zu Philosophierungen
Das Werk Heideggers war Lebensphilosophie bis zum Exzess - und den hat er bekanntlich nicht gescheut. Sie ist schrill positiv und der Kritik nicht ge-
wachsen, weil sie Gründe nicht prüft, sondern schlicht behauptet.
Die praktische Philosophie beginnt da, wo die theoretische nicht weiterkann
Gedanklich endet meine Wendeltreppe
bei den Ergebnissen der ‘kritischen’ alias Transzendentalphilosophie.
Das wurde beanstandet, denn danach hat die Zahl der philosophischen
Bücher wohl noch um ein Vielfaches zugenommen…
Ich
wollte aber keinen kurzen Lehrgang durch die Geschichte der Philosophie
schreiben, sondern ein Einführung ins Philosophieren selbst. Ich
meine im Ernst, dass der theoretischen Philosophie seit den Tagen der
Transzendentalphilosophen substanziell nicht mehr viel hinzugefügt
wurde. Wo es theoretischen Erkenntnis-gewinn gab, handelte es sich
weitgehend um die – philologische – Klärung von Missverständnissen. Wo
die ‚Phänomenologie’ – Husserl und, in seinem Gefolge, Heidegger – zu
brauchbaren Resultaten kommt, bestätigt sie doch immer nur, in weniger
deutlichen Begriffen, die Ergebnisse der ‚kritischen’ alias
Transzenden-talphilosophie. Ich bin so kühn, mutatis mutandis dasselbe
über die ‚sprachanaly-tisch’-pragmatische Schule unserer Tage zu
behaupten.
Der
Umkreis der philosophischen Themen ist im großen Ganzen abgesteckt.
In-nerhalb des Kreises mag das Feld immer und immer wieder neu bearbeitet
und mö-gen den Themen immer wieder neue ‘Seiten’ abgewonnen oder das
Gewonnene aus anderer Perspektive neu bestätigt werden. Tatsächlich ist
die Philosophie seither so verfahren; soweit sie nämlich theoretisch und
wissenschaftlich ist.
Doch
hat sich seit dem 19. Jahrhundert, nämlich seit Schopenhauer und
Kierke-gaard eine Variante der Philosophie ausgebildet, die ausdrücklich
nicht theoretisch und auch nicht wissenschaftlich sein will, die Lebensphilosophie. Ihren bislang wort- und gedankenmächtigsten Vertreter hat sie in Nietzsche gefunden. Ihr Ehr-geiz ist es, die Frage nach dem Sinn des Lebens unmittelbar
und positiv aufzuwer-fen und nicht länger über den Umweg metaphysischer
Begriffsakrobatik. Philoso-phie soll praktische Lebenshilfe geben (und
womöglich politisch wirksam werden). Damit ist sie im öffentlichen Leben
so erfolgreich gewesen, dass sie im landläufigen Verständnis den
Begriff der Philosophie ganz für sich vereinnahmt und die
wissens-chaftliche Philosophie in die akademische Ecke gedrängt hat.*
Ihr
Publikumserfolg ist verständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens
stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal
weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils
an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit
nennen. Nichts steht ihm freier als das. Es fragt sich nur, ob sich
daraus eine positive Lehre entwickeln lässt, die der eine dem andern mit
einem Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit vortragen darf.
*
Die
Frage nach dem Sinn (des Lebens in) der Welt war der Urheber der
Philosophie – und, durch sie, der Wissenschaft (die eine spezifisch
abendländische Erscheinung ist). Das war der Ausgangspunkt und war der
Schlusspunkt meiner “Wendeltreppe”. Die ständige metaphysische
Versuchung unseres Verstandes – das, was Kant den “dialektischen Schein”
genannt hat – ist es, in der Erkenntnis des Seienden einen Hinweis auf
unser Sollen, auf die ‘rechte Lebensführung’ zu suchen. Wenn
der Ein-zelne Bestandteil eines sinnhaft geordneten Kosmos ist, dann
liegt es nahe, dem Teil dasselbe Ordnungsprinzip zu zu weisen wie dem
Ganzen. ‘Was der Mensch soll’ ließe sich geradlinig aus dem, ‘wie die
Welt beschaffen ist’, herauslesen.

Doch die Erkenntnis des Seienden ist zirkulär und führt nirgends hin: ‘Die
Natur’ antwortet uns ja immer nur auf die Fragen, die wir ihr stellen –
und auch das nur unter Stöhnen und Seufzen. ‘Der Naturwissenschaftler
beobachtet keines Wegs ‚die Natur’ so lange, bis sie ihm von allein ein
Lied singt. Vielmehr reißt er aus der Na-tur vorsätzlich ein winziges
Stück heraus, zwingt es in die Folterkammer seines La-bors
und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit
Ja oder Nein antwortet.’ Den „Sinn“ der Sachen – das, „worum es [uns] eigentlich
geht“ – haben wir, als Frage, immer schon selber mitgebracht, und wenn
wir ihn hernach ‚an’ den Sachen wieder erkennen, dann ist es nur der
Schatten unserer „apriori-schen“ Absicht. ‚Die Natur’ kann uns nicht
einmal sagen, wer oder was sie ‚ist’. Noch weniger kann sie wissen, was wir in einer Welt ‚sollen’, die längst mehr ge-worden ist als bloß Natur.
Die Kritik an diesem Irrtum ist dasjenige, was an der Philosophie wissenschaftlich ist.
Oder
anders, wissenschaftlich ist die Philosophie nur als Kritik. Wenn ich
sage, man kann leben, ohne zu philosophieren, dann heißt das: Man kann
leben, ohne Wissen-schaft zu treiben. Um das Wort Philosophie
– und wer es alles für sich in Anspruch nehmen darf – muss man sich
nicht streiten. Auch die Philosophischen Lebensbera-tungs-Dienste unserer
Tage dürfen sich so nennen, gesetzlich geschützt ist das Wa-renzeichen
nicht. Aber ich bestehe auf einer scharfen Unterscheidung zwischen
kri-tischer, wissenschaftlicher Philosophie und landläufiger
Lebensweisheit.
Das ist eine politische Erfordernis.
Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein
Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer
auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich
sind. Dies ist ihr historischer Sinn. Das Aufkommen der Wissenschaften
im Abendland des sieb-zehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das
politische Weltereignis. Herrschaft kon-nte von nun an gemessen werden an
dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine
repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische
Ord-nung überhaupt denkbar. Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von
der Wissen-schaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die
‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’
sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der
Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst
scharf zu ziehen.

Der
einzig begründete Ausgangspunkt der praktischen Philosophie ist ein
negativer: dass die theoretische Philosophie – nach den Ergebnissen der
‚Kritik’ – im Sein kei-nen Sinn nachweisen kann. Der
Sinn ist das, was – nicht durch Notwendigkeit vor-gegeben ist, sondern: –
‚durch Freiheit möglich’ wäre. Sinn kann man nicht finden, sondern muss
man erfinden.
Ist er also beliebig?
Na
ja. Jedenfalls nicht in dem ‚Sinn’, dass erlaubt ist, was einem grade
‚in den Sinn kommt’. Denn was aus Freiheit geschah, lässt sich zwar
nicht ‚begründen’, nämlich aus theoretischen Einsichten herleiten; aber man wird es rechtfertigen
müssen, nämlich vor mir selber und dann vor all denen, denen ich
ihrerseits Freiheit zumute und denen ich über den Weg laufe. Dann wird
man sehen…
Mit andern Worten: Würde ich nicht in einer Welt leben, die ich ‚in Freiheit’ mit Andern teile, bräuchte ich keine praktische Philosophie und keinen ‚Sinn des Le-bens’. Ich lebte vor mich hin, und damit gut.
*
Zwar
kann die Wissenschaft (mit jedem Tag genauer) sagen, ‘was ist’. Denn
das ist die theoretische Frage, die in ihr Ressort fällt. Aber was wer soll, ist
eine praktische Frage, die nicht nach wahr oder falsch, sondern nach
gut oder schlecht zu entschei-den ist. Und die fällt eben nicht in ihr Ressort: Denn gegenüber den Fragen des praktischen Lebens verhält sie sich, da sie theoretisch ist, rein kritisch: indem sie sagt, was nicht
ist. Die Frage, wie und wohin ich mein Leben führe, ist eine prak-tische
Frage; und eine private. Die Wissenschaft kann mir sagen, ob es good vibra-tions gibt, auf die ich rechnen darf, oder nicht; danach muss ich selber entscheiden.
Die
Frage, wohin die Staaten und die Gesellschaften steuern, ist
öffentlich, aber sie ist nur in Grenzen theoretisch. Denn Antwort hängt
von denen ab, die sie stellen, und die sind Handelnde, bevor sie wissenschaftlich Erkennende sind; darum läuft die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer hinter-her und bringt es allenfalls zur self-fulfilling prophecy**. Und dabei ist die Frage, wohin sie steuern sollen ,
noch nicht einmal angeschnitten. Könnten die Gesell-schaftswissenschaften wirklich voraussagen: Wenn ihr dies tut,
geschieht das, und wenn ihr jenes tut, dann geschieht jenes – dann
müsste die Frage, ob wir ‘das’ oder lieber ’jenes’ wollen, immer noch praktisch entschieden
werden; ‘aus Freiheit’, wie Kant das nennt. So gibt es ein
unmittelbares politische Interesse daran, dass sich die Wissenschaften
ihrer Grenzen jederzeit klar bewusst bleiben; Hirnforschung incl.
*

Lebensweisheit ist dagegen eine Privat-angelegenheit und gehört in “meine Welt”,
wenn ich so sagen darf. Erstens geht sie nur mich selber an. Wenn ich
zweitens darüber hinaus einen Drang spüre, meine Anschauungen (!) andern
mitzuteilen, dann stehen mir dazu die Mittel der nicht-diskursiven
Mitteilung zu Gebot; die Mittel der Kunst nämlich. Philosophie könne man
eigentlich nur noch dichten, meinte Wittgenstein...
Die
Kritik führt bis zu diesem Punkt: Damit überhaupt etwas gelten kann,
muss ein Absolutum gelten. Aber wir (die Wissenschaften) können euch nicht bis dort hin führen. Begründen können wir das Absolute nicht. Wenn
wir an jener Stelle sind, müsst ihr selber springen – auf eigne Faust;
und mögt euch hinterher rechtfertigen. Nämlich vor euch selber und
denen, die in euerm Privatleben sonst noch vorkommen.
Wer
künstlerische Berufung fühlt, der trete vors große Publikum. Der Kritik
ist er dort freilich nicht entzogen, ganz im Gegenteil. Nur ist es
jetzt die Kunstkritik – die umso unerbittlicher ist, als sie selber Teil
des kritisierten Gegenstandes ist. Die Kunst hat sich im Laufe der
Neuzeit wie die Wissenschaft zu einer gesellschaftli-chen Instanz
entwickelt, und die Kritik ist deren Teil. Wissenschaftlich ist sie
nicht, sondern ästhetisch. Sie kann nicht (logisch) demonstrieren,
sondern nur (anschau-lich) zeigen. Sie kann – wie die Kunst selber – Beifall heischen, aber kein Einver-ständnis erzwingen, wie die Wissenschaft.
*
Das gilt im selben Maß von den praktischen Staats- und Gesellschaftslehren. Die wissenschaftliche Kritik
kann ihnen ihre Grenzen zeigen – und dass sie nicht Fleisch von ihrem
Fleisch sind. Sie selber haben sich der Öffentlichkeit möglichst anschaulich darzustellen.
Sie fordern zu Wertentscheidungen heraus, und die sind – in weitestem
Sinn – ein ästhetischer Akt. Doch das Ästhetische liegt nicht jenseits
der Vernunft, sondern diesseits. Es liegt ihr zu Grunde.
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*) In derselben Zeit beobachten wir in der Kunst die Scheidung zwischen dem ernsten und dem unterhaltenden Genre. Crossover ist auch da eine ständige Versuchung.
**)
In einer UFA-Komödie sagt Grete Weiser: “Wie soll ich wissen, was ich
meine, bevor ich höre, was ich sage?” So geht es ‘der Gesellschaft’,
wenn sie sich nach den Zielen ihres Handelns fragt. Wie können wir
wissen, was wir wollen, bevor wir sehen, was wir tun?
im Februar 2009