Samstag, 17. Juni 2023

Der deutsche Stalinismus.

  aus Totale Bürokratie III: Zwischen Oder und Elbe

Das feudalbürokratische Vergeudungs- und Verknappungssystem

Man kann Gesellschaftsformen danach unterscheiden, durch welche Institution sie sicherstellen, dass ein Mehrprodukt entsteht, das akkumuliert werden kann und für Fortschritt sorgt.

Im Feudalzeitalter ist es der nur bedingte bäuerliche Besitz am Boden, durch den der Grundherr am Mehrprodukt teilhat und den Bauern zur Steigerung seiner Produktivität drängt. In der bürgerlichen Gesellschaft ist es der Austausch von Kapital und Arbeit, aus dem der akkumulierbare, neues Kapital bildende Mehrwert hervorgeht. Feudaladel und Bourgeoisie haben zu ihrer Zeit zum gesellschaftlichen Fortschritt beigetragen.

Ein parasitärer Auswuchs

Und wie war das mit der Sowjetbürokratie? Unter Stalin entstand eine Schwerindustrie, das ist wahr. Zugleich hat die Terrorherrschaft der Bürokratie – Zwangskollektivierung und Hungersnot, die Große Säuberung und der Gulag, die Zwangsumsiedlung ganzer Völker-schaften – ungezählte Millionen Menschenleben gekostet. Das war nicht zuletzt auch eine gewaltige Vernichtung von Produktivkraft.


Ob die Bürokratie zur Entwicklung der Produktivkräfte beiträgt, ist rein zufällig. Einem ökonomischen Zwang dazu unterliegt sie nicht. Auch sie verschlingt einen Teil des Mehr-produkts. Akkumuliert sie einen andern Teil? Welchen Teil sie verschlingt, das unterliegt keinerlei wirtschaftlichem Mechanismus, es ist rein willkürlich. Es kann auch mehr sein als das Mehrprodukt – sie macht auch vor der Substanz nicht halt, nichts hindert sie daran. Sie zehrt nur. Sie ist ein Parasit.

Der deutsche Stalinismus


Das stalinistische System ist in der sowjetischen Zone Deutschland fix und fertig an die Stelle des nationalsozialistischen Totalitarismus getreten. Vor dem Krieg war das sächsisch-thüringische Industrierevier neben dem Ruhrgebiet das zweite wirtschaftliche Herz Deut-schlands. Am Ende der DDR konnte davon nicht mehr die Rede sein. Die Bürokratie hatte eine Desakkumulation zu Wege gebracht, Ruinen schaffen ohne Waffen.

Dabei hat nicht einmal das Politbüro geprasst wie ein orientalischer Despot. In Wandlitz war alles von fast bescheidenem kleinbürgerlichen Zuschnitt. Warum also dieser Nieder-gang?

1. Das Mehrprodukt fiel immer kleiner aus. Ab einem bestimmten Punkt ‘ver-mittelt’ die Bürokratie nicht mehr die mechanischen Fertigungsprozesse, sondern behindert sie. Sie verfügt über keinen eingebauten Zwang zur Einsparung (wie etwa der Kapitalist, der pleite geht, wenn er zu teuer produziert). Sie verfügt nicht einmal über ein Maß, um die Kosten zu ermitteln: Ohne freien Markt waren die Preise reine Phantasiegebilde von Günter Mittag. Die Produktivität konnte sinken, ohne dass es einer merkte.

2. Die Bürokratie wurde immer zahlreicher. Eine Bürokratie kann auf die Dauer nicht allein durch Terror herrschen. Sie muss sich, wie jede andere Herrschaft, endlich ‘legitimieren’. Der Terror kann für ein Weile durch ständige Beschwörung von Konterrevolution und Kriegsgefahr legitimiert werden. Aber er versetzt die Gesellschaft in Lähmung und Apathie. Auf die Dauer kann sich die Bürokratie nur legitimieren, indem sie ihre Basis erweitert. In-dem sie immer mehr Andere an ihren Privilegien teilhaben lässt. Die Korruption – mora-lisch und materiell – wird zu ihrem allgegenwärtigen Herrschaftsmittel. Am Ende der DDR gab es kaum noch einen, der nicht durch seine Zugehörigkeit zu irgendeinem Kollektiv – “gesellschaftliche Organisation”, Blockpartei, Soliinitiative… – Zugang zu irgendeinem Vorrecht hatte, von dem die Andern ausgeschlossen waren (außer natürlich der “am mei-sten privilegierten gesellschaftlichen Gruppe”, den Kindern).

Bürokratische Feudalisierung


Zugleich setzt aber das Privileg allgemeine Knappheit voraus. Eine zügige wirtschaftliche Entfaltung, ein allgemeiner Wohlstand hätte die Bedingungen der bürokratischen Herr-schaft untergraben. Sie lagen gar nicht im Interesse der “Verantwortlichen”. Da war es nicht nötig, dass sie sich untereinander zu systematischer Verschwendung verschworen hätten; es reichte aus, dass sie sie nicht wirksam bekämpften: Der Bock taugt nicht zum Gärtner.

Die Wege der Privilegierung waren nur zum kleinen Teil regulär und offiziell. In der großen Masse waren sie informell: Einer kennt einen, der wieder einen kennt... “Seilschaften” nann-te man das schließlich, eine Hand wusch die andre. Es entstanden Abhängigkeitsverhältnisse in rein persönlichem, gefolgschaftlichen Rahmen, im Schatten der sichtbaren Hierarchien. Die innere Verfassung des bürokratischen Corps nahm schließlich ausgeprägt feudale Züge an. Zersplitterung und durchgängige Mediatisierung - kanonisch erfasst im Begriff der Nischengesellschaft.

Selbst das, was man die Besitz- oder Eigentumsverhältnisse nennen könnte, ähnelte einem feudalen Lehens-Verhältnis. Zwischen Parteifunktionären und Betriebsdirektoren bestanden Vasallitäten, die in gegenseitiger Loyalität begründet waren, aber in jedem Fall nur bedingt galten – je nach den Gleichgewichten im bürokratischen Gesamtgefüge.

Die gesellschaftlichen Produktivkräfte hatten gegen Ende der DDR angefangen zu schrum-pfen. Schon der Augenschein einer Bahnfahrt durch Leuna und Merseburg machte es deut-lich. Ohne die Kredite aus der Bundesrepublik wäre das System schon Jahre vorher zusam-men gebrochen.

Der unaufhaltsame Untergang

Es ist wahr, die horrenden Kosten der Hochrüstung haben ihren – aus den genannten Gründen nicht kalkulierbaren – Teil zum Raubbau an der Substanz beigetragen. Aber der Kalte Krieg und sein kleiner Bruder, die Friedliche Koexistenz, waren kein Paletot, den die östlichen Regimes an der Garderobe hätten ablegen können. Sie waren der kümmerliche, jämmerliche Rest, den Stalins “Sozialismus in Einem Land” von der Weltrevolution schließ-lich übrig gelassen hat. Aber völlig darauf verzichten konnten sie nicht. Nur unter dem Eti-kett “Sozialismus” (eingeschränkt durch “realexistierend”) konnte die Bürokratie ihre Herr-schaft schlecht und recht legitimieren, sie musste Friedenslager und Siegerseite der Weltge-schichte bleiben bis zum bittern Ende…

Ach, bitter? Manchem Betriebsleiter ist es gar nicht so schwer gefallen, sich vom feudalbü-rokratischen Bonzen zum kapitalistischen Boss zu mausern, und hätte die Bundesrepublik nicht mit der D-Mark auch die Öffentlichkeit nach Ostdeutschland gebracht, wären wir dort Zeugen der selben Art von “ursprünglicher Akkumulation des Kapitals” geworden wie in Boris Jelzins Wildem Osten; na ja, allzu viele (lebende) Zeugen nicht…



Siebzig Jahre.

 

Ich hab mich immer gefragt, welche Farbe die Fahne in der Mitte wohl gehabt hat.




Freitag, 16. Juni 2023

"Borderline"?


aus spektrum.de 16. Jun 2023                                                                                  zu  Jochen Ebmeiers Realien

Ist Borderline doch keine Persönlichkeitsstörung? 
Experten ziehen überraschendes Fazit 
Ein gestörtes Selbstbild, starke Stimmungsschwankungen, Impulsivität, instabile Beziehungen, vielleicht sogar Selbstverletzung – ja, wer denkt dabei nicht gleich an die Borderline-Persönlichkeitsstörung? 


Der Begriff “Borderline” ist inzwischen – wie so viele andere aus der Welt der klinischen Psychologie – in die Alltagssprache eingesickert:

Man fühlt sich heute “depressiv” (niedergeschlagen?), ist etwas “autistisch” (unempathisch?) oder findet eine Idee “schizophren” (zwiespältig?). Diese Sprache dokumentiert die Normalisierung klinisch-psychologischen Denkens in unserer Gesellschaft.

Wenn es aber nach Roger Mulder von der Universität Otago (Neuseeland) und Peter Tyrer vom Imperial College London geht, ist das bald anders. Ihr Fazit in einer neuen Publikation könnte nämlich kaum deutlicher sein: “Borderline-Persönlichkeitsstörung: Eine zweifelhafte Bezeichnung, die nicht von der Wissenschaft gestützt wird und aufgegeben werden sollte.“Damit knüpfen die Experten an eine kritische Denkweise an, die die Diagnose von Persönlichkeitsstörungen (dazu hier auf MENSCHEN-BILDER: “Es geht nicht ganz ohne soziale Normen”) und insbesondere Borderline für äußerst problematisch hält. Schon in den frühen 1990ern warnte George E. Vaillant von der Dartmouth Medical School davor, Menschen als “Borderliner” abzustempeln. Die Diagnose verrate vielmehr etwas über den emotionalen Zustand des Psychotherapeuten(!) als des Patienten.

Wissenschaftlich-philosophische Argumente

Natürlich bestreitet niemand, dass es Menschen mit den eingangs genannten extremen Gefühlen und Verhaltensweisen gibt. Aber wie hier bei MENSCHEN-BILDER und meinem eigenen Ansatz zu psychischen Störungen üblich, wollen wir streng zwischen einem Phänomen und dessen “Namen” (Bezeichnung, Wort, Klassifikation) unterscheiden.

Und dafür, die Bezeichnung “Borderline” aufzugeben, führen Mulder und Tyrer wichtige Argumente an; zwei erfahrene Experten, die übrigens für die Weltgesundheitsorganisation am Klassifikationssystem für Persönlichkeitsstörungen mitgewirkt haben.

Sie erinnern zunächst daran, dass die Diagnose vor über 60 Jahren aufkam, als Psychoanalytiker nach einer Bezeichnung für Probleme an der Grenze zwischen Neurose und Psychose suchten, die man möglicherweise psychotherapeutisch behandeln könnte. Die drei Hauptmerkmale instabile Stimmung, unbeständige Beziehungen und gestörtes Verhalten könnten, so Mulder und Tyrer, allerdings auch durch chronische Schlafprobleme ausgelöst werden. Außerdem passe das wechselhafte Auftreten der sogenannten Borderliner nicht dazu, dass Persönlichkeitsstörungen über die Zeit stabile Eigenschaften beschreiben.Zudem seien alle Versuche gescheitert, Borderline mithilfe der weitverbreiteten Instrumente zur Messung von Persönlichkeit – wie der sogenannten Big Five – einzuordnen. (Zur Erinnerung: Das Fünf-Faktoren-Modell besteht aus Offenheit, Neurotizismus, Extraversion, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.) “Wenn Borderline eine echte Persönlichkeitsstörung wäre, würde sie nicht außerhalb dieses Systems fallen”, argumentieren die beiden Psychiater.

Damit sei natürlich nicht gesagt, dass Personen, die bisher diese Diagnose bekamen, nicht andere, teils schwere psychische Probleme hätten. Diese würden sich aber meist mit anderen Persönlichkeitsstörungen oder Störungsbildern wie ADHS, bipolare Störung oder anderen Gefühlsstörungen überschneiden.

Die Arbeitsgruppen für das ICD-10 und ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation hätten sich darum auch gegen die Kategorie Borderline ausgesprochen, doch damit nicht gegen “mächtige Lobbygruppen” durchsetzen können. (Gemeint ist hier wohl die Mehrheit der Psychotherapeuten und Psychiater, die an der etablierten Begrifflichkeit festhalten will.)

Praxis: Und für die Patient*innen?

Wenn aus theoretischer Sicht so wenig für die Borderline-Persönlichkeitsstörung spricht, wie verhält es sich dann mit der Praxis? Ist die umstrittene Diagnose vielleicht wenigstens in dem Sinne nützlich, dass sie den Betroffenen eine bessere Therapie ermöglicht?Auch hier kommen Mulder und Tyrer zu einem kritischen Ergebnis: Wenn man nämlich von der heute etablierten klinischen Redeweise über “Borderliner” absehe, blieben im Grunde nur allgemeine Methoden zur Reduktion von Stress und psychischem Leid übrig. Von diesen würden aber im Prinzip alle psychologisch-psychiatrischen Patienten profitieren – von denen im Fall von “Borderline” übrigens rund 80 Prozent weiblich sind.

Wenn es laut den Fachleuten keine spezifische Therapie gegen die fragliche Persönlichkeitsstörung gibt, sieht es dann vielleicht mit psychopharmakologischen Behandlungen besser aus? Das Ergebnis einer neuen Meta-Analyse durch die unabhängige Cochrane-Stiftung fiel jedoch ernüchternd aus.

Dennoch verschreibt man den Betroffenen oft Psychopharmaka, mitunter verschiedene Wirkstoffe durcheinander. Die Situation erinnert damit an die Forschung und Praxis zur Behandlung von Depressionen (Depressionen: Kommen die Fakten endlich ans Licht?).

Stigmatisierung

Falls sich beim Lesen dieses Artikels ein negatives Gefühl ausbreitet, muss ich Sie leider vorwarnen, dass das größte Problem überhaupt erst noch kommt: Was macht nämlich die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung mit den Betroffenen? Und mit denjenigen, die ihnen helfen sollen?

Mulder und Tyrer schreiben dazu, dass die Klassifikation selbst einer der größten Gründe für die Stigmatisierung der Patientinnen und Patienten ist. Und stärker noch: “Klinische Experten sind die größten Übeltäter dabei, ein Stigma zu fördern – und bei dem darauffolgenden Ärger, den das provoziert.” Ein anschauliches Beispiel hierfür sind verdrehte Augen sowie andere Mimik und Gestik oder eine Bemerkung wie “schon wieder eine Borderlinerin” durch Fachpersonal, das den Betroffenen eigentlich helfen soll.

Auch mir haben im Gespräch Betroffene mehrfach bestätigt, dass sie nach einer solchen Diagnose kaum noch ernst genommen wurden. Was passiert wohl, wenn sie daraufhin impulsiv und emotional reagieren? Natürlich ist das aus Sicht vieler Expertinnen und Experten dann nur eine Bestätigung dafür, dass die vorangegangene Diagnose stimmte.

Das wäre aber ein Kreislauf, aus dem man kaum mehr herauskommt – zumal dann, wenn man ernsthafte psychische Probleme hat. Ich selbst kann heute nur noch müde lächeln, wenn ich zum x-ten Mal von einem Psychiater oder einer Psychologin den Satz höre, man müsse etwas gegen die Stigmatisierung psychisch-psychiatrischer Patienten tun. Ja, warum fangen sie dann nicht gleich bei sich selbst damit an?

Das Etikett “Borderline-Persönlichkeitsstörung” kann noch auf ganz andere Art und Weise negative Konsequenzen haben. Mulder und Tyrer führen aus, dass man dann Probleme und Symptome, die auf andere Störungen oder Krankheiten hinweisen könnten, mitunter weniger ernst nimmt. “Das bestätigt die Sichtweise, dass die Diagnose von Borderline in zunehmender Weise zur Ausgrenzung verwendet wird; das führt nur dazu, dass die Betroffenen sich zunehmend entfremdet und ärgerlich fühlen”, so die beiden Psychiater.

Pragmatismus: Wessen Nutzen?

Man darf bei dieser Thematik nicht vergessen, dass die Klassifikation psychischer Störungen pragmatischer Art ist. Die beiden Fachleute, die daran auf höchster Ebene für die Weltgesundheitsorganisation mitgewirkt haben, wiesen bereits auf verschiedene Interessengruppen hin, die darauf Einfluss nehmen.

Aus philosophischer Sicht haben wir es hier eben nicht mit “Essenzen” zu tun, so wie beispielsweise ein Atom genau dann ein Goldatom ist, wenn es 79 Protonen hat. Wissenschaftstheoretiker wie der kürzlich verstorbene Ian Hacking (1936-10. Mai 2023) haben aufgezeigt, wie wissenschaftliche, klinische und andere institutionelle Faktoren mit den Erfahrungen der Patientinnen und Patienten interagieren. Wie in den Lebens- und Sozialwissenschaften üblich, kommt es zu zahlreichen Wechselwirkungen zwischen Beobachter und Beobachteten.

Das macht die Klinik und Forschung nicht willkürlich. Es erinnert uns aber daran, die Fachleute mit in die Gleichung aufzunehmen: Wie wirkt sich deren Denken und Handeln auf das Problem aus?

Dabei stellt sich auch die Frage, wessen Interessen das Gesundheitssystem im psychischen Bereich am ehesten dienen sollte: Dem der Forscherinnen und Forscher, der Psychiater, Psychologinnen, der Pharmafirmen oder der Patientinnen und Patienten?

Dass es in der Praxis vor allem um die Bedürfnisse der Patienten geht, ist gar nicht so offensichtlich. Beispielsweise kam er angesehene Depressionsforscher Corrado Barbui von der Universität Verona zum Ergebnis, dass die klinische Diagnose “Depression” eher formale Anforderungen erfüllt – nämlich mit Blick auf Rechenschaft und Kohärenz der Entscheidungen von Fachleuten.

Das heißt, dass auch Menschen mit einer depressiven Symptomatik – insbesondere negative Gefühle und/oder Antriebslosigkeit – nicht unbedingt mit einem psychologisch-psychiatrischen Etikett geholfen wird.

Ausblick

Mulder und Tyre schließen mit der konstruktiven Botschaft, wie Menschen mit der sogenannten Borderline-Problematik am besten geholfen werden könne: Bei leichten Fällen sei wahrscheinlich eine freiere Gruppentherapie am sinnvollsten; für diejenigen mit schwerer und auch unsozialer Problematik eigne sich eine individualisierte Therapie mit klar gezogenen Grenzen besser; bei Identitäts- und Dissoziationsproblematik könne sich die Therapie eher auf frühere Traumata konzentrieren.

Dieser letzte Punkt ist mir hier bei MENSCHEN-BILDER ganz besonders wichtig: Menschen mit schweren psychischen Problemen haben oft auch schwere traumatische Erlebnisse, Missbrauch und/oder Vernachlässigung durchgemacht. Deren individuelles Schicksal kann hinter einer Diagnose wie “Borderline-Persönlichkeitsstörung” schnell verschwinden.Wenn Menschen mit diesem Hintergrund in der Jugend oder im Erwachsenenalter so ein schwerer Stempel aufgedrückt wird, der sie für Expertinnen und Experten als “schwierige Person” brandmarkt, werden sie möglicherweise zum zweiten Mal ausgegrenzt.

Wenn wir angeblich in so einer inklusiven und diversen Welt leben, warum kriegen dann förmlich alle mit abweichendem Verhalten oder anderen Erlebnissen ein psychologisch-psychiatrisches Etikett verordnet, um sie dann mit Psychotherapie und/oder Medikamenten an die gesellschaftliche Normalität anzupassen?

Natürlich ist es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, wenn jemand beispielsweise Glassplitter oder Rasierklingen schluckt, wie es bei der hier beschriebenen Problematik in Extremfällen vorkommen kann. Aber nicht für alle Probleme gibt es eine einfache Lösung. Das erste medizinethische Prinzip ist und bleibt dennoch: Richte keinen Schaden an!

Das gilt auch für den Prozess der Diagnose. Laut den Fachleuten für Persönlichkeitsstörungen, Roger Mulder und Peter Tyrer, sollte die Kategorie Borderline darum als unwissenschaftlich und potenziell schädlich aufgegeben werden.

P.S. Stigmatisierung

Man sollte natürlich auch an die Seite des Klinikpersonals denken, das durch eine Borderline-Symptomatik hart auf die Probe gestellt werden kann. Die oben kritisierten Gesten und Ausdrucksweisen dienen dann vielleicht primär dazu, mit Stress umzugehen und auch mal Druck abzulassen.

Was wäre das aber wohl für eine Welt, in der man Menschen mit schlimmen Erlebnissen keine neue Identität in Form eines klinisch-psychologischen Etiketts überstülpt – sondern sie primär als das sieht: Als Menschen, die oft einfach das Pech hatten, in einer schädlichen Umgebung gelandet zu sein, in der sie viel Schlimmes erfuhren.

Originalpublikation: Mulder, R. & Tyrer, P. (2023). Borderline personality disorder: a spurious condition unsupported by science that should be abandonedJournal of the Royal Society of Medicine, 116, 148-150.


Montag, 12. Juni 2023

Die Magdalenenflut, die Pest und der Untergang des Mittelalters.


aus spektrum.de,12.06.2023                                                                                                        zu öffentliche Angelegenheiten

MAGDALENENFLUT
Als das Mittelalter den Boden unter den Füßen verlor
Im Jahr 1342 vernichtete ein Jahrtausendhochwasser Haus und Hof von Abertausenden. Doch die Katastrophe in Europas Mitte war zu einem gut Teil eine menschengemachte Tragödie.


von Sebastian Hollstein

Erstaunlicherweise kennen wir heute nur ein einziges Todesopfer mit Namen, verzeichnet auf einem Reliquienkreuz in der Göttinger Kirche St. Albani: Im Jahr 1342, so heißt es dort, »ver drank hermen goltsmet in der groten vlot«. Der Goldschmied Hermann, ertrunken in der großen Flut. Wie viele Menschen noch ihr Leben verloren hatten, im Juli jenes Jahres, ist unbekannt. Es könnten wohl Tausende gewesen sein

Niemals zuvor in der bekannten Geschichte und niemals wieder seitdem erlebten Menschen auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands Vergleichbares. Ganze Gegenden bekamen binnen Stunden ein neues Gesicht verpasst. Und eine ohnehin schon durch Dekaden der Wetterextreme im Mark erschütterte Gesellschaft sah ihre Lebensgrundlagen auf dem Acker davonschwimmen mitsamt zahlreicher Bauwerke entlang der Flüsse. Das Land war von einer Flut biblischen Ausmaßes getroffen worden.

»Über die Mauern der Stadt Köln fuhr man mit Kähnen. Die meisten Brücken und Türme stürzten ein, von den Wassermassen unterspült«, fasst der Autor der »Vita Clementis VI.« – einer Lebensbeschreibung Papst Clemens VI. – zusammen. Die Donau überflutete die Brücke in Straubing. Die Nürnberger Stadtchronik berichtet von einem »groß guß in aller Welt«. Erfurt, Kassel und Meißen meldeten Land unter. »In Friesland, Eiderstedt und dem benachbarten Dithmarschen wurden durch eine Überschwemmung der Eider und Elbe alle Äcker verwüstet«, notierte ein dänischer Geschichtsschreiber.

Dass die Wassermassen eine derart zerstörerische Wirkung entfalten konnten, war jedoch nur zum Teil dem Wirken der Natur zuzuschreiben. Durch ihren tief greifenden Umbau der Landschaft hatten die Menschen des Mittelalters über Jahrhunderte der Flut den Boden bereitet, freilich ohne es zu ahnen. Aus heutiger Sicht allerdings erscheint der Schicksalsschlag des Jahres 1342 wie eine Umweltkatastrophe mit Ansage.

Eine Fülle an Schriftquellen vermittelt einen Eindruck von den Ausmaßen des Hochwassers. »Als die Überschwemmung so große Ausmaße erreichte, dass sie über Äcker, Felder, Saat und Bepflanzungen ragte von gleicher Größe wie die Fluten des Meeres, da versuchten alle Menschen sie einzudämmen, damit sie nicht nach Überschreiten der Mauern alles fortrissen«, schreibt der Gelehrte Heinrich von Herford über die Geschehnisse in seiner Heimatstadt Minden. »Denn überall stürzten sie Mauern, Türme, Pforten, steinerne Häuser und Brücken ganz und gar um, wobei sie die Steine der Mauern und Brücken sehr weit wegführten. Leichen rissen sie aus der Erde der Gräber und aus dem Friedhof der neuen Stadt bei Lemgo mit sich.«

Auch aus den Niederlanden, der Lombardei, Frankreich oder Böhmen sind Ausnahmezustände überliefert. In einigen Fällen lässt sich nicht genau unterscheiden, ob die jeweiligen Gegenden direkt von den Starkniederschlägen oder eher indirekt durch die Flutwellen betroffen waren, die sich im Anschluss daran die Flüsse hinabwälzten.

Der Main wurde zur Wasserwalze

Vor allem aber traf es die Main-Region. Das Wasser stieg so hoch, »dass die steinerne und prächtige Brücke zu Würzburg mit den Türmen und ihren Mauern und den Stadtmauern und auch viele steinerne Häuser dort und ringsherum plötzlich einstürzten«, heißt es in einem Geschichtswerk. In Frankfurt hatte der Main fast alle Kirchen überflutet und im Stadtteil Sachsenhausen eine riesige Grube in den Boden gewühlt. Die Einwohner flüchteten in höher gelegene Gebiete oder ins Umland, »da sie einen Einsturz der Stadt fürchteten«. Dank einiger Angaben aus den Quellen lässt sich für Frankfurt ein Wasserstand von 7,85 Metern rekonstruieren. Heute gilt ein Pegel von 3,40 als Hochwasser. Nie wieder stand der Fluss hier so hoch.

Aus den historischen Aufzeichnungen lässt sich der ungefähre zeitliche Ablauf der Katastrophe rekonstruieren. Demnach begann schon ab dem 19. Juli eine von Südosten heranrückende Regenfront ihr Wasser über dem heutigen Deutschland auszuschütten. Und hörte scheinbar nicht mehr damit auf. Der 22. Juli, der Tag der Heiligen Magdalena, wurde zum Namensgeber der Katastrophe. Hydrologen berechneten, dass in der Main-Region während dieser Woche etwa die Hälfte der Niederschlagsmenge eines ganzen Jahres vom Himmel gekommen war.

Mensch und Natur – eine Geschichte voller Missgriffe

Zeit ihres Bestehens verändern Menschen die Umwelt. Schon Jahrhunderte vor der industriellen Revolution schürften sie nach Bodenschätzen, leiteten Abwasser in Flüsse, rodeten Wälder, um Äcker zu gewinnen, oder dezimierten die Tierwelt. Die Folgen spürten die einstigen Gesellschaften – insbesondere wenn ihre Umwelteingriffe Naturkatastrophen verschärften. Doch wie stark war der Einfluss des Menschen tatsächlich? Und hat sich die Natur nicht längst erholt?

Aus Buße führten die Einwohner Frankfurts am 26. Juli des Jahres – als das Wasser langsam wieder zurückging – eine Prozession durch. Dieses Ritual wiederholten sie fast 200 Jahre lang immer am Tag der Heiligen Maria Magdalena, hielten so die Erinnerung an die Katastrophe lebendig und verfestigten die Bezeichnung »Magdalenenhochwasser« überregional im kollektiven Gedächtnis.

Klimachaos am Ende des Mittelalters


Welche Wetterlage dieses »bisher größte historisch belegte Hochwasser in Mitteleuropa«, so die Schweizer Hydrologin Eveline Zbinden, auslöste, lässt sich heute nur durch Vergleiche mit gegenwärtigen Erscheinungen rekonstruieren. Die meisten Experten gehen davon aus, dass ein Tiefdruckgebiet vom Atlantik kommend im westlichen Mittelmeer warme und feuchte Luft aufgesaugt und über Österreich, Tschechien und Polen nach Norden transportiert hatte. Seine westlichen Ausläufer waren schließlich auf kalte Luftmassen aus dem Norden getroffen, was heftige Niederschläge vor allem auf deutschem Gebiet auslöste. Die Schriftquellen zeigen, dass der Regen etwa über dem heutigen Franken begann und dann weiter nach Westen zog. Das entspricht der Bahn einer so genannten Vb-Wetterlage (Fünf-B-Wetterlage), die übrigens beispielsweise auch für das »Jahrhunderthochwasser« an der Elbe im August 2002 verantwortlich war. Doch abschließend lässt sich die Ursache fast 700 Jahre später nur schwer klären. Für Zweifel an dieser Deutung sorgt beispielsweise das weite Vordringen der Niederschläge in westlichere Regionen. Als zweite Option ist deshalb auch eine Troglage möglich, in der Tiefausläufer bis weit nach Mitteleuropa wirkten. Eine solche Wetterkonstellation brachte etwa die verheerenden Wassermassen 2021 ins Ahrtal. So oder so muss es eine Extremversion des verantwortlichen Phänomens gewesen sein, denn ein Hochwasser dieses Ausmaßes tritt höchstens einmal in 1000 Jahren ein. Und Extremereignisse waren in dieser Zeit keine Seltenheit. Im 14. Jahrhundert steckte Europa mitten in einem Klimakarussell.

Zuvor hatte die so genannte mittelalterliche Klimaanomalie dem Kontinent für rund 300 Jahre überdurchschnittlich milde Temperaturen und gute Ernteerträge beschert. In England wurde sogar Wein angebaut. Die Bevölkerung wuchs enorm, von rund 40 auf 60 Millionen Menschen. Was diese lokale Erwärmung auslöste, die im Übrigen deutlich schwächer ausgeprägt war als der aktuelle Temperaturanstieg durch den menschengemachten Klimawandel, ist bislang nicht abschließend geklärt. Genauso wenig ist klar, wieso das Klima allmählich in ein entgegengesetztes Muster umschlug: in die so genannte Kleine Eiszeit, eine Phase geringerer Temperaturen, die bis ins 19. Jahrhundert andauern sollte. »Trockene, warme Sommer und milde Winter der Jahrhunderte zuvor wurden abgelöst von kühleren und regenreicheren Sommern und langen, strengen Wintern«, sagt Klimahistoriker Rüdiger Glaser von der Universität Freiburg.

Bereits im Februar 1342 sorgte die Schneeschmelze für zerstörerische Überschwemmungen, und auch 1343 traten wieder Flüsse über die Ufer

Was auch immer der Grund dafür war, jedenfalls hatte das Heilige Römische Reich, als es auf jene schicksalhafte Woche um den Sankt-Magdalenen-Tag zusteuerte, bereits Ernteausfälle, Viehseuchen und entsprechende Hungersnöte zu verkraften. So zum Beispiel zwischen den Jahren 1315 und 1318. Nahezu alttestamentlich anmutende Heuschreckenschwärme zogen zwischen 1336 bis 1338 aus Asien über Ungarn bis an den Rhein und vernichteten in mehreren Jahren erhebliche Teile der Ernte. Im Jahrzehnt der Magdalenenflut erreichte das Klimachaos schließlich seinen Höhepunkt. »Tatsächlich ergibt sich aus unabhängigen paläoklimatologischen Daten, dass die 1340er und die frühen 1350er Jahre einen Zeitabschnitt fast einzigartiger klimatischer Instabilität darstellen«, fasst der Historiker Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas zusammen. Das Hochwasser vom Juli 1342 sei das Zentralereignis eines von meteorologischen Extremen geprägten Doppeljahres gewesen.

Denn bereits im Februar 1342 transportierten die Flüsse nach einem schneereichen Winter durch die einsetzende Schneeschmelze große Mengen Wasser und Eis. Solche Eisstöße und damit verbundene Überschwemmungen richteten enorme Schäden an. In Prag wurde die Judithbrücke, der Vorgängerbau der heutigen Karlsbrücke, »an mehreren Stellen zerbrochen, so dass kaum ein Drittel von ihr übrig blieb«, schreibt der Chronist Franz von Prag. Ähnliches passierte an der Donau und Elbe. Die Seine im französischen Rouen trat über die Ufer. Im Folgejahr 1343 wiederholte sich nach der Schneeschmelze das Hochwasser an der Elbe. Ende Juli traten erneut große Überschwemmungen vor allem im Südwesten und in der Rhein-Gegend auf. »Von Schaffhausen bis zur Stadt Straßburg wurden alle Brücken des Rheins durch das Hochwasser und den stürmischen Lauf zerstört und fortgerissen, mit großem Verlust an Menschen«, schreibt etwa der Chronist Johannes von Winterthur, der zudem von intensiven Gewitterschauern im September berichtet, die eine »erstaunliche Vergrößerung des Bodensees, besonders um Lindau herum« verursachten.

Die Umweltkatastrophe nach der Naturkatastrophe

Diese Fluten und allen voran das Magdalenenhochwasser hatten zahllose Häuser, Brücken und andere Infrastrukturanlagen beschädigt oder zerstört sowie die hygienischen Bedingungen allgemein verschlechtert. Trinkwasserquellen blieben über längere Zeit verschmutzt, da sich das Hochwasser vielerorts erst nach Wochen zurückzog. All das ließ sich wiederaufbauen, reparieren, oder es regelte sich mit der Zeit von allein. In vielen Gegenden allerdings mussten die Menschen feststellen, dass die Flut ein Opfer gefordert hatte, das unwiederbringlich verloren war


Agrarlandschaft | Die Darstellung des »Wunderbaren Fischzugs« (1444) verlegte der Maler Konrad Witz vom Heiligen Land an den Genfer See. Auf der ersten bekannten naturalistischen Landschaftsdarstellung erkennt man, wie sehr die Umwelt des Mittelalters von gerodeten Ackerflächen bestimmt war.



Eine Chronik des Klosters Loccum westlich von Hannover berichtet davon. So vernichteten die Wassermassen nicht nur die Saaten und die Pflanzen auf den Feldern, heißt es darin, sondern »auch die Äcker selbst«. Als sich die Wassermassen aus dem heutigen Deutschland zurückzogen, lagen die von Bodenerosion betroffenen Ackerflächen im Mittel um etwa 25 Zentimeter tiefer als noch eine Woche zuvor.

Wer an die Landschaft im Mittelalter denkt, mag ausgedehnte Urwälder vor Augen haben und Dörfer wie Inseln in einem Meer aus Bäumen. Tatsächlich war der Waldbestand bis 1300 auf gerade einmal die Hälfte seines heutigen Werts geschrumpft: Nur 15 Prozent der Landesfläche war mit Wald bedeckt, schreibt der Geoarchäologe Hans-Rudolf Bork von der Universität Kiel.

Die wachsende Bevölkerung verlangte fortwährend nach mehr Ackerflächen. Man schuf sie, indem man rodete. Die Brennöfen der Töpfereien, die Eisenverhüttung, all das verschlang Unmengen von Brennholz. Und nicht zuletzt fällte man Bäume für eine gesteigerte Bautätigkeit und neue Wirtschaftszweige, etwa die Papierherstellung.

Ausgerechnet die fetten Jahre des Hochmittelalters mit ihrer expansiven Landnutzung hatten eine großflächige Bodenerosion in den Mittelgebirgen losgetreten.

Zur Versorgung der Bevölkerung ordnete man die Agrarlandschaft einem Effizienzgedanken unter, wie man ihn sonst eher mit dem 20. Jahrhundert in Verbindung bringt. Zum Beispiel durch die Dreizelgenwirtschaft. Der Flickenteppich zahlloser kleiner Äcker wurde aufgegeben zu Gunsten eines Systems aus jeweils drei Großfeldern (Zelgen), die sich von der Gemeinschaft einheitlich bewirtschaften ließen. In den modernsten Agrarflächen der Zeit konnten die Bauern hunderte Meter geradeaus pflügen, ehe sie sie zur Wende ansetzen mussten. Dadurch schrumpfte die Fläche, die als Raum für die Wende verloren ging. Auch brauchte es weniger Zugangswege. Die Landwirtschaft »erschloss damit die letzten Flächenressourcen«, schreibt der Historiker Rainer Schreg von der Universität Bamberg. »Die Öffnung der Flächen und Reduzierung von Hecken und Rainen dürfte Wind und Wetter größere Angriffsflächen geboten haben, so dass Bodenerosion im Spätmittelalter stark zunahm.«

Auf diese Ausgangslage traf das Magdalenenhochwasser. »Der Abfluss eines einzigen außergewöhnlich starken Niederschlags kann weitaus mehr Boden abtragen als sämtliche übrigen, weniger intensiven Niederschläge eines ganzen Jahrhunderts«, erklären Hans-Rudolf Bork und Kollegen im Buch »Landschaftsentwicklung in Mitteleuropa«.

In den »Archiven der Landschaft«

Vor allem Hans-Rudolf Bork war es, der die starken Regenfälle von 1342 und das Ausmaß der mit ihr verbundenen Erosionsvorgänge in den »Archiven der Landschaft« sichtbar machte. Die ersten Hinweise fanden er und seine Kollegen bei Grabungen 1979 und 1980 in einer Lehmgrube in der Nähe des Dorfes Rüdershausen bei Göttingen. Unter einer recht homogenen Schicht aus Material, das durch Bodenerosion über Jahrhunderte hinweg vom benachbarten Acker den Hang hinuntergespült worden war, fand sich in etwa acht bis zehn Meter Tiefe »ein unerwartetes Chaos unterschiedlicher Materialien«, schreibt Bork in einem Aufsatz 2014. Hier lagen mehrere tonnenschwere Blöcke aus Löss und Braunerde, darunter dann kleinere Brocken, die mitunter zwei verschiedene Farben aufwiesen. Die Zwischenräume füllten »hunderte dünne Schichten […], die von fließendem Wasser abgelagert worden waren«. Der Geomorphologe liefert eine Erklärung, wie diese Schichtlage entstanden ist: »Der extrem starke Abfluss eines Starkniederschlags hatte eine mehr als zehn Meter tiefe Schlucht in den Löss eingerissen. Die Wände der Schlucht hingen teilweise über, waren instabil und brachen bald nach dem Starkregen ein.« Die zweifarbigen Blöcke gehörten zur ursprünglichen Oberfläche des Ackerbodens. Niederschläge in den Monaten nach der Katastrophe hatten schließlich das feine Material in die Zwischenräume gespült.

Die fetten Jahre des Hochmittelalters hatten der Bodenerosion Tür und Tor geöffnet

All diese Formen wären so nicht erhalten geblieben, wenn der gesamte Prozess Jahre gedauert hätte. Neben der Schlucht fanden sich weitere Spuren, die auf das gleiche Ereignis zurückzuführen waren. Die im Mittelalter weit verbreiteten Wölbäcker, bei denen sich vom Pflug aufgeworfene Dämme mit Furchen wie in einem Streifenmuster abwechselten, waren wohl besonders anfällig. In den Einschnitten rauschte das Wasser hinab und riss dabei große Mengen Erde mit sich. Durch Keramikfunde konnten Bork und sein Team die entscheidende Schicht auf das 14. oder frühe 15. Jahrhundert datieren.

Weitere Funde dieser Art bestätigten den Verdacht, dass ein einziges Starkregenereignis für das Schluchtenreißen verantwortlich war. In einer aufgegebenen Siedlung, der Wüstung Drudevenshusen, ergaben Grabungen, dass das Wasser den Boden der anliegenden etwa 65 Hektar umfassenden Nutzfläche fast vollständig abgetragen hatte. Die hier gefundene Keramik datierte der Archäologe Hans-Georg Stephan zwischen 1310 und 1340 – also in die unmittelbare zeitliche Nähe zur Magdalenenflut.

Geoarchäologen, die nach Spuren der Tragödie suchten, wurden nicht nur im Eichsfeld fündig. Die ehemalige Ortschaft Winnefeld im Waldgebiet Solling des Weserberglands zum Beispiel verlor an das Hochwasser Häuser, Brücken, eine Straße und fruchtbaren Boden, zeigten Ausgrabungen. Möglicherweise verließen die Einwohner das Dorf deswegen kurze Zeit später. Auch im Spessart und im Frankenwald hat sich das Regenwasser in die Landschaft gekerbt.

Hier zeigt sich ein Muster: Weiter nördlich waren die Ackerflächen eher auf ebenem Gelände angelegt. In den Mittelgebirgen jedoch beackerten die Menschen die gerodeten Hänge. Das rächte sich nun. »Im Verlauf von wenigen Stunden oder Tagen hatten Teile des Spessarts und des Sollings ihre ursprüngliche Furchtbarkeit verloren; sie wurden danach zwangsläufig zu Waldlandschaften, die bis in das 18. Jahrhundert von Eichen und Buchen dominiert waren«, fasst der Kieler Experte Bork gemeinsam mit seinen Kollegen Arno Beyer und Annegret Kranz in einem Aufsatz von 2011 zusammen. An den zahlreichen Standorten in den deutschen Mittelgebirgen, an denen seit 1342 steinreiche Schuttdecken an der Oberfläche liegen, werde erst in etwa 100 000 Jahren wieder ertragreicher Ackerbau möglich sein, wenn sich Löss abgelagert und neuer Boden gebildet habe.

Hinweise auf ausbleibende Ernten und Nahrungsmittelknappheit finden sich spätestens im Folgejahr 1343. Johannes von Winterthur berichtet von »ungeheurer Theuerung« in diesem Jahr, weshalb Menschen im Südwesten Deutschlands Hafermehl mit gemahlenem Holz streckten oder Flechten zu Mehl verarbeiteten und daraus Brot buken. Im Herbst und Winter 1343/44 wurden »in vielen Gegenden Deutschlands« Menschen »von des Hungers Stachel gequält. Denn selbiges Jahr war gänzlich unfruchtbar und brachte weder Baumfrüchte noch Rüben noch Kohl in jenem Umkreise hervor.«

Weitere Indizien finden Historiker vor allem zwischen den Zeilen der Schriftquellen. »Wir haben auffällig viele Regulierungsmaßnahmen im zeitlichen Umfeld, die sich als Reaktionen auf konkrete Mangellagen deuten lassen«, erklärt der Historiker Martin Bauch. Ein im April 1343 erlassener Teil der Würzburger Polizeisätze beispielsweise regelte Preis und Qualität von Backwaren. Vorgeschriebene Höchstwerte deckelten zudem die Preise von Mehl aus Weizen und Hafer. Die Stadt Gartz an der Oder rief bereits 1342 ihre Bevölkerung dazu auf, Vorräte anzulegen, regulierte die Ausfuhr von Mehl und Getreide und verbot Spekulationen mit diesen Gütern.

Neben den Versorgungsengpässen folgten auf die Katastrophe aber auch konstruktive Initiativen. Die Einwohner bauten ihre Städte wieder auf und konzentrierten sich auf Maßnahmen zum Hochwasserschutz. Unterstützt vom Kaiser, dem Wittelsbacher Ludwig der Bayer, verlegten beispielsweise die Benediktiner des Klosters Oberalteich in der Nähe von Straubing den Lauf der Donau durch einen Flussdurchstich, um nicht zuletzt durch immensen finanziellen Aufwand eine erneute Überschwemmung ihrer Gebäude zu verhindern.

Laut Martin Bauch handelt es sich hierbei um die »erste bekannte Flussbegradigung der Donau«. Im Engagement des Kaisers sieht der Historiker zudem »im Bereich des Hochwasserschutzes zaghafte Anfänge obrigkeitlicher Daseinsvorsorge jenseits lokaler Zuständigkeiten«. Andernorts, etwa in Geldern, organisierten Landesherren Deichbauinitiativen und -gemeinschaften.

Welche langfristigen Folgen das Hochwasser und vor allem der Verlust an fruchtbarem Boden hatte, lässt sich jedoch nur schwer abschätzen. Zum einen blieb das Wetter auch in den folgenden Jahren schlecht – die Sommer 1346 und 1347 gehören zu den kältesten des ganzen Jahrhunderts. Zum anderen stand die nächste Katastrophe bereits bevor: Im Jahr 1347 erreichte die Pest Mitteleuropa. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen ihrem Ausbruch und der Magdalenenflut wurde zwar konstruiert, er lässt sich aber nicht stichhaltig belegen. Eines dürfte jedoch klar sein: Der Erreger, das Bakterium Yersinia pestis, traf auf eine von Wetterextremen und Lebensmittelknappheit geschwächte Bevölkerung. Etwa ein Drittel der Einwohner Europas, schätzen Fachleute, fiel dem Schwarzen Tod bis Mitte der 1350er Jahre zum Opfer.

Bleib weg vom Wasser!

Egal ob vom Menschen ausgelöst oder durch natürliche Vorgänge verursacht – ein Klimawandel bringt Wetterextreme. Das zeigte zuletzt der Dürresommer 2022, das zeigt aber auch das Hochwasser 1342. Kann sich also eine Flutkatastrophe wie das Magdalenenhochwasser heute wiederholen? »Klimatologisch ist ein solches Niederschlagsereignis genauso wieder möglich, an den gleichen Orten mit der gleichen Abfolge«, sagt Klimaforscher Rüdiger Glaser. »Es könnte sogar noch extremer ausfallen, da die erwärmte Atmosphäre heute mehr Wasserdampf aufnehmen und transportieren kann.« Und auch Ackerboden könnte bei einem solchen Ereignis erneut in großem Maßstab verloren gehen. »Im Vergleich zu damals haben wir zwar mehr bewaldete Flächen, und auch Maßnahmen des Hochwasserschutzes wie Rückhaltebecken und Reservoirs zeigen eine Wirkung, aber sicherlich wäre eine solche Flut heute noch immer ein Ereignis signifikanter Erosivität«, sagt Glaser.

Der Geograf plädiert deshalb dafür, historische Hochwasser wie das Magdalenenhochwasser bei heutigen Risikoabschätzungen stärker zu berücksichtigen. Im Ahrtal habe man etwa übersehen, dass es bereits 1804 und 1910 ähnliche Katastrophen gegeben hat wie 2021, und die gleichen Stellen bebaut. »Wir müssen wieder lernen, diese Hochwassersituationen ernster zu nehmen. Maßnahmen wie Dämme und Spundwände sind keine hundertprozentige Garantie vor Schäden.« Die beste Absicherung sei immer noch, in einem normalen Rahmen Abstand zu halten und die Dichte der Bebauung und die Versiegelung des Bodens zu reduzieren. Damals wie heute gelte die einfache Grundformel: Bleib weg vom Wasser!


Nota. - In meiner Grundschulzeit hieß es schlicht, das Mittelalter sei zu Ende gegangen mit der Entdeckung Amerikas. Das reicht aus, wenn man bloß eine Zeiteinteilung braucht. Aber es ist nichts, was Geschichte verständlich macht. Seither hat Johan Huizingas Wort vom Herbst des Mittelalters, das immerhin an eine schleichende Überreife denken lässt. Sebastian Hollsteins Darstellung macht aber deutlich, was das überreif geworden war: die Landwirtschaft und die exzessive Bodennutzung.

Das gibt Gelegenheit, auszusprechen, was nicht populär ist: Die Feudalordnung war ein Forstschritt gewesen in der Entfaltung der Produktivkräfte. Gegenüber der Sklavenwirtschaft der Antike sowieso, aber auch gegenüber einer privater Parzellenwirtschaft. Warum? Es entstand eine reguläres Mehrprodukt, das nicht der Willkür der Wirtschaftssubjekte unterlag. Der Grundherr verlangte eine jährliche Rente, die bei unentwickelte Geldwirtschaft in Naturalien zu entrichten war - und darum Jahr für Jahr gleichblieb: Ein Huhn bleibt ein Huhn, ein Scheffel Weizen ein Scheffel Weizen, zehn Ellen Leinwand zehn Ellen Leinwand. 

Diese Mehrarbeit musste der Bauer auf jeden Fall leisten: Er musste kalkulieren und sparen. Doch wenn dabei ein Überschuss anfiel, blieb er ihm ganz. Und zugleich war dem Grundherrn am Wohlstand seiner Pächter gelegen, an dem er ja mitzehrte. Anders hätte es den Bevölkerungszuwachs nicht gegeben, und der einzelne Bauer hätte an der Verbesserung und Vermehrung der Böden kein Interesse gehabt.

Was folgte, hat der Autor beschrieben.
JE

Samstag, 10. Juni 2023

Es gibt aber auch gute Nachrichten.



Auf diesem von der Pressestelle der kolumbianischen Streitkräfte veröf-fentlichten Foto posieren Soldaten und indigene Männer für ein Foto mit den vier Geschwistern, die nach einem tödlichen Flugzeugabsturz vermisst wurden.

Freitag, 9. Juni 2023

Zeit pulsiert.

aus spektrum.de, 09.06.2023                                                                                           zu  Jochen Ebmeiers Realien

ZEITWAHRNEHMUNG
Zeit vergeht im Rhythmus unseres Herzschlags
Ob uns Zeit langsam oder schnell vorkommt, ändert sich kontinuierlich. Womöglich hängt die Zeitwahrnehmung von unserem Herzschlag ab. Das könnte auf Blutdrucksensoren in den Gefäßwänden zurückzuführen sein, die Signale an das Gehirn senden und die Zeit verkürzt oder ausgedehnter erscheinen lassen.


von Anton Benz

Erst rast sie unaufhaltsam davon, dann scheint sie stehen zu bleiben: Unsere Empfindung von Zeit ist alles andere als konstant. Fachleute um Irena Arslanova von der University of London berichten, dass sich die Zeitwahrnehmung sogar mit jedem Herzschlag verändert. In einem ersten Experiment lernten 28 Versuchspersonen, die Dauer von zwei visuellen oder zwei akustischen Reizen zu unterscheiden. Ein Stimulus jeden Reizpaares wurde dabei 200 Millisekunden, der andere 400 Millisekunden lang präsentiert. Dann sahen die Proban-den entweder ein Muster oder hörten einen Ton und sollten abschätzen, ob die Länge der Darbietung eher dem kürzeren oder dem längeren Probereiz entsprach. Der Clou: Diese Stimuli wurden jeweils entweder während eines Herzschlags (Systole) oder zwischen zwei Kontraktionen (Diastole) eingespielt.

Während der Systole empfanden die Freiwilligen die Dauer kürzer, als sie eigentlich war; bei der Diastole war genau das Gegenteil der Fall. Rechnerisch ergibt sich durch die Verzerrung in beide Richtungen wieder eine korrekte Einschätzung. Laut den Fachleuten lässt sich das Phänomen womöglich auf Blutdrucksensoren in den Gefäßwänden zurückführen, die Signale an das Gehirn senden: Zwischen den Herzschlägen sinkt ihre Aktivität, dadurch hat das Denkorgan wieder mehr Kapazität für die Verarbeitung anderer Reize. Dieses Mehr an Sinneseindrücken könnte die Zeit ausgedehnter erscheinen lassen.

»Das Muster des Zusammenziehens und Ausdehnens zeigt, wie unsere Zeitwahrnehmung ständig vom inneren physiologischen Zustand beeinflusst wird«, so Arslanova. Eine Forschungsgruppe von der Cornell University in Ithaka (USA) veröffentlichte parallel dazu ein ähnliches Resultat: Sie demonstrierte, dass bei einer niedrigeren Herzschlagrate die Zeit gefühlt langsamer vergeht und schneller, wenn sich der Puls beschleunigt.


Nota. - Das Wesen der Zeit ist, wenn ich so sagen darf, dass sie vergeht. Alles, was vergeht, liegt, d. h. lag in der Zeit. Was wir an der Zeit wahrnehmen, ist nichts, als dass sie vergeht. Zeit ist nichts anderes, als was wir von ihr wahrnehmen.

Das ist naturgemäß von Zeit zu Zeit verschieden; ist für jeden anders, mit jedem Herz-schlag. Da wir aber auf die Dauer nicht ohne einander auskommen, müssen wir sie in einem übersubjektiven Medium objektivieren. Das geht aber nur, indem wir zugleich einen Raum objektivieren, um ihn von der Zeit abscheiden zu können. In unserm Newton'schen Meso-kosmos alias Sonnensystem gehts nicht anders. Weshalb Einstein in seinem relativistischen Makrokosmos die Scheidung wieder aufheben musste: Raum und Zeit sind nur relativ; ab-solut (objektiv?) sind sie ein Kontinuum.
JE


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Mein Bauch gehört mir.

                     zu Levana, oder Erziehlehrezu Männlich
Und ob es einen Vater kriegt, bestimme ich ganz allein



Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

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