Ducreuxaus scinexx.de, 19. 12. 2025 zu Geschmackssachen
Woran erkennen wir Ironie und Mehrdeutigkeit?
Drei Mechanismen helfen uns, unterschwellige Bedeutungen zu entschlüsseln
Verborgene Bedeutung: Oft meinen wir das, was wir sagen, nicht wörtlich. Eine Studie zeigt nun, wie wir Ironie, Metaphern und unterschwellige Aussagen entschlüsseln. Demnach kommen je nach Kontext drei verschiedene Mechanismen zum Einsatz: Unser Wissen über soziale Konventionen, unser allgemeines Wissen über die Welt und die Fähigkeit, Nuancen im Tonfall zu interpretieren. Die Ergebnisse geben neue Einblicke in die neuronalen Grundlagen des Sprachverständnisses und könnten auch dabei helfen, KI-Systemen eine natürlichere Sprachkompetenz zu verleihen.
Um zu verstehen, was uns jemand mitteilen möchte, reicht die offensichtliche Bedeutung der Worte oft nicht aus. Schon eine simple Aussage wie „Schönes Wetter heute“ kann je nach Kontext ganz unterschiedlich interpretiert werden. Stehen wir beispielsweise gerade im strömenden Regen, wird sie wahrscheinlich sarkastisch gemeint sein. Äußern Eltern die gleiche Aussage mit einem gewissen Unterton gegenüber ihrem auf dem Sofa hockenden Nachwuchs, könnte sie bedeuten: „Geh doch endlich mal wieder an die frische Luft!“

Verständnis im Online-Test
Doch wie entschlüsseln wir die unterschwelligen Botschaften in alltäglichen Gesprächen? Um das herauszufinden, hat ein Team um Sammy Floyd vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge fast 800 Probanden in zwei Online-Tests mit einer Reihe von mehrdeutigen Aussagen konfrontiert. Dabei ging es unter anderem darum, Humor und Sarkasmus zu verstehen, die Intonation zu interpretieren und Kontextinformationen einzubeziehen.
„Bei Sprache geht es darum, Bedeutungen zu vermitteln, und dafür müssen oft viele verschiedene Arten von Informationen berücksichtigt werden – wie der soziale Kontext, der visuelle Kontext oder das aktuelle Thema des Gesprächs“, erklärt Floyds Kollegin Evelina Fedorenko. „Wenn Sie einen Satz sagen, hat dieser eine wörtliche Bedeutung. Aber wie Sie die Aussage interpretieren, hängt vom Kontext ab.“
Drei grundlegende Fähigkeiten
Diese Interpretation fällt manchen offenbar leichter als anderen, zeigt die Studie. Anhand der Ergebnisse der Online-Befragung identifizierten Floyd und seine Kollegen drei unterschiedliche Cluster pragmatischer Fähigkeiten, die uns dabei auf die Sprünge helfen:
Erstens hilft uns das Verständnis sozialer Konventionen dabei, indirekte Aufforderungen, implizite Bedeutungen und Ironie zu verstehen. Schreibt uns beispielsweise eine Freundin am Abend ihrer Geburtstagsparty „Die Gäste gehen“, kann das eine einfache Sachinformation sein, je nach geplanter Länge der Feier aber auch bedeuten, dass die Party ein Flop war. Nur wenn wir den Kontext kennen, können wir die Aussage passend interpretieren.
Zweitens hängt das Verständnis in vielen Fällen von der Fähigkeit ab, Intonationsmuster zu deuten. Die Aussage „Ich wollte ein schwarzes Kleid haben“, mit Betonung auf „schwarzes“, legt nahe, dass die Farbe anders war als gewünscht. Drittens benötigen wir oft zusätzlich Wissen über die Welt im Allgemeinen – etwa um zu erkennen, dass die Aussage „Schönes Wetter heute“ bei strömendem Regen wohl ironisch gemeint sein muss.
Individuelle Stärken und Schwächen
Die Studie zeigte, dass Menschen jeweils in unterschiedlichen Bereichen Stärken und Schwächen haben. Wer problemlos Ironie erkennen kann, ist demnach nicht zwangsläufig gut darin, Feinheiten der Intonation zu interpretieren, und andersherum. Aus Sicht der Forschenden deutet das darauf hin, dass die drei identifizierten Cluster neuronal unabhängig voneinander sind – eine wichtige Erkenntnis für die Behandlung von Menschen, die aufgrund angeborener oder erworbener Störungen bestimmte Aussagen nur noch wörtlich nehmen können.
In zukünftigen Studien wollen Floyd und sein Team mit Hilfe von Hirnscans genauere Einblicke gewinnen, wo im Gehirn die verschiedenen Dimensionen sprachlicher Bedeutungen entschlüsselt werden. Zudem wollen sie Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen mit unterschiedlichen Muttersprachen einbeziehen. „In Russisch, meiner Muttersprache, sind die Menschen direkter“, erläutert Koautorin Olessia Jouravlev von der Carleton University in Ottawa. „Daher könnte es Unterschiede darin geben, wie russische Muttersprachler indirekte Bitten verarbeiten, im Vergleich zu Englischsprechern.“
Auch für die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz könnten die Ergebnisse hilfreich sein. „Die verschiedenen Cluster könnten für KI-Systeme unterschiedlich anspruchsvoll sein“, schreiben die Forschenden. Die Systematisierung könnte dazu beitragen, KI-Sprachmodelle noch besser an die menschliche Kommunikation anzupassen. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2025, doi: 10.1073/pnas.2424400122)
Quelle: Massachusetts Institute of Technology; 19. Dezember 2025 - von Elena Bernard
Nota. - Lass dich nicht abschrecken, bloß weil es amerikanisch ist, hab ich mir ge-sagt: Das MIT ist eine weltweit geachtete Autorität. Doch ist es auch ein Institute Of Technology. Und dann hat es Ironie, ach, als bloße Kommunikationstechnik ab-gehakt. Dass Ironie eine Welt- und Lebensanschauung wäre, ist denen zu roman-tisch. Das sind angelsächsische Positivisten, über ihren Schatten springen sie nicht.
Bis morgen!
JE
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