aus scinexx.de, 24. August 2026, zu Männlich
Uxbridge (England). Im Alltag bedeutet Multitasking oft, mehrere Anforderungen in kurzer Folge zu bewältigen. Doch unser Gehirn kann nur begrenzt mehrere anspruchsvolle Prozesse gleichzeitig abarbeiten, wie auch Experimente zu den Grenzen des Multitaskings zeigen. Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, Frauen seien darin grundsätzlich besser als Männer. Frühere Studien lieferten dazu jedoch nur kleine und widersprüchliche Unterschiede.
Auch eine frühere Untersuchung zu Geschlechtsunterschieden beim Multitasking deutete bereits darauf hin, dass das Ergebnis stark von der jeweiligen Aufgabe abhängen könnte. Forscher der Brunel University of London (BUL) um Dr. André J. Szameitat haben deshalb nun ein komplexeres Szenario entwickelt, das typische Alltagsanforderungen stärker nachbildet als klassische Tests am Computer.
Für den ersten Versuch wertete das Team Daten von 37 Frauen und 41 Männern aus. Zehn Minuten lang mussten die Testpersonen eine Kochaufgabe bearbeiten, Telefonnummern suchen, Zahlen und Buchstaben zuordnen sowie bestimmte Wörter auf einem Bildschirm überwachen. Zusätzlich ertönte alle 20 Sekunden eine Frage, auf die sie ausführlich antworten sollten. Die Aufgaben waren auf drei Tische verteilt, sodass die Teilnehmer dabei auch durch den Raum laufen mussten.
Gleichzeitig erhöhte das Team schrittweise den Zeitdruck. Anfangs klingelte ein Küchentimer alle 90 Sekunden, später verkürzte sich das Intervall bis auf 30 Sekunden. Damit sollte das Experiment nicht nur parallele geistige Anforderungen erzeugen, sondern auch das Wechseln zwischen verschiedenen Tätigkeiten unter zunehmender Belastung abbilden.
In vier der fünf Aufgaben fanden die Forscher keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Anders sah es beim Gespräch aus: Frauen beantworteten im Mittel 24,76 von 28 Fragen, Männer 20,24. Damit ließen die Frauen 11,6 Prozent der Fragen unbeantwortet, bei den Männern waren es 27,7 Prozent. Der Unterschied blieb auch nach Korrektur für die fünf Aufgaben signifikant und erreichte eine Effektgröße von Cohens d = 0,61.
Entscheidend ist dabei, was der Befund nicht zeigt. Wenn Männer eine Frage beantworteten, unterschieden sich weder Qualität noch Verzögerung bis zum Antwortbeginn signifikant von denen der Frauen. Auch in den Koch-, Such-, Zuordnungs- und Überwachungsaufgaben schnitten beide Gruppen vergleichbar ab. Es geht demnach nicht um eine allgemeine Überlegenheit beim Multitasking, sondern um einen spezifischen Unterschied im Gesprächsverhalten unter Mehrfachbelastung.
„Warum Männer die Gesprächsaufgabe häufiger unbeantwortet ließen als Frauen, ist unklar“, schreiben André J. Szameitat und seine Co-Autorin Dr. Diana P. Szameitat von der City St George’s, University of London.
Denkbar ist etwa, dass Männer die Fragen häufiger überhörten, weil ihre Aufmerksamkeit stärker von den anderen Aufgaben gebunden war. Ebenso könnten sie bewusst darauf verzichtet haben zu antworten und dem Gespräch eine geringere Priorität gegeben haben. Welche Erklärung zutrifft, hat die Studie nicht untersucht.
Im zweiten Teil wollten die Forscher wissen, ob dieser Unterschied für Außenstehende überhaupt sichtbar ist. Dazu sahen 160 Beobachter jeweils 75 Sekunden lange Videoausschnitte aus dem ersten Experiment. Die Hälfte der Ausschnitte stammte aus einer Phase mit niedrigem, die andere aus einer Phase mit hohem Zeitdruck. Die Beobachter wussten zunächst nichts von der eigentlichen Forschungsfrage.
Dennoch bewerteten sie Frauen in sechs von sieben Merkmalen positiver. Diese wirkten unter anderem stärker in Kontrolle, leistungsfähiger, aufmerksamer und engagierter. Mit steigendem Zeitdruck nahm der Eindruck von Kontrolle und Leistung bei Männern zudem stärker ab. Beim Stress zeigte sich dagegen kein genereller Geschlechtsunterschied. Unter hohem Zeitdruck erschienen Männer jedoch gestresster als in ihren eigenen Aufnahmen mit niedrigerem Zeitdruck, während sich diese Veränderung bei Frauen nicht zeigte.
Besonders aufschlussreich waren die Zusammenhänge mit der Gesprächsleistung. Wer mehr Fragen beantwortete, wurde deutlich häufiger als kontrollierter und leistungsfähiger eingeschätzt. Für die vier anderen Aufgaben fanden sich solche signifikanten Zusammenhänge nicht. Selbst bei den 52 Beobachtern, die Männer und Frauen ausdrücklich für gleich gute Multitasker hielten, blieb das grundsätzliche Bewertungsmuster bestehen.
Das spricht dafür, dass ausgerechnet die gut sichtbare Kommunikation den Gesamteindruck stark färbt. Die Korrelation beweist allerdings nicht, dass das häufigere Schweigen die Bewertungen verursacht hat. Die Autoren sehen darin dennoch einen möglichen Baustein für die Entstehung des verbreiteten Klischees, Frauen könnten besser multitasken.
Die Ergebnisse haben Grenzen. Die erste Stichprobe blieb wegen der Covid-Pandemie kleiner als ursprünglich geplant. Die Testpersonen der ersten Studie waren im Mittel rund 23 Jahre alt und wurden lokal auf dem Brunel-Campus rekrutiert. Zudem bestand die Gesprächsaufgabe aus aufgezeichneten Fragen und nicht aus einem echten Dialog mit spontanen Antworten und wechselnden Gesprächsrollen. Ob sich derselbe Unterschied im Berufs- oder Familienalltag zeigt, muss daher erst weitere Forschung klären.
- Fachpublikation im Fachmagazin Psychological Research, doi: 10.1007/s00426-026-02279-5
- Pressemitteilung der Brunel University of London (BUL)
Nota. - Vielleicht unterschieden Männer öfter, welches Thema sie für wichtig und welches sie für weniger wichtig hielten? Oder vielleicht auch, zu welchem Thema sie etwas zu sagen hatten, und zu welchem nicht?
Is' nur sone Idee.
JE

