Der Übergang von der Wildbeuter- zur Ackerbaukultur war zumindest in Europa
kein gradliniger, sondern ein gebrochener. Mit dem Ende der Eiszeit
hatten sich die jagdbaren großen Säugetiere nach Norden zurückgezogen
und Jagen und Sammeln wurde prekärer, so dass die Zuwanderer aus dem
Balkan freie Bahn fanden. Wo die Jagdbedingungen günstiger blieben,
fand der Ackerbau zunächst keine Verbreitung, weil die stärkehaltige
Getreidenahrung der proteinhaltigen Jagdbeute qualitativ un-terlegen war
und nur aus Not Nachahmer fand.
Doch brachte die verbreitete Exo-gamie
nach und nach eine Vermehrung von Frauen aus den benachbarten
Bauern-wirtschaften: Der Übergang vom Sammeln von Pflanzen zu ihrer
Kultivierung auf dem Feld kann in der Tat stetig stattfinden: Bedingung ist nur die Sesshaftigkeit, die beim Fischen eher möglich ist als beim Jagen. Der Eindruck, die bäuerische Lebensart sei ein eher weiblicher Beitrag zur Kulturgeschichte, findet so seine Rechtfertigung.
Wie sich der Ackerbau freilich im Fruchtbaren Halbmond des Nahen Ostens ausbilden konnte, bleibt ein Rätsel. 31. März 2026
Der
'Systemkollaps' im Ersten Weltkrieg war nicht bloß der Untergang einer
"libe-ralen" Freihandelsordnung unter britischer Hegemonie; es war eine
Zerrüttung des Weltmarkts und globale Krise der Produktivkräfte: Erst
1939, zu Beginn des Zwei-ten Weltkrieges, hatte der Welthandel wieder das
Volumen von 1913 erreicht, um sogleich in eine noch gigantischere
Vernichtung von Arbeitskraft und Industrie-anlagen zu stürzen. Die Produktivkräfte haben aufgehört zu wachsen, schrieb Leo Trotzki, und identifizierte den Krieg als die finale Todeskrise der bürgerlichen Welt, die nur entweder mit dem Untergang des Kapitalismus oder dem Untergang der Zivilisation enden könne.
So
ist es nicht gekommen. Für das Kapital gibt es keine ausweglose
Situationen. Die Zweiteilung der Welt und der Kalte Krieg haben für
eine neue Stabilität gesorgt, die auch den Zerfall des Sowjetblocks
überstanden hat. Die Frage, die sich heute stellt, ist, ob sie auch den
Versuch seiner Wiederherstellung überstehen kann. Diese Krise ist zwei
Nummern kleiner, aber für uns Lebende gerade groß genug.
Der
Untergang der archaischen Mittelmeerkultur um 1200 v. Chr. ist ein
Problem für sich. Ein historisches, kein zeitgeschichtliches. "Strukturen"
entpuppen sich in aller Regel als bloße Analogien. Die haben auch
ihren Wert, aber bloß einen kleinen, den man sorgfältig suchen muss. 25. 4. 2022
zuöffentliche Angelegenheiten aus welt.de, 28. 7. 2026 Hattuscha: Die Hauptstadt des Hethiterreichs wurde um 1200 v. Chr. verlassen
Wie Dürre den ersten Untergang der menschlichen Zivilisation beförderte
Schriftliche Quellen berichten von Hungersnöten, die um 1200 v. Chr. zum Kollaps der ostmediterranen Staatenwelt führten. Vorausgegangen waren offenbar außergewöhn-liche Dürreperioden, hervorgerufen vom Zusammenfallen verschiedener Klimatrends.
Der Brief, den die hethitische Königin Puduhepa an Pharao Ramses II. schrieb, ließ es nicht an Deutlichkeit fehlen: „Ich habe kein Getreide in meinem Land!“ Das war kein Einzelfall. Ein anderer Hethiter-Fürst klagte: „Weißt Du nicht, dass in meinen Ländern der Hunger herrscht?“ Und gegenüber dem Herrscher der Stadt Ugarit wurde dieselbe Bitte mit dem dramatischen Nachsatz versehen: „Es geht hier um Leben und Tod!“
Die Zitate belegen, dass um das Jahr 1200 v. Chr. das hethitische Großreich in Kleinasien und Nordsyrien in eine existenzielle Krise geraten war. Obwohl die Ägypter seinen Verbündeten wiederholt mit Getreidelieferungen unterstützten, verschwand nicht nur das Hethiterreich kurz darauf von der politischen Landkarte des östlichen Mittelmeeres, sondern auch die Herrschaften Syriens, Palästinas, Zyperns und des mykenischen Griechenlands. Mit Verweis auf die Hilfegesuche der Hethiter geht die Forschung davon aus, dass der Zusammenbruch des spätbronzezeitlichen Mächtesystems nicht zuletzt von Dürre- und Hungerkatastrophen angetrieben wurde.
Welche klimatischen Prozesse dabei eine Rolle spielten, will eine neue Studie der Universität Stockholm zeigen, die in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht wurde. „Anstatt durch ein einzelnes Klimaereignis verursacht zu werden, stellten wir fest, dass die extremsten Dürren auftraten, wenn natürliche Klimazyklen mit unterschiedlichen Zeiträumen zusammenfielen. Dies macht verständlich, warum die Trockenheit im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der späten Bronzezeit so schwerwiegend war“, sagt Katherine Power, Doktorandin am Institut für Physische Geografie und Erstautorin der Studie.
Power und Qiong Zhang, Professorin für Paläoklimamodellierung und Mitautorin, setzten für ihre Studie ein hochmodernes Klimamodell ein, um die Entwicklung des Mittelmeerklimas der letzten 8000 Jahre zu rekonstruieren. Danach wurde der ostmediterrane Raum über Jahrtausende hinweg einem Trend zur Austrocknung unterworfen, der durch langsame Veränderungen der Erdumlaufbahn verursacht wurde. „Überlagert von diesem langfristigen Trend stellten wir auch kurzfristigere Schwankungen im Atlantischen Ozean und in der Atmosphäre fest“, erklärt Katherine Power.
Die Wissenschaftlerinnen stellten fest, dass die schwersten Trockenperioden dann auftraten, wenn mehrere natürliche Klimazyklen zusammentrafen, sich gegenseitig vorübergehend verstärkten und auf diese Weise Dürren hervorbrachten, die weitaus intensiver waren als der langfristige Austrocknungstrend allein. „Das Zusammenwirken dieser Prozesse trieb das östliche Mittelmeer über eine kritische hydroklimatische Schwelle hinaus“ folgert Power. Die Folge war, dass weniger Wasser zur Verfügung stand und damit der Druck auf die Landwirtschaft in Gesellschaften zunahm, die ohnehin mit schwankenden Ernteerträgen zu kämpfen hatten.
Dass Hungerkatastrophen maßgeblich den Zusammenbruch der bronzezeitlichen Staatenwelt befördert haben, wird von zahlreichen Forschern angenommen. In seinem Bestseller „1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation“ hat der amerikanische Archäologe Eric H. Cline „Klimawandel und Dürre“ als zwei von mehreren Ursachen beschrieben, die am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. in einem verhängnisvollen Bündel zusammenfanden. Denn auch in anderen Regionen des Nahen Ostens hungerten die Menschen. Cline zitiert aus einem Brief aus der Stadt Emar im syrischen Binnenland: „Wir werden alle verhungern. Wenn du nicht schnell herkommst, werden wir des Hungers sterben.“
Pollenanalysen zeigen, dass es in Syrien und auf Zypern zu großen Umweltver-änderungen kam. Ernteausfälle hatten Hungersnöte zur Folge, die zu sozioökonomischen Krisen, Kriegen und Massenmigrationen führten. Allerdings schränkt Cline ein, „dass es in dieser Region im Laufe der Geschichte ziemlich oft zu Zeiten der Dürre kam und dass sie meistens nicht zum Zusammenbruch einer ganzen Zivilisation führten ... Klimawandel, Dürren und Hungersnöte (reichen) allein nicht aus, um das Ende der Spätbronzezeit zu erklären.“
Stattdessen gebraucht der Archäologe das Bild von einem globalen Systemkollaps, hervorgerufen durch Dominoeffekte. Handelsrouten wurden unterbrochen, komplizierte Verteilungs- und Verarbeitungssysteme gerieten in Schieflage, Kriege um schwindende Ressourcen erodierten die Reiche, Naturkatastrophen wie Erdbeben und Dürren provozierten Aufstände und Migrationen.
Power und Zhang verstehen ihre Studie allerdings nur bedingt als Beitrag zur aktuellen Klimadebatte. Zwar zähle das Mittelmeergebiet zu den globalen Brennpunkten des Klimawandels und werde den Prognosen zufolge im Laufe des kommenden Jahrhunderts wärmer und trockener werden. Aber: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das künftige Dürrerisiko nicht nur von der langfristigen, vom Menschen verursachten Erwärmung abhängt, sondern auch davon, wie die natürliche Variabilität im Atlantik mit diesem allgemeinen Trend interagiert“, sagt Katherine Power.
Blau
ist weltweit die Lieblingsfarbe der Menschen – das ist kein Zufall.
Ein Farbpsychologe erklärt, was die Farbe mit unserem Gehirn, unseren
Gefühlen und unserer Sehnsucht macht
Strand und Meer: Das genießen in den Sommerferien viele Urlauber.
Doch warum fasziniert das Meer so sehr, dass viele Menschen da immer
wieder hinwollen? Und warum reicht schon das azurblaue Meer, um positive
Gedanken auszulösen?
Axel
Buether von der Bergischen Universität Wuppertal verweist auf
Mechanismen im Gehirn, die bei einem bestimmten Blauton das Erlebnis
„Meer“ wieder aufrufen können. „Die Farbe wirkt dann wie ein äußerer
Trigger – ähnlich wie eine Melodie oder ein vertrauter Geruch“, sagt der
Farbpsychologe. „Wir sehen nicht nur Blau und denken ans Meer, sondern
erinnern uns auch körperlich an das Schwimmen, an sommerliche Erholung
und an schöne Erlebnisse.“ Das könne für einen Moment glücklich machen.
Aber
warum ist es ausgerechnet die Farbe Blau, die diesen Trigger auslöst?
Blau sei in der Natur vor allem die Farbe des Himmels, des Wassers und
der Ferne, sagt Buether. „In unserer Wahrnehmung tritt also etwas
zurück, öffnet den Raum und vermittelt Weite.“ Deshalb würden viele
Menschen Blau mit Ruhe, Freiheit und Vertrauen verbinden.
Und
das gilt demnach nicht nur für Europa. „Blau gehört weltweit zu den am
positivsten konnotierten Farben und ist international die Lieblingsfarbe
besonders vieler Menschen“, sagt Buether. Blau sei eine
Sehnsuchtsfarbe, von der es viele Varianten gebe: „Meerblau wirkt
frisch, feucht oder eisig. Azurblau weckt friedliche Assoziationen.
Ultramarinblau kann etwas Wehmut hervorrufen.“
Das
zeige sich auch in kulturellen Bildern und Religionen. „Es ist sicher
kein Zufall, dass Maria im Christentum häufig blaue Kleidung trägt“,
vermutet Buether. Und schon die alten Ägypter hätten das tiefblaue
Gestein Lapislazuli für Schmuck, Kultgegenstände und Grabbeigaben
verwendet.
Generell
spielen Farben eine größere Rolle, als vielen bewusst ist. Sie
beeinflussen, wie wir wahrnehmen, fühlen, uns orientieren und auch, wie
wir uns entscheiden – etwa beim Blick auf eine Ampel. „Farben können
körperliche Zustände beeinflussen, Stimmungen erzeugen und Bedeutungen
vermitteln“, sagt der Wissenschaftler Buether.
Wichtig
seien aber nicht nur festgelegte Bedeutungen – Rot an der Ampel heißt
Stopp! –, sondern auch individuelle persönliche Erfahrungen. Das
betrifft auch die Sehnsuchtsfarbe Blau, die mitunter negativ besetzt
sein kann. „Wenn uns ein blaues Auto angefahren hat, kann die Farbe
Panik auslösen. Das gilt ebenso für Todesangst auf dem Meer“, sagt der
Farbpsychologe.
„Farben
sind keine rein physikalischen Eigenschaften, sondern entstehen erst
durch die Verarbeitung von Lichtreizen in unserem Gehirn“, sagt der
Forscher. „Draußen gibt es Materie und elektromagnetische Strahlung –
die wahrgenommene Farbe entsteht in uns.“ Der Wissenschaftler zieht eine
Parallele zur Sprache: Bei der gebe es zunächst nur Schallwellen. Erst
im Gehirn würden daraus Wörter, Sätze und Bedeutungen.(dpa)
Nota. -Das ist fast zu trivial, um darüber Worte zu verlieren: Dem Eskimosagt man heute nicht mehr; dem Inuit kommt bei Weiß im Gemüt ganz was anderes vor als dem Azonasindianer sagt man auch nicht mehr-nativen, und bei Grün erst recht; und beiden wird bei Blau ganz anders: Die einen kennen es kaum, die andern haben mehr als genug davon, und das seit Tausenden von Jahren.
Informationswert hat aber der letzte Absatz. Der Verfasser der Unter-Überschrift scheint ihn nicht gelesen zu haben. JE
zuJochen Ebmeiers Realien aus spektrum.de, 21.07.2026 Seit Jahrzehnten diskutieren Fachleute, was chemische Bindungen sind.
Ein neues Modell stellt jetzt die Vorstellung des gleichberechtigten
Elektronenpaars auf den Prüfstand
Paar-Trennung:Neues Modell stellt Grundlage der Chemie infrage
Das
Elektronenpaar ist die Grundlage klassischer chemischer Bindungen. Ein
Modell legt nun eine ungleiche Partnerschaft nahe: Manchmal macht eins
der Elektronen schlicht nicht mit.
Es
kommt nicht häufig vor, dass Grundlagen eines Schulfachs revidiert
werden müssen. Aber genau das könnte in der Chemie passieren, denn
Fachleute hinter-fragen nun eines der zentralen Konzepte des Fachs: die
Elektronenpaarbindung. Das Elektronenpaar könnte demnach weniger
grundlegend sein als gedacht. In einer neuen Veröffentlichung schlagen
drei Forscher der Universität Oviedo in Spanien vor, dass in vielen
Fällen nicht ein Elektronenpaar die chemische Bindung bildet, sondern
nur ein einzelnes Elektron. Das andere sei »Zuschauer« und bleibe an
seinem Atom, berichten Daniel Barrena-Espés, Elivio Francisco und Ángel Martín Pendás in der Fachzeitschrift »Chemical Science«.
Das geht aus ihrer um-fassenden Analyse hervor, in der sie die
Elektronenverteilung mit einer Kombi-nation verschiedener Ansätze
untersucht haben. Demnach könne man Beispiele aus allen klassischen
Bindungstypen im Sinne dieser Ein-Elektronen-Bindung interpre-tieren.
Die Natur chemischer Bindungen ist bis heute umstritten – besonders, wenn es um ungewöhnliche Sonderfälle wie Mehrzentrenbindungen oder schwache Wechselwir-kungen wie die Wasserstoffbrückenbindung
geht. Doch das Modell der drei For-scher betrifft das ganz klassische
Bindungsmodell, in dem Elektronenpaare zentrale Akteure sind: In der
kovalenten Bindung sind die Paare über die beiden aneinander-gebundenen
Atome hinweg delokalisiert, »gehören« also zu beiden Atomen
glei-chermaßen.
In einer Donor-Akzeptor-Bindung stellt eines der beiden
beteiligten Atome das komplette Elektronenpaar. In der Ionenbindung
wiederum sind die Elektronen-paare an einem Atom lokalisiert, und beide
Atome tragen unterschiedliche La-dungen.
In
allen diesen Bindungen gilt jedoch, dass die gleiche Wellenfunktion
mathema-tisch beide Elektronen eines Paars beschreibt – sie sind
ununterscheidbar. Im Modell des Teams um Martín Pendás gilt das jedoch
nicht mehr. Dort spaltet sich das Elektronenpaar in zwei Einzelakteure
auf, von denen im Extremfall eins an seinem ursprünglichen Atom bleibt
und dessen mathematische Beschreibung sich kaum ändert, während das
andere die chemische Bindung bildet.
Ziel der Analyse war vor allem, die seit Jahrzehnten intensiv
diskutierten Eigen-schaften von Donor-Akzeptor-Bindungen zu untersuchen.
Dabei ist insbesondere unklar, warum diese auch als koordinativ
bezeichneten Bindungen so viel schwä-cher sind als kovalente Bindungen,
obwohl in beiden ein geteiltes Elektronenpaar vorliegt. Die neue
Ein-Elektronen-Perspektive könnte das erhellen. Zusätzlich bietet diese
Sichtweise eine einheitliche Erklärung für eine ganze Reihe recht
schwacher Bindungen, die man bisher teilweise mit unterschiedlichen
Modellen beschreibt. Unklar ist jedoch, ob die neue Art, Bindungen zu
beschreiben, einen Fortschritt für praktische Probleme wie das Design
chemischer Reaktionen und Mechanismen bietet.
Nota. - Von den diskutierenden Fachleuten bin ich keiner. Vielmehr verstehe ich auch diesmal nicht, worum es überhaupt geht. Aber spektrum.de stellt uns in Aus-sicht, dass ein neues Zeitalter der Chemie eröffnet wird. Das will ich Ihnen nicht vorenthalten. Vielleicht geht es auch hier um die Frage, ob mathematische Modelle die Wirklichkeit so beschreiben, dass jene voraussagbar wird. JE
Ist die Geschwindigkeit des Lichts die größte, die es gibt, oder bloß die größte, für die unser Wahrnehmungsapparat ausgestattet ist?
Man hat angenommen, dass beim Quantensprung keine Zeit vergeht - und folglich auch kein räumlicher Abstand gemessen wurde. Schließlich hat sich aber herausgestellt, dass lediglich unsere Messinstrumente - Prothesen unseres Sinnesapparats - zu grob waren, um sie zu registrieren; und also den Intervall zu messen. Inzwischen ist das geschehen; es vergeht Zeit, es wird Raum durchquert.
Können wir Instrumente bauen, die nachweisen, nämlich messen können, das keine Zeit vergeht?
Wie ist das denn beim Quantensprung: Zeit ist inzwischen gemessen worden; ist auch überwundener Raum gemessen worden? Oder wird nur gefolgert: weil Zeit vergangen ist, muss auch Raum durchquert worden sein - ?!
*
Raum und Zeit können wir messen, nämlich an einander.
Angenommen, das Raum-Zeit-Kontinuum wäre selbst gequantelt - woran würden wir ein solches Quant messen können?
Das ist eine sehr tiefgehende Frage. Tatsächlich stößt du hier an einen Punkt, an dem Physik und Philosophie ineinander übergehen.
Wenn Raum und Zeit nur über ihre Beziehung zueinander messbar sind, dann stellt sich bei einer Quantelung der Raumzeit die Frage: Was ist die Bezugsgröße für das Quant selbst?
Die Antwort der heutigen Physik lautet im Wesentlichen: nicht direkt.
Ein Quant kann man immer nur über seine Auswirkungen erkennen. Ein Elektron sehen wir nicht als "Punkt", sondern über seine Wechselwirkungen. Ebenso wäre ein Raumzeitquant nur durch Effekte messbar, die eine kontinuierliche Raumzeit nicht hervorbringen würde.
Ein paar Möglichkeiten:
Mindestlängen. Wenn es ein kleinstes Raumzeitquant gäbe (oft in der Größenordnung der Planck-Länge, etwa 1,6×10−35 m), könnte man prinzipiell keine kleineren Abstände mehr unterscheiden. Das wäre keine Messung des Quants selbst, sondern das Scheitern jeder feineren Messung.
Veränderte Ausbreitung von Licht. Manche Quantengravitationstheorien sagen voraus, dass extrem hochenergetische Photonen sich minimal anders ausbreiten als energiearme. Über astronomische Entfernungen könnten winzige Unterschiede messbar werden.
Diskrete Geometrie. In Ansätzen wie der Schleifenquantengravitation sind Flächen und Volumina quantisiert. Dort wären nicht die Koordinaten diskret, sondern geometrische Größen hätten diskrete Eigenwerte.
Der eigentliche Kern deiner Frage ist aber noch fundamentaler:
Woran misst man das Quant der Raumzeit, wenn Raum und Zeit selbst bereits die Maßstäbe sind?
Das erinnert an die Frage:
Woran misst man die Länge des Lineals, mit dem alle anderen Längen gemessen werden?
Die Antwort ist: Man misst sie nicht absolut, sondern relational. Es gibt keine "Meta-Länge", außerhalb der Raumzeit.
Man könnte sagen:
Ein Meter ist definiert über die Lichtgeschwindigkeit und eine Zeit.
Eine Sekunde ist definiert über Atomübergänge.
Diese Definitionen setzen aber bereits Raumzeit voraus.
Falls die Raumzeit fundamental diskret ist, dann wäre das Raumzeitquant kein Objekt in Raum und Zeit, sondern der Baustein, aus dem Raum und Zeit entstehen. Dann gibt es nichts "Feineres", woran man es messen könnte. Es wäre ähnlich wie in einem digitalen Bild: Man kann die Pixelgröße nicht durch noch kleinere Pixel desselben Bildes bestimmen. Man erkennt sie erst daran, dass bei genügend starker Vergrößerung das Bild nicht mehr kontinuierlich erscheint.
Einige moderne Ansätze gehen sogar noch weiter. Sie vermuten, dass Raum und Zeit gar nicht fundamental sind, sondern aus etwas Tieferliegendem entstehen – etwa aus Quanteninformation, Verschränkungsstrukturen oder algebraischen Relationen. In solchen Theorien wäre das "Quant der Raumzeit" gar nicht mehr die grundlegende Größe. Fundamental wären Beziehungen oder Informationsstrukturen, und Raum sowie Zeit wären emergente Eigenschaften dieser tieferen Ebene.
In diesem Sinn könnte deine Frage umformuliert werden:
Falls Raum und Zeit selbst nur emergente Messgrößen sind – was ist dann die fundamentale Größe, aus der sie hervorgehen?
Das ist tatsächlich eine der zentralen offenen Fragen der theoretischen Physik. Bisher gibt es darauf keine experimentell bestätigte Antwort. Deine Überlegung trifft also genau den Punkt, an dem heutige Theorien versuchen, über die klassische Vorstellung eines Raum-Zeit-Kontinuums hinauszugehen.
"Über astronomische Entfernungen könnten winzige Unterschiede messbar wer-den" - das ist die ärgerlichste Antwort: Wir könnten das Raum-Zeit-Quant aus fakt-ischen, aber absoluten Gründen nicht messen; logisch jedoch wäre es möglich. Das wäre allerdings kein physikalisches, sondern ein philosophisches Problem, und das lässt sich auch logisch nicht lösen. JE
zuJochen Ebmeiers Realien aus derStandard.at, 25. April 2026 Nguyen-Kim scheut nicht davor zurück, in ihren Statements politisch zu werden.
Messbare Wahrheit
"Wir überschätzen völlig, was Rationalität leisten kann"
Die populäre
deutsche Wissenschaftsjournalistin und Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim tritt für eine
politisch aktive Rolle der Wissenschaft ein. Dass sie dafür Hass erntet,
nimmt sie in Kauf
Interview von Reinhard Kleindl
Die studierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim ist eine der
einflussreichsten deutschsprachigen Wissenschaftserklärerinnen, mit
Wissenschaftssendungen im Fernsehen, Millionen Followern in sozialen
Medien und populären Sachbüchern. Während ihres Engagements für
Aufklärung in der Corona-Pandemie wurde sie, wie andere Fachleute, teils
heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Ein vor zwei Jahren angekündigter
Einstieg in die Politik erwies sich als Finte,
was nicht heißt, dass Nguyen-Kim unpolitisch ist. Auf Einladung des
Wissenschaftsfonds FWF und der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (ÖAW) hielt sie in Wien einen Vortrag zur Langen Nacht
der Forschung und sprach darüber, wie sich Wissenschaft "zwischen all
dem Geschrei hörbar macht". Der STANDARD traf sie vorab zum Gespräch, zu
dem sie mit Personenschutz erschien.
STANDARD: Frau Nguyen-Kim, Sie behandeln in Ihren
Formaten einerseits naturwissenschaftliche Fragen, andererseits
gesellschaftlich brisante Themen wie Alternativmedizin, Impfen oder den
Klimawandel. Wie suchen Sie Ihre Themen aus?
Nguyen-Kim: Ich interessiere mich für Themen, die
ohnehin schon viel diskutiert werden, bei denen aber typischerweise oft
eine evidenzbasierte Sicht fehlt. Ich habe natürlich einen Schwerpunkt
auf naturwissenschaftliche Themen, aber grundsätzlich interessiere ich
mich für alles, was evidenzbasiert ist und wo es zum Beispiel Zahlen
oder Statistiken gibt und man erklären kann, wie die entstanden sind.
Das kann zum Beispiel auch Migration sein. Ich würde mir vonseiten der
Wissenschaft wünschen, dass man sich da auch einmischt. Ich versuche das
zumindest immer.
STANDARD: Warum?
Nguyen-Kim: Weil es, wie ich glaube, etwas gibt, das
ich gerne Neutralitätsfehlschluss nenne. Es gibt den Standpunkt:
Wissenschaft ist nicht politisch und muss politisch neutral sein, und
deshalb hält man sich raus. Aber die Wissenschaft wird ja selbst zum
Thema. Es wird mit Zahlen oder Studien argumentiert, und das zum Teil
falsch. Die Frage ist, will man die verzerrt dastehen lassen oder muss
man sich aus Gründen der Neutralität einmischen, um die
wissenschaftliche Korrektheit hinter diesen Zahlen und Studien zu
vertreten? Und da denke ich, dass das wichtig ist.
STANDARD: Wie weit darf Wissenschaft bei einer solchen Einmischung gehen? Hat sie gewissermaßen ein Monopol auf die Wahrheit?
Nguyen-Kim: Für Menschen mit einem postmodernen
Wahrheitsverständnis scheint es vielleicht gefährlich zu sagen: Das ist
die Wahrheit, weil es hier auch um Ausüben von Macht geht. Aber es gibt
eben auch physikalisch messbare Dinge. Klar gibt es Paradigmenwechsel,
aber solche Paradigmenwechsel erfordern Evidenz. Ich finde es richtig,
dass man den wissenschaftlichen Konsens hinterfragt, so funktioniert
Wissenschaft auch, aber es ist immer schwierig, wenn etwas ohne eine
entsprechende Gegenevidenz hinterfragt wird, und diese Kritik genauso
ernst genommen werden soll. Da entsteht schnell so eine False-Balance.
Wobei eine dogmatische Wissenschaft natürlich ebenfalls problematisch
ist.
STANDARD: Was ist davon zu halten, wenn sogenannte Querdenker die Wissenschaft kritisieren?
Nguyen-Kim: So frustrierend es ist, mit etwas wie
Querdenkertum konfrontiert zu sein, ist es auch eine sportliche
Herausforderung, sich damit auseinanderzusetzen. In gewissem Maß muss
man auch herausstellen, dass manche Querdenker überhaupt diese Skepsis
haben. Ganz ehrlich: Sehr viele, oft auch eher privilegierte Leute,
haben noch nie etwas hinterfragt. Jemand, der ein Querdenker ist und
sich überlegt, ob die Pharmaindustrie nicht vielleicht ein Interesse
hat, uns alle krankzumachen, ist da eigentlich einen Schritt weiter. Ich
glaube, die Schieflage kommt daher, dass diese Skepsis nur sehr
einseitig ist, also gegenüber Autoritäten oder "die da oben". Aber
sobald dann irgendein Scharlatan kommt und sagt, ich habe die Lösung,
wird das nicht hinterfragt. Ich glaube, hier kann man sehr schnell
sehen, wie Skepsis, die auch im wissenschaftlichen System notwendig ist,
dann doch ins Leere läuft.
STANDARD: Geht es also letztlich darum, wem man vertraut?
Nguyen-Kim: Ich glaube, wir überschätzen völlig, was
Rationalität und Logik leisten können, und übersehen, welche große
Rolle Vertrauen spielt. Wenn ich überlege, wie ich durch mein eigenes
Leben gehe, wie viele Entscheidungen ich treffe, dann muss ich sagen,
sehr viel basiert auf Vertrauen. Früher bei Youtube hatten wir manchmal,
wenn die Quellenliste so lang war, dass sie nicht mehr in die
Video-Beschreibung passte, ein Google-Doc verlinkt, wo alles drinstand.
Da konnte man nachvollziehen, wie viele Menschen hineingeschaut haben.
Es waren in jedem Fall unter zehn. Nur damit das klar ist: Ich finde es
wichtig, dass man so arbeitet. Aber man muss den Realismus haben, dass
die meisten Menschen, die meine Videos ansehen und die ich überzeuge,
ganz einfach sagen: Der Mai vertraue ich.
STANDARD: Sollen Forschende also selbst Wissenschaftskommunikation betreiben? Ist das zumutbar?
Nguyen-Kim: Ich finde es sehr wichtig, dass man
Forschende auch als Menschen wahrnimmt. Ich bin davon überzeugt, dass
zum Beispiel Christian Drosten, der ja während der Pandemie zum Glück
wahnsinnig einflussreich war, nicht diesen Einfluss gehabt hätte, wenn
er nicht auch als Person und Mensch und Gesicht in der Öffentlichkeit
gewesen wäre. Es hat ihm natürlich auch sehr viel Anstrengung und Ärger
bereitet und Hass beschert, das ist die Kehrseite dieser Medaille. Aber
ich kann trotzdem immer nur dazu ermuntern. Manche lassen sich
vielleicht dadurch einschüchtern. Aber ich sage immer, der Hass ist
proportional zum Impakt. Am Anfang wird man nicht mit Hass zu tun haben,
sondern damit, dass einen überhaupt jemand sieht.
STANDARD: Ist der Hass also ein normaler Teil dieser Arbeit?
Nguyen-Kim: Meine persönliche Bilanz ist durch den
Impakt, den ich dafür erreiche, auf jeden Fall eine positive.
Gleichzeitig spreche ich natürlich aus einer wirklich starken Position
daraus. Ich bin bei einem großen Sender, ich bin bei einem großen
Verlag. Ich habe um mich herum einfach eine ganze Infrastruktur, die mir
erlaubt, frei zu arbeiten. In der deutschen Politik gibt es zumindest
meiner Meinung nach viel aufrichtige Motivation für mehr
Wissenschaftskommunikation. Da wird Geld bereitgestellt. Ich denke aber,
dass das nicht so viel bringt. Klar braucht man auch Geld, aber vor
allem braucht man Strukturen, um Forschende in der Öffentlichkeit zu
unterstützen und im Zweifelsfall auch zu schützen. Außerdem braucht es
einen Anreiz für die Forschenden. Aktuell zählt im Lebenslauf von
Forschenden nur die wissenschaftliche Publikation. Für
Leitungsfunktionen etwa sollte auch nachweisbare, gute
Wissenschaftskommunikation eine Anforderung sein.
STANDARD: Sie haben für Ihre Profession die
Forschung hinter sich gelassen. Haben Sie damit gerechnet, dass Sie eine
so große Reichweite erzielen werden?
Nguyen-Kim: Ich war zum Glück schon 27, als ich mit
meinem Hobby-Kanal auf Youtube angefangen habe. Ich habe mir dann lange
darüber Gedanken gemacht, wie ich damit umgehe, oder was das mit mir
machen wird, wenn irgendwann andere Menschen als die, die ich kenne,
diese Videos sehen. Es ist schon eine verletzliche Position, in der
Öffentlichkeit zu sein. Möchte ich das? Doch dann habe ich für mich
beschlossen: Ja, das will ich. Ich dachte aber auch immer, am Ende wird
sich das ja in Grenzen halten, weil es ja Wissenschaft ist. Wie viel
Aufmerksamkeit kann man überhaupt mit Wissenschaft bekommen? Und, das
war noch sehr naiv von mir damals, ich dachte tatsächlich, es sei total
unpolitisch und unkontrovers, weil ich ja nur über Chemie und Physik
reden will. Doch dann kam die Pandemie.
...war eine Dummheit. Aber keine unschuldige - aus mangelnder Intelligenz. Son-dern eine hinterhältige - aus Feigheit: Sie waren nicht sicher, dass sie wirklich die besseren Argumente haben; oder doch, dass sie sie glaubhaft vertreten können.
Nota.Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden.
Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.JE
Affen begreifen Geometrie auf ähnliche Weise wie Menschen
Auch Affen können
geometrische Formen abstrahieren, legt eine neue Studie nahe. Das könnte
für die Ausbildung von Kindern relevant sein
von Reinhard Kleindl
Wie entstand das, was uns menschlich macht? Der Moment, als sich die
evolutionären Wege der Vorfahren von Affen und Menschen trennten,
beflügelt unsere Fantasie und wurde etwa im Science-Fiction-Klassiker 2001: A Space Odyssey
unvergesslich in Szene gesetzt. Lange Zeit schienen offensichtliche
Unterschiede zwischen Affen und Menschen ausreichend Erklärungen dafür
zu liefern, warum Erstere zwar an Intelligenz die meisten anderen Tiere
in den Schatten stellen, es aber dem Menschen mit seinen kognitiven
Fähigkeiten vorbehalten blieb, den Planeten zu beherrschen.
Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte zeigte sich zunehmend, dass diese
Grenze fließend ist und viele für typisch menschlich gehaltene
Eigenschaften auch bei Affen zu finden sind, etwa der Gebrauch von
Werkzeugen. Eine neue Studie im Fachjournal PNAS geht nun noch einen Schritt weiter in diese Richtung.
Zeichen von Intelligenz
"Geometrisches
Vorstellungsvermögen gilt als wichtiges Kennzeichen der menschlichen
Intelligenz", schreibt das Forschungsteam in der Studie. Auf der Ebene
der visuellen Wahrnehmung sei alles noch sehr ähnlich: Im sogenannten
inferotemporalen Kortex seien dieselben Strukturen vorhanden und auch
mit den Augen wahrgenommene Formen würden dort fast identisch
repräsentiert. Auch Eigenschaften wie Symmetrie würden bei Menschen und
Affen wie Makaken gleichermaßen bereits im inferotemporalen Kortex
extrahiert.
Menschen und Affen sind also mit vergleichbaren visuellen Werkzeugen
ausgestattet. Ihre Fähigkeiten sind dennoch unterschiedlich: Menschen
seien beim Erkennen von geometrischen Formen mit "euklidischen"
Eigenschaften wie Parallelität oder Symmetrie klar im Vorteil und hätten
komplexere geometrische Vorstellungen als andere Primaten. Vor allem
bei rotierten Formen tun sich Affen schwerer. "Eine gängige Erklärung
für diese Besonderheit des Menschen lautet, dass Menschen sich auf
diskrete, symbolische Merkmale stützen, um geometrische Formen zu
kodieren, während andere Primaten sich ausschließlich auf
kontinuierliche Wahrnehmungsmerkmale stützen", heißt es weiter in der
Studie.
Tests mit Affen und Menschen
Diese
Idee wollte ein Forschungsteam US-amerikanischer Hochschulen prüfen.
Man führte mit acht Affen und rund 150 Menschen Tests des geometrischen
Verständnisses durch. Vier der Affen waren Rhesus-Makaken, vier waren
Anubispaviane. Die Affen sollten auf einem Bildschirm zweidimensionale
geometrische Formen – Dreiecke, Vierecke und andere – richtig zuordnen
und erhielten bei erfolgreicher Lösung Snacks.
Das Zuordnen solcher Formen mag einfach klingen, gibt Studienautorin
Jessica Cantlon von der Carnegie Mellon University zu. "Es ist aber
tatsächlich ziemlich schwierig, da die Objekte keine charakteristischen
Merkmale aufweisen und es keine wesentlichen Unterschiede in Farbe,
Größe oder Form gibt." Auch für Menschen seien diese Tests nicht immer
einfach.
Hier führen Anubispaviane den Test durch.
Kinder und Indigene
Die Tests wurden
auch mit einigen Dutzend noch nicht schulpflichtigen Kindern, die sich
mit abstrakten Formen noch schwerer tun als Erwachsene, sowie mit
erwachsenen Indigenen vom Volk der Tsimane’ in Bolivien durchgeführt.
Letztere leben dort von Landwirtschaft und gelegentlichem Jagen und
Fischen. Bedeutsam für die Studie ist, dass sie keine etwa in den USA
übliche Ausbildung genießen.
"Dadurch konnten wir Alter und kulturelle Erfahrungen gewissermaßen
voneinander trennen", sagt Cantlon. "Denn wenn man versucht, etwas bei
Kindern zu untersuchen, ist es manchmal schwierig zu unterscheiden, ob
ihre Fähigkeiten entwicklungsbedingt sind oder ob sie durch Bildung oder
Erfahrung erworben wurden."
Ähnliches Verständnis
Die
Ergebnisse wurden daraufhin anhand verschiedener Modelle eingeordnet.
Eines basierte auf der Annahme, dass Affen die Formen ohne Fähigkeit zur
symbolischen Abstraktion erkennen müssen, ein anderes gestand ihnen
diese Fähigkeit zu. Es stellte sich heraus, dass alle drei Gruppen
dieselbe Herangehensweise zeigen, mit unterschiedlichen Stärken, die bei
Erwachsenen am deutlichsten ausgeprägt waren.
"Was uns überrascht hat, war nicht nur, dass Affen diese Aufgabe
bewältigen konnten", sagt Jessica Cantlon. "Es war vielmehr, dass Affen,
Kinder und Erwachsene offenbar auf im Grunde genommen dieselbe Weise
über geometrische Zusammenhänge nachdenken. Das deutet darauf hin, dass
diese Intuitionen Teil der grundlegenden Architektur des Primatengeistes
sind."
Das ist auch relevant für die Ausbildung von Kindern, betont die
Forscherin. "Geometrische Intuition ist etwas, das Menschen schließlich
in Mathematik und Naturwissenschaften umsetzen", erinnert Cantlon. "Wenn
wir also verstehen wollen, wie Kinder Geometrie lernen, müssen wir
verstehen, was sie bereits mitbringen, bevor der formale Unterricht
beginnt." Die neue Untersuchung legt laut Cantlon nahe, dass Kinder tief
verwurzelte, evolutionär alte Intuition über Form und Raum besitzen.
"Die Bildung kann auf diesen Intuitionen aufbauen, anstatt Geometrie als
etwas zu behandeln, das von Grund auf neu vermittelt werden muss."
Nota. -Die auszeichnende Fähigkeit des Homos apiens wäre also das Symboli-sieren. Aber keine Symbolisierung ohne Reflexion. Ein Lautbild oder sonst ein Zeichenan Stelleeiner Vorstellung setzen heißt nicht bloß abstrahieren, sondern zwei vollends Inkommensurable gleichsetzen. Das ist ein Gewaltakt. JE
aus derStandard.at, 19. 7. 2026 Vogelschwärme wie dieser vor dem Wattmeer Schleswig-Holsteins sind zu erstaunlich komplexem Verhalten fähig. zuJochen Ebmeiers Realien
Schwarmintelligenz
Biologe Iain Couzin: "Tiere sind besser darin, kollektive Entscheidungen zu treffen"
Der Brite Iain
Couzin erforscht Schwarmverhalten bei Tieren, Menschen und einzelnen
Zellen. Alte Vorstellungen von Schwärmen müssen seiner Ansicht nach
revidiert werden
Interview von Reinhard Kleindl
Wer jemals Ameisenstaaten oder große Vogelschwärme genauer beobachtet
hat, kann leicht ins Staunen kommen: Die Tiere sind in der Lage,
riesige geordnete Strukturen zu bilden, die für das einzelne Individuum
unmöglich zu überblicken sind, und sich wie ein eigener Organismus
verhalten. Wie das möglich ist, untersucht seit vielen Jahren der
britische Biologe Iain Couzin, der an der Universität Konstanz und am
Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie forscht. Dazu steckt er
Zebrafische in Virtual-Reality-Umgebungen, baut Schwärme aus Robotern
und wendet das gewonnene Wissen auch auf Gruppen von Menschen an. Im
Rahmen der 14. Europäischen Konferenz für Mathematische und Theoretische Biologie an der Universität Graz hielt er am vergangenen Freitag einen öffentlichen Vortrag über seine Arbeit. Der STANDARD traf ihn zum Gespräch.
STANDARD: Gerade sehr einfache Tiere wie Ameisen bilden äußerst komplexe Staaten. Wie ist das möglich?
Couzin: Wanderameisen sind ein sehr interessantes
Beispiel, weil sie einige der größten Ameisenkolonien der Welt bilden.
Sie können 20 Millionen Tiere haben, und die afrikanischen Wanderameisen
sind komplett blind. Und trotzdem können die Tiere als Kollektiv
Probleme lösen, wie Brücken mit ihren Körpern zu bauen, um Gräben zu
überwinden. Da sie dieses Problem gemeinsam lösen, konnten sie im Laufe
der Evolution die Kosten für die individuelle Intelligenz senken, denn
das Gehirn braucht sehr, sehr viel Energie, wenn man es mit Muskeln
vergleicht. Wird also das Sehvermögen nicht mehr benötigt, lässt sich
eine beträchtliche Menge an Energie einsparen. Die Wanderameisen treiben
das ins Extrem und können trotzdem als Kollektiv komplexe Aufgaben
lösen.
STANDARD: Die Gründe für Schwarmverhalten bei Tieren sind dabei nicht immer naheliegend. Können Sie ein Beispiel geben?
Couzin: Was wir bei Heuschrecken festgestellt haben,
ist, dass sie alles andere als kooperativ sind – Heuschrecken in einem
Schwarm befinden sich vielmehr auf einem Zwangsmarsch. Wenn
beispielsweise in Ostafrika Regen einsetzt, können die
Heuschreckenpopulationen immer weiter wachsen, doch sobald eine Dürre
eintritt oder die Heuschrecken die verfügbare Nahrung aufgefressen
haben, sind sie gezwungen, sich zusammenzuschließen. Und wenn sie zu
schwärmen beginnen, werden sie zu Kannibalen: Jedes einzelne Tier
versucht, das vor ihm liegende zu erwischen und dem hinter ihm liegenden
auszuweichen. Das Ergebnis davon ist, dass sie dazu neigen, die
nährstoffreichen Bereiche gewissermaßen im Gleichklang zu verlassen,
wobei sie verzweifelt um ihr Leben kämpfen.
STANDARD: Wie einfach darf ein Lebewesen sein, um noch komplexe Schwärme bilden zu können? Gibt es eine Grenze?
Couzin: Nein, nicht wirklich.
Unsere Körper sind schließlich auch Kollektive. Man braucht also nicht
einmal Tiere, um komplexes Verhalten zu erhalten. Die Interaktionen
können ziemlich einfach sein, was nicht heißt, dass die Individuen
selbst sehr einfach gestrickt sein müssen. Es ist einfach so, dass
manchmal einfache Interaktionsregeln ausreichen, auch bei Menschen. Wenn
wir uns in großen Menschenmengen befinden, sind wir uns gar nicht
bewusst, wie wir uns in Relation zu anderen verhalten. In Menschenmengen
sind wir dabei eigentlich recht vorhersehbar, weil wir gewissermaßen
auf Autopilot agieren.
STANDARD: Folgen Menschenmengen und Zellen im Körper also denselben Gesetzen? Wie universell sind diese Regeln?
Couzin: Ich glaube, es gibt einige wirklich
grundlegende mathematische Prinzipien, die all diese verschiedenen
Größenordnungen miteinander verbinden. Ob es nun um die Klebrigkeit der
Zellen geht, die dazu führt, dass sie ihre Bewegungsrichtungen
aufeinander abstimmen, oder ob es sich um etwas Kognitives handelt – wir
beobachten immer noch plötzliche Verhaltenswechsel und bestimmte
Verhaltensmuster. Trotz der Vielfalt der Interaktionen entsteht auf
einer größeren Ebene etwas Einfaches, das recht vorhersehbar ist, auch
wenn die einzelnen Einheiten selbst dies vielleicht nicht sind, wie
Aggregatzustände in der physikalischen Welt.
STANDARD: Wie hat sich unser Bild zur Bildung von Schwärmen in den vergangenen Jahren verändert?
Couzin: Als wir anfingen, uns mit Tierkollektiven zu
beschäftigen, hatten wir keine experimentellen Daten. Deshalb griffen
wir auf computergestützte Modelle zurück. Diese Modelle waren stark von
der Chemie und Physik inspiriert, insbesondere von den Wechselwirkungen,
die man zwischen Molekülen beobachtet. Sie waren also ziemlich weit von
der Biologie entfernt. Die neuronalen Netzwerke, die Informationen
verarbeiten, wurden dabei eigentlich gar nicht berücksichtigt. Als wir
begannen, die Tiere detailliert in Gruppen zu verfolgen und diese
Hypothesen zu überprüfen, fanden wir keine Belege dafür.
Schwärme bieten Fischen Schutz. Einzelne Tiere profitieren von der Intelligenz und Wahrnehmung des Kollektivs.
STANDARD: Gibt es eine bessere Erklärung?
Couzin: Vor wenigen Jahren wurden im Gehirn
Strukturen entdeckt, die Ring-Attraktor-Netzwerke genannt werden. Sie
entwickelten sich unabhängig voneinander in verschiedenen Tierarten, in
Wirbeltieren ebenso wie in Fliegen. Ich halte es für ein bemerkenswertes
Beispiel für konvergente Evolution. Dies hat uns daraufhin dazu
veranlasst, unsere Vorstellungen davon, wie kollektives Verhalten
koordiniert wird, neu zu überdenken. Wir konnten mit diesem Wissen
Experimente durchführen, um die klassischen Modelle mit dem neuen
kognitiven Zugang zu vergleichen. Und wir haben ziemlich überzeugende
Belege dafür gefunden, dass die alten Theorien falsch sind und wir den
neuen Ansatz übernehmen müssen. Viele Dinge, die wir über kollektives
Verhalten zu wissen glaubten, sind also nicht korrekt. Aber wir haben
zugleich zum ersten Mal die Möglichkeit, über abstrakte Modelle
hinauszugehen und die neuen Modelle auf neurobiologische Prinzipien und
eine neuronale Architektur zu gründen, die sich überall in der Natur
findet.
STANDARD: Viele im Kollektiv agierende Tiere
scheinen sich für die Gruppe aufzuopfern, für das große Ganze und den
Fortbestand des Kollektivs. Ist dieses Bild richtig, oder profitieren
auch einzelne Individuen?
Couzin: In der Biologie ist es äußerst selten, dass
etwas nur der Gruppe dient. Fast immer geht es um den Vorteil des
Individuums. Sie sind meist genetisch nicht eng verwandt und tun, was
gut für sie ist und was ihre Gene verbreitet. Wir haben einmal Paviane
untersucht, weil sie den Ruf haben, dass sie eine starke, auf Dominanz
begründete Hierarchie haben. Die Männchen sind dominant, und an der
Spitze steht das Alpha-Männchen. Wenn man sich Fernsehdokumentationen
ansieht, lernt man dort, dass dieses Männchen entscheidet, was zu tun
ist. Doch das erwies sich als nicht richtig. Die Gruppe trifft sehr
demokratische Entscheidungen, die es auch anderen Individuen erlauben,
vom intelligenten Verhalten der ganzen Gruppe zu profitieren. Erst wenn
eine gute Futterquelle gefunden wird, dominiert das Alpha-Männchen. Man
muss sehr aufpassen und alles aus der Perspektive einzelner Tiere
betrachten, denn egoistische Individuen können von der kollektiven
Intelligenz und Wahrnehmung einer Gruppe profitieren.
STANDARD: Sehr einfache Tiere wie Ameisen scheinen mit dem Zusammenleben viel besser zurechtzukommen als Menschen. Woran liegt das?
Couzin: Ich glaube, eine der großen
Herausforderungen für den Menschen besteht darin, dass wir evolutionär
nicht darauf ausgerichtet sind, in Großstädten oder sehr großen
Gesellschaften zu leben – insbesondere in der heutigen Zeit, in der die
Kommunikation, insbesondere die digitale Kommunikation, sehr schnell
vonstattengeht. Das ist etwas, womit wir nicht zurechtkommen. Wir haben
uns in kleinen Familiengruppen oder Clans entwickelt, in denen die
Geschwindigkeit der Kommunikation – sei es durch Sprechen, Schreiben
oder Ähnliches – relativ langsam war. Einer der Gründe, warum
Tiergruppen so klug sind, liegt darin, dass jedes einzelne Tier
gewissermaßen seine eigene Einschätzung, sein eigenes Urteil bildet und
diese dann über das soziale Gefüge zusammengeführt werden. Wir Menschen
hingegen lassen uns oft beeinflussen. Das macht es für uns viel
schwieriger, tatsächlich kluge Entscheidungen zu treffen. In vielerlei
Hinsicht sind Tiere viel, viel besser darin, kollektive Entscheidungen
zu treffen als Menschen.
Nota. - Intelligenz galt als die auszeichnende Eigenschaft von Homo sapiens. Den Tieren wurden als karger Ersatz die Instinkte zugesprochen. Dass auch ihnen mehr oder weniger Intelligenz zuzubilligen sei, hat sich in der Wissenschaft erst seit einem Jahrhundert herumgesprochen. Wenn aber kein ausgezeichneter Unterschied identifiziert werden kann, muss die Abstammung eine stetige gewesen sein, ohne Sprünge und ganz graduell. Und so erscheint der Mensch lediglich als ein besonders hochentwickeltes Tier.
So auch bei Iain Couzin, und so vergleicht er das menschliche Individuum mit dem tierischen 1:1. Doch bei der Kooperationsfähigkeit steht der Mensch auf einmal wie ein Nachzügler da, der sich in seiner selbstgeschaffenen Lebenswelt von Industrie und Handel nicht mehr ganz zurechtfindet. Doch an Intelligenz allein kann es nicht liegen, denn durch die hat er seine kulturelle Umwelt ja gerade aufgebaut...
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Nun aber ist der Übergang von tierischer Intelligenz zu menschlicher kein bruch-loser, sondern sehr wohl ein Sprung: Allein das menschliche Gehirn reflektiert. Es schaut das, was es umgibt, nicht bloß an und zählt zusammen, was es unterscheiden kann, sondern setzt sich zu ihm und es zu sich in ein Verhältnis. Indem er unter-scheidet, was er sieht - und dass er sieht -, kann er entscheiden, was er tut.
Der Star braucht aber, um im Schwarm aufzugehen, auf sein Reflektieren nicht erst zu verzichten, denn er hat gar keins, und wenn der Mensch darauf verzichtet, er-wirbt er keine Schwarmintelligenz, sondern wird ein Schwarmidiot. Denn was ihn von Tier unterscheidet, ist nicht seine relative Intelligenz, sondern seine Fähigkeit zur Vernunft. Die kann er allerdings brachliegen lassen. JE