unsplashaus derStandard.at, 20. 6. 2026
Tief durchatmen vor einer schwierigen Entscheidung – der Ratschlag ist so alt wie banal. Nun zeigt sich, dass an ihm mehr dran sein dürfte als bloße Küchenpsycho-logie. Wer langsam und vor allem lange ausatmet, trifft mutigere Entscheidungen. Das berichtet ein Forschungsteam des Deutschen Instituts für Ernährungsfor-schung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) und der Charité – Universitätsmedizin Berlin .
Die im Fachjournal Neuron präsentierten Ergebnisse rühren an einer verbreiteten Annahme darüber, wo unsere Entscheidungen eigentlich entstehen. Gemeinhin verortet man sie im Gehirn, das Informationen abwägt und zu einem Urteil gelangt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn der momentane körperliche Zustand redet mit, und zwar mehr, als den meisten bewusst ist. Die Arbeit ist Teil des Forschungsfeldes, das die Wechselwirkung von Körper und Gehirn vermisst. Sie stützt sogenannte neuroviszerale Modelle, denen zufolge der Zustand des Körpers kognitive Vorgänge maßgeblich mitformt.
Die Situation, die die Forschenden besonders interessierte, kennt fast jeder: Das Herz pocht, der Atem geht schnell, und gerade jetzt steht eine Entscheidung an. Unter solchen Bedingungen neigen Menschen dazu, vorsichtig zu agieren und mögliche Verluste klein zu halten – ob bei einer Investition unter Zeitdruck, im heiklen Personalgespräch oder bei der eiligen Wahl des Mittagessens. Ein ruhigerer Puls könnte umgekehrt dazu führen, die Lage günstiger einzuschätzen.
Hier setzte das Team um Soyoung Q Park (DIfE) an, das wissen wollte, ob sich über die bewusste Steuerung des Atems eine Art physiologischer Neustart erreichen lässt. "Unsere Entscheidungen werden selten nur durch äußere Informationen bestimmt", sagt Park. "Vielmehr erfolgt unser Urteilsvermögen im Zusammenspiel mit unserem momentanen körperlichen Zustand."
Für das Experiment beobachteten die Wissenschafterinnen und Wissenschafter 41 gesunde Probandinnen und Probanden bei riskanten Entscheidungen. Visuelle Hinweise gaben den Takt vor: Mal atmeten die Teilnehmenden in ihrem natürlichen Rhythmus, mal langsamer und mit deutlich verlängerter Ausatmung. Währenddes-sen erfasste die funktionelle Magnetresonanztomographie die Hirnaktivität, parallel dazu zeichneten die Forschenden Atmung, Herzschlag, Hautleitfähigkeit und Pupillenreaktionen auf.
Die Kombination dieser Messungen lieferte Hinweise darauf, dass die verlängerte Ausatmung tatsächlich ursächlich auf die Belohnungsverarbeitung im Gehirn durchschlägt: Wer länger ausatmete, verlangsamte damit seinen Herzschlag und entschied sich anschließend riskanter. Die Probanden ließen sich stärker von möglichen Gewinnen leiten, während die Bewertung drohender Verluste unverändert blieb. Es ging also nicht um pauschal mehr Wagemut, sondern um eine verschobene Aufmerksamkeit – hin zur Belohnung.
Das ließ sich auch im Gehirn nachzeichnen. Zwei Areale, der ventro-mediale präfrontale Kortex und der Precuneus, zeigten erhöhte Aktivität. Beide stehen mit der Herzfrequenzvariabilität in Verbindung, also den feinen zeitlichen Abständen zwischen zwei Herzschlägen, und zugleich mit der Empfänglichkeit für Belohnungen. "Das Zusammenspiel von Atmung und Herzdynamik macht das Gehirn auch empfänglicher für Belohnungen", erklärt Erstautor Wenhao Huang.
Atemtechniken begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden, in Religionen ebenso wie in fernöstlichen Übungstraditionen. Was bislang fehlte, war der Nachweis, dass sie messbar und gezielt auf das Entscheiden wirken. "Wir liefern mit der Studie den wissenschaftlichen Beweis, dass es sich um eine verlässliche und gezielte Methode handelt, die unsere Entscheidungen steuern kann", sagt Park.
Als Werkzeug zur Selbstregulation hätte das einen seltenen Vorzug: Es kostet nichts, lässt sich überall anwenden und ist rasch erlernt. Auch in der Klinik könnte es als ergänzende, nichtpharmakologische Strategie taugen, etwa bei Angststörungen oder Depressionen. Beide gehen mit einer gestörten Selbstregulation des Körpers und einer veränderten Belohnungswahrnehmung einher.
Ob sich die Effekte über die gesunde Stichprobe hinaus bestätigen, müssen weitere Studien klären, etwa an Menschen mit Übergewicht. Dort könnten die Ergebnisse eine besondere Bedeutung zukommen: Was und wie viel wir essen, hängt stark davon ab, wie das Gehirn Belohnung bewertet und in welchem Zustand sich der Körper befindet. Eine gezielte Atemregulation, so die Hoffnung, könnte helfen, das eigene Essverhalten klarer wahrzunehmen und besser zu steuern. (tberg, 20.6.2026)






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