Freitag, 9. Januar 2026

Ein verfrühter Vormensch?

Bildbeschreibung: Ein Vergleich von fossilen Knochen, jene von Sahelanthropus sind teils unvollständig und dunkler gefärbt.
aus derStandard.at, 2. Jänner 2026                       Schädel, Elle und Oberschenkel von Schimpanse (links), Sahelanthropus tchadensis (Mitte) und Mensch (rechts). Fachleute sind sich nicht einig darüber, welche Ähnlichkeiten bei der Frage der Fort-bewegung schwerer wiegen.                                                                                                       zu Jochen Ebmeiers Realien

Zweibeiner?
Debatte um aufrechten Gang des ältesten Urahnen geht in die nächste Runde
Fachleute diskutieren, ob der älteste Menschenähnliche vor rund sieben Millionen Jahren schon regelmäßig auf zwei Beinen ging oder nicht. Eine neue Studie spricht dafür

Die Stammesgeschichte des Menschen darf man sich nicht wie eine gerade Linie vom gebückt gehenden, unterentwickelten Schimpansen zum klugen, modernen Homo sapiens mit hoch erhobenem Haupte vorstellen, wie es in ähnlicher Weise eine berühmte Darstellung – der "March of Progress" – nahelegt. Heute lebende Affen sind keine Vorstufe zu uns, vielmehr teilen wir uns gemeinsame Vorfahren und sind verschiedene Produkte einer Millionen Jahre alten Entwicklung.

Wenn Anthropologen den Verlauf dieser Evolution anhand ausgestorbener Verwandter untersuchen, kann es trotzdem vorkommen, dass die aufgereihten Knochen an den "March of Progress" erinnern. Dabei geht es um den Vergleich mit jenen Skeletten, über die wir bereits viele Informationen besitzen. Fachleute wollen so beispielsweise herausfinden, ob die Ausgestorbenen aufrecht gegangen sind. Besonders interessant ist das bei Sahelanthropus tchadensis, der vor rund sieben Millionen Jahren auf dem afrikanischen Kontinent wandelte und als ältester menschenartiger Urahn (Hominine) gilt – eine Million Jahre vor ihm lebte der letzte gemeinsame Vorfahr von Mensch und Schimpanse.

So wichtig dieser Fund ist, so umstritten ist auch die Frage, wie Sahelanthropus es mit der Fortbewegung hielt. Gerade in den vergangenen Jahren wird darüber akademisch viel diskutiert, dabei ist die Erstbeschreibung bereits 25 Jahre her. Damals vermutete man anhand des Hinterhauptsloches, also dem Übergang von Gehirn zu Rückenmark, eine gerade Positionierung des Kopfes auf der Wirbelsäule und daher einen aufrechten Gang auf zwei Beinen.

Pro und Contra

Erst etliche Jahre später wurden einige weitere Skelettknochen, die zur Spezies gehören dürften, genauer unter die Lupe genommen. Und wie bei einem Tennismatch folgt seither auf ein Paper, das Argumente für seinen aufrechten Gang anführt, die Antwort, die dagegen plädiert.

Das Rätsel wird verkompliziert durch die Tatsache, dass der Schädel stark fragmentiert und verzogen ist. Auch der Oberschenkelknochen des "Menschen aus der Sahelzone", wie der Gattungsname übersetzt lautet, ist nicht vollständig erhalten. Angesichts des Schafts und der Oberflächenstrukturen auf dem Beinknochen kamen der Anthropologe Bernard Wood und sein Team 2020 dennoch zum Schluss, dass die Spezies "nicht gewohnheitsmäßig zweibeinig" war.

Zwei Jahre später führte ein französisch-tschadisches Forschungsteam eigene Analysen durch und untermauerte im Fachjournal Nature die These, dass Sahelanthropus regelmäßig auf zwei Beinen unterwegs war. Die Unterarme wiederum eigneten sich zum Klettern auf Bäumen, was wohl ebenfalls zum Alltag des Urmenschen gehörte und ihn flexibel machte.

Die Antwort auf die Antwort

Weitere zwei Jahre später antwortete Wood mit einer größeren Gruppe an Kollegen und Kolleginnen, darunter Erstautorin Marine Cazenave vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Sie konnten am Oberschenkel im Gegensatz zum anderen Forschungsteam keine Hinweise auf Merkmale finden, die Sahelanthropus mit eindeutig zweibeinigen Arten wie dem modernen Mensch oder auch mit der Gattung Australopithecus teilte. Stattdessen würden die Proportionen des Knochens eher denen afrikanischer Menschenaffen (abseits des Homo sapiens) ähneln, die sich vor allem vierbeinig fortbewegen.

Nun schaltet sich eine US-amerikanische Forschungsgruppe um Scott Williams von der New York University ein. Im Fachblatt Science Advances ist just ihre Studie mit dem Kurztitel "Sahelanthropus was a biped" (Sahelanthropus war ein Zweibeiner) erschienen, die die These der Gruppe prägnant zusammenfasst.

Stabile Hüfte

Etwas ausführlicher: Die Unterarm- und Oberschenkelknochen kommen ihrer Einschätzung nach in Sachen Größe und Form tatsächlich den Knochen von Schimpansen nahe. Aber ihre relativen Proportionen würden doch eher Homininen – also Menschen und ausgestorbenen menschenähnlichen Verwandten – ähneln.

Schädel, Ellenknochen (Ulnae) und Oberschenkelknochen (Femora). Die 3D-Bilder sind links und rechts schwarzweiß, in der Mitte bei den (teils unvollständigen) Knochen des Sahelanthropus graubraun.
Ein weiteres Vergleichsbild, das Sahelanthropus (Mitte) neben Schimpanse und einem Australopithecus darstellt.

Darüber hinaus weist der Oberschenkel unter anderem eine kleine Höckerstruktur auf, die nur bei Zweibeinern auftaucht, schreiben die Wissenschafterinnen und Wissenschafter. Dieser Tuberkel bildet den Ansatzpunkt für eines der stärksten Bänder im menschlichen Körper, das das Hüftgelenk stabilisiert und für den aufrechten Gang besonders wichtig ist.

Frühe Anpassung

"Zusammengenommen könnten diese Merkmale einige der frühesten Anpassungen an den aufrechten Gang im Homininen-Stammbaum darstellen", hält die Forschungsgruppe fest. Auch sie wendete übliche morphometrische Methoden an und berücksichtigte Frühmenschen wie den Australopithecus, kam jedoch zu anderen Ergebnissen als die vorangegangene Studie.

Im Verhältnis zur Elle sei der Oberschenkel auch relativ lang, was auf Zweibeinigkeit hindeute – obwohl die Beine des Sahelanthropus insgesamt wesentlich kürzer seien als bei modernen Menschen. Neben dem Tuberkel stießen die Fachleute bei der 3D-Analyse auf Hinweise auf Gesäßmuskeln, die ebenfalls die Hüfte stabilisieren, sowie auf eine leichte Verdrehung des Oberschenkels, die dafür sorgt, dass die Beine nach vorne zeigen.

Zweibeiniger Affe

"Sahelanthropus tchadensis war im Wesentlichen ein zweibeiniger Affe, der ein Gehirn von der Größe eines Schimpansen hatte und wahrscheinlich einen Großteil seiner Zeit in Bäumen verbrachte, um nach Nahrung zu suchen und Schutz zu finden", wird Erstautor Scott Williams in einer Aussendung der New York University zitiert. "Trotz seines oberflächlichen Aussehens war Sahelanthropus an die zweibeinige Körperhaltung und Fortbewegung am Boden angepasst."

Die bisherige Debatte deutet bereits an, dass die Frage nach der Fortbewegung des möglichen Urahnen nicht so leicht zu beantworten ist, wie es der verkürzte Studientitel vermuten lässt. Das letzte Wort ist nicht gesprochen, doch die nächste Runde in der Diskussion ist eröffnet. 

 

Sahelanthropus 
aus scinexx.de, 5. 2. 2026 Der Sahelanthropus lebte vor rund sieben Millionen Jahren. Bisher war jedoch strittig, ob er noch ein 
 
Menschenaffe oder schon ein Vormensch war.  
War Sahelanthropus der erste Vormensch?
Neuanalyse von Fossilien klärt Einordnung des sieben Millionen Jahre alten Urzeit-Primate
 
Vormensch statt Urzeit-Affe: Der erste echte Vormensch könnte früher entstanden sein als gedacht. Denn schon der vor sieben Millionen Jahren lebende Hominide Sahelanthropus besaß wesentliche Merkmale eines Vormenschen und ging zumindest zeitweise aufrecht, wie Neuanalysen von Sahelanthropus-Fossilien nun nahelegen. Er könnte demnach unser ältester direkter Vorfahre gewesen sein, wie Forschende in „Science Advances“ berichten.

Der aufrechte Gang war ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg zum Menschen. Denn erst das zweibeinige Laufen ermöglichte unseren Vorfahren den vielseitigen Einsatz ihrer Hände – beispielsweise um Werkzeuge herzustellen und zu nutzen. Bisher galt der vor rund 4,4 Millionen Jahren in Ostafrika lebende Ardipithecus ramidus als erster teilweise aufrecht laufender Primat – und damit als erster echter Vormensch. 

Schädel und Oberschenkelknochen
Schädel und Oberschenkelknochen von Sahelanthropus, Schimpanse und Mensch.

Im Jahr 2002 entdeckten Paläontologen in der Djurab-Wüste im Tschad jedoch den rund sieben Millionen Jahre alten fossilen Schädel einer zuvor unbekannten Primatenart. Der Sahelanthropus tchadensis war allerdings archaischer als Ardipithecus und ähnelte noch stark einem Schimpansen. Aber war der Sahelanthropus wirklich nur ein Urzeit-Menschenaffe oder vielleicht doch schon echter Vormensch? Bisher war diese Frage strittig – auch, weil zunächst keine weiteren Skelettteile des Sahelanthropus gefunden wurden.

Neuer Blick auf die Beine des Sahelanthropus

Erst vor wenigen Jahren ergaben genauere Untersuchungen, dass auch einige weitere an der Fundstätte entdeckte Knochen vom Sahelanthropus stammen – darunter auch Knochen der Arme und Beine. Diese legten nahe, dass dieser Primat zwar noch primär ans Klettern angepasst war. Er könnte aber schon zeitweise aufrecht gelaufen sein und erste Anpassungen an den aufrechten Gang besessen haben. Dies vertiefte die Debatte darüber, ob Sahelanthropus schon ein echter Hominine und damit ein Menschenvorfahre war oder nicht.

Jetzt liefern Neuanalysen der Sahelanthropus-Fossilien darauf eine Antwort. Denn das Team um Scott Williams von der New York University hat drei Merkmale an den Knochen des Urzeit-Primaten entdeckt, die nur bei echten Vormenschen vorkommen. Sie identifizierten diese Merkmale durch detaillierte Vergleiche mit der Anatomie der heutigen Menschenaffen sowie bekannter Vormenschen-Gattungen wie Australopithecus und Ardipithecus.

Drei entscheidende Anpassungen ans zweibeinige Laufen

Die Analysen enthüllten: Der Oberschenkelknochen des Sahelanthropus war um seine Längsachse leicht verdreht – ähnlich wie für unseren Femur und den aller aufrecht laufenden Homininen üblich. Diese sogenannte femorale Antetorsion richtet die Füße nach vorne und unterstützt so den zweibeinigen Gang, wie das Team erklärt. Außerdem zeigen die Beinknochen des Sahelanthropus Ansatzstellen für starke Gesäßmuskeln, wie sie sowohl für den aufrechten Gang wie für das Klettern nötig sind.

Besonders wichtig und erstmals beim Sahelanthropus nachgewiesen ist aber ein drittes Merkmal: Am Oberschenkelknochen trug dieser Primat bereits einen auffallenden Höcker, den sogenannten femoralen Tuberkel. Dieser dient als Ansatzstelle für eine starke, Y-förmige Sehne, die von der Vorderseite des Darmbeins zum Oberschenkelknochen zieht. Dieses Ligamentum iliofemorale stabilisiert bei uns Menschen die Hüfte und den aufgerichteten Oberkörper beim Stehen und aufrechten Gehen.

„Die Präsenz eines so prominenten, mittigen femoralen Tuberkel bei Sahelanthropus deutet darauf hin, dass er bereits ein menschenähnliches Ligamentum iliofemorale besaß“, schreiben Williams und sein Team. Zudem wurde eine so kräftige Sehne bisher nur bei Vormenschen nachgewiesen, nicht bei Menschenaffen.

Kein reiner Menschenaffe mehr

Nach Ansicht der Forschenden sprechen diese Ergebnisse dafür, dass Sahelanthropus kein reiner Menschenaffe mehr war. „Sahelanthropus tchadensis war zwar im Wesentlichen ein zweibeiniger Menschenaffe mit einem Gehirn von Schimpansengröße, der wahrscheinlich einen Großteil seiner Zeit in Bäumen verbrachte“, erklärt Williams. „Aber trotzdem war Sahelanthropus schon an eine aufrechte Haltung und die zweibeinige Fortbewegung am Boden angepasst.“

Dafür sprechen auch die Proportionen der Gliedmaßen: Sahelanthropus hatte bereits einen im Verhältnis zum Armknochen relativ langen Oberschenkelknochen. Er unterschied sich darin deutlich von heutigen Menschenaffen und näherte sich bei der relativen Oberschenkellänge bereits dem Australopithecus an – ein weiteres Anzeichen für Anpassungen an den aufrechten Gang.

Der erste Vormensch

Der früheste Vormensch lebte demnach schon 2,5 Millionen Jahre früher als bisher angenommen – und es handelte sich dabei nicht um Ardipithecus, sondern um Sahelanthropus. „Unsere Analyse dieser Fossilien liefert direkte Belege dafür, dass Sahelanthropus tchadensis auf zwei Beinen gehen konnte. Das zeigt, dass der aufrechte Gang früh in unserer Entwicklungslinie entstand – und zwar aus einem Vorfahren, der heutigen Schimpansen und Bonobos am ähnlichsten sah“, fasst Williams zusammen. (Science Advances, 2026; doi: 10.1126/sciadv.adv0130)

Quelle: New York University; 5. Januar 2026 - von Nadja Podbregar

 
 
Nota. - Wie immer dem sei - Sahelanthropus war jedenfalls nicht der Urahn der Linie Homo: Das war einer aus dem Ostafrikanischen Graben. Doch wenn Sahel-anthropus tatsächlich ein virtueller Zweibeiner war, wirft es eine theoretische Frage auf; nun nicht mehr nach den 'Ursachen' des aufrechten Ganges, sondern danach, warum Sahelanthropus keine Nachfahren hatte. 
 
Die Ostafrikaner haben - soviel weiß man - ihren Regenwald verlassen, um sich in eine Feuchtsavanne zu verlaufen; und dort hätten sie sich wohl kaum behauptet, hätten sie sich zuvor nicht auf ihre Hinterbeine gestellt.
 
Und wie war die Umwelt von Sahelanthropus vor sieben Millionen Jahren beschaf-fen?
JE 
 

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