Männer gelten als das starke Geschlecht. Sie sollen unabhängig sein, Belastungen aushalten, Risiken eingehen und Probleme möglichst selbst lösen. Doch solche Erwartungen können ihren Preis haben – unter anderem bei der Lebenszeit: Weltweit beträgt aktuell die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern knapp über 71 Jahre, die von Frauen über 76. In Österreich macht der Unterschied bei den Geschlechtern immerhin auch 4,5 Jahre aus, bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 80 Jahren für Männer und etwa 84,5 Jahre für Frauen.
Woran liegt das? Und was könnte dagegen getan werden? Das sind Fragen, die kurz vor dem November – dem Monat der Männergesundheit – besonders aktuell sind. Entsprechend hat The Lancet, die weltweit wichtigste Medizinzeitschrift, sich gleich in drei Studien des Themas angenommen, die am Freitag erschienen sind. Die drei Publikationen verfolgen unterschiedliche Ansätze: Die erste analysiert weltweite epidemiologische Daten zu Sterblichkeit und Krankheitslast. Die zweite entwickelt einen theoretischen Rahmen für das Zusammenspiel von Geschlecht, sozialer Position und gesundheitlichen Risiken. Die dritte leitet daraus gesundheitspolitische Schlussfolgerungen ab.
Eine höhere Krankheitslast
Die epidemiologische Analyse auf Grundlage der sogenannten Global Burden of Disease Study zeigt deutliche Unterschiede zwischen Mann und Frau: Weltweit ist die Krankheitslast der Männer, gemessen in sogenannten Disability-Adjusted Life Years (DALYs), um 16 Prozent höher als jene der Frauen. In Österreich beträgt der Unterschied 16 Prozent, in Deutschland rund 14 Prozent und in der Schweiz dagegen nur vier Prozent.
Ausschlaggebend sind insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Unfälle sowie Selbstverletzungen und Gewalt. Allerdings ergibt sich die höhere Gesamtbelastung der Männer vor allem daraus, dass sie mehr Lebensjahre durch vorzeitigen Tod verlieren. Bei den Jahren, die Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen verbringen, liegen dagegen Frauen vorn. Männer sind also nicht in jeder Hinsicht kränker, sterben aber häufiger früher.
Ungesunde Erwartungen
Die zweite Studie in The Lancet verbindet folgerichtig biologische Faktoren mit sozialen Hierarchien, gesellschaftlichen Erwartungen und ungleichen Ressourcen. In Gesellschaften, in denen Männer vor allem als Ernährer ihrer Familie gelten, kann Arbeitslosigkeit beispielsweise nicht nur finanzielle Sorgen, sondern auch erheblichen psychischen Stress verursachen. Wer seinen gesellschaftlich erwarteten Status verliert, erlebt möglicherweise eine zusätzliche Belastung.
Problematisch können Vorstellungen sein, nach denen Männer stets stark, unabhängig und emotional kontrolliert auftreten müssen. Wer psychische Beschwerden als Zeichen von Schwäche betrachtet, könnte Depressionen oder Angststörungen lange verbergen und professionelle Hilfe vermeiden. Auch riskantes Verhalten kann mit Männlichkeitsidealen verbunden sein, etwa wenn Mut mit der Bereitschaft gleichgesetzt wird, Gefahren zu ignorieren.
Der Grazer Psychotherapieforscher Andreas Walther, der vom Science Media Center Germany zu den Studien befragt wurde, mahnt zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse: „Insbesondere lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht zuverlässig quantifizieren, welcher Anteil der gesundheitlichen Nachteile auf biologische Unterschiede und welcher auf gesellschaftliche Geschlechternormen zurückzuführen ist. Beide Faktoren stehen in komplexen Wechselwirkungen miteinander.“ Die Zahlen zeigen, wo die Unterschiede liegen, erklären aber nicht abschließend, wodurch sie entstehen.
Negative und positive Normen
Walther bringt den Zusammenhang auf den Punkt: „Nicht Männlichkeit an sich macht Männer krank, sondern insbesondere starre Vorstellungen davon, wie ein Mann zu sein hat. Diese können unter ungünstigen gesellschaftlichen Bedingungen zu einem erheblichen Gesundheitsrisiko werden.“
Allerdings sind nicht alle Männlichkeitsnormen grundsätzlich schädlich. Leistungsorientierung, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit können positive Wirkungen haben. Entscheidend ist, wie rigide solche Ideale vertreten werden und welche Konsequenzen es hat, von ihnen abzuweichen. Die Ulmer Sozialforscherin Silvia Krumm sagt, dass viele Untersuchungen zwar statistische Zusammenhänge zeigen, aber nicht eindeutig klären können, ob bestimmte Normen tatsächlich gesundheitsschädliches Verhalten verursachen.
Auch die soziale Lage spielt eine wichtige Rolle. Ein Mann mit sicherem Einkommen und hohem Bildungsabschluss verfügt über andere Möglichkeiten, Belastungen zu bewältigen, als jemand mit unsicherem Arbeitsplatz und schlechten Zukunftsaussichten. Alter, sexuelle Orientierung und soziale Zugehörigkeit können ebenfalls beeinflussen, welchen Erwartungen Männer ausgesetzt sind.
Geschlecht oder/und Gender?
Wie groß der biologische Anteil an der geringeren Lebenserwartung von Männern ist, bleibt umstritten. Der Bevölkerungsforscher Michael Mühlichen vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung verweist auf die sogenannte Klosterstudie des Demografen Marc Luy. Sie verglich Nonnen und Mönche, die unter vergleichsweise ähnlichen Lebensbedingungen lebten. Dabei war der Unterschied in der Lebenserwartung deutlich geringer als in der Allgemeinbevölkerung.
Mühlichen zufolge legt die Untersuchung nahe, dass nur etwa 20 bis 25 Prozent des Unterschieds biologisch bedingt sein könnten. Der sehr viel größere Anteil hänge mit Unterschieden im Gesundheitsverhalten und in den Lebensbedingungen zusammen. Das ist allerdings eine Schätzung aus einer bestimmten Untersuchung und keine endgültig gesicherte Aufteilung aller Ursachen.
Ein weiteres Problem: Eine einfache Trennung zwischen Natur und Gesellschaft greift zu kurz. Denn Hormone, genetische Dispositionen und neurobiologische Prozesse können Verhalten beeinflussen. Umgekehrt können chronischer Stress, soziale Ausgrenzung und belastende Lebensbedingungen körperliche Folgen haben.
Männer- und Frauengesundheit
Die Innsbrucker Medizinerin Nikola Komlenac warnt zugleich vor einer einseitigen Betrachtung: Männergesundheit dürfe nicht losgelöst von Frauengesundheit untersucht werden. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs seien keineswegs ausschließlich Männerprobleme, sondern gehörten auch bei Frauen zu den wichtigsten Ursachen von Krankheit und Tod. Eine geschlechtersensible Medizin müsse Gemeinsamkeiten und Unterschiede systematisch erforschen.
Für Österreich und seine Nachbarländer sind die Ergebnisse besonders relevant, weil geschlechtsspezifische Unterschiede trotz gut ausgebauter Gesundheitssysteme bestehen bleiben. Körperlich belastende Arbeit, Schichtarbeit, Unfallrisiken und geringe Kontrolle über die Arbeitsbedingungen betreffen viele Männer in Bau, Industrie, Transport und Handwerk. Hinzu kommen Unterschiede bei Einkommen, Bildung, Ernährung, Bewegung sowie Alkohol- und Tabakkonsum.
Mühlichen betont, dass die soziale Lage bei Männern besonders stark mit der Lebenserwartung zusammenhängt. Der Unterschied zwischen sozioökonomischen Gruppen könne teilweise größer sein als jener zwischen Männern und Frauen insgesamt. Schlechte Beschäftigungschancen und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit begünstigten gesundheitsschädliches Verhalten und erschwerten den Zugang zu gesundheitsförderlichen Lebensbedingungen.
Auch bei psychischen Problemen suchen Männer häufig spät Hilfe. „Es reicht nicht aus, Männern zu sagen, dass sie sich mehr Hilfe suchen sollen“, sagt Walther. „Wir müssen auch sicherstellen, dass unsere Präventionsangebote und psychotherapeutischen Behandlungen Männer tatsächlich erreichen und ihren Bedürfnissen gerecht werden.“
Gesundheitspolitik für Männer
Die dritte Studie fordert, Männergesundheit systematischer in der Gesundheitspolitik zu berücksichtigen. Dazu gehören niedrigschwellige Beratungsangebote, eine bessere Gesundheitskommunikation und eine frühzeitige Unterstützung im Bildungssystem. Ebenso wichtig sind gute Arbeitsbedingungen und wirtschaftliche Sicherheit: Wer dauerhaft unter Druck steht oder um seine Existenz fürchten muss, hat oft weniger Möglichkeiten, auf die eigene Gesundheit zu achten.
Ein Beispiel ist das Rauchen: Männer konsumieren in vielen Ländern häufiger Tabak, doch der Zusammenhang mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit wurde bislang nicht konsequent berücksichtigt. Werbung kann Rauchen mit Unabhängigkeit, Abenteuer oder Stärke verbinden. Ähnliches gilt für riskanten Alkoholkonsum oder die Vorstellung, körperliche Beschwerden möglichst lange ignorieren zu müssen.
Die Forschenden plädieren für Präventionsangebote, die solche Zusammenhänge berücksichtigen, ohne Männer pauschal zu problematisieren. Maßnahmen sollten an konkreten Risiken ansetzen und wissenschaftlich überprüft werden. Wo Männer seltener Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, müsse zunächst geklärt werden, ob dafür starre Vorstellungen von Selbstständigkeit, schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem oder fehlende Zeit verantwortlich sind.
Keine einfachen Erklärungen
Die drei Studien liefern keine einfache und eindeutige Erklärung dafür, warum Männer früher sterben. Sie zeigen vielmehr, dass biologische Unterschiede, Gesundheitsverhalten und soziale Lebensbedingungen zusammenspielen. Wie stark einzelne Männlichkeitsnormen die Sterblichkeit beeinflussen, muss noch genauer untersucht werden. Der zentrale Ansatz lautet: Männer sollten gesundheitliche Risiken vermeiden können, ohne dadurch ihre soziale Anerkennung zu gefährden. Eine Medizin, die biologische Unterschiede ernst nimmt und zugleich gesellschaftliche Bedingungen berücksichtigt, könnte letztlich beiden Geschlechtern zugutekommen. (red, tasch)