Zunehmende Verrohung von Kindern und Jugendlichen:
Gewaltstudie offenbart extreme Belastungen bei Berliner Schülern
Schulleitungen
sprechen von „erschreckenden Ergebnissen“. Die Bildungssenatorin
kündigt Konsequenzen an. Es ist die erste Studie ihrer Art in
Deutschland.
Berlins Schülerinnen und Schüler leiden massiv unter Gewalt, Bedrohung, Mobbing und Diskriminierung. Aber auch Schulbeschäftigte werden häufig zu Opfern
und beklagen eine zunehmende Verrohung der Kinder und Jugendlichen.
Dies belegt das erstmals erstellte „Gewalt- und Konfliktbarometer“, das
am Montag vorgestellt wurde. Schulleitungen nannten die Ergebnisse
gegenüber dem Tagesspiegel „erschreckend“.
„Mehr
als die Hälfte der Lehrkräfte bewertet die Gewalt und Konflikte an
ihrer Schule als großes oder sehr großes Problem“, hieß es am Montag zur
Auswertung der Studie. Fast zwei Drittel hätten von einer Zunahme der
Gewalt seit der Corona-Pandemie berichtet. Nur vier Prozent sähen kein
Problem. An der Befragung nahmen 14.000 Schüler und 2500 Lehrkräfte
teil.
„Religiöser und sozialer Konformitätsdruck“
Auffällig
seien auch die Entwicklungen an der Grundschule, die zunehmende
Bedeutung digitaler Konflikte sowie „religiöser und sozialer
Konformitätsdruck“. Die Hälfte der Neuntklässler berichtete, dass über
sie Gerüchte und Lügen verbreitet würden.
Als
„deutliches Warnsignal“ bezeichnete Bildungssenatorin Katharina
Günther-Wünsch (CDU), die die Befragung beauftragt hatte, die
Ergebnisse. Mit dem Konflikt- und Gewaltbarometer legte Berlin nach
eigener Darstellung als erstes Bundesland eine umfassende
wissenschaftliche Untersuchung zu Konflikten und Gewalt an Schulen vor.
Die
Senatorin präsentierte die Ergebnisse zusammen mit Ullrich Bauer von
der Universität Bielefeld sowie Marc Grimm von der Universität
Wuppertal. Die beiden Professoren hatten die Untersuchung geleitet.
Steffen de Sombre vom Institut für Demoskopie Allensbach verantwortete
die Befragung an den Schulen.
Eine Aufgabe aus den Leitlinien der Regierungspolitik
Mit
der Beauftragung und Vorstellung des Berliner „Gewalt- und
Konfliktbarometers“ hat Günther-Wünsch ein ambitioniertes Vorhaben der
zu Ende gehenden Legislatur umgesetzt, das 2023 auch in die „Leitlinien
der Regierungspolitik“ aufgenommen worden war. Dort war ihr aufgegeben
worden, eine universitäre Studie zu veranlassen, die „umfassend“
Schulkonflikte untersuchen sollte. Explizit aufgezählt wurden dabei
„Mobbing, Antisemitismus, Sexismus, Konflikte durch religiösen
Konformitätsdruck, Queer- und Transfeindlichkeit und andere
Diskriminierungsformen“.
Abgesehen
von der puren Abfrage der erlittenen oder beobachteten
Gewalterfahrungen sollte auch zur Sprache kommen, wie darauf pädagogisch
zu antworten sei. Das hatte die Bildungsverwaltung im Vorfeld angekündigt.
Die Studie erfasste daher alle Formen von Gewalt, „deren Ausmaß und
Dynamiken, Gewaltbeziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern,
Lehrkräften und weiterem Schulpersonal sowie die Folgen von Gewalt und
den institutionellen Umgang mit Gewaltvorfällen“.
Als
Ziel wurde formuliert, dass ein „belastbares und differenziertes
Lagebild“ gewonnen werden sollte, um darauf aufbauend „wirksame und
passgenaue Unterstützungsmaßnahmen für den schulischen Alltag zu
entwickeln“. Die Auswahl der Klassen und Kurse innerhalb der jeweiligen
Klassenstufen, in denen die Interviews durchgeführt werden, erfolgte
nach dem Zufallsprinzip.
Interview und Gruppendiskussionen gaben weiteren Aufschluss
Zudem
gab es eine vorgelagerte qualitative Befragung von 41 Schülerinnen und
Schülern in Einzel- oder Tandeminterviews durch das Institut für
Demoskopie Allensbach. Diese wurde in verschiedenen Schulformen,
verschiedenen Bezirken und in verschiedenen Klassenstufen (5, 6, 9, 10,
11, 12, erstes und zweites Ausbildungsjahr) organisiert. Zudem wurden 43
Lehrkräfte sowie weitere pädagogische Fachkräfte in elf
Gruppendiskussionen befragt. Auch in diesem Modul wurden Personen aus
verschiedenen Bezirken und verschiedenen Schulformen befragt.
Die
Studie war nach Aussage der Bildungsverwaltung ergebnisoffen angelegt.
Konkrete „Maßnahmen“ sollten erst auf Grundlage der ausgewerteten
Befunde entwickelt werden. Zudem sollte geprüft werden, in welchem
Umfang bestehende Gewaltpräventions- und Demokratieförderprogramme
„fortgeführt, angepasst oder ergänzt werden sollten“.
Nota. - Das wundert mich aber sehr, dass als Remedium diesmal nicht wie immer die Ganztagsschule vorgeschlagen wird. Ist der Pausenhof etwa kein passgenauer Ort sozialen Lernens? Man kann ihn ja vorsorglich von der Polizei überwachen lassen, das macht's noch realitätsbezogener. JE
... Die Sicherheit eines Urteils hängt
natürlich auch ab von dem Modus, in dem es verfasst ist. Klar und
deutlich alias bestimmt ist nur der Begriff. Als Teilhaber eines Kommunikationsnetzes
ist er nicht nur logisch durch die andern Begriffe, sondern auch
faktisch durch den Austausch der verkehrenden Personen verbürgt. Rein
lo-gisch betrachtet, ist ein in Begriffe gefasstes Urteil ewig, oder genauer gesagt, es liegt jenseits von Raum und Zeit. 'Sicherer' geht nicht - mit der Einschränkung, dass ein Urteil nur gilt, wenn es von mindestens Einem geteilt wird - in Raum und Zeit.
Allerdings lassen sich Geschmacks-, nämlich ästhetische Urteile schlechterdings nicht in Begriffe fassen, weil sie nicht aus (begriffener) Erkenntnis stammen, so-ndern aus unmittelbarem Erleben. Und das lässt sich allenfalls mit Wörtern (nomi-nis)markieren,
die aber nicht durch ein Bedeutungsnetz definiert sind, sondern von
jedermann nach eigenem Gutdünken verwendet und verstanden werden
kön-nen, nämlich müssen. Denn was sie bezeichnen, sind Qualitäten und keine Relati-onen. Doch nur Relationen können diskursiv dargestellt werden. Qualitäten kann man nur anschauen.
Begriffe - Substantive, Adjektive und Verben - liegen alle auf derselben logischen Ebene - neben einander. In der Ebene liegen sie mal hinten, mals vorn, und mal rechts und mal links; aber nur, weenn sie ein Denkender so plaziert hat. Ohne dies wären sie alle nur irgendwo. Mit andern Worten: ein jeder für sich, ohne alle Bezie-hung auf einander.
Ein Verhältnis zu einander gewinnen sie erst in der Grammatik: Wer wen? Das geschieht im Satz: Subjekt, Prädikat, Objekt. Und erst so bekommen sie eine Be-deutung. Ohne dies gäbe es keine Semantik, alles Gesagte wäre gleich-gültig. Im Satz aber werde die Bestandteile einander hierachisch über-, gleich- und unterge-ordnet.
Will man es genau nehmen, muss man aber sagen: Der Satz erhält seine Bedeutung erst durch den Diskurs, in dem er steht.
Wollte man es noch ein wenig genauer nehmen, müsste man sagen: Der Diskurs erhält das, was er bedeutet, erst aus dem Weltbild, in das er sich fügt.
*
Auf einmal steht Alles auf dem Kopf: Nicht die Begriffe - Substantive, Adjektive und Verben - bilden den sinnhaften Stoff, sondern das Bild der Welt differenziert sich aus in mannigfaltige Bestandteile. Nicht die Atome bilden das Ganze, sondern das Ganze scheidet sich in zahllose Einzelheiten.
Mit andern Worten, der logische Atomismus ist von hinten nichts anderes als die dogmatische Metaphysik von vorn.
Ob ich die Welt als das Bestimmende auffasse oder das Sprachspiel, macht lediglich einen stilistischen Unterschied.
Man mag es in den Dokumenten nachsehen: Aller Dogmatismus geht von den Be-griffen aus. Woher sie gekommen sein mögen, sagt er nicht - oder höchstens: Das kann man nicht wissen, das muss man glauben.
Alle Metaphysik beginnt daher mit der Suche nach dem allerersten Begriff. Doch da das wirkliche Wissen von Begriffen voll ist wie der Himmel von Sternen, ist das kein aussichtsreiches Unterfangen; ebenso gut könnte man würfeln, denn logisch ist einer so gut wie ein anderer.
Aus den Dokumenten weiß man aber, dass nicht alle unserer Begriff auf einmal fix und fertig da waren, sondern unter Mühen nach und nach und oft genug aus ein-ander entstanden sind.
Es liegt der Gedanke nahe, dass der erste Begriff nicht als Offenbarung urplötzlich auf die Welt gekommen ist, sondern sich wie so vieles andere auf dieser Welt aus Vorläufern entwickelt hat.
Erfahrung, sagten die englischen Empiristen.
Doch Erfahrung geschieht nicht als Anhäufung von Sinnesdaten, sondern durch deren Ordnung nach... Begriffen. Aus diesem Einwand ging die Kantsche Kritische Philosophie hervor: Man kann nicht nach dem Vorläufer des Begreifens suchen, wenn man sich dabei der Begriffe bedient. Denn deren Vorgeschichte ist uns nicht dokumentiert, weil sie... eben "noch nicht" in Begriffen überliefert wurde.
Man muss es daher spekulativ ergründen. Nicht aus historischen Spuren suchen, sondern im Gedankenexperiment ausprobieren.
Gedanken sind Begriffe, die noch keine Form gefunden haben: alles Denken, das einstweilen noch unbestimmtist und allenfalls in Bildern mitgeteilt werden kann; auf die Gefahr hin, dass ein jeder sie anders erkennt.
Wir nennen sie Vorstellungen. Sie sind offenbar der Rohstoff, aus dem die Begriffe geschliffen wurden: Das nennen wir Reflektieren, und ohne den Rohling geht es nicht.
Einfach ist Ansichtssache Was
trivial ist, muss nicht weiter erläutert werden. Das gilt auch für die
Mathematik. Einfach ignorieren kann man das Triviale dort aber nicht.
von Florian Freistetter
Wer
die Mathematik dank schlechtem Schulunterricht in ebenso schlechter
Erinnerung hat, wird an all ihren Formeln, Zahlen und Symbolen
vermutlich nichts Triviales erkennen. Wer sich dagegen beruflich mit der
Mathematik beschäftigt, hat einen anderen Blick auf das Triviale.
Trivial bedeutet hier etwas, was man direkt aus dem Kontext
beziehungsweise dem unter Betrachtung stehenden mathematischen Objekt
selbst erkennen kann. Man muss nicht groß weiter darüber nachdenken.
Hier ist ein Beispiel: Tn = {1, n}
Das
bedeutet: Jede natürliche Zahl ist immer durch 1 und durch sich selbst
ohne Rest teilbar. Meist ist das nur ein Teil der Wahrheit. Hat man eine
natürliche Zahl n gegeben, dann existieren für diese Zahl auch andere
natürliche Zahlen, durch die n ohne Rest geteilt werden kann. Die
Bestimmung dieser Teiler ist aus vielen Gründen in der Mathematik
wichtig und kann durchaus eine schwer zu lösende Aufgabe sein. Moderne
Verschlüsselungsalgorithmen etwa basieren darauf, dass es bei manchen
Zahlen sehr schwer ist, bestimmte Teiler zu finden. Die in der Formel
angegebene Menge an Teilern dagegen ist trivial. Darüber muss man nicht
weiter nachdenken, und deswegen werden 1 und n in diesem Fall auch die
»trivialen Teiler« genannt.
Ein weiteres Beispiel für
mathematische Trivialität findet man bei der Lösung von Gleichungen.
Dazu können wir uns eine der bekanntesten Aussagen der Mathematik
ansehen: den Großen fermatschen Satz. Dabei geht es um die Gleichung an + bn = cn.
Gesucht sind ganze Zahlen a, b und c, die diese Beziehung für eine
ganze Zahl n (größer als 2) erfüllen. Im 17. Jahrhundert behauptete
Pierre de Fermat, dass es keine solchen Zahlen a, b und c gibt – der
Beweis für diese Behauptung wurde aber erst 1994 erbracht.
Der Unterschied zwischen einfach und schwierig
Damit
aber überhaupt ein mathematisch anspruchsvolles Problem entsteht, muss
man bei der Formulierung des Satzes noch zusätzlich fordern, dass a, b
und c positive Zahlen sind. Denn sonst könnte man sofort und ohne
weiteres Nachdenken für jedes n eine Lösung angeben, etwa 0n + 0n = 0n.
Diese Lösung ist allerdings vollkommen uninteressant; sie ist
offensichtlich, und man kann aus ihr keine neuen Erkenntnisse gewinnen –
sie ist trivial.
Was nun genau alles aus mathematischer Sicht
trivial ist und was nicht, ist durchaus auch Ansichtssache. Nicht
umsonst gibt es den alten Witz über eine Diskussion unter Mathematikern:
Der eine merkt an, dass ein bestimmter Rechenschritt trivial sei, und
auf die Nachfrage des Gegenübers erläutert er eine halbe Stunde lang die
Details dieses Schritts – bis sich am Ende beide sicher sind: Ja, das
ist tatsächlich trivial.
Das klingt vielleicht seltsam, doch
hinter mathematischer Trivialität kann durchaus sehr viel Rechnerei
stecken. Für die einen mag die Aussage, dass die Ableitung von x² gleich
2x ist, vollkommen trivial sein. Wer aber gerade erst lernt, wie
Differenzialrechnung funktioniert, sieht die Sache womöglich anders.
Der
berühmte Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman hat die
Problematik etwas scherzhaft so zusammengefasst: Jedes Theorem ist
trivial, sobald es einmal bewiesen wurde, unabhängig davon, wie
kompliziert die Beweisführung war. Es gebe daher nur zwei Arten wahrer
mathematischer Aussagen: die trivialen und die, die bis jetzt noch nicht
bewiesen sind.
Die Mathematik ist immer auf der Suche nach dem,
was nicht trivial ist. Nur dort findet man neue Erkenntnisse. Doch auch
das Triviale lohnt ab und zu eine nähere Betrachtung. Schauen wir noch
einmal auf die trivialen Teiler aus der Formel. Wenn wir es mit einer
natürlichen Zahl zu tun haben, deren gesamte Teilermenge lediglich aus
den trivialen Teilern besteht, dann hat man es nämlich mit nichts
anderem zu tun als mit einer Primzahl. Und Primzahlen sind definitiv
alles andere als trivial!
Fangen wir heute mal mit einer kleinen Aufgabe an: Schließe deine Augen und stelle dir einen Apfel vor.
Na? Wie sah er aus? Wie scharf war das
Bild, konntest du Details sehen? Oder war es doch eher schwammig? Und
hast du überhaupt ein Bild gesehen, oder vielleicht sogar gar keins?
Wir Menschen tendieren dazu, einfach
anzunehmen, dass die Welt so funktioniert, wie sie es bei uns selbst
tut. Bis ich mich näher mit dem Thema beschäftigt habe, dachte ich
zugegebenermaßen schon, dass Leute in der gleichen Art und Weise denken
und sich Dinge vorstellen, wie ich das tue – und zwar hauptsächlich in
Bildern. Doch das stimmt so nicht.
Wenn man manche Menschen nach dem Namen
einer Person fragt, haben sie das Gesicht der Person im Kopf, andere
deren Stimme, und wieder andere den ausgeschriebenen Namen als Text.
Manche brauchen bei einer Wegbeschreibung eine Karte vor sich, andere
kommen super mit verbalen Beschreibungen zurecht. Wie kann das alles so
unterschiedlich sein?
Was es damit alles auf sich hat, schauen wir uns in diesem Blogbeitrag an!
Die visuellen Denker
Wenn du bei dem Test ein Bild eines Apfels gesehen hast, dann bist du vermutlich eher ein visueller Denker.
Ca. 50 – 90 % der Menschen weltweit sind
visuelle Denker, sie denken also in mentalen Bildern [1]. Werden sie
nach einer Person gefragt, erscheint das Gesicht im Kopf, handelt die
Frage von einer Wegbeschreibung, dann taucht auf einmal eine Stadtkarte
mit Straßen vor ihrem Inneren Auge auf.
Wie detailreich ein Bild vorgestellt wird ist von Person zu Person unterschiedlich und es gibt diverse Abstufungen. Wie in Abbildung 4
zu sehen ist, kann man sich einen Apfel von sehr detaillreich bis sehr
simpel erdenken. Auch die Szenerie, wo der Apfel liegt (schwebt er,
liegt er auf einem Tisch?), ob man ihn von mehreren Perspektiven aus
sehen kann, oder ob sich das Bild wie in einem Film bewegt und die
Kamera um ihn herumfährt, ist bei jedem Menschen unterschiedlich.
Abbildung 4: Unterschiede im visuellen Denken
Visuelle Denker kennen oft das Problem,
Konzepte und Sachverhalte, die ihnen verbal erklärt werden, schwerer zu
verstehen als Bilder. Oft hilft es ihnen daher, das Konzept
aufzuzeichnen, eine Mind-Map zu erstellen oder Ideen auf Papier zu
bringen. Diagramme, Bilder, Videos oder Demonstrationen helfen Ihnen oft
beim Verstehen und Erinnern von Informationen. Umgekehrt verwenden
visuelle Denker selbst auch gerne Bilder und Grafiken, um Dinge
verständlich zu machen.
Visuelle Denker sollen durch Ihre Neigung zu bildlichen Präsentationen ein besonders gutes Vorstellungsvermögen und ein gutes visuelles Gedächtnis
haben, zum Beispiel, mentale Objekte drehen zu können. Auch Navigation,
wo man sich bildlich Wege merken muss, oder Geometrie fällt ihnen eher
leicht, zb. Dinge mental zu drehen und zusammenzufügen.
Hyperfantasie
Während die meisten Menschen eine
„typische“ visuelle Vorstellungskraft haben [2], gibt es zwei Extreme an
je einem Ende des Spektrums, wobei die Hyperfantasie das erste Extrem präsentiert.
Sie sehen den Apfel vor ihrem inneren Auge
ganz genau: Die rot-grüne Farbe, Kondenswasser an der Oberfläche, die
kleine Delle oben rechts, und das kleine Blatt, welches noch am leicht
gekrümmten Stängel hängt. Dazu müssen sich oft nicht mal iher Augen
schließen.
Ein anderes Beispiel: Stell dir einmal
deine beste Freundin vor: Wie siehst du sie vor deinem inneren Auge? Du
kannst sie bestimmt erkennen, aber vermutlich ist das Bild leicht
unscharf und nicht jedes Detail erkennbar, vielleicht sogar
unvollständig. Doch Menschen mit Hyperfantasie würden die Person fast
fotografisch deutlich vor sich sehen. Sie haben eine
überdurchschnittlich klare und detailreiche bildliche Vorstellung.
Nach aktuellem Forschungsstand haben ca. 3
– 6 % der Menschen Hyperfantasie [3]. Die Vorstellungskraft kann so
ausgeprägt sein, dass Menschen mit Hyperfantasie oft nicht mehr wissen,
ob die Bilder in ihrem Kopf real waren oder nur ausgedacht. Es ist fast
so, als würden sie sich nicht nur visuell etwas vorstellen, sondern
tatsächlich mit allen Sinnen erleben!
Jedoch kann auch Hyperfantasie mit
Schwierigkeiten einhergehen. Für Menschen mit stark bildhaftem Denken
fühlen sich Szenen oft beinahe real an, was bei schönen Erinnerungen
oder Geschichten schön sein kann. Jedoch können sich drastische
Beschreibungen von Unfällen oder Gewalt auch unangenehm tief einprägen
und emotional belastend werden, da sie keine gute Kontrolle über die
Entstehung der mentalen Bilder haben.
Afantasie
Im Gegensatz zu Hyperfantasie beschreibt Afantasie
(„Nicht-Vorstellung“), dass man sich kaum oder keine Bilder gedanklich
vorstellen kann und bildet somit das andere Ende des Spektrums ab (Abbildung 7, Darstellung 5). Dies haben ca. 1 – 5 % der Menschen [4], [5] und nach Zahlen von 2023 ca. 1,6 Millionen Deutsche.
Abbildung 7: Afantasie (Darstellung 5)
Wenn Menschen mit Afantasie gefragt
werden, sich einen Apfel vorzustellen, können sie kein Bild erzeugen –
genauso ist es auch, wenn man sie nach anderen Gegenständen oder z.B.
auch Gesichtern fragt. Kein Bild kommt in den Sinn. Stattdessen denken
sie bei einem Apfel eher an den Geschmack, die glatte Oberfläche oder
auch den Geruch, und bei Gesichtern kommt vielleicht die Stimme der
Person oder was wohl-warme Gefühl auf, welches man mit der Person
verbindet.
Die Ursachen für Afantasie sind noch
unklar, aber man weiß, dass bei mentalen Vorstellungen die visuellen
Areale im Gehirn sowie der Frontalkortex beteiligt sind
[7], deren Verbindung bei Menschen mit Afantasie schwächer zu sein
scheint [8]. Afantasie ist keinesfalls als Krankheit zu verstehen,
sondern einfach als kognitive Eigenschaft und hat normalerweise für den
Alltag keine Konsequenzen [4]. Oft fällt Leuten sogar erst im
Erwachsenenalter auf, dass sie Afantasie haben. Statt innerer Bilder
greifen sie bei Fragen meist auf Faktenwissen zurück
und können sie deshalb trotzdem ganz normal beantworten. [6]. Übrigens
können Menschen mit Afantasie trotzdem bildlich träumen, da die
bildlichen Prozesse beim Träumen anders gesteuert werden als im
Wachzustand [6].
Die verbalen Denker
Kommen wir nun von Bildern zu Text.
Ungefähr 25 % aller Menschen denken nicht
in Bildern, sondern hauptsächlich in Worten und Sätzen, die in ihrem
Kopf von einer Stimme gesprochen werden [9]. Manche Menschen denken in
einzelnen Worten, andere in ganzen Sätzen, und wiederum andere bewegen
sich irgendwo dazwischen.
In unserem Beispiel mit der Aufgabe an
einen Apfel zu denken, würden eher verbal orientierte Menschen
vermutlich nicht an ein Bild, sondern an das Wort „Apfel“ denken. Das
Wort kann dabei von der Stimme gesprochen werden, oder man hat eher das
Gefühl, im Kopf leise das Wort zu lesen. Oft tauchen auch sprachliche
Assoziationen auf, z.B. „Ein Apfel ist rund“, “Obst” oder „rot“.
Bei ca. 30 – 50 % der Menschen ist die Stimme im Kopf ein innerer Monolog [10].
Diese Stimme kennen bestimmt viele von euch: Man geht gedanklich die
Einkaufsliste durch, spielt das anstehende Bewerbungsgespräch nach und
was für Fragen gestellt werden könnten, oder sagt zu sich selbst „gut
gemacht“, wenn man mit der anstrengenden Sporteinheit fertig ist. Die
innere Sprache kann jedoch auch die Form eines Kommentators
annehmen: Dabei denkt man also nicht in der “Ich-Perspektive”, sondern
in 3. Person, wobei die Stimme alles, was man tut, beschreibt und
kommentiert, als würde sie einen von außen beobachten.
Studien zeigen, dass die innere Stimme auch ein Dialog
sein kann, beispielsweise, wenn eine Entscheidung getroffen werden
muss. Diese struktuierte Anleitung kann besonders hilfreich bei
Selbstkontrolle und Problemlösen sein. Ca. 25 % der Menschen berichteten
übrigens, dass sogar noch weitere Stimmen in den inneren Dialogen
auftauchen [1], [11].
Verbale Denker besitzen die Fähigkeit,
Sprache im Kopf zu nutzen, um Gedanken effektiv zu sortieren und
Probleme zu lösen. Beim Lösen von schwierigen Aufgaben gehen verbale
Denker gerne Szenarien oder Listen durch, um zu guten Entscheidungen zu
kommen. Dies ist zum Beispiel von Vorteil, wenn man ein wichtiges
Gespräch vorbereiten will und dies im Kopf durchgeht. Somit sagt man
ihnen nach, generell ein gutes verbales Gedächtnis zu haben und auch Sprachen schnell
lernen zu können [11]. Auch bezüglich mentaler Gesundheit scheint die
innere Stimme wichtig zu sein. Studien zeigen, dass Menschen mit
depressiven Symptomen oft weniger inneren Monolog haben. Menschen mit
Angststörungen zeigen zudem eine besonders negativ eingestellte innere
Stimme.
Auf der anderen Seite tendieren verbale Denker oft zum übermäßigen Grübeln und
können gerne mal in Gedankenschleifen festhängen [11]. Was die
verschiedenen Arten von inneren Monologen nun über die Gehirne und die
Menschen an sich aussagen, da steht die Forschung leider noch vor einem
Rätsel.
Anendophasie
Ebenfalls entgegen meiner persönlichen
Vorstellung, war ich sehr überrascht zu lernen, dass manche Menschen
keine innere Stimme im Kopf haben. Dies nennt man Anendophasie („an“ =
ohne, „endo“ = innerlich, „phasie“ = Sprache, Stimme). Menschen mit
Anendophasie fehlt weitgehend oder sogar komplett eine innere Stimme,
daher denken sie eher visuell, gefühlsorientiert oder durch
Faktenwissen. Schätzungen zufolge sind etwa 5–10 % der Bevölkerung
betroffen [12].
In den letzten Jahren hat die Forschung
erst begonnen, sich mit Anendophasie auseinanderzusetzen. Bislang weiß
man, dass Menschen mit Anendophasie Schwierigkeiten beim Erkennen von
Reimen haben können, und auch beim Merken und Erkennen von Wörtern tun
sie sich manchmal schwer. Ansonsten ist die Eigenschaft aber nur wenig
alltagseinschränkend und zählt laut Kognitionsforschung als eine Art der
kognitiven Organisation und nicht als Defizit.
Entweder, oder?
Aber ist man jetzt entweder visueller oder verbaler Denker?
Fernab von visuellen und verbalen Denkern
gibt es noch verschiedenste andere Denkmuster, die wir teilweise auch
alle miteinander kombinieren. Manche Menschen denken weniger in Bild und
Text, sondern in emotionalen körperlichen Reaktionen wie Gefühlen.
Ca. 20 Prozent der Menschen erfahren solche emotionalen Gedanken [1].
Wenn beispielsweise vor einer wichtigen Präsentation der Laptop kaputt
geht, sind die Gedanken im Kopf geflutet mit Panik und Stress, bevor
später die innere Stimme einsetzt und versucht zu analysieren, wie es
dazu kam. Beim Denken an einen Apfel könnte der leckere Geschmack des
Apfels in den Sinn kommen, oder die Textur, wenn man in ihn hineinbeißt.
Trotzdem scheinen die meisten von uns eine
vorherrschende Denkweise zu haben [13], schlussendlich haben wir aber
oft ein bisschen von allem: Viele können sich sowohl bildlich einen
Apfel vorstellen und zugleich eine innere Stimme haben, die den Apfel
beschreibt.
Die Systeme von visuellem und verbalem
Denken sind relativ unabhängig voneinander, dies bedeutet, dass man
nicht automatisch gut im visuellen Vorstellen ist, wenn man eher weniger
verbale Denkmuster hat [11]. Am Ende ist unser Gehirn meistens sehr gut
darin, die verschiedenen Denkmuster zu verbinden und je nach Situation
das Effektivste abzurufen!
Falls euch weiterhin interessiert, ob eigentlich die Künstliche Intelligenz denken kann, dann schaut gerne hier vorbei: KI - die Illusion des Denkens.
Fazit
Die verschiedenen Typen von Denkern
zeigen, wie unterschiedlich Menschen in ihrem Innersten klingen und wie
sie mit Informationen umgehen. Es gibt nicht die eine Weise, die am
besten ist. Es kommt darauf an, wie man am besten mit seinen eigenen
Denkmustern umgeht und in welcher Situation welcher Denktyp am ehesten
passt.
Zu verstehen, welche Denkmuster am ehesten
auf einen zutreffen, ist nicht nur einfach eine lustige Selbstanalyse.
Es kann praktische Anwendung finden, zum Beispiel, um seine
Lernmethoden, Probemlöse-Fähigkeiten und Kommunikation zu Mitmenschen zu
verbessern. Die verschiedenen Arten, zu denken, sind weder eine
Superpower, noch ein Handicap – es sind einfach Tendenzen zu denken auf
einem großen Spektrum, mit ihren persönlichen Vor- und Nachteilen, und
die meisten befinden sich irgendwo in der Mitte.
Also: Apfel ist nicht gleich Apfel, und
genau so unterschiedlich, wie wir Menschen denken, so unterschiedlich
sind wir auch als Personen!
Quellen
[1] SciShow, Why Some People Don’t Have an Inner Monologue, (Jul. 22, 2020). Accessed: May 07, 2026. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=DRLkDafQbP8
[2] D. Wright et al., ‘An international estimate of the prevalence of differing visual imagery abilities’, Front. Psychol., vol. 15, pp. 1–12, Oct. 2024, doi: 10.3389/fpsyg.2024.1454107.
[3] A. Network, ‘Hyperphantasia:
When Your Mind’s Eye Is Extraordinarily Vivid’, Aphantasia Network.
Accessed: May 11, 2026. [Online]. Available:
https://aphantasia.com/what-is-hyperphantasia
[4] A. Zeman et al., ‘Phantasia–The psychological significance of lifelong visual imagery vividness extremes’, Cortex, vol. 130, pp. 426–440, Sep. 2020, doi: 10.1016/j.cortex.2020.04.003.
[5] C. J. Dance, A. Ipser, and J. Simner, ‘The prevalence of aphantasia (imagery weakness) in the general population’, Conscious. Cogn., vol. 97, p. 103243, Jan. 2022, doi: 10.1016/j.concog.2021.103243.
[6] L. Maddox, ‘Aphantasia: what
it’s like to live with no mind’s eye’, BBC Science Focus Magazine.
Accessed: May 11, 2026. [Online]. Available:
https://www.sciencefocus.com/the-human-body/aphantasia-life-with-no-minds-eye
[7] J. Pearson, ‘The human imagination: the cognitive neuroscience of visual mental imagery’, Nat. Rev. Neurosci., vol. 20, no. 10, pp. 624–634, Oct. 2019, doi: 10.1038/s41583-019-0202-9.
[8] J. Liu et al., ‘Visual mental imagery in typical imagers and in aphantasia: A millimeter-scale 7-T fMRI study’, Cortex J. Devoted Study Nerv. Syst. Behav., vol. 185, pp. 113–132, Apr. 2025, doi: 10.1016/j.cortex.2025.01.013.
[9] Voided Thoughts, How Different Are Our Inner Monologues?, (Dec. 13, 2025). Accessed: May 24, 2026. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=_pZDgL6QMN0
[10] K. Killian, ‘How Inner
Monologues Work, and Who Has Them | Psychology Today’. Accessed: May 12,
2026. [Online]. Available:
https://www.psychologytoday.com/us/blog/intersections/202304/inner-monologues-what-are-they-and-whos-having-them
[11] B. Alderson-Day and C.
Fernyhough, ‘Inner Speech: Development, Cognitive Functions,
Phenomenology, and Neurobiology’, Psychol. Bull., vol. 141, no. 5, pp. 931–965, Sep. 2015, doi: 10.1037/bul0000021.
[13] dmerven, ‘Was ist visuelles
Denken? Und warum ist es nützlich? | MindManager Blog’, MindManager Blog
DE. Accessed: May 07, 2026. [Online]. Available:
https://blog.mindmanager.com/de/was-ist-visuelles-denken-und-warum-ist-es-nutzlich/
Nota. - Anschauung und Vorstellung.
Die lebendige Anschauung möge vollständig sein: ein Ganzes Bild sowohl als alle seine Details. Doch davon ist in Obigem gar nicht die Rede - sondern von dem aus der Erinnerung replizierte Abbild. Das ist nicht mehr Anschauung, sondern schon Vorstellung; ein Bild, in dem das Wesentliche von dem zufällig-Nebensächlichen bereits geschieden wurde. Das ist das Produkt einer Reflexion, die das als wesent-lich für-'wahr'-Genommene bestimmt hat.
Nicht jede Vorstellung ist ein erinnertes Nachbild. Die Einbildungskraft schafft, wenn man sie lässt, Bilder, die nicht reproduziert, sondern frei entworfen wurden. Die sind das eo ipso Wesentliche. Das Urteil, was wesentlich ist, ist a priori gefallen; alles zufällig-Nebensächliche müsste erst noch hinzugefügt werden; bei dem erin-nerten Bild muss das Urteil erst nachträglich eingetragen werden.
In beiden Fällen hat das Denken i. e. S. schon stattgefunden. So erst konnten 'visu-elle' von 'verbalen' Denkern unterschieden werden: nicht nach Mehr oder Weniger, sondern danach, an welchem Punkt die Reflexion in den Wahrnehmungsakt hin-eingetreten ist. JE