Mittwoch, 8. Juli 2026

Die Minoer.

Stierspringer aus scinexx.de, 5. 12. 2025                           Die Stierspringer von Knossos:                       zu öffentliche Angelegenheiten

Im Reich des Minotaurus
Sie waren die erste Hochkultur Europas, ihre Seefahrer dominierten Jahrhunderte lang das Mittelmeer und ihr Stierkult war Vorbild für die Sage des Minotaurus: Das bronzezeitliche Reich der Minoer ist noch heute legendär. Doch die Minoer und ihr Schicksal geben auch einige Rätsel auf.

Die Minoer errichteten schon vor rund 5.000 Jahren große Palastanlagen auf Kreta, bauten Straßen und entwickelten eine bis heute nicht entzifferte Schrift. Ihr Einflussbereich reichte von der Ägäis über Zypern und die Küste Kleinasiens bis nach Mesopotamien und Ägypten. Doch so prachtvoll und archäologisch ergiebig minoische Palastanlagen wie Knossos oder Phaistos sind – ihre Erbauer geben noch immer zahlreiche Rätsel auf. Und auch der Grund für den Untergang des minoischen Reiches ist nicht eindeutig geklärt.

Woher kamen die ersten Minoer?
Hochkultur im Nirgendwo

Eines der Rätsel rund um die Minoer ist ihr Ursprung: Woher die Begründer dieser Hochkultur einst kamen, ist umstritten. Klar ist, dass die ersten Menschen die Insel Kreta vor etwa 9.000 Jahren erreichten. Zu dieser Zeit begann im Nahen Osten gerade die neolithische Revolution – der Wandel von Jäger- und Sammler-Kulturen zu sesshaften Bauern. Vom fruchtbaren Halbmond und Kleinasien aus breitete sich die Landwirtschaft in den folgenden Jahrtausenden allmählich über ganz Europa aus.

Palast von Knossos
Der Palast von Knossos ist das bekannteste Beispiel für die prachtvollen Bauten der Minoer. 

Vom Dorf zum Palast

Auch die ersten Bewohner Kretas gehörten schon zu diesen frühen steinzeitlichen Bauern. Sie lebten, wie für ihre Zeit typisch, in eher kleineren Siedlungen zusammen und hatten offenbar zunächst wenig Ambitionen auf mehr. Doch etwa ab 3500 vor Christus, in der frühen Bronzezeit, wandelte sich das Bild: Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Bevölkerungsdichte damals sehr schnell stark zunahm. Immer mehr Siedlungen entstehen nun und breiten sich aus, außerdem tauchen erstmals Kuppelgräber, sogenannte Tholoi, im Süden Kretas auf.

Ab etwa 2000 vor Christus erbauen die Minoer die ersten Paläste, unter anderem in Knossos, Malia und Phaistos. Um diese Anlagen herum entstehen jetzt größere Städte – komplexe Siedlungszentren mit Straßen, einem Entwässerungssystem und Gebäuden mit ganz unterschiedlichen Funktionen. Ihre Bewohner beginnen, eine Schrift zu entwickeln und zu nutzen – davon zeugen Siegel aus dieser Zeit. Die minoische Hochkultur ist geboren.

Goldschmuck der Minoer
Goldschmuck der Minoer – schauten sie ihre Fertigkeiten von den Ägyptern ab?
Einwanderer als Kulturbringer?

Aber was verursachte diesen Umschwung von „ganz normalen“ Bauern zur ersten Hochkultur Europas? Entwickelten sich die steinzeitlichen Bewohner der Inseln von sich aus weiter? Oder waren es vielleicht Einwanderer, die der kulturellen Entwicklung den entscheidenden Schub gaben? Zumindest der britische Archäologe Sir Arthur Evans war von Letzterem überzeugt. Er hatte um 1900 die Ruinen von Knossos entdeckt und war überzeugt, dass die Erbauer dieses Palastes aus einer der bekanntesten Hochkulturen am Mittelmeer stammen mussten – aus Ägypten.

„Er begründete dies mit auffallenden Ähnlichkeiten zwischen der minoischen und ägyptischen Kunst“, erklären Jeffery Hughey vom Hartnell College in Kalifornien und seine Kollegen, die den Ursprung der Minoer Anfang 2013 noch einmal genauer untersuchten. Tatsächlich spricht auf den ersten Blick Einiges für Evans‘ Idee:

Flüchtlinge aus Ägypten?

Kurz bevor das minoische Reich erblühte und die ersten Paläste scheinbar aus dem Nichts entstanden, gab es in Ägypten eine folgenreiche Umwälzung. Etwa 3000 vor Christus führte König Narmer von Oberägypten einen Militäreinsatz gegen das im Norden liegende Unterägypten durch und war siegreich. Das aber könnte dazu geführt haben, dass Flüchtlinge aus der Deltaregion des Nils vor den Truppen aus dem Süden flohen – und dabei möglicherweise über Umwege auch nach Kreta gelangten. Immerhin ähnelten auch die Rundgräber der frühen Minoer stark den damals im Nahen Osten üblichen Grabbauten.

Allerdings: Andere Archäologen haben seither auch Parallelen zu anderen Kulturen der damaligen Zeit gefunden, sie sehen daher den Ursprung der Minoer eher in Syrien, Palästina, in Anatolien oder auch auf den Kykladen. Auch Versuche, die Herkunft der Minoer anhand von Erbgut aus minoischen Gräbern zu bestimmen, ergaben eher widersprüchliche Ergebnisse.

Pharao Narmer
Pharao Narmer: Vertrieb er die Vorfahren der Minoer aus Ägypten?

Spurensuche in der DNA

2013 unternahm zunächst ein Team um Jeffery Hughey vom Hartnell College in Kalifornien den Versuch, die genetischen Wurzeln der Minoer zu entschlüsseln. Dafür sammelten sie Knochenproben von fast 100 minoischen Skeletten und isolierten daraus die mitochondriale DNA. Dieser in den Kraftwerken der Zelle enthaltene Teil des Erbguts wird nur über die mütterliche Linie vererbt. Er gilt daher als besonders hilfreich bei der Bestimmung von Abstammungslinien.

Die Wissenschaftler verglichen die Minoer-Proben mit denen von 135 anderen DNA-Proben früherer und heutiger Populationen. Das Ergebnis: Die Minoer kamen definitiv nicht aus Nordafrika. Stattdessen ist ihr Erbgut dem von steinzeitlichen Bewohnern Südeuropas am ähnlichsten. Die genetischen Fakten sprechen damit gegen Evans‘ Theorie von Exil-Ägyptern, konstatieren Hughey und seine Kollegen. Eine nordafrikanische Herkunft der Minoer sei so gut wie ausgeschlossen.

Und nicht nur das: Auch ein Zustrom von Menschen aus anderen Regionen erst kurz vor dem Erblühen der minoischen Kultur wurde nicht von den DNA-Daten unterstützt. „Wir schließen aus unseren Ergebnissen, dass der wahrscheinlichste Ursprung der Minoer auf der Insel selbst liegt – bei den Menschen der Jungsteinzeit, die vor rund 9.000 Jahren als erste die Insel besiedelten“, erklären die Forscher. Diese Menschen entwickelten sich selbstständig so stark weiter, dass ihre Nachkommen ein paar tausend Jahre später die erste Hochkultur Europas schufen.

Mykener und Minoer waren verwandt

Bestätigt wurde dies 2017 durch eine erneute DNA-Studie. Mit ihr wollten Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und sein Team herausfinden, ob Minoer und Mykener die gleichen Wurzeln hatten oder Völker mit getrenntem Ursprung waren. Dafür verglichen die Forschenden DNA von Minoern, Mykenern, bronzezeitlichen Bewohnern Anatoliens und heutigen Populationen.

Die Genanalysen enthüllten: Minoer und Mykener waren tatsächlich miteinander verwandt. Beide Kulturen entwickelten sich vor Ort und gingen größtenteils auf jungsteinzeitliche Bauern zurück, die einst aus Anatolien eingewandert waren und die Landwirtschaft nach Europa brachten. Ein kleinerer Anteil ihres Erbguts stammt aus dem mittleren Osten. „Minoer, Mykener und auch moderne Griechen haben Vorfahren, die zu den früheren Bewohnern des Kaukasus, von Armenien und dem Iran gehörten“, berichtet Erstautor Iosif Lazaridis von der Harvard University. Die Menschen in der Ägäisregion – früher und heute – haben sich demnach aus den gleichen Wurzeln entwickelt.

Die rätselhafte Religion der Minoer
Doppelaxt und Stierkult

Für viele andere Hochkulturen sind Tempel und prunkvolle Weihestätten typisch – nicht so für die Minoer. Sie huldigten ihren Gottheiten offenbar lieber in der freien Natur – in Höhlen und auf Berggipfeln – oder aber an kleineren Schreinen innerhalb ihrer Paläste. Wie genau ihre Götterwelt jedoch aussah und wie ihre Rituale, dazu ist bisher trotz vieler archäologischer Fundstücke nur wenig bekannt.

minoische Doppelaxt
Eine aus Gold gefertigte minoische Doppelaxt. 

Berühmt sind aber typische Symbole und Figuren der minoischen Glaubenswelt wie die Doppelaxt, die Schlangen tragende Priesterin oder der Stier. Auf Kreta haben Archäologen unzählige Doppeläxte gefunden, darunter einige aus Gold, andere mit eingeritzten Schriftzeichen und viele übermannshoch. Sie könnten bei rituellen Opferungen eingesetzt worden sein, sind aber auch Symbol für weibliche Gottheiten. Dazu passen die Frauenfiguren mit Schlangen in ihren Händen, denn das Reptil war in vielen frühen Kulturen ein Fruchtbarkeitssymbol.

Göttinnen und zwei nicht entzifferte Schriften

Wie die ihnen nachfolgenden Griechen glaubten auch die Minoer an mehrere Gottheiten. Diese waren oft eng mit Tieren verknüpft oder wurden durch Tiere symbolisiert. So sind auf den Fresken oft Frauenfiguren zu sehen, die von Löwen, Affen, Greifen, Schlangen und Wassertieren wie Fischen und Delfinen begleitet sind. Inschriften sprechen von einer Göttin der Winde, einer Geburtsgöttin und auch der Schlangengöttin Asara. Auch Mensch-Tier-Mischwesen tauchen auf.

minoische Göttinnen
Göttinnen-Skulpturen der Minoer, rechts die bekannte Schlangengöttin.

Ausgrabungen zeigen, dass die Minoer ihren Göttern Gefäße mit Getreide und Tieropfer darbrachten, ihren Dank zeigten sie in Votivgaben zum Ausdruck, kleinen Lehmfiguren, die betende Menschen, Körperteile oder Tiere darstellten. Welche Rituale diese Opfergaben begleiteten, ist allerdings unbekannt. 

Ein Grund dafür: Es gibt so gut wie keine Beschreibungen davon. Zwar nutzten die Minoer gleich drei verschiedene Schriftsysteme, eine Hieroglyphenschrift und die beiden eher der Keilschrift ähnelnden Linearschriften A und B. Doch nur die Linearschrift B konnte inzwischen entziffert werden. Die ältere Linearschrift A und die Hieroglyphen hingegen geben noch immer Rätsel auf – es ist nicht einmal geklärt, welche Sprache sie repräsentieren. Auch die häufig in der Linearschrift A auftauchenden mathematischen Symbole und Rechnungen sind erste in Teilen verstanden. 

Vom Stiersprung-Ritual zum Minotaurus

Ebenso mythenreich wie rätselhaft ist der Stierkult der Minoer. Abbildungen auf Fresken und Vasen zeigen immer wieder junge Männer, die Stiere an den Hörner packen oder über sie hinweg springen. Gleichzeitig sind viele Schreine mit Doppelhörnern oder Stierköpfen verziert. Archäologen vermuten daher, dass die Minoer rituelle Stiersprünge veranstalteten, bei der junge Männer den Stier bei den Hörnern zu packen versuchten oder sich über seinen Rücken hinweg schwangen – eine lebensgefährliche Übung. Ob dies dabei quasi mit einkalkuliert war, sozusagen als Opfer für die Götter, ist strittig.

Minoische Elfenbeinfigur eines Stierspringers, gefunden im Palst von Knossos.

Dieser Stierkult ist wahrscheinlich auch der Ursprung des berühmten Minotaurus aus der griechischen Sagenwelt. Dieses Ungeheuer mit Menschenkörper und Stierkopf wurde der Legende nach in einem Labyrinth unter dem Palast des kretischen Königs Minos gefangen gehalten. Ihm sollen regelmäßig junge Männer und Frauen geopfert worden sein, die von anderen Ägäisreichen als Tribut nach Kreta entsandt werden mussten. Erst der griechische Held Theseus schaffte es, den Minotaurus zu töten und dem Labyrinth mit Hilfe von Minos‘ Tochter Ariadne zu entkommen.

Wie viel Wahres sich hinter der mythischen Verbrämung dieser Sage Verbirgt, ist strittig. Einige Forscher halten es aber für möglich, dass tatsächlich junge Männer als Tribut nach Kreta geschickt wurden und dass diese an den rituellen Stiersprüngen teilnehmen mussten. Belege gibt es dafür jedoch nicht.

Minoer-Siegel
Das minoische Siegel aus dem Grab des mykenischen Krieges und eine Zeichnung des Dargestellten. 

Einzigartige Kunstfertigkeit

Unstrittig ist dagegen, wie hochentwickelt die Kunst der Minoer bereits war. Das belegen Relikte ihrer Wandbilder, aber auch ein 2017 im Grab eines mykenischen Kriegers entdecktes Minoer-Siegel aus der Zeit vor rund 3.500 Jahren. Auf dem nur 3,6 Zentimeter langen, ovalen Steinsiegel ist der Kampf eines Kriegers gegen zwei Feinde erstaunlich lebensecht und detailreich eingraviert. Einige Details sind nur eine halben Millimeter groß. Die Verzierungen der Waffen, der Schmuck und die Gewänder der Kämpfer sind nur mit Lupe oder sogar Mikroskop genau zu erkennen.

„Als wir das erste Mal dieses Bild erblickten, waren wir zutiefst bewegt – es ist ein echtes Meisterwerk“, berichtet die Archäologin Shari Stocker von der University of Cincinnati. „Die Darstellung der menschlichen Körper und der Muskulatur ist so detailliert, wie es sich erst wieder 1.000 Jahre später in der klassischen Periode der griechischen Kunst findet. Das ist ein spektakulärer Fund.“ Die Minoer schufen demnach Kunstwerke, die ihrer Zeit weit voraus waren.

Eine mächtige Seemacht - mit vielen Fragezeichen
Die Flotte des Minos

Ein Faktor, dem die Minoer ihren Aufstieg und ihren Reichtum verdankten, war ihre Flotte. Die geografische Lage Kretas machte die Insel zu einem wichtigen Knotenpunkt im östlichen Mittelmeer. Für die Minoer wurden Meer und Seehandel daher zum treibenden Motor ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Erfolgsgeschichte.

Fresko mit Delfinen
Dieses Wandbild mit Delfinen aus Knossos zeugt von der engen Verbindung der Minoer zum Meer.

Vom minoischen Seewesen waren offenbar selbst die Griechen noch nachhaltig beeindruckt, wie die Aufzeichnungen des griechischen Geschichtsschreibers Thukydides zeigen: „Minos nämlich war der erste, von dem wir Kunde haben, dass er eine Flotte besaß, die das heute hellenische Meer weithin beherrschte. Auch von den Seeräubern reinigte er vermutlich das Meer nach Kräften, um seine Einkünfte zu verbessern“, heißt es in seinen Aufzeichnungen.

Nur Bilder als Zeugen

Aber wie sah die Flotte des sagenhaften Königs Minos aus? Und war sie tatsächlich so einflussreich wie es Thukydides beschreibt? Wenn Archäologen diese Frage beantworten wollen, stehen sie vor einem Problem. Denn zuverlässige Quellen über das minoische Seewesen existieren kaum. Schriftliche Aufzeichnungen, die über Schiffsarten, die Häfen oder den maritimen Handel Auskunft geben, fehlen. Zudem gibt es kaum archäologische Relikte, die über Aussehen, Größe, Konstruktion und die Nutzung dieser Schiffe informieren könnte. Zwar haben Archäologen im Jahr 2024 ein Schiffswrack aus der Zeit der Minoer vor der türkischen Küste entdeckt. Der hölzerne Rumpf dieses Schiffes blieb aber nicht erhalten, nur die Fracht, darunter zahlreiche Kupferbarren. 

Die einzigen handfesten Informationen über die minoische Seefahrt liefern spärliche Reste von Hafenanlagen auf Kreta und die unzähligen Abbildungen von Häfen, Schiffen und Wasserkreaturen in der minoischen Bilderwelt. Denn sie finden sich nahezu überall: Ob als Ritzungen in Tonschalen, Gravuren auf winzigen Siegeln, bunte Fresken und einfache Tonmodelle – die schiere Häufigkeit dieser Motive macht klar, wie eng die Minoer mit dem Meer verbunden waren.

Westhaus-Fries
Das Westhaus-Fries von Akrotiri, hier ein Ausschnitt, zeigt die Schiffe und Hafenanlagen der Minoer.

Im Konvoi unterwegs

Eines der wichtigsten Zeugnisse zum minoischen Seewesen ist dabei einer der sogenannten Westhaus-Friese. Die rund 3.500 Jahre alten Wandmalereien wurden bei Ausgrabungen in Akrotiri auf der Insel Thera entdeckt und stammen aus der Zeit, als Akrotiri eine wichtige Hafenstadt für die Minoer war. Auf einem dieser Friese ist eine Flotte von acht minoischen Schiffen zu sehen, die sich wie in einer Art Prozession von einer Stadt zu einer anderen über das Meer bewegen.

Einige Schiffe tragen Segel, andere werden offenbar gerudert. Die festlich geschmückten Personen an Bord deuten darauf hin, dass es sich um einen Besuch oder eine Prozession handeln könnte. Solche Konvois dienten damals wahrscheinlich nicht nur zeremoniellen Zwecken, sondern auch als Schutz. Denn vor allem die Frachtschiffe hatten meist nur eine relativ kleine Besatzung – viel zu wenig, um den Angriff von Piraten abzuwehren. Um die kostbare Ladung vor solchen Angriffen zu schützen, bewegten sich die Minoer daher auf ihren Handelsexpeditionen vorwiegend im Konvoi.

Eine eigene Kajüte für Schiffswächter

Doch die im Fries dargestellte Szene wirft auch Fragen auf: Wie groß waren diese Schiffe? Warum wurden sie gepaddelt? Wozu dienten die Aufbauten auf den Decks der Schiffe? Diesen Fragen sind Forschende um Thomas Guttandin von der Universität Heidelberg in einem Projekt nachgegangen. Durch Analysen der Schiffsdarstellungen und digitale Rekonstruktionen konnten sie einiges über die minoische Seefahrt herausfinden.

Minoer-Schiffe
Ein weiterer Ausschnitt aus dem Fresko der Schiffsprozession.

So ermittelten die Forschenden, dass die auf dem Westhaus-Fries dargestellten Schiffe wahrscheinlich zwischen knapp zehn und knapp 24 Meter lang waren. Die Aufbauten sind eine Kajüte, die außen mit Leder verstärkt war und Kriegern als Schutzhütte diente. In einer Darstellung ist zu erkennen, dass in ihrem Inneren eine Person mit einem Eberzahnhelm und einem griffbereit neben ihr liegenden gut fünf Meter langen Speer sitzt.

Seerouten nach Thera, Rhodos und Nordafrika

Typisch für die Schiffe auf den minoischen Darstellungen ist auch ihre Ausstattung mit Segeln sowie Paddeln oder Rudern. Nach Angaben Guttandin und seinen Kollegen war dies nötig, weil viele Buchten oder Häfen allein mit den Segeln nicht gut angesteuert werden konnten. Denn diese antiken Rahsegel ließen keine Fahrt gegen den Wind zu. Daraus und aus den vorherrschenden Windrichtungen in der Ägäis konnte das Team auch die wahrscheinlichen Hauptrouten der minoischen Handelsflotte rekonstruieren.

Demnach führte eine wichtige Seeroute der Minoer wahrscheinlich von der Nordküste Kretas zur nördlich gelegenen Insel Thera. Auch zur nordöstlich von Kreta gelegenen Insel Karpathos und von dort aus nach Rhodos und Lesbos gab es eine Verbindung mit oft günstigen Windbedingungen. Die Häfen an der Südküste Kretas dienten dagegen vermutlich vor allem der Verbindung nach Nordafrika und in die Levante. All dies stützt die Annahme, nach der das Meer der treibende Motor der wirtschaftlichen und kulturellen Erfolgsgeschichte der minoischen Kultur war.

Was war schuld am Untergang des minoischen Reiches?
Ende einer Großmacht

Nach Jahrhunderten der absoluten Dominanz beginnt die Macht der Minoer ab 1450 vor Christus plötzlich zu schwinden. Die Großmacht verliert sowohl kulturell als auch wirtschaftlich an Einfluss in der Ägäis. Auf Kreta entstehen zu dieser Zeit zwar noch immer neue Kunstwerke und auch einige Bauten. Aber an ihnen ist bereits der Einfluss einer anderen, konkurrierenden Kultur erkennbar: der Mykener.

Löwentor in Mykene
Das Reich von Mykene löste die Minoer ab, hier das berühmte Löwentor von Mykene.

Die Mykener haben ihren Machtmittelpunkt auf dem griechischen Festland und dehnen ihr Reich zu dieser Zeit immer weiter über die Inseln der Ägäis aus. Während zuvor die Minoer in diesem Gebiet dominierten, wendet sich nun das Blatt und die Mykener gewinnen die Oberhand. Dass dies auch in Form von Kriegszügen geschah, davon zeugen Spuren von Zerstörungen und Bränden aus dieser Zeit. Warum allerdings die minoische Kultur kurz darauf komplett unterging, ist bis heute ein Rätsel – und ein Gegenstand reger Debatten unter Archäologen.

Der große Ausbruch

Eine der bekanntesten möglichen Ursachen für den Niedergang der Minoer ist der Ausbruch des Santorini-Vulkans unter der ägäischen Insel Thera. Dieser ereignete sich vermutlich um 1600 vor Christus, möglicherweise aber auch erst 100 Jahre später – hier streiten sich die Forscher noch. Ausgrabungen zeigen, dass sich diese Eruption damals schon längere Zeit durch Erdbeben und aufsteigenden Rauch ankündigte. Die Menschen konnten sich und ihre Habe daher vermutlich rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Santorini
Vor 3.600 Jahren sprengte der Ausbruch des Santorini-Vulkans die Insel Thera auseinander 

Dann jedoch begann der Vulkan, Gase, Asche und Bimsstein auszustoßen. Die Aschewolken zogen schnell auch bis nach Kreta und Troja und erreichten sogar Teile des Nahen Ostens. Meerwasser drang in den Schlot ein und die Energie entlud sich in einer gewaltigen Explosion. Die Folgen der Eruption waren verheerend: Thera wurde förmlich zerfetzt, von ihr blieb nur die sichelförmige Insel zurück, die heute den Namen Santorin trägt. Die Hafenstadt Akrotiri wurde unter Asche begraben. Tsunamis könnten zudem die minoischen Küstenstädte im Norden Kretas weitgehend zerstört oder zeitweilig überschwemmt haben.

Einige Zeit vermutete man, dass dieser Vulkanausbruch auch das Minoerreich mit in den Untergang riss. Doch archäologische Funde sprechen dagegen. Denn die Zerstörungen waren dafür nicht weitreichend genug und es gibt auch Gebäude, die erst nach der Eruption errichtet wurden.

Löcher im Handelsnetz

Eine andere Erklärung wäre ein schleichender Niedergang: Die Zerstörung wichtiger Städte an der Nordküste Kretas und vor allem der Verlust des Handelshafens Akrotiri könnte das Minoerreich so stark geschwächt haben, dass es den aufstrebenden Mykenern nicht mehr viel entgegensetzen konnte. Dies bestätigte im Jahr 2011 auch eine Studie britischer Forscher. Sie haben anhand eines mathematischen Netzwerkmodells rekonstruiert, welche Folgen der Ausfall von Akrotiri für die Minoer gehabt haben könnte.

Akrotiri
Die Stadt Akrotiri, dargestellt auf dem minoischen Westhaus-Fries. Sie war ein wichtiger Hafen und Handelsstützpunkt der Minoer. 

„Es ist wahrscheinlich, dass das Entfernen eines wichtigen Knotenpunkts aus dem Netzwerk der minoischen Seerouten die Kosten für den Handel erheblich in die Höhen getrieben haben könnten“, erklärt Tim Evans vom Imperial College in London. Und tatsächlich zeigte sich, dass der Ausfall von Akrotiri wahrscheinlich nicht zu einem sofortigen Kollaps führte. Durch erhöhten Aufwand – mehr Schiffe, mehr Besatzung und längere Zeiten auf See – konnten die Minoer ihren Seehandel vermutlich zunächst notdürftig aufrechterhalten.

Aber auf Dauer machten die hohen Kosten und die verringerten Verknüpfungen das Handelsnetz instabil und löchrig. Die minoische Wirtschaft wurde dadurch allmählich geschwächt. Das wiederum könnte innere Unruhen und gesellschaftliche Umbrüche ausgelöst und auch die Abwehrkraft des Reiches geschwächt haben. Beides hätte dann den Mykenern die Chance eröffnet, Kreta zu erobern.

Ob sich das allerdings damals tatsächlich so abspielte, ist nach wie vor unklar. Was letztlich der ersten Hochkultur Europas den Todesstoß verpasste, bleibt daher bis heute ein Rätsel.

Dienstag, 7. Juli 2026

"Hochbegabt".

 O. Redon, Pegasus              zu Levana..., zu öffentliche Angelegenheiten

Gott, was für ein Kuddelmuddel. Vielleicht hätte die Forscherin klarer geantwortet, wenn man sie anders befragt hätte. Aber spektrum.de hat diesen Text veröffentlicht, und ich will versuchen, was daraus zu machen.

Auf den ersten Blick bleibt nur das Fazit: Was man schon über die Intelligenz nicht sagen konnte, kann man über andere Begabungen auch nicht sagen, ach. 

Doch dann fällt mir ein: Das Problem ist ja, dass man etwas messen will, das selber gar nicht quantifiziert in Erscheinung tritt. Unter 'Begabung' stellt man sich eine Fä-higkeit vor, die irgendwo 'da' ist, die man aber nicht sehen kann und nur annimmt, um eine bestimmte... Leistung zu erklären.

Die Frage käme aber nicht auf, wenn es sich um gleiche Leistungen handelte; ge-messen soll nur werden, was sich unterscheidet - und wozu? Um die Unterschiede zu ergründen und womöglich überwindbar zu machen. Die Leistung selbst ist gar nicht gemeint, sondern etwas, das man als ihre Ursache annimmt. 

Gemessen werden kann freilich doch nur die Leistung. Kein Organismus erbringt aber jederzeit Höchstleistungen, das wäre sehr dumm von ihm. Man müsste daher sicherstellen, dass während des Tests der Organismus sein Bestes gibt - und das müsste sich irgendwie erfassen lassen. 

Und so weiter: Es wird methodisch schwierig genug, von der Leistung aus an die pp. Begabung heranzukommen. Doch die Probleme türmen sich schon beim Messen der Leistung! Paradigma ist immer "die Intelligenz". Welche spezifische Leistung, die man messen könnte, ist das? Tja, eine spezifische ist es gerade nicht. Erfunden wurde die Intelligenzmessung zum Zweck des schulischen Unterrichts (Sonderschulen), und das war einfach, weil man von den gegebenen Curricula und dem überkommenen Benotungssystem ausging. Aber das war von anderhalb Jahr-hunderten. Seither ist die empirische Wissenschaft viel weiter, und der Begriff der Intelligenz wird mit jedem neuen Ergebis eher strittiger als klarer.

Denn wie einfach es auch war, Intelligenz anhand der Lehrpläne zu messen, war ihr Begriff doch nicht in der Schule entstanden, sondern "im wirklichen Leben", lange bevor es reguläre Schulen überhaupt gab. Aber nicht die Griechen, deren Ideal die zweckfreie Betrachtung war - theoría -, haben ihn erfunden, sondern die höchst praktisch gesonnenen Römer. Mit Leistung hatte er wohl zu tun, doch die ließ sich auch durch Schläue und Skrupellosigkeit erbringen. Selbst den Römern ging es schon noch um das Verstehen selbst, und der Philosoph hatte immerhin noch einen besseren Stand als heut bei uns.

Heute werden zur Intelligenz alle Fertigkeiten gezählt, die erforderlich sind, um sich im zivilisierten Leben zu behaupten und - oh, das doch: - Erfolg zu haben, und ent-sprechende Übungen finden sich in allen üblichen Tests. 

So geht zum Beispiel die Schnelligkeit der Auffassung in den IQ ein. Beim Besu-chen dieser Seite werden Sie bemerkt haben, dass ich mit Vorliebe philosophische Themen behandle: Nun muss sich, wer sich aufs Philosophieren einlässt, damit abfinden, dass manche Erkenntnis Jahre braucht, um zu reifen. Schlagfertigkeit in der Disputation ist nützlich für das akademische Tagesgeschäft, doch zu Nachruhm bringt mans nur mit tieferer Einsicht (und auch dann nicht immer).

Doch im täglichen Leben gilt Aufgewecktheit sehr wohl als ein Hauptstück der In-telligenz - während man bei Kindern darin überdies eine liebenswerte Charakter-eigenschaft erkennt. Überhaupt nimmt mans im Alltag weniger genau als die Tester, und wenn ich sage, mein Nachbar zur Rechten sei intelligent und mein Nachbar zur Linken nicht, dann versteht jeder, was ich meine; jeder, der mich kennt, genauer gesagt, aber er muss mein Urteil nicht billigen; und einem, der mich nicht kennt, würde ich eine solche Mitteilung ja nicht machen. Sie mögen uns erzählen, was sie wollen: Die die Tests entwerfen, schielen mit einem Auge natürlich auf das, was der gesunde Menschenverstand an ihrem Ort zu ihrer Zeit unter Intelligenz so versteht; wer könnte mit ihrem IQ denn sonst was anfangen?  

Und sie ziehen sich aus der Affäre mit der Erläuterung, Intelligenz bestehe aus einem ganzen Bündel ganz unterschiedlicher Fähigkeiten, von denen jede wiederum von einem ganzen Bündel verschiedenster genetischer Anlagen bedingt ist, so dass man von einer Begabung gar nicht reden könne.
 Kommentar zu einem Interview: "Hochbegabt". JE., 16. 10. 20    

Nun geht es bei der Hochbegabung um eine praktische Frage: ob man sie nämlich im Schulunterricht besonders berücksichtigen soll, und wenn ja, wie.

Im Schulunterrich geben sich hochgegabte Kinder zu allerst zu erkennen, indem sie sich sterblich langweilen und den Unterricht stören. So wie auch viele schlechte Schüler, mit denen man sie zunächst oft verwechselt. 

Der Vorschlag, man solle sie von den Andern getrennt unterrichten, bekommt so einen unangenehmen Beigeschmack. Doch auch die schlechteren Schüler lang-weilen sich ja, sonst würden sie besser mitmachen. Das Problem liegt also bei der Schule selbst und ihrem Prinzip, die Klassen nach Jahrgängen zu unterscheiden. 

Denn würde man sie nach der Leistung unterscheiden, würde sich - außer der adäquaten Messung - als Problem ergeben, dass einmal ermittelte Rückstände in Sonderklassen eher festgeschrieben werden, als überwunden. Es sei denn, man macht alles jederzeit durchlässig, was dann aber die Untergliederung der Schüler in Klassen ad absurdum führte: Eine Zugehörigkeit und gegenseitige Anregung käme gar nicht zustande.  

Und auf einmal fällt einem ein, dass das Problem einer sogenannten Hochbega-bung überhaupt erst durch die Schulpflicht entstand.

 

 

Und dass es eine Schulpflicht nicht immer gab. Zur zwingendem Notwendigkeit wurde sie erst in der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft - nämlich durch die große Industrie, die auf eine breite Masse von standardisiert vorgebildeten Ar-beitskräften angewiesen ist, die je nach Bedarf unterschiedslos eingestellt und entlassen werden können, wie es grad passt. 

Das ist nicht alles Kluge und Zutreffende, das über die Schule gesagt werden kann, aber die Voraussetzung von allem andern. Sobald es fortfällt, gerät der ganze Rest in Zweifel und muss neu verhandelt werden.

Bei den Verhandlungen über schulische Angelegenheiten geben seit Schleiermacher diejenigen den Ton an, die in der Schule ihr Aus- und Einkommen finden, denn die andern Interessierten sind nicht öffentlich repräsentiert - die Schüler sowieso nicht, und die Eltern nur als Wähler, aber auch nur für ein paar Jahre. Doch die Frage, ob Schule oder nicht, betrifft die ganze Gesellschaft und nicht nur die unmittelbar Be-teiligten. Und es ist ein Frage nicht bloß an die Pädagogik, sondern die Frage, wer in der Gesellschaft den Ton angeben soll, wenn die Großindustrie es nicht länger ist noch sein soll.  

Mit andern Worten - das Thema Hochbegabung wirft, wenn man es ernstnimmt, die Frage nach unserm Weltbild auf.
JE

Make America Zum Popanz.






Montag, 6. Juli 2026

Ist das gegenständlich?


Ferdinand Hodler, Genfer See, 1909                                                             zu Geschmackssachen

Hätte er Gegenstände malen wollen, dann hätte er Gegenstände gemalt.

 

 

Sonntag, 5. Juli 2026

Samstag, 4. Juli 2026

Sie waren das stärkste und erfolgreichste Land, das jemals existiert hat.

 Fackel                                                               zu öffentliche Angelegenheiten 

Tatsächlich beruhte der Aufstieg der Vereinigten Staaten im vorigen Jahrhundert auf der Erschöpfung aller andern. Aber das ändert nichts an der Tatsache. 

Und dieses Jahrhundert ist vorbei.

 

Die Brandmauer als Alleinstellungsmerkmal.

 IMAGO / Müller-Stauffenberg                zu öffentliche Angelegenheiten 

Die AfD braucht nicht glaubhaft zu machen, dass und wozu sie eine Alter-native ist, seit der Regenbogen sie zur einzigen Alternative skandalisierte.

 

 

 

Die Minoer.

  aus scinexx.de, 5. 12. 2025                             Die Stierspringer von Knossos:                        zu   öffentliche Angelegen...