Vor etwa 9000 Jahren brachen Bauerngruppen aus Anatolien in Richtung Westen auf. Im Gepäck hatten sie Getreide, allerlei Nutztiere und ein neues Verständnis davon, wie ein Leben zu organisieren sei und was täglich auf den Tisch kommt. Im Verlauf vieler Jahrhunderte folgten sie zwei Hauptrouten: Eine führte über die Ägäis und den Balkan ins Donaubecken bis nach Mitteleuropa, die andere entlang der Mittelmeerküste nach Süditalien, Südfrankreich und auf die Iberische Halbinsel.  

Was sie mitbrachten, hatte seinen Ursprung im Fruchtbaren Halbmond, dem Streifen zwischen heutiger Levante, Nordsyrien und Südostanatolien. Emmer und Einkorn, Gerste, Linsen und Erbsen ließen sich säen und ernten; Schafe und Ziegen lieferten Milch, Wolle und Fleisch. Die ansässigen Jäger und Sammler, auf die sie in Europa trafen, verschwanden nicht über Nacht. Genetische Daten zeigen, dass beide Gruppen jahrhundertelang nebeneinander lebten, sich allmählich vermischten und gemeinsam die damaligen Bevölkerungen prägten.

Spuren der neuen Lebensart

Lange galt diese Umstellung als die Erfolgsgeschichte schlechthin. Sesshaftigkeit und Vorräte gewährleisteten eine geregelte, ausreichende Ernährung und ermöglichten Dörfer und steinerne Monumente. Die Knochen der frühen Bauern scheinen jedoch eine etwas andere Geschichte zu erzählen: Sie waren im Schnitt kleiner und schmaler gebaut als die Jäger und Sammler vor ihnen. Karies und Mangelerscheinungen häuften sich. Offensichtlich hinterließ der "Fortschritt" am Skelett deutliche Spuren.

Forschende um Eóin Parkinson vom University College Cork in Irland haben sich nun angesehen, was hinter diesem scheinbaren Widerspruch steckt. Das Team hat dafür einen umfangreichen Datensatz zusammengeführt. Es sammelte rund 3000 Skelettmessungen, 30.937 Isotopenwerte zur Ernährung und 60.197 Radiokarbondatierungen, die einen Zeitraum von 15.000 Jahren abdecken. Letztere dienen als Näherungswert für die Bevölkerungsgröße. Je mehr datierte Funde aus einer Epoche stammen, desto mehr Menschen lebten dort vermutlich.

Wachstum vs. Fortpflanzung

Dabei zeigte sich: Vor etwa 8500 Jahren stieg die Zahl der Funde sprunghaft an, während die aus den Knochen rekonstruierte Körpergröße und das Körpergewicht zurückgingen. Mit anderen Worten: Man findet mehr Menschen mit kleineren Körpern. Ähnliche Befunde gab es bereits zuvor. Frühere Auswertungen schätzten, dass neolithische Europäerinnen und Europäer im Schnitt rund 3,8 Zentimeter kleiner waren als die Jäger und Sammler vor ihnen. Neu dagegen ist die Verbindung der steigenden Bevölkerung bei schrumpfender Körpergröße.

Parkinson und seine Kolleginnen und Kollegen interpretieren diese Gleichzeitigkeit im Fachjournal Pnas als sogenannten Life-History-Trade-off, einen Zielkonflikt zwischen Wachstum und Fortpflanzung, wie ihn die Evolutionsbiologie auch bei vielen anderen Arten beobachtet. Verfügbare Energie kann in den eigenen Körper fließen oder in Nachkommen, beides zugleich geht nur begrenzt.

Mehr Kinder, kleinere Körper

"Ein Bevölkerungsboom unter den frühen Bauern ab etwa 8500 Jahren vor heute fiel mit einer Abnahme der Körpergröße zusammen, was im Einklang mit einer Lebenslaufstrategie steht, die Fortpflanzung gegenüber dem Skelettwachstum bevorzugte", sagt Parkinson. Die zusätzlichen Kalorien aus dem Ackerbau, so die Interpretation, gingen weniger in lange Knochen als in mehr Kinder pro Familie.

Damit ist nicht gesagt, dass die frühen Bauern hungerten, eher das Gegenteil war der Fall. Eine kalorisch verlässlichere, aber einseitigere Kost könnte genau jene Voraussetzungen geschaffen haben, unter denen sich Geburtenraten erhöhen und das individuelle Wachstum zugleich nachlässt. Die Studie versteht den Trade-off als plausibles Modell, allerdings nicht als zwingenden Beweis.

Luftaufnahme der Carnac-Steine, einer Ansammlung von neolithischen stehenden Steinen in Carnac, Westfrankreich. Die Steine sind in Reihen auf einem gras- und erdigen Gelände angeordnet, umgeben von Wegen und Vegetation.
Die berühmten Steinreihen von Carnac in der Bretagne zählen zu den ältesten Megalithanlagen der westeuropäischen Jungsteinzeit. Sie sind das Werk der unmittelbaren Nachkommen jener ersten Bauern aus dem Osten, die vor rund 8000 Jahren Europa besiedelten.
Regionale Unterschiede

Auffällig sind die regionalen Unterschiede. Entlang der Mittelmeerroute ließen sich Menschen schon vor 9000 bis 8000 Jahren auf einen Speiseplan aus Weizen, Gerste, Früchten und Meeresressourcen ein. In Mitteleuropa dauerte es länger, bis Getreideanbau im großen Stil etabliert war. Dort spielten Milchprodukte und robustere Sorten eine größere Rolle.

Beide Wege führten zu Bevölkerungswachstum, doch der Rückgang von Statur und Gewicht fiel im Süden klarer aus als im Norden. Eine mögliche Erklärung sieht das Team in der Ernährung: Mehr tierisches Eiweiß und Milch im Norden könnten manche körperlichen Folgen abgefangen haben, während die stark getreidelastige Kost im Süden den Effekt verstärkte.

Neolithisches Tauschgeschäft

Die Befunde zeigten sich freilich nicht überall in derselben Weise. Weder waren alle frühen Bauern gleich, noch verlief der Übergang in allen Regionen im selben Tempo. Sicher ist, dass die Landwirtschaft Europa im Schnitt demografisch in eine andere Liga hob und gleichzeitig den einzelnen Körper messbar veränderte. "Der Übergang zur Landwirtschaft hatte keine einseitigen biologischen Auswirkungen, sondern manifestierte sich in einem komplexen Gefüge von Zielkonflikten", erklärt Parkinson.

Die neolithische Revolution verlief damit weniger als gerade Linie nach oben, sondern entpuppte sich als Tauschgeschäft. Mehr Menschen und dichtere Siedlungen, die einem neuen Rhythmus aus Saat und Ernte folgten, stehen kleineren Körpern, mehr Karies und anderen Zivilisationskrankheiten gegenüber.