Donnerstag, 2. Juli 2026

Bin auch ich "nicht mehr links"?

 Eisgang                                                         zu öffentliche Angelegenheiten 

Die Verwendung von links und rechts als politische Begriffe stammt aus der Abge-ordnetenkammer der restaurierten bourbonischen Monarchie in Frankreich. Rechts vom Rednerpult saßen die Verteter des altbewährten Königtums von Gottes Gna-den, ganz links davon die verstohlenen überlebenden Sympathisanten den geschei-terten Revolution. Aber es war sowieso eine Chambre introuvable, von der die Welt keine Notiz nahm.

Der 'legitime' König Karl X. wurde 1830 von einer Volksrevolution gestürzt und durch den "Bürgerkönig" Louis Philippe aus dem orléanistischen Zweig der Bour-bonen ersetzt. Doch schon kamen in der Volksbewegung Rufe nach einer sozia-len oder "roten" Republik auf. 1848 wurde auch der König des Juste milieu hin-weggefegt und etablierte sich eine volkstümlich-proletarische Linke in der Juni-Insurrektion als Generalopposition gegen die neue Herrschaft der noch eher fi-nanziellen als industriellen Bourgoisie.

Ihre blutige Niederschlagung durch den General Cavaignac hinterließ einen tief-roten Trennungsstrich zwischen Rechts und Links - quer durch Europa hindurch, und machte den Kommunismus zum ultimativen Bezugspunkt des politischen Spektrums. Für oder gegen die proletarische Weltrevolution war die Scheidelinie; mit tausenden Nuancen dazwischen. 

Nicht aber in Frankreich selbst. Dort warf sich das Haupt der Familie Bonaparte zum neuen Kaiser auf, der mit starker Hand ein Schiedsrichter oberhalb von Links und Rechts zu sein versprach; und die große Masse der französischen Parzellenbau-ern, die zwar die eigentlichen Gewinnler der Revolution gewesen waren, aber inzwi-schen längst am Tropf der Banken hingen, weil ihnen nicht mehr das Land, aber das nötige Geld fehlte, ergaben sich seiner Führerschaft.   

Die auf die Niederlage Napoleons III. gegen Bismarck folgende Pariser Commu-ne ließ keinen Raum mehr für Schattierungen: Dafür oder dagegen?

Machen wirs kurz. Aus der Massenschlächterei des (I.) Weltkriegs ging in Russland mit der Oktoberrevolution die erste proletarische Staatsmacht hervor. Sie konnte nicht überleben, solange sie auf das rückständige Zarenreich beschränkt blieb. Sozi-alismus konnte es nicht geben in einem Land. Links oder rechts hieß: Für oder ge-gen die Ausweitung der Weltrevolution?

 

 

Der entscheidende Platz war Deutschland. Die bürgerliche Republik hatte sich schnell als eine Chimäre entpuppt: Ihr eigentlicher Träger war die Sozialdemokratie, nachdem sie sich eben als Speerspitze der Konterrvolution bewährt hatte. Ach nein, sie wussten ihr kein' Dank, und ließen sie mit den Kriegsschulden allein im Regen stehn. Im Sommer 1923 schien ihre Zeit abgelaufen.

Doch keine Revolution ohne eine revolutionäre Partei, die entschlossen ist, die Macht zu ergreifen, sobald sie taumelt. Die junge KPD war der Aufgabe - warum auch immer - nicht gewachsen. Die Folgen waren verheerend und nicht nur in Deutschland. In Russland gewannen die Kräfte, die nach jahrelangem Bürgerkrieg endlich auf Ruhe und Frieden hofften, die Oberhand gegen die Falken der Weltre-volution. Ihr gemeinsamer Nenner wurde im Lauf der Jahre der gesichtslose Ap-paratschik Josef Stalin, der zuerst den hartnäckigen Revolutionären den Garaus machte, und danach, einem nach dem anderen, seinen Veründeten, die es ihm er-möglicht hatten.

Die Herrschaft Stalins in Russland schlug sich in der Kommunistischen Internatio-nale darin nieder, dass die deutschen Kommunisten unter der Parole, der Haupt-feind sei der sozialdemokratische Sozialfaschismus und "Nach Hitler kommen wir!", den politischen Kampf gegen den Nationalsozialismus gar nicht erst versuch-ten, sondern mit Straßenaufzügen, Agitprop und Saalschlachten mit der SA vorgau-kelten. Sie wurden am 30. Januar 1933 von Hitlers Reichskanzlerschaft völlig über-rumpelt.

Die Tragödie, die folgte, muss ich hier nicht nacherzählen. Nicht verschweigen kann ich allerdings den stalinistischen Verrat an der spanischen Revolution, die mit dem Sturz der dortigen Bourbonen begonnen und zur Wahl einer ersten Volksfront-regierung geführt hatte. Ihr erster und letzter Höhepunkt war die Bestellung des sozialistischen Arbeiterführers Largo Caballero zum Ministerpräsidenten, der den Militärputsch durch die Ausweitung der Arbeiterrevolution brekämpfen wollte. Im Mai 1937 wurde Largo Caballero auf Druck aus Moskau gestürzt und in der repu-blikanischen Zone der 'erste Versuch einer Volksdemokratie' durchgedrückt - GPU inclusive.  

Und das ganze in dem Bemühen, England und Frankreich zu einem Anti-Hitler-Bündnis mit der Sowjetunion zu verführen. Als das Bemühen erfloglos blieb und Franco gesiegt hatte, zögerte Stalin nicht, mit Hitler ein Bündnis zu schließen... 

* 

Mit der Weltrevolution ist es danach nichts mehr geworden. Man kann streiten, zu welchem Datum Schluss war. Daran liegt hauptsächlich denen, die es nie so recht abwarten konnten, weil sie es nie so ernt gemeint hatten. Das sind die, die im Lauf der Zeit und dann immer rascher von links nach rechts gewechselt sind, Schritt für Schritt. 

So ein Linker bin ich nie gewesen. Als 1989/90 kein Zweifel mehr war, dass die Zeit der Weltrevolution vergangen ist, habe ich es eingesehen. Dann muss die Ge-schichte eben weitergehen, wie sie mal geworden ist; und man muss das beste draus machen

 

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