aus derStandard.at, 13. 5. 2026 zu Philosophierungen
Ein gutes Beispiel ist mein Küchentisch – ein Erbstück, dessen stumpfes Ockerbraun mich so sehr deprimierte, dass ich eines Tages zu Pinsel und Farbe griff; seither erstrahlt das alte Möbel in einem frischen Himmelblau. Fraglos steht immer noch derselbe Tisch in meiner Küche. Der Farbwechsel von Ockerbraun zu Himmelblau hat seiner Identität nicht geschadet, geschweige denn zu dieser konstruktiv beigetragen. Ganz im Gegenteil war die Fortexistenz dieses selben Tisches durch die Zeit hindurch doch offenbar die Voraussetzung dafür, dass der Farbwechsel sich an ihm vollziehen konnte. Oder nicht?
Dass es in jeder Veränderung etwas gebe, das sich unverändert durchhält – ein unveränderliches Zugrundeliegendes der Veränderung – ist eine Grundüberzeugung der westlichen Dingontologie, also der in unseren Breitengraden seit den Anfängen des philosophischen Denkens dominierenden Ansicht, Dinge seien die grundlegenden Bausteine der Wirklichkeit. Dieses unveränderliche Substrat der Veränderung, welcher Dinge möglicherweise unterliegen, ist ihr Wesen: jene Menge von Eigenschaften, die ein Ding zu dem machen, was es ist. Das Wesen eines Tisches ist etwa, ein Möbelstück mit einer waagerechten Oberfläche zu sein, die sich zum Abstellen von Essgeschirr oder Arbeitsmaterialien eignet. Ob ockerbraun oder himmelblau, ein Ding, das diese Eigenschaft aufweist, ist und bleibt ein Tisch.
Nicht alle Veränderungen sind freilich so harmlos wie ein Farbwechsel. Was, wenn jemand meinem Küchentisch mit einer Säge zu Leibe rückte? Ein in Stücke zersägter Tisch ist kein Tisch mehr, sondern ein Haufen Holz. Dingontolog:innen können dies zugeben – Dinge entstehen und vergehen, wer wollte dies bestreiten? Doch sie verweisen darauf, dass es sogar im Entstehen und Vergehen etwas gebe, das selbst nicht entsteht oder vergeht: die Materie selbst. Jedenfalls hat Aristoteles – einer der Urväter der Dingontologie – so argumentiert.
Aristoteles vertritt eine bestimmte Version der Dingontologie: die Substanzontologie, gemäß der die die Wirklichkeit primär ausmachenden Dinge Substanzen sind. Substanzen sind komplexe materielle Einzeldinge, die für sich selbst bestehen und identische Subjekte wechselnder Eigenschaften sind. Substanzen sind komplex, insofern sie Teile haben und dennoch ein Ganzes bilden – dank ihrer sogenannten Form, die das Wesen einer Substanz festlegt, indem sie eine bestimmte Portion Materie entsprechend in-formiert. Während sein Lehrer Platon den Formen oder "Ideen" ein von der Materie unabhängiges Sein zuerkannte, besteht Aristoteles darauf, dass es Formen nur als in Substanzen mit Materie verbundene gibt. Einig sind Aristoteles und Platon freilich in der Annahme, dass den Formen ein höherer Wert zukomme als der Materie, da ihr Sein unveränderlich sei.
Man kann die Geschichte der abendländischen Metaphysik als eine großangelegte Suche nach den unveränderlichen, ewigen Prinzipien der veränderlichen, vergänglichen Erscheinungen verstehen – nach dem wahren, göttlichen Sein in und hinter dem uns in der Erfahrung zugänglichen Seienden. Sinnbildlich hierfür steht Platons Höhlengleichnis, das den Prozess der Befreiung vom illusionären Glauben an die Wirklichkeit des veränderlichen Seienden beschreibt. Mittels vernünftigen Denkens können wir der Höhle unserer Alltagserfahrung entkommen, indem wir erkennen, dass die veränderlichen Gegenstände unserer Sinneswahrnehmung lediglich Abbilder unveränderlicher, vollkommener geistiger Dinge sind, die im eigentlichen Sinn wirklich sind.

Doch auch Aristoteles ist überzeugt, dass was die Welt im Innersten zusammenhält nur etwas sein kann, das jedweder Veränderung entzogen ist, und diese wahrhaft seienden ewigen und somit göttlichen Dinge und Prinzipien sind ihm zufolge die Gegenstände der Metaphysik als der "ersten Philosophie" – im Gegensatz zu den veränderlichen Dingen, mit denen sich die Naturwissenschaft als "zweite Philosophie" beschäftigt, ihrerseits freilich mit dem Ziel, im Veränderlichen das Unveränderliche aufzuspüren. Dahinter steckt die Überzeugung, dass alles Wissen sich letztlich auf Unveränderliches gründen muss. Eine Welt ohne unveränderliche, ewige Dinge und Prinzipien wäre chaotisch und für den Geist unerkennbar.
Diese tiefsitzende Angst vor der Veränderung ist ein Leitmotiv der Substanzontologie und der Dingontologie überhaupt. Sie ist auch der Antrieb für die nachhaltige, gezielte Unterdrückung der alternativen Sichtweise der Wirklichkeit als eines durch und durch dynamischen Geschehens, wie sie von der Prozessontologie vertreten wird. Dieser zufolge sind nicht Dinge, sondern Prozesse ontologisch grundlegend, wobei ein Prozess etwas ist, das sich verändern muss, um zu existieren, – eine Entität, für deren Identität Veränderung wesentlich ist.
Ein gutes Beispiel ist ein Fluss, denn ein Fluss, der nicht fließt, ist kein Fluss. Das Fließen – der Wechsel des Wassers – ist eine Existenzbedingung des Flusses. So argumentierte bereits der vorsokratische Philosoph Heraklit von Ephesos, der Urvater der Prozessontologie in der westlichen Hemisphäre. Veränderung ist für ihn nicht etwas Nachrangiges gegenüber dem Sein der Dinge, sodass sie zunächst einmal sind, was sie sind, um dann vielleicht gewissen Veränderungen zu unterliegen. Nein, nach Heraklit gibt es überhaupt kein Sein jenseits von Veränderung, sondern vielmehr umgekehrt Sein nur durch und als Veränderung. Alles fließt – panta rhei. Sein selbst ist Veränderung und das heißt: Prozess.
Laut Platon soll Heraklit gesagt haben, niemand steige zweimal in denselben Fluss. In den vermutlich authentischen Fragmenten von Heraklits Werk findet sich jedoch vielmehr die Aussage, wer in denselben Fluss steige, den umflössen immer andere Wasser. Dass alles fließt, heißt demnach keineswegs, dass nichts jemals dasselbe bleibt und als dasselbe eine gewisse Zeit dauert. Vielmehr ist die Veränderung, ist das Werden selbst das Dauernde, nämlich so, dass es aus sich temporär stabile Identitäten gebiert. Stabilität ist nicht Stillstand, keine Abwesenheit von Veränderung, sondern ein Gleichgewicht von Prozessen, ein Fließgleichgewicht. Platons Unterschlagung dieses zentralen Elements von Heraklits Lehre ist kein Zufall, sondern Teil einer konzertierten dingontologischen Kampagne gegen die Prozessontologie, einer Kampagne, die so erfolgreich war, dass die Prozessontologie in der westlichen Welt (anders als in der östlichen) für nicht weniger als zwei Jahrtausende von der philosophischen Bildfläche verschwand.
Das Verdienst, die Prozessontologie als Erster wieder zu neuem Leben erweckt zu haben, kommt dem französischen Philosophen Henri Bergson zu. Ihm zufolge ist Zeit das Wesen der Wirklichkeit und das heißt: Veränderung, Bewegung, Werden. Dass wir dies zumeist übersehen, liege an unserer Gewohnheit, die Zeit zu verräumlichen. So sprechen wir ja von Zeiträumen, die sich in Zeitabschnitte oder Zeitpunkte unterteilen lassen, ganz so, als wäre eine bestimmte Zeitdauer identisch mit einer bestimmten Wegstrecke im Raum. Die unüberwindbare Differenz zwischen Zeit und Raum wird aber spätestens dann deutlich, wenn wir versuchen, Bewegung aus den unbewegten Abschnitten der verräumlichten Zeit zusammenzubauen. Bewegung lässt sich im Denken in Unbewegtes zerlegen; nicht aber lässt sich durch das Aneinanderreihen von unbewegten Dingen die Bewegung zurückgewinnen. Sind Veränderung, Bewegung und Werden real, so müssen sie ursprünglicher sein als Identität, Stillstand und fixes Sein.
Die Prozessontologie kann mithin die Existenz von "Dingen" anerkennen, jedoch nicht im Sinne von fundamentalen unveränderlichen Bausteinen der Wirklichkeit, sondern vielmehr neu verstanden als komplexe Prozesse, die innerhalb eines bestimmten Bezugssystems relativ stabil sind. Auch Organismen – von Aristoteles dereinst als paradigmatische Substanzen erachtet – erweisen sich bei näherem Hinsehen als vergleichsweise stabile Prozesse – stabil jedenfalls für eine gewisse Zeit, nämlich genau so lange, wie es ihnen gelingt, sich durch passende Interaktionen mit der Umwelt, insbesondere durch den steten Austausch von Materie und Energie (Stoffwechsel), selbst zu stabilisieren. Stabilität ist das Resultat interaktiver Anstrengung, Veränderung nicht bloß ein oberflächliches Anhängsel einer schon gegebenen Identität, sondern deren Existenzbedingung.
Das neue Forschungsfeld der "Prozessphilosophie der Biologie", das den dynamischen Charakter des Lebens auf allen Stufen seiner Organisation – von der Zelle über Organe und Organismen bis zu Populationen, Ökosystemen und der Evolution der Spezies – betont, trägt dem Rechnung. Aber auch Chemie und Physik legen einen prozessualen Ansatz nahe. Moleküle entstehen, verändern sich und zerfallen in ständigen Reaktions- und Wechselwirkungsprozessen; Atome erweisen sich als Knotenpunkte dynamischer Energien, deren Stabilität selbst nur ein momentanes Gleichgewicht im Strom von Quantenprozessen ist. Auf molekular-atomarer Ebene ist mein Küchentisch ebenso dynamisch wie ein Organismus oder Fluss. Die Metaphysik des Abendlandes sollte mithin ihre Fixierung auf das Ewige, Zeitlose ablegen. Denn was die Wirklichkeit im Innersten zusammenhält, sind nicht Dinge, sondern Prozesse.
Nota. - Hab ich was übersehen - kommt der Ausdruck an-sich im Obigen wirklich nicht vor? Unter dieser Fragestellung geht es dem Przess nicht besser als dem Ding: Dass es prozediert, weiß dass Wasser im Flussbett so wenig, wie das Flussbett, dass es ist. Beides - sein oder sich-verändern - sind Bestimmungen, die nur ein Urteilender an ihnen vornehmen kannte - an ihnen selbst lassen sie sich nicht vorfinden, nämlich messen, wenn nicht von der Veränderung zuvor abgesehen wird und ein 'seiender' Moment darüber gestülpt wird. Und erst, wenn man einen zweiten 'seienden' Moment hinzugefügt hat, lassen sie sich messen, nämlich vergleichen.
Ohne dies braucht es immer einen urteilenden Beobachter, der zwischen sein und werden unterscheidet. Beides 'gibt es' nur für ihn und nicht an sich.
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Ach, übrigens: Auch, was die Welt zusammenhält, liegt im Auge des Betrachters: Denn schon die Welt ist weder Ding - eine vorliegende Landschaft - noch Werden - ein dauernder Fluss - an-sich, sondern jediglich der Horizont, in den ein Beobachter seine Wahrnehmungen hinein versetzt wie in ein selbstgemaltes Bild.
JE




