Schwarzes Quadrat und Roter Platz
aus spektrum.de, 24.08.2022 zu Jochen Ebmeiers Realien
Einfach ist Ansichtssache
Was
trivial ist, muss nicht weiter erläutert werden. Das gilt auch für die
Mathematik. Einfach ignorieren kann man das Triviale dort aber nicht.
von Florian Freistetter
Wer
die Mathematik dank schlechtem Schulunterricht in ebenso schlechter
Erinnerung hat, wird an all ihren Formeln, Zahlen und Symbolen
vermutlich nichts Triviales erkennen. Wer sich dagegen beruflich mit der
Mathematik beschäftigt, hat einen anderen Blick auf das Triviale.
Trivial bedeutet hier etwas, was man direkt aus dem Kontext
beziehungsweise dem unter Betrachtung stehenden mathematischen Objekt
selbst erkennen kann. Man muss nicht groß weiter darüber nachdenken.
Hier ist ein Beispiel: Tn = {1, n}
Das
bedeutet: Jede natürliche Zahl ist immer durch 1 und durch sich selbst
ohne Rest teilbar. Meist ist das nur ein Teil der Wahrheit. Hat man eine
natürliche Zahl n gegeben, dann existieren für diese Zahl auch andere
natürliche Zahlen, durch die n ohne Rest geteilt werden kann. Die
Bestimmung dieser Teiler ist aus vielen Gründen in der Mathematik
wichtig und kann durchaus eine schwer zu lösende Aufgabe sein. Moderne
Verschlüsselungsalgorithmen etwa basieren darauf, dass es bei manchen
Zahlen sehr schwer ist, bestimmte Teiler zu finden. Die in der Formel
angegebene Menge an Teilern dagegen ist trivial. Darüber muss man nicht
weiter nachdenken, und deswegen werden 1 und n in diesem Fall auch die
»trivialen Teiler« genannt.
Ein weiteres Beispiel für
mathematische Trivialität findet man bei der Lösung von Gleichungen.
Dazu können wir uns eine der bekanntesten Aussagen der Mathematik
ansehen: den Großen fermatschen Satz. Dabei geht es um die Gleichung an + bn = cn.
Gesucht sind ganze Zahlen a, b und c, die diese Beziehung für eine
ganze Zahl n (größer als 2) erfüllen. Im 17. Jahrhundert behauptete
Pierre de Fermat, dass es keine solchen Zahlen a, b und c gibt – der
Beweis für diese Behauptung wurde aber erst 1994 erbracht.
Der Unterschied zwischen einfach und schwierig
Damit
aber überhaupt ein mathematisch anspruchsvolles Problem entsteht, muss
man bei der Formulierung des Satzes noch zusätzlich fordern, dass a, b
und c positive Zahlen sind. Denn sonst könnte man sofort und ohne
weiteres Nachdenken für jedes n eine Lösung angeben, etwa 0n + 0n = 0n.
Diese Lösung ist allerdings vollkommen uninteressant; sie ist
offensichtlich, und man kann aus ihr keine neuen Erkenntnisse gewinnen –
sie ist trivial.
Was nun genau alles aus mathematischer Sicht
trivial ist und was nicht, ist durchaus auch Ansichtssache. Nicht
umsonst gibt es den alten Witz über eine Diskussion unter Mathematikern:
Der eine merkt an, dass ein bestimmter Rechenschritt trivial sei, und
auf die Nachfrage des Gegenübers erläutert er eine halbe Stunde lang die
Details dieses Schritts – bis sich am Ende beide sicher sind: Ja, das
ist tatsächlich trivial.
Das klingt vielleicht seltsam, doch
hinter mathematischer Trivialität kann durchaus sehr viel Rechnerei
stecken. Für die einen mag die Aussage, dass die Ableitung von x² gleich
2x ist, vollkommen trivial sein. Wer aber gerade erst lernt, wie
Differenzialrechnung funktioniert, sieht die Sache womöglich anders.
Der
berühmte Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman hat die
Problematik etwas scherzhaft so zusammengefasst: Jedes Theorem ist
trivial, sobald es einmal bewiesen wurde, unabhängig davon, wie
kompliziert die Beweisführung war. Es gebe daher nur zwei Arten wahrer
mathematischer Aussagen: die trivialen und die, die bis jetzt noch nicht
bewiesen sind.
Die Mathematik ist immer auf der Suche nach dem,
was nicht trivial ist. Nur dort findet man neue Erkenntnisse. Doch auch
das Triviale lohnt ab und zu eine nähere Betrachtung. Schauen wir noch
einmal auf die trivialen Teiler aus der Formel. Wenn wir es mit einer
natürlichen Zahl zu tun haben, deren gesamte Teilermenge lediglich aus
den trivialen Teilern besteht, dann hat man es nämlich mit nichts
anderem zu tun als mit einer Primzahl. Und Primzahlen sind definitiv
alles andere als trivial!
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