
aus scinexx.de, 16. 4. 2016 zu öffentliche Angelegenheiten
Antike Wunderwaffe: Bei einer Belagerung Pompejis vor gut 2.100 Jahren könnten die Römer eine legendäre Waffe eingesetzt haben – das mehrschüssige Polybolos. Dieser antike Vorläufer des Maschinengewehrs konnte mithilfe eines kettengetriebenen Mechanismus sehr schnell mehrere Bolzen nacheinander feuern. Mögliche Spuren dieser Geschosse haben Archäologen nun in der nördlichen Stadtmauer von Pompeji identifiziert.
Die Stadt Pompeji ist eine einzigartige Zeitkapsel der Antike: Durch den Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 wurde sie mit Asche überdeckt und nahezu perfekt konserviert. Ausgrabungen haben dort prachtvolle Villen, Badehäuser und Wandfresken zutage gefördert, aber auch Überreste der Bewohner und ihrer Alltagsobjekte. Ebenfalls erhalten geblieben ist die bis zu sechs Meter hohe Stadtmauer von Pompeji, bisher ist jedoch nur ein Mauerabschnitt im Norden der Stadt freigelegt.

Spuren der römischen Belagerung
Dieser nördliche Teil der Pompeji-Stadtmauer hat es in sich: In den Mauersteinen klaffen zahlreiche Löcher, die auf intensiven Beschuss hindeuten. „Diese Zeitzeugnisse haben römische Umbauten, Naturkatastrophen, die Bomben des Zweiten Weltkriegs und moderne Maßnahmen überdauert“, erklären Adriana Rossi von der Vanvitelli-Universität Kampaniens und ihre Kollegen. Ihre historische Bedeutung sei jedoch lange nicht klar gewesen.
Inzwischen ist jedoch klar, dass diese Einschusslöcher von der Belagerung Pompejis durch den römischen Feldherrn Lucius Cornelius Sulla im Jahr 89 vor Christus stammen. Anlass des Angriffs war der sogenannte Bundesgenossenkrieg (Bellum Sociale), bei dem italienische Stämme gegen die Römer rebellierten, weil ihnen ein volles Bürgerrecht verweigert wurde. Die Stadt Pompeji stand in diesem Krieg auf Seiten der Aufständischen und sollte durch den Angriff Sullas und seiner Truppen unterworfen werden.Die großen Löcher in der Stadtmauer verraten, dass die Römer bei ihrer Belagerung Katapulte einsetzten, mit denen sie schwere Sandsteinkugeln auf die Mauer und ihre Verteidiger schossen.
Doch das war nicht alles: Neben solchen größeren Geschossspuren finden sich in der Mauer von Pompeji auch kleinere, auffallend regelmäßig angeordnete Einschüsse. „Diese fächerförmigen Löchergruppen fallen nicht nur durch ihre rechteckige Form auf, sondern auch durch ihre bogenförmige Anordnung mit kurzen, regelmäßigen Abständen“, berichten Rossi und ihr Team. Damit unterscheiden sich diese meist in Dreier- oder Viergruppen stehenden Löcher deutlich von den Spuren der großen Katapultgeschosse.
Aber was war ihre Ursache? Um dies herauszufinden, haben Rossi und ihr Team die kleinen Löcher mithilfe von Laserscans und weiteren Methoden noch einmal genauer analysiert. Anhand von digitalen 3D-Modellen und Vergleichen mit antiken historischen Quellen untersuchten sie, welche Waffen solche Löcher hinterlassen haben könnten.

„Polybolos“- eine antike Automatikwaffe
Das Ergebnis: Die größte Übereinstimmung zu den rätselhaften Löchern fanden die Archäologen in einer Beschreibung des griechischen Gelehrten und Erfinders Philon von Byzanz aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert. Dieser berichtete in seinem „Handbuch der Mechanik“ von einem „Polybolos“ – einer Schusswaffe, mit der man mehrere metallene Bolzen schnell hintereinander verschießen konnte.
Möglich wurde dies durch einen ausgeklügelten Kurbel- und Ketten-Mechanismus, durch den nach jedem Schuss automatisch ein Bolzen aus einem Magazin in die Abschussvorrichtung nachrutschte. „Die Geschosse streuen nicht, sondern erzeugen eine Bahn, die mehr oder weniger entlang eines Kreissegments liegt“, beschreibt Philon den Effekt dieses Mehrschüssers. Im Prinzip war das Polybolos damit ein antiker Vorläufer des modernen Maschinengewehrs.
Nach Ansicht von Rossi und ihrem Team passen die Löcher in der Stadtmauer von Pompeji ziemlich gut zu diesen antiken Beschreibungen. „Die radiale Konfiguration und engen Abstände der Einschüsse in Pompeji machen die Nutzung einer solchen automatischen Waffe plausibel“, schreiben die Archäologen. Um dies zusätzlich zu überprüfen, haben sie ein Polyboros virtuell nachgebaut und dessen Schussmuster digital analysiert. Auch nies ergab gute Übereinstimmungen zu den Löchern in der Stadtmauer von Pompeji.
Der römische Feldherr Sulla könnte das Polybolros in seiner Zeit als Gouverneur der Provinz Kilikien, heute Teil der Türkei, kennengelernt haben, wie Rossi und ihr Team erklären. Denn diese Provinz umfasste auch die Insel Rhodos, die damals ein Zentrum der Waffenproduktion war – und auf der das Polybolos der Überlieferung nach erfunden wurde. „Es ist daher plausibel, dass Sulla – ein politisch erfahrener und technischer versierter Kommandeur – eine solche Mehrschusswaffe bei der Belagerung von Pompeji einsetzte“, so die Archäologen.
Ob dank der Katapulte oder durch das „Maschinengewehr“: Die Strategie Sullas hatte Erfolg. Die Römer durchbrachen die Verteidigungslinien und Mauern Pompejis und eroberten im Jahr 80 vor Christus die Stadt. Pompeji wurde dadurch zu einer römischen Kolonie und seine Bewohner nahmen im Laufe der folgenden Jahrzehnte zunehmend römische Sitten an – bis ihre Stadt und viele Bewohner im Jahr 79 nach Christus vom Ausbruch des Vesuv verschüttet wurde. (Heritage, 2026; doi: 10.3390/heritage9030096)
Quelle: Heritage; 16. April 2026 - von Nadja Podbregar















