Spätneolithisches Mosaik

Vater und Sohn lebten in einer Welt, in der zwischen der Iberischen Halbinsel und Skandinavien über zwei Jahrtausende hinweg eine Bauwut sondergleichen herrschte: Bauern errichteten Dolmen, Ganggräber, Steinkreise und Galerien aus tonnenschweren Blöcken. Die Forschung hat in diesen Monumenten lange nicht nur Ausdruck lokaler Identitäten gesehen, sondern auch Zeichen weitreichender sozialer oder ahnenbezogener Netzwerke. Ob hinter der gemeinsamen Architektursprache auch eine gemeinsame Abstammung stand, blieb offen.

Diese Frage haben Nicolas Antonio da Silva und Ben Krause-Kyora von der Universität Kiel mit ihrem Team in einer neuen Untersuchung aufgegriffen. Sie analysierten genetische Daten von 203 Individuen aus sechs deutschen Megalithgrabkomplexen, 129 Genome haben sie dafür neu sequenziert. Untersucht wurden die Bestattung in Sorsum, der einzigen bislang gut erhaltenen Fundstelle der westlichen Trichterbecherkultur, sowie fünf Fundorte der benachbarten Wartberg-Kultur: Altendorf, Niedertiefenbach, Rimbeck, Warburg und Züschen.

Archäologisch lassen sich die beiden Gruppen klar unterscheiden. Die westliche Trichterbecherkultur ist bekannt für oberirdische Ganggräber und reich verzierte Tongefäße mit ihrem charakteristischen trichterförmigen Rand. Die Wartberg-Kultur hingegen legte unterirdische Galeriegräber an und verwendete weitgehend schmucklose Keramik in Tonnenform. Sorsum selbst fällt aus dem Rahmen der eigenen Kultur: Die Grabkammer wurde in den Fels geschlagen und ähnelt damit eher den Wartberg-Anlagen.

Eine Karte zeigt Verwandtschaftsnetzwerke ersten und zweiten Grades zwischen vier Bestattungsorten (Altendorf, Niedertiefenbach, Sorsum und Warburg) in Deutschland. Verschiedene Symbole und Farben repräsentieren Geschlecht, Standorte und Y-Haplogruppen. Die Pfeile markieren Verbindungen über große Entfernungen von bis zu 230 km und illustrieren eine hohe Mobilität sowie sozialen Austausch. Ein Maßstab und ein Kompass zeigen Orientierung und Distanz.
Ein Netzwerk aus Verwandten ersten und zweiten Grades offenbart weitreichende biologische Verbindungen zwischen geografisch weit entfernten Bestattungsgemeinschaften. Die Untersuchungsergebnisse deuten auf auf eine ausgeprägte Mobilität und einen intensiven sozialen Austausch hin.
Eine Bevölkerung, zwei Stilrichtungen

Diese Besonderheit bestätigt sich auch genetisch. Laut den Analysen passen die Menschen aus Sorsum nicht zu anderen Trichterbecher-Vertretern aus dem Norden oder Osten, sondern gleichen Angehörigen der Wartberg-Kultur. Sorsum und die fünf Wartberg-Fundorte bilden eine genetisch homogene Population. Auffällig ist auch der hohe Anteil westeuropäischer Jäger-und-Sammler-Abstammung in beiden Gruppen, der vor allem über die männliche Linie weitergegeben wurde. Das deutet auf langfristige biologische Verbindungen hin.Über alle sechs Bestattungsplätze hinweg identifizierten die Forschenden 123 genetisch eng verwandte Paare, 44 davon ersten Grades, 79 zweiten Grades. Etwa die Hälfte der untersuchten Menschen hatte eine nahe Verwandte oder einen nahen Verwandten in der Stichprobe. Die wirkliche Überraschung lag jedoch zwischen den Fundorten: sechs grenzüberschreitende Verwandtschaftsbeziehungen, fünf davon mit Sorsum-Beteiligung. Das auffälligste Paar ist das des Mannes aus Niedertiefenbach und seines noch nicht erwachsenen Sohnes aus Sorsum.

Die Forschenden formulieren in ihrer im Fachjournal Science veröffentlichten Studie vorsichtig, was das bedeuten könnte. Die zusätzlich durchgeführte Analyse gemeinsam vererbter DNA-Segmente legt nahe, dass der Jugendliche ursprünglich aus dem Umfeld von Niedertiefenbach stammte, aber in Sorsum bestattet wurde. Denkbar sei etwa, dass er dort gelebt habe – als Pflege- oder Adoptivkind, vielleicht auch in einer Art Lehrverhältnis. Belegt ist dieses Szenario nicht. Man kann nur daraus schließen, dass Mobilität, Einheirat oder Austausch über erstaunlich große Distanzen nichts Außergewöhnliches waren.

Soziale statt biologische Familie

Zugleich zeigen die Daten, dass die Steinkammern keine reinen Familiengräber im engen Sinn waren. Rund 48 Prozent der untersuchten Individuen gehörten keiner engen genetischen Verwandtschaftsgruppe an. An schwedischen oder britischen Megalithanlagen liegen die vergleichbaren Werte deutlich niedriger, dort scheinen die Gräber stärker auf eine einzelne Linie beschränkt gewesen zu sein. Sorsum und die Wartberg-Anlagen funktionierten daher offenbar anders, nämlich als Gemeinschaftsgräber, in denen biologische und soziale Zugehörigkeit nebeneinanderstanden. Die Forschenden vermuten ein Netz aus gemeinsamer Kinderaufzucht, geteilten Ritualen und gemeinsamer Bauarbeit – was Verwandtschaft im weiteren Sinn schuf.

Das Bild zeigt das Galeriegrab von Züschen in Nordhessen, ein steinernes Ganggrab aus der Zeit der Wartberg-Kultur. Es ist von einem schützenden Dach umgeben. Innerhalb des Grabes sind große seitliche Steinplatten und ein sandiger Boden zu sehen.
Das Galeriegrab von Züschen in Nordhessen wurde von Angehörigen der Wartberg-Kultur errichtet.

Wer aber wanderte und wer blieb? Die rekonstruierten Stammbäume aus Sorsum und Niedertiefenbach zeigen eine durchgehende Linie männlicher Vorfahren über bis zu sechs Generationen, abzulesen am Y-Chromosom. Die mitochondrialen Linien der eingeheirateten Frauen sind dagegen breit gefächert. Statistische Analysen der genetischen Unterschiede innerhalb der Geschlechter bestätigen das Bild: Frauen waren mobiler als Männer.

Fachsprachlich heißt das Virilokalität – also dass Männer eher in der Gemeinschaft ihrer Eltern blieben – und weibliche Exogamie, was bedeutet, dass Frauen ihre Partner außerhalb der Geburtsgemeinschaft suchten. Auffällig ist auch, dass Frauen in den Gräbern unterrepräsentiert sind. Sie machen nur rund 40 Prozent der analysierten Individuen aus. Wo die übrigen begraben wurden, bleibt unklar.

Kein europäischer Stammbaum

Wer aus diesen Befunden ein gesamteuropäisches Megalithnetzwerk basteln möchte, wird enttäuscht. Genetische Verbindungen zu den Erbauern der atlantischen Anlagen auf den Britischen Inseln oder zu den Trichterbecher-Gruppen Südskandinaviens fanden sich kaum. Die Wartberg- und Sorsum-Gemeinschaften bildeten ein dichtes regionales Netz, das vereinzelte Spuren bis ins westliche Deutschland und ins Pariser Becken zog. Aber die großen Steinbauten verbreiteten sich nicht über biologische Großfamilien, sondern vielmehr als Idee. Architektonische Konzepte, Bestattungsrituale und Weltbilder reisten über die Köpfe und Hände der Menschen, nicht über deren Erbgut.

Damit offenbaren sich zwei unterschiedliche Aspekte: Auf der einen Seite eine spätneolithische Welt, in der Menschen offenbar regelmäßig zwischen entfernten Siedlungen wechselten, in der ein Kind 225 Kilometer von seinem Vater begraben werden konnte und in der Gräber Platz für ganz unterschiedliche Menschen boten. Auf der anderen Seite eine Welt, in der das verbindende Element der Megalithkultur eben nicht das Blut war, sondern die geteilte Vorstellung davon, wie man seine Toten unter tonnenschweren Steinen zur Ruhe bettet.