Donnerstag, 8. Juni 2023

Die väterliche Drüse.

aus Kölner Stadtanzeiger, 6. 6. 2023                                                          zu Levana, oder Erziehlehrezu Männlich

Papas wichtiger Einfluss: 
Was Kinder von Vätern besser lernen können als von Müttern

Artikel von Isabell Wohlfarthnt

„Ein Vater gehört zum Kind!“ Wie wahr und selbstverständlich dieser Satz ist, das sieht und spürt jeder, der schon einmal einen engagierten Vater mit seinem Kind beobachtet hat. Der starke Einfluss, den Väter auf ihr Kind haben, wird seit einigen Jahren auch durch die Wis-senschaft bestätigt. Die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert hat jetzt die aktuellen Erkenntnisse der Väterforschung in einem Buch zusammengefasst. Sie zeigt dort an vielen Beispielen, wie Väter mit ihrem Denken und Handeln die Entwicklung ihrer Kinder prägen.

Väter beeinflussen die Sprachentwicklung der Kinder

Ohne Frage sind Mütter und Väter gleich wichtig für ein Kind. Und auch jeder Mensch und jede Familie sind individuell. Und doch gehen Männer und Frauen tendenziell mit Kindern anders um und geben ihnen in der Erziehung so unterschiedliche Impulse. „Die Forschung hat gezeigt, dass Väter etwa die Sprachfähigkeiten der Kinder besonders positiv beeinflus-sen“, sagt Ahnert. „Sie lassen sich in der Regel zwar nicht so stark auf das kindliche Sprach-niveau ein und verstehen nicht immer, was das Kind sagt, stellen aber viele Fragen.“ Es setze dann alle Mittel ein, um dem Vater zu erklären, was es meine. „So triggern Väter die Sprachproduktion an.“

Bei der Betrachtung eines Bilderbuchs gingen die Väter zum Beispiel aktiv in den Dialog mit dem Kind, kitzelten es auch mal durch oder imitierten wilde Tiere. „Sie sind besonders interessiert an der Mitteilungsfreude der Kinder.“ Mütter wüssten dagegen oft schon, was das Kind meine, kaum dass es den Mund aufmache. „Sie füllen das Gesagte bereits mit Erklärungen und korrigieren schneller, wenn ein Kind etwas falsch ausdrückt.“

Auch auf Inhalte gingen Väter anders ein als Mütter. „Die sprechen über die emotionalen Aspekte einer Szene, während die Väter überlegen, wie man handeln könnte.“ Beide Her-angehensweisen ergänzten sich gut. Der praktischere Ansatz der Väter helfe Kindern je-doch besonders, um Stress zu bewältigen. „Wir haben die Frustrationstoleranz von Kindern getestet“, erzählt Ahnert, „während die Mütter das wütende Kind getröstet haben, blieben die Väter entspannt und machten Lösungsvorschläge, wenn die Wut am Abklingen war. Die Kinder konnten nun ihre eigenen Möglichkeiten ausprobieren und sind dadurch auch schneller zur Besinnung gekommen.“

Beim Spiel mit dem Vater kann ein Kind Grenzen und Gefühle testen 

Unterschiede zwischen Vätern und Müttern zeigten sich auch beim Spielen. „Väter spielen wilder und körperlicher. Sie werfen das Kind in die Luft oder jagen es.“ Dadurch könne ein Kind sein Körpergefühl ausreizen und eigene Grenzen erkennen. Es gehe aber auch um Emotionsregulation: „Das Kind erfährt in kurzer Zeit ein Spektrum an Gefühlen: Es ist erst ausgelassen, und hat auch Angst, wenn es zu weit geht. Aber es macht sogleich die Er-fahrung, dass Papa es sichert. Es lernt, dass es ihm vertrauen kann und auch unheimliche Gefühle eigenständig in den Griff bekommt.“ Durch das aktive Spiel ermutigten Väter außerdem das Risikoverhalten des Kindes. „Es klettert höher, auch weil Väter das nicht so schnell unterbinden wie Mütter.“

Um den Alltag der Väter mit den Kindern beschreiben zu können, wurden in Ahnerts Väterforschung neue Methoden eingesetzt. Mithilfe von Handy-Apps wurden Väter etwa mehrmals am Tag gefragt, was sie gerade konkret mit ihren Kindern machen. „Heraus kam, dass zwei Drittel der Väter ein hervorragendes bis gutes Engagement in der Betreuung ihrer Kinder an den Tag legen“, erklärt Lieselotte Ahnert. „Sie nutzten aber nicht nur die spaßigen Situationen, sondern übernahmen auch alltägliche Pflegearbeiten, brachten das Kind ins Bett oder gingen mit ihm zum Arzt.“ Auch wissenschaftlich zeigt sich also, dass sich viele Väter gleichberechtigt an der Elternarbeit beteiligen.

Prof. Dr. Lieselotte Ahnert ist emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien und Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin. Sie ist Expertin auf dem Gebiet frühkindliche Bildung und Mutter/Vater-Kind-Bindung. 

Nota. - Der Ausgangspunkt der Frage war nicht: Sind Mütter so und Väter anders? Das hätte einen pp. Begriff von Mutter und Vater vorausgesetzt. Sondern war: Was lässt sich beobachten? Nämlich in der gegebenen Versuchsanordnung. Das ist rein empirisch und behauptet keinerlei Regelmäßigkeit. 

Es widerspricht allenfalls einer hypothetisch angenommenen Regel. Aber das wär ja auch schon was.
JE


Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Mittwoch, 7. Juni 2023

Ganz natürlich und gesund.


aus spektrum.de, 07.06.2023                                                                                       zu Levana, oder Erziehlehre

SEXUALITÄT
Männliche Primaten masturbieren nicht nur zum Spaß
Viele Tiere befriedigen sich selbst. Doch besonders oft tun es Primaten, einschließlich Menschen. Das dient nicht nur der Lust, sondern scheint auch einen evolutionären Zweck zu haben.


von Katharina Menne

Die sexuelle Selbstbefriedigung scheint eine uralte Eigenschaft von Primaten zu sein, die – zumindest bei Männchen – den Fortpflanzungserfolg erhöht und dazu beiträgt, sexuell übertragbare Infektionen zu vermeiden. Zu diesem Schluss kommt eine britische Forschungsgruppe vom University College London. Die Ergebnisse ihrer umfangreichen Studien haben die sechs beteiligten Forscherinnen und Forscher in der aktuellen Ausgabe der » Proceedings of the Royal Society B« veröffentlicht.

Das auch Masturbation genannte Verhalten ist im gesamten Tierreich verbreitet, besonders häufig findet man es jedoch bei Primaten, zu denen phylogenetisch auch der Mensch gehört. In der Vergangenheit wurde die sexuelle Selbstbefriedigung häufig entweder als krankhaft oder als Ausdruck einer übertrieben ausgeprägten Libido betrachtet. Die aufgezeichneten Beobachtungen waren daher zu bruchstückhaft, um die Verbreitung, die Evolutionsgeschichte oder die genaue Bedeutung zu verstehen.

Das Team um die Anthropologin Matilda Brindle stellte nun den bisher größten Datensatz zur Masturbation von Primaten zusammen. Die Gruppe sammelte Informationen aus fast 400 Quellen, darunter 246 veröffentlichte wissenschaftliche Arbeiten sowie 150 Fragebögen und persönliche Mitteilungen von Primatenforschern und Tierpflegern. Anhand dieser Daten verfolgten die Autoren die Verbreitung des autosexuellen, das heißt auf sich selbst gerichteten Verhaltens unter Primaten, um zu verstehen, wann und warum es sich sowohl bei Weibchen als auch bei Männchen entwickelt hat.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass höchstwahrscheinlich schon die gemeinsamen Vorfahren aller Affen (einschließlich des Menschen) masturbierten. Außerdem testeten sie verschiedene Hypothesen, um aufzuklären, warum dieses Verhalten evolutionär entstanden ist.

Die »postkopulatorische Selektionshypothese« etwa geht davon aus, dass die männliche Selbstbefriedigung die erfolgreiche Befruchtung fördert. Dies kann auf verschiedene Weise erreicht werden. Erstens kann die Masturbation (ohne Samenerguss) die Erregung vor dem Sex erhöhen und für Männchen niedrigeren Rangs, die beim Geschlechtsverkehr gestört werden könnten, eine nützliche Taktik sein, da sie dadurch schneller ejakulieren können. Zweitens ermöglicht die Masturbation (mit Samenerguss) den Männchen, zunächst minderwertiges Sperma abzustoßen, so dass für die spätere Paarung frische, hochwertige Spermien zur Verfügung stehen. Unterstützung für diese Hypothese fanden die Forscherinnen und Forscher, indem sie zeigten, dass die männliche Masturbation vor allem in Paarungssystemen vorkommt, in denen die Konkurrenz zwischen den Männchen groß ist.

Die »Erregervermeidungshypothese« besagt, dass die männliche Masturbation die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit während der Paarung verringert, indem sie die Harnröhre mit dem Samenerguss reinigt. Der Harntrakt ist ein primärer Infektionsort für viele Geschlechtskrankheiten. Das Team fand Indizien, die darauf hindeuten, dass sich die männliche Masturbation parallel zu den Geschlechtskrankheiten über den gesamten Lebensbaum der Primaten hinweg entwickelt hat.

Es werden mehr Daten über das weibliche Sexualverhalten benötigt, 
bevor die evolutionäre Rolle der weiblichen Masturbation untersucht werden kann

Die Bedeutung der weiblichen Selbstbefriedigung dagegen bleibt weitgehend unklar. Obwohl sie ebenfalls häufig vorkommt, gibt es deutlich weniger aussagekräftige Berichte, die eindeutige Rückschlüsse auf ihren evolutionären Zweck zulassen. Das Team argumentiert, dass zunächst mehr Daten über das weibliche Sexualverhalten benötigt werden, bevor die Rolle der weiblichen Masturbation untersucht werden kann.

»Unsere Ergebnisse tragen dazu bei, Licht in ein sehr verbreitetes, aber wenig verstandenes Sexualverhalten zu bringen, und stellen einen bedeutenden Fortschritt in unserem Verständnis der Funktionen der Masturbation dar«, sagte Matilda Brindle laut einer Mitteilung des UCL. »Die Tatsache, dass autosexuelles Verhalten in der gesamten Primatenordnung allgegenwärtig ist und von in Gefangenschaft und in freier Wildbahn lebenden Mitgliedern beider Geschlechter praktiziert wird, zeigt, dass Masturbation Teil eines Repertoires gesunder sexueller Verhaltensweisen ist.


Nota. - Seit Beginn der Neuzeit - länger noch nicht - galt Selbstbefriedigung als das kind-liche Laster schlechthin. Das hat sich seit den sechziger Jahren still und heimlich und radikal geändert. Mit der schleichenden Wiederkehr von Prüderie und Bigotterie unter feministi-schem Vorwand schien das wieder rückgängig gemacht werden zu sollen - denn Onanie war nicht einfach ein Kinder-, sondern ein spezifisches Knabenlaster. Und mit dem Rückbau männlicher Verhaltensmuster kann frau bekanntlich gar nicht früh genug beginnen.

Da kommt obiger Beitrag gerade  recht.

JE


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Dienstag, 6. Juni 2023

Konzentrieren heißt zusammenziehen.

aus Tagesspiegel.de, 6. 6. 2023                                                                                          zu  Jochen Ebmeiers Realien

Wohlüberlegt

Langsam denken lohnt sich, zeigt Gehirnsimulation
Intelligente Menschen ticken anders: Ihre Hirnareale sind zeitlich synchronisiert. Ihr Gehirn kann Gedanken länger festhalten und liefert daher verlässlichere Ergebnisse.

von Martin Ballaschk 

In unserem Gehirn konkurrieren schnelle und instinktive Gedanken mit langsamen, aber viel anstrengenderen logischen Denkprozessen. Kein Wunder, dass wir zu bequemen, aber voreiligen Schlüssen tendieren, bei Statistiken versagen und unser Wissen überschätzen. So zumindest die These des Psychologen Daniel Kahneman, der mit diesen Ideen vom „langsamen“ und „schnellem“ Denken vor etwa zehn Jahren einen Bestseller landete.

Eine Studie aus dem Labor der Neurowissenschaftlerin Petra Ritter vom Berlin Institute of Health (BIH) liefert neue Belege für diese Theorien und wie diese im Organ verdrahtet sein könnten. Gehirnsimulationen ihrer Gruppe zeigen, dass intelligente Personen zwar einfache Aufgaben schnell und ohne Fehler lösen – aber beim Auskniffeln komplexerer Probleme mehr Zeit benötigen als Menschen, die in kognitiven Tests eher schlecht abschneiden.


Menschen, die schwierige Fragen zwar schnell, aber fehlerträchtiger beantworteten, besitzen zeitlich weniger gut aufeinander abgestimmte Hirnareale. Denn noch bevor alle Gehirnregionen alle nötigen Verarbeitungsschritte beenden können, springt das Gehirn zu einer passend scheinenden Lösung. Je komplizierter das Problem, desto eher kommt es dabei zum Fehlschluss.

Bei komplexen Aufgaben müssten die Gedanken im Arbeitsgedächtnis festgehalten werden, während man weitere Lösungen sucht und alles letztlich miteinander in Einklang bringt, erklären die Forschenden. Dieses Sammeln von Beweisen dauere manchmal länger, führe dann aber auch zu besseren Ergebnissen.

Virtuelle Zwillinge


Grundlage für die Arbeit im Fachblatt Nature Communications sind Computermodelle der Gehirne von 650 Probandinnen und Probanden. In diese digitalen Simulationen flossen nicht nur allgemeine Daten aus bildgebenden Verfahren ein, sondern auch mathematische Formeln, die biologische Zusammenhänge beschreiben, und Messwerte der Testpersonen. In diesen virtuellen Gehirnen sind die Verbindungen zwischen Gruppen von Nervenzellen hinterlegt, wenn auch vereinfacht.

650 simulierte Gehirne wurden untersucht.

Sowohl im lebenden Menschen als auch im Computer seien die Gehirne bei Intelligenten besser synchronisiert, erklären die Forschenden, und zwar auf der Ebene des gesamten Gehirnnetzwerks bis auf die Ebene einzelner Nervengruppen hinein. Diese stärkere Synchronisierung ermögliche es Nervenschaltkreisen im Frontallappen des Großhirns, Entscheidungen länger hinauszuzögern.

Es findet eine Art Wettlauf zwischen den beteiligten Nervengruppen statt. Bei einer schwierigen Entscheidung unterscheiden sich ihre Signale nur geringfügig und sind wenig eindeutig, hält die Gruppe fest. Kommt dann zufälliges Hintergrundrauschen dazu, werden die Nervengruppen dazu gezwungen, voreilige Schlüsse zu ziehen. Bei einer Synchronisation befindet sich das System in einem „robusten Zustand“, sagt Ritter. Rauschereignisse führten dann nicht so leicht zu falschen Entscheidungen.

Doch wie kann man dem eigenen Gehirn helfen, weniger Denkfehler zu machen? „Die Synchronisation im Gehirn kann systematisch verändert werden“, sagt BIH-Professorin Ritter. „Beispielsweise kann das mit Neurofeedback trainiert werden.“ Hierbei handelt es sich ein computergestütztes Gehirntraining. Ob das jedoch wirklich einen Einfluss auf das „langsame Denken“ hat, müsse noch untersucht werden.


Nota. - Beim Gedanken der Synchronisierung stellt sich unwillkürlich die Vorstellung von einer Wellenbewegung ein...
JE


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KI kann denken, aber nicht vorstellen.

A. Dreher / Pixelio                                                                  zu Philosophierungen                
Künstliche Intelligenz kann Zeichen, die von Menschen mit einer Bedeutung belegt wur-den, zu einander in ein hierarchisch-sinnhaftes, grammatisches Verhältnis setzen. Aber sie kann sich nichts einbilden. Und selbst die Bilder, die sie sieht, muss sie in Zeichensysteme zerlegen. Die Bedeutungen müssen die Menschen, die sie in die Zeichen hineingelegt hat-ten, hinterher wieder herauslesen.

Sie kann sich nichts vorstellen.

Sie kann rechnen, aber kann keine Erfahrungen machen. Erfahrung wird möglich, wo Be-griffe auf Anschauungen stoßen, oder umgekehrt. Aber ohne Anschauung bleiben die Begriffe leer.

Und ohne Begriffe bleiben Anschauungen blind. Das ist ja das ganze Geheimnis mensch-licher Intelligenz: das Übergehen von analog zu digital; das Umsetzen von ästhetisch An-geschautem in logisch-sinnhafte Zeichen und umgekehrt. Nämlich nicht das Ausführen einer aufgegebenen Regel, sondern das selber-umsetzen-Können. Das ist ein schöpferi-scher Akt, das ist Einbilden und Erfinden

Bilden kann man nur, was man schon hat, und finden nur, was man sucht. Erfahren, was etwas bedeutet - anders gibt es keine Vernunft.


Resümee: Künstliche Intelligenz kann mit Symbolen operieren, kann aber nicht symboli-sieren. Kann kombinieren, aber nicht produzieren. Sie kann nicht einmal beurteilen - siehe ChatGPT -, ob ihre Kombinationen was taugen. 


Montag, 5. Juni 2023

Schwingt mein Gehirn wie ein Cello?


aus nzz.ch, 5. 6. 2023                                                                                                                                          zu  Jochen Ebmeiers Realien

Als wäre das Gehirn ein Cello: 
Australische Wissenschafter fordern die Hirnforschung heraus
Forscher stellen die bisher gültige Annahme infrage, dass Grösse und Form des menschlichen Gehirns keine Rolle spielen, seine Funktion nicht beeinflussen. Die Studie schlägt in der Fachwelt hohe Wellen.


von Eveline Geiser

Früher, da versuchte man noch, aus der Vermessung des Schädels auf die Funktion des Gehirns zu schliessen: Phrenologie nennt man diese Idee. Noch heute finden sich ihre Spuren in unserem Sprachgebrauch, etwa wenn von einer «Denkerstirn» die Rede ist.

Dass die Form des Gesichts etwas mit der Denkfähigkeit zu tun hat, ist längst als Legende entlarvt. Dass die Form des Gehirns das Denken beeinflusst, wurde nie eingehend unter-sucht. Die nun im Fachjournal «Nature» präsentierte Studie könnte dies ändern.

Eine Hirnwindung mehr oder weniger fällt nicht ins Gewicht

Das Gehirn im Inneren des Schädels ist aufgefaltet wie eine Walnuss. Seine Oberfläche ist von Furchen und geschwungenen Bergrücken überzogen, man nennt sie zuweilen «Hirn-windungen». Entlang der Furchen haben Neurowissenschafter bisher grobe anatomische Grenzen gezogen.

Drei Windungen im Stirnhirn markieren das Areal, das für die Sprachverarbeitung zuständig ist. Ein Teil des Schläfenhirns hat zwei, manchmal drei charakteristische Windungen und ist für das Hören zuständig. Ob es zwei Windungen oder deren drei sind, hat nach gängigem Wissen keinen Einfluss auf das Hörvermögen.


Solche Annahmen könnte die Ende Mai publizierte Arbeit von Neurowissenschaftern, Psychologen und Physikern an der Monash-Universität in Australien infrage stellen.

Konzentration auf das «Konnektom» im Gehirn

Die neurowissenschaftliche Forschung der vergangenen Jahrzehnte interessierte sich dafür, welche Zellverbände im Gehirn miteinander kommunizieren. In der Folge konnte das Netz-werk der Zellen, auf dem die Signale zwischen den Zellen ausgetauscht werden, immer ge-nauer dargestellt werden. Auch wegen seiner Ästhetik begeisterte das sogenannte «Konnek-tom» des Gehirns nicht nur Fachleute, sondern auch Laien.


Das menschliche Konnektom mit den grossen Nervenfaserbündeln.

Zusätzlich zu diesen neuroanatomischen Untersuchungen wurde im letzten Jahrzehnt auch der Informationsaustausch zwischen den Zellverbänden untersucht. Wir wissen jetzt zum Beispiel, dass die Zellen des Stirnhirns während Erholungszeiten – also wenn Versuchsper-sonen keine Aufgaben lösen müssen – mit dem hinteren Teil des Gehirns kommunizieren. Und: Die Aktivität in diesem sogenannten «Default-Mode»-Netzwerk kann die Funktions-fähigkeit des Gehirns beeinflussen.

Ganz anders dachten die australischen Forscher über das Gehirn. Was wäre, wenn das Ge-hirn während der Arbeit schwänge wie ein Musikinstrument, dessen Saiten angeschlagen werden?

Für ihre Studie griffen die Forscher auf Messungen von insgesamt 255 Gehirnen zurück. Möglich wurde dies, weil viele Wissenschafter heute ihre Messungen in grossen Datenban-ken anderen Forschern zur Analyse zur Verfügung stellen. Zu den Daten gehörte auch die Gehirnaktivität der Versuchspersonen, während sie verschiedene Aufgaben lösten. So ka-men über 10 000 unterschiedliche Datensätze zusammen.

Anhand der Grösse und Form der Gehirne in diesen Datensätzen errechneten die Wissen-schafter ein Modell davon, wie sich Aktivität von Gehirnzellen im Gehirn ausbreiten könn-te. Anschliessend untersuchten sie, wie gut dieses Modell die tatsächlich gemessene Hirnak-tivität der Versuchspersonen vorhersagen konnte.

Die Vorhersagen waren gut. Und nicht nur das: Sie waren offenbar besser als diejenigen Vorhersagen, die ein anderes Modelle traf, das nur die Verbindungen zwischen den Gehirn-zellen, also das Konnektom, berücksichtigte.

Neuronale Verbindungen sind immer noch wichtig

Die Grundannahme, dass die Verbindungen der Hirnzellen untereinander deren Aktivität stark beeinflussen, widerlegt die neue Studie zwar nicht. Denn es sind mit Sicherheit die Gehirnzellen, die als kleinste Einheit die elektrischen und chemischen Signale zwischen den Gehirnzellen weiterleiten.

Doch die Grösse und Form des Gehirns beeinflusst, wo im Gehirn überhaupt Zellverbin-dungen entstehen können. Auch dieser Tatsache trägt das neue Modell der Hirnaktivität Rechnung.

Und die Forscher zeigen, dass die Geometrie des Gehirns die Hirnströme und damit die Aktivität des Gehirns beim Lösen von Aufgaben beeinflusst. Was das für den Denkprozess – also für das Ergebnis der Hirnaktivität – bedeutet, das muss erst noch erforscht werden.

Untersuchen der «Eigenschwingungen» des Gehirns


Bei näherer Betrachtung hat die neue Studie aber noch weitere Implikationen. Das neue Modell der Hirnaktivität enthält nämlich die sogenannten Eigenschwingungen des Ge-hirns. Diese breiten sich über das gesamte Gehirn aus wie Wellen in einem Teich.

Dass diese Schwingungen die Aktivität im Gehirn vorhersagen, führt zu einer neuen Hypo-these: Nicht einzelne Zellverbände, sondern das gesamte Gehirn beeinflusst, welche Hirn-aktivität bei Denkprozessen abläuft.

Diese Vorstellung widerspricht zumindest teilweise der Annahme von Neurowissenschaf-tern, dass sich bestimmte Hirnprozesse in klar definierten Bereichen des Gehirns lokali-sieren lassen.

Für die Hirnforschung könnte die Idee, dass das Gehirn auch wie ein Klangkörper – ein Cello etwa – funktioniert, deshalb eine Wende bedeuten. Ob sie unter Fachleuten auch langfristig auf Resonanz trifft, bleibt jedoch abzuwarten.


Nota. - Vor allem andern: Die neue Theorie würde schlagartig Schluss machen mit allen Versuchen, unser Gehirn als einen Computer aufzufassen - oder den Computer als eine Art Gehirn. Das allein wäre eine kleine Revolution. Diese Auffassung hat, seit sie aufkam, viele Fragestellungen und Sichtweisen möglich gemacht, die es vorher nicht gab. Inzwischen ist sie aber so geläufig geworden, dass sie den Horizont eher einschränkt.

Zweitens: Die allgemeine Lobpreisung unseres Gehirns für sein anscheinend grenzenlose Plastizität stand schon immer auf einem gespannten Fuß mit der Vorstellung von vordefi-nierten Gehirnregionen. Die hat sich inzwischen etwas aufgelöst durch die Idee der Assem-blies und überregionalen Verschaltungen. Nach der australischen Theorie käme anstelle eines nur topischen ein topisch-hierarchisches Modell in Frage.

Und insbesondere würde die Annahme einer Gesamtschwingung des ganzen Gehirns die bislang so ergebnislose Suche nach "dem Ich" auf eine neue Bahn lenken. Das wäre eine zweite Revolution, und nichtmal eine kleine.
JE

Samstag, 3. Juni 2023

Jungens reden mehr.


aus Tagesspiegel.de, 2. 6. 2023                    Bei Aufnahmen des Gebrabbels von fast 6000 Babys entpuppten sich Jungs als deutlich gesprächiger. Das hat wohl evolutive Gründe.                         zu Levana, oder Erziehlehre zu öffentliche Angelegenheitenzu Männlich

Überraschung in der Sprachentwicklung

Männliche Babys plappern mehr als weibliche – anfangs


von Sascha Karberg

Es beginnt mit quietschenden und knurrenden Lauten, wird zum Lallen und gipfelt im ersten „ba“, „ma“ oder „aga“. Bis aus diesen Sprachvorläufern, Protophone genannt, schließlich die ersten Worte, Sätze und Phrasen werden. Mädchen galten bei dieser immer gleichen Sprachentwicklung stets besser ab. Doch nun zeigen Untersuchungen eines Sprachforschunsteams um D. Kimbrough Oller von der Universität von Memphis, Tennessee: Jungs sind im ersten Jahr deutlich „gesprächiger“ als Mädchen.

„Es wird allgemein angenommen, dass Mädchen einen kleinen, aber erkennbaren Vorteil gegenüber Jungs in der Sprache haben“, sagt D. Kimbrough Oller von der Universität von Memphis, Tennessee. „Aber es hat sich gezeigt, dass Jungs im ersten Jahr mehr sprachähnliche Laute von sich geben als Mädchen.“


Wir vermuten, dass es daran liegt, dass Jungen im ersten Lebensjahr
stärker gefährdet sind zu sterben als Mädchen.
D. Kimbrough Oller von der Universität von Memphis, Tennessee


Allerdings ändert sich das rasch, heißt es im Fachblatt iScience. „Während Jungen im ersten Jahr eine höhere Vokalisierungsrate aufwiesen, holten die Mädchen auf und überholten die Jungen bis zum Ende des zweiten Jahres“, sagt Oller, dessen Team die Sprachentwicklung im Säuglingsalter erforscht und eigentlich gar nicht die Absicht hatte, Geschlechtsunterschiede zu untersuchen. In einer früheren, kleineren Studie, die 2020 in der ZeitschriftCurrent Biology erschien, hatten sie den Effekt schon einmal bemerkt.


Fast 6000 Säuglinge „belauscht“

Jetzt konnten sie ihn anhand einer „enormen Stichprobe“, so Oller, von mehr als 450.000 Stunden ganztägiger Aufzeichnungen von 5899 Säuglingen bestätigen. Demnach geben männliche Säuglinge im ersten Jahr zehn Prozent mehr Laute von sich als weibliche. Im zweiten Jahr kehre sich der Unterschied um und weibliche Säuglinge plappern etwa sieben Prozent mehr als männliche. Und das, obwohl die betreuenden Erwachsenen in beiden Jahren häufiger mit den weiblichen Säuglingen sprachen als mit den männlichen.

Im ersten Lebensjahr brabbeln die Jungs noch mehr als die Mädchen, dann wendet sich das Blatt.

Die Ergebnisse könnten zu einer evolutionären Theorie passen, nach der Säuglinge schon früh so viele Laute von sich geben, um ihr Wohlbefinden auszudrücken und ihre eigenen Überlebenschancen zu verbessern, so Oller. „Wir vermuten, dass es daran liegt, dass Jungen im ersten Lebensjahr stärker gefährdet sind zu sterben als Mädchen.“


Nota. - Ich kenn einen, der ist ein richtiger Weiberfeind (sowas gibts), und der hat eine andere Theorie: Natürlich reden anfangs die Jungen mehr. So versuchen sie den Nachteil auszugleichen, dass die Mädchen öfter angesprochen werden. Aber es hilft nichts. Da ziehen sie sich nach einem Jahr resigniert zurück und überlassen den Äther der Mädchen. Die ziehn sich nie zurück.
JE


Donnerstag, 1. Juni 2023

Top down, Bottom up oder aus der Mitte heraus?

                                                                                                 zu  Jochen Ebmeiers Realien

Kommentar zu "Quantengravitation".

Irre ich mich: Bin ich wieder bei meinem derzeitige Lieblingsthema - der Unterscheidung zwischen Begreifen und Vorstellen? Unser Gehirn hat sich in unserer irdischen Mesosphäre entwickelt, und von allem, was darin vorkommt, können wir uns darum recht oder schlecht 'ein Bild machen'. Von vielem davon - oder allem, wie es uns scheint - können wir uns einen Begriff machen. All unsere Begriffe bestimmen sich untereinander gegenseitig, min-destens virtuell, und Zweck der Wissenschaft ist es, diese wechselseitige Bestimmung als Naturgesetze zu kodifizieren. 

Das ist ein unablässig vor sich gehender Prozess, und wir können ihm gelegentlich spekula-tiv vorgreifen und mit den abstrakten Begriffen operieren, als ob wir uns von ihnen ein Bild machen und uns unter ihnen etwas vorstellen könnten. Unsere Operationen mögen Ergeb-nisse hervorbringen, von denen wir uns nun erst recht kein Bild mehr machen können und die geradezu absurd wirken, sobald wir es versuchen. 

Allerdings können wir aus diesen Konstruktionen Experimente entwickeln, deren Effekte dann doch wieder in unserer Mesosphäre in Erscheinung treten und messbar sind und als Bestätigung für die Richtigkeit der zugrundeliegenden unanschaulichen Denkoperationen gelten können. Immanent überprüfen können wir sie allerdings nicht.

Bei der sogenannten Künstlichen Intelligenz besteht das vorläufig unlösbare Problem darin, dass ihre Rechenleistung von menschlicher Intelligenz schlicht und einfach nicht 'nachvoll-zogen' werden kann. Im naturwissenschaftlichen, aber gerade auch im gesellschaftlichen Raum können diese Resultate allerdings eine solche Tragweite haben, dass sich alles Experi-mentieren verbietet. Und da man ihre Operationen nicht beobachten und kontrollieren kann, wird befürchtet, dass sie sich selbstständig machen könnten und uns eines Tages alles um die Ohren fliegt.

Die "Quantengravitation" erscheint demgegenüber so abstrakt und überirdisch, dass solche Risiken entfallen. Allerdings bislang auch die Möglichkeit der praktischen Überprüfung im Experiment. Die einzige Gefahr, die von ihr ausgeht, wäre, dass sie soundsoviele Theoreti-sche Physiker um den Verstand bringt.

Wozu sie also überhaupt weiterverfolgen? Um herauszufinden, wie die Dinge an sich beschaffen sind? Die Philosophie hat diese Frage seit knapp zweieinhalb Jahrhunderten aus ihrer Agenda gestrichen. Was würde ...


...wird alsbald fortgesetzt.



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Globale Systemkrise...

 John Martin, Sodom&Gomorrha                                                                                                            ...