
aus derStandard.at, 9. 5. 2026 Albert Einstein in seinem Wunderjahr 1905 oder unmittelbar davor.
Damals war der Begründer der Relativitätstheorie erst 25 Jahre alt. zu öffentliche Angelegenheiten zu Philosophierungen
Der junge Einstein entspricht paradigmatisch der romantischen Vorstellung des jungen, kühnen Genies in der Wissenschaft, der mit frischen Ideen ganze Disziplinen umkrempelt, während ältere Kolleginnen und Kollegen eher konservative Bewahrer bestehender Paradigmen sind. Für die wissenschaftlichen Revolutionen und für die disruptiven Erkenntnisse seien hingegen einzig die Jungen zuständig. Wie etwa auch der kürzlich verstorbene James Watson, der noch keine 25 Jahre alt war, als er mit dem deutlich älteren Francis Crick 1953 die Struktur der DNA entschlüsselte.
Doch eine neue Studie im Fachjournal Science, die bereits seit 2022 als Preprint auf Arxiv vorliegt, zeigt nun: Ganz so einfach ist es nicht. Und auch das Alter hat seine Meriten. Erfahrung macht Wissenschafterinnen und Wissenschafter durchaus innovativ – allerdings auf andere Weise, als lange angenommen wurde. Es steigt ihre Fähigkeit, neue Verbindungen zwischen bislang getrennten Ideenfeldern herzustellen. Ältere Forschende werden besser darin, Wissen zu kombinieren und bestehende Ansätze weiterzuentwickeln. Gleichzeitig sinkt jedoch ihre Neigung zu radikal disruptiven Ideen, die etablierte Paradigmen grundsätzlich infrage stellen.
Der Wissenschaftsforscher Haochuan Cui (Nanjing Normal University, Santa Fe Institute) wertete mit einem Team Daten von mehr als 12,5 Millionen Forschenden aus, die zwischen 1960 und 2020 publiziert haben. Das Ergebnis zeichnet ein differenziertes Bild wissenschaftlicher Kreativität über den Verlauf einer Karriere hinweg. Innovation, so legen die Daten nahe, hat mindestens zwei Gesichter: das disruptive und das synthetisierende. Während jüngere Forschende häufiger völlig neue Perspektiven eröffnen, gelingt es erfahreneren Forschenden besser, vorhandenes Wissen produktiv zu verknüpfen.
Diese Unterscheidung ist sehr viel mehr als wissenschaftssoziologische Haarspalterei. Sie berührt zentrale Fragen der Wissenschaftspolitik – von Förderprogrammen über Tenure-Systeme bis hin zu Pensionsregelungen. Denn die Struktur wissenschaftlicher Karrieren hat sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert. Ausbildungszeiten werden länger, prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, gleichzeitig bleiben etablierte Top-Forschende immer länger aktiv und einflussreich. Besonders in den USA hat die Abschaffung verpflichtender Pensionsgrenzen im Jahr 1994 dazu beigetragen, dass ältere Forschende heute einen größeren Anteil an Ressourcen, Fördergeldern und institutioneller Macht kontrollieren.
Cui und sein Team argumentieren nun, dass diese Entwicklung auch die Art wissenschaftlicher Erkenntnis verändert. Wo ältere Forschende dominieren, wird tendenziell mehr auf bestehendem Wissen aufgebaut. Das fördert Kontinuität und Stabilität, könnte aber radikale Neuerungen bremsen. Die Wissenschaft wird dadurch nicht weniger kreativ – aber möglicherweise weniger revolutionär. Das deckt sich auch mit dem Befund einer Nature-Studie aus dem Jahr 2023, dass es tendenziell immer weniger revolutionäre Arbeiten in der Forschung gäbe.
Die Autorinnen und Autoren sprechen damit ein Problem an, das viele junge Forschende aus eigener Erfahrung kennen: Wer Fördergelder beantragt, muss meist umfangreiche Publikationslisten, institutionelle Reputation und Netzwerke vorweisen. Gerade riskante Projekte haben es schwer, wenn Gutachterinnen und Gutachter auf Sicherheit und Anschlussfähigkeit achten. Das System bevorzugt häufig jene, die bereits erfolgreich sind – und das sind meist ältere Wissenschafterinnen und Wissenschafter.
Gleichzeitig wäre es falsch, daraus eine simple Generationenkritik abzuleiten. Denn die Daten zeigen ebenso klar, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht allein von disruptiven Durchbrüchen lebt. Viele der wichtigsten Innovationen entstehen gerade dadurch, dass bestehende Erkenntnisse neu kombiniert werden. Erfahrene Forschende verfügen oft über einen breiteren Überblick, kennen unterschiedliche Disziplinen und können Ideen miteinander verbinden, die jüngeren Kolleginnen und Kollegen verborgen bleiben.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Jüngere oder Ältere "besser" forschen. Vielmehr geht es darum, wie Wissenschaftssysteme ein Gleichgewicht zwischen Erneuerung und Kontinuität schaffen können. Cui und sein Team plädieren deshalb für institutionelle Strukturen, die beide Formen von Innovation gezielt fördern. Frühkarriere-Forschende sollten mehr Möglichkeiten erhalten, eigenständig Projekte zu leiten und riskante Ideen zu verfolgen. Gleichzeitig müsse die Expertise erfahrener Wissenschafter stärker als Ressource für Synthese und Integration verstanden werden.
Brisant werden die Ergebnisse auch im geopolitischen Kontext. Die Autoren weisen darauf hin, dass Länder mit vergleichsweise jungen Wissenschaftssystemen – etwa China oder Indien – häufiger besonders disruptive Forschung hervorbringen. Ältere Forschungssysteme wie jene der USA oder Großbritanniens seien hingegen besonders stark darin, bestehendes Wissen auszubauen und zu integrieren. Wissenschaftliche Innovationskraft hängt demnach nicht nur von Geld oder Infrastruktur ab, sondern auch von der Altersstruktur eines Forschungssystems.
Für Europa – und Österreich – ergibt sich daraus eine unbequeme Frage: Fördert das bestehende Wissenschaftssystem tatsächlich die kreativsten Ideen – oder vor allem jene, die sich gut in bestehende Strukturen einfügen? Gerade Universitäten und Förderagenturen setzen häufig auf Risikoaversion. Junge Forschende verbringen oft Jahre in befristeten Positionen, bevor sie überhaupt die Chance erhalten, eigenständig zu arbeiten. Wer jedoch erst mit vierzig oder fünfzig institutionelle Sicherheit erreicht, hat womöglich längst gelernt, welche Ideen förderbar sind – und welche besser unausgesprochen bleiben.
Dieses Problem hat in Österreich eine besonders lange Tradition. Im Jahr 1965, als die Universität Wien 600 Jahre alt wurde, schrieb der 1936 aus Wien ausgewanderte Biochemiker Max Perutz: "Talentierte junge österreichische Wissenschaftler trifft man oft in Amerika. Sie verlassen ihre Heimat, weil sich dort zu wenig Gelegenheit für unabhängige Forschung bietet. Der wichtigste Schritt scheint mir daher eine Modernisierung des Universitätssystems, um jungen Forschern größere Unabhängigkeit zu sichern."
Der Chemie-Nobelpreisträger des Jahres 1962 musste wissen, worauf es bei innovativer Top-Forschung ankommt: Das von ihm 1947 gegründete Laboratory of Molecular Biology (LMB) des Medical Research Council – Perutz war damals übrigens 32 – sorgte in der Nachkriegszeit für die meisten Durchbrüche in der frühen Molekularbiologie und brachte nicht weniger als 15 Nobelpreisträger hervor.
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