
aus spektrum.de,21. 1. 2026 Natur am Reißbrett komponiert: Mit den Gartenanlagen rund um Blenheim
Palace schuf Lancelot Brown ein Meisterwerk seiner
Gartenästhetik, inklusive künstlichem See und Wasserfall. zu Geschmackssachen
von Richard Hemmer und Daniel Meßner
Es war ein kalter Winterabend in Mayfair, London. Der 5. Februar 1783. Ein großer, stattlicher Mann verließ das Haus von Lord Coventry, wo er zu Abend gegessen hatte. Er machte sich auf den kurzen Weg zur Hertford Street, zum Haus seiner Tochter. Doch er kam dort nie an. Noch auf der Straße brach er zusammen, wurde in das Haus des Earl of Sandwich getragen und starb am folgenden Abend.
Die Nachricht vom Tod des Mannes machte bald die Runde. »Ihre Dryaden müssen schwarze Handschuhe anlegen, Madam«, schrieb der Dichter Horace Walpole an eine Bekannte, »ihr Schwiegervater, der zweite Ehemann von Mutter Natur, ist tot.« Wer sich fragt: Dryaden sind Baumnymphen. Und jener Mann, den Walpole als zweiten Ehemann von Mutter Natur bezeichnete, war Lancelot »Capability« Brown.
Als Brown 67-jährig starb, hatte er das Antlitz Englands für immer verändert. Die alten, formellen Gärten, die strengen symmetrischen Anlagen, die jahrhundertelang den Geschmack der besseren Gesellschaft geprägt hatten, waren niedergerissen worden. An ihre Stelle war radikal Neues getreten: eine organische, wie sich selbst überlassen wirkende Natur, scheinbar unberührt, in Wahrheit aber von Brown am Kartentisch komponiert und von einem Heer von Arbeitskräften ins Werk gesetzt. Brown hatte den Gärtner zum Landschaftsarchitekten verwandelt, zum Ingenieur der Natur, der Hügel anhob, Täler formte und Sümpfe in schimmernde Seen verwandelte.
Der junge Lancelot wurde um das Jahr 1716 in Kirkharle an der Grenze zu Schottland in der rauen Landschaft Northumberlands geboren. Als Sohn eines Gutsverwalters wuchs er in einer Welt der Schafhirten auf. Mit 16 Jahren begann er eine Gärtnerlehre und lernte das Handwerk von der Pike auf: Land vermessen, Sümpfe trockenlegen und vor allem Bäume pflanzen.
Nach sieben Jahren Lehre in Kirkharle und einigen Wanderjahren, in denen er sich ein Netzwerk aufbaute und wichtige Kontakte knüpfte, fand er schließlich jenen Ort, der seine Karriere noch nachhaltiger prägen sollte: Stowe in Buckinghamshire. Wenn Kirkharle seine Grundschule war, schreibt seine Biografin, die Gartenhistorikerin Jane Brown, dann war Stowe so etwas wie seine Universität.
In
Stowe, dem »verzauberten Garten« Englands, perfektionierte Brown seine
Vision einer künstlichen Landschaft, wie sie im Verlauf des
18. Jahrhunderts immer populärer geworden war. Konsequenter noch als
andere brach er mit der Tradition der Mauern und Zäune. Um eine weite,
ununterbrochene Aussicht zu schaffen und dennoch Tiere fernzuhalten,
setzte er den »Ha-Ha« ein – einen tief eingeschnittenen Graben, der
unsichtbar blieb und die Landschaft nahtlos in den Garten integrierte.
Den Rasen holte er bis direkt an die Hausmauern, eine Befreiung des
Blicks, die damals revolutionär wirkte. Sein zweites Markenzeichen wurde
das Wasser. Statt gerader Kanäle schuf Brown gewundene,
schlangenförmige Seen, die wie natürliche Flüsse wirkten.
Und schließlich: die Bäume! Keine schnurgeraden Alleen mehr, sondern unregelmäßige Gruppen, die sogenannten »Clumps«, die wie zufällig gewachsen wirkten, aber in Wahrheit sorgfältig komponiert wurden. Brown sah darin eine Kunstform, vergleichbar der Malerei. Er setzte Bäume und Hügel wie Satzzeichen in einem Text: hier ein Komma, dort ein Punkt, um den Blick zu lenken.
Mit der Umgestaltung Stowes hatte Brown seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Nun machte er sich daran, die Nachfrage nach der neuen Gartenästhetik im großen Stil und auf eigene Rechnung zu bedienen. Eine Reise durch die britischen Midlands, die er im Spätsommer 1750 mit seinem Freund Sanderson Miller unternahm, diente der Akquise künftiger Aufträge: Wo er hinkam, ließ er sich wohlhabenden Grundbesitzern vorstellen, studierte Karten und hinterließ den Eindruck eines Mannes, der auf ihren Ländereien Wunder wirken könne. Hier verdiente sich Brown auch seinen Beinamen »Capability«: Wenn er Anwesen begutachtete, erklärte er den Besitzern oft, ihr Land habe »great capabilities« – große Möglichkeiten.
1751 zog
er schließlich nach Hammersmith bei London, von wo aus er sein
Unternehmen organisierte. Der Gartenkünstler erwies sich als gewiefter
Geschäftsmann, der unermüdlich umherreiste, um vor Ort Pläne zu
erstellen, deren Umsetzung er dann seinen angestellten Vorarbeitern
überließ. Die Eigentümer mussten sich um nichts selbst kümmern. Brown
verdiente ein Vermögen.
Sein
Meisterstück lieferte er in Blenheim Palace ab. Dort stand er vor einem
architektonischen Fauxpas: einer gigantischen Brücke, die nur ein
winziges Rinnsal überspannte. Der Dichter Alexander Pope hatte bereits
gespottet, die Fischlein im Bach müssten sich wie Wale fühlen, dem
Herzog und seiner riesigen Bogenbrücke sei Dank.
Brown löste das Problem nicht, indem er die Brücke anpasste, sondern indem er das Tal flutete. Er ließ einen Damm von mehr als 130 Meter Länge bauen, verstärkte die Brücke mit Steinen aus Ruinen und schuf einen rund 60 Hektar großen See, der die Dimensionen der Brücke endlich rechtfertigte. Es war eine Baustelle von herkulischem Ausmaß, die Jahre dauerte. Als er sein Werk betrachtete, soll er triumphierend gerufen haben: »Themse, Themse, das wirst du mir nie verzeihen.«
1764 erreichte
er den Gipfel seiner Karriere und wurde zum königlichen Gärtnermeister
ernannt. Spätestens jetzt hatte er Englands Gartenlandschaft einen
unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Doch sein Erfolg rief auch
Kritiker auf den Plan.
(Ausschnitt) Bowood Park in Wiltshire | Ein Rasen bis ans Haus, vereinzelte
Baumgruppen und eine Offenheit zur umgebenden Landschaft waren
Markenzeichen mit hoher Wiedererkennbarkeit. Kritiker empfanden seine
Gärten als zu uniformiert.
Schattenseiten der Idylle
Während
seine Anhänger ihn dafür feierten, dass er die Natur von den Fesseln
der Geometrie befreite, sahen ihn seine Gegner als Vandalen. Er zerstöre
historische Gärten, um sie durch eine geglättete und austauschbare
Version der Natur zu ersetzen.
Sein härtester Kritiker war Sir William Chambers, der königliche Architekt. Er verspottete Brown als ungebildeten »Küchengärtner«, der sich zwar mit Salaten auskenne, aber von der hohen Kunst der Ziergärtnerei nichts verstehe. Für Chambers waren Browns Gärten eine »Verwüstung« der Natur, bei der stolze Wälder weichen mussten, nur um Platz für »ein wenig Gras und ein paar amerikanische Unkräuter« zu machen.
Auch vonseiten der bildenden
Kunst formierte sich Widerstand. Während Brown alles glättete und
harmonisierte, forderten manche Vertreter der »Picturesque«-Bewegung
noch mehr Wildheit, schroffe Kanten und dramatische Ruinen – eben
Landschaften, die wie ein Gemälde aussahen. Browns Werke waren ihnen zu
künstlich, zu perfekt und ohne Seele – er krieche »wie eine Schnecke«
über das Land und hinterlasse seinen Schleim.
Doch
die Kritik hatte auch handfeste Gründe. Browns Vision einer ungestörten
Natur verlangte oft radikale Eingriffe. Nicht nur Bäume mussten
weichen, sondern ganze Dörfer. Das berüchtigtste Beispiel war das Dorf
Middleton, auch Milton genannt, in Dorset, das abgerissen wurde, weil es
die Aussicht des Gutsherrn störte. Die Bewohner der teils
jahrhundertealten Gebäude wurden zwangsumgesiedelt. So beschaulich und
ungezwungen Browns Kunst daherkommt, so rücksichtslos konnte sie die
Unterwerfung von Mensch und Natur fordern.
Lancelot »Capability« Brown | Mit einem viel Gespür für die Ästhetik
naturalistischer Gärten, aber auch eine Portion Geschäftssinn hatte
Brown die Landschaftsarchitektur über die Grenzen Englands hinaus
geprägt.
Vor allem aber begründete er die moderne Landschaftsarchitektur. Brown dachte Gärten nicht mehr als isolierte Räume, sondern als Teil der großen Landschaft. Seine Prinzipien beeinflussen bis heute, wie wir Parks, Städte und Erholungsgebiete planen. Wer heute durch einen großen Stadtpark spaziert und dessen scheinbare Natürlichkeit genießt, wandelt oft auf den Spuren des Mannes, der einst als zweiter Ehemann von Mutter Natur betrauert wurde.
Nota. - Der Kult der Natur wurde überhaupt erst möglich nach den Exzessen ma-nierierter und barocken Künstlichkeit und ihrer Fäulnis im dekadenten Rokoko. Es war die Zeit, in der eine aufstrebende Bourgeoisie die kulturelle Überlegenheit des Erbadels zu untergraben suchte, und deren Speerspitze war die hybride britische Oligarchie.
Doch weiter als bis ins Biedermeier hat ihre Puste nicht gereicht. Nach Napoleons Grablegung der Revolution musste sie der avantgardistischen Bohème in den urba-nen Zentren den Vortritt lassen.
JE
Zu Lancelot Brown
ist noch zu sagen, dass er eine Revolution gar nicht im Sinn hatte. Er
bekannte sich vorbehaltlos zu seinem Lehrer William Kent und seinem
Programm, "mit Bäumen und Sträuchern" dasselbe zu tun wie "der Maler mit
Pinsel und Leinwand". Dass er eine neue Ästhetik in die englischen
Parks einführte, lag daran, dass er mit Aufträgen so überladen war - auf
Grundstücken, die immer weitläufi-ger wurden -, dass ihm seine Ökonomie
der Mittel ganz außerästhe-tisch durch die Zeitökonomie aufgeherrscht
wurde. Dass das so glatt verlief, dass er es nicht einmal bemerkte, kann
nur daran gelegen ha-ben, dass sein eigener Geschmack schon längst in
diese Richtung vorgeeilt war.
JE, 1. 1. 15
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