
aus FAZ.NET, 21. 1. 2026 zu öffentliche Angelegenheiten
Der kanadische Premierminister Carney hat in Davos eine Rede gehalten, die von westlichen Medien prompt als wegweisend gepriesen wird.
Hier in großen Auszügen:
... Heute werde ich über einen Bruch in der Weltordnung sprechen, über das Ende einer angenehmen Fiktion und den Beginn einer harten Realität, in der die Geopoli-tik – die große, bestimmende Macht – keinen Grenzen, keinen Beschränkungen unterliegt.
Gleichzeitig möchte ich Ihnen sagen, dass die anderen Länder, insbesondere Zwi-schenmächte wie Kanada, nicht machtlos sind. Sie haben die Fähigkeit, eine neue Ordnung aufzubauen, die unsere Werte umfasst, wie die Achtung der Menschen-rechte, nachhaltige Entwicklung, Solidarität, Souveränität und die territoriale Inte-grität der verschiedenen Staaten.
Die Macht der weniger Mächtigen beginnt mit Ehrlichkeit. ... gibt es eine starke Tendenz von Ländern, mitzuschwimmen, sich anzupassen, Ärger zu vermeiden, zu hoffen, dass Gefügigkeit Sicherheit erkauft. Nun, das wird sie nicht. Also, was sind unsere Optionen? ...
Jahrzehntelang prosperierten Länder wie Kanada unter dem, was wir die regelba-sierte internationale Ordnung nannten. Wir traten ihren Institutionen bei, priesen ihre Prinzipien, profitierten von ihrer Vorhersehbarkeit. Und deshalb konnten wir unter ihrem Schutz wertebasierte Außenpolitik betreiben.
Wir wussten, dass die Erzählung von der internationalen regelbasierten Ordnung teilweise falsch war – dass die Stärksten sich bei Bedarf ausnahmen, dass Handels-regeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und wir wussten, dass das Völkerrecht je nach Identität des Beschuldigten oder des Opfers mit unterschiedlicher Strenge angewandt wurde.
Diese Fiktion war nützlich, und die amerikanische Hegemonie insbesondere trug zur Bereitstellung öffentlicher Güter bei: offene Seewege, ein stabiles Finanzsystem, kollektive Sicherheit und Unterstützung für Rahmen zur Streitbeilegung. ... Wir nah-men an den Ritualen teil und vermieden es weitgehend, die Lücken zwischen Rhe-torik und Realität zu benennen. Dieser Handel funktioniert nicht mehr. Ich will es klar sagen. Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einem Übergang...
Ein Land, das sich nicht ernähren, nicht mit Energie versorgen oder verteidigen kann, hat wenige Optionen. Wenn die Regeln dich nicht mehr schützen, musst du dich selbst schützen. Aber lassen wir uns keine Illusionen darüber machen, wohin das führt... Gemeinsame Investitionen in Resilienz sind billiger, als wenn jeder seine eigene Festung baut. Gemeinsame Standards verringern Fragmentierung. Komplementaritäten sind ein Positivsummenspiel. Und die Frage für Mittelmächte wie Kanada ist nicht, ob wir uns der neuen Realität anpassen – das müssen wir. Die Frage ist, ob wir uns anpassen, indem wir einfach höhere Mauern bauen, oder ob wir etwas Ambitionierteres tun können.
Kanada gehörte zu den ersten, die den Weckruf hörten, der uns dazu veranlasste, unsere strategische Haltung grundlegend zu ändern. Kanadier wissen, dass unsere alten bequemen Annahmen – dass unsere Geografie und unsere Bündniszugehörig-keiten automatisch Wohlstand und Sicherheit verliehen – nicht mehr gelten. Und unser neuer Ansatz beruht auf dem, was Alexander Stubb, der Präsident Finnlands, „wertebasierten Realismus“ genannt hat.
Oder, anders ausgedrückt: Wir wollen zugleich prinzipientreu und pragmatisch sein – prinzipientreu in unserem Bekenntnis zu grundlegenden Werten: Souveränität, territoriale Integrität, das Verbot der Androhung oder Anwendung von Gewalt, außer im Einklang mit der UN-Charta, und die Achtung der Menschenrechte; und pragmatisch in der Anerkennung, dass Fortschritt oft schrittweise erfolgt, dass Interessen auseinandergehen, dass nicht jeder Partner all unsere Werte teilt.
Wir engagieren uns breit und strategisch, mit offenen Augen. Wir nehmen die Welt aktiv so an, wie sie ist, und warten nicht auf eine Welt, wie wir sie uns wünschen. Wir kalibrieren unsere Beziehungen so, dass ihre Tiefe unsere Werte widerspiegelt, und wir priorisieren breites Engagement, um unseren Einfluss zu maximieren – angesichts der gegenwärtigen Fluidität der Welt, der Risiken, die dies mit sich bringt, und der Tragweite dessen, was als Nächstes kommt.
Und wir verlassen uns nicht mehr nur auf die Stärke unserer Werte, sondern auch auf den Wert unserer Stärke. Wir bauen diese Stärke im eigenen Land auf. Seit meine Regierung im Amt ist, haben wir die Steuern auf Einkommen, auf Kapitalge-winne und auf Unternehmensinvestitionen gesenkt. Wir haben alle bundesstaatli-chen Hindernisse für den interprovinziellen Handel beseitigt. Wir beschleunigen Investitionen in Höhe von einer Billion Dollar in Energie, Künstliche Intelligenz, kritische Mineralien, neue Handelskorridore und darüber hinaus. Wir verdoppeln unsere Verteidigungsausgaben bis zum Ende dieses Jahrzehnts – und zwar so, dass wir unsere heimischen Industrien stärken.
Und wir diversifizieren rasch im Ausland. Wir haben eine umfassende strategische Partnerschaft mit der EU vereinbart, einschließlich unseres Beitritts zu SAFE, den europäischen Beschaffungsregelungen im Verteidigungsbereich. Wir haben in sechs Monaten zwölf weitere Handels- und Sicherheitsabkommen auf vier Kontinenten unterzeichnet. In den vergangenen Tagen haben wir neue strategische Partnerschaf-ten mit China und Katar geschlossen. Wir verhandeln Freihandelsabkommen mit Indien, dem Staatenverbund ASEAN, Thailand, den Philippinen und Mercosur.
Wir tun noch etwas anderes. Um globale Probleme zu lösen, verfolgen wir variable Geometrie, also unterschiedliche Koalitionen für unterschiedliche Themen auf Basis gemeinsamer Werte und Interessen. Beim Thema Ukraine sind wir ein Kern-mitglied der Koalition der Willigen und eines der Länder mit den größten Beiträgen je Einwohner zu ihrer Verteidigung und Sicherheit. ...
Im Bereich des plurilateralen Handels treiben wir Bemühungen voran, eine Brücke zwischen der Transpazifischen Partnerschaft und der Europäischen Union zu schlagen, was einen neuen Handelsblock von 1,5 Milliarden Menschen schaffen würde. Bei kritischen Mineralien bilden wir Käuferklubs, verankert in der G7, damit die Welt sich von konzentrierten Lieferquellen diversifizieren kann. Und im Falle der Künstlichen Intelligenz kooperieren wir mit gleichgesinnten Demokratien, um sicherzustellen, dass wir am Ende nicht gezwungen sein werden, zwischen Hege-monen und Hyperscalern zu wählen.
Das ist kein naiver Multilateralismus, und es ist auch kein Vertrauen auf deren Insti-tutionen. Es geht darum, Koalitionen zu bilden, die funktionieren – Thema für Thema, mit Partnern, die genügend gemeinsame Basis haben, um gemeinsam zu handeln. In einigen Fällen wird dies die große Mehrheit der Nationen sein.
Was wir schaffen, ist ein dichtes Netz von Verbindungen über Handel, Investitio-nen, Kultur, auf das wir für zukünftige Herausforderungen und Chancen zurück-greifen können. Ich argumentiere, die Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.
Ich würde auch sagen, dass Großmächte es sich – vorerst – leisten können, allein zu gehen. Sie haben Marktgröße, militärische Kapazität und Hebel, um Bedingungen zu diktieren. Mittelmächte nicht. Aber wenn wir nur bilateral mit einem Hegemon verhandeln, verhandeln wir aus der Schwäche heraus. Wir nehmen an, was geboten wird. Wir konkurrieren miteinander darum, am gefälligsten zu sein.
Das ist keine Souveränität. Es ist die Aufführung von Souveränität, während Unter-ordnung akzeptiert wird. In einer Welt der Rivalität der Großmächte haben die Länder dazwischen eine Wahl – miteinander um Gunst konkurrieren oder sich zusammenschließen, um einen dritten, wirksamen Weg zu schaffen.
Also, Kanada. Kanada hat, was die Welt will. Wir sind eine Energiesupermacht. Wir besitzen riesige Reserven an kritischen Mineralien. Wir haben die am höchsten gebildete Bevölkerung der Welt. Unsere Pensionsfonds gehören zu den größten Investoren der Welt. Mit anderen Worten: Wir haben Kapital, Talent… Wir haben auch eine Regierung mit enormer fiskalischer Handlungsfähigkeit. Und wir haben Werte, nach denen viele andere streben.
Kanada ist eine pluralistische Gesellschaft, die funktioniert. Unser öffentlicher Raum ist laut, vielfältig und frei. Kanadier bleiben dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet. Wir sind ein stabiler und verlässlicher Partner in einer Welt, die alles andere als stabil ist. Ein Partner, der Beziehungen langfristig aufbaut und schätzt.
Und wir haben noch etwas. Wir erkennen an, was geschieht, und sind entschlossen, entsprechend zu handeln. Wir verstehen, dass dieser Bruch mehr erfordert als Anpassung. Er erfordert Ehrlichkeit über die Welt, wie sie ist.
... Wir wissen, dass die alte Ordnung nicht zurückkehrt. Wir sollten ihr nicht nachtrauern. Nostalgie ist keine Strategie. Aber wir glauben, dass wir aus dem Bruch etwas Größeres, Besseres, Stärkeres, Gerechteres bauen können. Das ist die Aufgabe der Mittelmächte – der Länder, die in einer Welt der Festungen am meisten zu verlieren und von echter Zusammenarbeit am meisten zu gewinnen haben.
Die Mächtigen haben ihre Macht. Aber wir haben auch etwas – die Fähigkeit, nicht länger so zu tun als ob; die Fähigkeit, die Realität zu benennen; die Fähigkeit, unsere Stärke in unseren Ländern aufzubauen und gemeinsam zu handeln.
Das ist Kanadas Weg. Wir wählen ihn offen und selbstbewusst, und er steht jedem Land offen, das bereit ist, ihn mit uns zu gehen. Vielen Dank.
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
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