aus welt.de, 16. 9. 2024 zu Jochen Ebmeiers Realien
Für die Römer war es das Attribut der Liebesgöttin Venus. Die Maler der Renais-sance wie Tizian und des Barock nahmen das Motiv dankbar auf. Der Antwerpener Peter Paul Rubens inszenierte um 1615 die „Venus vor dem Spiegel“ auf seine fleischlich-sinnliche Art. Der Betrachter erkennt durch den von Amor gehaltenen Spiegel die beiden göttlichen Seiten der Venus. Für Rubens war es ein Wettstreit, um mit seiner Kunst die Natur zu überbieten.
Wo die Schönheit erstrahlt, lauert ihre böse Schwester. Die Eitelkeit und die Vergänglichkeit. Der leere Schein, der vergeht. Der Spiegel als Vanitas-Symbol.
Dürer-Mitarbeiter Hans Baldung, genannt Grien, führt es uns in seinem Gemälde „Die drei Lebensalter des Weibes und der Tod“ von circa 1510 auf gruselige Weise vor. Eine junge Frau betrachtet sich, während sie über ihr Haar streicht. Was für ein Schock! Aus dem Spiegel schaut ihr eigener Totenschädel zurück.
Der Sensenmann persönlich – hier nicht als Knochengerippe dargestellt, sondern als halb verwesender Fleischlappen-Fritze – hält die ablaufende Sanduhr hoch. Dein Ende naht, selbst wenn du dich noch für unsterblich hältst und den Nichtigkeiten nachläufst.
Auch die Wahrheit hält er uns vor, der Spiegel der Erkenntnis
Bis zur Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert war er für den Menschen das einzige Instrument, sich ins Gesicht zu schauen. Erkenne dich selbst! Rembrandt, der vielleicht größte Egoman der Kunstgeschichte, hätte seine rund 80 Selbstpor-träts niemals malen, zeichnen oder in eine Kupferplatte radieren können, ohne die Hilfe eines Spiegels.
Sein weitgehend unbekannter Innsbrucker Kollege Johannes Gumpp demonstriert 1646 in seinem einzigen heute bekannten Gemälde, wie es funktioniert. Von seinem Spiegelbild auf der Linken bringt er seine fast identischen und etwas lebendiger wirkenden Gesichtszüge rechts auf die Leinwand. In der Mitte sehen wir ihn als Rückenfigur. Er tritt quasi heraus und zeigt sich uns in einem Bild gleich dreimal. Vermutlich ist Gumpp kurz nach Vollendung seines Werkes mit nur 20 Jahren verstorben.
Vorsicht! Der Spiegel steht für Wahrheit und Lüge zugleich. Wir sehen uns prinzipiell seitenverkehrt. Der Spiegel kann verzerren, verkleinern, vergrößern, verschönern. Je nach Schliff und Wölbung wird er zum fiesen Fälscher.
„Die unheimlichste aller Erfindungen ist der Spiegel. Woher nehmen die Menschen nur den Mut, da hineinzuschauen?“, rätselt der irische Schriftsteller Brendan Behan. „Der Spiegel ist ein raffiniertes Ding. Deshalb ist ein gut gemalter Spiegel ein Wun-derwerk“, sagt der Kunsthistoriker Stephan Kemperdick. Schönheit und Vergäng-lichkeit. Wahrheit und Lüge. Vielleicht schauen Sie ab jetzt mit etwas anderen Augen in Ihren Spiegel.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen