Wenn Asterix und Obelix keine Kelten wären, sondern (Wildschwein-)Jäger und (Hinkelstein-)Sammler, dann müsste man ihr Lager an der Rheinmündung verorten. Dort widersetzte sich die Bevölkerung dem genetischen Einfluss anderer Gruppen etwa 3000 Jahre länger als in anderen europäischen Regionen. Zu diesem Ergebnis kam eine aktuelle Studie im Fachjournal Nature mit Wiener Beteiligung, im Rahmen derer man die DNA von 112 Verstorbenen aus dem heutigen Nordwesten Deutschlands, aus Belgien und den Niederlanden analysierte.

Im Gegensatz zu den gallischen Helden geht es hier freilich nicht um den römisch geprägten Zeitraum um 50 vor Christus, die untersuchten Überreste stammen aus der Zeit von 8500 bis 1700 v. Chr., also der Stein- und Bronzezeit. Zwei große Migrationsbewegungen prägten Europa damals: In den Jahrhunderten von 6500 bis 4000 siedelten sich die ersten Bäuerinnen und Bauern an, die aus Westanatolien kamen. Dies führte dazu, dass in vielen Gegenden 70 bis 100 Prozent des Erbgutes der Jäger-Sammler-Gesellschaft verschwand. Auch die DNA von Ötzi, dem wahrscheinlich dunkelhäutigen und dunkelhaarigen Tiroler Eismann, der etwa 3300 v. Chr. lebte, ist zu einem Großteil auf anatolische Vorfahren zurückzuführen.

Jäger und Fischer

Nachdem die Landwirtschaft nach Europa gekommen war, folgten mit der zweiten wichtigen Migrationsbewegung die indoeuropäischen Sprachen, wie die Forschung der vergangenen Jahre vermuten lässt. Um 3000 bis 2500 v. Chr. breiteten sich aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres Nomaden der Jamnaja aus. Die Ausbreitung der Jamnaja und ihrer Nachfahren ins Rhein-Maas-Delta dürfte zudem mit der Verbreitung der Schnurkeramik- und der Glockenbecher-Kultur in Zusammenhang stehen. Benannt wurden diese Kulturen nach den typischen Formen und Mustern der hinterlassenen Keramik: Becher, Krüge und andere Objekte wurden mit Rillenmustern verziert beziehungsweise wiesen eine geschwungene, an Glocken erinnernde Form auf.

Sie hatten den wohl größten und nachhaltigsten Einfluss auf die Zusammensetzung des Erbguts heute lebender Europäerinnen und Europäer. Doch in der Rhein-Maas-Region lief alles zunächst etwas anders, wie das Team um den renommierten US-amerikanischen Genetiker David Reich von der Harvard University zeigt, zu dem auch Ron Pinhasi von der Universität Wien gehört. Diese wasserreiche Gegend bot Jäger-Sammler-Gemeinschaften gute Lebensbedingungen, in Flüssen und Meer konnten sie Fische, Krustentiere und Co. fangen. Die DNA-Analysen lassen die Vermutung zu, dass man hier mit der Landwirtschaft nicht so schnell warm wurde wie in weiten Teilen Europas und sich der Wandel des Lebensstils nicht so vollständig vollzog. Manche Individuen wiesen nämlich noch relativ spät sehr viele DNA-Sequenzen auf, die typisch für westeuropäische Jäger und Sammler waren.

Frauen aus der Bauernkultur

Auch in der Region, die für die neue Studie im Fokus stand, verkehrten die alteingesessenen Menschen offenbar immer wieder mit den zugezogenen Bauerngruppen – und vor allem mit Bäuerinnen, wie die Analyse nahelegt. Aber: "Eine charakteristische Bevölkerungsgruppe mit einem hohen Anteil – etwa 50 Prozent – an Vorfahren, die als Jäger und Sammler lebten, bestand noch 3000 Jahre später als in den meisten europäischen Regionen", schreiben die Autorinnen und Autoren. Dies sei vor allem auf die Integration von Frauen, deren Vorfahren aus der frühen europäischen Bauernkultur stammten, in die lokalen Gemeinschaften zurückzuführen.

Karte Europas mit Farbverlauf, der die Häufigkeit von Jäger-und-Sammler-Abstammung darstellt. Ein Spektrum von Rot (hohe Abstammung, 100 %) bis Gelb (niedrige Abstammung, 0 %) wird gezeigt. Grau markiert nicht erfasste Bereiche. Schwarze Punkte kennzeichnen spezifische Fundorte.
Die Karte zeigt den Anteil an DNA, die für europäische Jäger-Sammler-Gruppen typisch ist, am Erbgut der Bevölkerung in der Zeit von 4500 bis 2500 vor unserer Zeitrechnung. In Nordeuropa war dieser Anteil den bisherigen Analysen zufolge besonders hoch.

Freilich kann man auch Kulturen übernehmen, ohne dass sich dies genetisch abzeichnet. Doch die Fortpflanzung unter Gruppen, die sich genetisch unterscheiden, ist zumindest ein Indiz für kulturelle Nähe, was der Wissenschaft über archäologische Spuren hinaus Informationen liefern kann. Ein Beispiel dafür liefert die zweite große Migrationsbewegung: Im Westen der Niederlande nutzten die Einwohnerinnen und Einwohner zwar Schnurkeramik, hatten aber selbst kaum Steppenvorfahren. Ideen und Produktionskulturen wurden hier offenbar weitgehend ohne Genfluss zwischen zwei verschiedenen Gemeinschaften ausgetauscht.

Vom Widerstand zum Exporthit

Die Situation wandelte sich mit der Glockenbecherkultur, die eher später datiert wird und um 2400 v. Chr. in dieser Region Einzug hielt. In den folgenden Jahrhunderten fand eine stärkere Durchmischung statt, der Anteil typisch westeuropäischer Jäger-Sammler-DNA ging stark zurück. In Großbritannien war der Wandel noch extremer, dort ging die Ankunft der Glockenbecherkultur langfristig mit dem 90- bis 100-prozentigen Ersetzen der lokalen jungsteinzeitlichen Bevölkerung einher. Interessanterweise wurden große Steinzeitbauwerke wie Stonehenge oder Woodhenge (deren Bau wohl um 3000 beziehungsweise 2300 v. Chr. begann) dennoch weitergebaut und -genutzt.

Die Untersuchung der uralten DNA aus dem Nordwesten Europas liefert in jedem Fall erstaunliche Einblicke in kulturelle und genetische Veränderungen, die vor Jahrzehnten noch unmöglich gewesen wären. Und sie erzählt von einer Ironie der Geschichte, wenn man an die Niederlande als zweitgrößter Agrarexporteur der Welt denkt: Dort, wo heute ein großer Teil des europäischen Gemüses in Glashäusern wächst, dauerte es besonders lange, bis sich die Landwirtschaft etablierte.