Wien ist ein gefragtes Pflaster für junge Forschende. Dafür sprechen
die Zahlen, die Manuela Baccarini, Vizerektorin für Forschung und
Nachwuchsförderung an der Universität Wien, präsentierte: Für den
SSH-Call (Social Sciences and Humanities) gingen für 40 verfügbare
Stellen rund 3500 Bewerbungen ein – 90 Prozent davon kamen aus dem
Ausland. Im MINT-Bereich (STEM) sieht es mit mehr als 1000 Bewerbungen,
davon 95 Prozent aus dem Ausland, ähnlich aus.
Qualität und Vernetzung fördern
Diese internationale Resonanz bildete den Hintergrund für den European Doctoral Day,
der kürzlich erstmals europaweit stattfand. Eine Initiative, die laut
Baccarini dazu einlädt, zu feiern, was Doktorandinnen und Doktoranden –
oder Graduate Students – für die Gesellschaft leisten. Doch hinter den
Rekordzahlen verbirgt sich eine komplexe Debatte über die Zeit nach der
Promotion. Denn während das Doktorat oft als Erfolg gewertet wird,
beginnt danach für viele Postdocs eine oft jahrelange Phase der
Unsicherheit.
Die Graduierten-Ausbildung hat sich in den vergangenen Jahren
jedenfalls massiv transformiert. Zusätzlich zur klassischen Betreuung
durch Doktorväter und Doktormütter wurden an der Universität Wien 18
strukturierte Doktoratsschulen aufgebaut. Baccarini, die bis 2022 selbst
das renommierte Vienna BioCenter PhD Program leitete, kennt die Hebel:
Die Einbettung in Graduierten-Kollegs soll Qualität sichern,
internationale Vernetzung fördern und Abhängigkeiten verringern.
Finanzielle Sicherheit
Die
finanzielle Absicherung bleibt jedoch eine Herausforderung. Aktuell
verfügt etwa nur ein Drittel der rund 5000 Doktorandinnen und
Doktoranden an der Universität Wien über finanzierte Stellen – ein
Großteil davon über Drittmittel, einige auch über Stipendien. "Hier
müssen wir durch mehr Kooperationen und verbesserte
Stipendienmöglichkeiten noch mehr bezahlte Stellen schaffen", sagt
Baccarini. Wer das Doktorat abgeschlossen hat, ist aber noch nicht aus
dem Schneider. Viele wechseln in die nächste Phase der
wissenschaftlichen Laufbahn: eine Postdoc-Stelle.
Gerade diese Postdoc-Phase gilt international als neuralgischer Punkt
des Wissenschaftssystems. Dabei ist es weniger die Bezahlung, die
Probleme verursacht. Mit rund 5000 Euro brutto monatlich gestaltet sich
der FWF-Satz für Postdocs im europäischen Vergleich durchaus solide.
Belastend wirkt vielmehr die strukturelle Unsicherheit: kurze
Projektlaufzeiten, serielle Befristungen und die Frage, ob nach zwei
oder drei Jahren eine weitere Stelle folgt.
Stellen auf Dauer sind rar
Die
strukturelle Logik der Wissenschaft lässt sich dabei kaum aushebeln:
Sie ist steil pyramidal organisiert. Eine Professur oder dauerhafte
Laufbahnstellen erreichen Schätzungen zufolge nur etwa fünf bis zehn
Prozent der Postdocs. Genau darin liegt der Kern der Unsicherheit: Nicht
das Gehalt ist das Hauptproblem, sondern die Frage, wer langfristig im
System bleiben kann.
Analysen internationaler Postdoc-Surveys zeigen, dass dabei rund zwei
von fünf Postdocs ein erhöhtes Risiko für ernsthafte psychische
Probleme wie Angstzustände oder depressive Symptome entwickeln können.
Zentrale Stressoren sind dabei Überstunden, permanenter
Publikationsdruck und die Unsicherheit befristeter Karrierewege. Die
Freiheit der Forschung wird damit oft mit permanenter Vorläufigkeit
erkauft.
Karrierewege aufzeigen
Baccarini
plädiert für eine Abkehr vom Narrativ des Scheiterns, wenn der Verbleib
in der Akademia ausbleibt. Sie verweist auf Daten der Statistik Austria:
Doktoratsabsolventinnen und -absolventen haben eine Arbeitslosenquote
von unter zwei Prozent und sind am Arbeitsmarkt hochintegriert. Ein PhD
vermittle Resilienz und die Fähigkeit, Unsicherheiten und dem
Unbekannten zu begegnen.
Die Universität Wien versucht, auf die Unsicherheiten zu reagieren –
etwa mit Coaching- und Beratungsangeboten für Postdocs sowie stärkerer
Karriereberatung auch außerhalb der Hochschule. Baccarini sieht in der
Fluktuation zudem eine notwendige Zirkulation: "Das System kann nicht
alle absorbieren. Die internationale Erneuerung ist lebensnotwendig."
Neugier als Motor
Wer heute ein
Doktorat beginnt, tut dies meist aus Neugier. Doch Baccarini warnt
davor, "salopp in ein Doktorat hineinzufallen, nur weil man einen Master
gemacht hat". Für sie ist die Ausbildung eine "persönliche Reise, in
die man investiert, weil man selbst etwas davon haben möchte". Der
stärkste Antrieb müsse das Interesse am Projekt und die Neugierde
bleiben.
Die Aufgabe der Politik und der Universitäten wird es sein,
sicherzustellen, dass aus diesem individuellen Abenteuer kein
dauerhaftes soziales Risiko wird. Es braucht planbarere Übergänge, damit
der Motor der Wissensgesellschaft nicht durch psychischen Verschleiß
ins Stocken gerät. Ihr sei es ein wichtiges Anliegen, dass
Nachwuchswissenschafterinnen und -wissenschafter – sowohl im PhD- als
auch im Postdoc-Bereich – unter den bestmöglichen Bedingungen arbeiten
können, so Baccarini. Denn "für die wissenschaftliche Exzellenz und die
Zukunftsfähigkeit des Standorts sind diese Talente unverzichtbar."
Nota. - Historisch gab es zwei Modelle, um ein beständiges Corps von Hochgebil-deten zu stabilisieren - nicht eine zufällige Elite von individuellen Potégés, sondern eine gesellschaftliche Instanz, die eigene Wahlmöglichkeiten eröffnet: die konfuzia-nische Bürokratie als einheitlicher Block von Herrschaft und Wissen, und das aka-demische System Westeuropas.
Was aus letzterem geworden ist, geht uns unmittelbar an. Die mittelalterliche Uni-versitäten wurden nach dem Beispiel namentlich der Kairoer al-Azhar-Moschee von den Kreuzfahrern in den Westen, gebracht, doch anders als die orientalischen Vor-bilder unterstanden sie nicht der jeweiligen islamischen Gemeinde, sondern im Prinzip der einzigen und alleinseligmachenden Römische Kirche und ihrer mannig-fachen Hierarchie. Indem sie auf Kosten der Mönchsorden über Jahrhunderte Bil-dung und Wissen monopolisierten, gerieten sie in die die Feudalordnung prägende Spannung zwischen geistlicher und weltlicher Autorität, und gewannen eine gewisse Selbstständigkeit; konnten sich aber wegen der stets zweiseitigen Versuchung nie zu einer geschlossenen Kaste stabilisieren wie in China.
Die Kette von Akademien, die seit dem 17. Jahrhundert Europa durchzieht, bildete sich ganz säkular unterm Protektorat der Fürsten, doch die Ausbildung der bürger-lichen Gesellschaft unterzog auch sie einem grundstürzenden Wandel. Seither drin-gen die Realwissenschaften unwiderstehlich in die Universtäten, und die universalste Akademie von allen, die Oslo-Stockholmer, wird von Parlamenten gewählt. Von al-len Nobelpreisen die geringste Autorität haben der für Literatur und der für Frie-den, die Realwissenschaften inkl. Wirtschaft drücken alles an die Wand.
Um nun zu obigem Artikel zu kommen: Wer nach der Promotion weiterkommen will, den drängt es weniger in die Wissenschaft, als vielmehr auf eine- gutdotierten Posten in einem Apparat - und nur der Geisteswissenschaftler bleibt in der staatlich finanzierten Lehre; der Naturwissenschaftler geht, sobald er kann, in die private Forschung.
Wem es aber um das Denken selber geht, dem bleibt, wie schon lange dem Künst-ler, die freie Bohème. Das hat Norbert Regitnig-Tillian auszusprechen versäumt.
JE