Dienstag, 30. Juni 2026

Der Ohrwurm.

 earworm
aus spektrum.de, 

Kopf auf Dauerschleife: 
Warum haben wir Ohrwürmer?
 
von Antonia Ceric  

...

Das Tonband im Kopf

Der Ursprung des Ohrwurms hat viel damit zu tun, wie unser Arbeitsgedächtnis funktioniert. Verantwortlich dafür ist die sogenannte phonologische Schleife (Phonological Loop). Das ist ein Teil unseres Kurzzeitgedächtnisses, den man sich wie ein imaginäres Tonband vorstellen kann. Dieses Tonband läuft im Alltag ununterbrochen im Hintergrund. Wir brauchen es, um uns eine Telefonnummer im Kopf mehrmals vorzusagen, bis wir einen Stift gefunden haben, oder um die Sätze zu verstehen, die unser Gegenüber gerade spricht. Also damit, wenn wir das Ende hören, uns der Anfang noch präsent ist. [1] Normalerweise wird das Band danach sofort wieder gelöscht.

Musik hat allerdings Eigenschaften, die unser Gehirn fast magisch anziehen. Sie ist rhythmisch, wiederholt sich ständig und löst Emotionen aus. Wenn wir ein Lied mit einer besonders eingängigen Melodie hören (zum Beispiel eben der geniale Riff gleich zu Beginn von Suzie Q) verfängt sich diese Tonfolge in unserer phonologischen Schleife. Das Gehirn fängt an, das Tonband unbewusst im Kreis abzuspielen. Es entsteht ein mentaler Juckreiz, und das Gehirn versucht ihn zu kratzen, indem es uns das Lied immer wieder innerlich vorsingt. Und warum können wir nicht einfach aufhören?

Der Zeigarnik-Effekt

Die Antwort darauf liefert eine bekannte Theorie aus der Psychologie: der Zeigarnik-Effekt. Die Forscherin Bluma Zeigarnik fand heraus, dass unser Gehirn eine fundamentale Eigenschaft hat. Es hasst unvollendete Aufgaben. Unerledigte Dinge bleiben im Gedächtnis extrem präsent, während erledigte Aufgaben sofort gelöscht werden. [3] Und genau da sitzt die Schwachstelle, an der sich der Ohrwurm festbeißt. Aus der Musikpsychologie wissen wir, dass wir selten einen ganzen Song als Ohrwurm haben. Meistens sind es nur Fragmente, ein paar Sekunden des Refrains oder, wie bei mir gerade, der markante Gitarrenriff am Anfang.

Wenn wir das Lied irgendwo im Radio oder beim Vorbeigehen kurz aufgeschnappt haben, hat unser Gehirn oft nur diesen einen Ausschnitt parat. Und der läuft nun auf Dauerschleife. Da wir das Ende des Liedes in diesem Moment womöglich nicht im Kopf haben, stuft unser Hirn den Song als „unvollendete Aufgabe“ ein. Die phonologische Schleife springt an, um das Rätsel zu lösen.

Manchmal sitzen Ohrwürmer so fest, dass es zum Verzweifeln sein kann.

Und weil sie das Ende nicht findet, fängt sie am Ende des bekannten Fragments einfach wieder von vorne an. Schon sind wir in einer Dauerschleife gefangen. Der Ohrwurm. [4]

Halluzinierte Melodien

Was allerdings noch spannend bleibt, ist die Frage, wie wir überhaupt etwas hören können, das eigentlich überhaupt nicht da ist. Was passiert im Gehirn, wenn wir den Ohrwurm “hören”? Mithilfe funktioneller MRT-Untersuchungen, durch die wir sehen können, wo im Hirn erhöhte Aktivität zu finden ist, hat die Neurowissenschaft eine spannende Beobachtung gemacht. Ein Ohrwurm ist keine reine Einbildung, nicht bloß ein abstrakter Gedanke oder die Idee des Songs. Wenn wir einen Ohrwurm haben, dann hören wir das Lied gewissermaßen tatsächlich. [2]

In den Hirnscans können wir sehen, dass eben das Areal, das beim wirklichen Musikhören aktiv ist, auch hier aktiviert wird: der primäre auditorische Kortex, die Hörrinde. Gleichzeitig kommt auch der tiefer liegende Hippocampus ins Spiel, der zentral für das Gedächtnis ist. Er speichert die Erinnerung an das Lied ab und triggert die Hörrinde im Falle des Ohrwurms “den Song nochmal zu spielen”.

Zusätzlich findet im Hirn eine spannende Rückkopplung statt. Wenn wir im Kopf Mitsingen spannen wir unbewusst die Muskeln unseres Kehlkopfs und rund um die Stimmbänder ganz leicht an. Diese minimale körperliche Reaktion reicht, dass die motorischen Areale, die nun aktiv werden, wiederum Signale zurück an die Hörrinde senden. Diese Signale nennen wir Efferenzkopien. Sie teilen der Hörrinde mit, dass akustische Signale erzeugt werden. Das Gehirn feuert also einen Reiz ab, der Körper reagiert minimal und füttert schließlich die phonologische Schleife selbst direkt wieder von vorne. Der Ohrwurm geht weiter und weiter. Das System erhält sich also selbst.

Das Gehirn schläft nicht

Das Phänomen Ohrwurm zeigt uns, wie aktiv unser Gehirn selbst dann ist, wenn wir meinen, an gar nichts zu denken. Ohrwürmer treten nämlich besonders dann auf, wenn unser Kopf entweder unterfordert (beim Zähneputzen oder Spazierengehen) oder völlig überfordert (bei Stress) ist. In beiden Fällen sucht sich das Gehirn ein vertrautes, rhythmisches Muster, um sich entweder zu beschäftigen oder zu beruhigen.

Unser Gehirn ist sogar  evolutionär darauf programmiert. Bevor die Menschheit die Schrift erfand, mussten Geschichten, Wissen und Traditionen über Generationen hinweg durch Gesang und Rhythmus weitergegeben werden. Unser Kopf liebt Melodien, weil er sich Informationen so am besten merken kann. An diese grundlegenden neuronalen Verschaltungen knüpft der Ohrwurm an.

Und wie schalte ich das Kopfradio wieder aus?

Das nächste Mal, wenn dir ein Song den letzten Nerv raubt, ärgere dich also nicht. Es ist nur dein Gehirn, das versucht, eine offene Akte in deinem Gedächtnis zu schließen.

Und wenn dich der Ohrwurm zu sehr nervt, ist hier ein praktischer Tipp, wie du den Zeigarnik-Effekt austricksen kannst. Du musst dir das Lied, das in deinem Kopf feststeckt, einmal ganz bewusst von Anfang bis ganz zum Ende anhören. Sobald dein Gehirn das echte Finale hört, hakt es die Aufgabe als „erledigt“ ab. Das Tonband stoppt, die Akte wird geschlossen – und im Kopf ist endlich wieder Ruhe. Zumindest so lange, bis der nächste Ohrwurm anbeißt.

Quellen

[1] Baddeley, A. (2000). The episodic buffer: a new component of working memory? Trends in Cognitive Sciences, 4(11), 417-423.

[2] Kraemer, D. J., Macrae, C. N., Green, A. E., & Kelley, W. M. (2005). Musical imagery: Sound of silence activates auditory cortex. Nature, 434(7030), 158-158.

[3] Zeigarnik, B. (1927). Das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen. Psychologische Forschung, 9(1), 1-85.

[4] Williamson, V. J., et al. (2012). How do „earworms“ start? Classifying the everyday triggers of Involuntary Musical Imagery (INMI). Psychology of Music, 40(3), 259-284.

[5] Bildquelle

[6] Bildquelle


 

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