Dienstag, 26. Mai 2026

Monets London.

Der Smog macht die Farben: Monets „Waterloo Bridge“ von 1903.
aus FAZ.NET, 15. 10. 2024                                          Waterloo Bridge                                          zu Geschmackssachen

Ein Traum auf Erbsensuppengrün
Nach 120 Jahren bekommt London endlich die Bilder zu sehen, die Claude Monet hier malte: Seine berühmte Gemäldeserie mit Themse-Ansichten wird in der Courtauld Gallery ausgestellt.

von Andreas Platthaus 

Ein Maler, zwei Räume, drei Motive, 21 Bilder. Das klingt nach nicht viel, aber zusammen ergibt es eine der schönsten Ausstellungen des Jahres. Und ein spekta­kuläres Rekonstruktionsprojekt, auch wenn es nur zur Hälfte erfolgt ist. Aber der Reihe nach.

Der Maler, das ist Claude Monet – derjenige unter den Impressionisten, auf den sich Frankreich früh als Nationalliebling geeinigt hat, was kurz vor dem Lebensende des 1840 geborenen Künstlers dadurch bekräftigt wurde, dass er seinem Heimatland (in Person seines guten Freundes Georges Clemen­ceau, des Staatspräsidenten) anlässlich des Siegs über Deutschland im Ersten Weltkrieg den jüngst vollendeten Zyklus mit großformatigen Seerosenbildern schenkte.

Der Frie­dens­vertrag von Versailles war eine süße Re­vanche auch für Monet, der 1870 mit Frau und Sohn vor den anrückenden preußischen Truppen aus Paris nach London geflohen war. Dort sah er zum ersten Mal das, was damals (und noch lange danach) als Londoner Nebel berühmt war und heute nicht mehr existiert, weil der Luftverschmutzung durch Kohlefeuerung Einhalt geboten worden ist.

Umweltverschmutrzug intensivierte diese Farbpracht: Monets „London, Parliament. Sunlight in the fog“, 1904.
Umweltverschmutzung intensivierte diese Farbpracht: Monets „London, Parliament. Sunlight in the fog“, 1904.

Dieser Smog in der damals größten Stadt der Welt sorgte für erstaunliche Himmels- und Sonnenlicht­färbungen, und da Monet erst wenige Jahre vorher damit begonnen hatte, solche Eindrücke zu zentralen Stimmungsphänomenen seiner Malerei zu machen (was der von ihm maßgeblich inspirierten Stilrichtung die anfangs als Schimpfname gedachte Bezeichnung „Impressionismus“ eintragen sollte), war er vom Exilaufenthaltsort bezaubert und nahm sich vor, in friedlicheren Zeiten dorthin zurückzukehren, um in Ruhe an einer Bilderserie zu arbeiten, die dem ihn am meisten begeisternden Phänomen gelten sollte: den wechselnden Licht­effekten auf dem Wasser der Themse. Bis es so weit war, sollte allerdings noch viel Zeit vergehen, aber schließlich kam Monet gleich dreimal hintereinander für jeweils mehrere Wochen nach London und malte: in den dunkleren Monaten der Jahre 1899, 1900 und 1901.

Freude am „köstlichen Nebel“

Die zwei Räume, das ist die Sonderausstellungsfläche der Courtauld Gallery im Somerset House. Das liegt in London, und zwar gerade einmal dreihundert Meter entfernt vom Hotel Savoy, wo Monet sich zum Malen einquartierte, weil das seinerzeit teuerste Haus der Stadt in seinen fünf Obergeschossen Zimmer mit großen Balkons zur Themse hin bot, Monet mietete gleich zwei davon: eines als Wohn-, das andere als Arbeitszimmer. In den Briefen an seine Frau, die ihn nur bei der ersten Rückkehr begleitete, begeisterte sich der Maler über das, was ihm geboten wurde, vor allem eben der „köstliche Nebel“, auf den er jeden Morgen hoffte.

Claude Monet, „Waterloo Bridge, Gray Weather“, 1900
Claude Monet, „Waterloo Bridge, Gray Weather“, 1900

„Pea soup fog“ nannten die Londoner diese Wetterlage, und die Courtauld-Kuratorin Karen Serres hatte die, nun ja, brillante Idee, ihre beiden Räume für die Sonderausstellung mit Monets Themse-Ansichten in Erbsensuppengrün streichen zu lassen.

Die Bilder strahlen darauf in Farben, die man auf ihnen nie zuvor wahrgenommen hat, und die Hängung simuliert in ihrer Dichte, was Monet empfunden haben muss, als die Sonnenauf- und -untergänge für derart schnell wechselnde Impressionen sorgten, dass er ständig an mehreren Bildern gleichzeitig malte, die ja jeweils nur eine bestimmte Stimmung festhalten sollten. Am Ende der drei Jahre waren auf diese Weise in London an die hundert Leinwände zusammengekommen, die für Monet allerdings sämtlich noch nicht fertig waren und daheim in Giverny aus der Erinnerung vollendet wurden, teilweise erst viele Jahre später.

Claude Monet, „Houses of Parliament, Sunset“, 1900–1903
Claude Monet, „Houses of Parliament, Sunset“, 1900–1903

Drei Motive, das ist die Folge von Monets Wahl seines Domizils. Flussabwärts fiel sein Blick vom Balkon des Savoy auf die Waterloo Bridge, flussaufwärts er­öffnete sich ihm ein Panorama mit der Charing Cross Bridge im Vorder- und dem neogotischen Parlamentsgebäude von Westminster im Hintergrund. Das wurden seine drei Motive, immer wieder neu inszeniert vom sich verändernden Licht, aber immer vom gleichen Standpunkt aus gemalt, wobei Monet sich für die Ansichten des Parlamentsgebäudes von 1900 an aufs andere Themse-Ufer begab, wo das Gebäude ihm direkt gegenüber lag. So entstanden insgesamt 93 Bilder: 41 Ansichten der Waterloo Bridge, 34 der Charing Cross Bridge und neunzehn von Westminster.

21 Bilder, das ist das zweigrößte Konvolut aus der Werkgruppe, der jemals versammelt wurde. Größer war nur jene Pariser Ausstellung, auf der Monet 1904 seine Themse-Ansichten überhaupt zum ersten Mal vorstellte. Da waren es 37, acht Mal Charing Cross, elf Mal Parlament und achtzehn Mal Waterloo – Monets favorisierte Bilder aus dem Gesamtkomplex, alle ­eigens von ihm frisch für die Schau vollendet. Karen Serres wollte für ihre Ausstellung so viele wie möglich davon zusammenbekommen, und es kamen aus aller Welt fast die Hälfte zusammen, nämlich achtzehn: drei Mal Charing Cross, sechs Mal Parlament und neun Mal Waterloo – also dem Verhältnis der Motive zueinander nach ziemlich genau wie in Monets ursprünglicher Auswahl.

London musste fast 120 Jahre auf diese Schau warten

Die drei zusätzlichen Bilder tragen der Tatsache Rechnung, dass sich nur zwei von Monets London-Bildern in britischen Sammlungen befinden, beides später vollendete Ansichten der Charing Cross Bridge (eine ­davon wurde 1949 Churchill von seinem Literaturagenten geschenkt – mit der Bemerkung, wenn er wieder Premierminister werde, würde sich der Nebel über England lichten).

Und schließlich noch ein Westminster-Gemälde aus dem Kunsthaus Zürich, das deshalb besonderes Interesse beanspruchen darf, weil Monet es 1905 für eine dann doch nicht zustande gekommene Londoner Ausstellung vollendete und dabei ein Motiv annähernd wiederholte, das im Vorjahr schon an den berühmten Pariser Sammler Isaac de Camondo verkauft worden war und also nicht mehr zur Verfügung stand. Nun wird nicht nur nach fast 120 Jahren die Londoner Schau endlich nachgeholt, sondern darin auch ein Vergleich beider Bilder möglich, weil das frühere aus dem Musée d’Orsay ausgeliehen werden konnte.

Genug der Fakten, am Schluss eine Impression: Diese erbsensuppengrün grundierte Ausstellung strahlt, als wären die Bilder gerade von der Staffelei genommen. Man muss hier einmal die Lichtsetzerin nennen: Zerlina Hughes. Wie wichtig ist die Arbeit solcher Koryphäen für ein Ausstellungserlebnis! Denn nur dann entfaltet sich die ganze Magie eines Bildes wie Monets „Le soleil dans le brouillard“ (Die Sonne im Nebel), sonst in der National Gallery of Canada in Ottawa und das schönste Bild der Schau. Wie da die wie eine verschrumpelte Mandarine über der Waterloo Bridge stehende Sonne durch einen Brückenbogen hindurch die Themse entflammt, das entzündet eine schier unlöschbare [...]

Monet and London – Views of the Thames. In der Courtauld Gallery, London; bis 19. Januar 2025. Der Katalog (Holborton) kostet 25 Pfund.

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