Goya, Desastres
aus derStandard.at, 14. Juli 2026 zu öffentliche Angelegenheiten
Mitunter sind es gerade die Erniedrigten und Gequälten, die begründete Aussicht besitzen auf symbolischen Ruhm. Es war Frankreichs damaliger Präsident François Hollande, der nach den Anschlägen auf das Bataclan 2015 den Opfern posthum den Orden der Ehrenlegion zuerkennen wollte. Doch nicht allen schien die Gleichsetzung von passivem Erleiden mit dem Erweis von Tatkraft plausibel, zumal in einem Land, das die Erinnerung an die Geschichte der Résistance hochhält. Doch der zugrunde liegende Registerwechsel war schon vorher vollzogen. Wer den begründeten Anspruch stellen kann, Opfer zu sein, dem widerfährt ein Zugewinn an moralischer Autorität.

Maria-Sibylla Lotter, Professorin für Ethik und
Ästhetik in Bochum
Bei flüchtiger Betrachtung befinden sich die Kategorien in der schändlichsten Verwirrung. Ansprüche der vordem Marginalisierten haben den öffentlichen Raum in eine Therapiezone verwandelt. Wer von Erfahrungen als Opfer erzählt, dem wird unhinterfragt, doch redlich zerknirscht Glauben geschenkt. Öffentlichkeit als Austragungsort von Konflikten unterliegt seit geraumer Zeit den Auflagen der Therapiekultur. Mit der Ausdehnung der "Posttraumatischen Belastungsstörung", so Lotter, setzte vor bald 50 Jahren ein Prozess zunehmender Pathologisierung ein.
Was einem äußerlich an Schädigung widerfährt, wird seither mit immer dramatischeren Folgen in Begriffe inneren Erlebens übersetzt. Es ist die Ich-Instanz des Opfers, die bei Therapierenden auf offene Ohren stoßen soll. Dementsprechend ist es heilsam für jede Person, die unter Leidensdruck steht, auch wirklich zu sagen, was ihr, freilich ihrer Meinung nach, an Schlechtem widerfahren ist.
Es gehört zu den größeren Verdiensten von Lotters Buch mit Titel Opfer, sich über niemanden zu erheben und es doch nicht an Deutlichkeit fehlen zu lassen. Keineswegs lassen sich soziale Übel und andere himmelschreiende Ungerechtigkeiten in pathologische Urteile übersetzen. Nicht jedes Leiden schreit danach, als Krankheit beurteilt zu werden. Nicht nur horizontal dehnt sich der Trauma-Begriff allseitig aus. Sukzessive erfasst er das Repertoire selbst geringfügiger Unleidlichkeiten. Verwundet darf sich dünken, wer gehörig Frust schiebt. Unter dem Sammelbegriff der "Mikroaggressionen" hat sich ein weites Feld für die Bewirtschaftung von Ohnmachts- und ähnlichen Erfahrungen eröffnet. Die Zunahme von Sensibilisierung macht aus Mücken Elefanten.
Und doch bleibt jeder Mensch, der moralisch guten Willens ist, dem Prinzip der Achtsamkeit selbstredend unterworfen. Es verhält sich wie in dem Witz von Woody Allen. Bloß weil jemand paranoid ist, heißt das noch lange nicht, dass "sie" nicht hinter ihm/ihr her sind. Der Rassismus schwärt weiter. Wenn jemand das N-Wort nicht mehr unbedenklich aussprechen darf, heißt das nicht, dass ihm jemand einen Maulkorb umbindet.
Strukturell erfahrene Gewalt richtet sich häufig genug gegen Menschen, denen keine Judith Butler gibt zu sagen, was sie leiden. Schindluder treibt, wer aus lauter Achtsamkeit und Sorge potenziellen Opfern das Wort entwendet, um es ungerechtfertigt, an ihrer statt, im Mund zu führen. Hinzu kommt die eigentümliche Betonung der Sprachgewalt. Seit jeder Anflug von Hassrede ins Sündenregister eingetragen wird, ergibt sich eine bedenkliche Schieflage. Reale Machtverhältnisse werden zurückübersetzt in die Ordnung sprachlicher Grammatik.
Moralische Anerkennung trägt davon, wer den Status eines Geschädigten anmelden kann, und zwar möglichst im Vorhinein. In solchen Fällen schlägt häufig die Stunde bürokratischer Sprachkontrolleure. So mag es passieren, dass in der Bundesrepublik Deutschland immer mehr Menschen meinen, sie würden in ihrer Meinungsfreiheit beschnitten. Und blieben – vielleicht weil sie sich nicht elaboriert auszudrücken verstehen wie Uni-Abgängerinnen – ungehört.
Maria-Sibylla Lotters Buch Opfer mutet Lesenden zu, das dissonante Erscheinungsbild der Öffentlichkeit mit gebührender Toleranz auszuhalten. Man nennt dies das Ertragen von Ambivalenz. Ein Schlüsselsatz taucht gegen Ende dieses überaus empfehlenswerten Traktats auf: "Schließlich haben die Bestrebungen, eine zivilere Kommunikationskultur zu fördern – getragen von wachsender Sensibilität für menschliche Verletzlichkeit –, paradoxerweise selbst zu einem mitunter sehr harten und ausgrenzenden Umgang mit jenen geführt, die diese Sensibilitäten nicht teilen."
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