Sonntag, 30. August 2026

Wittgenstein - der Philosoph, der sich selbst widersprach.

Schwarz-weiß Porträt eines Mannes im Halbprofil, der nach rechts blickt. Er trägt einen Anzug mit offenem Hemdkragen. 
aus derStandard.at, 

Der Philosoph, der sich selbst widersprach 
Wie relevant ist der schwer fassbare Denker, der vor 75 Jahren starb, heute noch? Mehr Wittgenstein täte dem politischen Diskurs gut, sagt Christian Kanzian
 
von Jessica D. Bicking
 
Für eine Woche im August sind die Hotelzimmer des kleinen Ortes nahezu ausgebucht, denn jedes Jahr pilgern Hunderte von Philosophinnen und Philosophen in das niederösterreichische Kirchberg am Wechsel und diskutieren. Das Thema lautet: Ludwig Wittgenstein. Heuer jährte sich am 26. April der Todestag des wahrscheinlich einflussreichsten Philosophen Österreichs zum 75. Mal. Und auch das Symposium, das jährlich zu seinem Schaffen stattfindet, feierte seine 50. Ausgabe. Zwei Jubiläen, und also ein perfekter Anlass einen Denker noch einmal genauer anzusehen, der sich im Leben so wenig vor Widersprüchen scheute wie in seiner Philosophie. 

Eine Frage beschäftigte Wittgenstein zeitlebens: Kann Sprache alles sagen? Dass er selbst darauf zwei scheinbar völlig gegensätzliche Antworten fand, erklärt auf jeden Fall den Diskussionsbedarf, den sein Werk auch heute noch in der Forschung auslöst. In sechs thematischen Blöcken machte das auch das diesjährige Programm des Symposiums deutlich, denn Wittgensteins Denken berührt weit über die Sprachphilosophie hinaus auch Themen in der Psychologie, Mathematik, Literatur, Kunst und Kulturwissenschaft. Aber was kann er uns heute noch für den Alltag mitgeben?

"Wittgenstein geht es nicht darum, eine fertige Theorie zu haben. Er will uns vor allem vom Missverstehen heilen und den damit verbundenen Problemen in der Wissenschaft, in der Philosophie, aber auch in unserer alltäglichen Praxis", erkärt Christian Kanzian, Präsident der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesell-schaft und Mitorganisator des diesjährigen Symposiums, das unter anderem vom Land Niederösterreich unterstützt wird.

Viele Wittgensteine

Bei Ludwig Wittgenstein lassen sich Leben und Werk kaum voneinander trennen. Beide waren geprägt von radikalen Wendungen und scheinbaren Widersprüchen. In der Philosophie ist es deshalb sogar üblich, von einem ersten und einem zweiten Wittgenstein zu sprechen; ein früher und ein später. In seiner Biografie lassen sich noch viele weitere Wittgensteins finden.

Ludwig Wittgenstein wird 1889 als Sohn in eine schwer wohlhabende Industriefamilie in Wien geboren. Er wächst in einem Palais auf, in dem Musiker, Künstler und Intellektuelle sich die Hand reichen. Aus einer inneren Krise heraus entscheidet er sich jedoch, sein Millionenerbe an seine Geschwister abzutreten und fortan ein einfaches Leben zu führen.

 

 

Wittgenstein begleiteten viele große Leidenschaften, davon besonders die Technik: So hatte er schon als Kind mit der Konstruktion neuartiger Nähmaschinen experimentiert, und studierte zunächst Ingenieurswissenschaften, bevor er über die Mathematik zur Philosophie fand. Oder auch die Musik: So war er unter Freunden bekannt dafür, ganze Sinfonien zu pfeifen, spielte Klarinette und erwog Dirigent zu werden. Doch über ihm hing auch ein Schatten, eigentlich über der ganzen Familie, denn drei seiner Brüder wählten den Freitod, und auch Ludwig selbst kämpfte ein Leben lang mit Einsamkeit, Krankheit und Depressionen.  

Der legendäre "Tractatus"

Das erste und zugleich einzige philosophische Werk, das er zu seinen Lebzeiten veröffentlichen sollte, den legendären Tractatus logico-philosophicus, schrieb Wittgenstein gegen Ende des Ersten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft bei Monte Cassino fertig. Mit Widmung an David H. Pinsent, Freund und Lebensgefährte aus der Studienzeit am Trinity College in Cambridge, stellte er sich darin der Aufgabe, die grundlegende Struktur von Welt, Denken und Sprache zu klären.

Als der Tractatus 1921 erscheint, wird Wittgenstein von einigen renommierten Philosophen zwar dafür gefeiert. Doch er dauert bis 1929, ehe er damit an der Uni Cambridge damit promoviert, denn Wittgenstein zieht sich immer wieder aus der Philosophie zurück. So wird er einige Jahre zu Wittgenstein, dem Volkschullehrer in Niederösterreich (daher auch das Symposium dort), versucht sich in einem Kloster als Wittgenstein, dem Hilfsgärtner und wendet sich zeitweise sehr ernsthaft der Architektur zu. So ist Wittgenstein, der Architekt, auf Einladung seiner Schwester maßgeblich bei dem Entwurf ihres Hauses beteiligt, das seit 1928 im dritten Wiener Gemeindebezirk steht.

Ansicht eines modernen Gebäudes mit weißer Fassade und großen rechteckigen Fenstern, gestaltet im minimalistischen Stil. Das Gebäude verfügt über einen überdachten Eingangsbereich mit gläsernen Türen und schlichten metallenen Gartenmöbeln. Klarer, geometrischer Stil.
Wittgenstein hat das Haus bis ins kleinste Detail, jedes Fenster, jede Tür, jeden Riegel selbst entworfen und gezeichnet. Heute dient es als bulgarisches Kulturinstitut.
Sprache als Abbild der Welt

Der Tractatus, das wohl einflussreichste Werk Wittgensteins, ist in kühler, fast mathematischer Form verfasst, hinter der sich ganz grob folgende Grundidee verbirgt: Die Welt besteht aus Tatsachen, zu denen sich das Denken Bilder macht, die dann von der Sprache erneut abgebildet werden. Man kann behaupten, Wittgenstein entwickelt hier eine Art Bildtheorie der Sprache: Ein sinnvoller Satz funktioniert als mögliches Modell der Wirklichkeit, und kann wahr oder falsch sein, je nachdem, ob die Welt tatsächlich so beschaffen ist.

Zwar eignet sich Sprache für die Themenbereiche der Naturwissenschaften, doch gerade die bedeutsamen Dinge, die Ethik, Ästhetik oder die Frage nach dem Sinn des Lebens, lassen sich gar nicht in sinnvollen Sätzen abbilden. Sie entsprechen nämlich nicht der logischen Struktur der Welt. "Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen", lautet Wittgensteins vielzitiertes Fazit.

Kanzian erläutert: "Schon hier haben wir dieses Anliegen, uns von Problemen zu heilen, durch eine saubere Analyse der Sprache." Die Philosophie soll hierbei also keine neuen Tatsachen entdecken, sondern die Grenze zwischen dem sinnvoll Sagbaren und dem nur scheinbar Sinnvollen sichtbar machen.

Sprache als Spiel der sozialen Praxis

Obwohl der frühe Wittgenstein des Tractatus überzeugt war, damit die wesentlichen Probleme der Philosophie als sprachlogische Missverständnisse aufgelöst zu haben, kehrte der späte Wittgestein zum Thema zurück. In den Philosophischen Untersuchungen, die erst nach seinem Tod erscheinen sollten, rollt er es noch einmal vom anderen Ende auf. Während er im Tractatus nach einer idealen logischen Struktur der Sprache suchte, sind es nun gerade die Missverständnisse und Vieldeutigkeiten, die interessieren.

Ihm fiel auf, dass sich Worte im tagtäglichen Gebrauch, anders als in der Wissenschaft, keiner festen, philosophischen Definition beugen. Je nach Zusammenhang kann sich ihr Sinn verändern. Etwa der Ausruf "Du" hat in einer Drohung ausgesprochen eine andere Bedeutung als in einer Liebeserklärung. "Sprechen ist Praxis, ist Gebrauch von Ausdrücken und der ist ganz vielfältig", führt Kanzian aus, der Philosophie an der Universität Innsbruck lehrt: "Sie erzählen, Sie fragen, ich antworte, wir grüßen uns, wir fordern uns auf, wir bitten einander, sind unterschiedlichste Praktiken nach ganz unterschiedlichen Regeln."

Die Lebensformen, in denen Worte in verschiedener Bedeutung vorkommen, bezeichnet Wittgenstein als Sprachspiele. Die Aufgabe der Philosophie, wie Wittgenstein sie nun versteht, besteht aus dem systematischen Aufschlüsseln der Regeln, die diese Sprachspiele lenken. Statt neue Theorien aufzustellen, soll sie uns die Funktionsweise unserer Sprache so deutlich vor Augen führen, dass wir uns aus Verwirrungen, Missverständnissen und falschen Modellierungen herauslösen können.

Neugier statt Dogma

Für Kanzian liegt genau darin die Aktualität des Philosophen: "Es ging Wittgenstein stets darum, zu einer schauenden, beschreibenden, übersichtlich darstellenden Praxis einzuladen, und nicht eine fertige Theorie aufzustellen, die man dogmatisch vertritt." Es ist also mehr Wittgensteins Einstellung und seine Neugier, die er uns in den Alltag mitgibt. Denn diese hat es ihm mitunter leichter gemacht, sich selbst zu widersprechen und immer wieder neu zu denken.

Das dogmatische Festhalten an eigenen Denkmustern ist für Kanzian eines der Grundprobleme der heutigen Gesellschaft. "Mit falschen Modellierungen an den anderen heranzugehen, ist ein Ansatz, der gesellschaftlich-politisch extrem aktuell ist", sagt Kanzian. "Stellen wir uns doch einmal vor, wir alle würden uns mehr zuhören. Das ist jetzt ein bisschen platt gesagt, aber ich glaube, die Welt würde friedlicher sein."         

Veranstaltungsinfo:

Das Thema für das Wittgenstein-Symposium im kommenden Jahr steht bereits fest. Unter dem Programmtitel Knowledge in Crisis lädt Kirchberg am Wechsel im August 2027 dazu ein, über Fake News und Post-Truth zu diskutieren.

 

Nota. - Nie abgerückt ist er bei all seinen Wendungen von einer zugrundeliegenden ontologischen Metaphysik, die er allerdings nie selber ausgesprochen hat. Logischer Atomismus ist sie genennt worden: Die Welt sei "alles, was der Fall ist", doch der Fall sind die unendlich vielen logischen Elementarbestimmungen, die der mathema-tischen Formulierung harrten - nicht aber die vorfindlichen Fakten, die durch die verschiedenen Sprachen zu Bildern gefügt würden. Das Zustandekommen der Bilder macht er aber auch nicht zu seinem Thema, sondern er pendelt zwischen dem einen und dem andern Aphorismus hin und her, System - und sei es nur ein logisch-diskursives - versucht er gottlob gar nicht erst hinein zu bringen, sondern belässt es bei gelegentlichen mystischen Ahnungen.

Wobei viele der vermischten Aphorismen und Kurzessays ungemein scharfsinnig sind und Anlass zu tiefsinnigen Fortsetzungen geben können; aber auch nur, wenn man weiß, was man nicht darin zu suchen braucht.
JE 

Samstag, 29. August 2026

Der Leopardenreiter von Karahantepe.

Eine Person mit einem lila Hut und einem gestreiften Hemd reinigt mit einem Pinsel eine archäologische Steinfigur. Die Szene findet in einer Ausgrabungsstätte statt, umgeben von Erde und Steinen. Die Figur hat eine abstrakte Form und scheint Teil einer größeren archäologischen Entdeckung zu sein.                                                 zu öffentliche Angelegenheiten
aus spektrum.de, 28. 8. 2026         Eine Mitarbeiterin der Ausgrabungen in Karahantepe reinigt die 2026 entdeckte Steinfigur.
 
Taș-Tepeler-Kulturlandschaft    
Der Leopardenreiter von Karahantepe
Ein Mann, der auf einem Leoparden sitzt. Der etwa 11 000 Jahre alte Fund aus der Türkei liefert ein neues Detail für die Zeit, als sich das Leben der Menschen grundlegend wandelte.

von Karin Schlott 

Vor etwa 12 000 Jahren veränderten Jäger und Sammler allmählich ihre Lebensweise und begannen, als Bauern zu leben. Was dabei geschah, verraten Ausgrabungsstätten im Südosten der Türkei. Dort, im Umfeld der Stadt Şanlıurfa, haben Archäologen mehrere Rundanlagen aus T-förmigen Steinpfeilern freigelegt. Am bekanntesten ist der Fundplatz Göbeklitepe, dessen Monumentalbauten lange als die ältesten Tempel der Welt gedeutet wurden. Der benachbarte Ort Karahantepe sorgt jedoch ebenfalls für aussagekräftige Funde.

So berichtet das türkische Kulturministerium, dass bei den diesjährigen Grabungen eine ungefähr 70 Zentimeter hohe Skulptur gefunden wurde. Die etwa 11 000 Jahre alte Figur stelle einen Menschen dar, der auf dem Rücken eines Leoparden sitzt. Schon zuvor haben Fachleute an Stätten in der sogenannten Taș-Tepeler-Kulturlandschaft Statuen ausgegraben. Über deren genaue Bedeutung rätseln sie aber noch.

Seit 2019 gräbt ein Team um Necmi Karul von der Universität Istanbul in Karahantepe. Auf einer Steinbank an der Innenwand eines drei Meter weiten Rundbaus entdeckten die Archäologen dort den Leopardenreiter. Einen ähnlichen Fund machten Forschende 2023 in Göbeklitepe. Damals handelte es sich um die lebensgroße Statue eines Keilers, an der noch Spuren weißer, schwarzer und roter Farbe hafteten. Im selben Jahr kam auch in Karahantepe eine kolossale Skulptur zum Vorschein: Etwa 2,4 Meter hoch, zeigt sie einen nackten Mann, der womöglich sitzend dargestellt ist und mit beiden Händen seinen Penis umgreift. Denkbar sei, dass hier eine Art Schöpfergott dargestellt ist.

Eine grob behauene Steinskulptur, die eine menschliche Figur darstellt, steht zwischen großen, unregelmäßigen Steinen in einer archäologischen Ausgrabungsstätte. Die Figur hat keine klaren Gesichtszüge und hält ein undefinierbares Objekt. Der Hintergrund zeigt erdige, steinige Strukturen, die auf eine historische oder prähistorische Umgebung hindeuten. Nach Angaben des türkischen Kulturministeriums zeigt die Skulptur einen Menschen auf einem Leoparden. Sie sei etwa 11 000 Jahre alt.

Auch zahlreiche T-Pfeiler in den Anlagen der Taș-Tepeler-Kulturlandschaft sind übersät mit Bildern von wilden Tieren wie Füchsen, Keilern oder Schlangen. In Karahantepe fand sich zudem 2025 eine T-Säule mit menschlichem Gesicht – womöglich sollten die großen Monolithe stilisierte Menschen darstellen. Ob es sich bei den Strukturen im engeren Sinn um Tempel handelte, ist noch unklar. Denn ihre Erbauer, Gemeinschaften von Jägern und Sammlern vor etwa 11 000 Jahren, wohnten auch an diesen Orten in Häusern. Fachleute sehen hier die Frühphase der Sesshaftigkeit, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit einer voll ausgeprägten bäuerlichen Lebensweise einherging.

Freitag, 28. August 2026

"Fetisch Intelligenz".

W. Busch
aus spektrum.de, 26.08.2026                                                                   zu öffentliche Angelegenheiten
 
»Fetisch Intelligenz«
Über Intelligenz lässt sich streiten
In ihrer Streitschrift wendet sich Gisela Schmalz gegen ein kulturell und ideologisch verengtes Verständnis von Intelligenz und die ihm entsprechenden IQ-Tests.

von Anne-Kathrin Weber

Im Dezember 2024 lobte Elon Musk in einem X-Post die AfD. Nur sie könne Deutschland retten, schrieb der Mann, der sich selbst für ein Genie hält – und dies die Welt auch permanent wissen lässt. Einen Monat später habe sich ein Mann aus Südkorea in die Lobhudelei für Musk und die AfD eingereiht – ein Mann, der angeblich einen IQ von sage und schreibe 276 habe nachweisen können, schreibt Gisela Schmalz. Die AfD habe das Lob des vermeintlich intelligentesten Menschen der Welt genüsslich auf ihren Social-Media-Kanälen geteilt – bis sie kurz darauf alle Posts dazu wieder gelöscht habe. Herausgestellt habe sich nämlich, so die Wirtschaftswissenschaftlerin und Philosophin, dass der vermeintliche Geniestatus des Mannes aus Südkorea erstunken und erlogen gewesen sei. Mit diesem Beispiel illustriert Gisela Schmalz die zentrale These ihrer Streitschrift: Intelligenz ist zum »Fetisch« geworden – was sich vor allem diejenigen zunutze machen, die damit nichts Gutes im Schilde führen.

Zunächst wird laut der Autorin heillos überschätzt, was wir gemeinhin »Intelligenz« nennen. Denn entsprechende Tests messen nur einen schmalen Ausschnitt der menschlichen Fähigkeiten: »Kreativität, geistige Flexibilität, Prioritätensetzung, Kritikfähigkeit, holistisches Denken, Intuition, Zielauswahl, soziale, moralische oder motorische Talente ermitteln gängige IQ‑Tests nicht«, moniert Schmalz. Außerdem würden die kulturellen Wertvorstellungen des Westens bei gängigen Verfahren immer indirekt mitgetestet – diejenigen anderer Kulturen, die beispielsweise praktische Fähigkeiten in das Verständnis von Intelligenz einbezögen, kämen dagegen in den Tests nicht vor. Diese Verengung liegt laut Schmalz auch daran, dass herkömmliche IQ-Messungen den Anforderungen einer neoliberalen Wirtschaftsordnung entsprechen: »Zu einer Kultur mit den Idealen Effizienz, Wettbewerb, Wachstum, Beschleunigung, Globalisierung und Digitalisierung passt ein enger, funktionalisierbarer Intelligenzbegriff.«

Der Preis des Fetischs

Unsere gesellschaftliche Fixierung auf Intelligenz und ihre Überhöhung führten vor allem zu Leistungsstress in Schule und Beruf, zu Stigmatisierungen bei Bildungschancen und zu selbsterfüllenden Prophezeiungen, wenn Menschen ihren IQ-Wert stark internalisierten und ihr Selbstwertgefühl daran ausrichteten – die Autorin verwendet dafür gar die Metapher des Krebsgeschwürs. Gisela Schmalz zufolge dient der IQ damit als »gesellschaftsstrukturierendes Instrument«, das politisch eine deutliche Schlagseite besitze. So zielten Rechte und Rechtsextreme unter Begriffen wie »Human Diversity« oder »Human Biodiversity« darauf ab, ganze Bevölkerungsgruppen mit dem Verweis auf vermeintlich geringere Intelligenzwerte zu diskriminieren. »Die Verbindung zwischen Intelligenzfetisch und rechtem Spektrum hat eine lange Tradition«, konstatiert Schmalz.

Fetisch Intelligenz 

Gisela Schmalz
Fetisch Intelligenz
Wie ein überbewertetes Konzept unser Leben prägt
Verlag: Berlin Verlag, Berlin 2026, 288 S.
ISBN: 9783827015396 | Preis: 24,00 €

Laut der Autorin werden derartige hochgefährliche Diskurse auch von Pseudowissenschaftlern unterstützt, die unter dem Deckmantel der Intelligenzforschung eugenisches Gedankengut verbreiteten. Vom Gros der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihres Fachgebiets würden sie trotzdem nicht systematisch und nachhaltig kritisiert, moniert die Autorin: »Dass diese Leute sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben können, verdanken sie der Toleranz einer Forschungsgemeinschaft ohne klare Standards für ihre Forschung.«

Künstliche Intelligenz als verstecktes Ideal gängiger IQ‑Tests?

Aber auch Elon Musk und andere libertäre Tech-Giganten aus dem Silicon Valley tragen gemäß der Autorin dazu bei, eine auch noch in anderer Hinsicht menschenfeindliche Vorstellung von Intelligenz zu forcieren: »Fetischisiert wird nicht nur die Intelligenz der dort aktiven Menschen. Auch die Intelligenz der dort entwickelten Technologien wird zum Fetisch«, kritisiert Gisela Schmalz. Das gesamte Konzept der IQ-Messungen müsse daher dringend überdacht werden: »Dass Maschinen überhaupt per IQ‑Test testbar sind, entlarvt, dass das den Standard-IQ‑Tests zugrunde liegende Intelligenzkonzept mehr einer künstlichen als einer menschlichen Intelligenz entspricht.«

Die Autorin plädiert dafür, den Intelligenzbegriff wieder am Menschen auszurichten – und die Perspektive der Philosophie stärker in diesen Diskurs einzubeziehen. Demnach könnte eine philosophische Definition lauten: »Intelligenz ist das, was Menschen nach dem Warum fragen lässt.« Dieser Vorschlag überzeugt als Alternative zu rein psychometrischen Intelligenzkonzepten, auch wenn Gisela Schmalz in ihm die Bedeutung von Emotionen für ein alternatives Verständnis von Intelligenz ebenfalls vernachlässigt.

Trotz einiger Ungenauigkeiten und Redundanzen gelingt es der Autorin, anhand vieler Details zu belegen, wie tief der vorherrschende Intelligenzdiskurs mit neoliberalen und mitunter gar rechtsextremen Denkmustern verwoben ist. »Fetisch Intelligenz« ist eine Streitschrift, die aktuelle gesellschaftliche Prämissen gleich auf mehreren Ebenen nachhaltig infrage stellt.

Mittwoch, 26. August 2026

Auf meine Identität...

                                     zu öffentliche Angelegenheiten

... kann jeder pfeifen, dem seine eigne wichtiger ist. Und das sind die meisten.
Jeder sei Ausländer, sagen die Woken: fast überall. Aber sie denken es nicht zuende. 

 

 

Dienstag, 25. August 2026

Können Frauen besser mulitasken?

  
aus scinexx.de, 24. August 2026,                                                                                         zu Männlich

Deshalb erscheinen Frauen beim Multitasking oft besser als Männer
Gesprächsaufgabe prägt den Eindruck von Leistung
 
Ein hartnäckiges Klischee bekommt eine überraschende Wendung: Männer und Frauen schnitten in vier von fünf alltagsnahen Multitasking-Aufgaben ähnlich ab. Nur beim gleichzeitigen Gespräch ließen Männer deutlich mehr Fragen unbeantwortet. Genau dieser Unterschied hing damit zusammen, wie Außenstehende ihre gesamte Leistung einschätzten, obwohl die übrigen Aufgaben keine signifikanten Geschlechtsunterschiede zeigten.

Uxbridge (England). Im Alltag bedeutet Multitasking oft, mehrere Anforderungen in kurzer Folge zu bewältigen. Doch unser Gehirn kann nur begrenzt mehrere anspruchsvolle Prozesse gleichzeitig abarbeiten, wie auch Experimente zu den Grenzen des Multitaskings zeigen. Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, Frauen seien darin grundsätzlich besser als Männer. Frühere Studien lieferten dazu jedoch nur kleine und widersprüchliche Unterschiede.

Auch eine frühere Untersuchung zu Geschlechtsunterschieden beim Multitasking deutete bereits darauf hin, dass das Ergebnis stark von der jeweiligen Aufgabe abhängen könnte. Forscher der Brunel University of London (BUL) um Dr. André J. Szameitat haben deshalb nun ein komplexeres Szenario entwickelt, das typische Alltagsanforderungen stärker nachbildet als klassische Tests am Computer.

Fünf Aufgaben gleichzeitig im Blick

Für den ersten Versuch wertete das Team Daten von 37 Frauen und 41 Männern aus. Zehn Minuten lang mussten die Testpersonen eine Kochaufgabe bearbeiten, Telefonnummern suchen, Zahlen und Buchstaben zuordnen sowie bestimmte Wörter auf einem Bildschirm überwachen. Zusätzlich ertönte alle 20 Sekunden eine Frage, auf die sie ausführlich antworten sollten. Die Aufgaben waren auf drei Tische verteilt, sodass die Teilnehmer dabei auch durch den Raum laufen mussten.

Gleichzeitig erhöhte das Team schrittweise den Zeitdruck. Anfangs klingelte ein Küchentimer alle 90 Sekunden, später verkürzte sich das Intervall bis auf 30 Sekunden. Damit sollte das Experiment nicht nur parallele geistige Anforderungen erzeugen, sondern auch das Wechseln zwischen verschiedenen Tätigkeiten unter zunehmender Belastung abbilden.

Mehr als doppelt so viele Fragen bleiben offen

In vier der fünf Aufgaben fanden die Forscher keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Anders sah es beim Gespräch aus: Frauen beantworteten im Mittel 24,76 von 28 Fragen, Männer 20,24. Damit ließen die Frauen 11,6 Prozent der Fragen unbeantwortet, bei den Männern waren es 27,7 Prozent. Der Unterschied blieb auch nach Korrektur für die fünf Aufgaben signifikant und erreichte eine Effektgröße von Cohens d = 0,61.

Entscheidend ist dabei, was der Befund nicht zeigt. Wenn Männer eine Frage beantworteten, unterschieden sich weder Qualität noch Verzögerung bis zum Antwortbeginn signifikant von denen der Frauen. Auch in den Koch-, Such-, Zuordnungs- und Überwachungsaufgaben schnitten beide Gruppen vergleichbar ab. Es geht demnach nicht um eine allgemeine Überlegenheit beim Multitasking, sondern um einen spezifischen Unterschied im Gesprächsverhalten unter Mehrfachbelastung.

„Warum Männer die Gesprächsaufgabe häufiger unbeantwortet ließen als Frauen, ist unklar“, schreiben André J. Szameitat und seine Co-Autorin Dr. Diana P. Szameitat von der City St George’s, University of London.

Denkbar ist etwa, dass Männer die Fragen häufiger überhörten, weil ihre Aufmerksamkeit stärker von den anderen Aufgaben gebunden war. Ebenso könnten sie bewusst darauf verzichtet haben zu antworten und dem Gespräch eine geringere Priorität gegeben haben. Welche Erklärung zutrifft, hat die Studie nicht untersucht.

Schweigen hängt mit dem Gesamteindruck zusammen

Im zweiten Teil wollten die Forscher wissen, ob dieser Unterschied für Außenstehende überhaupt sichtbar ist. Dazu sahen 160 Beobachter jeweils 75 Sekunden lange Videoausschnitte aus dem ersten Experiment. Die Hälfte der Ausschnitte stammte aus einer Phase mit niedrigem, die andere aus einer Phase mit hohem Zeitdruck. Die Beobachter wussten zunächst nichts von der eigentlichen Forschungsfrage.

Dennoch bewerteten sie Frauen in sechs von sieben Merkmalen positiver. Diese wirkten unter anderem stärker in Kontrolle, leistungsfähiger, aufmerksamer und engagierter. Mit steigendem Zeitdruck nahm der Eindruck von Kontrolle und Leistung bei Männern zudem stärker ab. Beim Stress zeigte sich dagegen kein genereller Geschlechtsunterschied. Unter hohem Zeitdruck erschienen Männer jedoch gestresster als in ihren eigenen Aufnahmen mit niedrigerem Zeitdruck, während sich diese Veränderung bei Frauen nicht zeigte.

Besonders aufschlussreich waren die Zusammenhänge mit der Gesprächsleistung. Wer mehr Fragen beantwortete, wurde deutlich häufiger als kontrollierter und leistungsfähiger eingeschätzt. Für die vier anderen Aufgaben fanden sich solche signifikanten Zusammenhänge nicht. Selbst bei den 52 Beobachtern, die Männer und Frauen ausdrücklich für gleich gute Multitasker hielten, blieb das grundsätzliche Bewertungsmuster bestehen.

Das spricht dafür, dass ausgerechnet die gut sichtbare Kommunikation den Gesamteindruck stark färbt. Die Korrelation beweist allerdings nicht, dass das häufigere Schweigen die Bewertungen verursacht hat. Die Autoren sehen darin dennoch einen möglichen Baustein für die Entstehung des verbreiteten Klischees, Frauen könnten besser multitasken.

Noch kein echtes Alltagsgespräch

Die Ergebnisse haben Grenzen. Die erste Stichprobe blieb wegen der Covid-Pandemie kleiner als ursprünglich geplant. Die Testpersonen der ersten Studie waren im Mittel rund 23 Jahre alt und wurden lokal auf dem Brunel-Campus rekrutiert. Zudem bestand die Gesprächsaufgabe aus aufgezeichneten Fragen und nicht aus einem echten Dialog mit spontanen Antworten und wechselnden Gesprächsrollen. Ob sich derselbe Unterschied im Berufs- oder Familienalltag zeigt, muss daher erst weitere Forschung klären. 

Quellen:


Nota. - Vielleicht unterschieden Männer öfter, welches Thema sie für wichtig und welches sie für weniger wichtig hielten? Oder vielleicht auch, zu welchem Thema sie etwas zu sagen hatten, und zu welchem nicht?

Is' nur sone Idee.

JE 

Montag, 24. August 2026

Tätigkeit ist die eigentliche Realität.

Courbet, Holzfäller                                                  aus Philosophierungen

Tätigkeit ist die eigentliche Realität. (Weder Gegenstand noch Zustand sind allein rein zu denken. Durchs Reflektieren mischt sich das Entgegengesetzte hinein und selbst schon durchs Streben – Begehren – denn beides sind identische Handlungen. Der Begriff der Identität muss den Begriff der Tätigkeit enthalten – des Wechsels in sich selber. Zwei Zusammengesetzte sind die höchste Sphäre, zu der wir uns erhe-ben können.
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Novalis, "Fichte-Studien", in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 83

 

Sonntag, 23. August 2026

Die Magdalenen-Flut - ein Jahrtausendereignis.

Immer wieder brachten Hochwasser, wie hier im 17. Jahrhundert in den Niederlanden, Zerstörungen – die Magdalenenflut war besonders verheerend 
aus welt.de, 22. 8. 2026  Hochwasser, wie hier im 17. Jahrhundert in den Niederlanden     zu öffentliche Angelegenheiten
     
Jahrtausend-Ereignis
„Enorme Verluste, Tausende Tote“ – als die Magdalenenflut durch Europas Flüsse schoss
Die Magdalenenflut 1342 gilt als Jahrtausend-Ereignis. Forscher sehen das verheerende Hochwasser in Mitteleuropa mittlerweile als Teil einer dramatischen Serie von Überschwemmungen. Die Katastrophe wirkt bis heute nach.

Zerstörte Brücken, verwüstete Siedlungen, Ernteausfälle, Hunger: Die Magdalenenflut vom Juli 1342 gilt als das schwerste Hochwasser Mitteleuropas im vergangenen Jahrtausend – mit Rekordpegelständen an vielen Flüssen wie Rhein und Main. „Das Ausmaß der Überschwemmungen ging weit darüber hinaus, was wir heute kennen“, sagt der Historiker Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig.

Jetzt hat ein internationales Forschungsteam im Fachjournal „Nature“ das damalige Geschehen rekonstruiert – mit überraschendem Befund. Demnach ist das Extremhochwasser im Mittelalter zwar bis heute beispiellos, aber es war kein Einzelereignis.

Vielmehr bildete es den besonders verheerenden Höhepunkt einer Reihe von insgesamt 16 Hochwasserereignissen über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren. Und: Die Katastrophenserie leitete den Beginn des modernen Hochwasserschutzes ein.

Säule zur Erinnerung an historische Weser Hochwasser in Hameln, Niedersachsen, Deutschland, Europa | Memorial stone for historic Weser floods in Hamelin, Lower Saxony, Germany, Europe
Diese Säule in Hameln (Niedersachsen) erinnert an das Hochwasser der Weser

Möglich wurde die detaillierte Rekonstruktion durch das Zusammentragen von mehr als 1000 zeitgenössischen Dokumenten. „Wir können Monat für Monat rekonstruieren, wann welche Gegenden Europas betroffen waren“, sagt Erstautorin Andrea Kiss von der Technischen Universität (TU) Wien. 

„So sieht man ganz klar: Wie eine Perlenkette zieht sich eine Serie von Hochwasserereignissen durch die Jahre 1341 bis 1343“, sagt Kiss. „Nicht alle gleich verheerend, nicht alle am selben Ort, aber doch alle in einem klar erkennbaren Zusammenhang.“

Bisher lag der öffentliche Fokus auf jenem Hochwasser, das auf die Zeit um den St.-Magdalenentag am 22. Juli 1342 fiel. „In Mitteleuropa gilt die Magdalenenflut üblicherweise als die größte Flut des vergangenen Jahrtausends und als schlimmstes Erosionsereignis während des Holozäns“, schreibt das Team unter Verweis auf die enorme Menge an abgetragenem Bodenmaterial, die für die vergangenen etwa 12.000 Jahre beispiellos ist.

Zentrum der Niederschläge waren damals Süddeutschland, Österreich und die Schweiz, wie Co-Autor Bauch erläutert. Doch spürbar waren die Auswirkungen weit darüber hinaus – entlang der großen Abflüsse von Rhône, Rhein, Weser und Elbe bis nach Schlesien. „In Würzburg stand das Wasser auf den Stufen des mittelalterlichen Doms, in Frankfurt waren Kirchen überflutet“, beschreibt Bauch das verheerende Geschehen. „Solche Wasserstände gab es seitdem nicht mehr.“

Verursacht wurde die Katastrophe vermutlich durch eine sogenannte Vb-Wetterlage, bei der feuchte Luftmassen vom Mittelmeerraum nach Mitteleuropa geleitet werden und sich dort abregnen. „Die Verluste waren enorm, mit Tausenden Toten. Die meisten Brücken und Siedlungen entlang der Hauptflüsse waren zerstört, und die landwirtschaftlichen Schäden verursachten eine Hungersnot“, schreibt das Autorenteam.

Doch die Analyse verschiedenster Dokumente aus jener Zeit – etwa Chroniken, Rechnungsbücher, Urkunden und Briefe – zeigt die Flut nun in einem größeren Zusammenhang. Die Zahl der ausgewerteten Dokumente entspricht nach Angaben von Studienleiter Günter Blöschl von der TU Wien etwa dem Zehnfachen der in früheren Studien verwendeten Quellen. Diese enorme Datenmenge hat eine hohe zeitliche Auflösung der Ereignisse ermöglicht.

Abrupte Schneeschmelze ließ Flüsse enorm anschwellen

Demnach gab es von Ende 1341 bis Herbst 1343 insgesamt 16 große Hochwasserereignisse in Europa. 1342 war das Jahr mit der größten Anzahl von Überschwemmungen auf dem Kontinent während der vergangenen 700 Jahre. Das Folgejahr 1343 liegt auf Platz 3 dieser Liste.

Bereits der Herbst 1341 war ausgesprochen feucht; Überflutungen trafen im November und Dezember das östliche Mitteleuropa sowie Teile von Südosteuropa. Darauf folgte ein schneereicher Winter mit einer abrupten Schneeschmelze, die im Februar 1342 die Flüsse enorm anschwellen ließ.

Von diesem sogenannten Lichtmess-Hochwasser – benannt nach dem christlichen Fest – waren insbesondere die Einzugsbereiche von Donau und Elbe betroffen. In Prag zerstörte das Hochwasser die aus dem 12. Jahrhundert stammende steinerne Judithbrücke über die Moldau – die Vorgängerin der heutigen Karlsbrücke.

Nach mehreren weiteren Hochwassern im Frühjahr traf dann die Magdalenenflut weite Teile des heutigen Deutschlands. „Die Magdalenenflut zerstörte die meisten Siedlungen und alle Brücken, Straßen und Mühlen entlang des Mittelrheins, Mains und ihrer Zuflüsse“, schreiben die Forscher. Ein Jahr später – im Juli und August 1343 – hatten die Jakobs- und die Bartholomäusflut einen ähnlichen Effekt am Rhein zwischen Schaffhausen und Basel.

An der Elbe ließen die Wassermassen in jenen Jahren die Brücken in Dresden und Meißen einstürzen, in Thüringen rissen sie in Erfurt die Übergänge über die Gera und bei Vacha, Meiningen und Eisenach die Brücken über die Werra fort. In der Lausitz zerstörten sie die Spreebrücke in Bautzen.

„Während dieser zwei Jahre wurden die Brücken über die europäischen Hauptflüsse beschädigt, und Straßen waren auf kontinentaler Ebene gestört, was fundamentale Auswirkungen auf die europäischen Transport- und Reisemöglichkeiten hatte“, schreibt das Team. Dies hatte steigende Lebensmittelpreise zur Folge und eine Hungersnot, vor allem in Süddeutschland, der Schweiz und Österreich.

Gerade die Häufung dieser Ereignisse in der dicht besiedelten Region sorgte für enorme Verunsicherung. So passierte der Scheitel des größten Hochwassers Frankfurt am 20. Juli 1342, zwei Tage vor dem Magdalenentag. Die Fluten ließen die steinerne Brücke – damals die einzige Frankfurter Brücke über den Main – einstürzen, erzählt Co-Autor Bauch.

Danach zogen jährliche Bußprozessionen fast 200 Jahre lang – bis zur Reformation – entlang der damals überfluteten Kirchen. „Die Route war eine topografische Visualisierung des Überflutungsgebietes“, sagt Bauch.

Zwar sahen viele Menschen die Fluten als Strafe Gottes. Doch gleichzeitig wappnete man sich gezielt gegen solche Gefahren: Nun wurden große Brücken – etwa in Dresden und Säckingen – zumindest teilweise aus Stein errichtet und verstärkt. Die Prager Karlsbrücke, deren Vorläuferin im Februar 1342 zerstört worden war, wurde mit eisbrechenden Pfeilern versehen.

Die Stadtmauer etwa von Straßburg wurde gezielt gegen Hochwasser befestigt, der Niederrhein wurde bei Kleve durch kollektive Arbeiten eingedeicht. Der gewundene Lauf der Donau wurde am niederbayerischen Kloster Oberalteich bei Straubing mit einem Durchstich begradigt, um den Fluss auf Abstand zu halten.

Dies könne man durchaus als Beginn des modernen Hochwasserschutzes betrachten, sagt Blöschl. „Siedlungen werden nicht nach einem einzelnen Hochwasser aufgegeben“, erläutert der Wiener Hydrologe. „Es waren die Mehrfachereignisse, die zu einem Umdenken im Hochwassermanagement geführt haben.“

Zwar habe es auch in der jüngeren Geschichte Überschwemmungen in Mitteleuropa durch Vb-Wetterlagen gegeben, schreibt das Team und nennt unter anderem die Jahre 1999 und 2005. „Allerdings war die räumliche Ausdehnung der Magdalenenflut viel größer als bei den jüngeren Überschwemmungen.“

Die Flutjahre 1342 und 1343 seien so außergewöhnlich, als ob die großen europäischen Hochwasserereignisse von 1999, 2002, 2005, 2006 und 2013 sowie ein Dutzend anderer Überschwemmungen in weniger als zwei Jahren aufgetreten wären.

Die Illustration aus dem Jahr 1888 zeigt den aktiven Hekla Vulkan
Die Illustration aus dem Jahr 1888 zeigt den aktiven Hekla Vulkan

Zur Ursache der gehäuften Hochwasser stellt das Forschungsteam Vermutungen an: Ein Faktor könnten etliche Vulkanausbrüche um 1340 gewesen sein, heißt es unter Verweis auf das Global Volcanism Programm (GVP) der US-amerikanischen Smithsonian Institution.

Fünf der acht dort für den Zeitraum 1340/41 gelisteten außertropischen Eruptionen entfallen auf Island, darunter die des Vulkans Hekla im Mai/Juni 1341. Möglicherweise könne der Ausstoß von schwefelhaltigen Aerosolen in die Stratosphäre eine starke Klimareaktion auf der Nordhalbkugel hervorgerufen und zu Abkühlung beigetragen haben, mutmaßt das Team.

Ein weiterer möglicher Faktor könne die geringe Meereisbedeckung in der Arktis seit den 1330er Jahren gewesen sein. Dies könne durch die fehlende Albedo die Temperatur an der Meeresoberfläche erhöht und so zu stärkeren Niederschlägen beigetragen haben, heißt es weiter. Diese Kombination, so Blöschl, habe vermutlich entscheidend zu der Häufung der Hochwasser beigetragen.

„Das ist die wahrscheinlichste Erklärung, die wir finden konnten“, betont er. „Ganz sicher lässt sich das zwar nicht sagen – doch die neuen Erkenntnisse bringen uns dem Verständnis dieser außergewöhnlichen Serie ein gutes Stück näher.“

Als Konsequenz aus der Analyse plädiert das Team dafür, Sequenzen mehrerer Extremhochwasser binnen weniger Monate im heutigen Risikomanagement stärker zu berücksichtigen, zumal der Klimawandel Häufungen von Überschwemmungen künftig wahrscheinlicher mache.

Überraschend ist, dass von den vielen Hochwassern nur die Magdalenenflut in der öffentlichen Aufmerksamkeit überlebt habe. „Die Magdalenenflut ist bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent, weil sie mit Hochwassermarken und Gedenktafeln festgehalten wurde, aber auch durch jährlich wiederholte Bittprozessionen“, sagt Bauch. „Dass sie nur ein Ereignis in einer ganzen Kette von Katastrophen war, ist über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten.“

Dazu könnte auch beigetragen haben, dass die größte Katastrophe des 14. Jahrhunderts damals unmittelbar folgte: Wenige Jahre nach der Flut brach die Pest aus. Der Schwarze Tod war in Europa die schwerste Seuchenwelle des vergangenen Jahrtausends.

Walter Willems, dpa/dia

 

Freitag, 21. August 2026

L'art pour l'art.

zu Geschmackssachen

Mit der Kunst ist es wie mit jeder produktiven Tätigkeit: Wenn man sie nicht als Selbstzweck betreibt, wird nichts draus. 

Von Kandinsky heißt es, er habe über Sinn und Zweck der Kunst manch esoteri-schen Schwulst geschrieben. Ich habe das nie gelesen. Was der Künstler über sein Werk sagt, ist diskursiv zu beurteilen, wenn man sich für sowas interessiert, aber nicht ästhetisch.  
28. 2. 20 

Donnerstag, 20. August 2026

Pascals Wette.

ausbildung                                            aus Philosophierungen

Wenn du dein Leben so führst, als ob es einen Sinn hätte, wird es einen Sinn gehabt haben.
23. 11. 18


Mittwoch, 19. August 2026

Bedeutendes von Unbedeutendem unterscheiden.

diepresse                                    aus Philosophierungen

Geist ist zu allererst das Vermögen, zwischen Bedeutendem und Unbedeutendem zu unterscheiden. Das Tier "kennt" diesen Unterschied nicht. Zwar bedeutet auch dem Tier dieses Etwas und Jenes nichts. Aber was ihm nichts bedeutet, nimmt es gar nicht erst 'wahr'. Das heißt, für es 'gibt es' diesen Unterschied nicht. Seine gene-tische Ausstattung hat "apriori" den Unterschied immer schon gemacht.

Nicht so für den Menschen. Er muss den Unterschied selber machen.

Es liegt nahe, dass ihm alles, was bleibt, zuerst einmal als bedeutender erscheint als alles, was sich ändert. Aber das kann sich... ändern. Es hängt davon ab, ob in meiner Erlebenswelt die sicheren Situationen vorherrschen oder die unsicheren; zum Bei-spiel.

aus e. Notizbuch, 28. 8. 08

Dienstag, 18. August 2026

Tod ist mehr als die Abwesenheit von Leben.

Ein Goffin-Kakadu sitzt vor einem Touchscreen. Auf dem Bildschirm sind ein schwarzer Kreis vor einem weinroten Muster und ein schwarzer Pfeil auf weißem Hintergrund zu sehen. Der Vogel betrachtet den Bildschirm aufmerksam. 
aus derStandard.at, 16. Juni 2026                                                                                       zu Jochen Ebmeiers Realien

Fähige Vögel
Goffin-Kakadus "fluchen" und ändern ihre Strategie, wenn etwas kaputt ist
Die klugen Papageien lernen am Touchscreen, wenn eine erwartete Funktion dauerhaft ausfällt – eine kognitive Voraussetzung, um Verlust zu begreifen

Beim Menschen ist der Tod von Ritualen und Trauer umgeben. Inwieweit Tiere den Tod ihrer Artgenossen wahrnehmen, ist in der Fachwelt ein vieldiskutiertes Thema. Eine Möglichkeit, sich einer Antwort zu nähern, führt über die Frage: Was müsste ein Tier verstehen, um zu erkennen, dass ein anderes Lebewesen gestorben ist? Es hat vermutlich mit der Einsicht zu tun, dass jemand ein erwartetes Verhalten nicht mehr zeigt und das so bleibt.

Hier setzt das "minimale Todeskonzept" an, ein Gedanke aus der vergleichenden Thanatologie, dem Forschungszweig zur Frage, wie Tiere auf den Tod reagieren. Um den Tod in seinen Grundzügen zu erfassen, braucht es demnach weder eine Vorstellung von Sterblichkeit noch Trauer oder Sprache. Es genügt das Erkennen eines dauerhaften Funktionsverlusts.

Verständnisgrundlagen

Ein Team des Messerli-Forschungsinstituts der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat nun einen einzelnen Baustein dieses Konzepts experimentell untersucht. Die Frage war, ob Tiere lernen können, dass etwas, das zuvor verlässlich eine Belohnung brachte, in einem bestimmten Zusammenhang aufgehört hat zu funktionieren – und ob sie dann flexibel reagieren. Die im Fachjournal Scientific Reports erschienene Studie entstand aus der Zusammenarbeit der Philosophin Susana Monsó mit den Kognitionsbiologen Antonio Osuna-Mascaró und Alice Auersperg.

"Das Verständnis des Todes mag wie eine Alles-oder-nichts-Frage klingen, aber es lässt sich in einfachere Komponenten zerlegen", sagt Monsó. Eine davon sei die Fähigkeit zu erkennen, dass eine erwartete Funktion fehlt und dieser Verlust kein vorübergehender ist.

Dass die Wahl auf Goffin-Kakadus fiel, hat gute Gründe. Die Papageien gelten als findige Problemlöser. Sie stellen Werkzeuge her, transportieren ganze Werkzeugsets und legen ein Werkzeug beiseite, sobald es im jeweiligen Kontext nichts mehr nützt. Ob sie dieses Gespür für verlorene Funktion auch abseits handfester Gegenstände zeigen, war offen.

Eine Person hockt in einem Freigehege und wird von mehreren weißen Papageien umgeben, die auf ihren Armen und am Boden sitzen. Im Hintergrund sind Holz- und Gitterstrukturen zu sehen.
Die Verhaltensforscherin Eleonora Rovegno, umgeben von einigen ihrer cleveren Schützlinge.
Der Touchscreen-Test

Um das zu prüfen, setzte das Team auf einen Bildschirm. Zunächst lernten die Vögel eine simple Regel: Wer einen runden Knopf berührte, bekam ein wenig Futter. Ein Pfeil führte zum nächsten Durchgang.

Dann begannen die Komplikationen. Berührte ein Kakadu den Knopf, blinkte der Bildschirm mitunter heftig auf. Von da an war der Knopf "tot", allerdings nur vor einem bestimmten Hintergrundmuster. Vor anderen Hintergründen funktionierte derselbe Knopf weiterhin.

Es ging also nicht bloß um die Erkenntnis "dieser Knopf ist kaputt". Gefragt war eine flexiblere Regel: Tritt das Blinken auf, lohnt sich dieser Kontext nicht mehr. Und entscheidend war, ob die Vögel diese Erwartung später auf neue, bislang unbekannte Hintergründe übertragen würden.

"Der Versuch sieht vielleicht kompliziert aus, doch die Idee dahinter ist recht einfach", erklärt Osuna-Mascaró. Man stelle sich einen Knopf vor, der erst tadellos arbeite und nach einem bestimmten Ereignis plötzlich aussetze, aber nur in einer ganz bestimmten Situation. Man habe wissen wollen, ob die Tiere bei einem neuen blinkenden Hintergrund von sich aus erwarten würden, dass auch dieser nun nicht mehr funktioniert.

"Fluchende" Papageien

Genau das taten sie. Mit wachsender Erfahrung übersprangen die Kakadus die Hintergründe, vor denen der Knopf seinen Dienst quittiert hatte, statt weiter darauf einzuhacken. Den Knopf grundsätzlich aufgegeben haben sie aber nicht. Dort, wo er noch funktionierte, drückten sie ihn weiterhin. Sie hatten nicht das Vertrauen in den Bildschirm verloren, sondern ihr Verhalten fein an den jeweiligen Kontext angepasst.

Perfekt lief das nicht, und zwischen den Individuen lagen Welten. Manche begriffen rascher als andere. Einige reagierten auf das Blinken auch sichtbar, mit Lautäußerungen oder aufgestellter Haube - eine Art tierisches "Fluchen".

Beeindruckend sei gewesen, wie verschieden die Tiere reagierten, als der Knopf plötzlich versagte, sagt Eleonora Rovegno, die die Tests durchführte. Manche hätten Bettelrufe ausgestoßen oder deutliche Erregung gezeigt. Diese Reaktionen seien zwar nicht in die statistische Auswertung eingeflossen, hätten die Aufgabe aus Sicht der Vögel aber sehr real wirken lassen: Etwas, das eben noch funktioniert hatte, tat es auf einmal nicht mehr.

Kein Verständnis für den Tod

Die Forschenden warnen vor zu weitreichenden Schlüssen. Dass Goffin-Kakadus Irreversibilität im menschlichen Sinn verstünden, zeigt die Arbeit nicht. Sie belegt nur, dass die Vögel innerhalb des Versuchsrahmens einen anhaltenden, kontextgebundenen Funktionsverlust erlernen und flexibel darauf reagieren."Wir sollten daraus nicht folgern, dass die Vögel den Tod verstehen", mahnt Monsó. Die Fähigkeit, einen Funktionsverlust zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, gehöre aber zu jenen Bausteinen, die dafür bedeutsam sein könnten, wie Tiere auf den Tod und andere dauerhafte Veränderungen reagieren.

Weil der Versuch ohne Werkzeuge auskommt und allein auf einem Touchscreen läuft, ließe er sich auf andere Arten übertragen. Solche Bildschirmaufgaben sind in der Kognitionsforschung längst etabliert, von Tauben bis zu Primaten. Künftige Studien könnten so prüfen, wie weit das Verständnis verlorener Funktion im Tierreich reicht.

Den Reiz des Goffin-Kakadus sieht Auersperg, die Leiterin des Goffin Labs, gerade darin, dass er Wissen immer wieder von einem Zusammenhang in einen anderen trägt. In der Natur und im Labor lerne er über Werkzeuge und physische Probleme. Hier habe man den Aufbau bewusst entkernt, um die Funktionalität selbst in den Mittelpunkt zu rücken. (tberg, red)

 

Montag, 17. August 2026

Maximilian, "Vater der Landsknechte“.

Zeitgenössische Darstellung der Schlacht bei Guinegate 1479 
aus welt.de 17. 8. 2026                          Schlacht bei Guinegate 1479                                    zu öffentliche Angelegenheiten
 
„Vater der Landsknechte“
Der 20-jährige Prinz reihte sich mit einem Spieß in den „verlorenen Haufen“ ein.
Nachdem der Habsburger Maximilian mit Maria die Erbin von Burgund geheiratet hatte, erklärte der französische König den Krieg. Als die Heere 1479 bei Guinegate aufeinandertrafen, übernahm der junge Herzog eine revolutionäre Rolle.
 

Es soll Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Maria, Tochter Karls des Kühnen und Erbin von Burgund, heiratete im August 1477 mit Maximilian in Gent den Sohn des Kaisers Friedrich III. Damit begründeten die reichste Frau Europas und ein 20-jähriger Prinz den Aufstieg des Hauses Habsburg. Denn anders als sein weitgehend mittelloser Vater, der als „Erzschlafmütze des Heiligen Römischen Reiches“ verspottet wurde, war Maximilian ein athletischer Galan, der eine Vorliebe dafür hatte, nackt mit Frauen zusammen zu sein, zu tanzen, Lanzen zu schwingen und den Damen den Hof zu machen, wie es der Historiker Simon Sebag Montefiore ausgedrückt hat.

Aber mit der Hochzeit und der zehn Monate danach erfolgten Geburt eines Prinzen war es nicht getan. Denn auch Ludwig IX. von Frankreich erhob Ansprüche auf das Erbe Karls, der 1477 vor Nancy Heer und Leben verloren hatte. Schließlich waren weite Teile der burgundischen Erbmasse französische Lehen, entstammten ihre Herzöge doch einer Nebenlinie der Valois, deren Oberhaupt der König von Frankreich war. Maximilian, nur aus dem „iure uxoris“, dem Recht der Ehefrau, Herzog von Burgund, war also gezwungen, gegen den übermächtigen Nachbarn Krieg zu führen.

Von seinem stets klammen Vater konnte er keine Unterstützung erwarten. Das galt auch für die meisten Reichsfürsten, die den Krieg im Westen nicht als den ihren ansahen. Immerhin stellten sich die Stände Flanderns auf Maximilians Seite, erschien ihnen die Aussicht, von ihm regiert zu werden, doch als das geringere Übel, als unter die Herrschaft Frankreichs zu geraten. Und die Flamen hatten einige Erfahrung darin, wie dem Ansturm der französischen Panzerreiter begegnet werden konnte. Im Juli 1302 hatten ihre Fußtruppen bei Courtrai das Heer Philipps IV. von Frankreich vernichtet, 700 Ritter fanden dabei den Tod.

Maximilian dürfte auch ein anderes Vorbild vor Augen gestanden haben. Obwohl es seine enormen Einkünfte Marias Vater Karl dem Kühnen erlaubt hatten, eine schlagkräftige Armee von 18.000 Mann auszurüsten, hatte er im Januar 1477 vor Nancy gegen die Schweizer „Reisläufer“ des Herzogs von Lothringen den Kürzeren gezogen.

Denn die burgundischen „Ordonanzkompanien“ aus Infanterie, Reitern und Feldartillerie waren von der disziplinierten und hoch motivierten leichten Infanterie der Eidgenossen buchstäblich in Stücke gehauen worden, indem sie mit ihren kompakt stehenden langen Spießen die Kavallerie auf Distanz hielten und zugleich Löcher in feindliche Schlachtreihen schlugen. Anschließend drangen Kämpfer aus dem Inneren dieser igelförmigen „Gewalthaufen“ hervor und machten sich mit Schwertern und ihren gefürchteten Hellebarden – einer Verbindung aus Axt, Spieß und Haken – über den Gegner her.

Leidvolle Erfahrungen mit den Schweizern hatte an der Seite Karls Jakob von Savoyen gemacht. Nach dem Tod des Burgunders war er in die Dienste Marias getreten und hatte die Führung der flandrischen Truppen übernommen, mit denen Maximilian hauptsächlich den Krieg gegen Ludwig führte. Vermutlich hatte Jakob den Habsburger auf die Taktik der Eidgenossen hingewiesen. In seinen Memoiren berichtet Maximilian, dass er als junger Mann in den Niederlanden lange Spieße anfertigen ließ und mit ihnen Waffenübungen durchführte.

Maximilian I. (1466–1536) als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches
Maximilian I. (1466–1536) als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 

Entscheidend wurde eine weitere Veränderung. Der junge Herzog ergriff nämlich selbst eine Pike und nahm einen Platz in der vorderen Schlachtreihe ein, der üblicherweise als „verlorener Haufen“ galt. Seinem Vorbild folgten auch die übrigen, zumeist adligen Kommandeure, die also nicht mehr als Ritter zu Pferde auf das Fußvolk herabschauten, sondern ihre Führungsfunktion Schulter an Schulter mit ihren Leuten wahrnahmen. Die Fußsoldaten, die während des Mittelalters als namenloses Lanzenfutter gegolten hatten, erfuhren damit eine umstürzende Aufwertung, die sich auch in einer gestärkten Moral niederschlug. 

Als Maximilian im Sommer 1479 die kleine Grenzfestung Therouanne belagerte, rückte ein französisches Entsatzheer heran. Sein Befehlshaber war mit Philippe de Crèvecœur ebenfalls ein ehemaliger Mitstreiter Karls des Kühnen, der sich aber ganz auf die traditionelle französische Kriegführung verließ: Entscheidende Attacken und damit die Ehre des Siegers sollten den Rittern zukommen, während dem Fußvolk allenfalls eine untergeordnete Rolle zugedacht war.

Am 7. August kam es bei Guinegate (Enguinegatte) im Artois zur Schlacht. Die Zahl der Burgunder wird auf etwa 11.000 Mann geschätzt, die Franzosen dürften etwas weniger gewesen sein, dafür verfügten sie über deutlich mehr Panzerreiter. Diese wurden von beiden Seiten auf den Flügeln platziert, während Maximilian mit seinen Gewalthaufen das Zentrum einnahm. Dem stellte Crèvecœur eine Linie aus Leichtbewaffneten, vor allem Schützen, gegenüber.

Landsknechte mit typischer Ausrüstung
Landsknechte mit typischer Ausrüstung

Schon im ersten Ansturm gelang es dem französischen rechten Flügel, seine Gegner zurückzuwerfen und nebenbei die wenigen Geschütze, die Maximilian dort postiert hatte, zu erobern. Sie wurden gewendet und unterstützten nun den Angriff auf Maximilians Zentrum.

Dass dieses standhielt, zeigt zum einen die Elastizität der igelförmigen Gewalthaufen, die auch Attacken in den Flanken widerstehen konnten. Zum anderen löste sich die Formation der französischen Ritter auf, weil viele von ihnen lieber – der lockenden Lösegelder wegen – ihren fliehenden Standeskollegen nachsetzten, als gegen die waffenstarrende Wand der verachteten Fußsoldaten vorzugehen.

Die Burgunder hatten allerdings auch Glück, dass ihre rechte Seite die französischen Angriffe abwehren konnte. Nach vier Stunden war die Schlacht vorbei. Die Franzosen sollen etwa 4000 Mann, ihre Gegner sogar noch einige mehr verloren haben. Leichte Infanterie erwies sich als verwundbarer als schwer gepanzerte Kavallerie.

Zwar konnte Maximilian damit den Hennegau sichern. Aber da ihm die Mittel fehlten, die Truppen weiterhin zu besolden, und er sie daher entlassen musste, schleppte sich der Krieg weiter. Nur mit Mühe gelang es dem Habsburger – nachdem seine Frau Maria im März 1482 bei einem Reitunfall gestorben war – im Frieden von Arras Flandern zu sichern, während das Artois, die Picardie und die Freigrafschaft Burgund an Frankreich fielen.

Militärgeschichtlich dagegen markiert Guinegate eine entscheidende Weichenstellung, übernahmen die Fußsoldaten doch endgültig die entscheidende Rolle auf den Schlachtfeldern. Von nun an machte Maximilian die Landsknechte zum Kern seiner Armeen. Dagegen ging Frankreich dazu über, in großem Stil Schweizer anzuwerben.

Deren Handicap war ihre ruhmreiche Tradition. Sie behielten ihre bewährte Kriegsführung bei, während die Landsknechte, die vor allem am Oberrhein angeworben wurden, ihre Organisation und Taktik viel schneller den Veränderungen im Gefecht anpassten. Die Piken wurden bis zu fünf Meter lang, die Zahl der Arkebusen und Musketen wurde erhöht, die Tiefe der Haufen nahm zu. Bei Pavia schlugen die Landsknechte Kaiser Karls V. 1525 die Schweizer Franz I. von Frankreich vernichtend.

Nachdem er 1486 König und 1508 Kaiser geworden war, präsentierte sich Maximilian I. gegenüber seinen adligen Standesgenossen gern mit glanzvollen Turnieren und Festen als „letzter Ritter“. Daneben beschäftigte er sich aber intensiv mit der Modernisierung seiner Kriegsmacht und führte zukunftsweisende Veränderungen in der Artillerie durch. Ein anderer Ehrentitel brachte es auf den Punkt: „Vater der Landsknechte“.

 

Nota. - Das eigenartige Wort Landsknecht hieß ursprünglich Lanz knecht: Militär-geschichte ist nicht bloß Geschichte der Waffentechnik. Sie ist, wie könnte es anders sein, ein Spiegel der Sozialgeschichte. Aus welchen Gesellschaftsgruppen stammen die Kämpfer, welche Manöver sind sie auszuführen fähig und bereits, welches ist das Verhältnis von Kommandeurern und Kommandierten? Summa summaren: Warum und wofür soll einer zu sterben bereit sein? 
JE 

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