Mittwoch, 31. Dezember 2025

Na ja.

        zu öffentliche Angelegenheiten

Die Ansprache zum Jahreswechsel. Man kann darüber - haste nich jesehn - hinweg-gleiten,  aber man kann sich dabei auch auf den Hintern setzen. Am besten, man sagt nix, aber in schönen Worten.

Nein, so war Merzens Grußwort nicht. Entscheidend ist, womit er beginnt: mit der Ukraine, mit der Bedrohnung durch Russland, und mit der Unberechenbarkeit Ame-rikas. Allein diese Reihenfolge rechtfertigt ihn in dem Amt, das er übernommen hat - Deutschlands Platz in der Welt. Aber wir alle wissen: Sein Koalitionspartner hat andere Prioritäten. 

Nicht für den hat er gesprochen, der käme erst beim Kleingedruckten wieder zu Wort. Es war die Ansprache eines Kanzlers, der sich seine Mehrheit erst noch schaffen muss. 

Frohe Aussichten fürs neue Jahr. 

 

Eindeutig.

Fidus, Lichtgebet                                           aus Geschmackssachen

Ein Bild, auf das nur ein Blick möglich ist, lässt zu wünschen.
aus e. Notizbuch, 13. 6. 07
 
Was diskursiv beschrieben werden kann, soll diskursiv beschrieben werden - dafür haben wir uns diese Fähigkeit anerfunden. Wer's anders macht, führt was im Schilde.
 
 

Dienstag, 30. Dezember 2025

Der Anstoß zur Vernunftkritik.

                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Kausalitätsprinzip war nicht zufällig der härteste Stein des Anstoßes zur Vernunftkritik. 

Zunächst einmal, vor aller begrifflichen Finesse, gilt als unvernünftig, wer nicht stets und reflexhaft das Prinzip von Ursache und Wirkung vor Augen hat. Das mochte eine göttlich eingegebne Idee sein, doch die praktisch eingestellten, weil früh bürgerlich gesonnenen Engländer haben sich im Verlauf des 17. Jahrhunderts davon überzeugt, dass die Begriffe nicht vom Himmel fallen, sondern von den Men-schen selber aus eigener Erfahrung abstrahiert werden. Das war plausibel und mit dogmatisch-rationalistischen Vorhaltungen nicht wieder aus der Welt zu schaffen: Nicht das Erkennen ist der Eingang zur Vernunft, sondern das Fühlen.

 

 

Doch auch der Sensualismus brachte seine Skeptiker hervor. David Hume legte den Finder darauf, dass der sogenannte Kausalnexus in der Erfahrung gar nicht vor-kommt. Beobachten kann man immer nur der Zustand vorher und den Zustand nachher. Einen Moment, in dem eine Wirkung geschieht, bekommt man nimmer zu Gesicht.

Seine Beobachtung war genial, seine Folgerung war einfältig: Ursächlichkeit sei eine reine Denkgewohnheit. Doch warum? Wenn sie sich überall und immer bewährt, scheint sie ja doch etwas zu erklären, was man immer noch nicht verstehen kann. 

An dem Punkt begann Kants Kritik und die Kausalität wurde ihm zu seiner ersten "Kategorie". Woher allerdings das Apriori, wie er es nennt, stammt, ließ er vielsa-gend im Ungewisssen. ...

Kommentar zu Ein natürlicher Kausalitätsbegriff?, JE, 23. 12. 21 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Montag, 29. Dezember 2025

Er hat die Konkursmasse der Sozialdemokratie am Bein.

 wir-lieben-fuesse.de                            zu öffentliche Angelegenheiten

Was erwartet man? 

Er hatte angekündigt, alles (ein Bisschen) anders machen zu wollen. Aber dafür hat er keine parlamentarische Mehrheit bekommen. Dazu hätte er mindestens einen der  beiden Wahlverlierer und Pfeiler der gescheiterten Ampelregierung gebraucht. Ganz unmöglich waren die Waisen von Habeck und Baerbock. Blieb nur das noch kleinere Übel. Und das klebt ihm nun an der Backe.

Ist das das Problem? 

Ein Problem ist es nur, weil er als Vertreter des andern parlamentarischen Lagers angetreten war. 

Dass er nun herumkompromisseln muss wie Mutti Merkel, liegt daran, dass er an demselber Kap nicht vorbeikommt wie sie: Die CDU vertritt eine Menge Interes-sen, aber den Ausschlag gibt immernoch der Apparat, dem Viele so viel verdanken.

Er hat sich leichthin als trotziger Quereinsteiger aufgedrängt, aber so haben ihn die, die ihn mangels Alternative schließlich auf den Schild gehoben haben, gar nicht ge-wollt: Sie haben ihn erst nach dem soundsovielten Versuch rangelassen. 

Das müsste er ihnen schließlich heimzahlen. Aber dafür bräuchte er Rückhalt von außen. Doch dort haben sie alle begründete Angst vorm Untergang.

Ich ist mein Gedächtnis.

reklamekasper 
aus www.dasgehirn.info                                                                                                      zu Jochen Ebmeiers Realien

Gedächtnis, das ist mehr als unsere persönlichen Erinnerungen. Auch Fakten und Fertigkeiten werden im Gehirn gespeichert – auf unterschiedliche Art und Weise und an verschiedenen Orten.

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Hans J. Markowitsch                                                     Veröffentlicht: 02.08.2018

Was bedeutet eigentlich „Gedächtnis“? Die Erinnerung an das erste Date? An das letzte Mal, dass man einen guten Freund gesehen hat? Den Geruch beim ersten Ausflug ans Meer? – Die meisten Menschen haben solche Eindrücke vor Augen, wenn sie das Wort Gedächtnis hören. Aber tatsächlich hat der Mensch mehrere Arten von Gedächtnis, die ganz verschiedene Aufgaben erfüllen.

Der Film unseres Lebens

Unsere persönlichen Erinnerungen an einzelne Ereignisse und Erlebnisse nennen Forscher das episodische oder autobiographische Gedächtnis. Hier ist der Film des Lebens abgespei-chert, mit uns als Hauptdarsteller: Unsere peinlichsten Patzer, unsere glücklichsten Momen-te, Familienfeste, Schulabschluss, Hochzeitstag, Beerdigungen und alles dazwischen. Diese Erinnerungen haben einen klaren räumlichen und zeitlichen Bezug, wir können sie mehr oder weniger genau in eine Zeitleiste einfügen.

Das ist beim semantischen Gedächtnis anders. Es umfasst das gesamte Faktenwissen, das ein Mensch im Laufe seines Lebens anhäuft, also sein Allgemeinwissen. Die meisten Men-schen wissen, dass die Hauptstadt von Frankreich Paris ist. In der Regel erinnern sie sich aber nicht daran, wann, wo und von wem sie diese Tatsache das erste Mal gehört haben. Häufig handelt es sich auch gar nicht um ein einziges Lernereignis. Wer im Französisch-Unterricht Vokabeln oder im Erdkunde-Unterricht Hauptstädte auswendig lernen musste, hat die mitunter bittere Erfahrung gemacht, dass meist mehr als ein Anlauf nötig ist, um ein Wort, eine Hauptstadt oder einen anderen Fakt abzuspeichern.

Dagegen ist, was im episodischen Gedächtnis abgespeichert wird, ein Erlebnis, das an einem bestimmten Ort stattgefunden hat. Der kanadische Psychologe Endel Tulving hat den Unterschied auf folgende Formel gebracht: Das episodische Gedächtnis seien Infor-mationen, an die wir uns „erinnern“, das semantische Gedächtnis speichere Informationen, die wir „wissen“.

In einzelnen Fällen zeigen Menschen mit einem beschädigten Hippocampus aber ein weit-gehend unbeeinträchtigtes semantisches Gedächtnis, obwohl ihr episodisches Gedächtnis überhaupt nicht mehr funktioniert. So kannte selbst Henry Molaison, der wohl bekannteste Amnesie-Patient der Welt, die Namen einiger Persönlichkeiten, die erst berühmt wurden, nachdem sein Hippocampus in einer Operation entfernt worden war. Wie genau er diese Informationen abspeichern konnte, ist bis heute nicht geklärt (siehe: Der Mann ohne Ge-dächtnis).

Wissen, dass wir etwas wissen

Langfristig abgelegt werden beide Arten von Informationen nach derzeitigem Kenntnis-stand in der Hirnrinde, dem Cortex. Daran sind vor allem die Frontallappen und die Tem-porallappen beteiligt. Für die Speicherung neuer episodischer Informationen ist jedoch der Hippocampus von entscheidender Bedeutung. So verlieren Menschen mit einer Schädigung des Hippocampus die Fähigkeit, neue autobiographische Gedächtnisinhalte in bleibende Er-innerungen zu überführen: Sie leiden unter einer Amnesie (siehe: Die Anatomie des Verges-sens).

Episodisches und semantisches Gedächtnis haben eine weitere wichtige Gemeinsamkeit: In beiden Fällen ist uns bewusst, dass wir etwas wissen. Ob es um die eigene Hochzeit, die Amtszeit von Bundespräsident Walter Scheel oder den Weg zur nächsten Bäckerei geht: Menschen wissen, ob sie sich an etwas erinnern. Und sie können es auf ganz unterschied-liche Weisen mitteilen: Den Weg zum Bäcker etwa kann man erklären, aufschreiben, aufma-len, obwohl man all dies möglicherweise noch nie gemacht hat. Darum werden das episodi-sche und das semantische Gedächtnis zusammen häufig als explizites oder deklaratives Ge-dächtnis bezeichnet.

Lernen, ohne es zu merken

Dem gegenüber stehen andere Gedächtnisarten, die zusammen als implizites oder nicht-deklaratives Gedächtnis bezeichnet werden. Das wichtigste Beispiel hierfür ist das prozedu-rale Gedächtnis oder Fertigkeitsgedächtnis. So bezeichnen Wissenschaftler den Teil des Ge-dächtnisses, der Fähigkeiten, Gewohnheiten und Verhaltensweisen speichert. Also körperli-che oder geistige Abläufe wie etwa das Fahrradfahren, das Zähneputzen oder schlicht, auf-recht auf zwei Beinen zu laufen. Doch auch erlernte Ängste oder der aufkommende Appetit beim Geruch eines guten Essens sind „Produkte“ des nicht-deklarativen Gedächtnisses.

Nicht-deklarative Gedächtnisinhalte wirken sich zwar ständig auf unser Erleben und Ver-halten aus, ins Bewusstsein treten sie dabei aber meist nicht. Deshalb ist es anders als beim deklarativen Wissen schwierig, sie anderen mitzuteilen: Obwohl die meisten Menschen ihre Schuhe binden können, ohne sich mental damit beschäftigen zu müssen, sind sie selbst durch Nachdenken kaum in der Lage, einem anderen den Vorgang zu erklären, ohne es vorzumachen. Dasselbe gilt für das Fahrradfahren oder Klavierspielen. Dennoch bewältigen wir einen Großteil unseres Alltags nur mit Hilfe dieser ungezählten automatisierten Hand-griffe.

Interessanterweise werden die Erinnerungen des nicht-deklarativen Gedächtnisses offenbar anders abgespeichert als die episodischen oder semantischen Inhalte des deklarativen Ge-dächtnisses. Denn selbst wenn das deklarative Gedächtnis weitgehend gestört ist, können Menschen noch neue Fertigkeiten lernen. So gab die Psychologin Brenda Milner in einem berühmt gewordenen Experiment ihrem Patienten Henry Molaison eine Geschicklichkeits-aufgabe. Obwohl der sich bei den wiederholten Versuchen niemals daran erinnern konnte, diese Aufgabe schon einmal geübt zu haben, wurde er von Mal zu Mal besser. Einmal sagte Molaison sogar erstaunt, er habe sich die Aufgabe schwerer vorgestellt, was deutlich macht, dass der Hippocampus für das Fertigkeitsgedächtnis nicht das entscheidende Hirnareal sein kann.

Forscher glauben heute, dass neben der Hirnrinde vor allem das Kleinhirn und die Basal-ganglien eine wichtige Rolle bei nicht-deklarativen Erinnerungen spielen. Das zu den Ba-salganglien gehörende Putamen speichert demnach wohl erlernte Fähigkeiten wie Radfah-ren ab, ein anderer Teil – der Nucleus caudatus – instinktive Handlungen wie Zähneputzen oder Körperpflege. Die Bewegungssteuerung für diese Abläufe koordiniert das Kleinhirn.

 

Nota. - Das nicht-deklarative bzw. prozedurale Gedächtnis ist nicht im landläufigen Sinn "bewusst"; wir wissen zwar davon, aber nicht so, dass wir darauf reflektieren können. Folglich können wir es nicht in Begriffe fassen und keinem andern mittei-len.

Das deklarative Gedächtnis wird in einen episodischen bzw. autobiographischen und einen semantischen Teil unterschieden. Deklarativ heißen sie beide, weil wir sie in Sprache fassen können. Das ist beim episodischen Teil nicht immer einfach, und oft müssen wir nach den treffenden Worten erst suchen. Beim semantischen Teil ist das anders. Warum? Weil es selber sprachlich verfasst ist: Es besteht aus Worten. Das episodische Gedächtnis besteht dagegen in Bildern

Das eine liegt in der Zeit, das andere außerhalb; dieses ist analog , jenes ist digital gespeichert. Sie sind von einander unabhängig, das eine beruht nicht auf dem an-dern; doch können gelegentlich Informationen aus einem ins andere übergehen.
3. 1. 21

Nota II. -  Das eine verzeichnet das Erlebte, das andere, was es bedeutet: Der transzendentale Gedanke ist hirnphysiologisch vorgezeichnet. [Dies ist ein Scherz.]
JE


siehe:

Sonntag, 28. Dezember 2025

Theorie und Praxis.

Derain, Collioure                                                             aus Philosophierungen

Bevor es Boote gab, gab es keine Buchten, sagte der leider vergessene Erich Rot-hacker.
 
Zahlen gibt es erst, seit gerechnet wird; weil gerechnet wird.
 
Eine Menge Äpfel gab es schon immer. Vier oder fünf Äpfel gibt es nur, wenn man sie verteilen will.

Logik sei eine praktische Wissenschaft, meinte Friedrich Schlegel.
16. 12. 15

Samstag, 27. Dezember 2025

Wir brauchen keine Werte.

wikiwand
aus spektrum.de, 17. 7. 2021                                            zu Jochen Ebmeiers Realien; zu Philosophierungen

Vom Wert der Werte
Im Wahlkampf werden politische Parteien nicht müde, Werte einzufordern. Doch was damit gemeint ist, ist oft nicht klar, findet unser Kolumnist Matthias Warkus. Manchmal sind sie bloß Worthülsen.

von Matthias Warkus

Politik besteht zu einem großen Teil aus anstrengendem Klein-Klein um häufig sehr kon-krete Dinge – Gewerbesteuer-Hebesätze, Fördergelder, Beschaffungen und Investitionspro-jekte. Ab und zu wird es dann aber doch allgemein, und es geht darum, »wie wir miteinan-der leben wollen« oder wie auch immer die gängigen Floskeln lauten. Es ist nicht alles nur Handwerk, Stellschrauben und Bürokratie, auch das Große und Ganze muss seinen Auftritt haben, und wenn das passiert, dann ist eigentlich immer von einem die Rede: von Werten.

So ist es auch kein Wunder, dass zum Beispiel in den Wahlprogrammen der beiden derzeit stärksten Parteien viel von Werten und Verwandtem wie »Wertegemeinschaften« die Rede ist (interessanterweise sowohl bei der Union als auch bei den Grünen etwa gleich oft). Von Werten zu reden ist gut und schön, aber was soll man sich darunter überhaupt vorstellen?

Das Wort »Werte« wirft zwei relativ offensichtliche Schwierigkeiten auf: Erst einmal ent-zieht es sich schlicht dadurch, dass es dieses Wort ist und kein anderes, einer neutralen The-matisierung, denn »Wert« impliziert gerade, dass das, worüber man da redet, etwas wert sein soll. Sätze wie »Werte sind mir egal« oder »Werte bringen nichts« klingen schräg. Man könn-te also, wenn man böse sein möchte, vermuten, dass jemand, der von Werten redet, einem damit etwas unterjubeln wollen könnte.

Wozu brauchen wir Werte?

Dazu passt die zweite Schwierigkeit. Wenn man von wolkigen Sonntagsreden zu konkreten Beispielen kommt, geht es bei diesen häufig um allgemein verbindliche handlungsleitende Regeln. Auch wenn es einem heute vorkommt wie die Forderung, Herren sollten doch bitte, wenn sie aus dem Haus gehen, ihren Degen nicht vergessen: Gar nicht so lange vor der Pandemie wurde noch von höchster Stelle eingefordert, dass »wir« in Deutschland »uns zur Begrüßung die Hand geben«, und zwar alle. Aber was ist da genau der Wert? Und dort, wo es klarer wird, wo bei Forderungen nach Regeln der ethische Gehalt vergraben ist, reicht es doch eigentlich, von Tugenden zu sprechen – Nächstenliebe, Wahrhaftigkeit, Tapferkeit und wie sie alle heißen, es gibt bekanntlich jede Menge davon. Bei anderen Werten scheint es, wenn es konkret wird, vor allem um Konservierung von bestimmten Gegenständen (zum Beispiel Kulturschätzen) oder von bestimmtem Knowhow (etwa der Fähigkeit, einen hand-schriftlichen, fehlerfreien Brief zu schreiben) zu gehen, also von Gütern. Das ist ein klassi-scher Punkt in der Diskussion von Werten: Wozu brauchen wir Werte, wenn wir Tugenden und Güter haben? Was kann man mit Werten begründen, was man nicht auch ohne Werte begründen kann?

Spektrum Kompakt:  Was ist real? – Am Übergang von Wissenschaft und Philosophie
Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Was ist real? – Am Übergang von Wissenschaft und Philosophie

In der Tat sind Werte denn auch etwas Neumodisches. Der Trend zum Wert beginnt erst nach 1900, und er ist verbunden mit Philosophen wie Max Scheler und Nicolai Hartmann, die mit ihren Wertetheorien der Ethik vor allem ein realistisches Fundament geben wollten. Realistisch im philosophischen Wortsinn, das heißt: unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung, unveränderlich, wie es etwa auch mathematische Gebilde sind. Das Grund-gesetz der Bundesrepublik Deutschland wie überhaupt die ganze rechtsphilosophische Landschaft der Nachkriegszeit sind mehr oder minder stark von werterealistischen Vorstel-lungen geprägt, die gut in die Zeit passen, in der man nach Verbindlichkeit suchte, an Be-währtes aus der Vergangenheit (insbesondere an die griechische Antike und an Jesus) an-knüpfen wollte und ein regelrechter Humanismus- und Werteboom tobte. In einem zu mehr als 70 Prozent der Zeit konservativ regierten Land ist es auch kein Wunder, dass das Anknüpfenwollen an die Vergangenheit nicht aufhört und die Konjunktur der Werte über Jahrzehnte kaum zu bremsen scheint – obwohl die ausgearbeiteten philosophischen Werte-theorien heutzutage antiquiert sind und man sich kaum noch an sie erinnert.

Im konkretesten Fall bedeutet »Werte« also abstrakt und unveränderlich konzipierte Gebil-de, auf die gestützt man sich das menschliche Denken darüber, was wünschenswert ist und was nicht, denkt. Im schlechtesten Falle ist das Wort eine bloße Hülse, mit der man signali-sieren möchte, dass man auch über Gut und Böse nachgedacht hat. Es gibt jedenfalls, wie ich finde, kaum ein Wort, bei dem es nötiger ist, immer nachzufragen, was jeweils genau gemeint ist – auch wenn es nur selten jemand macht.

 

Nota. - Das ist lobenswert, aber halbherzig. Er hätte schreiben sollen: "Wir brau-chen keine Werte"; oder doch wenigstens: Wir bräuchten keine Werte - wenn wir uns endlich darauf verständigen könnten, dass im öffentlichen Raum Vernunft walten soll. 

Der realistisch aufgefasste 'Wert' ist nämlich ein begrifflicher Bastard, der nur Lö-cher verkleistern soll: die Löcher, die sich aufgetan haben, seit das Absolute aus dem irdischen Leben verschwunden ist. Es hieß nicht so und hatte sich in diverse rivalisierende Glaubenskongregationen zersetzt, deren Partikularität auch dem Dümmsten ins Auge sprang, als sich im 30jährigen Krieg die Religion nicht als verbindender Leim, sondern als kriegstreibendes Gift entpuppte. 

Es musste etwas gefunden werden, auf das sich Alle verständigen konnten, weil es über den Religionen stand und diese unbeachtet lassen könnte "etsi deus non dare-tur". Zu beachten: Die Idee eines irdischen Vernunftreichs ist nicht aus scholasti-schen Spekulationen der Philosophen entstanden, sondern aus der politischen Er-fordernis des wirklichen Lebens.

Das war dann aber doch nicht der Stein des Weisen, wie man gehofft hatte. Denn dass Ver-nunft herrschen sollte, war "Konsens";  doch was Vernunft "überhaupt ist", wäre so strittig gewesen, wie es die religiösen Dogmen waren, die in die Kata-strophe geführt hatten.* Also hat man die Frage vorsichtig ausgeklammert. Statt zu bestimmen, was Vernunft ist, beschränkte man sich darauf, zu regeln, wie sie ver-fährt - nämlich 'klar und deutlich wie der Geometer'.

In der Sache war man also kaum gebessert. Was absolut ist, kann keinen reellen Streit ent-scheiden, denn es ist nicht positiv. Positiv könnte es sein, wenn es be-stimmt wäre - doch dann wäre es nicht absolut. Und so traten im Zusammenleben der Staaten im 19. Jahrhundert an die Stelle der Vernunft die Bündnissysteme der imperialistischen Großmächte (was schließlich in den Weltkrieg führte). Im inneren Zusammenleben der Staaten traten rivalisierende Weltanschauungen in Gestalt von Klassen- und Programmparteien als ordnende Kräfte auf. 

Und die vertraten "Werte". Verhackstückte, verweltlichte, "anschauliche", handhab-bare Portionen vom ehemals Absoluten: relativ Absolute. Ein Notbehelf, besser als gar nichts, sollte man sagen. Doch als solchen sollte man ihn besser unterm Mantel halten und nicht an die große Glocke hängen. Denn wer das tut, kann wirklich nur demagogische Absichten verfolgen.

Als unbestimmtes Absolutum kann Vernunft gar nicht herrschen, sondern nur kon-kret und bestimmt. Das ist umso mühseliger, je weniger Leute es einsehen. Man müsste ein Mittel finden, dass es mehr werden. Die Vernunft braucht ihre Prosely-ten in der Welt wie die ersten Christen unter Juden und Heiden.

*) Nicht der Wortlaut der Dogmen hat den 30jährigen Krieg verursacht; sondern der Glaube, dass das weltliche Zusammenleben durch Dogmen geregelt werden könnte - sobald nämlich jeder seine eigenen hatte. Real waren politische Konflikte; die Konfessionen folgten ihnen und gossen Öl ins Feuer
JE, 18. 6. 21

 

 

Freitag, 26. Dezember 2025

Vernunft ist keine Sache, sondern ein Verhalten.

Matisse, La danse II                                                       zu Philosophierungen

Mit der Frage, wie die Vernunft (der Geist, der Sinn...) in die Welt gekommen ist, hat es  eine ähnliche Bewandtnis wie mit der Frage, wie der Wert (das Kapital) in die Welt gekommen ist. 

Im ersten Falle brauchte, da aus nichts nichts wird, Fichte sein vorgeschichtliches Normalvolk, das dann wie die Abderiten in alle vier Winde zerstreut ward, um un-merklich hier und da und schließlich überall das Licht unter den Leuten anzuzün-den. Wie als Echo darauf führt Max Scheler den "Genotyp des Bourgeois", d. h. den Juden ein, der den Kapitalismus als Naturanlage "mitgebracht" und dann über die Erde verstreut hat.

Tatsächlich sind beide Fragen im Wesen verwandt. Sie lösen sich, wenn man auf-hört, Wert und Vernunft als seiende Sachen aufzufassen, sondern als Verhältnis be-greift - das als solches allerdings erst "in Erscheinung tritt", sobald es 'entwickelt' ist. Aber eben: Es ent
wickelt sich aus vorangegangenen Verhältnissen.
 
Und da erhellt plötzlich, dass es sich beidemal wirklich "irgendwie" um dasselbe handelt: nämlich um das Setzen dessen, was vor allem andern gelten soll. Vernunft nennen wir ein solches Verhalten der Menschen zu sich und den Dingen, das sich an den wahren Werten der Dinge orientiert. (Und welches der wahre Wert der Din-ge ist, lässt sich immer nur - ex post - praktisch ermitteln aus dem vernünftigen Verhalten...) 

Ist das ein verbaler Trick, Verhältnis aus Verhalten abzuleiten? Mitnichten; nur sol-che, die sich zueinander verhalten, haben ein Verhältnis. Von Verhältnis ist gar nicht zu reden, als wenn die Teilnehmer als Handelnde vorgestellt werden. Richtig, Teil-nehmer: Denn an einem Verhältnis nehme ich teil - oder ich habe keines. Vernünf-tig nennen wir Verhältnisse, in denen die wahren Werte den Ausschlag geben. Wie wir die Werte setzen, bestimmt je-weils unser Urteil über die Vernünftigkeit (oder andersrum - aber das erst, wenn sich die Werte zu einem "System" sozialisiert ha-ben, dessen Kohärenz Maßstab für die Gültigkeit einzelner Werte wird.)

Aber in der Wirklichkeit erscheinen 'Werte' zuerst individuell - und zwar im Gegen-satz zu den physiologischen Erhaltungserfordernissen. Jedes Handeln, das sich an Anderem als den Bedürfnissen der Selbst- und Arterhaltung orientiert, ist ipso facto werthaft. Denn es wählt.

In der Geschichte erscheint es punktuell, nämlich kultisch

Die erste Stelle, wo regelmäßig ein Verhalten aufgetreten ist, das keinerlei Bezug zu den phyiologischen Erhaltungsfunktionen mehr hat - und das darum als Abschluss der Hominisation gilt -, ist die Haltung zum Tod.

Die Menschen wissen, dass sie sterben werden; vorher waren sie keine. Man kann überhaupt sagen: Es ist ihr erstes Wissen. Sobald sie es wissen, hört der Tod auf, ein bloßes Naturgeschehen zu sein - und sie setzen einen Fuß aus der Naturgeschicht-lichkeit ins Reich der Freiheit. Nur weil sie sterben müssen, bekommt ihr Leben einen Sinn. 

31. 12. 1994


Nachtrag I. - Hier ist die Frage realphilosophisch, d. h. anthropologisch gestellt, nämlich: wie die Vernunft in die Welt gekommen ist. Noch nicht die Rede ist davon, worin sie besteht. Das ist erst eine Frage der Transzendentalphilosophie. 
21. 3. 17

Nachtrag II. - Ein Verhältnis 'gibt es' gar nicht. Was 'es gibt', ist lediglich, dass Eines sich zu einem Andern verhält. Von dem, was der eine mit dem andern tut, kann ich, wenn ich einen Grund dafür habe, absehen. Das ändert aber nichts an dem Sach-verhalt: dass einer etwas tut. 'Es gibt' nicht Vernunft als objektive Eigenschaft des-sen, was einer tut; es gibt nur Vernünftigkeit seines Tuns: Er selbst handelt vernünf-tig oder nicht. 

Alles weitere wäre Abstraktion und fiele in die Verantwortlichkeit des außenstehen-den Betrachters. Nur für ihn 'gibt es' ein Verhältnis. 'An sich' verhält sich immer nur Eines zu einem Andern, siehe oben. Anthropologie und Transzendentalphilosophie gehen nicht ineinander über oder gar ineinander auf. Sie sind zweierlei Gesichts-punkte - Perspektiven, aus denen man etwas sehen kann -, aber alternierend entwe-der dieser oder der andere.

Zusammenfassend gesagt: Vernünftigkeit ist ein (tätiges) Verhalten.

Denn die wahren Werte, die - siehe oben - das Verhalten der Menschen bestimmen, sind die Zwecke, die sie verfolgen. Gültig sind nicht schon die Zwecke, die ich oder ein anderer wirklich erstrebt, sondern solche, die geeignet sind, zu Zwecken aller zu werden. Das kann und muss man vorab erwägen. Doch erweisen kann es sich im-mer erst in der Tat. Ohne Wagemut keine Vernünftigkeit.
JE, 25. 6. 21

 

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Maße und Proportionen und der gesunde Menschenverstand.



Skeptische Weise hatten schon früh eine Ahnung von der Relativität unserer menschlichen Einsichten, und die Neigung zum Zweifel überstand alle geistlichen Verfolgungen. Doch das war was für die Gelehrten. Um die Menge des Publikums zu erfassen, musste die Relativität anschaulich werden. Im 20. Jahrhundert lernten dann auch Elementarschüler das Mikroskopieren, und "alles ist relativ" wurde zu einem ärgerlichen Gemeinplatz.

Dies ist das eine. Dass zugleich, als die Gelehrten auf der einen Seite die Natur als eine Haushälterin definierten, Gelehrte sie auf der andern Seite als Künstlerin entdeckten, ist eine feine Pointe der bürgerlichen Geistesverfassung.
Kommentar zu Das Mikroskop veränderte die Weltanschauung. JE,  16. 11. 19
 
 
 

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Wieso vom Ästhetischen keine Wissenschaft möglich ist.

aus Geschmackssachen

...Zum Beispiel wird man sich nie über den Grund noch den Gegenstand der Mu-sikwissenschaft einigen können.

Über den Gegenstand nicht: Ich habe in einer musikwissenschaftlichen Zeitschrift eine völlig ernstgemeinte Abhandlung über das Pfeifen gefunden. Wenn man sich darauf einigen könnte (man kann es nicht), dass der Grund der Musik ein ästheti-scher sei, so würde man sich nicht darüber einigen können, was das Ästhetische ist. 

Es gibt nämlich keine Fragestellung im Arbeitsalltag (vulgo in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung), die eine solche Verständigung erheischt; die es nötig machte, dass der eine den andern zur Einsicht zwingt. De gustibus non es disputandum: Worü-ber man nicht streiten kann, darüber kann man sich auch nicht verständigen. 
aus e. Notizbuch, 6. 9. 05



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Dienstag, 23. Dezember 2025

Fraglichkeit.

Jens Bredehorn  / pixelio.de                                                       aus Philosophierungen

Die Bedeutungen tierischer Umwelten haben alle einen gemeinsamen Nenner: Sie sind Funktionen der Erhaltung - der Individuen wie der Art. Was keinen Erhal-tungswert hat, kommt in ihnen, wenn es auch 'da' ist, buchstäblich nicht vor. Der Mensch hat aber vor Jahrmillionen seine Urwaldnische verlassen und ist aus der ererbten Umwelt in eine fremde Welt aufgebrochen. Deren Bedeutungen waren nicht ererbt; er mußte sie selber heraus-, d. h. hineinfinden: Ihm kann alles bedeut-sam werden. Und die Bedeutung ist, seit er einmal dem Überfluß begegnet war, nicht mehr auf den Erhaltungswert beschränkt: Jedes kann ihm Vieles bedeuten, und er kann sogar sich selber fraglich werden.
11. 11. 13
 

Montag, 22. Dezember 2025

Figur im Grund; oder Die Erheblichkeit.

liquid chaos                        aus Über Ästhetik, Rohentwurf, 16.
                                                                                                                                                                                                                     
Das Elementardatum unserer Gewärtigkeit (Gewahrseins, Zur-Welt-Seins...) ist weder die Vorstellung (im Symbolsystem: "Denken") noch die Wahrnehmung ("Sinnlichkeit"). Beide werden erst nachträglich in der Reflexion (=durch das "Ein-treten" der sprachlichen Repräsentation!) von einander geschieden. Und schon gar nicht so, daß "erst" die sinnliche Wahrnehmung "da" wäre und "dann" die Vorstel-lung "hinzukommt". Sondern zuerst ist immer Erleben "da". "Erlebnis" wäre schon zu viel gesagt: zunächst einmal ein "Strom" in einem "Feld", aus dem gelegentlich Einzelnes"herausragt", weil es Aufmerksamkeit erregt - oder es erregt Aufmerksam-keit, weil es "irgendwie" herausragt, wie die Figur aus ihrem Grund. ["auffällig": vgl. A. Gehlen, Anthropologische Forschung, S. 119] 

Was aber ist es, das einzelne Momente auszeichnet in (zeitlich) dem "Strom" oder (räumlich) dem "Feld"? Schon das Feld selbst ist konstituiert von einem wie auch immer geringen Grad von Aufmerksamkeit, und wenn sich ein Moment abzeichnet, dann immer, wenn und weil sich die Aufmerksamkeit darauf gelenkt hat. Ja, aber warum? Weil sie Qualitäten (Washeiten) „erkennt“, die sie von Anderm unterschei-den kann; weil sie nicht so sind, wie (all) das Andere; also eine Information unter-scheidet von einer (relativen) Nicht-Information, Redundanz. Ein Hier-jetzt-nicht-Erwartetes von einem So-wie-so-schon-Dagewesenem. [Insofern ist Neuheit doch eine ästhetische Qualität! cf. Burke]  

Und später dann wird auf das So-Ausgezeichnete geachtet, ob, wann und wo man es wieder erkennt. Jetzt wird es erwartet, und wenn 'es' sich nicht wieder 'ereignet', dann ist das die Information. Also alles 'Neue' ist informativ und eo ipso interes-sant. Also das Erlebnis ist die unmittelbare Gegebenheitsweise dessen, was 'einem unbeteiligten Beobachter' als Ereignis vorkommt - und also auch der Reflexion, in der 'ich' 'mich' anschaue, 'als ob' ich ein Anderer wäre.
 
w.r.wagner, pixelio.de

... "Wahrgenommen" wird immer nur eine Figur in einem Grund. - Die Figur ist immer eine Störung des Grundes. D. h. nur als Störung "ist" sie Figur. Figur und Grund ‚verhalten’ sich nicht "dialektisch": Sie "bedingen" einander nicht! Zwar "gibt es" keine Figur ohne Grund, aber es gibt einen Grund ohne Figur. Nur "ist" er dann kein Grund. Aber er ist auch nicht Nichts. Er ist... "Strom", unausgezeich-net, unbeachtet. Er "ist", aber er bedeutet nichts. Erst wenn er als "das, was" er "ist" - nämlich nichts Bedeutendes - gestört wird, wird er etwas. (Das Auge "sieht" eine ungeordnete Fläche, aber es "nimmt" sie nicht "wahr"; es kann darauf nicht verhar-ren; es "flackert", sucht nach einem "Anhalts-Punkt"; und wenn es keinen findet, halluziniert es ihn in die Fläche hinein - und "widmet" sie ipso facto zu einem Grund "um".)

- Die Erwartung eines Sinns im Meer des Sinnlosen; die Erwartung einer Figur im wüst-Unbestimmten ist so tief in unsere mentale Dispostiton eingeprägt, daß gewis-se optische Texturen - von Kandinski über Mondrian bis Pollock - ihre ästhetische Kraft gerade aus dem Verstoß gegen die Erwartung, aus ihrer Enttäuschung gewin-nen.

... Erlebnis ist immer singulär und eo ipso qualitativ. (Quanta "erscheinen" erst im Vergleich; also in der Reflexion auf anderes. Aber 'Figur im Grund' ist keine Relati-on, sondern ein Komplex (datum uno actu); erst die Reflexion "erkennt", daß der Grund auch 'allein' da wäre, wenn...; setzt also beide in Beziehung.)
10. 10. 13

La Liana, pixelio.de

Blog-Archiv

Wie das Ästhetische entbunden wurde.

  Cézanne, Lac d'Annecy                                                                                                            zu ...