aus scinexx.de, 16. Januar 2026
Schizophrenie ist eine der am meisten missverstandenen psychischen Erkrankun-gen. Sie wird häufig mit einer „gespaltenen Persönlichkeit“ verwechselt, bezeichnet jedoch eine Störung von Wahrnehmung, Denken und Realitätsbezug. Wie Schizo-phrenie entsteht und wie sie behandelt werden kann, versuchen Forschende anhand von genetischen Risikofaktoren, Veränderungen im Gehirn und dem Einfluss von Umwelt und Lebensgeschichte zu entschlüsseln.
„Das ist doch total schizophren.“ Das wird umgangssprachlich manchmal gesagt, um etwas als widersprüchlich, inkonsequent oder absurd zu beschreiben. Tatsäch-lich ist Schizophrenie jedoch eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die für Betroffene mit großem Leid verbunden ist und ihre Lebenserwartung im Schnitt um etwa 15 Jahre verkürzt. Doch was macht diese Erkrankung aus?

Viele Menschen denken zuerst an einen Menschen mit mehreren Persönlichkeiten, eine Symptomatik, die heute als dissoziative Identitätsstörung bekannt ist. Doch das ist eine Fehlannahme, denn bei Schizophrenie nicht der Fall. Der Begriff Schizophrenie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „gespaltener Geist“. Daher ist es nachvollziehbar, dass manche Menschen diese Erkrankung mit einer „gespaltenen Persönlichkeit“ gleichsetzen. Das ist jedoch nicht gemeint, sondern eine Störung im Zusammenspiel von Denken, Wahrnehmung und Gefühlen. Schizophrenie zählt zu den psychotischen Erkrankungen und verläuft bei den meisten Betroffenen in Schüben, also in Phasen mit akuten Symptomen und Zeiten relativer Stabilität.
20 bis 25 Prozent der Betroffenen erleben eine psychotische Episode und haben danach keine Beschwerden mehr. Nur ein vergleichsweiser kleiner Anteil entwickelt einen schweren chronischen Verlauf, etwa fünf bis zehn Prozent. Im Laufe ihres Lebens erkrankt etwa eine von 100 Personen in Deutschland an Schizophrenie. Männer sind dabei leicht häufiger betroffen und haben ein durchschnittlich früheres Erkrankungsalter.
Es gibt kein einzelnes Symptom, das eindeutig auf Schizophrenie hinweist. Entsprechend unterschiedlich können auch Krankheitsverläufe aussehen. Allgemein lässt sich aber sagen, dass betroffene Menschen in psychotischen Episoden in einer anderen Realität leben. So denken sie zum Beispiel, sie würden verfolgt, selbst, wenn es dafür keine glaubwürdigen Beweise gibt. Das ist eine für Schizophrenie typische Wahnvorstellung.
Der Verfolgungswahn zählt zu den sogenannten Positivsymptomen der Schizophrenie – nicht, weil er „gut“ oder positiv im umgangssprachlichen Sinn wäre, sondern weil der normalen Realität etwas hinzugefügt wird.
Deshalb werden solche Symptome auch als Plussymptome bezeichnet. Dazu gehören auch Halluzinationen, die in jeder Sinnesform auftreten können, aber sehr häufig als Stimmen wahrgenommen werden. Betroffene hören diese Stimmen, als wären sie wirklich im Raum. Sie können kommentierend sein oder in seltenen Fällen auch Befehle erteilen.

Ebenfalls zu den Positivsymptomen der Schizophrenie zählen die sogenannten Ich-Störungen. Dabei haben Betroffene das Gefühl, dass die Grenze zwischen ihnen selbst und der Außenwelt verschwimmt. Beispielsweise kann es so scheinen, als wenn ihnen Gedanken von außen eingegeben werden oder eigene Handlungen nicht mehr als selbst gesteuert wahrgenommen werden. Für Außenstehende sind solche Erlebnisse oft schwer nachzuvollziehen, für die Betroffenen fühlen sie sich jedoch vollkommen real an.
Das Gegenstück zu den Positivsymptomen sind die Negativsymptome. Dabei geht etwas verloren, das bei gesunden Menschen normalerweise vorhanden ist. Dazu zählen etwa Antriebslosigkeit oder die sogenannte Affektverflachung, was bedeutet, dass Betroffene kaum noch starke Gefühle empfinden. Das geht oft mit sozialem Rückzug einher. Die Negativsymptomatik kann einer Depression ähneln, ist aber nicht das Gleiche.
Zudem kognitive Beeinträchtigungen können bei einer Schizophrenie auftreten. Das können Probleme mit der Aufmerksamkeit sein, mit der Konzentration oder dem Lern- und Erinnerungsvermögen. Früher wurden solche kognitiven Symptome der Schizophrenie kaum beachtet. Aktuell gelten sie dagegen sogar als zentraler Bestandteil der Erkrankung.
Denn solche kognitiven Störungen treten oft schon in frühen Krankheitsphasen auf und spielen deswegen bei der Früherkennung eine große Rolle. Außerdem haben sie großen Einfluss auf das soziale und berufliche Leben der Betroffenen. Diese Symptome können beispielsweise auch den Therapieerfolg beeinträchtigen, da sie die Schizophrenie-Patienten zum Beispiel daran hindern, regelmäßig Arzttermine wahrzunehmen oder ihren Alltag zu bewältigen.
Doch für viele Betroffene bedeutet eine Schizophrenie-Diagnose nicht zwangsläufig eine dauerhafte Einschränkung. Denn antipsychotische Medikamente, auch Neuroleptika genannt, können die Positivsymptomatik der Schizophrenie gut unterdrücken. Wer nur eine einzelne Episode durchlebt oder über lange Zeit stabile Phasen hat, kann sogar ein ganz normales Leben führen. Entscheidend sind jedoch eine frühzeitige Behandlung, eine gute medizinische Begleitung und ein unterstützendes soziales Umfeld. Antipsychotika, Psychotherapie und die Vermeidung von Stress können dabei helfen, Rückfälle zu vermeiden.
Du bist überzeugt, dass etwas nicht stimmt. Du prüfst deine Gedanken immer wieder, suchst nach Gegenargumenten, doch alles läuft darauf hinaus, dass etwas Schlimmes passieren wird. Wenn du mit anderen darüber sprichst, winken sie jedoch ab. Was du beobachtest, sei Zufall. Für dich wirkt das unglaubwürdig. Es scheint dir wahrscheinlicher, dass deine Mitmenschen etwas vor Dir verbergen oder Teil einer Verschwörung sind. Denn nur das kann erklären, warum sie behaupten, es sei nichts.
Doch die Dinge, die andere zu ignorieren scheinen, fühlen sich für dich enorm wichtig an. Stimmen, die du nicht zuordnen kannst, geben hämische Kommentare ab, manchmal hörst du deine Nachbarn, die über dich reden. Lieder im Radio beziehen sich scheinbar direkt auf dein Leben, enthalten versteckte Botschaften. Manchmal sind es Drohungen, manchmal Hinweise darauf, dass du rund um die Uhr beobachtet wirst. Prominente im Fernsehen sprechen über dich, ohne deinen Namen zu nennen. Warum sie nicht direkt zu dir sprechen, kannst du dir nicht erklären.
Du hast Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, weil du überzeugt bist, dass die Menschen, die dich beobachten, dich bestrafen werden. Einmal nimmst du allen Mut zusammen und widersetzt dich den Beobachtern. Du gehst spazieren, ohne vorher im Fernsehen nachzuschauen, ob es erlaubt ist. Prompt reagieren die Stimmen wütend. Im Radio laufen Lieder, die dir drohen: „One way, or another, we’re gonna find you, we’re gonna get you, get you, get you, get you…“ Du suchst verzweifelt nach einer anderen Deutung, aber keine erscheint plausibel. Sie wollen dir etwas Böses.
Doch dann, so schnell es gekommen ist, verschwindet es wieder: Die Stimmen verstummen. Fernsehsendungen sind wieder nur Sendungen, Lieder nur Lieder. Die Notizen, die du aufgeschrieben hast, wirken plötzlich wie wirres Kauderwelsch. Langsam erkennst du, dass das alles nur ein Wahn war. Die Welt interessiert sich nicht für dich, geschweige denn will sie dir etwas antun. Endlich hast du deinen Verstand zurück. Und doch weißt du: Wenn du ihn jemals wieder verlierst, wirst du es als Letztes merken.

So beschreibt ein Betroffener im Internetforum „Psychosis“ auf der Plattform Reddit seine Erfahrung mit einer schizophrenen Psychose. Der Text veranschaulicht typische Positivsymptome, bei denen dem subjektiven Erleben Wahrnehmungen oder Bedeutungen hinzugefügt werden, die für andere nicht vorhanden sind.
Für viele Betroffene beginnt eine psychotische Episode mit dem diffusen Gefühl, das etwas „im Busch ist“. Sie können noch nicht zuordnen, was genau nicht stimmt, bis ein vollständiger Wahn ausbricht, in diesem Fall der Verfolgungswahn. Er ist besonders häufig und galt lange als charakteristisch für die sogenannte paranoide Schizophrenie, die nach der internationalen Krankheitsklassifikation ICD-10 die am häufigsten diagnostizierte Unterform war. In der aktuellen ICD-11 wurden diese Unterteilungen jedoch aufgegeben und zu einer einheitlichen Schizophrenie-Diagnose zusammengeführt.
Was ebenfalls im Text deutlich wird, ist der sogenannte Beziehungswahn. Dabei beziehen erkrankte Menschen alles auf sich, alltägliche Dinge enthalten dann plötzlich verschlüsselte Nachrichten. Nicht zu verwechseln ist der Beziehungswahn mit dem Liebeswahn. Dabei denken Betroffene, eine meist höhergestellte Person wie Stars oder Vorgesetzte wäre in sie verliebt. Manchmal werden dann Versuche unternommen, diese Person zu kontaktieren.
Was nicht im Text vorkommt, ist der für Schizophrenie ebenfalls häufige Beeinflussungswahn. Dabei erleben Betroffene ihre Gedanken, Gefühle oder Handlungen als von außen gesteuert, etwa durch technische Geräte, Strahlen oder fremde Mächte. Damit einher gehen oft sogenannte Ich-Störungen. Sie betreffen das grundlegende Erleben des eigenen Selbst. Gedanken fühlen sich plötzlich fremd an, als würden sie eingegeben oder aufgezwungen. Manche Betroffene sind überzeugt, ihre Gedanken würden nach außen dringen und von anderen mitgehört, andere glauben, Gedanken würden ihnen entzogen oder manipuliert. Das, was normalerweise als innerer, geschützter Raum erlebt wird, verliert seine Abgrenzung.
Auch Schuldwahn kommt vor: Betroffene sind dann überzeugt, schwere Schuld auf sich geladen zu haben oder für Unglücke, Krankheiten oder das Leid anderer verantwortlich zu sein. Im Verarmungswahn besteht hingegen die feste Überzeugung, finanziell ruiniert zu sein oder unmittelbar vor dem sozialen Absturz zu stehen, unabhängig von der tatsächlichen Lebenssituation. Körperbezogene Wahninhalte äußern sich etwa als hypochondrischer Wahn, bei dem Menschen glauben, schwer krank zu sein.
Auch wenn sich Wahninhalte unterscheiden: Gemeinsam haben sie alle, dass die Betroffenen unerschütterlich von ihren Vorstellungen

überzeugt sind. Mit logischen Argumenten lässt sich dies nicht auflösen, was den Umgang mit erkrankten Menschen erschwert. Es hilft wenig, Betroffene vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Widerspruch führt oft eher dazu, dass sich Menschen missverstanden fühlen oder sich zurückziehen. Sinnvoller ist es, das Leiden ernst zu nehmen, ohne die wahnhaften Überzeugungen zu bestärken – eine schwierige Gradwanderung.
Bisher ist erst in Teilen geklärt, welche Ursachen eine Schizophrenie hat und warum sie bei einigen Menschen auftritt, bei anderen nicht. Dennoch gibt es einige Faktoren, die das Risiko stark erhöhen. Auch zu den Mechanismen, die der Schizophrenie zugrunde liegen, hat die Forschung inzwischen einiges herausgefunden.
Starker genetischer Einfluss

Was alle an Schizophrenie erkrankten Menschen gemeinsam haben, ist eine genetische Veranlagung für die Krankheit. Studien mit Zwillingen zeigen: Rund 81 Prozent des Erkrankungsrisikos lassen sich durch genetische Faktoren erklären. Besonders deutlich wird das bei eineiigen Zwillingen: Erkrankt ein Zwilling, ist das Erkrankungsrisiko für den anderen Zwilling deutlich höher, und zwar um die 40 bis 50 Prozent. Dabei ist es egal, ob die Zwillinge in derselben Familie oder separat aufwachsen.
Neben der genetischen Veranlagung gibt es weitere biologische Faktoren, die das Risiko beeinflussen können. Dazu zählen etwa Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt, Störungen des Immunsystems, Virusinfektionen vor der Geburt oder Mangelernährung. Jeder dieser Faktoren für sich genommen erhöht das Risiko allerdings nur leicht. Deutlich stärker fällt dies bei belastenden Erfahrungen in der Kindheit aus. Menschen, die Vernachlässigung oder körperliche beziehungsweise sexuelle Gewalt erlebt haben, erkranken häufiger an Schizophrenie.

Auch Cannabiskonsum gilt als Risikofaktor, vor allem bei jungen Menschen mit psychischer Vorbelastung. Der berauschend wirkende Cannabis-Inhaltsstoff THC kann bei anfälligen Personen den Hirnstoffwechsel beeinflussen und so das Auftreten von Psychosen begünstigen. Heutige Cannabisprodukte enthalten jedoch mehr THC als früher. „Dies ist wahrscheinlich ein wesentlicher Treiber für den zunehmenden Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Schizophrenie“, erklärt Nicholas Fabiano von der University of Ottawa.
Neben diesen Risikofaktoren hat die Forschung eine eindeutige und einheitliche Ursache der Schizophrenie bislang nicht gefunden. Weder ein einzelner Auslöser noch ein bestimmter Hirnmechanismus kann die große Bandbreite der Symptome erklären. Möglicherweise verbergen sich hinter dem Begriff Schizophrenie sogar mehrere unterschiedliche Krankheitsbilder, da Symptome, Schweregrad und Verlauf individuell sehr verschieden sind.
Zwei wichtige Erklärungsansätze für die Entstehung der Schizophrenie sind jedoch die Dopamin- und die Glutamathypothese. Die Dopaminhypothese geht davon aus, dass psychotische Symptome entstehen, wenn das Dopaminsystem im Gehirn aus dem Gleichgewicht gerät. Dopamin ist ein zentraler Botenstoff, der an Motivation, Lernen, Belohnung und der Bewertung von Reizen beteiligt ist. Das Dopaminsystem hilft dem Gehirn dabei, Bedeutung zuzuweisen und zwischen relevanten und irrelevanten Eindrücken zu unterscheiden.
Gerät dieses System aus der Balance, kann es dazu kommen, dass eigentlich neutrale Reize als besonders bedeutsam wahrgenommen werden. In der Forschung gilt dies als möglicher Mechanismus für die Entstehung von Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Hinweise darauf lieferten frühe Beobachtungen, dass Substanzen, die die Dopaminaktivität erhöhen, psychoseähnliche Symptome auslösen können, während eine Hemmung der Dopaminwirkung diese Symptome abschwächt.

Warum Dopamin allein nicht alles erklärt
Allerdings stößt die Dopaminhypothese auch an ihre Grenzen. Bis heute ist nicht bekannt, warum Medikamente, die an Dopaminrezeptoren ansetzen, erst nach ein paar Wochen wirken, obwohl die Rezeptorbindung bereits innerhalb von Minuten erfolgt. Zudem zeigen Studien, dass man auch bei gesunden Menschen erhöhte Dopaminspiegel messen kann, ohne dass diese eine Schizophrenie entwickeln. Deswegen geht man heute davon aus, dass das Ungleichgewicht im Dopaminsystem nur einen kleinen Teil der Ursachen für psychotische Erkrankungen ausmacht.
Die Glutamathypothese besagt, dass eine Unterfunktion bestimmter Glutamatrezeptoren, insbesondere des N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptors, zur Entstehung der Schizophrenie beiträgt. Der NMDA-Rezeptor ist eine Andockstelle für den Neurotransmitter Glutamant, die die Kommunikation zwischen Nervenzellen ermöglicht und für Lernfähigkeit und Anpassungsfähigkeit des Gehirns wichtig ist.
Substanzen wie Phencyclidin (PCP) oder Ketamin blockieren diesen Rezeptor und können dadurch Symptome hervorrufen, die der Schizophrenie ähneln. Da der NMDA-Rezeptor so wichtig für die Anpassungsfähigkeit des Gehirns ist, könnten Störungen an ihm sowohl Positivsymptome wie Halluzinationen oder Wahn als auch Negativsymptome wie Antriebslosigkeit oder sozialer Rückzug erklären. Genetische Studien stützen die Annahme, dass Veränderungen an diesem Rezeptor mit der Krankheit zusammenhängen.
Ein wichtiger Aspekt der Glutamathypothese ist, dass sie die klassische Dopaminhypothese ergänzt. Nach aktuellen Modellen kann eine NMDA-Rezeptor-Unterfunktion zu einer indirekten Überaktivierung des dopaminergen Systems führen.
Eine psychische Erkrankung bringt für die Betroffenen meist nicht nur die Symptome und Einschränkungen der Krankheit selbst mit sich. Hinzu kommt oft der Umgang mit Vorurteilen und ablehnenden Reaktionen aus dem Umfeld. Weil viele Betroffene immer wieder Ausgrenzung, Benachteiligung oder Ablehnung erleben, sprechen Fachleute auch von einer „zweiten Krankheit“: der Stigmatisierung, die zusätzlich zur eigentlichen Erkrankung belastet.
Menschen mit Schizophrenie werden in der Gesellschaft häufig als gefährlich, unberechenbar oder wenig leistungsfähig angesehen. Oft wird ihnen sogar eine Mitschuld an ihrer Erkrankung gegeben und viele glauben fälschlicherweise, dass es kaum Chancen auf Besserung oder Heilung gibt. Dabei ist die Schizophrenie eine zwar schwere, aber durchaus behandelbare Krankheit.

Für die Betroffenen haben diese Fehlannahmen schwerwiegende Folgen: Sie erleben soziale Ausgrenzung und werden bei der Suche nach Arbeit oder Wohnraum benachteiligt. Das ist besonders fatal, wenn die Erkrankung bereits im jungen Erwachsenenalter beginnt und manche Betroffene deshalb keine berufliche Ausbildung abschließen können. Auch bei der medizinischen Behandlung kann es zu Nachteilen kommen, zum Beispiel wenn körperliche Beschwerden nicht ernst genommen und stattdessen allein auf die Psyche zurückgeführt werden. Die Stigmatisierung belastet zudem das Selbstwertgefühl und schränkt die Lebensqualität der Betroffenen deutlich ein.
Wie stark diese Ablehnung ist, zeigen Studien zur sogenannten sozialen Distanz. Damit ist gemeint, wie bereit Menschen sind, im Alltag Kontakt zu einer psychisch erkrankten Person zu haben – etwa als Nachbarin, Kollegen oder Freund. Gegenüber Menschen mit Schizophrenie ist diese Bereitschaft in Deutschland in den letzten 30 Jahren zurückgegangen. Im Gegensatz dazu werden andere psychische Erkrankungen wie Depressionen heute deutlich stärker akzeptiert.

Einer der Gründe dafür: Vor allem einzelne Gewalttaten prägen heute das öffentliche Bild der Schizophrenie. Ein Beispiel dafür ist die Tat in Aschaffenburg im Januar 2025: Ein Täter griff während einer schizophrenen Psychose eine Kita-Gruppe an. Dabei wurde ein zweijähriges Kind tödlich verletzt, ebenso ein 41-jähriger Passant, der versuchte, den Täter aufzuhalten. Mehrere weitere Personen erlitten schwere Verletzungen. Aufgrund seiner Erkrankung wurde der Täter für schuldunfähig erklärt und bis auf Weiteres in einer Psychiatrie untergebracht. Nach eigenen Angaben hatte er Stimmen gehört, die ihm das Töten von Kindern befohlen hätten.
Für viele Menschen ist ein Bericht über solch eine Tat der erste Berührungspunkt mit Schizophrenie. Dadurch verfestigt sich der Eindruck, Gewalt sei ein fester Bestandteil der Krankheit, obwohl dies in vielen Fällen weniger mit der Diagnose selbst als mit den Lebensumständen der Betroffenen zusammenhängt. Wie verbreitet diese Vorstellung ist, zeigt auch eine Studie des Generika- und Biopharmazeutika-Herstellers TEVA: Demnach bringen rund 60 Prozent der Befragten eine Schizophrenie-Erkrankung direkt mit Gewalt in Verbindung.
Tatsächlich zeigen Studien einen statistischen Zusammenhang zwischen Schizophrenie und Gewaltdelikten. In einer großen Registerstudie mit schwedischen Bevölkerungsdaten kamen Forschende 2014 zu dem Ergebnis, dass Menschen mit Schizophrenie im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung häufiger wegen Gewaltdelikten verurteilt werden. Das Team um Seena Fazel von der University of Oxford fand dabei ein bis zu siebenfach erhöhtes relatives Risiko.
Dieses Ergebnis bedeutet jedoch nicht, dass Menschen mit Schizophrenie mit hoher Wahrscheinlichkeit gewalttätig werden. Ein relatives Risiko beschreibt einen Vergleich: Wenn in der Allgemeinbevölkerung zum Beispiel eine von 100 Personen wegen eines Gewaltdelikts verurteilt wird, wären es bei Menschen mit Schizophrenie etwa 6 bis 7 von 100. Zudem erfassen diese Zahlen ausschließlich strafrechtliche Verurteilungen. Nicht jede Gewalttat führt jedoch zu einer Anzeige, sodass die Studie kein vollständiges Bild individueller Gewaltbereitschaft liefert.
„Es ist wahrscheinlicher, dass Schizophrenie-Betroffene selbst zum Opfer von Gewalttaten werden. Und das muss man bei dem Thema auch immer im Hinterkopf haben „, sagt Fazel.
Bei Gewaltdelikten von Schizophrenie-Patienten spielen neben der Erkrankung zudem meist weitere Merkmale eine wichtige Rolle, darunter Alkohol- oder Drogenmissbrauch, frühere Gewalttaten, soziale Belastungen sowie das männliche Geschlecht. Diese Faktoren erhöhen das Gewaltrisiko auch bei Menschen ohne Schizophrenie.
Seena Fazel betont zudem: „Was mir ganz wichtig ist: Es ist immer noch so, dass die meisten Menschen mit Schizophrenie – trotz des erhöhten Risikos – niemals gewalttätig werden. In ihrem ganzen Leben nicht.“ Eine angemessene Behandlung sowie soziale Unterstützung können das Gewaltrisiko zusätzlich deutlich senken.
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