Freitag, 23. Juni 2023

Le faux pas.

Antoine Watteau, Der Fehltritt (Le faux pas)                                                                                                         zu Geschmackssachen 

Die Einschiffung nach Kythera ist bekannter und auch viel größer, aber dies kleinere Stück ist radikaler. 

Der entscheidende Schritt der Renaissancemalerei war die Eröffnung des Raumes, nämlich der Perspektive gewesen. Dadurch wurde die Kunst natürlicher und löste sich aus ihrer ha-giographischen Enge. Der nächste große Schritt war ein For tschritt in dem Sinne, dass er über den Raum wieder hinaus führte. Während bei sich der Einschiffung... der Raum in schwindelndem Ungefähr verliert, lässt ihn Watteau bei seinem frivolen Fehltritt schlicht und einfach weg.

Eigentliche Landschaftsbilder finden sich bei Watteau nicht. Er malte nur kurze Zeit.

Was würden wir ohne unser Y!

        zu Männlich zuJochen Ebmeiers Realien
aus scinexx.de                       Das Y-Chromosom spielt für die Gesundheit von Männern eine größere Rolle als lange angenommen.

Verlorenes Y-Chromosom macht Krebs aggressiver
Zusammenhang zwischen Tumorwachstum, Geschlechtschromosom und Immunabwehr

Folgenreicher Verlust: In manchen Krebstumoren von Männern verschwinden die Y-Chromosomen – mit erheblichen Folgen, wie nun Forschende am Beispiel des Blasenkrebses herausgefunden haben. Demnach hemmen die Y-negativen Krebstumore wichtige Abwehrzellen des Immunsystems und wachsen dadurch aggressiver. Auch die Überlebenschance der betroffenen Männer sinkt, wie das Team in „Nature“ berichtet. Die gute Nachricht jedoch: Eine Immuntherapie könnte bei solchen Y-negativen Krebstumoren besonders effektiv wirken.

Das Y-Chromosom der Männer ist ziemlich verkümmert: Es hat fast 90 Prozent seiner Gensubstanz verloren und ist nur noch ein Drittel so groß wie sein weibliches Gegenstück. Gängiger Annahme nach regelt es fast nur noch die Spermienproduktion und Geschlechtsentwicklung, die restlichen Funktionen sind weitgehend ungeklärt. Dazu schien zu passen, dass viele Zellen älterer Männer ihre Y-Chromosomen ganz verlieren – augenscheinlich ohne schwerwiegende Folgen.

Doch im Jahr 2022 wies eine Studie nach, dass genau dieser altersbedingte Y-Verlust das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alzheimer und anderen altersbedingte Leiden erhöht. Das genarme, kleine Y-Chromosom spielt demnach auch jenseits der Fortpflanzung eine Rolle für die Gesundheit.

Wenn Krebszellen ihre Y-Chromosomen verlieren

Dies gilt auch für Krebs, wie nun Forschende um Hany Abdel-Hafiz vom Cedars–Sinai Medical Center in Los Angeles herausgefunden haben. Sie haben untersucht, welche Folgen der Verlust des Y-Chromosoms in Krebszellen hat. „Ein solcher Verlust wurde bereits in mehreren Tumorarten beobachtet, darunter auch bei 10 bis 40 Prozent der Blasenkrebsfälle“, erklärt das Team. „Die klinische und biologische Bedeutung dieses Phänomens ist jedoch unbekannt.“

Für ihre Studie entwickelten die Wissenschaftler zunächst ein Verfahren, mit dem sie den Grad des Y-Chromosomenverlusts in Gewebeproben von mehr als 1.100 männlichen Blasenkrebspatienten ermitteln konnten. Dafür glichen sie die an der RNA erkennbare Aktivität von 18 Genen des Y-Chromosoms mit Referenzwerten gesunder, intakter Zellen ab. Dann untersuchten sie, ob sich der Verlauf der Krebserkrankung und das Überleben bei Patienten mit und ohne Y-Chromosomenverlust unterschied.

Das Ergebnis: Bei Krebspatienten mit Y-Chromosomenverlust in ihren Blasenkrebszellen verlief die Krebserkrankung meist schwerer und ihre Überlebenschance war geringer. Ähnliches zeigten vorläufige Vergleichsdaten für zwölf weitere Krebsarten.

Schnelleres Tumorwachstum, geringere Überlebenschance

Um herauszufinden, welche biologischen Mechanismen dahinterstehen, führten Abdel-Hafiz und sein Team Versuche mit Mäusen durch. Dafür züchteten sie zunächst Blasenkrebs-Zelllinien und entfernten bei einem Teil der Krebszellen die Y-Chromosomen mithilfe der Genschere CRISPR/Cas9. Diese Y-positiven und Y-negativen Krebszellen injizierten sie anschließend Mäusen, um das Wachstum der Tumore beobachten zu können.

„Wir stellten fest, dass die Y-negativen Tumore eine rund zweifach höhere Wachstumsrate aufwiesen als die Y-positiven Tumore“, berichten die Forscher. Als sie dieses Experiment jedoch mit Mäusen ohne funktionierendes Immunsystem wiederholten, gab es diese Unterschiede nicht: Krebstumore mit und ohne Y-Chromosom wuchsen gleich schnell. „Die Tatsache, dass wir die unterschiedliche Wachstumsrate nur dann gesehen haben, wenn das Immunsystem mit im Spiel war, war ein wichtiger Schlüssel „, erklärt Seniorautor Dan Theodorescu vom Cedars–Sinai Medical Center.

Die T-Zellen des Immunsystems (weiß) erkennen Krebszellen und greifen sie an. Doch Y-negative Krebstumore bremsen sie.

Y-Verlust beeinträchtigt Immunabwehr


Nähere Analysen enthüllten, dass das rasantere Wachstum der Tumore ohne Y-Chromosom eng mit ihrer Wirkung auf die T-Zellen des Immunsystems verknüpft ist. Normalerweise verfügen diese Zellen über die Fähigkeit, krankhaft veränderte Zellen zu erkennen und gezielt anzugreifen. Doch in den Y-negativen Tumoren der Mäuse waren zwar reichlich T-Zellen vorhanden, ein Großteil von ihnen war jedoch inaktiv und nicht imstande, die Krebszellen abzutöten. „Unsere Daten stützen die Annahme, dass der Verlust der Y-Chromosomen die Mikroumgebung des Tumors verändert und die CD8+-T-Zellen vorzeitig erschöpft“, berichtet das Team.

„Dies ist das erste Mal, dass eine solche Verbindung zwischen dem Verlust des Y-Chromosoms und der Reaktion des Immunsystems auf Krebs nachgewiesen wurde“, sagt Theodorescu. Die Forschenden vermuten, dass sich der Verlust des Y-Chromosoms bei den Krebszellen als Anpassung entwickelt hat. Die Beseitigung des Chromosoms erleichtert es ihnen, den Angriffen des Immunsystems zu entgehen. Auf welchem Wege und warum die Krebszellen die T-Zellen beeinträchtigen, ist allerdings noch nicht geklärt.

Immuntherapie wirkt

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Die Y-negativen Krebszellen können zwar die T-Zellen außer Gefecht setzen – dieser Effekt lässt sich aber durch eine Immuntherapie zumindest in Teilen rückgängig machen. Bei dieser schon an einigen Krebsarten erprobten Immuntherapie mittels Checkpoint-Inhibitoren werden spezielle Antikörper verabreicht, die an hemmenden Rezeptoren auf der Oberfläche der T-Zellen andocken. Dadurch lösen sie die „Bremse“ dieser Immunzellen und machen sie wieder aktiv.

In der Studie schlug diese Therapie bei Mäusen mit Y-negativen Tumoren deutlich besser an als bei Mäusen mit intakten Y-Chromosomen in ihren Krebszellen, wie Abdel-Hafiz und sein Team berichten. Ähnliches konnten sie auch bei Blasenkrebs-Patienten feststellen, die im Rahmen einer klinischen Studie mit Checkpoint-Inhibitoren behandelt worden waren. Ihrer Ansicht nach eröffnet dies neue Perspektiven für die gezielte Bekämpfung aggressiver, schellwachsender Krebstumore. (Nature, 2023; doi: 10.1038/s41586-023-06234-x)

Quelle: Cedars-Sinai Medical Center

22. Juni 2023

- Nadja Podbregar

Donnerstag, 22. Juni 2023

Was ist das Schlimmste am woken Totalitarismus?

                           zu öffentliche Angelegenheiten

Dass er den Widerstand gegen die freiheitlich drapierte Reaktion untergräbt.                        Er selber ist keine Gefahr, er ist nur symbolisches Phrasendreschen. Selber herrschen kann er gar nicht. Aber den andern den Weg bereiten kann er - indem er den Status quo ver-sumpft.

Selber herrschen können die andern auch nicht, jedenfalls nicht lange. Doch auch kurzfri-stig können sie viel Unheil anrichten. Es wird nichts anderes übrigbleiben, als sie beide zum Teufel zu jagen.



Wo sind die vergessenen Malerinnen geblieben?

                              zu Männlich zu Geschmackssachen 
aus welt.de, 14.06.2023     Rosalba Carriera, Eine Dame mit einem Papagei auf der rechten Hand (Allegorie der Beredsamkeit) um 1725/30

FOLGEN DER DISKRIMINIERUNG

Das vergebliche Hoffen auf die unentdeckten Meisterinnen
Verstärkt suchen Museen in ihren Magazinen nach Werken übersehener weiblicher Künstler. Und finden wenig. Warum wir akzeptieren müssen, dass sie oft nicht an die männliche Konkurrenz heranreichten – und diese Erkenntnis trotzdem nicht misogyn ist.

Von Hans-Joachim Müller

Kunst, altes Ewigkeitsversprechen! Ewig unaufhaltsam, wechsellaunisch, erfindungssüchtig. Immer neue Namen, neue Stile. Nicht nur an Messetagen erscheint die Proliferation an Neuem so unaufhaltsam, dass man mit Schrecken an die Entrümpelung der Altbestände denkt. Zumal ja auch in längst verschlossenen Magazinen nach Übersehenem gegraben wird.

Kein anderes Medium hat sich so wie die Kunst systematischer Vergesslichkeit schuldig gemacht. Es gibt wohl Dichterinnen, an die sich niemand mehr erinnert, und gewiss auch Komponistinnen. Aber dass lange Jahrhunderte ohne Malerinnen und Zeichnerinnen überliefert worden sind, das ist singuläre Kunstgeschichte. Und zuweilen kommt es einem wie Hohn vor, dass die Sprache der Kunst ausgerechnet das weibliche Geschlecht verliehen hat.

Maskuline Zuständigkeiten

Man kann nicht sagen, dass Elisabetta Catanea Parasole keine Karriere gemacht hätte. Aber wenn sie nicht als Waisenkind in Bergamo im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts aufgewachsen und von früh an in der Stickkunst unterwiesen worden wäre, weil nur das ihrer Rolle als Frau aus armseligen Verhältnissen entsprach, wüsste man entschieden mehr. So hat sich nur der Ruf einer Textildesignerin erhalten, die es vorwiegend mit ihren Druckgrafiken zu einigem Ansehen und vergänglichem Ruhm gebracht hat.

Und wenn nicht das Berliner Kupferstichkabinett in einer verdienstvollen Recherche den „Frauen in der italienischen Renaissance 1400-1800“ nachgeforscht hätte, dann wären die Holzschnitte der Elisabetta Catanea Parasole für etliche dunkle Zeiten auch weiter im Prachtband der Kunstbibliothek versteckt geblieben.

Angelika Kauffmann, Die verlassene Ariadne, vor 1782

Nimmt man die „Künstlerinnen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert“ hinzu, die die Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden zeigt („Aus dem Schatten“), dann steht man vor einer ganzen Klasse unbekannter oder kaum bekannter Künstlerinnen, die in den Verschleißprozessen der Kunstgeschichte ausgemustert worden sind. Einer Kunstgeschichte, die sich eben nicht bloß ewig wechsellaunisch und erfindungssüchtig gab, sondern von der Antike an immer nur maskuline Zuständigkeiten gelten lassen wollte.

In keinem der platonischen Dialoge hat der rechthaberische Sokrates eine ebenbürtige Partnerin an seiner Seite. Und Aristoteles, der bis ins Mittelalter hinein die philosophischen Stichworte lieferte, kennt so wenig Künstlerinnen, wie die gelehrten Kirchenväter eine gelehrte Kirchenmutter neben sich geduldet hätten. So hat es auch nicht ausbleiben können, dass die Renaissance-Entdeckung des genialisch selbstbewussten Subjekts dem Männersport vorbehalten blieb, und malende Heroen wie Raffael, Leonardo oder Tizian keine Konkurrentin auf dem engen Markt zu fürchten hatten.

Weshalb es nun auch kaum verwundern kann, dass die Öffnung der lange verschlossenen Künstlerinnen-Archive nicht lauter unbekannte Meisterwerke ans Licht bringt. Vor allem die Ausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts geht sehr großzügig mit der Berufsbezeichnung um. Barbara Pirckheimer, Tochter der mit Dürer befreundeten Nürnberger Patrizierfamilie, war eine gewiss kunstverständige Ordensfrau, aber von eigener Produktion ist nichts überliefert.

Oder Isabella d’Este. Am Hof von Mantua präsidierte sie als gebildete Mäzenin, die selbstbewussten Talenten wie Mantegna oder Correggio ebenso generös wie anspruchsvoll die Wege ebnete. Von eigener Mal- oder Zeichenbegabung ist nichts überliefert
.


Was freilich kein Einwand sein kann gegen die kunstgeschichtliche Erinnerung an die „Musen oder Macherinnen“, wie sie in Berlin vorgestellt werden. Markiert das Leistungsdefizit doch sehr genau die Grenzen, an die weiblicher Kunstverstand in der männerdominierten Renaissance-Gesellschaft stoßen musste.


Männerdominierte Gesellschaft

Mitarbeit ja. Mitsprache eher selten. Teilhabe, wenn’s nicht anders geht. Aber vor allem keine Selbstständigkeit. Und schon gar keine Führungsaufgabe. Es kam vor, dass Maler-Väter ihre begabte Tochter in ihre Werkstatt aufgenommen oder viel beschäftigte Maler ihre Ehefrauen an den florierenden Geschäften beteiligt haben.

Aber dass Künstlerinnen ein eigenes Bilder-Unternehmen geleitet hätten, das gab’s nur ein-, zweimal. Lavinia Fontana blieb die zu Recht berühmte Ausnahme. Aufgewachsen im relativ liberalen Klima der norditalienischen Stadt Bologna hat die Malerin in den Siebzigerjahren des 16. Jahrhunderts die Werkstatt ihres Vaters übernommen und sie mit gutem Gespür für ihre vermögende Klientel in Kirche und Adel zum europäischen Erfolgslabel aufgerüstet.

Lavinia Fontanas „Die Heilige Familie“

Dass sie es durchsetzte, auch nach ihrer Heirat – ganz gegen die Gepflogenheiten – Malerin bleiben zu können und es trotz elf gemeinsamer Kinder geblieben ist, belegt das einzigartige Kraftgemisch aus Wille, Beharrlichkeit und künstlerischem Genie. Lavinia Fontana ist auch eine der seltenen Malerinnen ihrer Epoche, die an einem überlieferten Werk fassbar ist. Mit Museumsbildern in Bologna, Dublin, Marseille, Dresden („Heilige Familie“), worunter die beiden Selbstporträts in Florenz und Rom zu den stärksten Eindrücken gehören.

Wie nachhaltig ihr Werk wirkte, belegt ein Kupferstich des französischen Zeichners Jacques Callot nach Fontanas monumentalem Altarbild „Martyrium des Hl. Stephanus“, das bei einem Brand in der römischen Basilika St. Paul zerstört worden ist.

Versäumnis-Muster

Umso bemerkenswerter, dass die wenigen zu Leb- und Wirkzeiten überaus erfolgreichen Künstlerinnen wie Lavinia Fontana, Sofonisba Anguissola, die Tintoretto-Tochter Marietta Robusti oder die fabelhafte Pastellzeichnerin Rosalba Carriera so gut wie in keiner Chronik aufbewahrt werden.

Ein Versäumnis-Muster, das sich von Lorenzo Ghibertis „Commentarii“ über Leon Battista Alberti („De pictura“) oder Leonardo („Trattato della pittura“) bis zu den Künstlerbiografen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts durchzieht. Giorgio Vasari, der in seinen „Vite“ über 160 Werk- und Lebensbeschreibungen zur Renaissance-Kunst gesammelt hat, kennt nur die vorwiegend als Bildhauerin bekannt gewordene Properzia de‘ Rossi aus Bologna.

Für den Chronisten ein Fall von gelinder Amtsanmaßung, schien die Steinbearbeitung doch ganz und gar nicht ins Weichbild der Frau zu passen. Ein gleichsam pädagogisches Beispiel also, wie man es tunlichst nicht machen soll. Weshalb vom Werk der Künstlerin außer ihrer Fama auch nichts geblieben ist.

Von Diana Montovana ist nicht einmal der zutreffende Name gesichert. Nicht selten wird sie „Scultori“ genannt – wohl nach ihrem Vater, der einer Bildhauer-Werkstatt vorstand. Freilich hatte sie, was Geschäftssinn und künstlerischen Ruf anbetraf, den Familienbetrieb in Mantua bald überboten und mit ihren grafischen Blättern das lokale Netzwerk international erweitert.

Als erste Frau erhielt sie vom Papst das Privileg, ihre Druckplatten zu signieren und in der eigenen Offizin zu vermarkten. Ein Zugeständnis, das verschweigt, dass der ehrgeizigen Künstlerin, der die Teilnahme am obligaten Ausbildungsgang des Aktzeichnens verwehrt worden war, gar nichts anderes übrig blieb, als mit Kupferstichen nach Gemäldevorlagen ihrer männlichen Kollegen Furore zu machen.

Es ist so gesehen nicht bloß Ranküne einer lange Zeit männlich dominierten Kunstgeschichtsschreibung, wenn wir von Künstlerinnen kaum etwas wissen, und es schon ein Glücksfall ist, wenn man in den Museumssammlungen auf eines ihrer raren Bilder stößt. Und vergeblich wird man über der längst fälligen Rehabilitation auf unvergessliche Gemälde hoffen.

Frauenpower unerwünscht

Lavinia Fontana hat den gegenreformatorischen Bildermarkt eindrucksvoll bereichert und ihre Porträtbilder halten jede Zeitkonkurrenz aus. Aber die Virtuosität, den Erfindungsreichtum, die ihr Bologneser Stadtkollege Guido Reni bewies, hat sie nicht erreicht – nie erreichen können. Die überwiegende Mehrzahl vor allem in der Berliner Auswahl sind Werkstattmitarbeiterinnen gewesen, die ihre zugewiesenen Aufgaben bravourös erfüllten, aber keine Gesamtverantwortung trugen und wie die männlichen Malarbeiter neben ihnen niemals aktenkundig wurden.

Natürlich wäre es längst an der Zeit, das verstreute Werk der Lavinia Fontana in einer gründlich erarbeiteten monografischen Ausstellung zu präsentieren. Und die grandiose Schau, in der jetzt Dresden rund hundert Pastelle der Venezianerin Rosalba Carriera versammelt, macht mehr noch als die parallele Künstlerinnen-Übersicht anschaulich, was man bislang versäumt, was man einfach übersehen hat.

„Pastellmalerei“: Gleich denkt man an Jean-Etienne Liotard und sein zauberhaftes „Schokoladenmädchen“ in der Gemäldegalerie. Nun hat die fein gepuderte Serviertochter eine feinst gepuderte Entourage bekommen, und zumindest hier leuchtet es unmittelbar ein, warum die Sprache doch recht behält, wenn sie zur Kunst gegen alle Wahrscheinlichkeit „die“ sagt.


Nota. - Wurden sie vergessen, oder gab es nicht viele von ihnen? Na, mehr als Hajo Müller kennt, gab es jedenfalls. Und dass sie von den Zeitgenossen nicht beachtet wurden, kann man nicht eben sagen. Rosalba Carriera, die er uns doch so darstellt, war im Gegenteil eine künstlerische und geschäftliche Großmacht ihrer Zeit. Um an ihre in ganz Europa begehr-ten Pastelle zu gelangen, reiste der sächsische König von Polen höchstselbst nach Venedig. Und Angelika Kauffmann vom Vorarlberg war in England so erfolgreich, dass sie ihren Lehrer und Präsidenten der Royal Academy, der dort den Markt und den Geschmack beherrschte, fast an den Rand drängte. 

Und doch geriet sie so in Vergessenheit, dass Hajo Müller noch ihren Namen falsch schreibt.

Wieso? Da habe ich eine Idee, und die kommt mir eben bei der Erwähnung von Joshua Reynolds. Der galt noch vor ein paar Jahrzehnten auch bei uns auf dem Kontinent als der englische Maler de Rokoko. Inzwischen trat er fast unbemerkt in den Schatten seines zeit-lebens unterlegenen Rivalen Gainsborough. In diesem Fall liegt der Grund klar auf der Hand. Reynolds war der Primus, weil er der König der Porträtmalerei war - weil und solange die Porträtmalerei die Königin der Malerei war. Das war sie nämlich im Rokokozeitalter, als jeder Gentleman ein Bild von sich und seiner Familie in seinem Landsitz aufhängen wollte.

Joshua Reynolds, Master Thomas Lister, 1775

Ob Gainsborough als Porträtist genauso gut oder gar besser war, ist Geschmackssache. Doch allzusehr lag es ihm gar nicht am Herzen. Er war die ewigen Porträts, die wenig Platz für ästhetischen Eigensinn ließen, leid und widmete sich immer wieder mal nach holländi-schem Vorbild der Landschaft. Und die war unter den Malereifächern noch die am gering-sten geachtete.

Aber sie war im Kommen. Dieselbe Gentry, die dem Porträt einen Supermarkt gebildet hatten, ging dazu über, ihre Barockgärten in naturgemäße Landschaftsparks umzuwandeln. Gainsborough hat Reynolds verdrängt. Er ist zu seiner Zeit ein Avantgardist gewesen.

Thomas Gainsborough, Der Marktkarren, 1786

Angelika Kauffmann und Rosalba Carriera haben zu Lebzeiten Furore gemacht, weil sie den Zeitgeschmack ihrer Epoche bedienten. Und darum sind sie in Vergessenheit geraten.

Soviel zur ästhetischen Seite. Auf der geschäftlichen Seite haben Frauen schon während der Renaissance, die ja Hajo Müllers Streitross ist, mit ihren männlichen Kollegen gleichgezo-gen; teste die Werkstatt der Plautilla Nelli. Gleichgezogen? Sie haben sie eingeholt und überholt. Sie haben die erste Manufaktur der Bildkopie gegründet und das Zeitalter der Reproduzierbarkeit eingeläutet. 

Avantgardistisch waren sie aber nur in kommerzieller Hinsicht. In ästhetischer Hinsicht bedienten sie natürlich den Geschmack ihrer Epoche.

*

Ach, übrigens war auch Artemisia Gentileschi zu Lebzeiten recht erfolgreich. Stilistisch originell war sie allemal. Sie hat die dramatisch-naturalistische Malweise Caravaggios von ihrem Vater Orazio übernommen, der einer von dessen ersten Gefolgsleuten war. Sie hat aber die Marotten der Manieristen, die Caravaggio gerade eben überwunden hatte, wieder unterschoben. Das hat momentan anscheinend gefallen, aber auf die Dauer hat sie sich damit blamiert.
JE


Mittwoch, 21. Juni 2023

Ist uns die Sprachfähigkeit eingeboren oder haben wir sie uns selber erworben?

                                  zuJochen Ebmeiers Realien zu Philosophierungen 

Im heutigen Tagesspiegel gibt Hartmut Weweretzer einen kurzen Abriss des wissenschaft-lichen Streits darüber, ob uns das Vermögen zur Sprache genetisch eingeboren ist, oder lediglich eine Leistung unserer Kulturgeschichte; Anlass ist ein neues Buch des amerika-nischen Schriftstellers Tom Wolfe, das er kurz und knapp verreißt. Er fährt fort:

"Der moderne Mensch entwickelte sich vor 150 000 bis 200 000 Jahren in Ostafrika, die Sprache folgte vor 80 000 bis 150 000 Jahren, schätzt Gerhard Roth. Entschei-dend war die menschliche Anatomie. Der aufrechte Gang verlagerte den Kehlkopf nach unten und war so maßgeblich am Ausprägen der Sprechfähigkeit beteiligt, etwa der Möglichkeit, Vokale zu artikulieren. Im Gehirn rückte – im Vergleich zu den nächsten Verwandten des Menschen – Sprache und Sprechen „nach oben“, in die hochentwickelte Hirnrinde. Hier ist die Sprache fest in einer Reihe von Hirnzentren und Verbindungsrouten verankert. So fest, dass ein Neurologe von der gestörten Sprache eines Schlaganfall-Patienten ableiten kann, welches Hirnareal ausgefallen ist. Und schließlich haben in den letzten Jahren erste Funde von Sprach- oder Gramma-tik-Genen wie FoxP2 von sich reden gemacht. 

Es könnte gut sein, dass das alles die nötigen Ingredienzen für den menschlichen Sprachinstinkt sind, für eine tiefe biologische Verwurzelung der Sprache à la Pinker. und Chomsky. Es kann aber auch sein, dass das Gehirn wie ein Schweizer Armee-messer funktioniert. Ausgestattet mit einigen exzellenten intellektuellen Werkzeugen ist es in der Lage, sich eine Sprache zurechtzuschneidern und sie sich anzueignen, bei jedem Menschen aufs Neue. Das ist Tomasellos Annahme. Wer hat recht? Am Ende werden die Tatsachen den Streit entscheiden."

Was immer Sprache sonst noch ist, sie ist auch ein artikuliertes System von Symbolen. Ein Symbol symbolisiert etwas, sonst ist es keins. Was ist dieses Etwas? Es ist die Bedeutung des Symbols. Ein Symbol gibt es nicht ohne Bedeutung. Aber gibt es Bedeutungen ohne Sym-bole? Aber ja, so ist es in unserm alltäglichen Denken. Bedeutungen scheinen auf im Ge-dankenstrom, verbinden sich mit den darauf folgenden zu neuen, komplexeren Bedeutun-gen, und so fort. Wenn ich nicht absichtlich darauf merke, ziehen sie an mir vorbei bis an den Punkt, 'auf den ich hinauswollte': das Denkergebnis. Wenn ich das erfassen und behal-ten will, dann allerdings brauche ich ein Symbol. Erst das Symbol macht eine Bedeutung fungibel, und das bedeutet letzten Endes nichts weiter als: bedeutend, denn eine Bedeu-tung, mit der sich nichts anfangen lässt, ist keine.

Historisch wird es sich so zugetragen haben, dass sich Bedeutungen und ihre Wortsymbole in einem systemischen Prozess miteinander und auseinander entwickelt haben - das Ganze hat schließlich eine Vorgeschichte von einigen Millionen Jahren. Da ist die Frage, ob das Ei früher da war als die Henne, sinnlos. Aber genetisch ist die Antwort eine ganz andere: Sie mögen sich gleichzeitig und zusammen entwickelt habe; aber die Wortsymbole um der Bedeutungen willen, und nicht umgekehrt. 

5. Oktober 2016


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE   

Dienstag, 20. Juni 2023

Wir denken nicht in Begriffen.


aus spektrum.de, 17. 5. 2023                                                                                  zuJochen Ebmeiers Realien zu Philosophierungen 

Gibt es die »innere Stimme« wirklich?
Für viele ist kaum vorstellbar, dass es Menschen gibt, die keinen »inneren Monolog« führen. Doch dass Gedanken die Form von Sprache annehmen, ist keineswegs selbstverständlich – und auch wohl nicht die Regel.


von Matthias Warkus

Haben Sie einen inneren Monolog? Ich meine damit kein Buch oder sonstigen Text mit dem aus Film, Fernsehen und Deutschunterricht bekannten Erzählmittel, bei dem die geistigen Vorgänge eines Menschen als fiktives Gespräch ausformuliert werden. Ich meine einen tatsächlichen inneren Monolog, eine Erzählstimme für das eigene Leben – eine Stimme in Ihrem Kopf, die permanent darüber redet, was Sie denken und was Ihnen widerfährt (»Da waren Sie wieder, meine drei Probleme«).

Wenn Sie so etwas haben, dann kann ich nur hoffen, dass meine Beschreibung eben halbwegs treffend war, denn ich habe so etwas nicht. Und ich muss zugeben, auch ich dachte immer, so etwas gäbe es gar nicht. Spätestens seit es in den letzten Jahren mehrere virale Wellen von Internet-Diskussion über das Thema gab – aktuell angeblich gerade wieder einmal –, zweifle ich an meiner früheren Überzeugung. Aber tief in mir drin bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, ob die Menschen, die eine innere Erzählstimme haben, sich das nicht nur einbilden. Aber wie sähe der Unterschied aus zwischen einer echten Stimme im Kopf und einer eingebildeten Stimme im Kopf?


Wie soll man das prüfen? Das ist einer der Gründe, warum die Philosophie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrheitlich davon abgekommen ist, von der Seele und von Gedanken zu sprechen, als wären sie Berge oder Steine: Man kann Menschen nicht in den Kopf schauen. Und man kann ihnen eben auch nicht in den Kopf hören. Der einzige Weg, zu prüfen, ob Leute einen inneren Monolog haben, ist, sie danach zu fragen und zu hoffen, dass sie nicht lügen.

Stimmt das denn? Gibt es nicht mittlerweile raffiniertere Methoden? Die Kognitionswissenschaft nutzt verschiedene bildgebende Verfahren (fMRI und dergleichen), um zu beobachten, welche Gehirnareale zum Beispiel beim Wahrnehmen von bestimmten Gegenständen bzw. beim Sprechen und Denken an sie angeregt werden. Es ist inzwischen fast gehobenes Allgemeinwissen, dass es dabei häufig, jedoch nicht immer interessante Parallelen gibt – beim Denken an eine Katze passieren in meinem Gehirn möglicherweise ganz ähnliche Vorgänge wie beim Sehen einer Katze.

Das bringt uns aber nicht weiter, wenn wir gar nicht wissen wollen, ob ein Gehirn sich gerade mit etwas Realem außerhalb seiner selbst beschäftigt, sondern damit, ob die Art und Weise, wie es das tut, den Charakter von »echter« und nicht bloß eingebildeter innerer Rede hat. Vor allem haben wir keine Möglichkeit, unsere »Messverfahren« dafür zu kalibrieren, weil wir uns dafür eben dann doch wieder auf die Aussagen der Probanden verlassen müssen. Wir können niemandem ein winziges metaphorisches Mikrofon in den Kopf stecken, das dann dem kleinen Menschen zuhört.

Die Form der Gedanken

Wie so oft ist dieses Thema, obwohl es im Kern psychologisch ist, auf Grund der Art und Weise, wie es populär rezipiert wird, philosophisch nicht ganz uninterssant. Der Psychologieprofessor Russell T. Hurlburt von der University of Nevada hat 2011 ein Buch und eine Serie von Blogartikeln über die Forschungen seiner Arbeitsgruppe zu den Charakteristika inneren Erlebens geschrieben. Dabei hat er unter anderem Personen einen Zufallspieper mitgegeben und sie gebeten, bei jedem Auslösen des zufälligen Pieptons festzuhalten, welche Art innerer Erfahrungen sind zu diesem Zeitpunkt hatten.

Anhand dieser Studien geht Hurlburt davon aus, dass die Mehrheit der Menschen (etwa drei Viertel) keine innere Rede erlebt. Zahlreiche Menschen (dazu konnte ich eine Zahl finden) erleben jedoch häufig bis ständig das, was er »unsymbolized thinking« nennt, also nichtsymbolisiertes Denken: Gedanken, die nicht irgendwie in Form von Bildern, Wörtern oder sonstigen sinneswahrnehmungs-ähnlichen Gestalten daherkommen, sondern einfach nur als Gedanken.

Interessant ist dabei nicht nur, dass es das gibt (für mich war das kein Wunder, siehe oben), sondern auch, dass a) es nicht bei allen Menschen vorzukommen scheint und b) zahlreiche Menschen, sogar die, die nichtsymbolisiertes Denken häufig erleben, fest davon überzeugt sind, so etwas gäbe es gar nicht. Bilden wir uns den inneren Erzähler also vielleicht nicht bloß gegebenenfalls individuell ein, sondern sogar kollektiv?

Sprachphilosophen des Mittelalters sollen häufig überzeugt gewesen sein, der Mensch denke auf Latein – oder zumindest fanden sie die Hypothese irgendwie sinnvoll. Bis heute stützen große Teilbereiche der modernen Philosophie ihre Theoriegebäude mehr oder minder direkt auf die Vorstellung, Sprache und Denken stünden in einer irgendwie symbiotischen Beziehung. Und die menschliche Seele oder den menschlichen Geist denken wir uns gerne bis heute eben wie einen kleinen Menschen, der in unserem Kopf sitzt, oder ein Team solcher Menschen.

Dass Twitterer oder TikTok-Nutzer geradezu ausflippen angesichts der Vorstellung, dass es Menschen ohne inneren Monolog geben könnte – obwohl es sich dabei wohl um die Mehrheit handelt –, nimmt nicht wunder. Unsere Kultur ist in immensem Maße eine Kultur des Redens und der Sprache.

Das hat kontingente Gründe (dass die in unserer Weltgegend seit Jahrhunderten dominierenden Religionen weitgehend sprachliche Aktivitäten sind) und aber auch notwendige (ganz gleich, was Gedanken sind, ohne Sprache können wir uns nicht darüber austauschen). Offensichtlich hat es uns dazu gebracht, gerne auch das bloße Denken standardmäßig als sprachförmig zu betrachten. Und wer weiß, es könnte ja wirklich was dran sein. Die Antwort auf diese Frage kommt vielleicht, wie sonst so vieles Gute, demnächst aus Osnabrück.

Montag, 19. Juni 2023

Das Vernünftigste an der Vernunft ist, dass sie ihre Grenzen kennt.

 
aus nzz.ch, 19. 6. 2023                      Mit sechzehn schrieb Blaise Pascal über Kegelschnitte, mit neunzehn konstruierte er eine Rechen-maschine. Dann studierte er Theologie und wollte Glaube und Wissenschaft miteinander versöhnen.                            zu Philosophierungen

Die Vernunft der Vernunft liegt darin, dass sie ihre Grenzen kennt: 
Vor 400 Jahren wurde Blaise Pascal geboren. 
Der französische Philosoph ist ein Denker für das 21. Jahrhundert

von Thomas Ribi

... Ganz gesund wurde Blaise Pascal nie. Er war sein Leben lang kränklich. Bauchschmerzen, Migräne, Lähmungserscheinungen in den Beinen. Die Ärzte konnten nicht helfen. Moderne Biografen fragen sich, ob es ein psychisches Leiden war, das ihn schon als jungen Mann auf Tätigkeiten festlegte, die man vom Arbeitszimmer aus erledigen konnte. Am Schreibtisch vollbrachte er freilich Ungeheures. Schon als Kind. Die Hauslehrer, die der Vater für den hochbegabten Jungen und seine ebenso begabte Schwester Jacqueline engagierte, konnten ihm bald nichts mehr beibringen.

Was ihn interessierte, lernte Pascal von sich aus. Im Primarschulalter leitete er selbständig die ersten zweiunddreissig Lehrsätze von Euklid her, mit sechzehn schrieb er eine Abhandlung über Kegelschnitte, die von den akademischen Gelehrten mit Interesse aufgenommen wurde. Mit neunzehn erfand er eine Rechenmaschine, die sechs- und siebenstellige Zahlen addieren und subtrahieren konnte. Ein Wunderwerk aus Zahnrädern, Wählscheiben und Nummern. Pascal hatte sie für seinen Vater konstruiert, der Steuerbeamter war.


«Pascaline» aus dem Jahr 1652: Die von Blaise Pascal entwickelte Rechenmaschine konnte zunächst nur addieren, schliesslich auch subtrahieren. Der Erfolg, den Pascal sich erhoffte, blieb allerdings aus. Es wurden nur rund fünfzig Exemplare gebaut.


Vor vierhundert Jahren, am 19. Juni 1623, wurde Blaise Pascal in Clermont-Ferrand geboren. Er war ein Wunderkind. Ein Genie. Und ein Kind des 17. Jahrhunderts, in dem sich die Entdeckungen der Naturwissenschaften überstürzten. Galilei hatte bewiesen, dass die Planeten um die Sonne kreisen, das Fernrohr wurde erfunden, die Schallgeschwindigkeit bestimmt, Newton arbeitete an der Gravitationstheorie. Das hatte Folgen für das Weltbild der Menschen. Mit den Mitteln der Vernunft, so schien es damals, liessen sich auch die letzten Geheimnisse der Welt lösen, wenn man nur richtig vorging.

Pascal löste ein paar der grossen Probleme, mit denen sich die Gelehrten seit Jahrhunderten herumschlugen. Im Alter, in dem sich seine Freunde mit Reiten und Jagen die Zeit vertrieben, arbeitete er wie besessen. Als Privatgelehrter. Geld verdienen musste er nicht, er konnte sich in Ruhe der wissenschaftlichen Arbeit widmen. Seine Familie gehörte zum wohlhabenden Amtsadel der Auvergne, Pascal lebte zunächst in Rouen, dann in Paris in grossbürgerlichen Verhältnissen.

1647, knapp vierundzwanzigjährig, räumte er mit einem seit der Antike feststehenden Irrglauben auf: dass es kein Vakuum geben könne, weil die Natur einen Abscheu vor der Leere habe. Er bewies, dass es ein Vakuum gibt, dass dieses aber nicht gleichbedeutend ist mit dem Nichts. Das stellte die Physik auf den Kopf. Und die Naturphilosophie auch. Ausserdem machte sich Pascal damit René Descartes zum Gegner, die damals dominierende Gestalt des Rationalismus.

Blaise Pascal als 25-Jähriger, gezeichnet von einem Freund, dem Juristen Jean Domat.


Descartes war überzeugt, wenn es ein Vakuum gebe, dann nur in den Köpfen von Gelehrten, die so etwas Absurdes behaupteten. Gleichwohl war er beeindruckt von dem jungen Mann, der die Fachwelt mit seinen Publikationen immer wieder in Erstaunen versetzte. Er wollte ihn treffen. Es kam zu mehreren Begegnungen in Paris. Doch sie verliefen für beide Seiten enttäuschend. Wissenschaftlich wurde man sich nicht einig. Und menschlich verstand man sich offenbar auch nicht.

Ein Mann der Vernunft

Nur wenige Jahre später machte Pascal wieder von sich reden. Beobachtungen bei Glücksspielen, mit denen man sich in der besseren Gesellschaft die Zeit vertrieb, hatten ihn dazu gebracht, sich mit den Gewinnchancen beim Würfeln zu beschäftigen. Er suchte nach Gesetzmässigkeiten und entwickelte zusammen mit dem Mathematiker Pierre de Fermat die Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Auch mit der Frage, wie gekrümmte Kurven mathematisch darstellbar sind, beschäftigte er sich, und leistete damit wichtige Vorarbeiten zur Entwicklung der Infinitesimalrechnung.

Ein Wissenschafter also. Ein Mann der Vernunft. Aber einer, der im Innersten überzeugt war, dass es mit der Vernunft allein nicht sein Bewenden haben könne. Schon als junger Mann beschäftigte sich Pascal neben seinen naturwissenschaftlichen Studien mit Theologie. Sein grosses philosophisches Werk, das er Ende der 1650er Jahre zu schreiben begann, hatte ein Ziel: Wissenschaft und Glaube miteinander zu versöhnen. Er vollendete es nie. Einige Jahre nach seinem Tod wurde es als Fragmentsammlung unter dem Titel «Pensées» herausgegeben.

Die auf Hunderten von Seiten verstreuten Gedankenfetzen sind glühende Funken, die noch heute das Denken entflammen. Wer in den «Pensées» liest, entdeckt im Gelehrten einer vergangenen Zeit einen Denker für das 21. Jahrhundert. Pascal ringt mit Fragen, die uns heute noch umtreiben: die Einsamkeit des Menschen, der Zwiespalt von Wissen und Glauben, die Unzulänglichkeit eines Lebens, das sich in Zerstreuungen zu verlieren droht.

Ein Gott, den man beweisen kann

Vor allem: Pascal weiss, dass es Fragen gibt, die mit der Vernunft nicht lösbar sind. Und dass es gerade die Fragen sind, die den Menschen existenziell betreffen. Gott zum Beispiel. Ob er existiert oder nicht, sagt Pascal, werden wir nie wissen. Beweisen lasse sich weder das eine noch das andere.


Wenn es Gott gibt, können wir ihn nicht erkennen, auch das steht für ihn fest. Das aber bedeutet: Ob wir an Gott glauben oder nicht, können wir nicht von der Existenz Gottes abhängig machen. Pascal sagt das leichthin, in seiner wunderbar geschmeidigen Sprache, und man könnte leicht darüber hinweglesen, wie unerhört der Gedanke eigentlich ist.

Dass Gott existiert, dass er existieren muss, das stand für die Theologen ausser Frage. Jahrhundertelang hatten sie sich darum bemüht, seine Existenz zu beweisen. Mal mehr, mal weniger überzeugend. Die Behauptung, die Frage lasse sich grundsätzlich nie entscheiden, und das spiele auch gar keine Rolle, klingt vor diesem Hintergrund paradox. Aber sie führt auf den Kern dessen, was Pascal unter Glauben versteht. Er will keinen Gott, den man beweisen kann. An diesen Gott könnte er nicht glauben. Weil man an ihn nicht glauben muss. Er existiert, auch ohne dass jemand an ihn glaubt.


gem. Augustin Quesnel

Pascal war ein zutiefst gläubiger Mensch. Aber Gott war für ihn nicht eine Sache der Erkenntnis, sondern der Offenbarung. Er selbst hatte Gott gefunden. Und er konnte sogar sagen, wann: in der Nacht des 23. November 1654 in seiner Pariser Wohnung in der Rue Beaubourg. Im «Mémorial», einem Stück Pergament, das er im Futter seines Mantels eingenäht hatte, um es immer bei sich zu haben, legte er davon Zeugnis ab. Als Pascal im August 1662 starb, neununddreissig Jahre alt, wurde es zufällig von einem Bediensteten entdeckt.

Die Gründe des Herzens

Ein seltsames Schriftstück. Locker übereinander gesetzte, hastig, wie im Fieber hingeschriebene Zeilen, die rätselhaft bleiben, auch wenn sich nach und nach Zusammenhänge erschliessen. «Feu» steht darüber, als Titel. Dann, wie eine rituelle Anrufung: «Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, nicht der Philosophen und der Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden, Freude, Frieden.» Dann, weiter unten: «Vergessen der Welt und aller Dinge, nur Gottes nicht. [...] Möge ich nicht auf ewig von ihm getrennt sein.

Das «Mémorial»: In der Nacht vom 23. November 1654 hielt Pascal in hastigen Notizen eine Art mystische Gotteserfahrung fest. Das Papier nähte er ins Futter seines Mantels ein, um es immer bei sich zu haben.

Das Dokument einer mystischen Erfahrung, einer Vision? Vielleicht. Auf jeden Fall der Versuch, etwas zu beschreiben, das sich jeder Beschreibung entzieht. Das Protokoll der spirituellen Begegnung mit einem Gott, von dem Pascal eines mit Sicherheit wusste: dass er über das Denken nicht zu finden war, sondern nur über den Glauben. Und dass er nicht erkannt, sondern nur erlebt werden kann.

«Das Herz hat Gründe, von denen die Vernunft nichts weiß», heisst es in den «Pensées» einmal, und das ist nicht so süßlich gemeint, wie es klingen mag. Als Mathematiker hatte Pascal eine klare Vorstellung davon, was es heißt, Gründe zu haben. Dass die Vernunft die Gründe des Herzens nicht kennt, liegt nicht daran, dass es keine guten Gründe wären. Sondern daran, dass die Vernunft sie nicht erkennen kann. Pascal war ein Mann der Vernunft. Gerade deshalb war er sich bewusst, dass die Vernunft der Vernunft auch darin liegt, dass sie ihre Grenzen kennt.

 von É. Pajou

Nota. - Die theoretische oder, wie Kant sagen wird, "reine" Vernunft hat zu tun mit dem, was so und nicht anders ist. Davon, was sein soll, handle dagegen die "praktische" Ver-nunft: von dem, 'was durch Freiheit möglich ist'; von dem, was man wollen oder nicht wollen kann. Das kann man nicht wissen und beweisen, das muss man behaupten - und es drauf ankommen lassen.
JE

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