zuJochen Ebmeiers RealienDie negative Allgemeinvorstellung von Dummheit kann erst aufkommen, wenn sie - wie seinerzeit der idiotes dem polites - einem positiven Genus entgegengesetzt werden kann; vorher könnte sie ja nichts bedeuten. Das positive Genus kam im siebzehnten Jahrhundert als Vernunft zu europäischer Allgemeingeltung. Sie ist einem jeden anzumuten. Dummheit ist der Mangel daran. Der Dumme ist ein Ausreißer.
Was aber Vernunft selber war, blieb in der Schwebe, es wurde nicht einmal zum Thema. Im deutschen Sprachraum wurde ihr der bescheidnereVerstand ausgeglie-dert, der als ein eher technisches Vermögen weniger Achtung verlangte und von interessierter Seite gelegentlich auch verunglimpft wurde, so dass der tumbe tor als doppelte Verneinung seinerseits zu Würden kam. Als dann im zwanzigsten Jahrhun-dert 'Vernunft' - übrigens nicht bloß als Begriff - außer Gebrauch kam, wurde ihr ersatzweise flink die Intelligenz als geläufiger Ersatz hinterhergeschoben, die aber längst identitär zu Intelligenzen diversifiziert wurde; emotional und sonstnochwas. Die ihrerseits können sich freilich mit der Dummheit paaren und die Schläue unter die Menschen bringen. Davon kann sich die Klugheit allenfalls noch als bescheide-ne Privattugend absetzen; als Genus behauptet die Dummheit allein das Feld.
Kommentar zu Auch die Dummheit hat ihre Geschichte; JE, 14. 4. 21
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