Montag, 9. März 2026

Wie der Kunstmarkt entstand.

Willem van Haecht, „Die Kunstkammer des Cornelis van der Geest“, 1628 aus welt.de, 5. 3. 2026                Willem van Haecht, Die Kunstkammer des Cornelis van der Geest 1628           zu Geschmackssachen
 
Dank dem Handel kommt einem die Kunst nahe
Der europäische Kunstmarkt ist ein über Jahrhunderte gepflegtes Netzwerk von Künstlern, Händlern und Käufern. Zu letzteren gehört das Liechtensteiner Fürstenhaus, dessen Sammlung Wirtschaftsgeschichte erzählt.

Von Bernhard Schulz 

Im Jahr 1720 gestattete der Pariser Kunsthändler Edme-François Gersaint dem befreundeten Maler Antoine Watteau, ihm sein Geschäft zu malen. Das Gemälde zeigt nicht den tatsächlichen Laden auf dem Pont Notre-Dame, sondern dessen idealisierte Version, größer als das Original, um die Breite des Angebots vorzuführen. Das Gemälde, und das macht es besonders, ist nicht nur ein Zeugnis des Kunsthandels, sondern selbst Teil davon. Denn es diente als Ladenschild, war leicht geneigt an der Fassade über dem schmalen Verkaufsraum angebracht. Zum Glück erwarb es ein Interessent nach kurzer Zeit und bewahrte es vor dem witterungsbedingten Verfall. Bald galt es selbst als ein erstrangiges Kunstwerk. Als solches gelangte es in den Besitz Friedrichs des Großen, preußischer König und Watteau-Fan.

Ein Stich nach dem Gemälde ziert jetzt das Plakat der Ausstellung „Noble Begierden“, die von den Fürstlichen Sammlungen Liechtenstein im Wiener Gartenpalais des Fürstenhauses gezeigt wird. Das Original war zu fragil, um aus dem Berliner Schloss Charlottenburg ausgeliehen zu werden. Was Stephan Koja, Direktor der Liechtenstein-Sammlungen gemeinsam mit Chefkuratorin Yvonne Wagner sowie Christian Huemer, dem Leiter des Belvedere Research Center, insgesamt zusammengetragen hat, ist ein dermaßen reiches Panorama des Kunsthandels über die Jahrhunderte, dass man sich in jedem der zehn Kapitel festsehen und festlesen möchte (Katalog bei De Gruyter, 60 Euro). 

 

 

Kunst ist schön, aber zur Wirkung kommt sie erst vermittels des Kunsthandels – so ließe sich überspitzt die Kernthese der Schau fassen. Denn nicht erst heute oder seit dem 19. Jahrhundert spielt der Handel eine dominierende Rolle. Bis zurück in die Antike reicht das Zusammenspiel von Künstlern, Händlern und Sammlern. Es zeigt, wie der Wunsch, Kunst zu besitzen, durch den Handel befriedigt wird, neben anderen Formen wie dem Werkstattverkauf, der bis heute ein Mittel der Künstler ist, um ökonomisch zu reüssieren.

Von den rund 200 gezeigten Werken und Objekten stammen zwei Drittel aus Liechtensteins Beständen selbst. So ist die Ausstellung auch ein Streifzug durch vier Jahrhunderte Sammeltätigkeit dieser so kunstsinnigen wie repräsentationsbewussten Monarchie. Vordergründig verfolgt die Schau die Geschichte des Kunstmarkts jeweils am Beispiel herausragender europäischer Metropolen.

Rom war Mittelpunkt des Handels in der Antike und eines der Zentren der Renaissance. Dafür steht das „Porträt des Jacopo Strada“, das Tizian um 1568 malte und das aus dem Kunsthistorischen Museum Wien entliehen werden konnte. Strada war Händler und Vermittler der bedeutendsten Fürsten und Geldleute seiner Zeit, in ganz Europa tätig und bis zu seinem Tod 1588 Besitzer eines großzügigen Wiener Palais. Tizian zeigt ihn, eine antike Kleinskulptur haltend und so seine Tätigkeit als Antiquar andeutend. Ringsum das Gemälde sind Bronzen ausgestellt, die nach antiken Skulpturen gefertigt wurden – und zwar für die Vermarktung.

In Florenz produzierten Werkstätten wie die der Terrakotta-Bildhauer della Robbia für einen weiten Markt, aber ebenso Maler wie Domenico Ghirlandaio. Madonnenbilder in runder Tondoform waren höchst begehrt und wurden preislich nach Zahl der dargestellten Personen berechnet. Der Maler Neri di Bicci hielt Verkäufe bereits im 15. Jahrhundert in seinen „Ricordanze“ fest, und es ist ein Verdienst der Wiener Ausstellung, solche für die Forschung ungemein wichtigen Zeugnisse ebenfalls vorzustellen.

Zur selben Zeit entstand in Antwerpen eine Frühform heutiger Kunstmessen, als während der zweimal jährlich stattfindenden Handelsmessen auch spezielle Kojen von Kunsthändlern eingerichtet wurden: „Panden“ genannt. Die lebhafte Nachfrage führte zur Verstetigung. Schon 1460 wurde die allererste Verkaufshalle für Kunst geschaffen, die „Liebfrauen-Pand“. Weitere folgten, bis sich gegen 1600 diese Handelsform wieder verlor.

Eine ganze Wand mit Bildern einer berühmten Mehrgenerationenfamilie verweist darauf, wie der als eigenständige Marke aufkam: Brueg(h)el. Zudem spezialisierten sich die Maler, um die Nachfragen zielgerichtet zu bedienen; so waren Blumen, Seestücke, Landschaften im Amsterdam des „Goldenen Jahrhunderts“ in unübersehbarer Zahl erhältlich.
Rachel Ruysch, „Blumen in einer Vase“, um 1700
Rachel Ruysch, „Blumen in einer Vase“, um 1700

Sammlungen wurden geschaffen, aber sie vergingen auch: 1639 kam die des wohlhabenden Kaufmanns Lucas van Uffel unter den Hammer. Sie ist durch ein Porträt von van Dyck präsent, zugleich mit einem Raffael-Bildnis des Baldassare Castiglione, hier in einer Kopie von Rubens. Es ging einst für unerhörte 3500 Gulden – den Preis dreier Stadthäuser! – in französischen Besitz und befindet sich heute im Louvre. Im Auktionssaal saß Rembrandt, der eine Skizze von dem Bild anfertigte und den Stil seiner Selbstporträts dem Vorbild annäherte – wohl auch, um deren Marktgängigkeit zu erhöhen.

An diesem Beispiel macht die Ausstellung deutlich, dass – und wie – der Kunsthandel auf die Kunst zurückwirkte und beide nur in Wechselwirkung zu erfassen sind. Gemalte Darstellungen von Bildergalerien waren bald Mode, wie von David Teniers diejenige des Mega-Sammlers Erzherzogs Leopold Wilhelm von Österreich in Brüssel. Zugleich kamen Kataloge auf, gedruckt vom Auktionshandel, der auf gesicherte Provenienzen verweisen und so die Authentizität seiner Angebote dokumentieren wollte. Beispielhaft präsentiert wird das europaweit agierende Unternehmen der Familie Forchondt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ließ sich Marcus Forchondt in Wien nieder und belieferte insbesondere Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein mit Kunst und Kunsthandwerk aller Art.

Paris wurde zum Mekka eines Kunsthandels, der mehr und mehr in eine gesellschaftliche Rolle hineinwuchs. Der Händler Gersaint legte 1747 ein „Catalogue raisonné“ betiteltes Verzeichnis seines Angebots an „Schmuck, Porzellan, Bronzen ...“ vor, das zugleich kunsthistorisches Wissen vermittelte. Parallel schuf in London der 1730 geborene James Christie (in Wien auf einem Bildnis aus seiner Zeit zugegen) sein bis heute bestehendes Auktionshaus, das gleichermaßen als gesellschaftlicher Treffpunkt fungierte.

„Authentizität“ blieb oder wurde zunehmend das Kernproblem des Handels, je mehr die Bedeutung der Autorschaft wuchs. Darauf kommt die Ausstellung am Beispiel Rembrandts zurück, dem im 19. Jahrhundert ein achtbändiges Werkverzeichnis gewidmet wurde, veröffentlicht von dem seinerzeit höchst prominenten Pariser Händler Charles Sedelmeyer gemeinsam mit dem Berliner Museumsdirektor Wilhelm von Bode. Bode schrieb, und Sedelmeyer finanzierte diese Publikation, die bald als „Rembrandt-Bibel“ galt. Der Streit um die Echtheit von Rembrandts Werken beschäftigt, wie man weiß, die Fachwelt immer noch.

François Bunel d. J. zugeschrieben, „Die Beschlagnahmung des Inhalts einer Kunstgalerie“, um 1590
François Bunel d. J. zugeschrieben, „Die Beschlagnahmung des Inhalts einer Kunstgalerie“, um 1590

„Die Grenzen zwischen wissenschaftlicher und kommerzieller Tätigkeit waren historisch gesehen keineswegs starr.“ Diese Quintessenz bezeugt die Wiener Ausstellung, die ungemein spannend und anspruchsvoll ist. Zugleich ist sie sehr eingängig, weil hinter jedem gezeigten Kunstwerk, hinter jedem Dokument eine Geschichte erkennbar wird, vom Künstler, vom Händler und vom Sammler. Mit Gustav Klimts rabiatem Hochformat der „Nuda Veritas“ von 1899 endet sie sehr wienerisch: mit der nackten Wahrheit, die die Marktferne und -verachtung als Ideal propagiert.

So verstand sich die 1897 gegründete Wiener Secession. Doch von wegen: Auch hier wurden Bilder verkauft und Provisionen erhoben. Ohne den Handel, mag man schlussfolgern, kommt die Kunst nun einmal nicht zum Konsumenten.

Noble Begierden. Eine Geschichte des europäischen Kunstmarkts, bis 6. April 2026, Gartenpalais Liechtenstein, Wien

 

Sonntag, 8. März 2026

Intelligenz, die sich nicht in einer Welt behauptet.

                 zu Jochen Ebmeiers Realien

Intelligenz, die sich nicht in einer Welt behauptet, ist keine. Weil sie sich dann in der Welt nicht auskennt. 

So einfach ist das.

 

Nota Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 7. März 2026

Bewusst und unbewusst.

 
aus scinexx.de                                                                                     zu Jochen Ebmeiers Realien

Wie Reize auf dem Weg ins Bewusstsein versickern
Trennung zwischen bewusst und unbewusst erfolgt erst spät 

Zwischen bewusst und unbewusst: Ob wir Bilder, die auf die Netzhaut unserer Augen fallen, auch bewusst wahrnehmen, entscheidet sich im Gehirn. Eine Studie zeigt nun, wie manche Reize auf dem Weg ins Bewusstsein gewissermaßen "versickern". Demnach setzt dieser Prozess offenbar erst erstaunlich spät im Laufe der Signalverarbeitung ein. Anfangs unterscheidet sich die Reaktion der Nervenzellen auf unbewusste und bewusste Reize dagegen kaum. 

Im Alltag strömen ununterbrochen tausende visuelle Reize auf uns ein. Doch nur einen Bruchteil davon nehmen wir bewusst wahr: Um einer Reizüberflutung zu entgehen, sortiert unser Gehirn systematisch aus. In unserem Denkorgan entscheidet sich, ob wir die Bilder, die auf die Netzhaut unserer Augen fallen, bewusst wahrnehmen oder nicht.

Wie dieser Prozess genau vonstatten geht, ist bisher jedoch weitestgehend unbekannt. Wissenschaftler um Thomas Reber von der Universität Bonn haben diesen Mechanismus nun genauer untersucht – und gezeigt, wie manche Reize auf dem Weg ins Bewusstsein gewissermaßen "versickern". 

Wahrnehmung im Bildertest


Späte Trennung

Wenn ein Bild auf die Netzhaut fällt, leitet der Sehnerv die dazu gehörigen Reize zunächst an die Hinterseite des Schädels zum sogenannten visuellen Cortex – dem primären Sehzentrum. Dort verzweigt sich das Signal; ein Teil läuft durch den Schläfenlappen zurück Richtung Stirn. Die Messungen offenbarten, wie sich die elektrischen Pulse auf diesem Weg verändern: "Im hinteren Bereich des Schläfenlappens – also dem, der früher in der Verarbeitungskette liegt – gibt es kaum Unterschiede zwischen bewusst und unbewusst verarbeiteten Bildern", berichtet Reber. 

Die Aufspaltung in bewusst und unbewusst passiert erst danach: Auf dem Weg in die vorderen Teile des Schläfenlappens erfolgen die Pulse bei unbewussten Bildern mit einer immer größeren Zeitverzögerung. Zudem werden sie auf ihrer Reise immer schwächer. "Die Trennung zwischen bewusst und unbewusst erfolgt damit deutlich später, als viele Forscher bislang vermuteten", sagt Reber. 

Gesehen ja, wahrgenommen nein

Damit ist klar: Das Auge registriert das Foto zwar und erzeugt ein entsprechendes Signal. Dieses scheint auf dem Weg ins Bewusstsein jedoch zu "versickern". Als Folge nimmt der Proband das Bild nicht wahr. "Es ist schon erstaunlich", meint Reber: "Wir können mit unseren Messungen nachweisen, dass der Patient ein bestimmtes Motiv gesehen hat – auch wenn der diese Tatsache auf Nachfrage verneint." (Current Biology, 2017; doi: 10.1016/j.cub.2017.08.025) 

(Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 25.09.2017 - DAL)


Nota. - Also nicht im Moment des Kontakts mit der Sinneszelle geschieht die Unterscheidung, sondern erst auf dem Weg nach vorn in den Stirnbereich, wo die Aufmerksamkeit sitzt. Als nächstes wüsste man gern: Wer macht die Unterscheidung - wer scheidet, und warum? Auf den ersten Blick möchte man meinen, es müsse mit der Aufmerksamkeit zu tun haben. Die Aufmerksamkeit verstärkt die Scheidung - oder besser gesagt: Sie ist die Scheidung. - Mit Wörtern kommt man offenbar nicht weiter. Was muss man sich vorstellen?
JE, 15. 12. 19
 
 

Schneller als das Licht?

Tachyonen
aus scinexx.de, 15. Juli 2024 Tachyonen sind schneller als das Licht – jedenfalls in der Theorie. zu Jochen Ebmeiers Realien

Gibt es überlichtschnelle Tachyonen doch?
Neues Modell zu den exotischen Teilchen sorgt für Diskussionen unter Physikern

Keine bloße Science-Fiction: Tachyonen können schneller fliegen als das Licht – zumindest besagen dies einige physikalische Modelle. Doch ob diese hypothetischen Teilchen mit der Relativitätstheorie vereinbar sind und über Quantenfeldtheorien beschrieben werden können, ist strittig. Jetzt haben Physiker eine mögliche Lösung dieses Dilemmas veröffentlicht – und die Diskussion neu entfacht. Was aber ist das Problem mit den Tachyonen?

Sie klingen wie aus Star Trek oder einem andern Science Fiction-Szenario: Tachyonen sind hypothetische Teilchen, die mit Überlichtgeschwindigkeit durch das All rasen und damit sogar rückwärts in der Zeit reisen können. Das klingt wie ein klarer Verstoß gegen Einsteins Spezielle Relativitätstheorie, nach der nichts schneller sein kann als das Licht. Selbst masselose Teilchen wie die Photonen erreichen demnach maximal eine Geschwindigkeit von rund 300.000 Kilometer pro Sekunde.

Schneller als das Licht?

Doch 1962 wiesen Physiker nach, dass Einsteins Feldgleichungen zwar das Überlicht-Tempo für Teilchen mit Masse verbieten, es aber eine Lücke gibt. Demnach könnte es theoretisch Teilchen geben, deren quadrierte Masse einen negativen Wert hat und die dadurch das Einstein’sche Tempolimit überschreiten können. Sie müssten allerdings ausschließlich überlichtschnell unterwegs sein, so die Theorie.

Möglich wird dies, weil diese Teilchen mit steigender Geschwindigkeit an Masse und Energie verlieren – genau umgekehrt wie alle normalen Teilchen. Um diese überlichtschnellen Teilchen bis auf Lichtgeschwindigkeit oder darunter abzubremsen, müsste man ihnen demnach unendlich viel Energie zuführen. 1967 prägte der US-Physiker Gerald Feinberg für diese hypothetischen Partikel erstmals den Begriff „Tachyonen“ und lieferte eine erste Erklärung auf Basis der Quantenphysik. Demnach entstehen die Tachyonen – ähnlich wie das Higgs-Boson – durch die spontane Symmetriebrechung eines im Universum präsenten Skalarfelds.

Drei physikalische Hürden

Soweit die vereinfachte Geschichte. Doch physikalisch betrachtet ist die Frage nach den Tachyonen etwas komplizierter. Zwar können diese überlichtschnellen Teilchen im Rahmen der String-Theorie und auch des Casimir-Effekts beschrieben werden, nicht aber innerhalb der gültigen Quantenfeldtheorie. „Mindestens drei schwerwiegende Probleme sind dafür bisher ungelöst“, erklären Jerzy Paczos von der Universität Stockholm und seine Kollegen.

Das erste Problem: Die Energie der Tachyonen könnte unter bestimmten Bedingungen negative Werte annehmen – was nach gängiger Theorie nicht geht. Die zweite Hürde besteht darin, dass das quantenphysikalische Tachyonenfeld bisherigen Berechnungen nach im Grundzustand instabil wäre – was eine Art Lawine solcher überlichtschnellen Teilchen auslösen würde. Und drittens müsste sich die Zahl der Tachyonen je nach Zustand des Betrachters ändern – auch das widerspricht gängigen Modellen.

„Unter anderem deswegen gelten Tachyonen bislang eher als unerwünschte Artefakte, die eine Inkonsistenz des Signals oder zumindest eine Instabilität der Theorie anzeigen“, erklären die Physiker.

Skalarfelder
Tachyonen könnten ähnlich wie das Higgs-Boson auf ein exotisches Skalarfeld im frühen Kosmos zurückgehen.

Zu enger Rahmen?

Doch jetzt demonstrieren Paczos und sein Team, dass diese drei Hindernisse möglicherweise auf einer Fehlannahme beruhen. „Wir zeigen, dass diese Probleme von einer fehlerhaften Repräsentation der Lorentz-Gruppe in einem zu kleinen Hilbert-Raum verursacht werden“, erklären die Physiker. Der Hilbert-Raum beschreibt dabei die möglichen Zustände eines quantenphysikalischen Skalarfelds. Die Lorentz-Gruppe beschreibt die Symmetrie der die Naturgesetz beschreibenden Gleichungen wie beispielsweise die Einstein’schen Feldgleichungen.

Vereinfacht gesagt führen die Physiker die drei Probleme der Tachyonen darauf zurück, dass die Bedingungen für ihre physikalische Integration bisher zu eng gefasst wurden. Weil diese Teilchen sich in einem anderen Zeitrahmen bewegen – sie können theoretisch in der Zeit zurückspringen – müsse neben dem Anfangszustand des Systems auch dessen Endzustand mit einbezogen werden. „Um Raum für die Tachyonen zu schaffen, müssen wir den Zustandsraum erweitern“, erklären die Physiker.

„Die Idee, dass die Zukunft auch die Gegenwart beeinflussen kann statt nur umgekehrt, ist in der Physik keineswegs neu“, sagt Seniorautor Andrzej Dragan von der Universität Warschau. „Aber bisher galt dies bestenfalls als unorthodoxe Interpretation einiger Quantenphänomene.“

Hürden beseitigt…

In ihrer Studie demonstrieren die Physiker nun, dass eine Erweiterung des Hilbert-Raums die drei Haupthürden für die quantenphysikalische Beschreibung von Tachyonen weitgehend beseitigt. „Indem wir diesen Raum verdoppeln, etablieren wir ein kovariantes Gerüst, das die korrekte Quantisierung der Tachyonfelder erlaubt – und all diese Problem beseitigt“, schreiben Paczos und sein Team. Die überlichtschnellen Teilchen lassen sich dann in die Quantenfeldtheorie einfügen.

Und nicht nur das: Nach Ansicht der Forscher könnte die Integration der Tachyonen sogar einige der offenen Fragen zum Higgs-Boson und dem Ursprung seines Quantenfelds klären. „Unser Quantisierungs-Ansatz könnte helfen, die Physik des Phasenübergangs beim Higgs zu verstehen und die Dynamik seiner ungebrochenen gegenüber der gebrochenen Symmetrie zu klären“, schreiben Paczos und sein Team.

…oder doch nicht?

Allerdings: Andere Physiker widersprechen dem Ansatz von Paczos und seinen Kollegen und halten ihn für nicht gültig. So rechnet beispielsweise Krzysztof Jodlowski vom Institut für Grundlagenforschung in Seoul vor, dass diese Lösung nicht aufgeht. „Wir zeigen, dass die vorgeschlagene Quantenfeldtheorie der interagierenden Tachyonen das Lokalitätsprinzip von Interaktionen auf grundlegende Weise verletzt“, konstatiert Jodlowski in einem entgegnenden Fachartikel.

Seiner Ansicht nach gibt es deswegen wahrscheinlich keine Teilchen mit negativer Quadratmasse – und damit auch keine Tachyonen. „Die quantenmechanische Beschreibung ihrer Interaktionen ergibt keinen Sinn“, so Jodlowski. „Die angepassten Gleichungen aus dem Standardwerkzeugkasten der Quantenfeldtheorie führen zu einem unphysikalischen Verhalten.“

Damit bleibt es weiter strittig, ob die überlichtschnelllen Tachyonen nun existieren oder nicht. Immerhin scheint ihre Existenz aber nicht so unrealistisch, dass sie direkt ins Reich der Science-Fiction verbannt wurden. Stattdessen sorgen die mysteriösen Teilchen bis heute für Diskussionen unter den Physikern. (Physical Review D, 2024; doi: 10.1103/PhysRevD.110.015006; arXiv-Preprint, 2024; doi: 10.48550/arXiv.2406.14225)

Quelle: University of Warsaw, Physical Review D, arXiv, ; 15. Juli 2024 -  von Nadja Podbregar

 

Freitag, 6. März 2026

Ich war der Welt abhanden gekommen.

 Spitzweg, Aschermittwoch

Drei Wochen offline, ich schwör.

 

 

Das uneigentlich Schöne.

Alessandro Magnasco, Die zahme Elster                                                         aus Zwischenbericht in Über das Ästhetische

Trotzdem bleibt das Schöne Paradigma auch des Rätselhaften. Denn im Schönen (nun aber im Naturschönen sowohl als im Kunstschönen - das Naturschöne sieht aus, als ob die Natur "sich was dabei gedacht hätte") erscheint das bloß-sinnlich-Gegebene so, als ob es selber etwas bedeuten wolle! Und zwar jenem 'zwiespältigen' Bewußtsein, das längst weiß, daß die Dinge 'an sich' eben überhaupt nichts bedeuten und ohne pragmatische Zwecksetzung sinnlos bleiben. 

Rätselhaft ist die Darstellung (als Darstellung) dann, wenn sie ihr Objekt, egal ob gegenständlich oder ungegenständlich, beinahe in 'Schönheit' faßt, und sie dann doch verfehlt; die harmonistische, befriedete, positive Symbolhaftigkeit des Schönen parodiert. Diese vorgeführte Immanenz heißt Ironie und ist seit der Romantik der Generalnenner der Kunst.

Pietro Annignoni, Anacoreti nel deserto

(Es gibt aber weiterhin eine Kunst, die auf Entschärfung nicht verzichten mag - für Leute, die mangels Bildung den Zwiespalt nicht aushalten; diese 'Kunst' heißt jetzt Kitsch. Seitdem darf im übrigen jeder 'seinen eigenen Geschmack' haben. Einen gültigen Stil gibt es nicht mehr, nur noch Moden, die aber von Anbeginn umstritten sind; z. B. wg. Kitsch!)

Anton Mauve, Sonnenuntergang im Winter
12. 16. 19 

Freitag, 13. Februar 2026

Ob es Gott gibt...

                        zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem   

... ist keine sinnvolle Frage; es gibt keinen Weg, sie zu beantworten.

"Wenn es Gott nicht gäbe, müsste er erfunden werden", sagt ein Gescheiter.

"Aber wenn er nur gedacht wird, kann er nichts bewirken. Doch dann taugt er nichts und ist überflüssig", sagt ein Gescheiterer.

Ein Kluger sagt: "Nur in deinem Denken könnte er was bewirken, und das ist ja schon was!"

*

Der Freigeist fühlt sich frei, weil er keinen Entscheider über sich hinnimmt. Kei-nem schuldet er Rechenschaft.

Nicht einmal sich selbst? Wie könnte er dann frei sein - er wäre ein Spielball seiner Launen und Drüsen. 

Einen obersten Richter ohne Launen und Drüsen kann er sich denken, und vor dem müsste er bestehen. 

 

Wie der Kunstmarkt entstand.

 aus welt.de, 5. 3. 2026                 Willem van Haecht, Die Kunstkammer des Cornelis van der Geest 1628             zu   Geschmackssache...