Eine Ausstellung, die sich in einem zeitlichen Rahmen von der Antike bis in das 19. Jahrhundert ausschließlich mit dem Kunstmarkt, seinen Strukturen, Zentren, prägenden Persönlichkeiten oder Vermarktungsmethoden befasst? Eine solche gab es weltweit noch nie. Die unter dem Titel Noble Begierden – Eine Geschichte des europäischen Kunstmarkts angelaufene Premiere in Wien schürt deshalb schon vor dem Ende ihrer Laufzeit Begehrlichkeiten anderer Museen.

Wann und in welcher Zusammensetzung die bis 6. April im Gartenpalais stattfindende Schau von welchen Institutionen übernommen wird, muss sich erst weisen. Zumal die mehr als 200 Exponate nicht nur aus den üppigen, über mehrere Generationen von Liechtenstein'schen Fürsten erworbenen Kunstwerken der hauseigenen Sammlungen (Wien-Vaduz) stammen, sondern auch an die 80 teils prominente Leihgaben umfassen.

Dazu gehören etwa auch auf den ersten Blick wenig spektakulär wirkende, jedoch aufschlussreiche Aufzeichnungen des als Unternehmer agierenden Florentiner Malers Neri di Bicci aus den Beständen der Uffizien. Diese dokumentieren beispielhaft den Werkstattalltag im Hinblick auf die Auswahl der Materialien, das Delegieren an Mitarbeiter und dahingehend anfallende Arbeitskosten oder auch die mit Auftraggebern getroffenen Vereinbarungen: all das gewährt rückblickend Einblick in die damalige Preisgestaltung.

Erste Kunstmessen

Zugleich entwickelte man im 15. Jahrhundert Methoden und Strategien, um sowohl repräsentative öffentliche und private Großaufträge auszuführen, aber auch solche für private Sammler mit kleineren Budgets: statt Lapislazuli kam beim Pigment dann nur Azurit zum Einsatz und ersetzte ein dünner Goldstreifen den Heiligenschein.

Zusätzlich begrenzten Kooperationen mit Handwerkern, etwa Holzschnitzern, die Tafeln und Rahmen zu wettbewerbsfähigen Preisen lieferten, den finanziellen Aufwand. Kreativität und wirtschaftliche Kalkulation gingen in diesem System Hand in Hand, Sonderanfertigungen standen ebenso auf der Tagesordnung wie vorgefertigte Werke. Die Verwertung beliebter Motive mit geringfügigen Abweichungen verstand sich von selbst.

In der belgischen Hafenstadt Antwerpen, einem wichtigen Exportzentrum für Gemälde, Tapisserien und andere Luxusgüter, hatte sich bereits ab dem späten 15. Jahrhundert der Vorläufer moderner Kunstmessen etabliert: sogenannte Panden, spezialisierte Verkaufsräume, die Künstlern, Händlern und internationaler Klientel als Treffpunkt nutzten und zugleich zur Marktbildung beitrugen.

Eine Ausstellungswand mit grünem Hintergrund, auf der zwei gemalte Porträts in goldenen Rahmen hängen. Zwischen den Gemälden befindet sich eine kleinere gerahmte Zeichnung. Auf einer Vitrine darunter liegen weitere Kunstwerke in flacher Präsentation.
"Rembrandt sieht Raffael" titelt eine Station, die auf eine legendäre Versteigerung in Amsterdam 1639 Bezug nimmt und Rembrandts Reaktion dokumentiert.

Eine Zäsur bescherte das "Goldene Zeitalter" der Niederlande im 17. Jahrhundert, genauer das rasante Wirtschaftswachstum, der globale Handel und der rasche Bevölkerungsanstieg, dank dem sich Amsterdam zu einem Massenmarkt entwickelte, der wiederum die künstlerische Praxis grundlegend änderte. Um die große Nachfrage zu bedienen, begannen sich Künstler auf Motivgattungen zu spezialisieren.

Der Überlieferung nach sollen Haushalte der Mittelschicht in Amsterdam in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Durchschnitt 37 Gemälde besessen haben. Die Fülle an Kunstwerken hatte die Entstehung eines florierenden Sekundärmarktes für den Wiederverkauf zur Folge. Über öffentliche Auktionen gelangten zuvor aufgebaute Sammlungen auf den Markt, womit auch die Nachfrage eines internationalen Publikums gedeckt werden konnte.

Legendäre Auktion

Beispielhaft dafür war die Versteigerung einer außergewöhnlichen Sammlung italienischer Renaissancegemälde 1639, die der flämische Kaufmann Lucas van Uffel aufgebaut hatte. Zum Höhepunkt seiner Nachlassauktion avancierte Raffaels Porträt von Baldassare Castiglione, das für stolze 3.500 Gulden den Besitzer wechselte. Das entsprach damals etwa dem Gegenwert von fast 17 komfortablen Stadthäusern in Amsterdam.

Im Publikum saß auch Rembrandt, der das Gemälde auf einem Blatt skizzierte und den erzielten Preis notierte. Die Skizze diente ihm später als Vorlage für mehrere Selbstportraits, inklusive Castigliones Pose. "Rembrandt sieht Raffael" titelt das Ensemble in der Ausstellung, das Leihgaben aus dem Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig (Anthonis van Dycks Porträt des Lucas van Uffel), aus dem Samuel Courtauld Trust in London (Peter Paul Rubens Porträt des Baldassare Castiglione), Rembrandts Skizze und Notiz sowie ein zugehöriges Selbstbildnis aus dem Bestand der Albertina und ein gemaltes Selbstportrait aus dem Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid vereint.

Es ist eine von insgesamt zehn Stationen, anhand derer die Geschichte des europäischen Kunstmarktes und dessen Professionalisierung nachvollziehbar werden soll. Denn, wie Stefan Koja, seit 2023 Direktor der Sammlungen Liechtenstein, betont: "Der Kunstmarkt spielte in der Kunstgeschichteschreibung eine entscheidende Rolle", demnach seien bekannte Künstlernamen nicht nur von Kunsthistorikern, "sondern auch ganz wesentlich von Kunsthändlern" geprägt worden.

Zudem hätten viele der bis heute genutzten "wissenschaftlichen Werkzeuge", wie Werkverzeichnisse, bebilderte Kataloge oder monographische Ausstellungen ihren Ursprung im Handel. Der begleitende Katalog empfiehlt sich fraglos als erstes umfassendes Standardwerk zu diesem Thema.