
aus derStandard.at, 21. 4. 2026 zu Geschmackssachen
Wer an einem Regentag durch einen Wald geht, kennt den erdigen Duft, der aus dem Boden aufsteigt. Für die Negrito im Norden Malaysias ist dieser Geruch Teil ihrer alltäglichen Lebenswelt. Er zählt zu den Hinweisen, mit denen sich diese Jäger und Sammler seit Jahrtausenden in einem der artenreichsten Ökosysteme der Erde orientieren. Diese Lebensweise hat Spuren im Erbgut hinterlassen, wie eine neue Studie nahelegt – und zwar in jenen Genen, die bestimmen, welche Duftmoleküle die Nase registriert.
Die Ergebnisse eines internationalen Forschungsteams zeigen eine überraschend direkte Verbindung zwischen Lebensweise und Geruchssinn auf. Die Gruppe um Shuhua Xu von der Fudan University (Shanghai) hat die Orang Asli, die indigenen Völker der Malaiischen Halbinsel, untersucht. Auf engem geografischen Raum finden sich dort drei Gruppen mit grundlegend unterschiedlichen Lebensgrundlagen: die Negrito in den isolierten Bergregionen des Nordens, die sich noch immer von dem ernähren, was der Wald hergibt; die Senoi in der Mitte des Landes, die Wanderfeldbau mit dem Sammeln kombinieren; und die Jakun im Süden, die längst zu sesshaften Bauern geworden sind.
Für die Genetikerinnen und Genetiker war das eine seltene Gelegenheit: drei eng verwandte Populationen, dieselbe Umwelt, verschiedene Wege durch die jüngere Menschheitsgeschichte. Das Team analysierte das Erbgut von 50 Angehörigen der Orang Asli und verglich die Daten mit jenen von mehr als 2800 Personen aus 65 Populationen weltweit.
Im Fokus standen jene rund 800 Gene, die für die Proteine zuständig sind, mit denen die Nase einzelne Duftmoleküle einfängt. Etwa 60 Prozent dieser Gene sind im Laufe der Evolution funktionslos geworden – ein bekanntes Muster, das Fachleute darauf zurückführen, dass der Mensch seine Orientierung zunehmend dem Sehsinn überließ.
Doch ausgerechnet die Negrito weichen von diesem Trend ab. Ihre Geruchsgene tragen deutlich weniger funktionsstörende Mutationen als jene benachbarter Bevölkerungen. Statistische Tests ergaben, dass sich die Muster nicht zufällig erklären lassen. Die im Fachjournal Cell Reports präsentierten Befunde deuten darauf hin, dass eine natürliche Selektion die Funktionstüchtigkeit der Geruchsgene bewahrt hat. Die Forschenden räumen ein, dass auch Gendrift und die spezifische demografische Geschichte der kleinen Population als alternative Erklärungen infrage kommen. Völlig ausschließen lassen sie sich nicht.
Besonders auffällig ist ein Gen namens OR12D2. Es reagiert auf erdig-modrige Verbindungen, zu denen auch Geosmin zählt – der Stoff hinter dem Duft frisch beregneter Erde. In tropischen Wäldern ist Geosmin allgegenwärtig, etwa als Hinweis auf Pilze, feuchte Böden oder bestimmte Mikroorganismen. Bei den Negrito hat sich eine Variante dieses Gens rasch ausgebreitet. Sie könnte, wie die Forscher vorsichtig formulieren, dabei helfen, sich im Wald zu orientieren, Ressourcen zu lokalisieren und Essbares aufzuspüren.
Mit dem Aufstieg des Ackerbaus
Die Mutation ist keineswegs neu. Es handelt sich vielmehr um eine angestammte, evolutionär ältere Form. Die Analyse alter Genome zeigt: In süd- und ostasiatischen Bevölkerungen nahm die Häufigkeit genau dieser Urform in den vergangenen 10.000 Jahren kontinuierlich ab – parallel zur Ausbreitung des Ackerbaus. Dort, wo Menschen als Jäger und Sammler weiterlebten, blieb sie erhalten oder wurde sogar häufiger. Der Übergang zur Agrikultur scheint den alten Duftdetektor also zurückgedrängt zu haben.
Ein weiterer Gencluster, OR52J3 und OR52E2, zeigt bei den Negrito ähnliche Spuren von Selektion. Er ist für buttrige und süßliche Gerüche zuständig – Signale, die typischerweise auf fett- und kalorienreiche Nahrung hinweisen. Dass Menschen allein am Geruch Milchproben mit unterschiedlichem Fettgehalt unterscheiden können, ist experimentell belegt. Die Urform dieses Clusters ist schätzungsweise 284.500 Jahre alt und damit älter als der Auszug des modernen Menschen aus Afrika.
Bei den ackerbauenden Jakun sieht die Situation anders aus. Dort finden sich Veränderungen an Geruchsgenen, die nicht allein mit der Wahrnehmung, sondern mit Insulinregulation, Lungenfunktion und Immunantwort zusammenhängen. Möglich wird das durch eine biologische Doppelrolle. Manche Geruchsrezeptoren sind auch außerhalb der Nase aktiv. Das Gen OR12D3 etwa wirkt nachweislich als Rezeptor für eine Insulinform und beeinflusst die Insulinausschüttung. Ernährt sich eine Bevölkerung kohlenhydratreich und erlebt regelmäßig Blutzuckerspitzen, könnte das Veränderungen an solchen Genen begünstigen, auch wenn sie gleichzeitig Düfte verarbeiten.
Besonders verblüfft hat das Team der Blick tief in die Vergangenheit. Auf Chromosom 11 stießen die Forschenden bei den Bateq, einer Negrito-Gruppe, auf einen erstaunlich häufig vorkommenden DNA-Abschnitt mit Neandertaler-Ursprung. Fünf dort gelegene Gensequenzen ähneln stark denen eines Neandertalers aus Sibirien. Sie kodieren für Rezeptoren, die moschusartige, florale und fruchtige Düfte wahrnehmen und eine verschobene Sensibilität bewirken: weniger Empfindlichkeit für Moschus, mehr für blumig-fruchtige Noten. Ob hinter dieser sogenannten adaptiven Introgression ein konkreter Anpassungsvorteil steckt, bleibt vorerst offen. Der genaue Selektionsdruck liegt im Dunkeln.
Die Studie untermauert bisherige Untersuchungen der Evolutionsbiologie: Kultur und Genetik lassen sich nicht sauber trennen. Wie Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten, hinterlässt messbare Spuren in der Genetik des Riechens, und vermutlich nicht nur dort.
Die wissenschaftliche Studie wurde im Jänner 2025 mit einer Online-Umfrage unter Erwachsenen im Alter von mehr als 18 Jahren in Österreich (1023 Teilnehmer), in Deutschland (1031 Probanden) und der Schweiz (286 Teilnehmer) durchgeführt. Die Ergebnisse wurden jetzt in den European Archives of Oto-Rhino-Laryngology veröffentlicht. Unter den Autoren finden sich mit Christian Müller (HNO-Universitätsklinik MedUni Wien/AKH) und Andreas Huber (Tirol Kliniken/Innsbruck) auch österreichische Experten.
Die Hauptergebnisse, so die Autoren: „Insgesamt berichteten 40 Prozent der Befragten über mindestens ein Symptom, wobei Geruchsintoleranz (29 Prozent), Phantosmie (Geruchswahrnehmungen ohne reale Ursache, 27 Prozent; Anm.) und Parosmie (veränderte Geruchswahrnehmung, 19 %; Anm.) am häufigsten auftraten“, schrieben die Fachleute. Phantom-Geruchsempfindungen hatten offenbar am häufigsten eine negative Auswirkung auf die Lebensqualität.
Häufigkeit in Deutschland und Österreich etwa gleich
Die Aufschlüsselung nach den Teilnehmerländern zeigt, dass Österreich am ehesten mit Deutschland zu vergleichen ist. In der Schweiz lag die Häufigkeit mancher der Störungen höher.
So berichteten 10,7 Prozent der österreichischen Teilnehmer über Geruchsverlust (Deutschland: 12,2 Prozent, Schweiz: 11,5 Prozent). Eine veränderte Geruchswahrnehmung beschrieben 17,5 Prozent der Probanden aus Österreich (Deutschland: 19,8 Prozent) und 23,8 Prozent der Schweizer.
„Phantom“-Geruchsempfindungen plagten 25,5 Prozent der österreichischen Teilnehmer, in Deutschland waren es 25,6 Prozent, in der Schweiz 33,9 Prozent. Geruchsintoleranz nahmen in Österreich und Deutschland jeweils 27,9 Prozent wahr, in der Schweiz waren es hier allein 39,5 Prozent der Probanden.
Auch hoher Anteil von Menschen mit Geschmacksstörungen
Von Geschmacksstörungen waren in Österreich 16,4 Prozent der Befragten betroffen, in Deutschland hingegen 19,1 Prozent und in der Schweiz 26,9 Prozent. Über keine derartigen Probleme berichteten in Österreich 61,9 Prozent der Befragten, in Deutschland 59,5 Prozent und in der Schweiz 52,1 Prozent.
Ein möglicher Zusammenhang dieser hohen Anteile an Menschen mit Geruchs- oder Geschmacksstörungen könnte auch mit der durchgemachten Covid-19-Pandemie bestehen. Die Wissenschafter in ihrer Zusammenfassung: „Bei 48 Prozent bis 62 Prozent der Betroffenen blieben die Symptome unverändert oder verschlechterten sich, was auf eine erhebliche Belastung durch anhaltende Funktionsstörungen hinweist. Schweizer Befragte berichteten signifikant häufiger über Parosmie (veränderte Geruchsempfindung; Anm.), Phantosmie (Geruchsempfindung ohne realen Hintergrund; Anm.), Geruchsintoleranz und Geschmacksstörungen als österreichische oder deutsche Teilnehmer, was möglicherweise Unterschiede in der Covid-19-Exposition und den Pandemiebeschränkungen widerspiegelt.“ (APA)


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