Mittwoch, 10. Juni 2026

Konvergente Evolution: Das Gehirn des Oktopus.

Das Gehirn eines Oktopus reicht bis in seine Arme hinein.
 
Neuropsychologie 
Wenn Kraken um die Ecke denken
Oktopusse haben ein gutes Gedächtnis und erkennen Menschen als Individuen. Jetzt haben Forschende eine weitere erstaunliche Fähigkeit entdeckt: Kraken können mit Spiegeln versteckte Beute lokalisieren.

Oktopusse haben acht Arme, drei Herzen und ein Gehirn, das über ihren ganzen knochenlosen Körper verteilt ist. Wie genau es funktioniert, weiß niemand. Klar ist aber, dass die Tiere damit kognitive Höchstleistungen vollbringen, die denen des Menschen mit seinem ganz anders aufgebauten, zentralen Gehirn gar nicht so unähnlich sind.

Die Kraken haben ein hervorragendes Gedächtnis, sie lernen, sie spielen und sie erkennen nicht nur Artgenossen, sondern auch andere Lebewesen, einschließlich des Menschen, als Individuen. Filmreif ist der Ausbruch des Kraken „Inky“ vor zehn Jahren aus dem National Aquarium in Neuseeland: Der Oktopus quetschte sich durch einen Spalt in seinem Becken, kroch über den Fußboden und robbte durch ein 15 Zentimeter schmales Abflussrohr in den Pazifik und in die Freiheit. Zurück blieben nur seine nassen Spuren auf dem Boden.

Mit dem Experiment wurde erstmals gezeigt, dass ein Nichtwirbeltier das Prinzip eines Spiegels durchschaut

Jetzt berichtet ein Team um die Neuropsychologin Mary Kieseler vom Dartmouth College in New Hampshire von einer weiteren erstaunlichen Fähigkeit: Oktopusse können mithilfe eines Spiegels um die Ecke gucken und so Beute lokalisieren, die normalerweise außerhalb ihrer Sichtweite wäre, schreiben sie im Wissenschaftsjournal Current Biology.

Im ersten Schritt ihres Experiments gewöhnten die Forschenden drei Kalifornische Zweipunktkraken (Octopus bimaculoides) an einen Spiegel im Aquarium. Dann versteckten sie eine Krabbe in einer Ecke, die die Oktopusse nur mit dessen Hilfe einsehen konnten. Schnell lernten die Kraken, dass der Spiegel nur ein Bild der Beute zeigte – und wie sie ihn nutzen konnten, um die wirkliche Position der Krabbe zu lokalisieren.

Im dritten Teil saßen die Kraken in einer undurchsichtigen Box, die nur vorn und oben offen war. Direkt vor ihnen befand sich ein Spiegel, in dem sie das Bild einer Krabbe sehen konnten, das die Forschenden hinter die Tiere an die linke oder rechte äußere Wand projizierten. „Wir haben eine virtuelle Krabbe benutzt, um sicherzustellen, dass die Oktopusse die Krabbe nur visuell lokalisieren“, schreiben sie. Die Tiere haben nämlich einen hervorragenden Geruchssinn und registrieren kleinste Bewegungen ihrer Beute.

Tiere, die das Prinzip des Spiegels nicht verstehen, würden bei diesem Versuchsaufbau direkt auf das Glas vor ihnen zulaufen und versuchen, das dort reflektierte Bild zu verschlingen. Nicht so die Oktopusse: Die Kraken machten eine 180-Grad Wendung nach links oder rechts, je nachdem, auf welche Seite der Box die virtuelle Krabbe projiziert wurde. Manchmal nahmen sie sogar eine Abkürzung, kletterten über die Wand ihrer Box und stürzten sich von oben auf die vermeintliche Beute.

Mit dem Experiment wurde erstmals gezeigt, dass ein Nichtwirbeltier das Prinzip eines Spiegels durchschaut. Manche Neuropsychologen halten diese Fähigkeit für eine Vorstufe von Selbst-Bewusstsein, also der Fähigkeit zu erkennen, wer man ist und dass es außer einem selbst noch andere Lebewesen gibt. In jedem Fall bekräftigt das Experiment aber, dass Oktopusse das Ergebnis einer „konvergenten Evolution“ zu der des Menschen sind: Obwohl beide Arten nicht miteinander verwandt sind, haben sie unabhängig voneinander ähnliche Lösungen für dieselben kognitiven Herausforderungen gefunden.

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Konvergente Evolution: Das Gehirn des Oktopus.

aus Süddeutsche, 9. Juni 2026   Das Gehirn eines Oktopus reicht bis in seine Arme hinein.    zu   Jochen Ebmeiers Realien   Neuropsychologi...