aus derStandard.at, 14. 5. 2026 Jedes Gehirn tickt anders – weil wir alle im Leben
unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Genau die prägen aber unsere
Entscheidungen und Handlungen im täglichen Leben. zu Jochen Ebmeiers Realien
Es gibt einen großen Irrglauben, was unser Gehirn anbelangt: Dass es klar und nüchtern ist und ganz sachlich die objektiv vernünftigste Entscheidung trifft. Das mag aus der eigenen Sichtweise womöglich so sein – aber eine andere Person interpretiert die gleiche Ausgangslage womöglich ganz anders. Und trifft entsprechend ganz andere Entscheidungen.
Das liegt an der Funktionsweise des Gehirns. Es entscheidet nicht primär rational, sondern emotional, es trifft Entscheidungen auf Basis der erlebten Erfahrungen. Das ist auch der Grund, warum es nicht reicht, ein Verhalten zu verstehen, wenn man es ändern möchte. Was dahintersteckt, erklärt der Neurowissenschafter und Key Note Speaker Damir del Monte in seinem Buch Ein Date mit deinem Gehirn. Im STANDARD-Interview spricht er darüber, wie das Gehirn organisiert ist, warum wir alle – nicht nur "die anderen" – in unserer eigenen Echokammer leben und warum Kochen so glücklich machen kann.
STANDARD: Das Gehirn wurde historisch immer mit der jeweils modernsten existierenden Technologie verglichen. Am Anfang war das die Dampfmaschine, zuletzt war es der Computer. Jetzt kommt die Künstliche Intelligenz dazu. Aber ist dieser Vergleich überhaupt zulässig?
Del Monte: Es ist verlockend, das Gehirn mit einer Maschine zu vergleichen, aber es greift viel zu kurz. Anders als eine Maschine oder auch die Künstliche Intelligenz ist das Gehirn kein lineares System, bei dem auf Input A zuverlässig Output A folgt. Das Gehirn ist vielmehr ein hochkomplexes, selbstorganisierendes System, das ständig in Wechselwirkung mit dem gesamten Körper steht. Es arbeitet nicht isoliert oder objektiv, sondern ist eingebettet in biologische, emotionale und soziale Prozesse. Und es hat unzählige Reaktionsmöglichkeiten in petto, die es je nach Bedarf ausspielt.
STANDARD: Wie kann man sich das vorstellen?
Del Monte: Das Gehirn konstruiert fortlaufend Modelle der Welt und unseres Selbst und gleicht diese mit der Realität ab. Das heißt, es gibt eine Erwartungshaltung dazu, was als Nächstes passiert. Kommt ein Reiz von außen, wird dieser nicht einfach neutral wahrgenommen, das Gehirn gleicht ihn mit den Erwartungen auf Basis der eigenen Erfahrungen ab.
Stimmen Vorhersage und Realität überein, passiert wenig, wir nehmen das kaum bewusst wahr. Erst wenn es Abweichungen gibt, man könnte sie als Vorhersagefehler bezeichnen, wird unsere Aufmerksamkeit aktiviert.
STANDARD: Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Del Monte: Steht man morgens auf und kommt aus dem Schlafzimmer, erwartet das Gehirn bestimmte Geräusche, Gerüche, Lichtverhältnisse. Ist etwas anders als sonst, ein ungewohnter Geruch, ein fremdes Geräusch, entsteht so ein Vorhersagefehler, das Gehirn ist alarmiert.
Das betrifft aber nicht nur Alltagssituationen, sondern unsere gesamte Identität. Wenn jemand etwa jahrzehntelang glaubt: "Ich bin nur wertvoll, wenn ich Leistung bringe", wird das zum inneren Modell. Dieses Modell bestimmt dann Wahrnehmung, Verhalten und Emotionen. Das geht so weit, dass Lob oft nicht wirklich wahrgenommen wird, weil es nicht zum bestehenden Selbstbild passt.
STANDARD: Ist man dem hilflos ausgeliefert?
Del Monte: Nein, keineswegs. Das Gehirn beginnt ja genau dort zu lernen, wo Erwartung und Wirklichkeit nicht mehr zusammenpassen. Man muss sich diese Diskrepanz aber bewusst machen. Das Gehirn arbeitet dabei selektiv. Es integriert permanent neue Informationen in bestehende Strukturen, reorganisiert sie und vergisst im Zuge dieses Prozesses auch Informationen. Dieses Vergessen ist entscheidend, weil es uns erlaubt, Prinzipien zu bilden und handlungsfähig zu bleiben.
Außerdem ist das Gehirn immer auf Bedeutung ausgerichtet. Es fragt nicht nur "Was ist?", sondern "Was bedeutet das für mich?". Diese Selbstbezüglichkeit fehlt übrigens der KI, die ja auf der Akkumulation von Informationen basiert, aus der sie dann aufgrund eines Algorithmus die wahrscheinlichste Antwort auswählt.
STANDARD: Und warum ist das Gehirn so organisiert?
Del Monte: Weil wir sonst in der permanenten Flut an Informationen untergehen würden. Pro Sekunde erreichen elf Millionen Bits an Informationen das Gehirn. Verarbeiten können wir aber maximal 100 Bits. Das Gehirn filtert radikal heraus, was es als nicht relevant erachtet. Und das eben auf Basis der individuellen Erwartungs- und Erfahrungswelt.
STANDARD: Ist das der Grund, warum Menschen oft auf die gleiche Situation so unterschiedlich reagieren?
Del Monte: Ja. Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens unterschiedliche Erfahrungen gemacht, deshalb hat auch jeder unterschiedliche Vorhersagemodelle. Das Gehirn ist ja kein neutrales System, es ist geprägt von der eigenen Biografie. Deshalb gibt es keine einheitliche Reaktion auf eine Situation. Was für die eine Person bedrohlich ist, kann für die andere völlig unproblematisch sein.
STANDARD: Man kann also eine noch so logische Erklärung haben für ein Problem, eine Bedrohung oder ein Gefühl der Angst. Die Emotionen, die damit einhergehen, sind immer stärker als die Vernunft. Woran liegt das?
Del Monte: Das liegt an der Organisation des Gehirns. Die kognitive Ebene, also das, was wir als rationales Denken bezeichnen, analysiert, plant, spielt Optionen durch. Aber sie liefert nur Möglichkeiten, sie entscheidet nicht. Die Entscheidungen fallen dort, wo Bedeutung entsteht. Und das ist die emotionale Ebene. Sie bewertet: Ist etwas wichtig? Gefährlich? Relevant für mich? Und das auf Basis der individuellen Erfahrungswelt. Deshalb kann ein Mensch rational wissen, was "richtig" wäre, und dennoch ganz anders handeln.
Die Systematik in den sozialen Medien zeigt das gut. Man sieht ein empörendes Video oder eine Schlagzeile. Noch bevor der Inhalt geprüft wird, reagiert das emotionale System, Angst, Wut, Empörung oder auch Euphorie kommen. Erst danach beginnt die rationale Ebene, Rechtfertigungen zu produzieren. Dazu kommt, dass das Gehirn Sicherheit liebt. Deshalb macht Angst Menschen anfälliger für einfache Erklärungen, gerade in Krisenzeiten.
STANDARD: Heißt das, wir sind unseren Emotionen ausgeliefert?
Del Monte: Nicht ausgeliefert, aber wir können sie auch nicht einfach abschalten. Der entscheidende Punkt ist Integration. Wir müssen lernen zu verstehen, woher unsere emotionalen Bewertungen kommen. Und dafür müssen wir eine Verbindung zwischen rationaler Einordnung und emotionaler Bewertung schaffen.
STANDARD: Wie kann das gelingen?
Del Monte: Indem man sich damit auseinandersetzt. Aber nicht auf rein rationaler Ebene, das funktioniert ja nicht. Dafür muss man verstehen, dass das Gehirn kein statisches Organ ist, es verändert sich auch Basis seiner Erfahrungen. Die schreiben sich in unser System ein, vor allem, wenn sie belastend sind. Und zwar nicht nur als Gefühle wie Angst oder Panik, sondern auch biologisch. Das Gehirn verändert sich strukturell, bestimmte neuronale Verbindungen gestärkt oder abgeschwächt werden.
Wenn zum Beispiel ein Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem Konflikte jederzeit eskalieren können, lernt das Gehirn: "Ich muss ständig wachsam sein." Später, als Erwachsener, reagiert diese Person vielleicht extrem empfindlich auf Kritik oder Spannung. Nicht weil sie "übertreibt", sondern weil das Nervensystem gelernt hat, Gefahr permanent zu antizipieren. Erlebte Traumata verändern also die Art, wie die Welt vorhergesagt wird, die eigene Vergangenheit formt buchstäblich die Architektur des Gehirns.
STANDARD: Kann man das auch wieder rückgängig machen? In der Gehirnforschung ist ja immer die Rede von der Neuroplastizität, dass man die Gehirnstrukturen verändern kann.
Del Monte: Ja, das kann gelingen, aber nicht beliebig und auch nicht schnell. Neue Erfahrungen, auch bewusst angestoßene, können die etablierten neuronalen Strukturen verändern, aber dieser Prozess braucht Zeit, Wiederholung und oft auch emotionale Beteiligung. Es reicht nicht, etwas kognitiv zu verstehen. Veränderung passiert dann, wenn neue Erfahrungen gemacht werden, die auch emotional relevant sind. Deshalb ist es so schwierig, alte Muster zu durchbrechen.
STANDARD: Kann Psychotherapie dabei helfen?
Del Monte: Auf jeden Fall, sie setzt genau hier an. In der Psychotherapie kann es gelingen, Muster sichtbar zu machen, zu verstehen und zu integrieren, also die Verbindung zwischen emotionalem Erleben und rationalem Beurteilen zu bauen. Sie schafft einen Raum, in dem wir aus automatisierten Reaktionsmustern aussteigen, Modelle hinterfragen und erweitern können.
Das erfordert aber Mut, weil man sich dabei auch unangenehmen Erfahrungen stellen muss. Man erkennt etwa auf einmal, dass viele Entscheidungen gar nicht frei waren, sondern Wiederholungen alter Anpassungsstrategien. Therapie ist oft der erste ehrliche Kontakt mit sich selbst. Aber genau darin liegt ihre Stärke.
STANDARD: Warum ist es aber so schwer, sich von den alten Mustern zu lösen? Auch mit therapeutischer Unterstützung ist das ja alles andere als selbstverständlich, das wissen alle Menschen, die Therapieerfahrung haben.
Del Monte: Weil diese Muster Sicherheit geben. Sie sind vertraut, und auch wenn sie einem nicht guttun, sind sie zumindest stabil. Deshalb verteidigen wir unsere inneren Modelle mit enormer Kraft, selbst wenn wir daran leiden.
In einer Welt, die ohnehin von Unsicherheit geprägt ist, wie das etwa durch permanente Informationsflut oder gesellschaftlichen Druck der Fall ist, klammern sich Menschen dann noch stärker an ihre bestehenden Modelle. Das erklärt auch viele gesellschaftliche Phänomene, etwa die Bildung von Echokammern oder die Schwierigkeit, neue Perspektiven zuzulassen.
STANDARD: Das heißt, man kann das Gehirn manipulieren und das wird auch ausgenutzt?
Del Monte: Absolut. Werbung, soziale Netzwerke, politische Bewegungen, viele Medien nutzen genau diese Mechanismen und sprechen unsere emotionalen Bewertungssysteme an.
Dieser Mechanismus greift bei allen Menschen. Man denkt ja gerne, nur "die anderen" lebten in einer Bubble. Aber neurobiologisch betrachtet ist jeder Mensch in seiner eigenen Echokammer, weil ja jeder Mensch die Welt über das eigene Referenzsystem wahrnimmt. Trotzdem sind nicht alle Menschen gleich stark beeinflusst. Entscheidend ist, wie stabil und reflektiert die eigenen Modelle sind. Wer sich seiner eigenen Muster bewusst ist, kann leichter unterscheiden, was von außen kommt und was wirklich das Eigene ist.
STANDARD: Wie funktioniert das in der Praxis?
Del Monte: Wenn jemand überzeugt ist, dass die Welt gefährlich ist, wird er oder sie bevorzugt Nachrichten wahrnehmen, die diese gefühlte Bedrohung bestätigen. Wenn jemand überzeugt ist, dass Menschen egoistisch sind, wird er oder sie besonders aufmerksam auf egoistisches Verhalten reagieren. Das Gehirn hebt sie selektiv hervor und deshalb wirken sie präsenter, die Bedrohung ist stärker. Das Gleiche funktioniert ja auch umgekehrt, bei Menschen, die prinzipiell positiv eingestellt sind. Es kann passieren, dass sie deshalb eine Gefahr unterschätzen.
Problematisch in Bezug auf die eigene Echokammer wird das deshalb, weil heute oft der Wirklichkeitsabgleich fehlt. Stattdessen sucht man sich Informationswelten, die die eigene Weltsicht stabilisieren. Und genau hier entsteht Polarisierung.
STANDARD: Wie kann man Reflexion und Bewertung verbessern?
Del Monte: Indem man sich nicht permanent ablenken lässt. Wir leben in einer Welt voller Reize, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Das Smartphone ist ein permanenter, unbewusster Begleiter, zu dem man in fast jeder Lebenslage greift. Das führt aber dazu, dass wir einen Großteil unserer Zeit im Autopilot verbringen. Studien zeigen, dass wir nur einen kleinen Teil unserer Wachzeit wirklich bewusst und intentional handeln. Dazu kommt die ständige Konfrontation mit idealisierten Bildern von Erfolg, Schönheit oder Glück. Diese setzen uns unter Druck und beeinflussen unser Selbstbild, oft ohne dass wir es merken.
STANDARD: Wie kann man das Gehirn in dieser permanenten Reizflut unterstützen?
Del Monte: Mit allem, was uns wieder in Kontakt mit uns selbst bringt. Das sind oft ganz einfache Dinge, ein Gespräch, ein Spaziergang, Musik, Bewegung, Kochen. Entscheidend ist, dass man dabei präsent ist, dass man in der Zeitspanne, auch wenn sie nur kurz ist, nichts anderes tut. Dann kann sogar ein sogenannter Flow-Zustand entstehen, also ein Moment, in dem man komplett in der eigenen Tätigkeit aufgeht. Herausforderung und eigene Fähigkeiten sind dann im Gleichgewicht.
STANDARD: Das klingt im Grunde recht simpel.
Del Monte: Das ist es auch, wenn man sich wieder darauf einlässt. Die moderne Welt suggeriert uns ja, dass Glück spektakulär sein muss, es geht um große Erfolge, große Sichtbarkeit und große Selbstverwirklichung. Aber aus neurobiologischer Sicht sind es die kleinen Momente der Zufriedenheit, die uns stabilisieren und dem Gehirn guttun.
Nota. - Zum Glück aber haben sich die Menschen im Zuge der Evolution einen Fallschirm erworben: Reflexion, Kritik und Vernunft. Zu jeder Entscheidung, die das Hirn 'von allein' schon getroffen hat, kann 'Ich' - die kognitive Ebene, wie del Monte sagt - doch noch nein! sagen. Dafür bleibt ihm gerademal eine Fünftel-sekunde. In der kann er seinem Willen ein Fenster der Freiheit öffnen: Reflexion, Kritik und - vernünftiges Urteil.
Letzteres mag auch darin bestehen, das vorerst negierte Urteil zu rehabilitieren und ja! zu sagen: das moralisch-ästhetische Urteil aus Gründen zu bestätigen. Das dürfte öfter der Fall sein, als man denkt: weil es nämlich meistens unbeachtet bleibt.
Bedenke: Das ganze Reich der ästhetischen Wahrnehmung entsteht in meiner Welt - und dazu gehören die moralischen Urteile. Darum finden in Moral- und Geschmacksfragen vernünftige Erwägungen so wenig Gehör.
JE
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