Montag, 23. März 2026

Die Datifizierung der Wirklichkeit


 
aus spektrum.de, 20. 3. 2026                                                                         

»Kritik der Digitalisierung«
Die Datifizierung der Wirklichkeit
Unser Leben wird immer mehr von Prozessen bestimmt, die wir nicht durchschauen. Zeit für einen philosophischen Blick auf die Digitalisierung.


von Stefan Höltgen

Habe ich es mit menschlichem Tun oder einem maschinellen Prozess zu tun? Stammt dieser Text aus einem Gehirn oder einem künstlichen neuronalen Netz? Wurde dieses Bild fotografiert oder generiert? Dank der so genannten Digitalisierung haben wir es mit völlig neuen Phänomenen und Praktiken zu tun, die zwar unser Leben bestimmen, die wir aber nicht durchschauen. Und während IT-Unternehmen eine neue Technologie nach der anderen auf uns loslassen, bleibt uns kaum Zeit, über deren Wesen, Herkunft und Folgen zu reflektieren. In »Kritik der Digitalisierung« nimmt sich der Philosoph Daniel Martin Feige dieser Herausforderung an. 

Wenn aus Leben Daten werden

Philosophie ist stets auch »Arbeit am Begriff« – so hat es Theodor W. Adorno einmal formuliert, auf den sich der Autor vielfach beruft. Und so geht es Feige darum, neue Begriffe – oder alte, die durch Informationstechnologien neu gefasst wurden – zu hinterfragen. Denn, so Feige, allzu oft stünde hinter Begriffen wie »Digitalisierung«, »künstliche Intelligenz« oder »Computerkunst« eine Agenda mit einem Menschenbild, das im Widerspruch zum Verständnis des Menschen als vernunftbegabtem und sich seiner selbst bewusstem Wesen stehe. Feige, für den dieses aufklärerische Ideal ein Leitmotiv bleibt, reflektiert Begriffe wie diese technik- und philosophiegeschichtlich. Das ist keine leichte Lektüre – doch scheint die Komplexität seiner Argumentation angesichts der »gesamtgesellschaftlichen Transformation […], die Arbeit, Zusammenleben und Gegenständlichkeit« (S. 7) durch die Digitalisierung erfahren, gerechtfertigt.

Kritik der Digitalisierung
Daniel Martin Feige
Kritik der Digitalisierung
Technik, Rationalität und Kunst
Verlag: Meiner, Hamburg 2025, 185 S.
ISBN: 9783787347209 | Preis: 19,90 €

Aber was bedeutet »Digitalisierung«? Feige zufolge ist sie nicht bloß die Vollendung eines Prozesses, der vielleicht schon mit Aristoteles’ zweiwertiger Aussagenlogik begonnen hat. Ein solch teleologisches Verständnis würde einen beträchtlichen Teil der Kulturgeschichte zum Vorspiel der Digitalisierung degradieren, und der Transhumanismus wäre das nächste notwendige Etappenziel dieser Entwicklung. Vielmehr nimmt Feige den besonderen Charakter der Digitalisierung ernst, wenn er betont, dass digitale Technologien unsere Lebens- und Arbeitspraxis neu fassen. Sie transformieren das analoge Leben in Daten, machen es so scheinbar speicherbar, übertragbar und berechenbar: »Informations- und Kommunikationstechnologien unterziehen unsere Praxis einer Neuformatierung im Geiste der Digitalisierung.« (S. 38)

Wie die KI-Debatten das Menschenbild verändern

Als charakteristische Merkmale dieser Neuformatierung benennt Feige »Blackboxing«, »Datifizierung« und »Alterisierung«. »Blackboxing« meint das Unsichtbarwerden der Ebenen, auf denen unsere Daten verarbeitet werden – wir sehen lediglich ihre Oberflächen. Damit sei nicht bloß eine Geheimniskrämerei von IT-Firmen gemeint, »Blackboxing« sei vielmehr konstitutiv für unser Verhältnis zu digitalen Technologien: Wer kann schon nachvollziehen, was genau sich in einem Computer oder Smartphone vollzieht? »Daten sind die Lingua franca der Digitalisierung«, betont Feige (S. 42 f.), und »Datifizierung« beschreibe die dafür notwendige Reduktion des Analogen zum Zwecke seiner Komputierbarkeit – also für das, was Digitalisierung im technischen Sinne bedeute. Dies führe zur »Alterisierung« der digitalisierten Wirklichkeit: Auf der Ebene der Daten erscheinen alle Phänomene gleichartig – und werden zum Beispiel zu digitalen Objekten, die man handeln kann.

Im zweiten Kapitel hinterfragt Feige den Begriff der »künstlichen Intelligenz« und damit eine der relevantesten Entwicklungen unserer Zeit. Kaum eine technologische Neuerung der jüngeren Vergangenheit hat derart viele kulturelle, soziale und ökonomische Veränderungen angestoßen. Begriffe wie »Bewusstsein« und »Emotion«, die genuin Menschliches bezeichneten, wurden Feige zufolge im KI-Diskurs einem »conceptual engineering« unterworfen; ihr Sinn wurde verändert – mit erheblichen Konsequenzen für unser Menschenbild. Feige rekonstruiert diese Debatte von ihren Anfängen in den 1950er Jahren bis in die Gegenwart. Er zeigt dabei, wie immer wieder versucht wurde, Sprache zum alleinigen Gradmesser für Intelligenz zu machen (weil Computer nur symbolische Daten verarbeiten können), merkt aber zugleich an, dass man eigentlich nicht von »Sprache« reden könne, wenn ihr keine Überzeugungen und Wünsche zugrunde lägen, sondern bloß von »Textgenerierung«.

Künstliche Intelligenz spricht nicht und macht keine Kunst

Feige betont, dass eine künstliche Intelligenz kein vernünftiges Wesen sein könne, denn dazu bedürfe es eines begrifflichen Verständnisses von Selbst und Welt. KI-Anwendungen erfassten die Welt dagegen wie ein »forensisches Instrument durch die Sammlung von Daten oder die Applikation festverdrahteter Schlussschemata [, die] weitere Daten produziert.« (S. 77). Durch die schieren Datenmengen und die enorme Effizienz ihrer statistischen Korrelation erscheinen uns »Large Language Models« (LLM) vielleicht als sprechende Computer – seien jedoch bloß »stochastische Papageien«, wie es die Linguistin Emily M. Bender 2021 formuliert hat.

Vor allem fehle der KI praktisches Wissen. Damit ist gemeint, »dass ich im Vollzug meiner Handlung darum weiß, was ich hier tue, und zugleich den Zusammenhang der Handlungsphasen praktisch als Verwirklichung eines Zwecks begreife.« (S. 87) Weil Sprache auch (kommunikative) Handlung ist, könne ein textueller Austausch mit einem LLM stets nur die Simulation eines Gesprächs sein. Schließlich koppelt Feige die Fähigkeit zu denken und zu handeln – auch philosophiegeschichtlich – an den Begriff des Lebens: Ein rationales Lebewesen zu sein, bedeute, Praktiken vollziehen zu können, die außerhalb biologischer oder evolutionärer Erklärungen in unserer »zweiten Natur« lägen.

Der dritte Teil befasst sich mit den Zusammenhängen von Kunst und Digitalisierung. Hier fordert Feige zunächst einen Begriff von Autorschaft, der den Menschen mit seinen bewussten Entscheidungen und seiner Autonomie ins Zentrum stellt. Kunst fungiere als Reflexionspraxis und werde als Handlung verstanden, über die im Sinne der Kunstkritik verhandelt werden kann. Daher müsse hinter einem Kunstwerk ein Mensch stehen, der Intentionen habe und das Werk als Ausdruck seiner geistigen Tätigkeit darstelle. Künstliche Intelligenz könne daher prinzipiell keine Kunst hervorbringen. Gleichzeitig erkennt Feige an, dass Computerkunst durchaus geeignet sein kann, sinnvolle Debatten – zum Beispiel über das Verhältnis von Kunst und digitalen Medien – anzustoßen, »gerade weil hier die partielle Fremdheit dessen, was sie generiert, anschlussfähig ist an die konstitutive Fremdheit künstlerischer Gebilde«. (S. 12)

Daniel Martin Feiges kaum 200 Seiten umfassende »Kritik der Digitalisierung« ist keine leichte Kost. Denn Feige hat nicht einfach ein antidigitales Pamphlet verfasst, sondern argumentiert differenziert und ist dafür tief in die Technik- und Philosophiegeschichte eingestiegen. Dennoch vertritt der Autor eine klare Position, die sich in der Nähe von Adornos Kritik an der Kulturindustrie ansiedeln lässt. Wer seine Argumentation kritisieren möchte, muss gute Gegenargumente formulieren, um einen anderen Blick auf die Technik- und Philosophiegeschichte sowie die besondere Stellung des Menschen in der Welt begründen zu können.

Kritik der Digitalisierung« ist eine wichtige und philosophisch fundierte Auseinandersetzung mit den Technologien, Konzepten und Begriffen, die unser Leben heute prägen. Wer dieses Buch gelesen hat, wird über »Digitalisierung« oder »künstliche Intelligenz« sicher präziser denken und sprechen können als vor der Lektüre.

 

Nota. - Dem Computer fehlt nicht nur ein Begriff von Selbst und Welt, sondern dass er selber kein Selbst in einer Welt ist. Eine Welt ist keine endliche Summe digitaler Informationen auf einer elektronischen Lochkarte, sondern der Ort, wo ein Organismus tagtäglich zehntausende große und kleine Entscheidungen zu fällen hat, um darin überleben zu können. Diese Entscheidungen stehen ihm sämtlich frei, und was durch Freiheit möglich ist, ist praktisch. Der Computer steht für keine seiner Entscheidungen ein, und auch sich selbst zerstören könnte er nur aus Versehen - und fände nicht einmal Gelegenheit, es zu bedauern.

Dass Kunst übrigens als Reflexionspraxis oder als sonstwas "fungiere", will ich ausdrücklich bestreiten. 
JE 

 

Sonntag, 22. März 2026

Default Mode Network: Ist der Standardzustand meines Gehirns mein Ich?

aus nzz.ch,

Tagträumen ist keine Zeitverschwendung, sondern eine lebenswichtige Hirnfunktion
Lange blieb das sogenannte Ruhenetzwerk im Gehirn von Hirnforschern unbeachtet. Doch die synchrone Aktivität gewisser Hirnareale ist nicht nur für das tägliche Leben unerlässlich, sondern auch Quelle der Kreativität 

von Gwendolin Schönfeld 

Für unser Gehirn ist das Nichtstun nahezu unmöglich. Selbst wenn wir entspannt in der Sonne dösen, werden konstant Gedankenketten geknüpft, Pläne geschmiedet und vergangene Erlebnisse in der Erin- nerung abgespielt. Psychologen schätzen, dass wir knapp die Hälfte unserer Wachzeit in diesem Zustand der Tagträumerei verbringen. Denn unser Gehirn schaltet auch bei alltäglichen und monotonen Handlungen auf Autopilot, ob nun beim morgendlichen Zähneputzen oder beim Warten an der Ampel. Erfordert die Umwelt nicht unsere ganze Aufmerksamkeit, um Reize zu verarbeiten und auf sie zu reagieren, ergreift das Gehirn die Möglichkeit zum Tagträumen. 

Tagträumen mit Rhythmus

Mit bildgebenden Verfahren können Wissenschafter dem Gehirn beim Tagträumen zuschauen. Sie sehen dann, dass das sogenannte «default mode network» (DMN) aktiviert wird, was mit Grundzustandsnetzwerk übersetzt werden könnte. Dieses Netzwerk umfasst mehrere Areale der Hirnrinde, die verteilt in Stirn- und Scheitellappen liegen (dazu gehören der präfrontale Cortex, der posteriore cinguläre Cortex sowie der Precuneus). Diese Regionen bilden das Grundgerüst des Netzwerks und zeigen hochsynchrone Aktivitätsmuster, wenn unser Gehirn ruht und keine externen Informationen verarbeitet. Je nach Bedarf fallen noch weitere Hirnregionen kurzzeitig in den gemeinsamen Aktivitätsrhythmus mit ein.

Wissenschafter gehen davon aus, dass durch die synchrone Aktivität der Hirnareale die darin enthaltenen Informationen ausgetauscht werden können. So wird es erst möglich, aus Erinnerungen zu lernen, Zusammenhänge zu verstehen und Fakten neu zu verknüpfen, Pläne durchzudenken und künftiges Geschehen zu antizipieren. Dies ist ein essenzieller Bestandteil unseres Denkens, der uns dabei hilft, das tägliche Leben zu meistern. Es ermöglicht uns beispielsweise auch, uns in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre Absichten zu deuten und dementsprechend zu handeln. 

Probleme lösen statt sich ausruhen

Obwohl das Gehirn sich einen bedeutenden Teil des Tages in diesem Grundzustand befindet, entdeckten Wissenschafter diese synchrone Aktivität erst vor 18 Jahren. Zwar stiess Hans Berger, der Erfinder der Elektroenzephalografie (EEG), schon vor knapp 100 Jahren zufällig auf die Signatur der Netzwerksaktivität, doch erst im Jahr 2001 beschrieben amerikanische Forscher den «Ruhezustand des Gehirns». In ihrer Studie zeigten die Gehirnscans der Testpersonen das rhythmische Muster, wenn die Probanden entweder mit geschlossenen Augen entspannten oder das Zentrum eines Fadenkreuzes für längere Zeit fixieren mussten.

Die amerikanische Studie zeigte also, dass sich das Grundzustandsnetzwerk nicht nur bei kompletter Ruhe einschaltet, sondern auch bei monotonen, nicht anspruchsvollen Handlungen. Des Weiteren liess sich daraus schliessen, dass wir in diesem Zustand äussere Reize gut ausblenden können und beginnen, unseren Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken nachzuhängen.

Dieses reizunabhängige Denken wird als die Grundlage für viele komplexe und kognitiv anspruchsvolle Hirnleistungen betrachtet, wie zum Beispiel das Lösen von Problemen und das kreative Verknüpfen von Ideen. So soll laut einer Anekdote Newton die Idee für sein Gravitationsgesetz beim Sinnieren unter einem Apfelbaum gekommen sein; und auch Archimedes soll die Dichte als Stoffeigenschaft bei einem entspannten Bad in der Wanne entdeckt haben.

Auch Phantasie und Kreativität werden auf die Aktivität des Ruhenetzwerks zurückgeführt. Eine Studie von Forschern der Universität Graz und der University of North Carolina, USA, zeigte eine stärkere synchrone Kopplung der DMN-Gehirnareale von Testpersonen, die hohe Werte in einem kreativen Assoziationstest erlangten. 

Meditation entkoppelt Gehirnareale

Im Ruhezustand zeigt sich: Je weniger unser Gehirn äussere Reize der Umwelt verarbeiten muss, desto stärker prägt sich die synchrone Aktivität im Grundzustandsnetzwerk aus und unterstützt unser Vermögen zur Problemlösung und Kreativität. Auch wenn dies für unser Leben äusserst wichtig ist, kann es manchmal zu viel werden. Dann wird aus kreativen Assoziationsketten ein negatives Gedankenkarussell. Diesem ungebremsten Knüpfen von Gedankenketten versuchen heutzutage viele Menschen durch Achtsamkeits-Meditationsübungen (mindfulness) einen Riegel vorzuschieben.

Solche Meditationsübungen schwächen die Kopplung der Ruhenetzwerkareale zueinander. Dies konnte beobachtet werden, als der Dalai Lama eine Delegation buddhistischer Mönche entsandte, damit sie an einem Forschungsprojekt der University of Wisconsin-Madison, USA, teilnehmen. Dabei meditierten die Mönche in einem Magnetresonanzscanner. Während der Meditation schwächte sich die synchrone Aktivität im Grundgerüst des DMN sogar so weit ab, dass die Region des mittleren präfrontalen Cortexes (mPFC) komplett entkoppelt wurde.

Der mittlere präfrontale Cortex ist eine Region, die direkt an der Stirnseite des Gehirns liegt und mit komplexen Funktionen wie lösungsorientiertem Denken oder der emotionalen Bewertung von Erlebnissen in Verbindung gebracht wird. Das Ausschalten dieser Hirnregion ermögliche es den Mönchen, erlebte Ereignisse objektiv und ohne eine emotionale Komponente während der Meditation nochmals zu betrachten, postulierten die Forscher. Somit ist die Entkopplung spezieller Gehirnareale vielleicht das Geheimnis der nahezu sagenumwobenen Gelassenheit und Weisheit buddhistischer Mönche.

Die Erkenntnis, dass mittels Meditation emotionale Komponenten aus unserem Denken entfernt werden können, findet bereits Anwendung in der Behandlung von Depressionen. Bei den betroffenen Patienten konnte eine krankhafte Überaktivierung des Ruhenetzwerks – einschliesslich des emotional bewertenden mPFC – im Ruhezustand gemessen werden. Und kennen wir nicht alle den schmalen Grat, wenn aus Tagträumerei negatives Grübeln wird?

Auch in anderen neurologisch bedingten Krankheitsbildern fanden Forscher abnormale Aktivitätsmuster des DMN. Meditation wird auch in speziellen Fällen von Schizophrenie und ADHS begleitend in der Therapie angewandt.

Bewusstseinsverändernde Substanzen wie LSD oder psilocybinhaltige Pilze verändern ebenfalls die Aktivität des Ruhenetzwerks. Wie Forscher zeigen konnten, verknüpft sich während des Drogenrausches das Grundgerüst des DMN zufällig mit vielen vorher unabhängigen Gehirnregionen. Das ermöglicht einen Informationsaustausch zwischen Arealen, die im drogenfreien Gehirn nicht miteinander kommunizieren. Dies könnte eine Erklärung dafür liefern, warum manche Menschen im Rauschzustand Farben schmecken und Musik sehen können. 

Wie aus Ruhen Schlafen wird

Zum Schluss stellt sich noch eine essenzielle Frage: Wenn selbst beim passiven Entspannen so viele komplexe Vorgänge im Gehirn ablaufen, wie schafft es unser Gehirn überhaupt, sich auszuruhen und zu schlafen? Beim Einschlafen wird als Erstes der Hippocampus vom DMN abgekoppelt, und so wird dem Gehirn der Zugriff auf seine Erinnerungsdatenbank genommen. Ohne den nachfliessenden Strom aus Erinnerungen und Gedanken sinken wir tiefer und tiefer in den Schlaf. Ähnlich wie bei der Meditation zieht sich langsam auch der mittlere präfrontale Cortex aus der synchronen Aktivität zurück. Benachbarte Areale, die im Wachzustand unsere Aufmerksamkeit auf Reize der Umwelt fokussieren, durchlaufen denselben Prozess.

Wir bewerten und erinnern uns nicht mehr und achten auch nicht mehr auf unsere Umwelt – endlich sinkt das Gehirn in seinen wohlverdienten Schlaf. Und doch ruht es auch jetzt nicht. Es durchlebt Geschehnisse des vergangenen Tages, es assoziiert, es träumt; doch all dies auf eine ganz andere Weise als am Tag.


Nota. - Der 'Normal'-Zustand deines Gehirns, zu dem es nach allen Hebungen und Senkungen stets zurückkehrt, ist kein homöostatischer Plus-Minus-Null-Zustand entspannter Ruhe (wie im Freud'schen Modell), sondern ein Zustand unentwegter Selbstaffizierung, unablässigen "Vorstellens", der lediglich auf die Gelegenheit war-tet, aus seinem Latenzzustand zur Aktion überzugehen. Darum sucht es unentwegt nach einem Gegenstand, an dem es sich selber 're alisieren' kann.

Das ist die Vorstellung, die dem Modell der Tranzendentalphilosophie zu Grunde liegt. Die oben referierten Befunde der Hirnforschung veranschaulichen es.
JE, 20.  11. 19

Samstag, 21. März 2026

Langsam - aber auch sicher?

Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitalisierung und Staatsmodernisierung (CDU), spricht bei einer Veranstaltung.
aus Tagesspiegel, 21. 3. 2026                                                                       zu öffentliche Angelegenheiten

 „Wir müssen uns zusammenraufen“: 
Digitalminister Wildberger erwartet massive Jobverluste durch KI
Ganze Branchen würden durch Künstliche Intelligenz verändert, sagt der CDU-Politiker. Er sieht aber auch großes Potenzial – und plädiert für ein bedingungsloses Grundein-kommen, um den Wandel aufzufangen.
 
Künstliche Intelligenz gehört für viele bereits zum Alltag, KI wird in immer mehr Bereichen eingesetzt. Welche Folgen hat dies für den Arbeitsmarkt?

Zwar werde es in der Pflege und im sozialen Bereich immer sehr viel zu tun geben. Auch das Handwerk werde im KI-Zeitalter nicht von Computern erledigt, sagte Wildberger. „Und es werden neue Jobs geschaffen, von denen wir noch gar nichts wissen.“ Aber: „Die Zeit, in der die Industrie eine Jobmaschine war, geht zu Ende“, sagte Wildberger der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Er appelliere daher an Arbeit-geber, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft: „Wir müssen uns zusammenraufen und die Zukunft neu gestalten.“

Wildberger forderte: „Wenn die KI den Informatikern, Mathematikern und vielen anderen ihre Jobs wegnimmt, dann brauchen diese Menschen eine andere sinnvolle Betätigung.“

KI abzulehnen, wäre die falsche Antwort, denn sie lasse sich nicht aufhalten, sagte er: „Wir können und müssen alles tun, um auch als Gesellschaft von der KI zu profitieren, und wir können nicht zulassen, dass das große Geld weiterhin fast ausschließlich in den USA und in China gemacht wird.“

Wildberger weiter: „Ich kann verstehen, dass viele Menschen Angst haben. Angst um den eigenen Job, Angst um die Zukunft der Kinder und der Gesellschaft.“ Die Politik könne immerhin Rahmen setzen. „Was die Politik nicht kann: den Menschen die Aufgabe abnehmen, ihr Schicksal auch in die eigene Hand zu nehmen, nach Chancen zu suchen und sie zu nutzen.“

Wenn Deutschland künftig die KI-Technologie führend anwende, werde sie zu deutlich überproportionalem Wachstum führen, zeigte sich Wildberger überzeugt. „Das wäre eine Grundvoraussetzung, um diesen Wandel überhaupt gestalten zu können. Denn wir brauchen deutlich höhere Steuereinnahmen, damit wir mit dem Geld den Jobmarkt umbauen können.“

Wildbergers Vorschlag: „Ich bin überzeugt, dass ein bedingungsloses Grundein-kommen ein Teil der Lösung werden kann, um die Umwälzungen am Arbeitsmarkt aufzufangen“, erklärte Wildberger. Aber ausreichen werde auch das nicht. „Wir Menschen brauchen eine sinnstiftende Tätigkeit. Kaum jemand kann doch nur zu Hause sitzen und Videos schauen, ohne verrückt zu werden.“ (lem)

 

Nota. - Die Vernunft kommt immer nur schleichend voran. Warum? Weil sich ihr kein Gegner stellt, den sie überwinden könnte: Die gehen ihr immer aus dem Weg und haben grad was Dringlicheres zu besorgen. Man muss ihnen nachlaufen und dauernd auf die Schleppe treten. Doch sicher ist auch das nicht.

Viele Blätter haben über Wildbergers Auftritt berichtet. Doch dass er die Gelegen-heit nutzte, sich für das bedingungslose Grundeigentum auszusprechen, habe ich nur im Tagesspiegel gefunden. 
JE 

 

Perspektivenwechsel statt Strukturklempnerei.

 Bergius        zu  Levana, oder Erziehlehre    

Es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn aus den Köpfen die vage Vorstellung verscheucht werden könnte, bei der Schule handele es sich um den im neunzehnten Jahrhundert endlich aufgedeckten Plan der Natur für die wirkliche Bildung des Menschengeschlechts, und die heiligste Pflicht der Gemeinschaft sei es, sie so zu vervollkommnen, dass sie auf ewig allen Fährnissen der Zeit gewachsen bleibt.

Die Schule ist - wie übrigens die Marktwirtschaft - eine Erfindung der bürgerlichen Gesellschaft zwecks Erfüllung von deren Erwartungen an den Arbeitsmarkt. Das hat sie gerechtfertigt, doch in dem Maße, wie jene Erwartungen sich als zeitlich bedingt entpuppen, ist - nein, nicht diese oder jene Organisations-, Verwaltungs- oder Lehrform der Schule, sondern: - die Schule als gesellschaftliche Institution selbst in Frage gestellt. 

Pläne für die kommenden Gesellschaften mögen Diese und Jene entwerfen; die Schule, wie sie ebenmal besteht, muss die kommenden, sagen wir, dreißig Jahre im Auge haben. Es sind keine weltanschaulich zu beantwortenden Fragen an die Ewig-keit, die sie beantworten muss, sondern sie muss pragmatische Lösungen für eine absehbare Zeit finden. Sie müsste zum Beispiel das Heer der Berater und Speziali-sten zum Teufel jagen, der Steuerzahler wird's danken, und dem gesunden Men-schenverstand die Ehre erweisen. Aber nicht, damit er der Schule und ihren Be-schäftigten nützt, sondern damit er in der Schule deren Bildungszweck dient - und wenn es sich als zweckmäißg erweist, auf Kosten von deren Strukturen, Methoden und Stellenplänen. 

Verstehen Sie mich recht: Der Paradigmenwechsel - die Neuausrichtung der Per-spektive - muss praktisch beginnen und sich um den Diskussionsbedarf der Gelehr-ten nicht scheren.

Kommentar zu Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? JE, 15. 11. 19 

Freitag, 20. März 2026

Richtiges Leben im falschen.

Bosch                                                     zu  Levana, oder Erziehlehre    

Die Schule ist nicht der Zweck des Heranwachsens, sondern seine restriktive Rah-menbedingung. Sie ist eine zweckmäßige Einrichtung der bürgerlichen Gesellschafts-ordnung. Die war selber Bedingung gesellschaftlicher Entwicklung; und wie jede Ordnung ist sie in mancherlei Hinsicht restriktiv.

Sie ist restriktiv namentlich in Hinblick auf die laufende digitale Revolution. Das Wertgesetz wird von der Ersetzung menschlicher Leitungen durch maschinelle In-telligenzen unterlaufen. Das ist ein reeller Widerspruch, der sich nur tastend und konvulsivisch wird auflösen lassen. Die Schule ist aber darauf aus- und dazu einge-richtet, die menschlichen Intelligenzen für das Wertgesetz zu konditionieren.

Sie fraktioniert das Wissen zu Fächern und vereinseitigt das Denken auf lineare Kausalität und logischen Atomismus. Das war  für die industrielle Zivilisation eine notwendige und richtige Restriktion. Aber sie hat dabei die Grundlagen der digita-len Revolution gelegt. Für deren Entwicklung ist sie nunmehr keine Bedingung, sondern nur noch Restriktion.

Tastend und konvulsivisch: Das ist natürlich eine Versuchung für alle Ideologen. Doch bis die zu einem Ratschluss gelangt sind, kann die Wirklichkeit nicht warten. Sie muss konvulgieren, was bleibt ihr übrig?

Das eigentliche Problem der Schule ist, durch diese allgegenwärtigen Turbulenzen zu navigieren. Dafür gibt es keine optimalen Strukturen und adäquaten Methoden. Indem sie all ihre Aufmerksamkeit aber gerade auf sie verschleißt, überlässt sie das alltägliche Austragen der Widersprüche den Lehrern. Ein Lehrer, der nicht der In- stitution dient, sondern der Bildung seiner Schüler, überlebt nur als Künstler; als einer, der jeden Tag neu versucht, ein richtiges Leben im falschen zu führen.
15. 11. 19

Mittwoch, 18. März 2026

Revenü.

Doré, Gargantua                                                                                      aus Marxiana

Es ist bereits gesagt, daß wir den Mehrwerth nur so weit in Erwägung ziehn, als er nicht accumulirt wird, also blos zur individuellen Consumtion des Capitalisten dient. Diese Verausgabung des Mehrwerths nennen wir seine Verausgabung als Revenue. Was andrerseits das variable Capital betrifft, so wird es in der Form von Geld dem Arbeiter vorgeschossen, der dafür seine Arbeit giebt, mit dem erhaltnen Geld aber seine Lebensmittel kauft. Da vorausgesetzt ist, daß der Arbeitslohn = dem Werth der Arbeit oder rather des Arbeitsvermögens, ist damit gleichzeitig vorausgesetzt, daß der Arbeiter seinen ganzen Lohn zur Reproduction seines Arbeitsvermögens, daher im Ankauf von necessaries verausgabt. 

Das ganze variable Capital wird daher realiter verausgabt als Revenue oder verwan-delt sich für den Arbeiter in Revenue, während es sich für den Capitalisten in Arbeit verwandelt. Realiter, abgesehn von der durch die Geldform bewirkten Vermittlung, existirt also das variable Capital in der Form von Lebensmitteln, welche die Reve-nue der Arbeiterklasse bilden. Bei der Betrachtung des wirklichen Productionspro-cesses fällt uns daher sowohl der Theil des Products, der als Mehrwerth vom Capi-talisten, wie der Theil desselben, der als Arbeitslohn vom Arbeiter verzehrt wird, zusammen unter die gemeinschaft/liche Categorie der Revenue. Das variable Capi-tal als solches, d. h. so weit es sich nicht in Arbeitslohn und daher in Revenue für den Arbeiter auflöst, sondern in Arbeit für den Capitalisten, Arbeit, = der nothwen-digen Arbeit + Surplusarbeit, fällt hier also zunächst ausserhalb unsrer Betrachtung.
 

Da ferner vorausgesetzt wird, daß die capitalistische Productionsweise nicht nur die herrschende, sondern die allgemeine und ausschließliche Form der Production ist, müssen sowohl die Waaren, die Revenue bilden, sei es für den Capitalisten, sei es für den Arbeiter, die Waaren, welche die constituirenden Elemente des constanten Ca-pitals bilden, zunächst als Product des Capitals und daher als Waarencapitalien exi-stiren. Es muß daher ein Austausch von Waarencapitalien, die in die Revenue ein-gehn, ebensowohl stattfinden, gegen andre Waarencapitalien, die in Revenue ein-gehn, als Austausch von solchen Capitalien gegen Waarencapitalien, die constantes Capital bilden, als Austausch von Waarencapitalien, die constante Capitalien bilden, gegen einander.
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript 1863-1865, MEGA II/4.1, 305f.



Nota. - Mehrwert, der nicht akkumuliert und in Kapital verwandelt wird, ist Revenü - egal, was sonst aus ihm wird. Revenü ist auch das variable Kapital, sobald es als Lohn ausgezahlt wird; genauer: Es wird Revenü, indem...

Revenü ist zunächst das Privateinkommen des Kapitalisten; das Gehalt, das er sich selber auszahlt. Aber sind insbesondere auch die Steuern und Abgaben, die der Staat auf seinen Gewinn erhebt. Er mag selber als Unternehmer tätig werden; in Bau, Energie, Kommunikation. Dann wird Revenü ggf. zu Kapital; nämlich wenn es sich gegen Arbeitskraft austauscht, um Mehrwert zu erzeugen.

Der gewöhnliche Staatsbedienstete tauscht seine Arbeitskraft nicht gegen (variables) Kapital aus (um Mehrwert zu schaffen), sondern gegen Revenü - um seinen Staats-zweck zu erfüllen und daher seine... Abzüge vom Mehrwert zu rechtfertigen. Leh-rer, Sozialarbeiter und sonstige Staatsdiener schaffen keinen Mehrwert und tau-schen ihre Arbeitskraft nicht gegen Kapital, sondern gegen Revenü. Arbeiter mö-gen sie sein, aber sie sind - in ökonomischem Sinn - unproduktive Arbeiter, die anderer Leute Mehrprodukt lediglich verzehren.
JE, 5. 11. 18

Die Schule ist so gut wie ihre Lehrer.

                     zu Levana, oder Erziehlehre,

Strukturen, Theorien, Methoden - das ist unterm Strich alles ziemlich egal. Was zählt, ist der Lehrer. Und wohl eben nicht seine spezifischen Fertigkeiten: Denn dann käme es auf Strukturen, Theorien, Methoden eben doch an; zwar nicht un-mittelbar, aber mittelbar: nämlich indem sie die Lehrer fitter machen für den Un-terricht. Auch hier geht es nicht um einzelne "Kompetenzen" oder skills. Denn mehr als ein Experte ist der Lehrer ein performer. Er ist ein Darstellungskünstler. Das kann man nicht 'werden', das muss man sein. Natürlich macht Übung den Meister, aber ein Talent, das man ausbilden kann, muss schonmal da sein.

Darum ist das Problem der Schulen auch nicht in erster Linie die Lehrerausbildung, sondern die Rekrutierung. Die Bedingungen, unter denen Lehrer ihren Beruf aus-üben, müssen so sein, dass sie die Geeigneten anziehen und die Ungeeigneten ab-weisen - denn eine Charakterprüfung als Zugangsbedingung zum Beruf kommt nicht in Frage: weil sich nicht objektivieren lässt, um welche Charaktermerkmale es geht - und weil sie sich ohnehin nicht messen ließen; aber vor allem, weil sich vorab nicht bestimmen lässt, wer zum Prüfen der Eignung geeignet ist.

Mit andern Worten, auch bei der Reform der Lehrerschaft geht es nicht um Struk-turen, Theorien und Methoden. Auch da kann man basteln, soviel man will; es ko-stet nur Zeit, Geld und Humanressourcen. Die gesellschaftliche Grundstimmung müsste sich ändern. Leute, die sich dazu begabt fühlen, müssten in den Beruf strö-men; Leute, die sich darauf freuen, jeden Tag eine gelungene Darbietung liefern zu müssen und zu können; Leute, die sich gerne überraschen lassen und sich auch un-befangen der Routine hingeben können, wenn sich's grade so ergibt.

Einstweilen ist es noch so, dass solche Leute um den öffentlichen Dienst einen großen Bogen machen.

PS. Gut wäre auch, wenn die Öffentlichkeit vom Unterricht nicht länger erwarten würde, dass er "funktioniert".
16. 12. 19

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Die Datifizierung der Wirklichkeit

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