zu MännlichDer östereichische Bundeskanzler hat Skandal gemacht, indem er öffentlich die Meinung äußerte, familiäre Kinderbetreuung sei "keine Arbeit".
aus derStandard.at, 11. 8. 2026
... Empörend ist die politische Ignoranz, mit der österreichische Regierungen die tendenziell frauenfeindliche Stimmung negieren, die den Arbeitsmarkt immer noch dominiert – und damit den Druck, der seit Jahrzehnten auf Frauen lastet.
Sind sie jung, bekommen sie die guten Jobs nicht, weil sie schwanger werden könnten. Haben sie Kinder, werden sie nicht befördert, weil Betreuungspflichten ihre 24/7-Verfügbarkeit in Frage stellen. Entscheiden sie sich gegen eigene Kinder, verdienen sie oftmals trotzdem weniger als ihre männlichen Kollegen (mit Kindern), weil ... einfach so. Haben Frauen das gebärfähige Alter hinter sich, gelten sie oft als zu qualifiziert, zu selbstbewusst und jedenfalls zu teuer.
Im Grunde hat sich diese Einstellung vieler Arbeitgeber nie maßgeblich verändert. Gerade die Wirtschaftspartei ÖVP hätte hier schon lange viel mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen – im Sinne von Familien, die ihr ja angeblich so sehr am Herzen liegt. Das ist keine Kritik an jenen engagierten konservativen Politikerinnen, die sich sehr wohl glaubhaft für Frauen einsetzen. Allein: Viele ihrer männlichen, einflussreichen Parteikollegen haben die Gleichstellung von Frauen stets nur halbherzig unterstützt. Ähnliches gilt für die SPÖ, ebenfalls langjährige Regierungspartei: Der Enthusiasmus roter Funktionäre für weibliche Anliegen hält sich in Grenzen.
Was ist die Konsequenz? Immer mehr junge Frauen verzichten lieber auf Partnerschaft und Familie, ehe sie sich in den gesellschaftlichen Schraubstock einspannen lassen. Darüber sollte endlich ernsthaft diskutiert werden: Wie kann man die Arbeitswelt frauenfreundlicher gestalten? Wie überhaupt ein menschenfreundlicheres Klima schaffen? ...
Nota. - Wir leben in einer Gesellschaft, in der Arbeit zugleich höchsten Wert und größte Mühe bedeutet; in einer Gesellschaft, in der als Arbeit nur solche Mühsal* gilt, die Wert - Geld wert - vervorbringt. Diese Mehrdeutigkeit zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung zu machen, wäre ein gutes Stück Aufklärung, und das könnte man dem österreichischen Bundeskanzler zugute schreiben. Dass das Aufziehen von Kindern keine Mühsal sei, die Geldwert generiert - damit hat er doppelt Recht.
Entgegnen könnte man ihm, dass das Leben mit Kindern nicht nur Freude macht, sondern wohl auch anstrengend ist; und dass es Geldwert nicht einträgt, aber eintragen sollte.
Wahr ist, dass Kindererziehung landein, landaus eher mit Frauen in Verbindung gebracht wird, aber man sollte sich hüten, das als frauenfeindlich zu verbuchen - weil andererseits geharnischte Machos es dann ebensogut als kinderfeindlich brandmarken könnten.
Sie sehen: Es kommt weniger auf den Sachverhalt an, als auf die Tendenz, die man der Sache von vornherein zugrunde legt. Nimmt man es volkswirtschaftlich, dann Kinderaufziehen natürlich keine Arbeit, denn sie schafft keinen Geldwert, indem sie Kapital verwertete. Man könnte allerdings einwenden, indem es für die Reproduk-tion der Arbeitskraft sorgt, sei es immehin wertwerhaltend. Dem ist entgegenzuhalten, dass diesem Umstand in der Bestimmung des Arbeitslohns bereits Rechnung getragen ist, in welchem die Ausgaben für den Nachwuchs schon berücksichtigt sind. Über die Höhe mag man immer streiten.
Im volkswirtschaftlichen Sinn hat Kanzler Stocker es aber nicht gemeint. Er wollte nur sagen, dass das Zusammenleben mit heranwachsenden Kinder eben nicht nur Mühsal, sondern auch Freude ist. Wer es anders auffasst, muss sich nicht bei der Gesellschaft, sondern bei seinem Charakter beschweren. Dass Väter vorwiegend mit Spiel und Sport, Mütter aber mit Kochen und Wäschewaschen beschäftigt sind, ist familiär zu regeln. Wie sie das Familieneinkommen unter einander teilen, auch. Sie könnten auch, wenn sie es wünschen, Buch führen und einander die Stunden zahlen; aber populär wird das sicher nicht.
Dass dort aber auch gesellschaftliche Erwartungen eingehen, gilt für die einen wie die andern. Darauf ist bei öffentlichen Äußerungen Rücksicht zu nehmen.
Hat Stocker auch getan; er hat sich am nächsten Tag entschuldigt.
*) Mühsal hieß auf Mittelhochdeutsch arebeit.
JE
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