Mittwoch, 12. August 2026

Ist Kinder-Großziehen Arbeit?

                                                               zu Männlich

Der östereichische Bundeskanzler hat Skandal gemacht, indem er öffentlich die Meinung äußerte, familiäre Kinderbetreuung sei "keine Arbeit".

aus derStandard.at, 11. 8. 2026                                                           

... Empörend ist die politische Ignoranz, mit der österreichische Regierungen die tendenziell frauenfeindliche Stimmung negieren, die den Arbeitsmarkt immer noch dominiert – und damit den Druck, der seit Jahrzehnten auf Frauen lastet.

Sind sie jung, bekommen sie die guten Jobs nicht, weil sie schwanger werden könnten. Haben sie Kinder, werden sie nicht befördert, weil Betreuungspflichten ihre 24/7-Verfügbarkeit in Frage stellen. Entscheiden sie sich gegen eigene Kinder, verdienen sie oftmals trotzdem weniger als ihre männlichen Kollegen (mit Kindern), weil ... einfach so. Haben Frauen das gebärfähige Alter hinter sich, gelten sie oft als zu qualifiziert, zu selbstbewusst und jedenfalls zu teuer.

Im Grunde hat sich diese Einstellung vieler Arbeitgeber nie maßgeblich verändert. Gerade die Wirtschaftspartei ÖVP hätte hier schon lange viel mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen – im Sinne von Familien, die ihr ja angeblich so sehr am Herzen liegt. Das ist keine Kritik an jenen engagierten konservativen Politikerinnen, die sich sehr wohl glaubhaft für Frauen einsetzen. Allein: Viele ihrer männlichen, einflussreichen Parteikollegen haben die Gleichstellung von Frauen stets nur halbherzig unterstützt. Ähnliches gilt für die SPÖ, ebenfalls langjährige Regierungspartei: Der Enthusiasmus roter Funktionäre für weibliche Anliegen hält sich in Grenzen.

Was ist die Konsequenz? Immer mehr junge Frauen verzichten lieber auf Partnerschaft und Familie, ehe sie sich in den gesellschaftlichen Schraubstock einspannen lassen. Darüber sollte endlich ernsthaft diskutiert werden: Wie kann man die Arbeitswelt frauenfreundlicher gestalten? Wie überhaupt ein menschenfreundlicheres Klima schaffen? ...

 

Nota. - Wir leben in einer Gesellschaft, in der Arbeit zugleich höchsten Wert und größte Mühe bedeutet; in einer Gesellschaft, in der als Arbeit nur solche Mühsal* gilt, die Wert - Geld wert - vervorbringt. Diese Mehrdeutigkeit zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung zu machen, wäre ein gutes Stück Aufklärung, und das könnte man dem österreichischen Bundeskanzler zugute schreiben. Dass das Aufziehen von Kindern keine Mühsal sei, die Geldwert generiert - damit hat er doppelt Recht. 

Entgegnen könnte man ihm, dass das Leben mit Kindern nicht nur Freude macht, sondern wohl auch anstrengend ist; und dass es Geldwert nicht einträgt, aber eintragen sollte.  

Wahr ist, dass Kindererziehung landein, landaus eher mit Frauen in Verbindung gebracht wird, aber man sollte sich hüten, das als frauenfeindlich zu verbuchen - weil andererseits geharnischte Machos es dann ebensogut als kinderfeindlich brandmarken könnten. 

Sie sehen: Es kommt weniger auf den Sachverhalt an, als auf die Tendenz, die man der Sache von vornherein zugrunde legt. Nimmt man es volkswirtschaftlich, dann Kinderaufziehen natürlich keine Arbeit, denn sie schafft keinen Geldwert, indem sie Kapital verwertete. Man könnte allerdings einwenden, indem es für die Reproduk-tion der Arbeitskraft sorgt, sei es immehin wertwerhaltend. Dem ist entgegenzuhalten, dass diesem Umstand in der Bestimmung des Arbeitslohns bereits Rechnung getragen ist, in welchem die Ausgaben für den Nachwuchs schon berücksichtigt sind. Über die Höhe mag man immer streiten.

Im volkswirtschaftlichen Sinn hat Kanzler Stocker es aber nicht gemeint. Er wollte nur sagen, dass das Zusammenleben mit heranwachsenden Kinder eben nicht nur Mühsal, sondern auch Freude ist. Wer es anders auffasst, muss sich nicht bei der Gesellschaft, sondern bei seinem Charakter beschweren. Dass Väter vorwiegend mit Spiel und Sport, Mütter aber mit Kochen und Wäschewaschen beschäftigt sind, ist familiär zu regeln. Wie sie das Familieneinkommen unter einander teilen, auch. Sie könnten auch, wenn sie es wünschen, Buch führen und einander die Stunden zahlen; aber populär wird das sicher nicht.

Dass dort aber auch gesellschaftliche Erwartungen eingehen, gilt für die einen wie die andern. Darauf ist bei öffentlichen Äußerungen Rücksicht zu nehmen.

Hat Stocker auch getan; er hat sich am nächsten Tag entschuldigt.

*) Mühsal hieß auf Mittelhochdeutsch arebeit.
JE 

 

Dienstag, 11. August 2026

Urteilskraft und das Nachdenken.

Eine Person mit langen, roten Haaren lehnt ihren Kopf sanft gegen einen Spiegel, wodurch ihr Gesicht und ihre Haare doppelt reflektiert werden. Die Szene vermittelt eine ruhige und nachdenkliche Stimmung. Der Hintergrund ist schlicht und grau, was den Fokus auf die Person und ihre Spiegelung lenkt.                               
aus  spektrum.de, 11. 8. 2016                                                                           zu Jochen Ebmeiers Realien              

Entscheidungen: 
Nachdenken macht Ängstliche unsicherer
Wer zu Ängstlichkeit neigt, sollte nach einer Entscheidung nicht lange darüber sinnieren – sonst sinkt das Vertrauen in die eigene Urteilskraft. 

Wie sicher sind sich Menschen nach einer Entscheidung, die richtige Wahl getroffen zu haben – und wovon hängt ihre Einschätzung ab? Das haben die Psychologen Sucharit Katyal und Stephen Fleming vom University College London in einer neuen Studie untersucht.

Die Forscher analysierten die Daten aus vier bereits veröffentlichten Online-Experimenten mit insgesamt 1447 Teilnehmenden. In allen Untersuchungen sollten die Versuchspersonen einfache Entscheidungen treffen. Beispielsweise mussten sie nach einem kurzen Blick angeben, welche von zwei Farben stärker auf einem Bild vertreten war oder welches von zwei Objekten sie zuvor schon einmal gesehen hatten. Direkt im Anschluss sollten die Testpersonen beurteilen, wie sicher sie sich mit ihrer Entscheidung fühlten. Dabei wurde auch erfasst, wie viel Zeit zwischen der Reaktion und der anschließenden Selbsteinschätzung lag. Zudem wurden auch allgemeine psychische Symptome wie Ängstlichkeit und Depressivität erhoben.

Höhere Angstsymptome gingen mit einem geringeren Vertrauen in die eigene Urteilskraft einher. Außerdem hatten weibliche Teilnehmende im Durchschnitt weniger Zuversicht in ihre Antworten als Männer – unabhängig von ihrer objektiven Leistung. Beide Gruppen zeigten den Auswertungen zufolge einen gesteigerten Anspruch daran, sich wirklich sicher zu sein, bevor sie Vertrauen in ihr Urteil ausdrückten.

Bedenkzeit verändert die Bewertung

Neu an der Studie war vor allem eine Analyse dessen, wie sich diese Bewertung mit einigen Sekunden mehr oder weniger Bedenkzeit entwickelt. Bei Personen mit stärkerer Angstsymptomatik nahm das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ab, je länger sie mit ihrer Bewertung warteten. Demzufolge verstärkte bei diesen Teilnehmenden mehr Zeit zur Selbstreflexion die Abwertung der eigenen Urteilskraft vermutlich eher. Bei den Frauen hingegen war das Selbstvertrauen unmittelbar nach der Entscheidung am niedrigsten ausgeprägt und nahm danach wieder zu. Offenbar konnte etwas längere Bedenkzeit bei ihnen dafür sorgen, dass automatische Denkmuster verändert wurden.

Die Autoren folgern daraus, dass geringes Vertrauen in eine eigene Entscheidung mehrere Gründe haben kann. Bei ausgeprägten Ängsten scheint zusätzliche Grübelei nach dem Entschluss vorhandene Selbstzweifel noch zu verstärken. Für diese Menschen könne es demnach sinnvoll sein, sich auf die erste, direkte Selbsteinschätzung nach einer vollendeten Aufgabe zu verlassen. Das geringere Selbstvertrauen der weiblichen Probanden dagegen deutet wohl mehr auf gewohnheitsmäßiges anfängliches »Tiefstapeln« hin, das sich mit etwas mehr Zeit korrigieren lässt. Frauen könne es folglich helfen, sich bewusst mehr Zeit für die Selbsteinschätzung zu lassen, so die Forscher.

 

Nota. - Wer von Selbstzweifeln geplagt ist, könnte aus Zutrauen in seine Urteils-kraft Stärke gewinnen. Er müsste nur eingesehen haben, dass Selbstvertrauen - das eine subjektive Gestimmtheit ist - und Urteilskraft, die eine objektivierbare Leistung ist, nicht dasselbe sind; und dass das Trainieren der einen zugleich ein Trainieren des andern ist. Dafür wäre Nachdenken allerdings unerlässlich.
JE 
 

Montag, 10. August 2026

Was heißt hier ästhetisch?

                                                 zu Geschmackssachen

Aussagen zu Qualitäten nenne ich ästhetisch.

Qualia sind Singularia. Sie sind an sich und stehen in keinem Verhältnis zu Etwas anderem. Sie sind nicht aus Voraussetzungen konstruiert und werden nicht begrif-fen, sondern angeschaut: De singularibus non est scientia.

Sie lassen sich nicht begründen, sondern nur anpreisen.
10. 12. 16

 

Sonntag, 9. August 2026

Das Absolute ist eben nicht von dieser Welt.

 Inntel-Hotel Amsterdam                                              aus Ebmeiers Einblick
aus Süddeutsche.de, 30. 3. 2022               "Die Vielheit unter einem Gemeinsamen denken, das kein Absolutes sein kann." 

Die Krise des Absoluten                                                                             
Verkannter Knotenpunkt 
Daniel-Pascal Zorn rettet die philosophische Postmoderne.

Von Christoph Möllers

Bei einem Gespräch über die Zukunft der Demokratie im Schloss Bellevue beklagten sich vor Kurzem gleich mehrere Rednerinnen und Redner angesichts des Grassierens politischer Falschmeldungen über die herrschende "postmoderne Beliebigkeit". Nun mag man über Beliebigkeit lamentieren, doch was an dieser genau "postmodern" ist, bleibt die Frage. Die Vorstellung, den einst wahrheitsliebenden westlichen Gesellschaften sei durch eine kleine Schar französischer Denker der Relativismus eingeflößt und der Drang nach faktischer Richtigkeit ausgetrieben worden, wird ja eigentlich in der Sekunde abwegig, in der man sie ausspricht. Trotzdem findet sie weiterhin Anklang.

Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn hat dieser schlichten Geschichte nun auf mehr als 600 Seiten eine gewaltige und komplexe Gegenerzählung gewidmet. Anhand einer kollektiven intellektuellen Biografie von acht Philosophen zeichnet er die Denkbewegung eines unübersichtlichen und vielfältigen intellektuellen Projekts nach, das weniger eine geschlossene Schule darstellt als einen repräsentativen Knotenpunkt im Denken unserer Zeit.

 Daniel-Pascal
 Zorn: Die Krise des Absoluten - Was die Postmoderne hätte sein können. 
Klett-Cotta, Stuttgart 2022. 648 Seiten, 38 Euro.

Die philosophische Postmoderne wird damit zu einem tief in die Geschichte der Philosophie eingebetteten Unternehmen

Unter den dargestellten Autoren findet sich zunächst die klassische vierköpfige Kernmannschaft der französischen Philosophie der Siebziger und Achtziger: Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Michel Foucault und Jean-François Lyotard. Ergänzt werden diese - und hierin liegt ein Clou des Buches - durch vier weitere Denker: zwei deutsche Philosophen einer früheren Generation, Theodor W. Adorno und Joachim Ritter, dazu dem Kybernetiker Heinz von Foerster und den amerikanischen Neo-Pragmatisten Richard Rorty.

Die Spuren, die Zorn in seinem Buch legt, führen dabei weit in die Philosophiegeschichte zurück, sie verästeln sich nicht allein in den mal intellektuellen, mal realen Begegnungen der Protagonisten miteinander, sondern beziehen ein riesiges Nebenpersonal ein, Lehrer, Lehrer von Lehrern, intellektuelle Milchbrüder- und schwestern, Förderer und mitunter Begleitfiguren von außerhalb der Philosophie. Die Länge der Liste der dramatis personae, die dem Buch leider ebenso fehlt wie ein Personen- oder Sachregister, kann mit jedem russischen Roman konkurrieren: Wer war noch gleich Jean Cavaillès? Es lohnt sich, ihn kennenzulernen.

Derart wird die philosophische Postmoderne zu einem tief in die Geschichte der Philosophie eingebetteten Unternehmen der Suche nach einem Begriff des Absoluten, das sich nicht, wie Habermas wirkmächtig behauptete, schlicht als Antithese zu aufklärerischer Rationalität verstehen lässt. Wie Zorn deutlich macht, erweisen sich nicht nur Nietzsche und Heidegger als Vordenker der Postmodernisten, sondern auch der Empirist Hume, der Neukantianer Cassirer oder der Analytiker Quine.

Das Bild, das so entsteht, ist abschreckend kompliziert. Weil das Buch nicht streng chronologisch vorgeht, sondern sich mit vielen Rück- und Seitenschritten von den Anfängen der Protagonisten mal in deren näheren und weiteren Vorgeschichten, im Ganzen dann aber doch wieder von hinten in die Gegenwart vorarbeitet, ist die Lektüre auch dann anspruchsvoll, wenn man versucht, den Faden des verlorenen Absoluten im Kopf zu behalten. Denn, wie Zorn schön formuliert, startet die Krise des Absoluten mit jeder Figur neu, in die sich das Absolute zurückzieht.

Geordnet sind die Abschnitte und Unterabschnitte nach bestimmten Problemen, deren Darstellung durch Schnitte unterbrochen wird, die sich erst bei weiterer Lektüre durch Rückverweise erklären. Man vertraut dem Autor, dass er über den Aufbau des Buchs lange nachgedacht hat, ist sich aber nicht immer sicher, diesen nachvollziehen zu können. Dabei werden Argumente in der Sache vorbildlich klar und lesbar entwickelt. Es bleibt kein anderer Weg als die langsame, konzentrierte und lineare Lektüre eines Buches, das man sich als Netz- und Verweisstruktur hätte denken können. Diese wird nicht dadurch erleichtert, dass die Überschriften der Abschnitte und Unterabschnitte eigentlich gar keinen Hinweis auf ihren Inhalt geben. Im Abschnitt "Hügel 937" geht es übrigens um den Studentenaufstand 1970 in Paris Nanterre.

Die Postmodernisten sind hier Helden eines Denkens, das frei ist, ohne seine genuin intellektuelle Rigorosität aufzugeben

Zorn bezieht die politischen Umstände der Debatten mit ein, konzentriert sich aber zumeist auf die eigentlichen Argumente. Das Konzept der "Dekonstruktion" auf zwei Seiten auch aus seiner philosophischen Herkunft zu erklären, setzt eine intellektuelle Fähigkeit voraus, die sich im Buch an unzähligen Stellen zeigt. Dass die Philosophie hier nicht als ein Nebeneinander großer Systeme erscheint, sondern als ein Gegeneinander argumentativer Elemente, ist natürlich kein Zufall - aber es wäre eben ein Fehler, das als "typisch postmodern" zu klassifizieren. Wie Zorn lakonisch bemerkt: "Die philosophische Postmoderne ist, so verstanden, einfach Philosophie."

Die konsequente Verschiebung bekannter Frontlinien wird damit zu einer der wichtigen Einsichten von Zorn. Der "Kontinent der Postmoderne" ist nicht rein europäisch, er steht in keinem Gegensatz zum amerikanischen, er richtet sich auch nicht gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisformen oder analytische Zugänge. Und die intellektuellen Begegnungen zwischen Adorno und Ryle, Deleuze und Hume oder die Parallelen zwischen Genealogiekonzepten bei Foucault und Koselleck, die Zorn uns vorstellt, schließen es aus, die Postmoderne von der restlichen Geschichte der Philosophie zu isolieren.

Der etwas rätselhafte Untertitel des Buchs "Was die Postmoderne hätte sein können", wird zu Beginn kaum erklärt und erst ganz am Ende wirklich verständlich. Hier erst kommt die Zuneigung zutage, mit der sich Zorn wie mit anderen Wertungen auch ansonsten angenehm zurückhält. Für ihn sind die Postmodernisten Helden eines Denkens, das frei ist, ohne seine genuin intellektuelle Rigorosität aufzugeben, ein Denken, das - nicht zufällig auch in den Schuhen des amerikanischen Pragmatismus stehend - den Weg für eine philosophische Praxis frei machen will, in der durch freie Gedanken freie Institutionen entstehen, die sich nicht der Beliebigkeit eines anspruchslosen Pluralismus verschreiben: "Der Schritt von der Pluralität zum - bequemeren - Relativismus ist klein. Er besteht darin, das Unternehmen aufzugeben, die Vielheit unter einem Gemeinsamen zu denken, das kein Absolutes sein kann."

Fehlt uns die Geduld, uns mit der Komplexität dieser Entwürfe wirklich zu beschäftigen?

Die Utopie eines solchen Denkens, dessen Verwirklichungsmöglichkeiten Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger kurz aufblitzen, wird in Zorns vielleicht etwas kulturpessimistischer Lesart durch die kapitalistische Wende der Achtziger unmöglich gemacht. Sie endet also in dem Moment, in dem der Ausdruck "Postmodernität" überhaupt erst in einen breiteren Gebrauch kommt. Dass die Postmodernisten, wenn man Zorn folgt, Opfer einer durch den Kapitalismus geschaffenen Aufmerksamkeitsökonomie wurden, in der es an Geduld fehlt, sich mit der Komplexität ihrer Entwürfe zu beschäftigen, und in der stattdessen preiswerte Moralisierung nachgefragt wird, erscheint aber zumindest leicht undialektisch.

Denn es dürfte nicht zuletzt der Popstar-Status von Figuren wie Derrida und Foucault sein, der dazu geführt hat, dass sie von vielen ernsthaft und gründlich gelesen wurden. Wie es überhaupt etwas seltsam anmutet, einer Gruppe so ausnehmend erfolgreicher Autoren den Status einer verkannten Kleinsekte zuzuweisen. Wenn Zorns Buch hoffentlich viele Leserinnen findet, dann auch, weil die Philosophen, über die er schreibt, viele Leserinnen gefunden haben. Dies wünscht man ihm auch deswegen, weil es wahrscheinlich keine Disziplin gibt, in der es größeren Muts bedarf, ein solches Buch zu schreiben.

Heute scheint die Philosophie in großer Sorge um ihren wissenschaftlichen Status zu sein, obwohl sie doch gerade die Bedeutung dieses Status infrage stellen sollte. Auch deswegen hat sie zu öffentlichen Debatten bemerkenswert wenig beizutragen. Dass Zorn sich um intelligente Vereinfachung bemüht, die im Ergebnis immer noch nicht "einfach" genannt werden kann, um das Anliegen der Philosophie zu erklären, wird sie ihm hoffentlich nicht übelnehmen, sondern danken.

 

Nota. - Die postmodernen Denker hätten bis 1780 in der Welt auftreten dürfen. Ab 1781 nicht mehr. Da ist die Kritik der reinen Vernunft erschienen. Seither sind sie veraltet, bloß wissen die Franzosen davon bis heute nichts.

Ein Real-Absolutes ist seit Kant so etwas wie ein schwarzer Schimmel. Das war am Vorabend der Revolution - der französischen. Die hat, ein Jahr, nachdem sie auf ihrem Höhepunkt den Kult der Vernunft gefeiert hat, dem Höchsten Wesen gehul-digt. Da gings schon längst mit ihr bergab.

Die Romantik, die wie die Transzendentalphilosophie ihr deutsches Echo gewesen ist, hielt der Rückkehr des Absoluten in Politik und Philosophie nicht lange stand, die eine verblühte zum Biedermeier, die andere zu Deutschem Idealismus. Immer wieder gab es danach Versuche, zur Stunde Null - Revolution, Romantik, Transzen-dentalphilosophie - zurückzukehren. Deren Hardware ruht inzwischen auf dem Müllberg der Geschichte. So müsste die Software nun umso dringlicher auch für sie eintreten.

Mit andern Worten, den wahren Knotenpunkt verkennt auch Christoph Mölders. Die Vielheit ist nicht unter einem Gemeinsamen zu denken, das allerdings ein reales sein müsste, aber nicht kann; sondern aus einem Ursprung zu denken: der Einbil-dungskraft, denn der Gegenstand ist an sich ununterschieden und kennt keine Vielheit.
JE 31. 3. 22 
 

 

Samstag, 8. August 2026

Von der Ästhetik der Geselligkeit.

 
 
Rubens, Bauerntanz                                                                                                                           aus Geschmackssachen

Zu den natürlichen Bedürfnissen der Menschen gehören außer den physischen - Hunger, Durst, Frost - auch das Bedürfnis nach Geselligkeit. Solange Arbeit (in schwindendem Maß) auch gesellig geschieht, hat sie einen Wert, der über ihren bloß physischen Erhaltungswert hinausweist (und ist nicht nur Mühsal). Aber Gesellig-keit ist - anders als Hunger, Durst, Frost - nicht mit einem immanenten Maß da, sondern um ihrer selbst willen. Sie hat ästhetischen Charakter.

In dem Maße, wie in der Arbeit die Erhaltungsfunktion auf Kosten der Gesellig-keit immer mehr an Boden gewinnt, verbindet sich jene umso enger mit dem Äs-thetischen (Tanz!). Geselligkeit wird Feierabend, "Erholung" = Reproduktion des Arbeitsvermögens. Wird vom Erhaltungswert absorbiert, unterworfen, mediatisiert. Und nun wiederum schwindet das Ästhetische in den privaten Winkel: Es wird ab/solut. 
aus e. Notizbuch, 17. 10. 08

Freitag, 7. August 2026

Takt und Motorik.

tanzende Mänade                                                                                        zu Geschmackssachen
aus derStandard.at, 18. 1. 2025

Warum wir beim Musikhören automatisch im Takt blinzeln
Menschen synchronisieren unbewusst ihren Lidschlag mit dem Rhythmus der Musik – und das überraschend zuverlässig. Das könnte Hinweise auf Prozesse im Gehirn geben

Auch wenn Sie zu jenen Menschen gehören, die meinen, nicht einmal mit der Wimper zu zucken, wenn härtester Industrial-Sound die Gehörgänge zermalmt: Sie werden vermutlich dennoch automatisch im Rhythmus blinzeln, wenn Sie Musik hören. Das fand ein chinesisches Wissenschaftsteam heraus. Es servierte ihren Probandinnen und Probanden allerdings klassische Musik.

Wenn wir nicht anders können, als bei einem Konzert oder vor dem Radio mit den Füßen zu wippen und mit dem Kopf zu nicken, dann liegt das an einem neurologischen Prozess, der auditorisch-motorische Synchronisation heißt. Diese Verbindung hilft auch Läufern, ihr Tempo zu halten, wenn sie Songs mit einer bestimmten Anzahl von Beats pro Minute hören.

Wir reagieren aber nicht nur mit Bewegungen auf Musik, die wir bewusst machen oder abstellen können. Auch der unbewusste Lidschlag gleicht sich an den Beat an, wie ein Forschungsteam rund um die Psychologin Yi Du von der chinesischen Akademie der Wissenschaften im Fachmagazin Plos Biology berichtet. Das offenbare einen verborgenen Zusammenhang zwischen dem Hören von Musik und dem okulomotorischen System, das die Bewegung der Augen steuert.

Blinzel-Frequenz

Blinzeln ist zunächst ein physiologischer Vorgang, um das Auge zu schützen und zu befeuchten. Erwachsene kommen auf durchschnittlich zehn bis 15 Lidschläge pro Minute, bei Kindern sind es weniger. Je nach Situation kann die Frequenz schwanken: Bei konzentrierter Arbeit vor dem Bildschirm kann sie sinken, bei Nervosität stark ansteigen.

Nahaufnahme eines menschlichen Auges mit einem auffällig mehrfarbigen Irismuster in Blau- und Brauntönen. Die Details der Haut und Wimpern sind deutlich sichtbar.
Das Auge samt seinem Wimpernschlag kann ein Fenster zu den Vorgängen im Gehirn sein.

Blinzeln scheint daher eng mit einigen kognitiven Prozessen verknüpft zu sein. Nicht nur gibt es Zusammenhänge mit der Aufmerksamkeit, das Blinzeln ist auch Teil der nonverbalen Kommunikation und dient der Segmentierung von Gedanken und Wahrnehmung. Hier wirkt der Lidschlag wie ein Reset und trägt dazu bei, das Gehirn für einen kurzen Moment zu entlasten.

Bach-Choräle vor- und rückwärts

In der Studie hörten nun 123 junge Erwachsenen ohne musikalische Vorbildung Choräle von Johann Sebastian Bach, während ihre Gehirnaktivität und ihre Augenbewegungen gemessen wurden. Sie wählten dabei Stücke mit gleichmäßigem Tempo aus. Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmenden nicht nur im Takt zu blinzeln begannen, auch ihre Gehirnströme passten sich an.

Zur Sicherheit spielten die Forschenden die Choräle rückwärts ab, um zu überprüfen, dass die Testpersonen nicht auf andere melodische Signale reagierten, doch sie blinzelten trotzdem im Takt. "Was uns am meisten überrascht hat, war, wie zuverlässig so eine kleine Bewegung wie das Blinzeln mit dem Takt synchronisiert ist – diese winzige Handlung weist auf eine tiefgreifende Koordination zwischen Hören und Bewegung hin, die wir überhaupt nicht erwartet hatten", sagt Yi Du.

Die Forschenden interpretierten das als Hinweis darauf, dass das Gehirn die Struktur der Klänge genau verfolgt – allerdings nur, wenn die Aufmerksamkeit auf die Musik gerichtet ist. Denn in einem weiteren Experiment mussten die Teilnehmenden während des Musikhörens darauf warten, dass ein roter Punkt auf dem Bildschirm vor ihnen erscheint. Die Folge: Das Blinzeln verlief nicht mehr im Takt, unabhängig davon, ob der Punkt im Takt der Musik oder außerhalb davon erschien. Die Forschenden schließen daraus, dass auch eine unbewusste Reaktion wie der Lidschlag erfordert, dass wir uns auf die Musik konzentrieren.

Zeitmechanismen im Gehirn

Die Untersuchung solcher Phänomene könne helfen zu verstehen, wie Sinneswahrnehmungen und Gehirnfunktionen verdrahtet sind, hofft das Forschungsteam. Es gebe bereits Hinweise darauf, dass bestimmte neurologische Erkrankungen, die die Körperbewegung beeinträchtigen, mit Musiktherapien behandelt werden können, die die auditiv-motorische Synchronisation nutzen.

"Ich fand es toll, dass ein einfaches, nicht-invasives Signal wie das Blinzeln als Fenster zur Rhythmusverarbeitung dienen kann. Das eröffnet Möglichkeiten für Studien außerhalb des Labors", sagt die Expertin für Sprach- und Musikwahrnehmung. Sie sei beeindruckt davon, "dass die Augen mit den Ohren im Takt bleiben – das ist ein elegantes, alltägliches Zeichen für die Zeitmechanismen des Gehirns." 

 

Donnerstag, 6. August 2026

Warum ist der Mensch intelligenter als andere Tiere?

Neuronen des menschlichen Gehirns © ktsdesign / depositphotos.com                 zu Jochen Ebmeiers Realien
aus scinexx.de, 3. 8. 2026 

Warum ist der Mensch intelligenter als andere Tiere?
Neuronen ähneln simplen Microchips und nicht Ein-/Ausschaltern

Die Neurowissenschaft ging lange davon aus, dass Menschen vor allem deshalb intelligenter als andere Tiere sind, weil sie mehr Neuronen besitzen und weil diese stärker miteinander verknüpft sind. Nun wurde entdeckt, dass die Intelligenz auch auf den besonderen morphologischen Aufbau zurückgeht, dank dem menschliche Neuronen nicht wie ein Ein-/Ausschalter funktionieren, sondern wie ein simpler Microchip.

Jerusalem (Israel). Menschen sind den meisten anderen Tierarten in vielen kognitiven Bereichen wie der Sprache und dem abstrakten Denken deutlich überlegen. In der Forschung ging man lange davon aus, dass die hohe Intelligenz des Menschen vor allem darauf zurückgeht, dass sein Gehirn im Verhältnis zu seiner Körpergröße überdurchschnittlich groß ist und besonders stark vernetzt ist. Nun haben Wissenschaftler der Hebrew University of Jerusalem (HUJI) um Idan Segev eine Studie publiziert, laut der das komplexe Netzwerk aus rund 86 Milliarden Nervenzellen im Gehirn eines erwachsenen Menschen nicht allein für die hohe Intelligenz verantwortlich sind.

Wie die Forscher erklären, können einzelne menschliche Neuronen deutlich komplexere Berechnungen durchführen als die Neuronen anderer Säugetiere. Dies könnte dabei helfen zu erklären, wieso Menschen intelligenter sind als Elefanten, die mehr Neuronen besitzen, und intelligenter als Honigbienen, deren Neuronendichte höher ist.

„Menschen stellen sich ein Neuron oft als einen einfachen Schalter vor, der entweder an- oder ausgeht. Was wir zeigen, ist, dass ein einzelnes menschliches Neuron selbst ein außerordentlich hochentwickeltes Rechengerät ist“, erklärt Idan Segev.

„Rechenleistung“ einzelner Neuronen

Laut den Wissenschaftlern um Idan Segev haben Studien zunehmend Hinweise darauf erbracht, dass nicht nur die Zahl der Neuronen, sondern vor allem ihre Eigenschaften entscheidend für die Intelligenz sind. Ein Beispiel dafür sind die Neuronen der menschlichen Großhirnrinde, die besonders lange, verzweigte Dendritenfortsätze besitzen.

 

Nota. - Dass Menschen intelligent sind, unterscheidet sie nicht von den Tieren; sondern nur, dass sie intelligenter sind: Der Unterschied ist bloß graduell. Doch ein rein quantitativer ist er eben auch nicht: Die Neuronen im Menschenhirn sind nicht nur zahlreicher, sondern auch qualitativ anders als beim Tier.
JE 

Ist Kinder-Großziehen Arbeit?

                                                                zu   Männlich Der östereichische Bundeskanzler hat Skandal gemacht, indem er...