Dienstag, 2. Juni 2026

Chinas Dilemma.

                                     zu öffentliche Angelegenheiten         

Der chinesische Traum möchte wohl auch Putins Traum sein: ein weltmarktfähiger Staatskapitalismus mit dynamischer privatkapitalistischer Speerspitze unter enger Kontrolle einer straff charismatisch geführten Einheitspartei mit einer arkanischen Nationalmythologie. Auch weltpolitisch kommen sie sich näher. Putins 'eurasische' Idee passt gut auf einen russisch-chinesischen Block.

Aber das staatskapitalistische Modell ist eine Chimäre. Es kann nicht anders funk-tionieren - wenn es funktioniert - denn als ein bürokratisches Monstrum, und Büro-kratie ist Korruption und Unsachlichkeit, da mögen die zyklischen Reinigungskam-pagnen noch so terroristisch durchgeführt werden. Ein monolithischer Staat müsste totalitär verfasst sein, aber bei seiner privat- und staatskapitalistischen Doppelnatur kann er nicht totalitär verfasst sein. 

Die konfuzianische Reichsbürokratie hielt eine asiatische Wasserbaugesellschaft zu-sammen, die ohne sie nicht bestehen konnte. Eine sozusagen säkularisierte "Partei", die sich bei einer - wie bei Kung Fu Ze - rein pragmatischen Mentalität aus den je-weils Besten eines Studienjahres rekrutiert, wäre, gerade weil sie entbehrlich und für den Auftritt auf dem Weltmarkt sogar hinderlich ist, nicht nur Spiegel, sondern Hohlspiegel aller widerstreitenden sozialen Interessen. Es ist zu befürchten, dass das mit einem ganz großen Knall endet, an den sich die Welt noch lange erinnern wird. 

Es ist zu hoffen, dass es nicht erst soweit kommt. Aber knallen dürfte es noch oft und laut. An ein Ende der Geschichte ist vorerst nicht zu denken.
21. 2. 15

Montag, 1. Juni 2026

Wohin mit all den Gebildeten?

Fünf fliegende Absolventenhüte vor einem blau-weißen Himmel. 
aus derStandard.at, 30. Mai 2026                                 Doktoratsstudien erfreuen sich großer Beliebtheit, zahlreiche Bewerbungen kommen dabei auch aus dem Ausland.                                                             zu Jochen Ebmeiers Realien

Graduierte
Das Dilemma des Doktorats: Nach oben hin wird es immer enger
Rekordanmeldungen zeigen, wie gefragt Doktoratsstellen sind. Nach Abschluss beginnt für viele Postdocs aber eine Phase der Karriereunsicherheiten und psychischen Belastung

Wien ist ein gefragtes Pflaster für junge Forschende. Dafür sprechen die Zahlen, die Manuela Baccarini, Vizerektorin für Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Wien, präsentierte: Für den SSH-Call (Social Sciences and Humanities) gingen für 40 verfügbare Stellen rund 3500 Bewerbungen ein – 90 Prozent davon kamen aus dem Ausland. Im MINT-Bereich (STEM) sieht es mit mehr als 1000 Bewerbungen, davon 95 Prozent aus dem Ausland, ähnlich aus. 

Qualität und Vernetzung fördern

Diese internationale Resonanz bildete den Hintergrund für den European Doctoral Day, der kürzlich erstmals europaweit stattfand. Eine Initiative, die laut Baccarini dazu einlädt, zu feiern, was Doktorandinnen und Doktoranden – oder Graduate Students – für die Gesellschaft leisten. Doch hinter den Rekordzahlen verbirgt sich eine komplexe Debatte über die Zeit nach der Promotion. Denn während das Doktorat oft als Erfolg gewertet wird, beginnt danach für viele Postdocs eine oft jahrelange Phase der Unsicherheit.

Die Graduierten-Ausbildung hat sich in den vergangenen Jahren jedenfalls massiv transformiert. Zusätzlich zur klassischen Betreuung durch Doktorväter und Doktormütter wurden an der Universität Wien 18 strukturierte Doktoratsschulen aufgebaut. Baccarini, die bis 2022 selbst das renommierte Vienna BioCenter PhD Program leitete, kennt die Hebel: Die Einbettung in Graduierten-Kollegs soll Qualität sichern, internationale Vernetzung fördern und Abhängigkeiten verringern.

Finanzielle Sicherheit

Die finanzielle Absicherung bleibt jedoch eine Herausforderung. Aktuell verfügt etwa nur ein Drittel der rund 5000 Doktorandinnen und Doktoranden an der Universität Wien über finanzierte Stellen – ein Großteil davon über Drittmittel, einige auch über Stipendien. "Hier müssen wir durch mehr Kooperationen und verbesserte Stipendienmöglichkeiten noch mehr bezahlte Stellen schaffen", sagt Baccarini. Wer das Doktorat abgeschlossen hat, ist aber noch nicht aus dem Schneider. Viele wechseln in die nächste Phase der wissenschaftlichen Laufbahn: eine Postdoc-Stelle.

Gerade diese Postdoc-Phase gilt international als neuralgischer Punkt des Wissenschaftssystems. Dabei ist es weniger die Bezahlung, die Probleme verursacht. Mit rund 5000 Euro brutto monatlich gestaltet sich der FWF-Satz für Postdocs im europäischen Vergleich durchaus solide. Belastend wirkt vielmehr die strukturelle Unsicherheit: kurze Projektlaufzeiten, serielle Befristungen und die Frage, ob nach zwei oder drei Jahren eine weitere Stelle folgt.

Stellen auf Dauer sind rar

Die strukturelle Logik der Wissenschaft lässt sich dabei kaum aushebeln: Sie ist steil pyramidal organisiert. Eine Professur oder dauerhafte Laufbahnstellen erreichen Schätzungen zufolge nur etwa fünf bis zehn Prozent der Postdocs. Genau darin liegt der Kern der Unsicherheit: Nicht das Gehalt ist das Hauptproblem, sondern die Frage, wer langfristig im System bleiben kann.

Analysen internationaler Postdoc-Surveys zeigen, dass dabei rund zwei von fünf Postdocs ein erhöhtes Risiko für ernsthafte psychische Probleme wie Angstzustände oder depressive Symptome entwickeln können. Zentrale Stressoren sind dabei Überstunden, permanenter Publikationsdruck und die Unsicherheit befristeter Karrierewege. Die Freiheit der Forschung wird damit oft mit permanenter Vorläufigkeit erkauft.

Karrierewege aufzeigen

Baccarini plädiert für eine Abkehr vom Narrativ des Scheiterns, wenn der Verbleib in der Akademia ausbleibt. Sie verweist auf Daten der Statistik Austria: Doktoratsabsolventinnen und -absolventen haben eine Arbeitslosenquote von unter zwei Prozent und sind am Arbeitsmarkt hochintegriert. Ein PhD vermittle Resilienz und die Fähigkeit, Unsicherheiten und dem Unbekannten zu begegnen.

Die Universität Wien versucht, auf die Unsicherheiten zu reagieren – etwa mit Coaching- und Beratungsangeboten für Postdocs sowie stärkerer Karriereberatung auch außerhalb der Hochschule. Baccarini sieht in der Fluktuation zudem eine notwendige Zirkulation: "Das System kann nicht alle absorbieren. Die internationale Erneuerung ist lebensnotwendig."

Neugier als Motor

Wer heute ein Doktorat beginnt, tut dies meist aus Neugier. Doch Baccarini warnt davor, "salopp in ein Doktorat hineinzufallen, nur weil man einen Master gemacht hat". Für sie ist die Ausbildung eine "persönliche Reise, in die man investiert, weil man selbst etwas davon haben möchte". Der stärkste Antrieb müsse das Interesse am Projekt und die Neugierde bleiben.

Die Aufgabe der Politik und der Universitäten wird es sein, sicherzustellen, dass aus diesem individuellen Abenteuer kein dauerhaftes soziales Risiko wird. Es braucht planbarere Übergänge, damit der Motor der Wissensgesellschaft nicht durch psychischen Verschleiß ins Stocken gerät. Ihr sei es ein wichtiges Anliegen, dass Nachwuchswissenschafterinnen und -wissenschafter – sowohl im PhD- als auch im Postdoc-Bereich – unter den bestmöglichen Bedingungen arbeiten können, so Baccarini. Denn "für die wissenschaftliche Exzellenz und die Zukunftsfähigkeit des Standorts sind diese Talente unverzichtbar."  

 

Nota. - Historisch gab es zwei Modelle, um ein beständiges Corps von Hochgebil-deten zu stabilisieren - nicht eine zufällige Elite von individuellen Potégés, sondern eine gesellschaftliche Instanz, die eigene Wahlmöglichkeiten eröffnet: die konfuzia-nische Bürokratie als einheitlicher Block von Herrschaft und Wissen, und das aka-demische System Westeuropas. 

Was aus letzterem geworden ist, geht uns unmittelbar an. Die mittelalterliche Uni-versitäten wurden nach dem Beispiel namentlich der Kairoer al-Azhar-Moschee von den Kreuzfahrern in den Westen, gebracht, doch anders als die orientalischen Vor-bilder unterstanden sie nicht der jeweiligen islamischen Gemeinde, sondern im Prinzip der einzigen und alleinseligmachenden Römische Kirche und ihrer mannig-fachen Hierarchie. Indem sie auf Kosten der Mönchsorden über Jahrhunderte Bil-dung und Wissen monopolisierten, gerieten sie in die die Feudalordnung prägende Spannung zwischen geistlicher und weltlicher Autorität, und gewannen eine gewisse Selbstständigkeit; konnten sich aber wegen der stets zweiseitigen Versuchung nie zu einer geschlossenen Kaste stabilisieren wie in China. 

Die Kette von Akademien, die seit dem 17. Jahrhundert Europa durchzieht, bildete sich ganz säkular unterm Protektorat der Fürsten, doch die Ausbildung der bürger-lichen Gesellschaft unterzog auch sie einem grundstürzenden Wandel. Seither drin-gen die Realwissenschaften unwiderstehlich in die Universtäten, und die universalste Akademie von allen, die Oslo-Stockholmer, wird von Parlamenten gewählt. Von al-len Nobelpreisen die geringste Autorität haben der für Literatur und der für Frie-den, die Realwissenschaften inkl. Wirtschaft drücken alles an die Wand.  

Um nun zu obigem Artikel zu kommen: Wer nach der Promotion weiterkommen will, den drängt es weniger in die Wissenschaft, als vielmehr auf eine- gutdotierten Posten in einem Apparat - und nur der Geisteswissenschaftler bleibt in der staatlich finanzierten Lehre; der Naturwissenschaftler geht, sobald er kann, in die private Forschung.

Wem es aber um das Denken selber geht, dem bleibt, wie schon lange dem Künst-ler, die freie Bohème. Das hat Norbert Regitnig-Tillian auszusprechen versäumt.
JE 

 

Sonntag, 31. Mai 2026

DAS ist Vernunft, I.

                                                      zu Philosophierungen

Vernunft ist die Frage nach dem Sinn - nämlich die Suche nach einer Antwort. 
Wie kann man da auf die Idee kommen, eine Maschine könne vernünftig werden?

Nota: Sinn ist die Richtung, in die ich mein Leben führen soll. 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Samstag, 30. Mai 2026

Der Mann - das Opfer der Angestelltenzivilisation.

Ein Mann in einem blauen Overall steht auf einer Bühne mit ausgestreckten Armen. Der Hintergrund zeigt eine malerische Szene mit einem Sonnenuntergang, einem Himmel voller Wolken und angedeuteten Schiffskonstruktionen. 
aus derStandard.at, 29. Mai 2026                                                                     Sting im Hackler-Overall bei einer Aufführung seines Musicals "The Last Ship" in Amsterdam.                                                                                                         zu Männlich

Sting sieht die Krise des modernen Mannes im Verlust körperlicher Arbeit
Dass Männer ihre Hände nicht mehr zum Arbeiten benutzen würden, sieht der Musiker als Grund für toxische Ausprägungen von Männlichkeit

Der Musiker Sting, inzwischen 74 Jahre alt, macht sich Gedanken über seine jüngeren Geschlechtsgenossen. "Ich habe keine Antworten, aber vielleicht kommt das Toxische in der Gesellschaft daher, dass wir das Ziel für unsere Energie verloren haben, diese männliche Kraft", erklärte er in der britischen Zeitung Guardian.

"Ich arbeite als Musiker jeden Tag mit meinen Händen, und ich habe Glück. Es ist selten geworden, dass moderne Männer ihre Hände und ihre körperliche Stärke überhaupt noch einsetzen. Wir haben da etwas verloren", sagte er.

Ein männliches Musical

Anlass für das Interview war sein 2014 in Chicago uraufgeführtes Musical The Last Ship, das demnächst auch in London zu sehen sein wird. Darin wird das Schicksal von Männern erzählt, die in einer Werft arbeiten – ähnlich jener Werft im Ort Swan Hunter in Wallsend, in dem Sting aufwuchs.

Sting, der die Musik für das Stück schrieb und im September im Theatre Royal Drury Lane selbst auf der Bühne stehen wird, sagte, die Schließung der Werften habe eine Ära eingeläutet, in der der Norden Englands von aufeinanderfolgenden Regierungen im Stich gelassen worden sei.

Der Reichtum Großbritanniens wurde in den Kohlebergbaugebieten, den Stahlstädten und den Werften geschaffen, all diese Fähigkeiten, so Sting, wurden auf den Schrotthaufen geworfen. "Für Thatchers Traum von einer Dienstleistungsökonomie."

Identitätskrise

Viele der männlichen Figuren im Musical befinden sich in einer Identitätskrise, weil ihnen ihre berufliche Grundlage entzogen wird. Einer fragt: "Was sind wir Männer ohne ein Schiff, das wir vollenden können?" Sting betonte jedoch, dass die Produktion keine romantisierte Darstellung einer oft brutalen Industrie sei, in der es jährlich Hunderte von Unfällen gab und Todesfälle nicht selten waren.

Er selbst war derjenige, der dort nicht arbeiten wollte – aus gutem Grund. Dort sei mit Asbest gearbeitet worden und mit allen möglichen giftigen Chemikalien. "Gleichzeitig bin ich nostalgisch gegenüber dem Gemeinschaftsgefühl, in dem ich aufgewachsen bin." (red.)

 

Nota. -  Um es krass zu sagen: Die sogenannte Krise der Männlichkeit ist schlicht und einfach die Krise - nein: der Untergang der Arbeitszivilisation. Weniger spitz und doch nicht weniger bestimmt kann man sagen, die angebliche Vorherrschaft des Mannes war ein Ergebnis der Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft. Weni-ger fanatische und etwas kritischere feministische Ideolog*innen würden sagen: Männer haben die bürgerliche Gesellschaft eingerichtet. 

Das ist garnichtmal so falsch - in dem Sinne nämlich, dass die vorangegangenen agrarischen Gesellschaften auf spezifisch weiblichen Tugenden beruh ten, nämlich auf Ausdauer und Fleiß. An der Spitze agierten kriegerische Männer, doch wenn die dynastischen Zufälle es erlaubten, sind Frauen ohne weiteres in Führungspositionen eingetreten. Dort oben spielte das Geschlecht eine geringere Rolle als die lignée.

In der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft spielte es eine ebenso geringe Rolle wie Ausdauer und Fleiß; entscheidend war nunmehr Unternehmertum. Entschei-dend wo? Na, auf dem Markt, der mithin zum obersten Richter wurde. Und was an der Spitze Unternehmertum war, war in der Masse Arbeit.

Das war die industrielle Zivilisation. Auf dem Höhepunkt der Industrie traten an die Stelle der Unternehmer die Manager; trat an die Stelle des Risikos die Verwal-tung. Und Ausdauer und Fleiß überwucherten Einfall und Wagemut. 

Zur Angestelltenzivilisation gehört als deren Speerspitze der Feminismus

Doch die Ditgitale Revolution ist der Untergang der Arbeitsgesellschaft in ihrer Kümmerform: der Angestelltenzivilisation. 

Die Männlichkeit ist in der Krise? Der Feminismus ist an der Genderologie längst gescheitert.

Gottlob.
JE 

 

 

Freitag, 29. Mai 2026

Ein primärer Lebensphilosoph.

Wanderer                                                       zu Philosophierungen 

 
Das Werk Heideggers war Lebensphilosophie bis zum Exzess - und den hat er bekanntlich nicht gescheut. Sie ist schrill positiv und der Kritik nicht ge-
wachsen, weil sie Gründe nicht prüft, sondern schlicht behauptet.
 

Die praktische Philosophie beginnt da, wo die theoretische nicht weiterkann

Gedanklich endet meine Wendeltreppe bei den Ergebnissen der ‘kritischen’ alias Transzendentalphilosophie. Das wurde beanstandet, denn danach hat die Zahl der philosophischen Bücher wohl noch um ein Vielfaches zugenommen…

Ich wollte aber keinen kurzen Lehrgang durch die Geschichte der Philosophie schreiben, sondern ein Einführung ins Philosophieren selbst. Ich meine im Ernst, dass der theoretischen Philosophie seit den Tagen der Transzendentalphilosophen substanziell nicht mehr viel hinzugefügt wurde. Wo es theoretischen Erkenntnis-gewinn gab, handelte es sich weitgehend um die – philologische – Klärung von Missverständnissen. Wo die ‚Phänomenologie’ – Husserl und, in seinem Gefolge, Heidegger – zu brauchbaren Resultaten kommt, bestätigt sie doch immer nur, in weniger deutlichen Begriffen, die Ergebnisse der ‚kritischen’ alias Transzenden-talphilosophie. Ich bin so kühn, mutatis mutandis dasselbe über die ‚sprachanaly-tisch’-pragmatische Schule unserer Tage zu behaupten.

Der Umkreis der philosophischen Themen ist im großen Ganzen abgesteckt. In-nerhalb des Kreises mag das Feld immer und immer wieder neu bearbeitet und mö-gen den Themen immer wieder neue ‘Seiten’ abgewonnen oder das Gewonnene aus anderer Perspektive neu bestätigt werden. Tatsächlich ist die Philosophie seither so verfahren; soweit sie nämlich theoretisch und wissenschaftlich ist.

Doch hat sich seit dem 19. Jahrhundert, nämlich seit Schopenhauer und Kierke-gaard eine Variante der Philosophie ausgebildet, die ausdrücklich nicht theoretisch und auch nicht wissenschaftlich sein will, die Lebensphilosophie. Ihren bislang wort- und gedankenmächtigsten Vertreter hat sie in Nietzsche gefunden. Ihr Ehr-geiz ist es, die Frage nach dem Sinn des Lebens unmittelbar und positiv aufzuwer-fen und nicht länger über den Umweg metaphysischer Begriffsakrobatik. Philoso-phie soll praktische Lebenshilfe geben (und womöglich politisch wirksam werden). Damit ist sie im öffentlichen Leben so erfolgreich gewesen, dass sie im landläufigen Verständnis den Begriff der Philosophie ganz für sich vereinnahmt und die wissens-chaftliche Philosophie in die akademische Ecke gedrängt hat.*

Ihr Publikumserfolg ist verständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Nichts steht ihm freier als das. Es fragt sich nur, ob sich daraus eine positive Lehre entwickeln lässt, die der eine dem andern mit einem Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit vortragen darf.

*

Die Frage nach dem Sinn (des Lebens in) der Welt war der Urheber der Philosophie – und, durch sie, der Wissenschaft (die eine spezifisch abendländische Erscheinung ist). Das war der Ausgangspunkt und war der Schlusspunkt meiner “Wendeltreppe”. Die ständige metaphysische Versuchung unseres Verstandes – das, was Kant den “dialektischen Schein” genannt hat – ist es, in der Erkenntnis des Seienden einen Hinweis auf unser Sollen, auf die ‘rechte Lebensführung’ zu suchen. Wenn der Ein-zelne Bestandteil eines sinnhaft geordneten Kosmos ist, dann liegt es nahe, dem Teil dasselbe Ordnungsprinzip zu zu weisen wie dem Ganzen. ‘Was der Mensch soll’ ließe sich geradlinig aus dem, ‘wie die Welt beschaffen ist’, herauslesen.

Hans Erni, Odyssee

Doch die Erkenntnis des Seienden ist zirkulär und führt nirgends hin: ‘Die Natur’ antwortet uns ja immer nur auf die Fragen, die wir ihr stellen – und auch das nur unter Stöhnen und Seufzen. ‘Der Naturwissenschaftler beobachtet keines Wegs ‚die Natur’ so lange, bis sie ihm von allein ein Lied singt. Vielmehr reißt er aus der Na-tur vorsätzlich ein winziges Stück heraus, zwingt es in die Folterkammer seines La-bors und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit Ja oder Nein antwortet.’ Den „Sinn“ der Sachen – das, „worum es [uns] eigentlich geht“ – haben wir, als Frage, immer schon selber mitgebracht, und wenn wir ihn hernach ‚an’ den Sachen wieder erkennen, dann ist es nur der Schatten unserer „apriori-schen“ Absicht. ‚Die Natur’ kann uns nicht einmal sagen, wer oder was sie ‚ist’. Noch weniger kann sie wissen, was wir in einer Welt ‚sollen’, die längst mehr ge-worden ist als bloß Natur.

Die Kritik an diesem Irrtum ist dasjenige, was an der Philosophie wissenschaftlich ist.

Oder anders, wissenschaftlich ist die Philosophie nur als Kritik. Wenn ich sage, man kann leben, ohne zu philosophieren, dann heißt das: Man kann leben, ohne Wissen-schaft zu treiben. Um das Wort Philosophie – und wer es alles für sich in Anspruch nehmen darf – muss man sich nicht streiten. Auch die Philosophischen Lebensbera-tungs-Dienste unserer Tage dürfen sich so nennen, gesetzlich geschützt ist das Wa-renzeichen nicht. Aber ich bestehe auf einer scharfen Unterscheidung zwischen kri-tischer, wissenschaftlicher Philosophie und landläufiger Lebensweisheit.

Das ist eine politische Erfordernis.

Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn. Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des sieb-zehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltereignis. Herrschaft kon-nte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ord-nung überhaupt denkbar. Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissen-schaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.

House of Commons

Der einzig begründete Ausgangspunkt der praktischen Philosophie ist ein negativer: dass die theoretische Philosophie – nach den Ergebnissen der ‚Kritik’ – im Sein kei-nen Sinn nachweisen kann. Der Sinn ist das, was  nicht durch Notwendigkeit vor-gegeben ist, sondern: – ‚durch Freiheit möglich’ wäre. Sinn kann man nicht finden, sondern muss man erfinden.

Ist er also beliebig?

Na ja. Jedenfalls nicht in dem ‚Sinn’, dass erlaubt ist, was einem grade ‚in den Sinn kommt’. Denn was aus Freiheit geschah, lässt sich zwar nicht ‚begründen’, nämlich aus theoretischen Einsichten herleiten; aber man wird es rechtfertigen müssen, nämlich vor mir selber und dann vor all denen, denen ich ihrerseits Freiheit zumute und denen ich über den Weg laufe. Dann wird man sehen…

Mit andern Worten: Würde ich nicht in einer Welt leben, die ich ‚in Freiheit’ mit Andern teile, bräuchte ich keine praktische Philosophie und keinen ‚Sinn des Le-bens’. Ich lebte vor mich hin, und damit gut.

*

Zwar kann die Wissenschaft (mit jedem Tag genauer) sagen, ‘was ist’. Denn das ist die theoretische Frage, die in ihr Ressort fällt. Aber was wer soll, ist eine praktische Frage, die nicht nach wahr oder falsch, sondern nach gut oder schlecht zu entschei-den ist. Und die fällt eben nicht in ihr Ressort: Denn gegenüber den Fragen des praktischen Lebens verhält sie sich, da sie theoretisch ist, rein kritisch: indem sie sagt, was nicht ist. Die Frage, wie und wohin ich mein Leben führe, ist eine prak-tische Frage; und eine private. Die Wissenschaft kann mir sagen, ob es good vibra-tions gibt, auf die ich rechnen darf, oder nicht; danach muss ich selber entscheiden.

Die Frage, wohin die Staaten und die Gesellschaften steuern, ist öffentlich, aber sie ist nur in Grenzen theoretisch. Denn Antwort hängt von denen ab, die sie stellen, und die sind Handelnde, bevor sie wissenschaftlich Erkennende sind; darum läuft die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer hinter-her und bringt es allenfalls zur self-fulfilling prophecy**. Und dabei ist die Frage, wohin sie steuern sollen , noch nicht einmal angeschnitten. Könnten die Gesell-schaftswissenschaften wirklich voraussagen: Wenn ihr dies tut, geschieht das, und wenn ihr jenes tut, dann geschieht jenes – dann müsste die Frage, ob wir ‘das’ oder lieber ’jenes’ wollen, immer noch praktisch entschieden werden; ‘aus Freiheit’, wie Kant das nennt. So gibt es ein unmittelbares politische Interesse daran, dass sich die Wissenschaften ihrer Grenzen jederzeit klar bewusst bleiben; Hirnforschung incl.

*

sprung
Lebensweisheit ist dagegen eine Privat-angelegenheit und gehört in meine Welt, wenn ich so sagen darf. Erstens geht sie nur mich selber an. Wenn ich zweitens darüber hinaus einen Drang spüre, meine Anschauungen (!) andern mitzuteilen, dann stehen mir dazu die Mittel der nicht-diskursiven Mitteilung zu Gebot; die Mittel der Kunst nämlich. Philosophie könne man eigentlich nur noch dichten, meinte Wittgenstein...

Die Kritik führt bis zu diesem Punkt: Damit überhaupt etwas gelten kann, muss ein Absolutum gelten. Aber wir (die Wissenschaften) können euch nicht bis dort hin führen. Begründen können wir das Absolute nicht. Wenn wir an jener Stelle sind, müsst ihr selber springen – auf eigne Faust; und mögt euch hinterher rechtfertigen. Nämlich vor euch selber und denen, die in euerm Privatleben sonst noch vorkommen.

Wer künstlerische Berufung fühlt, der trete vors große Publikum. Der Kritik ist er dort freilich nicht entzogen, ganz im Gegenteil. Nur ist es jetzt die Kunstkritik – die umso unerbittlicher ist, als sie selber Teil des kritisierten Gegenstandes ist. Die Kunst hat sich im Laufe der Neuzeit wie die Wissenschaft zu einer gesellschaftli-chen Instanz entwickelt, und die Kritik ist deren Teil. Wissenschaftlich ist sie nicht, sondern ästhetisch. Sie kann nicht (logisch) demonstrieren, sondern nur (anschau-lich) zeigen. Sie kann – wie die Kunst selber – Beifall heischen, aber kein Einver-ständnis erzwingen, wie die Wissenschaft.

*

Das gilt im selben Maß von den praktischen Staats- und Gesellschaftslehren. Die wissenschaftliche Kritik kann ihnen ihre Grenzen zeigen – und dass sie nicht Fleisch von ihrem Fleisch sind. Sie selber haben sich der Öffentlichkeit möglichst anschaulich darzustellen. Sie fordern zu Wertentscheidungen heraus, und die sind – in weitestem Sinn – ein ästhetischer Akt. Doch das Ästhetische liegt nicht jenseits der Vernunft, sondern diesseits. Es liegt ihr zu Grunde.

.das Neue Jerusalem

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*) In derselben Zeit beobachten wir in der Kunst die Scheidung zwischen dem ernsten und dem unterhaltenden Genre. Crossover ist auch da eine ständige Versuchung.

**) In einer UFA-Komödie sagt Grete Weiser: “Wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?” So geht es ‘der Gesellschaft’, wenn sie sich nach den Zielen ihres Handelns fragt. Wie können wir wissen, was wir wollen, bevor wir sehen, was wir tun?  

im Februar 2009 

 

Donnerstag, 28. Mai 2026

Zu Heideggers 50. Todestag.

                                           zu Philosophierungen

Ludwig Wittgenstein, der die Transzendentalphilosophie nicht verstanden hatte, schrieb, Philosophie im engeren Sinne ließe sich "nur dichten".

Begeisterte möchten meinen, das könne auf Heidegger zielen, der die Transzen-dentalphilosophie auch nicht verstanden hat. 

Doch von Dichtern würde man ein schöneres Deutsch erwarten.


Mittwoch, 27. Mai 2026

Denken unter Stress.

Illustration of the brain fornix (orange) and commissure of fornix (blue). The brain fornix is involved in memory function, associated with Alzheimer's disease and amnesia. Front view
aus welt.de, 27. 5. 2026            Das Gehirn arbeitet unter Stress anders als gewohnt             zu Jochen Ebmeiers Realien
 
„Akuter Stress beeinträchtigt einen zentralen Mechanismus des Gedächtnis“
Unter Druck können Menschen oft schlechter denken als gewohnt. Forscher haben nun untersucht, wie akuter Stress zentrale Prozesse im Gehirn verändert – und wann Eindrücke leichter im Gedächtnis bleiben.

Von Larena Klöckner 

Stress vor einem Vorstellungsgespräch oder einer Prüfung macht nicht nur nervös. Offenbar erschwert er auch, dass das Gehirn neue Informationen mit alten Erinnerungen verbindet. Genau das brauchen Menschen aber, um Situationen richtig einzuordnen.

Ein Forschungsteam der Universitäten Hamburg und der Universität Texas hat untersucht, wie akuter Stress das Denken verändert. Die Forscher wollten verstehen, warum Menschen unter Druck neue Informationen schlechter mit bereits Gelerntem verknüpfen. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal „Science Advances“.

Für die Studie lernten 121 Teilnehmer zunächst verschiedene Bildpaare aus Tieren, Gesichtern und Landschaften. Am nächsten Tag musste etwa die Hälfte der Probanden ein simuliertes Vorstellungsgespräch führen. Dabei sollten sie sich selbst präsentieren und schwierige Kopfrechenaufgaben lösen. Die Kontrollgruppe hielt dagegen nur eine lockere Rede und rechnete einfache Aufgaben.

Direkt danach sahen alle Teilnehmer neue Bildpaare. Etwa eine Stunde später prüften die Forscher, ob die Teilnehmer die Informationen aus beiden Tagen miteinander verbinden konnten. Ein Beispiel: Wer sich zuerst ein Gesicht zusammen mit einer Katze gemerkt hatte und später dieselbe Katze mit einem blauen Würfel sah, konnte daraus ableiten, dass das Gesicht und der Würfel zusammengehören.

Genau das fiel gestressten Teilnehmern schwerer. Allerdings nicht immer, sondern vor allem bei Bildern, die Teilnehmer subjektiv eher positiv bewerteten. Bei negativ bewerteten Bildern zeigte sich kein nennenswerter Unterschied. Die Forscher setzten funktionelle Magnetresonanztomographie ein, um den Hippocampus zu beobachten. Diese Hirnregion steuert, wie wir erinnern und lernen.

Normalerweise ruft der Hippocampus frühere Erfahrungen automatisch ab, sobald Menschen Neues lernen. Das Gehirn verknüpft dann alte und neue Inhalte miteinander. Unter Stress funktionierte dieser Prozess schlechter. Je weniger diese Reaktivierung stattfand, desto schwerer fiel den Teilnehmern später das Schlussfolgern. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass akuter Stress einen zentralen Mechanismus der Gedächtnisintegration beeinträchtigt“, schreiben die Autoren.

Die Forscher entdeckten noch einen weiteren Effekt: Das Gehirn speicherte verwandte Erinnerungen unter Stress stärker getrennt voneinander ab. Statt ein zusammenhängendes Netzwerk zu bilden, behandelte der Hippocampus die Informationen eher wie einzelne, unabhängige Ereignisse.

Bemerkenswert ist dabei: Die Teilnehmer konnten sich die einzelnen Bilder trotz Stress weiterhin gut merken. Der Stress störte also nicht das Lernen selbst. Er erschwert vor allem, dass das Gehirn verschiedene Erinnerungen miteinander verbindet.

Die Forscher vermuten, dass ihre Ergebnisse erklären könnten, warum Menschen unter Druck oft unflexibler denken oder Situationen schlechter einordnen. Das betrifft Prüfungssituationen, aber auch Verhöre oder psychische Erkrankungen. Denn auch Angststörungen und Psychosen gehen häufig damit einher, dass Betroffene Erfahrungen schlechter miteinander verknüpfen.

Noch ist allerdings offen, wie stark sich die Ergebnisse auf den Alltag übertragen lassen. „Die Kombination aus Verhaltenstests und neuronaler Bildgebung, um tatsächlich zu sehen, was schief läuft, ist wirklich überzeugend“, wird Brice Kuhl zitiert, ein Neurowissenschaftler an der University of Oregon in Eugene, der nicht an der Studie beteiligt war.

 

Nota. - Für schulisches Lernen ist bemerkenswert, dass weniger für das Lernen von Neuem als vielmehr für dessen Einordnen in Zusammenhänge, in denen es aufbe-wahrt und 'behalten' wird, ein "entspanntes Milieu" erforderlich ist, wie es in der Gestalttheorie seit langem heißt. Auch das Abfragen von Gelerntem in förmlichen Prüfungen ist unter dem Gesichtspunkt zu bewerten.
JE 

Chinas Dilemma.

                                      zu   öffentliche Angelegenheiten           Der chinesische Traum möchte wohl auch Putins Traum sein: ...