aus derStandard.at, 13. 8. 2026 zu Levana, oder Erziehlehre; zu öffentliche Angelegenheiten
Die größte Schulreform aller Zeiten
Im Wien der
1920er-Jahre erzeugte der Schulpolitiker Otto Glöckel gemeinsam mit dem
Psychologen Alfred Adler und anderen Bildungsinnovatoren einen
einzigartigen Gründerboom
Wien bot um 1921 ideale Rahmenbedingungen für umfassende Schulreformen: Die Sozialdemokraten hatten Bildung zu einem ihrer Kernthemen gemacht, und sie regierten alleine im neuen Bundesland.
Die Herausforderungen nach 1918 waren riesig: Das Schulwesen war ausgehöhlt, Gebäude zweckentfremdet, Unterrichtsmaterialien uralt oder verschwunden. Kinder waren von Hunger, Wohnungsnot, Tuberkulose (aber auch Rotlauf, Diphtherie und Spanischer Grippe) und schlimmen hygienischen Verhältnissen überdurchschnittlich betroffen. Hunderttausende Kinder und Jugendliche mussten arbeiten, waren Waisen oder konnten nicht von ihren Eltern aufgezogen werden.
Die Nachkriegsmisere unterstützte die Wiener Schulreformer kurioserweise auch, weil ja Schulgebäude und die meisten Lehrer aus der Zeit vor 1914 da waren, aber nur halb so viele Kinder. Die Stadt Wien kürzte die Vorkriegs-Budgets nicht und investierte damit ab 1922 ein Mehrfaches der anderen Bundesländer in Bildung: Für 1927 sind 492 Schilling pro Kind dokumentiert, gegenüber 194 in Niederösterreich und 79 im Schlusslicht Burgenland. In Wien waren die Schülerzahl mit 30 pro Klasse limitiert (auf dem Land gab es hingegen auch Klassen mit 80 Kindern). Schulbücher waren gratis, ein eigener Verlag - Jugend & Volk - wurde dafür gegründet. Es gab kostenlose Untersuchungen durch praktische Ärzte, Augen- und Zahnärzte
Otto Glöckel hatte bis 1920 als De-Facto-Unterrichtsminister eine umfassende, aber nur provisorische Volksschulreform für ganz Österreich eingeführt (per Erlass, siehe letzter Blog), die er nun in Wien ausgestalten konnte. Auch der Zugang von Mädchen zu allen Schulformen und von Frauen zum Lehramt (Aufhebung des Lehrerinnen-Zölibates) und zu allen Studienrichtungen war 1919 auf Bundesebene ermöglicht worden.
Am 22. Oktober 1920 schied Glöckel wie alle anderen Sozialdemokraten aus der Staatsregierung aus. Noch am selben Tag legte Gemeinderätin Amalie Seidel ihr Mandat im Wiener Bezirksschulrat nieder, um diesen Platz für ihn frei zu machen (Arbeiter-Zeitung, 23. Oktober 1920). Und nur vier Tage später wurde er als dessen neuer Leiter gewählt (formal erster Vorsitzenderstellvertreter, denn Vorsitzender war der Bürgermeister). Hier löste er seinen langjährigen Freund und Weggefährten Paul Speiser ab (Seidel und Speiser hatten mehrere Rollen in der Wiener Stadtpolitik und gaben nur jeweils eine davon auf).
Was nach Versorgungsposten für einen Ex-Minister klang, stellte sich bald als das Gegenteil heraus: Das neue Bundesland fusioniert Bezirks- und Landesschulrat zum Stadtschulrat und schuf damit eine mächtige Behörde, die nicht dem (christlichsozialen) Unterrichtsminister unterstand, sondern dem (sozialdemokratischen) Wiener Bürgermeister. Nach einer monatelangen Kontroverse um das Entsendungsrecht von Religionsgemeinschaften (siehe letzter Blog) fand dessen konstituierende Versammlung im Februar 1922 statt.
Schon in der ersten Stadtschulrat-Sitzung startete Otto Glöckel mit seinem Reformprogramm durch, und setzte einen Reformausschuss für die Allgemeine Mittelschule ein. Ab September 1922 wurde sie an sechs Bürgerschulen erprobt (Olechowski, Seite 599). Dieses Schulmodell hätte als Einheitsschule alle 11- bis 14jährigen umfasst, unterteilt in Leistungsgruppen, um auch Kindern aus bildungsfernen Arbeiterfamilien mehr Chancen auf Bildung zu geben (was bekanntlich bis heute nicht verwirklicht ist).
Glöckel setzte auf Pilotprojekte, um damit Erfahrungen zu sammeln, zu dokumentieren und Erfolge herzuzeigen, und auf möglichst viele Baustellen gleichzeitig. Herausragend dabei:
Eine besondere Stellung erhielt die Knabenschule Staudingergasse (Staudingergasse 6, Wien 20), in der Lehrkräfte mit individualpsychologischer Ausbildung 1924 Versuchsklassen starteten, unterstützt und genau beobachtet vom Stadtschulrat: Oskar Spiel, Franz Scharmer und Ferdinand Birnbaum konnten diese dann 1931 in eine erste Individualpsychologische Versuchsschule umwandeln. Im Mittelpunkt des Modells stand das Gemeinschaftsgefühl, gelebt in fünf verschiedenen Formen: Aussprachegemeinschaft, Verwaltungsgemeinschaft, Arbeitsgemeinschaft, Erlebnisgemeinschaft und Hilfeleistungsgemeinschaft (Quelle: Wittenberg: Geschichte der Individualpsychologischen Versuchsschule).
Die Mehrheit der Eltern und Schüler unterstützten die vielen revolutionären Änderungen in der Schulorganisation wie Elternvereine, Schülerbeschreibungsbögen statt reiner Notenbeurteilung, oder Sitzungen von Klassengemeinschaften, die von einzelnen Schülerinnen oder Schülern geleitet wurden, die dort ihre aktuellen Probleme thematisieren konnten. Die Lehrerschaft war hingegen gespalten:
In den Volks- und Hauptschulen unterstützten die Lehrer die Reform durchwegs mit Hingabe, oft mit Begeisterung. In den Mittelschulen (Gymnasien und Realgymnasien) mussten die Anhänger der Schulreform um jeden Zentimeter Boden kämpfen. Carl Furtmüller, zitiert in. Achs: Carl und Aline Furtmüller, Seite 96
Das lag auch daran, dass Volksschullehrer in Wien nun Gehälter bezogen, von denen man leben konnte - ein Riesenunterschied zur Zeit der Unterlehrer bis 1918. Gleichzeitig behielten alle, auch die reformkritischen Mittelschullehrer, ihren Job und verstellten damit engagierten Junglehrern mit den neuen Ausbildungen den Eintritt ins Schulsystem (die Schönbrunner Erzieherinnenschule der Kinderfreunde wurde unter anderem deswegen bereits 1923 wieder geschlossen). Erst 1927 wurden die ersten Absolventen des Pädagogischen Institutes fertig und erhielten bevorzugt die begehrten Lehrerposten an den neu geschaffenen Gymnasien - sie waren aber dann 1945 da, als man das Schulsystem der Zeit bis 1934 anschließen wollte.
Die historische Wiener Schulreform führte zu einem echten Systemwandel, weil Otto Glöckel mit seiner Energie tausende andere mitnahm, die sich an die Umsetzung ihrer eigener Visionen machten (heute auch Ripple-Effekt genannt).
Zur Lehrerausbildung und wissenschaftlichen Begleitung der Reformen holte Glöckel das Ehepaar Charlotte und Karl Bühler von Berlin nach Wien, die das Pädagogische Institut der Stadt Wien mitgründeten, einen "akademischen Joint-Venture" zwischen Stadt und Universität Wien. An der Schnittstelle mit der Sozialpolitik der Stadt Wien wurde 1925 die Kinderübernahmestelle eröffnet, ein Herzeigeprojekt von Sozialstadtrat Julius Tandler, wo ebenfalls Charlotte Bühler zur wichtigsten Entscheidungsträgerin wurde (Lustkandlgasse 50 in Wien 9).
Die Achse Adler-Furtmüller-Glöckel
Die zentralen Personen für die Ausgestaltung der Schulreformen waren aber Carl Furtmüller und Alfred Adler, und indirekt auch ihre Ehefrauen. Carl Furtmüller (1880 bis 1951) hatte Germanistik und Philosophie mit Lehramtsabschluss studiert. Schon in jungen Jahren überzeugter Sozialdemokrat und Bildungsreformer, war er an der Gründung des Volksheims durch Ludo Hartmann und Emil Reich in Ottakring (1901) federführend beteiligt, der erste Volkshochschule Wiens (Ochs, Carl und Aline Furtmüller, s44).
Das Volksheim-Gebäude in der Koppstraße (heute Ludo Hartmann-Platz) war dann der erste Sitz der Freie Schule-Bewegung, die Otto Glöckel bereits 1905 mitgegründet hatte. Furtmüller nahm 1904 eine Stelle als Gymnasiallehrer in Kaaden (heute: Kadaň) in Nordböhmen an und gründete dort eine lokale Sektion der Freien Schule. 1919 holte ihn umgekehrt Glöckel zunächst als Fachexperten ins Unterrichtsministerium und machte ihn 1922 als Landesschulinspektor für die Mittelschulreformen in Wien verantwortlich.
Furtmüller war mit Alfred Adler (1870 bis 1937) befreundet. Der junge Alfred Adler war einer der Mitstreiter von Sigmund Freud und 1902 ein Mitgründer der Mittwochsrunde, aus der die weltumspannende Internationale Psychoanalytische Vereinigung entstand. 1909 trat auch Furtmüller auf Einladung von Adler in diesen elitären Kreis und ihren wöchentlichen Treffen ein, was sofort zu Spannungen mit Freud führte.
Von Anfang an war Furtmüller ein freimütiger Teilnehmer, der imstande war, sich verständlich auszudrücken, und der versuchte, eine marxistische Perspektive in die breit gefächerten Diskussionen über emotionale Probleme von Kindern und Erwachsenen in der Mittwoch-Gesellschaft einzubringen. Zitiert aus einem der Protokolle der Mittwochrunde (Achs: Furtmüller, Seite 121)
Freud wollte von den sozialpolitischen Forderungen, die Adler und Furtmüller an die Erkenntnisse der Psychoanalyse knüpften, nichts wissen. Das war auch eine der Ursachen für den schmerzhaften Bruch zwischen Freud und Adler im Jahr 1912.
Charakter und Hilfe statt Gehorsam und Strafe
Individualpsychologie und Wiener Schulreformen, das war wechselseitige Faszination von Anfang an. Für die reformwilligen Lehrer füllten Adlers Thesen ein Vakuum, dass das Verdrängen der katholischen Kirche als oberste Schulautorität hinterlassen hatte. Die simplen katholischen Prinzipien von Gehorsam und Strafe waren für die neuen Bildungsziele ungeeignet, und für die Unterstützung der hunderttausenden unterprivilegierten Kinder immer ungeeignet gewesen. Adlers Lehren vom Charakter des Menschen, von Minderwertigkeitskomplex und Kompensation, die durch frühkindliche Erfahrungen entstehen (Organminderwertigkeiten war einer seiner frühen Begriffe dafür), von der systematischen Diskriminierung von Mädchen - das waren die Anleitungen, die dringend gebraucht wurden und auch Möglichkeiten der Korrektur und Hilfe boten (Hoffman: Drive for Self, Seite 135).
Die Individualpsychologen, auch Adler selbst, gingen laufend in die Schulen zu den Klassenbesprechungen und Sitzungen von Elternvereinen. Und sie gründeten vor allem 28 Erziehungsberatungsstellen, in denen sie ehrenamtlich analysierten und berieten. Diese Beratungsstellen wurden rasch an existierenden Sozialeinrichtungen aller Art eingerichtet, wo Eltern während der Sprechstunden vorbeikommen konnten, und die sich enormer Beliebtheit erfreuten.
Die erste Erziehungsberatungsstelle wurde von den Mitgliedern einer Wiener Freimaurer-Loge eingerichtet: Viktor Hammerschlag und Karl Friedjung, letzterer ein begeisterter Adler-Schüler, hatten 1913 Die Bereitschaft gegründet, die 1923 die erste Erziehungsberatung in der Annagasse 18 in Wien 1 einrichtete, und 1925 eine weitere in der Oberzellergasse 8 in Wien 3 für schwererziehbare Kinder (ANNO, Arbeiter Zeitung, 1924-10-26, Seite 5; ANNO, Die Mutter, 1925-10-16, Seite 15)
Auch der Karitasverband der Erzdiözese Wien betrieb eine solche Beratungsstelle (Bernardgasse 27 in Wien 7), einer der seltenen Brückenschläge der Schulreformen ins katholisch-konservative Lager, das ja ansonsten alles daran setzte, die Reformen zu blockieren und die Kirche wieder als Oberstinstanz im Schulwesen einzusetzen (ALEX, Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien, 1926-02-15, Seite 3).
Der Neubau von Schulen gehörte nicht zum Reformprogramm Wiens, auch in den berühmten Wohnbauten der Gemeinde Wien gab es zwar manchmal Kindergärten, aber keine Schulen. Da die alten Schulbauten für den neuen, interaktiven Unterricht nicht wirklich geeignet waren, scheiterte es wohl an der Finanzierung.
Für Adler und Dutzende andere führende Individualpsychologen war der Zugang zu den Schülern, Lehrern und Eltern ein einmaliger Daten- und Erfahrungsschatz. Adler wurde in den 1920er-Jahren hauptsächlich durch seine Buch-Bestseller im deutschsprachigen Raum und auch in den USA bekannt, für die er hier seine Fallbeispiele bezog. Das Buch "Understanding Human Nature" wurde 1927 in den USA ein Bestseller, was ihm dort auch den Aufbau einer Existenz und die spätere Übersiedlung ermöglichte.
*) Raissa Adler gehörte vor dem Krieg dem Interrayonisten-Block von Leo Trotzki an, der ebenfalls in Wien lebte. Sie war 1926 die erste Person, die sich im Westen öffentlich für die Linke Opposition in Sowjetrussland ausspach. JE
Nota. - Eine weitere Neuerung Glöckles, die bis heute erhalten blieb und deren Bedeutung seit Jahr und Tag stetig wächst, erwähnt Michael Fembek gar nicht: die Abschaffung des Nachmittagsunterrichts in Österreich! Etwa, weil die Sozialdemo-kraten dieser Tage die lautesten Trompeter der Ganztagsschule geworden sind, die die Frauen der Industrie und die Kinder der Beamtenschaft in die Fänge treibt?
JE
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