Dienstag, 10. Februar 2026

Entscheiden.

sport1                
aus scinexx, 10. 12. 19

Wie ein Elfmeterschießen im Gehirn entschieden wird
 
Elfmeterschießen bei der Fußballweltmeisterschaft. Alle Augen sind auf den besten Stürmer der Mannschaft gerichtet. Er soll den entscheidenden Schuss vollbringen, möglichst am Torwart vorbei. Der Stürmer muss sich entscheiden, ob er in die rechte oder linke Torecke schießt. Im Gehirn plant er dafür bereits beide Handlungsoptionen, noch bevor er eine Entscheidung getroffen hat. Zeigt der Torwart durch seine Haltung an, dass er im entscheidenden Moment nach rechts springen wird, so wird der Stürmer bei der Bewegungsplanung im Gehirn eine vorläufige Präferenz für die linke Ecke entwickeln. Doch wie wirkt sich diese Tendenz auf die Entscheidung aus, wenn der Torwart kurz vorm Schuss seine Haltung ändert? Wird der Stürmer trotzdem nach links schießen? Und wie wird dieser Prozess auf der Ebene der Nervenzellen gesteuert?

Neurowissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen haben die Fragen zur Entscheidungsfindung beim Elfer in einer Studie mit Rhesusaffen unter- sucht. Sie konnten zeigen, dass für den Entscheidungsprozess zwei verschiedene Nervenzelltypen im gleichen Hirnareal zuständig sind. Eine vorläufige Tendenz für einen Handlungsplan beeinflusst dabei die schlussendliche Entscheidung und die Gewichtung beider Optionen ist schon vorher auf neuronaler Ebene sichtbar. Der Stürmer wird also wahrscheinlich auch dann nach links schießen, wenn der Torwart seine Haltung plötzlich ändert – und der Elfmeter dadurch eventuell misslingen.

Die Wissenschaftler haben zwei Rhesusaffen darauf trainiert, eine Aufgabe am Bildschirm durchzuführen. Gleichzeitig wurde die Aktivität der Nervenzellen in ihrem Gehirn gemessen. Auf dem Touchscreen erschienen kreisrunde Signale, die die Affen berühren sollten. Die Kreise zeigten sich rechts oder links, oben oder unten auf dem Bildschirm. Der Ort, wo sie erschienen, war zufällig, die Affen erhielten aber vorher in Form von kleinen Pfeilen einen Hinweis, wo das nächste Signal erscheinen könnte. Zeigten sich zum Beispiel gleichzeitig ein großer violetter Pfeil, der nach links und ein kleiner blauer Pfeil, der nach rechts wies, so war die Wahrscheinlichkeit größer, dass das Signal auf der linken Seite erschien. Diese Erwartung wurde aber in unregelmäßigen Abständen durchbrochen, in dem das Signal genau gegenüber von der vorher angezeigten Richtung auftauchte oder beide Signale gleichzeitig rechts und links erschienen, die dann frei angewählt werden konnten.


Die Forscher beobachteten, dass die Affen eine Tendenz entsprechend der vorher gezeigten Richtungspfeile entwickelten. Erschien das Signal auf der erwarteten Seite, lösten sie die Aufgabe richtig und schnell. Zeigte sich das Signal wider Erwarten auf der gegenüberliegenden Seite, verlängerten sich die Reaktions- zeiten und die Affen machten mehr Fehler. Hatten die Tiere die freie Wahl, zogen sie in den meisten Fällen diejenigen Signale vor, die auf der vorher angezeigten Seite erschienen, auch wenn beide Möglichkeiten objektiv betrachtet gleichwertig waren.

„Eine vorläufige Handlungstendenz beeinflusst nachfolgende Entscheidungen, auch wenn sich die Tatsachen zwischenzeitlich ändern“, sagt Lalitta Suriya-Arunroj, Erstautorin der Studie. „Auch wenn die Affen die freie Wahl hatten, entschieden sie sich für ihren vorläufig gefassten Handlungsplan. Ganz ähnlich ergeht es dem Stürmer vorm Tor. Er sieht, dass der Torwart nach rechts springen will und plant zunächst die linke Ecke. Auch wenn der Torwart im letzten Moment wieder eine neutrale Haltung einnimmt, wird er deshalb in den meisten Fällen diese Schussrichtung beibehalten und der Elfmeter wird möglicherweise abgefangen.“

Auf der Ebene der Nervenzellen konnten die Wissenschaftler zudem eine neue Entdeckung machen: Die Entscheidungsfindung und die Gewichtung zwischen mehreren Handlungsalternativen werden auf neuronaler Ebene als dualer Prozess abgebildet. Dafür zuständig sind zwei verschiedene Arten von Nervenzellen. Die erste Gruppe ist für die Kodierung des bevorzugten Ziels zuständig. So lange keine Tendenz besteht, sind sie nicht aktiv, sie regen sich erst, wenn eine Präferenz für eine Handlungsoption entsteht. Die Zellen werden dann umso aktiver, je stärker die Tendenz für diese Option wird. Die zweite Gruppe von Nervenzellen zeigt von Beginn an alle gegebenen Alternativen an. Entschieden wird danach, welche der Handlungsoptionen nicht in Frage kommt. Die Nervenzellen, die für die nicht präferierte Möglichkeit kodieren, werden umso stärker herunterreguliert, je weniger die Option in Betracht kommt. Nach dem Ausschlussprinzip bleibt schließlich diejenige Option übrig, die die beste Wahl darstellt.

„Dass für den Entscheidungsfindungsprozess zwei verschiedene Nervenzellen im gleichen Hirnareal zuständig sind, ist eine neue Erkenntnis dieser Studie“, sagt Alexander Gail, Leiter der Forschungsgruppe Sensomotorik am DPZ und ebenfalls Autor der Studie. „Die Planung wird also im Gehirn durch einen dualen Vorgang gesteuert, der sowohl starke Handlungstendenzen widerspiegelt als auch alle anderen Möglichkeiten abbildet, die durch das Ausschlussprinzip nacheinander eliminiert werden können. Dadurch ermöglicht uns das Gehirn ausbalancierte und flexible Entscheidungen. Der Stürmer vorm Tor ist somit trotz seiner ersten Präferenz in der Lage, die andere Torecke als Option nicht sofort auszuschließen, kann im letzten Moment [entscheiden?]. (eLife, 2019; doi: 10.7554/eLife.47581)

Quelle: Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung
  von Kay Sanders

 

Montag, 9. Februar 2026

Der Bonobo und die Einbildungskraft.

Kanzi 
aus scinexx.de, 6. 2. 2026                                                                            zu Jochen Ebmeiers Realien  

Bonobo Kanzi knackt menschliche Domäne
Menschenaffe versteht imaginäre Objekte und kann "so tun als ob"

So tun als ob: Auch Menschenaffen verstehen das Konzept imaginärer Objekte – eine bislang als rein menschlich geltende Fähigkeit. Im Experiment begriff der Bonobo Kanzi beispielsweise, in welchem Glas imaginärer Saft aus einer leeren Karaffe gelandet sein musste. Gleichzeitig verstand der Bonobo, dass dies nicht real war, wie Forschende in „Science“ berichten. Kanzi demonstriert damit erstmals, dass auch Menschenaffen über Vorstellungskraft verfügen und so tun können als ob.

Lange galten einige kognitive Fähigkeiten als alleinige Domäne des Menschen: Nur wir, so dachte man, können Werkzeuge herstellen, uns in die Perspektive anderer hineinversetzen, uneigennützig handeln oder vorausplanen. Doch Menschenaffen haben diese Grenze des typisch menschlichen immer weiter verschoben. Inzwischen ist klar, dass auch Schimpansen und Bonobos diese Fähigkeiten besitzen.

Kanzi
Der 43-jähige Bonobo Kanzi ist für seine sprachlichen Fähigkeiten berühmt. Er kennt 300 abstrakte Symbole und kann mit ihnen kommunizieren.

So tun als ob – einzigartig menschlich?

Jetzt hat ein Menschenaffe eine weitere Domäne des Menschen geknackt: die Fähigkeit, in Scheinwelten abzutauchen und sich imaginäre Objekte vorzustellen. Ein typisches Beispiel für dieses „So tun, als ob“: Menschenkinder spielen oft Kaufladen, Essenkochen oder Teepartys, bei denen sie imaginäre Getränke und Speisen zubereiten, verkaufen oder zu sich nehmen. Kinder verstehen solche Fantasiespiele schon im Alter von zwei Jahren.

Die kognitive Herausforderung liegt darin, dass wir uns diese Scheinwelt parallel zur realen Welt vorstellen – ohne sie miteinander zu vermischen oder zu verwechseln. „In solchen Schein-Kontexten müssen wir parallel zur Realität eine zweite Ebene der Vorstellung entwickeln“, erklären Amalia Bastos und Christopher Krupenye von der Johns Hopkins University in Baltimore. Bislang galt diese Fähigkeit der sekundären Repräsentation als einzigartig menschlich.

Das Experiment: Schein-Saft und imaginäre Trauben

Doch der berühmte Bonobo Kanzi belehrt uns nun eines Besseren. Dieser 43 Jahre alte Bonobo wurde berühmt, weil er mithilfe von abstrakten Symbolen mit uns Menschen kommuniziert und auch menschliche Sprache versteht. Der Bonobo kann mehr als 300 verschiedene Symbole unterscheiden und sie durch Antippen auf einer Tastatur zu einfachen, aber sinnvollen Sätzen kombinieren. In drei Experimente haben Bastos und Krupenye nun untersucht, ob Kanzi auch das Konzept imaginärer Objekte versteht.

Im ersten Test standen zwei durchsichtige, leere Becher sowie eine leere, durchsichtige Kanne auf dem Tisch. Eine Person goss nun Schein-Saft aus der leeren Kanne in einen der beiden Becher. Dann fragte sie Kanzi: Wo ist der Saft? In einer zweiten Variante wurden erst beide Becher mit Schein-Saft gefüllt, dann der Inhalt des einen zurück in die Kanne geschüttet. Wenn der Bonobo das Konzept des Fantasiespiels versteht, müsste er in beiden Fällen konsequent auf den mit imaginärem Saft gefüllten Becher zeigen.

Scheinwelt im Kopf

„Genau das tat Kanzi: Der Bonobo wählte in 34 von 50 Durchgängen den korrekten Becher – das entspricht 68 Prozent richtiger Antworten“, berichten die Biologen. Ähnliches zeigte sich in einem weiteren Test, in dem statt Schein-Saft imaginäre Tauben auf eine von zwei Schalen verteilt wurden: Kanzi lag auch hier bei 31 von 45 Durchgängen richtig. Diese Ergebnisse erzielte der Menschenaffe zudem ohne gezieltes Training oder eine Belohnung für richtige Antworten, wie das Team betont.

Aber begriff der Bonobo wirklich, dass der Mensch so tat, als ob? „Theoretisch wäre denkbar, dass Kanzi einfach nur glaubte, dass wirklich echter Saft in den Bechern war“, erklären die Biologen. Um das auszuschließen, führten sie einen weiteren Test durch. In diesem stand ein Becher mit echtem Saft auf dem Tisch, ein zweiter war leer. Mit der leeren Kanne goss der Experimentator dann beide Becher mit imaginärem Saft voll. Wenn Kanzi den Schein-Saft für echt hält, müsste er beide Becher gleich häufig wählen. Das war aber nicht der Fall.

„Transformative Erkenntnis“

Damit belegt dieses Experiment zum ersten Mal, dass auch ein Menschenaffe Vorstellungskraft besitzt. „Kanzi ist in der Lage, sich ein Schein-Objekts vorzustellen und zugleich zu wissen, dass es nicht real ist“, sagt Bastos. „Demnach kann er sich in seinem Geist Dinge vorstellen, die nicht da sind.“ Die Ergebnisse liefern den klaren Beweis, dass zumindest einige Menschenaffen das Konzept des so Tuns als ob verstehen. 

Dies stellt gängige Annahmen über die kognitiven Grenzen unserer tierischen Verwandten infrage. „Vorstellungskraft wurde lange als zentrales Element des Menschseins betrachtet. Die Erkenntnis, dass diese Fähigkeit nicht einzigartig für unsere Spezies ist, ist wirklich transformativ“, sagt Krupenye. „Dies gibt Anlass dazu, erneut zu überdenken, was uns besonders macht.“

Keine rein menschliche Domäne mehr

Kanzi bestätigt zudem frühere, rein anekdotische Beobachtungen auch bei anderen Menschenaffen: „In freier Wildbahn tragen weiblichen Schimpansen manchmal Stöcke mit sich herum als wären diese ihr Baby“, berichten Bastos und Krupenye. Ein in Gefangenschaft gehaltener Schimpanse zog nach dem Bauklötzespiel oft imaginäre Klötze über den Boden, Bonobos „fütterten“ nach Aufforderung eine Puppe. Allerdings war bei diesen Beobachtungen nicht eindeutig klar, ob nicht doch eine Fehlinterpretation oder Einflussnahme durch die Betreuer dahintersteckte.

Kanzi belegt nun, dass diese Fähigkeit real ist – auch wenn dieser Bonobo durch sein Sprachlerntraining besondere Voraussetzungen mitbringt. „Es könnte sein, dass solche trainierten Menschenaffen im Hinblick auf diese Fähigkeit zur Imagination typisch für ihre Art sind. Aber ihre verbesserten kommunikativen Fähigkeiten machen es uns leichter, dies zu erkennen“, schreibt das Team. (Science, 2026; doi: 10.1126/science.adz0743)

Quelle: Science, Johns Hopkins University; 6. Februar 2026 - Nadja Podbregar

 

Nota. - Wenn Katzenkinder sich "zum Spaß" balgen, tun sie so als ob. Auch erwachsene Katzen tun das noch - seltener, aber bis ins hohe Alter. Von Delphinen nicht zu reden.

Eine spezifisch menschliche Fähigkeit war das nie. Spezifisch menschlich ist freilich die Rolle, die es in unserm Leben spielt. Und das ist nicht bloß die Häufigkeit. Wenn Tiere so als ob spielen, bleibt es ein momentanes und individuelles Verhalten. Bei uns Menschen führt das so-als-ob-Tun zu Ritualen, aus denen sich soziale Strukturen bilden. 

Das nennt man Symbolisieren. Alle Kultur beruht darauf; und die Geldwirtschaft: Wenn einer einen Groschen reicht und der andere ihm dafür einen Kaugummi gibt, dann gilt der eine so, als ob er der andere wäre. 

Beruht das alles auf unserer ursprünglichen Fähigkeit zum Spielen? Johan Huizinga wollte es glauben machen. Der springende Punkt ist aber nicht das Symbolisieren als Verfahren - das ist nur die formale Bedingung; sondern um die Bedeutung, die symbolisiert wird. Denn die ist die wirkliche Handlung, zu der das Symbol aufgerufen hat. Man mag es drehen, wie man will - um das Was kommt man nicht herum.
JE 

Sonntag, 8. Februar 2026

Bildgebendes Verfahren in der Quantenwelt.

Tunnelnde Elektronen  
aus scinexx.de, 5. 2. 2026                                                                                     zu Jochen Ebmeiers Realien

Quantenoptisches Mikroskop erreicht atomare Auflösung  
Kombination aus Tunneleffekt und Laserstrahlung überwindet Auflösungsgrenze des Lichts 

Physiker haben ein Mikroskop entwickelt, das selbst atomkleine Strukturen sichtbar macht. Das Besondere daran: Nötig sind dafür nur eine ultrafeine Metallspitze, der Laserstrahl eines gängigen Infrarotlasers und ein Quanteneffekt: Tunnelnde Elektronen hinterlassen im Laserlicht charakteristische Signaturen, die Informationen über die Probe und ihre Struktur liefern. Diese neue Version der Nahfeld-optischen Mikroskopie (NOTE) eröffnet neue Möglichkeiten, atomare Prozesse zu erforschen, wie das Team erklärt.

Beim Blick in kleinste Strukturen stößt die Optik an eine grundlegende Grenze: das Licht selbst. Herkömmliche optische Mikroskope können keine Strukturen auflösen, die deutlich kleiner sind als die Wellenlänge des verwendeten Lichts. Um diese Abbesche Auflösungsgrenze zu überwinden, haben Physiker jedoch einige Tricks entwickelt. So nutzen das STED-Mikroskop und Quantengasmikroskope eine induzierte Fluoreszenz, andere Quantenmikroskope schärfen das Bild mithilfe verschränkter Photonen

NOTE-MIkroskop
Funktionsprinzip des NOTE-Mikroskops: Tunnelnde Elektronen zwischen Spitze und Probe verändern das eingestrahlte Laserlicht. Die dabei freigesetzte Emission liefert nahezu atomgenaue Informationen zur Probe. 

Metallspitze, tunnelnde Elektronen und Laserlicht

Ein weiterer neuer Ansatz ist das Nahfeld-optische Tunnelmikroskop (NOTE). Diese 2024 von Thomas Siday von der University of Birmingham erstmals vorgestellte Technik kombiniert das Prinzip des Rastersondenmikroskops mit der laserbasierten Messung. Dabei wird eine atomar feine Metallspitze dicht an die Atome der Probenoberfläche herangeführt. Im zweiten Schritt beschießen die Physiker den nur wenige Atombreiten schmalen Spalt zwischen Spitze und Probe mit ultrakurzen Laserpulsen.

Dieser Laserbeschuss löst einen quantenmechanischen Effekt im winzigen Spalt zwischen Mikroskopspitze und Probe aus: Elektronen beginnen, den wenige Nanometer kleinen Abstand zu durchtunneln – sie überwinden die bestehenden Energiebarrieren und bewegen sich zwischen beiden hin und her. Der Clou dabei: Dieses Tunneln verändert das eingestrahlt Laserlicht auf charakteristische Weise und erlaubt es dadurch, Informationen über Abstand, Leitfähigkeit und andere Merkmale der Probe zu gewinnen.

Das Problem jedoch: Die bisherige Version des NOTE-Mikroskops funktionierte nur mit Terahertzstrahlung und erforderte daher teure Speziallaser.

Vergleich
Vergleich der gepulsten Terahertz-Version (links) mit der neuen, auf einem gängigen Dauerstrichlaser beruhenden NOTE-Technik.
Infrarot-Dauerlaser statt aufwendiger Terahertzpulse

Das hat sich nun geändert: Dem Team um Siday und Erstautor Felix Schiegl von der Universität Regensburg hat eine Version des NOTE-Mikroskops konstruiert, die mit einem einfachen, kommerziell erhältlichen Infrarotlaser läuft. „Wir beobachten optische Signale, die auf Nanometer-Längenskalen moduliert werden“, berichten die Physiker. Im Test ließen sich dadurch Probenstrukturen auf atomarer Längenskala bis hinunter zu etwa 0,1 Nanometern messen.

„Wir messen wir damit quantenmechanische Elektronenbewegungen auf atomaren Längenskalen – ein echter Quantensprung, der die Auflösung optischer Mikroskopie im Vergleich zu herkömmlichen lichtbasierten Mikroskopen um nahezu den Faktor hunderttausend verbessert“, sagt Schiegl. Schon ein tunnelndes Elektron, das sich über eine Distanz kleiner ein Atomdurchmesser bewegt, reicht aus, um ein messbares optisches Signal zu erzeugen.

Vorstoß in zuvor kaum erreichbare Dimensionen

Nach Ansicht der Physiker ist dies ein echter Durchbruch in der Mikroskopietechnik. Denn es demonstriere, dass optische Messungen heute in Dimensionen vorstoßen können, die lange als unerreichbar galten. Besonders bemerkenswert sei, dass diese Auflösungen auch mit einem handelsüblichen Dauerstrichlaser erreichbar sind. „Die Beobachtung einer Nahfeld-optischen Tunnelemission unter Dauerlaser ist bemerkenswert, denn typischerweise erforderte dies ultrakurze Hochleistungs-Laserpulse“, schreibt das Team.

Mit der neuen NOTE-Technik sind solche leistungsstarken und teuren ultraschnellen Lasersysteme jedoch nicht mehr erforderlich. Dadurch wird die Methode technisch einfacher zugänglich und könnte künftig in vielen Laboren weltweit eingesetzt werden. Damit eröffnet dieser Ansatz neue Möglichkeiten, die Wechselwirkung von Licht und Materie auf der Ebene einzelner Atome zu erforschen. (Nano Letters, 2026; doi: 10.1021/acs.nanolett.5c05319)

Quelle: Universität Regensburg; 5. Februar 2026 - von Nadja Podbregar

 

 

Samstag, 7. Februar 2026

Äther und Vakuum.

            zu Jochen Ebmeiers Realien

Mit der Einführung der Gravitation als Naturgesetz hatte Newton die Sicht der Welt revolutioniert: Sie konnte seither als entstanden und musste nicht länger als erschaffen gedacht werden.

Doch da war ein Haken. War die Gravitation eine Kraft, dann bedurfte sie, um übertragen zu werden, eines Mediums. Doch offenkundig waren die Räume zwischen den Gestirnen leer. Also mussten sie spekulativ angefüllt werden. Newton postulierte anstelle des Vakuums einen verborgenen Stoff namens Äther, der zu fein wäre, um von uns gemessen zu werden. 

Doch auch die stets feineren Instrumente konnten keinen Äther messen, und so blieb er der Schamfleck des Newton'schen Weltbilds.

Und jetzt wissen wir, dass die Zwischenräume im All nicht leer sind.

*

Die Begriffe mögen unsauber sein, aber auf sie kommt es nicht an, sondern auf die Vorstellungen, die sie schlecht und recht fassen sollten. Der durch die mehr oder minder dichte Materie mehr oder minder gekrümmte Raum ist selber die "Kraft", die in ihm wirken sollte. Ein wirklich leerer Raum wäre 'ungekrümmt' und wäre kein Raum.* Newtons Vorstellung war im Großen richtig; manche Begriffe, in denen er sie notdürftig darstellte, waren nicht ganz passend. Aber darauf kommt es nicht an, wenn das, was dargestellt wird, stimmt. Die Begriffe werden sich irgendwann schon finden.

*) Man kann es auch so sagen: 'Nichts' gibt es nicht. 
18. 8. 14



Freitag, 6. Februar 2026

Geschmacks-Urteile.

 H. Frankenthaler                                                 zu Geschmackssachen

... Die Sicherheit eines Urteils hängt natürlich auch ab von dem Modus, in dem es verfasst ist. Klar und deutlich alias bestimmt ist nur der Begriff. Als Teilhaber eines Kommunikationsnetzes ist er nicht nur logisch durch die andern Begriffe, sondern auch faktisch durch den Austausch der verkehrenden Personen verbürgt. Rein lo-gisch betrachtet, ist ein in Begriffe gefasstes Urteil ewig, oder genauer gesagt, es liegt jenseits von Raum und Zeit. 'Sicherer' geht nicht - mit der Einschränkung, dass ein Urteil nur gilt, wenn es von mindestens Einem geteilt wird - in Raum und Zeit. 

Allerdings lassen sich Geschmacks-, nämlich ästhetische Urteile schlechterdings nicht in Begriffe fassen, weil sie nicht aus (begriffener) Erkenntnis stammen, son-dern aus unmittelbarem Erleben. Und das lässt sich allenfalls mit Wörtern (nomi-nis) markieren, die aber nicht durch ein Bedeutungsnetz definiert sind, sondern von jedermann nach eigenem Gutdünken verwendet und verstanden werden können, nämlich müssen. Denn was sie bezeichnen, sind Qualitäten und keine Relationen. Doch nur Relationen können diskursiv dargestellt werden. Qualitäten kann man nur anschauen.
27. Februar 2022


Donnerstag, 5. Februar 2026

Gefühl und Reflexion.

W. Busch                    aus Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem
 

Gefühl - sensus, das Sensorium sagt jemand, "die Sinneszellen" – zeigt an, was ist. Genauer gesagt: dass da Etwas ist. Was 'etwas' ist, können die Sinneszellen schon nicht mehr melden, sondern höchstens, wie es sich anfühlt. Dieses oder Jenes oder etwas Anderes, das kann erst... die Reflexion festsetzen. Das Gefühl kennt immer nur hier und jetzt. Die Reflexion, nehmen wir an – warum hieße sie sonst so? –, kann sich erinnern. Kann vergleichen. Wenn sie findet: nicht dieses – dann immer-hin etwas anderes. Daran kann sie weiterarbeiten. Denn anders als das Gefühl kann sie nach freiem Gutdünken fortfahren, solange sie will.*
29. 9. 15 

*) Nur anknüpfen muss sie; ihr Modus ist der Diskurs. 

 

Mittwoch, 4. Februar 2026

Der erste echte Fehltitt.

                                   zu öffentliche Angelegenheiten            

Jahrelang habe ich Merz verspottet, der sich erst lukrativ in die Finanzwirtschaft verdrückte, und sich dann, als er dort reüssiert hatte, wieder in die Politik herabge-lassen hat. Das ging nicht so leicht, wie er dachte, und er musste seinerseits jahre-lang mit den Hufen scharren, bis man ihn mangels zugkräftiger Alternative schließlich doch rangelassen hat.

Die perfekte Voraussetzung für einen guten Rutsch auf der Bananenschale.

Statt Ehrgeiz traute man ihm nur Eitelkeit zu. Und dann hat er sich aus der Innen-politik, fast als wärs aus Bescheidenheit, rausgehalten und auf die Weltbühne kon-zentriert. Vielstimmiges Gerkräh hat er ignoriert und hat getan, was der Kanzler musste: Deutschland in Europa in den Vordergrund gestellt. 

Das ist ihm besser geglückt als man einem, der nie öffentliche Verantwortung ge-tragen hat, zugetraut hätte. Doch da sich Wahltermine nicht ganz ignorieren lassen, hat er sich auf ein paar Mühen der Ebene eingelassen und, weil er ein loses Maul hat, einiges Gemecker eingehandelt.

Doch unumgehbar war da das Gespenst der AfD. Die hat den Etablierten auch - wenn auch nicht nur - ihren Stempel aufdrücken können, indem sie mit demago-gischem Krakeel und mit rhetorischer Aufrüstung den politischen Ton angibt.

Darauf hat er sich bislang gottlob nicht eingelassen. Das war vertrauenerweckend.

Doch jetzt tönt er, wie die Phrasenritter seit eh und je, wir müssten wieder mehr arbeiten und die Deutschen seien faul und verwöhnt. 

So kann man mit einer Maulsache redlich erworbenen Respekt mit links rechts glatt verspielen: Um denen den Wind aus den Segeln zu nehmen, bläst er in ihr Horn.

 

Entscheiden.

sport1                 zu Jochen Ebmeiers Realien aus scinexx, 10. 12. 19 Wie ein Elfmeterschießen im Gehirn entschieden wird   ...