Die Archäologie hat diesen Irrglauben seither Stück für Stück korrigiert. In weiten Teilen des Tieflands liegen dunkle, nährstoffreiche Böden, die aus Asche, Holzkohle und Siedlungsabfällen entstanden sind. Nutzbare Baumarten wie Paranuss und Pfirsichpalme stehen dort auffallend dicht, wo früher gesiedelt wurde. Am deutlichsten wurde dies im brasilianischen Bundesstaat Acre.

1977 dokumentierte der Archäologe Ondemar Dias dort die ersten geometrischen Erdwerke. Als in den folgenden Jahrzehnten immer mehr Wald für Weiden gerodet wurde, kamen Hunderte weitere zum Vorschein, mittlerweile mehr als 450 allein in Acre. Ihre Verteilung auf der Karte folgte allerdings weniger der Vorgeschichte als der Kettensäge: Gefunden wurde dort, wo der Wald verschwand. Was unter geschlossenem Kronendach lag, blieb allenfalls den Hochrechnungen vorbehalten. Ein Modell im Fachjournal Science veranschlagte 2023, dass in ganz Amazonien noch 10.000 bis 24.000 größere Anlagen unentdeckt sein könnten, die meisten davon im Südwesten.

Laser statt Rodung

Dort hat ein Team um Martti Pärssinen von der Universität Helsinki vor zwei Jahren genauer nachgesehen, ohne dass dafür Bäume gefällt werden mussten. Zwischen 6. Juni und 1. Juli 2024 flog ein Flugzeug auf zehn Linien 4430 Kilometer über Acre und Amazonas und tastete dabei jeweils einen Kilometer breite Streifen ab. Das Gerät an Bord sendet 1,6 Millionen Laserpulse pro Sekunde nach unten. Einige davon finden Lücken im Blätterdach und erreichen den Boden. Aus den zurückkehrenden Signalen lässt sich ein verblüffend exaktes Geländemodell errechnen, in dem die Vegetation herausgefiltert ist und Wälle und Gräben als Relief hervortreten.

Auf den 4497 abgetasteten Quadratkilometern zeichneten sich 432 Erdwerke ab. Bekannt waren davon bis dahin nur 36. Die Anlagen bestehen aus umlaufenden Gräben, neun bis 13 Meter breit und bis zu fünf Meter tief, sowie aus Wällen, die meist außerhalb des Grabens aufgeschüttet wurden. Die Fläche der Strukturen liegt üblicherweise zwischen 0,35 und 14 Hektar, die größte erreicht knapp 50 Hektar. Manche stehen für sich allein, andere bilden Gruppen von bis zu acht Einfriedungen, oft mit Wegen dazwischen. Nach einer Bayes-Modellierung der Radiokarbondaten wurden sie zwischen 600 vor und 850 nach Christus errichtet.

Plätze für Zeremonien und Treffen

Dauerhaft bewohnt waren sie nach Einschätzung des Teams jedoch nicht. Es fehlen sowohl Siedlungsspuren als auch Befestigungen. Die Forschenden deuten die Erdwerke deshalb als öffentliche Orte, an denen politische Verhandlungen und Zeremonien stattfanden und zu denen Gäste geladen wurden. Bewiesen sei diese Zuordnung nicht, so das Forschungsteam. Die Forschenden stützen sich auf archäologische Funde, ethnografische Vergleiche und Gespräche mit den heute dort lebenden Apurinã. Sicher ist hingegen, dass der Bau viele Hände und mathematische Kenntnisse verlangte: Kreise und Rechtecke von mehreren Hundert Metern Kantenlänge werden im Wald nicht durch Zufall geometrisch.

Aus den Überflugdaten und älteren Satellitenauswertungen grenzen die Autorinnen und Autoren der im Fachjournal Nature erschienenen Studie das Gebiet dieser Kultur, die sie als Aquiry bezeichnen, auf rund 183.000 Quadratkilometer ein. Das ist etwa das Dreifache der bisherigen Annahme. Es handelt sich dabei nicht um einen Staat und schon gar nicht um eine Stadt, sondern um viele verteilte Zentren, deren Erbauer eine gemeinsame Formensprache teilten.

Luftaufnahme von geometrischen Erdwerken (ein Kreis und ein Rechteck) in einem entwaldeten Gebiet in der Region Rio Branco, Bundesstaat Acre, Brasilien. Sie deuten auf hohe Bevölkerungszahlen im präkolumbischen Amazonastiefland hin. 
Erdwerke auf einem entwaldeten Gebiet in der Region Rio Branco im brasilianischen Bundesstaat Acre. Die aktuellen Funde ähnlicher Strukturen sprechen für hohe Bevölkerungszahlen im präkolumbischen Amazonastiefland.

Bis zu 30.000 Erdwerke  

Für die Gesamtzahl der Erdwerke gehen die Forschenden zwei Wege. Rechnet man die Laserbefunde auf das Gebiet hoch, kommt man auf etwa 23.800 Anlagen. Nimmt man stattdessen die auf Satellitenbildern erkannten Strukturen und multipliziert sie mit dem Faktor fünf – so viel mehr Erdwerke zeigte der Laser auf denselben gerodeten Flächen –, landet man bei knapp 30.000. Beide Zahlen sind Hochrechnungen aus Stichproben, keine Zählungen. Rund zwei Drittel davon ordnet die Studie der Aquiry-Zeit zu, der Rest gehört zu späteren Dorfanlagen.

Die Unsicherheit liegt vor allem im Wald selbst. In einem Teil des Untersuchungsgebiets erreichten zu wenige Laserpulse den Boden, um gewöhnliche Erdwerke sichtbar zu machen; westlich des 66. Längengrads betraf das 41,9 Prozent der Fläche. Auf zwei langen Fluglinien zwischen dem oberen Purus und dem oberen Juruá fand sich gar nichts. Ob dort tatsächlich niemand baute oder der Wald zu dicht war, ließ sich nicht feststellen.

Die Bevölkerungsschätzung beruht auf mehreren Annahmen. Die Hochrechnung ergibt rund 16.660 Erdwerke der Aquiry-Zeit. Die Forschenden nehmen an, dass davon zwischen 25 und 60 Prozent um 100 bis 300 nach Christus gleichzeitig genutzt wurden, und veranschlagen 300 Menschen, um eine durchschnittliche Anlage zu bauen und zu erhalten. Daraus ergeben sich 1,25 bis drei Millionen Menschen. Berücksichtigt man die vom Blätterdach verdeckten Anlagen, halten die Autorinnen und Autoren auch 1,6 bis 3,8 Millionen für möglich. Zum Vergleich: Im Bundesstaat Acre leben heute rund 850.000 Menschen.

Menschengemachte Fruchtbarkeit

Die Böden im Aquiry-Gebiet gehören zu den nährstoffreichsten des gesamten amazonischen Festlands, und die Forschenden führen das nicht allein auf die Geologie zurück. Das regelmäßige Abbrennen bambusreicher Flächen über Jahrtausende dürfte die Fruchtbarkeit erhalten und damit erst die Voraussetzung für eine dichtere Besiedlung geschaffen haben.

Sollten sich in anderen Teilen Amazoniens ähnliche Dichten finden, wären nicht nur die Bevölkerungszahlen der Zeit vor 1492 neu zu bewerten, sondern auch Annahmen über Bodenqualität, Waldstruktur und Artenzusammensetzung, die in Klimamodelle einfließen. Der Wald zwischen Rio Branco und Lábrea ist damit zwar kein Menschenwerk, aber auch nicht ganz das Gegenteil. Er wächst stellenweise über den Rändern von Gräben, die vor teilweise über 2000 Jahren von Menschen ausgehoben wurden.