Mittwoch, 20. Mai 2026

"Kritischer Kollaps".

Zwei schwarze Kreise, rund herum etwas Helligkeit, dahjnter wieder schwarzer Hintergrund.  zu Ebmeiers Realien
aus derStandard.at, 19. Mai 2026      Künstlerische Darstellung des "Todestanzes" zweier Schwarzer Löcher. Forscher glauben, das bisher massereichste Paar Schwarzer Löcher entdeckt zu haben, das bei diesem Vorgang beobachtet wurde.
 
"Kritischer Kollaps"
Neue Formel bestätigt mögliche Entstehung winziger Schwarzer Löcher
Physiker finden eine Formel für ein merkwürdiges Phänomen: Wenn Raum und Zeit eine Art "Kristall" bilden, führt das womöglich zu einem kleinen Schwarzen Loch

Neben den berühmten Schwarzen Löchern mit ihren gigantischen Ausmaßen gibt es im Universum theoretisch auch mikroskopisch kleine Varianten. Beginnen wir mit Neuigkeiten von den Giganten: In einer 4,4 Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxie haben Astronomen möglicherweise das massereichste Paar Schwarzer Löcher entdeckt, das bisher gefunden wurde. Zusammen haben diese Giganten eine geschätzte Masse, die 60 Milliarden Mal so groß ist wie die unserer Sonne – und mindestens doppelt so groß ist wie das bisherige Rekordduo, berichtete kürzlich ein Team um Michael McDonald (MIT) im Fachblatt Astrophysical Journal Letters.

Doch hier soll es vor allem ums Gegenteil gehen: winzige, mikroskopische Objekte, die durch kleinste Energiezufuhr aus bestimmten kritischen Zuständen hervorgehen können. Solche Zustände könnten etwa kurz nach dem Urknall entstanden sein – als das Universum noch ein chaotisches Gemisch aus Teilchen war. Das könnte zu sogenannten "primordialen Schwarzen Löchern" geführt haben, die unter anderem von Stephen Hawking vorgeschlagen wurden, für die es aber noch keinen empirischen Nachweis gibt.

Die theoretische Möglichkeit solcher kritischen Strukturen wurde bereits durch Computersimulationen bewiesen. Nun ist es einem Team der Goethe-Universität Frankfurt und der Technischen Universität Wien gelungen, dieses Ergebnis mittels eines mathematischen Kniffs und einer exakten Formel zu bestätigen und im renommierten Fachblatt Physical Review Letters zu veröffentlichen.

Wasser als Analogie

„Manchmal reicht eine kleine, unspektakuläre Ursache, um eine große, spektakuläre Veränderung auszulösen", sagt Ko-Autor Daniel Grumiller, theoretischer Physiker von der TU Wien. "Stellen wir uns zum Beispiel flüssiges Wasser bei null Grad Celsius vor. Hier reicht eine kleine Veränderung, um das Wasser gefrieren zu lassen. Ganz von selbst ordnen sich die Wassermoleküle dann zu einem regelmäßigen Muster an und bilden einen Eiskristall."

Etwas ganz Ähnliches kann nach Albert Einsteins Relativitätstheorie auch in Raum und Zeit passieren: Bewegen sich Teilchen von A nach B, hat das einen Einfluss auf Raum und Zeit. "Man sagt: Die Raumzeit wird durch Masse gekrümmt", erklärt Christian Ecker vom Institut für Theoretische Physik an der Goethe-Universität Frankfurt. "Große Objekte wie etwa Sterne krümmen die Raumzeit stark – das kann man etwa bei Lichtstrahlen beobachten, die von massereichen Sternen abgelenkt werden. Aber in geringerem Ausmaß verursachen auch kleine Massen eine Krümmung von Raum und Zeit."

"Kritischer Kollaps"

Ähnlich wie die Physik den Wassermolekülen erlaubt, aus ungeordnetem, flüssigem Wasser einen regelmäßigen Kristall zu bilden, erlaubt die Relativitätstheorie, dass sich aus Raumzeitkrümmungen eine regelmäßige Struktur bildet – ein immer wiederkehrendes Muster in Raum und Zeit. Eine Art "Raumzeitkristall" entsteht. Der Prozess, der zu diesem Zustand führt, wird in der Physik "kritischer Kollaps" genannt.

Gfafik, die oben ein Schwarzes Loch zeigt, links eine geometrische Struktur, die einer Allee ähnelt und rechts ein Kristallgitter
Visualisierung eines "Raumzeitkristalls" (links), rechts im Vergleich dazu ein gewöhnlicher Kristall, oben: ein Schwarzes Loch.

"Dieser Raumzeitkristall ist ein ganz besonderes und merkwürdiges Objekt", sagt Grumiller. "Er ist eine Art Zwischenzustand, ein instabiler Punkt, der sich in zwei Richtungen entwickeln kann: Er kann einfach wieder zerfallen – übrig bleibt eine gewöhnliche Raumzeit mit herumfliegenden Teilchen. Wenn man allerdings eine minimale Menge an Energie zuführt, nimmt die Entwicklung eine völlig andere Richtung: Aus dem unscheinbaren "Raumzeitkristall" wird ein Schwarzes Loch."

Alte Vermutung bestätigt

Dass sich Schwarze Löcher auf diese Weise spontan bilden können, legten bereits Computersimulationen aus dem Jahr 1993 nahe. Seither versuchte man, den Prozess rechnerisch zu beschreiben und die korrekten Formeln dafür aufzustellen – aber das stellte sich als äußerst schwierig heraus. Dem Team aus Wien und Frankfurt gelang das nun durch einen verblüffenden Trick: "Unser Universum hat vier Dimensionen – drei Raumdimensionen und die Dimension der Zeit", erläutert Christian Ecker. "Prinzipiell hindert uns aber nichts daran, physikalische Gleichungen für eine höhere Anzahl von Dimensionen aufzuschreiben – für fünf Dimensionen, oder zweiundvierzig, oder für unendlich viele."

Man könnte erwarten, dass die Theorie dadurch noch viel komplexer wird, aber das ist nicht notwendigerweise der Fall. Das Team konnte zeigen, dass sich im Grenzfall unendlich vieler Dimensionen manche hochkomplexen Fragen auf verblüffend einfache Weise beantworten lassen. Im Anschluss wird überprüft, ob sich die Lösung auch auf den Fall einer geringeren Anzahl von Dimensionen "rückübersetzen" lässt. Auf diese Weise konnte das Team durch den Umweg über eine hypothetische, unendlich-dimensionale Welt eine Erkenntnis über unsere vierdimensionale Welt gewinnen.

"Unsere Technik erweist sich als stabil. Je nach gewünschter Präzision können wir unsere Formeln sogar noch durch zusätzliche Näherungsmethoden verbessern", so Florian Ecker von der TU Wien. "Wir haben damit eine Methode entwickelt, mit der man Phänomene rund um Schwarze Löcher untersuchen kann, die bisher nicht analysierbar waren."

Keine größere Gefahr

Bleibt die Frage, welchen Schaden solche mikroskopisch kleinen Schwarzen Löcher anrichten können, falls es sie tatsächlich gibt. Der hängt von ihrer Masse ab, wie Physiker vor wenigen Monaten ermittelten. Dai De-Chang und Dejan Stojkovic kamen zu dem Schluss, dass selbst ein primordiales Schwarzes Loch von der Masse eines mittleren Berges, das sich schnell genug bewegt, beim Durchgang durch einen Festkörper nur einen Tunnel von einem Zehntausendstelmillimeter hinterlassen würde.

Wäre ein solches exotisches Objekt also klein genug, könnte es einen menschlichen Körper durchfliegen, ohne dass man davon Notiz nehmen würde. Die Menge an Material, die es bei der Durchreise aufnimmt, wäre also kaum der Rede wert. (red, tasch.)

 

Dienstag, 19. Mai 2026

Das endlose Elend der Ganztagsschule.

Blick in eine leere Schulklasse in Wien mit aufgestellten Stühlen auf den Tischen, kurz vor Schulbeginn, aufgenommen am 29. August 2025.  
aus derStandard.at, 17. 5. 2026                        Laut der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage waren hierzulande nur 8,1 Prozent an einer "echten" Ganztagsschule angemeldet.                                                  zu Levana, oder Erziehlehre

Drittel der Kinder an Ganztagsschule, kaum verschränktes Angebot
Regional gibt es große Unterschiede. Die Länder erwarten in den nächsten Jahren nur eine geringe Steigerung bei den Betreuungsquoten

Wien – In Österreich gehen immer noch die meisten Kinder in eine Halbtagsschule. In diesem Schuljahr haben an Pflichtschulen (vor allem Volks- und Mittelschule) und AHS-Unterstufen 33,7 Prozent einen Standort mit ganztägigem Angebot besucht. Nur 8,1 Prozent waren dabei an einer "echten" Ganztagsschule angemeldet, in der sich Unterricht mit Lern- und Freizeit abwechselt, zeigt die Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der Grünen durch Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos).

Die Infografik zeigt den Anteil der Schülerinnen und Schüler in Ganztagsschulen oder Tagesbetreuung für das Schuljahr 2025/26. Insgesamt liegt der Anteil bei 33,7 %. Die AHS-Unterstufe hat mit 45,1 % den höchsten Wert, die Mittelschule mit 19,5 % den niedrigsten. Volksschule und Sonderschule liegen bei 39,4 % beziehungsweise 34,1 %. Quelle: BMBWF.

Seit 15 Jahren versucht der Bund über Fördergelder den Ausbau ganztägiger Angebote an Pflichtschulen (Volks-, Mittel-, Sonder- und Polytechnische Schule) und AHS-Unterstufen voranzutreiben. Abgerufen wurden die nach wechselnden Kriterien vergebenen Mittel nur zum Teil. Im Langzeitvergleich hat sich bei den Betreuungsquoten trotzdem langsam, aber stetig etwas getan: 2010/11 nutzte gerade ein Zehntel der Pflichtschüler ein ganztägiges Schulangebot, inklusive Hort wurden 17,3 Prozent am Nachmittag betreut. 2020/21 lag die Quote bereits bei 26,2 beziehungsweise 41,3 Prozent, im vergangenen Schuljahr waren es 32,4 Prozent beziehungsweise 47,5 bei Einberechnung der Hortbetreuung (für das aktuelle Schuljahr liegen noch keine Zahlen zum Hort vor, Anmerkung).

In Tirol am niedrigsten

Wie so oft sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern und dann noch einmal innerhalb der Bildungsregionen enorm: Während derzeit in Wien 56,6 und in Vorarlberg 49,7 Prozent der Pflichtschüler eine schulische Ganztagsbetreuung bekommen, sind es am anderen Ende der Skala in Tirol nur 18,8 Prozent und in Oberösterreich 21,7. Das Burgenland liegt mit 38,9 Prozent über dem Österreich-Schnitt, Salzburg (29,2), Kärnten (28,8), die Steiermark (27,5) und Niederösterreich (26,9) landen darunter.

Für die kommenden Jahre werden von den meisten Ländern keine großen Sprünge im Vergleich zu 2025/26 erwartet. Von der stärksten Steigerung bis zum Schuljahr 2028/29 wird im bereits gut aufgestellten Wien (3,7 Prozent) und beim derzeitigen Schlusslicht Tirol (3) ausgegangen, in den anderen Bundesländern sind es zwischen 0,2 (Steiermark) und 1,7 (Salzburg).

3100 Standorte

Seit 2020/21 sind österreichweit 309 Standorte mit Tagesbetreuungsangebot dazugekommen, vor allem an Volksschulen (289). Insgesamt bieten aktuell knapp 3100 Standorte eine ganztägige Betreuung an, das sind 62,3 Prozent der Schulen für Sechs- bis 15-Jährige.

Weiterhin ein Minderheitenprogramm sind dabei die verschränkten Ganztagsschulen. Hier sind in den vergangenen Jahren gerade einmal 37 Standorte dazugekommen, wobei auch Schulen mitgezählt werden, in denen nur einzelne Klassen verschränkt geführt werden. Von den aktuell 252 "echten" Ganztagsschulen sind 134 in Wien, das auch fast zur Gänze verantwortlich für das kleine Plus ist. Nur in Kärnten und Niederösterreich gab es ebenfalls (minimale) Zuwächse. In Vorarlberg, Oberösterreich, Tirol und Salzburg wurde das Angebot beim international üblichen Ganztagsschulmodell unterdessen sogar zurückgefahren.

Für die Grüne Bildungssprecherin Sigrid Maurer zeigen die Zahlen, dass Österreich "beim Ausbau gerechter ganztägiger Bildung viel zu langsam voran" komme. "Dass Kinder je nach Wohnort völlig unterschiedliche Chancen auf Betreuung und Förderung haben, ist ein bildungspolitisches Versagen." (APA)

  • Wider die Ganztagsschule.
  • Schulen - ein Notbehelf.
  • Nota. - Auch der größte Sachverstand wird uns nicht von unserer politischen Über-zeugung abbringen - mit diesem Satz im Bundestag ging in der Adenauerzeit ein Regierungsvertreter in die Annalen des deutschen Parlamentarismus ein. Ich weiß nicht mehr, worum es in der Sache ging, aber es würde mich nicht wundern, wenn es die Bildung war. 

    Damals waren besagte Überzeugungen konservativ bis reaktionär, doch im Bil-dungsbereich hat sich das Blatt seither entschieden gewendet: Heute sind es die zwanghaften Reformer, die die Wünsche der Industrie und der Behörden betreiben, und der katastrophalste Rückschritt der Kultur - die Ganztagsverschulung - wird nur durch den passiven Widerstand von Eltern gebremst, die auf der Seite ihrer Kinder stehen, und von konservativen Landbevölkerungen wie in Tirol. 

    Der gemeinsame Nenner von Industrie und öffentlicher Verwaltung im Bildungs-bereich ist der Technizismus, der Erziehung aggressiv auf Organisations- und Me-thodenfragen reduziert, weil es ihnen ausschließlich um Ausbildung für ein - ver-flossenes - Gesellschaftsmodell geht: die marktgerechte Arbeitszivilisation, die in Zeiten von KI und digitaler Revolution nur noch reaktionär ist.   

    Dabei ist der gesunde Menschenverstand längst gründlich gewarnt vor "soziale-Verhaltenweisen-Einüben" auf unsern Pausenhöfen und der endgültigen Vetreibung der Kindheit aus dem öffentlichen Leben. Unter nicht erwerbsmäßig-interessiertem Publikum treffen meine Argumente meist auf väter*mütterliches Wohlwollen. Wie-so finden sie unter den pp. Fachleuten gar kein Echo?

    Ich erzähle Ihnen eine Anekdote: Im Frühjahr 1991 besuchte ich eine Seminarver-anstaltung für Pädagog*innen aus Margot Honneckers Aufgebot. Ein progressiver Professor aus Marburg hielt ein flammendes Plädoyer für die ''Entpädagogisierung der Kindheit". Ich war der einzige im Saal, der ihm zur Seite trat. Ich glaubte aber aus seinen Ausführungen herauszuhören, dass er ganz selbstverständlich - wie übri-gens alle andern im Saal - die Ganztagsschule befürwortete, und fragte ihn, ob er darin nicht einen Widerspruch erkannte. 

    Ihm fiel das Kinn runter. Darauf war er noch nicht gekommem und das müsse er sich erst durch den Kopf gehen lassen.
    JE  

     

     

    Montag, 18. Mai 2026

    Bronzezeit.

    Drei spätbronzezeitliche Gräber bei Esperstedt, mit Steinen bedeckt und in rechteckigen Grabgruben angeordnet, auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte.
    aus derStandard.at, 7. 3. 2026         Drei mit Steinen überdeckte spätbronzezeitliche Gräber bei Esperstedt in Sachsen-Anhalt. Genetische Daten zeigen langsam verlaufende, regional unterschiedliche Veränderungen der Abstammung mit zunehmenden Verbindungen ins Donaugebiet, ohne dass lokale Traditionen dabei verdrängt wurden.              zu öffentliche Angelegenheiten 
     
    Rekonstruierte Bronzezeit
    Wie die Menschen vor 3000 Jahren in Mitteleuropa lebten und starben
    Die Urnenfelderzeit galt wegen der Brandbestattungen lange als schwer erforschbar. Eine neue Studie liefert nun detaillierte Einblicke in Mobilität und Alltag

    Die Urnenfelderzeit hat der Fachwelt lange ein Problem beschert: Da in dieser Epoche vor rund 3000 Jahren in Mitteleuropa die Brandbestattung zur allgemein verbreiteten Beisetzungsnorm wurde, gehen für die Wissenschaft kostbare Informationen verloren. Wo die Toten verbrannt werden, verschwinden DNA, viele Isotopensignale und weitere wichtige Hinweise auf die Lebensumstände und die Krankheiten der damaligen Menschen.

    Wer im Detail wissen will, wie Menschen zwischen etwa 1300 und 800 v. Chr. lebten, muss sich deshalb mit den wenigen Ausnahmen begnügen und in mühsamer Kleinarbeit Ausgrabungsergebnisse zusammentragen. Einer interdisziplinären Forschungsgruppe ist dies nun gelungen. Das Team um Eleftheria Orfanou vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat alte DNA, Sauerstoff- und Strontiumisotope sowie osteoarchäologische Befunde zusammengeführt und damit einen Zeitraum erhellt, der bislang in vieler Hinsicht ein blinder Fleck war.

    Wandel im Alltag

    Untersucht wurden unter anderem die Überreste von Feuerbestattungen aus Deutschland, Tschechien und Polen. Für Mitteldeutschland kamen außerdem Strontiumdaten hinzu. Im Zentrum der Untersuchungen standen die beiden Fundorte Kuckenburg und Esperstedt in Sachsen-Anhalt, ausgegraben vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Die Ergebnisse wurden mit genetischen Daten derselben Epoche aus Nachbarregionen kombiniert.

    Die Autorinnen und Autoren der im Fachjournal Nature Communications veröffentlichten Arbeit interessieren sich dabei weniger für große Umbrüche als für das, was sich im Alltag und über Generationen hinweg verändert hat. Dazu zählen vor allem Herkunftslinien, Mobilität, Ernährung und Gesundheitszustand. Nicht zuletzt ging es den Fachleuten auch um die Frage, wie flexibel Bestattungsrituale damals tatsächlich waren.

    "Mithilfe dieser Studie können wir nachvollziehen, wie Menschen den Wandel erlebt haben", sagt Orfanou, Erstautorin der Studie. "Die späte Bronzezeit wurde nicht als ein einziger Moment des Wandels erlebt, sondern als eine Reihe von Entscheidungen über Ernährung und Subsistenzstrategien, Bestattungen und soziale Beziehungen. Diese Gemeinschaften waren eng mit ihrer Landschaft verbunden, aber auch überregional vernetzt."

    Kontakte brachten neue Ideen

    Ein zentraler Befund betrifft die Mobilität – und damit die oft implizite Frage, ob neue Sitten vor allem durch die Migration neuer Bevölkerungsgruppen Einzug hielten. Strontium- und Sauerstoffisotope erlauben dabei vereinfacht gesagt ein chemisches Herkunftsprofil. Sie spiegeln geologische und klimatische Signaturen wider, die Menschen über Kindheit und Jugend in ihren Körper einbauen.

    In Mitteldeutschland zeigen die meisten untersuchten Personen lokale Isotopensignaturen, und zwar sowohl in den seltenen Körperbestattungen als auch, soweit mit Strontiumdaten möglich, in den Brandbestattungen. Das spricht dafür, dass sich Ideen und Praktiken vielfach durch Kontakte und Austausch verbreiteten, nicht zwingend durch größere Zuwanderung.

    Archäologen führen Ausgrabungsarbeiten auf einem Freilandgelände bei Esperstedt in Sachsen-Anhalt durch. Mehrere Personen arbeiten an verschiedenen Stellen, graben und dokumentieren Funde. Im Hintergrund sind Erdhügel und Werkzeug zu sehen.
    Ausgrabungen bei Esperstedt in Sachsen-Anhalt. Die interdisziplinären Analysen liefern erstmals detaillierte Einblicke in die Abstammung, Mobilität, Ernährung, Gesundheit und Bestattungspraktiken der späten Bronzezeit in Mitteleuropa.

    Die genetischen Daten zeichnen ein ähnliches Bild. Die Forschenden fanden keine Hinweise auf abrupte Verdrängungen, sondern vielmehr Spuren von graduellen, regional unterschiedlich schnellen Verschiebungen. Für Mitteldeutschland werden Veränderungen in der Abstammung demnach erst in späteren Phasen der Bronzezeit deutlicher sichtbar. Das zeigte sich unter anderem in Form wachsender Verbindungen zum mittleren Donaugebiet. Die Gemeinschaften blieben lokal verwurzelt, nahmen aber zunehmend an größeren Interaktionsräumen teil.

    Hirse nicht lange auf dem Menüplan

    Besonders anschaulich wird das Zusammenspiel aus Stabilität und Anpassung bei dem, was den Menschen dieser Epoche in Mitteleuropa auf den Tisch kam: In einer frühen Phase der späten Bronzezeit taucht Hirse im Speiseplan auf – ein Getreide, das vergleichsweise kurz zuvor aus Nordostchina nach Europa gelangt war.

    Die Forschenden deuten die Umstellung als flexible Reaktion auf ökologische oder ökonomische Zwänge. Auffällig ist, dass der Hirseboom nicht mit einem demografischen oder genetischen Wandel einhergeht, was eher für eine Einführung innerhalb bestehender Gemeinschaften spricht. Und er bleibt nicht dauerhaft: Später nimmt der Hirseverzehr deutlich ab und Weizen und Gerste gewinnen wieder an Gewicht. Dieses Muster deutet eher auf Experimentierfreudigkeit, Anpassungsfähigkeit und kulturelle Präferenzen hin als auf eine Intensivierung des Hirseanbaus.

    Wie es den Menschen gesundheitlich ging, schlossen die Forschenden aus molekularen Spuren und Untersuchungen der wenigen erhaltenen Skelette. In der DNA fanden sich Bakterien, wie sie häufig mit Mund- und Zahnerkrankungen assoziiert sind; Hinweise auf großflächige Epidemien fehlen jedoch.

    Osteoarchäologisch zeigen sich Spuren eines körperlich anstrengenden Lebens. Die Wissenschafter fanden Stressmarker aus der Kindheit, degenerative Veränderungen an Gelenken und gelegentliche Traumata. Gleichzeitig wirkt der Gesamtzustand vieler Individuen nicht so, als wäre Krankheit der Normalfall gewesen.

    Spätbronzezeitliche Ausgrabungsstätte bei Esperstedt mit sichtbaren Kreisgräben und zentralen Gräbern, die die Bestattungskultur der damaligen Gemeinschaften widerspiegeln. Im Hintergrund sind Felder und Stromleitungen zu sehen.
    Spätbronzezeitliche Kreisgräben mit zentralen Gräbern bei Esperstedt. Die damaligen Gemeinschaften zeigen eine vielfältige Bestattungskultur.
    Verschiedene Riten

    Mindestens ebenso spannend ist, was die Daten über die Beisetzungsrituale der Bronzezeit erzählen. Die Urnenfelderzeit wird wie eingangs beschrieben vor allem mit der allgemein verbreiteten Brandbestattung in Verbindung gebracht. Doch die Studie betont, wie vielfältig die Bestattungspraxis innerhalb derselben Gemeinschaft gewesen sein kann. Häufig fanden sich Brand- und Erdbestattungen nebeneinander oder die alleinige Beisetzung von Schädeln.

    "Diese Praktiken scheinen keine Randerscheinungen beziehungsweise Ausnahmen gewesen zu sein", erklärt Orfanou, "sondern Teil eines breiteren Repertoires, aus dem die Menschen während der Urnenfelderzeit wählen konnten. Dieses Repertoire war mit der Schaffung von Erinnerung, Identität und Vorstellungen darüber verbunden, was es bedeutete, in der späten Bronzezeit ein Mensch zu sein."

    Die Brandbestattung bleibt zwar prägend, aber sie ist nicht die einzige praktizierte Beisetzungsvariante. Nicht zuletzt dieser rituelle Reichtum im Umgang mit den Verstorbenen verdeutliche, wie dynamisch die Gesellschaften der späten Bronzezeit waren, so die Forschenden. "Veränderung und Innovation wurden in bestehende Traditionen integriert", sagt Wolfgang Haak, Leiter des Projekts am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Diese Gemeinschaften gestalteten ihre Lebensweisen aktiv und schufen hybride Praktiken, die in einer zunehmend vernetzten Welt lokal von Bedeutung waren." (tberg)

     

    Sonntag, 17. Mai 2026

    Na ja, so gehts.

             zu öffentliche Angelegenheiten 

    Mehr wäre zuviel. Queer ist nicht das neue Normal: Davon hatten wir genug; hab ich Recht?

    Jedes Gehirn lebt in zwei Welten - in seiner eignen und in der unseren.

    Illustration von Silhouetten menschlicher Köpfe in verschiedenen Farben, bei denen die Gehirne jeweils unterschiedlich gestaltet sind. Die Gehirne zeigen Symbole wie Zahnräder, Zahlen, Puzzle-Teile, Punkte mit Verbindungen und Blumen, die verschiedene Denkweisen oder kognitive Fähigkeiten darstellen.  
    aus derStandard.at, 14. 5. 2026     Jedes Gehirn tickt anders – weil wir alle im Leben unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Genau die prägen aber unsere Entscheidungen und Handlungen im täglichen Leben.          zu Jochen Ebmeiers Realien 

    "Das Gehirn trifft keine rationalen Entscheidungen"
    Warum reagieren Menschen völlig unterschiedlich auf dieselbe Situation? Warum macht Angst uns manipulierbarer? Neurowissenschafter Damir del Monte erklärt, wie unser Gehirn tickt
     
    Interview von Pia Kruckenhauser

    Es gibt einen großen Irrglauben, was unser Gehirn anbelangt: Dass es klar und nüchtern ist und ganz sachlich die objektiv vernünftigste Entscheidung trifft. Das mag aus der eigenen Sichtweise womöglich so sein – aber eine andere Person interpretiert die gleiche Ausgangslage womöglich ganz anders. Und trifft entsprechend ganz andere Entscheidungen.

    Das liegt an der Funktionsweise des Gehirns. Es entscheidet nicht primär rational, sondern emotional, es trifft Entscheidungen auf Basis der erlebten Erfahrungen. Das ist auch der Grund, warum es nicht reicht, ein Verhalten zu verstehen, wenn man es ändern möchte. Was dahintersteckt, erklärt der Neurowissenschafter und Key Note Speaker Damir del Monte in seinem Buch Ein Date mit deinem Gehirn. Im STANDARD-Interview spricht er darüber, wie das Gehirn organisiert ist, warum wir alle – nicht nur "die anderen" – in unserer eigenen Echokammer leben und warum Kochen so glücklich machen kann.

    STANDARD: Das Gehirn wurde historisch immer mit der jeweils modernsten existierenden Technologie verglichen. Am Anfang war das die Dampfmaschine, zuletzt war es der Computer. Jetzt kommt die Künstliche Intelligenz dazu. Aber ist dieser Vergleich überhaupt zulässig?

    Del Monte: Es ist verlockend, das Gehirn mit einer Maschine zu vergleichen, aber es greift viel zu kurz. Anders als eine Maschine oder auch die Künstliche Intelligenz ist das Gehirn kein lineares System, bei dem auf Input A zuverlässig Output A folgt. Das Gehirn ist vielmehr ein hochkomplexes, selbstorganisierendes System, das ständig in Wechselwirkung mit dem gesamten Körper steht. Es arbeitet nicht isoliert oder objektiv, sondern ist eingebettet in biologische, emotionale und soziale Prozesse. Und es hat unzählige Reaktionsmöglichkeiten in petto, die es je nach Bedarf ausspielt.

    STANDARD: Wie kann man sich das vorstellen?

    Del Monte: Das Gehirn konstruiert fortlaufend Modelle der Welt und unseres Selbst und gleicht diese mit der Realität ab. Das heißt, es gibt eine Erwartungshaltung dazu, was als Nächstes passiert. Kommt ein Reiz von außen, wird dieser nicht einfach neutral wahrgenommen, das Gehirn gleicht ihn mit den Erwartungen auf Basis der eigenen Erfahrungen ab.

    Stimmen Vorhersage und Realität überein, passiert wenig, wir nehmen das kaum bewusst wahr. Erst wenn es Abweichungen gibt, man könnte sie als Vorhersagefehler bezeichnen, wird unsere Aufmerksamkeit aktiviert.

    STANDARD: Können Sie dafür ein Beispiel geben?

    Del Monte: Steht man morgens auf und kommt aus dem Schlafzimmer, erwartet das Gehirn bestimmte Geräusche, Gerüche, Lichtverhältnisse. Ist etwas anders als sonst, ein ungewohnter Geruch, ein fremdes Geräusch, entsteht so ein Vorhersagefehler, das Gehirn ist alarmiert.

    Das betrifft aber nicht nur Alltagssituationen, sondern unsere gesamte Identität. Wenn jemand etwa jahrzehntelang glaubt: "Ich bin nur wertvoll, wenn ich Leistung bringe", wird das zum inneren Modell. Dieses Modell bestimmt dann Wahrnehmung, Verhalten und Emotionen. Das geht so weit, dass Lob oft nicht wirklich wahrgenommen wird, weil es nicht zum bestehenden Selbstbild passt.


     

    STANDARD: Ist man dem hilflos ausgeliefert?

    Del Monte: Nein, keineswegs. Das Gehirn beginnt ja genau dort zu lernen, wo Erwartung und Wirklichkeit nicht mehr zusammenpassen. Man muss sich diese Diskrepanz aber bewusst machen. Das Gehirn arbeitet dabei selektiv. Es integriert permanent neue Informationen in bestehende Strukturen, reorganisiert sie und vergisst im Zuge dieses Prozesses auch Informationen. Dieses Vergessen ist entscheidend, weil es uns erlaubt, Prinzipien zu bilden und handlungsfähig zu bleiben.

    Außerdem ist das Gehirn immer auf Bedeutung ausgerichtet. Es fragt nicht nur "Was ist?", sondern "Was bedeutet das für mich?". Diese Selbstbezüglichkeit fehlt übrigens der KI, die ja auf der Akkumulation von Informationen basiert, aus der sie dann aufgrund eines Algorithmus die wahrscheinlichste Antwort auswählt.

    STANDARD: Und warum ist das Gehirn so organisiert?

    Del Monte: Weil wir sonst in der permanenten Flut an Informationen untergehen würden. Pro Sekunde erreichen elf Millionen Bits an Informationen das Gehirn. Verarbeiten können wir aber maximal 100 Bits. Das Gehirn filtert radikal heraus, was es als nicht relevant erachtet. Und das eben auf Basis der individuellen Erwartungs- und Erfahrungswelt.

    STANDARD: Ist das der Grund, warum Menschen oft auf die gleiche Situation so unterschiedlich reagieren?

    Del Monte: Ja. Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens unterschiedliche Erfahrungen gemacht, deshalb hat auch jeder unterschiedliche Vorhersagemodelle. Das Gehirn ist ja kein neutrales System, es ist geprägt von der eigenen Biografie. Deshalb gibt es keine einheitliche Reaktion auf eine Situation. Was für die eine Person bedrohlich ist, kann für die andere völlig unproblematisch sein.

    STANDARD: Man kann also eine noch so logische Erklärung haben für ein Problem, eine Bedrohung oder ein Gefühl der Angst. Die Emotionen, die damit einhergehen, sind immer stärker als die Vernunft. Woran liegt das? 

    Del Monte: Das liegt an der Organisation des Gehirns. Die kognitive Ebene, also das, was wir als rationales Denken bezeichnen, analysiert, plant, spielt Optionen durch. Aber sie liefert nur Möglichkeiten, sie entscheidet nicht. Die Entscheidungen fallen dort, wo Bedeutung entsteht. Und das ist die emotionale Ebene. Sie bewertet: Ist etwas wichtig? Gefährlich? Relevant für mich? Und das auf Basis der individuellen Erfahrungswelt. Deshalb kann ein Mensch rational wissen, was "richtig" wäre, und dennoch ganz anders handeln.

    Die Systematik in den sozialen Medien zeigt das gut. Man sieht ein empörendes Video oder eine Schlagzeile. Noch bevor der Inhalt geprüft wird, reagiert das emotionale System, Angst, Wut, Empörung oder auch Euphorie kommen. Erst danach beginnt die rationale Ebene, Rechtfertigungen zu produzieren. Dazu kommt, dass das Gehirn Sicherheit liebt. Deshalb macht Angst Menschen anfälliger für einfache Erklärungen, gerade in Krisenzeiten.

    STANDARD: Heißt das, wir sind unseren Emotionen ausgeliefert?

    Del Monte: Nicht ausgeliefert, aber wir können sie auch nicht einfach abschalten. Der entscheidende Punkt ist Integration. Wir müssen lernen zu verstehen, woher unsere emotionalen Bewertungen kommen. Und dafür müssen wir eine Verbindung zwischen rationaler Einordnung und emotionaler Bewertung schaffen.

    STANDARD: Wie kann das gelingen?

    Del Monte: Indem man sich damit auseinandersetzt. Aber nicht auf rein rationaler Ebene, das funktioniert ja nicht. Dafür muss man verstehen, dass das Gehirn kein statisches Organ ist, es verändert sich auch Basis seiner Erfahrungen. Die schreiben sich in unser System ein, vor allem, wenn sie belastend sind. Und zwar nicht nur als Gefühle wie Angst oder Panik, sondern auch biologisch. Das Gehirn verändert sich strukturell, bestimmte neuronale Verbindungen gestärkt oder abgeschwächt werden.

    Wenn zum Beispiel ein Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem Konflikte jederzeit eskalieren können, lernt das Gehirn: "Ich muss ständig wachsam sein." Später, als Erwachsener, reagiert diese Person vielleicht extrem empfindlich auf Kritik oder Spannung. Nicht weil sie "übertreibt", sondern weil das Nervensystem gelernt hat, Gefahr permanent zu antizipieren. Erlebte Traumata verändern also die Art, wie die Welt vorhergesagt wird, die eigene Vergangenheit formt buchstäblich die Architektur des Gehirns.

    STANDARD: Kann man das auch wieder rückgängig machen? In der Gehirnforschung ist ja immer die Rede von der Neuroplastizität, dass man die Gehirnstrukturen verändern kann.

    Del Monte: Ja, das kann gelingen, aber nicht beliebig und auch nicht schnell. Neue Erfahrungen, auch bewusst angestoßene, können die etablierten neuronalen Strukturen verändern, aber dieser Prozess braucht Zeit, Wiederholung und oft auch emotionale Beteiligung. Es reicht nicht, etwas kognitiv zu verstehen. Veränderung passiert dann, wenn neue Erfahrungen gemacht werden, die auch emotional relevant sind. Deshalb ist es so schwierig, alte Muster zu durchbrechen.

    STANDARD: Kann Psychotherapie dabei helfen?

    Del Monte: Auf jeden Fall, sie setzt genau hier an. In der Psychotherapie kann es gelingen, Muster sichtbar zu machen, zu verstehen und zu integrieren, also die Verbindung zwischen emotionalem Erleben und rationalem Beurteilen zu bauen. Sie schafft einen Raum, in dem wir aus automatisierten Reaktionsmustern aussteigen, Modelle hinterfragen und erweitern können.

    Das erfordert aber Mut, weil man sich dabei auch unangenehmen Erfahrungen stellen muss. Man erkennt etwa auf einmal, dass viele Entscheidungen gar nicht frei waren, sondern Wiederholungen alter Anpassungsstrategien. Therapie ist oft der erste ehrliche Kontakt mit sich selbst. Aber genau darin liegt ihre Stärke.

    STANDARD: Warum ist es aber so schwer, sich von den alten Mustern zu lösen? Auch mit therapeutischer Unterstützung ist das ja alles andere als selbstverständlich, das wissen alle Menschen, die Therapieerfahrung haben.

    Del Monte: Weil diese Muster Sicherheit geben. Sie sind vertraut, und auch wenn sie einem nicht guttun, sind sie zumindest stabil. Deshalb verteidigen wir unsere inneren Modelle mit enormer Kraft, selbst wenn wir daran leiden.

    In einer Welt, die ohnehin von Unsicherheit geprägt ist, wie das etwa durch permanente Informationsflut oder gesellschaftlichen Druck der Fall ist, klammern sich Menschen dann noch stärker an ihre bestehenden Modelle. Das erklärt auch viele gesellschaftliche Phänomene, etwa die Bildung von Echokammern oder die Schwierigkeit, neue Perspektiven zuzulassen.

    Buchcover des Titels
    Damir del Monte, "Ein Date mit deinem Gehirn. Wer die Hirnwelten versteht, braucht KI nicht zu fürchten". 248 Seiten / € 24,95, Kneipp-Verlag.
    Kneipp Verlag

    STANDARD: Das heißt, man kann das Gehirn manipulieren und das wird auch ausgenutzt?

    Del Monte: Absolut. Werbung, soziale Netzwerke, politische Bewegungen, viele Medien nutzen genau diese Mechanismen und sprechen unsere emotionalen Bewertungssysteme an.

    Dieser Mechanismus greift bei allen Menschen. Man denkt ja gerne, nur "die anderen" lebten in einer Bubble. Aber neurobiologisch betrachtet ist jeder Mensch in seiner eigenen Echokammer, weil ja jeder Mensch die Welt über das eigene Referenzsystem wahrnimmt. Trotzdem sind nicht alle Menschen gleich stark beeinflusst. Entscheidend ist, wie stabil und reflektiert die eigenen Modelle sind. Wer sich seiner eigenen Muster bewusst ist, kann leichter unterscheiden, was von außen kommt und was wirklich das Eigene ist.

    STANDARD: Wie funktioniert das in der Praxis?

    Del Monte: Wenn jemand überzeugt ist, dass die Welt gefährlich ist, wird er oder sie bevorzugt Nachrichten wahrnehmen, die diese gefühlte Bedrohung bestätigen. Wenn jemand überzeugt ist, dass Menschen egoistisch sind, wird er oder sie besonders aufmerksam auf egoistisches Verhalten reagieren. Das Gehirn hebt sie selektiv hervor und deshalb wirken sie präsenter, die Bedrohung ist stärker. Das Gleiche funktioniert ja auch umgekehrt, bei Menschen, die prinzipiell positiv eingestellt sind. Es kann passieren, dass sie deshalb eine Gefahr unterschätzen.

    Problematisch in Bezug auf die eigene Echokammer wird das deshalb, weil heute oft der Wirklichkeitsabgleich fehlt. Stattdessen sucht man sich Informationswelten, die die eigene Weltsicht stabilisieren. Und genau hier entsteht Polarisierung.

    STANDARD: Wie kann man Reflexion und Bewertung verbessern?

    Del Monte: Indem man sich nicht permanent ablenken lässt. Wir leben in einer Welt voller Reize, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Das Smartphone ist ein permanenter, unbewusster Begleiter, zu dem man in fast jeder Lebenslage greift. Das führt aber dazu, dass wir einen Großteil unserer Zeit im Autopilot verbringen. Studien zeigen, dass wir nur einen kleinen Teil unserer Wachzeit wirklich bewusst und intentional handeln. Dazu kommt die ständige Konfrontation mit idealisierten Bildern von Erfolg, Schönheit oder Glück. Diese setzen uns unter Druck und beeinflussen unser Selbstbild, oft ohne dass wir es merken.

    STANDARD: Wie kann man das Gehirn in dieser permanenten Reizflut unterstützen?

    Del Monte: Mit allem, was uns wieder in Kontakt mit uns selbst bringt. Das sind oft ganz einfache Dinge, ein Gespräch, ein Spaziergang, Musik, Bewegung, Kochen. Entscheidend ist, dass man dabei präsent ist, dass man in der Zeitspanne, auch wenn sie nur kurz ist, nichts anderes tut. Dann kann sogar ein sogenannter Flow-Zustand entstehen, also ein Moment, in dem man komplett in der eigenen Tätigkeit aufgeht. Herausforderung und eigene Fähigkeiten sind dann im Gleichgewicht.

    STANDARD: Das klingt im Grunde recht simpel.

    Del Monte: Das ist es auch, wenn man sich wieder darauf einlässt. Die moderne Welt suggeriert uns ja, dass Glück spektakulär sein muss, es geht um große Erfolge, große Sichtbarkeit und große Selbstverwirklichung. Aber aus neurobiologischer Sicht sind es die kleinen Momente der Zufriedenheit, die uns stabilisieren und dem Gehirn guttun. 

     

    Nota. - Zum Glück aber haben sich die Menschen im Zuge der Evolution einen Fallschirm erworben: Reflexion, Kritik und Vernunft. Zu jeder Entscheidung, die das Hirn 'von allein' schon getroffen hat, kann 'Ich' - die kognitive Ebene, wie del Monte sagt - doch noch nein! sagen. Dafür bleibt ihm gerademal eine Fünftel-sekunde. In der kann er seinem Willen ein Fenster der Freiheit öffnen: Reflexion, Kritik und - vernünftiges Urteil. 

    Letzteres mag auch darin bestehen, das vorerst negierte Urteil zu rehabilitieren und ja! zu sagen: das moralisch-ästhetische Urteil aus Gründen zu bestätigen. Das dürfte öfter der Fall sein, als man denkt: weil es nämlich meistens unbeachtet bleibt.

    Bedenke: Das ganze Reich der ästhetischen Wahrnehmung entsteht in meiner Welt - und dazu gehören die moralischen Urteile. Darum finden in Moral- und Geschmacksfragen vernünftige Erwägungen so wenig Gehör.
    JE 

    Samstag, 16. Mai 2026

    Ein Horizont ist die Welt nur für einen, der sieht.

    Finger mit Kontaktlinse neben Auge in Nahaufnahme 
    aus derStandard.at, 14. 5. 2026                                                                             zu Jochen Ebmeiers Realien 
     
    Kontaktlinsen, die das Gehirn stimulieren, wirken wie Antidepressivum
    Materialwissenschafter haben Linsen entwickelt, die elektrische Impulse vom Auge ins Gehirn senden. Bei Mäusen half die Methode erstaunlich gut gegen Depressionen

    Unsere Augen sind nicht nur das Tor zur Welt, sie stellen auch praktisch einen vorgeschalteten Teil des Gehirns dar. Die Netzhaut verarbeitet Licht und ist über mehrere neuronale Bahnen mit Gehirnregionen verknüpft, die nicht nur den Schlaf, Hormone und Aufmerksamkeit, sondern auch die Stimmung regulieren. Die Retina beeinflusst indirekt die Melatoninproduktion, aber auch die Amygdala und das limbische System, die für die Emotionsregulation und Stressreaktionen verantwortlich sind und somit Angst und depressive Stimmungen steuern.

    Diese Verbindung vom Auge zum Gehirn haben Forschende genutzt, um Kontaktlinsen zu entwickeln, die das Gehirn stimulieren und bei der Behandlung von Depressionen bei Mäusen ebenso wirksam waren wie Prozac, ein weitverbreitetes Antidepressivum. In den weichen, transparenten Kontaktlinsen sind Elektroden integriert, die über die Netzhaut elektrische Signale an bestimmte Gehirnregionen senden, berichtet die Gruppe rund um den Materialwissenschafter Jang-Ung Park von der koreanischen Yonsei-Universität in einer Studie, die in der Fachzeitschrift Cell Reports Physical Science veröffentlicht wurde.

    "Unsere Arbeit eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die Behandlung von Hirnerkrankungen über das Auge", sagt Jang-Ung Park. Dieser nicht-invasive Ansatz habe enormes Potenzial, die Behandlung von Depressionen und anderen Hirnerkrankungen, darunter Angstzustände, Drogenabhängigkeit und kognitiver Verfall, grundlegend zu verändern, sind die Forschenden überzeugt.

    Intelligente Linsen

    Es wird zwar schon länger an intelligenten, mit Sensoren und ultradünner Elektronik ausgestatteten Kontaktlinsen geforscht, die beispielsweise zur Messung des Augendrucks oder des Blutzuckerspiegels dienen. Nun wurden derartige Kontaktlinsen, die sich dem Auge anpassen und auch die Sicht nicht beeinträchtigen, erstmals zur experimentellen Behandlung neurologischer Krankheiten verwendet. Um die neue Technologie zu testen, produzierten die Wissenschafter winzige Kontaktlinsen mit wenigen Millimetern Durchmesser, die dann den Versuchsmäusen eingesetzt werden mussten.

    Die Kontaktlinsen stimulieren das Gehirn mithilfe einer Methode namens transkranielle temporale Interferenzstimulation, bei der zwei elektrische Signale an die Netzhaut gesendet werden. Diese werden ausschließlich an ihrem Schnittpunkt aktiv, was bedeutet, dass die Behandlung sehr präzise ist und nur bestimmte Gehirnregionen anspricht, wie die Forschenden betonen.

    "Stellen Sie sich zwei Taschenlampen vor: Jeder Lichtstrahl für sich ist schwach, aber dort, wo sie sich überlappen, entsteht ein heller Punkt, und dieser helle Punkt kann weit entfernt von den Taschenlampen selbst erzeugt werden. Unsere Kontaktlinse macht dasselbe mit zwei harmlosen elektrischen Signalen", erklärt Park. Die elektrischen Impulse würden die natürlichen Nervenbahnen aktivieren, die das Signal zu den stimmungsbezogenen Hirnregionen leiten.

    Gleiche Wirkung wie Antidepressiva

    Als Probanden dienten Mäuse, die gezielt mit Stresshormonen behandelt wurden. Dieses Mausmodell bildet Verhaltens- und biologische Merkmale nach, die auch im Zusammenhang mit Depressionen auftreten. Die depressiven Mäuse erhielten drei Wochen lang täglich für 30 Minuten eine Kontaktlinsenbehandlung, eine andere Gruppe erhielt Fluoxetin, einen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Wirkstoff in Prozac. Gegenüber einer Kontrollgruppe zeigten die Mäuse mit Kontaktlinsentherapie Verhaltensverbesserungen, die mit denen der Prozac-Mäuse vergleichbar waren.

    Aufzeichnungen der Gehirnaktivität zeigten, dass die Hirnstimulation Verbindungen zwischen dem Hippocampus und dem präfrontalen Kortex wiederherstellte, die durch die depressiven Zustände verloren gegangen waren. Die Behandlung reduzierte die Werte von Entzündungsmolekülen im Gehirn, bewirkte eine 48-prozentige Senkung des Stresshormons Corticosteron im Blut und einen 47-prozentigen Anstieg des Serotoninspiegels im Vergleich zu den unbehandelten depressiven Mäusen.

    "Wir waren beeindruckt, dass sich Verbesserungen gleichzeitig in Bezug auf Verhalten, Gehirnaktivität und Biologie zeigten und dass die Wirkung mit einem Antidepressivum vergleichbar war", sagt Park. Auch eine Bewertung der Mäuse durch ein Machine-Learning-Modell bestätigte den Effekt.

    Nächste Schritte

    Nun plant die Forschungsgruppe, die neue Medizintechnologie in den klinischen Bereich zu bringen. Dabei gilt es Park zufolge noch einige Hürden zu überwinden. "Als Nächstes planen wir, die Linse vollständig kabellos zu gestalten, sie bei größeren Tieren auf Langzeitsicherheit zu testen und die Stimulation für jeden Nutzer individuell anzupassen, bevor wir mit klinischen Studien an Patienten fortfahren." (kri)

     

    Nota. - Seit wir nicht mehr auf allen Vieren am Boden schnüffeln, riechen wir weniger und sehen wir mehr - und rundum. Das Bild einer Welt konnte uns nur so entstehen. Es ist keine waagerechte Gerade, sondern ein Gesichtskreis, der sich zum Rand hin verflüchtigt.

    Dessen Sehen prägt das Wesen von Homo sapiens im selben Maße wie sein aufrechter Gang, zu dem es ursächlich gehört.
    JE 

    Freitag, 15. Mai 2026

    Besteht Dunkle Materie aus Schwarzen Löchern?


    >aus spektrum.de, 18. 4 2026                                                                             
     zu Jochen Ebmeiers Realien

    Besteht die Dunkle Materie aus Schwarzen Löchern?

    Eine Frage, die mich schon seit Jahren umtreibt: Woher wissen wir eigentlich, dass der Massenanteil an Schwarzen Löchern im Universum nicht ausreicht, um das Phänomen der sogenannten Dunklen Materie zu erklären? Ist es nicht möglich, dass die Gesamtanzahl und die Gesamtmasse Schwarzer Löcher deutlich unterschätzt werden? Gerade in der Jugendzeit des Universums sollten durch die damalige Bildung zahlreicher massereicher Sterne und deren Supernovae Unmengen von Neutronensternen und Schwarzen Löchern entstanden sein. Über die Anzahl Schwarzer Löcher in der Größenordnung von etwa 5 bis 20 Sonnenmassen können wir eigentlich nur spekulieren. Ich könnte die Frage auch umformulieren: Woher wissen wir, dass der gravitative Effekt der Dunklen Materie nicht von bislang unentdeckten, frei vagabundierenden Schwarzen Löchern herrührt? Dr. Jürgen Kupka, Bad König

    Die Frage, die Herr Kupka stellt, trifft einen wichtigen Nagel genau auf den Kopf. Weite Massenbereiche können wir aufgrund ganz verschiedener Beobachtungen oder Effekte ausschließen: Schwarze Löcher mit Massen unterhalb von 1017 Gramm wären inzwischen aufgrund ihrer Hawking-Strahlung verdampft und hätten sich somit komplett in elektromagnetische Strahlung aufgelöst. Die Nichtbeob-achtung riesiger Anzahlen von Gravitationslinsen setzt enge Grenzen oberhalb von etwa 1021 Gramm, die Emission von Gravitationswellen und andere Effekte schließen Massen ab etwa 1031 Gramm, also rund 0,01 Sonnenmassen, aus. Das betrifft insbesondere alle stellaren und extrem massereichen Schwarzen Löcher. Ein Beispiel: Wenn stellare Löcher von im Durchschnitt zehn Sonnenmassen die gesamte Dunkle Materie in der Sonnenumgebung darstellen sollten, dann müssten sie hier häufiger sein als alle Sterne zusammengenommen.

    Aber ein größeres Massenfenster bleibt bisher offen, in dem primordiale Schwarze Löcher – das heißt solche, die nur winzige Sekundenbruchteile nach dem Urknall entstanden sind – durchaus noch mögliche Kandidaten sein können. Diese Information stammt aus der meines Wissens neuesten gründlichen Analyse dieser Frage (Green & Kavanagh, in Journal of Physics, 2021). Daraus stammen auch die Informationen der unten stehenden Abbildung. Nach aktuellem Kenntnisstand könnte die gesamte Dunkle Materie aus Schwarzen Löchern bestehen, die in den Massenbereich zwischen etwa 1017 und 1021 Gramm fallen, also etwa zwischen der Masse des Halleyschen Kometen und der Masse eines Kleinplaneten von knapp 100 Kilometern Durchmesser – wie zum Beispiel der Asteroid (10) Hygiea. Solche Schwarzen Löcher sind winzig; der Radius ihres Ereignishorizonts liegt im Bereich eines Atomdurchmessers an der oberen und eines Atomkerndurchmessers an der unteren Grenze des genannten Massenbereichs.Diese Winzlinge müssten allerdings sehr häufig sein, um die ganze Dunkle Materie zu erklären. Zu jeder Zeit müsste dafür beispielsweise das Sonnensystem innerhalb des Radius der Neptunbahn (30 Astronomische Einheiten) von rund 70 Löchern mit 10

    Die müssten dann doch relativ oft mit der Erde zusammenstoßen, oder? Ja, wenn man 20 Treffer pro Gigajahr auf die ganze Erde als häufig bezeichnen mag. Aber unglaublicherweise können die meisten dieser Objekte wegen ihrer Winzigkeit und hohen Geschwindigkeit (typischerweise 400 bis 800 Kilometer pro Sekunde aufgrund des Gravitationsfelds des Milchstraßensystems) den gesamten Erdkörper unbeschädigt und folgenlos durchqueren. Sie würden dabei lediglich ein wenig Gestein und Eisen in Milligramm- bis Kilogramm-Mengen auf Nimmerwiedersehen verschlingen. Auch menschliche Körper würden die kleineren unbemerkt durchqueren. Und die größeren sind viel zu selten, um auch nur einen Menschen jemals getroffen zu haben. 

     
    Ein X-Y-Diagramm zeigt den maximalen Anteil der Dunklen Materie in Prozent in Abhängigkeit von der Masse möglicher Schwarzer Löcher in Sonnenmassen. Die X-Achse reicht von 10<sup>–18</sup> bis 10<sup>6</sup> Sonnenmassen, die Y-Achse von 0,01 bis 100 Prozent. Verschiedene farbige Linien und Beschriftungen markieren Bereiche, die durch verschiedene astrophysikalische Beobachtungen ausgeschlossen sind, wie Verdampfung durch Hawking-Strahlung, fehlende Gravitationslinsen, keine beobachteten Röntgenquellen und Gravitationswellen sowie Störungen der Milchstraßenstruktur. Ein roter Bereich zeigt, wo Schwarze Löcher als Dunkle Materie noch erlaubt sind.

    Schwarze Löcher? | Die Grafik zeigt den Anteil der gesamten Dunklen Materie, der höchstens aus Schwarzen Löchern in einem gewissen Massenbereich bestehen könnte. In den meisten Bereichen können sie höchstens einige Prozent oder gar nichts beitragen. Nur im Bereich von etwa 1017 bis 1021 Gramm gibt es bisher noch keine Einschränkung. Die verschieden gefärbten Linien stellen die unterschiedlichen Ausschlussgründe dar.
     
     
    Nota. - Die Vorstellung liegt nahe. Aber der Begriff liegt ganz wo anders; denn er ist in eine mathematische Formel gefasst, und vorstellen lässt die sich nicht. 
    JE 
     

    Blog-Archiv

    "Kritischer Kollaps".

      zu Ebmeiers Realien aus derStandard.at,  19. Mai 2026      Künstlerische Darstellung des "Todestanzes" zweier Schwarzer Löche...