Sonntag, 30. August 2026

Wittgenstein - der Philosoph, der sich selbst widersprach.

Schwarz-weiß Porträt eines Mannes im Halbprofil, der nach rechts blickt. Er trägt einen Anzug mit offenem Hemdkragen. 
aus derStandard.at, 

Der Philosoph, der sich selbst widersprach 
Wie relevant ist der schwer fassbare Denker, der vor 75 Jahren starb, heute noch? Mehr Wittgenstein täte dem politischen Diskurs gut, sagt Christian Kanzian
 
von Jessica D. Bicking
 
Für eine Woche im August sind die Hotelzimmer des kleinen Ortes nahezu ausgebucht, denn jedes Jahr pilgern Hunderte von Philosophinnen und Philosophen in das niederösterreichische Kirchberg am Wechsel und diskutieren. Das Thema lautet: Ludwig Wittgenstein. Heuer jährte sich am 26. April der Todestag des wahrscheinlich einflussreichsten Philosophen Österreichs zum 75. Mal. Und auch das Symposium, das jährlich zu seinem Schaffen stattfindet, feierte seine 50. Ausgabe. Zwei Jubiläen, und also ein perfekter Anlass einen Denker noch einmal genauer anzusehen, der sich im Leben so wenig vor Widersprüchen scheute wie in seiner Philosophie. 

Eine Frage beschäftigte Wittgenstein zeitlebens: Kann Sprache alles sagen? Dass er selbst darauf zwei scheinbar völlig gegensätzliche Antworten fand, erklärt auf jeden Fall den Diskussionsbedarf, den sein Werk auch heute noch in der Forschung auslöst. In sechs thematischen Blöcken machte das auch das diesjährige Programm des Symposiums deutlich, denn Wittgensteins Denken berührt weit über die Sprachphilosophie hinaus auch Themen in der Psychologie, Mathematik, Literatur, Kunst und Kulturwissenschaft. Aber was kann er uns heute noch für den Alltag mitgeben?

"Wittgenstein geht es nicht darum, eine fertige Theorie zu haben. Er will uns vor allem vom Missverstehen heilen und den damit verbundenen Problemen in der Wissenschaft, in der Philosophie, aber auch in unserer alltäglichen Praxis", erkärt Christian Kanzian, Präsident der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesell-schaft und Mitorganisator des diesjährigen Symposiums, das unter anderem vom Land Niederösterreich unterstützt wird.

Viele Wittgensteine

Bei Ludwig Wittgenstein lassen sich Leben und Werk kaum voneinander trennen. Beide waren geprägt von radikalen Wendungen und scheinbaren Widersprüchen. In der Philosophie ist es deshalb sogar üblich, von einem ersten und einem zweiten Wittgenstein zu sprechen; ein früher und ein später. In seiner Biografie lassen sich noch viele weitere Wittgensteins finden.

Ludwig Wittgenstein wird 1889 als Sohn in eine schwer wohlhabende Industriefamilie in Wien geboren. Er wächst in einem Palais auf, in dem Musiker, Künstler und Intellektuelle sich die Hand reichen. Aus einer inneren Krise heraus entscheidet er sich jedoch, sein Millionenerbe an seine Geschwister abzutreten und fortan ein einfaches Leben zu führen.

 

 

Wittgenstein begleiteten viele große Leidenschaften, davon besonders die Technik: So hatte er schon als Kind mit der Konstruktion neuartiger Nähmaschinen experimentiert, und studierte zunächst Ingenieurswissenschaften, bevor er über die Mathematik zur Philosophie fand. Oder auch die Musik: So war er unter Freunden bekannt dafür, ganze Sinfonien zu pfeifen, spielte Klarinette und erwog Dirigent zu werden. Doch über ihm hing auch ein Schatten, eigentlich über der ganzen Familie, denn drei seiner Brüder wählten den Freitod, und auch Ludwig selbst kämpfte ein Leben lang mit Einsamkeit, Krankheit und Depressionen.  

Der legendäre "Tractatus"

Das erste und zugleich einzige philosophische Werk, das er zu seinen Lebzeiten veröffentlichen sollte, den legendären Tractatus logico-philosophicus, schrieb Wittgenstein gegen Ende des Ersten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft bei Monte Cassino fertig. Mit Widmung an David H. Pinsent, Freund und Lebensgefährte aus der Studienzeit am Trinity College in Cambridge, stellte er sich darin der Aufgabe, die grundlegende Struktur von Welt, Denken und Sprache zu klären.

Als der Tractatus 1921 erscheint, wird Wittgenstein von einigen renommierten Philosophen zwar dafür gefeiert. Doch er dauert bis 1929, ehe er damit an der Uni Cambridge damit promoviert, denn Wittgenstein zieht sich immer wieder aus der Philosophie zurück. So wird er einige Jahre zu Wittgenstein, dem Volkschullehrer in Niederösterreich (daher auch das Symposium dort), versucht sich in einem Kloster als Wittgenstein, dem Hilfsgärtner und wendet sich zeitweise sehr ernsthaft der Architektur zu. So ist Wittgenstein, der Architekt, auf Einladung seiner Schwester maßgeblich bei dem Entwurf ihres Hauses beteiligt, das seit 1928 im dritten Wiener Gemeindebezirk steht.

Ansicht eines modernen Gebäudes mit weißer Fassade und großen rechteckigen Fenstern, gestaltet im minimalistischen Stil. Das Gebäude verfügt über einen überdachten Eingangsbereich mit gläsernen Türen und schlichten metallenen Gartenmöbeln. Klarer, geometrischer Stil.
Wittgenstein hat das Haus bis ins kleinste Detail, jedes Fenster, jede Tür, jeden Riegel selbst entworfen und gezeichnet. Heute dient es als bulgarisches Kulturinstitut.
Sprache als Abbild der Welt

Der Tractatus, das wohl einflussreichste Werk Wittgensteins, ist in kühler, fast mathematischer Form verfasst, hinter der sich ganz grob folgende Grundidee verbirgt: Die Welt besteht aus Tatsachen, zu denen sich das Denken Bilder macht, die dann von der Sprache erneut abgebildet werden. Man kann behaupten, Wittgenstein entwickelt hier eine Art Bildtheorie der Sprache: Ein sinnvoller Satz funktioniert als mögliches Modell der Wirklichkeit, und kann wahr oder falsch sein, je nachdem, ob die Welt tatsächlich so beschaffen ist.

Zwar eignet sich Sprache für die Themenbereiche der Naturwissenschaften, doch gerade die bedeutsamen Dinge, die Ethik, Ästhetik oder die Frage nach dem Sinn des Lebens, lassen sich gar nicht in sinnvollen Sätzen abbilden. Sie entsprechen nämlich nicht der logischen Struktur der Welt. "Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen", lautet Wittgensteins vielzitiertes Fazit.

Kanzian erläutert: "Schon hier haben wir dieses Anliegen, uns von Problemen zu heilen, durch eine saubere Analyse der Sprache." Die Philosophie soll hierbei also keine neuen Tatsachen entdecken, sondern die Grenze zwischen dem sinnvoll Sagbaren und dem nur scheinbar Sinnvollen sichtbar machen.

Sprache als Spiel der sozialen Praxis

Obwohl der frühe Wittgenstein des Tractatus überzeugt war, damit die wesentlichen Probleme der Philosophie als sprachlogische Missverständnisse aufgelöst zu haben, kehrte der späte Wittgestein zum Thema zurück. In den Philosophischen Untersuchungen, die erst nach seinem Tod erscheinen sollten, rollt er es noch einmal vom anderen Ende auf. Während er im Tractatus nach einer idealen logischen Struktur der Sprache suchte, sind es nun gerade die Missverständnisse und Vieldeutigkeiten, die interessieren.

Ihm fiel auf, dass sich Worte im tagtäglichen Gebrauch, anders als in der Wissenschaft, keiner festen, philosophischen Definition beugen. Je nach Zusammenhang kann sich ihr Sinn verändern. Etwa der Ausruf "Du" hat in einer Drohung ausgesprochen eine andere Bedeutung als in einer Liebeserklärung. "Sprechen ist Praxis, ist Gebrauch von Ausdrücken und der ist ganz vielfältig", führt Kanzian aus, der Philosophie an der Universität Innsbruck lehrt: "Sie erzählen, Sie fragen, ich antworte, wir grüßen uns, wir fordern uns auf, wir bitten einander, sind unterschiedlichste Praktiken nach ganz unterschiedlichen Regeln."

Die Lebensformen, in denen Worte in verschiedener Bedeutung vorkommen, bezeichnet Wittgenstein als Sprachspiele. Die Aufgabe der Philosophie, wie Wittgenstein sie nun versteht, besteht aus dem systematischen Aufschlüsseln der Regeln, die diese Sprachspiele lenken. Statt neue Theorien aufzustellen, soll sie uns die Funktionsweise unserer Sprache so deutlich vor Augen führen, dass wir uns aus Verwirrungen, Missverständnissen und falschen Modellierungen herauslösen können.

Neugier statt Dogma

Für Kanzian liegt genau darin die Aktualität des Philosophen: "Es ging Wittgenstein stets darum, zu einer schauenden, beschreibenden, übersichtlich darstellenden Praxis einzuladen, und nicht eine fertige Theorie aufzustellen, die man dogmatisch vertritt." Es ist also mehr Wittgensteins Einstellung und seine Neugier, die er uns in den Alltag mitgibt. Denn diese hat es ihm mitunter leichter gemacht, sich selbst zu widersprechen und immer wieder neu zu denken.

Das dogmatische Festhalten an eigenen Denkmustern ist für Kanzian eines der Grundprobleme der heutigen Gesellschaft. "Mit falschen Modellierungen an den anderen heranzugehen, ist ein Ansatz, der gesellschaftlich-politisch extrem aktuell ist", sagt Kanzian. "Stellen wir uns doch einmal vor, wir alle würden uns mehr zuhören. Das ist jetzt ein bisschen platt gesagt, aber ich glaube, die Welt würde friedlicher sein."         

Veranstaltungsinfo:

Das Thema für das Wittgenstein-Symposium im kommenden Jahr steht bereits fest. Unter dem Programmtitel Knowledge in Crisis lädt Kirchberg am Wechsel im August 2027 dazu ein, über Fake News und Post-Truth zu diskutieren.

 

Nota. - Nie abgerückt ist er bei all seinen Wendungen von einer zugrundeliegenden ontologischen Metaphysik, die er allerdings nie selber ausgesprochen hat. Logischer Atomismus ist sie genennt worden: Die Welt sei "alles, was der Fall ist", doch der Fall sind die unendlich vielen logischen Elementarbestimmungen, die der mathema-tischen Formulierung harrten - nicht aber die vorfindlichen Fakten, die durch die verschiedenen Sprachen zu Bildern gefügt würden. Das Zustandekommen der Bilder macht er aber auch nicht zu seinem Thema, sondern er pendelt zwischen dem einen und dem andern Aphorismus hin und her, System - und sei es nur ein logisch-diskursives - versucht er gottlob gar nicht erst hinein zu bringen, sondern belässt es bei gelegentlichen mystischen Ahnungen.

Wobei viele der vermischten Aphorismen und Kurzessays ungemein scharfsinnig sind und Anlass zu tiefsinnigen Fortsetzungen geben können; aber auch nur, wenn man weiß, was man nicht darin zu suchen braucht.
JE 

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