Freitag, 24. Oktober 2025

Ist das Ästhetische so alt wie die Menschheit?

zu Geschmackssachen 

"...Solche Muster macht nur der Mensch, man bringt sie mit hohen intellektuellen Fähigkeiten in Verbindung, denen der Abstraktion und des Denkens in Symbolen. ..."

Nota. - Gerade weil es so rudimentär ist, darf man es gewisser Kunst nennen als die Höhlenmalerei von Lascaux. Jene diente kultischen Zwecken, der Beschwörung des Jagdglücks vermutlich; dies Muster jedoch diente keinem ersichtlichen Zweck, es ist nur der Schönheit halber da: ästhetische Kunst, wie sie im Westen erst im 19. Jahr-hundert wieder aufkam. Dass es erst noch vereinzelt auftrat, macht die Sache nur plausibler. 

Es beleuchtet im übrigen meine Lieblingsthese, wonach 'der Geist' des Menschen - entstanden als ein Ersatz für die verlorenen Selbstverständlichkeiten seiner verlasse-nen Urwaldnische - selber ein 'ästhetisches', poietisches Vermögen ist, das erst im Verlauf der Geschichte, namentlich unserer Geschichte seit der Sesshaftwerdung und der Erfindung des Ackerbaus, in einen ökonomischen und einen in specie äs-thetischen 'Anteil' aufgespalten wurde; indem die ökonomische Seite ein Jahrzehn-tausend lang die andere Seite überwuchert und verdeckt hat. 

Also aufgetreten wären sie, den javanesischen Funden zufolge, gemeinsam. Dass sich das Vermögen zu nützlicher Arbeit abgespalten und verselbständigt hat, ist nun kein Wunder: Technische Neuerungen lassen sich, anders als ästhetische, akkumu-lieren, es kommt die Vorstellung von einem Fortschritt auf und die dazugehörige Idee der Vollkommenheit; welch letztere dem Fortschritt eine ästhetische Aura mit-teilt.

Für eine Spekulation aufgrund eines einzigen archäologischen Dokuments läuft das ein bisschen zu rund, das gebe ich zu. Aber der Fund passt immerhin in mein Sche-ma, in ein anderes passte er weniger gut - soviel werde ich doch wohl sagen dürfen.
JE,
 4. 12. 15 

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Rausch, Kultur und Herrschaft.


aus derStandard.at, 18.7.2025                                        Modell von Bierbrauern (links), Bäckern und Fleischhauern, das vor rund 5000 Jahren im alten Ägypten angefertigt wurde.                                                         zu öffentliche Angelegenheiten 
 
Förderte Alkoholkonsum die Entstehung komplexer Gesellschaften?
Die "Drunk Hypothesis" besagt, dass Trunkenheit in Hochkulturen eine wesentliche Funktion hatte und deren Existenz stützte. Nun wurde die Vermutung empirisch überprüft

Menschen tun es seit Menschengedenken – und noch länger: sich mit alkoholischen Getränken berauschen. Dass der Ursprung des Alkoholkonsums evolutionär noch weiter zurückgeht, legen zahlreiche Tierarten nahe, die sich ebenfalls an Vergorenem laben und auf diese Weise Rauschzustände hervorrufen.

Eine besondere Rolle scheint Alkohol aber ab den ersten Hochkulturen zu spielen. Historische Aufzeichnungen vom alten Mesopotamien und Ägypten über das antike Griechenland und China bis hin zu den Maya- und Inka-Reichen weisen dem Bier und anderen fermentierten Getränken wichtige religiöse, wirtschaftliche und politische Bedeutungen zu. Bier wurde den Göttern als Opfergabe dargebracht, um Wohlstand zu sichern. Außerdem diente es als Bezahlung für Arbeiter bei großen Bauprojekten.

 

 

Schließlich wurde es von den herrschenden Eliten bei Festen und Feierlichkeiten ausgeschenkt, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern und hierarchische Strukturen zu festigen. Im berühmten sumerischen Gilgamesch-Epos erhält der animalische Enkidu Bier, um ein zivilisierter Mensch zu werden.

Die Drunk Hypothesis ...

Der kanadisch-amerikanische Sinologe, Philosoph und Religionswissenschafter Edward Slingerland (University of British Columbia in Vancouver) hat darüber vor vier Jahren ein ganzes populärwissenschaftliches Buch veröffentlicht, das die sogenannte Drunk Hypothesis oder "Trunkenheitshypothese" belegen soll. In seinem Bestseller Drunk: How we sipped, danced and stumbled our way to civilization, der freilich noch nicht ins Deutsche übersetzt ist, argumentiert Slingerland, dass unser Verlangen nach dem Rausch kein Fehler der Evolution ist.

Noah mit Bart liegt betrunken am Boden, daneben stehen weitere Personen, die sich um ihn kümmern.
Michelangelos Darstellung des besoffenen Noah in der Sixtinischen Kapelle.

Vielmehr habe der Alkoholkonsum aus historischer Perspektive kulturelle Vorteile mit sich gebracht haben, die schädliche gesundheitliche und soziale Folgen aufgewogen hätten. Oder anders formuliert: Menschen seien nicht nur dazu geschaffen, sich zu berauschen – sich zu berauschen habe den Menschen geholfen, Zivilisationen aufzubauen.

"Die Drunk Hypothesis ist wirklich faszinierend, wurde aber bisher noch nicht quantitativ kulturübergreifend überprüft", sagt der Anthropologe Václav Hrnčíř (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig). "Das liegt daran, dass archäologische Funde im Zusammenhang mit Alkohol sehr spärlich sind und schriftliche Quellen nur aus bereits komplexen und hierarchischen Gesellschaften stammen."

... und ihre empirische Prüfung

Um diese Lücke zu schließen, hat er eine empirische kulturübergreifende Studie initiiert und mit einem kleinen Team durchgeführt. Sie sammelten dafür Daten zum Konsum traditioneller fermentierter Getränke aus einer globalen Stichprobe von 186 ethnografisch dokumentierten Gesellschaften mit unterschiedlich hohen Graden an politischer Komplexität. Zusätzliche Variablen erhielten die Forschenden aus der globalen Datenbank für Orte, Sprachen, Kulturen und Umwelt (D-PLACE), die in der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution kuratiert wird.

"Um den Zusammenhang zwischen Alkohol und kultureller Komplexität zu verstehen, haben wir statistische Modelle verwendet, die verschiedene mögliche Erklärungen für die Geschehnisse berücksichtigen", erklärt sagt Ko-Autorin Angela Chira in einer Presseaussendung der Max-Planck-Gesellschaft: "Diese kausalen Methoden halfen uns im Wesentlichen dabei, die Rolle des Alkohols von anderen Schlüsselfaktoren zu trennen, die politische Strukturen beeinflussen könnten, wie beispielsweise die Ausprägung der Landwirtschaft und die Nutzung von Umweltressourcen."

Eher nur geringer Effekt

In ihrer Analyse, die am Montag im Fachblatt Humanities & Social Sciences Communications erschien, fanden die Forschenden einen positiven Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit fermentierter Getränke und einem höheren Maß an politischer Komplexität. Allerdings war der Effekt nach Berücksichtigung möglicher Einflussfaktoren, insbesondere der Landwirtschaft, nur gering.

Drei gezeichnete Personen trinken mit langen Halmen  aus einem Krug
Bescheidenere künstlerische Darstellung der gemeinsamen Verkostung von Vergorenem. Alkohol war wohl nicht der Hauptgrund für das Enstehen komplexer Gesellschaften.

Die kulturübergreifenden Daten zeigten ein Muster, dem zufolge Alkohol möglicherweise mit politischer Komplexität verknüpft ist, wie das auch in der Drunk Hypothesis beschrieben wird. Beispielsweise könnten politische Eliten Alkohol als Mittel eingesetzt haben, um Arbeitskräfte zu mobilisieren, Allianzen zu schmieden sowie Macht und Autorität zu erlangen und zu festigen. "Andererseits deutet das relativ schwache Signal darauf hin, dass Alkoholkonsum wahrscheinlich nicht der Hauptgrund für die Entstehung komplexer Gesellschaften war", resümiert Hrnčíř. ...(red, tasch)

Originaluntersucng: Humanities & Social Sciences Communications: "Did alcohol facilitate the evolution of complex societies?" 


Nota. - Die eigentlich interessante Frage ist, ob festliche und kultische Versamm-lungen eine erhebliche Rolle beim Übergang vom Nomadenleben zur Sesshaftgkeit gespielt haben - bei denen allerdings Alkohol kunsumiert wurde - in leichter Kon-zentration, denn an scharfe Sachen waren sie ja nicht gewöhnt; man muss nur genü-gend davon trinken. Die Untersuchungen in Göbekli Tepe weisen deutlich darauf hin.
JE 

 

Mittwoch, 22. Oktober 2025

Stadtbild.

Sonnenallee                  zu öffentliche Angelegenheiten 

Ich bin einsfünfundachtzig, habe breite Schultern und einen weißen Bart. So einen wählt mann nicht leicht als Opfer, Angst muss ich auch in Innenstädten nicht ha-ben. Aber wenn ich auf dem U-Bahnsteig eine Gruppe von Südländern durchque-ren muss, zieh ich den Bauch ein, strecke die Brust raus und zieh die Schultern hoch; nicht immer, aber doch ab und zu. 

Wenn ich in der U-Bahn eine Gruppe Halbstarker arisch-deutschen Erscheinungs-bilds durchqueren muss, gehts mir ähnlich. Aber das geschieht heute viel seltener als früher. 

Und wenn ich die Gegend meiner Jugend besuche - Berlin-Neukölln, Sonnenallee -, komme ich mir fremd vor.

Meine Wahlentscheidung hat das noch nie beeinflusst, aber wohl die Wahlentschei-dung anderer Leute, die keine einsfünfundachtzig messen und schmalbrüstig sind.

 

 

Kein Dealer, sondern ein Zocker.

                                       zu öffentliche Angelegenheiten 

Es wurde vermutet, er spiele mit Absicht den Unberechenbaren oder gar Verrück-ten, um den Rest der Welt zu verwirren. Aber so einen kann keine Konfliktpartei als ehrlichem Makler über den Weg trauen. Er sät weltweit Misstrauen, und weil keiner ihm mehr glaubt, ist seine pp. Weltpolitik bloß noch Zockerei. 

Dass er selber den Überblick verliert, macht ihn aber nicht ungefährlicher, im Ge-genteil. Innenpolitisch hat er einen Deal nie gesucht. Wenigstens unberechenbar ist er da nicht. Dieses ist so furchterregend wie jenes.

Warum die Männchen früher sterben.

Lions mating, Masai Mara National Reserve, Kenya
 aus welt.de, 5. 10. 2025                                                                                                        zu Männlich
 
Der Kampf ums Weibchen kostet die Männchen nachweislich Lebenszeit
Der Kampf um das Weibchen verkürzt das Leben: Eine neue Studie erklärt, warum Männchen vieler Säugetiere früher sterben – und was das mit Genen, Paarung und Fürsorge zu tun hat.

Unter anderem der Wettbewerb um die Weibchen führt bei männlichen Säugetieren zu einer geringeren Lebenserwartung im Vergleich zu ihren weiblichen Artgenossen. Das fand ein internationales Forscherteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig heraus, wie die Max-Planck-Gesellschaft in München mitteilte.

Durch sexuelle Selektion entwickeln den Forschern zufolge vor allem die Männchen auffällige Merkmale wie etwa farbenprächtiges Gefieder, Waffen oder eine große Körpergröße. Diese steigern zwar den Fortpflanzungserfolg, können aber die Lebensdauer verkürzen. So sterben vor allem bei polygamen Säugetieren mit starkem Wettbewerb die Männchen in der Regel früher. Viele Vögel hingegen sind monogam, wodurch der Konkurrenzdruck geringer ist und die Männchen oft länger leben.

Auch elterliche Fürsorge spielt der Studie zufolge eine Rolle. So fanden die Forscher Hinweise darauf, dass das Geschlecht, das stärker in die Aufzucht der Nachkommen investiert, tendenziell länger lebt. Bei langlebigen Arten wie etwa Primaten dürfte hier ein Selektionsvorteil wirken, erklärten die Forscher. Hier überleben die Weibchen so lange, bis die Nachkommen selbstständig oder geschlechtsreif sind.

Auch eine genetische Erklärung lieferten die Forscher. Bei Säugetieren haben Weibchen zwei X-Chromosomen, während Männchen ein X- und ein Y-Chromosom besitzen. Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass zwei X-Chromosomen die Weibchen vor schädlichen Mutationen schützen und ihnen somit einen Überlebensvorteil verschaffen. Bei Vögeln ist das System umgekehrt – hier sind die Weibchen das sogenannte heterogametische Geschlecht.

Bei der Untersuchung von Datensätzen zu mehr als 1176 Vogel- und Säugetierarten in Zoos weltweit stellten die Forscher fest, dass bei 72 Prozent der Säugetiere die Weibchen länger leben. Bei 68 Prozent der Vogelarten lebten hingegen die Männchen länger.

Die Studie mache deutlich, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Lebenserwartung tief in evolutionären Prozessen verwurzelt sind, hieß es von der Max-Planck-Gesellschaft. „Sie entstehen wahrscheinlich durch ein Zusammenspiel von genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen und wurden durch Selektionsdrücke geprägt, um Paarungspartner und das Überleben der Nachkommen zu sichern.“

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien also „nicht nur ein Produkt der Umwelt, sondern Teil unserer evolutionären Geschichte“, hieß es weiter. Sie würden „sehr wahrscheinlich auch in Zukunft bestehen bleiben“.

dpa/ott

Dienstag, 21. Oktober 2025

Ist Geschmack ein Thema, über das man reden kann, oder wird er erst dazu, weil man drüber redet?

Buchcover "Wie es Euch gefällt" Ulrich Raulff/Verlag C.H.Beck GmbH & Co. KG 
aus welt.de, 21. 10. 2025                     Stilikone, wie sie Vivian Maier fotografierte                          zu Geschmackssachen
 
Mehr als Konsum
Wie man guten Geschmack vorlebt – und definiert
Ist Geschmack die beste Erfindung, die Europa in den letzten drei Jahrhunderten hervorgebracht hat? Ja, glaubt der Historiker Ulrich Raulff. In seinem Buch „Wie es euch gefällt“ zeigt er, wie man zum „Tastemaker“ wird.

Von Eckart Goebel 

Was Geist ist, meint Adorno, wird klar, sobald man mit geistlosen Leuten zu tun hat. Ähnlich der Geschmack. Die unwiderstehliche Macht des Geschmacks zeigt sich, sobald man mit Geschmacklosigkeit konfrontiert wird. Geist oder Geschmack: Wer über diese sphärischen Dinge schreibt, exponiert sich als einer, der beansprucht, souverän darüber zu verfügen, selbst geist- bzw. geschmackvoll zu sein. Wer dieses Risiko meistert, hat ein glanzvolles Buch geschrieben. Das ist Ulrich Raulff gelungen, dessen Geschichte des Geschmacks sich liest, als sei sie aus einem urbanen Französisch übertragen. Dass die Würdigung von Roland Barthes’ Theorie der Nuance am Ende steht, ist schlüssig.

Es sind mindestens vier kluge Entscheidungen, die neben der aphorismengesättigten Prosa die Gelungenheit des Buches sichern: Raulff widersteht erstens der Versuchung, eine Verfallsgeschichte zu schreiben. Wer sich nach Corona durch die Fifth Avenue quetscht, wird keineswegs Givenchy-Ladies erblicken, die mit Audrey Hepburn mithalten könnten, deren Epiphanie zu Beginn von „Frühstück bei Tiffany“ das Buch als Ikone guten Geschmacks eröffnet. Es gibt vielmehr Grausiges zu sehen, prall gefüllte Leggings, vom Gesäß rutschende Jogginghosen – Midtown als gigantisches Homeoffice und Amüsiermeile; der Schlips wurde atavistisches Alleinstellungsmerkmal, Camp zur entfesselten Schlamperei. Church’s gibt’s nicht, nur Flipflops an schrundigen Extremitäten. Auf die Einladung zur Weltklage antwortet Raulff gelassen mit Shakespeares Komödie: Wie es euch gefällt.

Raulff bietet eine „flache“ Theorie des Geschmacks, entwickelt aus der Unterscheidung zwischen Mögen und nicht-Mögen. Er richtet nicht, er flaniert von Winckelmann zu Vivienne Westwood, von der Pompadour zu Punk, vom Palais Royal zu den Sex Pistols, von Watteau zu Tracy Emins skandalöser Installation „My Bed (My Bad)“: „Kunst kennt keinen Tatortreiniger.“ Gefallen und Missfallen: Raulff zeichnet eine feine Phänomenologie der durch sublimierte Kindheitserfahrungen geprägten Grundimpulse. Ein heute 60-Jähriger mag Vintage-Teakmöbel auch, weil er 1970 als Kleinkind darunter mit Matchbox-Autos spielte.

+honorarpflichtig+++ July 26, 2025, United States: A woman stirs a drink on a plane in the style of William Eggleston s Untitled United States - ZUMAs197 20250726_aaa_s197_110 Copyright: xJenxGolbeckx
Stilvoll an Bord – nach einem Bildmotiv des Künstlers William Eggleston

Der sinnliche Ansatz materialästhetischer Studien – Geschmack ist Zungengeschmack, Schaulust, Tastwunsch – bestimmt den Parcours durch die Theoriedebatten, der, und das ist die zweite Maßnahme, nie staubig gerät: Winckelmann lehrt, dass wir uns nackt mit flüssigem Gips übergießen müssen, um einen Marmorgott zu verstehen, Burke entwickelt seine Ästhetik als sexuell geladener 23-Jähriger, der greise Diderot vermisst seinen alten Hausrock, fühlt sich in dem geschmackvoll neuen, den ihm eine adlige Verehrerin schenkt, wie eine Kleiderpuppe, Kant exorziert die Verführungen des platonischen Symposions, indem er nur zum Abendessen einlädt und den Einbruch des schönen Alkibiades durch Lampes Dienste ersetzt.

Bei Raulff bleibt präsent, dass Geschmack Sehnsucht ist: „Geschmack liebt die Materie und ist doch von anderer Natur; er ist liminaler Art“, Grenzgänger zwischen Seele und Leib, instabil, anfällig für die allmächtige Trias von Markt, Geschäft und Geld, Shopping-Trigger und Stimulanz sensitiver Philosophien, Figur des Verlangens und „Streithammel der Ideengeschichte“, der die Kritik als Genre mitproduziert, weil sich endlos zanken lässt, sinnlos und sinnvoll zugleich.

Wie kommt es, und die Antwort bildet die dritte Linie des Buches, zu Verdichtungen des Geschmacks, zu Trends und Stilen, wie entstehen die Tastemaker von Addison über Wedgwood bis Jacqueline Kennedy? Eine der Antworten, die Raulff gibt, besteht in der evolutionstheoretischen Deutung des transkulturellen Copy-and-paste: Materialien, Formen, Ornamente finden aus Fernost nach Europa, werden imitiert. Es kommt zu Mutationen, auch durch Fehler. Neues entsteht, das auf die Ursprungsländer zurückwirkt. An Schnittstellen komplexer Transfergeschichten stehen zuweilen Individuen wie Thomas Jefferson, der – als Architekt passionierter denn als Politiker – den Klassizismus in die Neue Welt transferiert und den antiken Tempel zum Plenarsaal umfunktioniert.

Die Spannung zwischen Shaftesbury und Shopping, Verlangen und Fragonard ernüchtert dieses Buch. Denn, und darin besteht die vierte Kardinalmaßnahme des Historikers, Raulff zelebriert seine Geschmacksgeschichte nicht als Ideengeschichte, sondern erdet sie kühl im Sinne des material turn, beschreibt Geschmack als Effekt auch harter Wirtschaftsinteressen und politischer Krisen, von der Sattelzeit zur Sesselzeit: Die alten Meister gelangen nach England, weil die französischen Adligen sie nach der Revolution von 1789 dorthin verkaufen müssen, die Farbexplosion des 19. Jahrhunderts ist Produkt moderner Chemie mit ihren Anilinfarben, England fördert in Konkurrenz mit Frankreich massiv Arts and Crafts, etabliert sich als dominierende Geschmacksnation auf der Londoner Weltausstellung von 1851.

Buchcover "Wie es Euch gefällt" Ulrich Raulff/Verlag C.H.Beck GmbH & Co. KG

Eine Geschichte des Geschmacks ist auch eine Geschichte der Gewalt, wie sich exemplarisch am Kapitel über die englischen Blumengärten zeigt, deren üppiger Bestand ein Archiv der vom Empire unterworfenen Länder des Globus bildet. Die bis heute erfolgreichen floralen Ornamente der Designs von William Morris sind auch Ausdruck eines „ästhetischen Imperialismus“. Gewaltgesättigte Transnationalität gilt selbst für deutsche Bauerngärten: Dahlien kommen aus Mexiko, Sonnenblumen aus Nordamerika, Fuchsien von Tahiti, Geranien aus dem südlichen Afrika.

Geschmack ist wohl „eine der besten Ideen, die die Europäer in den letzten drei Jahrhunderten gehabt“ haben. Ihren Umriss zeichnet Raulff im Lichte von Max Ernsts Kunstwerk „Europa nach dem Regen“ faszinierend nach, ohne ihren Schatten zu tilgen.

 

Nota. - Ein Buch, über das einer eine solche Rezension schreiben konnte, kann nichts taugen. Mich verleitet sie nicht, es zu lesen. Viel Geplauder, doch an Gedan-ken ist beim Rezensenten nix hängen geblieben. Fand er keine? 

Dass Geschmack eine europäische Erfindung ist, wäre mir als ein solcher aufgefal-len, und was der Verfasser daraus gemacht hat, hätte ich zu berichten mir nicht verkneifen können. Die Probe wäre allerdings gewesen die Erörterung, wieso der entscheidende Moment die Wende zum 18. Jahrhundert gewesen sein soll - darüber müsste und könnte man reden. Da gehts ums Material, aber das muss man zeigen und nicht bloß davon reden.

Will sagen, beim Geschmack gehts schon auch noch ums Was und nicht bloß um ein Wie. 
JE 

Hell und laut.

 geo      zu öffentliche Angelegenheiten 

Eine Plattitüde hört nicht auf, eine zu sein, nur weil sie gekreischt wird.

 

Blog-Archiv

Wittgenstein - der Philosoph, der sich selbst widersprach.

  aus derStandard.at,  29. August 2026                 Ludwig Wittgenstein, um 1930                            zu   Philosophierungen ...