Berlins Schülerinnen und Schüler leiden massiv unter Gewalt, Bedrohung, Mobbing und Diskriminierung. Aber auch Schulbeschäftigte werden häufig zu Opfern
und beklagen eine zunehmende Verrohung der Kinder und Jugendlichen.
Dies belegt das erstmals erstellte „Gewalt- und Konfliktbarometer“, das
am Montag vorgestellt wurde. Schulleitungen nannten die Ergebnisse
gegenüber dem Tagesspiegel „erschreckend“.
„Mehr
als die Hälfte der Lehrkräfte bewertet die Gewalt und Konflikte an
ihrer Schule als großes oder sehr großes Problem“, hieß es am Montag zur
Auswertung der Studie. Fast zwei Drittel hätten von einer Zunahme der
Gewalt seit der Corona-Pandemie berichtet. Nur vier Prozent sähen kein
Problem. An der Befragung nahmen 14.000 Schüler und 2500 Lehrkräfte
teil.
„Religiöser und sozialer Konformitätsdruck“
Auffällig
seien auch die Entwicklungen an der Grundschule, die zunehmende
Bedeutung digitaler Konflikte sowie „religiöser und sozialer
Konformitätsdruck“. Die Hälfte der Neuntklässler berichtete, dass über
sie Gerüchte und Lügen verbreitet würden.
Als
„deutliches Warnsignal“ bezeichnete Bildungssenatorin Katharina
Günther-Wünsch (CDU), die die Befragung beauftragt hatte, die
Ergebnisse. Mit dem Konflikt- und Gewaltbarometer legte Berlin nach
eigener Darstellung als erstes Bundesland eine umfassende
wissenschaftliche Untersuchung zu Konflikten und Gewalt an Schulen vor.
Die
Senatorin präsentierte die Ergebnisse zusammen mit Ullrich Bauer von
der Universität Bielefeld sowie Marc Grimm von der Universität
Wuppertal. Die beiden Professoren hatten die Untersuchung geleitet.
Steffen de Sombre vom Institut für Demoskopie Allensbach verantwortete
die Befragung an den Schulen.
Eine Aufgabe aus den Leitlinien der Regierungspolitik
Mit
der Beauftragung und Vorstellung des Berliner „Gewalt- und
Konfliktbarometers“ hat Günther-Wünsch ein ambitioniertes Vorhaben der
zu Ende gehenden Legislatur umgesetzt, das 2023 auch in die „Leitlinien
der Regierungspolitik“ aufgenommen worden war. Dort war ihr aufgegeben
worden, eine universitäre Studie zu veranlassen, die „umfassend“
Schulkonflikte untersuchen sollte. Explizit aufgezählt wurden dabei
„Mobbing, Antisemitismus, Sexismus, Konflikte durch religiösen
Konformitätsdruck, Queer- und Transfeindlichkeit und andere
Diskriminierungsformen“.
Abgesehen
von der puren Abfrage der erlittenen oder beobachteten
Gewalterfahrungen sollte auch zur Sprache kommen, wie darauf pädagogisch
zu antworten sei. Das hatte die Bildungsverwaltung im Vorfeld angekündigt.
Die Studie erfasste daher alle Formen von Gewalt, „deren Ausmaß und
Dynamiken, Gewaltbeziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern,
Lehrkräften und weiterem Schulpersonal sowie die Folgen von Gewalt und
den institutionellen Umgang mit Gewaltvorfällen“.
Als
Ziel wurde formuliert, dass ein „belastbares und differenziertes
Lagebild“ gewonnen werden sollte, um darauf aufbauend „wirksame und
passgenaue Unterstützungsmaßnahmen für den schulischen Alltag zu
entwickeln“. Die Auswahl der Klassen und Kurse innerhalb der jeweiligen
Klassenstufen, in denen die Interviews durchgeführt werden, erfolgte
nach dem Zufallsprinzip.
Interview und Gruppendiskussionen gaben weiteren Aufschluss
Zudem
gab es eine vorgelagerte qualitative Befragung von 41 Schülerinnen und
Schülern in Einzel- oder Tandeminterviews durch das Institut für
Demoskopie Allensbach. Diese wurde in verschiedenen Schulformen,
verschiedenen Bezirken und in verschiedenen Klassenstufen (5, 6, 9, 10,
11, 12, erstes und zweites Ausbildungsjahr) organisiert. Zudem wurden 43
Lehrkräfte sowie weitere pädagogische Fachkräfte in elf
Gruppendiskussionen befragt. Auch in diesem Modul wurden Personen aus
verschiedenen Bezirken und verschiedenen Schulformen befragt.
Die
Studie war nach Aussage der Bildungsverwaltung ergebnisoffen angelegt.
Konkrete „Maßnahmen“ sollten erst auf Grundlage der ausgewerteten
Befunde entwickelt werden. Zudem sollte geprüft werden, in welchem
Umfang bestehende Gewaltpräventions- und Demokratieförderprogramme
„fortgeführt, angepasst oder ergänzt werden sollten“.
Nota. - Das wundert mich aber sehr, dass als Remedium diesmal nicht wie immer die Ganztagsschule vorgeschlagen wird. Ist der Pausenhof etwa kein passgenauer Ort sozialen Lernens? Man kann ihn ja vorsorglich von der Polizei überwachen lassen, das macht's noch realitätsbezogener.
JE