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aus spektrum.de, 17. 7. 2021 zu Jochen Ebmeiers Realien; zu Philosophierungen
Vom Wert der Werte
Im
Wahlkampf werden politische Parteien nicht müde, Werte einzufordern.
Doch was damit gemeint ist, ist oft nicht klar, findet unser Kolumnist
Matthias Warkus. Manchmal sind sie bloß Worthülsen.
von Matthias Warkus
Politik
besteht zu einem großen Teil aus anstrengendem Klein-Klein um häufig
sehr kon-krete Dinge – Gewerbesteuer-Hebesätze, Fördergelder,
Beschaffungen und Investitionspro-jekte. Ab und zu wird es dann aber doch
allgemein, und es geht darum, »wie wir miteinan-der leben wollen« oder
wie auch immer die gängigen Floskeln lauten. Es ist nicht alles nur
Handwerk, Stellschrauben und Bürokratie, auch das Große und Ganze muss
seinen Auftritt haben, und wenn das passiert, dann ist eigentlich immer
von einem die Rede: von Werten.
So ist es
auch kein Wunder, dass zum Beispiel in den Wahlprogrammen der beiden
derzeit stärksten Parteien viel von Werten und Verwandtem wie
»Wertegemeinschaften« die Rede ist (interessanterweise sowohl bei der
Union als auch bei den Grünen etwa gleich oft). Von Werten zu reden ist
gut und schön, aber was soll man sich darunter überhaupt vorstellen?
Das
Wort »Werte« wirft zwei relativ offensichtliche Schwierigkeiten auf:
Erst einmal ent-zieht es sich schlicht dadurch, dass es dieses Wort ist
und kein anderes, einer neutralen The-matisierung, denn »Wert« impliziert
gerade, dass das, worüber man da redet, etwas wert sein soll.
Sätze wie »Werte sind mir egal« oder »Werte bringen nichts« klingen
schräg. Man könn-te also, wenn man böse sein möchte, vermuten, dass
jemand, der von Werten redet, einem damit etwas unterjubeln wollen
könnte.
Wozu brauchen wir Werte?
Dazu
passt die zweite Schwierigkeit. Wenn man von wolkigen Sonntagsreden zu
konkreten Beispielen kommt, geht es bei diesen häufig um allgemein
verbindliche handlungsleitende Regeln. Auch wenn es einem heute vorkommt
wie die Forderung, Herren sollten doch bitte, wenn sie aus dem Haus
gehen, ihren Degen nicht vergessen: Gar nicht so lange vor der Pandemie
wurde noch von höchster Stelle eingefordert, dass »wir« in Deutschland
»uns zur Begrüßung die Hand geben«, und zwar alle. Aber was ist da genau
der Wert? Und dort, wo es klarer wird, wo bei Forderungen nach Regeln
der ethische Gehalt vergraben ist, reicht es doch eigentlich, von
Tugenden zu sprechen – Nächstenliebe, Wahrhaftigkeit, Tapferkeit und wie
sie alle heißen, es gibt bekanntlich jede Menge davon.
Bei anderen Werten scheint es, wenn es konkret wird, vor allem um
Konservierung von bestimmten Gegenständen (zum Beispiel Kulturschätzen)
oder von bestimmtem Knowhow (etwa der Fähigkeit, einen
hand-schriftlichen, fehlerfreien Brief zu schreiben) zu gehen, also von
Gütern. Das ist ein klassi-scher Punkt in der Diskussion von Werten: Wozu
brauchen wir Werte, wenn wir Tugenden und Güter haben? Was kann man mit
Werten begründen, was man nicht auch ohne Werte begründen kann?
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In der Tat sind Werte denn auch etwas Neumodisches. Der Trend
zum Wert beginnt erst nach 1900, und er ist verbunden mit Philosophen
wie Max Scheler und Nicolai Hartmann, die mit ihren Wertetheorien der
Ethik vor allem ein realistisches Fundament geben wollten. Realistisch
im philosophischen Wortsinn, das heißt: unabhängig von der menschlichen
Wahrnehmung, unveränderlich, wie es etwa auch mathematische Gebilde
sind. Das Grund-gesetz der Bundesrepublik Deutschland wie überhaupt die
ganze rechtsphilosophische Landschaft der Nachkriegszeit sind mehr oder
minder stark von werterealistischen Vorstel-lungen geprägt, die gut in
die Zeit passen, in der man nach Verbindlichkeit suchte, an Be-währtes
aus der Vergangenheit (insbesondere an die griechische Antike und an
Jesus) an-knüpfen wollte und ein regelrechter Humanismus- und Werteboom
tobte. In einem zu mehr als 70 Prozent der Zeit konservativ regierten
Land ist es auch kein Wunder, dass das Anknüpfenwollen an die
Vergangenheit nicht aufhört und die Konjunktur der Werte über Jahrzehnte
kaum zu bremsen scheint – obwohl die ausgearbeiteten philosophischen
Werte-theorien heutzutage antiquiert sind und man sich kaum noch an sie
erinnert.Im konkretesten Fall bedeutet »Werte« also abstrakt und
unveränderlich konzipierte Gebil-de, auf die gestützt man sich das
menschliche Denken darüber, was wünschenswert ist und was nicht, denkt.
Im schlechtesten Falle ist das Wort eine bloße Hülse, mit der man
signali-sieren möchte, dass man auch über Gut und Böse nachgedacht hat.
Es gibt jedenfalls, wie ich finde, kaum ein Wort, bei dem es nötiger
ist, immer nachzufragen, was jeweils genau gemeint ist – auch wenn es
nur selten jemand macht.
Nota. -
Das ist lobenswert, aber halbherzig. Er hätte schreiben sollen: "Wir
brau-chen keine Werte"; oder doch wenigstens: Wir bräuchten keine Werte -
wenn wir uns endlich darauf verständigen könnten, dass im öffentlichen Raum Vernunft walten soll.
Der
realistisch aufgefasste 'Wert' ist nämlich ein begrifflicher Bastard,
der nur Lö-cher verkleistern soll: die Löcher, die sich aufgetan haben,
seit das Absolute aus dem irdischen Leben verschwunden ist. Es
hieß nicht so und hatte sich in diverse rivalisierende
Glaubenskongregationen zersetzt, deren Partikularität auch dem Dümmsten
ins Auge sprang, als sich im 30jährigen Krieg die Religion nicht als
verbindender Leim, sondern als kriegstreibendes Gift entpuppte.
Es musste etwas gefunden werden, auf das sich Alle verständigen konnten, weil es über den Religionen stand und diese unbeachtet lassen könnte "etsi deus non dare-tur". Zu beachten: Die Idee eines irdischen Vernunftreichs ist
nicht aus scholasti-schen Spekulationen der Philosophen entstanden,
sondern aus der politischen Er-fordernis des wirklichen Lebens.
Das war dann aber doch nicht der Stein des Weisen, wie man gehofft hatte. Denn dass Ver-nunft herrschen sollte, war "Konsens"; doch was Vernunft "überhaupt ist", wäre so strittig gewesen, wie es die religiösen Dogmen waren, die in die Kata-strophe geführt hatten.* Also hat man die Frage vorsichtig ausgeklammert. Statt zu bestimmen, was Vernunft ist, beschränkte man sich darauf, zu regeln, wie sie ver-fährt - nämlich 'klar und deutlich wie der Geometer'.
In
der Sache war man also kaum gebessert. Was absolut ist, kann keinen
reellen Streit ent-scheiden, denn es ist nicht positiv. Positiv könnte
es sein, wenn es be-stimmt wäre - doch dann wäre es nicht absolut.
Und so traten im Zusammenleben der Staaten im 19. Jahrhundert an die
Stelle der Vernunft die Bündnissysteme der imperialistischen Großmächte
(was schließlich in den Weltkrieg führte). Im inneren Zusammenleben der
Staaten traten rivalisierende Weltanschauungen in Gestalt von Klassen-
und Programmparteien als ordnende Kräfte auf.
Und die vertraten "Werte". Verhackstückte, verweltlichte, "anschauliche", handhab-bare Portionen vom ehemals Absoluten: relativ
Absolute. Ein Notbehelf, besser als gar nichts, sollte man sagen. Doch
als solchen sollte man ihn besser unterm Mantel halten und nicht an die
große Glocke hängen. Denn wer das tut, kann wirklich nur demagogische Absichten verfolgen.
Als
unbestimmtes Absolutum kann Vernunft gar nicht herrschen, sondern nur
kon-kret und bestimmt. Das ist umso mühseliger, je weniger Leute es
einsehen. Man müsste ein Mittel finden, dass es mehr werden. Die
Vernunft braucht ihre Prosely-ten in der Welt wie die ersten Christen
unter Juden und Heiden.
*)
Nicht der Wortlaut der Dogmen hat den 30jährigen Krieg verursacht;
sondern der Glaube, dass das weltliche Zusammenleben durch Dogmen
geregelt werden könnte - sobald nämlich jeder seine eigenen hatte. Real
waren politische Konflikte; die Konfessionen folgten ihnen und gossen Öl
ins Feuer
JE, 18. 6. 21