese dann 1931 in eine erste Individualpsychologische Versuchsschule umwandeln. Im Mittelpunkt des Modells stand das Gemeinschaftsgefühl, gelebt in fünf verschiedenen Formen: Aussprachegemeinschaft, Verwaltungsgemeinschaft, Arbeitsgemeinschaft, Erlebnisgemeinschaft und Hilfeleistungsgemeinschaft (Quelle: Wittenberg: Geschichte der Individualpsychologischen Versuchsschule).
Die Publikationen der Schulgründer Oskar Spiel und Ferdinand
Birnbaum, aber auch Dutzender anderer Bildungspioniere wie Viktor Fadrus
oder Hans Fischl fanden damals wie auch nach 1945 große Beachtung und
wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Sie pägten auch den Neustart
der Schule in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg mit.
Die Mehrheit der Eltern und Schüler unterstützten die vielen
revolutionären Änderungen in der Schulorganisation wie Elternvereine,
Schülerbeschreibungsbögen statt reiner Notenbeurteilung, oder Sitzungen
von Klassengemeinschaften, die von einzelnen Schülerinnen oder Schülern
geleitet wurden, die dort ihre aktuellen Probleme thematisieren konnten.
Die Lehrerschaft war hingegen gespalten:
In den Volks- und Hauptschulen unterstützten die Lehrer die
Reform durchwegs mit Hingabe, oft mit Begeisterung. In den Mittelschulen
(Gymnasien und Realgymnasien) mussten die Anhänger der Schulreform um
jeden Zentimeter Boden kämpfen.
Carl Furtmüller, zitiert in. Achs: Carl und Aline Furtmüller, Seite 96
Das lag auch daran, dass Volksschullehrer in Wien nun Gehälter
bezogen, von denen man leben konnte - ein Riesenunterschied zur Zeit der
Unterlehrer bis 1918. Gleichzeitig behielten alle, auch die
reformkritischen Mittelschullehrer, ihren Job und verstellten damit
engagierten Junglehrern mit den neuen Ausbildungen den Eintritt ins
Schulsystem (die Schönbrunner Erzieherinnenschule der Kinderfreunde
wurde unter anderem deswegen bereits 1923 wieder geschlossen). Erst
1927 wurden die ersten Absolventen des Pädagogischen Institutes fertig
und erhielten bevorzugt die begehrten Lehrerposten an den neu
geschaffenen Gymnasien - sie waren aber dann 1945 da, als man das
Schulsystem der Zeit bis 1934 anschließen wollte.
Breiter Ripple-Effekt
Die
historische Wiener Schulreform führte zu einem echten Systemwandel, weil
Otto Glöckel mit seiner Energie tausende andere mitnahm, die sich an
die Umsetzung ihrer eigener Visionen machten (heute auch Ripple-Effekt genannt).
Zur Lehrerausbildung und wissenschaftlichen Begleitung der Reformen
holte Glöckel das Ehepaar Charlotte und Karl Bühler von Berlin nach
Wien, die das Pädagogische Institut der Stadt Wien
mitgründeten, einen "akademischen Joint-Venture" zwischen Stadt und
Universität Wien. An der Schnittstelle mit der Sozialpolitik der Stadt
Wien wurde 1925 die Kinderübernahmestelle eröffnet, ein
Herzeigeprojekt von Sozialstadtrat Julius Tandler, wo ebenfalls
Charlotte Bühler zur wichtigsten Entscheidungsträgerin wurde
(Lustkandlgasse 50 in Wien 9).
Die "Kinderübernahmestelle" ermöglichte Müttern aus
benachteiligten Verhältnissen, die ihre Kinder nicht aufziehen konnten,
eine geordnete Übergabe. Die Entscheidungen, was mit dem Kind dann
passierte (Heim, Pflegeeltern oder Rückgabe), traf Charlotte Bühler
(links), die daraus bahnbrechende Studien über die Kinderpsyche sowie
Erfolg und Misserfolg von pädagogischen Maßnahmen erstellte. Mehrjährige
Mitarbeiterin war vor Ort Hildegard Hetzer (re.), die später an der
Eingliederung der Kinderübernahmestelle in die Nazi-Ermordungssysteme
für Kinder mit intellektuellen oder psychischen Beeinträchtigungen nach
1938 mitarbeitete.
Für sozial benachteiligte (damals verwahrlost
genannte) Kinder gab es etliche Unterstützungsprojekte, die von der
Stadt Wien gefördert und wissenschaftlich begleitet wurden, wie das Kinderheim Baumgarten in Wien 13 für 300 jüdische Kinder, organisiert vom Freud-Schüler Siegfried Bernfeld.
Ein weiterer Psychoanalytiker, August Aichhorn, führte ab 1918 die Fürsorgeanstalt für verwahrloste Jugendliche in Hollabrunn (bis 1928: Oberhollabrunn) im Auftrag der Stadt Wien. Auch daraus entstanden eine große Zahl von Studien
Den Montessori-Pionierinnen Lili Roubiczek-Peller und Emma
Plank-Spira genehmigte das Jugendamt der Stadt Wien 1927 die Errichtung
des "Haus des Kindes" im Park des zentral gelegenen Rudolfsplatzes,
bestehend aus Kindergarten und Schule (heute: Städtischer Kindergarten).
Die Achse Adler-Furtmüller-Glöckel
Die
zentralen Personen für die Ausgestaltung der Schulreformen waren aber
Carl Furtmüller und Alfred Adler, und indirekt auch ihre Ehefrauen. Carl
Furtmüller (1880 bis 1951) hatte Germanistik und Philosophie mit
Lehramtsabschluss studiert. Schon in jungen Jahren überzeugter
Sozialdemokrat und Bildungsreformer, war er an der Gründung des Volksheims durch Ludo Hartmann und Emil Reich in Ottakring (1901) federführend beteiligt, der erste Volkshochschule Wiens (Ochs, Carl und Aline Furtmüller, s44).
Das Volksheim-Gebäude in der Koppstraße (heute Ludo Hartmann-Platz) war dann der erste Sitz der Freie Schule-Bewegung,
die Otto Glöckel bereits 1905 mitgegründet hatte. Furtmüller nahm 1904
eine Stelle als Gymnasiallehrer in Kaaden (heute: Kadaň) in Nordböhmen
an und gründete dort eine lokale Sektion der Freien Schule. 1919 holte ihn umgekehrt Glöckel zunächst als Fachexperten ins Unterrichtsministerium und machte ihn 1922 als Landesschulinspektor für die Mittelschulreformen in Wien verantwortlich.
Die Verbindung zwischen Carl Furtmüller und Alfred Adler war über
deren Ehefrauen entstanden, die eine russische-revolutionäre Herkunft
verband: Aline Furtmüller (1881 bis 1951) war die Tochter des 1880 aus
Rußland nach Wien ausgewanderten Sowjetrevolutionärs Samuel Klatschko.
Sie wuchs in Wien auf, beeindruckt von der Emigrantenszene rund um ihren
Vater, studierte Romanische Sprachen an der Universität Wien und
unterrichtete ab 1920 an der berühmten Schule der Eugenie Schwarzwald
(siehe späterer Blog). 1919 wurde Aline Furtmüller in den Wiener
Gemeinderat gewählt und profilierte sich als Aktivistin für Frauen-,
Friedens- und Bildungsthemen. Ihre Freundin Raissa Epstein *(1872 bis
1962), genauso überzeugte Kommunistin und Frauenrechtlerin, hatte 1907
Alfred Adler in Smolensk geheiratet, und mit ihm vier gemeinsame Kinder
(Achs s29; Zeitungsausschnitt). Adler selbst hatte nur kurze Phasen, in
denen er mit dem Kommunismus sympathisierte, spätestens mit seinen
Erfolgen in den USA ab 1925 aber nicht mehr.
Furtmüller war mit Alfred Adler (1870 bis 1937) befreundet. Der junge
Alfred Adler war einer der Mitstreiter von Sigmund Freud und 1902 ein
Mitgründer der Mittwochsrunde, aus der die weltumspannende Internationale Psychoanalytische Vereinigung
entstand. 1909 trat auch Furtmüller auf Einladung von Adler in diesen
elitären Kreis und ihren wöchentlichen Treffen ein, was sofort zu
Spannungen mit Freud führte.
Von Anfang an war Furtmüller ein freimütiger Teilnehmer, der
imstande war, sich verständlich auszudrücken, und der versuchte, eine
marxistische Perspektive in die breit gefächerten Diskussionen über
emotionale Probleme von Kindern und Erwachsenen in der
Mittwoch-Gesellschaft einzubringen.
Zitiert aus einem der Protokolle der Mittwochrunde (Achs: Furtmüller, Seite 121)
Freud wollte von den sozialpolitischen Forderungen, die Adler und
Furtmüller an die Erkenntnisse der Psychoanalyse knüpften, nichts
wissen. Das war auch eine der Ursachen für den schmerzhaften Bruch
zwischen Freud und Adler im Jahr 1912.
Nach dem Auszug aus der Psychoanalyse-Welt des Sigmund Freud
gründete Alfred Adler mit Unterstützung von Carl Furtmüller den "Verein
für Individualpsychologie", Adler wurde Obmann und Furtmüller sein
Stellvertreter. Auch für deren vielbeachtete Zeitschrift fungierten
Adler und Furtmüller von Beginn weg gemeinsam als Herausgeber.
Charakter und Hilfe statt Gehorsam und Strafe
Individualpsychologie
und Wiener Schulreformen, das war wechselseitige Faszination von Anfang
an. Für die reformwilligen Lehrer füllten Adlers Thesen ein Vakuum,
dass das Verdrängen der katholischen Kirche als oberste Schulautorität
hinterlassen hatte. Die simplen katholischen Prinzipien von Gehorsam und
Strafe waren für die neuen Bildungsziele ungeeignet, und für die
Unterstützung der hunderttausenden unterprivilegierten Kinder immer
ungeeignet gewesen. Adlers Lehren vom Charakter des Menschen, von Minderwertigkeitskomplex und Kompensation, die durch frühkindliche Erfahrungen entstehen (Organminderwertigkeiten
war einer seiner frühen Begriffe dafür), von der systematischen
Diskriminierung von Mädchen - das waren die Anleitungen, die dringend
gebraucht wurden und auch Möglichkeiten der Korrektur und Hilfe boten
(Hoffman: Drive for Self, Seite 135).
Die Individualpsychologen, auch Adler selbst, gingen laufend in die
Schulen zu den Klassenbesprechungen und Sitzungen von Elternvereinen.
Und sie gründeten vor allem 28 Erziehungsberatungsstellen, in
denen sie ehrenamtlich analysierten und berieten. Diese Beratungsstellen
wurden rasch an existierenden Sozialeinrichtungen aller Art
eingerichtet, wo Eltern während der Sprechstunden vorbeikommen konnten,
und die sich enormer Beliebtheit erfreuten.
Die erste Erziehungsberatungsstelle wurde von den
Mitgliedern einer Wiener Freimaurer-Loge eingerichtet: Viktor
Hammerschlag und Karl Friedjung, letzterer ein begeisterter
Adler-Schüler, hatten 1913 Die Bereitschaft gegründet, die 1923
die erste Erziehungsberatung in der Annagasse 18 in Wien 1 einrichtete,
und 1925 eine weitere in der Oberzellergasse 8 in Wien 3 für schwererziehbare Kinder (ANNO, Arbeiter Zeitung, 1924-10-26, Seite 5; ANNO, Die Mutter, 1925-10-16, Seite 15)
Auch der Karitasverband der Erzdiözese Wien betrieb eine solche
Beratungsstelle (Bernardgasse 27 in Wien 7), einer der seltenen
Brückenschläge der Schulreformen ins katholisch-konservative Lager, das
ja ansonsten alles daran setzte, die Reformen zu blockieren und die
Kirche wieder als Oberstinstanz im Schulwesen einzusetzen (ALEX, Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien, 1926-02-15, Seite 3).
Für Adler und Dutzende andere führende Individualpsychologen war
der Zugang zu den Schülern, Lehrern und Eltern ein einmaliger Daten- und
Erfahrungsschatz. Adler wurde in den 1920er-Jahren hauptsächlich durch
seine Buch-Bestseller im deutschsprachigen Raum und auch in den USA
bekannt, für die er hier seine Fallbeispiele bezog. Das Buch
"Understanding Human Nature" wurde 1927 in den USA ein Bestseller, was
ihm dort auch den Aufbau einer Existenz und die spätere Übersiedlung
ermöglichte.
Wenige Schulneubauten
Der Neubau
von Schulen gehörte nicht zum Reformprogramm Wiens, auch in den
berühmten Wohnbauten der Gemeinde Wien gab es zwar manchmal
Kindergärten, aber keine Schulen. Da die alten Schulbauten für den
neuen, interaktiven Unterricht nicht wirklich geeignet waren, scheiterte
es wohl an der Finanzierung.
Für Adler und Dutzende andere führende Individualpsychologen war der
Zugang zu den Schülern, Lehrern und Eltern ein einmaliger Daten- und
Erfahrungsschatz. Adler wurde in den 1920er-Jahren hauptsächlich durch
seine Buch-Bestseller im deutschsprachigen Raum und auch in den USA
bekannt, für die er hier seine Fallbeispiele bezog. Das Buch
"Understanding Human Nature" wurde 1927 in den USA ein Bestseller, was
ihm dort auch den Aufbau einer Existenz und die spätere Übersiedlung
ermöglichte.
*) Raissa Adler gehörte vor dem Krieg dem Interrayonisten-Block von Leo Trotzki an, der ebenfalls in Wien lebte. Sie war 1926 die erste Person, die sich im Westen öffentlich für die Linke Opposition in Sowjetrussland ausspach. JE
Nota. - Eine weitere NeuerungGlöckles, die bis heute erhalten blieb und deren Bedeutung seit Jahr und Tag stetig wächst, erwähnt Michael Fembek gar nicht: die Abschaffung des Nachmittagsunterrichtsin Österreich! Etwa, weil die Sozialdemo-kraten dieser Tage die lautesten Trompeter der Ganztagsschule geworden sind, die die Frauen der Industrie und die Kinder der Beamtenschaft in die Fänge treibt? JE
Steffen Seibert grenzt deutsche Staatsräson von israelischer Siedlungspolitik ab
Bis vor Kurzem war Steffen Seibert Deutschlands Botschafter in Israel. Kaum zurück, kritisiert er die israelische Siedlungspolitik und betont, dass die deutsche Staatsräson nur für Israels Staatsgebiet gelte.
Der frühere deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, grenzt die deutsche Staatsräson ausdrücklich von der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland ab. Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel geprägte Formel „Israels Sicherheit ist Teil der deutschen Staatsräson“ gelte für Israel in den Grenzen von 1967, sagte der frühere Regierungssprecher Merkels dem „ZEITmagazin“.
„Aber das gilt nicht gegenüber den Siedlern im Jordantal“, sagte Seibert. „Nach internationalem Recht sind das illegale Siedlungen, die der Ideologie folgen: Dies ist allein unser Land, Gott hat es uns geschenkt. Darauf bezieht sich die Staatsräson nicht, sie unterstützt nicht das Überlegenheitsgefühl gegenüber einer anderen Bevölkerung.“
Zugleich übte Seibert deutliche Kritik an der israelischen Siedlungspolitik. Diese sei „Vertreibung mit Mitteln der psychologischen und der realen Gewalt“. Er sprach sich dafür aus, die deutsche Unterstützung für Israel klarer von einzelnen politischen Entscheidungen der jeweiligen Regierung zu unterscheiden.
„Wir müssen jedenfalls klarmachen, was wir meinen, wenn wir richtigerweise sagen, dass wir zu Israel stehen“, sagte Seibert. „Wir haben jahrzehntelang von Israel als der einzigen Demokratie in der Region gesprochen, und das stimmt. Aber das bedeutet nicht, dass unsere Unterstützung jegliches staatliche Verhalten Israels einschließt, zum Beispiel nicht die Besatzung, die nun ins 60. Jahr geht.“
Der ehemalige Botschafter lehnte Boykotte sowie Einschränkungen im Wissen-schaftsaustausch mit Israel ab. Zugleich stellte er die Frage, ob es „gezielte Maßnahmen“ geben könne, die die deutsche Ablehnung der Siedlungspolitik deutlicher machten. Zudem müsse man gegenüber den Palästinensern deutlich machen, dass das Recht des israelischen Volkes, in seinem Staat zu leben, zu achten sei.
Seibert war von 2022 bis Juli 2026 deutscher Botschafter in Israel. Zuvor hatte er elf Jahre lang als Sprecher der Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel gearbeitet. Im Interview schildert er zudem, kurz vor Ende seiner Amtszeit einen Tag lang israelische Aktivisten im Westjordanland begleitet zu haben, die nach eigenen Angaben durch ihre Präsenz Übergriffe radikaler Siedler auf Palästinenser verhindern oder dokumentieren wollen. Dafür habe er bewusst die Rolle des Botschafters verlassen und Urlaub genommen.
Nota. - Das Existenzrecht Israels sei deutsche Staatsräson, hat Angela Merkel kanonisch formuliert. Der Zionismus ist Israels Staatsräson. Das eine bedeutet nicht das andere. Auf lange Sicht kann Israel nur erhalten bleiben, wenn es seine Staatsräson neu bestimmt. Dass es sich dabei nicht von außen unter Druck setzen lassen will, ist begreiflich. Aber unter welchen Umständen war Israel je ohne äußeren Druck? JE
Der östereichische Bundeskanzler hat Skandal gemacht, indem er öffentlich die Meinung äußerte, familiäre Kinderbetreuung sei "keine Arbeit".
aus derStandard.at, 11. 8. 2026
...Empörend ist die politische Ignoranz, mit der österreichische
Regierungen die tendenziell frauenfeindliche Stimmung negieren, die den
Arbeitsmarkt immer noch dominiert – und damit den Druck, der seit
Jahrzehnten auf Frauen lastet.
Sind sie jung, bekommen sie die guten Jobs nicht, weil sie schwanger
werden könnten. Haben sie Kinder, werden sie nicht befördert, weil
Betreuungspflichten ihre 24/7-Verfügbarkeit in Frage stellen.
Entscheiden sie sich gegen eigene Kinder, verdienen sie oftmals trotzdem
weniger als ihre männlichen Kollegen (mit Kindern), weil ... einfach
so. Haben Frauen das gebärfähige Alter hinter sich, gelten sie oft als
zu qualifiziert, zu selbstbewusst und jedenfalls zu teuer.
Im Grunde hat sich diese Einstellung vieler Arbeitgeber nie
maßgeblich verändert. Gerade die Wirtschaftspartei ÖVP hätte hier schon
lange viel mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen – im Sinne von
Familien, die ihr ja angeblich so sehr am Herzen liegt. Das ist keine
Kritik an jenen engagierten konservativen Politikerinnen, die sich sehr
wohl glaubhaft für Frauen einsetzen. Allein: Viele ihrer männlichen,
einflussreichen Parteikollegen haben die Gleichstellung von Frauen stets
nur halbherzig unterstützt. Ähnliches gilt für die SPÖ, ebenfalls
langjährige Regierungspartei: Der Enthusiasmus roter Funktionäre für
weibliche Anliegen hält sich in Grenzen.
Was
ist die Konsequenz? Immer mehr junge Frauen verzichten lieber auf
Partnerschaft und Familie, ehe sie sich in den gesellschaftlichen
Schraubstock einspannen lassen. Darüber sollte endlich ernsthaft
diskutiert werden: Wie kann man die Arbeitswelt frauenfreundlicher
gestalten? Wie überhaupt ein menschenfreundlicheres Klima schaffen? ...
Nota. -Wir leben in einer Gesellschaft, in der Arbeit zugleich höchsten Wert und größte Mühe bedeutet; in einer Gesellschaft, in der als Arbeit nur solche Mühsal* gilt, die Wert - Geld wert - vervorbringt. Diese Mehrdeutigkeit zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung zu machen, wäre ein gutes Stück Aufklärung, und das könnte man dem österreichischen Bundeskanzler zugute schreiben. Dass das Aufziehen von Kindern keine Mühsal sei, die Geldwert generiert - damit hat er doppelt Recht.
Entgegnen könnte man ihm, dass das Leben mit Kindern nicht nur Freude macht, sondern wohl auch anstrengend ist; und dass es Geldwert nicht einträgt, aber eintragen sollte.
Wahr ist, dass Kindererziehung landein, landaus eher mit Frauen in Verbindung gebracht wird, aber man sollte sich hüten, das als frauenfeindlich zu verbuchen - weil andererseits geharnischte Machos es dann ebensogut als kinderfeindlich brandmarken könnten.
Sie sehen: Es kommt weniger auf den Sachverhalt an, als auf die Tendenz, die man der Sache von vornherein zugrunde legt. Nimmt man es volkswirtschaftlich, dann Kinderaufziehen natürlich keine Arbeit, denn sie schafft keinen Geldwert, indem sie Kapital verwertete. Man könnte allerdings einwenden, indem es für die Reproduk-tion der Arbeitskraft sorgt, sei es immehin wertwerhaltend. Dem ist entgegenzuhalten, dass diesem Umstand in der Bestimmung des Arbeitslohns bereits Rechnung getragen ist, in welchem die Ausgaben für den Nachwuchs schon berücksichtigt sind. Über die Höhe mag man immer streiten.
Im volkswirtschaftlichen Sinn hat Kanzler Stocker es aber nicht gemeint. Er wollte nur sagen, dass das Zusammenleben mit heranwachsenden Kinder eben nicht nur Mühsal, sondern auch Freude ist. Wer es anders auffasst, muss sich nicht bei der Gesellschaft, sondern bei seinem Charakter beschweren. Dass Väter vorwiegend mit Spiel und Sport, Mütter aber mit Kochen und Wäschewaschen beschäftigt sind, ist familiär zu regeln. Wie sie das Familieneinkommen unter einander teilen, auch. Sie könnten auch, wenn sie es wünschen, Buch führen und einander die Stunden zahlen; aber populär wird das sicher nicht.
Dass dort aber auch gesellschaftliche Erwartungen eingehen, gilt für die einen wie die andern. Darauf ist bei öffentlichen Äußerungen Rücksicht zu nehmen.
Hat Stocker auch getan; er hat sich am nächsten Tag entschuldigt.
Wie
sicher sind sich Menschen nach einer Entscheidung, die richtige Wahl
getroffen zu haben – und wovon hängt ihre Einschätzung ab? Das haben die
Psychologen Sucharit Katyal und Stephen Fleming vom University College
London in einer neuen Studie untersucht.
Die
Forscher analysierten die Daten aus vier bereits veröffentlichten
Online-Experimenten mit insgesamt 1447 Teilnehmenden. In allen
Untersuchungen sollten die Versuchspersonen einfache Entscheidungen
treffen. Beispielsweise mussten sie nach einem kurzen Blick angeben,
welche von zwei Farben stärker auf einem Bild vertreten war oder welches
von zwei Objekten sie zuvor schon einmal gesehen hatten. Direkt im
Anschluss sollten die Testpersonen beurteilen, wie sicher sie sich mit
ihrer Entscheidung fühlten. Dabei wurde auch erfasst, wie viel Zeit
zwischen der Reaktion und der anschließenden Selbsteinschätzung lag.
Zudem wurden auch allgemeine psychische Symptome wie Ängstlichkeit und
Depressivität erhoben.
Höhere Angstsymptome gingen mit einem
geringeren Vertrauen in die eigene Urteilskraft einher. Außerdem hatten
weibliche Teilnehmende im Durchschnitt weniger Zuversicht in ihre
Antworten als Männer – unabhängig von ihrer objektiven Leistung. Beide
Gruppen zeigten den Auswertungen zufolge einen gesteigerten Anspruch
daran, sich wirklich sicher zu sein, bevor sie Vertrauen in ihr Urteil
ausdrückten.
Bedenkzeit verändert die Bewertung
Neu
an der Studie war vor allem eine Analyse dessen, wie sich diese
Bewertung mit einigen Sekunden mehr oder weniger Bedenkzeit entwickelt.
Bei Personen mit stärkerer Angstsymptomatik nahm das Vertrauen in die
eigenen Fähigkeiten ab, je länger sie mit ihrer Bewertung warteten.
Demzufolge verstärkte bei diesen Teilnehmenden mehr Zeit zur
Selbstreflexion die Abwertung der eigenen Urteilskraft vermutlich eher.
Bei den Frauen hingegen war das Selbstvertrauen unmittelbar nach der
Entscheidung am niedrigsten ausgeprägt und nahm danach wieder zu.
Offenbar konnte etwas längere Bedenkzeit bei ihnen dafür sorgen, dass
automatische Denkmuster verändert wurden.
Die Autoren folgern
daraus, dass geringes Vertrauen in eine eigene Entscheidung mehrere
Gründe haben kann. Bei ausgeprägten Ängsten scheint zusätzliche Grübelei
nach dem Entschluss vorhandene Selbstzweifel noch zu verstärken. Für
diese Menschen könne es demnach sinnvoll sein, sich auf die erste,
direkte Selbsteinschätzung nach einer vollendeten Aufgabe zu verlassen.
Das geringere Selbstvertrauen der weiblichen Probanden dagegen deutet
wohl mehr auf gewohnheitsmäßiges anfängliches »Tiefstapeln« hin, das
sich mit etwas mehr Zeit korrigieren lässt. Frauen könne es folglich
helfen, sich bewusst mehr Zeit für die Selbsteinschätzung zu lassen, so
die Forscher.
Nota. - Wer von Selbstzweifeln geplagt ist, könnte aus Zutrauen in seine Urteils-kraft Stärke gewinnen. Er müsste nur eingesehen haben, dass Selbstvertrauen - das eine subjektive Gestimmtheit ist - und Urteilskraft, die eine objektivierbare Leistung ist, nicht dasselbe sind; und dass das Trainieren der einen zugleich ein Trainieren des andern ist. Dafür wäre Nachdenken allerdings unerlässlich. JE
Qualia sind Singularia. Sie sind an sich
und stehen in keinem Verhältnis zu Etwas anderem. Sie sind nicht aus
Voraussetzungen konstruiert und werden nicht begrif-fen, sondern
angeschaut: De singularibus non est scientia. Sie lassen sich nicht begründen, sondern nur anpreisen. 10. 12. 16
Inntel-Hotel Amsterdam aus Ebmeiers Einblick aus Süddeutsche.de, 30. 3. 2022"Die
Vielheit unter einem Gemeinsamen denken, das kein Absolutes sein kann."
Die Krise des Absoluten
Verkannter Knotenpunkt
Daniel-Pascal Zorn rettet die philosophische Postmoderne.
Von Christoph Möllers
Bei
einem Gespräch über die Zukunft der Demokratie im Schloss Bellevue
beklagten sich vor Kurzem gleich mehrere Rednerinnen und Redner
angesichts des Grassierens politischer Falschmeldungen über die
herrschende "postmoderne Beliebigkeit". Nun mag man über Beliebigkeit
lamentieren, doch was an dieser genau "postmodern" ist, bleibt die
Frage. Die Vorstellung, den einst wahrheitsliebenden westlichen
Gesellschaften sei durch eine kleine Schar französischer Denker der
Relativismus eingeflößt und der Drang nach faktischer Richtigkeit
ausgetrieben worden, wird ja eigentlich in der Sekunde abwegig, in der
man sie ausspricht. Trotzdem findet sie weiterhin Anklang.
Der
Philosoph Daniel-Pascal Zorn hat dieser schlichten Geschichte nun auf
mehr als 600 Seiten eine gewaltige und komplexe Gegenerzählung gewidmet.
Anhand einer kollektiven intellektuellen Biografie von acht Philosophen
zeichnet er die Denkbewegung eines unübersichtlichen und vielfältigen
intellektuellen Projekts nach, das weniger eine geschlossene Schule
darstellt als einen repräsentativen Knotenpunkt im Denken unserer Zeit.
Daniel-Pascal Zorn: Die Krise des Absoluten - Was die Postmoderne hätte sein können. Klett-Cotta, Stuttgart 2022. 648 Seiten, 38 Euro.
Die philosophische Postmoderne wird damit zu einem tief in die Geschichte der Philosophie eingebetteten Unternehmen
Unter
den dargestellten Autoren findet sich zunächst die klassische
vierköpfige Kernmannschaft der französischen Philosophie der Siebziger
und Achtziger: Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Michel Foucault und
Jean-François Lyotard. Ergänzt werden diese - und hierin liegt ein Clou
des Buches - durch vier weitere Denker: zwei deutsche Philosophen einer
früheren Generation, Theodor W. Adorno und Joachim Ritter, dazu dem
Kybernetiker Heinz von Foerster und den amerikanischen Neo-Pragmatisten
Richard Rorty.
Die
Spuren, die Zorn in seinem Buch legt, führen dabei weit in die
Philosophiegeschichte zurück, sie verästeln sich nicht allein in den mal
intellektuellen, mal realen Begegnungen der Protagonisten miteinander,
sondern beziehen ein riesiges Nebenpersonal ein, Lehrer, Lehrer von
Lehrern, intellektuelle Milchbrüder- und schwestern, Förderer und
mitunter Begleitfiguren von außerhalb der Philosophie. Die Länge der
Liste der dramatis personae, die dem Buch leider ebenso fehlt wie ein
Personen- oder Sachregister, kann mit jedem russischen Roman
konkurrieren: Wer war noch gleich Jean Cavaillès? Es lohnt sich,
ihn kennenzulernen.
Derart
wird die philosophische Postmoderne zu einem tief in die Geschichte der
Philosophie eingebetteten Unternehmen der Suche nach einem Begriff des
Absoluten, das sich nicht, wie Habermas wirkmächtig behauptete, schlicht
als Antithese zu aufklärerischer Rationalität verstehen lässt. Wie Zorn
deutlich macht, erweisen sich nicht nur Nietzsche und Heidegger als
Vordenker der Postmodernisten, sondern auch der Empirist Hume, der
Neukantianer Cassirer oder der Analytiker Quine.
Das
Bild, das so entsteht, ist abschreckend kompliziert. Weil das Buch
nicht streng chronologisch vorgeht, sondern sich mit vielen Rück- und
Seitenschritten von den Anfängen der Protagonisten mal in deren näheren
und weiteren Vorgeschichten, im Ganzen dann aber doch wieder von hinten
in die Gegenwart vorarbeitet, ist die Lektüre auch dann anspruchsvoll,
wenn man versucht, den Faden des verlorenen Absoluten im Kopf zu
behalten. Denn, wie Zorn schön formuliert, startet die Krise des
Absoluten mit jeder Figur neu, in die sich das Absolute zurückzieht.
Geordnet
sind die Abschnitte und Unterabschnitte nach bestimmten Problemen,
deren Darstellung durch Schnitte unterbrochen wird, die sich erst bei
weiterer Lektüre durch Rückverweise erklären. Man vertraut dem Autor,
dass er über den Aufbau des Buchs lange nachgedacht hat, ist sich aber
nicht immer sicher, diesen nachvollziehen zu können. Dabei werden
Argumente in der Sache vorbildlich klar und lesbar entwickelt. Es bleibt
kein anderer Weg als die langsame, konzentrierte und lineare Lektüre
eines Buches, das man sich als Netz- und Verweisstruktur hätte denken
können. Diese wird nicht dadurch erleichtert, dass die Überschriften der
Abschnitte und Unterabschnitte eigentlich gar keinen Hinweis auf ihren
Inhalt geben. Im Abschnitt "Hügel 937" geht es übrigens um den
Studentenaufstand 1970 in Paris Nanterre.
Die Postmodernisten sind hier Helden eines Denkens, das frei ist, ohne seine genuin intellektuelle Rigorosität aufzugeben
Zorn
bezieht die politischen Umstände der Debatten mit ein, konzentriert
sich aber zumeist auf die eigentlichen Argumente. Das Konzept der
"Dekonstruktion" auf zwei Seiten auch aus seiner philosophischen
Herkunft zu erklären, setzt eine intellektuelle Fähigkeit voraus, die
sich im Buch an unzähligen Stellen zeigt. Dass die Philosophie hier
nicht als ein Nebeneinander großer Systeme erscheint, sondern als ein
Gegeneinander argumentativer Elemente, ist natürlich kein Zufall - aber
es wäre eben ein Fehler, das als "typisch postmodern" zu klassifizieren.
Wie Zorn lakonisch bemerkt: "Die philosophische Postmoderne ist, so
verstanden, einfach Philosophie."
Die
konsequente Verschiebung bekannter Frontlinien wird damit zu einer der
wichtigen Einsichten von Zorn. Der "Kontinent der Postmoderne" ist nicht
rein europäisch, er steht in keinem Gegensatz zum amerikanischen, er
richtet sich auch nicht gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisformen
oder analytische Zugänge. Und die intellektuellen Begegnungen zwischen
Adorno und Ryle, Deleuze und Hume oder die Parallelen zwischen
Genealogiekonzepten bei Foucault und Koselleck, die Zorn uns vorstellt,
schließen es aus, die Postmoderne von der restlichen Geschichte der
Philosophie zu isolieren.
Der
etwas rätselhafte Untertitel des Buchs "Was die Postmoderne hätte sein
können", wird zu Beginn kaum erklärt und erst ganz am Ende wirklich
verständlich. Hier erst kommt die Zuneigung zutage, mit der sich Zorn
wie mit anderen Wertungen auch ansonsten angenehm zurückhält. Für ihn
sind die Postmodernisten Helden eines Denkens, das frei ist, ohne seine
genuin intellektuelle Rigorosität aufzugeben, ein Denken, das - nicht
zufällig auch in den Schuhen des amerikanischen Pragmatismus stehend -
den Weg für eine philosophische Praxis frei machen will, in der durch
freie Gedanken freie Institutionen entstehen, die sich nicht der
Beliebigkeit eines anspruchslosen Pluralismus verschreiben: "Der Schritt
von der Pluralität zum - bequemeren - Relativismus ist klein. Er
besteht darin, das Unternehmen aufzugeben, die Vielheit unter einem
Gemeinsamen zu denken, das kein Absolutes sein kann."
Fehlt uns die Geduld, uns mit der Komplexität dieser Entwürfe wirklich zu beschäftigen?
Die
Utopie eines solchen Denkens, dessen Verwirklichungsmöglichkeiten Ende
der Sechziger und Anfang der Siebziger kurz aufblitzen, wird in Zorns
vielleicht etwas kulturpessimistischer Lesart durch die kapitalistische
Wende der Achtziger unmöglich gemacht. Sie endet also in dem Moment, in
dem der Ausdruck "Postmodernität" überhaupt erst in einen breiteren
Gebrauch kommt. Dass die Postmodernisten, wenn man Zorn folgt, Opfer
einer durch den Kapitalismus geschaffenen Aufmerksamkeitsökonomie
wurden, in der es an Geduld fehlt, sich mit der Komplexität ihrer
Entwürfe zu beschäftigen, und in der stattdessen preiswerte
Moralisierung nachgefragt wird, erscheint aber zumindest
leicht undialektisch.
Denn es dürfte nicht zuletzt der
Popstar-Status von Figuren wie Derrida und Foucault sein, der dazu
geführt hat, dass sie von vielen ernsthaft und gründlich gelesen wurden.
Wie es überhaupt etwas seltsam anmutet, einer Gruppe so ausnehmend
erfolgreicher Autoren den Status einer verkannten Kleinsekte zuzuweisen.
Wenn Zorns Buch hoffentlich viele Leserinnen findet, dann auch, weil
die Philosophen, über die er schreibt, viele Leserinnen gefunden haben.
Dies wünscht man ihm auch deswegen, weil es wahrscheinlich keine
Disziplin gibt, in der es größeren Muts bedarf, ein solches Buch
zu schreiben.
Heute
scheint die Philosophie in großer Sorge um ihren wissenschaftlichen
Status zu sein, obwohl sie doch gerade die Bedeutung dieses Status
infrage stellen sollte. Auch deswegen hat sie zu öffentlichen Debatten
bemerkenswert wenig beizutragen. Dass Zorn sich um intelligente
Vereinfachung bemüht, die im Ergebnis immer noch nicht "einfach" genannt
werden kann, um das Anliegen der Philosophie zu erklären, wird sie ihm
hoffentlich nicht übelnehmen, sondern danken.
Nota. -
Die postmodernen Denker hätten bis 1780 in der Welt auftreten dürfen.
Ab 1781 nicht mehr. Da ist die Kritik der reinen Vernunft erschienen.
Seither sind sie veraltet, bloß wissen die Franzosen davon bis heute
nichts.
Ein
Real-Absolutes ist seit Kant so etwas wie ein schwarzer Schimmel. Das
war am Vorabend der Revolution - der französischen. Die hat, ein Jahr,
nachdem sie auf ihrem Höhepunkt den Kult der Vernunft gefeiert hat, dem
Höchsten Wesen gehul-digt. Da gings schon längst mit ihr bergab.
Die Romantik, die wie die Transzendentalphilosophie ihr deutsches Echo
gewesen ist, hielt der Rückkehr des Absoluten in Politik und Philosophie
nicht lange stand, die eine verblühte zum Biedermeier, die andere zu
Deutschem Idealismus. Immer wieder gab es danach Versuche, zur Stunde
Null - Revolution, Romantik, Transzen-dentalphilosophie -
zurückzukehren. Deren Hardware ruht inzwischen auf dem Müllberg der
Geschichte. So müsste die Software nun umso dringlicher auch für sie
eintreten.
Mit
andern Worten, den wahren Knotenpunkt verkennt auch Christoph Mölders.
Die Vielheit ist nicht unter einem Gemeinsamen zu denken, das
allerdings ein reales sein müsste, aber nicht kann; sondern aus einem Ursprung zu denken: der Einbil-dungskraft, denn der Gegenstand ist an sich ununterschieden und kennt keine Vielheit. JE 31. 3. 22