Tinguely, Éloge de la Folie zu Philosophierungen
Tinguely, Éloge de la Folie zu Philosophierungen
Eine
Handlung verstehen heißt verstehen, was sie bedeutet. Sie bedeutet die
Ab-sicht, der sie dient - mit Erfolg oder ohne. Stelle ich mir vor, ich
hätte sie selber begangen, kann ich mir - mit ein wenig Einbildungskraft - vorstellen, was ich ge-wollt haben müsste. Die
Voraussetzung: Der Handelnde ist ein Wollender wie ich. Er konnte frei
wollen, und das kann ich so wie er.
Tagesanzeiger zu öffentliche AngelegenheitenDeutschland liegt mitten in Europa – geografisch, historisch, mental. Wenn Sie auf dem Brocken stehen und dieselben Fragen nach Westen und nach Osten stellen, merken Sie, dass dieses Land die Mitte ist, durch die die Bruchlinien laufen. Denn man bekommt jeweils ganz andere Antworten. Deutschland muss es hinkriegen, wenn Europa zusammenbleiben soll...
Reiner Haseloff in welt.de, 6. 4. 2026
Die Idee von Naturgesetzen
wirkt auf die Forschung eher vernebelnd als aufklä-rend. Ein Gesetz
gilt immer und ohne Ansehen der Person. Andernfalls wäre es ein
Privileg, das wiederum gilt nur für bestimmte Personen. In der Natur
sieht es dage-gen so aus, dass jede Regel, die die Evolution einmal
hervorgebracht hat, den Orga-nimus anregt, nach Wegen zu suchen, wie er
sie umgehen kann. Hat er diese glück-lich herausgefunden, sind die
Auswege selber zu Regeln geworden - die, wie unsere Schulweisheit lehrt,
durch allerlei Ausnahmen immer wieder nur bestätigt werden.
8. 2. 21
Die Idee von Naturgesetzen ist nicht aus naturkundlicher Forschung entstanden, sondern aus metaphysischer Spekulation. Sie stammt von Galileo Galilei, er ver-stand, dass aus bloßem Zusehen keine Einsicht erwächst, sondern dass mathema-tische Konstruktion den Wag zu Forschungshypothesen öffnen müsse. Ausdrück-lich berief er sich auf Platos Hochschätzung der Mathematik, und deutete dessen Ideen-Lehre zur Vorstellung von ewigen Naturgesetzen um - darstellbar in mathe-matischen Formeln.
aus spektrum.de, 2. 4. 2026 Nicht nur einzelne Zustände können sich in der Quantenwelt überlagern,
sondern sogar verschiedene zeitliche Abfolgen von Ereignissen. zu Jochen Ebmeiers Realien
Die Messungen des Teams scheinen einen ersten solchen Beleg zu liefern. Mithilfe ihres geräteunabhängigen Protokolls stellte die Forschungsgruppe fest, dass die kausale Ordnung beim Versuch tatsächlich unbestimmt ist.
Dabei konnte ein Lichtteilchen entlang zweier möglicher Pfade laufen. Auf jedem davon befanden sich zwei Bauteile, welche eine bestimmte Eigenschaft (die Polarisation) des Photons veränderten – und zwar je nach eingeschlagenem Pfad in unterschiedlicher Abfolge. Mit den Regeln der Quantenmechanik ließen sich beide Pfade überlagern, das Lichtteilchen bewegte sich also gewissermaßen entlang beider Wege gleichzeitig. Dabei überlagerte sich auch die Reihenfolge der Operationen. Das ließ sich anhand eines zweiten Lichtteilchens nachweisen. Es lief auf einem anderen Weg und war mit der Polarisation des ersten Lichtteilchens verschränkt, das heißt quantenmechanisch verknüpft.
Nach zahlreichen Messungen war aus statistischer Sicht klar: Die kausale Ordnung ist stärker verletzt, als es jede klassische Erklärung zuließe. Ursache und Wirkung überlagern sich tatsächlich. Doch wie das Team einräumt, bleiben zahlreiche Schlupflöcher offen. Zunächst ging es ihm lediglich darum, das Messprinzip erfolgreich zu demonstrieren.
Ein Schlupfloch betrifft beispielsweise die Unabhängigkeit der Messungen. Die Wahl der Einstellungen könnte auf unerkannte Weise die Ergebnisse beeinflussen und muss daher frei oder zufällig sein – hier war sie noch vom Code fest vorgegeben. Auch in der Auswahl der gemessenen Photonen könnte eine Unzulänglichkeit stecken. Lediglich knapp ein Prozent der eingesetzten Lichtteilchen wurden am Ende detektiert, und eventuell hätten gerade diejenigen, die verloren gegangen sind, die Kausalität auf irgendeine Weise wieder hergestellt.
Zusätzlich gilt es, das Schlupfloch der sogenannten Lokalität zu schließen. Dazu muss man verhindern, dass sich zwei Messungen gegenseitig beeinflussen können. Das klappt aber nur, wenn sie so weit voneinander entfernt stattfinden, dass kein Signal schnell genug vom einen zum anderen Apparaturteil laufen kann. Doch Informationen breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus, und der Versuchsaufbau umfasste lediglich einen Labortisch mit kaum einem Meter Abstand zwischen den entscheidenden Komponenten.
Das sind bloß ein paar mögliche Schlupflöcher. Diverse weitere müssen erst noch geschlossen werden, und Kritiker werden zusätzliche finden. Erst dann steht zweifelsfrei fest, dass die Quantenmechanik mit unseren klassischen Vorstellungen von Kausalität bricht.
Die Situation erinnert an andere eingehende Überprüfungen, denen sich die Quantenmechanik etwa ein halbes Jahrhundert lang unterziehen musste. Seit den 1970er-Jahren haben zahlreiche Experimente dabei geholfen, eine fundamentale Eigenart der Quantenphysik unter die Lupe zu nehmen: die Verschränkung. Im Rahmen sogenannter Bell-Tests wollten Physiker herausfinden, ob die Verschränkung tatsächlich zwei Teilchen auf eine Weise verknüpft, die klassischen Vorstellungen widerspricht. Es dauerte bis ins 21. Jahrhundert, die letzten Schlupflöcher zu schließen. Für den wasserdichten Nachweis gab es dann im Jahr 2022 den Nobelpreis.
Sollte unbestimmte Kausalität sich wirklich als eine weitere Konsequenz der Quantengesetze herausstellen, böte das neue Einsichten, zum Beispiel in das Zusammenspiel von Quantenmechanik und Relativitätstheorie. Denn dann hätten auch Gravitationsquellen Einfluss auf die Überlagerung von Ursache und Wirkung, wie ein Team um den Wiener Physiker Časlav Brukner bereits im Jahr 2019 herausgefunden hat. Gemeinsam mit seinem Kollegen Philip Walther, der auch an der jüngsten Arbeit beteiligt war, hat Brukner in einem Artikel für »Spektrum« seinerzeit erläutert, wie die »nichtkausale Quanteninformationsverarbeitung« sogar zu leistungsfähigeren Quantencomputern führen könnte.
Die Verschränkung wurde bereits genutzt, bevor die letzten Zweifel an ihrem außergewöhnlichen Charakter ausgeräumt waren. Doch das Ausloten möglicher Schlupflöcher hat Quantentechnologien und theoretische Einsichten zusätzlich beflügelt. Die Quantenkausalität mithilfe der neuen experimentellen Methoden auf Herz und Nieren zu prüfen, verspricht nicht weniger faszinierende Erkenntnisse.
Nota. - Die Vorstellung von Ursache und Wirkung hat ihren eignen lebensprak-tischen Grund, und keinen physikalisch-wissenschaftlichen. Zu einem wissenschaft-lichen Problem ist die Kausalität erst durch die Philosophie geworden; zunächst durch den Skeptiker David Hume, der sie als eine pragmatische Fiktion erkannte, und vollends durch die Kritische alias Transzendentalphilosophie von Kant. Sie ist legitimiert durch ihre Brauchbarkeit im Alltag - und die wird auch durch die Quan-tenphysik nicht in Frage gestellt.
Ein Begriff der physikalischen Wissenschaft ist sie nie gewesen, und die Quanten-lehre erklärt, weshalb sie es nie wurde.
Merke: Wirklich ist nicht, was ein Forscher in seinem kunstvollen Labor beobachtet, sondern das, was ein Mensch im Austausch mit seiner Welt erlebt.
JE
aus spektrum.de, 02.04.2026 zu Jochen Ebmeiers Realien
Laufen die Menschen halb blind durch die Welt? Ein Experiment von französischen Psychologen legt das nahe. Wie sie in der Fachzeitschrift »Psychonomic Bulletin & Review« schreiben, fiel den meisten ihrer Versuchspersonen ein eigentlich höchst unlogisches Geschehen nicht weiter auf. Und daran änderte sich selbst dann nur wenig, wenn sie mit der Nase darauf gestoßen wurden, berichten Cyril Thomas und André Didierjean von der Université Marie et Louis Pasteur in Besançon.
Die Psychologen hatten 88 Studierende zunächst an einem Tisch eine Denkaufgabe lösen lassen. Anschließend sollten sie ihre Matrikelnummer und eine vierstellige Geheimzahl auf ein Blatt Papier schreiben. Die Geheimzahl diente vermeintlich dazu, die Daten später derselben Person zuzuordnen und dabei die Anonymität zu wahren. Was die Versuchspersonen nicht wussten: Das Klemmbrett unter dem Papier übertrug die Zahlen an den Versuchsleiter, der an einem zweiten Tisch saß und von dort die Zahlen nicht hätte sehen können.
Während das Papier weiter auf dem ersten Tisch lag, gingen die Probanden zum zweiten, um dort noch einen Test zu absolvieren. Scheinbar zum Datenabgleich las der Versuchsleiter danach ihre Matrikelnummer und die Geheimzahl von einem Zettel ab – was eigentlich unmöglich erscheinen musste, da das Papier weiter auf dem ersten Tisch lag. Im Anschluss sollten die Versuchspersonen sagen, ob ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen war, wo sich ihr Zettel befinde und wie der Versuchsleiter wohl an die Geheimzahl gekommen war. Die Hälfte erhielt noch den zusätzlichen Hinweis, dass das Experiment einen Zaubertrick enthielt.
Dennoch war der großen Mehrheit nichts aufgefallen. Ohne den Hinweis bemerkten 93 Prozent der Teilnehmenden nichts von der unlogischen Ereigniskette, aber auch mit Hinweis begriffen rund 80 Prozent nicht, dass es bei dem erwähnten Zaubertrick um ihre Geheimzahl ging. Die meisten erinnerten sich dabei chronologisch korrekt an den Ablauf der Ereignisse – und übersahen trotzdem, dass der Versuchsleiter ihre Geheimzahl nicht hätte kennen dürfen. Lediglich eine Minderheit erinnerte sich falsch, etwa dass der Versuchsleiter den Zettel geholt habe oder sie ihm die Nummer selbst mitgeteilt hätten.
Die Autoren erklären ihre Befunde mit begrenzter Aufmerksamkeit, in Anlehnung an das Phänomen der »Unaufmerksamkeitsblindheit«, bekannt aus dem Gorilla-Experiment von 1999: Darin bekamen die Probanden einen Kurzfilm über ein Basketballspiel vorgespielt und sollten dabei die Pässe des in Weiß gekleideten Teams zählen – und viele merkten so nicht, dass eine Person in einem Gorilla-Kostüm übers Feld lief und sich dabei sogar auf die Brust trommelte. So auch beim vorliegenden Experiment: Die Teilnehmenden hätten sich auf ihre Aufgabe konzentriert und deshalb logische Brüche in der Ereigniskette übersehen, erklären Thomas und Didierjean. Dazu beigetragen habe auch, dass der Versuchsleiter zunächst eine legitime Information (die Matrikelnummer) und erst danach die Geheimzahl vorlas.
Die Studie ist nur eingeschränkt aussagekräftig, weil die Laborsituation künstlich war: Der Anspruch, das Geschehen zu verstehen, ist hier womöglich geringer als in einer Alltagsumgebung. Die Autoren glauben dennoch daraus schließen zu können, dass logische Unstimmigkeiten oft gar nicht erst bemerkt werden. Und wenn sie doch auffielen, werde die Erinnerung daran im Nachhinein passend gemacht – wie in anderen klassischen Experimenten dokumentiert: Darin belegt die Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus, dass Menschen Ereignisse im Nachhinein aktiv umdeuten, wodurch falsche Erinnerungen entstehen können.
Nota. - Auch der Mensch hat Reflexe. Aber nicht nur: Er kann z. B. seine Aufmerk-samkeit richten und verhindern, dass ihn störende Reize ablenken. Beim Tier gibt die Physis den Ausschlag, welcher Reiz dominiert und welche Reize in den Hinter-grund treten.
Der Mensch kann wählen, und nur so hat der Ausdruck aufmerken einen Sinn. Dies ist die Grundlage allen Streits über den freien Willen: Er entscheidet selbst, was des Merkens würdig ist und was nicht; und dabei kann er sich irren oder Recht behal-ten.
JE
Tinguely, Éloge de la Folie zu Philosophierungen Verstehen kann ich ein Handeln: indem ich die V...