zu Jochen Ebmeiers Realien aus derStandard.at, 25. April 2026 Nguyen-Kim scheut nicht davor zurück, in ihren Statements politisch zu werden.
Die studierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim ist eine der einflussreichsten deutschsprachigen Wissenschaftserklärerinnen, mit Wissenschaftssendungen im Fernsehen, Millionen Followern in sozialen Medien und populären Sachbüchern. Während ihres Engagements für Aufklärung in der Corona-Pandemie wurde sie, wie andere Fachleute, teils heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Ein vor zwei Jahren angekündigter Einstieg in die Politik erwies sich als Finte, was nicht heißt, dass Nguyen-Kim unpolitisch ist. Auf Einladung des Wissenschaftsfonds FWF und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hielt sie in Wien einen Vortrag zur Langen Nacht der Forschung und sprach darüber, wie sich Wissenschaft "zwischen all dem Geschrei hörbar macht". Der STANDARD traf sie vorab zum Gespräch, zu dem sie mit Personenschutz erschien.
STANDARD: Frau Nguyen-Kim, Sie behandeln in Ihren Formaten einerseits naturwissenschaftliche Fragen, andererseits gesellschaftlich brisante Themen wie Alternativmedizin, Impfen oder den Klimawandel. Wie suchen Sie Ihre Themen aus?
Nguyen-Kim: Ich interessiere mich für Themen, die ohnehin schon viel diskutiert werden, bei denen aber typischerweise oft eine evidenzbasierte Sicht fehlt. Ich habe natürlich einen Schwerpunkt auf naturwissenschaftliche Themen, aber grundsätzlich interessiere ich mich für alles, was evidenzbasiert ist und wo es zum Beispiel Zahlen oder Statistiken gibt und man erklären kann, wie die entstanden sind. Das kann zum Beispiel auch Migration sein. Ich würde mir vonseiten der Wissenschaft wünschen, dass man sich da auch einmischt. Ich versuche das zumindest immer.
STANDARD: Warum?
Nguyen-Kim: Weil es, wie ich glaube, etwas gibt, das ich gerne Neutralitätsfehlschluss nenne. Es gibt den Standpunkt: Wissenschaft ist nicht politisch und muss politisch neutral sein, und deshalb hält man sich raus. Aber die Wissenschaft wird ja selbst zum Thema. Es wird mit Zahlen oder Studien argumentiert, und das zum Teil falsch. Die Frage ist, will man die verzerrt dastehen lassen oder muss man sich aus Gründen der Neutralität einmischen, um die wissenschaftliche Korrektheit hinter diesen Zahlen und Studien zu vertreten? Und da denke ich, dass das wichtig ist.
STANDARD: Wie weit darf Wissenschaft bei einer solchen Einmischung gehen? Hat sie gewissermaßen ein Monopol auf die Wahrheit?
Nguyen-Kim: Für Menschen mit einem postmodernen Wahrheitsverständnis scheint es vielleicht gefährlich zu sagen: Das ist die Wahrheit, weil es hier auch um Ausüben von Macht geht. Aber es gibt eben auch physikalisch messbare Dinge. Klar gibt es Paradigmenwechsel, aber solche Paradigmenwechsel erfordern Evidenz. Ich finde es richtig, dass man den wissenschaftlichen Konsens hinterfragt, so funktioniert Wissenschaft auch, aber es ist immer schwierig, wenn etwas ohne eine entsprechende Gegenevidenz hinterfragt wird, und diese Kritik genauso ernst genommen werden soll. Da entsteht schnell so eine False-Balance. Wobei eine dogmatische Wissenschaft natürlich ebenfalls problematisch ist.
STANDARD: Was ist davon zu halten, wenn sogenannte Querdenker die Wissenschaft kritisieren?
Nguyen-Kim: So frustrierend es ist, mit etwas wie Querdenkertum konfrontiert zu sein, ist es auch eine sportliche Herausforderung, sich damit auseinanderzusetzen. In gewissem Maß muss man auch herausstellen, dass manche Querdenker überhaupt diese Skepsis haben. Ganz ehrlich: Sehr viele, oft auch eher privilegierte Leute, haben noch nie etwas hinterfragt. Jemand, der ein Querdenker ist und sich überlegt, ob die Pharmaindustrie nicht vielleicht ein Interesse hat, uns alle krankzumachen, ist da eigentlich einen Schritt weiter. Ich glaube, die Schieflage kommt daher, dass diese Skepsis nur sehr einseitig ist, also gegenüber Autoritäten oder "die da oben". Aber sobald dann irgendein Scharlatan kommt und sagt, ich habe die Lösung, wird das nicht hinterfragt. Ich glaube, hier kann man sehr schnell sehen, wie Skepsis, die auch im wissenschaftlichen System notwendig ist, dann doch ins Leere läuft.
STANDARD: Geht es also letztlich darum, wem man vertraut?
Nguyen-Kim: Ich glaube, wir überschätzen völlig, was Rationalität und Logik leisten können, und übersehen, welche große Rolle Vertrauen spielt. Wenn ich überlege, wie ich durch mein eigenes Leben gehe, wie viele Entscheidungen ich treffe, dann muss ich sagen, sehr viel basiert auf Vertrauen. Früher bei Youtube hatten wir manchmal, wenn die Quellenliste so lang war, dass sie nicht mehr in die Video-Beschreibung passte, ein Google-Doc verlinkt, wo alles drinstand. Da konnte man nachvollziehen, wie viele Menschen hineingeschaut haben. Es waren in jedem Fall unter zehn. Nur damit das klar ist: Ich finde es wichtig, dass man so arbeitet. Aber man muss den Realismus haben, dass die meisten Menschen, die meine Videos ansehen und die ich überzeuge, ganz einfach sagen: Der Mai vertraue ich.
STANDARD: Sollen Forschende also selbst Wissenschaftskommunikation betreiben? Ist das zumutbar?
Nguyen-Kim: Ich finde es sehr wichtig, dass man Forschende auch als Menschen wahrnimmt. Ich bin davon überzeugt, dass zum Beispiel Christian Drosten, der ja während der Pandemie zum Glück wahnsinnig einflussreich war, nicht diesen Einfluss gehabt hätte, wenn er nicht auch als Person und Mensch und Gesicht in der Öffentlichkeit gewesen wäre. Es hat ihm natürlich auch sehr viel Anstrengung und Ärger bereitet und Hass beschert, das ist die Kehrseite dieser Medaille. Aber ich kann trotzdem immer nur dazu ermuntern. Manche lassen sich vielleicht dadurch einschüchtern. Aber ich sage immer, der Hass ist proportional zum Impakt. Am Anfang wird man nicht mit Hass zu tun haben, sondern damit, dass einen überhaupt jemand sieht.
STANDARD: Ist der Hass also ein normaler Teil dieser Arbeit?
Nguyen-Kim: Meine persönliche Bilanz ist durch den Impakt, den ich dafür erreiche, auf jeden Fall eine positive. Gleichzeitig spreche ich natürlich aus einer wirklich starken Position daraus. Ich bin bei einem großen Sender, ich bin bei einem großen Verlag. Ich habe um mich herum einfach eine ganze Infrastruktur, die mir erlaubt, frei zu arbeiten. In der deutschen Politik gibt es zumindest meiner Meinung nach viel aufrichtige Motivation für mehr Wissenschaftskommunikation. Da wird Geld bereitgestellt. Ich denke aber, dass das nicht so viel bringt. Klar braucht man auch Geld, aber vor allem braucht man Strukturen, um Forschende in der Öffentlichkeit zu unterstützen und im Zweifelsfall auch zu schützen. Außerdem braucht es einen Anreiz für die Forschenden. Aktuell zählt im Lebenslauf von Forschenden nur die wissenschaftliche Publikation. Für Leitungsfunktionen etwa sollte auch nachweisbare, gute Wissenschaftskommunikation eine Anforderung sein.
STANDARD: Sie haben für Ihre Profession die Forschung hinter sich gelassen. Haben Sie damit gerechnet, dass Sie eine so große Reichweite erzielen werden?
Nguyen-Kim: Ich war zum Glück schon 27, als ich mit meinem Hobby-Kanal auf Youtube angefangen habe. Ich habe mir dann lange darüber Gedanken gemacht, wie ich damit umgehe, oder was das mit mir machen wird, wenn irgendwann andere Menschen als die, die ich kenne, diese Videos sehen. Es ist schon eine verletzliche Position, in der Öffentlichkeit zu sein. Möchte ich das? Doch dann habe ich für mich beschlossen: Ja, das will ich. Ich dachte aber auch immer, am Ende wird sich das ja in Grenzen halten, weil es ja Wissenschaft ist. Wie viel Aufmerksamkeit kann man überhaupt mit Wissenschaft bekommen? Und, das war noch sehr naiv von mir damals, ich dachte tatsächlich, es sei total unpolitisch und unkontrovers, weil ich ja nur über Chemie und Physik reden will. Doch dann kam die Pandemie.
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