Es ist eines der rätselhafteren Merkmale der menschlichen Evolution: Fast 90 Prozent aller Menschen bevorzugen ihre rechte Hand, wie eine Meta-Analyse im Jahr 2020 ermittelte – und das unabhängig von Kultur, Herkunft oder Epoche. Keine andere Primatenart weist eine derart ausgeprägte Dominanz einer Körperseite auf. Zwar zeigen auch Menschenaffen oder Affen individuelle Vorlieben beim Greifen, Werkzeuggebrauch oder Klettern. Doch ein so eindeutiges Muster wie beim Menschen existiert dort nicht.

Seit Jahrzehnten versuchen Forschende zu erklären, warum ausgerechnet beim Menschen eine so starke Rechtshändigkeit ausgeprägt ist. Gene, Gehirnstruktur, Sprachentwicklung oder soziale Kooperation wurden als mögliche Ursachen diskutiert. Eine neue Studie der Universität Oxford legt nun nahe, dass die Antwort deutlich tiefer in der Evolution verankert ist: im aufrechten Gang – und in der außergewöhnlichen Vergrößerung des menschlichen Gehirns.

41 untersuchte Primatenarten

Die Untersuchung wurde unter Leitung des Evolutionsanthropologen Thomas Püschel an der School of Anthropology and Museum Ethnography der Universität Oxford durchgeführt und kürzlich im Fachjournal PLoS Biology veröffentlicht. Gemeinsam mit Rachel Hurwitz und dem Evolutionsbiologen Chris Venditti von der University of Reading analysierte Püschel Daten von 2025 Individuen aus insgesamt 41 Primatenarten.

Ein historisches SW-Foto zeigt eine Schimpansin, die mit dem rechten Zeigefinder auf einer Schreibmaschine tippt.
Nanette, eine Schimpansin im Zoo in Zürich, dürfte auch eher Rechtshänderin gewesen sein. Bei nicht-menschlichen Primaten sind Links- und Rechtshändigkeit aber längst nicht so eindeutig verteilt wie bei Homo sapiens.

Die drei Forschenden kombinierten dabei Verhaltensdaten mit evolutionären Stammbäumen und nutzten statistische Modelle, um verschiedene Hypothesen zur Entstehung der Händigkeit zu testen. Untersucht wurden unter anderem Werkzeuggebrauch, Ernährungsweise, Körpergröße, Lebensraum, soziale Organisation, Gehirnvolumen und Fortbewegungsart.Überraschend eindeutiges Ergebnis

Das Ergebnis überraschte auch Püschel und sein Team. Menschen wirkten zunächst wie ein extremer Ausreißer: Keine andere Primatenart zeigte eine vergleichbare Dominanz der rechten Hand. Als die Modelle jedoch um zwei entscheidende Faktoren ergänzt wurden – Gehirngröße und das Verhältnis von Arm- zu Beinlänge als Marker für Zweibeinigkeit –, verschwand die Sonderstellung des Menschen weitgehend. Mit anderen Worten: Berücksichtigt man den aufrechten Gang und die enorme Expansion des Gehirns, erscheint die menschliche Rechtshändigkeit nicht mehr als evolutionäre Ausnahme, sondern als logische Folge bestimmter Entwicklungsschritte.

"Das ist die erste Studie, die mehrere zentrale Hypothesen zur menschlichen Händigkeit in einem einzigen Modell untersucht", erklärt Studienleiter Thomas Püschel in einer Aussendung der Uni Oxford. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Händigkeit eng mit jenen Eigenschaften verbunden sei, die den Menschen überhaupt erst zum Menschen gemacht hätten: aufrechtes Gehen und große Gehirne. Besonders interessant ist dabei die rekonstruierte Entwicklungslinie früher Menschenarten. Mithilfe ihrer Modelle versuchten die Forschenden auch abzuschätzen, wie ausgeprägt die Händigkeit ausgestorbener Homininen gewesen sein könnte.

Rechtshänder in der Evolution

Demnach hatten frühe Vormenschen wie Ardipithecus oder Australopithecus vermutlich nur eine leichte Präferenz für die rechte Hand – ähnlich wie heutige Menschenaffen. Erst mit dem Auftreten der Gattung Homo verstärkte sich die Tendenz deutlich. Bei Homo ergaster, Homo erectus und später den Neandertalern entwickelte sich zunehmend jene starke Rechtsdominanz, die schließlich beim modernen Homo sapiens beinahe universell wurde.

Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet allerdings Homo floresiensis – jene kleinwüchsige Menschenart aus Indonesien, die wegen ihrer geringen Körpergröße oft als Hobbit bezeichnet wird. Für sie sagen die Modelle nur eine schwache Rechtshändigkeit voraus. Auch das passt laut den Forschenden ins Bild: Homo floresiensis besaß ein vergleichsweise kleines Gehirn und war anatomisch sowohl ans Klettern als auch an den aufrechten Gang angepasst.

Zwei Schritte zur Präferenz

Die Studie zeichnet damit eine evolutionäre Zwei-Stufen-Geschichte nach. Zunächst befreite der aufrechte Gang die Hände von der Fortbewegung. Dadurch konnten feinere und spezialisierte Bewegungen entstehen – etwa beim Tragen, Greifen oder später beim Werkzeuggebrauch. In einem zweiten Schritt führte die Vergrößerung und Umorganisation des Gehirns offenbar dazu, dass sich bestimmte Funktionen stärker auf eine Hirnhälfte konzentrierten. Diese sogenannte Lateralisierung könnte schließlich die starke Dominanz der rechten Hand hervorgebracht haben.

Warum allerdings bis heute etwa jeder zehnte Mensch linkshändig geblieben ist, bleibt weiterhin ungeklärt. Denkbar wäre laut den Forschenden, dass eine gewisse Vielfalt evolutionäre Vorteile bot – etwa bei Kampf, Kooperation oder Werkzeuggebrauch. Auch kulturelle Faktoren könnten eine Rolle gespielt haben. Faktum ist, dass Linkshänderinnen und Linkshänder in Ballsportarten mit schnellen Ballwechseln (wie Tischtennis) deutlich öfter als mit zehn Prozent im Top-Bereich vertreten sind.

Händigkeit im Tierreich

Offen bleibt zudem, ob ähnliche Mechanismen auch bei anderen Tierarten wirken. Einige Papageienarten zeigen etwa deutliche Präferenzen beim Greifen mit den Krallen, Kängurus bevorzugen häufig eine Körperseite bei bestimmten Bewegungen. Die Parallelen könnten darauf hinweisen, dass sich funktionelle Asymmetrien im Tierreich mehrfach unabhängig voneinander entwickelt haben.

Die neue Studie liefert mithin keinen endgültigen Beweis für den Ursprung der menschlichen Rechtshändigkeit. Sie bietet aber erstmals ein konsistentes evolutionäres Modell, das Anatomie, Gehirnentwicklung und Fortbewegung gemeinsam betrachtet – und damit eine der ältesten Fragen der Anthropologie in einen neuen Zusammenhang stellt.