Inntel-Hotel Amsterdam aus Ebmeiers Einblick
aus Süddeutsche.de, 30. 3. 2022 "Die
Vielheit unter einem Gemeinsamen denken, das kein Absolutes sein kann."
Die Krise des Absoluten
Verkannter Knotenpunkt
Daniel-Pascal Zorn rettet die philosophische Postmoderne.
Von Christoph Möllers
Bei
einem Gespräch über die Zukunft der Demokratie im Schloss Bellevue
beklagten sich vor Kurzem gleich mehrere Rednerinnen und Redner
angesichts des Grassierens politischer Falschmeldungen über die
herrschende "postmoderne Beliebigkeit". Nun mag man über Beliebigkeit
lamentieren, doch was an dieser genau "postmodern" ist, bleibt die
Frage. Die Vorstellung, den einst wahrheitsliebenden westlichen
Gesellschaften sei durch eine kleine Schar französischer Denker der
Relativismus eingeflößt und der Drang nach faktischer Richtigkeit
ausgetrieben worden, wird ja eigentlich in der Sekunde abwegig, in der
man sie ausspricht. Trotzdem findet sie weiterhin Anklang.
Der
Philosoph Daniel-Pascal Zorn hat dieser schlichten Geschichte nun auf
mehr als 600 Seiten eine gewaltige und komplexe Gegenerzählung gewidmet.
Anhand einer kollektiven intellektuellen Biografie von acht Philosophen
zeichnet er die Denkbewegung eines unübersichtlichen und vielfältigen
intellektuellen Projekts nach, das weniger eine geschlossene Schule
darstellt als einen repräsentativen Knotenpunkt im Denken unserer Zeit.
Daniel-Pascal
Zorn: Die Krise des Absoluten - Was die Postmoderne hätte sein können.
Klett-Cotta, Stuttgart 2022. 648 Seiten, 38 Euro.
Die philosophische Postmoderne wird damit zu einem tief in die Geschichte der Philosophie eingebetteten Unternehmen
Unter
den dargestellten Autoren findet sich zunächst die klassische
vierköpfige Kernmannschaft der französischen Philosophie der Siebziger
und Achtziger: Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Michel Foucault und
Jean-François Lyotard. Ergänzt werden diese - und hierin liegt ein Clou
des Buches - durch vier weitere Denker: zwei deutsche Philosophen einer
früheren Generation, Theodor W. Adorno und Joachim Ritter, dazu dem
Kybernetiker Heinz von Foerster und den amerikanischen Neo-Pragmatisten
Richard Rorty.
Die
Spuren, die Zorn in seinem Buch legt, führen dabei weit in die
Philosophiegeschichte zurück, sie verästeln sich nicht allein in den mal
intellektuellen, mal realen Begegnungen der Protagonisten miteinander,
sondern beziehen ein riesiges Nebenpersonal ein, Lehrer, Lehrer von
Lehrern, intellektuelle Milchbrüder- und schwestern, Förderer und
mitunter Begleitfiguren von außerhalb der Philosophie. Die Länge der
Liste der dramatis personae, die dem Buch leider ebenso fehlt wie ein
Personen- oder Sachregister, kann mit jedem russischen Roman
konkurrieren: Wer war noch gleich Jean Cavaillès? Es lohnt sich,
ihn kennenzulernen.
Derart
wird die philosophische Postmoderne zu einem tief in die Geschichte der
Philosophie eingebetteten Unternehmen der Suche nach einem Begriff des
Absoluten, das sich nicht, wie Habermas wirkmächtig behauptete, schlicht
als Antithese zu aufklärerischer Rationalität verstehen lässt. Wie Zorn
deutlich macht, erweisen sich nicht nur Nietzsche und Heidegger als
Vordenker der Postmodernisten, sondern auch der Empirist Hume, der
Neukantianer Cassirer oder der Analytiker Quine.Das
Bild, das so entsteht, ist abschreckend kompliziert. Weil das Buch
nicht streng chronologisch vorgeht, sondern sich mit vielen Rück- und
Seitenschritten von den Anfängen der Protagonisten mal in deren näheren
und weiteren Vorgeschichten, im Ganzen dann aber doch wieder von hinten
in die Gegenwart vorarbeitet, ist die Lektüre auch dann anspruchsvoll,
wenn man versucht, den Faden des verlorenen Absoluten im Kopf zu
behalten. Denn, wie Zorn schön formuliert, startet die Krise des
Absoluten mit jeder Figur neu, in die sich das Absolute zurückzieht.
Geordnet
sind die Abschnitte und Unterabschnitte nach bestimmten Problemen,
deren Darstellung durch Schnitte unterbrochen wird, die sich erst bei
weiterer Lektüre durch Rückverweise erklären. Man vertraut dem Autor,
dass er über den Aufbau des Buchs lange nachgedacht hat, ist sich aber
nicht immer sicher, diesen nachvollziehen zu können. Dabei werden
Argumente in der Sache vorbildlich klar und lesbar entwickelt. Es bleibt
kein anderer Weg als die langsame, konzentrierte und lineare Lektüre
eines Buches, das man sich als Netz- und Verweisstruktur hätte denken
können. Diese wird nicht dadurch erleichtert, dass die Überschriften der
Abschnitte und Unterabschnitte eigentlich gar keinen Hinweis auf ihren
Inhalt geben. Im Abschnitt "Hügel 937" geht es übrigens um den
Studentenaufstand 1970 in Paris Nanterre.
Die Postmodernisten sind hier Helden eines Denkens, das frei ist, ohne seine genuin intellektuelle Rigorosität aufzugeben
Zorn
bezieht die politischen Umstände der Debatten mit ein, konzentriert
sich aber zumeist auf die eigentlichen Argumente. Das Konzept der
"Dekonstruktion" auf zwei Seiten auch aus seiner philosophischen
Herkunft zu erklären, setzt eine intellektuelle Fähigkeit voraus, die
sich im Buch an unzähligen Stellen zeigt. Dass die Philosophie hier
nicht als ein Nebeneinander großer Systeme erscheint, sondern als ein
Gegeneinander argumentativer Elemente, ist natürlich kein Zufall - aber
es wäre eben ein Fehler, das als "typisch postmodern" zu klassifizieren.
Wie Zorn lakonisch bemerkt: "Die philosophische Postmoderne ist, so
verstanden, einfach Philosophie."
Die
konsequente Verschiebung bekannter Frontlinien wird damit zu einer der
wichtigen Einsichten von Zorn. Der "Kontinent der Postmoderne" ist nicht
rein europäisch, er steht in keinem Gegensatz zum amerikanischen, er
richtet sich auch nicht gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisformen
oder analytische Zugänge. Und die intellektuellen Begegnungen zwischen
Adorno und Ryle, Deleuze und Hume oder die Parallelen zwischen
Genealogiekonzepten bei Foucault und Koselleck, die Zorn uns vorstellt,
schließen es aus, die Postmoderne von der restlichen Geschichte der
Philosophie zu isolieren.
Der
etwas rätselhafte Untertitel des Buchs "Was die Postmoderne hätte sein
können", wird zu Beginn kaum erklärt und erst ganz am Ende wirklich
verständlich. Hier erst kommt die Zuneigung zutage, mit der sich Zorn
wie mit anderen Wertungen auch ansonsten angenehm zurückhält. Für ihn
sind die Postmodernisten Helden eines Denkens, das frei ist, ohne seine
genuin intellektuelle Rigorosität aufzugeben, ein Denken, das - nicht
zufällig auch in den Schuhen des amerikanischen Pragmatismus stehend -
den Weg für eine philosophische Praxis frei machen will, in der durch
freie Gedanken freie Institutionen entstehen, die sich nicht der
Beliebigkeit eines anspruchslosen Pluralismus verschreiben: "Der Schritt
von der Pluralität zum - bequemeren - Relativismus ist klein. Er
besteht darin, das Unternehmen aufzugeben, die Vielheit unter einem
Gemeinsamen zu denken, das kein Absolutes sein kann."
Fehlt uns die Geduld, uns mit der Komplexität dieser Entwürfe wirklich zu beschäftigen?
Die
Utopie eines solchen Denkens, dessen Verwirklichungsmöglichkeiten Ende
der Sechziger und Anfang der Siebziger kurz aufblitzen, wird in Zorns
vielleicht etwas kulturpessimistischer Lesart durch die kapitalistische
Wende der Achtziger unmöglich gemacht. Sie endet also in dem Moment, in
dem der Ausdruck "Postmodernität" überhaupt erst in einen breiteren
Gebrauch kommt. Dass die Postmodernisten, wenn man Zorn folgt, Opfer
einer durch den Kapitalismus geschaffenen Aufmerksamkeitsökonomie
wurden, in der es an Geduld fehlt, sich mit der Komplexität ihrer
Entwürfe zu beschäftigen, und in der stattdessen preiswerte
Moralisierung nachgefragt wird, erscheint aber zumindest
leicht undialektisch.
Denn es dürfte nicht zuletzt der
Popstar-Status von Figuren wie Derrida und Foucault sein, der dazu
geführt hat, dass sie von vielen ernsthaft und gründlich gelesen wurden.
Wie es überhaupt etwas seltsam anmutet, einer Gruppe so ausnehmend
erfolgreicher Autoren den Status einer verkannten Kleinsekte zuzuweisen.
Wenn Zorns Buch hoffentlich viele Leserinnen findet, dann auch, weil
die Philosophen, über die er schreibt, viele Leserinnen gefunden haben.
Dies wünscht man ihm auch deswegen, weil es wahrscheinlich keine
Disziplin gibt, in der es größeren Muts bedarf, ein solches Buch
zu schreiben.
Heute
scheint die Philosophie in großer Sorge um ihren wissenschaftlichen
Status zu sein, obwohl sie doch gerade die Bedeutung dieses Status
infrage stellen sollte. Auch deswegen hat sie zu öffentlichen Debatten
bemerkenswert wenig beizutragen. Dass Zorn sich um intelligente
Vereinfachung bemüht, die im Ergebnis immer noch nicht "einfach" genannt
werden kann, um das Anliegen der Philosophie zu erklären, wird sie ihm
hoffentlich nicht übelnehmen, sondern danken.
Nota. -
Die postmodernen Denker hätten bis 1780 in der Welt auftreten dürfen.
Ab 1781 nicht mehr. Da ist die Kritik der reinen Vernunft erschienen.
Seither sind sie veraltet, bloß wissen die Franzosen davon bis heute
nichts.
Ein
Real-Absolutes ist seit Kant so etwas wie ein schwarzer Schimmel. Das
war am Vorabend der Revolution - der französischen. Die hat, ein Jahr,
nachdem sie auf ihrem Höhepunkt den Kult der Vernunft gefeiert hat, dem
Höchsten Wesen gehul-digt. Da gings schon längst mit ihr bergab.
Die Romantik, die wie die Transzendentalphilosophie ihr deutsches Echo
gewesen ist, hielt der Rückkehr des Absoluten in Politik und Philosophie
nicht lange stand, die eine verblühte zum Biedermeier, die andere zu
Deutschem Idealismus. Immer wieder gab es danach Versuche, zur Stunde
Null - Revolution, Romantik, Transzen-dentalphilosophie -
zurückzukehren. Deren Hardware ruht inzwischen auf dem Müllberg der
Geschichte. So müsste die Software nun umso dringlicher auch für sie
eintreten.
Mit
andern Worten, den wahren Knotenpunkt verkennt auch Christoph Mölders.
Die Vielheit ist nicht unter einem Gemeinsamen zu denken, das
allerdings ein reales sein müsste, aber nicht kann; sondern aus einem Ursprung zu denken: der Einbil-dungskraft, denn der Gegenstand ist an sich ununterschieden und kennt keine Vielheit.
JE 31. 3. 22