aus Tagesspiegel.de, 10. 12. 2019 zu Levana, oder Erziehlehre
Klopapier und Neues von der Pisa-Front
von Harald Martenstein
Am Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Prenzlauer Berg sollten die Schüler kürzlich Klopapier und Seife selber mitbringen, falls sie planten, eine Toilette zu besuchen. Nach wiederholten Akten des Vandalismus sah die Schulleitung keinen anderen Weg mehr.
Noch ein wenig düsterer scheint die Lage an einer Pankower Oberschule zu sein, wo der Unterricht komplett ausfallen musste. Sämtliche Klos waren so verdreckt, dass keiner mehr hinein konnte. Wie heißt es doch im Schatzkästlein der deutschen Sprichwörter? Ein voller Darm studiert nicht gern.
Parallel dazu treffen neue Hiobsbotschaften von der Pisa-Front ein. 21 Prozent der 15-Jährigen können in Deutschland, trotz Schulpflicht, keinen einfachen Text lesen und verstehen, in Berlin ist die Zahl höher. Der Staat erfüllt seine Kernaufgabe nicht mehr, allen Kindern ein Minimum an Chancen und Bildung zu verschaffen.
Diese Menschen werden keinen Zugang zu Jobs mit Zukunft haben, ein Tsunami an sozialen Problemen rollt auf uns zu. Mann der Stunde scheint der Bildungsforscher Jürgen Baumert zu sein, der 2011 bis aufs Prozent genau die Zahl der heutigen Beinahe-Analphabeten unter den Schülern vorausgesagt hat. Er brauchte dazu nur die Geburtsstatistik.
2000 hatten 22 Prozent der 15-Jährigen einen Migrationshintergrund, heute sind es 36 Prozent, bald werden sie wohl die Mehrheit stellen. Von diesen 15-Jährigen können sogar 50 Prozent nicht wirklich lesen, obwohl die weitaus meisten in Deutschland geboren wurden. Sie sind nicht dümmer als andere.
Wenn die Eltern sich abschotten
Aber die Verhältnisse, aus denen sie kommen, sind sozial schwach. Und in ihrem Milieu kämpfen viele Eltern nicht um sozialen Aufstieg, nein, sie schotten sich ab. Wichtigstes Indiz: Die Deutschkenntnisse werden in dieser Gruppe nicht besser, sondern schlechter.
Wenn dieses Land nicht zerfallen und absteigen soll, müsste Bildungspolitik den gleichen Stellenwert haben wie Klimaschutz. Und die Bildungspolitik müsste sich ändern. Beides ist nicht zu erkennen. Die Einheitsschule und die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems, heilige Kühe der Linken, haben wenig bis nichts gebracht. Der Plan, fast alle Kinder zum Abitur zu führen, wird spätestens dann irrsinnig, wenn viele Kinder nicht einmal mehr Lesen können und Handwerker keine Azubis finden.
Eines der Hauptübel ist auch die protektionistische Pädagogik, die Kinder vor „Überforderung“ schützen will und ihnen die Lüge einredet, Erfolg sei ohne Anstrengung zu haben. Eine Schule, die nicht Leistungswillen fördert, macht lebensuntüchtig.
Nota. - Dieser Alarm-Ton ist mir zuwider. Dass die Schule 'in der Krise' steckt, liegt in ihrer Natur - ihrer Natur als Notbehelf. Ein Notbehelf hat Bestand nur zwischen zwei Ausbesserungen.
Das einzige echte oben angesprochene Problem ist die seit Jahrzehnten und für Jahrzehnte andauernde Zuwanderung aus andern Kulturkreisen. Aber das ist ein Problem der Gesellschaftspolitik und nicht der Institution Schule.
Und zwar der Gesellschaftspolitik in scheinbarer Umkehruung der Perspektiven. Die wirklichen Behinderer der Zuwanderung waren die Verhinderer von Integra-tion; nämlich die Herolde des Multikulti. Denn Multikulti bedeutet: Zuwanderung ist kein Problem. Jedenfalls nicht für uns. (Wenn für die Zugewanderten, dann ist es deren Sache; solln sie sich eben in Subkulturen ein Zuhause schaffen.)
So ist es Jahrzehnte lang gelaufen, das Ergebnis ist so augenfällig, dass von Multi-kulti auch der ranzigste Alternative nicht mehr zu reden wagt. Doch jetzt ist das Problem so hoch wie ein Gebirge: Die Subkulturen sind stabilisiert und von den Agenten der Herkunftsländer durchsetzt und agitiert: Die haben an einer gelingen-den Integration kein Interesse.
Die Aversion der Multikulti-Jünger gegen Integration war freilich nicht unverständ-lich: Denn bei Befürwortern wie Gegnern verstand man Assimilation darunter. Das ist weder eine realistische Perspektive, noch befördert sie die Bereicherung, den die Zuwanderung über den Arbeitsmarkt hinaus zu unserer eigenen autochthonen Kul-tur bringen kann.
Der Fehler liegt freilich in der selbstgefälligen, aber ungebildeten Auffassung, dass 'eine Kultur so gut ist wie die anderer' - und alles andere sei kolonialistischer Euro-zentrismus.
Aber der Unterschied der westlichen zu allen anderen Kulturen ist substanziell. Während alle anderen - nämlich traditionellen - Kulturen weltanschaulich geschlos-sen sind und sich als überzeitlich verbürgt vorkommen, wo Andersheit lediglich in isolierten, nach außen aseptischen Inseln* möglich ist, außerhalb derer man sich in der Tat anzupassen hat -, ist die westliche Kultur - nicht in allen ihren Ecken, wie ihr wohl wisst - universalistisch statt partikulär, weil sie nämlich individualistisch ist und ihre Mitglieder nicht nach ihrer Stammeszugehörigkeit beurteilt (aber fängt das nicht bei uns auch wieder an?!), sondern nach dem Beitrag, den ein jeder selber zum gesellschaftlichen Verkehr leistet.
Das ist für jeden Einzelnen keineswegs so selbstverständlich, wie es nach der ver-fassungsmäßigen Norm sein sollte. Um so mehr Grund haben wir, die Aufnahme von Zuwanderen aus anderen Kulturen an dieser Perspektive auszurichten und nicht an einer andern.
*) Ghetto heißt eine Insel in der Lagune von Venedig, wo die Juden ein Gemeinswesen nach eigenem Gesetz unterhielten.
JE, 11. 12. 19
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