Montag, 13. Juli 2026

Eine Frage der Perspektive.

Behüterli
aus Badische Zeitung,  13. 7. 20 26                zu Levana, oder Erziehlehre; zu öffentliche Angelegenheiten  

Der Ausbau der Ganztagsbetreuung [!] im Südwesten soll zu einem höheren Arbeitsvolumen von Frauen, mehr Bildungsgerechtigkeit und Wirtschafts-wachstum führen. Doch was wollen eigentlich Kinder? 

 

Nota. - Wer fragt wen - und warum?
JE                                                     

 

 

Mehr Zufall als Selektion?

Nachbildungen zweier Schädel: links ein Schädel eines frühen Homo sapiens mit brauner Farbgebung, rechts ein heller Schädel von Homo habilis. Unterschiede in Größe und Form von Schädel, Gesicht und Kiefer sind erkennbar. 
aus derStandard.at, 8. 7. 2026                                                                               Nachbildungen eines Schädels von Homo habilis (rechts) sowie eines frühen Homo sapiens.                                                                                zu Jochen Ebmeiers Realien
      
Gehirn und Gesicht
Die menschliche Evolution verlief zum Teil anders als bisher angenommen
Eine Analyse von 87 Homo-Fossilien deutet an, dass das Wachstum des Gehirns und die Verkleinerung des Gesichts weniger auf gerichtete Selektion zurückgehen als auf neutrale Prozesse

Zwei entscheidende Trends prägen die Geschichte der Gattung Homo. Das Gehirn wurde größer, das Gesicht dagegen kleiner, Kiefer und Wangen weniger massiv. In der Fachwelt gilt beides als Musterbeispiel für gerichtete natürliche Selektion: Größere Gehirne brachten kognitive Vorteile, kleinere Gesichter senkten den Energieaufwand, weil Werkzeuge und Nahrungsverarbeitung dem Kauapparat Arbeit abnahmen. Eine aktuelle Studie stellt diese Annahmen zur menschlichen Evolution nun aber infrage.

Mark Hubbe von der University of Tennessee in Knoxville und Katerina Harvati vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (Universität Tübingen) haben geprüft, wie gut die anatomischen Veränderungen zu verschiedenen Evolutionsmodellen passen. "Unsere Analysen bestätigen zwar die bekannten evolutionären Trends des Wachstums des Hirnschädels und der Reduktion des Gesichts, zeigen jedoch, dass die Unterschiede innerhalb unserer Gattung deutlich besser durch neutrale evolutionäre Prozesse und lange Phasen evolutionärer Stasis erklärt werden können", sagt Hubbe.

Entscheidende Verhaltensänderungen

Die Gattung Homo entstand vor rund 2,5 Millionen Jahren, ihr einziger heute noch lebender Vertreter ist der moderne Mensch. Mit wenigen Ausnahmen wuchs bei den verschiedenen Arten das Gehirn, während Gesicht und Kiefer an Größe und Robustheit einbüßten. Parallel dazu änderte sich das Verhalten: Steinwerkzeuge kamen zum Einsatz, die Ernährung wurde vielfältiger, die Populationen dehnten sich über weitere Regionen aus, und vermutlich entstanden komplexere soziale Gefüge.

Vor allem diese Verhaltensänderungen galten lange als Motor der körperlichen Umformung. Größere Gehirne wurden begünstigt, weil sie Erfindungsreichtum und Kreativität förderten; kleinere Gesichter, weil sich der Aufwand fürs Kauen nicht mehr lohnte. Mit anderen Worten: Ein stetiger, gerichteter Druck verlieh unserer Art ihre heutige Gestalt.

Neutrale Evolution und Stillstand

Um die Annahme zu prüfen, griffen Hubbe und Harvati auf dreidimensionale Schädelvermessungen von 87 Fossilien der Gattung Homo zurück. Vertreten sind frühe Formen wie Homo habilis und Homo rudolfensis, dazu Homo erectus und Homo heidelbergensis, Neandertaler sowie frühe und heutige Populationen von Homo sapiens. Der Datensatz erfasst einen großen Teil der gut erhaltenen Homininenfossilien der vergangenen zwei Millionen Jahre.

Diese Gebeine verglichen die Forschenden mit sechs Evolutionsmodellen, um zu bestimmen, welches die beobachteten Veränderungen am wahrscheinlichsten erklärt. Neben der gerichteten Selektion prüften sie neutrale Evolution, in der sich Merkmale ungerichtet verschieben, sowie längere Phasen kaum wahrnehmbarer Veränderung. Getestet wurde auch das Modell des punktuierten Gleichgewichts: die Annahme, dass Arten über lange Zeit stabil bleiben und sich nur in kurzen Schüben rasch verändern.

Diagramm, das die evolutionären Veränderungen in der Homo-Linie zeigt. Es sind fünf stilisierte Schädel dargestellt, die von links nach rechts eine Entwicklung zu größeren und runderen Schädelformen zeigen. Die vertikale Achse ist mit „evolutionary change“ und die horizontale Achse mit „Homo lineage“ beschriftet. Linien zeigen den Verlauf der Entwicklung. Hintergrund in beige-braunen Tönen.
Nach Ansicht der Forschenden spielen bei der Schädelentwicklung der Gattung Homo genetische Drift und stabilisierende Selektion die Hauptrollen.
Drei Arten von Bedingungen

Die im Fachjournal Nature Communications vorgestellten Resultate waren für die Forschenden eine Überraschung: Für die allmähliche, gerichtete Selektion fanden sich nur schwache Belege. Deutlich besser passten neutrale Prozesse und Stasis, also lange Abschnitte, in denen sich am Bauplan wenig bewegte. Wenn der Normalzustand eher Beharrung als gerichtete Selektion ist, stellt sich die Frage, warum sich diese Beharrung löste. Denn die großen Schübe der Gehirnvergrößerung fielen den Analysen zufolge vermutlich in Zeiten, in denen die einschränkenden Faktoren vorübergehend nachließen.

Solche Phasen ordnet das Team vor allem drei Arten von Bedingungen zu: der Entwicklungsbiologie, dem Energie- und Stoffwechselhaushalt sowie der kulturellen Innovation. Der letzte Punkt sei der entscheidende. "Kultur wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein Puffer: Sie ermöglicht es uns, neue Lebensräume zu nutzen und mehr Ressourcen zu erschließen. Dadurch wird der Druck auf bestimmte Körperstrukturen geringer, weil sie weniger stark an Umweltbedingungen angepasst sein müssen", sagt Hubbe.

Ein größeres Gehirn verlangt viel Energie, und ohne verlässliche, nahrhafte Versorgung lässt sich der Aufwand kaum stemmen. Die Kultur, also die stärkere Nutzung tierischer Ressourcen und das Kochen, das den Nährwert vieler Speisen erhöht, kann den erhöhten Bedarf jedoch decken. Phasen technologischer und kultureller Neuerung, so Hubbe, könnten deshalb rasche Veränderungen anstoßen, weil sie es den Vorfahren erlaubten, den Energiehunger größerer Gehirne zu stillen und deren kognitive Vorteile auszuschöpfen.

Schwerpunktverlagerung

Auffällig sind die Unterschiede zwischen den beiden späten Linien. Bei den Neandertalern blieb die Gesichtsform über lange Zeiträume stärker durch evolutionäre Einschränkungen geprägt. Das Gesicht des modernen Menschen dagegen fiel deutlich kleiner aus als das anderer Linien. Womöglich hingen auch diese späten Veränderungen mit tiefgreifenden Verschiebungen im Verhalten zusammen, die mit dem Auftreten unserer Art einhergingen.

"Unsere Ergebnisse verlagern den Schwerpunkt", erklärt Harvati. "Statt zu fragen, warum sich Menschen kontinuierlich in Richtung größerer Gehirne und kleinerer Gesichter entwickelt haben, wäre es sinnvoller zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sich menschliche Populationen von bestehenden Einschränkungen lösen und neue Merkmale entwickeln konnten." 

 

Sonntag, 12. Juli 2026

Wem steht der nächste Karlpreis zu: Putin oder Trump?

        zu öffentliche Angelegenheiten

Anders gefragt: Wer von beiden hat letzthin mehr zur Rückbesinnung Europas beigetragen?

 

 

Überlieferter Zufall.

Seite aus dem Rolandslied mit einer Zeichnung mit einem Bischof und Text darüber und darunter. 
aus derStandard.at, 9. 7. 2026                                                                                              Eine Seite aus einer deutschen Abschrift des Rolandslieds aus dem späten 12. Jahrhundert. Der mittelalterliche Klassiker entstand Ende des 11. Jahrhunderts in der Normandie und hat sich dank zahlreicher Abschriften gut erhalten.                                           zu Jochen Ebmeiers Realien

Lücken der Überlieferung
Mehr als die Hälfte aller Texte des Mittelalters könnten verschwunden sein
Forschende haben mit neuen Methoden untersucht, wie viele mittelalterliche Manuskripte verloren gegangen sein dürften – und kommen auf erstaunlich hohe Zahlen

Was wir über die Antike und das Mittelalter wissen, verdanken wir einer winzigen Auswahl von Texten, die die Jahrhunderte überstanden haben. Werke wie das Gilgamesch-Epos, Homers Odyssee oder die Geschichten um König Artus erscheinen heute als feste Bestandteile des kulturellen Erbes. Doch sie könnten ebenso gut verschwunden sein. Eine neue Studie zeigt nun, wie stark der Zufall darüber entschieden hat, welche Schriften bis heute überlebt haben – und welche für immer verloren gingen.

Ein französisches Forscherteam um den Mediävisten Jean-Baptiste Camps (Université Paris), einen Spezialisten für den Einsatz von digitalen Textanalysen, hat den Weg mittelalterlicher Handschriften mit Methoden der Komplexitätsforschung untersucht. Das Ergebnis, publiziert am Dienstag im Fachblatt PNAS Nexus, ist erstaunlich: Bis zu 60 Prozent aller einst existierenden Texte könnten vollständig verschwunden sein. Noch dramatischer ist der Verlust einzelner Handschriften. Von ihnen könnten mehr als 95 Prozent vernichtet worden sein.

Kopien mit Fehlern

Vor der Erfindung des Buchdrucks war jeder Text ein Unikat. Wollte sich ein Werk verbreiten, musste es von Hand abgeschrieben werden. Ein Schreiber fertigte eine Kopie an, von der wiederum weitere Kopien entstanden. Jede Abschrift brachte neue Fehler, Korrekturen oder bewusste Änderungen mit sich. Gleichzeitig gingen Handschriften durch Brände, Feuchtigkeit, Kriege, Materialverschleiß oder schlichte Gleichgültigkeit verloren. Das Schicksal eines Textes hing davon ab, ob er oft genug kopiert wurde, um das Verschwinden einzelner Exemplare zu überstehen.

Philologen rekonstruieren diese Überlieferung seit mehr als hundert Jahren mithilfe sogenannter Stemmata – Stammbäumen von Handschriften. Ähnlich wie in der Evolutionsbiologie Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Arten rekonstruiert werden, wird so nachvollzogen, welche Handschrift von welcher Vorlage abstammt. Gemeinsame Schreibfehler oder identische Veränderungen verraten dabei die Abstammungslinien.

Ein Stammbaum der Abschriften des Rolandslied
Ein Handschriftenstammbaum für das Rolandslied.

Bislang fehlte jedoch ein allgemeines Modell dafür, wie solche Überlieferungsprozesse tatsächlich ablaufen. Genau hier setzt die neue Arbeit an. Die Forschenden um Jean-Baptiste Camp verbinden historische Überlieferungsforschung mit mathematischen Modellen und Computersimulationen. Grundlage ihrer Analysen sind rund 2000 mittelalterliche Handschriften aus einem Zeitraum von etwa vier Jahrhunderten.

Die drei Wissenschafter behandeln die Verbreitung von Texten als komplexes dynamisches System. Dabei spielen zwei gegenläufige Prozesse die entscheidende Rolle: das Kopieren und das Verschwinden. Je häufiger ein Manuskript abgeschrieben wird, desto größer werden die Überlebenschancen des Textes. Gleichzeitig reduziert jede zerstörte Handschrift die Wahrscheinlichkeit, dass ein Werk an spätere Generationen weitergegeben wird.

Bemerkenswert ist, dass sich viele Eigenschaften historischer Überlieferungen durch Zufallsprozesse erklären lassen. Die Autoren sprechen von "Drift", einem Begriff aus der Evolutionsbiologie. Gemeint ist, dass nicht unbedingt die qualitativ besten oder wichtigsten Werke überleben, sondern oft jene, die zufällig häufiger kopiert wurden oder günstige historische Umstände vorfanden. Kulturgeschichte erscheint damit weniger als Ergebnis einer kontinuierlichen Auswahl der besten Texte, sondern auch als Folge statistischer Zufälle.

Unausgewogene Stammbäume

Das Modell reproduziert sogar ein Phänomen, das Handschriftenforschende seit Jahrzehnten beschäftigt: die auffällige Unausgewogenheit vieler Überlieferungsstammbäume. Manche Zweige einer Texttradition brachten zahlreiche Nachkommen hervor, andere starben rasch aus. Über die Ursachen dieser Asymmetrie wurde lange diskutiert. Nach den neuen Berechnungen kann sie bereits aus den grundlegenden Prozessen des Kopierens und Verlierens entstehen – ganz ohne besondere historische Ereignisse.

Historische Katastrophen spielen dennoch eine wichtige Rolle. Das Modell erlaubt es erstmals, deren Auswirkungen systematisch einzubeziehen. So könnten Ereignisse wie die Pestepidemien im 14. Jahrhundert, Klosterauflösungen, Kriege oder politische Umbrüche die Überlieferung zusätzlich verzerrt haben, indem ganze Bibliotheken vernichtet oder Regionen als Zentren des Abschreibens ausfielen.

Verzerrte Stichprobe

Die Ergebnisse werfen auch ein neues Licht auf die Frage, wie repräsentativ unser kulturelles Erbe überhaupt ist. Wenn tatsächlich mehr als die Hälfte aller Texte vollständig verschwunden ist, dann beruht unser Bild vergangener Gesellschaften auf einer äußerst kleinen und möglicherweise verzerrten Stichprobe. Viele literarische Gattungen, wissenschaftliche Abhandlungen oder religiöse Schriften könnten vollständig verloren gegangen sein, ohne jemals Spuren in der heutigen Überlieferung zu hinterlassen.

Das betrifft keineswegs nur mittelalterliche Literatur. Nach Ansicht der Autoren lässt sich ihr Modell auf zahlreiche andere Bereiche übertragen – von antiken Klassikern über Gesetzestexte und religiöse Manuskripte bis hin zu wissenschaftlichen Schriften. Überall dort, wo Texte über Generationen hinweg kopiert, verändert und teilweise vernichtet wurden, wirken ähnliche Mechanismen.

Zufälle der Überlieferung

Die Studie schlägt damit auch eine Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Während Philologen seit langem einzelne Handschriftentraditionen im Detail untersuchen, liefert die Komplexitätsforschung nun einen theoretischen Rahmen, um allgemeine Gesetzmäßigkeiten der kulturellen Überlieferung zu beschreiben. Statt einzelne Verluste isoliert zu betrachten, wird sichtbar, wie aus zahllosen Entscheidungen von Schreibern, Bibliothekaren und Leserinnen über Jahrhunderte hinweg das kulturelle Gedächtnis Europas entstand.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist jedoch eine andere: Was heute als literarischer Kanon gilt, ist nicht zwangsläufig das Beste oder Bedeutendste, was frühere Gesellschaften hervorgebracht haben. Es ist vielmehr das Ergebnis eines fragilen Überlieferungsprozesses, in dem Zufall, historische Krisen und menschliche Entscheidungen darüber bestimmten, welche Stimmen bis in die Gegenwart hörbar blieben – und welche endgültig verstummten.  

 

Samstag, 11. Juli 2026

Vor der Erfindung der Kindheit.

W. Busch
aus derStandard.at, 11. 7. 2026                                                    zu Levana, oder Erziehlehre; zu öffentliche Angelegenheiten
 
In christlichen Familien des Mittelalters wurden Kinder mit fremden Erwachsenen begraben
Eine Untersuchung von Knochen aus Gräbern in Schweden ergab, dass gemeinsam begrabene Kinder und Erwachsene nicht verwandt waren. Andere Faktoren waren wichtiger

Genetische Untersuchungen sind zu einem unverzichtbaren Werkzeug der Archäologie geworden, und immer öfter sorgen sie für Überraschungen, etwa im Fall der Toten von Pompeji, bei denen etwa die Mitglieder einer scheinbar gemeinsam verstorbenen Familie doch nicht verwandt waren.

Ein ähnlich verblüffendes Ergebnis liefert nun eine neue Studie im Fachjournal Science Advances. Ein schwedisches Forschungsteam untersuchte dafür 142 Tote, darunter mehr als 60 Kinder, aus Gräbern der späten Wikingerzeit und des Mittelalters, die in der Nähe von Stockholm, Jämtland und Skåne gefunden wurden. Anzunehmen wäre eigentlich, dass die Erwachsenen, die neben Kindern in denselben Gräbern gefunden wurden, ihre Eltern waren. "In den meisten Fällen war das nicht das, was wir gefunden haben", sagt Studien-Erstautorin Maja Krzewińska von der Universität Stockholm.

Ein Mann fotografiert mit einer Kamera auf einem Stativ einen Schädel, der in einer beleuchteten Fotobox positioniert ist. Der Forscher Oscar Nilsson macht hier ein Bild von der Frau Nummer 56, in deren Grab Muschelschalen gefunden wurden  

Verwandtschaft wenig entscheidend

Diese Erkenntnis wirft ein neues Licht auf christliche Traditionen im mittelalterlichen Skandinavien. Das Christentum verbreitete sich im späten 10. und im 11. Jahrhundert in Skandinavien. Wie auch sonst im christlichen Europa konnten nur getaufte Kinder christlich bestattet werden. Bei den Gräbern, aus denen sich ausreichend gutes Genmaterial gewinnen ließ, enthielten nur zwölf Prozent Eltern und ihre Kinder. Die Toten in gemeinsamen Gräbern wurden meist zur gleichen Zeit bestattet. 

Einen Hinweis auf die Gründe für die Trennung von Eltern und Kindern könnte ein anderes Detail geben. Auffällig ist nämlich, dass oft Männer mit Burschen und Frauen mit Mädchen bestattet wurden. Generell fanden sich Gräber von Männern und Frauen auf dem Friedhof von Västerhus an gegenüberliegenden Seiten der Kirche. "Bestattungen von Erwachsenen und Kindern desselben Geschlechts ohne enge biologische Verwandtschaft waren im frühchristlichen Kontext besonders häufig. Buben und Mädchen wurden oft auf derselben Seite des Friedhofs beigesetzt wie Erwachsene desselben Geschlechts", heißt es in der Studie.

Luftaufnahme der Kirchenruine von Västerhus in der Frösö-Gemeinde, Jämtland, Schweden. Sichtbar sind die Grundmauern und Strukturen der ehemaligen Kirche, umgeben von Erde und verstreuten Steinen.
Rund um die Kirche von Västerhus wurden unzählige Gräber freigelegt.
Riksantikvarieämbetets arkiv – The church ruin of Västerhus, Frösö parish, Jämtland, Sweden

Erwachsenen gleichgestellt

Womöglich war die Nähe der Kinder zu ihren direkten Verwandten also weniger wichtig für den Ort der Bestattung als ihr Geschlecht. "Die Kinder wurden nicht als eigene Kategorie behandelt. Im Tod scheinen sie nach denselben sozialen und religiösen Grundsätzen behandelt worden zu sein wie erwachsene Männer und Frauen", sagt Studienautor Anders Götherström von der Universität Stockholm.

Grabbeigaben wurden, wie bei solchen christlichen Bestattungen üblich, kaum gefunden. Eine Ausnahme bildet eine Frau, die zwei Muschelschalen bei sich hatte. Das deutet laut den Forschenden auf eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela hin, die sie vor ihrem Tod im 30. Lebensjahr vollendete. Bei ihr ließ sich ein guter Teil der Verwandtschaft inklusive ihres Bruders, ihrer Eltern und zweier Töchter identifizieren.

Eine einzelne graue Jakobsmuschel in Fächerform, gezeigt auf einem weißen Hintergrund.
Eine Frau hatte diese Muschel aus Santiago di Compostela bei sich.

Komplexe Haushalte

Diese Praktiken dürften an vorchristliche Traditionen anschließen. Große Familien, die nicht nur auf Verwandtschaftsbeziehungen begründet waren, waren in Skandinavien schon vor der Verbreitung des Christentums üblich. Zu den Haushalten gehörten neben Verwandten aus dem weiteren Familienkreis auch Bedienstete oder Sklaven. Der Einfluss des Christentums veränderte das zum Teil, aber es gab weiterhin wichtige nicht-biologische Beziehungen wie Pflegeverhältnisse, Konkubinat, Lehrverhältnisse und Freundschaftsbündnisse. Dazu kam, dass auch uneheliche Kinder erben konnten. Das Verhältnis zwischen biologischer Verwandtschaft und sozialer Zugehörigkeit wurde dadurch komplizierter, wie es in der Studie heißt. Die fehlenden Verwandtschaftsverhältnisse in den Gräbern spiegeln das wider.

"Archäologen diskutieren schon seit langem über die Beziehungen zwischen Menschen, die gemeinsam in dieser Art von Gräbern bestattet wurden. Die alte DNA hat uns endlich das Werkzeug in die Hand gegeben, auf das wir gewartet haben, um diese Interpretationen direkt zu überprüfen", freut sich Studienautorin Anna Kjellström von der Universität Stockholm.

In welchem genauen Verhältnis die gemeinsam begrabenen Personen jeweils zueinander standen, klärt die Studie nicht. Jedenfalls scheinen die Bestattungen nicht von enger Verwandtschaft, sondern von Haushalten, erweiterten Verwandtschaftsgruppen oder lokalen Gemeinschaften bestimmt worden zu sein, die sich an christliche Normen hielten, schreibt das Autorenteam. Rein familiäre Überlegungen wurden so abgeschwächt oder außer Kraft gesetzt. 

 

Freitag, 10. Juli 2026

Hammershøi in Zürich.


aus FAZ.NET, 8. 7. 2026       
Interieur mit Frau am Klavier, Strandgade 30; 1901 

Seine Bilder geben Rätsel auf
Vilhelm Hammershøi malte enigmatische Interieurs, die den Surrealismus vorwegnahmen – er selbst blieb aber wortkarg. Seine graue Moderne, die jetzt in Zürich zu beschauen ist, fasziniert bis heute.

Von  

... 

 

Der Begründer der Landschaftmalerei war gewissermaßen Claude Lorrain: Bei ihm sind die Figuren lediglich Vorwand, um die Landschaft selbst zum Gegenstand zu machen. Vermeer malte gar kein Landschaften, sondern Intérieurs, aber nicht so ty-pisiert, wie es nach späteren Übermalungen gelegentlich erscheint. Dagegen sehen seine Figuren meist aus wie ein Denkmal ihrer selbst, oder wie schockgefroren.

Bei Hammershøi sind die Figuren dann nicht einmal thematischer Vorwand, son-dern Teil der Komposition, und die Zimmerlandschaften sind kubistische Schemata im Lichtspiel. Eine Parodie des Wirklichen ist es wohl schon; aber eine ästhetische.
JE 

Wohnzimmer. Studie im Sonnenlicht 1906

Die Gebäude der asiatischen Kompanie, gesehen von der Sankt Annæ Gade, Kopenhagen, 1902

Das Innere der Kirche Santo Stefano Rotondo in Rom, 1902

Strandgade 30 1903

Donnerstag, 9. Juli 2026

Haughey's Fort - die früheste Stadt Westeuropas.

Luftaufnahme einer grünen, von Hecken und Bäumen durchzogenen irischen Landschaft. Geografische Punkte wie „Haughey’s Fort“, „Tray Bog“ und „The King’s Stables“ sind markiert. Früher befand sich hier eine bedeutende Siedlung aus der Bronzezeit.aus derStandard.at, 5. 6. 2026   Heute wirkt Haughey's Fort im Norden Irlands aus der Luft ziemlich unscheinbar. Vor 3000 Jahren jedoch befand sich an dieser Stelle eine für damalige Verhältnisse gewaltige Siedlung.

3000 Jahre alte irische Stätte entpuppt sich als ältestes urbanes Zentrum Westeuropas
Ein unscheinbarer Hügel bei Armagh galt als Vorstufe zur berühmten Königsstadt Navan Fort. Neue Scans zeigen: Er war selbst schon eine bronzezeitliche Siedlung von beachtlicher Größe

Die ersten echten Städte auf europäischem Boden entstanden im östlichen Mittelmeerraum. Auf Kreta wuchsen die Vorstädte von Knossos schon im zweiten Jahrtausend vor Christus zu einem dichten Gefüge aus Palästen, Gassen und Werkstätten zusammen. Bis zu 80.000 Menschen sollen dort zur Hochblüte der Kultur gelebt haben. Wenig später schwang sich auf dem griechischen Festland Mykene empor. Beide gelten gemeinhin als die Wiege urbanen Lebens in Europa.

In den letzten Jahren rückte jedoch auch Osteuropa in den Fokus der Forschung, wenn es um stadtähnliche Zentren geht. Im heutigen Bulgarien produzierte die Siedlung Provadia-Solnitsata schon ab 5600 v. Chr. Salz, umgeben von Europas ältesten Steinmauern – ein Vorposten des Wohlstands, lange bevor auf Kreta die ersten Paläste errichtet wurden.

Im Schwarzmeerraum wiederum, in der heutigen Ukraine, Moldawien und Rumänien, wuchsen ab etwa 4100 v. Chr. die Megasiedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur: Protostädte mit bis zu 320 Hektar Fläche und geschätzten 15.000 Einwohnern, älter als jede vergleichbare Ansammlung in Mesopotamien. Urbane Siedlungen entstanden also mehrfach, an verschiedenen Orten und aus unterschiedlichen Gründen.

Der Wallring unter dem Acker

Ein Hillfort gilt gemeinhin nicht als Kandidat für diese Liste. Der Begriff bezeichnet eine befestigte Anhöhe – vielleicht der Sitz eines Häuptlings, möglicherweise auch ein Fluchtort oder bloß ein Gehege für das Vieh einer Saison. Städte jedenfalls stellt man sich darunter nicht vor.

Haughey's Fort, eine unscheinbare Ackererhebung bei Armagh in Nordirland, musste sich lange mit dieser bescheidenen Rolle begnügen. Sein Nachbar, das nur wenige hundert Meter entfernte Navan Fort, war dagegen ein Star: Es war legendäre Hauptstadt von Ulster, Sitz eisenzeitlicher Könige und Bühne frühmittelalterlicher Sagen. Haughey's Fort lieferte dazu bloß die Vorgeschichte. Es bestand aus drei konzentrischen Gräben, die in den 1980er- und 1990er-Jahren teilweise freigelegt wurden.

Eine neue Studie im Fachjournal Antiquity dreht die Verhältnisse nun um. James O'Driscoll von der University of Glasgow und Patrick Gleeson von der Queen's University Belfast haben mit Lidar, Magnetometrie, Bodenradar und einem zweiten Blick auf jahrzehntealte Grabungsergebnisse eine Landschaft rekonstruiert, die weniger nach Festung aussieht als nach einem umfangreichen geplanten Zentrum.

Die Datierung steht dabei außer Zweifel: Ein Eichenbalken vom Grund des inneren Grabens wurde zwischen 1152 und 1116 v. Chr. gefällt, die Radiokarbondaten verorten Bau und Nutzung der Anlage auf etwa 1191 bis 1018 v. Chr.

LiDAR- und magnetometrische Karten einer historischen Stätte in Irland, die ein großes proto-urbanes Zentrum zeigen. Links ist eine Graustufen-Reliefkarte mit Geländedetails, während rechts eine farbige Karte mit Geländestrukturen und markierten Funden zu sehen ist, darunter „Haughey's Fort“, „The King's Stables“ und weitere archäologische Aspekte. Ein Maßstabsbalken sowie eine Lagekarte sind ebenfalls enthalten.
 Lidar- und Magnetometrie-Untersuchungen offenbarten an der Stätte ein umfangreiches proto-urbanes Zentrum.
204 Häuser

Die Magnetometrie zeichnet unter dem heutigen Grasland ein enges Muster aus Gruben, Pfostenlöchern und Zaunlinien nach. Augenfällig waren dabei 204 kreisförmige Anomalien, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf hölzerne Wohnbauten zurückgehen. Die meisten davon liegen dicht beieinander innerhalb der inneren Umwallung. Ihre jeweiligen Durchmesser von sieben bis neun Metern entsprechen gewöhnlichen bronzezeitlichen Wohnhäusern in Irland.

Drei Gebäude aber sprengen den Rahmen. Sie besitzen einen Durchmesser von 22, 23 und 30 Metern und weisen zentrale Pfostenspuren auf, die auf überdachte Konstruktionen hindeuten. Für Wohnhäuser oder Werkstätten sind sie allerdings zu groß. O'Driscoll und Gleeson vermuten dahinter institutionelle oder rituelle Versammlungsbauten – ein seltener Fund in der bronzezeitlichen Archäologie Irlands und Großbritanniens, mit nur einer bekannten Parallele im südwestirischen Glanbane.

Einzigartige Dimensionen

Ob alle 204 Strukturen gleichzeitig bewohnt waren, lässt sich ohne großflächige Grabung nicht sicher sagen. Doch die reihenartige Anordnung mancher Gebäude spricht dafür. Auch die übrigen Funde passen ins Bild einer groß angelegten Siedlung. Grabungen förderten verkohltes Getreide, Keramik, Bronze- und Goldfragmente sowie Gussabfälle zutage. Letztere sind Belege für spezialisierte Metallverarbeitung, möglicherweise samt lokal gefertigter Kopien importierter Kontinentalware. "Unsere Forschung zeigt ein Ausmaß an Größe, Organisation und Konnektivität im bronzezeitlichen Irland, das bisher nicht vollends erkannt wurde", sagt O'Driscoll. "Im weiteren westeuropäischen Kontext zählt Haughey's Fort damit zu den klarsten Beispielen eines proto-urbanen Zentrums."

Eine archäologische Karte von Haughey's Fort mit Markierungen verschiedener Strukturen und Geländeelemente. Lila Kreise kennzeichnen mögliche Strukturen. Verschiedene Linien zeigen Geländemerkmale wie Bachrinnen, nivellierte Feldgrenzen, Wege und Gräben des Wallforts (innerer, mittlerer und äußerer Graben). Ein markiertes „Eingang“-Beritt sowie eine „Palissaden-gesäumte Allee“ sind ebenfalls vermerkt. Ein Maßstab und eine Legende erklären die Symbole.
Die Ausgrabungen und Messungen legen nach Ansicht der Forschenden nahe, dass in Haughey's Fort oben Produktion und Alltag vorherrschten, unten dagegen Opfergaben dargebracht und Ritual abgehalten wurden.

Was eine Stadt zur Stadt macht, ist in der Bronzezeitforschung freilich eine heikle Frage. Klassische Checklisten für Urbanität stammen meist aus dem mediterranen Raum und lassen sich schlecht mit der Holzarchitektur Nordwesteuropas vereinbaren, die im Boden kaum Spuren hinterlässt. Ein passenderer Maßstab orientiert sich an Siedlungsgröße, Bebauungsdichte und -vielfalt sowie an handfesten Kriterien wie spezialisierter Handwerksproduktion und Fernhandel – all das würde Haughey's Fort erfüllen.

Ähnlich dichte Bronzezeitsiedlungen wurden vereinzelt auch anderswo entdeckt, im nordirischen Corrstown etwa, wo 73 Rundhäuser um eine gepflasterte Straße gruppiert waren. Doch die am Haughey's Fort vorgefundene Kombination aus Wohndichte, Monumentalbauten und Fernhandel bleibt eine Ausnahme.

Palisadenweg zum Wasser

Alle drei Umwallungen von Haughey's Fort öffnen sich an derselben Stelle nach Nordosten, dem einzigen bekannten Zugang zur Anlage. Von dort führte eine 87 Meter lange, von Palisaden gesäumte Prozessionsstrecke bergab, deutlich weiter als die Fortgrenzen selbst reichten. Der Weg endet schließlich bei den sogenannten King's Stables, einem 25 Meter durchmessenden, künstlich angelegten Wasserbecken am Fuß des Hügels.

Was damals bei den King's Stables vor sich ging, dürfte sich fundamental von dem unterschieden haben, was oben auf dem Hügel geschah. Während in Haughey's Fort tausende Knochen von Rindern, Schafen und Schweinen auf Festmähler und Alltagsmahlzeiten hindeuten, dominierten im Becken der King's Stables Hundeknochen, Rothirschgeweihe und teilweise vollständige Tierskelette. Auch der vordere Teil eines menschlichen Schädels und lose Rippenknochen wurden gefunden. Außerdem legte man dort 18 Gussformfragmente für blattförmige Schwerter frei, aber keine sonstigen Produktionsabfälle.

Bei den Ausgrabungen ist ein freigelegter, länglicher Graben zu sehen, der teilweise mit Wasser gefüllt ist. Erde ist aufgeschüttet, im Hintergrund ist eine grasbewachsene Fläche zu erkennen. Gelbe Eimer und Werkzeuge liegen um die Grabung verteilt.
Ausgrabungen an den sogenannten Creeveroe Earthworks zeigten, dass Haughey's Fort von einer großzügigen Wallanlage umgeben war.

Ring um 109 Hektar

Am auffälligsten aber ist, was Lidar und Magnetometrie über die sogenannten Creeveroe Earthworks zutage förderten. Die Strukturen stellten sich als großzügige äußere Umwallung der Siedlung heraus. Sie umgab eine Fläche von 109 Hektar und schnitt quer durch Hügelkuppen und Moore, nahm also keine Rücksicht auf das Gelände. Diese Dimensionen machen Haughey's Fort zu einem der drei größten bekannten Hillforts Irlands und Großbritanniens.

Entlang der neu vermessenen Umwallung liegen zahlreiche kleinere Ringstrukturen, vermutlich eingeebnete Grabhügel, die sich besonders dicht um einen vermuteten südlichen Zugang drängen. "Die Studie macht deutlich, dass wir es hier nicht mit isolierten Denkmälern zu tun haben, sondern mit einer einzigen, hochgradig organisierten Landschaft", sagt Gleeson. "Haughey's Fort, die King's Stables und die Creeveroe Earthworks waren Teile eines Systems, das sorgfältig strukturiert wurde, um Siedlung, Produktion und Ritual zusammenzubringen."

Wer hier damals das Sagen hatte, bleibt allerdings offen. Manches spricht für Eliten, die Handwerk, Handel und Gemeinschaftsarbeit koordinierten. Ebenso plausibel sei aber auch ein loses System, in dem Autorität nicht dauerhaft an Personen gebunden war, sondern sich in Zeremonien und gemeinsamer Arbeit immer neu herstellte. Haughey's Fort, so O'Driscoll und Gleeson, lässt beide Interpretationen zu. 

 

Blog-Archiv

Eine Frage der Perspektive.

Behüterli aus Badische Zeitung,   13. 7. 20 26                   zu   Levana, oder Erziehlehre ;   zu   öffentliche Angelegenheiten    ...