Mittwoch, 10. Juni 2026

Weltweite Wanderungsbewegungen 2026

 Grenzzaun an der US-mexikanischen Grenze in Nogales, Arizona, mit mehreren Spulen Stacheldraht darauf. Im Hintergrund sind ein Hügel, Gebäude und eine bewölkte Himmelsszene zu sehen.
aus derStandard.at, 10. 6. 2026                           Ein Zaun in Nogales in Arizona an der Grenze zu Mexiko. 13 Millionen Menschen kamen seit 1990 aus Mexiko in die USA.                                                                  zu öffentliche Angelegenheiten
 
Menschliche Mobilität
Die jährliche globale Migration hat sich seit dem Jahr 2000 fast verdreifacht
Zwei Forscher füllten mit KI-Methoden bisherige Lücken im Wissen um die weltweiten Migrationsbewegungen – mit einigen überraschenden Ergebnissen

Bessere Daten dank KI

Das haben nun zwei Migrationsforscher und KI-Fachleute geändert: Thomas Gaskin (London School of Economics and Political Science) und Guy Abel (Universität Hongkong und IIASA in Laxenburg) haben Mithilfe von Deep Learning den ersten Datensatz zu Migrationsströmen zwischen allen Ländern für den Zeitraum von 1990 bis 2023 erstellt. Dieser Datensatz, der am Mittwoch im Fachblatt Nature veröffentlicht wurde, liefert ein weitaus detaillierteres Bild der globalen Mobilität als die bisherigen Daten, die stark fragmentiert sind.

Das Hauptergebnis der aufwendigen KI-gestützten Recherchen und Berechnungen: Die weltweite Migration ist von etwa 13 Millionen Menschen pro Jahr im Jahr 2000 auf rund 35 Millionen Menschen pro Jahr im Jahr 2023 stark angestiegen. Rückgänge gab es lediglich während der Finanzkrise 2008 und 2009 sowie der Covid-19-Pandemie.

Grafik, die den Anstieg der Migrationszahlen zeigt.
Das Hauptergebnis der Studie in einer Grafik: Seit dem Jahr 2000 stiegen die Migrationszahlen weitweit stark an (vertikale Achse: Zahlen in Millionen).

Dieser nun ermittelte Anstieg übertrifft den Anstieg der weltweiten Bevölkerungszahlen deutlich und zeigt ein echtes pro-Kopf-Wachstum der menschlichen Mobilität. Der Trend steht im Widerspruch zu den Ergebnissen früherer Forschungsbemühungen, globale Migrationsströme zu quantifizieren.

Regionale Verteilungen

Weltweit verzeichnete der Nahe Osten den höchsten Gesamtzustrom von Migranten, hauptsächlich aus Südasien und den Philippinen, wobei allein die Einwanderung aus Bangladesch nach Saudi-Arabien ab 2010 durchschnittlich rund 300.000 Menschen pro Jahr betrug. Die beiden Forscher schätzen, dass seit 2010 insgesamt 19 Millionen Menschen, durchschnittlich 1,35 Millionen pro Jahr, aus Indien, Pakistan und Bangladesch nach Saudi-Arabien, Katar, Bahrain und in die Vereinigten Arabischen Emirate migriert sind. Im Vergleich dazu gab es seit 1990 insgesamt 13,6 Millionen Migrationsbewegungen von Mexiko in die USA.

Europa rangiert durchweg als die Region mit dem höchsten Volumen an intraregionaler Migration und wurde nur einmal, nämlich Anfang der 1990er-Jahre während des Bürgerkriegs in Ruanda, von Subsahara-Afrika übertroffen.

Der neue Datensatz ist auch deshalb besonders nützlich, da er Aufschluss über Migrationsbewegungen im Globalen Süden gibt, wo Migrationsdaten traditionell weniger zahlreich und detailliert sind als im Globalen Norden. Mitte der 2010er-Jahre kam es beispielsweise in Subsahara-Afrika zu mehreren groß angelegten Migrationsereignissen. Der Bürgerkrieg im Südsudan ab 2013 führte zu einer großen Fluchtbewegung in das benachbarte Äthiopien.

Die Gewalt in Westafrika, als Boko Haram 2009 in Nigeria einen Aufstand auslöste und die Angriffe 2014 eskalierten, einschließlich der Entführung von fast 300 Schulmädchen, führte dazu, dass schätzungsweise 79.000 Nigerianer in Nachbarländer flohen, wobei die meisten (45.000) zwischen 2013 und 2014 nach Niger gingen.

Potenzial der neuen Methode

"Unsere Schätzungen wurden durch die Kombination klassischer Strömungsmodellierung mit Deep Learning gewonnen, wobei eine breite Palette von Daten für die Modelleingabe und das Training genutzt wurde", sagt Erstautor Gaskin zur innovativen Vorgangsweise: "Ich denke, der Umfang und die Breite dieses Datensatzes zeigen wirklich das Potenzial dieser Art von Hybridmodellierung in den Computerwissenschaften."

"Da frühere Schätzmethoden auf groben Fünfjahres-Momentaufnahmen beruhten, lieferten sie nur sehr wenige Datenpunkte und vermittelten den Eindruck, dass die Rate der globalen Migrationsströme stabil sei", ergänzt Mitautor Guy Abel. "Unsere jährlichen Daten liefern ein klareres Bild und zeigen, dass diese Rate seit 2000 tatsächlich gestiegen ist. Dieser Aufwärtstrend scheint eher durch langfristige demografische Verschiebungen und wirtschaftliche Entwicklung als durch plötzliche, isolierte Krisen getrieben zu sein."

Relevanz für die Politik

Detailliertere Migrationsdaten sind wichtig, da sie nicht nur zeigen, wie viele Menschen sich bewegen, sondern auch wann, wohin und warum – was politischen Entscheidungsträgern hilft, auf Krisen zu reagieren, Dienstleistungen zu planen und globale Trends zu verstehen. Durch den Einsatz fortschrittlicher maschineller Lernverfahren zur Verknüpfung von amtlichen Statistiken, Volkszählungsdaten und anderen Quellen mit geografischen und wirtschaftlichen Faktoren hilft der neue Datensatz, die bisherigen Lücken zu schließen. 

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