Samstag, 11. Juli 2026

Vor der Erfindung der Kindheit.

W. Busch
aus derStandard.at, 11. 7. 2026                                                    zu Levana, oder Erziehlehre; zu öffentliche Angelegenheiten
 
In christlichen Familien des Mittelalters wurden Kinder mit fremden Erwachsenen begraben
Eine Untersuchung von Knochen aus Gräbern in Schweden ergab, dass gemeinsam begrabene Kinder und Erwachsene nicht verwandt waren. Andere Faktoren waren wichtiger

Genetische Untersuchungen sind zu einem unverzichtbaren Werkzeug der Archäologie geworden, und immer öfter sorgen sie für Überraschungen, etwa im Fall der Toten von Pompeji, bei denen etwa die Mitglieder einer scheinbar gemeinsam verstorbenen Familie doch nicht verwandt waren.

Ein ähnlich verblüffendes Ergebnis liefert nun eine neue Studie im Fachjournal Science Advances. Ein schwedisches Forschungsteam untersuchte dafür 142 Tote, darunter mehr als 60 Kinder, aus Gräbern der späten Wikingerzeit und des Mittelalters, die in der Nähe von Stockholm, Jämtland und Skåne gefunden wurden. Anzunehmen wäre eigentlich, dass die Erwachsenen, die neben Kindern in denselben Gräbern gefunden wurden, ihre Eltern waren. "In den meisten Fällen war das nicht das, was wir gefunden haben", sagt Studien-Erstautorin Maja Krzewińska von der Universität Stockholm.

Ein Mann fotografiert mit einer Kamera auf einem Stativ einen Schädel, der in einer beleuchteten Fotobox positioniert ist. Der Forscher Oscar Nilsson macht hier ein Bild von der Frau Nummer 56, in deren Grab Muschelschalen gefunden wurden  

Verwandtschaft wenig entscheidend

Diese Erkenntnis wirft ein neues Licht auf christliche Traditionen im mittelalterlichen Skandinavien. Das Christentum verbreitete sich im späten 10. und im 11. Jahrhundert in Skandinavien. Wie auch sonst im christlichen Europa konnten nur getaufte Kinder christlich bestattet werden. Bei den Gräbern, aus denen sich ausreichend gutes Genmaterial gewinnen ließ, enthielten nur zwölf Prozent Eltern und ihre Kinder. Die Toten in gemeinsamen Gräbern wurden meist zur gleichen Zeit bestattet. 

Einen Hinweis auf die Gründe für die Trennung von Eltern und Kindern könnte ein anderes Detail geben. Auffällig ist nämlich, dass oft Männer mit Burschen und Frauen mit Mädchen bestattet wurden. Generell fanden sich Gräber von Männern und Frauen auf dem Friedhof von Västerhus an gegenüberliegenden Seiten der Kirche. "Bestattungen von Erwachsenen und Kindern desselben Geschlechts ohne enge biologische Verwandtschaft waren im frühchristlichen Kontext besonders häufig. Buben und Mädchen wurden oft auf derselben Seite des Friedhofs beigesetzt wie Erwachsene desselben Geschlechts", heißt es in der Studie.

Luftaufnahme der Kirchenruine von Västerhus in der Frösö-Gemeinde, Jämtland, Schweden. Sichtbar sind die Grundmauern und Strukturen der ehemaligen Kirche, umgeben von Erde und verstreuten Steinen.
Rund um die Kirche von Västerhus wurden unzählige Gräber freigelegt.
Riksantikvarieämbetets arkiv – The church ruin of Västerhus, Frösö parish, Jämtland, Sweden

Erwachsenen gleichgestellt

Womöglich war die Nähe der Kinder zu ihren direkten Verwandten also weniger wichtig für den Ort der Bestattung als ihr Geschlecht. "Die Kinder wurden nicht als eigene Kategorie behandelt. Im Tod scheinen sie nach denselben sozialen und religiösen Grundsätzen behandelt worden zu sein wie erwachsene Männer und Frauen", sagt Studienautor Anders Götherström von der Universität Stockholm.

Grabbeigaben wurden, wie bei solchen christlichen Bestattungen üblich, kaum gefunden. Eine Ausnahme bildet eine Frau, die zwei Muschelschalen bei sich hatte. Das deutet laut den Forschenden auf eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela hin, die sie vor ihrem Tod im 30. Lebensjahr vollendete. Bei ihr ließ sich ein guter Teil der Verwandtschaft inklusive ihres Bruders, ihrer Eltern und zweier Töchter identifizieren.

Eine einzelne graue Jakobsmuschel in Fächerform, gezeigt auf einem weißen Hintergrund.
Eine Frau hatte diese Muschel aus Santiago di Compostela bei sich.

Komplexe Haushalte

Diese Praktiken dürften an vorchristliche Traditionen anschließen. Große Familien, die nicht nur auf Verwandtschaftsbeziehungen begründet waren, waren in Skandinavien schon vor der Verbreitung des Christentums üblich. Zu den Haushalten gehörten neben Verwandten aus dem weiteren Familienkreis auch Bedienstete oder Sklaven. Der Einfluss des Christentums veränderte das zum Teil, aber es gab weiterhin wichtige nicht-biologische Beziehungen wie Pflegeverhältnisse, Konkubinat, Lehrverhältnisse und Freundschaftsbündnisse. Dazu kam, dass auch uneheliche Kinder erben konnten. Das Verhältnis zwischen biologischer Verwandtschaft und sozialer Zugehörigkeit wurde dadurch komplizierter, wie es in der Studie heißt. Die fehlenden Verwandtschaftsverhältnisse in den Gräbern spiegeln das wider.

"Archäologen diskutieren schon seit langem über die Beziehungen zwischen Menschen, die gemeinsam in dieser Art von Gräbern bestattet wurden. Die alte DNA hat uns endlich das Werkzeug in die Hand gegeben, auf das wir gewartet haben, um diese Interpretationen direkt zu überprüfen", freut sich Studienautorin Anna Kjellström von der Universität Stockholm.

In welchem genauen Verhältnis die gemeinsam begrabenen Personen jeweils zueinander standen, klärt die Studie nicht. Jedenfalls scheinen die Bestattungen nicht von enger Verwandtschaft, sondern von Haushalten, erweiterten Verwandtschaftsgruppen oder lokalen Gemeinschaften bestimmt worden zu sein, die sich an christliche Normen hielten, schreibt das Autorenteam. Rein familiäre Überlegungen wurden so abgeschwächt oder außer Kraft gesetzt. 

 

Freitag, 10. Juli 2026

Hammershøi in Zürich.


aus FAZ.NET, 8. 7. 2026       
Interieur mit Frau am Klavier, Strandgade 30; 1901 

Seine Bilder geben Rätsel auf
Vilhelm Hammershøi malte enigmatische Interieurs, die den Surrealismus vorwegnahmen – er selbst blieb aber wortkarg. Seine graue Moderne, die jetzt in Zürich zu beschauen ist, fasziniert bis heute.

Von  

... 

 

Der Begründer der Landschaftmalerei war gewissermaßen Claude Lorrain: Bei ihm sind die Figuren lediglich Vorwand, um die Landschaft selbst zum Gegenstand zu machen. Vermeer malte gar kein Landschaften, sondern Intérieurs, aber nicht so ty-pisiert, wie es nach späteren Übermalungen gelegentlich erscheint. Dagegen sehen seine Figuren meist aus wie ein Denkmal ihrer selbst, oder wie schockgefroren.

Bei Hammershøi sind die Figuren dann nicht einmal thematischer Vorwand, son-dern Teil der Komposition, und die Zimmerlandschaften sind kubistische Schemata im Lichtspiel. Eine Parodie des Wirklichen ist es wohl schon; aber eine ästhetische.
JE 

Wohnzimmer. Studie im Sonnenlicht 1906

Die Gebäude der asiatischen Kompanie, gesehen von der Sankt Annæ Gade, Kopenhagen, 1902

Das Innere der Kirche Santo Stefano Rotondo in Rom, 1902

Strandgade 30 1903

Donnerstag, 9. Juli 2026

Haughey's Fort - die früheste Stadt Westeuropas.

Luftaufnahme einer grünen, von Hecken und Bäumen durchzogenen irischen Landschaft. Geografische Punkte wie „Haughey’s Fort“, „Tray Bog“ und „The King’s Stables“ sind markiert. Früher befand sich hier eine bedeutende Siedlung aus der Bronzezeit.aus derStandard.at, 5. 6. 2026   Heute wirkt Haughey's Fort im Norden Irlands aus der Luft ziemlich unscheinbar. Vor 3000 Jahren jedoch befand sich an dieser Stelle eine für damalige Verhältnisse gewaltige Siedlung.

3000 Jahre alte irische Stätte entpuppt sich als ältestes urbanes Zentrum Westeuropas
Ein unscheinbarer Hügel bei Armagh galt als Vorstufe zur berühmten Königsstadt Navan Fort. Neue Scans zeigen: Er war selbst schon eine bronzezeitliche Siedlung von beachtlicher Größe

Die ersten echten Städte auf europäischem Boden entstanden im östlichen Mittelmeerraum. Auf Kreta wuchsen die Vorstädte von Knossos schon im zweiten Jahrtausend vor Christus zu einem dichten Gefüge aus Palästen, Gassen und Werkstätten zusammen. Bis zu 80.000 Menschen sollen dort zur Hochblüte der Kultur gelebt haben. Wenig später schwang sich auf dem griechischen Festland Mykene empor. Beide gelten gemeinhin als die Wiege urbanen Lebens in Europa.

In den letzten Jahren rückte jedoch auch Osteuropa in den Fokus der Forschung, wenn es um stadtähnliche Zentren geht. Im heutigen Bulgarien produzierte die Siedlung Provadia-Solnitsata schon ab 5600 v. Chr. Salz, umgeben von Europas ältesten Steinmauern – ein Vorposten des Wohlstands, lange bevor auf Kreta die ersten Paläste errichtet wurden.

Im Schwarzmeerraum wiederum, in der heutigen Ukraine, Moldawien und Rumänien, wuchsen ab etwa 4100 v. Chr. die Megasiedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur: Protostädte mit bis zu 320 Hektar Fläche und geschätzten 15.000 Einwohnern, älter als jede vergleichbare Ansammlung in Mesopotamien. Urbane Siedlungen entstanden also mehrfach, an verschiedenen Orten und aus unterschiedlichen Gründen.

Der Wallring unter dem Acker

Ein Hillfort gilt gemeinhin nicht als Kandidat für diese Liste. Der Begriff bezeichnet eine befestigte Anhöhe – vielleicht der Sitz eines Häuptlings, möglicherweise auch ein Fluchtort oder bloß ein Gehege für das Vieh einer Saison. Städte jedenfalls stellt man sich darunter nicht vor.

Haughey's Fort, eine unscheinbare Ackererhebung bei Armagh in Nordirland, musste sich lange mit dieser bescheidenen Rolle begnügen. Sein Nachbar, das nur wenige hundert Meter entfernte Navan Fort, war dagegen ein Star: Es war legendäre Hauptstadt von Ulster, Sitz eisenzeitlicher Könige und Bühne frühmittelalterlicher Sagen. Haughey's Fort lieferte dazu bloß die Vorgeschichte. Es bestand aus drei konzentrischen Gräben, die in den 1980er- und 1990er-Jahren teilweise freigelegt wurden.

Eine neue Studie im Fachjournal Antiquity dreht die Verhältnisse nun um. James O'Driscoll von der University of Glasgow und Patrick Gleeson von der Queen's University Belfast haben mit Lidar, Magnetometrie, Bodenradar und einem zweiten Blick auf jahrzehntealte Grabungsergebnisse eine Landschaft rekonstruiert, die weniger nach Festung aussieht als nach einem umfangreichen geplanten Zentrum.

Die Datierung steht dabei außer Zweifel: Ein Eichenbalken vom Grund des inneren Grabens wurde zwischen 1152 und 1116 v. Chr. gefällt, die Radiokarbondaten verorten Bau und Nutzung der Anlage auf etwa 1191 bis 1018 v. Chr.

LiDAR- und magnetometrische Karten einer historischen Stätte in Irland, die ein großes proto-urbanes Zentrum zeigen. Links ist eine Graustufen-Reliefkarte mit Geländedetails, während rechts eine farbige Karte mit Geländestrukturen und markierten Funden zu sehen ist, darunter „Haughey's Fort“, „The King's Stables“ und weitere archäologische Aspekte. Ein Maßstabsbalken sowie eine Lagekarte sind ebenfalls enthalten.
 Lidar- und Magnetometrie-Untersuchungen offenbarten an der Stätte ein umfangreiches proto-urbanes Zentrum.
204 Häuser

Die Magnetometrie zeichnet unter dem heutigen Grasland ein enges Muster aus Gruben, Pfostenlöchern und Zaunlinien nach. Augenfällig waren dabei 204 kreisförmige Anomalien, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf hölzerne Wohnbauten zurückgehen. Die meisten davon liegen dicht beieinander innerhalb der inneren Umwallung. Ihre jeweiligen Durchmesser von sieben bis neun Metern entsprechen gewöhnlichen bronzezeitlichen Wohnhäusern in Irland.

Drei Gebäude aber sprengen den Rahmen. Sie besitzen einen Durchmesser von 22, 23 und 30 Metern und weisen zentrale Pfostenspuren auf, die auf überdachte Konstruktionen hindeuten. Für Wohnhäuser oder Werkstätten sind sie allerdings zu groß. O'Driscoll und Gleeson vermuten dahinter institutionelle oder rituelle Versammlungsbauten – ein seltener Fund in der bronzezeitlichen Archäologie Irlands und Großbritanniens, mit nur einer bekannten Parallele im südwestirischen Glanbane.

Einzigartige Dimensionen

Ob alle 204 Strukturen gleichzeitig bewohnt waren, lässt sich ohne großflächige Grabung nicht sicher sagen. Doch die reihenartige Anordnung mancher Gebäude spricht dafür. Auch die übrigen Funde passen ins Bild einer groß angelegten Siedlung. Grabungen förderten verkohltes Getreide, Keramik, Bronze- und Goldfragmente sowie Gussabfälle zutage. Letztere sind Belege für spezialisierte Metallverarbeitung, möglicherweise samt lokal gefertigter Kopien importierter Kontinentalware. "Unsere Forschung zeigt ein Ausmaß an Größe, Organisation und Konnektivität im bronzezeitlichen Irland, das bisher nicht vollends erkannt wurde", sagt O'Driscoll. "Im weiteren westeuropäischen Kontext zählt Haughey's Fort damit zu den klarsten Beispielen eines proto-urbanen Zentrums."

Eine archäologische Karte von Haughey's Fort mit Markierungen verschiedener Strukturen und Geländeelemente. Lila Kreise kennzeichnen mögliche Strukturen. Verschiedene Linien zeigen Geländemerkmale wie Bachrinnen, nivellierte Feldgrenzen, Wege und Gräben des Wallforts (innerer, mittlerer und äußerer Graben). Ein markiertes „Eingang“-Beritt sowie eine „Palissaden-gesäumte Allee“ sind ebenfalls vermerkt. Ein Maßstab und eine Legende erklären die Symbole.
Die Ausgrabungen und Messungen legen nach Ansicht der Forschenden nahe, dass in Haughey's Fort oben Produktion und Alltag vorherrschten, unten dagegen Opfergaben dargebracht und Ritual abgehalten wurden.

Was eine Stadt zur Stadt macht, ist in der Bronzezeitforschung freilich eine heikle Frage. Klassische Checklisten für Urbanität stammen meist aus dem mediterranen Raum und lassen sich schlecht mit der Holzarchitektur Nordwesteuropas vereinbaren, die im Boden kaum Spuren hinterlässt. Ein passenderer Maßstab orientiert sich an Siedlungsgröße, Bebauungsdichte und -vielfalt sowie an handfesten Kriterien wie spezialisierter Handwerksproduktion und Fernhandel – all das würde Haughey's Fort erfüllen.

Ähnlich dichte Bronzezeitsiedlungen wurden vereinzelt auch anderswo entdeckt, im nordirischen Corrstown etwa, wo 73 Rundhäuser um eine gepflasterte Straße gruppiert waren. Doch die am Haughey's Fort vorgefundene Kombination aus Wohndichte, Monumentalbauten und Fernhandel bleibt eine Ausnahme.

Palisadenweg zum Wasser

Alle drei Umwallungen von Haughey's Fort öffnen sich an derselben Stelle nach Nordosten, dem einzigen bekannten Zugang zur Anlage. Von dort führte eine 87 Meter lange, von Palisaden gesäumte Prozessionsstrecke bergab, deutlich weiter als die Fortgrenzen selbst reichten. Der Weg endet schließlich bei den sogenannten King's Stables, einem 25 Meter durchmessenden, künstlich angelegten Wasserbecken am Fuß des Hügels.

Was damals bei den King's Stables vor sich ging, dürfte sich fundamental von dem unterschieden haben, was oben auf dem Hügel geschah. Während in Haughey's Fort tausende Knochen von Rindern, Schafen und Schweinen auf Festmähler und Alltagsmahlzeiten hindeuten, dominierten im Becken der King's Stables Hundeknochen, Rothirschgeweihe und teilweise vollständige Tierskelette. Auch der vordere Teil eines menschlichen Schädels und lose Rippenknochen wurden gefunden. Außerdem legte man dort 18 Gussformfragmente für blattförmige Schwerter frei, aber keine sonstigen Produktionsabfälle.

Bei den Ausgrabungen ist ein freigelegter, länglicher Graben zu sehen, der teilweise mit Wasser gefüllt ist. Erde ist aufgeschüttet, im Hintergrund ist eine grasbewachsene Fläche zu erkennen. Gelbe Eimer und Werkzeuge liegen um die Grabung verteilt.
Ausgrabungen an den sogenannten Creeveroe Earthworks zeigten, dass Haughey's Fort von einer großzügigen Wallanlage umgeben war.

Ring um 109 Hektar

Am auffälligsten aber ist, was Lidar und Magnetometrie über die sogenannten Creeveroe Earthworks zutage förderten. Die Strukturen stellten sich als großzügige äußere Umwallung der Siedlung heraus. Sie umgab eine Fläche von 109 Hektar und schnitt quer durch Hügelkuppen und Moore, nahm also keine Rücksicht auf das Gelände. Diese Dimensionen machen Haughey's Fort zu einem der drei größten bekannten Hillforts Irlands und Großbritanniens.

Entlang der neu vermessenen Umwallung liegen zahlreiche kleinere Ringstrukturen, vermutlich eingeebnete Grabhügel, die sich besonders dicht um einen vermuteten südlichen Zugang drängen. "Die Studie macht deutlich, dass wir es hier nicht mit isolierten Denkmälern zu tun haben, sondern mit einer einzigen, hochgradig organisierten Landschaft", sagt Gleeson. "Haughey's Fort, die King's Stables und die Creeveroe Earthworks waren Teile eines Systems, das sorgfältig strukturiert wurde, um Siedlung, Produktion und Ritual zusammenzubringen."

Wer hier damals das Sagen hatte, bleibt allerdings offen. Manches spricht für Eliten, die Handwerk, Handel und Gemeinschaftsarbeit koordinierten. Ebenso plausibel sei aber auch ein loses System, in dem Autorität nicht dauerhaft an Personen gebunden war, sondern sich in Zeremonien und gemeinsamer Arbeit immer neu herstellte. Haughey's Fort, so O'Driscoll und Gleeson, lässt beide Interpretationen zu. 

 

Mittwoch, 8. Juli 2026

Die Minoer.

Stierspringer aus scinexx.de, 5. 12. 2025                           Die Stierspringer von Knossos:                       zu öffentliche Angelegenheiten

Im Reich des Minotaurus
Sie waren die erste Hochkultur Europas, ihre Seefahrer dominierten Jahrhunderte lang das Mittelmeer und ihr Stierkult war Vorbild für die Sage des Minotaurus: Das bronzezeitliche Reich der Minoer ist noch heute legendär. Doch die Minoer und ihr Schicksal geben auch einige Rätsel auf.

Die Minoer errichteten schon vor rund 5.000 Jahren große Palastanlagen auf Kreta, bauten Straßen und entwickelten eine bis heute nicht entzifferte Schrift. Ihr Einflussbereich reichte von der Ägäis über Zypern und die Küste Kleinasiens bis nach Mesopotamien und Ägypten. Doch so prachtvoll und archäologisch ergiebig minoische Palastanlagen wie Knossos oder Phaistos sind – ihre Erbauer geben noch immer zahlreiche Rätsel auf. Und auch der Grund für den Untergang des minoischen Reiches ist nicht eindeutig geklärt.

Woher kamen die ersten Minoer?
Hochkultur im Nirgendwo

Eines der Rätsel rund um die Minoer ist ihr Ursprung: Woher die Begründer dieser Hochkultur einst kamen, ist umstritten. Klar ist, dass die ersten Menschen die Insel Kreta vor etwa 9.000 Jahren erreichten. Zu dieser Zeit begann im Nahen Osten gerade die neolithische Revolution – der Wandel von Jäger- und Sammler-Kulturen zu sesshaften Bauern. Vom fruchtbaren Halbmond und Kleinasien aus breitete sich die Landwirtschaft in den folgenden Jahrtausenden allmählich über ganz Europa aus.

Palast von Knossos
Der Palast von Knossos ist das bekannteste Beispiel für die prachtvollen Bauten der Minoer. 

Vom Dorf zum Palast

Auch die ersten Bewohner Kretas gehörten schon zu diesen frühen steinzeitlichen Bauern. Sie lebten, wie für ihre Zeit typisch, in eher kleineren Siedlungen zusammen und hatten offenbar zunächst wenig Ambitionen auf mehr. Doch etwa ab 3500 vor Christus, in der frühen Bronzezeit, wandelte sich das Bild: Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Bevölkerungsdichte damals sehr schnell stark zunahm. Immer mehr Siedlungen entstehen nun und breiten sich aus, außerdem tauchen erstmals Kuppelgräber, sogenannte Tholoi, im Süden Kretas auf.

Ab etwa 2000 vor Christus erbauen die Minoer die ersten Paläste, unter anderem in Knossos, Malia und Phaistos. Um diese Anlagen herum entstehen jetzt größere Städte – komplexe Siedlungszentren mit Straßen, einem Entwässerungssystem und Gebäuden mit ganz unterschiedlichen Funktionen. Ihre Bewohner beginnen, eine Schrift zu entwickeln und zu nutzen – davon zeugen Siegel aus dieser Zeit. Die minoische Hochkultur ist geboren.

Goldschmuck der Minoer
Goldschmuck der Minoer – schauten sie ihre Fertigkeiten von den Ägyptern ab?
Einwanderer als Kulturbringer?

Aber was verursachte diesen Umschwung von „ganz normalen“ Bauern zur ersten Hochkultur Europas? Entwickelten sich die steinzeitlichen Bewohner der Inseln von sich aus weiter? Oder waren es vielleicht Einwanderer, die der kulturellen Entwicklung den entscheidenden Schub gaben? Zumindest der britische Archäologe Sir Arthur Evans war von Letzterem überzeugt. Er hatte um 1900 die Ruinen von Knossos entdeckt und war überzeugt, dass die Erbauer dieses Palastes aus einer der bekanntesten Hochkulturen am Mittelmeer stammen mussten – aus Ägypten.

„Er begründete dies mit auffallenden Ähnlichkeiten zwischen der minoischen und ägyptischen Kunst“, erklären Jeffery Hughey vom Hartnell College in Kalifornien und seine Kollegen, die den Ursprung der Minoer Anfang 2013 noch einmal genauer untersuchten. Tatsächlich spricht auf den ersten Blick Einiges für Evans‘ Idee:

Flüchtlinge aus Ägypten?

Kurz bevor das minoische Reich erblühte und die ersten Paläste scheinbar aus dem Nichts entstanden, gab es in Ägypten eine folgenreiche Umwälzung. Etwa 3000 vor Christus führte König Narmer von Oberägypten einen Militäreinsatz gegen das im Norden liegende Unterägypten durch und war siegreich. Das aber könnte dazu geführt haben, dass Flüchtlinge aus der Deltaregion des Nils vor den Truppen aus dem Süden flohen – und dabei möglicherweise über Umwege auch nach Kreta gelangten. Immerhin ähnelten auch die Rundgräber der frühen Minoer stark den damals im Nahen Osten üblichen Grabbauten.

Allerdings: Andere Archäologen haben seither auch Parallelen zu anderen Kulturen der damaligen Zeit gefunden, sie sehen daher den Ursprung der Minoer eher in Syrien, Palästina, in Anatolien oder auch auf den Kykladen. Auch Versuche, die Herkunft der Minoer anhand von Erbgut aus minoischen Gräbern zu bestimmen, ergaben eher widersprüchliche Ergebnisse.

Pharao Narmer
Pharao Narmer: Vertrieb er die Vorfahren der Minoer aus Ägypten?

Spurensuche in der DNA

2013 unternahm zunächst ein Team um Jeffery Hughey vom Hartnell College in Kalifornien den Versuch, die genetischen Wurzeln der Minoer zu entschlüsseln. Dafür sammelten sie Knochenproben von fast 100 minoischen Skeletten und isolierten daraus die mitochondriale DNA. Dieser in den Kraftwerken der Zelle enthaltene Teil des Erbguts wird nur über die mütterliche Linie vererbt. Er gilt daher als besonders hilfreich bei der Bestimmung von Abstammungslinien.

Die Wissenschaftler verglichen die Minoer-Proben mit denen von 135 anderen DNA-Proben früherer und heutiger Populationen. Das Ergebnis: Die Minoer kamen definitiv nicht aus Nordafrika. Stattdessen ist ihr Erbgut dem von steinzeitlichen Bewohnern Südeuropas am ähnlichsten. Die genetischen Fakten sprechen damit gegen Evans‘ Theorie von Exil-Ägyptern, konstatieren Hughey und seine Kollegen. Eine nordafrikanische Herkunft der Minoer sei so gut wie ausgeschlossen.

Und nicht nur das: Auch ein Zustrom von Menschen aus anderen Regionen erst kurz vor dem Erblühen der minoischen Kultur wurde nicht von den DNA-Daten unterstützt. „Wir schließen aus unseren Ergebnissen, dass der wahrscheinlichste Ursprung der Minoer auf der Insel selbst liegt – bei den Menschen der Jungsteinzeit, die vor rund 9.000 Jahren als erste die Insel besiedelten“, erklären die Forscher. Diese Menschen entwickelten sich selbstständig so stark weiter, dass ihre Nachkommen ein paar tausend Jahre später die erste Hochkultur Europas schufen.

Mykener und Minoer waren verwandt

Bestätigt wurde dies 2017 durch eine erneute DNA-Studie. Mit ihr wollten Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und sein Team herausfinden, ob Minoer und Mykener die gleichen Wurzeln hatten oder Völker mit getrenntem Ursprung waren. Dafür verglichen die Forschenden DNA von Minoern, Mykenern, bronzezeitlichen Bewohnern Anatoliens und heutigen Populationen.

Die Genanalysen enthüllten: Minoer und Mykener waren tatsächlich miteinander verwandt. Beide Kulturen entwickelten sich vor Ort und gingen größtenteils auf jungsteinzeitliche Bauern zurück, die einst aus Anatolien eingewandert waren und die Landwirtschaft nach Europa brachten. Ein kleinerer Anteil ihres Erbguts stammt aus dem mittleren Osten. „Minoer, Mykener und auch moderne Griechen haben Vorfahren, die zu den früheren Bewohnern des Kaukasus, von Armenien und dem Iran gehörten“, berichtet Erstautor Iosif Lazaridis von der Harvard University. Die Menschen in der Ägäisregion – früher und heute – haben sich demnach aus den gleichen Wurzeln entwickelt.

Die rätselhafte Religion der Minoer
Doppelaxt und Stierkult

Für viele andere Hochkulturen sind Tempel und prunkvolle Weihestätten typisch – nicht so für die Minoer. Sie huldigten ihren Gottheiten offenbar lieber in der freien Natur – in Höhlen und auf Berggipfeln – oder aber an kleineren Schreinen innerhalb ihrer Paläste. Wie genau ihre Götterwelt jedoch aussah und wie ihre Rituale, dazu ist bisher trotz vieler archäologischer Fundstücke nur wenig bekannt.

minoische Doppelaxt
Eine aus Gold gefertigte minoische Doppelaxt. 

Berühmt sind aber typische Symbole und Figuren der minoischen Glaubenswelt wie die Doppelaxt, die Schlangen tragende Priesterin oder der Stier. Auf Kreta haben Archäologen unzählige Doppeläxte gefunden, darunter einige aus Gold, andere mit eingeritzten Schriftzeichen und viele übermannshoch. Sie könnten bei rituellen Opferungen eingesetzt worden sein, sind aber auch Symbol für weibliche Gottheiten. Dazu passen die Frauenfiguren mit Schlangen in ihren Händen, denn das Reptil war in vielen frühen Kulturen ein Fruchtbarkeitssymbol.

Göttinnen und zwei nicht entzifferte Schriften

Wie die ihnen nachfolgenden Griechen glaubten auch die Minoer an mehrere Gottheiten. Diese waren oft eng mit Tieren verknüpft oder wurden durch Tiere symbolisiert. So sind auf den Fresken oft Frauenfiguren zu sehen, die von Löwen, Affen, Greifen, Schlangen und Wassertieren wie Fischen und Delfinen begleitet sind. Inschriften sprechen von einer Göttin der Winde, einer Geburtsgöttin und auch der Schlangengöttin Asara. Auch Mensch-Tier-Mischwesen tauchen auf.

minoische Göttinnen
Göttinnen-Skulpturen der Minoer, rechts die bekannte Schlangengöttin.

Ausgrabungen zeigen, dass die Minoer ihren Göttern Gefäße mit Getreide und Tieropfer darbrachten, ihren Dank zeigten sie in Votivgaben zum Ausdruck, kleinen Lehmfiguren, die betende Menschen, Körperteile oder Tiere darstellten. Welche Rituale diese Opfergaben begleiteten, ist allerdings unbekannt. 

Ein Grund dafür: Es gibt so gut wie keine Beschreibungen davon. Zwar nutzten die Minoer gleich drei verschiedene Schriftsysteme, eine Hieroglyphenschrift und die beiden eher der Keilschrift ähnelnden Linearschriften A und B. Doch nur die Linearschrift B konnte inzwischen entziffert werden. Die ältere Linearschrift A und die Hieroglyphen hingegen geben noch immer Rätsel auf – es ist nicht einmal geklärt, welche Sprache sie repräsentieren. Auch die häufig in der Linearschrift A auftauchenden mathematischen Symbole und Rechnungen sind erste in Teilen verstanden. 

Vom Stiersprung-Ritual zum Minotaurus

Ebenso mythenreich wie rätselhaft ist der Stierkult der Minoer. Abbildungen auf Fresken und Vasen zeigen immer wieder junge Männer, die Stiere an den Hörner packen oder über sie hinweg springen. Gleichzeitig sind viele Schreine mit Doppelhörnern oder Stierköpfen verziert. Archäologen vermuten daher, dass die Minoer rituelle Stiersprünge veranstalteten, bei der junge Männer den Stier bei den Hörnern zu packen versuchten oder sich über seinen Rücken hinweg schwangen – eine lebensgefährliche Übung. Ob dies dabei quasi mit einkalkuliert war, sozusagen als Opfer für die Götter, ist strittig.

Minoische Elfenbeinfigur eines Stierspringers, gefunden im Palst von Knossos.

Dieser Stierkult ist wahrscheinlich auch der Ursprung des berühmten Minotaurus aus der griechischen Sagenwelt. Dieses Ungeheuer mit Menschenkörper und Stierkopf wurde der Legende nach in einem Labyrinth unter dem Palast des kretischen Königs Minos gefangen gehalten. Ihm sollen regelmäßig junge Männer und Frauen geopfert worden sein, die von anderen Ägäisreichen als Tribut nach Kreta entsandt werden mussten. Erst der griechische Held Theseus schaffte es, den Minotaurus zu töten und dem Labyrinth mit Hilfe von Minos‘ Tochter Ariadne zu entkommen.

Wie viel Wahres sich hinter der mythischen Verbrämung dieser Sage Verbirgt, ist strittig. Einige Forscher halten es aber für möglich, dass tatsächlich junge Männer als Tribut nach Kreta geschickt wurden und dass diese an den rituellen Stiersprüngen teilnehmen mussten. Belege gibt es dafür jedoch nicht.

Minoer-Siegel
Das minoische Siegel aus dem Grab des mykenischen Krieges und eine Zeichnung des Dargestellten. 

Einzigartige Kunstfertigkeit

Unstrittig ist dagegen, wie hochentwickelt die Kunst der Minoer bereits war. Das belegen Relikte ihrer Wandbilder, aber auch ein 2017 im Grab eines mykenischen Kriegers entdecktes Minoer-Siegel aus der Zeit vor rund 3.500 Jahren. Auf dem nur 3,6 Zentimeter langen, ovalen Steinsiegel ist der Kampf eines Kriegers gegen zwei Feinde erstaunlich lebensecht und detailreich eingraviert. Einige Details sind nur eine halben Millimeter groß. Die Verzierungen der Waffen, der Schmuck und die Gewänder der Kämpfer sind nur mit Lupe oder sogar Mikroskop genau zu erkennen.

„Als wir das erste Mal dieses Bild erblickten, waren wir zutiefst bewegt – es ist ein echtes Meisterwerk“, berichtet die Archäologin Shari Stocker von der University of Cincinnati. „Die Darstellung der menschlichen Körper und der Muskulatur ist so detailliert, wie es sich erst wieder 1.000 Jahre später in der klassischen Periode der griechischen Kunst findet. Das ist ein spektakulärer Fund.“ Die Minoer schufen demnach Kunstwerke, die ihrer Zeit weit voraus waren.

Eine mächtige Seemacht - mit vielen Fragezeichen
Die Flotte des Minos

Ein Faktor, dem die Minoer ihren Aufstieg und ihren Reichtum verdankten, war ihre Flotte. Die geografische Lage Kretas machte die Insel zu einem wichtigen Knotenpunkt im östlichen Mittelmeer. Für die Minoer wurden Meer und Seehandel daher zum treibenden Motor ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Erfolgsgeschichte.

Fresko mit Delfinen
Dieses Wandbild mit Delfinen aus Knossos zeugt von der engen Verbindung der Minoer zum Meer.

Vom minoischen Seewesen waren offenbar selbst die Griechen noch nachhaltig beeindruckt, wie die Aufzeichnungen des griechischen Geschichtsschreibers Thukydides zeigen: „Minos nämlich war der erste, von dem wir Kunde haben, dass er eine Flotte besaß, die das heute hellenische Meer weithin beherrschte. Auch von den Seeräubern reinigte er vermutlich das Meer nach Kräften, um seine Einkünfte zu verbessern“, heißt es in seinen Aufzeichnungen.

Nur Bilder als Zeugen

Aber wie sah die Flotte des sagenhaften Königs Minos aus? Und war sie tatsächlich so einflussreich wie es Thukydides beschreibt? Wenn Archäologen diese Frage beantworten wollen, stehen sie vor einem Problem. Denn zuverlässige Quellen über das minoische Seewesen existieren kaum. Schriftliche Aufzeichnungen, die über Schiffsarten, die Häfen oder den maritimen Handel Auskunft geben, fehlen. Zudem gibt es kaum archäologische Relikte, die über Aussehen, Größe, Konstruktion und die Nutzung dieser Schiffe informieren könnte. Zwar haben Archäologen im Jahr 2024 ein Schiffswrack aus der Zeit der Minoer vor der türkischen Küste entdeckt. Der hölzerne Rumpf dieses Schiffes blieb aber nicht erhalten, nur die Fracht, darunter zahlreiche Kupferbarren. 

Die einzigen handfesten Informationen über die minoische Seefahrt liefern spärliche Reste von Hafenanlagen auf Kreta und die unzähligen Abbildungen von Häfen, Schiffen und Wasserkreaturen in der minoischen Bilderwelt. Denn sie finden sich nahezu überall: Ob als Ritzungen in Tonschalen, Gravuren auf winzigen Siegeln, bunte Fresken und einfache Tonmodelle – die schiere Häufigkeit dieser Motive macht klar, wie eng die Minoer mit dem Meer verbunden waren.

Westhaus-Fries
Das Westhaus-Fries von Akrotiri, hier ein Ausschnitt, zeigt die Schiffe und Hafenanlagen der Minoer.

Im Konvoi unterwegs

Eines der wichtigsten Zeugnisse zum minoischen Seewesen ist dabei einer der sogenannten Westhaus-Friese. Die rund 3.500 Jahre alten Wandmalereien wurden bei Ausgrabungen in Akrotiri auf der Insel Thera entdeckt und stammen aus der Zeit, als Akrotiri eine wichtige Hafenstadt für die Minoer war. Auf einem dieser Friese ist eine Flotte von acht minoischen Schiffen zu sehen, die sich wie in einer Art Prozession von einer Stadt zu einer anderen über das Meer bewegen.

Einige Schiffe tragen Segel, andere werden offenbar gerudert. Die festlich geschmückten Personen an Bord deuten darauf hin, dass es sich um einen Besuch oder eine Prozession handeln könnte. Solche Konvois dienten damals wahrscheinlich nicht nur zeremoniellen Zwecken, sondern auch als Schutz. Denn vor allem die Frachtschiffe hatten meist nur eine relativ kleine Besatzung – viel zu wenig, um den Angriff von Piraten abzuwehren. Um die kostbare Ladung vor solchen Angriffen zu schützen, bewegten sich die Minoer daher auf ihren Handelsexpeditionen vorwiegend im Konvoi.

Eine eigene Kajüte für Schiffswächter

Doch die im Fries dargestellte Szene wirft auch Fragen auf: Wie groß waren diese Schiffe? Warum wurden sie gepaddelt? Wozu dienten die Aufbauten auf den Decks der Schiffe? Diesen Fragen sind Forschende um Thomas Guttandin von der Universität Heidelberg in einem Projekt nachgegangen. Durch Analysen der Schiffsdarstellungen und digitale Rekonstruktionen konnten sie einiges über die minoische Seefahrt herausfinden.

Minoer-Schiffe
Ein weiterer Ausschnitt aus dem Fresko der Schiffsprozession.

So ermittelten die Forschenden, dass die auf dem Westhaus-Fries dargestellten Schiffe wahrscheinlich zwischen knapp zehn und knapp 24 Meter lang waren. Die Aufbauten sind eine Kajüte, die außen mit Leder verstärkt war und Kriegern als Schutzhütte diente. In einer Darstellung ist zu erkennen, dass in ihrem Inneren eine Person mit einem Eberzahnhelm und einem griffbereit neben ihr liegenden gut fünf Meter langen Speer sitzt.

Seerouten nach Thera, Rhodos und Nordafrika

Typisch für die Schiffe auf den minoischen Darstellungen ist auch ihre Ausstattung mit Segeln sowie Paddeln oder Rudern. Nach Angaben Guttandin und seinen Kollegen war dies nötig, weil viele Buchten oder Häfen allein mit den Segeln nicht gut angesteuert werden konnten. Denn diese antiken Rahsegel ließen keine Fahrt gegen den Wind zu. Daraus und aus den vorherrschenden Windrichtungen in der Ägäis konnte das Team auch die wahrscheinlichen Hauptrouten der minoischen Handelsflotte rekonstruieren.

Demnach führte eine wichtige Seeroute der Minoer wahrscheinlich von der Nordküste Kretas zur nördlich gelegenen Insel Thera. Auch zur nordöstlich von Kreta gelegenen Insel Karpathos und von dort aus nach Rhodos und Lesbos gab es eine Verbindung mit oft günstigen Windbedingungen. Die Häfen an der Südküste Kretas dienten dagegen vermutlich vor allem der Verbindung nach Nordafrika und in die Levante. All dies stützt die Annahme, nach der das Meer der treibende Motor der wirtschaftlichen und kulturellen Erfolgsgeschichte der minoischen Kultur war.

Was war schuld am Untergang des minoischen Reiches?
Ende einer Großmacht

Nach Jahrhunderten der absoluten Dominanz beginnt die Macht der Minoer ab 1450 vor Christus plötzlich zu schwinden. Die Großmacht verliert sowohl kulturell als auch wirtschaftlich an Einfluss in der Ägäis. Auf Kreta entstehen zu dieser Zeit zwar noch immer neue Kunstwerke und auch einige Bauten. Aber an ihnen ist bereits der Einfluss einer anderen, konkurrierenden Kultur erkennbar: der Mykener.

Löwentor in Mykene
Das Reich von Mykene löste die Minoer ab, hier das berühmte Löwentor von Mykene.

Die Mykener haben ihren Machtmittelpunkt auf dem griechischen Festland und dehnen ihr Reich zu dieser Zeit immer weiter über die Inseln der Ägäis aus. Während zuvor die Minoer in diesem Gebiet dominierten, wendet sich nun das Blatt und die Mykener gewinnen die Oberhand. Dass dies auch in Form von Kriegszügen geschah, davon zeugen Spuren von Zerstörungen und Bränden aus dieser Zeit. Warum allerdings die minoische Kultur kurz darauf komplett unterging, ist bis heute ein Rätsel – und ein Gegenstand reger Debatten unter Archäologen.

Der große Ausbruch

Eine der bekanntesten möglichen Ursachen für den Niedergang der Minoer ist der Ausbruch des Santorini-Vulkans unter der ägäischen Insel Thera. Dieser ereignete sich vermutlich um 1600 vor Christus, möglicherweise aber auch erst 100 Jahre später – hier streiten sich die Forscher noch. Ausgrabungen zeigen, dass sich diese Eruption damals schon längere Zeit durch Erdbeben und aufsteigenden Rauch ankündigte. Die Menschen konnten sich und ihre Habe daher vermutlich rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Santorini
Vor 3.600 Jahren sprengte der Ausbruch des Santorini-Vulkans die Insel Thera auseinander 

Dann jedoch begann der Vulkan, Gase, Asche und Bimsstein auszustoßen. Die Aschewolken zogen schnell auch bis nach Kreta und Troja und erreichten sogar Teile des Nahen Ostens. Meerwasser drang in den Schlot ein und die Energie entlud sich in einer gewaltigen Explosion. Die Folgen der Eruption waren verheerend: Thera wurde förmlich zerfetzt, von ihr blieb nur die sichelförmige Insel zurück, die heute den Namen Santorin trägt. Die Hafenstadt Akrotiri wurde unter Asche begraben. Tsunamis könnten zudem die minoischen Küstenstädte im Norden Kretas weitgehend zerstört oder zeitweilig überschwemmt haben.

Einige Zeit vermutete man, dass dieser Vulkanausbruch auch das Minoerreich mit in den Untergang riss. Doch archäologische Funde sprechen dagegen. Denn die Zerstörungen waren dafür nicht weitreichend genug und es gibt auch Gebäude, die erst nach der Eruption errichtet wurden.

Löcher im Handelsnetz

Eine andere Erklärung wäre ein schleichender Niedergang: Die Zerstörung wichtiger Städte an der Nordküste Kretas und vor allem der Verlust des Handelshafens Akrotiri könnte das Minoerreich so stark geschwächt haben, dass es den aufstrebenden Mykenern nicht mehr viel entgegensetzen konnte. Dies bestätigte im Jahr 2011 auch eine Studie britischer Forscher. Sie haben anhand eines mathematischen Netzwerkmodells rekonstruiert, welche Folgen der Ausfall von Akrotiri für die Minoer gehabt haben könnte.

Akrotiri
Die Stadt Akrotiri, dargestellt auf dem minoischen Westhaus-Fries. Sie war ein wichtiger Hafen und Handelsstützpunkt der Minoer. 

„Es ist wahrscheinlich, dass das Entfernen eines wichtigen Knotenpunkts aus dem Netzwerk der minoischen Seerouten die Kosten für den Handel erheblich in die Höhen getrieben haben könnten“, erklärt Tim Evans vom Imperial College in London. Und tatsächlich zeigte sich, dass der Ausfall von Akrotiri wahrscheinlich nicht zu einem sofortigen Kollaps führte. Durch erhöhten Aufwand – mehr Schiffe, mehr Besatzung und längere Zeiten auf See – konnten die Minoer ihren Seehandel vermutlich zunächst notdürftig aufrechterhalten.

Aber auf Dauer machten die hohen Kosten und die verringerten Verknüpfungen das Handelsnetz instabil und löchrig. Die minoische Wirtschaft wurde dadurch allmählich geschwächt. Das wiederum könnte innere Unruhen und gesellschaftliche Umbrüche ausgelöst und auch die Abwehrkraft des Reiches geschwächt haben. Beides hätte dann den Mykenern die Chance eröffnet, Kreta zu erobern.

Ob sich das allerdings damals tatsächlich so abspielte, ist nach wie vor unklar. Was letztlich der ersten Hochkultur Europas den Todesstoß verpasste, bleibt daher bis heute ein Rätsel.

Dienstag, 7. Juli 2026

"Hochbegabt".

 O. Redon, Pegasus              zu Levana..., zu öffentliche Angelegenheiten

Gott, was für ein Kuddelmuddel. Vielleicht hätte die Forscherin klarer geantwortet, wenn man sie anders befragt hätte. Aber spektrum.de hat diesen Text veröffentlicht, und ich will versuchen, was daraus zu machen.

Auf den ersten Blick bleibt nur das Fazit: Was man schon über die Intelligenz nicht sagen konnte, kann man über andere Begabungen auch nicht sagen, ach. 

Doch dann fällt mir ein: Das Problem ist ja, dass man etwas messen will, das selber gar nicht quantifiziert in Erscheinung tritt. Unter 'Begabung' stellt man sich eine Fä-higkeit vor, die irgendwo 'da' ist, die man aber nicht sehen kann und nur annimmt, um eine bestimmte... Leistung zu erklären.

Die Frage käme aber nicht auf, wenn es sich um gleiche Leistungen handelte; ge-messen soll nur werden, was sich unterscheidet - und wozu? Um die Unterschiede zu ergründen und womöglich überwindbar zu machen. Die Leistung selbst ist gar nicht gemeint, sondern etwas, das man als ihre Ursache annimmt. 

Gemessen werden kann freilich doch nur die Leistung. Kein Organismus erbringt aber jederzeit Höchstleistungen, das wäre sehr dumm von ihm. Man müsste daher sicherstellen, dass während des Tests der Organismus sein Bestes gibt - und das müsste sich irgendwie erfassen lassen. 

Und so weiter: Es wird methodisch schwierig genug, von der Leistung aus an die pp. Begabung heranzukommen. Doch die Probleme türmen sich schon beim Messen der Leistung! Paradigma ist immer "die Intelligenz". Welche spezifische Leistung, die man messen könnte, ist das? Tja, eine spezifische ist es gerade nicht. Erfunden wurde die Intelligenzmessung zum Zweck des schulischen Unterrichts (Sonderschulen), und das war einfach, weil man von den gegebenen Curricula und dem überkommenen Benotungssystem ausging. Aber das war von anderhalb Jahr-hunderten. Seither ist die empirische Wissenschaft viel weiter, und der Begriff der Intelligenz wird mit jedem neuen Ergebis eher strittiger als klarer.

Denn wie einfach es auch war, Intelligenz anhand der Lehrpläne zu messen, war ihr Begriff doch nicht in der Schule entstanden, sondern "im wirklichen Leben", lange bevor es reguläre Schulen überhaupt gab. Aber nicht die Griechen, deren Ideal die zweckfreie Betrachtung war - theoría -, haben ihn erfunden, sondern die höchst praktisch gesonnenen Römer. Mit Leistung hatte er wohl zu tun, doch die ließ sich auch durch Schläue und Skrupellosigkeit erbringen. Selbst den Römern ging es schon noch um das Verstehen selbst, und der Philosoph hatte immerhin noch einen besseren Stand als heut bei uns.

Heute werden zur Intelligenz alle Fertigkeiten gezählt, die erforderlich sind, um sich im zivilisierten Leben zu behaupten und - oh, das doch: - Erfolg zu haben, und ent-sprechende Übungen finden sich in allen üblichen Tests. 

So geht zum Beispiel die Schnelligkeit der Auffassung in den IQ ein. Beim Besu-chen dieser Seite werden Sie bemerkt haben, dass ich mit Vorliebe philosophische Themen behandle: Nun muss sich, wer sich aufs Philosophieren einlässt, damit abfinden, dass manche Erkenntnis Jahre braucht, um zu reifen. Schlagfertigkeit in der Disputation ist nützlich für das akademische Tagesgeschäft, doch zu Nachruhm bringt mans nur mit tieferer Einsicht (und auch dann nicht immer).

Doch im täglichen Leben gilt Aufgewecktheit sehr wohl als ein Hauptstück der In-telligenz - während man bei Kindern darin überdies eine liebenswerte Charakter-eigenschaft erkennt. Überhaupt nimmt mans im Alltag weniger genau als die Tester, und wenn ich sage, mein Nachbar zur Rechten sei intelligent und mein Nachbar zur Linken nicht, dann versteht jeder, was ich meine; jeder, der mich kennt, genauer gesagt, aber er muss mein Urteil nicht billigen; und einem, der mich nicht kennt, würde ich eine solche Mitteilung ja nicht machen. Sie mögen uns erzählen, was sie wollen: Die die Tests entwerfen, schielen mit einem Auge natürlich auf das, was der gesunde Menschenverstand an ihrem Ort zu ihrer Zeit unter Intelligenz so versteht; wer könnte mit ihrem IQ denn sonst was anfangen?  

Und sie ziehen sich aus der Affäre mit der Erläuterung, Intelligenz bestehe aus einem ganzen Bündel ganz unterschiedlicher Fähigkeiten, von denen jede wiederum von einem ganzen Bündel verschiedenster genetischer Anlagen bedingt ist, so dass man von einer Begabung gar nicht reden könne.
 Kommentar zu einem Interview: "Hochbegabt". JE., 16. 10. 20    

Nun geht es bei der Hochbegabung um eine praktische Frage: ob man sie nämlich im Schulunterricht besonders berücksichtigen soll, und wenn ja, wie.

Im Schulunterrich geben sich hochgegabte Kinder zu allerst zu erkennen, indem sie sich sterblich langweilen und den Unterricht stören. So wie auch viele schlechte Schüler, mit denen man sie zunächst oft verwechselt. 

Der Vorschlag, man solle sie von den Andern getrennt unterrichten, bekommt so einen unangenehmen Beigeschmack. Doch auch die schlechteren Schüler lang-weilen sich ja, sonst würden sie besser mitmachen. Das Problem liegt also bei der Schule selbst und ihrem Prinzip, die Klassen nach Jahrgängen zu unterscheiden. 

Denn würde man sie nach der Leistung unterscheiden, würde sich - außer der adäquaten Messung - als Problem ergeben, dass einmal ermittelte Rückstände in Sonderklassen eher festgeschrieben werden, als überwunden. Es sei denn, man macht alles jederzeit durchlässig, was dann aber die Untergliederung der Schüler in Klassen ad absurdum führte: Eine Zugehörigkeit und gegenseitige Anregung käme gar nicht zustande.  

Und auf einmal fällt einem ein, dass das Problem einer sogenannten Hochbega-bung überhaupt erst durch die Schulpflicht entstand.

 

 

Und dass es eine Schulpflicht nicht immer gab. Zur zwingendem Notwendigkeit wurde sie erst in der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft - nämlich durch die große Industrie, die auf eine breite Masse von standardisiert vorgebildeten Ar-beitskräften angewiesen ist, die je nach Bedarf unterschiedslos eingestellt und entlassen werden können, wie es grad passt. 

Das ist nicht alles Kluge und Zutreffende, das über die Schule gesagt werden kann, aber die Voraussetzung von allem andern. Sobald es fortfällt, gerät der ganze Rest in Zweifel und muss neu verhandelt werden.

Bei den Verhandlungen über schulische Angelegenheiten geben seit Schleiermacher diejenigen den Ton an, die in der Schule ihr Aus- und Einkommen finden, denn die andern Interessierten sind nicht öffentlich repräsentiert - die Schüler sowieso nicht, und die Eltern nur als Wähler, aber auch nur für ein paar Jahre. Doch die Frage, ob Schule oder nicht, betrifft die ganze Gesellschaft und nicht nur die unmittelbar Be-teiligten. Und es ist ein Frage nicht bloß an die Pädagogik, sondern die Frage, wer in der Gesellschaft den Ton angeben soll, wenn die Großindustrie es nicht länger ist noch sein soll.  

Mit andern Worten - das Thema Hochbegabung wirft, wenn man es ernstnimmt, die Frage nach unserm Weltbild auf.
JE

Make America Zum Popanz.






Vor der Erfindung der Kindheit.

W. Busch aus derStandard.at, 11. 7. 2026                                                       zu   Levana, oder Erziehlehre ;   zu   öffen...