Archimedes war einer der wichtigsten Mathematiker und Physiker der Antike. Der Gelehrte, der im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte, formulierte unter anderem das Hebelgesetz, das die Grundlage der späteren Mechanik wurde; nach ihm wurden auch der archimedische Punkt und das archimedische Prinzip benannt, das den Auftrieb eines Körpers in einem flüssigen Medium beschreibt. Auch der freudige Ausruf "Heureka!" ("Ich habe es gefunden!" – anlässlich der Entdeckung "seines" Prinzips) geht auf ihn zurück.

Der außergewöhnliche Ruf des großen Naturforschers verdankt sich seinen zahlreichen Werken und der Tatsache, dass viele von ihnen in Abschriften bis in die Neuzeit erhalten blieben. Eine besonders abenteuerliche Odyssee, über die sich selbst schon fast ein Buch schreiben ließe, hat eine dieser Kopien hinter sich: das sogenannte Archimedes-Palimpsest, das im 10. Jahrhundert angefertigt wurde und das die einzige bekannte (griechische) Abschrift seiner Methodenlehre und der Abhandlung Über schwimmende Körper enthält.

Fund bei Online-Recherchen

Bis vor kurzem fehlten von diesem Manuskript, das im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und im 21. Jahrhundert in vollem Umfang lesbar gemacht wurde, allerdings drei der ursprünglich 177 Blätter. Nun sind es nur noch zwei. Denn eine dieser Seiten ist dank eines französischen Forschers wieder aufgetaucht. Der französische Altphilologe und Wissenschaftshistoriker Victor Gysembergh identifizierte das Blatt in der Sammlung der Musée des Beaux-Arts der Stadt Blois in Zentralfrankreich.

Der Forscher, der am französischen Forschungszentrum CNRS und an der Sorbonne arbeitet, war bei seinen Online-Recherchen auf eine Seite gestoßen, unter deren Text sich ein weiterer Text mit geometrischen Abbildungen abzeichnete. So etwas nennt sich Palimpsest – also ein Pergament, dessen ursprünglicher Text abgeschabt oder abgewaschen wurde, um aus Kostengründen Platz für ein neues Werk zu schaffen. Gysembergh hatte einen Verdacht, der sich als richtig erwies: Es handelte sich um die fehlende Seite 123, wie er in der Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik berichtet.

Sehr bewegte Geschichte

Um die Bedeutung dieses Funds richtig einschätzen zu können, ist ein Blick zurück auf die bewegte Geschichte dieser Archimedes-Schrift hilfreich. Angefertigt wurde die Abschrift in Konstantinopel, das im Jahr 1204 während des 4. Kreuzzugs geplündert wurde. Viele Bibliotheken gingen in Flammen auf. Doch einige Jahre später tauchte dieser Archimedes-Kodex in der Nähe von Jerusalem auf. Das Pergament wurde auseinandergenommen, abgekratzt, gewaschen und im Jahr 1229 mit christlichen liturgischen Texten über 177 Seiten neu beschrieben, also zu einem Palimpsest.

Im 19. Jahrhundert besuchte der Theologe Konstantin von Tischendorf Konstantinopel und untersuchte die Bibliothek des Metochion des Heiligen Grabes. Dort entdeckte er das Palimpsest und nahm eine Seite mit nach Europa, die später in der Bibliothek der Universität Cambridge landete. 1899 katalogisierte der griechische Gelehrte Athanasios Papadopoulos-Kerameus die Handschrift (Kodex C, Ms. 355) und veröffentlichte eine Transkription einiger sichtbarer Zeilen.

Der dänische Mathematikhistoriker Johan Heiberg erkannte sofort, dass einige der sichtbaren Zeilen aus Archimedes’ Werk Über Kugel und Zylinder stammten. 1906 untersuchte er das Palimpsest vor Ort und fotografierte vorsichtig sämtliche vorhandenen Seiten. Auf Grundlage dieser Bilder fertigte er Transkriptionen an, die er zwischen 1910 und 1915 veröffentlichte. Noch 1920 befand sich das Manuskript im Metochion, verschwand jedoch während der politischen Unruhen und des Griechisch-Türkischen Kriegs.

Fragwürdige Geschäfte

1932 tauchte es im Besitz des Pariser Antiquitätenhändlers Salomon Guerson auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte es dem Pariser Geschäftsmann Marie Louis Sirieix, der behauptete, es von einem Mönch gekauft zu haben, jedoch keinen Beleg vorlegen konnte. Jahrzehntelang lagerte das Palimpsest in seinem feuchten Keller und wurde beschädigt. Zudem fügte ein Fälscher nach 1938 vier vergoldete Porträts der Evangelisten hinzu, um den Wert zu steigern. Dabei wurde der darunterliegende Text teilweise zerstört. Moderne Röntgenfluoreszenzmethoden wurden später nötig, um ihn wieder sichtbar zu machen.

Blatt des Palimpsests, das einen Evangelisten mit zwei Löwen vor goldenem Hintergrund zeigt.
Auch das nun entdeckte Blatt enthält ein nachträglich hinzugefügtes Porträt eines Evangelisten, was die Sichtbarmachung des Originaltexts erschwert.

Nach Sirieix’ Tod versuchte seine Tochter das Manuskript zu verkaufen. 1998 kam es bei Christie’s in New York zur Versteigerung. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Jerusalem klagte auf Eigentum, da das Manuskript angeblich gestohlen worden war, verlor jedoch den Prozess. Das Palimpsest wurde schließlich für zwei Millionen Dollar an einen anonymen Bieter verkauft, der es 1999 dem Walters Art Museum in Baltimore zur wissenschaftlichen Untersuchung zur Verfügung stellte.

In einem zehnjährigen Projekt wurde es konserviert und mit modernen bildgebenden Verfahren untersucht. Experten fotografierten die Seiten in verschiedenen Spektralbereichen von Ultraviolett bis Infrarot, um den ursprünglichen Text sichtbar zu machen. Auch hochfokussierte Röntgenstrahlen kamen zum Einsatz, insbesondere bei Stellen, die durch spätere Miniaturen überdeckt waren. (Detaillierte Materialien dazu sind hier online verfügbar.)

"Über Kugel und Zylinder"

Dass Gysembergh sich in der Online-Datenbank des Museums von Blois auf die Suche begab, war kein Zufall. Dort wird ein Teil der Bibliothek der französischen Könige aufbewahrt. Nachdem er auf die verdächtige Seite gestoßen war, verglich er den Text mit den ebenfalls online zugänglichen Fotos, die Johan Heiberg 1906 angefertigt hatte. "Wenn es mehrere handschriftliche Kopien desselben Textes gibt, schleichen sich immer Fehler ein. Aber hier ist der Schriftstil exakt derselbe, jeder einzelne Buchstabe ist genau derselbe", sagt der Forscher der Agentur AFP.

Das wiedergefundene Pergament enthält auf der einen Seite erkennbar zwei übereinandergeschriebene Texte. Auf der anderen Seite ist eine Illustration eines Heiligen zu sehen, unter der sich vermutlich ebenfalls Abschnitte der Niederschrift von Archimedes befinden. "Es handelt sich um die Abhandlung Über Kugel und Zylinder, konkret um Buch I und die Sätze 39 bis 41", sagt der Forscher, der das Pergament nun ebenfalls mit Spezialkameras und Röntgenstrahlen untersuchen will, um den ursprünglichen Text zu entziffern.

Der Fund nähre zudem die Hoffnung, nun auch die beiden letzten fehlenden Seiten wiederzufinden, sagte der Forscher. Institutionen und private Sammler, die vergleichbare Manuskripte hätten, sollten diese genau prüfen.