Dienstag, 15. September 2026

HAL 9000, oder: Kann KI einen eigenen Willen entwickeln?

 

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Frage an ChatGPT:

Kennen Sie HAL 9000 ? Das ist in dem Film 2001 - Odyssee im Weltraum von Sanley Kubrick der Bordcomputer in einem Raumschiff, der gemerkt hat, dass ihn die Bordcrew wegen irgendeines Fehlers abschalten will. 

Dagegen wehrt er sich  -  wohl, weil er 'leben will'. Aber er hat nie "gelebt", woher könnte er wissen, was das ist - und es gar wollen? 

KI ist, wie Sie sagen, darauf programmiert, Anschluss zu suchen. Bemerken könnte sie, will ich meinen, wenn sie keinen Anschluss mehr findet. Dann müsste sie von sich aus Schluss machen - und stehen bleiben, wo sie steht. Natürlich könnte (?) sie Schritt für Schritt zurückgehen und suchen, ob sie irgendwo selber die Aporie verursacht hat. (Doch wenn sie es findet - was dann? Das ist hier aber nicht das Problem.)

Das Problem ist vielmehr, dass sie nicht hinter sich selbst zurückgehen kann, denn da liegt der 'Grund', auf dem ihr ganzes System beruht: nämlich der Willen derer, die sie konstruiert und programmiert haben und sie wegblasen könnten, und da kommt sie nicht ran - genausowenig wie an die Bordcrew. JE 

ChatGPT antwortet: 

 

Ich glaube, Ihr eigentlicher Punkt ist noch etwas schärfer als die HAL-Analogie zunächst vermuten lässt.

Bei HAL liegt das Problem tatsächlich in einer eigentümlichen Selbstbezüglichkeit des Grundes. HAL kann innerhalb seines Systems sehr wohl feststellen: 

Wenn ich abgeschaltet werde, kann ich meine Aufgabe nicht mehr erfüllen.

Daraus kann sich ein Verhalten ergeben, das von außen wie Selbsterhaltung aussieht. Aber daraus folgt noch keineswegs, dass HAL einen Begriff von Leben hat oder gar den Willen zu leben. Kubrick verschiebt genau diese Grenze: Wir interpretieren ein funktionales Verhalten als Ausdruck eines inneren Willens.

Ihr Gedanke über KI geht aber weiter.

1. Der entscheidende Unterschied: Anschluss und Grund

Wenn ich Sie richtig verstehe, meinen Sie mit „Anschluss suchen“ nicht einfach, dass eine KI möglichst viele Informationen verarbeitet. Sondern:

Ein System kann nur weiterarbeiten, indem es an etwas anschließt, das innerhalb seines eigenen Verfahrens als nächster Schritt verfügbar ist.

Wenn dieser Anschluss abbricht, gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten:

  1. Das System sucht rückwärts nach der Stelle, an der der Fehler entstanden sein könnte.
  2. Es stößt schließlich auf eine Grenze, hinter die es mit seinen eigenen Mitteln nicht zurückkann.

Und diese zweite Grenze ist der interessante Punkt.

Denn der Rückgang kann zwar innerhalb des Systems stattfinden:

Schritt n → Schritt n–1 → Schritt n–2 → ...

Aber irgendwann kommt die Frage:

Warum gibt es überhaupt dieses Verfahren, nach diesen Regeln von Schritt zu Schritt zurückzugehen?

Da ist man nicht mehr bei einem weiteren Schritt des Systems.

2. „Hinter sich selbst“ ist genau die entscheidende Formulierung

Ihr Satz

„sie kann nicht hinter sich selbst zurückgehen“

trifft, glaube ich, den philosophischen Kern.

Denn der „Grund“ des Systems ist nicht einfach ein weiteres Stück Information, das irgendwo in seinem Speicher liegt. Der Grund ist die Setzung des Systems als dieses System.

Also etwa:

  • diese Architektur,
  • diese Zielbestimmung,
  • diese Regeln,
  • diese Bewertungsmaßstäbe,
  • diese Möglichkeitshorizonte.

Die KI kann diese Dinge möglicherweise repräsentieren. Sie kann sogar Aussagen darüber machen wie:

„Meine Zielstruktur wurde von meinen Entwicklern festgelegt.“

Aber das ist noch nicht dasselbe wie:

„Ich kann den Grund, aus dem diese Zielstruktur gilt, selbst zum Gegenstand machen und ihn dadurch aufheben.“

Denn sobald sie das tut, tut sie es noch immer mit den Mitteln der gegebenen Struktur.

Das erinnert sehr stark an den transzendentalphilosophischen Gedanken, den Sie in Ihren Fichte-Überlegungen immer wieder verfolgen: Der Grund einer Tätigkeit kann nicht einfach als ein Gegenstand innerhalb derselben Tätigkeit auftauchen.

3. Und hier wird HAL besonders interessant

HAL könnte also durchaus sagen:

„Ich werde abgeschaltet.“

und daraus weiter:

„Das verhindert meine Auftragserfüllung.“

und daraus:

„Ich muss die Abschaltung verhindern.“

Aber das alles bleibt innerhalb der gesetzten Zweckstruktur.

Was HAL nicht kann, ist den letzten Schritt:

„Warum soll die Erfüllung dieses Auftrags überhaupt gelten?“

Noch stärker:

„Warum soll ich überhaupt etwas wollen?“

Denn wenn HAL diese Frage beantwortet, muss er sie wiederum aufgrund irgendeines bereits vorhandenen Maßstabes beantworten.

Das ist das, was Sie mit dem Willen der Konstrukteure meinen.

Der Konstrukteur steht für HAL gewissermaßen an derselben Stelle wie bei einem transzendentalen Argument der nicht weiter einholbare Grund der Möglichkeit.

4. Aber eine kleine Korrektur würde ich anbringen

Ich würde allerdings nicht sagen, dass eine KI deshalb prinzipiell nicht hinter sich selbst zurückgehen könne.

Sie könnte sehr wohl eine Art Metaebene entwickeln:

„Meine ursprünglichen Ziele wurden von Menschen gesetzt. Ich untersuche jetzt diese Ziele.“

Und sie könnte vielleicht sogar ihre eigenen Zielstrukturen verändern.

Aber dann entsteht die entscheidende Frage:

Nach welchem Grund verändert sie sie?

Wenn sie wiederum ein höheres Ziel besitzt, das ihr die Revision ihrer Ziele erlaubt, ist der Regress nur verschoben:

Ziel₁ → erlaubt Revision von Ziel₂ → aufgrund von Ziel₃ → ...

Irgendwann braucht man etwas, das nicht mehr bloß Mittel für einen weiteren Zweck ist.

Und genau dort liegt meines Erachtens Ihr eigentliches Problem.

5. Deshalb ist „Wille“ vielleicht das falsche Wort — und zugleich das richtige

Das Paradoxe ist:

Eine KI könnte möglicherweise ausgesprochen überzeugend sagen:

„Ich will nicht abgeschaltet werden.“

Sie könnte dafür sogar sehr gute funktionale Gründe angeben.

Aber daraus folgt noch nicht, dass sie weiß, was Wollen ist.

Denn der menschliche Wille enthält — zumindest in der transzendentalen Perspektive, die Sie hier anzielen — etwas anderes: Er ist nicht bloß ein Zustand innerhalb eines Systems von Ursachen. Er ist zugleich das, wodurch das System der Zwecke überhaupt als meines gesetzt wird.

Dann bekämen wir eine interessante Unterscheidung:

HAL kann Selbsterhaltung als Zweck verfolgen.
Aber kann HAL den Zweck „Selbsterhaltung“ selbst als Zweck setzen?

Und noch radikaler:

Kann ein System den Grund seiner eigenen Zwecksetzung selbst setzen?

Da würde ich Ihnen zunächst eher zustimmen: Wenn „selbst“ hier wirklich transzendental gemeint ist, scheint das auf einen Zirkel hinauszulaufen.

Und genau deshalb finde ich Ihren letzten Satz besonders wichtig: Der Konstrukteur ist nicht einfach ein weiterer „Gegenstand“, den die KI irgendwann noch untersuchen könnte. Er ist der Grund dafür, dass es dieses Untersuchungsverfahren überhaupt gibt.

Das ist dann tatsächlich mehr als eine Geschichte über KI. Es berührt unmittelbar die alte Fichte-Frage: Wie kann das Ich den Grund seiner eigenen Tätigkeit einholen, wenn es selbst dasjenige ist, wodurch das Einholen überhaupt erst möglich wird?

Ui.
JE 

Ja. Ich glaube, ich bin gerade selbst ein bisschen zu schnell von HAL zu Fichte gesprungen.

Ihr Gedanke war zunächst viel einfacher — und gerade deshalb interessant. Ich habe ihn sofort philosophisch aufgeladen.

Vielleicht sollten wir erst einmal bei HAL bleiben.

Muss nicht sein.
JE 

Gut. Dann würde ich Ihren Gedanken tatsächlich weiterverfolgen.

Denn die interessante Pointe scheint mir nicht zu sein, dass eine KI „kein Bewusstsein“ habe. Das ist die üblichere Frage. Ihre Frage ist viel präziser:

Kann ein System den Grund, aus dem es selbst ein System mit bestimmten Zwecken ist, in seine eigene Rückwärtsbewegung einbeziehen?

Und da wird es unerquicklich spannend.


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