Dienstag, 7. Juli 2026

"Hochbegabt".

 O. Redon, Pegasus              zu Levana..., zu öffentliche Angelegenheiten

Gott, was für ein Kuddelmuddel. Vielleicht hätte die Forscherin klarer geantwortet, wenn man sie anders befragt hätte. Aber spektrum.de hat diesen Text veröffentlicht, und ich will versuchen, was daraus zu machen.

Auf den ersten Blick bleibt nur das Fazit: Was man schon über die Intelligenz nicht sagen konnte, kann man über andere Begabungen auch nicht sagen, ach. 

Doch dann fällt mir ein: Das Problem ist ja, dass man etwas messen will, das selber gar nicht quantifiziert in Erscheinung tritt. Unter 'Begabung' stellt man sich eine Fä-higkeit vor, die irgendwo 'da' ist, die man aber nicht sehen kann und nur annimmt, um eine bestimmte... Leistung zu erklären.

Die Frage käme aber nicht auf, wenn es sich um gleiche Leistungen handelte; ge-messen soll nur werden, was sich unterscheidet - und wozu? Um die Unterschiede zu ergründen und womöglich überwindbar zu machen. Die Leistung selbst ist gar nicht gemeint, sondern etwas, das man als ihre Ursache annimmt. 

Gemessen werden kann freilich doch nur die Leistung. Kein Organismus erbringt aber jederzeit Höchstleistungen, das wäre sehr dumm von ihm. Man müsste daher sicherstellen, dass während des Tests der Organismus sein Bestes gibt - und das müsste sich irgendwie erfassen lassen. 

Und so weiter: Es wird methodisch schwierig genug, von der Leistung aus an die pp. Begabung heranzukommen. Doch die Probleme türmen sich schon beim Messen der Leistung! Paradigma ist immer "die Intelligenz". Welche spezifische Leistung, die man messen könnte, ist das? Tja, eine spezifische ist es gerade nicht. Erfunden wurde die Intelligenzmessung zum Zweck des schulischen Unterrichts (Sonderschulen), und das war einfach, weil man von den gegebenen Curricula und dem überkommenen Benotungssystem ausging. Aber das war von anderhalb Jahr-hunderten. Seither ist die empirische Wissenschaft viel weiter, und der Begriff der Intelligenz wird mit jedem neuen Ergebis eher strittiger als klarer.

Denn wie einfach es auch war, Intelligenz anhand der Lehrpläne zu messen, war ihr Begriff doch nicht in der Schule entstanden, sondern "im wirklichen Leben", lange bevor es reguläre Schulen überhaupt gab. Aber nicht die Griechen, deren Ideal die zweckfreie Betrachtung war - theoría -, haben ihn erfunden, sondern die höchst praktisch gesonnenen Römer. Mit Leistung hatte er wohl zu tun, doch die ließ sich auch durch Schläue und Skrupellosigkeit erbringen. Selbst den Römern ging es schon noch um das Verstehen selbst, und der Philosoph hatte immerhin noch einen besseren Stand als heut bei uns.

Heute werden zur Intelligenz alle Fertigkeiten gezählt, die erforderlich sind, um sich im zivilisierten Leben zu behaupten und - oh, das doch: - Erfolg zu haben, und ent-sprechende Übungen finden sich in allen üblichen Tests. 

So geht zum Beispiel die Schnelligkeit der Auffassung in den IQ ein. Beim Besu-chen dieser Seite werden Sie bemerkt haben, dass ich mit Vorliebe philosophische Themen behandle: Nun muss sich, wer sich aufs Philosophieren einlässt, damit abfinden, dass manche Erkenntnis Jahre braucht, um zu reifen. Schlagfertigkeit in der Disputation ist nützlich für das akademische Tagesgeschäft, doch zu Nachruhm bringt mans nur mit tieferer Einsicht (und auch dann nicht immer).

Doch im täglichen Leben gilt Aufgewecktheit sehr wohl als ein Hauptstück der In-telligenz - während man bei Kindern darin überdies eine liebenswerte Charakter-eigenschaft erkennt. Überhaupt nimmt mans im Alltag weniger genau als die Tester, und wenn ich sage, mein Nachbar zur Rechten sei intelligent und mein Nachbar zur Linken nicht, dann versteht jeder, was ich meine; jeder, der mich kennt, genauer gesagt, aber er muss mein Urteil nicht billigen; und einem, der mich nicht kennt, würde ich eine solche Mitteilung ja nicht machen. Sie mögen uns erzählen, was sie wollen: Die die Tests entwerfen, schielen mit einem Auge natürlich auf das, was der gesunde Menschenverstand an ihrem Ort zu ihrer Zeit unter Intelligenz so versteht; wer könnte mit ihrem IQ denn sonst was anfangen?  

Und sie ziehen sich aus der Affäre mit der Erläuterung, Intelligenz bestehe aus einem ganzen Bündel ganz unterschiedlicher Fähigkeiten, von denen jede wiederum von einem ganzen Bündel verschiedenster genetischer Anlagen bedingt ist, so dass man von einer Begabung gar nicht reden könne.
 Kommentar zu einem Interview: "Hochbegabt". JE., 16. 10. 20    

Nun geht es bei der Hochbegabung um eine praktische Frage: ob man sie nämlich im Schulunterricht besonders berücksichtigen soll, und wenn ja, wie.

Im Schulunterrich geben sich hochgegabte Kinder zu allerst zu erkennen, indem sie sich sterblich langweilen und den Unterricht stören. So wie auch viele schlechte Schüler, mit denen man sie zunächst oft verwechselt. 

Der Vorschlag, man solle sie von den Andern getrennt unterrichten, bekommt so einen unangenehmen Beigeschmack. Doch auch die schlechteren Schüler lang-weilen sich ja, sonst würden sie besser mitmachen. Das Problem liegt also bei der Schule selbst und ihrem Prinzip, die Klassen nach Jahrgängen zu unterscheiden. 

Denn würde man sie nach der Leistung unterscheiden, würde sich - außer der adäquaten Messung - als Problem ergeben, dass einmal ermittelte Rückstände in Sonderklassen eher festgeschrieben werden, als überwunden. Es sei denn, man macht alles jederzeit durchlässig, was dann aber die Untergliederung der Schüler in Klassen ad absurdum führte: Eine Zugehörigkeit und gegenseitige Anregung käme gar nicht zustande.  

Und auf einmal fällt einem ein, dass das Problem einer sogenannten Hochbega-bung überhaupt erst durch die Schulpflicht entstand.

 

 

Und dass es eine Schulpflicht nicht immer gab. Zur zwingendem Notwendigkeit wurde sie erst in der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft - nämlich durch die große Industrie, die auf eine breite Masse von standardisiert vorgebildeten Ar-beitskräften angewiesen ist, die je nach Bedarf unterschiedslos eingestellt und entlassen werden können, wie es grad passt. 

Das ist nicht alles Kluge und Zutreffende, das über die Schule gesagt werden kann, aber die Voraussetzung von allem andern. Sobald es fortfällt, gerät der ganze Rest in Zweifel und muss neu verhandelt werden.

Bei den Verhandlungen über schulische Angelegenheiten geben seit Schleiermacher diejenigen den Ton an, die in der Schule ihr Aus- und Einkommen finden, denn die andern Interessierten sind nicht öffentlich repräsentiert - die Schüler sowieso nicht, und die Eltern nur als Wähler, aber auch nur für ein paar Jahre. Doch die Frage, ob Schule oder nicht, betrifft die ganze Gesellschaft und nicht nur die unmittelbar Be-teiligten. Und es ist ein Frage nicht bloß an die Pädagogik, sondern die Frage, wer in der Gesellschaft den Ton angeben soll, wenn die Großindustrie es nicht länger ist noch sein soll.  

Mit andern Worten - das Thema Hochbegabung wirft, wenn man es ernstnimmt, die Frage nach unserm Weltbild auf.
JE

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