Montag, 11. Mai 2026

Kleinkinder denken überraschend komplex.

  

aus derStandard.at, 25. April 2026                                        zu Jochen Ebmeiers Realienzu Levana, oder Erziehlehre 

Kleinkinder denken überraschend komplex
Viele Annahmen, wie selbst schon Babys mit ihrer Umwelt agieren und davon lernen, sind mittlerweile überholt. Kleinkinder sind weder ein unbeschriebenes Blatt, noch wie ein Schwamm
 

Viele Annahmen zum frühkindlichen Lernen und Denken sind überholt. Komplexes Verstehen etwa beginnt nicht erst mit dem Sprechen. Studien zeigen: Schon im ersten Lebensjahr erfassen Kinder Zusammenhänge, prüfen Informationen und bilden Erwartungen an ihre Umwelt. Bereits im Alter von zwei Monaten erkennen Babys Objekte und sortieren diese im Gehirn in Kategorien. Lernen ist dabei kein linearer Prozess, sondern entsteht aus einem Zusammenspiel von externen Wahrnehmungen und sozialer Interaktion.

Agnes-Melinda Kovács ist Entwicklungspsychologin und Direktorin des Cognitive Development Centers an der Central European University. Sie interessiert sich vor allem für die Grundlagen des abstrakten Denkens sowie die Mechanismen des frühkindlichen Lernens. Im Zuge ihrer Forschung arbeitet sie daher hauptsächlich mit Kleinkindern im Alter von 12 bis 18 Monaten. Denn die Psychologin ist überzeugt: Durch das Beobachten von Kindern können wir viel über die menschliche Natur im Allgemeinen lernen.

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, wie stark sich das Verständnis kindlichen Lernens verändert hat. Lange Zeit beschäftigte sich die Entwicklungsforschung primär damit, wie Kleinkinder die physikalischen Eigenschaften ihrer Umgebung erkunden. Erst später verlagerte sich das Interesse auf das Lernen selbst, etwa den Einfluss von sprachlichem Input. Dabei sind Forschende zunächst davon ausgegangen, dass Kleinkinder nur sehr wenig wissen. Sie prägten die Vorstellung eines Babys als unbeschriebenes Blatt.

Weder Blatt noch Schwamm

Etwas später wurden Kleinkinder gerne mit einem Schwamm verglichen, der jegliches Wissen unkontrolliert aufsaugt. Doch auch diese Vorstellung ist inzwischen überholt, erklärt Kovács. "Heute wissen wir, dass Kinder Informationen nicht nur passiv wie ein Schwamm aufsaugen, sondern aktiv lernen." Zeigt ein Kind beispielsweise auf ein bestimmtes Objekt, interpretieren das Entwicklungspsychologinnen und -psychologen heutzutage als aktives Abfragen einer Information.

Doch erst in den vergangenen zehn Jahren haben Forschende damit begonnen, sich verstärkt mit höheren kognitiven Prozessen zu befassen – etwa mit der Frage, ob Kleinkinder die Absichten, Ziele und mentalen Zustände anderer Menschen nachvollziehen können. In ihrer neuesten Publikation untersucht Kovács deshalb, wie früh Kinder erwarten, dass Handlungen, Überzeugungen und Kommunikation anderer Menschen konsequent sind.

Kleinkind dekoriert ein Fenster mit roten, herzförmigen Stickern für den Valentinstag. Die Szene wird durch das Glas aufgenommen und wirkt stimmungsvoll beleuchtet.
Komplexes Denken ist nicht mit dem Auftreten der Sprache verbunden, sondern beginnt viel früher.

"Uns hat interessiert, wie Kinder mit widersprüchlichen Informationen umgehen. Denn das ist gerade in der heutigen Zeit – in der es so viele Falschinformationen wie noch nie gibt – besonders relevant." Im Rahmen der Studie wurden den Kindern zwei Boxen vorgelegt. In einer der Boxen versteckte sich ein Objekt. Die Versuchsleitung zeigte im Laufe des Experiments zunächst fälschlicherweise auf die erste Box und behauptete, das Objekt befinde sich hier drin. Später korrigierte sich die Person selbst und zeigte schließlich auf die zweite Box. Im Anschluss wurden die Kinder nach dem versteckten Objekt gefragt.

Das Ergebnis: Die meisten Kinder richteten sich nach dem letzten Hinweis und vermuteten das Objekt in der zweiten Box. Danach wurde das Experiment wiederholt. Diesmal gab es jedoch zwei Personen, die beide auf die jeweils andere Box zeigten. Kovács erklärt: "Die Kinder wussten nicht mehr, wem sie vertrauen sollten. Damit wollten wir testen, ob sie erkennen können, dass die Kommunikations- und Informationsstruktur tatsächlich konsistent sein muss."

Konsistentes Handeln

Am Ende wurde deutlich, dass bereits Säuglinge davon ausgehen, dass eine einzelne Person konsistent handelt und kommuniziert – und widersprüchliches Verhalten eher auf mehrere Personen zurückzuführen ist. In Zukunft möchte Kovács noch weiter gehen und auf Basis dieser Erkenntnis untersuchen, welche Faktoren und Mechanismen das Verhalten und Handeln der Kinder beeinflussen: "Wir wollen herausfinden, welche Faktoren dazu führen, dass wir in manchen Situationen weniger rational denken und dadurch anfälliger für Falschinformationen sind, und ob diese Faktoren bereits in der frühen Kindheit eine Rolle spielen."

Fest steht: Kinder können auf ganz unterschiedliche Art und Weise lernen. Neben dem Beobachten ist dabei vor allem das aktive Erkunden wichtig. Speziell Kleinkinder nehmen Gegenstände primär mit den Händen wahr – "oder sie stecken sie in den Mund, was ebenfalls eine Form des Erkundens darstellt", sagt Kovács. Ein mindestens genauso relevanter Aspekt sei jedoch das soziale Lernen. Denn dabei lernt ein Baby wichtige Dinge von unwichtigen zu entscheiden. "Es handelt sich da um ganz banale Sachen. Zum Beispiel, dass es sich das Muster des Teppichs nicht merken muss, aber die Gesichter seiner Geschwister schon."

Auch als Erwachsene erleben wir noch soziales Lernen – etwa beim Entdecken fremder Kulturen: Immerhin orientieren wir uns auf Reisen meist am Verhalten von anderen Menschen. "Bei Säuglingen funktioniert das eben genauso," sagt Kovács. Hinzu kommt: Nicht jedes Kind ist gleich. "Wir lernen unterschiedlich, wir interessieren uns für unterschiedliche Dinge. Wir haben unterschiedliche Beweggründe, Dinge zu lernen. Das gilt auch für Babys." Eltern können das Lernen aber durch gewisse Verhaltensweisen unterstützen. Kovács empfiehlt: "Babys lernen besser, wenn man sie beim Namen nennt oder Augenkontakt herstellt." Außerdem gilt: Qualität vor Quantität. Entscheidend in der kindlichen Entwicklung ist nicht die Menge an Förderung, sondern vor allem die Qualität von Beziehungen. Denn feinfühlige Interaktionen – etwa durch die Eltern oder andere Bezugspersonen – prägen Kleinkinder wesentlich stärker als jedes noch so ausgefuchste Lern-Programm. 

 

Sonntag, 10. Mai 2026

Sind junge Forscher revolutionär und alte konservativ?

Porträtaufnahme des jungen Albert Einstein in einem dreiteiligen karierten Anzug.
aus derStandard.at, 9. 5. 2026                                Albert Einstein in seinem Wunderjahr 1905 oder unmittelbar davor. Damals war der Begründer der Relativitätstheorie erst 25 Jahre alt.                          
zu öffentliche Angelegenheiten zu Philosophierungen

In welchem Alter Forschende besonders innovativ und revolutionär sind
Die Analyse der Daten von 12,5 Millionen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern wartet mit einigen überraschenden Ergebnissen auf, die forschungspolitische Brisanz besitzen
 
Albert Einstein war gerade einmal 25, als sein bestes Jahr begann: In seinem annus mirabilis 1905 ereignete sich geradezu "eine Explosion von Genie", wie es sein Physikerkollege Carl Friedrich von Weizsäcker formulierte: "Vier Publikationen über verschiedene Themen, deren jede, wie man heute sagt, nobelpreiswürdig ist: die spezielle Relativitätstheorie, die Lichtquantenhypothese, die Bestätigung des molekularen Aufbaus der Materie durch die 'Brownsche Bewegung', die quantentheoretische Erklärung der spezifischen Wärme fester Körper."

Der junge Einstein entspricht paradigmatisch der romantischen Vorstellung des jungen, kühnen Genies in der Wissenschaft, der mit frischen Ideen ganze Disziplinen umkrempelt, während ältere Kolleginnen und Kollegen eher konservative Bewahrer bestehender Paradigmen sind. Für die wissenschaftlichen Revolutionen und für die disruptiven Erkenntnisse seien hingegen einzig die Jungen zuständig. Wie etwa auch der kürzlich verstorbene James Watson, der noch keine 25 Jahre alt war, als er mit dem deutlich älteren Francis Crick 1953 die Struktur der DNA entschlüsselte.

Daten von 12,5 Millionen Forschenden

Doch eine neue Studie im Fachjournal Science, die bereits seit 2022 als Preprint auf Arxiv vorliegt, zeigt nun: Ganz so einfach ist es nicht. Und auch das Alter hat seine Meriten. Erfahrung macht Wissenschafterinnen und Wissenschafter durchaus innovativ – allerdings auf andere Weise, als lange angenommen wurde. Es steigt ihre Fähigkeit, neue Verbindungen zwischen bislang getrennten Ideenfeldern herzustellen. Ältere Forschende werden besser darin, Wissen zu kombinieren und bestehende Ansätze weiterzuentwickeln. Gleichzeitig sinkt jedoch ihre Neigung zu radikal disruptiven Ideen, die etablierte Paradigmen grundsätzlich infrage stellen.

Der Wissenschaftsforscher Haochuan Cui (Nanjing Normal University, Santa Fe Institute) wertete mit einem Team Daten von mehr als 12,5 Millionen Forschenden aus, die zwischen 1960 und 2020 publiziert haben. Das Ergebnis zeichnet ein differenziertes Bild wissenschaftlicher Kreativität über den Verlauf einer Karriere hinweg. Innovation, so legen die Daten nahe, hat mindestens zwei Gesichter: das disruptive und das synthetisierende. Während jüngere Forschende häufiger völlig neue Perspektiven eröffnen, gelingt es erfahreneren Forschenden besser, vorhandenes Wissen produktiv zu verknüpfen.

Grafik mit sieben Kurven und sieben Fächern, die angeben, wie stark mit dem wissenschaftlichen Alter das Publizieren revolutionären Artikel zurückgeht.
Wahrscheinlichkeit nach wissenschaftlichem Alter (von 0 bis 40 Jahren ab der ersten Publikation) und Fach, eine Arbeit zu verfassen, die zu den obersten zehn Prozent der disruptiven Artikel zählt. In allen Fächern geht diese Wahrscheinlichkeit mit dem Alter zurück.

Diese Unterscheidung ist sehr viel mehr als wissenschaftssoziologische Haarspalterei. Sie berührt zentrale Fragen der Wissenschaftspolitik – von Förderprogrammen über Tenure-Systeme bis hin zu Pensionsregelungen. Denn die Struktur wissenschaftlicher Karrieren hat sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert. Ausbildungszeiten werden länger, prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, gleichzeitig bleiben etablierte Top-Forschende immer länger aktiv und einflussreich. Besonders in den USA hat die Abschaffung verpflichtender Pensionsgrenzen im Jahr 1994 dazu beigetragen, dass ältere Forschende heute einen größeren Anteil an Ressourcen, Fördergeldern und institutioneller Macht kontrollieren.

Weniger revolutionär

Cui und sein Team argumentieren nun, dass diese Entwicklung auch die Art wissenschaftlicher Erkenntnis verändert. Wo ältere Forschende dominieren, wird tendenziell mehr auf bestehendem Wissen aufgebaut. Das fördert Kontinuität und Stabilität, könnte aber radikale Neuerungen bremsen. Die Wissenschaft wird dadurch nicht weniger kreativ – aber möglicherweise weniger revolutionär. Das deckt sich auch mit dem Befund einer Nature-Studie aus dem Jahr 2023, dass es tendenziell immer weniger revolutionäre Arbeiten in der Forschung gäbe.

Die Autorinnen und Autoren sprechen damit ein Problem an, das viele junge Forschende aus eigener Erfahrung kennen: Wer Fördergelder beantragt, muss meist umfangreiche Publikationslisten, institutionelle Reputation und Netzwerke vorweisen. Gerade riskante Projekte haben es schwer, wenn Gutachterinnen und Gutachter auf Sicherheit und Anschlussfähigkeit achten. Das System bevorzugt häufig jene, die bereits erfolgreich sind – und das sind meist ältere Wissenschafterinnen und Wissenschafter.

Ältere forschen anders

Gleichzeitig wäre es falsch, daraus eine simple Generationenkritik abzuleiten. Denn die Daten zeigen ebenso klar, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht allein von disruptiven Durchbrüchen lebt. Viele der wichtigsten Innovationen entstehen gerade dadurch, dass bestehende Erkenntnisse neu kombiniert werden. Erfahrene Forschende verfügen oft über einen breiteren Überblick, kennen unterschiedliche Disziplinen und können Ideen miteinander verbinden, die jüngeren Kolleginnen und Kollegen verborgen bleiben.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Jüngere oder Ältere "besser" forschen. Vielmehr geht es darum, wie Wissenschaftssysteme ein Gleichgewicht zwischen Erneuerung und Kontinuität schaffen können. Cui und sein Team plädieren deshalb für institutionelle Strukturen, die beide Formen von Innovation gezielt fördern. Frühkarriere-Forschende sollten mehr Möglichkeiten erhalten, eigenständig Projekte zu leiten und riskante Ideen zu verfolgen. Gleichzeitig müsse die Expertise erfahrener Wissenschafter stärker als Ressource für Synthese und Integration verstanden werden.

Grafik, die den Zusammenhang von wissenschaftlichem Alter und disruptiven Publikationen je nach Land zeigt.
Prozentanteil der Artikel mit einem positiven disruptiven Indexwert und dem durchschnittlichen wissenschaftlichen Alter der beteiligten Forschenden in einer Länderwertung. In China sind die Forschenden besonders jung, aber ihre Publikationen für das Alter vergleichsweise wenig disruptiv. In Japan sind die Forschenden besonders alt.

Brisant werden die Ergebnisse auch im geopolitischen Kontext. Die Autoren weisen darauf hin, dass Länder mit vergleichsweise jungen Wissenschaftssystemen – etwa China oder Indien – häufiger besonders disruptive Forschung hervorbringen. Ältere Forschungssysteme wie jene der USA oder Großbritanniens seien hingegen besonders stark darin, bestehendes Wissen auszubauen und zu integrieren. Wissenschaftliche Innovationskraft hängt demnach nicht nur von Geld oder Infrastruktur ab, sondern auch von der Altersstruktur eines Forschungssystems.

Fragen für Europas Forschung

Für Europa – und Österreich – ergibt sich daraus eine unbequeme Frage: Fördert das bestehende Wissenschaftssystem tatsächlich die kreativsten Ideen – oder vor allem jene, die sich gut in bestehende Strukturen einfügen? Gerade Universitäten und Förderagenturen setzen häufig auf Risikoaversion. Junge Forschende verbringen oft Jahre in befristeten Positionen, bevor sie überhaupt die Chance erhalten, eigenständig zu arbeiten. Wer jedoch erst mit vierzig oder fünfzig institutionelle Sicherheit erreicht, hat womöglich längst gelernt, welche Ideen förderbar sind – und welche besser unausgesprochen bleiben.

Dieses Problem hat in Österreich eine besonders lange Tradition. Im Jahr 1965, als die Universität Wien 600 Jahre alt wurde, schrieb der 1936 aus Wien ausgewanderte Biochemiker Max Perutz: "Talentierte junge österreichische Wissenschaftler trifft man oft in Amerika. Sie verlassen ihre Heimat, weil sich dort zu wenig Gelegenheit für unabhängige Forschung bietet. Der wichtigste Schritt scheint mir daher eine Modernisierung des Universitätssystems, um jungen Forschern größere Unabhängigkeit zu sichern."

Der Chemie-Nobelpreisträger des Jahres 1962 musste wissen, worauf es bei innovativer Top-Forschung ankommt: Das von ihm 1947 gegründete Laboratory of Molecular Biology (LMB) des Medical Research Council – Perutz war damals übrigens 32 – sorgte in der Nachkriegszeit für die meisten Durchbrüche in der frühen Molekularbiologie und brachte nicht weniger als 15 Nobelpreisträger hervor. 

 

Samstag, 9. Mai 2026

Langsam drängts.

                                   zu öffentliche Angelegenheiten

Vor gut einem Jahr habe ich noch geschrieben, er habe sich besser geschlagen, als zu befürchten war. Richtig falsch hätte er bis damals nicht gemacht. Heute muss ich nachtragen: Richtig richtig aber auch nicht. Dass er sich, neu im Amt, als Außen-kanzler ins Zeug gelegt hat, war nicht falsch. Für Europas Stellung in der Welt und Deutschlands Rolle in Europa war's schon richtig. Aber zum amerikanisch-israeli-schen Krieg gegen Persien fällt ihm nichts ein. Der russische Krieg gegen die Ukra-ine ist weltpolitisch vorrangig, das stimmt. Doch akut ist Persien zu brenzlig, um einfach zur Seite zu treten. Hat er wenigstens versucht, einen europäischen Stand-punkt zu formulieren?

Für sein eigentliches Geschäft, von dem Deutschlands Rolle in der Welt schließlich abhängt, hat er dagegen noch gar nichts erreicht oder auch nur versucht: eine ent-schiedene Mitte zu formieren, die mit den antiquierten Ideologien und antiquari-schen Perteiapparaten der Nachkriegszeit aufräumt, indem sie die deutsche Politik um eine neue Achse gruppiert.

Er sagt, eine Minderheitsregierung will er nicht. Aber vielleicht ist es der einzige Weg, die längst zerbröckelten Mäuerchen zu überwinden. Zuerst dachte ich, das müsse er behutsam angehen. Aber inzwischen glaube ich, er hat - wie vor ihm Angela Merkel - diese Aufgabe noch gar nicht erkannt. 

 

 

 

Paradox des Überflusses: die 2 Gesichter der neolithischen Revolution.

Archäologische Ausgrabung: Skeletteile eines neolithischen Menschen, gefunden in Asparn an der Zaya, Niederösterreich. Neben den Knochen liegt eine Maßstabsleiste und eine Beschriftungstafel mit Fundinformationen.             zu öffentliche Angelegenheiten
aus derStandard.at, 9. Mai 2026                         Gebeine eines neolithischen Bauern, gefunden auf dem Gebiet der Gemeinde Asparn an der Zaya in Niederösterreich. Mit dem Übergang zur Landwirtschaft stiegen die Bevölkerungszahlen in Europa, während Statur und Gewicht der Menschen sanken. 

Warum Landwirtschaft die ersten Bauern Europas plötzlich schrumpfen ließ
Eine groß angelegte Studie verknüpft den Bevölkerungsboom vor 8500 Jahren mit einem Rückgang von Körpergröße und Gewicht – ein evolutionsbiologischer Zielkonflikt

Vor etwa 9000 Jahren brachen Bauerngruppen aus Anatolien in Richtung Westen auf. Im Gepäck hatten sie Getreide, allerlei Nutztiere und ein neues Verständnis davon, wie ein Leben zu organisieren sei und was täglich auf den Tisch kommt. Im Verlauf vieler Jahrhunderte folgten sie zwei Hauptrouten: Eine führte über die Ägäis und den Balkan ins Donaubecken bis nach Mitteleuropa, die andere entlang der Mittelmeerküste nach Süditalien, Südfrankreich und auf die Iberische Halbinsel.  

Was sie mitbrachten, hatte seinen Ursprung im Fruchtbaren Halbmond, dem Streifen zwischen heutiger Levante, Nordsyrien und Südostanatolien. Emmer und Einkorn, Gerste, Linsen und Erbsen ließen sich säen und ernten; Schafe und Ziegen lieferten Milch, Wolle und Fleisch. Die ansässigen Jäger und Sammler, auf die sie in Europa trafen, verschwanden nicht über Nacht. Genetische Daten zeigen, dass beide Gruppen jahrhundertelang nebeneinander lebten, sich allmählich vermischten und gemeinsam die damaligen Bevölkerungen prägten.

Spuren der neuen Lebensart

Lange galt diese Umstellung als die Erfolgsgeschichte schlechthin. Sesshaftigkeit und Vorräte gewährleisteten eine geregelte, ausreichende Ernährung und ermöglichten Dörfer und steinerne Monumente. Die Knochen der frühen Bauern scheinen jedoch eine etwas andere Geschichte zu erzählen: Sie waren im Schnitt kleiner und schmaler gebaut als die Jäger und Sammler vor ihnen. Karies und Mangelerscheinungen häuften sich. Offensichtlich hinterließ der "Fortschritt" am Skelett deutliche Spuren.

Forschende um Eóin Parkinson vom University College Cork in Irland haben sich nun angesehen, was hinter diesem scheinbaren Widerspruch steckt. Das Team hat dafür einen umfangreichen Datensatz zusammengeführt. Es sammelte rund 3000 Skelettmessungen, 30.937 Isotopenwerte zur Ernährung und 60.197 Radiokarbondatierungen, die einen Zeitraum von 15.000 Jahren abdecken. Letztere dienen als Näherungswert für die Bevölkerungsgröße. Je mehr datierte Funde aus einer Epoche stammen, desto mehr Menschen lebten dort vermutlich.

Wachstum vs. Fortpflanzung

Dabei zeigte sich: Vor etwa 8500 Jahren stieg die Zahl der Funde sprunghaft an, während die aus den Knochen rekonstruierte Körpergröße und das Körpergewicht zurückgingen. Mit anderen Worten: Man findet mehr Menschen mit kleineren Körpern. Ähnliche Befunde gab es bereits zuvor. Frühere Auswertungen schätzten, dass neolithische Europäerinnen und Europäer im Schnitt rund 3,8 Zentimeter kleiner waren als die Jäger und Sammler vor ihnen. Neu dagegen ist die Verbindung der steigenden Bevölkerung bei schrumpfender Körpergröße.

Parkinson und seine Kolleginnen und Kollegen interpretieren diese Gleichzeitigkeit im Fachjournal Pnas als sogenannten Life-History-Trade-off, einen Zielkonflikt zwischen Wachstum und Fortpflanzung, wie ihn die Evolutionsbiologie auch bei vielen anderen Arten beobachtet. Verfügbare Energie kann in den eigenen Körper fließen oder in Nachkommen, beides zugleich geht nur begrenzt.

Mehr Kinder, kleinere Körper

"Ein Bevölkerungsboom unter den frühen Bauern ab etwa 8500 Jahren vor heute fiel mit einer Abnahme der Körpergröße zusammen, was im Einklang mit einer Lebenslaufstrategie steht, die Fortpflanzung gegenüber dem Skelettwachstum bevorzugte", sagt Parkinson. Die zusätzlichen Kalorien aus dem Ackerbau, so die Interpretation, gingen weniger in lange Knochen als in mehr Kinder pro Familie.

Damit ist nicht gesagt, dass die frühen Bauern hungerten, eher das Gegenteil war der Fall. Eine kalorisch verlässlichere, aber einseitigere Kost könnte genau jene Voraussetzungen geschaffen haben, unter denen sich Geburtenraten erhöhen und das individuelle Wachstum zugleich nachlässt. Die Studie versteht den Trade-off als plausibles Modell, allerdings nicht als zwingenden Beweis.

Luftaufnahme der Carnac-Steine, einer Ansammlung von neolithischen stehenden Steinen in Carnac, Westfrankreich. Die Steine sind in Reihen auf einem gras- und erdigen Gelände angeordnet, umgeben von Wegen und Vegetation.
Die berühmten Steinreihen von Carnac in der Bretagne zählen zu den ältesten Megalithanlagen der westeuropäischen Jungsteinzeit. Sie sind das Werk der unmittelbaren Nachkommen jener ersten Bauern aus dem Osten, die vor rund 8000 Jahren Europa besiedelten.
Regionale Unterschiede

Auffällig sind die regionalen Unterschiede. Entlang der Mittelmeerroute ließen sich Menschen schon vor 9000 bis 8000 Jahren auf einen Speiseplan aus Weizen, Gerste, Früchten und Meeresressourcen ein. In Mitteleuropa dauerte es länger, bis Getreideanbau im großen Stil etabliert war. Dort spielten Milchprodukte und robustere Sorten eine größere Rolle.

Beide Wege führten zu Bevölkerungswachstum, doch der Rückgang von Statur und Gewicht fiel im Süden klarer aus als im Norden. Eine mögliche Erklärung sieht das Team in der Ernährung: Mehr tierisches Eiweiß und Milch im Norden könnten manche körperlichen Folgen abgefangen haben, während die stark getreidelastige Kost im Süden den Effekt verstärkte.

Neolithisches Tauschgeschäft

Die Befunde zeigten sich freilich nicht überall in derselben Weise. Weder waren alle frühen Bauern gleich, noch verlief der Übergang in allen Regionen im selben Tempo. Sicher ist, dass die Landwirtschaft Europa im Schnitt demografisch in eine andere Liga hob und gleichzeitig den einzelnen Körper messbar veränderte. "Der Übergang zur Landwirtschaft hatte keine einseitigen biologischen Auswirkungen, sondern manifestierte sich in einem komplexen Gefüge von Zielkonflikten", erklärt Parkinson.

Die neolithische Revolution verlief damit weniger als gerade Linie nach oben, sondern entpuppte sich als Tauschgeschäft. Mehr Menschen und dichtere Siedlungen, die einem neuen Rhythmus aus Saat und Ernte folgten, stehen kleineren Körpern, mehr Karies und anderen Zivilisationskrankheiten gegenüber. 

 

Freitag, 8. Mai 2026

Frauen leben länger; aber wie und wozu?

Giorgione, Alte Vettel 
aus FAZ.NET, 29. 4. 2026                                                                            zu Männlich

Der Unterschied der Geschlechter beim Thema Gesundheit reicht tief in den Fettstoffwechsel. Das hat Folgen: Frauen leben im Schnitt neun Jahre mit Er-krankungen oder Behinderung, bei Männern sind es nur zwei Jahre.

 

Nota. - Vielleicht ist es protestantisch gemeint, oder gar buddhistisch: Leben heißt leiden -?  Oder ist, dass Männer früher sterben, womöglich eine Gnade?
JE 

 

 

Donnerstag, 7. Mai 2026

Der Mensch ist, was er isst.


aus spektrum.de, 5. 5. 2026                                                                                    zu Jochen Ebmeiers Realien
 
Wo die Kartoffel das Erbgut formte
Vor rund 10 000 Jahren begann die Bevölkerung der Anden mit der Zucht der Kartoffel – und züchtete sich zugleich selbst ein bisschen mit.

Bei den indigenen Quechua-Sprecherinnen und -Sprechern des peruanischen Hochlands funktioniert das offenbar besonders effektiv: Von allen 85 untersuchten Populationen hatten sie die höchste Zahl an Kopien des entsprechenden Amylase-Gens (AMY1) in ihrem Erbgut, heißt es in der im Fachmagazin »Nature Communications« erschienenen Studie. Dadurch produziert ihr Körper besonders große Mengen des Verdauungsenzyms. Mit im Schnitt zehn Gen-Kopien übertreffen sie andere Populationen um das Doppelte, manche sogar um das Vierfache.

Gokcumen und Kollegen sehen darin eine jahrtausendealte Anpassung an die Ernährung. Vor rund 10 000 Jahren begannen die Menschen im Hochland, die Kartoffel zu nutzen und anzubauen. Für den gleichen Zeitraum rekonstruiert die Forschergruppe einen Anstieg der Gen-Kopienzahl. Wer die von ihr gelieferte Stärke besonders gut abbauen konnte, war ernährungsphysiologisch offenbar im Vorteil. Dieser Selektionsdruck sorgte im Lauf der Zeit für die Vervielfältigung des Gens.

Ähnliches wurde auch bei anderen Populationen beobachtet, die auf eine lange Geschichte der Landwirtschaft zurückblicken. In der europäischen Bevölkerung beispielsweise ist im Verlauf der vergangenen Jahrtausende ebenfalls die Kopienzahl des AMY1-Gens gestiegen. Wie die Gruppe um Gokcumen schon in früheren Studien beobachtete, begann der Trend zur Vervielfältigung dieses Gens allerdings lange vor dem Umstieg auf eine bäuerliche Lebensweise. Bereits bei frühmenschlichen Vorfahren des Homo sapiens lag es wohl in doppelter Ausführung vor.

Mittwoch, 6. Mai 2026

Die Welt ist ein Horizont und keine Superformel.

 Sternenhimmel                                                 zu Philosophierungen

'Man kann unmöglich meinen, die Welt ließe sich in Formeln auflösen, wenn man nicht vorher meint, sie sei aus Formeln zusammengesetzt.' -

Begriffslogisch ist das nur mit vielem Hin und Her und mit Winkelzügen nachzu-weisen. Doch die Begriffe sind selber nicht die Bausteine, aus denen die Welt auf-gebaut ist. Die Welt ist kein Universalbegriff. Die Welt ist eine Vorstellung, genauer: Sie ist der Horizont, in dem alle Vorstellungen gemeint, vulgo vorgestellt werden. Die Vorstellungen von den Dingen und ihren Vorkommnissen sind a priori  in die-sen Horizont hineingemeint.  

Genauer gesagt: Wer immer sich einzelne Dinge und einzelne Vorkommnisse vor-stellt, kommt bei genauerer Betrachtung nicht umhin, sie in der Vorstellung eines Horizonts zu situieren; und von diesem Punkt an muss er meinen, der Horizont sei 'früher dagewesen', als die Dinge und ihre Vorkommnisse; so wie die Bühne früher da ist, als das Stück, das gegeben wird. 

Die Welt ist Vorstellung, aber nur, wenn und weil sie gewollt wird.

 

Kleinkinder denken überraschend komplex.

    aus derStandard.at,  25. April 2026                                        zu Jochen Ebmeiers Realien ,  zu Levana, oder Erziehlehre   ...