Freitag, 29. Mai 2026

Ein primärer Lebensphilosoph.

Wanderer                                                       zu Philosophierungen 

 
Das Werk Heideggers war Lebensphilosophie bis zum Exzess - und den hat er bekanntlich nicht gescheut. Sie ist schrill positiv und der Kritik nicht ge-
wachsen, weil sie Gründe nicht prüft, sondern schlicht behauptet.
 

Die praktische Philosophie beginnt da, wo die theoretische nicht weiterkann

Gedanklich endet meine Wendeltreppe bei den Ergebnissen der ‘kritischen’ alias Transzendentalphilosophie. Das wurde beanstandet, denn danach hat die Zahl der philosophischen Bücher wohl noch um ein Vielfaches zugenommen…

Ich wollte aber keinen kurzen Lehrgang durch die Geschichte der Philosophie schreiben, sondern ein Einführung ins Philosophieren selbst. Ich meine im Ernst, dass der theoretischen Philosophie seit den Tagen der Transzendentalphilosophen substanziell nicht mehr viel hinzugefügt wurde. Wo es theoretischen Erkenntnis-gewinn gab, handelte es sich weitgehend um die – philologische – Klärung von Missverständnissen. Wo die ‚Phänomenologie’ – Husserl und, in seinem Gefolge, Heidegger – zu brauchbaren Resultaten kommt, bestätigt sie doch immer nur, in weniger deutlichen Begriffen, die Ergebnisse der ‚kritischen’ alias Transzenden-talphilosophie. Ich bin so kühn, mutatis mutandis dasselbe über die ‚sprachanaly-tisch’-pragmatische Schule unserer Tage zu behaupten.

Der Umkreis der philosophischen Themen ist im großen Ganzen abgesteckt. In-nerhalb des Kreises mag das Feld immer und immer wieder neu bearbeitet und mö-gen den Themen immer wieder neue ‘Seiten’ abgewonnen oder das Gewonnene aus anderer Perspektive neu bestätigt werden. Tatsächlich ist die Philosophie seither so verfahren; soweit sie nämlich theoretisch und wissenschaftlich ist.

Doch hat sich seit dem 19. Jahrhundert, nämlich seit Schopenhauer und Kierke-gaard eine Variante der Philosophie ausgebildet, die ausdrücklich nicht theoretisch und auch nicht wissenschaftlich sein will, die Lebensphilosophie. Ihren bislang wort- und gedankenmächtigsten Vertreter hat sie in Nietzsche gefunden. Ihr Ehr-geiz ist es, die Frage nach dem Sinn des Lebens unmittelbar und positiv aufzuwer-fen und nicht länger über den Umweg metaphysischer Begriffsakrobatik. Philoso-phie soll praktische Lebenshilfe geben (und womöglich politisch wirksam werden). Damit ist sie im öffentlichen Leben so erfolgreich gewesen, dass sie im landläufigen Verständnis den Begriff der Philosophie ganz für sich vereinnahmt und die wissens-chaftliche Philosophie in die akademische Ecke gedrängt hat.*

Ihr Publikumserfolg ist verständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Nichts steht ihm freier als das. Es fragt sich nur, ob sich daraus eine positive Lehre entwickeln lässt, die der eine dem andern mit einem Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit vortragen darf.

*

Die Frage nach dem Sinn (des Lebens in) der Welt war der Urheber der Philosophie – und, durch sie, der Wissenschaft (die eine spezifisch abendländische Erscheinung ist). Das war der Ausgangspunkt und war der Schlusspunkt meiner “Wendeltreppe”. Die ständige metaphysische Versuchung unseres Verstandes – das, was Kant den “dialektischen Schein” genannt hat – ist es, in der Erkenntnis des Seienden einen Hinweis auf unser Sollen, auf die ‘rechte Lebensführung’ zu suchen. Wenn der Ein-zelne Bestandteil eines sinnhaft geordneten Kosmos ist, dann liegt es nahe, dem Teil dasselbe Ordnungsprinzip zu zu weisen wie dem Ganzen. ‘Was der Mensch soll’ ließe sich geradlinig aus dem, ‘wie die Welt beschaffen ist’, herauslesen.

Hans Erni, Odyssee

Doch die Erkenntnis des Seienden ist zirkulär und führt nirgends hin: ‘Die Natur’ antwortet uns ja immer nur auf die Fragen, die wir ihr stellen – und auch das nur unter Stöhnen und Seufzen. ‘Der Naturwissenschaftler beobachtet keines Wegs ‚die Natur’ so lange, bis sie ihm von allein ein Lied singt. Vielmehr reißt er aus der Na-tur vorsätzlich ein winziges Stück heraus, zwingt es in die Folterkammer seines La-bors und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit Ja oder Nein antwortet.’ Den „Sinn“ der Sachen – das, „worum es [uns] eigentlich geht“ – haben wir, als Frage, immer schon selber mitgebracht, und wenn wir ihn hernach ‚an’ den Sachen wieder erkennen, dann ist es nur der Schatten unserer „apriori-schen“ Absicht. ‚Die Natur’ kann uns nicht einmal sagen, wer oder was sie ‚ist’. Noch weniger kann sie wissen, was wir in einer Welt ‚sollen’, die längst mehr ge-worden ist als bloß Natur.

Die Kritik an diesem Irrtum ist dasjenige, was an der Philosophie wissenschaftlich ist.

Oder anders, wissenschaftlich ist die Philosophie nur als Kritik. Wenn ich sage, man kann leben, ohne zu philosophieren, dann heißt das: Man kann leben, ohne Wissen-schaft zu treiben. Um das Wort Philosophie – und wer es alles für sich in Anspruch nehmen darf – muss man sich nicht streiten. Auch die Philosophischen Lebensbera-tungs-Dienste unserer Tage dürfen sich so nennen, gesetzlich geschützt ist das Wa-renzeichen nicht. Aber ich bestehe auf einer scharfen Unterscheidung zwischen kri-tischer, wissenschaftlicher Philosophie und landläufiger Lebensweisheit.

Das ist eine politische Erfordernis.

Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn. Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des sieb-zehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltereignis. Herrschaft kon-nte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ord-nung überhaupt denkbar. Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissen-schaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.

House of Commons

Der einzig begründete Ausgangspunkt der praktischen Philosophie ist ein negativer: dass die theoretische Philosophie – nach den Ergebnissen der ‚Kritik’ – im Sein kei-nen Sinn nachweisen kann. Der Sinn ist das, was  nicht durch Notwendigkeit vor-gegeben ist, sondern: – ‚durch Freiheit möglich’ wäre. Sinn kann man nicht finden, sondern muss man erfinden.

Ist er also beliebig?

Na ja. Jedenfalls nicht in dem ‚Sinn’, dass erlaubt ist, was einem grade ‚in den Sinn kommt’. Denn was aus Freiheit geschah, lässt sich zwar nicht ‚begründen’, nämlich aus theoretischen Einsichten herleiten; aber man wird es rechtfertigen müssen, nämlich vor mir selber und dann vor all denen, denen ich ihrerseits Freiheit zumute und denen ich über den Weg laufe. Dann wird man sehen…

Mit andern Worten: Würde ich nicht in einer Welt leben, die ich ‚in Freiheit’ mit Andern teile, bräuchte ich keine praktische Philosophie und keinen ‚Sinn des Le-bens’. Ich lebte vor mich hin, und damit gut.

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Zwar kann die Wissenschaft (mit jedem Tag genauer) sagen, ‘was ist’. Denn das ist die theoretische Frage, die in ihr Ressort fällt. Aber was wer soll, ist eine praktische Frage, die nicht nach wahr oder falsch, sondern nach gut oder schlecht zu entschei-den ist. Und die fällt eben nicht in ihr Ressort: Denn gegenüber den Fragen des praktischen Lebens verhält sie sich, da sie theoretisch ist, rein kritisch: indem sie sagt, was nicht ist. Die Frage, wie und wohin ich mein Leben führe, ist eine prak-tische Frage; und eine private. Die Wissenschaft kann mir sagen, ob es good vibra-tions gibt, auf die ich rechnen darf, oder nicht; danach muss ich selber entscheiden.

Die Frage, wohin die Staaten und die Gesellschaften steuern, ist öffentlich, aber sie ist nur in Grenzen theoretisch. Denn Antwort hängt von denen ab, die sie stellen, und die sind Handelnde, bevor sie wissenschaftlich Erkennende sind; darum läuft die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer hinter-her und bringt es allenfalls zur self-fulfilling prophecy**. Und dabei ist die Frage, wohin sie steuern sollen , noch nicht einmal angeschnitten. Könnten die Gesell-schaftswissenschaften wirklich voraussagen: Wenn ihr dies tut, geschieht das, und wenn ihr jenes tut, dann geschieht jenes – dann müsste die Frage, ob wir ‘das’ oder lieber ’jenes’ wollen, immer noch praktisch entschieden werden; ‘aus Freiheit’, wie Kant das nennt. So gibt es ein unmittelbares politische Interesse daran, dass sich die Wissenschaften ihrer Grenzen jederzeit klar bewusst bleiben; Hirnforschung incl.

*

sprung
Lebensweisheit ist dagegen eine Privat-angelegenheit und gehört in meine Welt, wenn ich so sagen darf. Erstens geht sie nur mich selber an. Wenn ich zweitens darüber hinaus einen Drang spüre, meine Anschauungen (!) andern mitzuteilen, dann stehen mir dazu die Mittel der nicht-diskursiven Mitteilung zu Gebot; die Mittel der Kunst nämlich. Philosophie könne man eigentlich nur noch dichten, meinte Wittgenstein...

Die Kritik führt bis zu diesem Punkt: Damit überhaupt etwas gelten kann, muss ein Absolutum gelten. Aber wir (die Wissenschaften) können euch nicht bis dort hin führen. Begründen können wir das Absolute nicht. Wenn wir an jener Stelle sind, müsst ihr selber springen – auf eigne Faust; und mögt euch hinterher rechtfertigen. Nämlich vor euch selber und denen, die in euerm Privatleben sonst noch vorkommen.

Wer künstlerische Berufung fühlt, der trete vors große Publikum. Der Kritik ist er dort freilich nicht entzogen, ganz im Gegenteil. Nur ist es jetzt die Kunstkritik – die umso unerbittlicher ist, als sie selber Teil des kritisierten Gegenstandes ist. Die Kunst hat sich im Laufe der Neuzeit wie die Wissenschaft zu einer gesellschaftli-chen Instanz entwickelt, und die Kritik ist deren Teil. Wissenschaftlich ist sie nicht, sondern ästhetisch. Sie kann nicht (logisch) demonstrieren, sondern nur (anschau-lich) zeigen. Sie kann – wie die Kunst selber – Beifall heischen, aber kein Einver-ständnis erzwingen, wie die Wissenschaft.

*

Das gilt im selben Maß von den praktischen Staats- und Gesellschaftslehren. Die wissenschaftliche Kritik kann ihnen ihre Grenzen zeigen – und dass sie nicht Fleisch von ihrem Fleisch sind. Sie selber haben sich der Öffentlichkeit möglichst anschaulich darzustellen. Sie fordern zu Wertentscheidungen heraus, und die sind – in weitestem Sinn – ein ästhetischer Akt. Doch das Ästhetische liegt nicht jenseits der Vernunft, sondern diesseits. Es liegt ihr zu Grunde.

.das Neue Jerusalem

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*) In derselben Zeit beobachten wir in der Kunst die Scheidung zwischen dem ernsten und dem unterhaltenden Genre. Crossover ist auch da eine ständige Versuchung.

**) In einer UFA-Komödie sagt Grete Weiser: “Wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?” So geht es ‘der Gesellschaft’, wenn sie sich nach den Zielen ihres Handelns fragt. Wie können wir wissen, was wir wollen, bevor wir sehen, was wir tun?  

im Februar 2009 

 

Donnerstag, 28. Mai 2026

Zu Heideggers 50. Todestag.

                                           zu Philosophierungen

Ludwig Wittgenstein, der die Transzendentalphilosophie nicht verstanden hatte, schrieb, Philosophie im engeren Sinne ließe sich "nur dichten".

Begeisterte möchten meinen, das könne auf Heidegger zielen, der die Transzen-dentalphilosophie auch nicht verstanden hat. 

Doch von Dichtern würde man ein schöneres Deutsch erwarten.


Mittwoch, 27. Mai 2026

Denken unter Stress.

Illustration of the brain fornix (orange) and commissure of fornix (blue). The brain fornix is involved in memory function, associated with Alzheimer's disease and amnesia. Front view
aus welt.de, 27. 5. 2026            Das Gehirn arbeitet unter Stress anders als gewohnt             zu Jochen Ebmeiers Realien
 
„Akuter Stress beeinträchtigt einen zentralen Mechanismus des Gedächtnis“
Unter Druck können Menschen oft schlechter denken als gewohnt. Forscher haben nun untersucht, wie akuter Stress zentrale Prozesse im Gehirn verändert – und wann Eindrücke leichter im Gedächtnis bleiben.

Von Larena Klöckner 

Stress vor einem Vorstellungsgespräch oder einer Prüfung macht nicht nur nervös. Offenbar erschwert er auch, dass das Gehirn neue Informationen mit alten Erinnerungen verbindet. Genau das brauchen Menschen aber, um Situationen richtig einzuordnen.

Ein Forschungsteam der Universitäten Hamburg und der Universität Texas hat untersucht, wie akuter Stress das Denken verändert. Die Forscher wollten verstehen, warum Menschen unter Druck neue Informationen schlechter mit bereits Gelerntem verknüpfen. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal „Science Advances“.

Für die Studie lernten 121 Teilnehmer zunächst verschiedene Bildpaare aus Tieren, Gesichtern und Landschaften. Am nächsten Tag musste etwa die Hälfte der Probanden ein simuliertes Vorstellungsgespräch führen. Dabei sollten sie sich selbst präsentieren und schwierige Kopfrechenaufgaben lösen. Die Kontrollgruppe hielt dagegen nur eine lockere Rede und rechnete einfache Aufgaben.

Direkt danach sahen alle Teilnehmer neue Bildpaare. Etwa eine Stunde später prüften die Forscher, ob die Teilnehmer die Informationen aus beiden Tagen miteinander verbinden konnten. Ein Beispiel: Wer sich zuerst ein Gesicht zusammen mit einer Katze gemerkt hatte und später dieselbe Katze mit einem blauen Würfel sah, konnte daraus ableiten, dass das Gesicht und der Würfel zusammengehören.

Genau das fiel gestressten Teilnehmern schwerer. Allerdings nicht immer, sondern vor allem bei Bildern, die Teilnehmer subjektiv eher positiv bewerteten. Bei negativ bewerteten Bildern zeigte sich kein nennenswerter Unterschied. Die Forscher setzten funktionelle Magnetresonanztomographie ein, um den Hippocampus zu beobachten. Diese Hirnregion steuert, wie wir erinnern und lernen.

Normalerweise ruft der Hippocampus frühere Erfahrungen automatisch ab, sobald Menschen Neues lernen. Das Gehirn verknüpft dann alte und neue Inhalte miteinander. Unter Stress funktionierte dieser Prozess schlechter. Je weniger diese Reaktivierung stattfand, desto schwerer fiel den Teilnehmern später das Schlussfolgern. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass akuter Stress einen zentralen Mechanismus der Gedächtnisintegration beeinträchtigt“, schreiben die Autoren.

Die Forscher entdeckten noch einen weiteren Effekt: Das Gehirn speicherte verwandte Erinnerungen unter Stress stärker getrennt voneinander ab. Statt ein zusammenhängendes Netzwerk zu bilden, behandelte der Hippocampus die Informationen eher wie einzelne, unabhängige Ereignisse.

Bemerkenswert ist dabei: Die Teilnehmer konnten sich die einzelnen Bilder trotz Stress weiterhin gut merken. Der Stress störte also nicht das Lernen selbst. Er erschwert vor allem, dass das Gehirn verschiedene Erinnerungen miteinander verbindet.

Die Forscher vermuten, dass ihre Ergebnisse erklären könnten, warum Menschen unter Druck oft unflexibler denken oder Situationen schlechter einordnen. Das betrifft Prüfungssituationen, aber auch Verhöre oder psychische Erkrankungen. Denn auch Angststörungen und Psychosen gehen häufig damit einher, dass Betroffene Erfahrungen schlechter miteinander verknüpfen.

Noch ist allerdings offen, wie stark sich die Ergebnisse auf den Alltag übertragen lassen. „Die Kombination aus Verhaltenstests und neuronaler Bildgebung, um tatsächlich zu sehen, was schief läuft, ist wirklich überzeugend“, wird Brice Kuhl zitiert, ein Neurowissenschaftler an der University of Oregon in Eugene, der nicht an der Studie beteiligt war.

 

Nota. - Für schulisches Lernen ist bemerkenswert, dass weniger für das Lernen von Neuem als vielmehr für dessen Einordnen in Zusammenhänge, in denen es aufbe-wahrt und 'behalten' wird, ein "entspanntes Milieu" erforderlich ist, wie es in der Gestalttheorie seit langem heißt. Auch das Abfragen von Gelerntem in förmlichen Prüfungen ist unter dem Gesichtspunkt zu bewerten.
JE 

Die Lücke, die die AfD nicht füllt.

                                                 zu öffentliche Angelegenheiten

„Die fehlende inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD hat
die Partei so stark gemacht“
Die Welt, 27. 5. 2026 

Das ist keine Frage des Stils, der Taktik oder der Kommunikation, sondern der poli-tische Kern. Denn um darzustellen, dass die AfD die falschen Fragen stelle oder falsche Antworten gäbe, hätte man wohl schon deutlich machen müssen, welches die richtigen Frage und welches darauf die richtigen Antworten wären: Man hätte ein Programm vorlegen müssen. 
 
Und dann hätte jedermann sehen können, dass sie selber keins haben - außer, dass es ihnen um dieselben Posten geht wie eh und je. 
 
Was wären die richtigen Fragen? 
 
- Wie werden wir künftig arbeiten und was tragen digitale Revolution alias KI und Globalisierung dazu bei?
 
- Welches sind Deutschlands Aufgabe in Europa und Europas Platz in der Welt? 
 
Aus beiden Feldern ergibt sich, dass Migration eine untergeordnete Frage ist - nicht etwa eine nebensächliche, sondern eine, die praktisch überhaupt erst lösbar wird, wenn man sie von den übergeordneten Gesichtspunkten her betrachtet.
 
Ein solches Programm hat keine der in Deutschland aktiven politischen Kräfte. Eine allerletzte Hoffnung war, dass die Krise, die nach der SPD nun endlich die Union erfasst hat, den Weg freimachen könnte für die schließliche Ausbildung einer solchen Kraft. Doch dann schien mir, dass die Wahl von Friedrich Merz zum CDU-Vorsitzenden auch diese Möglichkeit verbaut hat. 
 
Als er dann doch noch Bundeskanzler wurde, sah es momentan so aus, als könne nicht nur für die CDU eine letzte historische Chance erwachsen. Ist diese Hoffnung nun endlich auch verstorben?
 
Andererseits: Die Krise der CDU hat ihren Höhepunkt noch weit vor sich. 
 
 

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

                                             zu öffentliche Angelegenheiten

Hab ich nach Jahren des Spotts meine Vorbehalte gegen Friedrich Merz voreilig aufgegeben? Dass er sein neues, so heiß erhofftes Amt nicht in Prahlhans-Manier, sondern behutsam taktierend übernommen und der Rolle Deutschlands in Europa und Europas in der Welt den Vorrang gegeben hat, war völlig richtig, und dass er sich innenpolitisch nicht zu Schnellschüssen verleiten ließ, war es auch. 

Aber ein Jahr ist gegenwärtig eine lange Zeit, konventionell gibt man der Schonfrist nur hundert Tage. 

Hoffen darf man zwar weiter, doch schonen muss man nun nicht mehr.

Dienstag, 26. Mai 2026

Sonny Rollins ist tot.

Sonny Rollins, 2007 in seiner Heimatstadt Germantown, New York
aus FAZ.NET, 26. 5. 2026                                                                                    zu Geschmackssachen
 
Sonny Rollins ist tot
 
Trauer in der Jazzwelt: Der Musiker Sonny Rollins ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Miles Davis nannte ihn einst „den größten Tenorsaxophonisten aller Zeiten“.

Der legendäre Saxophonist und Jazzkomponist Sonny Rollins ist tot. Rollins starb im Alter von 95 Jahren in seinem Zuhause in Woodstock im US-Bundesstaat New York, wie es in einem Post auf seiner offiziellen Facebook-Seite heißt. Eine Todesursache wurde zunächst nicht bekannt gegeben. ...

Rollins wurde 1930 im New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Mit seinem unverwechselbaren Ton – voll, robust, rau, zugleich aber subtil und nuanciert – galt der vielfach ausgezeichnete Rollins in der Jazzwelt als „Saxophon-Koloss“. So nannte er auch eines seiner Alben im Jahr 1956. Er arbeitete mit allen Großen seiner Szene zusammen, ob Charlie Parker, Thelonious Monk oder John Coltrane. Die meisten von ihnen überlebte er lange.

Von seinen Aufnahmen gehören unter anderem „Oleo“, „Doxy“ und „St. Thomas“ zum Jazzstandard. Der Trompeter Miles Davis, den Rollins in seinen Anfangsjahren in verschiedenen Gruppen begleitete, nannte ihn „den größten Tenorsaxophonisten aller Zeiten“. Atemwegserkrankungen zwangen Rollins vor einigen Jahren in den Ruhestand. ...

Monets London.

Der Smog macht die Farben: Monets „Waterloo Bridge“ von 1903.
aus FAZ.NET, 15. 10. 2024                                          Waterloo Bridge                                          zu Geschmackssachen

Ein Traum auf Erbsensuppengrün
Nach 120 Jahren bekommt London endlich die Bilder zu sehen, die Claude Monet hier malte: Seine berühmte Gemäldeserie mit Themse-Ansichten wird in der Courtauld Gallery ausgestellt.

von Andreas Platthaus 

Ein Maler, zwei Räume, drei Motive, 21 Bilder. Das klingt nach nicht viel, aber zusammen ergibt es eine der schönsten Ausstellungen des Jahres. Und ein spekta­kuläres Rekonstruktionsprojekt, auch wenn es nur zur Hälfte erfolgt ist. Aber der Reihe nach.

Der Maler, das ist Claude Monet – derjenige unter den Impressionisten, auf den sich Frankreich früh als Nationalliebling geeinigt hat, was kurz vor dem Lebensende des 1840 geborenen Künstlers dadurch bekräftigt wurde, dass er seinem Heimatland (in Person seines guten Freundes Georges Clemen­ceau, des Staatspräsidenten) anlässlich des Siegs über Deutschland im Ersten Weltkrieg den jüngst vollendeten Zyklus mit großformatigen Seerosenbildern schenkte.

Der Frie­dens­vertrag von Versailles war eine süße Re­vanche auch für Monet, der 1870 mit Frau und Sohn vor den anrückenden preußischen Truppen aus Paris nach London geflohen war. Dort sah er zum ersten Mal das, was damals (und noch lange danach) als Londoner Nebel berühmt war und heute nicht mehr existiert, weil der Luftverschmutzung durch Kohlefeuerung Einhalt geboten worden ist.

Umweltverschmutrzug intensivierte diese Farbpracht: Monets „London, Parliament. Sunlight in the fog“, 1904.
Umweltverschmutzung intensivierte diese Farbpracht: Monets „London, Parliament. Sunlight in the fog“, 1904.

Dieser Smog in der damals größten Stadt der Welt sorgte für erstaunliche Himmels- und Sonnenlicht­färbungen, und da Monet erst wenige Jahre vorher damit begonnen hatte, solche Eindrücke zu zentralen Stimmungsphänomenen seiner Malerei zu machen (was der von ihm maßgeblich inspirierten Stilrichtung die anfangs als Schimpfname gedachte Bezeichnung „Impressionismus“ eintragen sollte), war er vom Exilaufenthaltsort bezaubert und nahm sich vor, in friedlicheren Zeiten dorthin zurückzukehren, um in Ruhe an einer Bilderserie zu arbeiten, die dem ihn am meisten begeisternden Phänomen gelten sollte: den wechselnden Licht­effekten auf dem Wasser der Themse. Bis es so weit war, sollte allerdings noch viel Zeit vergehen, aber schließlich kam Monet gleich dreimal hintereinander für jeweils mehrere Wochen nach London und malte: in den dunkleren Monaten der Jahre 1899, 1900 und 1901.

Freude am „köstlichen Nebel“

Die zwei Räume, das ist die Sonderausstellungsfläche der Courtauld Gallery im Somerset House. Das liegt in London, und zwar gerade einmal dreihundert Meter entfernt vom Hotel Savoy, wo Monet sich zum Malen einquartierte, weil das seinerzeit teuerste Haus der Stadt in seinen fünf Obergeschossen Zimmer mit großen Balkons zur Themse hin bot, Monet mietete gleich zwei davon: eines als Wohn-, das andere als Arbeitszimmer. In den Briefen an seine Frau, die ihn nur bei der ersten Rückkehr begleitete, begeisterte sich der Maler über das, was ihm geboten wurde, vor allem eben der „köstliche Nebel“, auf den er jeden Morgen hoffte.

Claude Monet, „Waterloo Bridge, Gray Weather“, 1900
Claude Monet, „Waterloo Bridge, Gray Weather“, 1900

„Pea soup fog“ nannten die Londoner diese Wetterlage, und die Courtauld-Kuratorin Karen Serres hatte die, nun ja, brillante Idee, ihre beiden Räume für die Sonderausstellung mit Monets Themse-Ansichten in Erbsensuppengrün streichen zu lassen.

Die Bilder strahlen darauf in Farben, die man auf ihnen nie zuvor wahrgenommen hat, und die Hängung simuliert in ihrer Dichte, was Monet empfunden haben muss, als die Sonnenauf- und -untergänge für derart schnell wechselnde Impressionen sorgten, dass er ständig an mehreren Bildern gleichzeitig malte, die ja jeweils nur eine bestimmte Stimmung festhalten sollten. Am Ende der drei Jahre waren auf diese Weise in London an die hundert Leinwände zusammengekommen, die für Monet allerdings sämtlich noch nicht fertig waren und daheim in Giverny aus der Erinnerung vollendet wurden, teilweise erst viele Jahre später.

Claude Monet, „Houses of Parliament, Sunset“, 1900–1903
Claude Monet, „Houses of Parliament, Sunset“, 1900–1903

Drei Motive, das ist die Folge von Monets Wahl seines Domizils. Flussabwärts fiel sein Blick vom Balkon des Savoy auf die Waterloo Bridge, flussaufwärts er­öffnete sich ihm ein Panorama mit der Charing Cross Bridge im Vorder- und dem neogotischen Parlamentsgebäude von Westminster im Hintergrund. Das wurden seine drei Motive, immer wieder neu inszeniert vom sich verändernden Licht, aber immer vom gleichen Standpunkt aus gemalt, wobei Monet sich für die Ansichten des Parlamentsgebäudes von 1900 an aufs andere Themse-Ufer begab, wo das Gebäude ihm direkt gegenüber lag. So entstanden insgesamt 93 Bilder: 41 Ansichten der Waterloo Bridge, 34 der Charing Cross Bridge und neunzehn von Westminster.

21 Bilder, das ist das zweigrößte Konvolut aus der Werkgruppe, der jemals versammelt wurde. Größer war nur jene Pariser Ausstellung, auf der Monet 1904 seine Themse-Ansichten überhaupt zum ersten Mal vorstellte. Da waren es 37, acht Mal Charing Cross, elf Mal Parlament und achtzehn Mal Waterloo – Monets favorisierte Bilder aus dem Gesamtkomplex, alle ­eigens von ihm frisch für die Schau vollendet. Karen Serres wollte für ihre Ausstellung so viele wie möglich davon zusammenbekommen, und es kamen aus aller Welt fast die Hälfte zusammen, nämlich achtzehn: drei Mal Charing Cross, sechs Mal Parlament und neun Mal Waterloo – also dem Verhältnis der Motive zueinander nach ziemlich genau wie in Monets ursprünglicher Auswahl.

London musste fast 120 Jahre auf diese Schau warten

Die drei zusätzlichen Bilder tragen der Tatsache Rechnung, dass sich nur zwei von Monets London-Bildern in britischen Sammlungen befinden, beides später vollendete Ansichten der Charing Cross Bridge (eine ­davon wurde 1949 Churchill von seinem Literaturagenten geschenkt – mit der Bemerkung, wenn er wieder Premierminister werde, würde sich der Nebel über England lichten).

Und schließlich noch ein Westminster-Gemälde aus dem Kunsthaus Zürich, das deshalb besonderes Interesse beanspruchen darf, weil Monet es 1905 für eine dann doch nicht zustande gekommene Londoner Ausstellung vollendete und dabei ein Motiv annähernd wiederholte, das im Vorjahr schon an den berühmten Pariser Sammler Isaac de Camondo verkauft worden war und also nicht mehr zur Verfügung stand. Nun wird nicht nur nach fast 120 Jahren die Londoner Schau endlich nachgeholt, sondern darin auch ein Vergleich beider Bilder möglich, weil das frühere aus dem Musée d’Orsay ausgeliehen werden konnte.

Genug der Fakten, am Schluss eine Impression: Diese erbsensuppengrün grundierte Ausstellung strahlt, als wären die Bilder gerade von der Staffelei genommen. Man muss hier einmal die Lichtsetzerin nennen: Zerlina Hughes. Wie wichtig ist die Arbeit solcher Koryphäen für ein Ausstellungserlebnis! Denn nur dann entfaltet sich die ganze Magie eines Bildes wie Monets „Le soleil dans le brouillard“ (Die Sonne im Nebel), sonst in der National Gallery of Canada in Ottawa und das schönste Bild der Schau. Wie da die wie eine verschrumpelte Mandarine über der Waterloo Bridge stehende Sonne durch einen Brückenbogen hindurch die Themse entflammt, das entzündet eine schier unlöschbare [...]

Monet and London – Views of the Thames. In der Courtauld Gallery, London; bis 19. Januar 2025. Der Katalog (Holborton) kostet 25 Pfund.

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