Sonntag, 17. Mai 2026

Jedes Gehirn lebt in zwei Welten - in seiner eignen und in der unseren.

Illustration von Silhouetten menschlicher Köpfe in verschiedenen Farben, bei denen die Gehirne jeweils unterschiedlich gestaltet sind. Die Gehirne zeigen Symbole wie Zahnräder, Zahlen, Puzzle-Teile, Punkte mit Verbindungen und Blumen, die verschiedene Denkweisen oder kognitive Fähigkeiten darstellen.  
aus derStandard.at, 14. 5. 2026     Jedes Gehirn tickt anders – weil wir alle im Leben unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Genau die prägen aber unsere Entscheidungen und Handlungen im täglichen Leben.          zu Jochen Ebmeiers Realien 

"Das Gehirn trifft keine rationalen Entscheidungen"
Warum reagieren Menschen völlig unterschiedlich auf dieselbe Situation? Warum macht Angst uns manipulierbarer? Neurowissenschafter Damir del Monte erklärt, wie unser Gehirn tickt
 
Interview von Pia Kruckenhauser

Es gibt einen großen Irrglauben, was unser Gehirn anbelangt: Dass es klar und nüchtern ist und ganz sachlich die objektiv vernünftigste Entscheidung trifft. Das mag aus der eigenen Sichtweise womöglich so sein – aber eine andere Person interpretiert die gleiche Ausgangslage womöglich ganz anders. Und trifft entsprechend ganz andere Entscheidungen.

Das liegt an der Funktionsweise des Gehirns. Es entscheidet nicht primär rational, sondern emotional, es trifft Entscheidungen auf Basis der erlebten Erfahrungen. Das ist auch der Grund, warum es nicht reicht, ein Verhalten zu verstehen, wenn man es ändern möchte. Was dahintersteckt, erklärt der Neurowissenschafter und Key Note Speaker Damir del Monte in seinem Buch Ein Date mit deinem Gehirn. Im STANDARD-Interview spricht er darüber, wie das Gehirn organisiert ist, warum wir alle – nicht nur "die anderen" – in unserer eigenen Echokammer leben und warum Kochen so glücklich machen kann.

STANDARD: Das Gehirn wurde historisch immer mit der jeweils modernsten existierenden Technologie verglichen. Am Anfang war das die Dampfmaschine, zuletzt war es der Computer. Jetzt kommt die Künstliche Intelligenz dazu. Aber ist dieser Vergleich überhaupt zulässig?

Del Monte: Es ist verlockend, das Gehirn mit einer Maschine zu vergleichen, aber es greift viel zu kurz. Anders als eine Maschine oder auch die Künstliche Intelligenz ist das Gehirn kein lineares System, bei dem auf Input A zuverlässig Output A folgt. Das Gehirn ist vielmehr ein hochkomplexes, selbstorganisierendes System, das ständig in Wechselwirkung mit dem gesamten Körper steht. Es arbeitet nicht isoliert oder objektiv, sondern ist eingebettet in biologische, emotionale und soziale Prozesse. Und es hat unzählige Reaktionsmöglichkeiten in petto, die es je nach Bedarf ausspielt.

STANDARD: Wie kann man sich das vorstellen?

Del Monte: Das Gehirn konstruiert fortlaufend Modelle der Welt und unseres Selbst und gleicht diese mit der Realität ab. Das heißt, es gibt eine Erwartungshaltung dazu, was als Nächstes passiert. Kommt ein Reiz von außen, wird dieser nicht einfach neutral wahrgenommen, das Gehirn gleicht ihn mit den Erwartungen auf Basis der eigenen Erfahrungen ab.

Stimmen Vorhersage und Realität überein, passiert wenig, wir nehmen das kaum bewusst wahr. Erst wenn es Abweichungen gibt, man könnte sie als Vorhersagefehler bezeichnen, wird unsere Aufmerksamkeit aktiviert.

STANDARD: Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Del Monte: Steht man morgens auf und kommt aus dem Schlafzimmer, erwartet das Gehirn bestimmte Geräusche, Gerüche, Lichtverhältnisse. Ist etwas anders als sonst, ein ungewohnter Geruch, ein fremdes Geräusch, entsteht so ein Vorhersagefehler, das Gehirn ist alarmiert.

Das betrifft aber nicht nur Alltagssituationen, sondern unsere gesamte Identität. Wenn jemand etwa jahrzehntelang glaubt: "Ich bin nur wertvoll, wenn ich Leistung bringe", wird das zum inneren Modell. Dieses Modell bestimmt dann Wahrnehmung, Verhalten und Emotionen. Das geht so weit, dass Lob oft nicht wirklich wahrgenommen wird, weil es nicht zum bestehenden Selbstbild passt.


 

STANDARD: Ist man dem hilflos ausgeliefert?

Del Monte: Nein, keineswegs. Das Gehirn beginnt ja genau dort zu lernen, wo Erwartung und Wirklichkeit nicht mehr zusammenpassen. Man muss sich diese Diskrepanz aber bewusst machen. Das Gehirn arbeitet dabei selektiv. Es integriert permanent neue Informationen in bestehende Strukturen, reorganisiert sie und vergisst im Zuge dieses Prozesses auch Informationen. Dieses Vergessen ist entscheidend, weil es uns erlaubt, Prinzipien zu bilden und handlungsfähig zu bleiben.

Außerdem ist das Gehirn immer auf Bedeutung ausgerichtet. Es fragt nicht nur "Was ist?", sondern "Was bedeutet das für mich?". Diese Selbstbezüglichkeit fehlt übrigens der KI, die ja auf der Akkumulation von Informationen basiert, aus der sie dann aufgrund eines Algorithmus die wahrscheinlichste Antwort auswählt.

STANDARD: Und warum ist das Gehirn so organisiert?

Del Monte: Weil wir sonst in der permanenten Flut an Informationen untergehen würden. Pro Sekunde erreichen elf Millionen Bits an Informationen das Gehirn. Verarbeiten können wir aber maximal 100 Bits. Das Gehirn filtert radikal heraus, was es als nicht relevant erachtet. Und das eben auf Basis der individuellen Erwartungs- und Erfahrungswelt.

STANDARD: Ist das der Grund, warum Menschen oft auf die gleiche Situation so unterschiedlich reagieren?

Del Monte: Ja. Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens unterschiedliche Erfahrungen gemacht, deshalb hat auch jeder unterschiedliche Vorhersagemodelle. Das Gehirn ist ja kein neutrales System, es ist geprägt von der eigenen Biografie. Deshalb gibt es keine einheitliche Reaktion auf eine Situation. Was für die eine Person bedrohlich ist, kann für die andere völlig unproblematisch sein.

STANDARD: Man kann also eine noch so logische Erklärung haben für ein Problem, eine Bedrohung oder ein Gefühl der Angst. Die Emotionen, die damit einhergehen, sind immer stärker als die Vernunft. Woran liegt das? 

Del Monte: Das liegt an der Organisation des Gehirns. Die kognitive Ebene, also das, was wir als rationales Denken bezeichnen, analysiert, plant, spielt Optionen durch. Aber sie liefert nur Möglichkeiten, sie entscheidet nicht. Die Entscheidungen fallen dort, wo Bedeutung entsteht. Und das ist die emotionale Ebene. Sie bewertet: Ist etwas wichtig? Gefährlich? Relevant für mich? Und das auf Basis der individuellen Erfahrungswelt. Deshalb kann ein Mensch rational wissen, was "richtig" wäre, und dennoch ganz anders handeln.

Die Systematik in den sozialen Medien zeigt das gut. Man sieht ein empörendes Video oder eine Schlagzeile. Noch bevor der Inhalt geprüft wird, reagiert das emotionale System, Angst, Wut, Empörung oder auch Euphorie kommen. Erst danach beginnt die rationale Ebene, Rechtfertigungen zu produzieren. Dazu kommt, dass das Gehirn Sicherheit liebt. Deshalb macht Angst Menschen anfälliger für einfache Erklärungen, gerade in Krisenzeiten.

STANDARD: Heißt das, wir sind unseren Emotionen ausgeliefert?

Del Monte: Nicht ausgeliefert, aber wir können sie auch nicht einfach abschalten. Der entscheidende Punkt ist Integration. Wir müssen lernen zu verstehen, woher unsere emotionalen Bewertungen kommen. Und dafür müssen wir eine Verbindung zwischen rationaler Einordnung und emotionaler Bewertung schaffen.

STANDARD: Wie kann das gelingen?

Del Monte: Indem man sich damit auseinandersetzt. Aber nicht auf rein rationaler Ebene, das funktioniert ja nicht. Dafür muss man verstehen, dass das Gehirn kein statisches Organ ist, es verändert sich auch Basis seiner Erfahrungen. Die schreiben sich in unser System ein, vor allem, wenn sie belastend sind. Und zwar nicht nur als Gefühle wie Angst oder Panik, sondern auch biologisch. Das Gehirn verändert sich strukturell, bestimmte neuronale Verbindungen gestärkt oder abgeschwächt werden.

Wenn zum Beispiel ein Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem Konflikte jederzeit eskalieren können, lernt das Gehirn: "Ich muss ständig wachsam sein." Später, als Erwachsener, reagiert diese Person vielleicht extrem empfindlich auf Kritik oder Spannung. Nicht weil sie "übertreibt", sondern weil das Nervensystem gelernt hat, Gefahr permanent zu antizipieren. Erlebte Traumata verändern also die Art, wie die Welt vorhergesagt wird, die eigene Vergangenheit formt buchstäblich die Architektur des Gehirns.

STANDARD: Kann man das auch wieder rückgängig machen? In der Gehirnforschung ist ja immer die Rede von der Neuroplastizität, dass man die Gehirnstrukturen verändern kann.

Del Monte: Ja, das kann gelingen, aber nicht beliebig und auch nicht schnell. Neue Erfahrungen, auch bewusst angestoßene, können die etablierten neuronalen Strukturen verändern, aber dieser Prozess braucht Zeit, Wiederholung und oft auch emotionale Beteiligung. Es reicht nicht, etwas kognitiv zu verstehen. Veränderung passiert dann, wenn neue Erfahrungen gemacht werden, die auch emotional relevant sind. Deshalb ist es so schwierig, alte Muster zu durchbrechen.

STANDARD: Kann Psychotherapie dabei helfen?

Del Monte: Auf jeden Fall, sie setzt genau hier an. In der Psychotherapie kann es gelingen, Muster sichtbar zu machen, zu verstehen und zu integrieren, also die Verbindung zwischen emotionalem Erleben und rationalem Beurteilen zu bauen. Sie schafft einen Raum, in dem wir aus automatisierten Reaktionsmustern aussteigen, Modelle hinterfragen und erweitern können.

Das erfordert aber Mut, weil man sich dabei auch unangenehmen Erfahrungen stellen muss. Man erkennt etwa auf einmal, dass viele Entscheidungen gar nicht frei waren, sondern Wiederholungen alter Anpassungsstrategien. Therapie ist oft der erste ehrliche Kontakt mit sich selbst. Aber genau darin liegt ihre Stärke.

STANDARD: Warum ist es aber so schwer, sich von den alten Mustern zu lösen? Auch mit therapeutischer Unterstützung ist das ja alles andere als selbstverständlich, das wissen alle Menschen, die Therapieerfahrung haben.

Del Monte: Weil diese Muster Sicherheit geben. Sie sind vertraut, und auch wenn sie einem nicht guttun, sind sie zumindest stabil. Deshalb verteidigen wir unsere inneren Modelle mit enormer Kraft, selbst wenn wir daran leiden.

In einer Welt, die ohnehin von Unsicherheit geprägt ist, wie das etwa durch permanente Informationsflut oder gesellschaftlichen Druck der Fall ist, klammern sich Menschen dann noch stärker an ihre bestehenden Modelle. Das erklärt auch viele gesellschaftliche Phänomene, etwa die Bildung von Echokammern oder die Schwierigkeit, neue Perspektiven zuzulassen.

Buchcover des Titels
Damir del Monte, "Ein Date mit deinem Gehirn. Wer die Hirnwelten versteht, braucht KI nicht zu fürchten". 248 Seiten / € 24,95, Kneipp-Verlag.
Kneipp Verlag

STANDARD: Das heißt, man kann das Gehirn manipulieren und das wird auch ausgenutzt?

Del Monte: Absolut. Werbung, soziale Netzwerke, politische Bewegungen, viele Medien nutzen genau diese Mechanismen und sprechen unsere emotionalen Bewertungssysteme an.

Dieser Mechanismus greift bei allen Menschen. Man denkt ja gerne, nur "die anderen" lebten in einer Bubble. Aber neurobiologisch betrachtet ist jeder Mensch in seiner eigenen Echokammer, weil ja jeder Mensch die Welt über das eigene Referenzsystem wahrnimmt. Trotzdem sind nicht alle Menschen gleich stark beeinflusst. Entscheidend ist, wie stabil und reflektiert die eigenen Modelle sind. Wer sich seiner eigenen Muster bewusst ist, kann leichter unterscheiden, was von außen kommt und was wirklich das Eigene ist.

STANDARD: Wie funktioniert das in der Praxis?

Del Monte: Wenn jemand überzeugt ist, dass die Welt gefährlich ist, wird er oder sie bevorzugt Nachrichten wahrnehmen, die diese gefühlte Bedrohung bestätigen. Wenn jemand überzeugt ist, dass Menschen egoistisch sind, wird er oder sie besonders aufmerksam auf egoistisches Verhalten reagieren. Das Gehirn hebt sie selektiv hervor und deshalb wirken sie präsenter, die Bedrohung ist stärker. Das Gleiche funktioniert ja auch umgekehrt, bei Menschen, die prinzipiell positiv eingestellt sind. Es kann passieren, dass sie deshalb eine Gefahr unterschätzen.

Problematisch in Bezug auf die eigene Echokammer wird das deshalb, weil heute oft der Wirklichkeitsabgleich fehlt. Stattdessen sucht man sich Informationswelten, die die eigene Weltsicht stabilisieren. Und genau hier entsteht Polarisierung.

STANDARD: Wie kann man Reflexion und Bewertung verbessern?

Del Monte: Indem man sich nicht permanent ablenken lässt. Wir leben in einer Welt voller Reize, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Das Smartphone ist ein permanenter, unbewusster Begleiter, zu dem man in fast jeder Lebenslage greift. Das führt aber dazu, dass wir einen Großteil unserer Zeit im Autopilot verbringen. Studien zeigen, dass wir nur einen kleinen Teil unserer Wachzeit wirklich bewusst und intentional handeln. Dazu kommt die ständige Konfrontation mit idealisierten Bildern von Erfolg, Schönheit oder Glück. Diese setzen uns unter Druck und beeinflussen unser Selbstbild, oft ohne dass wir es merken.

STANDARD: Wie kann man das Gehirn in dieser permanenten Reizflut unterstützen?

Del Monte: Mit allem, was uns wieder in Kontakt mit uns selbst bringt. Das sind oft ganz einfache Dinge, ein Gespräch, ein Spaziergang, Musik, Bewegung, Kochen. Entscheidend ist, dass man dabei präsent ist, dass man in der Zeitspanne, auch wenn sie nur kurz ist, nichts anderes tut. Dann kann sogar ein sogenannter Flow-Zustand entstehen, also ein Moment, in dem man komplett in der eigenen Tätigkeit aufgeht. Herausforderung und eigene Fähigkeiten sind dann im Gleichgewicht.

STANDARD: Das klingt im Grunde recht simpel.

Del Monte: Das ist es auch, wenn man sich wieder darauf einlässt. Die moderne Welt suggeriert uns ja, dass Glück spektakulär sein muss, es geht um große Erfolge, große Sichtbarkeit und große Selbstverwirklichung. Aber aus neurobiologischer Sicht sind es die kleinen Momente der Zufriedenheit, die uns stabilisieren und dem Gehirn guttun. 

 

Nota. - Zum Glück aber haben sich die Menschen im Zuge der Evolution einen Fallschirm erworben: Reflexion, Kritik und Vernunft. Zu jeder Entscheidung, die das Hirn 'von allein' schon getroffen hat, kann 'Ich' - die kognitive Ebene, wie del Monte sagt - doch noch nein! sagen. Dafür bleibt ihm gerademal eine Fünftel-sekunde. In der kann er seinem Willen ein Fenster der Freiheit öffnen: Reflexion, Kritik und - vernünftiges Urteil. 

Letzteres mag auch darin bestehen, das vorerst negierte Urteil zu rehabilitieren und ja! zu sagen: das moralisch-ästhetische Urteil aus Gründen zu bestätigen. Das dürfte öfter der Fall sein, als man denkt: weil es nämlich meistens unbeachtet bleibt.

Bedenke: Das ganze Reich der ästhetischen Wahrnehmung entsteht in meiner Welt - und dazu gehören die moralischen Urteile. Darum finden in Moral- und Geschmacksfragen vernünftige Erwägungen so wenig Gehör.
JE 

Samstag, 16. Mai 2026

Ein Horizont ist die Welt nur für einen, der sieht.

Finger mit Kontaktlinse neben Auge in Nahaufnahme 
aus derStandard.at, 14. 5. 2026                                                                             zu Jochen Ebmeiers Realien 
 
Kontaktlinsen, die das Gehirn stimulieren, wirken wie Antidepressivum
Materialwissenschafter haben Linsen entwickelt, die elektrische Impulse vom Auge ins Gehirn senden. Bei Mäusen half die Methode erstaunlich gut gegen Depressionen

Unsere Augen sind nicht nur das Tor zur Welt, sie stellen auch praktisch einen vorgeschalteten Teil des Gehirns dar. Die Netzhaut verarbeitet Licht und ist über mehrere neuronale Bahnen mit Gehirnregionen verknüpft, die nicht nur den Schlaf, Hormone und Aufmerksamkeit, sondern auch die Stimmung regulieren. Die Retina beeinflusst indirekt die Melatoninproduktion, aber auch die Amygdala und das limbische System, die für die Emotionsregulation und Stressreaktionen verantwortlich sind und somit Angst und depressive Stimmungen steuern.

Diese Verbindung vom Auge zum Gehirn haben Forschende genutzt, um Kontaktlinsen zu entwickeln, die das Gehirn stimulieren und bei der Behandlung von Depressionen bei Mäusen ebenso wirksam waren wie Prozac, ein weitverbreitetes Antidepressivum. In den weichen, transparenten Kontaktlinsen sind Elektroden integriert, die über die Netzhaut elektrische Signale an bestimmte Gehirnregionen senden, berichtet die Gruppe rund um den Materialwissenschafter Jang-Ung Park von der koreanischen Yonsei-Universität in einer Studie, die in der Fachzeitschrift Cell Reports Physical Science veröffentlicht wurde.

"Unsere Arbeit eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die Behandlung von Hirnerkrankungen über das Auge", sagt Jang-Ung Park. Dieser nicht-invasive Ansatz habe enormes Potenzial, die Behandlung von Depressionen und anderen Hirnerkrankungen, darunter Angstzustände, Drogenabhängigkeit und kognitiver Verfall, grundlegend zu verändern, sind die Forschenden überzeugt.

Intelligente Linsen

Es wird zwar schon länger an intelligenten, mit Sensoren und ultradünner Elektronik ausgestatteten Kontaktlinsen geforscht, die beispielsweise zur Messung des Augendrucks oder des Blutzuckerspiegels dienen. Nun wurden derartige Kontaktlinsen, die sich dem Auge anpassen und auch die Sicht nicht beeinträchtigen, erstmals zur experimentellen Behandlung neurologischer Krankheiten verwendet. Um die neue Technologie zu testen, produzierten die Wissenschafter winzige Kontaktlinsen mit wenigen Millimetern Durchmesser, die dann den Versuchsmäusen eingesetzt werden mussten.

Die Kontaktlinsen stimulieren das Gehirn mithilfe einer Methode namens transkranielle temporale Interferenzstimulation, bei der zwei elektrische Signale an die Netzhaut gesendet werden. Diese werden ausschließlich an ihrem Schnittpunkt aktiv, was bedeutet, dass die Behandlung sehr präzise ist und nur bestimmte Gehirnregionen anspricht, wie die Forschenden betonen.

"Stellen Sie sich zwei Taschenlampen vor: Jeder Lichtstrahl für sich ist schwach, aber dort, wo sie sich überlappen, entsteht ein heller Punkt, und dieser helle Punkt kann weit entfernt von den Taschenlampen selbst erzeugt werden. Unsere Kontaktlinse macht dasselbe mit zwei harmlosen elektrischen Signalen", erklärt Park. Die elektrischen Impulse würden die natürlichen Nervenbahnen aktivieren, die das Signal zu den stimmungsbezogenen Hirnregionen leiten.

Gleiche Wirkung wie Antidepressiva

Als Probanden dienten Mäuse, die gezielt mit Stresshormonen behandelt wurden. Dieses Mausmodell bildet Verhaltens- und biologische Merkmale nach, die auch im Zusammenhang mit Depressionen auftreten. Die depressiven Mäuse erhielten drei Wochen lang täglich für 30 Minuten eine Kontaktlinsenbehandlung, eine andere Gruppe erhielt Fluoxetin, einen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Wirkstoff in Prozac. Gegenüber einer Kontrollgruppe zeigten die Mäuse mit Kontaktlinsentherapie Verhaltensverbesserungen, die mit denen der Prozac-Mäuse vergleichbar waren.

Aufzeichnungen der Gehirnaktivität zeigten, dass die Hirnstimulation Verbindungen zwischen dem Hippocampus und dem präfrontalen Kortex wiederherstellte, die durch die depressiven Zustände verloren gegangen waren. Die Behandlung reduzierte die Werte von Entzündungsmolekülen im Gehirn, bewirkte eine 48-prozentige Senkung des Stresshormons Corticosteron im Blut und einen 47-prozentigen Anstieg des Serotoninspiegels im Vergleich zu den unbehandelten depressiven Mäusen.

"Wir waren beeindruckt, dass sich Verbesserungen gleichzeitig in Bezug auf Verhalten, Gehirnaktivität und Biologie zeigten und dass die Wirkung mit einem Antidepressivum vergleichbar war", sagt Park. Auch eine Bewertung der Mäuse durch ein Machine-Learning-Modell bestätigte den Effekt.

Nächste Schritte

Nun plant die Forschungsgruppe, die neue Medizintechnologie in den klinischen Bereich zu bringen. Dabei gilt es Park zufolge noch einige Hürden zu überwinden. "Als Nächstes planen wir, die Linse vollständig kabellos zu gestalten, sie bei größeren Tieren auf Langzeitsicherheit zu testen und die Stimulation für jeden Nutzer individuell anzupassen, bevor wir mit klinischen Studien an Patienten fortfahren." (kri)

 

Nota. - Seit wir nicht mehr auf allen Vieren am Boden schnüffeln, riechen wir weniger und sehen wir mehr - und rundum. Das Bild einer Welt konnte uns nur so entstehen. Es ist keine waagerechte Gerade, sondern ein Gesichtskreis, der sich zum Rand hin verflüchtigt.

Dessen Sehen prägt das Wesen von Homo sapiens im selben Maße wie sein aufrechter Gang, zu dem es ursächlich gehört.
JE 

Freitag, 15. Mai 2026

Besteht Dunkle Materie aus Schwarzen Löchern?


>aus spektrum.de, 18. 4 2026                                                                             
 zu Jochen Ebmeiers Realien

Besteht die Dunkle Materie aus Schwarzen Löchern?

Eine Frage, die mich schon seit Jahren umtreibt: Woher wissen wir eigentlich, dass der Massenanteil an Schwarzen Löchern im Universum nicht ausreicht, um das Phänomen der sogenannten Dunklen Materie zu erklären? Ist es nicht möglich, dass die Gesamtanzahl und die Gesamtmasse Schwarzer Löcher deutlich unterschätzt werden? Gerade in der Jugendzeit des Universums sollten durch die damalige Bildung zahlreicher massereicher Sterne und deren Supernovae Unmengen von Neutronensternen und Schwarzen Löchern entstanden sein. Über die Anzahl Schwarzer Löcher in der Größenordnung von etwa 5 bis 20 Sonnenmassen können wir eigentlich nur spekulieren. Ich könnte die Frage auch umformulieren: Woher wissen wir, dass der gravitative Effekt der Dunklen Materie nicht von bislang unentdeckten, frei vagabundierenden Schwarzen Löchern herrührt? Dr. Jürgen Kupka, Bad König

Die Frage, die Herr Kupka stellt, trifft einen wichtigen Nagel genau auf den Kopf. Weite Massenbereiche können wir aufgrund ganz verschiedener Beobachtungen oder Effekte ausschließen: Schwarze Löcher mit Massen unterhalb von 1017 Gramm wären inzwischen aufgrund ihrer Hawking-Strahlung verdampft und hätten sich somit komplett in elektromagnetische Strahlung aufgelöst. Die Nichtbeob-achtung riesiger Anzahlen von Gravitationslinsen setzt enge Grenzen oberhalb von etwa 1021 Gramm, die Emission von Gravitationswellen und andere Effekte schließen Massen ab etwa 1031 Gramm, also rund 0,01 Sonnenmassen, aus. Das betrifft insbesondere alle stellaren und extrem massereichen Schwarzen Löcher. Ein Beispiel: Wenn stellare Löcher von im Durchschnitt zehn Sonnenmassen die gesamte Dunkle Materie in der Sonnenumgebung darstellen sollten, dann müssten sie hier häufiger sein als alle Sterne zusammengenommen.

Aber ein größeres Massenfenster bleibt bisher offen, in dem primordiale Schwarze Löcher – das heißt solche, die nur winzige Sekundenbruchteile nach dem Urknall entstanden sind – durchaus noch mögliche Kandidaten sein können. Diese Information stammt aus der meines Wissens neuesten gründlichen Analyse dieser Frage (Green & Kavanagh, in Journal of Physics, 2021). Daraus stammen auch die Informationen der unten stehenden Abbildung. Nach aktuellem Kenntnisstand könnte die gesamte Dunkle Materie aus Schwarzen Löchern bestehen, die in den Massenbereich zwischen etwa 1017 und 1021 Gramm fallen, also etwa zwischen der Masse des Halleyschen Kometen und der Masse eines Kleinplaneten von knapp 100 Kilometern Durchmesser – wie zum Beispiel der Asteroid (10) Hygiea. Solche Schwarzen Löcher sind winzig; der Radius ihres Ereignishorizonts liegt im Bereich eines Atomdurchmessers an der oberen und eines Atomkerndurchmessers an der unteren Grenze des genannten Massenbereichs.Diese Winzlinge müssten allerdings sehr häufig sein, um die ganze Dunkle Materie zu erklären. Zu jeder Zeit müsste dafür beispielsweise das Sonnensystem innerhalb des Radius der Neptunbahn (30 Astronomische Einheiten) von rund 70 Löchern mit 10

Die müssten dann doch relativ oft mit der Erde zusammenstoßen, oder? Ja, wenn man 20 Treffer pro Gigajahr auf die ganze Erde als häufig bezeichnen mag. Aber unglaublicherweise können die meisten dieser Objekte wegen ihrer Winzigkeit und hohen Geschwindigkeit (typischerweise 400 bis 800 Kilometer pro Sekunde aufgrund des Gravitationsfelds des Milchstraßensystems) den gesamten Erdkörper unbeschädigt und folgenlos durchqueren. Sie würden dabei lediglich ein wenig Gestein und Eisen in Milligramm- bis Kilogramm-Mengen auf Nimmerwiedersehen verschlingen. Auch menschliche Körper würden die kleineren unbemerkt durchqueren. Und die größeren sind viel zu selten, um auch nur einen Menschen jemals getroffen zu haben. 

 
Ein X-Y-Diagramm zeigt den maximalen Anteil der Dunklen Materie in Prozent in Abhängigkeit von der Masse möglicher Schwarzer Löcher in Sonnenmassen. Die X-Achse reicht von 10<sup>–18</sup> bis 10<sup>6</sup> Sonnenmassen, die Y-Achse von 0,01 bis 100 Prozent. Verschiedene farbige Linien und Beschriftungen markieren Bereiche, die durch verschiedene astrophysikalische Beobachtungen ausgeschlossen sind, wie Verdampfung durch Hawking-Strahlung, fehlende Gravitationslinsen, keine beobachteten Röntgenquellen und Gravitationswellen sowie Störungen der Milchstraßenstruktur. Ein roter Bereich zeigt, wo Schwarze Löcher als Dunkle Materie noch erlaubt sind.

Schwarze Löcher? | Die Grafik zeigt den Anteil der gesamten Dunklen Materie, der höchstens aus Schwarzen Löchern in einem gewissen Massenbereich bestehen könnte. In den meisten Bereichen können sie höchstens einige Prozent oder gar nichts beitragen. Nur im Bereich von etwa 1017 bis 1021 Gramm gibt es bisher noch keine Einschränkung. Die verschieden gefärbten Linien stellen die unterschiedlichen Ausschlussgründe dar.
 
 
Nota. - Die Vorstellung liegt nahe. Aber der Begriff liegt ganz wo anders; denn er ist in eine mathematische Formel gefasst, und vorstellen lässt die sich nicht. 
JE 
 

Donnerstag, 14. Mai 2026

Gibt es aber den Prozess-an-sich?


aus derStandard.at, 13. 5. 2026                                                
                                           zu Philosophierungen

Dinge oder Prozesse? Was die Welt im Innersten zusammenhält
Warum die Wirklichkeit letztlich nicht aus statischen Dingen besteht, sondern durch und durch dynamisch ist
 
von Anne Sophie Meincke
 
Was sind die Grundstrukturen der Wirklichkeit? Wie ist die Wirklichkeit im ursprünglichen und allgemeinsten Sinn beschaffen? Die in der westlichen Welt vorherrschende Antwort auf diese Kernfrage der Metaphysik lautet: Dinge bilden das letzte Fundament des Seins, wobei der Begriff "Ding" bezeichnet, was immer so existiert, dass es sich nicht verändern muss, um zu existieren. Dinge sind, technisch gesprochen, Entitäten, für deren Identität Veränderung nicht wesentlich ist. Sie können sich verändern, müssen aber nicht, und wenn sie es tun, dann bleibt diese Veränderung oberflächlich.

Ein gutes Beispiel ist mein Küchentisch – ein Erbstück, dessen stumpfes Ockerbraun mich so sehr deprimierte, dass ich eines Tages zu Pinsel und Farbe griff; seither erstrahlt das alte Möbel in einem frischen Himmelblau. Fraglos steht immer noch derselbe Tisch in meiner Küche. Der Farbwechsel von Ockerbraun zu Himmelblau hat seiner Identität nicht geschadet, geschweige denn zu dieser konstruktiv beigetragen. Ganz im Gegenteil war die Fortexistenz dieses selben Tisches durch die Zeit hindurch doch offenbar die Voraussetzung dafür, dass der Farbwechsel sich an ihm vollziehen konnte. Oder nicht?

Dingontologie: Keine Veränderung ohne unveränderliches Substrat

Dass es in jeder Veränderung etwas gebe, das sich unverändert durchhält – ein unveränderliches Zugrundeliegendes der Veränderung – ist eine Grundüberzeugung der westlichen Dingontologie, also der in unseren Breitengraden seit den Anfängen des philosophischen Denkens dominierenden Ansicht, Dinge seien die grundlegenden Bausteine der Wirklichkeit. Dieses unveränderliche Substrat der Veränderung, welcher Dinge möglicherweise unterliegen, ist ihr Wesen: jene Menge von Eigenschaften, die ein Ding zu dem machen, was es ist. Das Wesen eines Tisches ist etwa, ein Möbelstück mit einer waagerechten Oberfläche zu sein, die sich zum Abstellen von Essgeschirr oder Arbeitsmaterialien eignet. Ob ockerbraun oder himmelblau, ein Ding, das diese Eigenschaft aufweist, ist und bleibt ein Tisch.

Nicht alle Veränderungen sind freilich so harmlos wie ein Farbwechsel. Was, wenn jemand meinem Küchentisch mit einer Säge zu Leibe rückte? Ein in Stücke zersägter Tisch ist kein Tisch mehr, sondern ein Haufen Holz. Dingontolog:innen können dies zugeben – Dinge entstehen und vergehen, wer wollte dies bestreiten? Doch sie verweisen darauf, dass es sogar im Entstehen und Vergehen etwas gebe, das selbst nicht entsteht oder vergeht: die Materie selbst. Jedenfalls hat Aristoteles – einer der Urväter der Dingontologie – so argumentiert.

Nach Aristoteles sind Substanzen – Einzeldinge mit unveränderlichem Wesen – die fundamentalen Bausteine der Wirklichkeit. Alles andere Seiende hängt von Substanzen ab.

Aristoteles vertritt eine bestimmte Version der Dingontologie: die Substanzontologie, gemäß der die die Wirklichkeit primär ausmachenden Dinge Substanzen sind. Substanzen sind komplexe materielle Einzeldinge, die für sich selbst bestehen und identische Subjekte wechselnder Eigenschaften sind. Substanzen sind komplex, insofern sie Teile haben und dennoch ein Ganzes bilden – dank ihrer sogenannten Form, die das Wesen einer Substanz festlegt, indem sie eine bestimmte Portion Materie entsprechend in-formiert. Während sein Lehrer Platon den Formen oder "Ideen" ein von der Materie unabhängiges Sein zuerkannte, besteht Aristoteles darauf, dass es Formen nur als in Substanzen mit Materie verbundene gibt. Einig sind Aristoteles und Platon freilich in der Annahme, dass den Formen ein höherer Wert zukomme als der Materie, da ihr Sein unveränderlich sei.

Metaphysik als Suche nach dem ewigen Urgrund alles Seienden

Man kann die Geschichte der abendländischen Metaphysik als eine großangelegte Suche nach den unveränderlichen, ewigen Prinzipien der veränderlichen, vergänglichen Erscheinungen verstehen – nach dem wahren, göttlichen Sein in und hinter dem uns in der Erfahrung zugänglichen Seienden. Sinnbildlich hierfür steht Platons Höhlengleichnis, das den Prozess der Befreiung vom illusionären Glauben an die Wirklichkeit des veränderlichen Seienden beschreibt. Mittels vernünftigen Denkens können wir der Höhle unserer Alltagserfahrung entkommen, indem wir erkennen, dass die veränderlichen Gegenstände unserer Sinneswahrnehmung lediglich Abbilder unveränderlicher, vollkommener geistiger Dinge sind, die im eigentlichen Sinn wirklich sind.

Platon zufolge ist es die Aufgabe der Philosophie, die Menschen aus der Höhle der veränderlichen sinnlichen Schatten der Dinge zu den Dingen selbst zu führen und das heißt zu den unveränderlichen, ewigen und wahrhaft seienden Ideen.

Doch auch Aristoteles ist überzeugt, dass was die Welt im Innersten zusammenhält nur etwas sein kann, das jedweder Veränderung entzogen ist, und diese wahrhaft seienden ewigen und somit göttlichen Dinge und Prinzipien sind ihm zufolge die Gegenstände der Metaphysik als der "ersten Philosophie" – im Gegensatz zu den veränderlichen Dingen, mit denen sich die Naturwissenschaft als "zweite Philosophie" beschäftigt, ihrerseits freilich mit dem Ziel, im Veränderlichen das Unveränderliche aufzuspüren. Dahinter steckt die Überzeugung, dass alles Wissen sich letztlich auf Unveränderliches gründen muss. Eine Welt ohne unveränderliche, ewige Dinge und Prinzipien wäre chaotisch und für den Geist unerkennbar.

Prozessontologie: Sein ist Veränderung

Diese tiefsitzende Angst vor der Veränderung ist ein Leitmotiv der Substanzontologie und der Dingontologie überhaupt. Sie ist auch der Antrieb für die nachhaltige, gezielte Unterdrückung der alternativen Sichtweise der Wirklichkeit als eines durch und durch dynamischen Geschehens, wie sie von der Prozessontologie vertreten wird. Dieser zufolge sind nicht Dinge, sondern Prozesse ontologisch grundlegend, wobei ein Prozess etwas ist, das sich verändern muss, um zu existieren, – eine Entität, für deren Identität Veränderung wesentlich ist.

Ein gutes Beispiel ist ein Fluss, denn ein Fluss, der nicht fließt, ist kein Fluss. Das Fließen – der Wechsel des Wassers – ist eine Existenzbedingung des Flusses. So argumentierte bereits der vorsokratische Philosoph Heraklit von Ephesos, der Urvater der Prozessontologie in der westlichen Hemisphäre. Veränderung ist für ihn nicht etwas Nachrangiges gegenüber dem Sein der Dinge, sodass sie zunächst einmal sind, was sie sind, um dann vielleicht gewissen Veränderungen zu unterliegen. Nein, nach Heraklit gibt es überhaupt kein Sein jenseits von Veränderung, sondern vielmehr umgekehrt Sein nur durch und als Veränderung. Alles fließt – panta rhei. Sein selbst ist Veränderung und das heißt: Prozess.

Dass alles fließt, wie Heraklit lehrte, bedeutet nicht, dass die Wirklichkeit ein ungeordnetes Chaos ist; vielmehr sind Veränderung und Werden der Grund der Ordnung des Seins.

Laut Platon soll Heraklit gesagt haben, niemand steige zweimal in denselben Fluss. In den vermutlich authentischen Fragmenten von Heraklits Werk findet sich jedoch vielmehr die Aussage, wer in denselben Fluss steige, den umflössen immer andere Wasser. Dass alles fließt, heißt demnach keineswegs, dass nichts jemals dasselbe bleibt und als dasselbe eine gewisse Zeit dauert. Vielmehr ist die Veränderung, ist das Werden selbst das Dauernde, nämlich so, dass es aus sich temporär stabile Identitäten gebiert. Stabilität ist nicht Stillstand, keine Abwesenheit von Veränderung, sondern ein Gleichgewicht von Prozessen, ein Fließgleichgewicht. Platons Unterschlagung dieses zentralen Elements von Heraklits Lehre ist kein Zufall, sondern Teil einer konzertierten dingontologischen Kampagne gegen die Prozessontologie, einer Kampagne, die so erfolgreich war, dass die Prozessontologie in der westlichen Welt (anders als in der östlichen) für nicht weniger als zwei Jahrtausende von der philosophischen Bildfläche verschwand.

Veränderung braucht kein unveränderliches Substrat

Das Verdienst, die Prozessontologie als Erster wieder zu neuem Leben erweckt zu haben, kommt dem französischen Philosophen Henri Bergson zu. Ihm zufolge ist Zeit das Wesen der Wirklichkeit und das heißt: Veränderung, Bewegung, Werden. Dass wir dies zumeist übersehen, liege an unserer Gewohnheit, die Zeit zu verräumlichen. So sprechen wir ja von Zeiträumen, die sich in Zeitabschnitte oder Zeitpunkte unterteilen lassen, ganz so, als wäre eine bestimmte Zeitdauer identisch mit einer bestimmten Wegstrecke im Raum. Die unüberwindbare Differenz zwischen Zeit und Raum wird aber spätestens dann deutlich, wenn wir versuchen, Bewegung aus den unbewegten Abschnitten der verräumlichten Zeit zusammenzubauen. Bewegung lässt sich im Denken in Unbewegtes zerlegen; nicht aber lässt sich durch das Aneinanderreihen von unbewegten Dingen die Bewegung zurückgewinnen. Sind Veränderung, Bewegung und Werden real, so müssen sie ursprünglicher sein als Identität, Stillstand und fixes Sein.

Veränderung vollzieht sich nicht auf dem Rücken eines Unveränderlichen, sondern ist allumfassend. Das Dauernde im Werden ist das Werden selbst – durée: Henri Bergson

Die Prozessontologie kann mithin die Existenz von "Dingen" anerkennen, jedoch nicht im Sinne von fundamentalen unveränderlichen Bausteinen der Wirklichkeit, sondern vielmehr neu verstanden als komplexe Prozesse, die innerhalb eines bestimmten Bezugssystems relativ stabil sind. Auch Organismen – von Aristoteles dereinst als paradigmatische Substanzen erachtet – erweisen sich bei näherem Hinsehen als vergleichsweise stabile Prozesse – stabil jedenfalls für eine gewisse Zeit, nämlich genau so lange, wie es ihnen gelingt, sich durch passende Interaktionen mit der Umwelt, insbesondere durch den steten Austausch von Materie und Energie (Stoffwechsel), selbst zu stabilisieren. Stabilität ist das Resultat interaktiver Anstrengung, Veränderung nicht bloß ein oberflächliches Anhängsel einer schon gegebenen Identität, sondern deren Existenzbedingung.

Das neue Forschungsfeld der "Prozessphilosophie der Biologie", das den dynamischen Charakter des Lebens auf allen Stufen seiner Organisation – von der Zelle über Organe und Organismen bis zu Populationen, Ökosystemen und der Evolution der Spezies – betont, trägt dem Rechnung. Aber auch Chemie und Physik legen einen prozessualen Ansatz nahe. Moleküle entstehen, verändern sich und zerfallen in ständigen Reaktions- und Wechselwirkungsprozessen; Atome erweisen sich als Knotenpunkte dynamischer Energien, deren Stabilität selbst nur ein momentanes Gleichgewicht im Strom von Quantenprozessen ist. Auf molekular-atomarer Ebene ist mein Küchentisch ebenso dynamisch wie ein Organismus oder Fluss. Die Metaphysik des Abendlandes sollte mithin ihre Fixierung auf das Ewige, Zeitlose ablegen. Denn was die Wirklichkeit im Innersten zusammenhält, sind nicht Dinge, sondern Prozesse. 

 

Nota. - Hab ich was übersehen - kommt der Ausdruck an-sich im Obigen wirklich nicht vor? Unter dieser Fragestellung geht es dem Przess nicht besser als dem Ding: Dass es prozediert, weiß dass Wasser im Flussbett so wenig, wie das Flussbett, dass es ist. Beides - sein oder sich-verändern - sind Prädikationen, die nur ein Urteilender an ihnen vornehmen konnte - an ihnen selbst lassen sie sich nicht vorfinden, nämlich messen, wenn nicht von der Veränderung zuvor abgesehen wird und ein 'seiender' Moment darüber gestülpt wird. Und erst, wenn man einen zweiten 'seienden' Moment hinzugefügt hat, lassen sie sich messen, nämlich vergleichen.

Ohne dies braucht es immer einen urteilenden Beobachter, der zwischen sein und werden unterscheidet. Beides 'gibt es' nur für ihn und nicht an sich.

Ach, übrigens: Auch, was die Welt zusammenhält, liegt im Auge des Betrachters: Denn schon die Welt ist weder Ding - eine vorliegende Landschaft - noch Werden - ein dauernder Fluss - an-sich, sondern jediglich der Horizont, in den ein Beobachter seine Wahrnehmungen hinein versetzt wie in ein selbstgemaltes Bild. Und zum Schluss noch dies: Das, was im unbeteiligten Beobachter das Ganze ewig zusammenhält, nennt die Transzendentalphilosophie das Ich.  
JE 


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Mittwoch, 13. Mai 2026

Das Gehirn und seine Erinnerungen.

Kandinsky, 1932                                                                      
aus derStandard.at,13. 4. 2026                                                          zu Jochen Ebmeiers Realien

Warum man sich an den Text von Hits aus der Jugend erinnert – aber nicht weiß, warum man in der Küche ist
Das Arbeitsgedächtnis, also der temporäre Speicher des Gehirns, wird mit dem Älterwerden langsamer. Sorgen über einen kognitiven Verfall muss man sich deshalb aber nicht machen

Oops!... I did it again. Menschen ab Mitte 30 müssen im Normalfall nur die ersten Takte von Britney Spears' Hit hören und können den gesamten Text mitsingen – und tun das oft auch, völlig losgelöst. Sorry, der nächste Ohr-wurm... 

Alte Hadern aus der Jugend mitsingen? Definitiv kein Problem. Aber warum man gerade vom Schreibtisch aufgestanden und in die Küche gegangen ist? Hm, gute Frage...

Solche Aussetzer kommen mit zunehmendem Alter öfter vor und man stellt sich die Frage: Sind das erste Anzeichen des kognitiven Verfalls? Womöglich stellt sich sogar ein leises, nagendes Gefühl der Angst ein, dass das Gehirn nicht mehr ordentlich arbeitet.

Doch deshalb muss man sich keine Sorgen machen. Die Tatsache, dass man jedes Wort eines alten Hits kennt, aber eine gerade gefasste Absicht vergisst, ist kein Zeichen für ein nachlassendes Gedächtnis. Das demonstriert vielmehr, wie das Gedächtnis funktioniert.

Kurzzeit- versus Langzeitgedächtnis

Man spricht oft über das Gedächtnis, als stünde hinter seiner Funktion ein linearer Prozess. Das ist aber nicht der Fall, erklärt Michelle Spear, Anatomieprofessorin an der britischen University of Bristol, auf der Wissenschaftsplattform The Conver-sation. Vielmehr speichert das Gehirn Informationen, indem es Nervenzellen über Synapsen zu dynamischen Netzwerken verbindet.

Liedtexte etwa sind im Langzeitgedächtnis gespeichert. Dabei handelt es sich um Netzwerke, die über das gesamte Gehirn verteilt sind, die über Jahre angesammelte Informationen speichern. Zu diesen Netzwerken gehören die Sprachzentren in den Temporallappen, der auditorische Kortex, motorische Regionen, die an der Sprachproduktion beteiligt sind, und emotionale Schaltkreise im Gehirn, die dazu beitragen, Erlebnisse als bedeutsam einzuordnen.

Musik ist dabei neurologisch gesehen komplex: Sie spricht mehrere Systeme gleichzeitig an, die für Rhythmus, Sprache, Bewegung und Emotion. Und genau diese Vielschichtigkeit verstärkt die Informationsverarbeitung. Jedes Mal, wenn man einen Liedtext (mit)gesunden hat – im eigenen Zimmer, im Auto, auf einer Party – wurden dadurch die daran beteiligten synaptischen Verbindungen gestärkt. Mit der Zeit wird dieser Signalweg effizient und stabil, das Abrufen der Texte erfolgt nahezu automatisch.

Will man sich daran erinnern, warum man in die Küche gegangen ist, ruft man dagegen das Arbeitsgedächtnis auf, also den temporären Speicher des Gehirns. Das Arbeitsgedächtnis ist aber wenig belastbar: Es kann nur eine geringe Menge an Informationen für kurze Zeit speichern und reagiert äußerst empfindlich auf Ablenkungen. Ein einziger konkurrierender Gedanke kann schon genügen, um den Speicher zu überschreiben.

Der Türschwelleneffekt

Psychologen erklären das mit dem "Türschwelleneffekt": Begibt man sich von einem Ort an einen anderen, aktualisiert das Gehirn den Kontext. Es unterteilt dabei die Erfahrungen in einzelne Episoden: Die im vorherigen Raum gebildete Absicht – "einen Kaffee holen", "den Schlüsselbund finden" – wurde in diesem früheren Kontext kodiert. Das Überschreiten einer Schwelle kann den Abruf-hinweis schwächen und die Aufgabe verschwindet.

Das ist keinesfalls Ineffizienz des Gehirns, es ist vielmehr eine Organisationsstra-tegie. Das Gehirn gliedert Erfahrungen in sinnvolle Einheiten, genau durch diese Segmentierung sorgt es dafür, dass wir uns an Dinge sehr lange erinnern. Musik profitiert dabei zusätzlich von ihrer Struktur: Reim und Rhythmus erzeugen vorhersehbare Muster, Vorhersehbarkeit fördert wiederum das Erinnern, da das Gehirn ständig antizipiert, was als Nächstes kommt.

Gehirnstudien auf Basis von bildgebenden Verfahren zeigen, dass das musikalische Gedächtnis weitverbreitete kortikale und subkortikale Regionen aktiviert. Das funktioniert so gut, dass das musikalische Gedächtnis selbst bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer sehr lange erhalten bleibt, nachdem andere Formen des Erinnerns bereits nachgelassen haben.

Überlastung der Aufmerksamkeitskapazität

Die Tatsache, dass man Jahrzehnte später immer noch eine textlich fehlerfreie Karaoke-Version des damaligen Lieblingshits liefern kann, zeigt: Die Stärke des Gedächtnisses hängt weniger vom Alter ab, sondern vielmehr von der Tiefe der Speicherung. Ein in der Jugend hunderte Male wiederholter Text ist neurologisch "stärker" als eine flüchtige Absicht, die erst vor fünf Sekunden entstanden ist.

Dazu kommt, dass die Verarbeitungsgeschwindigkeit mit dem Alter tendenziell etwas abnimmt. Dadurch wird das Arbeitsgedächtnis störungsanfälliger, Multi-tasking wird schwieriger. Doch Langzeitwissen wie Wortschatz, Fachwissen oder gut verinnerlichte Informationen bleibt oft erhalten oder steigert sich sogar.

Hat man also vergessen, warum man in die Küche gegangen ist, hat das wenig mit kognitivem Abbau zu tun. Vielmehr kommt es von einer Überlastung der Aufmerk-samkeitskapazität. Die moderne (Arbeits)Welt ist von ständigen Ablenkungen geprägt: Nachrichten, Aufgabenliste, konkurrierende Anforderungen, innere Gedanken. Das Arbeitsgedächtnis ist aber nicht darauf ausgelegt, dieser Belastung standzuhalten.

Störanfälligkeit reduzieren

Es ist dabei nicht so, dass das Gehirn keine Informationen mehr speichern kann. Aber es wählt selektiv aus, welche Gedanken oder Absichten stabil bleiben. Doch es gibt Methoden, wie man den Türschelleneffekt umgehen kann.

Eine der einfachsten Methoden ist, die Aufgabe laut auszusprechen, bevor man sich bewegt. Durch die Verbalisierung einer Absicht – "Ich gehe in die Küche, um mir einen Kaffee zu holen" – werden zusätzliche sprachliche Netzwerke aktiviert, das verankert sie besser im Gehirn.

Ein weiterer Ansatz ist eine kurze Visualisierung. Stellt man sich das Objekt der Begierde – eine Tasse Kaffee – kurz vor, erzeugt man eine nachhaltigere mentale Spur als durch die vage Absicht allein.

Auch ein physischer Hinweis kann helfen: Nimmt man beispielsweise eine leere Tasse mit, bevor man in die Küche geht, verankert das den Zweck des Weges in etwas Greifbarem. Diese Strategien funktionieren, weil sie die Absicht bekräftigen, bevor eine veränderte Situation sie unterbricht. Dadurch wird das Gedächtnis weniger anfällig für Störungen.

Es ist also alles in Ordnung, wenn Britney Spears emotionale Gefühle in einem auslöst. Indem das Gehirn tief eingeübte, emotional aufgeladene Informationen gegenüber flüchtigen Absichten priorisiert, tut es genau das, wofür es gemacht ist. 

 

Nota. - Das Gedächtnis ist keine logisch sortierte Tabelle, sonden ein pragmatischer Vorrat:  Es ist um des Handelns willen entstanden und nicht fürs bloße Einordnen wegen. Es sucht ein Projektor und kein Lexikon: Was abseits des Handlungsstran-ges liegt, wird hintangestellt. Und welcher Eintrag jünger oder älter ist, entscheidet weniger darüber, was am leichtesten gefunden wird, als darüber, was ich am sicher-sten aufbewahre. Da mag sich einiges überschneiden und durchkreuzen.
JE 

 

Dienstag, 12. Mai 2026

Erfahrung ohne Anschauung?

 Corinth, Samson        zu Jochen Ebmeiers Realien, zu Philosophierungen

Begriffe ohne Anschauung seien leer und Anschauung ohne Begriff sei blind, heißt es bei Kant. Jedes reale Wissen beruhe auf Erfahrung.

In Relativitätstheorie und Quantenphysik können wir Sachen denken, die auf Mo-dellprognosen beruhen. Wenn die Modelle richtig sind und ihrerseits aus Erfah-rungsdaten errechnet waren, beruhen sie selber auf Erfahrung. Je mehr Rechen-schritte zwischen den zugrundeliegenden Experimenten und den prognostizierten Daten liegen, umso mehr kleinste Fehler können sich einschleichen. Doch die Re-chenfehler derer, sie sie anwenden, berühren nicht die Gültigkeit der theoretischen Modelle. Die kann nur durch Rechen- und Denkfehler in den Modellen selbst oder durch nachträglich entdeckte Messfehler bei den experimentell zugrundegelegten Daten beeinträchtigt werden.  

Je mehr Rechenarbeit* zwischen dem Modell und den Hypothesen liegt, umso we-niger können jene vorgestellt werden. Vorstellung ist ein Rückgriff der Intelligenz auf gehabte innere oder äußere Anschauung, und die wird von Rechenschritt zu Rechenschritt blasser.  

Einer, der was von Physik versteht, würde sich geschickter ausdrücken. Doch etwas anderes könnte er nicht sagen. 

*) Mathematik gründet auf Anschauung, aber nicht das Rechnen selbst.                    

Montag, 11. Mai 2026

Kleinkinder denken überraschend komplex.

  

aus derStandard.at, 25. April 2026                                        zu Jochen Ebmeiers Realienzu Levana, oder Erziehlehre 

Kleinkinder denken überraschend komplex
Viele Annahmen, wie selbst schon Babys mit ihrer Umwelt agieren und davon lernen, sind mittlerweile überholt. Kleinkinder sind weder ein unbeschriebenes Blatt, noch wie ein Schwamm
 

Viele Annahmen zum frühkindlichen Lernen und Denken sind überholt. Komplexes Verstehen etwa beginnt nicht erst mit dem Sprechen. Studien zeigen: Schon im ersten Lebensjahr erfassen Kinder Zusammenhänge, prüfen Informationen und bilden Erwartungen an ihre Umwelt. Bereits im Alter von zwei Monaten erkennen Babys Objekte und sortieren diese im Gehirn in Kategorien. Lernen ist dabei kein linearer Prozess, sondern entsteht aus einem Zusammenspiel von externen Wahrnehmungen und sozialer Interaktion.

Agnes-Melinda Kovács ist Entwicklungspsychologin und Direktorin des Cognitive Development Centers an der Central European University. Sie interessiert sich vor allem für die Grundlagen des abstrakten Denkens sowie die Mechanismen des frühkindlichen Lernens. Im Zuge ihrer Forschung arbeitet sie daher hauptsächlich mit Kleinkindern im Alter von 12 bis 18 Monaten. Denn die Psychologin ist überzeugt: Durch das Beobachten von Kindern können wir viel über die menschliche Natur im Allgemeinen lernen.

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, wie stark sich das Verständnis kindlichen Lernens verändert hat. Lange Zeit beschäftigte sich die Entwicklungsforschung primär damit, wie Kleinkinder die physikalischen Eigenschaften ihrer Umgebung erkunden. Erst später verlagerte sich das Interesse auf das Lernen selbst, etwa den Einfluss von sprachlichem Input. Dabei sind Forschende zunächst davon ausgegangen, dass Kleinkinder nur sehr wenig wissen. Sie prägten die Vorstellung eines Babys als unbeschriebenes Blatt.

Weder Blatt noch Schwamm

Etwas später wurden Kleinkinder gerne mit einem Schwamm verglichen, der jegliches Wissen unkontrolliert aufsaugt. Doch auch diese Vorstellung ist inzwischen überholt, erklärt Kovács. "Heute wissen wir, dass Kinder Informationen nicht nur passiv wie ein Schwamm aufsaugen, sondern aktiv lernen." Zeigt ein Kind beispielsweise auf ein bestimmtes Objekt, interpretieren das Entwicklungspsychologinnen und -psychologen heutzutage als aktives Abfragen einer Information.

Doch erst in den vergangenen zehn Jahren haben Forschende damit begonnen, sich verstärkt mit höheren kognitiven Prozessen zu befassen – etwa mit der Frage, ob Kleinkinder die Absichten, Ziele und mentalen Zustände anderer Menschen nachvollziehen können. In ihrer neuesten Publikation untersucht Kovács deshalb, wie früh Kinder erwarten, dass Handlungen, Überzeugungen und Kommunikation anderer Menschen konsequent sind.

Kleinkind dekoriert ein Fenster mit roten, herzförmigen Stickern für den Valentinstag. Die Szene wird durch das Glas aufgenommen und wirkt stimmungsvoll beleuchtet.
Komplexes Denken ist nicht mit dem Auftreten der Sprache verbunden, sondern beginnt viel früher.

"Uns hat interessiert, wie Kinder mit widersprüchlichen Informationen umgehen. Denn das ist gerade in der heutigen Zeit – in der es so viele Falschinformationen wie noch nie gibt – besonders relevant." Im Rahmen der Studie wurden den Kindern zwei Boxen vorgelegt. In einer der Boxen versteckte sich ein Objekt. Die Versuchsleitung zeigte im Laufe des Experiments zunächst fälschlicherweise auf die erste Box und behauptete, das Objekt befinde sich hier drin. Später korrigierte sich die Person selbst und zeigte schließlich auf die zweite Box. Im Anschluss wurden die Kinder nach dem versteckten Objekt gefragt.

Das Ergebnis: Die meisten Kinder richteten sich nach dem letzten Hinweis und vermuteten das Objekt in der zweiten Box. Danach wurde das Experiment wiederholt. Diesmal gab es jedoch zwei Personen, die beide auf die jeweils andere Box zeigten. Kovács erklärt: "Die Kinder wussten nicht mehr, wem sie vertrauen sollten. Damit wollten wir testen, ob sie erkennen können, dass die Kommunikations- und Informationsstruktur tatsächlich konsistent sein muss."

Konsistentes Handeln

Am Ende wurde deutlich, dass bereits Säuglinge davon ausgehen, dass eine einzelne Person konsistent handelt und kommuniziert – und widersprüchliches Verhalten eher auf mehrere Personen zurückzuführen ist. In Zukunft möchte Kovács noch weiter gehen und auf Basis dieser Erkenntnis untersuchen, welche Faktoren und Mechanismen das Verhalten und Handeln der Kinder beeinflussen: "Wir wollen herausfinden, welche Faktoren dazu führen, dass wir in manchen Situationen weniger rational denken und dadurch anfälliger für Falschinformationen sind, und ob diese Faktoren bereits in der frühen Kindheit eine Rolle spielen."

Fest steht: Kinder können auf ganz unterschiedliche Art und Weise lernen. Neben dem Beobachten ist dabei vor allem das aktive Erkunden wichtig. Speziell Kleinkinder nehmen Gegenstände primär mit den Händen wahr – "oder sie stecken sie in den Mund, was ebenfalls eine Form des Erkundens darstellt", sagt Kovács. Ein mindestens genauso relevanter Aspekt sei jedoch das soziale Lernen. Denn dabei lernt ein Baby wichtige Dinge von unwichtigen zu entscheiden. "Es handelt sich da um ganz banale Sachen. Zum Beispiel, dass es sich das Muster des Teppichs nicht merken muss, aber die Gesichter seiner Geschwister schon."

Auch als Erwachsene erleben wir noch soziales Lernen – etwa beim Entdecken fremder Kulturen: Immerhin orientieren wir uns auf Reisen meist am Verhalten von anderen Menschen. "Bei Säuglingen funktioniert das eben genauso," sagt Kovács. Hinzu kommt: Nicht jedes Kind ist gleich. "Wir lernen unterschiedlich, wir interessieren uns für unterschiedliche Dinge. Wir haben unterschiedliche Beweggründe, Dinge zu lernen. Das gilt auch für Babys." Eltern können das Lernen aber durch gewisse Verhaltensweisen unterstützen. Kovács empfiehlt: "Babys lernen besser, wenn man sie beim Namen nennt oder Augenkontakt herstellt." Außerdem gilt: Qualität vor Quantität. Entscheidend in der kindlichen Entwicklung ist nicht die Menge an Förderung, sondern vor allem die Qualität von Beziehungen. Denn feinfühlige Interaktionen – etwa durch die Eltern oder andere Bezugspersonen – prägen Kleinkinder wesentlich stärker als jedes noch so ausgefuchste Lern-Programm. 

 

Blog-Archiv

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  aus derStandard.at, 14. 5. 2026      Jedes Gehirn tickt anders – weil wir alle im Leben unterschiedliche Erfahrungen gemac...