Sonntag, 31. Mai 2026

DAS ist Vernunft, I.

                                                      zu Philosophierungen

Vernunft ist die Frage nach dem Sinn - nämlich die Suche nach einer Antwort. 
Wie kann man da auf die Idee kommen, eine Maschine könne vernünftig werden?

Nota: Sinn ist die Richtung, in die ich mein Leben führen soll. 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Samstag, 30. Mai 2026

Der Mann - das Opfer der Angestelltenzivilisation.

Ein Mann in einem blauen Overall steht auf einer Bühne mit ausgestreckten Armen. Der Hintergrund zeigt eine malerische Szene mit einem Sonnenuntergang, einem Himmel voller Wolken und angedeuteten Schiffskonstruktionen. 
aus derStandard.at, 29. Mai 2026                                                                     Sting im Hackler-Overall bei einer Aufführung seines Musicals "The Last Ship" in Amsterdam.                                                                                                         zu Männlich

Sting sieht die Krise des modernen Mannes im Verlust körperlicher Arbeit
Dass Männer ihre Hände nicht mehr zum Arbeiten benutzen würden, sieht der Musiker als Grund für toxische Ausprägungen von Männlichkeit

Der Musiker Sting, inzwischen 74 Jahre alt, macht sich Gedanken über seine jüngeren Geschlechtsgenossen. "Ich habe keine Antworten, aber vielleicht kommt das Toxische in der Gesellschaft daher, dass wir das Ziel für unsere Energie verloren haben, diese männliche Kraft", erklärte er in der britischen Zeitung Guardian.

"Ich arbeite als Musiker jeden Tag mit meinen Händen, und ich habe Glück. Es ist selten geworden, dass moderne Männer ihre Hände und ihre körperliche Stärke überhaupt noch einsetzen. Wir haben da etwas verloren", sagte er.

Ein männliches Musical

Anlass für das Interview war sein 2014 in Chicago uraufgeführtes Musical The Last Ship, das demnächst auch in London zu sehen sein wird. Darin wird das Schicksal von Männern erzählt, die in einer Werft arbeiten – ähnlich jener Werft im Ort Swan Hunter in Wallsend, in dem Sting aufwuchs.

Sting, der die Musik für das Stück schrieb und im September im Theatre Royal Drury Lane selbst auf der Bühne stehen wird, sagte, die Schließung der Werften habe eine Ära eingeläutet, in der der Norden Englands von aufeinanderfolgenden Regierungen im Stich gelassen worden sei.

Der Reichtum Großbritanniens wurde in den Kohlebergbaugebieten, den Stahlstädten und den Werften geschaffen, all diese Fähigkeiten, so Sting, wurden auf den Schrotthaufen geworfen. "Für Thatchers Traum von einer Dienstleistungsökonomie."

Identitätskrise

Viele der männlichen Figuren im Musical befinden sich in einer Identitätskrise, weil ihnen ihre berufliche Grundlage entzogen wird. Einer fragt: "Was sind wir Männer ohne ein Schiff, das wir vollenden können?" Sting betonte jedoch, dass die Produktion keine romantisierte Darstellung einer oft brutalen Industrie sei, in der es jährlich Hunderte von Unfällen gab und Todesfälle nicht selten waren.

Er selbst war derjenige, der dort nicht arbeiten wollte – aus gutem Grund. Dort sei mit Asbest gearbeitet worden und mit allen möglichen giftigen Chemikalien. "Gleichzeitig bin ich nostalgisch gegenüber dem Gemeinschaftsgefühl, in dem ich aufgewachsen bin." (red.)

 

Nota. -  Um es krass zu sagen: Die sogenannte Krise der Männlichkeit ist schlicht und einfach die Krise - nein: der Untergang der Arbeitszivilisation. Weniger spitz und doch nicht weniger bestimmt kann man sagen, die angebliche Vorherrschaft des Mannes war ein Ergebnis der Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft. Weni-ger fanatische und etwas kritischere feministische Ideolog*innen würden sagen: Männer haben die bürgerliche Gesellschaft eingerichtet. 

Das ist garnichtmal so falsch - in dem Sinne nämlich, dass die vorangegangenen agrarischen Gesellschaften auf spezifisch weiblichen Tugenden beruh ten, nämlich auf Ausdauer und Fleiß. An der Spitze agierten kriegerische Männer, doch wenn die dynastischen Zufälle es erlaubten, sind Frauen ohne weiteres in Führungspositionen eingetreten. Dort oben spielte das Geschlecht eine geringere Rolle als die lignée.

In der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft spielte es eine ebenso geringe Rolle wie Ausdauer und Fleiß; entscheidend war nunmehr Unternehmertum. Entschei-dend wo? Na, auf dem Markt, der mithin zum obersten Richter wurde. Und was an der Spitze Unternehmertum war, war in der Masse Arbeit.

Das war die industrielle Zivilisation. Auf dem Höhepunkt der Industrie traten an die Stelle der Unternehmer die Manager; trat an die Stelle des Risikos die Verwal-tung. Und Ausdauer und Fleiß überwucherten Einfall und Wagemut. 

Zur Angestelltenzivilisation gehört als deren Speerspitze der Feminismus

Doch die Ditgitale Revolution ist der Untergang der Arbeitsgesellschaft in ihrer Kümmerform: der Angestelltenzivilisation. 

Die Männlichkeit ist in der Krise? Der Feminismus ist an der Genderologie längst gescheitert.

Gottlob.
JE 

 

 

Freitag, 29. Mai 2026

Ein primärer Lebensphilosoph.

Wanderer                                                       zu Philosophierungen 

 
Das Werk Heideggers war Lebensphilosophie bis zum Exzess - und den hat er bekanntlich nicht gescheut. Sie ist schrill positiv und der Kritik nicht ge-
wachsen, weil sie Gründe nicht prüft, sondern schlicht behauptet.
 

Die praktische Philosophie beginnt da, wo die theoretische nicht weiterkann

Gedanklich endet meine Wendeltreppe bei den Ergebnissen der ‘kritischen’ alias Transzendentalphilosophie. Das wurde beanstandet, denn danach hat die Zahl der philosophischen Bücher wohl noch um ein Vielfaches zugenommen…

Ich wollte aber keinen kurzen Lehrgang durch die Geschichte der Philosophie schreiben, sondern ein Einführung ins Philosophieren selbst. Ich meine im Ernst, dass der theoretischen Philosophie seit den Tagen der Transzendentalphilosophen substanziell nicht mehr viel hinzugefügt wurde. Wo es theoretischen Erkenntnis-gewinn gab, handelte es sich weitgehend um die – philologische – Klärung von Missverständnissen. Wo die ‚Phänomenologie’ – Husserl und, in seinem Gefolge, Heidegger – zu brauchbaren Resultaten kommt, bestätigt sie doch immer nur, in weniger deutlichen Begriffen, die Ergebnisse der ‚kritischen’ alias Transzenden-talphilosophie. Ich bin so kühn, mutatis mutandis dasselbe über die ‚sprachanaly-tisch’-pragmatische Schule unserer Tage zu behaupten.

Der Umkreis der philosophischen Themen ist im großen Ganzen abgesteckt. In-nerhalb des Kreises mag das Feld immer und immer wieder neu bearbeitet und mö-gen den Themen immer wieder neue ‘Seiten’ abgewonnen oder das Gewonnene aus anderer Perspektive neu bestätigt werden. Tatsächlich ist die Philosophie seither so verfahren; soweit sie nämlich theoretisch und wissenschaftlich ist.

Doch hat sich seit dem 19. Jahrhundert, nämlich seit Schopenhauer und Kierke-gaard eine Variante der Philosophie ausgebildet, die ausdrücklich nicht theoretisch und auch nicht wissenschaftlich sein will, die Lebensphilosophie. Ihren bislang wort- und gedankenmächtigsten Vertreter hat sie in Nietzsche gefunden. Ihr Ehr-geiz ist es, die Frage nach dem Sinn des Lebens unmittelbar und positiv aufzuwer-fen und nicht länger über den Umweg metaphysischer Begriffsakrobatik. Philoso-phie soll praktische Lebenshilfe geben (und womöglich politisch wirksam werden). Damit ist sie im öffentlichen Leben so erfolgreich gewesen, dass sie im landläufigen Verständnis den Begriff der Philosophie ganz für sich vereinnahmt und die wissens-chaftliche Philosophie in die akademische Ecke gedrängt hat.*

Ihr Publikumserfolg ist verständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Nichts steht ihm freier als das. Es fragt sich nur, ob sich daraus eine positive Lehre entwickeln lässt, die der eine dem andern mit einem Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit vortragen darf.

*

Die Frage nach dem Sinn (des Lebens in) der Welt war der Urheber der Philosophie – und, durch sie, der Wissenschaft (die eine spezifisch abendländische Erscheinung ist). Das war der Ausgangspunkt und war der Schlusspunkt meiner “Wendeltreppe”. Die ständige metaphysische Versuchung unseres Verstandes – das, was Kant den “dialektischen Schein” genannt hat – ist es, in der Erkenntnis des Seienden einen Hinweis auf unser Sollen, auf die ‘rechte Lebensführung’ zu suchen. Wenn der Ein-zelne Bestandteil eines sinnhaft geordneten Kosmos ist, dann liegt es nahe, dem Teil dasselbe Ordnungsprinzip zu zu weisen wie dem Ganzen. ‘Was der Mensch soll’ ließe sich geradlinig aus dem, ‘wie die Welt beschaffen ist’, herauslesen.

Hans Erni, Odyssee

Doch die Erkenntnis des Seienden ist zirkulär und führt nirgends hin: ‘Die Natur’ antwortet uns ja immer nur auf die Fragen, die wir ihr stellen – und auch das nur unter Stöhnen und Seufzen. ‘Der Naturwissenschaftler beobachtet keines Wegs ‚die Natur’ so lange, bis sie ihm von allein ein Lied singt. Vielmehr reißt er aus der Na-tur vorsätzlich ein winziges Stück heraus, zwingt es in die Folterkammer seines La-bors und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit Ja oder Nein antwortet.’ Den „Sinn“ der Sachen – das, „worum es [uns] eigentlich geht“ – haben wir, als Frage, immer schon selber mitgebracht, und wenn wir ihn hernach ‚an’ den Sachen wieder erkennen, dann ist es nur der Schatten unserer „apriori-schen“ Absicht. ‚Die Natur’ kann uns nicht einmal sagen, wer oder was sie ‚ist’. Noch weniger kann sie wissen, was wir in einer Welt ‚sollen’, die längst mehr ge-worden ist als bloß Natur.

Die Kritik an diesem Irrtum ist dasjenige, was an der Philosophie wissenschaftlich ist.

Oder anders, wissenschaftlich ist die Philosophie nur als Kritik. Wenn ich sage, man kann leben, ohne zu philosophieren, dann heißt das: Man kann leben, ohne Wissen-schaft zu treiben. Um das Wort Philosophie – und wer es alles für sich in Anspruch nehmen darf – muss man sich nicht streiten. Auch die Philosophischen Lebensbera-tungs-Dienste unserer Tage dürfen sich so nennen, gesetzlich geschützt ist das Wa-renzeichen nicht. Aber ich bestehe auf einer scharfen Unterscheidung zwischen kri-tischer, wissenschaftlicher Philosophie und landläufiger Lebensweisheit.

Das ist eine politische Erfordernis.

Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn. Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des sieb-zehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltereignis. Herrschaft kon-nte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ord-nung überhaupt denkbar. Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissen-schaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.

House of Commons

Der einzig begründete Ausgangspunkt der praktischen Philosophie ist ein negativer: dass die theoretische Philosophie – nach den Ergebnissen der ‚Kritik’ – im Sein kei-nen Sinn nachweisen kann. Der Sinn ist das, was  nicht durch Notwendigkeit vor-gegeben ist, sondern: – ‚durch Freiheit möglich’ wäre. Sinn kann man nicht finden, sondern muss man erfinden.

Ist er also beliebig?

Na ja. Jedenfalls nicht in dem ‚Sinn’, dass erlaubt ist, was einem grade ‚in den Sinn kommt’. Denn was aus Freiheit geschah, lässt sich zwar nicht ‚begründen’, nämlich aus theoretischen Einsichten herleiten; aber man wird es rechtfertigen müssen, nämlich vor mir selber und dann vor all denen, denen ich ihrerseits Freiheit zumute und denen ich über den Weg laufe. Dann wird man sehen…

Mit andern Worten: Würde ich nicht in einer Welt leben, die ich ‚in Freiheit’ mit Andern teile, bräuchte ich keine praktische Philosophie und keinen ‚Sinn des Le-bens’. Ich lebte vor mich hin, und damit gut.

*

Zwar kann die Wissenschaft (mit jedem Tag genauer) sagen, ‘was ist’. Denn das ist die theoretische Frage, die in ihr Ressort fällt. Aber was wer soll, ist eine praktische Frage, die nicht nach wahr oder falsch, sondern nach gut oder schlecht zu entschei-den ist. Und die fällt eben nicht in ihr Ressort: Denn gegenüber den Fragen des praktischen Lebens verhält sie sich, da sie theoretisch ist, rein kritisch: indem sie sagt, was nicht ist. Die Frage, wie und wohin ich mein Leben führe, ist eine prak-tische Frage; und eine private. Die Wissenschaft kann mir sagen, ob es good vibra-tions gibt, auf die ich rechnen darf, oder nicht; danach muss ich selber entscheiden.

Die Frage, wohin die Staaten und die Gesellschaften steuern, ist öffentlich, aber sie ist nur in Grenzen theoretisch. Denn Antwort hängt von denen ab, die sie stellen, und die sind Handelnde, bevor sie wissenschaftlich Erkennende sind; darum läuft die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer hinter-her und bringt es allenfalls zur self-fulfilling prophecy**. Und dabei ist die Frage, wohin sie steuern sollen , noch nicht einmal angeschnitten. Könnten die Gesell-schaftswissenschaften wirklich voraussagen: Wenn ihr dies tut, geschieht das, und wenn ihr jenes tut, dann geschieht jenes – dann müsste die Frage, ob wir ‘das’ oder lieber ’jenes’ wollen, immer noch praktisch entschieden werden; ‘aus Freiheit’, wie Kant das nennt. So gibt es ein unmittelbares politische Interesse daran, dass sich die Wissenschaften ihrer Grenzen jederzeit klar bewusst bleiben; Hirnforschung incl.

*

sprung
Lebensweisheit ist dagegen eine Privat-angelegenheit und gehört in meine Welt, wenn ich so sagen darf. Erstens geht sie nur mich selber an. Wenn ich zweitens darüber hinaus einen Drang spüre, meine Anschauungen (!) andern mitzuteilen, dann stehen mir dazu die Mittel der nicht-diskursiven Mitteilung zu Gebot; die Mittel der Kunst nämlich. Philosophie könne man eigentlich nur noch dichten, meinte Wittgenstein...

Die Kritik führt bis zu diesem Punkt: Damit überhaupt etwas gelten kann, muss ein Absolutum gelten. Aber wir (die Wissenschaften) können euch nicht bis dort hin führen. Begründen können wir das Absolute nicht. Wenn wir an jener Stelle sind, müsst ihr selber springen – auf eigne Faust; und mögt euch hinterher rechtfertigen. Nämlich vor euch selber und denen, die in euerm Privatleben sonst noch vorkommen.

Wer künstlerische Berufung fühlt, der trete vors große Publikum. Der Kritik ist er dort freilich nicht entzogen, ganz im Gegenteil. Nur ist es jetzt die Kunstkritik – die umso unerbittlicher ist, als sie selber Teil des kritisierten Gegenstandes ist. Die Kunst hat sich im Laufe der Neuzeit wie die Wissenschaft zu einer gesellschaftli-chen Instanz entwickelt, und die Kritik ist deren Teil. Wissenschaftlich ist sie nicht, sondern ästhetisch. Sie kann nicht (logisch) demonstrieren, sondern nur (anschau-lich) zeigen. Sie kann – wie die Kunst selber – Beifall heischen, aber kein Einver-ständnis erzwingen, wie die Wissenschaft.

*

Das gilt im selben Maß von den praktischen Staats- und Gesellschaftslehren. Die wissenschaftliche Kritik kann ihnen ihre Grenzen zeigen – und dass sie nicht Fleisch von ihrem Fleisch sind. Sie selber haben sich der Öffentlichkeit möglichst anschaulich darzustellen. Sie fordern zu Wertentscheidungen heraus, und die sind – in weitestem Sinn – ein ästhetischer Akt. Doch das Ästhetische liegt nicht jenseits der Vernunft, sondern diesseits. Es liegt ihr zu Grunde.

.das Neue Jerusalem

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*) In derselben Zeit beobachten wir in der Kunst die Scheidung zwischen dem ernsten und dem unterhaltenden Genre. Crossover ist auch da eine ständige Versuchung.

**) In einer UFA-Komödie sagt Grete Weiser: “Wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?” So geht es ‘der Gesellschaft’, wenn sie sich nach den Zielen ihres Handelns fragt. Wie können wir wissen, was wir wollen, bevor wir sehen, was wir tun?  

im Februar 2009 

 

Donnerstag, 28. Mai 2026

Zu Heideggers 50. Todestag.

                                           zu Philosophierungen

Ludwig Wittgenstein, der die Transzendentalphilosophie nicht verstanden hatte, schrieb, Philosophie im engeren Sinne ließe sich "nur dichten".

Begeisterte möchten meinen, das könne auf Heidegger zielen, der die Transzen-dentalphilosophie auch nicht verstanden hat. 

Doch von Dichtern würde man ein schöneres Deutsch erwarten.


Mittwoch, 27. Mai 2026

Denken unter Stress.

Illustration of the brain fornix (orange) and commissure of fornix (blue). The brain fornix is involved in memory function, associated with Alzheimer's disease and amnesia. Front view
aus welt.de, 27. 5. 2026            Das Gehirn arbeitet unter Stress anders als gewohnt             zu Jochen Ebmeiers Realien
 
„Akuter Stress beeinträchtigt einen zentralen Mechanismus des Gedächtnis“
Unter Druck können Menschen oft schlechter denken als gewohnt. Forscher haben nun untersucht, wie akuter Stress zentrale Prozesse im Gehirn verändert – und wann Eindrücke leichter im Gedächtnis bleiben.

Von Larena Klöckner 

Stress vor einem Vorstellungsgespräch oder einer Prüfung macht nicht nur nervös. Offenbar erschwert er auch, dass das Gehirn neue Informationen mit alten Erinnerungen verbindet. Genau das brauchen Menschen aber, um Situationen richtig einzuordnen.

Ein Forschungsteam der Universitäten Hamburg und der Universität Texas hat untersucht, wie akuter Stress das Denken verändert. Die Forscher wollten verstehen, warum Menschen unter Druck neue Informationen schlechter mit bereits Gelerntem verknüpfen. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal „Science Advances“.

Für die Studie lernten 121 Teilnehmer zunächst verschiedene Bildpaare aus Tieren, Gesichtern und Landschaften. Am nächsten Tag musste etwa die Hälfte der Probanden ein simuliertes Vorstellungsgespräch führen. Dabei sollten sie sich selbst präsentieren und schwierige Kopfrechenaufgaben lösen. Die Kontrollgruppe hielt dagegen nur eine lockere Rede und rechnete einfache Aufgaben.

Direkt danach sahen alle Teilnehmer neue Bildpaare. Etwa eine Stunde später prüften die Forscher, ob die Teilnehmer die Informationen aus beiden Tagen miteinander verbinden konnten. Ein Beispiel: Wer sich zuerst ein Gesicht zusammen mit einer Katze gemerkt hatte und später dieselbe Katze mit einem blauen Würfel sah, konnte daraus ableiten, dass das Gesicht und der Würfel zusammengehören.

Genau das fiel gestressten Teilnehmern schwerer. Allerdings nicht immer, sondern vor allem bei Bildern, die Teilnehmer subjektiv eher positiv bewerteten. Bei negativ bewerteten Bildern zeigte sich kein nennenswerter Unterschied. Die Forscher setzten funktionelle Magnetresonanztomographie ein, um den Hippocampus zu beobachten. Diese Hirnregion steuert, wie wir erinnern und lernen.

Normalerweise ruft der Hippocampus frühere Erfahrungen automatisch ab, sobald Menschen Neues lernen. Das Gehirn verknüpft dann alte und neue Inhalte miteinander. Unter Stress funktionierte dieser Prozess schlechter. Je weniger diese Reaktivierung stattfand, desto schwerer fiel den Teilnehmern später das Schlussfolgern. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass akuter Stress einen zentralen Mechanismus der Gedächtnisintegration beeinträchtigt“, schreiben die Autoren.

Die Forscher entdeckten noch einen weiteren Effekt: Das Gehirn speicherte verwandte Erinnerungen unter Stress stärker getrennt voneinander ab. Statt ein zusammenhängendes Netzwerk zu bilden, behandelte der Hippocampus die Informationen eher wie einzelne, unabhängige Ereignisse.

Bemerkenswert ist dabei: Die Teilnehmer konnten sich die einzelnen Bilder trotz Stress weiterhin gut merken. Der Stress störte also nicht das Lernen selbst. Er erschwert vor allem, dass das Gehirn verschiedene Erinnerungen miteinander verbindet.

Die Forscher vermuten, dass ihre Ergebnisse erklären könnten, warum Menschen unter Druck oft unflexibler denken oder Situationen schlechter einordnen. Das betrifft Prüfungssituationen, aber auch Verhöre oder psychische Erkrankungen. Denn auch Angststörungen und Psychosen gehen häufig damit einher, dass Betroffene Erfahrungen schlechter miteinander verknüpfen.

Noch ist allerdings offen, wie stark sich die Ergebnisse auf den Alltag übertragen lassen. „Die Kombination aus Verhaltenstests und neuronaler Bildgebung, um tatsächlich zu sehen, was schief läuft, ist wirklich überzeugend“, wird Brice Kuhl zitiert, ein Neurowissenschaftler an der University of Oregon in Eugene, der nicht an der Studie beteiligt war.

 

Nota. - Für schulisches Lernen ist bemerkenswert, dass weniger für das Lernen von Neuem als vielmehr für dessen Einordnen in Zusammenhänge, in denen es aufbe-wahrt und 'behalten' wird, ein "entspanntes Milieu" erforderlich ist, wie es in der Gestalttheorie seit langem heißt. Auch das Abfragen von Gelerntem in förmlichen Prüfungen ist unter dem Gesichtspunkt zu bewerten.
JE 

Die Lücke, die die AfD nicht füllt.

                                                 zu öffentliche Angelegenheiten

„Die fehlende inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD hat
die Partei so stark gemacht“
Die Welt, 27. 5. 2026 

Das ist keine Frage des Stils, der Taktik oder der Kommunikation, sondern der poli-tische Kern. Denn um darzustellen, dass die AfD die falschen Fragen stelle oder falsche Antworten gäbe, hätte man wohl schon deutlich machen müssen, welches die richtigen Frage und welches darauf die richtigen Antworten wären: Man hätte ein Programm vorlegen müssen. 
 
Und dann hätte jedermann sehen können, dass sie selber keins haben - außer, dass es ihnen um dieselben Posten geht wie eh und je. 
 
Was wären die richtigen Fragen? 
 
- Wie werden wir künftig arbeiten und was tragen digitale Revolution alias KI und Globalisierung dazu bei?
 
- Welches sind Deutschlands Aufgabe in Europa und Europas Platz in der Welt? 
 
Aus beiden Feldern ergibt sich, dass Migration eine untergeordnete Frage ist - nicht etwa eine nebensächliche, sondern eine, die praktisch überhaupt erst lösbar wird, wenn man sie von den übergeordneten Gesichtspunkten her betrachtet.
 
Ein solches Programm hat keine der in Deutschland aktiven politischen Kräfte. Eine allerletzte Hoffnung war, dass die Krise, die nach der SPD nun endlich die Union erfasst hat, den Weg freimachen könnte für die schließliche Ausbildung einer solchen Kraft. Doch dann schien mir, dass die Wahl von Friedrich Merz zum CDU-Vorsitzenden auch diese Möglichkeit verbaut hat. 
 
Als er dann doch noch Bundeskanzler wurde, sah es momentan so aus, als könne nicht nur für die CDU eine letzte historische Chance erwachsen. Ist diese Hoffnung nun endlich auch verstorben?
 
Andererseits: Die Krise der CDU hat ihren Höhepunkt noch weit vor sich. 
 
 

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

                                             zu öffentliche Angelegenheiten

Hab ich nach Jahren des Spotts meine Vorbehalte gegen Friedrich Merz voreilig aufgegeben? Dass er sein neues, so heiß erhofftes Amt nicht in Prahlhans-Manier, sondern behutsam taktierend übernommen und der Rolle Deutschlands in Europa und Europas in der Welt den Vorrang gegeben hat, war völlig richtig, und dass er sich innenpolitisch nicht zu Schnellschüssen verleiten ließ, war es auch. 

Aber ein Jahr ist gegenwärtig eine lange Zeit, konventionell gibt man der Schonfrist nur hundert Tage. 

Hoffen darf man zwar weiter, doch schonen muss man nun nicht mehr.

Dienstag, 26. Mai 2026

Sonny Rollins ist tot.

Sonny Rollins, 2007 in seiner Heimatstadt Germantown, New York
aus FAZ.NET, 26. 5. 2026                                                                                    zu Geschmackssachen
 
Sonny Rollins ist tot
 
Trauer in der Jazzwelt: Der Musiker Sonny Rollins ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Miles Davis nannte ihn einst „den größten Tenorsaxophonisten aller Zeiten“.

Der legendäre Saxophonist und Jazzkomponist Sonny Rollins ist tot. Rollins starb im Alter von 95 Jahren in seinem Zuhause in Woodstock im US-Bundesstaat New York, wie es in einem Post auf seiner offiziellen Facebook-Seite heißt. Eine Todesursache wurde zunächst nicht bekannt gegeben. ...

Rollins wurde 1930 im New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Mit seinem unverwechselbaren Ton – voll, robust, rau, zugleich aber subtil und nuanciert – galt der vielfach ausgezeichnete Rollins in der Jazzwelt als „Saxophon-Koloss“. So nannte er auch eines seiner Alben im Jahr 1956. Er arbeitete mit allen Großen seiner Szene zusammen, ob Charlie Parker, Thelonious Monk oder John Coltrane. Die meisten von ihnen überlebte er lange.

Von seinen Aufnahmen gehören unter anderem „Oleo“, „Doxy“ und „St. Thomas“ zum Jazzstandard. Der Trompeter Miles Davis, den Rollins in seinen Anfangsjahren in verschiedenen Gruppen begleitete, nannte ihn „den größten Tenorsaxophonisten aller Zeiten“. Atemwegserkrankungen zwangen Rollins vor einigen Jahren in den Ruhestand. ...

Monets London.

Der Smog macht die Farben: Monets „Waterloo Bridge“ von 1903.
aus FAZ.NET, 15. 10. 2024                                          Waterloo Bridge                                          zu Geschmackssachen

Ein Traum auf Erbsensuppengrün
Nach 120 Jahren bekommt London endlich die Bilder zu sehen, die Claude Monet hier malte: Seine berühmte Gemäldeserie mit Themse-Ansichten wird in der Courtauld Gallery ausgestellt.

von Andreas Platthaus 

Ein Maler, zwei Räume, drei Motive, 21 Bilder. Das klingt nach nicht viel, aber zusammen ergibt es eine der schönsten Ausstellungen des Jahres. Und ein spekta­kuläres Rekonstruktionsprojekt, auch wenn es nur zur Hälfte erfolgt ist. Aber der Reihe nach.

Der Maler, das ist Claude Monet – derjenige unter den Impressionisten, auf den sich Frankreich früh als Nationalliebling geeinigt hat, was kurz vor dem Lebensende des 1840 geborenen Künstlers dadurch bekräftigt wurde, dass er seinem Heimatland (in Person seines guten Freundes Georges Clemen­ceau, des Staatspräsidenten) anlässlich des Siegs über Deutschland im Ersten Weltkrieg den jüngst vollendeten Zyklus mit großformatigen Seerosenbildern schenkte.

Der Frie­dens­vertrag von Versailles war eine süße Re­vanche auch für Monet, der 1870 mit Frau und Sohn vor den anrückenden preußischen Truppen aus Paris nach London geflohen war. Dort sah er zum ersten Mal das, was damals (und noch lange danach) als Londoner Nebel berühmt war und heute nicht mehr existiert, weil der Luftverschmutzung durch Kohlefeuerung Einhalt geboten worden ist.

Umweltverschmutrzug intensivierte diese Farbpracht: Monets „London, Parliament. Sunlight in the fog“, 1904.
Umweltverschmutzung intensivierte diese Farbpracht: Monets „London, Parliament. Sunlight in the fog“, 1904.

Dieser Smog in der damals größten Stadt der Welt sorgte für erstaunliche Himmels- und Sonnenlicht­färbungen, und da Monet erst wenige Jahre vorher damit begonnen hatte, solche Eindrücke zu zentralen Stimmungsphänomenen seiner Malerei zu machen (was der von ihm maßgeblich inspirierten Stilrichtung die anfangs als Schimpfname gedachte Bezeichnung „Impressionismus“ eintragen sollte), war er vom Exilaufenthaltsort bezaubert und nahm sich vor, in friedlicheren Zeiten dorthin zurückzukehren, um in Ruhe an einer Bilderserie zu arbeiten, die dem ihn am meisten begeisternden Phänomen gelten sollte: den wechselnden Licht­effekten auf dem Wasser der Themse. Bis es so weit war, sollte allerdings noch viel Zeit vergehen, aber schließlich kam Monet gleich dreimal hintereinander für jeweils mehrere Wochen nach London und malte: in den dunkleren Monaten der Jahre 1899, 1900 und 1901.

Freude am „köstlichen Nebel“

Die zwei Räume, das ist die Sonderausstellungsfläche der Courtauld Gallery im Somerset House. Das liegt in London, und zwar gerade einmal dreihundert Meter entfernt vom Hotel Savoy, wo Monet sich zum Malen einquartierte, weil das seinerzeit teuerste Haus der Stadt in seinen fünf Obergeschossen Zimmer mit großen Balkons zur Themse hin bot, Monet mietete gleich zwei davon: eines als Wohn-, das andere als Arbeitszimmer. In den Briefen an seine Frau, die ihn nur bei der ersten Rückkehr begleitete, begeisterte sich der Maler über das, was ihm geboten wurde, vor allem eben der „köstliche Nebel“, auf den er jeden Morgen hoffte.

Claude Monet, „Waterloo Bridge, Gray Weather“, 1900
Claude Monet, „Waterloo Bridge, Gray Weather“, 1900

„Pea soup fog“ nannten die Londoner diese Wetterlage, und die Courtauld-Kuratorin Karen Serres hatte die, nun ja, brillante Idee, ihre beiden Räume für die Sonderausstellung mit Monets Themse-Ansichten in Erbsensuppengrün streichen zu lassen.

Die Bilder strahlen darauf in Farben, die man auf ihnen nie zuvor wahrgenommen hat, und die Hängung simuliert in ihrer Dichte, was Monet empfunden haben muss, als die Sonnenauf- und -untergänge für derart schnell wechselnde Impressionen sorgten, dass er ständig an mehreren Bildern gleichzeitig malte, die ja jeweils nur eine bestimmte Stimmung festhalten sollten. Am Ende der drei Jahre waren auf diese Weise in London an die hundert Leinwände zusammengekommen, die für Monet allerdings sämtlich noch nicht fertig waren und daheim in Giverny aus der Erinnerung vollendet wurden, teilweise erst viele Jahre später.

Claude Monet, „Houses of Parliament, Sunset“, 1900–1903
Claude Monet, „Houses of Parliament, Sunset“, 1900–1903

Drei Motive, das ist die Folge von Monets Wahl seines Domizils. Flussabwärts fiel sein Blick vom Balkon des Savoy auf die Waterloo Bridge, flussaufwärts er­öffnete sich ihm ein Panorama mit der Charing Cross Bridge im Vorder- und dem neogotischen Parlamentsgebäude von Westminster im Hintergrund. Das wurden seine drei Motive, immer wieder neu inszeniert vom sich verändernden Licht, aber immer vom gleichen Standpunkt aus gemalt, wobei Monet sich für die Ansichten des Parlamentsgebäudes von 1900 an aufs andere Themse-Ufer begab, wo das Gebäude ihm direkt gegenüber lag. So entstanden insgesamt 93 Bilder: 41 Ansichten der Waterloo Bridge, 34 der Charing Cross Bridge und neunzehn von Westminster.

21 Bilder, das ist das zweigrößte Konvolut aus der Werkgruppe, der jemals versammelt wurde. Größer war nur jene Pariser Ausstellung, auf der Monet 1904 seine Themse-Ansichten überhaupt zum ersten Mal vorstellte. Da waren es 37, acht Mal Charing Cross, elf Mal Parlament und achtzehn Mal Waterloo – Monets favorisierte Bilder aus dem Gesamtkomplex, alle ­eigens von ihm frisch für die Schau vollendet. Karen Serres wollte für ihre Ausstellung so viele wie möglich davon zusammenbekommen, und es kamen aus aller Welt fast die Hälfte zusammen, nämlich achtzehn: drei Mal Charing Cross, sechs Mal Parlament und neun Mal Waterloo – also dem Verhältnis der Motive zueinander nach ziemlich genau wie in Monets ursprünglicher Auswahl.

London musste fast 120 Jahre auf diese Schau warten

Die drei zusätzlichen Bilder tragen der Tatsache Rechnung, dass sich nur zwei von Monets London-Bildern in britischen Sammlungen befinden, beides später vollendete Ansichten der Charing Cross Bridge (eine ­davon wurde 1949 Churchill von seinem Literaturagenten geschenkt – mit der Bemerkung, wenn er wieder Premierminister werde, würde sich der Nebel über England lichten).

Und schließlich noch ein Westminster-Gemälde aus dem Kunsthaus Zürich, das deshalb besonderes Interesse beanspruchen darf, weil Monet es 1905 für eine dann doch nicht zustande gekommene Londoner Ausstellung vollendete und dabei ein Motiv annähernd wiederholte, das im Vorjahr schon an den berühmten Pariser Sammler Isaac de Camondo verkauft worden war und also nicht mehr zur Verfügung stand. Nun wird nicht nur nach fast 120 Jahren die Londoner Schau endlich nachgeholt, sondern darin auch ein Vergleich beider Bilder möglich, weil das frühere aus dem Musée d’Orsay ausgeliehen werden konnte.

Genug der Fakten, am Schluss eine Impression: Diese erbsensuppengrün grundierte Ausstellung strahlt, als wären die Bilder gerade von der Staffelei genommen. Man muss hier einmal die Lichtsetzerin nennen: Zerlina Hughes. Wie wichtig ist die Arbeit solcher Koryphäen für ein Ausstellungserlebnis! Denn nur dann entfaltet sich die ganze Magie eines Bildes wie Monets „Le soleil dans le brouillard“ (Die Sonne im Nebel), sonst in der National Gallery of Canada in Ottawa und das schönste Bild der Schau. Wie da die wie eine verschrumpelte Mandarine über der Waterloo Bridge stehende Sonne durch einen Brückenbogen hindurch die Themse entflammt, das entzündet eine schier unlöschbare [...]

Monet and London – Views of the Thames. In der Courtauld Gallery, London; bis 19. Januar 2025. Der Katalog (Holborton) kostet 25 Pfund.

Montag, 25. Mai 2026

Mobilität zur Zeit der Megalithkultur.

Künstlerische Darstellung eines prähistorischen Steingrabs in einem Wald. Das halb geöffnete Grab zeigt menschliche Schädel und Knochen, umgeben von Steinen und Keramikgefäßen. Die Szene symbolisiert eine gemeinschaftliche Begräbnisstätte um 3100 v. Chr. im heutigen Sorsum. aus derStandard.at,  21. 5. 2026                      Um 3100 v. Chr. diente das Steingrab von Sorsum als gemeinschaftliche Begräbnisstätte (hier eine künstlerische Darstellung) für die dort ansässigen bäuerlichen Gemeinschaften. Genetische Analysen zeigten, dass unter den Bestatteten unter anderem der Sohn einer Familie aus einer Region war, die über 200 Kilometer weiter südlich liegt.                                                                                                                                      zu öffentliche Angelegenheiten

Überraschung aus der Steinzeit: 
Vater und Sohn durch hunderte Kilometer getrennt
Analysen von 5000 Jahre alten Megalithgräbern in Deutschland zeigen die bislang enfernteste neolithische Verwandtschaft ersten Grades – und stellen alte Annahmen infrage
 
Spätneolithisches Mosaik

Vater und Sohn lebten in einer Welt, in der zwischen der Iberischen Halbinsel und Skandinavien über zwei Jahrtausende hinweg eine Bauwut sondergleichen herrschte: Bauern errichteten Dolmen, Ganggräber, Steinkreise und Galerien aus tonnenschweren Blöcken. Die Forschung hat in diesen Monumenten lange nicht nur Ausdruck lokaler Identitäten gesehen, sondern auch Zeichen weitreichender sozialer oder ahnenbezogener Netzwerke. Ob hinter der gemeinsamen Architektursprache auch eine gemeinsame Abstammung stand, blieb offen.

Diese Frage haben Nicolas Antonio da Silva und Ben Krause-Kyora von der Universität Kiel mit ihrem Team in einer neuen Untersuchung aufgegriffen. Sie analysierten genetische Daten von 203 Individuen aus sechs deutschen Megalithgrabkomplexen, 129 Genome haben sie dafür neu sequenziert. Untersucht wurden die Bestattung in Sorsum, der einzigen bislang gut erhaltenen Fundstelle der westlichen Trichterbecherkultur, sowie fünf Fundorte der benachbarten Wartberg-Kultur: Altendorf, Niedertiefenbach, Rimbeck, Warburg und Züschen.

Archäologisch lassen sich die beiden Gruppen klar unterscheiden. Die westliche Trichterbecherkultur ist bekannt für oberirdische Ganggräber und reich verzierte Tongefäße mit ihrem charakteristischen trichterförmigen Rand. Die Wartberg-Kultur hingegen legte unterirdische Galeriegräber an und verwendete weitgehend schmucklose Keramik in Tonnenform. Sorsum selbst fällt aus dem Rahmen der eigenen Kultur: Die Grabkammer wurde in den Fels geschlagen und ähnelt damit eher den Wartberg-Anlagen.

Eine Karte zeigt Verwandtschaftsnetzwerke ersten und zweiten Grades zwischen vier Bestattungsorten (Altendorf, Niedertiefenbach, Sorsum und Warburg) in Deutschland. Verschiedene Symbole und Farben repräsentieren Geschlecht, Standorte und Y-Haplogruppen. Die Pfeile markieren Verbindungen über große Entfernungen von bis zu 230 km und illustrieren eine hohe Mobilität sowie sozialen Austausch. Ein Maßstab und ein Kompass zeigen Orientierung und Distanz.
Ein Netzwerk aus Verwandten ersten und zweiten Grades offenbart weitreichende biologische Verbindungen zwischen geografisch weit entfernten Bestattungsgemeinschaften. Die Untersuchungsergebnisse deuten auf auf eine ausgeprägte Mobilität und einen intensiven sozialen Austausch hin.
Eine Bevölkerung, zwei Stilrichtungen

Diese Besonderheit bestätigt sich auch genetisch. Laut den Analysen passen die Menschen aus Sorsum nicht zu anderen Trichterbecher-Vertretern aus dem Norden oder Osten, sondern gleichen Angehörigen der Wartberg-Kultur. Sorsum und die fünf Wartberg-Fundorte bilden eine genetisch homogene Population. Auffällig ist auch der hohe Anteil westeuropäischer Jäger-und-Sammler-Abstammung in beiden Gruppen, der vor allem über die männliche Linie weitergegeben wurde. Das deutet auf langfristige biologische Verbindungen hin.Über alle sechs Bestattungsplätze hinweg identifizierten die Forschenden 123 genetisch eng verwandte Paare, 44 davon ersten Grades, 79 zweiten Grades. Etwa die Hälfte der untersuchten Menschen hatte eine nahe Verwandte oder einen nahen Verwandten in der Stichprobe. Die wirkliche Überraschung lag jedoch zwischen den Fundorten: sechs grenzüberschreitende Verwandtschaftsbeziehungen, fünf davon mit Sorsum-Beteiligung. Das auffälligste Paar ist das des Mannes aus Niedertiefenbach und seines noch nicht erwachsenen Sohnes aus Sorsum.

Die Forschenden formulieren in ihrer im Fachjournal Science veröffentlichten Studie vorsichtig, was das bedeuten könnte. Die zusätzlich durchgeführte Analyse gemeinsam vererbter DNA-Segmente legt nahe, dass der Jugendliche ursprünglich aus dem Umfeld von Niedertiefenbach stammte, aber in Sorsum bestattet wurde. Denkbar sei etwa, dass er dort gelebt habe – als Pflege- oder Adoptivkind, vielleicht auch in einer Art Lehrverhältnis. Belegt ist dieses Szenario nicht. Man kann nur daraus schließen, dass Mobilität, Einheirat oder Austausch über erstaunlich große Distanzen nichts Außergewöhnliches waren.

Soziale statt biologische Familie

Zugleich zeigen die Daten, dass die Steinkammern keine reinen Familiengräber im engen Sinn waren. Rund 48 Prozent der untersuchten Individuen gehörten keiner engen genetischen Verwandtschaftsgruppe an. An schwedischen oder britischen Megalithanlagen liegen die vergleichbaren Werte deutlich niedriger, dort scheinen die Gräber stärker auf eine einzelne Linie beschränkt gewesen zu sein. Sorsum und die Wartberg-Anlagen funktionierten daher offenbar anders, nämlich als Gemeinschaftsgräber, in denen biologische und soziale Zugehörigkeit nebeneinanderstanden. Die Forschenden vermuten ein Netz aus gemeinsamer Kinderaufzucht, geteilten Ritualen und gemeinsamer Bauarbeit – was Verwandtschaft im weiteren Sinn schuf.

Das Bild zeigt das Galeriegrab von Züschen in Nordhessen, ein steinernes Ganggrab aus der Zeit der Wartberg-Kultur. Es ist von einem schützenden Dach umgeben. Innerhalb des Grabes sind große seitliche Steinplatten und ein sandiger Boden zu sehen.
Das Galeriegrab von Züschen in Nordhessen wurde von Angehörigen der Wartberg-Kultur errichtet.

Wer aber wanderte und wer blieb? Die rekonstruierten Stammbäume aus Sorsum und Niedertiefenbach zeigen eine durchgehende Linie männlicher Vorfahren über bis zu sechs Generationen, abzulesen am Y-Chromosom. Die mitochondrialen Linien der eingeheirateten Frauen sind dagegen breit gefächert. Statistische Analysen der genetischen Unterschiede innerhalb der Geschlechter bestätigen das Bild: Frauen waren mobiler als Männer.

Fachsprachlich heißt das Virilokalität – also dass Männer eher in der Gemeinschaft ihrer Eltern blieben – und weibliche Exogamie, was bedeutet, dass Frauen ihre Partner außerhalb der Geburtsgemeinschaft suchten. Auffällig ist auch, dass Frauen in den Gräbern unterrepräsentiert sind. Sie machen nur rund 40 Prozent der analysierten Individuen aus. Wo die übrigen begraben wurden, bleibt unklar.

Kein europäischer Stammbaum

Wer aus diesen Befunden ein gesamteuropäisches Megalithnetzwerk basteln möchte, wird enttäuscht. Genetische Verbindungen zu den Erbauern der atlantischen Anlagen auf den Britischen Inseln oder zu den Trichterbecher-Gruppen Südskandinaviens fanden sich kaum. Die Wartberg- und Sorsum-Gemeinschaften bildeten ein dichtes regionales Netz, das vereinzelte Spuren bis ins westliche Deutschland und ins Pariser Becken zog. Aber die großen Steinbauten verbreiteten sich nicht über biologische Großfamilien, sondern vielmehr als Idee. Architektonische Konzepte, Bestattungsrituale und Weltbilder reisten über die Köpfe und Hände der Menschen, nicht über deren Erbgut.

Damit offenbaren sich zwei unterschiedliche Aspekte: Auf der einen Seite eine spätneolithische Welt, in der Menschen offenbar regelmäßig zwischen entfernten Siedlungen wechselten, in der ein Kind 225 Kilometer von seinem Vater begraben werden konnte und in der Gräber Platz für ganz unterschiedliche Menschen boten. Auf der anderen Seite eine Welt, in der das verbindende Element der Megalithkultur eben nicht das Blut war, sondern die geteilte Vorstellung davon, wie man seine Toten unter tonnenschweren Steinen zur Ruhe bettet. 

 

Sonntag, 24. Mai 2026

Das Archimedes-Palimpsest.

Blatt eines Palimsests mit sehr dunklen Rändern, das nun wieder aufgetaucht ist
aus derStandard.at, 13. März 2026       Das neu entdeckte Blatt, auf dem der Text und die Grafiken des Archimedes (schwach im Hintergrund) und auch, quer dazu, die Überschreibung aus dem 13. Jahrhundert sichtbar sind.               zu Ebmeiers Realien

Forscher entdeckt fehlende Seite des legendären Archimedes-Pa-limpsests
Die mehr als 1000 Jahre alte, einzigartige Abschrift wichtiger Werke des antiken Mathe-
matikers hat eine wahre Odyssee hinter sich. Nun fehlen nur noch zwei von 177 Blättern

Archimedes war einer der wichtigsten Mathematiker und Physiker der Antike. Der Gelehrte, der im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte, formulierte unter anderem das Hebelgesetz, das die Grundlage der späteren Mechanik wurde; nach ihm wurden auch der archimedische Punkt und das archimedische Prinzip benannt, das den Auftrieb eines Körpers in einem flüssigen Medium beschreibt. Auch der freudige Ausruf "Heureka!" ("Ich habe es gefunden!" – anlässlich der Entdeckung "seines" Prinzips) geht auf ihn zurück.

Der außergewöhnliche Ruf des großen Naturforschers verdankt sich seinen zahlreichen Werken und der Tatsache, dass viele von ihnen in Abschriften bis in die Neuzeit erhalten blieben. Eine besonders abenteuerliche Odyssee, über die sich selbst schon fast ein Buch schreiben ließe, hat eine dieser Kopien hinter sich: das sogenannte Archimedes-Palimpsest, das im 10. Jahrhundert angefertigt wurde und das die einzige bekannte (griechische) Abschrift seiner Methodenlehre und der Abhandlung Über schwimmende Körper enthält.

Fund bei Online-Recherchen

Bis vor kurzem fehlten von diesem Manuskript, das im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und im 21. Jahrhundert in vollem Umfang lesbar gemacht wurde, allerdings drei der ursprünglich 177 Blätter. Nun sind es nur noch zwei. Denn eine dieser Seiten ist dank eines französischen Forschers wieder aufgetaucht. Der französische Altphilologe und Wissenschaftshistoriker Victor Gysembergh identifizierte das Blatt in der Sammlung der Musée des Beaux-Arts der Stadt Blois in Zentralfrankreich.

Der Forscher, der am französischen Forschungszentrum CNRS und an der Sorbonne arbeitet, war bei seinen Online-Recherchen auf eine Seite gestoßen, unter deren Text sich ein weiterer Text mit geometrischen Abbildungen abzeichnete. So etwas nennt sich Palimpsest – also ein Pergament, dessen ursprünglicher Text abgeschabt oder abgewaschen wurde, um aus Kostengründen Platz für ein neues Werk zu schaffen. Gysembergh hatte einen Verdacht, der sich als richtig erwies: Es handelte sich um die fehlende Seite 123, wie er in der Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik berichtet.

Sehr bewegte Geschichte

Um die Bedeutung dieses Funds richtig einschätzen zu können, ist ein Blick zurück auf die bewegte Geschichte dieser Archimedes-Schrift hilfreich. Angefertigt wurde die Abschrift in Konstantinopel, das im Jahr 1204 während des 4. Kreuzzugs geplündert wurde. Viele Bibliotheken gingen in Flammen auf. Doch einige Jahre später tauchte dieser Archimedes-Kodex in der Nähe von Jerusalem auf. Das Pergament wurde auseinandergenommen, abgekratzt, gewaschen und im Jahr 1229 mit christlichen liturgischen Texten über 177 Seiten neu beschrieben, also zu einem Palimpsest.

Im 19. Jahrhundert besuchte der Theologe Konstantin von Tischendorf Konstantinopel und untersuchte die Bibliothek des Metochion des Heiligen Grabes. Dort entdeckte er das Palimpsest und nahm eine Seite mit nach Europa, die später in der Bibliothek der Universität Cambridge landete. 1899 katalogisierte der griechische Gelehrte Athanasios Papadopoulos-Kerameus die Handschrift (Kodex C, Ms. 355) und veröffentlichte eine Transkription einiger sichtbarer Zeilen.

Der dänische Mathematikhistoriker Johan Heiberg erkannte sofort, dass einige der sichtbaren Zeilen aus Archimedes’ Werk Über Kugel und Zylinder stammten. 1906 untersuchte er das Palimpsest vor Ort und fotografierte vorsichtig sämtliche vorhandenen Seiten. Auf Grundlage dieser Bilder fertigte er Transkriptionen an, die er zwischen 1910 und 1915 veröffentlichte. Noch 1920 befand sich das Manuskript im Metochion, verschwand jedoch während der politischen Unruhen und des Griechisch-Türkischen Kriegs.

Fragwürdige Geschäfte

1932 tauchte es im Besitz des Pariser Antiquitätenhändlers Salomon Guerson auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte es dem Pariser Geschäftsmann Marie Louis Sirieix, der behauptete, es von einem Mönch gekauft zu haben, jedoch keinen Beleg vorlegen konnte. Jahrzehntelang lagerte das Palimpsest in seinem feuchten Keller und wurde beschädigt. Zudem fügte ein Fälscher nach 1938 vier vergoldete Porträts der Evangelisten hinzu, um den Wert zu steigern. Dabei wurde der darunterliegende Text teilweise zerstört. Moderne Röntgenfluoreszenzmethoden wurden später nötig, um ihn wieder sichtbar zu machen.

Blatt des Palimpsests, das einen Evangelisten mit zwei Löwen vor goldenem Hintergrund zeigt.
Auch das nun entdeckte Blatt enthält ein nachträglich hinzugefügtes Porträt eines Evangelisten, was die Sichtbarmachung des Originaltexts erschwert.

Nach Sirieix’ Tod versuchte seine Tochter das Manuskript zu verkaufen. 1998 kam es bei Christie’s in New York zur Versteigerung. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Jerusalem klagte auf Eigentum, da das Manuskript angeblich gestohlen worden war, verlor jedoch den Prozess. Das Palimpsest wurde schließlich für zwei Millionen Dollar an einen anonymen Bieter verkauft, der es 1999 dem Walters Art Museum in Baltimore zur wissenschaftlichen Untersuchung zur Verfügung stellte.

In einem zehnjährigen Projekt wurde es konserviert und mit modernen bildgebenden Verfahren untersucht. Experten fotografierten die Seiten in verschiedenen Spektralbereichen von Ultraviolett bis Infrarot, um den ursprünglichen Text sichtbar zu machen. Auch hochfokussierte Röntgenstrahlen kamen zum Einsatz, insbesondere bei Stellen, die durch spätere Miniaturen überdeckt waren. (Detaillierte Materialien dazu sind hier online verfügbar.)

"Über Kugel und Zylinder"

Dass Gysembergh sich in der Online-Datenbank des Museums von Blois auf die Suche begab, war kein Zufall. Dort wird ein Teil der Bibliothek der französischen Könige aufbewahrt. Nachdem er auf die verdächtige Seite gestoßen war, verglich er den Text mit den ebenfalls online zugänglichen Fotos, die Johan Heiberg 1906 angefertigt hatte. "Wenn es mehrere handschriftliche Kopien desselben Textes gibt, schleichen sich immer Fehler ein. Aber hier ist der Schriftstil exakt derselbe, jeder einzelne Buchstabe ist genau derselbe", sagt der Forscher der Agentur AFP.

Das wiedergefundene Pergament enthält auf der einen Seite erkennbar zwei übereinandergeschriebene Texte. Auf der anderen Seite ist eine Illustration eines Heiligen zu sehen, unter der sich vermutlich ebenfalls Abschnitte der Niederschrift von Archimedes befinden. "Es handelt sich um die Abhandlung Über Kugel und Zylinder, konkret um Buch I und die Sätze 39 bis 41", sagt der Forscher, der das Pergament nun ebenfalls mit Spezialkameras und Röntgenstrahlen untersuchen will, um den ursprünglichen Text zu entziffern.

Der Fund nähre zudem die Hoffnung, nun auch die beiden letzten fehlenden Seiten wiederzufinden, sagte der Forscher. Institutionen und private Sammler, die vergleichbare Manuskripte hätten, sollten diese genau prüfen. 

 

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