Tatsächlich beruhte der Aufstieg der Vereinigten Staaten im vorigen Jahrhundert auf der Erschöpfung aller andern. Aber das ändert nichts an der Tatsache.
Schizophrenie gehört noch immer zu den rätselhaftesten Erkrankungen der Medizin. Forscher wissen seit Jahrzehnten, dass sie erblich ist. Trotzdem gelang es bislang nur teilweise, die genetischen Ursachen zu entschlüsseln. Forscher haben nun nicht nur einzelne Gene, sondern deren Zusammenspiel im Gehirn untersucht. Dabei stießen sie auf Hunderte bislang unbekannte Kandidaten, die das Erkrankungsrisiko beeinflussen könnten.
Die Studie, die im Fachmagazin „Nature Genetics“ erschienen ist, liefert dazu einen bedeutenden Schritt nach vorn: Die Forscher identifizierten 766 Gene, die mit dem Erkrankungsrisiko verbunden sind, 641 davon waren laut den Forschern bislang unbekannt.
Der Schlüssel zum Erfolg lag in einer methodischen Erweiterung. Bisherige Analysen konzentrierten sich vor allem auf sogenannte cis-Effekte: Sie schauten, ob eine Genvariante das unmittelbar benachbarte Gen beeinflusst. Das ist der naheliegendste Mechanismus, erklärt aber nur einen Teil der genetischen Risikoarchitektur. Die Forscher berücksichtigten also auch trans-Effekte, also den Einfluss von Genvarianten auf Gene, die weit entfernt im Genom liegen.
Das klingt technisch, folgt aber einer biologischen Logik. Gene arbeiten nicht isoliert, sondern sind im Gehirn in Koexpressionsnetzwerken organisiert: Sie werden gemeinsam aktiv oder gemeinsam stillgelegt, weil sie an denselben biologischen Prozessen beteiligt sind. Eine Variante, die ein solches Netzwerk reguliert, kann damit indirekt viele Gene gleichzeitig beeinflussen. Auch solche, die weit entfernt im Genom liegen.
Um diese Fernwirkungen zu verstehen, entwickelten die Forscher zwei neue Vorhersagemodelle. Beide nutzen Genaktivitätsdaten aus sechs verschiedenen Hirnregionen von postmortem gewonnenen Spendergehirnen, darunter der präfrontale Kortex, der Hippocampus und die Amygdala.
Anschließend kombinierten sie ihre neuen Methoden mit etablierten Analysewerkzeugen und wendeten das Framework auf genetische Daten von über 100.000 Personen an, die im Rahmen des Psychiatric Genomics Consortium gesammelt worden waren.
Die kombinierte Methode konnte die Genaktivität für rund 18.700 Gene besser vorhersagen als bisherige Ansätze. In der anschließenden Suche nach Schizophrenie-assoziierten Genen konnten die Forscher 766 unabhängige Gene finden, mehr als dreimal so viele wie in früheren Analysen.
Besonders interessant ist, welche biologischen Prozesse diese Gene betreffen. Im präfrontalen Kortex, also dem Bereich des Gehirns, der für Planung, Entscheidungen und das Arbeitsgedächtnis zuständig ist, häuften sich Gene, die den Transport von AMPA-Rezeptoren regulieren. Das sind Eiweißstrukturen, die für die Signalübertragung zwischen Nervenzellen entscheidend sind.
In mehreren Hirnregionen fanden sich zudem auffällig viele Gene aus dem Bereich der Immunantwort. Das passt zu aktuellen Forschungsergebnissen, die dem Immunsystem und Entzündungsprozessen im Gehirn eine Rolle bei Schizophrenie zuschreiben.
„Diese Arbeit zeigt, dass das Schizophrenie-Risiko nicht einfach auf einzelne Gene zurückzuführen ist, die nacheinander wirken. Es geht darum, wie Netzwerke von Genen zusammenarbeiten“, wird Daniel Weinberger, Direktor des Lieber Institute for Brain Development, zitiert. „Wenn wir diese koordinierten genetischen Programme verstehen, kommen wir der Präzisionspsychiatrie näher, also Behandlungen, die auf das individuelle biologische Profil eines Patienten zugeschnitten sind.“
Doch die Studie hat Grenzen. Die Genaktivitätsdaten stammen aus Gewebeproben, die alle Zelltypen eines Hirnbereichs vermischen. Feinere Unterschiede zwischen einzelnen Nervenzelltypen bleiben dabei unerkannt. Und bei solchen Analysen gilt: Eine statistische Verbindung zwischen einem Gen und einer Erkrankung ist noch kein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang.
Dennoch markiert die Studie methodisch einen Fortschritt. Sie zeigt, dass ein erheblicher Teil der genetischen Grundlagen von Schizophrenie bislang schlicht übersehen wurde, weil die Analyseansätze zu eng gefasst waren.
Nota. - "Forscher wissen seit Jahrzehnten, dass sie erblich ist" - genauer gesagt, Forscher sind sich einig, dass die Disposition zu einer Schizophrenie auf familialem Weg weitergegeben wird. Strittig ist nach wie vor, ob es sich bei der familialen 'Vererbung' um einen physiologischen, nämlich genetischen Prozess handelt, oder um eine systemisch-kybernetische Übertragung im Rahmen einer spezifischen Familienstruktur - wobei im ersten Fall eine faktorielle Kausalität, im zweiten Fall lediglich ein Bedingungsverhältnis gegeben ist, in dem genetische Faktoren, die eine Disposition erst aktivieren könnten, nur eine unter vielen Bedingungen wären.
Obige Untersuchung geht fraglos von der Überzeugung von einer genetisch-kausalen Erblichkeit aus, ohne eine Beteiligung lebensweltlicher Zusatzbedingungen wenigstens in Frage zu stellen. Zum Beispiel, ob die besagten 'Koexpressionsnetz-werke' etwa erst durch individuelle lebensgeschichtliche Erfahrungen zusammengeführt werden... JE
Schizophrenie ist eine schwere psychische Erkrankung. Aber ihre Ursachen
und Ausprä-gungen sind erst in Teilen erforscht. Wie entsteht eine
Schizophrenie? Wie lässt sie sich behandeln? Und ist für Betroffene ein
gutes Leben möglich – trotz Symptomen, Rückfällen und gesellschaftlicher
Stigmatisierung?
Schizophrenie ist eine der am meisten missverstandenen psychischen
Erkrankun-gen. Sie wird häufig mit einer „gespaltenen Persönlichkeit“
verwechselt, bezeichnet jedoch eine Störung von Wahrnehmung, Denken und
Realitätsbezug. Wie Schizo-phrenie entsteht und wie sie behandelt werden
kann, versuchen Forschende anhand von genetischen Risikofaktoren,
Veränderungen im Gehirn und dem Einfluss von Umwelt und Lebensgeschichte
zu entschlüsseln.
Was ist Schizophrenie? Und was ist sie nicht?
Eine missverstandene Krankheit
„Das ist doch total schizophren.“ Das wird umgangssprachlich manchmal
gesagt, um etwas als widersprüchlich, inkonsequent oder absurd zu
beschreiben. Tatsäch-lich ist Schizophrenie jedoch eine schwerwiegende
psychische Erkrankung, die für Betroffene mit großem Leid verbunden ist
und ihre Lebenserwartung im Schnitt um etwa 15 Jahre verkürzt. Doch was
macht diese Erkrankung aus?
Keine „gespaltene Persönlichkeit“
Auch wenn oft so angenommen, ist Schizophrenie nicht gleichzusetzen mit mehreren Persönlichkeiten.
Viele Menschen denken zuerst an einen Menschen mit mehreren
Persönlichkeiten, eine Symptomatik, die heute als dissoziative
Identitätsstörung bekannt ist. Doch das ist eine Fehlannahme, denn bei
Schizophrenie nicht der Fall. Der Begriff Schizophrenie stammt aus dem
Griechischen und bedeutet „gespaltener Geist“. Daher ist es
nachvollziehbar, dass manche Menschen diese Erkrankung mit einer
„gespaltenen Persönlichkeit“ gleichsetzen. Das ist jedoch nicht gemeint,
sondern eine Störung im Zusammenspiel von Denken, Wahrnehmung und
Gefühlen. Schizophrenie zählt zu den psychotischen Erkrankungen und
verläuft bei den meisten Betroffenen in Schüben, also in Phasen mit
akuten Symptomen und Zeiten relativer Stabilität.
20 bis 25 Prozent der Betroffenen erleben eine psychotische Episode
und haben danach keine Beschwerden mehr. Nur ein vergleichsweiser
kleiner Anteil entwickelt einen schweren chronischen Verlauf, etwa fünf
bis zehn Prozent. Im Laufe ihres Lebens erkrankt etwa eine von 100
Personen in Deutschland an Schizophrenie. Männer sind dabei leicht
häufiger betroffen und haben ein durchschnittlich früheres
Erkrankungsalter.
Wie zeigt sich eine Schizophrenie?
Es gibt kein einzelnes Symptom, das eindeutig auf Schizophrenie
hinweist. Entsprechend unterschiedlich können auch Krankheitsverläufe
aussehen. Allgemein lässt sich aber sagen, dass betroffene Menschen in
psychotischen Episoden in einer anderen Realität leben. So denken sie
zum Beispiel, sie würden verfolgt, selbst, wenn es dafür keine
glaubwürdigen Beweise gibt. Das ist eine für Schizophrenie typische
Wahnvorstellung.
Der Verfolgungswahn zählt zu den sogenannten Positivsymptomen der
Schizophrenie – nicht, weil er „gut“ oder positiv im umgangssprachlichen
Sinn wäre, sondern weil der normalen Realität etwas hinzugefügt wird.
Deshalb werden solche Symptome auch als Plussymptome bezeichnet. Dazu gehören auch Halluzinationen,
die in jeder Sinnesform auftreten können, aber sehr häufig als Stimmen
wahrgenommen werden. Betroffene hören diese Stimmen, als wären sie
wirklich im Raum. Sie können kommentierend sein oder in seltenen Fällen
auch Befehle erteilen.
Mehr als Wahn und Stimmen
Künstlerische Darstellung von Halluzinationen.
Ebenfalls zu den Positivsymptomen der Schizophrenie zählen die
sogenannten Ich-Störungen. Dabei haben Betroffene das Gefühl, dass die
Grenze zwischen ihnen selbst und der Außenwelt verschwimmt.
Beispielsweise kann es so scheinen, als wenn ihnen Gedanken von außen
eingegeben werden oder eigene Handlungen nicht mehr als selbst gesteuert
wahrgenommen werden. Für Außenstehende sind solche Erlebnisse oft
schwer nachzuvollziehen, für die Betroffenen fühlen sie sich jedoch
vollkommen real an.
Das Gegenstück zu den Positivsymptomen sind die Negativsymptome.
Dabei geht etwas verloren, das bei gesunden Menschen normalerweise
vorhanden ist. Dazu zählen etwa Antriebslosigkeit oder die sogenannte
Affektverflachung, was bedeutet, dass Betroffene kaum noch starke
Gefühle empfinden. Das geht oft mit sozialem Rückzug einher. Die
Negativsymptomatik kann einer Depression ähneln, ist aber nicht das Gleiche.
Wie kognitive Symptome den Alltag einschränken
Zudem kognitive Beeinträchtigungen können bei einer Schizophrenie
auftreten. Das können Probleme mit der Aufmerksamkeit sein, mit der
Konzentration oder dem Lern- und Erinnerungsvermögen. Früher wurden
solche kognitiven Symptome der Schizophrenie kaum beachtet. Aktuell
gelten sie dagegen sogar als zentraler Bestandteil der Erkrankung.
Denn solche kognitiven Störungen treten oft schon in frühen
Krankheitsphasen auf und spielen deswegen bei der Früherkennung eine
große Rolle. Außerdem haben sie großen Einfluss auf das soziale und
berufliche Leben der Betroffenen. Diese Symptome können beispielsweise
auch den Therapieerfolg beeinträchtigen, da sie die
Schizophrenie-Patienten zum Beispiel daran hindern, regelmäßig
Arzttermine wahrzunehmen oder ihren Alltag zu bewältigen.
Doch für viele Betroffene bedeutet eine Schizophrenie-Diagnose nicht
zwangsläufig eine dauerhafte Einschränkung. Denn antipsychotische
Medikamente, auch Neuroleptika genannt, können die Positivsymptomatik
der Schizophrenie gut unterdrücken. Wer nur eine einzelne Episode
durchlebt oder über lange Zeit stabile Phasen hat, kann sogar ein ganz
normales Leben führen. Entscheidend sind jedoch eine frühzeitige
Behandlung, eine gute medizinische Begleitung und ein unterstützendes
soziales Umfeld. Antipsychotika, Psychotherapie und die Vermeidung von
Stress können dabei helfen, Rückfälle zu vermeiden.
Ein Erfahrungsbericht
Wie sich Verfolgungswahn anfühlt
Du bist überzeugt, dass etwas nicht stimmt. Du prüfst deine Gedanken
immer wieder, suchst nach Gegenargumenten, doch alles läuft darauf
hinaus, dass etwas Schlimmes passieren wird. Wenn du mit anderen darüber
sprichst, winken sie jedoch ab. Was du beobachtest, sei Zufall. Für
dich wirkt das unglaubwürdig. Es scheint dir wahrscheinlicher, dass
deine Mitmenschen etwas vor Dir verbergen oder Teil einer Verschwörung
sind. Denn nur das kann erklären, warum sie behaupten, es sei nichts.
Doch die Dinge, die andere zu ignorieren scheinen, fühlen sich für
dich enorm wichtig an. Stimmen, die du nicht zuordnen kannst, geben
hämische Kommentare ab, manchmal hörst du deine Nachbarn, die über dich
reden. Lieder im Radio beziehen sich scheinbar direkt auf dein Leben,
enthalten versteckte Botschaften. Manchmal sind es Drohungen, manchmal
Hinweise darauf, dass du rund um die Uhr beobachtet wirst. Prominente im
Fernsehen sprechen über dich, ohne deinen Namen zu nennen. Warum sie
nicht direkt zu dir sprechen, kannst du dir nicht erklären.
Du hast Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, weil du überzeugt
bist, dass die Menschen, die dich beobachten, dich bestrafen werden.
Einmal nimmst du allen Mut zusammen und widersetzt dich den Beobachtern.
Du gehst spazieren, ohne vorher im Fernsehen nachzuschauen, ob es
erlaubt ist. Prompt reagieren die Stimmen wütend. Im Radio laufen
Lieder, die dir drohen: „One way, or another, we’re gonna find you,
we’re gonna get you, get you, get you, get you…“ Du suchst verzweifelt
nach einer anderen Deutung, aber keine erscheint plausibel. Sie wollen
dir etwas Böses.
Doch dann, so schnell es gekommen ist, verschwindet es wieder: Die
Stimmen verstummen. Fernsehsendungen sind wieder nur Sendungen, Lieder
nur Lieder. Die Notizen, die du aufgeschrieben hast, wirken plötzlich
wie wirres Kauderwelsch. Langsam erkennst du, dass das alles nur ein
Wahn war. Die Welt interessiert sich nicht für dich, geschweige denn
will sie dir etwas antun. Endlich hast du deinen Verstand zurück. Und
doch weißt du: Wenn du ihn jemals wieder verlierst, wirst du es als
Letztes merken.
Wahnstimmung und Verfolgungswahn
Verfolgungswahn ist ein typisches Symptom der Schizophrenie.
So beschreibt ein Betroffener im Internetforum „Psychosis“ auf der
Plattform Reddit seine Erfahrung mit einer schizophrenen Psychose. Der
Text veranschaulicht typische Positivsymptome, bei denen dem subjektiven
Erleben Wahrnehmungen oder Bedeutungen hinzugefügt werden, die für
andere nicht vorhanden sind.
Für viele Betroffene beginnt eine psychotische Episode mit dem
diffusen Gefühl, das etwas „im Busch ist“. Sie können noch nicht
zuordnen, was genau nicht stimmt, bis ein vollständiger Wahn ausbricht,
in diesem Fall der Verfolgungswahn. Er ist besonders häufig und galt
lange als charakteristisch für die sogenannte paranoide Schizophrenie,
die nach der internationalen Krankheitsklassifikation ICD-10 die am
häufigsten diagnostizierte Unterform war. In der aktuellen ICD-11 wurden
diese Unterteilungen jedoch aufgegeben und zu einer einheitlichen
Schizophrenie-Diagnose zusammengeführt.
Was ebenfalls im Text deutlich wird, ist der sogenannte
Beziehungswahn. Dabei beziehen erkrankte Menschen alles auf sich,
alltägliche Dinge enthalten dann plötzlich verschlüsselte Nachrichten.
Nicht zu verwechseln ist der Beziehungswahn mit dem Liebeswahn. Dabei
denken Betroffene, eine meist höhergestellte Person wie Stars oder
Vorgesetzte wäre in sie verliebt. Manchmal werden dann Versuche
unternommen, diese Person zu kontaktieren.
Was nicht im Text vorkommt, ist der für Schizophrenie ebenfalls
häufige Beeinflussungswahn. Dabei erleben Betroffene ihre Gedanken,
Gefühle oder Handlungen als von außen gesteuert, etwa durch technische
Geräte, Strahlen oder fremde Mächte. Damit einher gehen oft sogenannte
Ich-Störungen. Sie betreffen das grundlegende Erleben des eigenen
Selbst. Gedanken fühlen sich plötzlich fremd an, als würden sie
eingegeben oder aufgezwungen. Manche Betroffene sind überzeugt, ihre
Gedanken würden nach außen dringen und von anderen mitgehört, andere
glauben, Gedanken würden ihnen entzogen oder manipuliert. Das, was
normalerweise als innerer, geschützter Raum erlebt wird, verliert seine
Abgrenzung.
Auch Schuldwahn kommt vor: Betroffene sind dann überzeugt, schwere
Schuld auf sich geladen zu haben oder für Unglücke, Krankheiten oder das
Leid anderer verantwortlich zu sein. Im Verarmungswahn besteht hingegen
die feste Überzeugung, finanziell ruiniert zu sein oder unmittelbar vor
dem sozialen Absturz zu stehen, unabhängig von der tatsächlichen
Lebenssituation. Körperbezogene Wahninhalte äußern sich etwa als
hypochondrischer Wahn, bei dem Menschen glauben, schwer krank zu sein.
Umgang mit Betroffenen
Auch wenn sich Wahninhalte unterscheiden: Gemeinsam haben sie alle,
dass die Betroffenen unerschütterlich von ihren Vorstellungen
Wahn lässt sich meist nur mit einer medikamentösen Therapie auflösen.
überzeugt sind. Mit logischen Argumenten lässt sich dies nicht
auflösen, was den Umgang mit erkrankten Menschen erschwert. Es hilft
wenig, Betroffene vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Widerspruch führt
oft eher dazu, dass sich Menschen missverstanden fühlen oder sich
zurückziehen. Sinnvoller ist es, das Leiden ernst zu nehmen, ohne die
wahnhaften Überzeugungen zu bestärken – eine schwierige Gradwanderung.
Veranlagung oder Biografie?
Wie Schizophrenie entsteht
Bisher ist erst in Teilen geklärt, welche Ursachen eine Schizophrenie
hat und warum sie bei einigen Menschen auftritt, bei anderen nicht.
Dennoch gibt es einige Faktoren, die das Risiko stark erhöhen. Auch zu
den Mechanismen, die der Schizophrenie zugrunde liegen, hat die
Forschung inzwischen einiges herausgefunden.
Starker genetischer Einfluss
Alle Betroffenen haben eine erhöhte genetische Vulnerabilität.
Was alle an Schizophrenie erkrankten Menschen gemeinsam haben, ist eine genetische Veranlagung
für die Krankheit. Studien mit Zwillingen zeigen: Rund 81 Prozent des
Erkrankungsrisikos lassen sich durch genetische Faktoren erklären.
Besonders deutlich wird das bei eineiigen Zwillingen: Erkrankt ein
Zwilling, ist das Erkrankungsrisiko für den anderen Zwilling deutlich
höher, und zwar um die 40 bis 50 Prozent. Dabei ist es egal, ob die
Zwillinge in derselben Familie oder separat aufwachsen.
Neben der genetischen Veranlagung gibt es weitere biologische
Faktoren, die das Risiko beeinflussen können. Dazu zählen etwa
Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt, Störungen des Immunsystems, Virusinfektionen
vor der Geburt oder Mangelernährung. Jeder dieser Faktoren für sich
genommen erhöht das Risiko allerdings nur leicht. Deutlich stärker fällt
dies bei belastenden Erfahrungen in der Kindheit aus. Menschen, die
Vernachlässigung oder körperliche beziehungsweise sexuelle Gewalt erlebt
haben, erkranken häufiger an Schizophrenie.
Cannabis kann das Risiko erhöhen
Cannabiskonsum kann Psychosen fördern.
Auch Cannabiskonsum gilt als Risikofaktor, vor allem bei jungen
Menschen mit psychischer Vorbelastung. Der berauschend wirkende
Cannabis-Inhaltsstoff THC kann bei anfälligen Personen den
Hirnstoffwechsel beeinflussen und so das Auftreten von Psychosen
begünstigen. Heutige Cannabisprodukte enthalten jedoch mehr THC als früher.
„Dies ist wahrscheinlich ein wesentlicher Treiber für den zunehmenden
Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Schizophrenie“, erklärt
Nicholas Fabiano von der University of Ottawa.
Neben diesen Risikofaktoren hat die Forschung eine eindeutige und
einheitliche Ursache der Schizophrenie bislang nicht gefunden. Weder ein
einzelner Auslöser noch ein bestimmter Hirnmechanismus kann die große
Bandbreite der Symptome erklären. Möglicherweise verbergen sich hinter
dem Begriff Schizophrenie sogar mehrere unterschiedliche
Krankheitsbilder, da Symptome, Schweregrad und Verlauf individuell sehr
verschieden sind.
Dopamin außer Rand und Band
Zwei wichtige Erklärungsansätze für die Entstehung der Schizophrenie
sind jedoch die Dopamin- und die Glutamathypothese. Die Dopaminhypothese
geht davon aus, dass psychotische Symptome entstehen, wenn das
Dopaminsystem im Gehirn aus dem Gleichgewicht gerät. Dopamin ist ein
zentraler Botenstoff, der an Motivation, Lernen, Belohnung und der
Bewertung von Reizen beteiligt ist. Das Dopaminsystem hilft dem Gehirn
dabei, Bedeutung zuzuweisen und zwischen relevanten und irrelevanten
Eindrücken zu unterscheiden.
Gerät dieses System aus der Balance, kann es dazu kommen, dass
eigentlich neutrale Reize als besonders bedeutsam wahrgenommen werden.
In der Forschung gilt dies als möglicher Mechanismus für die Entstehung
von Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Hinweise darauf lieferten
frühe Beobachtungen, dass Substanzen, die die Dopaminaktivität erhöhen,
psychoseähnliche Symptome auslösen können, während eine Hemmung der
Dopaminwirkung diese Symptome abschwächt.
Bei einer Psychose geraten Neurotransmitter wie Dopamin aus dem Gleichgewicht.
Warum Dopamin allein nicht alles erklärt
Allerdings stößt die Dopaminhypothese auch an ihre Grenzen. Bis heute
ist nicht bekannt, warum Medikamente, die an Dopaminrezeptoren
ansetzen, erst nach ein paar Wochen wirken, obwohl die Rezeptorbindung
bereits innerhalb von Minuten erfolgt. Zudem zeigen Studien, dass man
auch bei gesunden Menschen erhöhte Dopaminspiegel messen kann, ohne dass
diese eine Schizophrenie entwickeln. Deswegen geht man heute davon aus,
dass das Ungleichgewicht im Dopaminsystem nur einen kleinen Teil der
Ursachen für psychotische Erkrankungen ausmacht.
Die Glutamathypothese
besagt, dass eine Unterfunktion bestimmter Glutamatrezeptoren,
insbesondere des N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptors, zur Entstehung der
Schizophrenie beiträgt. Der NMDA-Rezeptor ist eine Andockstelle für den
Neurotransmitter Glutamant, die die Kommunikation zwischen Nervenzellen
ermöglicht und für Lernfähigkeit und Anpassungsfähigkeit des Gehirns
wichtig ist.
Substanzen wie Phencyclidin (PCP) oder Ketamin blockieren diesen
Rezeptor und können dadurch Symptome hervorrufen, die der Schizophrenie
ähneln. Da der NMDA-Rezeptor so wichtig für die Anpassungsfähigkeit des
Gehirns ist, könnten Störungen an ihm sowohl Positivsymptome wie
Halluzinationen oder Wahn als auch Negativsymptome wie Antriebslosigkeit
oder sozialer Rückzug erklären. Genetische Studien stützen die Annahme,
dass Veränderungen an diesem Rezeptor mit der Krankheit zusammenhängen.
Ein wichtiger Aspekt der Glutamathypothese ist, dass sie die
klassische Dopaminhypothese ergänzt. Nach aktuellen Modellen kann eine
NMDA-Rezeptor-Unterfunktion zu einer indirekten Überaktivierung des
dopaminergen Systems führen.
Warum schizophren nicht unbedingt gewalttätig bedeutet
Stigmatisierung: Die zweite Krankheit
Eine psychische Erkrankung bringt für die Betroffenen meist nicht nur
die Symptome und Einschränkungen der Krankheit selbst mit sich. Hinzu
kommt oft der Umgang mit Vorurteilen und ablehnenden Reaktionen aus dem
Umfeld. Weil viele Betroffene immer wieder Ausgrenzung, Benachteiligung
oder Ablehnung erleben, sprechen Fachleute auch von einer „zweiten
Krankheit“: der Stigmatisierung, die zusätzlich zur eigentlichen
Erkrankung belastet.
Menschen mit Schizophrenie werden in der Gesellschaft häufig als
gefährlich, unberechenbar oder wenig leistungsfähig angesehen. Oft wird
ihnen sogar eine Mitschuld an ihrer Erkrankung gegeben und viele glauben
fälschlicherweise, dass es kaum Chancen auf Besserung oder Heilung
gibt. Dabei ist die Schizophrenie eine zwar schwere, aber durchaus
behandelbare Krankheit.
Folgen von Vorurteilen im Alltag
Stigmatisierung ist ein häufiger Teil schizophrener Erkrankungen.
Für die Betroffenen haben diese Fehlannahmen schwerwiegende Folgen:
Sie erleben soziale Ausgrenzung und werden bei der Suche nach Arbeit
oder Wohnraum benachteiligt. Das ist besonders fatal, wenn die
Erkrankung bereits im jungen Erwachsenenalter beginnt und manche
Betroffene deshalb keine berufliche Ausbildung abschließen können. Auch
bei der medizinischen Behandlung kann es zu Nachteilen kommen, zum
Beispiel wenn körperliche Beschwerden nicht ernst genommen und
stattdessen allein auf die Psyche zurückgeführt werden. Die
Stigmatisierung belastet zudem das Selbstwertgefühl und schränkt die
Lebensqualität der Betroffenen deutlich ein.
Wie stark diese Ablehnung ist, zeigen Studien zur sogenannten
sozialen Distanz. Damit ist gemeint, wie bereit Menschen sind, im Alltag
Kontakt zu einer psychisch erkrankten Person zu haben – etwa als
Nachbarin, Kollegen oder Freund. Gegenüber Menschen mit Schizophrenie
ist diese Bereitschaft in Deutschland in den letzten 30 Jahren
zurückgegangen. Im Gegensatz dazu werden andere psychische Erkrankungen
wie Depressionen heute deutlich stärker akzeptiert.
Gewalt prägt das öffentliche Bild
„Spektakuläre“ Gewalttaten prägen mittlerweile das Bild der Schizophrenie in der Gesellschaft.
Einer der Gründe dafür: Vor allem einzelne Gewalttaten prägen heute
das öffentliche Bild der Schizophrenie. Ein Beispiel dafür ist die Tat
in Aschaffenburg im Januar 2025: Ein Täter griff während einer
schizophrenen Psychose eine Kita-Gruppe an. Dabei wurde ein zweijähriges
Kind tödlich verletzt, ebenso ein 41-jähriger Passant, der versuchte,
den Täter aufzuhalten. Mehrere weitere Personen erlitten schwere
Verletzungen. Aufgrund seiner Erkrankung wurde der Täter für
schuldunfähig erklärt und bis auf Weiteres in einer Psychiatrie
untergebracht. Nach eigenen Angaben hatte er Stimmen gehört, die ihm das
Töten von Kindern befohlen hätten.
Für viele Menschen ist ein Bericht über solch eine Tat der erste
Berührungspunkt mit Schizophrenie. Dadurch verfestigt sich der Eindruck,
Gewalt sei ein fester Bestandteil der Krankheit, obwohl dies in vielen
Fällen weniger mit der Diagnose selbst als mit den Lebensumständen der
Betroffenen zusammenhängt. Wie verbreitet diese Vorstellung ist, zeigt
auch eine Studie des Generika- und Biopharmazeutika-Herstellers TEVA:
Demnach bringen rund 60 Prozent der Befragten eine
Schizophrenie-Erkrankung direkt mit Gewalt in Verbindung.
Was Studien tatsächlich zeigen
Tatsächlich zeigen Studien einen statistischen Zusammenhang zwischen
Schizophrenie und Gewaltdelikten. In einer großen Registerstudie mit
schwedischen Bevölkerungsdaten kamen Forschende 2014 zu dem Ergebnis,
dass Menschen mit Schizophrenie im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung
häufiger wegen Gewaltdelikten verurteilt werden. Das Team um Seena Fazel
von der University of Oxford fand dabei ein bis zu siebenfach erhöhtes
relatives Risiko.
Dieses Ergebnis bedeutet jedoch nicht, dass Menschen mit
Schizophrenie mit hoher Wahrscheinlichkeit gewalttätig werden. Ein
relatives Risiko beschreibt einen Vergleich: Wenn in der
Allgemeinbevölkerung zum Beispiel eine von 100 Personen wegen eines
Gewaltdelikts verurteilt wird, wären es bei Menschen mit Schizophrenie
etwa 6 bis 7 von 100. Zudem erfassen diese Zahlen ausschließlich
strafrechtliche Verurteilungen. Nicht jede Gewalttat führt jedoch zu
einer Anzeige, sodass die Studie kein vollständiges Bild individueller
Gewaltbereitschaft liefert.
„Es ist wahrscheinlicher, dass Schizophrenie-Betroffene selbst zum
Opfer von Gewalttaten werden. Und das muss man bei dem Thema auch immer
im Hinterkopf haben „, sagt Fazel.
Behandlung senkt das Gewaltrisiko
Bei Gewaltdelikten von Schizophrenie-Patienten spielen neben der
Erkrankung zudem meist weitere Merkmale eine wichtige Rolle, darunter
Alkohol- oder Drogenmissbrauch, frühere Gewalttaten, soziale Belastungen
sowie das männliche Geschlecht. Diese Faktoren erhöhen das Gewaltrisiko
auch bei Menschen ohne Schizophrenie.
Seena Fazel betont zudem: „Was mir ganz wichtig ist: Es ist immer
noch so, dass die meisten Menschen mit Schizophrenie – trotz des
erhöhten Risikos – niemals gewalttätig werden. In ihrem ganzen Leben
nicht.“ Eine angemessene Behandlung sowie soziale Unterstützung können
das Gewaltrisiko zusätzlich deutlich senken.
Die Verwendung von links und rechts als politische Begriffe stammt aus der Abge-ordnetenkammer der restaurierten bourbonischen Monarchie in Frankreich. Rechts vom Rednerpult saßen die Verteter des altbewährten Königtums von Gottes Gna-den, ganz links davon die verstohlenen überlebenden Sympathisanten den geschei-terten Revolution. Aber es war sowieso eine Chambre introuvable, von der die Welt keine Notiz nahm.
Der 'legitime' König Karl X. wurde 1830 von einer Volksrevolution gestürzt und durch den "Bürgerkönig" Louis Philippe aus dem orléanistischen Zweig der Bour-bonen ersetzt. Doch schon kamen in der Volksbewegung Rufe nach einer sozia-len oder "roten"Republik auf. 1848 wurde auch der König des Juste milieu hin-weggefegt und etablierte sich eine volkstümlich-proletarische Linke in der Juni-Insurrektion als Generalopposition gegen die neue Herrschaft der nocheher fi-nanziellen als industriellen Bourgoisie.
Ihre blutige Niederschlagung durch den General Cavaignac hinterließ einen tief-roten Trennungsstrich zwischen Rechts und Links - quer durch Europa hindurch, und machte den Kommunismus zum ultimativen Bezugspunkt des politischen Spektrums. Für oder gegen die proletarische Weltrevolution war die Scheidelinie; mit tausenden Nuancen dazwischen.
Nicht aber in Frankreich selbst. Dort warf sich das Haupt der Familie Bonaparte zum neuen Kaiser auf, der mit starker Hand ein Schiedsrichter oberhalb von Links und Rechts zu sein versprach; und die große Masse der französischen Parzellenbau-ern, die zwar die eigentlichen Gewinnler der Revolution gewesen waren, aber inzwi-schen längst am Tropf der Banken hingen, weil ihnen nicht mehr das Land, aber das nötige Geld fehlte, ergaben sich seiner Führerschaft.
Die auf die Niederlage Napoleons III. gegen Bismarck folgende Pariser Commu-ne ließ keinen Raum mehr für Schattierungen: Dafür oder dagegen?
Machen wirs kurz. Aus der Massenschlächterei des (I.) Weltkriegs ging in Russland mit der Oktoberrevolution die erste proletarische Staatsmacht hervor. Sie konnte nicht überleben, solange sie auf das rückständige Zarenreich beschränkt blieb. Sozi-alismus konnte es nicht geben in einem Land. Links oder rechts hieß: Für oder ge-gen die Ausweitung der Weltrevolution?
Der entscheidende Platz war Deutschland. Die bürgerliche Republik hatte sich schnell als eine Chimäre entpuppt: Ihr eigentlicher Träger war die Sozialdemokratie, nachdem sie sich eben als Speerspitze der Konterrvolution bewährt hatte. Ach nein, sie wussten ihr kein' Dank, und ließen sie mit den Kriegsschulden allein im Regen stehn. Im Sommer 1923 schien ihre Zeit abgelaufen.
Doch keine Revolution ohne eine revolutionäre Partei, die entschlossen ist, die Macht zu ergreifen, sobald sie taumelt. Die junge KPD war der Aufgabe - warum auch immer - nicht gewachsen. Die Folgen waren verheerend und nicht nur in Deutschland. In Russland gewannen die Kräfte, die nach jahrelangem Bürgerkrieg endlich auf Ruhe und Frieden hofften, die Oberhand gegen die Falken der Weltre-volution. Ihr gemeinsamer Nenner wurde im Lauf der Jahre der gesichtslose Ap-paratschik Josef Stalin, der zuerst den hartnäckigen Revolutionären den Garaus machte, und danach, einem nach dem anderen, seinen Verbündeten, die es ihm er-möglicht hatten.
Die Herrschaft Stalins in Russland schlug sich in der Kommunistischen Internatio-nale darin nieder, dass die deutschen Kommunisten unter der Parole, der Haupt-feind sei der sozialdemokratischeSozialfaschismus und "Nach Hitler kommen wir!", den politischen Kampf gegen den Nationalsozialismus gar nicht erst versuch-ten, sondern mit Straßenaufzügen, Agitprop und Saalschlachten mit der SA vorgau-kelten. Sie wurden am 30. Januar 1933 von Hitlers Reichskanzlerschaft völlig über-rumpelt.
Die Tragödie, die folgte, muss ich hier nicht nacherzählen. Nicht verschweigen kann ich allerdings den stalinistischen Verrat an der spanischen Revolution, die mit dem SturzderdortigenBourbonenbegonnenundzurWahl einer ersten Volksfront-regierung geführt hatte. Ihr erster und letzter Höhepunkt war die Bestellung des sozialistischen Arbeiterführers Largo Caballero zum Ministerpräsidenten, der den Militärputsch durch die Ausweitung der Arbeiterrevolution bekämpfen wollte. Im Mai 1937 wurde Largo Caballero auf Druck aus Moskau gestürzt und in der repu-blikanischen Zone der 'erste Versuch einer Volksdemokratie' durchgedrückt - GPU inclusive.
Und das ganze in dem Bemühen, England und Frankreich zu einem Anti-Hitler-Bündnis mit der Sowjetunion zu verführen. Als das Bemühen erfloglos blieb und Franco gesiegt hatte, zögerte Stalin nicht, mit Hitler ein Bündnis zu schließen...
*
Mit der Weltrevolution ist es danach nichts mehr geworden. Man kann streiten, zu welchem Datum Schluss war. Daran liegt hauptsächlich denen, die es nie so recht abwarten konnten, weil sie es nie so ernst gemeint hatten. Das sind die, die im Lauf der Zeit und dann immer rascher von links nach rechts gewechselt sind, Schritt für Schritt.
So ein Linker bin ich nie gewesen. Als 1989/90 kein Zweifel mehr war, dass die Zeit der Weltrevolution vergangen ist, habe ich es eingesehen. Dann muss die Ge-schichte eben weitergehen, wie sie mal geworden ist; und man muss das beste draus machen.
Wer langsam atmet, trifft die mutigeren Entscheidungen
Berliner Forschende
belegen erstmals, dass langsames Atmen über Herz und Gehirn das
Entscheidungsverhalten messbar in Richtung Wagemut verschiebt
Tief durchatmen vor einer schwierigen Entscheidung – der Ratschlag
ist so alt wie banal. Nun zeigt sich, dass an ihm mehr dran sein dürfte
als bloße Küchenpsycho-logie. Wer langsam und vor allem lange ausatmet,
trifft mutigere Entscheidungen. Das berichtet ein Forschungsteam des
Deutschen Instituts für Ernährungsfor-schung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) und
der Charité – Universitätsmedizin Berlin .
Die im Fachjournal Neuron präsentierten Ergebnisse
rühren an einer verbreiteten Annahme darüber, wo unsere Entscheidungen
eigentlich entstehen. Gemeinhin verortet man sie im Gehirn, das
Informationen abwägt und zu einem Urteil gelangt. Doch das ist nur die
halbe Wahrheit, denn der momentane körperliche Zustand redet mit, und
zwar mehr, als den meisten bewusst ist. Die Arbeit ist Teil des
Forschungsfeldes, das die Wechselwirkung von Körper und Gehirn vermisst.
Sie stützt sogenannte neuroviszerale Modelle, denen zufolge der Zustand des Körpers kognitive Vorgänge maßgeblich mitformt.
Die Situation, die die Forschenden besonders interessierte, kennt
fast jeder: Das Herz pocht, der Atem geht schnell, und gerade jetzt
steht eine Entscheidung an. Unter solchen Bedingungen neigen Menschen
dazu, vorsichtig zu agieren und mögliche Verluste klein zu halten – ob
bei einer Investition unter Zeitdruck, im heiklen Personalgespräch oder
bei der eiligen Wahl des Mittagessens. Ein ruhigerer Puls könnte
umgekehrt dazu führen, die Lage günstiger einzuschätzen.
Wenn der Körper mitredet
Hier
setzte das Team um Soyoung Q Park (DIfE) an, das wissen wollte, ob sich
über die bewusste Steuerung des Atems eine Art physiologischer Neustart
erreichen lässt. "Unsere Entscheidungen werden selten nur durch äußere
Informationen bestimmt", sagt Park. "Vielmehr erfolgt unser
Urteilsvermögen im Zusammenspiel mit unserem momentanen körperlichen Zustand."
Für das Experiment beobachteten die Wissenschafterinnen und
Wissenschafter 41 gesunde Probandinnen und Probanden bei riskanten
Entscheidungen. Visuelle Hinweise gaben den Takt vor: Mal atmeten die
Teilnehmenden in ihrem natürlichen Rhythmus, mal langsamer und mit
deutlich verlängerter Ausatmung. Währenddes-sen erfasste die funktionelle
Magnetresonanztomographie die Hirnaktivität, parallel dazu zeichneten
die Forschenden Atmung, Herzschlag, Hautleitfähigkeit und
Pupillenreaktionen auf.
Sensibler für den Gewinn
Die
Kombination dieser Messungen lieferte Hinweise darauf, dass die
verlängerte Ausatmung tatsächlich ursächlich auf die
Belohnungsverarbeitung im Gehirn durchschlägt: Wer länger ausatmete,
verlangsamte damit seinen Herzschlag und entschied sich anschließend
riskanter. Die Probanden ließen sich stärker von möglichen Gewinnen
leiten, während die Bewertung drohender Verluste unverändert blieb. Es
ging also nicht um pauschal mehr Wagemut, sondern um eine verschobene
Aufmerksamkeit – hin zur Belohnung.
Das ließ sich auch im Gehirn nachzeichnen. Zwei Areale, der
ventro-mediale präfrontale Kortex und der Precuneus, zeigten erhöhte
Aktivität. Beide stehen mit der Herzfrequenzvariabilität in Verbindung,
also den feinen zeitlichen Abständen zwischen zwei Herzschlägen, und
zugleich mit der Empfänglichkeit für Belohnungen. "Das Zusammenspiel von
Atmung und Herzdynamik macht das Gehirn auch empfänglicher für
Belohnungen", erklärt Erstautor Wenhao Huang.
Methode ohne Nebenwirkungen
Atemtechniken
begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden, in Religionen ebenso wie
in fernöstlichen Übungstraditionen. Was bislang fehlte, war der
Nachweis, dass sie messbar und gezielt auf das Entscheiden wirken. "Wir
liefern mit der Studie den wissenschaftlichen Beweis, dass es sich um
eine verlässliche und gezielte Methode handelt, die unsere
Entscheidungen steuern kann", sagt Park.
Als Werkzeug zur Selbstregulation hätte das einen seltenen Vorzug: Es
kostet nichts, lässt sich überall anwenden und ist rasch erlernt. Auch
in der Klinik könnte es als ergänzende, nichtpharmakologische Strategie
taugen, etwa bei Angststörungen oder Depressionen. Beide gehen mit einer
gestörten Selbstregulation des Körpers und einer veränderten
Belohnungswahrnehmung einher.
Ob sich die Effekte über die gesunde Stichprobe hinaus bestätigen,
müssen weitere Studien klären, etwa an Menschen mit Übergewicht. Dort
könnten die Ergebnisse eine besondere Bedeutung zukommen: Was und wie
viel wir essen, hängt stark davon ab, wie das Gehirn Belohnung bewertet
und in welchem Zustand sich der Körper befindet. Eine gezielte
Atemregulation, so die Hoffnung, könnte helfen, das eigene Essverhalten
klarer wahrzunehmen und besser zu steuern.(tberg, 20.6.2026)
aus spektrum.de, 1. 7. 2026 Exklusive Übersetzung aus Scientific American
Deepfakes:
So erkennen Sie Gesichter, die mit KI generiert wurden
Künstliche
Intelligenz wird immer besser darin, Gesichter zu erstellen, die
täuschend echt aussehen. Doch wer auf sechs Dinge achtet, findet auch
die besten Fälschungen leichter.
Lange
war es relativ einfach, Gesichter zu erkennen, die aus der Feder von
künstlicher Intelligenz (KI) stammten. Ob die Haut der abgebildeten
Person unheimlich schimmerte, ob mit den Augen der Person etwas nicht
stimmte oder sie gleich ein drittes Ohr besaß: Die Nachbildungen älterer
KI-Modelle ließen sich meist schnell als Fälschungen entlarven.
Heute
trifft das nicht mehr zu. Moderne KI-Bildgeneratoren erschaffen so
überzeugende Porträts, dass selbst aufmerksame Betrachter oft nicht mehr
zwischen echt und künstlich unterscheiden können. Deshalb erlauben Apps
wie Zoom oder Tinder ihren Nutzern inzwischen, biometrische Daten wie
Netzhaut-Scans hochzuladen, um zu beweisen, dass hinter einem Profilbild
tatsächlich eine real existierende Person steckt. Doch eine neue Studie legt nahe, dass man auch sein Gehirn darauf trainieren kann, gefälschte Gesichter besser zu erkennen.
In
der Vergangenheit empfahlen Fachleute vor allem, auf optische
Auffälligkeiten oder andere charakteristische Signale zu achten, die
entsprechende Programme meistens hinterlassen – etwa ein schiefes Ohr
oder ein Auge mit zwei Pupillen. Solche Artefakte verschwinden
allerdings oft, wenn die KI ein Update bekommt oder die Nutzer andere
Prompts verwenden. »Die KI wird einfach zu gut«, sagt die Hauptautorin
der Studie, Amy Dawel von der Australian National University. »Und
Betrüger vermeiden oft ohnehin Bilder mit offensichtlichen Fehlern.«
KI-Gesichter: Schön, aber langweilig
Die
Forscher gingen deshalb einen anderen Weg: Sie brachten den Teilnehmern
bei, grundsätzliche Muster zu erkennen, die KI-generierte Gesichter von
echten menschlichen Gesichtern unterscheiden. Moderne
KI-Bildgeneratoren werden mit Datensätzen trainiert, die aus Millionen
von Bildern bestehen. Wenn sie ein Gesicht erzeugen sollen, kopieren sie
keine einzelnen Gesichter, sondern setzen ein neues zusammen, das zum
Teil auf mathematischen Mustern basiert, die in den Gesichtern des
Datensatzes häufig vorkommen. So entsteht ein »typisches« menschliches
Gesicht.
Das führt dazu, dass KI-generierte Gesichter oft
statistischen Durchschnittswerten entsprechen. Sie wirken nicht
unrealistisch, sondern eher zu ausgewogen, zu generisch und zu
konventionell. Keines dieser Merkmale ist für sich genommen verdächtig,
doch zusammen ergeben sie ein Gesamtbild, das fade und langweilig
erscheint, was Menschen oft unterbewusst wahrnehmen.
Künstlich oder echt? Tatsächlich
sind alle diese Porträts mithilfe eines KI-Tools erzeugt worden. Die
Forscherinnen und Forscher nutzten diese und ähnliche Aufnahmen, um ihre
Probanden im Erkennen von KI-generierten Gesichtern zu trainieren.
Im
Vergleich zu echten Gesichtern sind KI-generierte Gesichter oft
symmetrischer, besser proportioniert und attraktiver – wirken zugleich
aber weniger ausdrucksstark, weniger markant und deutlich weniger
einprägsam. Teilnehmenden, die darauf trainiert waren, diese sechs
Merkmale zu erkennen, gelang es entsprechend doppelt so häufig,
Fälschungen zu entlarven.
KI
tendiert insgesamt zum Durchschnitt, Menschen hingegen nicht. Unsere
Gesichter zeichnen sich durch zahllose kleine Abweichungen vom Normbild
aus – subtile Asymmetrien, unverwechselbare Merkmale und individuelle
Ausdrücke machen uns einprägsam. Was auf den ersten Blick wie
Unvollkommenheit wirken mag, ist in Wirklichkeit unsere ganz eigene
charakteristische Signatur.
Nota. - Die Natur rechnet nicht, sondern wächst. Dass die linke Gesichtshälfte der exakte Spiegel den rechten wäre, kommt so gut wie gar nicht vor. Ein Gesicht ohne Unebenheiten wirkt unecht, und das ist, wenn es um Menschen geht, ein Mangel. JE