zu GeschmackssachenDie
Sokratische Ironie ist die einzige durchaus unwillkürliche, und doch
durchaus besonnene Verstellung. Es ist gleich unmöglich, sie zu
erkün-steln, und sie zu verraten. Wer sie nicht hat, dem bleibt sie auch
nach dem offensten Geständnis ein Rätsel. Sie soll niemanden täuschen,
als die, welche sie für Täuschung halten, und entweder ihre Freude haben
an der herrlichen Schalkheit, alle Welt zum besten zu haben, oder böse
werden, wenn sie ahnden, sie wären wohl auch mit gemeint. In ihr soll
alles Scherz und alles Ernst sein, alles treuherzig offen, und alles
tief verstellt. Sie entspringt aus der Vereinigung von Lebenskunstsinn
und wissenschaftlichem Geist, aus dem Zusammentreffen vollendeter
Na-turphilosophie und vollendeter Kunstphilosophie. Sie enthält und
erregt ein Gefühl von dem unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und
des Bedingten, der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollstän-digen Mitteilung. Sie ist die freieste aller Lizenzen,
denn durch sie setzt man sich über sich selbst weg; und doch auch die
gesetzlichste, denn sie ist unbedingt notwendig. Es ist ein sehr gutes
Zeichen, wenn die har-monisch Platten gar nicht wissen, wie sie diese
stete Selbstparodie zu nehmen haben, immer wieder von neuem glauben und
missglauben, bis sie schwindlicht werden, den Scherz grade für Ernst,
und den Ernst für Scherz halten.
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aus: Fragment 108, 48 aus der Zeitschrift „Lyceum“ [1797]
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