"...Solche
Muster macht nur der Mensch, man bringt sie mit hohen intellektuellen
Fähigkeiten in Verbindung, denen der Abstraktion und des Denkens in
Symbolen. ..."
Nota. -Gerade
weil es so rudimentär ist, darf man es gewisser Kunst nennen als die
Höhlenmalerei von Lascaux. Jene diente kultischen Zwecken, der
Beschwörung des Jagdglücks vermutlich; dies Muster jedoch diente keinem
ersichtlichen Zweck, es ist nur der Schönheit halber da: ästhetische Kunst,
wie sie im Westen erst im 19. Jahr-hundert wieder aufkam. Dass es erst
noch vereinzelt auftrat, macht die Sache nur plausibler. Es beleuchtet im übrigen meine Lieblingsthese, wonach 'der Geist' des Menschen - entstanden als ein Ersatzfür die verlorenen Selbstverständlichkeiten seiner verlasse-nen Urwaldnische - selber ein 'ästhetisches',poietisches Vermögen ist, das erst im Verlauf der Geschichte, namentlich unserer Geschichte seit der Sesshaftwerdung und der Erfindung des Ackerbaus, in einen ökonomischen und einen in specie äs-thetischen
'Anteil' aufgespalten wurde; indem die ökonomische Seite ein
Jahrzehn-tausend lang die andere Seite überwuchert und verdeckt hat.
Also aufgetreten wären sie, den javanesischen Funden zufolge, gemeinsam. Dass sich das Vermögen zu nützlicher Arbeit abgespalten und verselbständigt hat, ist nun kein Wunder: Technische Neuerungen lassen sich, anders als ästhetische, akkumu-lieren, es kommt die Vorstellung von einem Fortschritt auf und die dazugehörige Idee der Vollkommenheit; welch letztere dem Fortschritt eine ästhetische Aura mit-teilt. Für eine Spekulation aufgrund eines einzigen archäologischen Dokuments läuft das ein bisschen zu rund,
das gebe ich zu. Aber der Fund passt immerhin in mein Sche-ma, in ein
anderes passte er weniger gut - soviel werde ich doch wohl sagen dürfen. JE,4. 12. 15
aus derStandard.at, 18.7.2025Modell
von Bierbrauern (links), Bäckern und Fleischhauern, das vor rund 5000
Jahren im alten Ägypten angefertigt wurde. zuöffentliche Angelegenheiten
Förderte Alkoholkonsum die Entstehung komplexer Gesellschaften?
Die "Drunk
Hypothesis" besagt, dass Trunkenheit in Hochkulturen eine wesentliche
Funktion hatte und deren Existenz stützte. Nun wurde die Vermutung
empirisch überprüft
Menschen tun es seit Menschengedenken – und noch länger: sich mit
alkoholischen Getränken berauschen. Dass der Ursprung des Alkoholkonsums
evolutionär noch weiter zurückgeht, legen zahlreiche Tierarten nahe,
die sich ebenfalls an Vergorenem laben und auf diese Weise
Rauschzustände hervorrufen.
Eine besondere Rolle scheint Alkohol aber ab den ersten Hochkulturen
zu spielen. Historische Aufzeichnungen vom alten Mesopotamien und
Ägypten über das antike Griechenland und China bis hin zu den Maya- und
Inka-Reichen weisen dem Bier und anderen fermentierten Getränken
wichtige religiöse, wirtschaftliche und politische Bedeutungen zu. Bier
wurde den Göttern als Opfergabe dargebracht, um Wohlstand zu sichern.
Außerdem diente es als Bezahlung für Arbeiter bei großen Bauprojekten.
Schließlich wurde es von den herrschenden Eliten bei Festen und
Feierlichkeiten ausgeschenkt, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern
und hierarchische Strukturen zu festigen. Im berühmten sumerischen
Gilgamesch-Epos erhält der animalische Enkidu Bier, um ein zivilisierter
Mensch zu werden.
Die Drunk Hypothesis ...
Der kanadisch-amerikanische Sinologe, Philosoph und Religionswissenschafter Edward Slingerland
(University of British Columbia in Vancouver) hat darüber vor vier
Jahren ein ganzes populärwissenschaftliches Buch veröffentlicht, das die
sogenannte Drunk Hypothesis oder "Trunkenheitshypothese" belegen soll.
In seinem Bestseller Drunk: How we sipped, danced and stumbled our way to civilization,
der freilich noch nicht ins Deutsche übersetzt ist, argumentiert
Slingerland, dass unser Verlangen nach dem Rausch kein Fehler der
Evolution ist.
Michelangelos Darstellung des besoffenen Noah in der Sixtinischen
Kapelle.
Vielmehr habe der Alkoholkonsum aus historischer Perspektive
kulturelle Vorteile mit sich gebracht haben, die schädliche
gesundheitliche und soziale Folgen aufgewogen hätten. Oder anders
formuliert: Menschen seien nicht nur dazu geschaffen, sich zu berauschen
– sich zu berauschen habe den Menschen geholfen, Zivilisationen
aufzubauen.
"Die Drunk Hypothesis ist wirklich faszinierend, wurde aber bisher
noch nicht quantitativ kulturübergreifend überprüft", sagt der
Anthropologe Václav Hrnčíř (Max-Planck-Institut für evolutionäre
Anthropologie in Leipzig). "Das liegt daran, dass archäologische Funde
im Zusammenhang mit Alkohol sehr spärlich sind und schriftliche Quellen
nur aus bereits komplexen und hierarchischen Gesellschaften stammen."
... und ihre empirische Prüfung
Um diese Lücke zu schließen,
hat er eine empirische kulturübergreifende Studie initiiert und mit
einem kleinen Team durchgeführt. Sie sammelten dafür Daten zum Konsum
traditioneller fermentierter Getränke aus einer globalen Stichprobe von
186 ethnografisch dokumentierten Gesellschaften mit unterschiedlich
hohen Graden an politischer Komplexität. Zusätzliche Variablen erhielten
die Forschenden aus der globalen Datenbank für Orte, Sprachen, Kulturen
und Umwelt (D-PLACE), die in der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution kuratiert wird.
"Um den Zusammenhang zwischen Alkohol und kultureller Komplexität zu
verstehen, haben wir statistische Modelle verwendet, die verschiedene
mögliche Erklärungen für die Geschehnisse berücksichtigen", erklärt sagt
Ko-Autorin Angela Chira in einer Presseaussendung der Max-Planck-Gesellschaft:
"Diese kausalen Methoden halfen uns im Wesentlichen dabei, die Rolle
des Alkohols von anderen Schlüsselfaktoren zu trennen, die politische
Strukturen beeinflussen könnten, wie beispielsweise die Ausprägung der
Landwirtschaft und die Nutzung von Umweltressourcen."
Eher nur geringer Effekt
In ihrer Analyse, die am Montag im Fachblatt Humanities & Social Sciences Communications
erschien, fanden die Forschenden einen positiven Zusammenhang zwischen
der Verfügbarkeit fermentierter Getränke und einem höheren Maß an
politischer Komplexität. Allerdings war der Effekt nach Berücksichtigung
möglicher Einflussfaktoren, insbesondere der Landwirtschaft, nur
gering.
Bescheidenere künstlerische Darstellung der gemeinsamen Verkostung
von Vergorenem. Alkohol war wohl nicht der Hauptgrund für das Enstehen
komplexer Gesellschaften.
Die kulturübergreifenden Daten zeigten ein Muster, dem zufolge
Alkohol möglicherweise mit politischer Komplexität verknüpft ist, wie
das auch in der Drunk Hypothesis beschrieben wird. Beispielsweise
könnten politische Eliten Alkohol als Mittel eingesetzt haben, um
Arbeitskräfte zu mobilisieren, Allianzen zu schmieden sowie Macht und
Autorität zu erlangen und zu festigen. "Andererseits deutet das relativ
schwache Signal darauf hin, dass Alkoholkonsum wahrscheinlich nicht der
Hauptgrund für die Entstehung komplexer Gesellschaften war", resümiert
Hrnčíř. ...(red, tasch)
Nota. -Die eigentlich interessante Frage ist, ob festliche und kultische Versamm-lungen eine erhebliche Rolle beim Übergang vom Nomadenleben zur Sesshaftgkeit gespielt haben - bei denen allerdings Alkohol kunsumiert wurde - in leichter Kon-zentration, denn an scharfe Sachen waren sie ja nicht gewöhnt; man muss nur genü-gend davon trinken. Die Untersuchungen in Göbekli Tepe weisen deutlich darauf hin. JE
Ich bin einsfünfundachtzig, habe breite Schultern und einen weißen Bart. So einen wählt mann nicht leicht als Opfer, Angst muss ich auch in Innenstädten nicht ha-ben. Aber wenn ich auf dem U-Bahnsteig eine Gruppe von Südländern durchque-ren muss, zieh ich den Bauch ein, strecke die Brust raus und zieh die Schultern hoch; nicht immer, aber doch ab und zu.
Wenn ich in der U-Bahn eine Gruppe Halbstarker arisch-deutschen Erscheinungs-bilds durchqueren muss, gehts mir ähnlich. Aber das geschieht heute viel seltener als früher.
Und wenn ich die Gegend meiner Jugend besuche - Berlin-Neukölln, Sonnenallee -, komme ich mir fremd vor.
MeineWahlentscheidung hat das noch nie beeinflusst, aber wohl die Wahlentschei-dung anderer Leute, die keine einsfünfundachtzig messen und schmalbrüstig sind.
Es wurde vermutet, er spiele mit Absicht den Unberechenbaren oder gar Verrück-ten, um den Rest der Welt zu verwirren. Aber so einen kann keine Konfliktpartei als ehrlichem Makler über den Weg trauen. Er sät weltweit Misstrauen, und weil keiner ihm mehr glaubt, ist seine pp. Weltpolitik bloß noch Zockerei.
Dass er selber den Überblick verliert, macht ihn aber nicht ungefährlicher, im Ge-genteil. Innenpolitisch hat er einen Deal nie gesucht. Wenigstens unberechenbar ist er da nicht. Dieses ist so furchterregend wie jenes.
Der Kampf ums Weibchen kostet die Männchen nachweislich Lebenszeit
Der
Kampf um das Weibchen verkürzt das Leben: Eine neue Studie erklärt,
warum Männchen vieler Säugetiere früher sterben – und was das mit Genen,
Paarung und Fürsorge zu tun hat.
Unter
anderem der Wettbewerb um die Weibchen führt bei männlichen Säugetieren
zu einer geringeren Lebenserwartung im Vergleich zu ihren weiblichen
Artgenossen. Das fand ein internationales Forscherteam unter Leitung des
Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig heraus,
wie die Max-Planck-Gesellschaft in München mitteilte.
Durch
sexuelle Selektion entwickeln den Forschern zufolge vor allem die
Männchen auffällige Merkmale wie etwa farbenprächtiges Gefieder, Waffen
oder eine große Körpergröße. Diese steigern zwar den
Fortpflanzungserfolg, können aber die Lebensdauer verkürzen. So sterben
vor allem bei polygamen Säugetieren mit starkem Wettbewerb die Männchen
in der Regel früher. Viele Vögel hingegen sind monogam, wodurch der
Konkurrenzdruck geringer ist und die Männchen oft länger leben.
Auch
elterliche Fürsorge spielt der Studie zufolge eine Rolle. So fanden die
Forscher Hinweise darauf, dass das Geschlecht, das stärker in die
Aufzucht der Nachkommen investiert, tendenziell länger lebt. Bei
langlebigen Arten wie etwa Primaten dürfte hier ein Selektionsvorteil
wirken, erklärten die Forscher. Hier überleben die Weibchen so lange,
bis die Nachkommen selbstständig oder geschlechtsreif sind.
Auch
eine genetische Erklärung lieferten die Forscher. Bei Säugetieren haben
Weibchen zwei X-Chromosomen, während Männchen ein X- und ein
Y-Chromosom besitzen. Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin,
dass zwei X-Chromosomen die Weibchen vor schädlichen Mutationen schützen
und ihnen somit einen Überlebensvorteil verschaffen. Bei Vögeln ist das
System umgekehrt – hier sind die Weibchen das sogenannte
heterogametische Geschlecht.
Bei
der Untersuchung von Datensätzen zu mehr als 1176 Vogel- und
Säugetierarten in Zoos weltweit stellten die Forscher fest, dass bei 72
Prozent der Säugetiere die Weibchen länger leben. Bei 68 Prozent der
Vogelarten lebten hingegen die Männchen länger.
Die
Studie mache deutlich, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der
Lebenserwartung tief in evolutionären Prozessen verwurzelt sind, hieß es
von der Max-Planck-Gesellschaft. „Sie entstehen wahrscheinlich durch
ein Zusammenspiel von genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen und
wurden durch Selektionsdrücke geprägt, um Paarungspartner und das
Überleben der Nachkommen zu sichern.“
Die
Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien also „nicht nur ein
Produkt der Umwelt, sondern Teil unserer evolutionären Geschichte“, hieß
es weiter. Sie würden „sehr wahrscheinlich auch in Zukunft bestehen
bleiben“.
aus welt.de, 21. 10. 2025Stilikone, wie sie Vivian Maier fotografierte zuGeschmackssachen
Mehr als Konsum
Wie man guten Geschmack vorlebt – und definiert
Ist
Geschmack die beste Erfindung, die Europa in den letzten drei
Jahrhunderten hervorgebracht hat? Ja, glaubt der Historiker Ulrich
Raulff. In seinem Buch „Wie es euch gefällt“ zeigt er, wie man zum
„Tastemaker“ wird.
Von Eckart Goebel
Was
Geist ist, meint Adorno, wird klar, sobald man mit geistlosen Leuten zu
tun hat. Ähnlich der Geschmack. Die unwiderstehliche Macht des
Geschmacks zeigt sich, sobald man mit Geschmacklosigkeit konfrontiert
wird. Geist oder Geschmack: Wer über diese sphärischen Dinge schreibt,
exponiert sich als einer, der beansprucht, souverän darüber zu verfügen,
selbst geist- bzw. geschmackvoll zu sein. Wer dieses Risiko meistert,
hat ein glanzvolles Buch geschrieben. Das ist Ulrich Raulff gelungen,
dessen Geschichte des Geschmacks sich liest, als sei sie aus einem
urbanen Französisch übertragen. Dass die Würdigung von Roland Barthes’
Theorie der Nuance am Ende steht, ist schlüssig.
Es
sind mindestens vier kluge Entscheidungen, die neben der
aphorismengesättigten Prosa die Gelungenheit des Buches sichern: Raulff
widersteht erstens der Versuchung, eine Verfallsgeschichte zu schreiben.
Wer sich nach Corona durch die Fifth Avenue quetscht, wird keineswegs
Givenchy-Ladies erblicken, die mit Audrey Hepburn mithalten könnten,
deren Epiphanie zu Beginn von „Frühstück bei Tiffany“ das Buch als Ikone
guten Geschmacks eröffnet. Es gibt vielmehr Grausiges zu sehen, prall
gefüllte Leggings, vom Gesäß rutschende Jogginghosen – Midtown als
gigantisches Homeoffice und Amüsiermeile; der Schlips wurde
atavistisches Alleinstellungsmerkmal, Camp zur entfesselten Schlamperei.
Church’s gibt’s nicht, nur Flipflops an schrundigen Extremitäten. Auf
die Einladung zur Weltklage antwortet Raulff gelassen mit Shakespeares
Komödie: Wie es euch gefällt.
Raulff
bietet eine „flache“ Theorie des Geschmacks, entwickelt aus der
Unterscheidung zwischen Mögen und nicht-Mögen. Er richtet nicht, er
flaniert von Winckelmann zu Vivienne Westwood, von der Pompadour zu
Punk, vom Palais Royal zu den Sex Pistols, von Watteau zu Tracy Emins
skandalöser Installation „My Bed (My Bad)“: „Kunst kennt keinen
Tatortreiniger.“ Gefallen und Missfallen: Raulff zeichnet eine feine
Phänomenologie der durch sublimierte Kindheitserfahrungen geprägten
Grundimpulse. Ein heute 60-Jähriger mag Vintage-Teakmöbel auch, weil er
1970 als Kleinkind darunter mit Matchbox-Autos spielte.
Stilvoll an Bord – nach einem Bildmotiv des Künstlers William Eggleston
Der
sinnliche Ansatz materialästhetischer Studien – Geschmack ist
Zungengeschmack, Schaulust, Tastwunsch – bestimmt den Parcours durch die
Theoriedebatten, der, und das ist die zweite Maßnahme, nie staubig
gerät: Winckelmann lehrt, dass wir uns nackt mit flüssigem Gips
übergießen müssen, um einen Marmorgott zu verstehen, Burke entwickelt
seine Ästhetik als sexuell geladener 23-Jähriger, der greise Diderot
vermisst seinen alten Hausrock, fühlt sich in dem geschmackvoll neuen,
den ihm eine adlige Verehrerin schenkt, wie eine Kleiderpuppe, Kant
exorziert die Verführungen des platonischen Symposions, indem er nur
zum Abendessen einlädt und den Einbruch des schönen Alkibiades durch
Lampes Dienste ersetzt.
Bei
Raulff bleibt präsent, dass Geschmack Sehnsucht ist: „Geschmack liebt
die Materie und ist doch von anderer Natur; er ist liminaler Art“,
Grenzgänger zwischen Seele und Leib, instabil, anfällig für die
allmächtige Trias von Markt, Geschäft und Geld, Shopping-Trigger und
Stimulanz sensitiver Philosophien, Figur des Verlangens und
„Streithammel der Ideengeschichte“, der die Kritik als Genre
mitproduziert, weil sich endlos zanken lässt, sinnlos und sinnvoll
zugleich.
Wie
kommt es, und die Antwort bildet die dritte Linie des Buches, zu
Verdichtungen des Geschmacks, zu Trends und Stilen, wie entstehen die
Tastemaker von Addison über Wedgwood bis Jacqueline Kennedy? Eine der
Antworten, die Raulff gibt, besteht in der evolutionstheoretischen
Deutung des transkulturellen Copy-and-paste: Materialien, Formen,
Ornamente finden aus Fernost nach Europa, werden imitiert. Es kommt zu
Mutationen, auch durch Fehler. Neues entsteht, das auf die
Ursprungsländer zurückwirkt. An Schnittstellen komplexer
Transfergeschichten stehen zuweilen Individuen wie Thomas Jefferson, der
– als Architekt passionierter denn als Politiker – den Klassizismus in
die Neue Welt transferiert und den antiken Tempel zum Plenarsaal
umfunktioniert.
Die
Spannung zwischen Shaftesbury und Shopping, Verlangen und Fragonard
ernüchtert dieses Buch. Denn, und darin besteht die vierte
Kardinalmaßnahme des Historikers, Raulff zelebriert seine
Geschmacksgeschichte nicht als Ideengeschichte, sondern erdet sie kühl
im Sinne des material turn, beschreibt Geschmack als Effekt
auch harter Wirtschaftsinteressen und politischer Krisen, von der
Sattelzeit zur Sesselzeit: Die alten Meister gelangen nach England, weil
die französischen Adligen sie nach der Revolution von 1789 dorthin
verkaufen müssen, die Farbexplosion des 19. Jahrhunderts ist Produkt
moderner Chemie mit ihren Anilinfarben, England fördert in Konkurrenz
mit Frankreich massiv Arts and Crafts, etabliert sich als dominierende Geschmacksnation auf der Londoner Weltausstellung von 1851.
Eine
Geschichte des Geschmacks ist auch eine Geschichte der Gewalt, wie sich
exemplarisch am Kapitel über die englischen Blumengärten zeigt, deren
üppiger Bestand ein Archiv der vom Empire unterworfenen Länder des
Globus bildet. Die bis heute erfolgreichen floralen Ornamente der
Designs von William Morris sind auch Ausdruck eines „ästhetischen
Imperialismus“. Gewaltgesättigte Transnationalität gilt selbst für
deutsche Bauerngärten: Dahlien kommen aus Mexiko, Sonnenblumen aus
Nordamerika, Fuchsien von Tahiti, Geranien aus dem südlichen Afrika.
Geschmack
ist wohl „eine der besten Ideen, die die Europäer in den letzten drei
Jahrhunderten gehabt“ haben. Ihren Umriss zeichnet Raulff im Lichte von
Max Ernsts Kunstwerk „Europa nach dem Regen“ faszinierend nach, ohne
ihren Schatten zu tilgen.
Nota. -Ein Buch, über das einer eine solche Rezension schreiben konnte, kann nichts taugen.Mich
verleitet sie nicht, es zu lesen. Viel Geplauder, doch an Gedan-ken ist
beim Rezensenten nix hängen geblieben. Fand er keine?
Dass Geschmack eine europäische Erfindung ist, wäre mir als ein solcher aufgefal-len, und was der Verfasser daraus gemacht hat, hätte ich zu berichten mir nicht verkneifen können. Die Probe wäre allerdings gewesen die Erörterung, wieso der entscheidende Moment die Wende zum 18. Jahrhundert gewesen sein soll - darüber müsste und könnte man reden. Da gehts ums Material, aber das muss man zeigen und nicht bloß davon reden.
Will sagen, beim Geschmack gehts schon auch noch ums Was und nicht bloß um ein Wie. JE