aus derStandard.at, 5. 6. 2026 Heute wirkt Haughey's Fort im Norden Irlands aus der Luft ziemlich
unscheinbar. Vor 3000 Jahren jedoch befand sich an dieser Stelle eine
für damalige Verhältnisse gewaltige Siedlung.
Die ersten echten Städte auf europäischem Boden entstanden im östlichen Mittelmeerraum. Auf Kreta wuchsen die Vorstädte von Knossos schon im zweiten Jahrtausend vor Christus zu einem dichten Gefüge aus Palästen, Gassen und Werkstätten zusammen. Bis zu 80.000 Menschen sollen dort zur Hochblüte der Kultur gelebt haben. Wenig später schwang sich auf dem griechischen Festland Mykene empor. Beide gelten gemeinhin als die Wiege urbanen Lebens in Europa.
In den letzten Jahren rückte jedoch auch Osteuropa in den Fokus der Forschung, wenn es um stadtähnliche Zentren geht. Im heutigen Bulgarien produzierte die Siedlung Provadia-Solnitsata schon ab 5600 v. Chr. Salz, umgeben von Europas ältesten Steinmauern – ein Vorposten des Wohlstands, lange bevor auf Kreta die ersten Paläste errichtet wurden.
Im Schwarzmeerraum wiederum, in der heutigen Ukraine, Moldawien und Rumänien, wuchsen ab etwa 4100 v. Chr. die Megasiedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur: Protostädte mit bis zu 320 Hektar Fläche und geschätzten 15.000 Einwohnern, älter als jede vergleichbare Ansammlung in Mesopotamien. Urbane Siedlungen entstanden also mehrfach, an verschiedenen Orten und aus unterschiedlichen Gründen.
Ein Hillfort gilt gemeinhin nicht als Kandidat für diese Liste. Der Begriff bezeichnet eine befestigte Anhöhe – vielleicht der Sitz eines Häuptlings, möglicherweise auch ein Fluchtort oder bloß ein Gehege für das Vieh einer Saison. Städte jedenfalls stellt man sich darunter nicht vor.
Haughey's Fort, eine unscheinbare Ackererhebung bei Armagh in Nordirland, musste sich lange mit dieser bescheidenen Rolle begnügen. Sein Nachbar, das nur wenige hundert Meter entfernte Navan Fort, war dagegen ein Star: Es war legendäre Hauptstadt von Ulster, Sitz eisenzeitlicher Könige und Bühne frühmittelalterlicher Sagen. Haughey's Fort lieferte dazu bloß die Vorgeschichte. Es bestand aus drei konzentrischen Gräben, die in den 1980er- und 1990er-Jahren teilweise freigelegt wurden.
Eine neue Studie im Fachjournal Antiquity dreht die Verhältnisse nun um. James O'Driscoll von der University of Glasgow und Patrick Gleeson von der Queen's University Belfast haben mit Lidar, Magnetometrie, Bodenradar und einem zweiten Blick auf jahrzehntealte Grabungsergebnisse eine Landschaft rekonstruiert, die weniger nach Festung aussieht als nach einem umfangreichen geplanten Zentrum.
Die Datierung steht dabei außer Zweifel: Ein Eichenbalken vom Grund des inneren Grabens wurde zwischen 1152 und 1116 v. Chr. gefällt, die Radiokarbondaten verorten Bau und Nutzung der Anlage auf etwa 1191 bis 1018 v. Chr.
Die Magnetometrie zeichnet unter dem heutigen Grasland ein enges Muster aus Gruben, Pfostenlöchern und Zaunlinien nach. Augenfällig waren dabei 204 kreisförmige Anomalien, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf hölzerne Wohnbauten zurückgehen. Die meisten davon liegen dicht beieinander innerhalb der inneren Umwallung. Ihre jeweiligen Durchmesser von sieben bis neun Metern entsprechen gewöhnlichen bronzezeitlichen Wohnhäusern in Irland.
Drei Gebäude aber sprengen den Rahmen. Sie besitzen einen Durchmesser von 22, 23 und 30 Metern und weisen zentrale Pfostenspuren auf, die auf überdachte Konstruktionen hindeuten. Für Wohnhäuser oder Werkstätten sind sie allerdings zu groß. O'Driscoll und Gleeson vermuten dahinter institutionelle oder rituelle Versammlungsbauten – ein seltener Fund in der bronzezeitlichen Archäologie Irlands und Großbritanniens, mit nur einer bekannten Parallele im südwestirischen Glanbane.
Ob alle 204 Strukturen gleichzeitig bewohnt waren, lässt sich ohne großflächige Grabung nicht sicher sagen. Doch die reihenartige Anordnung mancher Gebäude spricht dafür. Auch die übrigen Funde passen ins Bild einer groß angelegten Siedlung. Grabungen förderten verkohltes Getreide, Keramik, Bronze- und Goldfragmente sowie Gussabfälle zutage. Letztere sind Belege für spezialisierte Metallverarbeitung, möglicherweise samt lokal gefertigter Kopien importierter Kontinentalware. "Unsere Forschung zeigt ein Ausmaß an Größe, Organisation und Konnektivität im bronzezeitlichen Irland, das bisher nicht vollends erkannt wurde", sagt O'Driscoll. "Im weiteren westeuropäischen Kontext zählt Haughey's Fort damit zu den klarsten Beispielen eines proto-urbanen Zentrums."
Was eine Stadt zur Stadt macht, ist in der Bronzezeitforschung freilich eine heikle Frage. Klassische Checklisten für Urbanität stammen meist aus dem mediterranen Raum und lassen sich schlecht mit der Holzarchitektur Nordwesteuropas vereinbaren, die im Boden kaum Spuren hinterlässt. Ein passenderer Maßstab orientiert sich an Siedlungsgröße, Bebauungsdichte und -vielfalt sowie an handfesten Kriterien wie spezialisierter Handwerksproduktion und Fernhandel – all das würde Haughey's Fort erfüllen.
Ähnlich dichte Bronzezeitsiedlungen wurden vereinzelt auch anderswo entdeckt, im nordirischen Corrstown etwa, wo 73 Rundhäuser um eine gepflasterte Straße gruppiert waren. Doch die am Haughey's Fort vorgefundene Kombination aus Wohndichte, Monumentalbauten und Fernhandel bleibt eine Ausnahme.
Alle drei Umwallungen von Haughey's Fort öffnen sich an derselben Stelle nach Nordosten, dem einzigen bekannten Zugang zur Anlage. Von dort führte eine 87 Meter lange, von Palisaden gesäumte Prozessionsstrecke bergab, deutlich weiter als die Fortgrenzen selbst reichten. Der Weg endet schließlich bei den sogenannten King's Stables, einem 25 Meter durchmessenden, künstlich angelegten Wasserbecken am Fuß des Hügels.
Was damals bei den King's Stables vor sich ging, dürfte sich fundamental von dem unterschieden haben, was oben auf dem Hügel geschah. Während in Haughey's Fort tausende Knochen von Rindern, Schafen und Schweinen auf Festmähler und Alltagsmahlzeiten hindeuten, dominierten im Becken der King's Stables Hundeknochen, Rothirschgeweihe und teilweise vollständige Tierskelette. Auch der vordere Teil eines menschlichen Schädels und lose Rippenknochen wurden gefunden. Außerdem legte man dort 18 Gussformfragmente für blattförmige Schwerter frei, aber keine sonstigen Produktionsabfälle.
Ring um 109 Hektar
Am auffälligsten aber ist, was Lidar und Magnetometrie über die sogenannten Creeveroe Earthworks zutage förderten. Die Strukturen stellten sich als großzügige äußere Umwallung der Siedlung heraus. Sie umgab eine Fläche von 109 Hektar und schnitt quer durch Hügelkuppen und Moore, nahm also keine Rücksicht auf das Gelände. Diese Dimensionen machen Haughey's Fort zu einem der drei größten bekannten Hillforts Irlands und Großbritanniens.
Entlang der neu vermessenen Umwallung liegen zahlreiche kleinere Ringstrukturen, vermutlich eingeebnete Grabhügel, die sich besonders dicht um einen vermuteten südlichen Zugang drängen. "Die Studie macht deutlich, dass wir es hier nicht mit isolierten Denkmälern zu tun haben, sondern mit einer einzigen, hochgradig organisierten Landschaft", sagt Gleeson. "Haughey's Fort, die King's Stables und die Creeveroe Earthworks waren Teile eines Systems, das sorgfältig strukturiert wurde, um Siedlung, Produktion und Ritual zusammenzubringen."
Wer hier damals das Sagen hatte, bleibt allerdings offen. Manches spricht für Eliten, die Handwerk, Handel und Gemeinschaftsarbeit koordinierten. Ebenso plausibel sei aber auch ein loses System, in dem Autorität nicht dauerhaft an Personen gebunden war, sondern sich in Zeremonien und gemeinsamer Arbeit immer neu herstellte. Haughey's Fort, so O'Driscoll und Gleeson, lässt beide Interpretationen zu.
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