Kandinsky, 1932
aus derStandard.at,13. 4. 2026 zu Jochen Ebmeiers Realien
Oops!... I did it again. Menschen ab Mitte 30 müssen im Normalfall nur die ersten Takte von Britney Spears' Hit hören und können den gesamten Text mitsingen – und tun das oft auch, völlig losgelöst. Sorry, der nächste Ohr-wurm...
Alte Hadern aus der Jugend mitsingen? Definitiv kein Problem. Aber warum man gerade vom Schreibtisch aufgestanden und in die Küche gegangen ist? Hm, gute Frage...
Solche Aussetzer kommen mit zunehmendem Alter öfter vor und man stellt sich die Frage: Sind das erste Anzeichen des kognitiven Verfalls? Womöglich stellt sich sogar ein leises, nagendes Gefühl der Angst ein, dass das Gehirn nicht mehr ordentlich arbeitet.
Doch deshalb muss man sich keine Sorgen machen. Die Tatsache, dass man jedes Wort eines alten Hits kennt, aber eine gerade gefasste Absicht vergisst, ist kein Zeichen für ein nachlassendes Gedächtnis. Das demonstriert vielmehr, wie das Gedächtnis funktioniert.
Man spricht oft über das Gedächtnis, als stünde hinter seiner Funktion ein linearer Prozess. Das ist aber nicht der Fall, erklärt Michelle Spear, Anatomieprofessorin an der britischen University of Bristol, auf der Wissenschaftsplattform The Conver-sation. Vielmehr speichert das Gehirn Informationen, indem es Nervenzellen über Synapsen zu dynamischen Netzwerken verbindet.
Liedtexte etwa sind im Langzeitgedächtnis gespeichert. Dabei handelt es sich um Netzwerke, die über das gesamte Gehirn verteilt sind, die über Jahre angesammelte Informationen speichern. Zu diesen Netzwerken gehören die Sprachzentren in den Temporallappen, der auditorische Kortex, motorische Regionen, die an der Sprachproduktion beteiligt sind, und emotionale Schaltkreise im Gehirn, die dazu beitragen, Erlebnisse als bedeutsam einzuordnen.
Musik ist dabei neurologisch gesehen komplex: Sie spricht mehrere Systeme gleichzeitig an, die für Rhythmus, Sprache, Bewegung und Emotion. Und genau diese Vielschichtigkeit verstärkt die Informationsverarbeitung. Jedes Mal, wenn man einen Liedtext (mit)gesunden hat – im eigenen Zimmer, im Auto, auf einer Party – wurden dadurch die daran beteiligten synaptischen Verbindungen gestärkt. Mit der Zeit wird dieser Signalweg effizient und stabil, das Abrufen der Texte erfolgt nahezu automatisch.
Will man sich daran erinnern, warum man in die Küche gegangen ist, ruft man dagegen das Arbeitsgedächtnis auf, also den temporären Speicher des Gehirns. Das Arbeitsgedächtnis ist aber wenig belastbar: Es kann nur eine geringe Menge an Informationen für kurze Zeit speichern und reagiert äußerst empfindlich auf Ablenkungen. Ein einziger konkurrierender Gedanke kann schon genügen, um den Speicher zu überschreiben.
Psychologen erklären das mit dem "Türschwelleneffekt": Begibt man sich von einem Ort an einen anderen, aktualisiert das Gehirn den Kontext. Es unterteilt dabei die Erfahrungen in einzelne Episoden: Die im vorherigen Raum gebildete Absicht – "einen Kaffee holen", "den Schlüsselbund finden" – wurde in diesem früheren Kontext kodiert. Das Überschreiten einer Schwelle kann den Abruf-hinweis schwächen und die Aufgabe verschwindet.
Das ist keinesfalls Ineffizienz des Gehirns, es ist vielmehr eine Organisationsstra-tegie. Das Gehirn gliedert Erfahrungen in sinnvolle Einheiten, genau durch diese Segmentierung sorgt es dafür, dass wir uns an Dinge sehr lange erinnern. Musik profitiert dabei zusätzlich von ihrer Struktur: Reim und Rhythmus erzeugen vorhersehbare Muster, Vorhersehbarkeit fördert wiederum das Erinnern, da das Gehirn ständig antizipiert, was als Nächstes kommt.
Gehirnstudien auf Basis von bildgebenden Verfahren zeigen, dass das musikalische Gedächtnis weitverbreitete kortikale und subkortikale Regionen aktiviert. Das funktioniert so gut, dass das musikalische Gedächtnis selbst bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer sehr lange erhalten bleibt, nachdem andere Formen des Erinnerns bereits nachgelassen haben.
Die Tatsache, dass man Jahrzehnte später immer noch eine textlich fehlerfreie Karaoke-Version des damaligen Lieblingshits liefern kann, zeigt: Die Stärke des Gedächtnisses hängt weniger vom Alter ab, sondern vielmehr von der Tiefe der Speicherung. Ein in der Jugend hunderte Male wiederholter Text ist neurologisch "stärker" als eine flüchtige Absicht, die erst vor fünf Sekunden entstanden ist.
Dazu kommt, dass die Verarbeitungsgeschwindigkeit mit dem Alter tendenziell etwas abnimmt. Dadurch wird das Arbeitsgedächtnis störungsanfälliger, Multi-tasking wird schwieriger. Doch Langzeitwissen wie Wortschatz, Fachwissen oder gut verinnerlichte Informationen bleibt oft erhalten oder steigert sich sogar.
Hat man also vergessen, warum man in die Küche gegangen ist, hat das wenig mit kognitivem Abbau zu tun. Vielmehr kommt es von einer Überlastung der Aufmerk-samkeitskapazität. Die moderne (Arbeits)Welt ist von ständigen Ablenkungen geprägt: Nachrichten, Aufgabenliste, konkurrierende Anforderungen, innere Gedanken. Das Arbeitsgedächtnis ist aber nicht darauf ausgelegt, dieser Belastung standzuhalten.
Es ist dabei nicht so, dass das Gehirn keine Informationen mehr speichern kann. Aber es wählt selektiv aus, welche Gedanken oder Absichten stabil bleiben. Doch es gibt Methoden, wie man den Türschelleneffekt umgehen kann.
Eine der einfachsten Methoden ist, die Aufgabe laut auszusprechen, bevor man sich bewegt. Durch die Verbalisierung einer Absicht – "Ich gehe in die Küche, um mir einen Kaffee zu holen" – werden zusätzliche sprachliche Netzwerke aktiviert, das verankert sie besser im Gehirn.
Ein weiterer Ansatz ist eine kurze Visualisierung. Stellt man sich das Objekt der Begierde – eine Tasse Kaffee – kurz vor, erzeugt man eine nachhaltigere mentale Spur als durch die vage Absicht allein.
Auch ein physischer Hinweis kann helfen: Nimmt man beispielsweise eine leere Tasse mit, bevor man in die Küche geht, verankert das den Zweck des Weges in etwas Greifbarem. Diese Strategien funktionieren, weil sie die Absicht bekräftigen, bevor eine veränderte Situation sie unterbricht. Dadurch wird das Gedächtnis weniger anfällig für Störungen.
Es ist also alles in Ordnung, wenn Britney Spears emotionale Gefühle in einem auslöst. Indem das Gehirn tief eingeübte, emotional aufgeladene Informationen gegenüber flüchtigen Absichten priorisiert, tut es genau das, wofür es gemacht ist.
Nota. - Das Gedächtnis ist keine logisch sortierte Tabelle, sonden ein pragmatischer Vorrat: Es ist um des Handelns willen entstanden und nicht fürs bloße Einordnen wegen. Es sucht eine Dynamis und kein Lexikon - was abseits des Handlungsstran-ges liegt, bleibt unbeachtet. Und welcher Eintrag jünger oder älter ist, entscheidet weniger darüber, was am leichtesten gefunden wird, als darüber, was ich am sicher-sten aufbewahre. Da mag sich einiges überschneiden und durchkreuzen.
JE




