Auffällige Knochenfunde – jagten Menschen gezielt weibliche Mammuts? Forscher haben bei Anhäufungen von Mammutknochen erstaunlich viele weibliche Tiere entdeckt. Was das über die Jagdgewohnheiten der Menschen in der Eiszeit verrät
Eine Untersuchung von Mammutknochen deutet darauf hin, dass Menschen während der letzten Eiszeit vor allem weibliche Tiere jagten. Das berichtet ein internationales Forscherteam nach der Analyse der Überreste von mehr als 500 Wollhaarmammuts in Europa, Asien und Nordamerika.
In Ansammlungen von Mammutknochen, die vermutlich auf Menschen zurückgehen und die ausschließlich aus Eurasien stammen, waren 70 Prozent der Tiere weiblich. Fossilien von anderen Fundorten stammten hingegen zu 66,5 Prozent von männlichen Tieren, wie die Gruppe im Fachjournal „Current Biology“ schreibt.
„Ob die massiven Anhäufungen von Mammutknochen natürlich entstanden sind oder durch menschliche Jagd, wurde seit Jahrzehnten diskutiert“, sagt einer der Studienleiter, David Díez del Molino von der Universität Stockholm. „Durch Vergleiche des Geschlechterverhältnisses Hunderter Mammuts in natürlicher Umgebung und in archäologischen Kontexten können wir nun ableiten, dass hauptsächlich menschliche Aktivitäten hinter diesen Anhäufungen stecken.“
Wollhaarmammuts (Mammuthus primigenius) waren eine wichtige Ressource für die Jäger und Sammler der jüngeren Altsteinzeit. Sie lieferten Fleisch, Fett und Fell, ihr Elfenbein diente unter anderem zur Herstellung von Werkzeugen und Schmuck. Auch wurden Materialien von Wollhaarmammuts in Bestattungen integriert, etwa Elfenbeinperlen oder Mammutschulterblätter.
Das Team um Hannah Moots von der Universität Stockholm untersuchte nun Erbgut von 521 Wollhaarmammuts. 100 der Genome stammten aus Knochen, die in größeren Ansammlungen gefunden wurden, bei denen es archäologische Hinweise auf menschliche Aktivitäten gab – etwa 20.000 bis 30.000 Jahre alte Feuerstellen. Die übrigen 421 Genome kamen von Mammuts, deren Überreste einzeln an vielen verschiedenen Stellen gefunden wurden.
Ob die Menschen damals tatsächlich gezielt weiblichen Mammuts nachstellten, ist allerdings nicht ganz klar. Diese waren zwar kleiner als männliche Tiere und hätten daher eher als Beute dienen können.
Doch Erstautorin Moots vermutet, dass die Realität komplexer war: „Sollten sich Mammuts ähnlich wie heutige Elefanten verhalten haben, verfügten die in matriarchalisch organisierten Herden lebenden Weibchen womöglich über Verteidigungsstrategien, die eine Begegnung mit solchen Herden ebenso riskant oder sogar noch gefährlicher machten.“ Möglich wäre jedoch, dass die Routen der von Weibchen geführten Herden für die Menschen berechenbarer waren als die der eher umherstreunenden Bullen.
Das einzelgängerische Verhalten von Mammutbullen könnte dafür verantwortlich sein, dass sie eher auf gefährliches Terrain wie natürliche Fallen oder Erdrutschgebiete vordrangen, in denen ihre Knochen dann erhalten blieben, vermutet das Team. Dies könnte den höheren Anteil von Männchen an den Einzelfundstätten erklären. ...
von Stefan Parsch, dpaIpi
Nota. - So eine Enttäuschung. Eine vielversprechende Überschrift, und dann nichts, was sich feministisch oder wenigstens genderologisch verwerten lässt. Gibs das denn, kann es das geben: ein dummes krudes Fakt, in dem Männlich und Weiblich vorkommt, an dem sich aber nichts deuten lässt?! Und ich dachte, solche Zeiten hätten wir längst hinter uns. Vielleicht sollte mann doch immer noch etwas genauer hinschauen... JE
Wie relevant ist
der schwer fassbare Denker, der vor 75 Jahren starb, heute noch? Mehr
Wittgenstein täte dem politischen Diskurs gut, sagt Christian Kanzian
von Jessica D. Bicking
Für eine Woche im August sind die Hotelzimmer des kleinen Ortes nahezu
ausgebucht, denn jedes Jahr pilgern Hunderte von Philosophinnen und
Philosophen in das niederösterreichische Kirchberg am Wechsel und
diskutieren. Das Thema lautet: Ludwig Wittgenstein. Heuer jährte sich am
26. April der Todestag des wahrscheinlich einflussreichsten Philosophen
Österreichs zum 75. Mal. Und auch das Symposium, das jährlich zu seinem
Schaffen stattfindet, feierte seine 50. Ausgabe. Zwei Jubiläen, und
also ein perfekter Anlass einen Denker noch einmal genauer anzusehen,
der sich im Leben so wenig vor Widersprüchen scheute wie in seiner
Philosophie.
Eine Frage beschäftigte Wittgenstein zeitlebens: Kann Sprache alles
sagen? Dass er selbst darauf zwei scheinbar völlig gegensätzliche
Antworten fand, erklärt auf jeden Fall den Diskussionsbedarf, den sein
Werk auch heute noch in der Forschung auslöst. In sechs thematischen
Blöcken machte das auch das diesjährige Programm des Symposiums
deutlich, denn Wittgensteins Denken berührt weit über die
Sprachphilosophie hinaus auch Themen in der Psychologie, Mathematik,
Literatur, Kunst und Kulturwissenschaft. Aber was kann er uns heute noch
für den Alltag mitgeben?
"Wittgenstein geht es nicht darum, eine fertige Theorie zu haben. Er
will uns vor allem vom Missverstehen heilen und den damit verbundenen
Problemen in der Wissenschaft, in der Philosophie, aber auch in unserer
alltäglichen Praxis", erkärt Christian Kanzian, Präsident der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesell-schaft und Mitorganisator des diesjährigen Symposiums, das unter anderem vom Land Niederösterreich unterstützt wird.
Viele Wittgensteine
Bei Ludwig
Wittgenstein lassen sich Leben und Werk kaum voneinander trennen. Beide
waren geprägt von radikalen Wendungen und scheinbaren Widersprüchen. In
der Philosophie ist es deshalb sogar üblich, von einem ersten und einem zweiten Wittgenstein zu sprechen; ein früher und ein später. In seiner Biografie lassen sich noch viele weitere Wittgensteins finden.
Ludwig Wittgenstein wird 1889 als Sohn in eine schwer wohlhabende
Industriefamilie in Wien geboren. Er wächst in einem Palais auf, in dem
Musiker, Künstler und Intellektuelle sich die Hand reichen. Aus einer
inneren Krise heraus entscheidet er sich jedoch, sein Millionenerbe an
seine Geschwister abzutreten und fortan ein einfaches Leben zu führen.
Wittgenstein begleiteten viele große Leidenschaften, davon besonders
die Technik: So hatte er schon als Kind mit der Konstruktion neuartiger
Nähmaschinen experimentiert, und studierte zunächst
Ingenieurswissenschaften, bevor er über die Mathematik zur Philosophie
fand. Oder auch die Musik: So war er unter Freunden bekannt dafür, ganze
Sinfonien zu pfeifen, spielte Klarinette und erwog Dirigent zu werden.
Doch über ihm hing auch ein Schatten, eigentlich über der ganzen
Familie, denn drei seiner Brüder wählten den Freitod, und auch Ludwig
selbst kämpfte ein Leben lang mit Einsamkeit, Krankheit und
Depressionen.
Der legendäre "Tractatus"
Das erste und zugleich einzige philosophische Werk, das er zu seinen Lebzeiten veröffentlichen sollte, den legendären Tractatus logico-philosophicus,
schrieb Wittgenstein gegen Ende des Ersten Weltkriegs in
Kriegsgefangenschaft bei Monte Cassino fertig. Mit Widmung an David H.
Pinsent, Freund und Lebensgefährte aus der Studienzeit am Trinity
College in Cambridge, stellte er sich darin der Aufgabe, die
grundlegende Struktur von Welt, Denken und Sprache zu klären.
Als der Tractatus 1921 erscheint, wird Wittgenstein von
einigen renommierten Philosophen zwar dafür gefeiert. Doch er dauert bis
1929, ehe er damit an der Uni Cambridge damit promoviert, denn
Wittgenstein zieht sich immer wieder aus der Philosophie zurück. So wird
er einige Jahre zu Wittgenstein, dem Volkschullehrer in
Niederösterreich (daher auch das Symposium dort), versucht sich in einem
Kloster als Wittgenstein, dem Hilfsgärtner und wendet sich zeitweise
sehr ernsthaft der Architektur zu. So ist Wittgenstein, der Architekt,
auf Einladung seiner Schwester maßgeblich bei dem Entwurf ihres Hauses beteiligt, das seit 1928 im dritten Wiener Gemeindebezirk steht.
Wittgenstein hat das Haus bis ins kleinste Detail, jedes Fenster,
jede Tür, jeden Riegel selbst entworfen und gezeichnet. Heute dient es
als bulgarisches Kulturinstitut.
Sprache als Abbild der Welt
Der
Tractatus, das wohl einflussreichste Werk Wittgensteins, ist in kühler,
fast mathematischer Form verfasst, hinter der sich ganz grob folgende
Grundidee verbirgt: Die Welt besteht aus Tatsachen, zu denen sich das
Denken Bilder macht, die dann von der Sprache erneut abgebildet werden.
Man kann behaupten, Wittgenstein entwickelt hier eine Art Bildtheorie
der Sprache: Ein sinnvoller Satz funktioniert als mögliches Modell der
Wirklichkeit, und kann wahr oder falsch sein, je nachdem, ob die Welt
tatsächlich so beschaffen ist.
Zwar eignet sich Sprache für die Themenbereiche der
Naturwissenschaften, doch gerade die bedeutsamen Dinge, die Ethik,
Ästhetik oder die Frage nach dem Sinn des Lebens, lassen sich gar nicht
in sinnvollen Sätzen abbilden. Sie entsprechen nämlich nicht der
logischen Struktur der Welt. "Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich
klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man
schweigen", lautet Wittgensteins vielzitiertes Fazit.
Kanzian erläutert: "Schon hier haben wir dieses Anliegen, uns von
Problemen zu heilen, durch eine saubere Analyse der Sprache." Die
Philosophie soll hierbei also keine neuen Tatsachen entdecken, sondern
die Grenze zwischen dem sinnvoll Sagbaren und dem nur scheinbar
Sinnvollen sichtbar machen.
Sprache als Spiel der sozialen Praxis
Obwohl der frühe Wittgenstein des Tractatus
überzeugt war, damit die wesentlichen Probleme der Philosophie als
sprachlogische Missverständnisse aufgelöst zu haben, kehrte der späte
Wittgestein zum Thema zurück. In den Philosophischen Untersuchungen, die erst nach seinem Tod erscheinen sollten, rollt er es noch einmal vom anderen Ende auf. Während er im Tractatus
nach einer idealen logischen Struktur der Sprache suchte, sind es nun
gerade die Missverständnisse und Vieldeutigkeiten, die interessieren.
Ihm fiel auf, dass sich Worte im tagtäglichen Gebrauch, anders als in
der Wissenschaft, keiner festen, philosophischen Definition beugen. Je
nach Zusammenhang kann sich ihr Sinn verändern. Etwa der Ausruf "Du" hat
in einer Drohung ausgesprochen eine andere Bedeutung als in einer
Liebeserklärung. "Sprechen ist Praxis, ist Gebrauch von Ausdrücken und
der ist ganz vielfältig", führt Kanzian aus, der Philosophie an der
Universität Innsbruck lehrt: "Sie erzählen, Sie fragen, ich antworte,
wir grüßen uns, wir fordern uns auf, wir bitten einander, sind
unterschiedlichste Praktiken nach ganz unterschiedlichen Regeln."
Die Lebensformen, in denen Worte in verschiedener Bedeutung
vorkommen, bezeichnet Wittgenstein als Sprachspiele. Die Aufgabe der
Philosophie, wie Wittgenstein sie nun versteht, besteht aus dem
systematischen Aufschlüsseln der Regeln, die diese Sprachspiele lenken.
Statt neue Theorien aufzustellen, soll sie uns die Funktionsweise
unserer Sprache so deutlich vor Augen führen, dass wir uns aus
Verwirrungen, Missverständnissen und falschen Modellierungen herauslösen
können.
Neugier statt Dogma
Für Kanzian
liegt genau darin die Aktualität des Philosophen: "Es ging Wittgenstein
stets darum, zu einer schauenden, beschreibenden, übersichtlich
darstellenden Praxis einzuladen, und nicht eine fertige Theorie
aufzustellen, die man dogmatisch vertritt." Es ist also mehr
Wittgensteins Einstellung und seine Neugier, die er uns in den Alltag
mitgibt. Denn diese hat es ihm mitunter leichter gemacht, sich selbst zu
widersprechen und immer wieder neu zu denken.
Das dogmatische Festhalten an eigenen Denkmustern ist für Kanzian
eines der Grundprobleme der heutigen Gesellschaft. "Mit falschen
Modellierungen an den anderen heranzugehen, ist ein Ansatz, der
gesellschaftlich-politisch extrem aktuell ist", sagt Kanzian. "Stellen
wir uns doch einmal vor, wir alle würden uns mehr zuhören. Das ist jetzt
ein bisschen platt gesagt, aber ich glaube, die Welt würde friedlicher
sein."
Veranstaltungsinfo:
Das Thema für das Wittgenstein-Symposium im kommenden Jahr steht bereits fest. Unter dem Programmtitel Knowledge in Crisis lädt Kirchberg am Wechsel im August 2027 dazu ein, über Fake News und Post-Truth zu diskutieren.
Nota. - Nie abgerückt ist er bei all seinen Wendungen von einer zugrundeliegenden ontologischen Metaphysik, die er allerdings nie selber ausgesprochen hat. Logischer Atomismus ist sie genennt worden: Die Welt sei "alles, was der Fall ist", doch der Fall sind die unendlich vielen logischen Elementarbestimmungen, die der mathema-tischen Formulierung harrten - nicht aber die vorfindlichen Fakten, die durch die verschiedenen Sprachen zu Bildern gefügt würden. Das Zustandekommen der Bilder macht er aber auch nicht zu seinem Thema, sondern er pendelt zwischen dem einen und dem andern Aphorismus hin und her, System - und sei es nur ein logisch-diskursives - versucht er gottlob gar nicht erst hinein zu bringen, sondern belässt es bei gelegentlichen mystischen Ahnungen.
Wobei viele der vermischten Aphorismen und Kurzessays ungemein scharfsinnig sind und Anlass zu tiefsinnigen Fortsetzungen geben können; aber auch nur, wenn man weiß, was man nicht darin zu suchen braucht. JE
zuöffentliche Angelegenheiten aus spektrum.de, 28. 8. 2026 Eine Mitarbeiterin der Ausgrabungen in Karahantepe reinigt die 2026 entdeckte Steinfigur.
Taș-Tepeler-Kulturlandschaft
Der Leopardenreiter von Karahantepe
Ein
Mann, der auf einem Leoparden sitzt. Der etwa 11 000 Jahre alte Fund
aus der Türkei liefert ein neues Detail für die Zeit, als sich das Leben
der Menschen grundlegend wandelte.
Vor
etwa 12 000 Jahren veränderten Jäger und Sammler allmählich ihre
Lebensweise und begannen, als Bauern zu leben. Was dabei geschah,
verraten Ausgrabungsstätten im Südosten der Türkei. Dort, im Umfeld der
Stadt Şanlıurfa, haben Archäologen mehrere Rundanlagen aus T-förmigen
Steinpfeilern freigelegt. Am bekanntesten ist der Fundplatz Göbeklitepe,
dessen Monumentalbauten lange als die ältesten Tempel der Welt gedeutet
wurden. Der benachbarte Ort Karahantepe sorgt jedoch ebenfalls für
aussagekräftige Funde.
So berichtet das türkische Kulturministerium,
dass bei den diesjährigen Grabungen eine ungefähr 70 Zentimeter hohe
Skulptur gefunden wurde. Die etwa 11 000 Jahre alte Figur stelle einen
Menschen dar, der auf dem Rücken eines Leoparden sitzt. Schon zuvor
haben Fachleute an Stätten in der sogenannten
Taș-Tepeler-Kulturlandschaft Statuen ausgegraben. Über deren genaue
Bedeutung rätseln sie aber noch.
Seit 2019 gräbt ein Team um Necmi
Karul von der Universität Istanbul in Karahantepe. Auf einer Steinbank
an der Innenwand eines drei Meter weiten Rundbaus entdeckten die
Archäologen dort den Leopardenreiter. Einen ähnlichen Fund machten
Forschende 2023 in Göbeklitepe. Damals handelte es sich um die lebensgroße Statue eines Keilers,
an der noch Spuren weißer, schwarzer und roter Farbe hafteten. Im
selben Jahr kam auch in Karahantepe eine kolossale Skulptur zum
Vorschein: Etwa 2,4 Meter hoch, zeigt sie einen nackten Mann, der
womöglich sitzend dargestellt ist und mit beiden Händen seinen Penis
umgreift. Denkbar sei, dass hier eine Art Schöpfergott dargestellt ist.
Nach Angaben des türkischen Kulturministeriums zeigt die Skulptur einen
Menschen auf einem Leoparden. Sie sei etwa 11 000 Jahre alt.
Auch
zahlreiche T-Pfeiler in den Anlagen der Taș-Tepeler-Kulturlandschaft
sind übersät mit Bildern von wilden Tieren wie Füchsen, Keilern oder
Schlangen. In Karahantepe fand sich zudem 2025 eine T-Säule mit menschlichem Gesicht –
womöglich sollten die großen Monolithe stilisierte Menschen darstellen.
Ob es sich bei den Strukturen im engeren Sinn um Tempel handelte, ist
noch unklar. Denn ihre Erbauer, Gemeinschaften von Jägern und Sammlern
vor etwa 11 000 Jahren, wohnten auch an diesen Orten in Häusern.
Fachleute sehen hier die Frühphase der Sesshaftigkeit, die zu diesem
Zeitpunkt noch nicht mit einer voll ausgeprägten bäuerlichen Lebensweise
einherging.
In
ihrer Streitschrift wendet sich Gisela Schmalz gegen ein kulturell und
ideologisch verengtes Verständnis von Intelligenz und die ihm
entsprechenden IQ-Tests.
Im
Dezember 2024 lobte Elon Musk in einem X-Post die AfD. Nur sie könne
Deutschland retten, schrieb der Mann, der sich selbst für ein Genie
hält – und dies die Welt auch permanent wissen lässt. Einen Monat später
habe sich ein Mann aus Südkorea in die Lobhudelei für Musk und die AfD
eingereiht – ein Mann, der angeblich einen IQ von sage und schreibe
276 habe nachweisen können, schreibt Gisela Schmalz. Die AfD habe das
Lob des vermeintlich intelligentesten Menschen der Welt genüsslich auf
ihren Social-Media-Kanälen geteilt – bis sie kurz darauf alle Posts dazu
wieder gelöscht habe. Herausgestellt habe sich nämlich, so die
Wirtschaftswissenschaftlerin und Philosophin, dass der vermeintliche
Geniestatus des Mannes aus Südkorea erstunken und erlogen gewesen sei.
Mit diesem Beispiel illustriert Gisela Schmalz die zentrale These ihrer
Streitschrift: Intelligenz ist zum »Fetisch« geworden – was sich vor
allem diejenigen zunutze machen, die damit nichts Gutes im Schilde
führen.
Zunächst
wird laut der Autorin heillos überschätzt, was wir gemeinhin
»Intelligenz« nennen. Denn entsprechende Tests messen nur einen schmalen
Ausschnitt der menschlichen Fähigkeiten: »Kreativität, geistige
Flexibilität, Prioritätensetzung, Kritikfähigkeit, holistisches Denken,
Intuition, Zielauswahl, soziale, moralische oder motorische Talente
ermitteln gängige IQ‑Tests nicht«, moniert Schmalz. Außerdem würden die
kulturellen Wertvorstellungen des Westens bei gängigen Verfahren immer
indirekt mitgetestet – diejenigen anderer Kulturen, die beispielsweise
praktische Fähigkeiten in das Verständnis von Intelligenz einbezögen,
kämen dagegen in den Tests nicht vor. Diese Verengung liegt laut Schmalz
auch daran, dass herkömmliche IQ-Messungen den Anforderungen einer
neoliberalen Wirtschaftsordnung entsprechen: »Zu einer Kultur mit den
Idealen Effizienz, Wettbewerb, Wachstum, Beschleunigung, Globalisierung
und Digitalisierung passt ein enger, funktionalisierbarer
Intelligenzbegriff.«
Der Preis des Fetischs
Unsere
gesellschaftliche Fixierung auf Intelligenz und ihre Überhöhung führten
vor allem zu Leistungsstress in Schule und Beruf, zu Stigmatisierungen
bei Bildungschancen und zu selbsterfüllenden Prophezeiungen, wenn
Menschen ihren IQ-Wert stark internalisierten und ihr Selbstwertgefühl
daran ausrichteten – die Autorin verwendet dafür gar die Metapher des
Krebsgeschwürs. Gisela Schmalz zufolge dient der IQ damit als
»gesellschaftsstrukturierendes Instrument«, das politisch eine deutliche
Schlagseite besitze. So zielten Rechte und Rechtsextreme unter
Begriffen wie »Human Diversity« oder »Human Biodiversity« darauf ab,
ganze Bevölkerungsgruppen mit dem Verweis auf vermeintlich geringere
Intelligenzwerte zu diskriminieren. »Die Verbindung zwischen
Intelligenzfetisch und rechtem Spektrum hat eine lange Tradition«,
konstatiert Schmalz.
Gisela Schmalz
Fetisch Intelligenz
Wie ein überbewertetes Konzept unser Leben prägt
Verlag: Berlin Verlag, Berlin 2026, 288 S. ISBN: 9783827015396 | Preis: 24,00 €
Laut
der Autorin werden derartige hochgefährliche Diskurse auch von
Pseudowissenschaftlern unterstützt, die unter dem Deckmantel der
Intelligenzforschung eugenisches Gedankengut verbreiteten. Vom Gros der
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihres Fachgebiets würden sie
trotzdem nicht systematisch und nachhaltig kritisiert, moniert die
Autorin: »Dass diese Leute sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben
können, verdanken sie der Toleranz einer Forschungsgemeinschaft ohne
klare Standards für ihre Forschung.«
Künstliche Intelligenz als verstecktes Ideal gängiger IQ‑Tests?
Aber
auch Elon Musk und andere libertäre Tech-Giganten aus dem Silicon
Valley tragen gemäß der Autorin dazu bei, eine auch noch in anderer
Hinsicht menschenfeindliche Vorstellung von Intelligenz zu forcieren:
»Fetischisiert wird nicht nur die Intelligenz der dort aktiven Menschen.
Auch die Intelligenz der dort entwickelten Technologien wird zum
Fetisch«, kritisiert Gisela Schmalz. Das gesamte Konzept der
IQ-Messungen müsse daher dringend überdacht werden: »Dass Maschinen
überhaupt per IQ‑Test testbar sind, entlarvt, dass das den
Standard-IQ‑Tests zugrunde liegende Intelligenzkonzept mehr einer
künstlichen als einer menschlichen Intelligenz entspricht.«
Die
Autorin plädiert dafür, den Intelligenzbegriff wieder am Menschen
auszurichten – und die Perspektive der Philosophie stärker in diesen
Diskurs einzubeziehen. Demnach könnte eine philosophische Definition
lauten: »Intelligenz ist das, was Menschen nach dem Warum fragen lässt.«
Dieser Vorschlag überzeugt als Alternative zu rein psychometrischen
Intelligenzkonzepten, auch wenn Gisela Schmalz in ihm die Bedeutung von
Emotionen für ein alternatives Verständnis von Intelligenz ebenfalls
vernachlässigt.
Trotz
einiger Ungenauigkeiten und Redundanzen gelingt es der Autorin, anhand
vieler Details zu belegen, wie tief der vorherrschende
Intelligenzdiskurs mit neoliberalen und mitunter gar rechtsextremen
Denkmustern verwoben ist. »Fetisch Intelligenz« ist eine Streitschrift,
die aktuelle gesellschaftliche Prämissen gleich auf mehreren Ebenen
nachhaltig infrage stellt.
... kann jeder pfeifen, dem seine eigne wichtiger ist. Und das sind die meisten. Jeder sei Ausländer, sagen die Woken: fast überall. Aber sie denken es nicht zuende.
Deshalb erscheinen Frauen beim Multitasking oft besser als Männer
Gesprächsaufgabe prägt den Eindruck von Leistung
Ein hartnäckiges Klischee bekommt eine überraschende
Wendung: Männer und Frauen schnitten in vier von fünf alltagsnahen
Multitasking-Aufgaben ähnlich ab. Nur beim gleichzeitigen Gespräch
ließen Männer deutlich mehr Fragen unbeantwortet. Genau dieser
Unterschied hing damit zusammen, wie Außenstehende ihre gesamte Leistung
einschätzten, obwohl die übrigen Aufgaben keine signifikanten
Geschlechtsunterschiede zeigten.
Uxbridge (England). Im Alltag bedeutet Multitasking
oft, mehrere Anforderungen in kurzer Folge zu bewältigen. Doch unser
Gehirn kann nur begrenzt mehrere anspruchsvolle Prozesse gleichzeitig
abarbeiten, wie auch Experimente zu den Grenzen des Multitaskings
zeigen. Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, Frauen seien
darin grundsätzlich besser als Männer. Frühere Studien lieferten dazu
jedoch nur kleine und widersprüchliche Unterschiede.
Auch eine frühere Untersuchung zu Geschlechtsunterschieden beim Multitasking
deutete bereits darauf hin, dass das Ergebnis stark von der jeweiligen
Aufgabe abhängen könnte. Forscher der Brunel University of London (BUL)
um Dr. André J. Szameitat haben deshalb nun ein komplexeres Szenario
entwickelt, das typische Alltagsanforderungen stärker nachbildet als
klassische Tests am Computer.
Fünf Aufgaben gleichzeitig im Blick
Für den ersten Versuch wertete das Team Daten von 37 Frauen und 41
Männern aus. Zehn Minuten lang mussten die Testpersonen eine Kochaufgabe
bearbeiten, Telefonnummern suchen, Zahlen und Buchstaben zuordnen sowie
bestimmte Wörter auf einem Bildschirm überwachen. Zusätzlich ertönte
alle 20 Sekunden eine Frage, auf die sie ausführlich antworten sollten.
Die Aufgaben waren auf drei Tische verteilt, sodass die Teilnehmer dabei
auch durch den Raum laufen mussten.
Gleichzeitig erhöhte das Team schrittweise den Zeitdruck. Anfangs
klingelte ein Küchentimer alle 90 Sekunden, später verkürzte sich das
Intervall bis auf 30 Sekunden. Damit sollte das Experiment nicht nur
parallele geistige Anforderungen erzeugen, sondern auch das Wechseln
zwischen verschiedenen Tätigkeiten unter zunehmender Belastung abbilden.
Mehr als doppelt so viele Fragen bleiben offen
In vier der fünf Aufgaben fanden die Forscher keine statistisch
signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Anders sah es
beim Gespräch aus: Frauen beantworteten im Mittel 24,76 von 28 Fragen,
Männer 20,24. Damit ließen die Frauen 11,6 Prozent der Fragen
unbeantwortet, bei den Männern waren es 27,7 Prozent. Der Unterschied
blieb auch nach Korrektur für die fünf Aufgaben signifikant und
erreichte eine Effektgröße von Cohens d = 0,61.
Entscheidend ist dabei, was der Befund nicht zeigt. Wenn Männer
eine Frage beantworteten, unterschieden sich weder Qualität noch
Verzögerung bis zum Antwortbeginn signifikant von denen der Frauen. Auch
in den Koch-, Such-, Zuordnungs- und Überwachungsaufgaben schnitten
beide Gruppen vergleichbar ab. Es geht demnach nicht um eine allgemeine
Überlegenheit beim Multitasking, sondern um einen spezifischen
Unterschied im Gesprächsverhalten unter Mehrfachbelastung.
„Warum Männer die Gesprächsaufgabe häufiger
unbeantwortet ließen als Frauen, ist unklar“, schreiben André J.
Szameitat und seine Co-Autorin Dr. Diana P. Szameitat von der City St
George’s, University of London.
Denkbar ist etwa, dass Männer die Fragen häufiger überhörten, weil
ihre Aufmerksamkeit stärker von den anderen Aufgaben gebunden war.
Ebenso könnten sie bewusst darauf verzichtet haben zu antworten und dem
Gespräch eine geringere Priorität gegeben haben. Welche Erklärung
zutrifft, hat die Studie nicht untersucht.
Schweigen hängt mit dem Gesamteindruck zusammen
Im zweiten Teil wollten die Forscher wissen, ob dieser Unterschied
für Außenstehende überhaupt sichtbar ist. Dazu sahen 160 Beobachter
jeweils 75 Sekunden lange Videoausschnitte aus dem ersten Experiment.
Die Hälfte der Ausschnitte stammte aus einer Phase mit niedrigem, die
andere aus einer Phase mit hohem Zeitdruck. Die Beobachter wussten
zunächst nichts von der eigentlichen Forschungsfrage.
Dennoch bewerteten sie Frauen in sechs von sieben Merkmalen
positiver. Diese wirkten unter anderem stärker in Kontrolle,
leistungsfähiger, aufmerksamer und engagierter. Mit steigendem Zeitdruck
nahm der Eindruck von Kontrolle und Leistung bei Männern zudem stärker
ab. Beim Stress zeigte sich dagegen kein genereller
Geschlechtsunterschied. Unter hohem Zeitdruck erschienen Männer jedoch
gestresster als in ihren eigenen Aufnahmen mit niedrigerem Zeitdruck,
während sich diese Veränderung bei Frauen nicht zeigte.
Besonders aufschlussreich waren die Zusammenhänge mit der
Gesprächsleistung. Wer mehr Fragen beantwortete, wurde deutlich häufiger
als kontrollierter und leistungsfähiger eingeschätzt. Für die vier
anderen Aufgaben fanden sich solche signifikanten Zusammenhänge nicht.
Selbst bei den 52 Beobachtern, die Männer und Frauen ausdrücklich für
gleich gute Multitasker hielten, blieb das grundsätzliche
Bewertungsmuster bestehen.
Das spricht dafür, dass ausgerechnet die gut sichtbare Kommunikation
den Gesamteindruck stark färbt. Die Korrelation beweist allerdings
nicht, dass das häufigere Schweigen die Bewertungen verursacht hat. Die
Autoren sehen darin dennoch einen möglichen Baustein für die Entstehung
des verbreiteten Klischees, Frauen könnten besser multitasken.
Noch kein echtes Alltagsgespräch
Die Ergebnisse haben Grenzen. Die erste Stichprobe blieb wegen der
Covid-Pandemie kleiner als ursprünglich geplant. Die Testpersonen der
ersten Studie waren im Mittel rund 23 Jahre alt und wurden lokal auf dem
Brunel-Campus rekrutiert. Zudem bestand die Gesprächsaufgabe aus
aufgezeichneten Fragen und nicht aus einem echten Dialog mit spontanen
Antworten und wechselnden Gesprächsrollen. Ob sich derselbe Unterschied
im Berufs- oder Familienalltag zeigt, muss daher erst weitere Forschung
klären.
Nota. -
Vielleicht unterschieden Männer öfter, welches Thema sie für wichtig
und welches sie für weniger wichtig hielten? Oder vielleicht auch, zu
welchem Thema sie etwas zu sagen hatten, und zu welchem nicht?
Tätigkeit ist die
eigentliche Realität. (Weder Gegenstand noch Zustand sind allein rein zu
denken. Durchs Reflektieren mischt sich das Entgegengesetzte hinein und
selbst schon durchs Streben – Begehren – denn beides sind identische
Handlungen. Der Begriff der Identität muss den Begriff der Tätigkeit
enthalten – des Wechsels in sich selber. Zwei Zusammengesetzte sind die
höchste Sphäre, zu der wir uns erhe-ben können. ___________________________________________________________________ Novalis, "Fichte-Studien", in: Gesammelte Werke,Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 83