Ein hartnäckiges Klischee bekommt eine überraschende
Wendung: Männer und Frauen schnitten in vier von fünf alltagsnahen
Multitasking-Aufgaben ähnlich ab. Nur beim gleichzeitigen Gespräch
ließen Männer deutlich mehr Fragen unbeantwortet. Genau dieser
Unterschied hing damit zusammen, wie Außenstehende ihre gesamte Leistung
einschätzten, obwohl die übrigen Aufgaben keine signifikanten
Geschlechtsunterschiede zeigten.
Uxbridge (England). Im Alltag bedeutet Multitasking
oft, mehrere Anforderungen in kurzer Folge zu bewältigen. Doch unser
Gehirn kann nur begrenzt mehrere anspruchsvolle Prozesse gleichzeitig
abarbeiten, wie auch Experimente zu den Grenzen des Multitaskings
zeigen. Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, Frauen seien
darin grundsätzlich besser als Männer. Frühere Studien lieferten dazu
jedoch nur kleine und widersprüchliche Unterschiede.
Auch eine frühere Untersuchung zu Geschlechtsunterschieden beim Multitasking
deutete bereits darauf hin, dass das Ergebnis stark von der jeweiligen
Aufgabe abhängen könnte. Forscher der Brunel University of London (BUL)
um Dr. André J. Szameitat haben deshalb nun ein komplexeres Szenario
entwickelt, das typische Alltagsanforderungen stärker nachbildet als
klassische Tests am Computer.
Fünf Aufgaben gleichzeitig im Blick
Für den ersten Versuch wertete das Team Daten von 37 Frauen und 41
Männern aus. Zehn Minuten lang mussten die Testpersonen eine Kochaufgabe
bearbeiten, Telefonnummern suchen, Zahlen und Buchstaben zuordnen sowie
bestimmte Wörter auf einem Bildschirm überwachen. Zusätzlich ertönte
alle 20 Sekunden eine Frage, auf die sie ausführlich antworten sollten.
Die Aufgaben waren auf drei Tische verteilt, sodass die Teilnehmer dabei
auch durch den Raum laufen mussten.
Gleichzeitig erhöhte das Team schrittweise den Zeitdruck. Anfangs
klingelte ein Küchentimer alle 90 Sekunden, später verkürzte sich das
Intervall bis auf 30 Sekunden. Damit sollte das Experiment nicht nur
parallele geistige Anforderungen erzeugen, sondern auch das Wechseln
zwischen verschiedenen Tätigkeiten unter zunehmender Belastung abbilden.
Mehr als doppelt so viele Fragen bleiben offen
In vier der fünf Aufgaben fanden die Forscher keine statistisch
signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Anders sah es
beim Gespräch aus: Frauen beantworteten im Mittel 24,76 von 28 Fragen,
Männer 20,24. Damit ließen die Frauen 11,6 Prozent der Fragen
unbeantwortet, bei den Männern waren es 27,7 Prozent. Der Unterschied
blieb auch nach Korrektur für die fünf Aufgaben signifikant und
erreichte eine Effektgröße von Cohens d = 0,61.
Entscheidend ist dabei, was der Befund nicht zeigt. Wenn Männer
eine Frage beantworteten, unterschieden sich weder Qualität noch
Verzögerung bis zum Antwortbeginn signifikant von denen der Frauen. Auch
in den Koch-, Such-, Zuordnungs- und Überwachungsaufgaben schnitten
beide Gruppen vergleichbar ab. Es geht demnach nicht um eine allgemeine
Überlegenheit beim Multitasking, sondern um einen spezifischen
Unterschied im Gesprächsverhalten unter Mehrfachbelastung.
„Warum Männer die Gesprächsaufgabe häufiger
unbeantwortet ließen als Frauen, ist unklar“, schreiben André J.
Szameitat und seine Co-Autorin Dr. Diana P. Szameitat von der City St
George’s, University of London.
Denkbar ist etwa, dass Männer die Fragen häufiger überhörten, weil
ihre Aufmerksamkeit stärker von den anderen Aufgaben gebunden war.
Ebenso könnten sie bewusst darauf verzichtet haben zu antworten und dem
Gespräch eine geringere Priorität gegeben haben. Welche Erklärung
zutrifft, hat die Studie nicht untersucht.
Schweigen hängt mit dem Gesamteindruck zusammen
Im zweiten Teil wollten die Forscher wissen, ob dieser Unterschied
für Außenstehende überhaupt sichtbar ist. Dazu sahen 160 Beobachter
jeweils 75 Sekunden lange Videoausschnitte aus dem ersten Experiment.
Die Hälfte der Ausschnitte stammte aus einer Phase mit niedrigem, die
andere aus einer Phase mit hohem Zeitdruck. Die Beobachter wussten
zunächst nichts von der eigentlichen Forschungsfrage.
Dennoch bewerteten sie Frauen in sechs von sieben Merkmalen
positiver. Diese wirkten unter anderem stärker in Kontrolle,
leistungsfähiger, aufmerksamer und engagierter. Mit steigendem Zeitdruck
nahm der Eindruck von Kontrolle und Leistung bei Männern zudem stärker
ab. Beim Stress zeigte sich dagegen kein genereller
Geschlechtsunterschied. Unter hohem Zeitdruck erschienen Männer jedoch
gestresster als in ihren eigenen Aufnahmen mit niedrigerem Zeitdruck,
während sich diese Veränderung bei Frauen nicht zeigte.
Besonders aufschlussreich waren die Zusammenhänge mit der
Gesprächsleistung. Wer mehr Fragen beantwortete, wurde deutlich häufiger
als kontrollierter und leistungsfähiger eingeschätzt. Für die vier
anderen Aufgaben fanden sich solche signifikanten Zusammenhänge nicht.
Selbst bei den 52 Beobachtern, die Männer und Frauen ausdrücklich für
gleich gute Multitasker hielten, blieb das grundsätzliche
Bewertungsmuster bestehen.
Das spricht dafür, dass ausgerechnet die gut sichtbare Kommunikation
den Gesamteindruck stark färbt. Die Korrelation beweist allerdings
nicht, dass das häufigere Schweigen die Bewertungen verursacht hat. Die
Autoren sehen darin dennoch einen möglichen Baustein für die Entstehung
des verbreiteten Klischees, Frauen könnten besser multitasken.
Noch kein echtes Alltagsgespräch
Die Ergebnisse haben Grenzen. Die erste Stichprobe blieb wegen der
Covid-Pandemie kleiner als ursprünglich geplant. Die Testpersonen der
ersten Studie waren im Mittel rund 23 Jahre alt und wurden lokal auf dem
Brunel-Campus rekrutiert. Zudem bestand die Gesprächsaufgabe aus
aufgezeichneten Fragen und nicht aus einem echten Dialog mit spontanen
Antworten und wechselnden Gesprächsrollen. Ob sich derselbe Unterschied
im Berufs- oder Familienalltag zeigt, muss daher erst weitere Forschung
klären.
Quellen:
24. August 2026
- von Clara Lyu
Nota. -
Vielleicht unterschieden Männer öfter, welches Thema sie für wichtig
und welches sie für weniger wichtig hielten? Oder vielleicht auch, zu
welchem Thema sie etwas zu sagen hatten, und zu welchem nicht?
Is' nur sone Idee.
JE