aus derStandard.at, 7. Juni 2026 Eine Hummel hat sich einen
Kunststoffball hergerollt, um mit
ihrem Rüssel an Futter zu gelangen. zuJochen Ebmeiers Realien
Kleines Hirn, große Leistung
Hummeln stellen Wissen über Intelligenz bei Insekten auf den Kopf
Eine neue Studie
zeigt, dass die dicken Brummer zielgerichtet im Voraus planen können–
was bisher nur bei höherentwickelten Tieren und dem Menschen denkbar
schien
von Klaus Taschwer
Wer schon einmal vor einer hohen Bücherwand stand, kennt das Problem:
Das gewünschte Buch ist sichtbar, aber außer Reichweite. Die mehr oder
weniger triviale Lösung besteht darin, ein Hilfsmittel zu besorgen –
etwa einen Stuhl oder eine Leiter. Dieser scheinbar banale Vorgang setzt
freilich eine nicht unbeträchtliche geistige Leistung voraus: Das
Gehirn muss das Ziel erkennen, eine zukünftige Handlung antizipieren und
mehrere Schritte im Voraus planen.
Genau eine solche Fähigkeit haben finnische Forschende um Olli Loukola (Universität Oulu) nun erstmals bei Hummeln nachgewiesen. In einer Studie, die am Donnerstag im Fachblatt Science veröffentlicht
wurde, zeigen die Tiere Verhaltensweisen, die auf eine Form von
Vorausplanung hindeuten. Damit wäre erstmals dokumentiert, dass ein
Insekt zielgerichtet auf ein zukünftiges Problem hinarbeitet, anstatt
lediglich auf unmittelbare Reize zu reagieren. Die Ergebnisse könnten
weitreichende Folgen für das Verständnis tierischer Intelligenz haben.
Herausforderndes Experiment
Das
Forschungsteam mit Erstautor und Dissertant Akshaye Bhambore (ebenfalls
Uni Oulu) entwickelte eine Versuchsanordnung, die Hummeln vor eine
ungewöhnliche Herausforderung stellte. Die Tiere sollten eine Belohnung
erreichen, die sich auf einer erhöhten Plattform befand. Direkt dorthin
gelangen konnten sie jedoch nicht. Um das Ziel zu erreichen, mussten die
Hummeln zunächst ein Objekt finden und an die richtige Stelle bewegen.
Erst dadurch entstand eine Erhöhung, die ihnen den Zugang zur Belohnung
ermöglichte.
Entscheidend war dabei, dass die Tiere nicht einfach auf ein
bekanntes Signal reagierten. Die finnischen Forschenden erschwerten die
Aufgabe schrittweise, indem sie den direkten Blick auf die Belohnung
einschränkten. Die Hummeln konnten also nicht permanent sehen, worauf
sie hinarbeiteten. Dennoch bewegten sie die notwendigen Hilfsmittel
gezielt an den richtigen Ort und lösten anschließend das Problem. Nach
Ansicht des Teams spricht dies dafür, dass die Tiere eine mentale
Repräsentation des Ziels aufrechterhalten konnten und ihr Verhalten
entsprechend planten.
Mehr als nur Lernen
In der
Verhaltensforschung gilt die Frage nach Planung als besonders
anspruchsvoll. Viele Tiere können komplexe Aufgaben bewältigen, wenn sie
diese durch Versuch und Irrtum gelernt haben. Vorausplanung geht jedoch
einen Schritt weiter: Sie setzt voraus, dass ein Organismus eine
zukünftige Situation berücksichtigt und sein aktuelles Verhalten daran
ausrichtet.
Bei Menschen gilt diese Fähigkeit als grundlegender Bestandteil
intelligenter Problemlösung. Auch bei einigen Primaten, Rabenvögeln und
bestimmten Säugetieren wurden Hinweise darauf gefunden. Für Insekten
schien eine solche Leistung lange Zeit unwahrscheinlich. Ihr
Nervensystem ist im Vergleich zu jenem von Wirbeltieren äußerst klein.
Das Gehirn einer Hummel umfasst weniger als eine Million Nervenzellen –
ein winziger Bruchteil der rund 86 Milliarden Nervenzellen des
menschlichen Gehirns.
Clevere Hummeln
Bereits in den
vergangenen Jahren haben Studien, insbesondere der finnischen
Forschenden, gezeigt, dass Hummeln erstaunlich lernfähig sind. Sie
können Farben unterscheiden, komplexe Suchstrategien entwickeln und
sogar voneinander lernen. Besonders bekannt wurden Experimente, bei
denen Hummeln an einer Schnur ziehen mussten, um an Nahrung zu gelangen.
Die Tiere konnten diese Aufgabe nicht nur erlernen, sondern auch durch
Beobachtung ihrer Artgenossen übernehmen.
Die neue Untersuchung geht jedoch über solche Lernleistungen hinaus.
Statt eine bekannte Technik anzuwenden, mussten die Hummeln mehrere
Handlungsschritte koordinieren und dabei ein Ziel verfolgen, das
zeitweise nicht sichtbar war. Olli Loukola, Akshaye Bhambore und ihr
Team sprechen daher von der ersten überzeugenden Demonstration
zielgerichteter Problemlösung dieser Art bei einem Insekt.
Weitreichende Konsequenzen
Die
Studie wirft grundlegende Fragen über die Entstehung von Intelligenz
auf. Lange Zeit dominierten Vorstellungen, wonach komplexe kognitive
Fähigkeiten große Gehirne voraussetzen. Die Ergebnisse deuten nun darauf
hin, dass zumindest einige geistige Leistungen auch mit deutlich
einfacheren neuronalen Strukturen möglich sind. Das bedeutet nicht, dass
Hummeln denken wie Menschen. Auch von Bewusstsein oder abstraktem
Denken kann aus den Experimenten nicht direkt geschlossen werden.
Dennoch zeigen die Tiere offenbar Fähigkeiten, die bislang nur wenigen
Tiergruppen zugeschrieben wurden.
Für die Forschung eröffnet sich damit ein neues Feld. Wenn Insekten
mit vergleichsweise geringem neuronalen Aufwand komplexe Probleme lösen
können, könnte dies auch für die Entwicklung künstlicher Intelligenz von
Interesse sein. Effiziente Problemlösungsstrategien müssen
möglicherweise nicht auf riesigen Netzwerken beruhen, sondern können
auch aus relativ einfachen Strukturen entstehen. Dass ein Tier mit einem
Gehirn von Stecknadelkopfgröße Aufgaben bewältigen kann, die ein
gewisses Maß an Zukunftsorientierung erfordern, stellt jedenfalls
grundlegende Annahmen über Intelligenz infrage.
Nota. - Der Begriff Intelligenz scheint immer weniger geeignet, einen Unterschied zwischen Mensch und Tier markieren zu können. Man sollte vielmehr von Denken in specie reden - und das bedeutetReflexion, nämlich Rückbeziehung eines Gemein-ten sowohl auf einen Gegenstand als auch auf 'mich', nämlich meine Absicht - derer ich mir ipso facto 'bewusst' werde.Ganz soweit ist die Hummel dann doch noch nicht. JE
Der Philosoph Tim Crane über Wikipedia, KI und Chatbot-Fehler
Wenn wir nicht
verstehen, wie Chatbots mit Fakten über Wahrheit und Wissen umgehen,
werden wir uns weiter in dem Netz aus Nichtwissen verwickeln, das die
KI-Unternehmen über uns ausspannen
von Tim Crane
Als Wikipedia das Internet eroberte, misstrauten viele Forscher:innen
und Intellektuelle der Online-Enzyklopädie zu Beginn. Wie in aller Welt
sollten die Beiträge der Schwarm-Intelligenz zu jedem nur denkbaren
Thema korrekt sein? Wikipedia schien verlässlich, wenn man sich über
Dinge informieren wollte, über die man kaum etwas wusste. Sobald man
jedoch Themen nachschlug, die das eigene Fachgebiet betrafen, machten
sich Fehler, Kuriositäten, Willkür und Ungenauigkeit bemerkbar. Fast so,
als würde man die Zeitung lesen. Grundsätzlich vertraue ich den
Print-Ausgaben seriöser Zeitungen, solange sie über Politik und das
Weltgeschehen berichten, aber jedes Mal, wenn ich einen Artikel über
etwas lese, womit ich mich auskenne – wie etwa Philosophie oder
Wissenschaft –, stoße ich auf kleine, aber ärgerliche Fehler
(erstaunlicherweise hat dies jedoch nie meine Meinung über die restliche
Berichterstattung in den Zeitungen beeinflusst).
Früher wies ich
meine Philosophiestudierenden an, Wikipedia-Einträge über Philosophie zu
meiden. Aber die Dinge ändern sich. Wikipedia hat sich immens
verbessert und wird stetig noch besser. Mittlerweile sage ich
Studierenden, dass Wikipedia für gewöhnlich eine zuverlässige Quelle
ist, doch sie müssten aufpassen, nicht Teile daraus "unabsichtlich" in
ihre Aufsätze zu übernehmen. Wikipedia ist heute eine der vielen
wundervollen, oft kostenfreien und großteils sorgfältig editierten
Onlinequellen, die Studierenden zur Verfügung stehen.
Wesentliche Unterschiede
Der
Siegeszug der generativen KI lenkt uns nun jedoch in eine andere
Richtung. Chatbots wie ChatGPT und Claude werden nicht nur zur
Texterstellung verwendet, sondern auch um das Internet zu durchforsten,
Fragen beantworten zu lassen und Informationen oder Fakten zu finden.
Googles Gemini zählt zu den beliebtesten KI-Chatbots und wird künftig
fix als KI-Assistent in die Google-Umgebung integriert sein. Eine
bedeutungsvolle neue Entwicklung besteht darin, dass jede Google-Suche
per Standardeinstellung nun auch eine "Übersicht mit KI" liefert.
Der Nobelpreisträger und Gründer von Google DeepMind, Sir Demis
Hassabis, sagte kürzlich in einem Interview, dass Large Language Models
(LLMs, die Sprachmodelle hinter den heute verbreiteten KI-Chatbots)
unter anderem deshalb so erfolgreich seien, weil "ihr Ausgangspunkt die
Gesamtheit menschlichen Wissens, all das, was wir ins Internet stellen"
sei. Diese Behauptung ist schlichtweg falsch, findet Tim Crane.
Dies erscheint zunächst unproblematisch – nutzen wir nicht
schließlich alle Google und Wikipedia, als wären sie ein und dasselbe,
und verlassen uns ohne Weiteres auf die Ergebnisse? Macht es einen
Unterschied, ob man etwas auf Wikipedia oder in Googles KI-Übersicht
nachliest? Ist das nicht im Prinzip dasselbe?
Meiner Ansicht nach besteht allerdings ein wesentlicher Unterschied,
der sich aus der grundlegenden Natur des Wissens ergibt. Wikipedia kann
zu Recht als Wissensspeicher bezeichnet werden, KI-Chatbots nicht.
Lassen Sie mich dies näher ausführen.
Der Nobelpreisträger und Gründer von Google DeepMind, Sir Demis
Hassabis, sagte kürzlich in einem Interview, dass Large Language Models
(LLMs, die Sprachmodelle hinter den heute verbreiteten KI-Chatbots)
unter anderem deshalb so erfolgreich seien, weil "ihr Ausgangspunkt die
Gesamtheit menschlichen Wissens, all das, was wir ins Internet stellen"
sei. Diese Behauptung spricht Bände. Oberflächlich betrachtet scheint
sie plausibel, wenn auch etwas übertrieben. Sie ist jedoch schlichtweg
falsch.
Dinge, die nicht stimmen
Beginnen
wir mit einem weit verbreiteten Phänomen: Fehlern. Es ist allgemein
bekannt, dass Chatbots Fehler machen. Genau genommen behaupten sie
Dinge, die nicht stimmen. Das haben wir wohl alle schon einmal
beobachtet, und auch die modernsten Modelle haben dieses Problem bislang
nicht in den Griff bekommen (so schreibt Google standardmäßig unter die
KI-Übersicht: „KI-Antworten können Fehler enthalten.“).
KI-Forscher:innen bezeichnen diese Fehler als Halluzinationen. Dazu
zählen das Erfinden von wissenschaftlichen Artikeln, Rechtstexten oder
Geschichten über real existierende Personen wie auch Rechen- und
Logikfehler.
Viele KI-Forscher:innen tun diese Halluzinationen als
Kinderkrankheiten ab; sie seien nichts weiter als kleine
Funktionsstörungen, die mit fortschreitender Entwicklung und anhaltendem
Training der Modelle verschwinden würden. Aus dem Blickwinkel der KI
selbst jedoch, das heißt in Hinblick auf ihr Entwicklungsziel, sind
Halluzinationen keine Funktionsstörung. Chatbots wurden mit dem Ziel
entwickelt, in grammatikalisch korrekten Sätzen auf einen Prompt zu
reagieren und dabei Inhalte, die zu diesem Prompt passen, zu
produzieren. Halluzinationen sind daher keine Funktionsstörung, weil die
Maschine genau das tut, wofür sie geschaffen wurde.
Die suggestive Bezeichnung "Halluzination" ist daher zutiefst
irreführend. Eine visuelle Halluzination liegt vor, wenn das optische
System Erfahrungen erzeugt, die die Realität völlig verzerrt darstellen:
Als Beispiele ließen sich hier drogeninduzierte Trips während eines
LSD-Rauschs oder, in tragischeren Fällen, Halluzinationen von Menschen,
die am Charles-Bonnet-Syndrom oder an Alkoholismus leiden, anführen.
Halluzinationen sind ein Versagen beziehungsweise eine Funktionsstörung
des optischen Systems. Es erfüllt seinen evolutionären Zweck, die Welt
visuell akkurat darzustellen, nicht. Die "Halluzinationen" von großen
Sprachmodellen haben damit nichts zu tun.
Wahres Wissen
Dass LLMs nicht darauf
ausgerichtet sind, Sachverhalte korrekt wiederzugeben, erklärt zudem,
warum es aus ihrer Sicht belanglos ist, dass nicht alle ihre
Trainingsdaten der Wahrheit entsprechen. Manches davon ist
missverständlich, unvollständig oder sogar bewusst irreführend. Für eine
Maschine, die auf die Ausgabe grammatikalisch korrekter Sätze
ausgerichtet ist, spielt das keine Rolle. Wenn LLMs jedoch Wissen
generieren sollen, ist es durchaus von Bedeutung.
Hassabis Behauptung, dass LLMs basierend auf der "Gesamtheit
menschlichen Wissens" trainiert werden, ist nicht nur deshalb
problematisch, weil das im Internet verfügbare Wissen unvollständig ist
und daher nicht die Gesamtheit des Wissens darstellt; noch
gravierender kommt zum Tragen, dass vieles von dem, was sich im Internet
findet, gar nicht als Wissen bezeichnet werden kann. Wissen muss
naturgemäß (man könnte auch sagen, definitionsgemäß) wahr sein. Wer
behauptet zu wissen, die Sonne drehe sich um die Erde, hat damit unrecht
und kann dies daher nicht wissen. Die Person mag annehmen, es zu
wissen, aber sie weiß es nicht. Und wer behauptet, die MMR-Impfung
verursache Autismus, hat unrecht und kann dies daher nicht wissen, egal
wie überzeugt die Person davon ist.
Manche mögen nun einwenden, es gebe unterschiedliches "Wissen" und
man solle sich nicht gegen alternative Sichtweisen stellen. Das ist aber
ein Missverständnis. Es steht außer Frage, dass Menschen
unterschiedliche und oft inkompatible Perspektiven haben, und wie wir
mit diesen umgehen, ist eine wichtige ethische und politische Frage.
Doch wenn diese Sichtweisen nicht korrekt sind, stellen sie kein Wissen
dar. Wissen gibt die Realität ausnahmslos wahrheitsgemäß und korrekt
wieder.
Drehen am Rad der Wissensgeschichte: Die zwei Cover der
2025er-Person of the Year-Ausgabe des "Time Magazine", die Jensen Huang,
Präsident und CEO von Nvidia; Elon Musk, xAI; Dario Amodei, CEO von
Anthropic; Lisa Su, CEO von AMD; Mark Zuckerberg, CEO von Meta; Demis
Hassabis, CEO von DeepMind Technologies; Fei-Fei Li, Co-Director des
Stanford University Human-Centered AI Instituts und CEO von World Labs;
sowie Sam Altman, CEO von Open AI, zeigen.
Man kann gar nicht genug betonen, wie wichtig dieser Punkt ist. Das
Konzept von Wissen ist in allen menschlichen Kulturen zentral: Während
einige Sprachen keine eigenen Wörter für essen und trinken oder er und sie
kennen, gibt es in allen menschlichen Sprachen ein Wort für Wissen, das
mit dem Begriff "Wahrheit" im Zusammenhang steht. Wissen – wie auch
immer es in einer Sprache bezeichnet werden mag – bedeutet eine
bestimmte korrekte und wahrheitsgetreue Darstellung. Wenn etwas nicht
wahr ist, kann es nicht Wissen sein. Es gibt kein falsches Wissen.
LLMs können diesen Unterschied zwischen Wahrheit und Unwahrheit nicht
erkennen. Sie fabrizieren Sätze, indem sie mit Milliarden von Texten im
Internet interagieren. Es ist jedoch weder ihre Aufgabe noch die
Aufgabe von unterbezahlten Klickarbeiter:innen, die KI-Outputs
klassifizieren, zwischen wahrheitsgemäßen Texten und solchen, die
Unwahres enthalten, zu unterscheiden. Jeder Text ist gut genug, wenn er
nur zum Prompt passt.
Echte Modelle der Welt
Und das
ist auch der Schlüssel zum Verständnis des Unterschieds zwischen
Wikipedia und LLMs. Wikipedia ist bestrebt, Sachverhalte korrekt
darzustellen, und verfolgt dieses Ziel mithilfe einer immensen Anzahl an
Freiwilligen, die ihre Einträge im Einklang mit den relativ strengen
Wikipedia-Regeln fortlaufend aktualisieren und die Interventionen
anderer korrigieren. Ihr Ziel ist eine korrekte Darstellung, wovon
Wahrheit eine bestimmte Version ist. Manchmal machen Autor:innen Fehler,
die dann von anderen korrigiert werden. Einige Fehler werden dabei ohne
Zweifel unentdeckt bleiben. Doch im Gegensatz zu einem LLM verfolgt
Wikipedia die Absicht, von den Meinungen zur echten Welt, die die
Freiwilligen beisteuern, zu lernen, um so das übergeordnete Ziel zu
erreichen, die Welt wahrheitsgetreu darzustellen.
Dies ist auch der Grund, warum einige führende Wissenschaftler:innen,
die LLMs kritisch gegenüberstehen – darunter Gary Marcus und Yann LeCun
–, ins Treffen führen, dass KI-Anwendungen zusätzlich zu ihren
Textproduktionsprogrammen echte "Modelle der Welt" benötigen. Ob dieser
Vorschlag Gehör finden wird, zählt derzeit zu den interessantesten
Fragen in der KI-Welt.
Vielleicht denkt jetzt jemand, dass die meisten LLMs sich ja ohnehin
Wikipedia einverleibt haben und es deshalb keinen nennenswerten
Unterschied zwischen den beiden Systemen mehr gebe.
Natürlich ist es sinnvoll, dass LLMs sich auf Wikipedia stützen,
anstatt sich ausschließlich aus Webseiten voller Verschwörungstheorien
zu speisen. Der Unterschied besteht aber dennoch in den Zielen
der Systeme, nicht nur in ihren Trainingsgrundlagen. Auch wenn Wikipedia
falsche Informationen enthält, so ist es doch ihr dezidiertes Ziel,
wahrheitsgetreue und korrekte Informationen anzubieten. Ein Fehler in
einem Wikipedia-Eintrag ist ein Makel, eine Halluzination eines Chatbots
ist jedoch, wie wir gesehen haben, angesichts seiner Aufgabe kein
Makel. Wikipedia-Autor:innen verfolgen das Ziel, die Einträge so korrekt
wie möglich zu gestalten; für Klickarbeiter:innen, die die Daten in
LLMs klassifizieren, ist das bedeutungslos.
Ernstzunehmende Probleme
Wikipedia
liefert keine Garantie dafür, dass alle Informationen stimmen – eine
solche existiert grundsätzlich nicht. Was Wikipedia allerdings bietet,
ist eine verlässliche Methode, etwas über die Welt herauszufinden. LLMs
bieten eine verlässliche Methode, binnen Sekunden kohärente Texte zu
produzieren. Aber sie stellen keine verlässliche Methode zur
Verfügung, etwas über die Welt zu lernen. Aus diesem Grund kann
Wikipedia eine Wissensquelle sein, während LLMs dies nicht sind, denn
Verlässlichkeit ist ein grundlegendes Element der Wissensgenerierung.
Wissen braucht Wahrheit, aber Wahrheit allein ist nicht genug – man kann
ja auch aus Zufall auf die Wahrheit stoßen (zum Beispiel, indem man mit
Glück etwas richtig errät). Um Wissen zu erwerben, braucht man
verlässliche Methoden der Wahrheitsfindung – beispielsweise etwas mit
eigenen Augen zu sehen, sich an etablierte, vertrauenswürdige
Autoritäten zu wenden oder durch wissenschaftliche Experimente Theorien
zu bestätigen. Das Konzept einer verlässlichen Methode zur
Wahrheitsfindung bildet daher den Kern von Wissen.
Tim Crane, geb. 1962, ist ein britischer Philosoph und einer der
führenden Vertreter der Philosophie des Geistes. Er ist ist Director of
Research des FWF- Exzellenzclusters "Knowledge in Crisis" und Professor
für Philosophie sowie Pro-Rektor der Central European University in
Wien. Er hat das Institute of Philosophy der University of London
gegründet und war Knightbridge-Professor an der University of Cambridge.
Der Essay erschien kürzlich im Jahresbericht des Wissenschaftsfonds
FWF: www.fwf.ac.at
Im FWF-Exzellenzcluster "Knowledge in Crisis" wenden wir diese
grundlegenden Ideen der Erkenntnistheorie (Epistemologie) auf alle
heutigen Wissenskrisen an – und die KI-Krise ist nur eine davon. Wir
veranstalten Workshops und öffentliche Diskussionsrunden, in denen wir
uns mit der Relevanz philosophischer Theorien zu Wissen und
Erkenntnisgewinn für die derzeitigen Krisen befassen, und die
Wissenschaftler:innen dieses Clusters publizieren Artikel und Bücher zu
diesem Thema. Zusammen mit Forscher:innen anderer Disziplinen – wie etwa
Wissenschaftskommunikation, Sozialwissenschaften, Psychologie und
Wirtschaftswissenschaften – befassen wir uns auch mit Fragen, die für
uns alle wesentlich sind. Dieses Jahr werden wir gemeinsam mit dem
FWF-Exzellenzcluster "Bilateral Artificial Intelligence" öffentliche
Veranstaltungen organisieren, um die Bedeutung von KI in der heutigen
Zeit zu diskutieren.
Es ist bemerkenswert, wie tief diese Krisen philosophisch verwurzelt
sind. Manchmal werden diese Wissenskrisen ausschließlich in Hinblick auf
Wissenschaftsfeindlichkeit (etwa in Bezug auf die Ablehnung von
Impfungen) oder Probleme, die durch die Verbreitung von
Falschinformation und Desinformation ausgelöst werden, diskutiert,
beispielsweise wenn Nutzer:innen auf sozialen Medien absichtlich zu
politischen Themen in die Irre geführt werden. Das sind sehr
ernstzunehmende Probleme, mit denen wir uns im Rahmen unseres
Exzellenzclusters intensiv beschäftigen. Die Epistemologie von KI –
insbesondere von LLMs – ist jedoch noch viel subtiler und
tiefgreifender: Sie bedroht die Grundfesten unserer Methoden der
Wissensproduktion. Wenn wir nicht lernen zu verstehen, wie die Maschinen
mit Fakten über Wahrheit und Wissen umgehen, werden wir uns immer
weiter in dem Netz aus Nichtwissen und Chaos, das die KI-Unternehmen
über uns ausspannen, verwickeln. Darum gehört es zu den Zielen des Teams
von "Knowledge in Crisis", dieses Verständnis zu fördern und allen zur
Verfügung zu stellen.
Nota. - 1° Die Welt ist keine Gegend, die man ausmessen und - sichtbar, hörbar oder definierbar - wiedergeben kann; sondern ein Horizont, in den man alle Infor-mationen, denen man in reellen Gegenden begegnet, einpassen kann. Ob alles passt - "stimmt" -,
kommt nicht bloß auf den Horizont, sondern ebensosehr auf die
In-formationen an. Gegebenfalls muss man jenen oder diese oder alle neu
justieren, um sie passgerecht zu machen. Ob es gelingt, kann nur der Versuch erweisen.
Daraus folgt 2°, dass Wahrheit keine Gegebenheit, sondern eine Aufgabe - gr. pro-blêma - ist. Kein terminus a quo, sondern ein terminus ad quem.
Werden die Anforderungen an Wissen und Wahrheit dadurch lockerer oder stren-ger?
Strenger,
weil sie sowohl gedanklich als auch phänomenal stets die engst-mögliche
Bestimmung verlangen - die aber nur pragmatisch gesucht,nicht aber dogmatisch berechnet werden kann. JE , 6. 6. 26
Was stellten
Forschende mit der "Großen Elektrisiermaschine" an? Wie bedient man bei
arktischer Kälte Messgeräte? Antworten gibt es im Technischen Museum
Wien
von Norbert Regitnig-Tillian
In der neuen Dauerausstellung "Wissenschaft im Wandel",
die gemeinsam mit der Universität Wien und der Österreichischen
Akademie der Wissenschaften entwickelt wurde, soll für Besucher spürbar
werden, wie Spitzenforschung funktioniert. Dafür wurde die Gruppe des
Quantenoptikers Markus Aspelmeyer eingeladen, ihr Labor für
Museumsbesucher nachzubauen. Sehr realistisch, mit wirrem Kabelsalat,
Messinstrumenten und optischen Tischen, inklusive Original-Flipchart mit
handschriftlichen Notizen, Formeln und Insider-Witzen wie "Evil
Detectors" – ganz so, als ob das Team gerade auf Kaffeepause gegangen
wäre.
Spitzenforschung im Museum
Als
Gast der Ausstellung merkt man: Hier wurde nicht dekoriert, sondern
übersetzt. Wenn man genau schaut, sieht man in einem Vakuumgefäß auch
einen kleinen grünen Punkt leuchten. "Da schwebt eine unsichtbare
Glaskugel auf einem Laser", sagt die Physikerin und Leiterin der
STANDARD-Wissenschaftsredaktion Tanja Traxler, die im Kuratorenteam
mitgearbeitet hat. Jeder Transistor und jedes Handy funktioniert nach
den Prinzipien der Quantenphysik. Heute versucht die Forschung zu
klären, wie weit die Welt der Quanten reicht. Während man früher
einzelne Elektronen untersuchte, sind es heute bereits deutlich größere
Systeme. Die schwebende Glaskugel steht genau an dieser Grenze – dort,
wo die Quantenwelt beginnt, in unsere alltägliche Realität überzugehen.
Die neue Dauerausstellung im Technischen Museum Wien will einen Blick
hinter die Kulissen der Wissenschaft ermöglichen. "Die Ausstellung
zeigt Wissenschaft als lebendigen, oft widersprüchlichen Prozess", sagt
Peter Aufreiter, Generaldirektor des Museums. Dafür spannt sie auf 800
Quadratmeter Ausstellungsfläche einen Bogen über mehrere Jahrhunderte
Forschung – und schickt Besucherinnen und Besucher auf die Reise durch
eine "Stadt des Wissens".
"Der Weg hindurch ist nicht vorgegeben, man kann sich darin auch
verlaufen, aber das ist gewollt", sagt der leitende Kurator Jochen
Hennig. "Es gibt keinen festen Weg, sondern Disziplinen, die
nebeneinanderliegen: Astronomie, Elektrizität, Quantenphysik,
Gehirnforschung. Wir erzählen das Narrativ eines Prozesses, der über
Jahrhunderte läuft, anhand unserer Objekte."
Risiken und Radioaktivität
Die
Schau gibt viele neue Einblicke frei und zeigt etwa, wie Wissenschaft
in der Barockzeit funktionierte. Die "Große Elektrisiermaschine", ein
wuchtiges Gerät aus Holz und Glas aus dem 18. Jahrhundert, war ein
Spektakel für die Salons. Menschen wurden damit elektrostatisch
aufgeladen, Funken konnten aus ihren Schläfen gezogen werden.
"Wissenschaft war damals auch Unterhaltung", sagt Hennig. Für kurze Zeit
war sie sogar vergleichsweise zugänglich für Frauen, die ihren Platz in
der Forschung später erst wieder zurückerobern mussten.
Gleich daneben geht es zur elektrischen Risikoforschung, zu frühen
Wiederbelebungsgeräten und Relikten aus der elektropathologischen
Sammlung. Das klare Ergebnis auch für weiterführende Forschungen
lautete, dass Wiederbelebung nach Elektrounfällen über einen längeren
Zeitraum hinweg Sinn ergibt. Der Weg vom Staunen zum gesicherten Wissen
war kein gerader, sondern führte oft über Irrtümer und Schäden. Der
Entwicklungsprozess im Bereich der Elementarteilchen erzählt sein
eigenes Auf und Ab, den Anfang markiert ein unscheinbares Stück Gestein:
die sogenannte Pechblende. Lange galt sie als wertlos, bis aus ihr
kleinste Mengen radioaktiven Materials isoliert wurden – ein
Zufallsfund, der ein neues Forschungsfeld eröffnete.
In die Irre geführt
Von hier führt
der Weg zur modernen Physik: Ein frühes Elektronenmikroskop steht neben
einem ausgemusterten Quadrupol-Magneten des Teilchenbeschleunigers am
CERN. Solche Magnete bündeln Teilchen und halten sie auf ihrer Bahn, um
sie gezielt zur Kollision zu bringen. Für einen Moment steht die größte
Maschine der Welt im Raum. Verbunden werden die Themenbereiche durch
leuchtend gelbe Frageinseln. Darin wird das Publikum selbst zum
Experimentator und Versuchskaninchen und kann sich im Selbsttest
skeptische Fragen stellen, etwa: Wie objektiv ist Wissenschaft?
Vor einem Bildschirm laufen Gesichter in schneller Abfolge. Für einen
Moment sind es normale Porträts, dann verzerren sich die Gesichtszüge
plötzlich zu Fratzen. Das Auge kommt nicht mehr mit, das Gehirn
verarbeitet die Informationen falsch. Ein paar Schritte weiter laufen
Videos. Jemand spricht Silben, aber die Lippen zeigen etwas anderes. Man
ordnet falsch zu und erlebt dadurch den sogenannten McGurk-Effekt. Dann
gibt es auch noch eine Tonleiter, die niemals aufhört: die
Shepard-Tonleiter. Sie steigt und steigt – und kommt nie an. Auch das
ist ein irrealer Effekt.
Messgeräte in der Arktis bedienen
An
diesen Beispielen zeigt sich, wie leicht man sich täuschen lässt – ganz
ohne KI-Fakes. Wenn schon die Wahrnehmung wackelt, dann fragt sich,
worauf objektives Wissen steht. Wissenschaft ist harte Arbeit, mitunter
auch körperlich. Das zeigt die Arktis-Station. Mit dicken Handschuhen
soll ein Messgerät bedient werden, was kaum gelingt. Im Video darüber
kämpft ein Arktis-Forscher mit genau diesem Problem. Bei minus 40 Grad
zieht er die Handschuhe aus und beginnt bald zu hüpfen – wohl um sich
aufzuwärmen. Einen kurzen Moment fühlt man sich selbst als Teil des
Forschungsteams.
Am Ende des Rundgangs landet man wieder vor einer großen Wand. Die
Geschichte der Quantenphysik – von den ersten Ideen bis zur Gegenwart.
Und davor ein schlichter Kubus. Darin: Schrödingers Katze. Ein berühmtes
Gedankenexperiment – von Erwin Schrödinger als Kritik an der
Quantentheorie gedacht. Die Katze im Inneren muss man sich vorstellen.
Laut Quantentheorie ist sie zugleich tot und lebendig. Zerfällt ein
radioaktives Atom, wird eine Giftphiole zerbrochen. Ob das passiert,
entscheidet der Zufall. Ein Knopfdruck im Technischen Museum Wien. Ein
Glücksrad beginnt zu rotieren. In der Logik der Quantenwelt geht es
jetzt um Leben und Tod. Erst mit dem zweiten Klick fällt die
Entscheidung. Der Deckel öffnet sich. Ein Katzenbild erscheint. Sie
lebt. Dieses Mal.
Trotz
ihrer in vielen Bereichen beeindruckenden Leistungen scheitern
Sprachmo-delle offenbar an einer Aufgabe, die seit Jahrzehnten zum
psychologischen Stan-dardrepertoire gehört: dem Stroop-Test.
Dabei soll ein Proband sagen, in welcher Farbe ein Wort geschrieben
ist. Es handelt sich jedoch nicht um irgendwelche Wörter, sondern um die
Namen von Farben. Wenn Wortfarbe und Farbwort übereinstimmen, ist das
ganz leicht. Wenn dem aber nicht so ist, fängt das mensch-liche Gehirn an
zu stolpern. Der Test aus der Kognitionspsychologie misst die se-lektive
Aufmerksamkeit, die kognitive Flexibilität und die Fähigkeit,
ablenkende Reize zu unterdrücken. Während Menschen selbst bei langen
Wortlisten stabile und hochpräzise Leistungen erbringen können,
scheitern die aktuellen KI-Modelle dar-an kläglich. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forscherteam um Suketu Chandrakant Patel von der City University of New York.
Die
Autoren stellten fest, dass Sprachmodelle bei einer Liste von fünf
Wörtern keine Schwierigkeiten hatten, sich auf die Nennung der Farbe zu
konzentrieren, wenn Wortfarbe und Farbwort nicht übereinstimmten. Doch
als die Wortliste länger wurde, verschlechterte sich die KI-Leistung
dramatisch. GPT-4o fiel von einer Genauigkeit von 91 Prozent bei fünf
Wörtern auf 57 Prozent bei zehn Wörtern und 15 Prozent bei 40 Wörtern.
Claude 3.5 Sonnet blieb bis zu 20 Wörtern stabil, brach jedoch bei
40 Wörtern auf eine Genauigkeit von 24 Prozent ein. In Versuchen mit
einer Wortliste, die sowohl übereinstimmende als auch nicht
übereinstimmende Farben enthielt, war die Leistung der Sprachmodelle
noch schlechter und sank bei den nicht übereinstimmenden Elementen auf
nahezu 0 Prozent Genauigkeit. Ähnliche Ergebnisse wurden bei GPT-5,
Claude Opus 4.1 und Gemini 2.5 ermittelt.
Sobald mehrere
konkurrierende Informationen gleichzeitig verarbeitet werden müssen,
fällt es den KI-Systemen schwer, sich für die relevante Aufgabe zu
entscheiden und störende Reize auszublenden
Die Fähigkeit
der KI, die richtige Farbe zu benennen, nimmt also ab, je länger die
Wortliste wird. Offenbar stoßen die Aufmerksamkeitsmechanismen moderner
Sprachmodelle an ihre Grenzen, sobald die Anforderungen steigen.
Auffällig ist dabei der Unterschied zum Menschen: Zwar lassen auch wir
uns von widersprüch-lichen Informationen irritieren, doch unsere Leistung
bleibt selbst bei längeren Listen weitgehend stabil. KI-Modelle
hingegen haben große Probleme damit, ihre Aufmerksamkeit gezielt auf die
Farbe zu richten, wenn Wort und Farbe nicht zusammenpassen. Das macht
eine grundlegende Schwäche sichtbar: Sobald mehrere konkurrierende
Informationen gleichzeitig verarbeitet werden müssen, fällt es den
Systemen schwer, sich für die relevante Aufgabe zu entscheiden und
störende Reize auszublenden.
Nota. - Zwischen einer Menge widerstreitender Informationen auswählen müssen, um die Bedeutenden herauszufinden, ist die Standardsituation menschlicher Intel-ligenzen - weil sie nämlich in einer Welt leben, in denen sie ihren Weg suchen sollen. Denn ebendies ist es, was sie als Intelligenz ausmacht - und was sie fundamental von den Maschinen unterscheidet.
Bedenke: Der Mensch kann situieren - unterscheiden, woher er seine Informatio-nen bekam, und beurteilen, wofür er sie braucht. Eine Maschine kann das nicht: Ihr ist alles gleich - das Woher wie das Wozu. Ihr erscheint alles als gegeben. Sie ist po-sitivistisch; der Mensch ist kritisch. JE
aus welt.de, 2. 6. 2026 Manche Entscheidungen fallen in Sekunden, andere dauern tagelang zuEbmeiers Realien
Bauchgefühl
„Intuition ist unbewusste Intelligenz“
Jeder Mensch trifft Entscheidungen – manche durchdacht, andere aus dem Bauch heraus. Doch wie verlässlich ist Intuition? Ein Psychologe und ein Neurowissenschaftler erklären, wie das Bauchgefühl entsteht und wann wir ihm besser nicht vertrauen sollten.
Der Kopf sagt Ja, das Bauchgefühl sagt Nein. Eine Situation, die viele kennen, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen. Nicht wenige folgen ihrer Intuition und entscheiden sich gegen etwas – womit sie oft richtig liegen. Ist das Zufall oder steckt mehr dahinter? Ein Neurowissenschaftler und ein Psychologe klären auf.
„Intuition ist unbewusste Intelligenz“, sagt der Psychologe Gerd Gigerenzer, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Es sei gefühltes Wissen, das auf langjähriger Erfahrung beruhe und das man nicht begründen könne. Mit Magie, Esoterik oder gar göttlicher Eingebung hat es entsprechend nichts zu tun. Und auch nicht mit einem angeblich weiblichen Instinkt: „Auch Männer verlassen sich bei einer Entscheidung oft auf ihr Bauchgefühl“, stellt Gigerenzer klar.
„Bei Intuition läuft im Gehirn ein hochkomplexer Informationsverarbeitungsprozess ab, der unbewusst erfolgt“, sagt der Neurowissenschaftler und Autor Henning Beck. In Windeseile gleicht das Gehirn eine aktuelle Situation mit gespeicherten Erfahrungen ab: Wie lief das damals? Wie ähnlich ist die Lage heute?
Noch bevor eine Entscheidung bewusst wird, hat das Gehirn schon bewertet, ob es eine positive Situation nutzen oder eine negative Situation vermeiden will. „Erst wird intuitiv eingeordnet, dann rational begründet“, so Beck. Das Bauchgefühl sei die emotionale Vorstufe unserer bewussten Entscheidungsprozesse.
„Bauchgefühl und Ratio sind kein Widerspruch, im Idealfall ergänzen sie sich“, sagt Gigerenzer. Ein Beispiel aus der Medizin: Ein erfahrener Hausarzt untersucht eine Patientin, die er seit Jahren kennt. Äußerlich wirkt sie gesund. Und doch beschleicht ihn ein Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Er ordnet eine Blutuntersuchung an – und tatsächlich: Die Nierenwerte sind erhöht. Der Arzt hat seiner Intuition vertraut und sie anschließend rational überprüft.
Doch wann kann man dem Bauchgefühl vertrauen? Das hängt vor allem von Erfahrung ab. „Entscheidungen nach dem Bauchgefühl gelingen am besten, wenn man sich gut mit einer Sache auskennt“, sagt Beck. Wer viele Jahre in einem Beruf gearbeitet hat, kann bei anstehenden Entscheidungen intuitiv handeln, indem er oder sie den bestehenden Erfahrungsschatz abruft.
Eine erfahrene Tennisspielerin trifft ihre Entscheidung über die Schlagrichtung in Sekundenbruchteilen – weil sie in jahrelangem Training unzählige ähnliche Situationen verarbeitet hat. „In vertrauten Situationen ist die erste Eingebung oft die beste“, sagt Gigerenzer. Rund 50 Prozent aller Entscheidungen treffen Menschen ihm zufolge intuitiv. Übermäßiges Nachdenken könne dabei sogar zu schlechteren Ergebnissen führen. „Man kann der Intuition trauen, wenn sie sich als ruhiges, klares Gefühl der Gewissheit äußert“, sagt Beck.
Manche lehnen es ab, intuitiv zu entscheiden. Sie suchen nach Argumenten, wägen Vor- und Nachteile ab und lassen ihr Bauchgefühl komplett außen vor. Zwar kann Intuition auch irreführend sein, wie Gigerenzer sagt. Allerdings ließen sich nicht alle Fragen und Probleme rational lösen. „Gute Entscheidungen erfordern oft eine Balance zwischen Intuition und analytischer Überprüfung.“
Ein Beispiel hierfür: Eine Firma sucht eine neue Mitarbeiterin. Die Personalverantwortliche spürt bei einer Bewerberin auf Anhieb, dass es passt. Das ist der intuitive Aspekt. Die Personalverantwortliche überprüft nun, ob die Bewerberin die nötigen Qualifikationen mitbringt, und prüft, ob die Gehaltsvorstellung zum Budget passt. Schließlich entscheidet sie sich, die Bewerberin einzustellen – und mit der Zeit zeigt sich, dass dies eine gute Entscheidung war.
Wann uns das Bauchgefühl täuscht
Bei fehlenden Erfahrungen ist das Bauchgefühl weniger zuverlässig. In völlig neuen Situationen empfiehlt sich dann eher ein rationales Vorgehen, etwa eine Pro-und-Contra-Liste. Vorsicht ist auch geboten, wenn man rein intuitiv handelt.
„Eine rein intuitive Entscheidung erfordert Mut“, sagt Gigerenzer. Dann muss man die Verantwortung dafür übernehmen, wenn sich die Entscheidung rein nach Bauchgefühl später als die falsche herausstellt.
Beck verweist auf die HALT-Regel: Man sollte nicht hungrig (hungry), wütend (angry), einsam (lonely) oder müde (tired) entscheiden. Denn in solchen Situationen sei das Gehirn eingeschränkt und greife auf kurzfristige Impulse zurück, die gegen Hunger, Müdigkeit & Co. wirkten, statt in komplexen Situationen angemessen zu reagieren.
Die praktische Konsequenz: lieber nach dem Essen entscheiden als davor. Eine Nacht darüber schlafen. Im Zweifel jemanden fragen. „Intuition funktioniert nur in den Bereichen gut, in denen man viel Erfahrung hat“, sagt Gigerenzer.
Wer seinem Bauchgefühl mehr vertrauen möchte, sollte vergangene Entscheidungen gezielt reflektieren: Wann lag die Intuition richtig – und wann nicht? Der Psychologe empfiehlt ein Intuitionstagebuch: Situationen notieren, in denen ein Bauchgefühl spürbar war, und festhalten, was daraus wurde. „So lernt man, Fehler zu erkennen“, sagt er.
dpa/lkl
Nota. -Lat. intuitio heißt nichts anderes als Anschauung. Die geschieht mit den Augen. Der Bauch hat keine Augen, eher schon eine Nase.
Den Irrationalisten und Obskuranten sind solche Feinheiten egal, Argumenten sind sie sowieso abgeneigt. Problematisch sind die vielen common-sense-Normalver-braucher, die allerdings irritiert sind, wenn sich ihnen wiedermal eine vage Vorah-nung als zuverlässiger erweist, als ihre mühsamen Berechnungen.
Wenn es höhere Eingebungen gäbe, könnten wie sie uns nicht nachweisen, sonst wären sie nicht höher. Und wenn es im Bauch irgendwo eine Faser gäbe, die Kontakt zur Zukunft fühlt, hätte ein Nobelpreisträgen sie mittlerweile gefunden.
Es ist aber nicht so, dass das pp. Bauchgefühl besser wäre als das Kopfzerbrechen; vielmehr ist das Kopfzerbrechen manchmal mangelhaft gegenüber der lebenden Betrachtung. Weil nämlich in die Berechnung nur das eingeht, was sich als Begriff identifizieren und als Sache berechnen lässt. Anderes kommt in unserm Verstand nicht vor. Die Wirklichkeit ist aber keine Verzeichnis von Begreifbarem, sondern ein Bild vom Geschehen. Da kommen neben Dingen und Denkregeln noch viele tausend Unwägbarkeiten vor, die einem nicht wirklich was zeigen, aber doch im-merhin ahnen lassen.
Und von denen sieht dieser weniger als jener und heute mehr als gestern. Und einen womöglich größere Unterschied macht, wieviel er schon vorher anschaut hat und wie lebhaft er sich erinnert; und wieviel Zeit man gerade hat. Höhere Eingebungen braucht man gar nicht.
Der
chinesische Traum möchte wohl auch Putins Traum sein: ein
weltmarktfähiger Staatskapitalismus mit dynamischer
privatkapitalistischer Speerspitze unter enger Kontrolle einer straff
charismatisch geführten Einheitspartei mit einer arkanischen
Nationalmythologie. Auch weltpolitisch kommen sie sich näher. Putins
'eurasische' Idee passt gut auf einen russisch-chinesischen Block.
Aber das staatskapitalistische Modell ist eine Chimäre. Es kann nicht anders funk-tionieren - wenn es funktioniert - denn als ein bürokratisches Monstrum, und Büro-kratie ist
Korruption und Unsachlichkeit, da mögen die zyklischen
Reinigungskam-pagnen noch so terroristisch durchgeführt werden. Ein
monolithischer Staat müsste totalitär verfasst sein, aber bei seiner privat- und staatskapitalistischen Doppelnatur kann er
nicht totalitär verfasst sein.
Die konfuzianische Reichsbürokratie
hielt eine asiatische Wasserbaugesellschaft zu-sammen, die ohne sie nicht
bestehen konnte. Eine sozusagen säkularisierte "Partei", die sich bei
einer - wie bei Kung Fu Ze - rein pragmatischen Mentalität aus den je-weils
Besten eines Studienjahres rekrutiert, wäre, gerade weil sie entbehrlich
und für den Auftritt auf dem Weltmarkt sogar hinderlich ist, nicht nur
Spiegel, sondern Hohlspiegel aller widerstreitenden sozialen Interessen.
Es ist zu befürchten, dass das mit einem ganz großen Knall endet, an
den sich die Welt noch lange erinnern wird.
Es ist zu hoffen, dass es nicht erst soweit kommt. Aber knallen dürfte es noch oft und laut. An ein Ende der Geschichte ist vorerst nicht zu denken. 21. 2. 15
aus derStandard.at, 30. Mai 2026 Doktoratsstudien erfreuen sich großer Beliebtheit, zahlreiche Bewerbungen kommen dabei auch aus dem Ausland. zuJochen Ebmeiers Realien
Graduierte
Das Dilemma des Doktorats: Nach oben hin wird es immer enger
Rekordanmeldungen
zeigen, wie gefragt Doktoratsstellen sind. Nach Abschluss beginnt für
viele Postdocs aber eine Phase der Karriereunsicherheiten und
psychischen Belastung
von Norbert Regitnig-Tillian
Wien ist ein gefragtes Pflaster für junge Forschende. Dafür sprechen
die Zahlen, die Manuela Baccarini, Vizerektorin für Forschung und
Nachwuchsförderung an der Universität Wien, präsentierte: Für den
SSH-Call (Social Sciences and Humanities) gingen für 40 verfügbare
Stellen rund 3500 Bewerbungen ein – 90 Prozent davon kamen aus dem
Ausland. Im MINT-Bereich (STEM) sieht es mit mehr als 1000 Bewerbungen,
davon 95 Prozent aus dem Ausland, ähnlich aus.
Qualität und Vernetzung fördern
Diese internationale Resonanz bildete den Hintergrund für den European Doctoral Day,
der kürzlich erstmals europaweit stattfand. Eine Initiative, die laut
Baccarini dazu einlädt, zu feiern, was Doktorandinnen und Doktoranden –
oder Graduate Students – für die Gesellschaft leisten. Doch hinter den
Rekordzahlen verbirgt sich eine komplexe Debatte über die Zeit nach der
Promotion. Denn während das Doktorat oft als Erfolg gewertet wird,
beginnt danach für viele Postdocs eine oft jahrelange Phase der
Unsicherheit.
Die Graduierten-Ausbildung hat sich in den vergangenen Jahren
jedenfalls massiv transformiert. Zusätzlich zur klassischen Betreuung
durch Doktorväter und Doktormütter wurden an der Universität Wien 18
strukturierte Doktoratsschulen aufgebaut. Baccarini, die bis 2022 selbst
das renommierte Vienna BioCenter PhD Program leitete, kennt die Hebel:
Die Einbettung in Graduierten-Kollegs soll Qualität sichern,
internationale Vernetzung fördern und Abhängigkeiten verringern.
Finanzielle Sicherheit
Die
finanzielle Absicherung bleibt jedoch eine Herausforderung. Aktuell
verfügt etwa nur ein Drittel der rund 5000 Doktorandinnen und
Doktoranden an der Universität Wien über finanzierte Stellen – ein
Großteil davon über Drittmittel, einige auch über Stipendien. "Hier
müssen wir durch mehr Kooperationen und verbesserte
Stipendienmöglichkeiten noch mehr bezahlte Stellen schaffen", sagt
Baccarini. Wer das Doktorat abgeschlossen hat, ist aber noch nicht aus
dem Schneider. Viele wechseln in die nächste Phase der
wissenschaftlichen Laufbahn: eine Postdoc-Stelle.
Gerade diese Postdoc-Phase gilt international als neuralgischer Punkt
des Wissenschaftssystems. Dabei ist es weniger die Bezahlung, die
Probleme verursacht. Mit rund 5000 Euro brutto monatlich gestaltet sich
der FWF-Satz für Postdocs im europäischen Vergleich durchaus solide.
Belastend wirkt vielmehr die strukturelle Unsicherheit: kurze
Projektlaufzeiten, serielle Befristungen und die Frage, ob nach zwei
oder drei Jahren eine weitere Stelle folgt.
Stellen auf Dauer sind rar
Die
strukturelle Logik der Wissenschaft lässt sich dabei kaum aushebeln:
Sie ist steil pyramidal organisiert. Eine Professur oder dauerhafte
Laufbahnstellen erreichen Schätzungen zufolge nur etwa fünf bis zehn
Prozent der Postdocs. Genau darin liegt der Kern der Unsicherheit: Nicht
das Gehalt ist das Hauptproblem, sondern die Frage, wer langfristig im
System bleiben kann.
Analysen internationaler Postdoc-Surveys zeigen, dass dabei rund zwei
von fünf Postdocs ein erhöhtes Risiko für ernsthafte psychische
Probleme wie Angstzustände oder depressive Symptome entwickeln können.
Zentrale Stressoren sind dabei Überstunden, permanenter
Publikationsdruck und die Unsicherheit befristeter Karrierewege. Die
Freiheit der Forschung wird damit oft mit permanenter Vorläufigkeit
erkauft.
Karrierewege aufzeigen
Baccarini
plädiert für eine Abkehr vom Narrativ des Scheiterns, wenn der Verbleib
in der Akademia ausbleibt. Sie verweist auf Daten der Statistik Austria:
Doktoratsabsolventinnen und -absolventen haben eine Arbeitslosenquote
von unter zwei Prozent und sind am Arbeitsmarkt hochintegriert. Ein PhD
vermittle Resilienz und die Fähigkeit, Unsicherheiten und dem
Unbekannten zu begegnen.
Die Universität Wien versucht, auf die Unsicherheiten zu reagieren –
etwa mit Coaching- und Beratungsangeboten für Postdocs sowie stärkerer
Karriereberatung auch außerhalb der Hochschule. Baccarini sieht in der
Fluktuation zudem eine notwendige Zirkulation: "Das System kann nicht
alle absorbieren. Die internationale Erneuerung ist lebensnotwendig."
Neugier als Motor
Wer heute ein
Doktorat beginnt, tut dies meist aus Neugier. Doch Baccarini warnt
davor, "salopp in ein Doktorat hineinzufallen, nur weil man einen Master
gemacht hat". Für sie ist die Ausbildung eine "persönliche Reise, in
die man investiert, weil man selbst etwas davon haben möchte". Der
stärkste Antrieb müsse das Interesse am Projekt und die Neugierde
bleiben.
Die Aufgabe der Politik und der Universitäten wird es sein,
sicherzustellen, dass aus diesem individuellen Abenteuer kein
dauerhaftes soziales Risiko wird. Es braucht planbarere Übergänge, damit
der Motor der Wissensgesellschaft nicht durch psychischen Verschleiß
ins Stocken gerät. Ihr sei es ein wichtiges Anliegen, dass
Nachwuchswissenschafterinnen und -wissenschafter – sowohl im PhD- als
auch im Postdoc-Bereich – unter den bestmöglichen Bedingungen arbeiten
können, so Baccarini. Denn "für die wissenschaftliche Exzellenz und die
Zukunftsfähigkeit des Standorts sind diese Talente unverzichtbar."
Nota. -Historisch gab es zwei Modelle, um ein beständiges Corps von Hochgebil-deten zu stabilisieren - nicht eine zufällige Elite von individuellen Potégés, sondern eine gesellschaftliche Instanz, die eigene Wahlmöglichkeiten eröffnet: die konfuzia-nische Bürokratie als einheitlicher Block von Herrschaft und Wissen, und das aka-demische System Westeuropas.
Was aus letzterem geworden ist, geht uns unmittelbar an. Die mittelalterliche Uni-versitäten wurden nach dem Beispiel namentlich der Kairoer al-Azhar-Moschee von den Kreuzfahrern in den Westen, gebracht, doch anders als die orientalischen Vor-bilder unterstanden sie nicht der jeweiligen islamischen Gemeinde, sondern im Prinzip der einzigen und alleinseligmachenden Römische Kirche und ihrer mannig-fachen Hierarchie. Indem sie auf Kosten der Mönchsorden über Jahrhunderte Bil-dung und Wissen monopolisierten, gerieten sie in die die Feudalordnung prägende Spannung zwischen geistlicher und weltlicher Autorität, und gewannen eine gewisse Selbstständigkeit; konnten sich aber wegen der stets zweiseitigen Versuchung nie zu einer geschlossenen Kaste stabilisieren wie in China.
Die Kette von Akademien, die seit dem 17. Jahrhundert Europa durchzieht, bildete sich ganz säkular unterm Protektorat der Fürsten, doch die Ausbildung der bürger-lichen Gesellschaft unterzog auch sie einem grundstürzenden Wandel. Seither drin-gen die Realwissenschaften unwiderstehlich in die Universtäten, und die universalste Akademie von allen, die Oslo-Stockholmer, wird von Parlamenten gewählt. Von al-len Nobelpreisen die geringste Autorität haben der für Literatur und der für Frie-den, die Realwissenschaften inkl. Wirtschaft drücken alles an die Wand.
Um nun zu obigem Artikel zu kommen: Wer nach der Promotion weiterkommen will, den drängt es weniger in die Wissenschaft, als vielmehr auf eine- gutdotierten Posten in einem Apparat - und nur der Geisteswissenschaftler bleibt in der staatlich finanzierten Lehre; der Naturwissenschaftler geht, sobald er kann, in die private Forschung.
Wem es aber um das Denken selber geht, dem bleibt, wie schon lange dem Künst-ler, die freie Bohème. Das hat Norbert Regitnig-Tillian auszusprechen versäumt. JE