Zu den natürlichen Bedürfnissen der Menschen gehören außer den physischen - Hunger, Durst, Frost - auch das Bedürfnis nach Geselligkeit. Solange
Arbeit (in schwindendem Maß) auch gesellig geschieht, hat sie einen
Wert, der über ihren bloß physischen Erhaltungswert hinausweist (und ist
nicht nur Mühsal). Aber Gesellig-keit ist - anders als Hunger, Durst,
Frost - nicht mit einem immanenten Maß da, sondern um ihrer selbst willen.
Sie hat ästhetischen Charakter.
In demMaße, wie in derArbeitdieErhaltungsfunktion auf Kosten derGesellig-keitimmer mehr an Boden gewinnt, verbindet sich jene umso enger mit dem Äs-thetischen (Tanz!).
Geselligkeit wird Feierabend, "Erholung"=Reproduktion des Arbeitsvermögens. Wird vom Erhaltungswert absorbiert, unterworfen,
mediatisiert. Und nun wiederum schwindet das Ästhetische in den privaten Winkel: Es wird ab/solut. aus e. Notizbuch, 17. 10. 08
tanzende Mänade zuGeschmackssachen aus derStandard.at, 18. 1. 2025
Warum wir beim Musikhören automatisch im Takt blinzeln Menschen
synchronisieren unbewusst ihren Lidschlag mit dem Rhythmus der Musik –
und das überraschend zuverlässig. Das könnte Hinweise auf Prozesse im
Gehirn geben
von Karin Krichmayr
Auch wenn Sie zu jenen Menschen gehören, die meinen, nicht einmal mit
der Wimper zu zucken, wenn härtester Industrial-Sound die Gehörgänge
zermalmt: Sie werden vermutlich dennoch automatisch im Rhythmus
blinzeln, wenn Sie Musik hören. Das fand ein chinesisches
Wissenschaftsteam heraus. Es servierte ihren Probandinnen und Probanden
allerdings klassische Musik.
Wenn wir nicht anders können, als bei einem Konzert oder vor dem
Radio mit den Füßen zu wippen und mit dem Kopf zu nicken, dann liegt das
an einem neurologischen Prozess, der auditorisch-motorische
Synchronisation heißt. Diese Verbindung hilft auch Läufern, ihr Tempo zu
halten, wenn sie Songs mit einer bestimmten Anzahl von Beats pro Minute
hören.
Wir reagieren aber nicht nur mit Bewegungen auf Musik, die wir
bewusst machen oder abstellen können. Auch der unbewusste Lidschlag
gleicht sich an den Beat an, wie ein Forschungsteam rund um die
Psychologin Yi Du von der chinesischen Akademie der Wissenschaften im
Fachmagazin Plos Biology
berichtet. Das offenbare einen verborgenen Zusammenhang zwischen dem
Hören von Musik und dem okulomotorischen System, das die Bewegung der
Augen steuert.
Blinzel-Frequenz
Blinzeln ist zunächst ein physiologischer
Vorgang, um das Auge zu schützen und zu befeuchten. Erwachsene kommen
auf durchschnittlich zehn bis 15 Lidschläge pro Minute, bei Kindern sind
es weniger. Je nach Situation kann die Frequenz schwanken: Bei
konzentrierter Arbeit vor dem Bildschirm kann sie sinken, bei Nervosität
stark ansteigen.
Das Auge samt seinem Wimpernschlag kann ein Fenster zu den Vorgängen im Gehirn sein.
Blinzeln scheint daher eng mit einigen kognitiven Prozessen verknüpft
zu sein. Nicht nur gibt es Zusammenhänge mit der Aufmerksamkeit, das
Blinzeln ist auch Teil der nonverbalen Kommunikation
und dient der Segmentierung von Gedanken und Wahrnehmung. Hier wirkt
der Lidschlag wie ein Reset und trägt dazu bei, das Gehirn für einen
kurzen Moment zu entlasten.
Bach-Choräle vor- und rückwärts
In der Studie hörten nun 123
junge Erwachsenen ohne musikalische Vorbildung Choräle von Johann
Sebastian Bach, während ihre Gehirnaktivität und ihre Augenbewegungen
gemessen wurden. Sie wählten dabei Stücke mit gleichmäßigem Tempo aus.
Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmenden nicht nur im Takt zu blinzeln
begannen, auch ihre Gehirnströme passten sich an.
Zur Sicherheit spielten die Forschenden die Choräle rückwärts ab, um
zu überprüfen, dass die Testpersonen nicht auf andere melodische Signale
reagierten, doch sie blinzelten trotzdem im Takt. "Was uns am meisten
überrascht hat, war, wie zuverlässig so eine kleine Bewegung wie das
Blinzeln mit dem Takt synchronisiert ist – diese winzige Handlung weist
auf eine tiefgreifende Koordination zwischen Hören und Bewegung hin, die
wir überhaupt nicht erwartet hatten", sagt Yi Du.
Die Forschenden interpretierten das als Hinweis darauf, dass das
Gehirn die Struktur der Klänge genau verfolgt – allerdings nur, wenn die
Aufmerksamkeit auf die Musik gerichtet ist. Denn in einem weiteren
Experiment mussten die Teilnehmenden während des Musikhörens darauf
warten, dass ein roter Punkt auf dem Bildschirm vor ihnen erscheint. Die
Folge: Das Blinzeln verlief nicht mehr im Takt, unabhängig davon, ob
der Punkt im Takt der Musik oder außerhalb davon erschien. Die
Forschenden schließen daraus, dass auch eine unbewusste Reaktion wie der
Lidschlag erfordert, dass wir uns auf die Musik konzentrieren.
Zeitmechanismen im Gehirn
Die Untersuchung solcher Phänomene
könne helfen zu verstehen, wie Sinneswahrnehmungen und Gehirnfunktionen
verdrahtet sind, hofft das Forschungsteam. Es gebe bereits Hinweise
darauf, dass bestimmte neurologische Erkrankungen, die die
Körperbewegung beeinträchtigen, mit Musiktherapien behandelt werden
können, die die auditiv-motorische Synchronisation nutzen.
"Ich fand es toll, dass ein einfaches, nicht-invasives Signal wie das
Blinzeln als Fenster zur Rhythmusverarbeitung dienen kann. Das eröffnet
Möglichkeiten für Studien außerhalb des Labors", sagt die Expertin für
Sprach- und Musikwahrnehmung. Sie sei beeindruckt davon, "dass die Augen
mit den Ohren im Takt bleiben – das ist ein elegantes, alltägliches
Zeichen für die Zeitmechanismen des Gehirns."
Warum ist der Mensch intelligenter als andere Tiere?
Neuronen ähneln simplen Microchips und nicht Ein-/Ausschaltern
Die Neurowissenschaft ging lange davon aus, dass Menschen
vor allem deshalb intelligenter als andere Tiere sind, weil sie mehr
Neuronen besitzen und weil diese stärker miteinander verknüpft sind. Nun
wurde entdeckt, dass die Intelligenz auch auf den besonderen
morphologischen Aufbau zurückgeht, dank dem menschliche Neuronen nicht
wie ein Ein-/Ausschalter funktionieren, sondern wie ein simpler
Microchip.
Jerusalem (Israel).Menschen sind den meisten
anderen Tierarten in vielen kognitiven Bereichen wie der Sprache und dem
abstrakten Denken deutlich überlegen. In der Forschung
ging man lange davon aus, dass die hohe Intelligenz des Menschen vor
allem darauf zurückgeht, dass sein Gehirn im Verhältnis zu seiner
Körpergröße überdurchschnittlich groß ist und besonders stark vernetzt
ist. Nun haben Wissenschaftler der Hebrew University of Jerusalem (HUJI)
um Idan Segev eine Studie publiziert, laut der das komplexe Netzwerk
aus rund 86 Milliarden Nervenzellen im Gehirn eines erwachsenen Menschen
nicht allein für die hohe Intelligenz verantwortlich sind.
Wie die Forscher erklären, können einzelne menschliche Neuronen
deutlich komplexere Berechnungen durchführen als die Neuronen anderer
Säugetiere. Dies könnte dabei helfen zu erklären, wieso Menschen
intelligenter sind als Elefanten, die mehr Neuronen besitzen, und
intelligenter als Honigbienen, deren Neuronendichte höher ist.
„Menschen stellen sich ein Neuron oft als einen
einfachen Schalter vor, der entweder an- oder ausgeht. Was wir zeigen,
ist, dass ein einzelnes menschliches Neuron selbst ein außerordentlich
hochentwickeltes Rechengerät ist“, erklärt Idan Segev.
„Rechenleistung“ einzelner Neuronen
Laut den Wissenschaftlern um Idan Segev haben Studien zunehmend
Hinweise darauf erbracht, dass nicht nur die Zahl der Neuronen, sondern
vor allem ihre Eigenschaften entscheidend für die Intelligenz sind. Ein
Beispiel dafür sind die Neuronen der menschlichen Großhirnrinde, die
besonders lange, verzweigte Dendritenfortsätze besitzen.
Nota. - Dass Menschen intelligent sind, unterscheidet sie nicht von den Tieren; sondern nur, dass sie intelligenter sind: Der Unterschied ist bloß graduell. Doch ein rein quantitativer ist er eben auch nicht: Die Neuronen im Menschenhirn sind nicht nur zahlreicher, sondern auch qualitativ anders als beim Tier. JE
Kaum schrieb ich, die Krise der CDU habe eben erst angefangen - und schon sind wir mittendrin. So trivial ist es: Es hängt an der Merz-Regierung.
Wenn die scheitert - was scheitert dann noch? Um die SPD wärs nicht schade. Die hängt wie ein Parasit am Bein der Union und weiß, dass ihr Erfolg die Regierung zum Scheitern brächte - und dass das auch ihr Ende wäre; und kann ihn darum nicht wirklich wollen, und darum tut sie grad noch das Mindeste, was ihre verblie-bene Klientel von ihr erwarten mag; nach ihnen die Sintflut.
Merz hat sich in eine Situation gebracht, die er selbst gesucht hat, aber ohne zu ahnen, was auf ihn zukam. Es wurde gemunkelt, es sei nicht einmal Machtwille gewesen, sondern bloß Eitelkeit. Das mag ihn selber überrumpelt haben, aber gekniffen hat er nicht, selbst auf die Gefahr hin, verwirrt zu wirken und füh-rungsschwach. Arrogant wirkt er immerhin nicht mehr; eher schon wie eine tragische Figur.
Angela Merkel hat für die CDU Wahlen gewonnen und war in ihrer Partei unan-fechtbar. Aber nicht in der CSU, deren Nase über den bairischen Horizont nicht hinausreicht, und hinter deren Rücken konnten sich ihre parteiinternen Gegner verstecken. Man mag ihr vorwerfen, sie habe Putin falsch eingeschätzt, aber da war sie ja wohl nicht die Einzige. Man muss ihr vorwerfen, sie habe nicht über die eige-ne Kanzlerschaft hinausgeblickt und ihre Partei nicht so geführt, dass sie ihr Pro-gramm über ihre Regierungszeit hinaus getragen würde.
Ihr Programm? Das war immer im Sichtflug, von einer Klippe um die andre herum. Dass sie Deutschland so vertreten hätte, dass es Europa anführen konnte, mochte man erstmals in der Griechenlandkrise finden, als ihr Schäuble die Hand führte. Aber dann in historischer Dimension im Herbst 2015 beim Flüchtlingsansturm. Die Lösung dieses Problems war eine europäische Aufgabe - weit über die internen Angelegenheiten hinaus: zu einer überkontinentalen Perspektive.
Wie bekannt, sind ihr die bairischen Provinzler und die Neider, die sich hinter ihnen versteckten, damals im entscheidenden Moment in den Rücken gefallen und haben eine große Chance vertan für Deutschland und für Europa in der Welt.
Merz hat sich damals nicht mit Ruhm bekleckert. Aber es ist einmal so, wie es ge-worden ist. Und da kamen dann Trump und Putin hinzu. Damit muss sich Merz heute herumschlagen, und wir Deutschen können nicht wirklich wünschen, dass ers vermasselt. Seine verbliebene Chance ist vielleicht die letzte, die uns verbleibt: näm-lich Deutschlands Parteienlandschaft so umzupflügen, dass sich die Spreu vom Weizen trennt, dass sich die paar verbliebenen Glücksritter und die große Legion der Pöstchenjäger ins Showgeschäft verziehen, wohin sie gehören, und sich die Politischen im Land um eine scharfe Mitte zusammenfinden, um die sich die Rän-der ranken müssen, statt den Takt anzugeben.
Merz hat sich in den letzten Wochen nicht als ein mit allen Wassern gewaschener Taktiker erwiesen. Doch das hätte ihn zu einer solchen Aufgabe auch gar nicht qualifiziert. Dafür bräuchte man einen, dem man glaubt, was er sagt. Davon müsste er uns nun überzeugen.
Nicht eben wahrscheinlich? Aber gerade darum unverzichtbar.
Bronzezeit: Klima-Fernwirkung zerstörte die Welt des Odysseus
Vor
3200 Jahren endete die Bronzezeit, eine Phase großer Hochkulturen, in
einer mehreren Zusammenbrüchen. Nun ist das Rätsel um eine mögliche
Ursache gelöst.
Homers
große Epen »Ilias« und »Odyssee« sind nicht nur Geschichten über
mythische Helden, sondern auch Zeugnisse der Bronzezeit, einer Epoche
blühender Hochkulturen und Reiche. Doch dieses Goldene Zeitalter des
östlichen Mittelmeerraums endete vor 3200 Jahren während einer langen regionalen Dürre
in einem bis heute rätselhaften Kollaps. Wie nun Katherine Power und
Qiong Zhang von der Universität Stockholm berichten, machten zwei
spezielle Klimaeinflüsse diese spezifische Trockenperiode so verheerend.
Laut ihrer in der Fachzeitschrift »Science Advances« veröffentlichten Analyse
bestimmten eine langfristige Veränderung der Erdbahn einerseits und
zyklische Veränderungen im Atlantik andererseits, wie trocken der
östliche Mittelmeerraum während der vergangenen rund 8000 Jahre war.
In der Bronzezeit hatten sich im östlichen Mittelmeerraum und dem Fruchtbaren Halbmond große und gut organisierte Reiche etabliert.
Homers Achaier, heute als mykenische Kultur bezeichnet, bildeten den
nordwestlichen Rand dieses Kulturraums. Dort waren die Reiche der
Hethiter, Assyrer, Babylonier, Elamiten und Ägypter eng vernetzt. Sie
alle einte jedoch ihre Verwundbarkeit gegenüber dem trockenen Klima der
Region.
Um herauszufinden, wie häufig und schwer besonders
trockene Phasen in den letzten paar Tausend Jahren waren, benutzten
Zhang und Power einen Typ von Simulation, der speziell darauf ausgelegt
ist, das Klima der als Holozän bezeichneten Epoche seit dem Ende der
letzten Eiszeit zu modellieren. In solche Simulationen fließen viele
historische Klimadaten ein, zum Beispiel Kohlendioxidkonzentrationen,
die man aus Eisbohrkernen kennt. Dadurch lassen sich mit solchen
Modellen regionale Effekte viel genauer abbilden.
Demnach
führten die zyklischen, langfristigen Veränderungen der Erdbahn dazu,
dass die Nordhalbkugel im Sommer nach und nach weniger
Sonneneinstrahlung erhält. Dadurch wird die Landoberfläche weniger warm,
was die Monsunsysteme schwächt und die innertropische Konvergenzzone
weiter südlich verlaufen lässt. Darum erreicht weniger Regen die
Subtropen.
Das Computermodell zeigt außerdem, dass die Stärke des
Strömungssystems AMOC sowie langfristige Wetterzyklen über dem Atlantik
eng mit Regenfällen im Mittelmeerraum gekoppelt waren. Wie Power und
Zhang berichten, überlagern sich dadurch mehrere Zyklen von einigen
Dutzend bis über 1000 Jahren Länge so, dass sie rund alle 1000 Jahre
zusammenfallen und eine sehr schwere, lang anhaltende Trockenperiode
verursachen. Eine von ihnen fiel demnach mit dem verheerenden Untergang
der bronzezeitlichen Welt des Odysseus zusammen.
aus FAZ.NET, 14. 1. 2026 Ludwig Fahrenkrug, Heilige Stunde, 1918zuGeschmackssachen
Gespräch mit Birgit Aschmann Die deutsche Liebe zur Natur – bloß ein Mythos? Während
Caspar David Friedrich romantische Wälder malte, begradigten andere den
Rhein: Die Historikerin Birgit Aschmann über deutsche Naturverehrung.
Frau
Aschmann, der Titel Ihres neuen Buchs lautet „Die Deutschen und die
Natur – Eine andere Geschichte des 19. Jahrhunderts“. Haben denn die
Deutschen ein besonderes Verhältnis zur Natur?
Wenn
man sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Deutschen im
neunzehnten Jahrhundert gegenüber der Natur verhalten haben, zeichnen
sich unweigerlich nationale Besonderheiten ab. Wenn man danach fragen
würde, wie Engländer oder Franzosen damals mit der Natur umgegangen
sind, würde man ebenfalls ein „besonderes Verhältnis“ entdecken. Dennoch
gibt es im deutschen Naturverhältnis Eigenheiten, die auch im
internationalen Vergleich auffallen.
Könnten Sie ein Beispiel nennen?
Die
Romantik war ein europäisches Projekt, aber die Innerlichkeit und der
kontemplative Blick auf die Natur war bei deutschen Romantikern
besonders ausgeprägt. Das wird in den Bildern Caspar David Friedrichs
deutlich. Bei Friedrichs britischem Zeitgenossen William Turner steckt
eine ganz andere Dramatik in den Gemälden, da wirkt die Natur gleich
viel weniger beschaulich. Oder vergleichen Sie Friedrichs Bilder mit der
revolutionären Drastik in Francisco Goyas „Saturn frisst seine Kinder“.
Im
20. Jahrhundert haben die Nationalsozialisten Caspar David Friedrich
allerdings nicht nur aus Gründen der Beschaulichkeit verehrt.
Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Berliner Humboldt-UniversitätUllstein Verlag
Die
propagandistische Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten kann
Friedrich nicht angelastet werden. Zwar lassen sich patriotische Motive
bei ihm finden, die vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege
entstanden sind. Ein Bild wie „Der Chasseur im Walde“, das einen
einsamen französischen Soldaten auf einer Lichtung zeigt, umgeben von
deutschen Tannen, mag sich als Warnung an den Feind deuten lassen.
Aufdringliche völkische Emotionen lassen sich hier aber nicht erkennen.
Mit dem aggressiven nationalistischen Aktivismus eines Ernst Moritz
Arndt oder eines Theodor Körner – beide gehörten zu Friedrichs Dresdner
Umfeld – war das nicht vergleichbar.
Gab es einen Begriff von Natur, der besonders prägend für das neunzehnte Jahrhundert war?
Dazu
war das Jahrhundert zu vielfältig. Für die romantische Naturverehrung
gab es kanonische Stichwortgeber wie Spinoza, Rousseau und Schelling,
die eine komplexe Ganzheitlichkeit beschworen. Allerdings stehen
begriffs- und ideengeschichtliche Entwicklungen nicht im Zentrum meiner
Untersuchung. Mir geht es um konkrete Handlungen, Gefühlsdynamiken,
Projekte und Verhaltensweisen. Für die Industrialisierung oder die
Rheinbegradigung spielten philosophische Konzepte keine nennenswerte
Rolle, da wurde einfach gemacht. Man suchte nicht groß nach einer
theoretischen Legitimation, um die Natur zu korrigieren oder
auszubeuten.
Die
Rheinbegradigung unter Leitung des badischen Ingenieurs Johann
Gottfried Tulla war damals das größte europäische Wasserbauprojekt. Wie
haben Zeitgenossen auf diesen massiven Umwelteingriff reagiert?
Das
hing vom Zeitpunkt und von der Personengruppe ab. Das Projekt wurde
1817 begonnen und kam 1876 zum Abschluss. Tulla, der 1828 verstarb,
leitete lediglich die erste Phase der Rheinbegradigung. Von Anfang an
handelte es sich um eine sehr kontroverse Angelegenheit, weil es
Verlierer und Gewinner gab. Nach der Begradigung des Flussbetts in Baden
verlagerte sich die Hochwassergefahr flussabwärts. Hessen und Preußen
protestierten, weil sie steigende Pegelstände fürchteten; das Projekt
kam zwischenzeitlich zum Erliegen. Auch der Fischbestand im Rhein
verringerte sich, und zahlreiche Fischer mussten sich umorientieren.
Der Beruf des Goldwäschers am Rhein starb schließlich ganz aus.
Wie kam es dazu?
Die
Bauarbeiten hatten zunächst sogar für ein erhöhtes Aufkommen von
Goldpartikeln im Rhein gesorgt. Von 1817 an brachen sprichwörtlich
goldene Zeiten an den Ufern des Flusses an. Nicht von ungefähr schrieb
Richard Wagner das Libretto für seine Oper „Das Rheingold“ in den
1850er-Jahren. Doch nachdem der Rhein sein festes, künstlich angelegtes
Bett eingenommen hatte, kamen die Goldfunde an ihr Ende. Dennoch
überwogen in der Wahrnehmung des neunzehnten Jahrhunderts die Vorteile
dieses Eingriffs.
Rheinstromkarte, umfassend das Gebiet zwischen links: Lauterburg / Au am Rhein, rechts: Worms / Lampertheim.
Zu diesen Vorteilen zählten?
Die
existenzielle Bedrohung durch regelmäßige Überflutungen am Oberrhein
war vorbei. Damit konnten zugleich die Gebiete in Ufernähe für die
Landwirtschaft genutzt werden. Auch bot der begradigte Fluss verbesserte
Bedingungen für die Schifffahrt, was Industrie und Handel entgegenkam.
Erst in den Siebzigern des zwanzigsten Jahrhunderts setzte ein
Bewusstsein für die ökologischen Nachteile der Rheinbegradigung ein.
Sie
zitieren Nietzsche, der schrieb: „Hybris ist heute unsere ganze
Stellung zur Natur, unsere Natur-Vergewaltigung mit Hilfe der Maschinen
und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit.“ Wie
verbreitet war diese Ansicht damals?
Der
Satz stammt aus „Zur Genealogie der Moral“ von 1887. Die Kritik an der
„Natur-Vergewaltigung“ war damals noch weit davon entfernt, Mainstream
zu sein. Aber es gab erste Naturschutzmaßnahmen. Man setzte sich dafür
ein, bestimmte Areale zu bewahren. Der Begriff des „Naturdenkmals“ kam
auf. Eine Infragestellung der Industrialisierung bedeutete das nicht.
Bei der Nutzung fossiler Energien spielte Nachhaltigkeit keine Rolle,
auf die die deutsche Forstwirtschaft so stolz war. Diese wurde im
Übrigen auch im europäischen Kolonialismus geschätzt. Der Vorwurf
gegenüber einheimischen „Naturvölkern“, mit den regionalen Ressourcen
nicht nachhaltig umzugehen, diente auch der Legitimierung deutscher
Kolonialherrschaft. Dabei zielte dieser „schonende“ Umgang mit der Natur
letztlich darauf, die wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonien über
lange Zeit zu sichern.
Gab es Ereignisse, die den Machbarkeitswahn im neunzehnten Jahrhundert nennenswert irritiert haben?
Vor
allem die Cholera-Epidemie, die 1831 erstmals nach Deutschland kam, war
eine enorme Herausforderung für den Fortschrittsglauben. Die Natur
zeigte sich hier von ihrer bedrohlichsten und am schwierigsten zu
bezähmenden Seite. Daher steht die Cholera beispielhaft für die Angst
vor der Natur. Lange wusste man nichts Genaues über die Infektionswege.
Zwischen 1830 und 1900 starben in Europa weit mehr Menschen durch
Infektionskrankheiten als durch Waffengewalt im Krieg.
Wie sah der Umgang mit Seuchen in Deutschland aus?
Bei
der Seuchenbekämpfung gab es verschiedene Paradigmenwechsel. Die
hygienische Revolution zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde an dessen
Ende von der bakteriologischen Revolution abgelöst. Als es nicht
zuletzt Robert Koch gelang, kleinste Lebewesen unter dem Mikroskop zu
erkennen, verlagerte sich die Stoßrichtung vom Kampf für Stadthygiene
auf jenen gegen einzelne konkrete Mikroorganismen. Es war der Siegeszug
der Labormedizin, gegen die sich wiederum die Lebensreform richtete.
Die
Lebensreform ging Ende des Jahrhunderts auf maximale Distanz zum Geist
der Industrialisierung. Offenkundig knüpfte man an die romantische
Naturverehrung an. Worin unterscheiden sich Lebensreform und Romantik?
Bei
der Lebensreform stand der menschliche Körper im Fokus, auch die
praktische Komponente und der (wenn auch versteckte)
gesellschaftsverändernde Anspruch waren stärker ausgeprägt als bei den
Romantikern. Allerdings ist „Lebensreform“ ein Sammelbegriff für sehr
verschiedenartige Veranstaltungen, die sich dem „Zurück zur Natur“
verschrieben haben. Die drei Hauptsäulen waren Naturheilkunde,
Freikörperkultur und Vegetarismus. Bei vielen Lebensreformern wurzelte
die starke emotionale Aufladung der Natur in einer religiösen und
politischen Dissidenz.
Inwiefern spielte die politische und religiöse Dissidenz bei Lebensreformern eine Rolle?
Exemplarisch
ist der Werdegang von Eduard Baltzer, einem Wegbereiter des
Vegetarismus in Deutschland. Nach dem Theologiestudium gelang es Baltzer
nicht, in der evangelischen Landeskirche als Pastor Fuß zu fassen, er
gründete eine freikirchliche Gemeinde. Prägend war auch die Erfahrung
des Scheiterns der Revolution von 1848, deren leidenschaftlicher
Anhänger Baltzer war. Später suchte er nach neuen Möglichkeiten der
Gesellschaftsveränderung und setzte beim Individuum und bei dessen
Ernährung an. Baltzer gründete einen Vegetarier-Verein und gab die erste
deutschsprachige Vegetarier-Zeitschrift heraus. Seine Ernährungslehre
hat Züge einer Ersatzreligion.
Charles
Darwin gehört zu den bedeutendsten Naturwissenschaftlern des
neunzehnten Jahrhunderts. Wie wurde seine Evolutionstheorie in
Deutschland aufgenommen?
Der
wohl einflussreichste Popularisierer der Evolutionstheorie hierzulande
war der Zoologe Ernst Haeckel. Er beschränkte sich nicht auf reine
Vermittlungsarbeit, sondern verstärkte den Gedanken vom „Kampf ums
Dasein“, der bei Darwin vergleichsweise zurückhaltend formuliert ist.
Haeckel übertrug biologische Vorstellungen auf gesellschaftliche
Verhältnisse. Dieser Sozialdarwinismus prägte im Wilhelminismus weite
Kreise. Auch förderte Haeckel Autoren, die seine Thesen noch mal
radikalisierten, beispielsweise Wilhelm Schallmayer, einer der
Wegbereiter der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“.
Vom
allzu Offensichtlichem wie Klimaschutz, Reformhäusern oder
Outdoor-Tourismus mal abgesehen – welche Verhaltensweisen, die man im
neunzehnten Jahrhundert gegenüber der Natur an den Tag legte, wirken
heute nach?
Die
Ambivalenz von damals gibt es noch heute. Angebote wie Seminare zum
„Waldbaden“ illustrieren Tendenzen der Verehrung der Natur. Corona
zeigte hingegen die Aktualität der Angst vor unberechenbaren Mikroben.
Auch die industrielle Ausbeutung der Natur wird etwa in der globalen
Jagd nach Seltenen Erden fortgesetzt. Und der Wille, die Natur zu
korrigieren, findet sich in Schönheitsoperationen ebenso wie in den
Initiativen, mittels Genschere das Erbgut von Pflanzen, Tieren oder
sogar Menschen zu „verbessern“.
In
Ihrem Buch wird deutlich, wie verschiedenartig, aber auch wie
willkürlich, konstruiert und missbrauchsanfällig unser Verständnis von
Natur ist. Können Sie sich eigentlich noch während eines
Waldspaziergangs erholen?
Aber
ja! Das Bedürfnis, die Lungen mit frischer Luft zu füllen und sich in
der freien Natur zu bewegen, ist nicht nur ein kulturelles, sondern auch
ein physiologisches. Der Mensch ist eben nicht nur „Kultur“, sondern
auch „Natur“.
Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Berliner Humboldt-Universität.
Ihr Buch „Die Deutschen und die Natur – Eine andere Geschichte des 19.
Jahrhunderts“ (720 S., geb., 38,– €) ist im Propyläen-Verlag erschienen.
Nota. - Nicht zu vergessen der irrationale Naturkult, wie er selbst in Horkheimer-Adornos Dialektik der Aufklärung Eingang fand. JE
Die Wurzel des Übels ist die Idee der politischen Korrektheit. Sie bedeutet die Anmaßung einer Menschengruppe, so groß sie sei, sich Andern als normgebend vorzusetzen; von da ab wird alles denkbar.
Jeder Spießer neigt im Herzen dazu. Bedenke aber: Möglich ist das nur, wo Öffentlichkeit herrscht.