W. Buschaus derStandard.at, 11. 7. 2026 zu Levana, oder Erziehlehre; zu öffentliche Angelegenheiten
Genetische Untersuchungen sind zu einem unverzichtbaren Werkzeug der Archäologie geworden, und immer öfter sorgen sie für Überraschungen, etwa im Fall der Toten von Pompeji, bei denen etwa die Mitglieder einer scheinbar gemeinsam verstorbenen Familie doch nicht verwandt waren.
Ein ähnlich verblüffendes Ergebnis liefert nun eine neue Studie im Fachjournal Science Advances. Ein schwedisches Forschungsteam untersuchte dafür 142 Tote, darunter mehr als 60 Kinder, aus Gräbern der späten Wikingerzeit und des Mittelalters, die in der Nähe von Stockholm, Jämtland und Skåne gefunden wurden. Anzunehmen wäre eigentlich, dass die Erwachsenen, die neben Kindern in denselben Gräbern gefunden wurden, ihre Eltern waren. "In den meisten Fällen war das nicht das, was wir gefunden haben", sagt Studien-Erstautorin Maja Krzewińska von der Universität Stockholm.
Der Forscher Oscar Nilsson macht hier ein Bild von der Frau Nummer 56, in deren Grab Muschelschalen gefunden wurden
Diese Erkenntnis wirft ein neues Licht auf christliche Traditionen im mittelalterlichen Skandinavien. Das Christentum verbreitete sich im späten 10. und im 11. Jahrhundert in Skandinavien. Wie auch sonst im christlichen Europa konnten nur getaufte Kinder christlich bestattet werden. Bei den Gräbern, aus denen sich ausreichend gutes Genmaterial gewinnen ließ, enthielten nur zwölf Prozent Eltern und ihre Kinder. Die Toten in gemeinsamen Gräbern wurden meist zur gleichen Zeit bestattet.
Einen Hinweis auf die Gründe für die Trennung von Eltern und Kindern könnte ein anderes Detail geben. Auffällig ist nämlich, dass oft Männer mit Burschen und Frauen mit Mädchen bestattet wurden. Generell fanden sich Gräber von Männern und Frauen auf dem Friedhof von Västerhus an gegenüberliegenden Seiten der Kirche. "Bestattungen von Erwachsenen und Kindern desselben Geschlechts ohne enge biologische Verwandtschaft waren im frühchristlichen Kontext besonders häufig. Buben und Mädchen wurden oft auf derselben Seite des Friedhofs beigesetzt wie Erwachsene desselben Geschlechts", heißt es in der Studie.
Erwachsenen gleichgestellt
Womöglich war die Nähe der Kinder zu ihren direkten Verwandten also weniger wichtig für den Ort der Bestattung als ihr Geschlecht. "Die Kinder wurden nicht als eigene Kategorie behandelt. Im Tod scheinen sie nach denselben sozialen und religiösen Grundsätzen behandelt worden zu sein wie erwachsene Männer und Frauen", sagt Studienautor Anders Götherström von der Universität Stockholm.
Grabbeigaben wurden, wie bei solchen christlichen Bestattungen üblich, kaum gefunden. Eine Ausnahme bildet eine Frau, die zwei Muschelschalen bei sich hatte. Das deutet laut den Forschenden auf eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela hin, die sie vor ihrem Tod im 30. Lebensjahr vollendete. Bei ihr ließ sich ein guter Teil der Verwandtschaft inklusive ihres Bruders, ihrer Eltern und zweier Töchter identifizieren.
Komplexe Haushalte
Diese Praktiken dürften an vorchristliche Traditionen anschließen. Große Familien, die nicht nur auf Verwandtschaftsbeziehungen begründet waren, waren in Skandinavien schon vor der Verbreitung des Christentums üblich. Zu den Haushalten gehörten neben Verwandten aus dem weiteren Familienkreis auch Bedienstete oder Sklaven. Der Einfluss des Christentums veränderte das zum Teil, aber es gab weiterhin wichtige nicht-biologische Beziehungen wie Pflegeverhältnisse, Konkubinat, Lehrverhältnisse und Freundschaftsbündnisse. Dazu kam, dass auch uneheliche Kinder erben konnten. Das Verhältnis zwischen biologischer Verwandtschaft und sozialer Zugehörigkeit wurde dadurch komplizierter, wie es in der Studie heißt. Die fehlenden Verwandtschaftsverhältnisse in den Gräbern spiegeln das wider.
"Archäologen diskutieren schon seit langem über die Beziehungen zwischen Menschen, die gemeinsam in dieser Art von Gräbern bestattet wurden. Die alte DNA hat uns endlich das Werkzeug in die Hand gegeben, auf das wir gewartet haben, um diese Interpretationen direkt zu überprüfen", freut sich Studienautorin Anna Kjellström von der Universität Stockholm.
In welchem genauen Verhältnis die gemeinsam begrabenen Personen jeweils zueinander standen, klärt die Studie nicht. Jedenfalls scheinen die Bestattungen nicht von enger Verwandtschaft, sondern von Haushalten, erweiterten Verwandtschaftsgruppen oder lokalen Gemeinschaften bestimmt worden zu sein, die sich an christliche Normen hielten, schreibt das Autorenteam. Rein familiäre Überlegungen wurden so abgeschwächt oder außer Kraft gesetzt.
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