zu Philosophierungen Ludwig Wittgenstein, der die Transzendentalphilosophie nicht verstanden hatte, schrieb, Philosophie im engeren Sinne ließe sich "nur dichten".
Begeisterte möchten meinen, das könne auf Heidegger zielen, der die Transzen-dentalphilosophie auch nicht verstanden hat.
Doch von Dichtern würde man ein schöneres Deutsch erwarten.
aus welt.de, 27. 5. 2026 Das Gehirn arbeitet unter Stress anders als gewohnt zuJochen Ebmeiers Realien
„Akuter Stress beeinträchtigt einen zentralen Mechanismus des Gedächtnis“
Unter Druck können Menschen oft schlechter denken als gewohnt. Forscher haben nun untersucht, wie akuter Stress zentrale Prozesse im Gehirn verändert – und wann Eindrücke leichter im Gedächtnis bleiben.
Stress vor einem Vorstellungsgespräch oder einer Prüfung macht nicht nur nervös. Offenbar erschwert er auch, dass das Gehirn neue Informationen mit alten Erinnerungen verbindet. Genau das brauchen Menschen aber, um Situationen richtig einzuordnen.
Ein Forschungsteam der Universitäten Hamburg und der Universität Texas hat untersucht, wie akuter Stress das Denken verändert. Die Forscher wollten verstehen, warum Menschen unter Druck neue Informationen schlechter mit bereits Gelerntem verknüpfen. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal „Science Advances“.
Für die Studie lernten 121 Teilnehmer zunächst verschiedene Bildpaare aus Tieren, Gesichtern und Landschaften. Am nächsten Tag musste etwa die Hälfte der Probanden ein simuliertes Vorstellungsgespräch führen. Dabei sollten sie sich selbst präsentieren und schwierige Kopfrechenaufgaben lösen. Die Kontrollgruppe hielt dagegen nur eine lockere Rede und rechnete einfache Aufgaben.
Direkt danach sahen alle Teilnehmer neue Bildpaare. Etwa eine Stunde später prüften die Forscher, ob die Teilnehmer die Informationen aus beiden Tagen miteinander verbinden konnten. Ein Beispiel: Wer sich zuerst ein Gesicht zusammen mit einer Katze gemerkt hatte und später dieselbe Katze mit einem blauen Würfel sah, konnte daraus ableiten, dass das Gesicht und der Würfel zusammengehören.
Genau das fiel gestressten Teilnehmern schwerer. Allerdings nicht immer, sondern vor allem bei Bildern, die Teilnehmer subjektiv eher positiv bewerteten. Bei negativ bewerteten Bildern zeigte sich kein nennenswerter Unterschied. Die Forscher setzten funktionelle Magnetresonanztomographie ein, um den Hippocampus zu beobachten. Diese Hirnregion steuert, wie wir erinnern und lernen.
Normalerweise ruft der Hippocampus frühere Erfahrungen automatisch ab, sobald Menschen Neues lernen. Das Gehirn verknüpft dann alte und neue Inhalte miteinander. Unter Stress funktionierte dieser Prozess schlechter. Je weniger diese Reaktivierung stattfand, desto schwerer fiel den Teilnehmern später das Schlussfolgern. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass akuter Stress einen zentralen Mechanismus der Gedächtnisintegration beeinträchtigt“, schreiben die Autoren.
Die Forscher entdeckten noch einen weiteren Effekt: Das Gehirn speicherte verwandte Erinnerungen unter Stress stärker getrennt voneinander ab. Statt ein zusammenhängendes Netzwerk zu bilden, behandelte der Hippocampus die Informationen eher wie einzelne, unabhängige Ereignisse.
Bemerkenswert ist dabei: Die Teilnehmer konnten sich die einzelnen Bilder trotz Stress weiterhin gut merken. Der Stress störte also nicht das Lernen selbst. Er erschwert vor allem, dass das Gehirn verschiedene Erinnerungen miteinander verbindet.
Die Forscher vermuten, dass ihre Ergebnisse erklären könnten, warum Menschen unter Druck oft unflexibler denken oder Situationen schlechter einordnen. Das betrifft Prüfungssituationen, aber auch Verhöre oder psychische Erkrankungen. Denn auch Angststörungen und Psychosen gehen häufig damit einher, dass Betroffene Erfahrungen schlechter miteinander verknüpfen.
Noch ist allerdings offen, wie stark sich die Ergebnisse auf den Alltag übertragen lassen. „Die Kombination aus Verhaltenstests und neuronaler Bildgebung, um tatsächlich zu sehen, was schief läuft, ist wirklich überzeugend“, wird Brice Kuhl zitiert, ein Neurowissenschaftler an der University of Oregon in Eugene, der nicht an der Studie beteiligt war.
Nota. - Für schulisches Lernen ist bemerkenswert, dass weniger für das Lernen von Neuem als vielmehr für dessen Einordnen in Zusammenhänge, in denen es aufbe-wahrt und 'behalten' wird, ein "entspanntes Milieu" erforderlich ist, wie es in der Gestalttheorie seit langem heißt. Auch das Abfragen von Gelerntem in förmlichen Prüfungen ist unter dem Gesichtspunkt zu bewerten. JE
„Die fehlende inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD hat die Partei so stark gemacht“Die Welt, 27. 5. 2026
Das ist keine Frage des Stils, der Taktik oder der Kommunikation, sondern der poli-tische Kern. Denn um darzustellen, dass die AfD die falschen Fragen stelle oder falsche Antworten gäbe, hätte man wohl schon deutlich machen müssen, welches die richtigen Frage und welches darauf die richtigen Antworten wären: Man hätte ein Programm vorlegen müssen.
Und dann hätte jedermann sehen können, dass sie selber keins haben - außer, dass es ihnen um dieselben Posten geht wie eh und je.
Was wären die richtigen Fragen?
- Wie werden wir künftig arbeiten und was tragen digitale Revolution alias KI und Globalisierung dazu bei?
- Welches sind Deutschlands Aufgabe in Europa und Europas Platz in der Welt?
Aus beiden Feldern ergibt sich, dass Migration eine untergeordnete Frageist - nicht etwa eine nebensächliche, sondern eine, die praktisch überhaupt erst lösbar wird, wenn man sie von den übergeordneten Gesichtspunktenher betrachtet.
Ein solches Programm hat keine der in Deutschland aktiven politischen Kräfte. Eine allerletzte Hoffnung war, dass die Krise, die nach der SPD nun endlich die Union erfasst hat, den Weg freimachen könnte für die schließliche Ausbildung einer solchen Kraft. Doch dann schien mir, dass die Wahl von Friedrich Merz zum CDU-Vorsitzenden auch diese Möglichkeit verbaut hat.
Als er dann doch noch Bundeskanzler wurde, sah es momentan so aus, als könne nicht nur für die CDU eine letzte historische Chance erwachsen. Ist diese Hoffnung nun endlich auch verstorben?
Andererseits: Die Krise der CDU hat ihren Höhepunkt noch weit vor sich.
Hab ich nach Jahren des Spotts meine Vorbehalte gegen Friedrich Merz voreilig aufgegeben? Dass er sein neues, so heiß erhofftes Amt nicht in Prahlhans-Manier, sondern behutsam taktierend übernommen und der Rolle Deutschlands in Europa und Europas in der Welt den Vorrang gegeben hat, war völlig richtig, und dass er sich innenpolitisch nicht zu Schnellschüssen verleiten ließ, war es auch.
Aber ein Jahr ist gegenwärtig eine lange Zeit, konventionell gibt man der Schonfrist nur hundert Tage.
Hoffen darf man zwar weiter, doch schonen muss man nun nicht mehr.
Trauer
in der Jazzwelt: Der Musiker Sonny Rollins ist im Alter von 95 Jahren
gestorben. Miles Davis nannte ihn einst „den größten Tenorsaxophonisten
aller Zeiten“.
Der
legendäre Saxophonist und Jazzkomponist Sonny Rollins ist tot. Rollins
starb im Alter von 95 Jahren in seinem Zuhause in Woodstock im
US-Bundesstaat New York, wie es in einem Post auf seiner offiziellen
Facebook-Seite heißt. Eine Todesursache wurde zunächst nicht bekannt
gegeben. ...
Rollins
wurde 1930 im New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Mit seinem
unverwechselbaren Ton – voll, robust, rau, zugleich aber subtil und
nuanciert – galt der vielfach ausgezeichnete Rollins in der Jazzwelt als
„Saxophon-Koloss“. So nannte er auch eines seiner Alben im Jahr 1956.
Er arbeitete mit allen Großen seiner Szene zusammen, ob Charlie Parker,
Thelonious Monk oder John Coltrane. Die meisten von ihnen überlebte er
lange.
Von
seinen Aufnahmen gehören unter anderem „Oleo“, „Doxy“ und „St. Thomas“
zum Jazzstandard. Der Trompeter Miles Davis, den Rollins in seinen
Anfangsjahren in verschiedenen Gruppen begleitete, nannte ihn „den
größten Tenorsaxophonisten aller Zeiten“. Atemwegserkrankungen zwangen
Rollins vor einigen Jahren in den Ruhestand. ...
Kunstsensation: London zeigt Monets Themse-Ansichten
Ein Traum auf Erbsensuppengrün
Nach
120 Jahren bekommt London endlich die Bilder zu sehen, die Claude Monet
hier malte: Seine berühmte Gemäldeserie mit Themse-Ansichten wird in
der Courtauld Gallery ausgestellt.
von Andreas Platthaus
Ein
Maler, zwei Räume, drei Motive, 21 Bilder. Das klingt nach nicht viel,
aber zusammen ergibt es eine der schönsten Ausstellungen des Jahres. Und
ein spektakuläres Rekonstruktionsprojekt, auch wenn es nur zur Hälfte
erfolgt ist. Aber der Reihe nach.
Der Maler, das ist Claude Monet
– derjenige unter den Impressionisten, auf den sich Frankreich früh als
Nationalliebling geeinigt hat, was kurz vor dem Lebensende des 1840
geborenen Künstlers dadurch bekräftigt wurde, dass er seinem Heimatland
(in Person seines guten Freundes Georges Clemenceau, des
Staatspräsidenten) anlässlich des Siegs über Deutschland im Ersten
Weltkrieg den jüngst vollendeten Zyklus mit großformatigen
Seerosenbildern schenkte.
Der
Friedensvertrag von Versailles war eine süße Revanche auch für
Monet, der 1870 mit Frau und Sohn vor den anrückenden preußischen
Truppen aus Paris nach London
geflohen war. Dort sah er zum ersten Mal das, was damals (und noch
lange danach) als Londoner Nebel berühmt war und heute nicht mehr
existiert, weil der Luftverschmutzung durch Kohlefeuerung Einhalt
geboten worden ist.
Umweltverschmutzung intensivierte diese Farbpracht: Monets „London, Parliament. Sunlight in the fog“, 1904.
Dieser
Smog in der damals größten Stadt der Welt sorgte für erstaunliche
Himmels- und Sonnenlichtfärbungen, und da Monet erst wenige Jahre
vorher damit begonnen hatte, solche Eindrücke zu zentralen
Stimmungsphänomenen seiner Malerei zu machen (was der von ihm maßgeblich
inspirierten Stilrichtung die anfangs als Schimpfname gedachte
Bezeichnung „Impressionismus“ eintragen sollte), war er vom
Exilaufenthaltsort bezaubert und nahm sich vor, in friedlicheren Zeiten
dorthin zurückzukehren, um in Ruhe an einer Bilderserie zu arbeiten, die
dem ihn am meisten begeisternden Phänomen gelten sollte: den
wechselnden Lichteffekten auf dem Wasser der Themse.
Bis es so weit war, sollte allerdings noch viel Zeit vergehen, aber
schließlich kam Monet gleich dreimal hintereinander für jeweils mehrere
Wochen nach London und malte: in den dunkleren Monaten der Jahre 1899,
1900 und 1901.
Freude am „köstlichen Nebel“
Die
zwei Räume, das ist die Sonderausstellungsfläche der Courtauld Gallery
im Somerset House. Das liegt in London, und zwar gerade einmal
dreihundert Meter entfernt vom Hotel Savoy, wo Monet sich zum Malen
einquartierte, weil das seinerzeit teuerste Haus der Stadt in seinen
fünf Obergeschossen Zimmer mit großen Balkons zur Themse hin bot, Monet
mietete gleich zwei davon: eines als Wohn-, das andere als
Arbeitszimmer. In den Briefen an seine Frau, die ihn nur bei der ersten
Rückkehr begleitete, begeisterte sich der Maler über das, was ihm
geboten wurde, vor allem eben der „köstliche Nebel“, auf den er jeden
Morgen hoffte.
Claude Monet, „Waterloo Bridge, Gray Weather“, 1900
„Pea
soup fog“ nannten die Londoner diese Wetterlage, und die
Courtauld-Kuratorin Karen Serres hatte die, nun ja, brillante Idee, ihre
beiden Räume für die Sonderausstellung mit Monets Themse-Ansichten in
Erbsensuppengrün streichen zu lassen.
Die
Bilder strahlen darauf in Farben, die man auf ihnen nie zuvor
wahrgenommen hat, und die Hängung simuliert in ihrer Dichte, was Monet
empfunden haben muss, als die Sonnenauf- und -untergänge für derart
schnell wechselnde Impressionen sorgten, dass er ständig an mehreren
Bildern gleichzeitig malte, die ja jeweils nur eine bestimmte Stimmung
festhalten sollten. Am Ende der drei Jahre waren auf diese Weise in
London an die hundert Leinwände zusammengekommen, die für Monet
allerdings sämtlich noch nicht fertig waren und daheim in Giverny aus
der Erinnerung vollendet wurden, teilweise erst viele Jahre später.
Claude Monet, „Houses of Parliament, Sunset“, 1900–1903
Drei
Motive, das ist die Folge von Monets Wahl seines Domizils. Flussabwärts
fiel sein Blick vom Balkon des Savoy auf die Waterloo Bridge,
flussaufwärts eröffnete sich ihm ein Panorama mit der Charing Cross
Bridge im Vorder- und dem neogotischen Parlamentsgebäude von Westminster
im Hintergrund. Das wurden seine drei Motive, immer wieder neu
inszeniert vom sich verändernden Licht, aber immer vom gleichen
Standpunkt aus gemalt, wobei Monet sich für die Ansichten des
Parlamentsgebäudes von 1900 an aufs andere Themse-Ufer begab, wo das
Gebäude ihm direkt gegenüber lag. So entstanden insgesamt 93 Bilder: 41
Ansichten der Waterloo Bridge, 34 der Charing Cross Bridge und neunzehn
von Westminster.
21
Bilder, das ist das zweigrößte Konvolut aus der Werkgruppe, der jemals
versammelt wurde. Größer war nur jene Pariser Ausstellung, auf der Monet
1904 seine Themse-Ansichten überhaupt zum ersten Mal vorstellte. Da
waren es 37, acht Mal Charing Cross, elf Mal Parlament und achtzehn Mal
Waterloo – Monets favorisierte Bilder aus dem Gesamtkomplex, alle
eigens von ihm frisch für die Schau vollendet. Karen Serres wollte für
ihre Ausstellung so viele wie möglich davon zusammenbekommen, und es
kamen aus aller Welt fast die Hälfte zusammen, nämlich achtzehn: drei
Mal Charing Cross, sechs Mal Parlament und neun Mal Waterloo – also dem
Verhältnis der Motive zueinander nach ziemlich genau wie in Monets
ursprünglicher Auswahl.
London musste fast 120 Jahre auf diese Schau warten
Die
drei zusätzlichen Bilder tragen der Tatsache Rechnung, dass sich nur
zwei von Monets London-Bildern in britischen Sammlungen befinden, beides
später vollendete Ansichten der Charing Cross Bridge (eine davon wurde
1949 Churchill von seinem Literaturagenten geschenkt – mit der
Bemerkung, wenn er wieder Premierminister werde, würde sich der Nebel
über England lichten).
Und
schließlich noch ein Westminster-Gemälde aus dem Kunsthaus Zürich, das
deshalb besonderes Interesse beanspruchen darf, weil Monet es 1905 für
eine dann doch nicht zustande gekommene Londoner Ausstellung vollendete
und dabei ein Motiv annähernd wiederholte, das im Vorjahr schon an den
berühmten Pariser Sammler Isaac de Camondo verkauft worden war und also
nicht mehr zur Verfügung stand. Nun wird nicht nur nach fast 120 Jahren
die Londoner Schau endlich nachgeholt, sondern darin auch ein Vergleich
beider Bilder möglich, weil das frühere aus dem Musée d’Orsay
ausgeliehen werden konnte.
Genug
der Fakten, am Schluss eine Impression: Diese erbsensuppengrün
grundierte Ausstellung strahlt, als wären die Bilder gerade von der
Staffelei genommen. Man muss hier einmal die Lichtsetzerin nennen:
Zerlina Hughes. Wie wichtig ist die Arbeit solcher Koryphäen für ein
Ausstellungserlebnis! Denn nur dann entfaltet sich die ganze Magie eines
Bildes wie Monets „Le soleil dans le brouillard“ (Die Sonne im Nebel),
sonst in der National Gallery of Canada in Ottawa und das schönste Bild
der Schau. Wie da die wie eine verschrumpelte Mandarine über der
Waterloo Bridge stehende Sonne durch einen Brückenbogen hindurch die
Themse entflammt, das entzündet eine schier unlöschbare [...]
Monet and London – Views of the Thames. In der Courtauld Gallery, London; bis 19. Januar 2025. Der Katalog (Holborton) kostet 25 Pfund.
ausderStandard.at, 21. 5. 2026 Um 3100 v. Chr. diente das Steingrab von Sorsum als
gemeinschaftliche Begräbnisstätte (hier eine künstlerische Darstellung)
für die dort ansässigen bäuerlichen Gemeinschaften. Genetische Analysen
zeigten, dass unter den Bestatteten unter anderem der Sohn einer Familie
aus einer Region war, die über 200 Kilometer weiter südlich liegt. zuöffentliche Angelegenheiten
Überraschung aus der Steinzeit:
Vater und Sohn durch hunderte Kilometer getrennt
Analysen von 5000
Jahre alten Megalithgräbern in Deutschland zeigen die bislang
enfernteste neolithische Verwandtschaft ersten Grades – und stellen alte
Annahmen infrage
von Thomas Bergmayr
Vor mehr als 5000 Jahren wurde im hessischen Niedertiefenbach ein Mann in einem sogenanntenGaleriegrab
beigesetzt. Das ist eine steinzeitliche Grabanlage, für die große Steine
(altgriechisch: Megalithe) in zwei Reihen angeordnet wurden. Sein Sohn
hingegen fand seine letzte Ruhe rund 225 Kilometer weiter nördlich, in
einer in den Fels geschlagenen Kammer bei Sorsum, südwestlich des
heutigen Hildesheim in Niedersachsen.
Dass die beiden zu Lebzeiten voneinander wussten, lässt sich nicht
beweisen. Dass sie biologisch Vater und Sohn waren, dagegen schon, wie
ein internationales Forschungsteam fünf Jahrtausende später nachweisen
konnte. Es ist der bisher größte dokumentierte geografische Abstand
zwischen Verwandten ersten oder zweiten Grades aus dem Neolithikum.
Spätneolithisches Mosaik
Vater
und Sohn lebten in einer Welt, in der zwischen der Iberischen Halbinsel
und Skandinavien über zwei Jahrtausende hinweg eine Bauwut sondergleichen
herrschte: Bauern errichteten Dolmen, Ganggräber, Steinkreise und
Galerien aus tonnenschweren Blöcken. Die Forschung hat in diesen
Monumenten lange nicht nur Ausdruck lokaler Identitäten gesehen, sondern
auch Zeichen weitreichender sozialer oder ahnenbezogener Netzwerke. Ob
hinter der gemeinsamen Architektursprache auch eine gemeinsame Abstammung stand, blieb offen.
Diese Frage haben Nicolas Antonio da Silva und Ben Krause-Kyora
von der Universität Kiel mit ihrem Team in einer neuen Untersuchung
aufgegriffen. Sie analysierten genetische Daten von 203 Individuen aus
sechs deutschen Megalithgrabkomplexen, 129 Genome haben sie dafür neu
sequenziert. Untersucht wurden die Bestattung in Sorsum, der einzigen
bislang gut erhaltenen Fundstelle der westlichen Trichterbecherkultur,
sowie fünf Fundorte der benachbarten Wartberg-Kultur: Altendorf,
Niedertiefenbach, Rimbeck, Warburg und Züschen.
Archäologisch lassen sich die beiden Gruppen klar unterscheiden. Die westliche Trichterbecherkultur ist bekannt für oberirdische Ganggräber und reich verzierte Tongefäße mit ihrem charakteristischen trichterförmigen Rand. Die Wartberg-Kultur
hingegen legte unterirdische Galeriegräber an und verwendete weitgehend
schmucklose Keramik in Tonnenform. Sorsum selbst fällt aus dem Rahmen
der eigenen Kultur: Die Grabkammer wurde in den Fels geschlagen und
ähnelt damit eher den Wartberg-Anlagen.
Ein Netzwerk aus Verwandten ersten und zweiten Grades offenbart
weitreichende biologische Verbindungen zwischen geografisch weit
entfernten Bestattungsgemeinschaften. Die Untersuchungsergebnisse deuten
auf auf eine ausgeprägte Mobilität und einen intensiven sozialen
Austausch hin.
Eine Bevölkerung, zwei Stilrichtungen
Diese
Besonderheit bestätigt sich auch genetisch. Laut den Analysen passen
die Menschen aus Sorsum nicht zu anderen Trichterbecher-Vertretern aus
dem Norden oder Osten, sondern gleichen Angehörigen der Wartberg-Kultur.
Sorsum und die fünf Wartberg-Fundorte bilden eine genetisch homogene
Population. Auffällig ist auch der hohe Anteil westeuropäischer
Jäger-und-Sammler-Abstammung in beiden Gruppen, der vor allem über die
männliche Linie weitergegeben wurde. Das deutet auf langfristige
biologische Verbindungen hin.Über alle sechs Bestattungsplätze hinweg identifizierten die
Forschenden 123 genetisch eng verwandte Paare, 44 davon ersten Grades,
79 zweiten Grades. Etwa die Hälfte der untersuchten Menschen hatte eine
nahe Verwandte oder einen nahen Verwandten in der Stichprobe. Die
wirkliche Überraschung lag jedoch zwischen den Fundorten: sechs
grenzüberschreitende Verwandtschaftsbeziehungen, fünf davon mit
Sorsum-Beteiligung. Das auffälligste Paar ist das des Mannes aus
Niedertiefenbach und seines noch nicht erwachsenen Sohnes aus Sorsum.
Die Forschenden formulieren in ihrer im Fachjournal Science veröffentlichten Studie
vorsichtig, was das bedeuten könnte. Die zusätzlich durchgeführte
Analyse gemeinsam vererbter DNA-Segmente legt nahe, dass der Jugendliche
ursprünglich aus dem Umfeld von Niedertiefenbach stammte, aber in
Sorsum bestattet wurde. Denkbar sei etwa, dass er dort gelebt habe – als
Pflege- oder Adoptivkind, vielleicht auch in einer Art Lehrverhältnis.
Belegt ist dieses Szenario nicht. Man kann nur daraus schließen, dass
Mobilität, Einheirat oder Austausch über erstaunlich große Distanzen
nichts Außergewöhnliches waren.
Soziale statt biologische Familie
Zugleich
zeigen die Daten, dass die Steinkammern keine reinen Familiengräber im
engen Sinn waren. Rund 48 Prozent der untersuchten Individuen gehörten
keiner engen genetischen Verwandtschaftsgruppe an. An schwedischen oder
britischen Megalithanlagen liegen die vergleichbaren Werte deutlich
niedriger, dort scheinen die Gräber stärker auf eine einzelne Linie
beschränkt gewesen zu sein. Sorsum und die Wartberg-Anlagen
funktionierten daher offenbar anders, nämlich als Gemeinschaftsgräber,
in denen biologische und soziale Zugehörigkeit nebeneinanderstanden. Die
Forschenden vermuten ein Netz aus gemeinsamer Kinderaufzucht, geteilten
Ritualen und gemeinsamer Bauarbeit – was Verwandtschaft im weiteren
Sinn schuf.
Das Galeriegrab von Züschen in Nordhessen wurde von Angehörigen der Wartberg-Kultur errichtet.
Wer aber wanderte und wer blieb? Die rekonstruierten Stammbäume aus
Sorsum und Niedertiefenbach zeigen eine durchgehende Linie männlicher
Vorfahren über bis zu sechs Generationen, abzulesen am Y-Chromosom. Die
mitochondrialen Linien der eingeheirateten Frauen sind dagegen breit
gefächert. Statistische Analysen der genetischen Unterschiede innerhalb
der Geschlechter bestätigen das Bild: Frauen waren mobiler als Männer.
Fachsprachlich heißt das Virilokalität
– also dass Männer eher in der Gemeinschaft ihrer Eltern blieben – und
weibliche Exogamie, was bedeutet, dass Frauen ihre Partner außerhalb der
Geburtsgemeinschaft suchten. Auffällig ist auch, dass Frauen in den
Gräbern unterrepräsentiert sind. Sie machen nur rund 40 Prozent der
analysierten Individuen aus. Wo die übrigen begraben wurden, bleibt
unklar.
Kein europäischer Stammbaum
Wer
aus diesen Befunden ein gesamteuropäisches Megalithnetzwerk basteln
möchte, wird enttäuscht. Genetische Verbindungen zu den Erbauern der
atlantischen Anlagen auf den Britischen Inseln oder zu den
Trichterbecher-Gruppen Südskandinaviens fanden sich kaum. Die Wartberg-
und Sorsum-Gemeinschaften bildeten ein dichtes regionales Netz, das
vereinzelte Spuren bis ins westliche Deutschland und ins Pariser Becken
zog. Aber die großen Steinbauten verbreiteten sich nicht über
biologische Großfamilien, sondern vielmehr als Idee. Architektonische
Konzepte, Bestattungsrituale und Weltbilder reisten über die Köpfe und
Hände der Menschen, nicht über deren Erbgut.
Damit offenbaren sich zwei unterschiedliche Aspekte: Auf der einen
Seite eine spätneolithische Welt, in der Menschen offenbar regelmäßig
zwischen entfernten Siedlungen wechselten, in der ein Kind 225 Kilometer
von seinem Vater begraben werden konnte und in der Gräber Platz für
ganz unterschiedliche Menschen boten. Auf der anderen Seite eine Welt,
in der das verbindende Element der Megalithkultur eben nicht das Blut
war, sondern die geteilte Vorstellung davon, wie man seine Toten unter
tonnenschweren Steinen zur Ruhe bettet.