Donnerstag, 11. Juni 2026

Was am Komischen das Ästhetische ist.

Giandomenico Tiepolo                                                  aus Geschmackssachen

Schön sei, sagt Kant, was ohne Interesse gefällt. 

Daran mag die Klugheit stochern wie sie will, sie beißt auf Granit. Sie kann den Satz höchstens ausweiten: Ästhetisch ist, was ohne Interesse gefällt oder abstößt.

So geheimnisvoll wie das Ästhetische war immer auch das Komische, und manch einer meinte, sie müssten auch sonst etwas gemeinsam haben. 

Nicht sonst etwas, sondern gerade dies: Ob bejahend, ob verneinend - sie sprechen an. Und zwar, bevor Begriffe im Spiel sind. In den Begriffen sind Qualitäten ins Verhältnis gesetzt. Im ästhetischen Urteil werden Qualitäten als solche, ohne Be-griff, ohne Verhältnis, begrüßt oder verabscheut. Der Begriff bezeichnet, welches Interesse das Subjekt an dieser oder der andern Qualität nehmen kann. Nämlich in welchem Verhältnis es zu ihnen steht.

Komik ensteht, wo Qualitäten, die als solche lediglich an sich sind, zu einander in ein Verhältnis geraten; nämlich durch ein Interesse gesetzt werden: mit andern Wor-ten, nicht länger qualitativ, sondern relativ erscheinen. Der komische Effekt - Affekt - entsteht, weil offen bleibt, ob die eine Qualität auf Kosten der andern, oder die andere Qualität auf Kosten der einen relativiert wird: Es schwebt.

Und selbstverständlich sind sowohl der Effekt als auf der Affekt nur solange mög-lich, wie das Subjekt vom Interesse zu abstrahieren weiß. Und diese Fähigkeit heißt Humor.

26. 9. 17 
 
 
PS. Ästhetische Qualitäten sind Bedeutungen, bevor sie in Begriffe gefasst und da-durch zu andern Bedeutungen in Relation gebracht werden.
 
PPS. Eine Vorstellung wird, sobald sie durch eine Bedeutung bestimmt wurde, eo ipso zu einem Begriff.
26. 9. 17 
 
 
 

Mittwoch, 10. Juni 2026

Weltweite Wanderungsbewegungen 2026

 Grenzzaun an der US-mexikanischen Grenze in Nogales, Arizona, mit mehreren Spulen Stacheldraht darauf. Im Hintergrund sind ein Hügel, Gebäude und eine bewölkte Himmelsszene zu sehen.
aus derStandard.at, 10. 6. 2026                           Ein Zaun in Nogales in Arizona an der Grenze zu Mexiko. 13 Millionen Menschen kamen seit 1990 aus Mexiko in die USA.                                                                  zu öffentliche Angelegenheiten
 
Menschliche Mobilität
Die jährliche globale Migration hat sich seit dem Jahr 2000 fast verdreifacht
Zwei Forscher füllten mit KI-Methoden bisherige Lücken im Wissen um die weltweiten Migrationsbewegungen – mit einigen überraschenden Ergebnissen

Bessere Daten dank KI

Das haben nun zwei Migrationsforscher und KI-Fachleute geändert: Thomas Gaskin (London School of Economics and Political Science) und Guy Abel (Universität Hongkong und IIASA in Laxenburg) haben Mithilfe von Deep Learning den ersten Datensatz zu Migrationsströmen zwischen allen Ländern für den Zeitraum von 1990 bis 2023 erstellt. Dieser Datensatz, der am Mittwoch im Fachblatt Nature veröffentlicht wurde, liefert ein weitaus detaillierteres Bild der globalen Mobilität als die bisherigen Daten, die stark fragmentiert sind.

Das Hauptergebnis der aufwendigen KI-gestützten Recherchen und Berechnungen: Die weltweite Migration ist von etwa 13 Millionen Menschen pro Jahr im Jahr 2000 auf rund 35 Millionen Menschen pro Jahr im Jahr 2023 stark angestiegen. Rückgänge gab es lediglich während der Finanzkrise 2008 und 2009 sowie der Covid-19-Pandemie.

Grafik, die den Anstieg der Migrationszahlen zeigt.
Das Hauptergebnis der Studie in einer Grafik: Seit dem Jahr 2000 stiegen die Migrationszahlen weitweit stark an (vertikale Achse: Zahlen in Millionen).

Dieser nun ermittelte Anstieg übertrifft den Anstieg der weltweiten Bevölkerungszahlen deutlich und zeigt ein echtes pro-Kopf-Wachstum der menschlichen Mobilität. Der Trend steht im Widerspruch zu den Ergebnissen früherer Forschungsbemühungen, globale Migrationsströme zu quantifizieren.

Regionale Verteilungen

Weltweit verzeichnete der Nahe Osten den höchsten Gesamtzustrom von Migranten, hauptsächlich aus Südasien und den Philippinen, wobei allein die Einwanderung aus Bangladesch nach Saudi-Arabien ab 2010 durchschnittlich rund 300.000 Menschen pro Jahr betrug. Die beiden Forscher schätzen, dass seit 2010 insgesamt 19 Millionen Menschen, durchschnittlich 1,35 Millionen pro Jahr, aus Indien, Pakistan und Bangladesch nach Saudi-Arabien, Katar, Bahrain und in die Vereinigten Arabischen Emirate migriert sind. Im Vergleich dazu gab es seit 1990 insgesamt 13,6 Millionen Migrationsbewegungen von Mexiko in die USA.

Europa rangiert durchweg als die Region mit dem höchsten Volumen an intraregionaler Migration und wurde nur einmal, nämlich Anfang der 1990er-Jahre während des Bürgerkriegs in Ruanda, von Subsahara-Afrika übertroffen.

Der neue Datensatz ist auch deshalb besonders nützlich, da er Aufschluss über Migrationsbewegungen im Globalen Süden gibt, wo Migrationsdaten traditionell weniger zahlreich und detailliert sind als im Globalen Norden. Mitte der 2010er-Jahre kam es beispielsweise in Subsahara-Afrika zu mehreren groß angelegten Migrationsereignissen. Der Bürgerkrieg im Südsudan ab 2013 führte zu einer großen Fluchtbewegung in das benachbarte Äthiopien.

Die Gewalt in Westafrika, als Boko Haram 2009 in Nigeria einen Aufstand auslöste und die Angriffe 2014 eskalierten, einschließlich der Entführung von fast 300 Schulmädchen, führte dazu, dass schätzungsweise 79.000 Nigerianer in Nachbarländer flohen, wobei die meisten (45.000) zwischen 2013 und 2014 nach Niger gingen.

Potenzial der neuen Methode

"Unsere Schätzungen wurden durch die Kombination klassischer Strömungsmodellierung mit Deep Learning gewonnen, wobei eine breite Palette von Daten für die Modelleingabe und das Training genutzt wurde", sagt Erstautor Gaskin zur innovativen Vorgangsweise: "Ich denke, der Umfang und die Breite dieses Datensatzes zeigen wirklich das Potenzial dieser Art von Hybridmodellierung in den Computerwissenschaften."

"Da frühere Schätzmethoden auf groben Fünfjahres-Momentaufnahmen beruhten, lieferten sie nur sehr wenige Datenpunkte und vermittelten den Eindruck, dass die Rate der globalen Migrationsströme stabil sei", ergänzt Mitautor Guy Abel. "Unsere jährlichen Daten liefern ein klareres Bild und zeigen, dass diese Rate seit 2000 tatsächlich gestiegen ist. Dieser Aufwärtstrend scheint eher durch langfristige demografische Verschiebungen und wirtschaftliche Entwicklung als durch plötzliche, isolierte Krisen getrieben zu sein."

Relevanz für die Politik

Detailliertere Migrationsdaten sind wichtig, da sie nicht nur zeigen, wie viele Menschen sich bewegen, sondern auch wann, wohin und warum – was politischen Entscheidungsträgern hilft, auf Krisen zu reagieren, Dienstleistungen zu planen und globale Trends zu verstehen. Durch den Einsatz fortschrittlicher maschineller Lernverfahren zur Verknüpfung von amtlichen Statistiken, Volkszählungsdaten und anderen Quellen mit geografischen und wirtschaftlichen Faktoren hilft der neue Datensatz, die bisherigen Lücken zu schließen. 

Konvergente Evolution: Das Gehirn des Oktopus.

Das Gehirn eines Oktopus reicht bis in seine Arme hinein.
 
Neuropsychologie 
Wenn Kraken um die Ecke denken
Oktopusse haben ein gutes Gedächtnis und erkennen Menschen als Individuen. Jetzt haben Forschende eine weitere erstaunliche Fähigkeit entdeckt: Kraken können mit Spiegeln versteckte Beute lokalisieren.

Oktopusse haben acht Arme, drei Herzen und ein Gehirn, das über ihren ganzen knochenlosen Körper verteilt ist. Wie genau es funktioniert, weiß niemand. Klar ist aber, dass die Tiere damit kognitive Höchstleistungen vollbringen, die denen des Menschen mit seinem ganz anders aufgebauten, zentralen Gehirn gar nicht so unähnlich sind.

Die Kraken haben ein hervorragendes Gedächtnis, sie lernen, sie spielen und sie erkennen nicht nur Artgenossen, sondern auch andere Lebewesen, einschließlich des Menschen, als Individuen. Filmreif ist der Ausbruch des Kraken „Inky“ vor zehn Jahren aus dem National Aquarium in Neuseeland: Der Oktopus quetschte sich durch einen Spalt in seinem Becken, kroch über den Fußboden und robbte durch ein 15 Zentimeter schmales Abflussrohr in den Pazifik und in die Freiheit. Zurück blieben nur seine nassen Spuren auf dem Boden.

Mit dem Experiment wurde erstmals gezeigt, dass ein Nichtwirbeltier das Prinzip eines Spiegels durchschaut

Jetzt berichtet ein Team um die Neuropsychologin Mary Kieseler vom Dartmouth College in New Hampshire von einer weiteren erstaunlichen Fähigkeit: Oktopusse können mithilfe eines Spiegels um die Ecke gucken und so Beute lokalisieren, die normalerweise außerhalb ihrer Sichtweite wäre, schreiben sie im Wissenschaftsjournal Current Biology.

Im ersten Schritt ihres Experiments gewöhnten die Forschenden drei Kalifornische Zweipunktkraken (Octopus bimaculoides) an einen Spiegel im Aquarium. Dann versteckten sie eine Krabbe in einer Ecke, die die Oktopusse nur mit dessen Hilfe einsehen konnten. Schnell lernten die Kraken, dass der Spiegel nur ein Bild der Beute zeigte – und wie sie ihn nutzen konnten, um die wirkliche Position der Krabbe zu lokalisieren.

Im dritten Teil saßen die Kraken in einer undurchsichtigen Box, die nur vorn und oben offen war. Direkt vor ihnen befand sich ein Spiegel, in dem sie das Bild einer Krabbe sehen konnten, das die Forschenden hinter die Tiere an die linke oder rechte äußere Wand projizierten. „Wir haben eine virtuelle Krabbe benutzt, um sicherzustellen, dass die Oktopusse die Krabbe nur visuell lokalisieren“, schreiben sie. Die Tiere haben nämlich einen hervorragenden Geruchssinn und registrieren kleinste Bewegungen ihrer Beute.

Tiere, die das Prinzip des Spiegels nicht verstehen, würden bei diesem Versuchsaufbau direkt auf das Glas vor ihnen zulaufen und versuchen, das dort reflektierte Bild zu verschlingen. Nicht so die Oktopusse: Die Kraken machten eine 180-Grad Wendung nach links oder rechts, je nachdem, auf welche Seite der Box die virtuelle Krabbe projiziert wurde. Manchmal nahmen sie sogar eine Abkürzung, kletterten über die Wand ihrer Box und stürzten sich von oben auf die vermeintliche Beute.

Mit dem Experiment wurde erstmals gezeigt, dass ein Nichtwirbeltier das Prinzip eines Spiegels durchschaut. Manche Neuropsychologen halten diese Fähigkeit für eine Vorstufe von Selbst-Bewusstsein, also der Fähigkeit zu erkennen, wer man ist und dass es außer einem selbst noch andere Lebewesen gibt. In jedem Fall bekräftigt das Experiment aber, dass Oktopusse das Ergebnis einer „konvergenten Evolution“ zu der des Menschen sind: Obwohl beide Arten nicht miteinander verwandt sind, haben sie unabhängig voneinander ähnliche Lösungen für dieselben kognitiven Herausforderungen gefunden.

Dienstag, 9. Juni 2026

Aufmerksamkeit ist gerichtet.

                                                                      zu Philosophierungen

Aufmerksamkeit ist gerichtet, sonst wäre sie keine. Richte ich sie auf dieses, ziehe ich sie ab von jenem. Indem ich auf den Gegenstand merke, kann ich nicht auf mich merken, und umgekehrt. Das ist keine Besonderheit der menschlichen Aufmerksamkeit: Dem Tier geht es nicht anders. Die Besonderheit der menschlichen Aufmerksamkeit ist: Wir können unse-re Aufmerksamkeit willkürlich lenken. Das kann das Tier nicht.* Es kann auf sich nicht auf-merksam werden.
*) Es sei denn, wenn es klug ist – wie manche Affen und wohl auch Raben –, im Spiegel.
26. 6. 17

 
Es dreht sich im Kreis: Will ich meine Aufmerksamkeit auf mich richten, muss ich sie von allem andern abziehen. Doch dazu muss ich mich vom Andern unterschieden haben - was auf dasselbe hinausläuft.
25. 11. 21

 
Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Montag, 8. Juni 2026

Können Hummeln denken?

Eine Hummel auf einem weißen Kunststoffball, der sie so groß macht, dass sie an eine Futteröffnung an der Decke gelangt. 
aus derStandard.at, 7. Juni 2026                                                    Eine Hummel hat sich einen Kunststoffball hergerollt, um mit ihrem Rüssel an Futter zu gelangen.                                                                     zu Jochen Ebmeiers Realien

Kleines Hirn, große Leistung
Hummeln stellen Wissen über Intelligenz bei Insekten auf den Kopf
Eine neue Studie zeigt, dass die dicken Brummer zielgerichtet im Voraus planen können– was bisher nur bei höherentwickelten Tieren und dem Menschen denkbar schien
 
Wer schon einmal vor einer hohen Bücherwand stand, kennt das Problem: Das gewünschte Buch ist sichtbar, aber außer Reichweite. Die mehr oder weniger triviale Lösung besteht darin, ein Hilfsmittel zu besorgen – etwa einen Stuhl oder eine Leiter. Dieser scheinbar banale Vorgang setzt freilich eine nicht unbeträchtliche geistige Leistung voraus: Das Gehirn muss das Ziel erkennen, eine zukünftige Handlung antizipieren und mehrere Schritte im Voraus planen.

Genau eine solche Fähigkeit haben finnische Forschende um Olli Loukola (Universität Oulu) nun erstmals bei Hummeln nachgewiesen. In einer Studie, die am Donnerstag im Fachblatt Science veröffentlicht wurde, zeigen die Tiere Verhaltensweisen, die auf eine Form von Vorausplanung hindeuten. Damit wäre erstmals dokumentiert, dass ein Insekt zielgerichtet auf ein zukünftiges Problem hinarbeitet, anstatt lediglich auf unmittelbare Reize zu reagieren. Die Ergebnisse könnten weitreichende Folgen für das Verständnis tierischer Intelligenz haben.

Herausforderndes Experiment

Das Forschungsteam mit Erstautor und Dissertant Akshaye Bhambore (ebenfalls Uni Oulu) entwickelte eine Versuchsanordnung, die Hummeln vor eine ungewöhnliche Herausforderung stellte. Die Tiere sollten eine Belohnung erreichen, die sich auf einer erhöhten Plattform befand. Direkt dorthin gelangen konnten sie jedoch nicht. Um das Ziel zu erreichen, mussten die Hummeln zunächst ein Objekt finden und an die richtige Stelle bewegen. Erst dadurch entstand eine Erhöhung, die ihnen den Zugang zur Belohnung ermöglichte.

Entscheidend war dabei, dass die Tiere nicht einfach auf ein bekanntes Signal reagierten. Die finnischen Forschenden erschwerten die Aufgabe schrittweise, indem sie den direkten Blick auf die Belohnung einschränkten. Die Hummeln konnten also nicht permanent sehen, worauf sie hinarbeiteten. Dennoch bewegten sie die notwendigen Hilfsmittel gezielt an den richtigen Ort und lösten anschließend das Problem. Nach Ansicht des Teams spricht dies dafür, dass die Tiere eine mentale Repräsentation des Ziels aufrechterhalten konnten und ihr Verhalten entsprechend planten.

Mehr als nur Lernen

In der Verhaltensforschung gilt die Frage nach Planung als besonders anspruchsvoll. Viele Tiere können komplexe Aufgaben bewältigen, wenn sie diese durch Versuch und Irrtum gelernt haben. Vorausplanung geht jedoch einen Schritt weiter: Sie setzt voraus, dass ein Organismus eine zukünftige Situation berücksichtigt und sein aktuelles Verhalten daran ausrichtet.

Bei Menschen gilt diese Fähigkeit als grundlegender Bestandteil intelligenter Problemlösung. Auch bei einigen Primaten, Rabenvögeln und bestimmten Säugetieren wurden Hinweise darauf gefunden. Für Insekten schien eine solche Leistung lange Zeit unwahrscheinlich. Ihr Nervensystem ist im Vergleich zu jenem von Wirbeltieren äußerst klein. Das Gehirn einer Hummel umfasst weniger als eine Million Nervenzellen – ein winziger Bruchteil der rund 86 Milliarden Nervenzellen des menschlichen Gehirns.

Clevere Hummeln

Bereits in den vergangenen Jahren haben Studien, insbesondere der finnischen Forschenden, gezeigt, dass Hummeln erstaunlich lernfähig sind. Sie können Farben unterscheiden, komplexe Suchstrategien entwickeln und sogar voneinander lernen. Besonders bekannt wurden Experimente, bei denen Hummeln an einer Schnur ziehen mussten, um an Nahrung zu gelangen. Die Tiere konnten diese Aufgabe nicht nur erlernen, sondern auch durch Beobachtung ihrer Artgenossen übernehmen.

Die neue Untersuchung geht jedoch über solche Lernleistungen hinaus. Statt eine bekannte Technik anzuwenden, mussten die Hummeln mehrere Handlungsschritte koordinieren und dabei ein Ziel verfolgen, das zeitweise nicht sichtbar war. Olli Loukola, Akshaye Bhambore und ihr Team sprechen daher von der ersten überzeugenden Demonstration zielgerichteter Problemlösung dieser Art bei einem Insekt.

Weitreichende Konsequenzen

Die Studie wirft grundlegende Fragen über die Entstehung von Intelligenz auf. Lange Zeit dominierten Vorstellungen, wonach komplexe kognitive Fähigkeiten große Gehirne voraussetzen. Die Ergebnisse deuten nun darauf hin, dass zumindest einige geistige Leistungen auch mit deutlich einfacheren neuronalen Strukturen möglich sind. Das bedeutet nicht, dass Hummeln denken wie Menschen. Auch von Bewusstsein oder abstraktem Denken kann aus den Experimenten nicht direkt geschlossen werden. Dennoch zeigen die Tiere offenbar Fähigkeiten, die bislang nur wenigen Tiergruppen zugeschrieben wurden.

Für die Forschung eröffnet sich damit ein neues Feld. Wenn Insekten mit vergleichsweise geringem neuronalen Aufwand komplexe Probleme lösen können, könnte dies auch für die Entwicklung künstlicher Intelligenz von Interesse sein. Effiziente Problemlösungsstrategien müssen möglicherweise nicht auf riesigen Netzwerken beruhen, sondern können auch aus relativ einfachen Strukturen entstehen. Dass ein Tier mit einem Gehirn von Stecknadelkopfgröße Aufgaben bewältigen kann, die ein gewisses Maß an Zukunftsorientierung erfordern, stellt jedenfalls grundlegende Annahmen über Intelligenz infrage.  

 

Nota. -  Der Begriff Intelligenz scheint immer weniger geeignet, einen Unterschied zwischen Mensch und Tier markieren zu können. Man sollte vielmehr von Denken in specie reden - und das bedeutet Reflexion, nämlich Rückbeziehung eines Gemein-ten sowohl auf einen Gegenstand als auch auf 'mich', nämlich meine Absicht - derer ich mir ipso facto 'bewusst' werde. Ganz soweit ist die Hummel dann doch noch nicht.
JE 

Samstag, 6. Juni 2026

Krise des Wissens?

Arcimboldo 1566          
 aus derStandard.at, 30. Mai 2026                                                zu öfftl. Angelegenheiten  zu Philosophierungen
 
Warum Wissen wichtig ist
Der Philosoph Tim Crane über Wikipedia, KI und Chatbot-Fehler
Wenn wir nicht verstehen, wie Chatbots mit Fakten über Wahrheit und Wissen umgehen, werden wir uns weiter in dem Netz aus Nichtwissen verwickeln, das die KI-Unternehmen über uns ausspannen

Früher wies ich meine Philosophiestudierenden an, Wikipedia-Einträge über Philosophie zu meiden. Aber die Dinge ändern sich. Wikipedia hat sich immens verbessert und wird stetig noch besser. Mittlerweile sage ich Studierenden, dass Wikipedia für gewöhnlich eine zuverlässige Quelle ist, doch sie müssten aufpassen, nicht Teile daraus "unabsichtlich" in ihre Aufsätze zu übernehmen. Wikipedia ist heute eine der vielen wundervollen, oft kostenfreien und großteils sorgfältig editierten Onlinequellen, die Studierenden zur Verfügung stehen.

Wesentliche Unterschiede

Der Siegeszug der generativen KI lenkt uns nun jedoch in eine andere Richtung. Chatbots wie ChatGPT und Claude werden nicht nur zur Texterstellung verwendet, sondern auch um das Internet zu durchforsten, Fragen beantworten zu lassen und Informationen oder Fakten zu finden. Googles Gemini zählt zu den beliebtesten KI-Chatbots und wird künftig fix als KI-Assistent in die Google-Umgebung integriert sein. Eine bedeutungsvolle neue Entwicklung besteht darin, dass jede Google-Suche per Standardeinstellung nun auch eine "Übersicht mit KI" liefert.

Eine stilisierte Illustration zeigt eine menschliche Hand und eine Roboterhand, die sich einander nähern, um Daten auszutauschen. Die Szene ist in lebhaften Farben gestaltet, mit geometrischen Formen, Pixeln, Zitaten und digitalen Symbolen, die den Austausch betonen.
Der Nobelpreisträger und Gründer von Google DeepMind, Sir Demis Hassabis, sagte kürzlich in einem Interview, dass Large Language Models (LLMs, die Sprachmodelle hinter den heute verbreiteten KI-Chatbots) unter anderem deshalb so erfolgreich seien, weil "ihr Ausgangspunkt die Gesamtheit menschlichen Wissens, all das, was wir ins Internet stellen" sei. Diese Behauptung ist schlichtweg falsch, findet Tim Crane.

Dies erscheint zunächst unproblematisch – nutzen wir nicht schließlich alle Google und Wikipedia, als wären sie ein und dasselbe, und verlassen uns ohne Weiteres auf die Ergebnisse? Macht es einen Unterschied, ob man etwas auf Wikipedia oder in Googles KI-Übersicht nachliest? Ist das nicht im Prinzip dasselbe?

Meiner Ansicht nach besteht allerdings ein wesentlicher Unterschied, der sich aus der grundlegenden Natur des Wissens ergibt. Wikipedia kann zu Recht als Wissensspeicher bezeichnet werden, KI-Chatbots nicht. Lassen Sie mich dies näher ausführen.

Der Nobelpreisträger und Gründer von Google DeepMind, Sir Demis Hassabis, sagte kürzlich in einem Interview, dass Large Language Models (LLMs, die Sprachmodelle hinter den heute verbreiteten KI-Chatbots) unter anderem deshalb so erfolgreich seien, weil "ihr Ausgangspunkt die Gesamtheit menschlichen Wissens, all das, was wir ins Internet stellen" sei. Diese Behauptung spricht Bände. Oberflächlich betrachtet scheint sie plausibel, wenn auch etwas übertrieben. Sie ist jedoch schlichtweg falsch.

Dinge, die nicht stimmen

Beginnen wir mit einem weit verbreiteten Phänomen: Fehlern. Es ist allgemein bekannt, dass Chatbots Fehler machen. Genau genommen behaupten sie Dinge, die nicht stimmen. Das haben wir wohl alle schon einmal beobachtet, und auch die modernsten Modelle haben dieses Problem bislang nicht in den Griff bekommen (so schreibt Google standardmäßig unter die KI-Übersicht: „KI-Antworten können Fehler enthalten.“). KI-Forscher:innen bezeichnen diese Fehler als Halluzinationen. Dazu zählen das Erfinden von wissenschaftlichen Artikeln, Rechtstexten oder Geschichten über real existierende Personen wie auch Rechen- und Logikfehler.

Viele KI-Forscher:innen tun diese Halluzinationen als Kinderkrankheiten ab; sie seien nichts weiter als kleine Funktionsstörungen, die mit fortschreitender Entwicklung und anhaltendem Training der Modelle verschwinden würden. Aus dem Blickwinkel der KI selbst jedoch, das heißt in Hinblick auf ihr Entwicklungsziel, sind Halluzinationen keine Funktionsstörung. Chatbots wurden mit dem Ziel entwickelt, in grammatikalisch korrekten Sätzen auf einen Prompt zu reagieren und dabei Inhalte, die zu diesem Prompt passen, zu produzieren. Halluzinationen sind daher keine Funktionsstörung, weil die Maschine genau das tut, wofür sie geschaffen wurde.

Die suggestive Bezeichnung "Halluzination" ist daher zutiefst irreführend. Eine visuelle Halluzination liegt vor, wenn das optische System Erfahrungen erzeugt, die die Realität völlig verzerrt darstellen: Als Beispiele ließen sich hier drogeninduzierte Trips während eines LSD-Rauschs oder, in tragischeren Fällen, Halluzinationen von Menschen, die am Charles-Bonnet-Syndrom oder an Alkoholismus leiden, anführen. Halluzinationen sind ein Versagen beziehungsweise eine Funktionsstörung des optischen Systems. Es erfüllt seinen evolutionären Zweck, die Welt visuell akkurat darzustellen, nicht. Die "Halluzinationen" von großen Sprachmodellen haben damit nichts zu tun.

Wahres Wissen

Dass LLMs nicht darauf ausgerichtet sind, Sachverhalte korrekt wiederzugeben, erklärt zudem, warum es aus ihrer Sicht belanglos ist, dass nicht alle ihre Trainingsdaten der Wahrheit entsprechen. Manches davon ist missverständlich, unvollständig oder sogar bewusst irreführend. Für eine Maschine, die auf die Ausgabe grammatikalisch korrekter Sätze ausgerichtet ist, spielt das keine Rolle. Wenn LLMs jedoch Wissen generieren sollen, ist es durchaus von Bedeutung.

Hassabis Behauptung, dass LLMs basierend auf der "Gesamtheit menschlichen Wissens" trainiert werden, ist nicht nur deshalb problematisch, weil das im Internet verfügbare Wissen unvollständig ist und daher nicht die Gesamtheit des Wissens darstellt; noch gravierender kommt zum Tragen, dass vieles von dem, was sich im Internet findet, gar nicht als Wissen bezeichnet werden kann. Wissen muss naturgemäß (man könnte auch sagen, definitionsgemäß) wahr sein. Wer behauptet zu wissen, die Sonne drehe sich um die Erde, hat damit unrecht und kann dies daher nicht wissen. Die Person mag annehmen, es zu wissen, aber sie weiß es nicht. Und wer behauptet, die MMR-Impfung verursache Autismus, hat unrecht und kann dies daher nicht wissen, egal wie überzeugt die Person davon ist.

Manche mögen nun einwenden, es gebe unterschiedliches "Wissen" und man solle sich nicht gegen alternative Sichtweisen stellen. Das ist aber ein Missverständnis. Es steht außer Frage, dass Menschen unterschiedliche und oft inkompatible Perspektiven haben, und wie wir mit diesen umgehen, ist eine wichtige ethische und politische Frage. Doch wenn diese Sichtweisen nicht korrekt sind, stellen sie kein Wissen dar. Wissen gibt die Realität ausnahmslos wahrheitsgemäß und korrekt wieder.

Zwei Cover der Time-Magazine-Ausgabe
Drehen am Rad der Wissensgeschichte: Die zwei Cover der 2025er-Person of the Year-Ausgabe des "Time Magazine", die Jensen Huang, Präsident und CEO von Nvidia; Elon Musk, xAI; Dario Amodei, CEO von Anthropic; Lisa Su, CEO von AMD; Mark Zuckerberg, CEO von Meta; Demis Hassabis, CEO von DeepMind Technologies; Fei-Fei Li, Co-Director des Stanford University Human-Centered AI Instituts und CEO von World Labs; sowie Sam Altman, CEO von Open AI, zeigen.

Man kann gar nicht genug betonen, wie wichtig dieser Punkt ist. Das Konzept von Wissen ist in allen menschlichen Kulturen zentral: Während einige Sprachen keine eigenen Wörter für essen und trinken oder er und sie kennen, gibt es in allen menschlichen Sprachen ein Wort für Wissen, das mit dem Begriff "Wahrheit" im Zusammenhang steht. Wissen – wie auch immer es in einer Sprache bezeichnet werden mag – bedeutet eine bestimmte korrekte und wahrheitsgetreue Darstellung. Wenn etwas nicht wahr ist, kann es nicht Wissen sein. Es gibt kein falsches Wissen.

LLMs können diesen Unterschied zwischen Wahrheit und Unwahrheit nicht erkennen. Sie fabrizieren Sätze, indem sie mit Milliarden von Texten im Internet interagieren. Es ist jedoch weder ihre Aufgabe noch die Aufgabe von unterbezahlten Klickarbeiter:innen, die KI-Outputs klassifizieren, zwischen wahrheitsgemäßen Texten und solchen, die Unwahres enthalten, zu unterscheiden. Jeder Text ist gut genug, wenn er nur zum Prompt passt.

Echte Modelle der Welt

Und das ist auch der Schlüssel zum Verständnis des Unterschieds zwischen Wikipedia und LLMs. Wikipedia ist bestrebt, Sachverhalte korrekt darzustellen, und verfolgt dieses Ziel mithilfe einer immensen Anzahl an Freiwilligen, die ihre Einträge im Einklang mit den relativ strengen Wikipedia-Regeln fortlaufend aktualisieren und die Interventionen anderer korrigieren. Ihr Ziel ist eine korrekte Darstellung, wovon Wahrheit eine bestimmte Version ist. Manchmal machen Autor:innen Fehler, die dann von anderen korrigiert werden. Einige Fehler werden dabei ohne Zweifel unentdeckt bleiben. Doch im Gegensatz zu einem LLM verfolgt Wikipedia die Absicht, von den Meinungen zur echten Welt, die die Freiwilligen beisteuern, zu lernen, um so das übergeordnete Ziel zu erreichen, die Welt wahrheitsgetreu darzustellen.

Dies ist auch der Grund, warum einige führende Wissenschaftler:innen, die LLMs kritisch gegenüberstehen – darunter Gary Marcus und Yann LeCun –, ins Treffen führen, dass KI-Anwendungen zusätzlich zu ihren Textproduktionsprogrammen echte "Modelle der Welt" benötigen. Ob dieser Vorschlag Gehör finden wird, zählt derzeit zu den interessantesten Fragen in der KI-Welt.

Vielleicht denkt jetzt jemand, dass die meisten LLMs sich ja ohnehin Wikipedia einverleibt haben und es deshalb keinen nennenswerten Unterschied zwischen den beiden Systemen mehr gebe.

Natürlich ist es sinnvoll, dass LLMs sich auf Wikipedia stützen, anstatt sich ausschließlich aus Webseiten voller Verschwörungstheorien zu speisen. Der Unterschied besteht aber dennoch in den Zielen der Systeme, nicht nur in ihren Trainingsgrundlagen. Auch wenn Wikipedia falsche Informationen enthält, so ist es doch ihr dezidiertes Ziel, wahrheitsgetreue und korrekte Informationen anzubieten. Ein Fehler in einem Wikipedia-Eintrag ist ein Makel, eine Halluzination eines Chatbots ist jedoch, wie wir gesehen haben, angesichts seiner Aufgabe kein Makel. Wikipedia-Autor:innen verfolgen das Ziel, die Einträge so korrekt wie möglich zu gestalten; für Klickarbeiter:innen, die die Daten in LLMs klassifizieren, ist das bedeutungslos.

Ernstzunehmende Probleme

Wikipedia liefert keine Garantie dafür, dass alle Informationen stimmen – eine solche existiert grundsätzlich nicht. Was Wikipedia allerdings bietet, ist eine verlässliche Methode, etwas über die Welt herauszufinden. LLMs bieten eine verlässliche Methode, binnen Sekunden kohärente Texte zu produzieren. Aber sie stellen keine verlässliche Methode zur Verfügung, etwas über die Welt zu lernen. Aus diesem Grund kann Wikipedia eine Wissensquelle sein, während LLMs dies nicht sind, denn Verlässlichkeit ist ein grundlegendes Element der Wissensgenerierung. Wissen braucht Wahrheit, aber Wahrheit allein ist nicht genug – man kann ja auch aus Zufall auf die Wahrheit stoßen (zum Beispiel, indem man mit Glück etwas richtig errät). Um Wissen zu erwerben, braucht man verlässliche Methoden der Wahrheitsfindung – beispielsweise etwas mit eigenen Augen zu sehen, sich an etablierte, vertrauenswürdige Autoritäten zu wenden oder durch wissenschaftliche Experimente Theorien zu bestätigen. Das Konzept einer verlässlichen Methode zur Wahrheitsfindung bildet daher den Kern von Wissen.

Eine Person in einem schwarzen Anzug und Krawatte hält ein Mikrofon während einer Pressekonferenz. Im Hintergrund befinden sich unscharf abgebildete Personen vor einer blauen Wand mit einem Schriftzug. Die Gesichter sind unkenntlich gemacht.
Tim Crane, geb. 1962, ist ein britischer Philosoph und einer der führenden Vertreter der Philosophie des Geistes. Er ist ist Director of Research des FWF- Exzellenzclusters "Knowledge in Crisis" und Professor für Philosophie sowie Pro-Rektor der Central European University in Wien. Er hat das Institute of Philosophy der University of London gegründet und war Knightbridge-Professor an der University of Cambridge. Der Essay erschien kürzlich im Jahresbericht des Wissenschaftsfonds FWF: www.fwf.ac.at

Im FWF-Exzellenzcluster "Knowledge in Crisis" wenden wir diese grundlegenden Ideen der Erkenntnistheorie (Epistemologie) auf alle heutigen Wissenskrisen an – und die KI-Krise ist nur eine davon. Wir veranstalten Workshops und öffentliche Diskussionsrunden, in denen wir uns mit der Relevanz philosophischer Theorien zu Wissen und Erkenntnisgewinn für die derzeitigen Krisen befassen, und die Wissenschaftler:innen dieses Clusters publizieren Artikel und Bücher zu diesem Thema. Zusammen mit Forscher:innen anderer Disziplinen – wie etwa Wissenschaftskommunikation, Sozialwissenschaften, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften – befassen wir uns auch mit Fragen, die für uns alle wesentlich sind. Dieses Jahr werden wir gemeinsam mit dem FWF-Exzellenzcluster "Bilateral Artificial Intelligence" öffentliche Veranstaltungen organisieren, um die Bedeutung von KI in der heutigen Zeit zu diskutieren.

Es ist bemerkenswert, wie tief diese Krisen philosophisch verwurzelt sind. Manchmal werden diese Wissenskrisen ausschließlich in Hinblick auf Wissenschaftsfeindlichkeit (etwa in Bezug auf die Ablehnung von Impfungen) oder Probleme, die durch die Verbreitung von Falschinformation und Desinformation ausgelöst werden, diskutiert, beispielsweise wenn Nutzer:innen auf sozialen Medien absichtlich zu politischen Themen in die Irre geführt werden. Das sind sehr ernstzunehmende Probleme, mit denen wir uns im Rahmen unseres Exzellenzclusters intensiv beschäftigen. Die Epistemologie von KI – insbesondere von LLMs – ist jedoch noch viel subtiler und tiefgreifender: Sie bedroht die Grundfesten unserer Methoden der Wissensproduktion. Wenn wir nicht lernen zu verstehen, wie die Maschinen mit Fakten über Wahrheit und Wissen umgehen, werden wir uns immer weiter in dem Netz aus Nichtwissen und Chaos, das die KI-Unternehmen über uns ausspannen, verwickeln. Darum gehört es zu den Zielen des Teams von "Knowledge in Crisis", dieses Verständnis zu fördern und allen zur Verfügung zu stellen.

 

Nota. - 1° Die Welt ist keine Gegend, die man ausmessen und - sichtbar, hörbar oder definierbar - wiedergeben kann; sondern ein Horizont, in den man alle Infor-mationen, denen man in reellen Gegenden begegnet, einpassen kann. Ob alles passt - "stimmt" -, kommt nicht bloß auf den Horizont, sondern ebensosehr auf die In-formationen an. Gegebenfalls muss man jenen oder diese oder alle neu justieren, um sie passgerecht zu machen. Ob es gelingt, kann nur der Versuch erweisen

Daraus folgt 2°, dass Wahrheit keine Gegebenheit, sondern eine Aufgabe - gr. pro-blêma - ist. Kein terminus a quo, sondern ein terminus ad quem.

Werden die Anforderungen an Wissen und Wahrheit dadurch lockerer oder stren-ger? 

Strenger, weil sie sowohl gedanklich als auch phänomenal stets die engst-mögliche Bestimmung verlangen - die aber nur pragmatisch gesucht, nicht aber dogmatisch berechnet werden kann.
JE , 6. 6. 26

Freitag, 5. Juni 2026

Ein Museum für die Geschichte der Forschung.

 aus derStandard.at, 

Was im Labor passiert, wenn niemand zuschaut
Was stellten Forschende mit der "Großen Elektrisiermaschine" an? Wie bedient man bei arktischer Kälte Messgeräte? Antworten gibt es im Technischen Museum Wien

In der neuen Dauerausstellung "Wissenschaft im Wandel", die gemeinsam mit der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften entwickelt wurde, soll für Besucher spürbar werden, wie Spitzenforschung funktioniert. Dafür wurde die Gruppe des Quantenoptikers Markus Aspelmeyer eingeladen, ihr Labor für Museumsbesucher nachzubauen. Sehr realistisch, mit wirrem Kabelsalat, Messinstrumenten und optischen Tischen, inklusive Original-Flipchart mit handschriftlichen Notizen, Formeln und Insider-Witzen wie "Evil Detectors" – ganz so, als ob das Team gerade auf Kaffeepause gegangen wäre.

Spitzenforschung im Museum

Als Gast der Ausstellung merkt man: Hier wurde nicht dekoriert, sondern übersetzt. Wenn man genau schaut, sieht man in einem Vakuumgefäß auch einen kleinen grünen Punkt leuchten. "Da schwebt eine unsichtbare Glaskugel auf einem Laser", sagt die Physikerin und Leiterin der STANDARD-Wissenschaftsredaktion Tanja Traxler, die im Kuratorenteam mitgearbeitet hat. Jeder Transistor und jedes Handy funktioniert nach den Prinzipien der Quantenphysik. Heute versucht die Forschung zu klären, wie weit die Welt der Quanten reicht. Während man früher einzelne Elektronen untersuchte, sind es heute bereits deutlich größere Systeme. Die schwebende Glaskugel steht genau an dieser Grenze – dort, wo die Quantenwelt beginnt, in unsere alltägliche Realität überzugehen.

Die neue Dauerausstellung im Technischen Museum Wien will einen Blick hinter die Kulissen der Wissenschaft ermöglichen. "Die Ausstellung zeigt Wissenschaft als lebendigen, oft widersprüchlichen Prozess", sagt Peter Aufreiter, Generaldirektor des Museums. Dafür spannt sie auf 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche einen Bogen über mehrere Jahrhunderte Forschung – und schickt Besucherinnen und Besucher auf die Reise durch eine "Stadt des Wissens".

"Der Weg hindurch ist nicht vorgegeben, man kann sich darin auch verlaufen, aber das ist gewollt", sagt der leitende Kurator Jochen Hennig. "Es gibt keinen festen Weg, sondern Disziplinen, die nebeneinanderliegen: Astronomie, Elektrizität, Quantenphysik, Gehirnforschung. Wir erzählen das Narrativ eines Prozesses, der über Jahrhunderte läuft, anhand unserer Objekte."

Risiken und Radioaktivität

Die Schau gibt viele neue Einblicke frei und zeigt etwa, wie Wissenschaft in der Barockzeit funktionierte. Die "Große Elektrisiermaschine", ein wuchtiges Gerät aus Holz und Glas aus dem 18. Jahrhundert, war ein Spektakel für die Salons. Menschen wurden damit elektrostatisch aufgeladen, Funken konnten aus ihren Schläfen gezogen werden. "Wissenschaft war damals auch Unterhaltung", sagt Hennig. Für kurze Zeit war sie sogar vergleichsweise zugänglich für Frauen, die ihren Platz in der Forschung später erst wieder zurückerobern mussten.

Gleich daneben geht es zur elektrischen Risikoforschung, zu frühen Wiederbelebungsgeräten und Relikten aus der elektropathologischen Sammlung. Das klare Ergebnis auch für weiterführende Forschungen lautete, dass Wiederbelebung nach Elektrounfällen über einen längeren Zeitraum hinweg Sinn ergibt. Der Weg vom Staunen zum gesicherten Wissen war kein gerader, sondern führte oft über Irrtümer und Schäden. Der Entwicklungsprozess im Bereich der Elementarteilchen erzählt sein eigenes Auf und Ab, den Anfang markiert ein unscheinbares Stück Gestein: die sogenannte Pechblende. Lange galt sie als wertlos, bis aus ihr kleinste Mengen radioaktiven Materials isoliert wurden – ein Zufallsfund, der ein neues Forschungsfeld eröffnete.

In die Irre geführt

Von hier führt der Weg zur modernen Physik: Ein frühes Elektronenmikroskop steht neben einem ausgemusterten Quadrupol-Magneten des Teilchenbeschleunigers am CERN. Solche Magnete bündeln Teilchen und halten sie auf ihrer Bahn, um sie gezielt zur Kollision zu bringen. Für einen Moment steht die größte Maschine der Welt im Raum. Verbunden werden die Themenbereiche durch leuchtend gelbe Frageinseln. Darin wird das Publikum selbst zum Experimentator und Versuchskaninchen und kann sich im Selbsttest skeptische Fragen stellen, etwa: Wie objektiv ist Wissenschaft?

Vor einem Bildschirm laufen Gesichter in schneller Abfolge. Für einen Moment sind es normale Porträts, dann verzerren sich die Gesichtszüge plötzlich zu Fratzen. Das Auge kommt nicht mehr mit, das Gehirn verarbeitet die Informationen falsch. Ein paar Schritte weiter laufen Videos. Jemand spricht Silben, aber die Lippen zeigen etwas anderes. Man ordnet falsch zu und erlebt dadurch den sogenannten McGurk-Effekt. Dann gibt es auch noch eine Tonleiter, die niemals aufhört: die Shepard-Tonleiter. Sie steigt und steigt – und kommt nie an. Auch das ist ein irrealer Effekt.

Messgeräte in der Arktis bedienen

An diesen Beispielen zeigt sich, wie leicht man sich täuschen lässt – ganz ohne KI-Fakes. Wenn schon die Wahrnehmung wackelt, dann fragt sich, worauf objektives Wissen steht. Wissenschaft ist harte Arbeit, mitunter auch körperlich. Das zeigt die Arktis-Station. Mit dicken Handschuhen soll ein Messgerät bedient werden, was kaum gelingt. Im Video darüber kämpft ein Arktis-Forscher mit genau diesem Problem. Bei minus 40 Grad zieht er die Handschuhe aus und beginnt bald zu hüpfen – wohl um sich aufzuwärmen. Einen kurzen Moment fühlt man sich selbst als Teil des Forschungsteams.

Am Ende des Rundgangs landet man wieder vor einer großen Wand. Die Geschichte der Quantenphysik – von den ersten Ideen bis zur Gegenwart. Und davor ein schlichter Kubus. Darin: Schrödingers Katze. Ein berühmtes Gedankenexperiment – von Erwin Schrödinger als Kritik an der Quantentheorie gedacht. Die Katze im Inneren muss man sich vorstellen. Laut Quantentheorie ist sie zugleich tot und lebendig. Zerfällt ein radioaktives Atom, wird eine Giftphiole zerbrochen. Ob das passiert, entscheidet der Zufall. Ein Knopfdruck im Technischen Museum Wien. Ein Glücksrad beginnt zu rotieren. In der Logik der Quantenwelt geht es jetzt um Leben und Tod. Erst mit dem zweiten Klick fällt die Entscheidung. Der Deckel öffnet sich. Ein Katzenbild erscheint. Sie lebt. Dieses Mal. 

Was am Komischen das Ästhetische ist.

Giandomenico Tiepolo                                                   aus   Geschmackssachen Schön sei, sagt Kant, was ohne Interesse ge...