Die Urnenfelderzeit hat der Fachwelt lange ein Problem beschert: Da in dieser Epoche vor rund 3000 Jahren in Mitteleuropa die Brandbestattung zur allgemein verbreiteten Beisetzungsnorm wurde, gehen für die Wissenschaft kostbare Informationen verloren. Wo die Toten verbrannt werden, verschwinden DNA, viele Isotopensignale und weitere wichtige Hinweise auf die Lebensumstände und die Krankheiten der damaligen Menschen.

Wer im Detail wissen will, wie Menschen zwischen etwa 1300 und 800 v. Chr. lebten, muss sich deshalb mit den wenigen Ausnahmen begnügen und in mühsamer Kleinarbeit Ausgrabungsergebnisse zusammentragen. Einer interdisziplinären Forschungsgruppe ist dies nun gelungen. Das Team um Eleftheria Orfanou vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat alte DNA, Sauerstoff- und Strontiumisotope sowie osteoarchäologische Befunde zusammengeführt und damit einen Zeitraum erhellt, der bislang in vieler Hinsicht ein blinder Fleck war.

Wandel im Alltag

Untersucht wurden unter anderem die Überreste von Feuerbestattungen aus Deutschland, Tschechien und Polen. Für Mitteldeutschland kamen außerdem Strontiumdaten hinzu. Im Zentrum der Untersuchungen standen die beiden Fundorte Kuckenburg und Esperstedt in Sachsen-Anhalt, ausgegraben vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Die Ergebnisse wurden mit genetischen Daten derselben Epoche aus Nachbarregionen kombiniert.

Die Autorinnen und Autoren der im Fachjournal Nature Communications veröffentlichten Arbeit interessieren sich dabei weniger für große Umbrüche als für das, was sich im Alltag und über Generationen hinweg verändert hat. Dazu zählen vor allem Herkunftslinien, Mobilität, Ernährung und Gesundheitszustand. Nicht zuletzt ging es den Fachleuten auch um die Frage, wie flexibel Bestattungsrituale damals tatsächlich waren.

"Mithilfe dieser Studie können wir nachvollziehen, wie Menschen den Wandel erlebt haben", sagt Orfanou, Erstautorin der Studie. "Die späte Bronzezeit wurde nicht als ein einziger Moment des Wandels erlebt, sondern als eine Reihe von Entscheidungen über Ernährung und Subsistenzstrategien, Bestattungen und soziale Beziehungen. Diese Gemeinschaften waren eng mit ihrer Landschaft verbunden, aber auch überregional vernetzt."

Kontakte brachten neue Ideen

Ein zentraler Befund betrifft die Mobilität – und damit die oft implizite Frage, ob neue Sitten vor allem durch die Migration neuer Bevölkerungsgruppen Einzug hielten. Strontium- und Sauerstoffisotope erlauben dabei vereinfacht gesagt ein chemisches Herkunftsprofil. Sie spiegeln geologische und klimatische Signaturen wider, die Menschen über Kindheit und Jugend in ihren Körper einbauen.

In Mitteldeutschland zeigen die meisten untersuchten Personen lokale Isotopensignaturen, und zwar sowohl in den seltenen Körperbestattungen als auch, soweit mit Strontiumdaten möglich, in den Brandbestattungen. Das spricht dafür, dass sich Ideen und Praktiken vielfach durch Kontakte und Austausch verbreiteten, nicht zwingend durch größere Zuwanderung.

Archäologen führen Ausgrabungsarbeiten auf einem Freilandgelände bei Esperstedt in Sachsen-Anhalt durch. Mehrere Personen arbeiten an verschiedenen Stellen, graben und dokumentieren Funde. Im Hintergrund sind Erdhügel und Werkzeug zu sehen.
Ausgrabungen bei Esperstedt in Sachsen-Anhalt. Die interdisziplinären Analysen liefern erstmals detaillierte Einblicke in die Abstammung, Mobilität, Ernährung, Gesundheit und Bestattungspraktiken der späten Bronzezeit in Mitteleuropa.

Die genetischen Daten zeichnen ein ähnliches Bild. Die Forschenden fanden keine Hinweise auf abrupte Verdrängungen, sondern vielmehr Spuren von graduellen, regional unterschiedlich schnellen Verschiebungen. Für Mitteldeutschland werden Veränderungen in der Abstammung demnach erst in späteren Phasen der Bronzezeit deutlicher sichtbar. Das zeigte sich unter anderem in Form wachsender Verbindungen zum mittleren Donaugebiet. Die Gemeinschaften blieben lokal verwurzelt, nahmen aber zunehmend an größeren Interaktionsräumen teil.

Hirse nicht lange auf dem Menüplan

Besonders anschaulich wird das Zusammenspiel aus Stabilität und Anpassung bei dem, was den Menschen dieser Epoche in Mitteleuropa auf den Tisch kam: In einer frühen Phase der späten Bronzezeit taucht Hirse im Speiseplan auf – ein Getreide, das vergleichsweise kurz zuvor aus Nordostchina nach Europa gelangt war.

Die Forschenden deuten die Umstellung als flexible Reaktion auf ökologische oder ökonomische Zwänge. Auffällig ist, dass der Hirseboom nicht mit einem demografischen oder genetischen Wandel einhergeht, was eher für eine Einführung innerhalb bestehender Gemeinschaften spricht. Und er bleibt nicht dauerhaft: Später nimmt der Hirseverzehr deutlich ab und Weizen und Gerste gewinnen wieder an Gewicht. Dieses Muster deutet eher auf Experimentierfreudigkeit, Anpassungsfähigkeit und kulturelle Präferenzen hin als auf eine Intensivierung des Hirseanbaus.

Wie es den Menschen gesundheitlich ging, schlossen die Forschenden aus molekularen Spuren und Untersuchungen der wenigen erhaltenen Skelette. In der DNA fanden sich Bakterien, wie sie häufig mit Mund- und Zahnerkrankungen assoziiert sind; Hinweise auf großflächige Epidemien fehlen jedoch.

Osteoarchäologisch zeigen sich Spuren eines körperlich anstrengenden Lebens. Die Wissenschafter fanden Stressmarker aus der Kindheit, degenerative Veränderungen an Gelenken und gelegentliche Traumata. Gleichzeitig wirkt der Gesamtzustand vieler Individuen nicht so, als wäre Krankheit der Normalfall gewesen.

Spätbronzezeitliche Ausgrabungsstätte bei Esperstedt mit sichtbaren Kreisgräben und zentralen Gräbern, die die Bestattungskultur der damaligen Gemeinschaften widerspiegeln. Im Hintergrund sind Felder und Stromleitungen zu sehen.
Spätbronzezeitliche Kreisgräben mit zentralen Gräbern bei Esperstedt. Die damaligen Gemeinschaften zeigen eine vielfältige Bestattungskultur.
Verschiedene Riten

Mindestens ebenso spannend ist, was die Daten über die Beisetzungsrituale der Bronzezeit erzählen. Die Urnenfelderzeit wird wie eingangs beschrieben vor allem mit der allgemein verbreiteten Brandbestattung in Verbindung gebracht. Doch die Studie betont, wie vielfältig die Bestattungspraxis innerhalb derselben Gemeinschaft gewesen sein kann. Häufig fanden sich Brand- und Erdbestattungen nebeneinander oder die alleinige Beisetzung von Schädeln.

"Diese Praktiken scheinen keine Randerscheinungen beziehungsweise Ausnahmen gewesen zu sein", erklärt Orfanou, "sondern Teil eines breiteren Repertoires, aus dem die Menschen während der Urnenfelderzeit wählen konnten. Dieses Repertoire war mit der Schaffung von Erinnerung, Identität und Vorstellungen darüber verbunden, was es bedeutete, in der späten Bronzezeit ein Mensch zu sein."

Die Brandbestattung bleibt zwar prägend, aber sie ist nicht die einzige praktizierte Beisetzungsvariante. Nicht zuletzt dieser rituelle Reichtum im Umgang mit den Verstorbenen verdeutliche, wie dynamisch die Gesellschaften der späten Bronzezeit waren, so die Forschenden. "Veränderung und Innovation wurden in bestehende Traditionen integriert", sagt Wolfgang Haak, Leiter des Projekts am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Diese Gemeinschaften gestalteten ihre Lebensweisen aktiv und schufen hybride Praktiken, die in einer zunehmend vernetzten Welt lokal von Bedeutung waren." (tberg)