Beim Menschen ist der Tod von Ritualen und Trauer umgeben. Inwieweit Tiere den Tod ihrer Artgenossen wahrnehmen, ist in der Fachwelt ein vieldiskutiertes Thema. Eine Möglichkeit, sich einer Antwort zu nähern, führt über die Frage: Was müsste ein Tier verstehen, um zu erkennen, dass ein anderes Lebewesen gestorben ist? Es hat vermutlich mit der Einsicht zu tun, dass jemand ein erwartetes Verhalten nicht mehr zeigt und das so bleibt.

Hier setzt das "minimale Todeskonzept" an, ein Gedanke aus der vergleichenden Thanatologie, dem Forschungszweig zur Frage, wie Tiere auf den Tod reagieren. Um den Tod in seinen Grundzügen zu erfassen, braucht es demnach weder eine Vorstellung von Sterblichkeit noch Trauer oder Sprache. Es genügt das Erkennen eines dauerhaften Funktionsverlusts.

Verständnisgrundlagen

Ein Team des Messerli-Forschungsinstituts der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat nun einen einzelnen Baustein dieses Konzepts experimentell untersucht. Die Frage war, ob Tiere lernen können, dass etwas, das zuvor verlässlich eine Belohnung brachte, in einem bestimmten Zusammenhang aufgehört hat zu funktionieren – und ob sie dann flexibel reagieren. Die im Fachjournal Scientific Reports erschienene Studie entstand aus der Zusammenarbeit der Philosophin Susana Monsó mit den Kognitionsbiologen Antonio Osuna-Mascaró und Alice Auersperg.

"Das Verständnis des Todes mag wie eine Alles-oder-nichts-Frage klingen, aber es lässt sich in einfachere Komponenten zerlegen", sagt Monsó. Eine davon sei die Fähigkeit zu erkennen, dass eine erwartete Funktion fehlt und dieser Verlust kein vorübergehender ist.

Dass die Wahl auf Goffin-Kakadus fiel, hat gute Gründe. Die Papageien gelten als findige Problemlöser. Sie stellen Werkzeuge her, transportieren ganze Werkzeugsets und legen ein Werkzeug beiseite, sobald es im jeweiligen Kontext nichts mehr nützt. Ob sie dieses Gespür für verlorene Funktion auch abseits handfester Gegenstände zeigen, war offen.

Eine Person hockt in einem Freigehege und wird von mehreren weißen Papageien umgeben, die auf ihren Armen und am Boden sitzen. Im Hintergrund sind Holz- und Gitterstrukturen zu sehen.
Die Verhaltensforscherin Eleonora Rovegno, umgeben von einigen ihrer cleveren Schützlinge.
Der Touchscreen-Test

Um das zu prüfen, setzte das Team auf einen Bildschirm. Zunächst lernten die Vögel eine simple Regel: Wer einen runden Knopf berührte, bekam ein wenig Futter. Ein Pfeil führte zum nächsten Durchgang.

Dann begannen die Komplikationen. Berührte ein Kakadu den Knopf, blinkte der Bildschirm mitunter heftig auf. Von da an war der Knopf "tot", allerdings nur vor einem bestimmten Hintergrundmuster. Vor anderen Hintergründen funktionierte derselbe Knopf weiterhin.

Es ging also nicht bloß um die Erkenntnis "dieser Knopf ist kaputt". Gefragt war eine flexiblere Regel: Tritt das Blinken auf, lohnt sich dieser Kontext nicht mehr. Und entscheidend war, ob die Vögel diese Erwartung später auf neue, bislang unbekannte Hintergründe übertragen würden.

"Der Versuch sieht vielleicht kompliziert aus, doch die Idee dahinter ist recht einfach", erklärt Osuna-Mascaró. Man stelle sich einen Knopf vor, der erst tadellos arbeite und nach einem bestimmten Ereignis plötzlich aussetze, aber nur in einer ganz bestimmten Situation. Man habe wissen wollen, ob die Tiere bei einem neuen blinkenden Hintergrund von sich aus erwarten würden, dass auch dieser nun nicht mehr funktioniert.

"Fluchende" Papageien

Genau das taten sie. Mit wachsender Erfahrung übersprangen die Kakadus die Hintergründe, vor denen der Knopf seinen Dienst quittiert hatte, statt weiter darauf einzuhacken. Den Knopf grundsätzlich aufgegeben haben sie aber nicht. Dort, wo er noch funktionierte, drückten sie ihn weiterhin. Sie hatten nicht das Vertrauen in den Bildschirm verloren, sondern ihr Verhalten fein an den jeweiligen Kontext angepasst.

Perfekt lief das nicht, und zwischen den Individuen lagen Welten. Manche begriffen rascher als andere. Einige reagierten auf das Blinken auch sichtbar, mit Lautäußerungen oder aufgestellter Haube - eine Art tierisches "Fluchen".

Beeindruckend sei gewesen, wie verschieden die Tiere reagierten, als der Knopf plötzlich versagte, sagt Eleonora Rovegno, die die Tests durchführte. Manche hätten Bettelrufe ausgestoßen oder deutliche Erregung gezeigt. Diese Reaktionen seien zwar nicht in die statistische Auswertung eingeflossen, hätten die Aufgabe aus Sicht der Vögel aber sehr real wirken lassen: Etwas, das eben noch funktioniert hatte, tat es auf einmal nicht mehr.

Kein Verständnis für den Tod

Die Forschenden warnen vor zu weitreichenden Schlüssen. Dass Goffin-Kakadus Irreversibilität im menschlichen Sinn verstünden, zeigt die Arbeit nicht. Sie belegt nur, dass die Vögel innerhalb des Versuchsrahmens einen anhaltenden, kontextgebundenen Funktionsverlust erlernen und flexibel darauf reagieren."Wir sollten daraus nicht folgern, dass die Vögel den Tod verstehen", mahnt Monsó. Die Fähigkeit, einen Funktionsverlust zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, gehöre aber zu jenen Bausteinen, die dafür bedeutsam sein könnten, wie Tiere auf den Tod und andere dauerhafte Veränderungen reagieren.

Weil der Versuch ohne Werkzeuge auskommt und allein auf einem Touchscreen läuft, ließe er sich auf andere Arten übertragen. Solche Bildschirmaufgaben sind in der Kognitionsforschung längst etabliert, von Tauben bis zu Primaten. Künftige Studien könnten so prüfen, wie weit das Verständnis verlorener Funktion im Tierreich reicht.

Den Reiz des Goffin-Kakadus sieht Auersperg, die Leiterin des Goffin Labs, gerade darin, dass er Wissen immer wieder von einem Zusammenhang in einen anderen trägt. In der Natur und im Labor lerne er über Werkzeuge und physische Probleme. Hier habe man den Aufbau bewusst entkernt, um die Funktionalität selbst in den Mittelpunkt zu rücken. (tberg, red)