derStandard
Die Formel e=mc2 gehört zu Unserer Welt par excellence. Daher ist sie 'an sich' jedermanns Intelligenz zu-gänglich. Tatsächlich ist sie nur wissenschaftlich ausgebildeten Intelligenzen zugänglich, und wird es immer bleiben.
Den Satz 'ich liebe dich' versteht
jeder,
der weiß, was er bedeutet, aber einem Andern, der es nicht weiß, kann
er es nicht mitteilen. Denn er ist aus Meiner Welt und wird ewig dort
bleiben.
Die Welt ist ein Geistesprodukt; darum zerfällt sie in zwei Sphären.
Geist nennen wir den Umstand, dass wir die Dinge nicht als solche wahrnehmen, sondern immer schon in ihrer Bedeutung. Auch die Tiere leben nicht zwischen lauter Dingen, sondern in einem Raum voller*Bedeutungen. Doch sind ihnen diese durch ihre Umwelten vor-gegeben. Der Mensch hat seine geschlossene Umwelt zugunsten einer offenen Welt verlassen, in die er Bedeutungen erst hinein-erfinden musste. Geist ist die Kompensation dieses Verlustes.
Da wir in dieser unseren Welt - gleiche oder konkurrierende - Zwecke verfolgen, müssen wir uns verständigen. Darum haben wir unsere shared significations in einem "Symbolnetz" festgehalten. Aber in meiner eigenen Welt kenne ich Bedeutungen, die ich nicht teilen muss. Der reelle Ursprung Unserer Welt ist Meine Welt; der logische Ursprung Meiner Welt ist Unsere Welt - soweit unsere Begriffe reichen. Darunter beginnt das Feld der Transzendentalphilosophie. Es ist das Reich der produktiven Einbildungskraft.
aus e. Notizbuch, 20. 5. 07
*) Im Wortsinne ist er voll von Bedeutungen, es ist keine Stelle leer! Was immer das Tier in seiner Umwelt antrifft, hat für es eine Bedeutung; denn was keine solche hat, 'begegnet' ihm vielleicht, aber das merkt es nicht.
im Dez. 14
Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, lässt sich auch bestimmen; nämlich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen.
Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden – weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen lässt. Was demonstriert werden kann, lässt sich erlernen. Was dagegen ‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muss es erfinden und mir ein-bilden. Einverständnis der andern kann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‘Anschauung’ nach-zu-erfinden.
Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch.
Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann (Max Scheler); auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragen können heißt, ja oder nein sagen können.
‘Die Welt’ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst.
Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Dass ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer “Welt” zu konstruieren, liegt allein daran, dass ich in die Welt der Andern hineingeboren bin.
“Ich” konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen, Ernst des Lebens, Sozialkompetenz und so weiter. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß.
X. Es fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu beschreiben - so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der Unterschied zwischen der Welt und einer Umwelt ist kein topischer, sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer Welt.
Unsere Welt besteht aus allem, was symbolisiert ist. Als solche ist sie aber nur virtuell, "auf Abruf": Nur wenn die Symbole durch Verstehen aktualisiert werden, "ist" unsere Welt.46 Theoretisch könnte unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht, und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften, unsere Welt par excellence, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll Leute zugänglich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben - jeder auf die seine. Weil meine Lebenszeit begrenzt ist,47 kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als Erzählung vorkommen.48
Meine Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz und gar andere, je nachdem, ob der-die-das Geliebte darin vorkommt oder nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied - nämlich nicht für die andern. Aber für mich macht das gerade in unserer Welt den entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin. Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht restlos in unserer Welt aufgehen, das ist der springende Punkt, denn darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefenpsychologie: dort kann es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht eindeutig) mitteilbare.49 Keine Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, bevor ich es durch Symbolisieren festgestellt habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema. Das ist Transzendentalphilosophie. Kein Tatsachenerweis, sondern eine Sinnbehauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos" - die "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt handelt".50
47 Von meinem Verstand rede ich nicht.
48 Kann es eine "Privatsprache" geben - ein privates Symbolsystem, das ‚die Welt bedeutet’? Über unsere Welt muß ich mich mit mir nicht verständigen, sondern mit Anderen. Und meine Welt muß niemand verstehen.
49 Eine bekannte tiefenpsychologische Richtung will das Unbewußte als Gegenstand naturwissenschaftlicher Analyse zum Bestandteil unserer Welt machen; aber nicht so ganz: Sie schiebt als Bedingung eine persönliche Initiation dazwischen.
Je allgemeiner die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso unspezifischer die Tätigkeit des Zeigens: Typischerweise bezeichnet dieses Bild in seiner Allgemeinheit das Verhältnis zwischen einem Erwachsenen und einem Kind.
Man kann ‚die Welt’ von einem partikularen Standpunkt aus ansehen. Je partikularer die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso spezifischer der Akt des Zeigens. Die ‚Welt des Soldaten’ ist zwar eine besondere Welt, aber sie ist ‚allgemein’, weil ‚Soldatsein’ keine besondere Verrichtung, sondern eine besondere ‚Seinsweise’ ist; Soldat ist man auch nach Feierabend. Das ist nicht Einweisung in Strategie und Taktik, nicht Waffenkunde, nicht dies oder das, sondern ein ‚ganzes Universum’, wenn auch ein besonderes.
„Pädagogik“ heißt hier ‚Menschenführung’, hat aber mit Kindern nichts mehr zu tun und sollte Andragogik heißen. Die ‚Welt der Physik’ ist dagegen kein Universum, sondern nur ein Ausschnitt: aus der ‚Welt der Wissenschaft’, gar nur der ‚Welt der (‚exakten’) Naturwissenschaften’. Diese hochspezialisierte Welt einem Neuling zeigen ist eine höchst spezifische Tätigkeit, die man von Rechts wegen Lehre nennt. Erst hier gilt: ‚Die Grenze meiner Sprache ist die Grenze meiner Welt’.
Je allgemeiner die Welt, um die es geht, umso eher ist von Bildung -, je spezifischer die Welt, umso richtiger ist von Lernen die Rede. Merke: Die allgemeinste Welt – die, die den Meisten zugänglich ist – ist die natürliche Welt der natürlichen Sprachen; die Welt, in denen nur Kinder ‚neu’ sind.
Alle Kinder werden irgendwie heranwachsen; dazu brauchen sie keine Professionellen. Professionelle braucht es, um ihnen das „Symbolnetz“ zu überliefern, in dem unsere ganze Welt dargestellt ist: weil das Allgemeinwissen der Menschheit so umfangreich und dabei so komplex geworden ist, daß es nicht mehr einfach in jedenkinds Alltag „vorkommt“ und man einfach nur, jeder an seiner Statt, dort hineinwachsen müßte, learning by doing. Ihre Mitteilung bedarf einer reservierten Zeit außerhalb der Alltagsgeschäfte und einer speziellen Methode, denn natürlich kann nicht jedem alles und schon gar nicht alles zugleich überliefert werden.
Aber die Schule privilegierte jene ‚Symbolnetze’, die sich zu diskursiver Verknüpfung eignen. Das war mit dem Schlagwort der ‚Verwissenschaftlichung’ gemeint, das den pädagogsichen Diskurs seit den sechziger Jahren prägte. Verwissenschaftlichung bezieht sich per Definition auf den Bereich des sogenannten ‚Herrschafts- wissens’. Anderes fällt nicht in ihren Bereich. Daß seither ‚Lernen’ zum Schlüsselbegriff staatlicher Pädagogik wurde und ‚Bildung’ wie ein Zopf abgeschnitten wurde, ist nur folgerichtig. Quod erat demonstrandum: Das gegenwärtige Schulsystem ist entstanden und behauptet sich als ein Produkt und eine Bedindung der industri- ellen Arbeitsteilung. Aber die Arbeitsgesellschaft und ihre Industrie sind am Vergehen.
Die Unterscheidung von unserer Welt und meiner Welt gehört doch in die Transzendentalphilosophie.

Habe ich den Wald vor Bäumen nicht gesehen? Ist es trivialer, als ich dachte? Wollte er mit der Einführung derBegierde nur dem Umstand Rechnung tragen, dass das 'endliche' Vernunftwesen eben nicht nur vernünftig ist, sondern auch leidenschaftlich? Dass es Neigungen, Vorlieben und Begehrlichkeiten kennt, von denen die Vernunft nichts weiß? Kurz, dass die Vernünftigkeit der Menschen nicht nur endlich, sondern sogar begrenzt ist, dass sie zu Unserer Welt gehört und in der Meinen schlicht und einfach nichts zu sagen weiß?
In ästhetischen Angelegenheiten wie in allen Geschmacksdingen ist für Vernunfturteile kein Platz. So auch nicht in moralischen, denn Moralität ist nichts als "sittlicher Geschmack", wie Herbart* treffend formulierte. (Und übrigens auch nicht in erotischen). Ein Feld der Vernunft ist allerdings das Recht, und auch die Gerech- tigkeit ist nicht bloß Privatsache...
Die scheinbar harmlose Rede von den 'endlichen' Vernunftwesen ist aber tückisch. Es ist richtig, dass es keinen logisch hinreichenden Grund gibt, ein unendliches Vernunftwesen für unmöglich zu halten. Es reicht aber, wenn das einmal gesagt wird. Die ständige Wiederholung lässt indes die Nichtunmöglichkeit wie eine Wahr- scheinlichkeit oder gar eine Denknotwendigkeit erscheinen. Und da mag man heimlich im Hinterkopf mit der Idee einer unendlichen Vernunft spielen. Nicht "frag dich, was würde Jesus tun", sondern frag dich, wie würde eine unendliche Vernunft an deiner Stelle urteilen? Und plötzlich hat die Vernunft (im Hinterkopf) keine Grenze mehr: Was ich - ohne den Richtspruch der Vernunft einzuholen - darf, erscheint nun als das, was sie lediglich (noch?) nicht verboten hat.
- Das sind nun Mutmaßungen, die am Buchstaben des Textes nicht nachzuweisen sind. Aber aus der Luft gegriffen sind sie nicht. Tatsächlich geht Fichte von der Allzuständigkeit der Vernunft aus, oder richtiger: gehtauf sie aus. Dass aus dem Totalitarismus des Vernunftzwecks durch eine Art logischer Rückkoppelung ein Totalitarismus des Vernunftgrundes wird, liegt nahe. Es wäre eine dogmatische Wendung des Transzendental- philosophen, doch die sollte Fichte schon kurze Zeit nach Abschluss der Wissenschaftslehre nova methodo aus- drücklich vollziehen.
*
Von einer unendlichen Vernunft kann ein endlich Vernünftiger nichts wissen - und folglich nicht vernünftig darüber nachdenken. Die 'endliche' Vernunft ist jedenfalls eine begrenzte, nämlich in ihrer Zuständigkeit. Ihr Reich ist Unsere Welt, und Unsere Welt ist das Reich der Vernunft. Das Reich der Geschmäcker ist ihr nicht zugänglich.
Das heißt nun nicht, dass Unsere Welt ein Reich des größten Nutzens für die größte Zahl wäre. Wenn wir zwar einander nicht auf das Schöne und das Gute verpflichtet sind, so doch auf das Wahre. Dieses ist zwar selber eine Geschmackssache. Aber die darf ich jedem zumuten, der mit mir in einer Welt leben will: Sie hält mir beide Welten zusammen.
*
Die Unterscheidung von unserer und meiner Welt gehört zur Transzendentalphilosophie, als ihre Grenze.
*) in Allgemeine praktische Philosophie (1808) in: SW Bd. 8, Hamburg 1890, S. 29
Meine Welt gehört selber in die Transzendentalphilosophie.

Das war ebenso zaghaft wie voreilig. Meine Welt gehört selber und ganz und gar in die Transzendentalphiloso- phie.
*
Das von der Einbildungskraft Hervorgebrachte, von der Vorstellung Angeschaute, im Begriff Gemeinte ist Bild.
Als Bild ist es nicht von unserer Welt. An ihm werde ich nicht wir-Vernunftwesen, sondern Ich. Das ist meine Welt. Vernunft und unsere Welt beginnen da, wo das Gemeinte vergemeinschaftet, nämlich mitgeteilt werden kann. Das kann erst im Begriff geschehen. Im Begriff im weitesten Sinn, von System und systematischer Ver- ortung ist noch nicht die Rede, aber von Symbolisierung immerhin.
Das Symbol ist selber 'auch ein Bild', aber das Bild von einem Bild; ein vorgegebenes Schema, das der Meinende nach einvernehmlichem Verfahren zu füllen hat – mit dem nun mutmaßlich miteinander-geteilten Bild. Wenn ich sage rot, darf ich annehmen, dass mein Zuhörer dieselbe Vorstellung in sich hervorbringt, die ich hervor- gebracht habe, als ich rot dachte. Annehmen darf ich es, weil die Erfahrung lehrt, dass wir uns auch sonst ver- ständigen können; warum also nicht dieses Mal? Aber ob oder ob nicht, kann ich nicht wissen, und den andern zum richtig-Vorstellen zwingen kann ich schon gar nicht; denn ich kann es ja nicht überprüfen.
Einbilden, anschauen und vorstellen liegen in meiner Welt. Unsere Welt beginnt erst bei den Begriffen. Dass sie in der Sprache der Begriffe zu mir reden, macht die 'Aufforderung' der 'vernünftigen Wesen' aus, die mich allein erst zur Vernünftigkeit veranlasst. Denn wozu könnte ich sie ohne jene gebrauchen?
Was uns der Irrsinn über den Sinn lehrt.
sternenstaunerDie herkömmliche Diskussion Welt/Umwelt (Pleßner: der Mensch lebt in einer Umwelt vor dem Horizont der Welt) krankt daran, dass beides, Welt und Umwelt, als zwei Obiectiva genommen wurden. Aber der Umwelt-Begriff von Uexkülls zielt nicht auf den faktischen, sondern auf den Bedeutungs-Bestand der (jeweiligen) Umwelten ab (was wäre denn eine 'faktische' Umwelt vor einer 'bedeutenden'?!).
Ebenso wie die 'geschlossene' Umwelt ist die "offene" Welt ein Raum von Bedeutungen; aber eben kein geschlossener, sondern "offener" - d. h. gar keine Gegend, sondern nur ihr Horizont. Wenn das aber so ist, dann ist sie ein unbestimmter Raum - einer, dessen Grenze "zurückweicht, je näher man ihr kommt". Das heißt in der Umkehrung: die Bedeutungen 'in' diesem Raum sind nur provisorisch, hypothetisch, virtuell, latent "bestimmt" - in suspense. Damit sie gelten können, muss ich ihre Gültigkeit für mich je "aktualisieren".
Dass daher 'unsere Welt' vor 'meiner Welt' ontologischen Vorrang habe, ist eine optische Täuschung (weil jene währt, diese nicht). Nennen wir 'unsere Welt' mit Dilthey 'objektiven Geist', dann kann ich auch 'Dinge' darunter verstehen - z. B. Institutionen; die haben eine 'dingliche Seite', das ist das Objektive daran. Aber objektiver Geist sind sie nur insofern, als ich (oder ein anderes Ich) ihre Bedeutung für mich realisiere; ihre Latenz ent/decke. 'Meine Welt' ist diejenige Instanz, die 'unsere Welt' immer erst zur Wirklichkeit bringt (dýnamis/enérgeia).
'Unsere Welt' ist in ihrer Wirklichkeit die "Schnittmenge" all dessen, was historisch daseiende Menschen ausdem Arsenal möglicher gegebener Bedeutungen in ihre Privatwelten aufgenommen haben; und worüber sie ipso facto kommunizieren, "sich verständigen" können. Historisch ist der 'objektive Geist' eher da als die privaten Welten. Aber ontologisch ist "meine Welt" eher da.
Der Beweis?
Es kann Privatwelten geben ohne jeglichen Anteil von 'objektivem Geist' (das würden wir Irrsinn nennen); aber es gibt ein 'objektive' Welt nicht ohne die, nicht außerhalb der Privatwelten der historischen Individuen.
16. 10. 03
Digitalisierung befreit die Einbildungskraft.
fantasy art scenery
...Wenzels wie immer kluge Überlegungen erlaube ich mir zu ergänzen durch einen Gesichtspunkt, den ich selber entwickelt zu haben mich rühmen darf – die Unterscheidung zwischen 'unserer' Welt und 'meiner' Welt .
Das Internet und alle materielle wie menschliche Hard- und Software, die daran hängen, entstammt nicht nur 'unserer' Welt – es wird dort auch bleiben. Es greift zwar tiefer als jedes andere Medium zuvor – sofern wir die Sprache selbst einmal ausnehmen – in 'meine' Welt hinein: weil es zwar der digitalen Technik entstammt, in der 'unsere' Welt womöglich ihren endgültigen Daseinsmodus gefunden hat; aber seine mächtigste Wirkung auf 'analogem' Weg erzielt – in der Macht der virtuellen Bilder! (Man möchte sagen, digitale Revolution und Iconic Turn sind Cousins.) Die gehen tiefer und fester in 'meine' Welt ein, als es Begriffe und logisches Denken je vermocht haben. Aber Leben erhalten sie erst dort. Ihre Macht über mich ist die Macht meiner Einbildungskraft über sie. Und ob sie meine Einbildungskraft herausfordern und ihre Virtuosität ausbilden, oder ob sie sie überschwemmen und ersäufen, das… kommt ganz drauf an.
Die Einführung des ersten Digits ins Gemütsleben der Menschen, des gesprochenen Wortes, hat ihre bildhafte Einbildungskraft nicht verödet, nein, ganz gewiss nicht. Auch nicht der Untergang des mythologischen Zeitalters in der Verwissenschaftlichung der Welt (wie man das nannte). Sonst hätten sie die digitale Technologie ja nicht erfinden können.
Der Quell des tatsächlichen und produktiven Denkens ist das Sprudeln anschaulicher Bilder. Die Reflexion tritt hinzu und 'macht was draus', aber erfinden kann sie nichts. Die virtuellen Bilder können meine Einbildungskraft nur zupappen, wenn ihr zuvor im Korsett des diskursiven Regelmaßes die Luft genommen wurde. Wie und womit, und vor allem: von wem Kinder "beschult" werden – das spielt allerdings eine Rolle! Die Bildung sollte sich schon darauf besinnen, dass der Ursprung der Vernunft nicht logisch ('digital'), sondern ästhetisch ('analog') ist. Wenn alles, was irgend digitalisierbar ist, erst seinen gehörigen Platz in den Diskursen gefunden haben wird, dann bekommt die Einbildungskraft wieder freies Spiel.
im Oktober 2011
Nota. - Meine Welt und unsere Welt durchdringen einander. Das sie ineinander - teilweise - auflösende Medium sind die in beiden Dimensionen brauchbaren Bedeutungen; nur die Bedeutungen. Was Wunder - denn meine Welt und unsere Welt 'kommen' überhaupt nur als Bedeutungsfelder 'vor'. Nicht meine Welt und unserer Welt unterscheiden sich. Sondern ich unterscheide mich - mal als bloßes Individuum, mal als Weltbürger.
März 2014
Die Verbindung von meiner Welt mit unserer Welt ist der Begriff.
dreamstime
Nach der rationalistischen Auffassung, die bei uns die landläufige ist, werden die Bedeutungen durch die Begriffe konstituiert. Nach Fichte entstehen die Bedeutungen dagegen in der Vorstellung; durch den Begriff werden sie lediglich fassbar und fungibel: können mit anderen verglichen und verknüpft und an Andere weitergegeben werden. Verständiger Verkehr ist nicht ohne Begriffe möglich.
Aber auch keine Kritik. Es sind die Begriffe, in denen meine Welt mit unserer Welt verknüpft ist. Genauer gesagt: Erst durch die Begriffe entsteht unsere Welt. Den Individuen, die zur Welt kommen, begegnet die Welt der Begriffe als Apriori, sie müssen sich darin einrichten. Die Privatwelt der Irren ist nur möglich, weil sie die Geltung der Begriffe ganz oder teilweise leugnen. Ihre Vorstellungen sind ungebunden und unverbindlich.
Zum xten...
...es ist andersrum: Zu "unserer" Welt muss ich den 'Zugang' gar nicht 'finden', sondern sie wird mir "a priori" übergeholfen: Sie ist schon da, wenn ich ankomme, ich komme 'dazu', 'in sie hinein', weshalb man ganz richtig sagen kann: 'zur Welt kommen'. Alles, was ich vorfinde, ist vorab schon bezeichnet, und das heißt: bedeutet. (Da-bei spielt die Sprache wohl eine große Rolle. Aber ein Stirnerunzeln 'bedeutet' etwas, ohne dass es Wörter dafür braucht. Ich kann es 'auch so' verstehen.)
Es braucht eine ganze Weile, bis ich bemerken kann, dass diese vorgefundenen Bedeutungen gar nicht 'an sich' (und also notwendig und 'wahr') sind, sondern historisch (='kontingent') sind und 'unwahr' sein können. Dass ich das heraus finden kann, liegt daran, dass ich mit meinem 'Erleben' (das Wort bezeichnet nur: Sinnesempfin-dungen, die vorgängig gewertet werden – im Akt des Empfindens selbst) schon immer auch in "meiner" Welt war. Will sagen: Dass ich 'urteilen' kann, liegt an ('in') mir. Aber dass ich Maßstäbe habe, nach denen ich so ur-teilen kann, dass es für andere 'bedeutend' wird, liegt an... der vor-Gegebenheit "unserer" Welt.
Ich werde nicht müde zu wiederholen: 'Logisch' ist 'unsere' Welt der Urheber 'meiner' Welt; 'historisch' ist 'mei-ne' Welt (=sind die Indivualwelten der Iche, die vor mir waren, ebenso wie 'meine eigene' Welt:) der Urheber 'unserer' Welt. Es gibt sie nur im Doppelpack; niemals die eine ohne die andere. Bloß wie sie 'gegen einander in Stellung gebracht' werden, das ist individuell (=lebensgeschichtlich) verschieden.
aus e. online-Forum, 14. 6. 08
Ich bin auch in meiner Welt nicht allein.
...Aber ich bin auch in ‘meiner’ Welt nicht allein. Ich stehe von Anbeginn bis Schluss in Verkehr. Im Verkehr kann der Eine an die Stelle des Andern treten. Im Verkehr wird der Wechsel der Perspektiven habituell. Aus dem Verkehr erwachsen Abstände und Nähen, der Verkehr manifestiert Unterschiede und schafft Reflexion. Verkehr ist Vermittlung. In der Welt, die Verkehr ist, ist nichts unmittelbar. Genauer gesagt: In ‘unserer’ Welt ist nichts unmittelbar, ist alles nur ‘vermittels…’: Alles ist verkehrt. Das Unmittelbare kommt allein in ‘meiner’ Welt vor. In ‘unserer’ Welt kann ich es nur symbolisch vermittelt “zur Sprache bringen” – was in ‘meiner’ Welt gar nicht nötig ist.
Das autonome Subjekt ist kein Naturdatum. Es muss sich bilden. Das Bilden geschieht durch das Einordnen alles Wirklichen (Erlebten) in das Spannungsfeld zwischen zwei Polen: 'Ich' und 'die Welt'. (Beide haben ein 'Sein' nur als Pole dieses Feldes.)
Unsere Welt ist die Wirklichkeit, betrachtet vom Pol 'Welt' aus, meine Welt ist die Wirklichkeit, betrachtet vom Pol 'Ich' aus. Beide sind Abstraktionen: nämlich vom wirklich-Erlebten.
Persönlichkeitsstörungen sind das Aufgeben des einen Pols zugunsten des andern.
aus e. Notizbuch, 5. 9. 08
Man erkennt es an der Schwierigkeit, ein gegenwärtig Erlebtes in unsere Welt oder meine Welt einzuordnen. Doch sobald es irgend Gegenstand der Reflexion werden soll, muss ich es in eins von beiden einordnen; näm- lich meinen Gesichtspunkt wählen! Danach scheiden, was ich vor Anderen vertreten muss und wofür ich nur mir selbst verantwortlich bin.
Ja ja, da sind ein paar andere, die ich, willig oder nicht, in meine Welt hineingelassen und womöglich aufgenom- men habe. Das sind Andere eigener Art. Die gehören zu unserer Welt erst in zweiter Linie.
Der Andere ist ein Abstrakt-Allgemeiner, die Reihe vernünftiger Wesen, lauter Iche außer mir. Mit mir teilen sie den Bezug auf den Zweck der Zwecke, den bringen sie gegen mich so wie ich gegen sie zur Geltung. Wir ver- treten die Vernunft gegen einander. Und wenn ich's recht bedenke: In meinem wirklichen Leben kommt gar nicht so viel vor, was in diese Rubrik fällt! Auf den ersten Blick glaubte ich, unsere Welt sei unermesslich größer als meine Welt. Aber dann doch bloß in der Denkpause. Fürs wirkliche Leben ist sie fast nur ein Korridor ne- benan.
JE
Das Absolute ist der Vereinigungspunkt beider Welten.
Konsensfindung und Vernunfturteil.
Mit andern Worten, Vernunft ist der ausgezeichnete Charakter von Unserer Welt. Ihr sinnfälligster Ausdruck ist die Wissenschaft, in der die bürgerliche Gesellschaft ihr oberstes Maß erkennt.
Hat also Vernunft in Meiner Welt nichts zu suchen?
Das Unterscheidungsmerkmal ist, auf welchem Weg typischerweise Entscheidungen zustande kommen: durch Übereinkunft oder durch Vernunfturteil. Vernunft fragt nach Gründen, das Vernunfturteil beruht auf dem prozessierenden Ausscheiden des Falschen: desjenigen, dessen Gründe der öffentlichen Kritik auf die Dauer nicht standgehalten haben. So entsteht Wissen, gesammelt und konzentriert in der öffentliche Instanz 'Wissen-schaft'. Deren Modus ist die unendliche Revision alles einmal Gegebenen. Ihre Richtsprüche gelten immer 'einstweilen endgültig'; nämlich solange, bis sie durch Gründe widerlegt (oder auch nur erübrigt) werden. Ihre Schlüsse erscheinen im gegebenen Moment als notwendig.
So ist in Unserer Welt. Ihr Platz ist Öffentlickeit. Da gehören Alle zu, ob es ihnen recht ist oder nicht.
Was zu Meiner Welt gehört, entscheidet sich nicht durch geprüftes Wissen, sondern durch geteiltes Erleben. Die Entscheidungen, die hier getroffen werden, beruhen typischerweise nicht auf Gründen, die der Kritik unterzo-gen wurden, sondern auf Motiven, die Beifall gefunden haben; Leidenschaften, Neigungen, momentane Lau-nen. Man findet sich zusammen auf einem gemeinsamen Boden von Werturteilen, und die sind im Kern ästhe-tisch – doch über das Ästhetische lässt sich nicht vernünfteln.
Es zählt hier nicht, was Alle wissen und einsehen können, sondern das, was Einige meinen. Urteile entstehen nicht auf dem Wege kritischer Reduktion, sondern durch Kumulation und Anlagerung. Sie sind willkürlich undzufällig. Sie gelten immer ganz und gar, aber nur im Augenblick, doch der kann ewig dauern: willkürlich und zufällig. Es mögen auch immer Vernunftgründe zu ihnen beigetragen haben; aber nicht, weil sie begründen waren, sondern weil sie Beifall gefunden haben. Denn was stört, kommt unter den Teppich, und wenn es noch so vernünftig wäre. Es bleibt alles privat, wem es nicht gefällt, der kann ja gehen.
*
In den achtziger Jahren trat in Deutschland eine Partei auf, die die Konsensfindung anstelle von Mehrheitsbe-schlüssen zum politischen Prinzip machte. Politisch heißt öffentlich par excellence, Konsens ist die typische Entscheidungsfindung im Privatbereich. Aufgelöst wurde der Widerspruch durch die Losung Das Private ist politisch, doch praktisch lief es auf die Privatisierung des Politischen hinaus.
Das müssen Sie sich so vorstellen: Wenn alles 'ausdiskutiert' werden muss, bis keine Meinungsunterschiede mehr übrigbleiben, dann dauern Sitzungen bis in die Nacht; die, die am nächsten Tag früh aus den Federn müssen, gehen abends zwischen zehn und elf, wer zäh ist oder lange schlafen kann, bleibt bis nach Mitternacht, und wegen eintretender Müdigkeit werden die Meinungsverschiedenheiten immer kleiner. Es behalten diejeni-gen das letzte Wort, die am längsten ausharren. So kommen "konsensuell" Beschlüsse zustande, die willkürli-cher und zufälliger sind, als es ein Mehrheitsvotum je sein könnte.
*
Das konnte nicht lange dauern, schon gar nicht, seit die Grünen hier und da in Regierungen einrückten. So absurd es war – ganz aus der Luft gegriffen war die Grundidee nicht. Denn tatsächlich konstituiert das Politische in gewissem Sinn ein Zwischenreich zwischen Unserer Welt und der Meinen. Es bleibt das Öffentliche par excellence, davon ist nichts zurückzunehmen. Aber der Modus der Entscheidungsfindung ist in der Politik nicht der der Wissenschaft. Der Politiker kann nicht warten, bis im stetigen Prozess kritischer Reduktion einmal ein Punkt erreicht ist, wo man sagen kann: Das ist 'einstweilen endgültig'. Politische Entscheidungen müssen fallen, wenn sie fällig sind, ob ausdiskutiert oder noch ganz in der Schwebe.
Anders als im wissenschaftlichen Bereich gelten sie ganz und gar, nicht unter Vorbehalt; und anders als im privaten, sind sie terminiert: bis zur nächsten Wegbiegung. Sie sind nicht notwendig, sondern zufällig. Es werden nicht Gründe bis zu ihrer Erschöpfung geprüft, sondern Meinungen gesammelt; Motive, Werturteile,Ästhetisches. Doch wenn die Revision auch nicht permanent ist wie in der Wissenschaft, ist sie in 'vernünftig'organisierten Gemeinwesen immerhin periodisch.
Denn dieser Unterschied zum Privaten, diese Verbindung zu Vernunft, Wissen und Wissenschaft bleibt unbe-schadet: Alle Akteure, idealiter auch die privaten Wahlberechtigten, erkennen und messen einander als einemhöheren Zweck und allgemeingültigen Gründen verpflichtet. Anders als in Meiner Welt gilt auch im Politischen der Hinblick auf ein Absolutes, und darum gehört es zu Unserer Welt.
Wirklichkeit ist ein kollektives Phantasma.
'Wirklich' ist allein (!) das Erleben. - Ja, aber nun erlebt der eine dies, der andere jenes. Doch genau besehen, gibt es einen enormen Vorrat von 'Dingen', die wir alle gleich erleben, oder fast gleich, was in den meisten Lebensbereichen auf dasselbe hinauskommt. All das, was wir grosso modo gleich erleben, nennen wir gewohn- heitsmäßig "die Welt". Wohl wissend, aber ungern oder gar nicht bedenkend, dass es in meinem Erleben einen kleinen privaten Sonderposten gibt, der - weil nur das Erleben wirklich ist, und alles Erleben! - doch auch wirk- lich ist, also auch zur Welt gehört, aber nicht wirklich, nicht "für die andern"; dass also insgeheim meine Welt im- mer ein bisschen wirklicher ist als die der andern, wenn jene auch den Schein der Übermacht für sich hat. -
Zweck der Schule ist es, mir den richtigen Eindruck von der Priorität 'meiner' Welt vor der Welt 'der andern' auszutreiben - und den andern ebenso: "Wirklich" soll nur das überprüfbar gemeinsame Erleben sein; und wirk- lich wirklich auch nur das restlos gleiche, das von der Wissenschaft als ein solches festgestellte. Das ist aber, ge- messen an dem, was alle-zusammen-jeder-für-sich erlebt hat, nur ganz wenig. Das ist dann das wirklich-Wirk- liche mit dem psychisch 'Normalen' als seinem Hof (so wie der Mond einen Hof hat); und noch weiter weg vom Kern dann die individuellen Phantasmata. -
Dies alles ist nun aber überhaupt nur nötig, weil wir zusammen arbeiten müssen. Denn dann reicht es nicht, dass wir uns von unserm jeweiligen Erleben nur erzählen; wir müssen uns darüber einigen können.
aus e. Notizbuch, 30. 12. 03
Das war also die Stelle, wo mir erstmals eingefallen ist, 'meine' Welt von 'unserer' Welt systematisch zu unter- scheiden. Dass die Eigenwelt des Irren sich zur realen Welt der Normalen verhält wie ein privates Phantasma zu einem kollektiven, und dass der Vorzug des letzteren ein lediglich pragmatischer ist, war mir durch meine Erwerbstätigkeit klargeworden. Aber auch, dass der Irre nur eine Extremvariante der Normalen ist. Dass also wir ebenfalls in einem Zwiespalt zwischen meiner Welt und unserer leben und uns vom Narren graduell nur dadurch unterscheiden, dass wir uns zwischen beiden in einem Gleichgewicht halten.
15. 1. 15
Dass unsere Welt "auch nur" ein Phantasma ist, so wie die Privatwelt des Verrückten, darauf kommt es gar nicht an. Sondern darauf, dass ich mich in der einen mit Andern verständigen kann, in der andern nicht. Doch worüber muss ich mich mit andern verständigen? Über Zwecke, die ich mit ihnen gemeinsam oder gegen sie verfolge, nämlich dort, wo wir einander begegnen. Über Zwecke, die ich allein für mich verfolge ohne Berüh- rung mit Andern, brauche ich mich nicht einmal mit mir zu verständigen, wenn ich nicht will.
Das ist der Unterschied, auf den es wirklich ankommt: Welche Zwecke liegen in 'unserer', und welche Zwecke liegen in 'meiner' Welt? In der Abstraktion lässt sich der Unterschied meist mühelos fassen. Doch in concreto wird fast immer ein Problem daraus. Denn es ist ein pragmatisches Problem: eines, das sich nicht vorab theore- tisch und in Begriffen stellen und also auch nicht lösen lässt, sondern praktisch, im Handeln selbst. Da werde ich mit den Andern immer wieder in Streit geraten, und manchmal werde ich finden, dass nicht sie im Irrtum waren, sondern ich. Dass wir uns verständigen müssen, heißt ja nicht, dass es uns leicht wird. So ist das Leben.
13. 8. 18
Jedes Gehirn lebt in zwei Welten - in seiner eignen und in der unseren.
aus derStandard.at, 14. 5. 2026 Jedes Gehirn tickt anders – weil wir alle im Leben
unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Genau die prägen aber unsere
Entscheidungen und Handlungen im täglichen Leben. zu Jochen Ebmeiers Realien
Es gibt einen großen Irrglauben, was unser Gehirn anbelangt: Dass es klar und nüchtern ist und ganz sachlich die objektiv vernünftigste Entscheidung trifft. Das mag aus der eigenen Sichtweise womöglich so sein – aber eine andere Person interpretiert die gleiche Ausgangslage womöglich ganz anders. Und trifft entsprechend ganz andere Entscheidungen.
Das liegt an der Funktionsweise des Gehirns. Es entscheidet nicht primär rational, sondern emotional, es trifft Entscheidungen auf Basis der erlebten Erfahrungen. Das ist auch der Grund, warum es nicht reicht, ein Verhalten zu verstehen, wenn man es ändern möchte. Was dahintersteckt, erklärt der Neurowissenschafter und Key Note Speaker Damir del Monte in seinem Buch Ein Date mit deinem Gehirn. Im STANDARD-Interview spricht er darüber, wie das Gehirn organisiert ist, warum wir alle – nicht nur "die anderen" – in unserer eigenen Echokammer leben und warum Kochen so glücklich machen kann.
STANDARD: Das Gehirn wurde historisch immer mit der jeweils modernsten existierenden Technologie verglichen. Am Anfang war das die Dampfmaschine, zuletzt war es der Computer. Jetzt kommt die Künstliche Intelligenz dazu. Aber ist dieser Vergleich überhaupt zulässig?
Del Monte: Es ist verlockend, das Gehirn mit einer Maschine zu vergleichen, aber es greift viel zu kurz. Anders als eine Maschine oder auch die Künstliche Intelligenz ist das Gehirn kein lineares System, bei dem auf Input A zuverlässig Output A folgt. Das Gehirn ist vielmehr ein hochkomplexes, selbstorganisierendes System, das ständig in Wechselwirkung mit dem gesamten Körper steht. Es arbeitet nicht isoliert oder objektiv, sondern ist eingebettet in biologische, emotionale und soziale Prozesse. Und es hat unzählige Reaktionsmöglichkeiten in petto, die es je nach Bedarf ausspielt.
STANDARD: Wie kann man sich das vorstellen?
Del Monte: Das Gehirn konstruiert fortlaufend Modelle der Welt und unseres Selbst und gleicht diese mit der Realität ab. Das heißt, es gibt eine Erwartungshaltung dazu, was als Nächstes passiert. Kommt ein Reiz von außen, wird dieser nicht einfach neutral wahrgenommen, das Gehirn gleicht ihn mit den Erwartungen auf Basis der eigenen Erfahrungen ab.
Stimmen Vorhersage und Realität überein, passiert wenig, wir nehmen das kaum bewusst wahr. Erst wenn es Abweichungen gibt, man könnte sie als Vorhersagefehler bezeichnen, wird unsere Aufmerksamkeit aktiviert.
STANDARD: Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Del Monte: Steht man morgens auf und kommt aus dem Schlafzimmer, erwartet das Gehirn bestimmte Geräusche, Gerüche, Lichtverhältnisse. Ist etwas anders als sonst, ein ungewohnter Geruch, ein fremdes Geräusch, entsteht so ein Vorhersagefehler, das Gehirn ist alarmiert.
Das betrifft aber nicht nur Alltagssituationen, sondern unsere gesamte Identität. Wenn jemand etwa jahrzehntelang glaubt: "Ich bin nur wertvoll, wenn ich Leistung bringe", wird das zum inneren Modell. Dieses Modell bestimmt dann Wahrnehmung, Verhalten und Emotionen. Das geht so weit, dass Lob oft nicht wirklich wahrgenommen wird, weil es nicht zum bestehenden Selbstbild passt.
STANDARD: Ist man dem hilflos ausgeliefert?
Del Monte: Nein, keineswegs. Das Gehirn beginnt ja genau dort zu lernen, wo Erwartung und Wirklichkeit nicht mehr zusammenpassen. Man muss sich diese Diskrepanz aber bewusst machen. Das Gehirn arbeitet dabei selektiv. Es integriert permanent neue Informationen in bestehende Strukturen, reorganisiert sie und vergisst im Zuge dieses Prozesses auch Informationen. Dieses Vergessen ist entscheidend, weil es uns erlaubt, Prinzipien zu bilden und handlungsfähig zu bleiben.
Außerdem ist das Gehirn immer auf Bedeutung ausgerichtet. Es fragt nicht nur "Was ist?", sondern "Was bedeutet das für mich?". Diese Selbstbezüglichkeit fehlt übrigens der KI, die ja auf der Akkumulation von Informationen basiert, aus der sie dann aufgrund eines Algorithmus die wahrscheinlichste Antwort auswählt.
STANDARD: Und warum ist das Gehirn so organisiert?
Del Monte: Weil wir sonst in der permanenten Flut an Informationen untergehen würden. Pro Sekunde erreichen elf Millionen Bits an Informationen das Gehirn. Verarbeiten können wir aber maximal 100 Bits. Das Gehirn filtert radikal heraus, was es als nicht relevant erachtet. Und das eben auf Basis der individuellen Erwartungs- und Erfahrungswelt.
STANDARD: Ist das der Grund, warum Menschen oft auf die gleiche Situation so unterschiedlich reagieren?
Del Monte: Ja. Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens unterschiedliche Erfahrungen gemacht, deshalb hat auch jeder unterschiedliche Vorhersagemodelle. Das Gehirn ist ja kein neutrales System, es ist geprägt von der eigenen Biografie. Deshalb gibt es keine einheitliche Reaktion auf eine Situation. Was für die eine Person bedrohlich ist, kann für die andere völlig unproblematisch sein.
STANDARD: Man kann also eine noch so logische Erklärung haben für ein Problem, eine Bedrohung oder ein Gefühl der Angst. Die Emotionen, die damit einhergehen, sind immer stärker als die Vernunft. Woran liegt das?
Del Monte: Das liegt an der Organisation des Gehirns. Die kognitive Ebene, also das, was wir als rationales Denken bezeichnen, analysiert, plant, spielt Optionen durch. Aber sie liefert nur Möglichkeiten, sie entscheidet nicht. Die Entscheidungen fallen dort, wo Bedeutung entsteht. Und das ist die emotionale Ebene. Sie bewertet: Ist etwas wichtig? Gefährlich? Relevant für mich? Und das auf Basis der individuellen Erfahrungswelt. Deshalb kann ein Mensch rational wissen, was "richtig" wäre, und dennoch ganz anders handeln.
Die Systematik in den sozialen Medien zeigt das gut. Man sieht ein empörendes Video oder eine Schlagzeile. Noch bevor der Inhalt geprüft wird, reagiert das emotionale System, Angst, Wut, Empörung oder auch Euphorie kommen. Erst danach beginnt die rationale Ebene, Rechtfertigungen zu produzieren. Dazu kommt, dass das Gehirn Sicherheit liebt. Deshalb macht Angst Menschen anfälliger für einfache Erklärungen, gerade in Krisenzeiten.
STANDARD: Heißt das, wir sind unseren Emotionen ausgeliefert?
Del Monte: Nicht ausgeliefert, aber wir können sie auch nicht einfach abschalten. Der entscheidende Punkt ist Integration. Wir müssen lernen zu verstehen, woher unsere emotionalen Bewertungen kommen. Und dafür müssen wir eine Verbindung zwischen rationaler Einordnung und emotionaler Bewertung schaffen.
STANDARD: Wie kann das gelingen?
Del Monte: Indem man sich damit auseinandersetzt. Aber nicht auf rein rationaler Ebene, das funktioniert ja nicht. Dafür muss man verstehen, dass das Gehirn kein statisches Organ ist, es verändert sich auch Basis seiner Erfahrungen. Die schreiben sich in unser System ein, vor allem, wenn sie belastend sind. Und zwar nicht nur als Gefühle wie Angst oder Panik, sondern auch biologisch. Das Gehirn verändert sich strukturell, bestimmte neuronale Verbindungen gestärkt oder abgeschwächt werden.
Wenn zum Beispiel ein Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem Konflikte jederzeit eskalieren können, lernt das Gehirn: "Ich muss ständig wachsam sein." Später, als Erwachsener, reagiert diese Person vielleicht extrem empfindlich auf Kritik oder Spannung. Nicht weil sie "übertreibt", sondern weil das Nervensystem gelernt hat, Gefahr permanent zu antizipieren. Erlebte Traumata verändern also die Art, wie die Welt vorhergesagt wird, die eigene Vergangenheit formt buchstäblich die Architektur des Gehirns.
STANDARD: Kann man das auch wieder rückgängig machen? In der Gehirnforschung ist ja immer die Rede von der Neuroplastizität, dass man die Gehirnstrukturen verändern kann.
Del Monte: Ja, das kann gelingen, aber nicht beliebig und auch nicht schnell. Neue Erfahrungen, auch bewusst angestoßene, können die etablierten neuronalen Strukturen verändern, aber dieser Prozess braucht Zeit, Wiederholung und oft auch emotionale Beteiligung. Es reicht nicht, etwas kognitiv zu verstehen. Veränderung passiert dann, wenn neue Erfahrungen gemacht werden, die auch emotional relevant sind. Deshalb ist es so schwierig, alte Muster zu durchbrechen.
STANDARD: Kann Psychotherapie dabei helfen?
Del Monte: Auf jeden Fall, sie setzt genau hier an. In der Psychotherapie kann es gelingen, Muster sichtbar zu machen, zu verstehen und zu integrieren, also die Verbindung zwischen emotionalem Erleben und rationalem Beurteilen zu bauen. Sie schafft einen Raum, in dem wir aus automatisierten Reaktionsmustern aussteigen, Modelle hinterfragen und erweitern können.
Das erfordert aber Mut, weil man sich dabei auch unangenehmen Erfahrungen stellen muss. Man erkennt etwa auf einmal, dass viele Entscheidungen gar nicht frei waren, sondern Wiederholungen alter Anpassungsstrategien. Therapie ist oft der erste ehrliche Kontakt mit sich selbst. Aber genau darin liegt ihre Stärke.
STANDARD: Warum ist es aber so schwer, sich von den alten Mustern zu lösen? Auch mit therapeutischer Unterstützung ist das ja alles andere als selbstverständlich, das wissen alle Menschen, die Therapieerfahrung haben.
Del Monte: Weil diese Muster Sicherheit geben. Sie sind vertraut, und auch wenn sie einem nicht guttun, sind sie zumindest stabil. Deshalb verteidigen wir unsere inneren Modelle mit enormer Kraft, selbst wenn wir daran leiden.
In einer Welt, die ohnehin von Unsicherheit geprägt ist, wie das etwa durch permanente Informationsflut oder gesellschaftlichen Druck der Fall ist, klammern sich Menschen dann noch stärker an ihre bestehenden Modelle. Das erklärt auch viele gesellschaftliche Phänomene, etwa die Bildung von Echokammern oder die Schwierigkeit, neue Perspektiven zuzulassen.
STANDARD: Das heißt, man kann das Gehirn manipulieren und das wird auch ausgenutzt?
Del Monte: Absolut. Werbung, soziale Netzwerke, politische Bewegungen, viele Medien nutzen genau diese Mechanismen und sprechen unsere emotionalen Bewertungssysteme an.
Dieser Mechanismus greift bei allen Menschen. Man denkt ja gerne, nur "die anderen" lebten in einer Bubble. Aber neurobiologisch betrachtet ist jeder Mensch in seiner eigenen Echokammer, weil ja jeder Mensch die Welt über das eigene Referenzsystem wahrnimmt. Trotzdem sind nicht alle Menschen gleich stark beeinflusst. Entscheidend ist, wie stabil und reflektiert die eigenen Modelle sind. Wer sich seiner eigenen Muster bewusst ist, kann leichter unterscheiden, was von außen kommt und was wirklich das Eigene ist.
STANDARD: Wie funktioniert das in der Praxis?
Del Monte: Wenn jemand überzeugt ist, dass die Welt gefährlich ist, wird er oder sie bevorzugt Nachrichten wahrnehmen, die diese gefühlte Bedrohung bestätigen. Wenn jemand überzeugt ist, dass Menschen egoistisch sind, wird er oder sie besonders aufmerksam auf egoistisches Verhalten reagieren. Das Gehirn hebt sie selektiv hervor und deshalb wirken sie präsenter, die Bedrohung ist stärker. Das Gleiche funktioniert ja auch umgekehrt, bei Menschen, die prinzipiell positiv eingestellt sind. Es kann passieren, dass sie deshalb eine Gefahr unterschätzen.
Problematisch in Bezug auf die eigene Echokammer wird das deshalb, weil heute oft der Wirklichkeitsabgleich fehlt. Stattdessen sucht man sich Informationswelten, die die eigene Weltsicht stabilisieren. Und genau hier entsteht Polarisierung.
STANDARD: Wie kann man Reflexion und Bewertung verbessern?
Del Monte: Indem man sich nicht permanent ablenken lässt. Wir leben in einer Welt voller Reize, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Das Smartphone ist ein permanenter, unbewusster Begleiter, zu dem man in fast jeder Lebenslage greift. Das führt aber dazu, dass wir einen Großteil unserer Zeit im Autopilot verbringen. Studien zeigen, dass wir nur einen kleinen Teil unserer Wachzeit wirklich bewusst und intentional handeln. Dazu kommt die ständige Konfrontation mit idealisierten Bildern von Erfolg, Schönheit oder Glück. Diese setzen uns unter Druck und beeinflussen unser Selbstbild, oft ohne dass wir es merken.
STANDARD: Wie kann man das Gehirn in dieser permanenten Reizflut unterstützen?
Del Monte: Mit allem, was uns wieder in Kontakt mit uns selbst bringt. Das sind oft ganz einfache Dinge, ein Gespräch, ein Spaziergang, Musik, Bewegung, Kochen. Entscheidend ist, dass man dabei präsent ist, dass man in der Zeitspanne, auch wenn sie nur kurz ist, nichts anderes tut. Dann kann sogar ein sogenannter Flow-Zustand entstehen, also ein Moment, in dem man komplett in der eigenen Tätigkeit aufgeht. Herausforderung und eigene Fähigkeiten sind dann im Gleichgewicht.
STANDARD: Das klingt im Grunde recht simpel.
Del Monte: Das ist es auch, wenn man sich wieder darauf einlässt. Die moderne Welt suggeriert uns ja, dass Glück spektakulär sein muss, es geht um große Erfolge, große Sichtbarkeit und große Selbstverwirklichung. Aber aus neurobiologischer Sicht sind es die kleinen Momente der Zufriedenheit, die uns stabilisieren und dem Gehirn guttun.
Nota. - Zum Glück aber haben sich die Menschen im Zuge der Evolution einen Fallschirm erworben: Reflexion, Kritik und Vernunft. Zu jeder Entscheidung, die das Hirn 'von allein' schon getroffen hat, kann 'Ich' - die kognitive Ebene, wie del Monte sagt - doch noch nein! sagen. Dafür bleibt ihm gerademal eine Fünftel-sekunde. In der kann er seinem Willen ein Fenster der Freiheit öffnen: Reflexion, Kritik und - vernünftiges Urteil.
Letzteres mag auch darin bestehen, das vorerst negierte Urteil zu rehabilitieren und ja! zu sagen: das moralisch-ästhetische Urteil aus Gründen zu bestätigen. Das dürfte öfter der Fall sein, als man denkt: weil es nämlich meistens unbeachtet bleibt.
Bedenke: Das ganze Reich der ästhetischen Wahrnehmung entsteht in meiner Welt - und dazu gehören die moralischen Urteile. Darum finden in Moral- und Geschmacksfragen vernünftige Erwägungen so wenig Gehör.
JE, 17. 5. 26





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