Was wir über die Antike und das Mittelalter wissen, verdanken wir einer winzigen Auswahl von Texten, die die Jahrhunderte überstanden haben. Werke wie das Gilgamesch-Epos, Homers Odyssee oder die Geschichten um König Artus erscheinen heute als feste Bestandteile des kulturellen Erbes. Doch sie könnten ebenso gut verschwunden sein. Eine neue Studie zeigt nun, wie stark der Zufall darüber entschieden hat, welche Schriften bis heute überlebt haben – und welche für immer verloren gingen.

Ein französisches Forscherteam um den Mediävisten Jean-Baptiste Camps (Université Paris), einen Spezialisten für den Einsatz von digitalen Textanalysen, hat den Weg mittelalterlicher Handschriften mit Methoden der Komplexitätsforschung untersucht. Das Ergebnis, publiziert am Dienstag im Fachblatt PNAS Nexus, ist erstaunlich: Bis zu 60 Prozent aller einst existierenden Texte könnten vollständig verschwunden sein. Noch dramatischer ist der Verlust einzelner Handschriften. Von ihnen könnten mehr als 95 Prozent vernichtet worden sein.

Kopien mit Fehlern

Vor der Erfindung des Buchdrucks war jeder Text ein Unikat. Wollte sich ein Werk verbreiten, musste es von Hand abgeschrieben werden. Ein Schreiber fertigte eine Kopie an, von der wiederum weitere Kopien entstanden. Jede Abschrift brachte neue Fehler, Korrekturen oder bewusste Änderungen mit sich. Gleichzeitig gingen Handschriften durch Brände, Feuchtigkeit, Kriege, Materialverschleiß oder schlichte Gleichgültigkeit verloren. Das Schicksal eines Textes hing davon ab, ob er oft genug kopiert wurde, um das Verschwinden einzelner Exemplare zu überstehen.

Philologen rekonstruieren diese Überlieferung seit mehr als hundert Jahren mithilfe sogenannter Stemmata – Stammbäumen von Handschriften. Ähnlich wie in der Evolutionsbiologie Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Arten rekonstruiert werden, wird so nachvollzogen, welche Handschrift von welcher Vorlage abstammt. Gemeinsame Schreibfehler oder identische Veränderungen verraten dabei die Abstammungslinien.

Ein Stammbaum der Abschriften des Rolandslied
Ein Handschriftenstammbaum für das Rolandslied.

Bislang fehlte jedoch ein allgemeines Modell dafür, wie solche Überlieferungsprozesse tatsächlich ablaufen. Genau hier setzt die neue Arbeit an. Die Forschenden um Jean-Baptiste Camp verbinden historische Überlieferungsforschung mit mathematischen Modellen und Computersimulationen. Grundlage ihrer Analysen sind rund 2000 mittelalterliche Handschriften aus einem Zeitraum von etwa vier Jahrhunderten.

Die drei Wissenschafter behandeln die Verbreitung von Texten als komplexes dynamisches System. Dabei spielen zwei gegenläufige Prozesse die entscheidende Rolle: das Kopieren und das Verschwinden. Je häufiger ein Manuskript abgeschrieben wird, desto größer werden die Überlebenschancen des Textes. Gleichzeitig reduziert jede zerstörte Handschrift die Wahrscheinlichkeit, dass ein Werk an spätere Generationen weitergegeben wird.

Bemerkenswert ist, dass sich viele Eigenschaften historischer Überlieferungen durch Zufallsprozesse erklären lassen. Die Autoren sprechen von "Drift", einem Begriff aus der Evolutionsbiologie. Gemeint ist, dass nicht unbedingt die qualitativ besten oder wichtigsten Werke überleben, sondern oft jene, die zufällig häufiger kopiert wurden oder günstige historische Umstände vorfanden. Kulturgeschichte erscheint damit weniger als Ergebnis einer kontinuierlichen Auswahl der besten Texte, sondern auch als Folge statistischer Zufälle.

Unausgewogene Stammbäume

Das Modell reproduziert sogar ein Phänomen, das Handschriftenforschende seit Jahrzehnten beschäftigt: die auffällige Unausgewogenheit vieler Überlieferungsstammbäume. Manche Zweige einer Texttradition brachten zahlreiche Nachkommen hervor, andere starben rasch aus. Über die Ursachen dieser Asymmetrie wurde lange diskutiert. Nach den neuen Berechnungen kann sie bereits aus den grundlegenden Prozessen des Kopierens und Verlierens entstehen – ganz ohne besondere historische Ereignisse.

Historische Katastrophen spielen dennoch eine wichtige Rolle. Das Modell erlaubt es erstmals, deren Auswirkungen systematisch einzubeziehen. So könnten Ereignisse wie die Pestepidemien im 14. Jahrhundert, Klosterauflösungen, Kriege oder politische Umbrüche die Überlieferung zusätzlich verzerrt haben, indem ganze Bibliotheken vernichtet oder Regionen als Zentren des Abschreibens ausfielen.

Verzerrte Stichprobe

Die Ergebnisse werfen auch ein neues Licht auf die Frage, wie repräsentativ unser kulturelles Erbe überhaupt ist. Wenn tatsächlich mehr als die Hälfte aller Texte vollständig verschwunden ist, dann beruht unser Bild vergangener Gesellschaften auf einer äußerst kleinen und möglicherweise verzerrten Stichprobe. Viele literarische Gattungen, wissenschaftliche Abhandlungen oder religiöse Schriften könnten vollständig verloren gegangen sein, ohne jemals Spuren in der heutigen Überlieferung zu hinterlassen.

Das betrifft keineswegs nur mittelalterliche Literatur. Nach Ansicht der Autoren lässt sich ihr Modell auf zahlreiche andere Bereiche übertragen – von antiken Klassikern über Gesetzestexte und religiöse Manuskripte bis hin zu wissenschaftlichen Schriften. Überall dort, wo Texte über Generationen hinweg kopiert, verändert und teilweise vernichtet wurden, wirken ähnliche Mechanismen.

Zufälle der Überlieferung

Die Studie schlägt damit auch eine Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Während Philologen seit langem einzelne Handschriftentraditionen im Detail untersuchen, liefert die Komplexitätsforschung nun einen theoretischen Rahmen, um allgemeine Gesetzmäßigkeiten der kulturellen Überlieferung zu beschreiben. Statt einzelne Verluste isoliert zu betrachten, wird sichtbar, wie aus zahllosen Entscheidungen von Schreibern, Bibliothekaren und Leserinnen über Jahrhunderte hinweg das kulturelle Gedächtnis Europas entstand.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist jedoch eine andere: Was heute als literarischer Kanon gilt, ist nicht zwangsläufig das Beste oder Bedeutendste, was frühere Gesellschaften hervorgebracht haben. Es ist vielmehr das Ergebnis eines fragilen Überlieferungsprozesses, in dem Zufall, historische Krisen und menschliche Entscheidungen darüber bestimmten, welche Stimmen bis in die Gegenwart hörbar blieben – und welche endgültig verstummten.