Donnerstag, 6. November 2025

Naturgesetz.

Beate Güldner                                                   aus Philosophierungen

Die »Regelmäßigkeit« der Aufeinanderfolge ist nur ein bildlicher Ausdruck, wie als ob hier eine Regel befolgt werde: kein Tatbestand. Ebenso »Gesetzmäßigkeit«. Wir finden eine For-mel, um eine immer wiederkehrende Art der Folge auszudrücken: damit haben wir kein »Ge-setz« entdeckt, noch weniger eine Kraft, welche die Ur-sache zur Wiederkehr von Folgen ist. 

Daß etwas immer so und so geschieht, wird hier interpretiert, als ob ein Wesen infolge eines Gehorsams gegen ein Gesetz oder einen Gesetzgeber immer so und so handelte: während es, abgesehen vom »Gesetz«, Freiheit hätte, anders zu han-deln. Aber gerade jenes So-und-nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst stam-men, das nicht in Hinsicht erst auf ein Gesetz sich so und so verhielte, sondern als so und so beschaffen. Es heißt nur: etwas kann nicht auch etwas anderes sein, kann nicht bald dies, bald anderes tun, ist weder frei noch unfrei, sondern eben so und so. Der Fehler steckt in der Hineindichtung eines Subjekts.
[632] 
_______________________________
Nietzsche, Aus dem Nachlass (XII)

Nota. - Da hat er völlig Recht: Wir können es uns nicht anders vorstellen, als ob da ein All-verursacher für Ordnung sorgte. Denn aus dem Handeln, zum Zweck des Handelns ist un-ser Vorstellen entstanden. Wenn wir von allem in der Vorstellung abstrahieren können - da-von nicht.

Doch indem wir uns das vergiftete Geschenk der Begriffsbildung mit seiner inhä-renten dogmatischen Versuchung beschert haben, haben wir uns damit zugleich die Waffe der Kritik in die Hand gegeben. So wie der Begriff zum Baustein für meta-physische Türme zu Babel taugt, taugt er auch zum Sezierbesteck der Vernunft.
JE,
24. 12. 18

 

Mittwoch, 5. November 2025

Raus aus der Sackgasse.

 aus FAZ, 3. 11. 2025                                                                                       zu öffentliche Angelegenheiten

Aus falschem Geschichtsbewusstsein wird eine Lösung verschmäht, die sich in Nachbarländern bewährt hat – eine Minderheitsregierung.


Angst (II).

Menschen in gruseligen Kostümen ziehen an Halloween im Parkbereich der Kuningan City Mall in Jakarta, Indonesien, durch die Straßen.aus derStandard.at, 1. November 2025                                                                               

Ein kleiner Nervenknoten steuert, wie unser Gehirn mit Angst umgeht
Ein Schlüsselschaltkreis löst nicht nur Erstarrungs- und Fluchtreaktion aus. Er fährt sie auch wieder herunter, sobald man erkennt, dass keine tatsächliche Gefahr droht
 
... Es ist kein Wunder, dass die Unterhaltungsindustrie mit dem Schrecken viel Geld verdient, immerhin gilt Furcht als eine der ältesten und stärksten Emotionen der Evolution. Angst ist so tief in uns verankert, weil sie unser Überleben sichern soll. Doch nicht nur die Fähigkeit, Angst zu empfinden, ist wichtig – auch die Art und Weise, wie wir auf sie reagieren, spielt eine wichtige Rolle.
Flucht oder Erstarren

Ein Forschungsteam der University of Colorado Boulder hat nun einen bisher kaum erforschten neuronalen Schaltkreis identifiziert, der steuert, wie wir Bedrohungen begegnen. Sie funktioniert weitgehend unabhängig von der Amygdala, dem klassischen Angstzentrum des Gehirns.

Anstelle eines Kommentars: 

Produktbild: Grundformen der Angst  19,90 €, Reinhard-Verlag, München 

Der sogenannte Nucleus interpeduncularis (IPN) im Mittelhirn aktiviert Flucht- oder Erstarrungsreaktionen, wenn Gefahr droht, kann diese aber auch wieder abschwächen, sobald sich eine vermeintlich bedrohliche Situation als harmlos erweist. "Unsere Arbeit zeigt, wie das Gehirn durch Erfahrung lernt, diese Reaktionen fein abzustimmen und uns so hilft, uns an die Welt anzupassen", sagte Elora Williams, Erstautorin der im Fachjournal Molecular Psychiatry erschienenen Studie.

"Geisterbahn für Mäuse"

Auf Grundlage ihrer Ergebnisse vermuten die Forschenden, dass Menschen, deren Umgang mit Angst aus dem Ruder läuft – etwa Personen mit Angststörungen, posttraumatischer Belastungsstörung oder auch Risikosüchtige – möglicherweise deshalb so reagieren, weil ihr Nucleus interpeduncularis nicht richtig funktioniert.

Für ihre Untersuchung entwickelten die Wissenschafterinnen und Wissenschafter ein ungewöhnliches Experiment: Sie konstruierten eine Art "Geisterbahn für Mäuse". Darin durften die nichtsahnenden Nager ein Labyrinth erkunden, während sie gelegentlich mit dem Bild eines Raubtiers konfrontiert wurden.

Mithilfe der Faserphotometrie, einer Methode, die neuronale Aktivität in Echtzeit sichtbar macht, konnten die Forschenden genau verfolgen, wie das Gehirn der Tiere auf die Bedrohung reagierte. Am ersten Tag der Versuchsserie löste die Projektion des Raubtiers die erwartbare Reaktion aus: Die Mäuse erstarrten beim Anblick und suchten dann rasch Schutz – begleitet von einer stark erhöhten Aktivität im IPN.

Angstreaktion per Knopfdruck

Doch schon am zweiten Tag begann sich dieses Muster zu verändern. Die Tiere zeigten zunehmend Neugier auf ihre Umgebung, ein Anzeichen dafür, dass ihre Angst bereits nachließ. Am dritten Tag schließlich konnte die vermeintliche Bedrohung die Mäuse kaum mehr aus der Ruhe bringen. Offenbar hatten sie gelernt, dass der "Feind" eigentlich harmlos war, und ihre IPN-Aktivität sank entsprechend deutlich ab.

Um ihre Beobachtung zu überprüfen, manipulierten die Forschenden anschließend das IPN direkt. Sie setzten dabei auf Optogenetik, eine Methode, bei der Nervenzellen genetisch so verändert werden, dass sie auf Licht reagieren. Auf diese Weise konnte das Team um Williams die Angstreaktionen der Tiere gleichsam per Knopfdruck steuern. Unabhängig davon, ob die Mäuse den Raubtierreiz zum ersten oder dritten Mal sahen, hing ihre Reaktion ausschließlich davon ab, ob die IPN-Neuronen aktiviert oder stummgeschaltet waren.

Mikroskopische Aufnahme zeigt grün markierte Nervenzellen des Nucleus interpeduncularis und violette Punkte im Gehirn einer Maus. Sie sind mit der Reaktion auf Bedrohungen verbunden.
Bestimmte Nervenzellen des Nucleus interpeduncularis (hier grün) im Gehirn einer Maus beginnen zu feuern, sobald eine Bedrohung vor den Augen des Nagers auftaucht.

"In ihrer Gesamtheit zeigen unsere Ergebnisse, dass das IPN eine entscheidende Rolle dabei spielt, wie wir potenzielle Bedrohungen verarbeiten und uns anpassen, sobald wir gelernt haben, dass sie ungefährlich sind", sagte Susanna Molas, Koautorin von der University of Colorado Boulder. Es ist die erste Untersuchung, die dem Nucleus interpeduncularis eine derart zentrale Funktion in der Angstregulation zuschreibt.

Menschen mit Angststörungen

"Die Identifizierung neuronaler Schaltkreise, die der Bedrohungsverarbeitung und dem adaptiven Lernen zugrunde liegen, ist entscheidend, um die neuropathologischen Grundlagen von Angst und anderen stressbedingten Störungen zu verstehen", ergänzte Williams.

Das Forschungsteam will als Nächstes untersuchen, welche Rolle das IPN bei Menschen spielt, die einen problematischen Umgang mit Angst haben, etwa außergewöhnlich risikobereiten Personen oder solchen mit Angststörungen. Eine genauere Erforschung dieser Struktur könnte neue Wege eröffnen, um Fehlregulationen im IPN gezielt zu behandeln und dadurch ausgeglichenere Angstreaktionen zu ermöglichen.

"Das Bedrohungssystem des Gehirns funktioniert wie ein Alarm", sagte Williams. "Er muss ertönen, wenn Gefahr real ist – aber er muss auch wieder verstummen, wenn sie es nicht ist." Langfristig, so hofft sie, könnten neue Therapien beim IPN ansetzen. Das Team sieht darin einen Schlüsselschaltkreis für eine gesunde Balance zwischen Angst und Gelassenheit. 

Dienstag, 4. November 2025

Gold zu Geld.

Eine Hand hält eine kleine Münze aus Elektron zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Münze zeigt ein geprägtes Design mit einem Löwenkopf als Motiv und Schriftzeichen. Der Hintergrund ist unscharf und in rötlichen Tönen gehalten.
aus spektrum.de, 29. 20. 2025                                           Eine Münze aus Elektron mit dem Symbol der Lyderkönige: dem Löwenkopf. In Lydien entstand die Weltformel des Tauschens  – als die dortigen Könige vor gut 2600 Jahren Münzen einführten. Den Geldwert gewährleistete: ihr gutes Wort, erzählen unsere Kolumnisten.                                   zu öffentliche Angelegenheiten

von Richard Hemmer und Daniel Meßner

Im Westen Anatoliens lag das antike Königreich Lydien. Im Flusstal des Hermos, zwischen der Ägäisküste und den Gebirgen im Hinterland, thronte seine Haupt-stadt: Sardes. Die Metropole wachte über die sich hier kreuzenden Handelswege, während ein Nebenfluss des Hermos, der Paktolos, aus den Bergen natürliches Elektron herbeitrug, eine Gold-Silber-Legierung, die sich aus dem Sand wa-schen ließ.

Die Geschichte spülte hier auch Mythen ans Ufer, zum Beispiel die Legende von König Midas, der im Paktolos sein verwunschenes Goldhändchen reingewaschen haben soll. Diese Sage verklausulierte allerdings einen nüchternen Befund: Edel-metall war vorhanden in Sardes, und zwar reichlich.

Alyattes, seit 635 v. Chr. König von Lydien und kein Mythos, führte das Reich in eine neue Phase der Ausdehnung und Blüte. Sein Name bedeutete der Löwenhafte, doch die Wirtschaftslage seines Landes war weniger der Brüller. Sie krankte an einem alten Problem: In Lydien zirkulierte Edelmetall als Zahlungsmittel, das aber bei jeder Transaktion gewogen und auf Reinheit geprüft werden musste. Wiegen kostete Zeit und das Misstrauen in die Waagenkünste des anderen auch. Ein Machtzentrum wie Sardes wollte diesen Verschleiß nicht länger beklagen, sondern in ein Mittel zur politischen Ordnung verwandeln.

Es war einmal vor der Münze

Die Idee vom Geld ist älter als jede Prägung. Im Vorderen Orient rechneten Händler in Schekel, in Ägypten in Deben; Barren, Ringe oder Draht wurden nach Gewicht ausgegeben. Gleichzeitig existierten andere Maße, die bestimmten Werten entsprachen, ohne dass sie einen praktischen Zweck erfüllen mussten. In der homerischen Welt waren es Rinder oder Kultgeräte wie Kessel, Spieße oder Dreifüße, die nicht als Zahlungsmittel, sondern als wertige Gaben die Besitzer wechselten. Auch Sicheln und Messer zirkulierten, zunehmend stumpf, weil der Nutzen nebensächlich geworden war. Es ging aber nicht um Zweckmäßigkeit, sondern um die gegenseitige Anerkennung eines bestimmten Werts.

Moderne Erklärungen unterliegen deshalb oft dem Trugschluss, das Münzgeld sei erfunden worden, um den Handel nah und fern zu erleichtern. Mit Geld konnten Schmied, Töpfer und Bauer ihre Waren verkaufen, ohne ihre Erzeugnisse direkt tauschen zu müssen. Denn was war, wenn der andere gerade kein Rasiermesser oder eine Schüssel brauchte? Auch der Fernhandel sei einfacher geworden mit Geld. Doch die Funktion, die Münzen später perfekt erfüllten, muss nicht von Anfang an beabsichtigt gewesen sein. Und Geld sollte zunächst sehr wahrscheinlich einen anderen Zweck erfüllen. Es entstand nicht, weil man es für den Handel brauchte, sondern weil Anerkennung messbar werden sollte.

Im späten 7. Jahrhundert v. Chr., vermutlich zur Zeit von Alyattes, tauchten im lydischen Raum kleine Objekte aus Elektron auf, die mehr waren als nur Metallklümpchen. So fanden sich unter dem Artemis-Tempel von Ephesos (die Stadt lag ungefähr 100 Kilometer südwestlich von Sardes) solche Stücke, die auf der einen Seite einen quadratischen Abdruck zeigen und auf der anderen Rillen oder Bilder, etwa einen Löwenkopf. Das Entscheidende, was diese Objekte zu Münzen machte, waren drei Aspekte: ein festgelegtes Gewicht, eine einheitliche Form aus Metall und ein Zeichen, das den Münzstandard und seine Herkunft aus vertrauenswürdiger Quelle gewährleisteten. Der Löwe war zum Garantiezeichen geworden.

Die Lyderkönige schraubten am Metallwert

Elektron kam zwar natürlich vor, doch das Verhältnis von Gold und Silber im Metall schwankte. Genau hier setzte die Politik an. Wer prägte, definierte auch den nominellen Wert. Mit seinem Zeichen, ähnlich einem Siegel, garantierte der Lyderkönig, dass alle Münzen den gleichen Wert besaßen – selbst wenn der tatsächliche Metallwert schwankte. Seine Autorität war Garantie genug, wie der Numismatiker  John Kroll von der University of Texas at Austin in dem Buch »The Lydians and their World« erklärt

Eine antike Goldmünze mit einem Löwen- und einem Stierkopf als Motiv auf der Vorderseite. Die Münze hat eine unregelmäßige, ovale Form und zeigt Abnutzungsspuren. Der Hintergrund ist dunkel, wodurch die goldene Farbe der Münze hervorgehoben wird.Kroiseios | König Krösus ließ Gold- und Silbermünzen prägen. Diese Goldmünze des Herrschers aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. zeigt einen Löwen (links), der mit seiner Pfote einen Stier (rechts) angreift. Zu sehen sind nur die Köpfe der Tiere.

Das senkte auch die Kosten für die Prüfung des Metalls, zudem schöpfte der Herrscher die sogenannte Seigniorage ab. Das ist der Gewinn, der sich durch die Ausgabe von Geld ergibt, wenn die Herstellungskosten der Münzen geringer ausfallen als ihr Nennwert. 

Diesen Weg schlugen die lydischen Könige bald schon gezielter ein. Sie ließen in Sardes die Edelmetallanteile in den Münzen künstlich verändern. Das natürliche Elektron hatte eigentlich einen ungefähren Goldanteil von 70 Prozent. Spezialisten trennten die Metalle und mischten sie nach einem festen Verhältnis neu zusammen: etwa 54 Prozent Gold zu 44 Prozent Silber. Die königlichen Münzen waren somit »massiv überbewertet«, schreibt Kroll. Die Könige hatten für ihre Prägungen also absichtlich den Nennwert über den Metallwert gestellt. Das war kein Taschenspielertrick, sondern der Eintritt der Obrigkeit in den Zahlungsverkehr.

Warum kam die Münze ausgerechnet im 7. Jahrhundert auf?

Schon vor der Münze hatte der Fernhandel gut funktioniert, die lokalen Märkte liefen ebenso reibungslos. Die Münzen sollten folglich weniger eine Not der Händler lindern, sondern eher den Herrschern eine Chance bieten. Kleine Marktakteure besaßen nämlich weder die Autorität noch die Infrastruktur, um die Legierung, das Gewicht und ein Münzbild zu standardisieren, wie der Historiker David Schnaps in seinem Buch »The Invention of Coinage« schreibt. Könige und Städte hingegen konnten Gebühren, Abgaben und Sold in definierten Einheiten einfordern beziehungsweise ausgeben. Die Stücke aus Elektron dürften sich anfangs daher nicht so sehr für den Kauf von Brot und Oliven geeignet haben als vielmehr für fiskalische und größere kommerzielle Zahlungen. So oder so: Mit ihnen war aus dem Zeitfresser, Metall abzuwiegen, ein kurzer Blick auf einen Stempel geworden.

Unter Krösus (um 590–541 v. Chr.), dem letzten lydischen König, erhielt die Innovation eine neue Prägung. Statt Elektron kursierten jetzt reine Gold- und Silbermünzen. Die goldenen hießen Kroiseioi. Die Trennung der Metalle hatte einen Effekt: Sie senkte die Unsicherheit über den tatsächlichen Wert der Münzen. Mit ihnen ließ sich auch leichter über Grenzen hinweg Handel führen. Dass Krösus sprichwörtlich reich wurde, lag wohl an diesem Effizienzsprung.

Märkte und Arbeitswelt veränderten sich

Städte in Kleinasien (Anatolien) wie Milet und Ephesos prägten bald eigene Stücke, die teils auf denselben Gewichtsstandards beruhten. In der Nordägäis, in Thrakien und Makedonien, kamen ebenfalls Münzserien in Umlauf. In Athen wurde die Eule auf den Tetradrachmen zur Ikone einer Geldwirtschaft, die dem Stadtstaat Steuern, Sold und Seeherrschaft einbrachten. In China und Indien entstanden beinahe zeitgleich Münztraditionen nach einem eigenen System, unabhängig vom Mittelmeer, doch mit dem gleichen Ziel: einen Wert in kleine, standardisierte, verbürgte Einheiten zu fassen.

Mit der Münzprägung änderte sich nicht der Ursprung des Handels, aber sein Ablauf. Preise ließen sich nun klar benennen, besser vergleichen und niederschreiben. Die Agora in griechischen Städten, die früher eigentlich ein Ort der Debatte war, wurde immer mehr zum Marktplatz. Auch die Arbeitswelt veränderte sich: Die Lohnarbeiter des antiken Griechenlands, die »misthotoi«, erhielten festgelegte Löhne. Somit ließen sich auch Großprojekte leichter koordinieren. Und wer kein Land besaß, konnte Waren kaufen oder verkaufen und mit etwas Geschick sozial aufsteigen. Der Reichtum war nun nicht mehr nur erblich bedingt, sondern stärker mit Liquidität verbunden. Zugleich lösten sich damit alte Bindungen auf: Herrscher stützten sich weniger auf eine persönliche Gefolgschaft, sondern mehr auf ihre Einnahmeströme.

Nicht jeder fand das verlockend. In Sparta widersetzte man sich lange einer Silberwährung und hielt an einer Ökonomie fest, die auf sozialer Kontrolle beruhte. Den Lauf der Geschichte beeinflusste das aber kaum.

Sardes fiel, die Münze blieb

Um das Jahr 546 v. Chr. eroberte der Perserkönig Kyros II. die lydische Hauptstadt Sardes. Die Erzählungen über Krösus' Schicksal gehen auseinander; sie schwanken zwischen Scheiterhaufen, Begnadigung und spätem Ratgeberamt. Sicher ist: Lydien wurde zur persischen Satrapie (Verwaltungsgebiet), und das persische Herrschergeschlecht der Achämeniden übernahm das Werkzeug, das Lydien groß gemacht hatte. Sie prägten nun selbst Münzen. Die Kroiseioi blieben anfangs aber noch eine Weile im Umlauf, was dem einstigen König als Inbegriff des Reichtums wohl zu seinem Ruf verhalf.

Laut dem griechischen Philosophen und Gelehrten Aristoteles (384–322 v. Chr.) ist Geld nützlich und handlich. Das klingt plausibel, den eigentlichen Zweck trifft es damit aber nicht ganz. Funde wie Muscheln, stumpfe Messer, Kultgerät und Gewichtsbarren legen nämlich etwas anderes nahe: Es ging um Anerkennung – gewährleistet durch die Normierung eines Metallstücks und die Abbildung eines Zeichens. Lydien machte es vor: Ein königlicher Stempel ersetzte das Wiegen, ein standardisiertes Gewicht ersparte viele Worte. Und die Seigniorage half andere Projekte zu finanzieren, etwa für die Infrastruktur.

Der Fluss Paktolos hatte das Metall hervorgebracht, doch der eigentliche Reichtum entstand im Kopf: Es war die Einsicht, dass ein Bild, ein Gewicht und ein Versprechen genügten, um Vertrauen zu schaffen. Lydien hatte aus Flusssand eine Weltformel des Tauschens gemacht.

 

 

Montag, 3. November 2025

Der Revolution ausweichen.

Historische Illustration einer Konfrontation zwischen bewaffneten Polizeikräften in Uniform und Zivilisten, die mit Stöcken und Werkzeugen kämpfen. Im Hintergrund sind weitere Menschen und erhobene Waffen sichtbar. Die Szene zeigt heftige Unruhen mit umherfliegenden Gegenständen. Text darunter: 
aus derStandard.at, 30. Oktober 2025               Chartistenaufstand in England                 zu öffentliche Angelegenheiten 

Drei Faktoren bewahrten historische Gesellschaften vor dem Untergang
Die Opferbereitschaft von Eliten und zwei Arten von Reformen haben die Resilienz entscheidend gestärkt und so manchen Kollaps verhindert, fanden Komplexitätsforscher heraus
 
Woran liegt es, dass eine Gesellschaft krachend in sich zusammenbricht? Wie kommt es zu gewaltsamen Revolutionen und dramatischen Umbrüchen? Diese Fragen stellen sich Historikerinnen und Sozialwissenschafter immer wieder. Einer der führenden Köpfe auf dem Gebiet ist der russisch-amerikanische Komplexitäts-forscher Peter Turchin.

Anhand von mathematischen Modellen analysierte der Leiter einer Forschungs-gruppe am Complexity Science Hub (CSH) in Wien den Aufstieg und Fall von einst dominanten Gesellschaften wie der des Alten Ägypten, des Römischen Reiches oder den Maya – aber auch solche unserer heutigen Zeit. Ein internationales Team um Turchin hat nun den Spieß umgedreht. Was musste passieren, damit es in bestimmten historischen Situationen zu keinem Kollaps kam? Wie konnte es selbst unter extremem Druck gelingen, das Blatt noch zu wenden und einen Zusammenbruch zu verhindern?

Das ist nicht nur historisch gesehen interessant, sondern kann auch neue Erkenntnisse zur Krisenbewältigung für die heutige Welt bringen, die verstrickt ist in komplexe Probleme wie Klimawandel, Kriege, wirtschaftliche Turbulenzen und politische Polarisierung.

Eskalation verhindert

Die Studie, die im Journal Cliodynamics erschienen ist, untersuchte vier Fälle, in denen ein Kollaps abgewendet werden konnte: das frühe republikanische Rom (494 bis 287 v. Chr.); das England des 19. Jahrhunderts während der Reformbewegung der Chartisten, die erstmals Arbeiterrechte einforderten; Russland in der Reformperiode Mitte des 19. Jahrhunderts sowie die sogenannte Progressive Era in den USA Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, während der ebenfalls eine Reihe von Reformen angestoßen wurde.

Basis für die Analyse war die Seshat Global History Databank, in der seit mehr als einem Jahrzehnt Wissen über Gesellschaften im Laufe der Menschheitsgeschichte so strukturiert wie möglich erfasst wird. Aufgrund seiner Analysen identifizierte das Forschungsteam drei interne Faktoren, die für die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft entscheidend sind:

  • Opferbereitschaft der Elite: Ein erheblicher Teil der Machthabenden erkannte die ersten Anzeichen von Unruhen und war bereit, tiefgreifende institutionelle Reformen durchzuführen, selbst wenn dies mit dem Verlust eines Teils ihres persönlichen Vermögens oder ihrer Privilegien verbunden war. Dies habe sich insbesondere in den frühen Phasen einer Krise als entscheidend erwiesen, um eine Eskalation zu einem noch destruktiveren Konflikt zu verhindern, schreiben die Forschenden.
  • Umfassende institutionelle Reformen: Es wurden weitreichende, miteinander verknüpfte Reformen umgesetzt, die gleichzeitig mehrere Ursachen sozialer Spannungen adressierten. Dabei handelte es sich nicht um bloße "Notlösungen", sondern um bedeutende Veränderungen der Strukturen wie etwa Landumverteilung, Schuldenerlass, erweiterte politische Vertretung und Arbeitsschutz, heißt es in der Studie.
  • Fähigkeit des Staates, Reformen aufrechtzuerhalten: Ebenso entscheidend war die Fähigkeit des Staates, diese Reformen durchzusetzen, zu institutionalisieren und aufrechtzuerhalten. Der Ausbau der bürokratischen Strukturen, die Umsetzung von Finanzreformen und die Verabschiedung entsprechender Gesetze stellten sicher, dass die ersten Maßnahmen zu dauerhafter Stabilität führten. Das sei besonders in England und den USA zu beobachten gewesen.
Kurzfristiger Verzicht

Als Beispiele für solche Reformen führt das Forschungsteam die Ausweitung der repräsentativen Regierungsform und die Umverteilung von Ressourcen im frühen republikanischen Rom wie auch im England der Chartistenzeit an. Entscheidend seien auch Arbeitsgesetze bereits zu Beginn der Industrialisierung im England des 19. Jahrhunderts und in den Vereinigten Staaten des frühen 20. Jahrhunderts gewesen. In Russland wiederum habe die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland unter Alexander II. eine große Rolle dabei gespielt, dass es zu keinem gewaltsamen Umbruch kam.

Die verschiedenen Maßnahmen verbesserten die Lebensbedingungen großer Teile der Bevölkerung und ermöglichten neuen Gruppen, gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen.

„Die Ironie besteht darin, dass gerade in dem Moment, in dem Reformen am dringendsten nötig wären, diejenigen, die über die größte Macht zu ihrer Umsetzung verfügen, am wenigsten geneigt sind, sie auch durchzuführen“, erklärt Jenny Reddish, Co-Autorin und Wissenschafterin am CSH. "Unsere Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass der kurzfristige Verzicht auf einige Privilegien langfristig zu größerer Stabilität und höherem Wohlstand für alle Teile der Gesellschaft führen kann."

Externe Faktoren

Neben den internen Faktoren kamen aber auch externe zum Tragen, wie die Forschenden betonen. In allen vier Fällen verschaffte die territoriale Expansion in den Jahrzehnten vor den Krisen den Staaten zusätzliche Ressourcen, die sie für die Umsetzung von Reformen und zur Bewältigung von Unruhen nutzen konnten.

Diverse Kriege und Eroberungen beeinflussten zudem die Bevölkerungsdynamik. Viele Menschen starben frühzeitig oder wanderten ab, was den sozialen Druck auf den Arbeitsmärkten verringerte. Zudem hätte die ständige Präsenz äußerer Bedrohungen von den Herrschenden erfordert, einen gewissen Zusammenhalt in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, um sie im Bedarfsfall mobilisieren zu können. Mitunter hätten daher auch äußere Zwänge die Eliten dazu gebracht, Reformen zu unterstützen, die die gesellschaftliche Stabilität stärkten.

Orientierung für heute

"Diese 'abgewendeten Krisen' liefern ein wichtiges Gegen-Narrativ, indem sie zeigen, dass Gesellschaften selbst angesichts enormer Massenarmut, einer Überproduktion von Eliten – also, wenn mehr potenzielle Führungskräfte entstehen, als es Macht- oder Einflusspositionen gibt – und finanzieller Belastungen des Staates, Wege zu Stabilität und erneuertem Wohlstand finden können", fasst Daniel Hoyer, Mitglied der Associate Faculty am CSH, die Bedeutung der Ergebnisse für die Gegenwart zusammen.

Auch wenn abgewendete Krisen selten perfekte Lösungen hervorgebracht hätten und Ungleichheiten häufig weiter bestehen bleiben, könnten historische Beispiele eine Orientierung geben, wie Stabilität gesichert und widerstandsfähigere, gerechtere Zukunftsperspektiven möglich sind. 

 

Nota. - Auf die Idee, die USA zwischen der Great Depression, dem New Deal und dem Beginn des II. Weltkriegs in die Untersuchung einzubeziehen, sind sie nicht ge-kommen. Eigenanrtig.
JE 

Sonntag, 2. November 2025

Aktives Nichtbestimmen.

                                                           zu Geschmackssachen

Nichts scheint uns subjektiver als der Geschmack. Im ästhetischen Zustand sei der Mensch aber Null, sagt Schiller.

Was ist das Ichhafte am bloß anschauenden Erleben des Ästhetischen?

Es ist das willkürliche (künstliche) Absehen von allem Andern. Die Freiheit, auf alle Selbstheit zu verzichten. "Der Mensch kann nein sagen."

Verzicht auf das bestimmen-Wollen; aktives Nicht
bestimmen.

'Bestimmen' als Habitus des Homo oeconomicus.

aus e. Notizbuch, im Mai 2009 

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mit nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 1. November 2025

Roosevelts New Deal, die Sozialdemokratie und der 2. Weltkrieg.

https://ebmeierjochen.wordpress.com/wp-content/uploads/2008/09/new-deal2.jpg?w=247&h=300 amerikanisch, um 1940                                                 zu öffentliche Angelegenheite 

Leo Trotzki, der größte Visonär des 20. Jahrhnderts, hatte im Angesicht des herauf-ziehenden Weltkriegs 1938 die Todeskrise des kapitalistischen Weltsystems diagno-stiziert. Erst im Jahr darauf sollte der Welthandel wieder dasselbe Volumen errei-chen wie 1913 am Vorabend des ersten Weltkriegs, und da der kommende Krieg dessen Verheerungen in den Schatten stellen würde, sei jede Rückkehr zu einem Gleichgewicht ausgeschlossen.

Bekanntlich ist es anders gekommen. Der ausschlaggebende Fehler bei der Diagno-se des Untergangs war die Einschätzung von Roosevelts New Deal gewesen: Noch im Mai 1940, ein gutes halbes Jahr nach Beginn der Kampfhandlungen, tat er ihn als einen Fehlschlag ab und sah die USA in Panik in den Abgrund treiben. Dabei hatte er früh verstanden, dass es sich, gewissernmaßen als Pendant Hitlers "Volks-staat", um eine Ausführung des alten sozialdemokratischen Programms der Ausglei-chung des Klassengegensatzes durch die wirtschaftliche Eigenrolle des Staatsappa-rates handelte. Doch dieses hielt er für gescheitert, und seine faschistische Wieder-belebung diente der Vorbereitung Deutschlands auf den neuen Krieg, der die Welt in die Revolution oder in den Abgrund stürzen musste.

Tatsächlich war das New Deal ein durchschlagender Erfolg, Amerika musste sich nicht in Ver-zweiflung, sondern in Siegerlaune in den Krieg stürzen, und der wie-derum erwies sich als das größte Konjukturprogramm aller Zeiten, das wenig später in Korea noch eine Fortsetzung fand. Und wieder waren Großbritannien und Frank-reich bei den USA hoffnungslos verschuldet, während man dort nicht wusste, wo-hin mit den monströsen Kriegsgewinnen. Und statt den europäischen Westmächten den Kredit zu kündigen, setzten sie eins drauf und pumpten dort, aber auch in die besiegten Deutschland und Japan, die Dollarmilliarden des Marshallplans. Nicht nur folgte der größte Aufschwung, den die Weltwirtschaft je erlebt hatte; sondern zu-gleich wurde das Problem erledigt, um das die beiden Waffengänge von 1914-18 und 1939-45, die im Nachhinein wie ein unterbrochener einziger erscheinen, ge-führt werden musste: die Neuaufteilung der Welt. 

So wurde der später so genannte Kalte Krieg zu der längsten Friedensepoche, den die industriell hochentwickelten, nämlich imperialistischen Länder je erlebt hatten.

In fast allem hat Leo Trotzki Recht behalten, nur nicht in diesem einen und ent-scheidenden Punkt: Der Todeskampf des Kapitalismus ist ausgefallen. Bestätigt wurde eine marxistische Binsenweisheit: Für das Kapital gibt es keine ausweglose Situation. 
6. 8. 21

Blog-Archiv

Wittgenstein - der Philosoph, der sich selbst widersprach.

  aus derStandard.at,  29. August 2026                 Ludwig Wittgenstein, um 1930                            zu   Philosophierungen ...