aus derStandard.at, 7. Juni 2026 Eine Hummel hat sich einen
Kunststoffball hergerollt, um mit
ihrem Rüssel an Futter zu gelangen. zu Jochen Ebmeiers Realien
Genau eine solche Fähigkeit haben finnische Forschende um Olli Loukola (Universität Oulu) nun erstmals bei Hummeln nachgewiesen. In einer Studie, die am Donnerstag im Fachblatt Science veröffentlicht wurde, zeigen die Tiere Verhaltensweisen, die auf eine Form von Vorausplanung hindeuten. Damit wäre erstmals dokumentiert, dass ein Insekt zielgerichtet auf ein zukünftiges Problem hinarbeitet, anstatt lediglich auf unmittelbare Reize zu reagieren. Die Ergebnisse könnten weitreichende Folgen für das Verständnis tierischer Intelligenz haben.
Das Forschungsteam mit Erstautor und Dissertant Akshaye Bhambore (ebenfalls Uni Oulu) entwickelte eine Versuchsanordnung, die Hummeln vor eine ungewöhnliche Herausforderung stellte. Die Tiere sollten eine Belohnung erreichen, die sich auf einer erhöhten Plattform befand. Direkt dorthin gelangen konnten sie jedoch nicht. Um das Ziel zu erreichen, mussten die Hummeln zunächst ein Objekt finden und an die richtige Stelle bewegen. Erst dadurch entstand eine Erhöhung, die ihnen den Zugang zur Belohnung ermöglichte.
Entscheidend war dabei, dass die Tiere nicht einfach auf ein bekanntes Signal reagierten. Die finnischen Forschenden erschwerten die Aufgabe schrittweise, indem sie den direkten Blick auf die Belohnung einschränkten. Die Hummeln konnten also nicht permanent sehen, worauf sie hinarbeiteten. Dennoch bewegten sie die notwendigen Hilfsmittel gezielt an den richtigen Ort und lösten anschließend das Problem. Nach Ansicht des Teams spricht dies dafür, dass die Tiere eine mentale Repräsentation des Ziels aufrechterhalten konnten und ihr Verhalten entsprechend planten.
Mehr als nur Lernen
In der Verhaltensforschung gilt die Frage nach Planung als besonders anspruchsvoll. Viele Tiere können komplexe Aufgaben bewältigen, wenn sie diese durch Versuch und Irrtum gelernt haben. Vorausplanung geht jedoch einen Schritt weiter: Sie setzt voraus, dass ein Organismus eine zukünftige Situation berücksichtigt und sein aktuelles Verhalten daran ausrichtet.
Bei Menschen gilt diese Fähigkeit als grundlegender Bestandteil intelligenter Problemlösung. Auch bei einigen Primaten, Rabenvögeln und bestimmten Säugetieren wurden Hinweise darauf gefunden. Für Insekten schien eine solche Leistung lange Zeit unwahrscheinlich. Ihr Nervensystem ist im Vergleich zu jenem von Wirbeltieren äußerst klein. Das Gehirn einer Hummel umfasst weniger als eine Million Nervenzellen – ein winziger Bruchteil der rund 86 Milliarden Nervenzellen des menschlichen Gehirns.
Bereits in den vergangenen Jahren haben Studien, insbesondere der finnischen Forschenden, gezeigt, dass Hummeln erstaunlich lernfähig sind. Sie können Farben unterscheiden, komplexe Suchstrategien entwickeln und sogar voneinander lernen. Besonders bekannt wurden Experimente, bei denen Hummeln an einer Schnur ziehen mussten, um an Nahrung zu gelangen. Die Tiere konnten diese Aufgabe nicht nur erlernen, sondern auch durch Beobachtung ihrer Artgenossen übernehmen.
Die neue Untersuchung geht jedoch über solche Lernleistungen hinaus. Statt eine bekannte Technik anzuwenden, mussten die Hummeln mehrere Handlungsschritte koordinieren und dabei ein Ziel verfolgen, das zeitweise nicht sichtbar war. Olli Loukola, Akshaye Bhambore und ihr Team sprechen daher von der ersten überzeugenden Demonstration zielgerichteter Problemlösung dieser Art bei einem Insekt.
Weitreichende Konsequenzen
Die Studie wirft grundlegende Fragen über die Entstehung von Intelligenz auf. Lange Zeit dominierten Vorstellungen, wonach komplexe kognitive Fähigkeiten große Gehirne voraussetzen. Die Ergebnisse deuten nun darauf hin, dass zumindest einige geistige Leistungen auch mit deutlich einfacheren neuronalen Strukturen möglich sind. Das bedeutet nicht, dass Hummeln denken wie Menschen. Auch von Bewusstsein oder abstraktem Denken kann aus den Experimenten nicht direkt geschlossen werden. Dennoch zeigen die Tiere offenbar Fähigkeiten, die bislang nur wenigen Tiergruppen zugeschrieben wurden.
Für die Forschung eröffnet sich damit ein neues Feld. Wenn Insekten mit vergleichsweise geringem neuronalen Aufwand komplexe Probleme lösen können, könnte dies auch für die Entwicklung künstlicher Intelligenz von Interesse sein. Effiziente Problemlösungsstrategien müssen möglicherweise nicht auf riesigen Netzwerken beruhen, sondern können auch aus relativ einfachen Strukturen entstehen. Dass ein Tier mit einem Gehirn von Stecknadelkopfgröße Aufgaben bewältigen kann, die ein gewisses Maß an Zukunftsorientierung erfordern, stellt jedenfalls grundlegende Annahmen über Intelligenz infrage.
Nota. - Der Begriff Intelligenz scheint immer weniger geeignet, einen Unterschied zwischen Mensch und Tier markieren zu können. Man sollte vielmehr von Denken in specie reden - und das bedeutet Reflexion, nämlich Rückbeziehung eines Gemein-ten sowohl auf einen Gegenstand als auch auf 'mich', nämlich meine Absicht - derer ich mir ipso facto 'bewusst' werde. Ganz soweit ist die Hummel dann doch noch nicht.
JE
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