aus spektrum.de, 20. 3. 2026
»Kritik der Digitalisierung«
Die Datifizierung der Wirklichkeit
Unser
Leben wird immer mehr von Prozessen bestimmt, die wir nicht
durchschauen. Zeit für einen philosophischen Blick auf die
Digitalisierung.
von Stefan Höltgen
Habe
ich es mit menschlichem Tun oder einem maschinellen Prozess zu tun?
Stammt dieser Text aus einem Gehirn oder einem künstlichen neuronalen
Netz? Wurde dieses Bild fotografiert oder generiert? Dank der so
genannten Digitalisierung haben wir es mit völlig neuen Phänomenen und
Praktiken zu tun, die zwar unser Leben bestimmen, die wir aber nicht
durchschauen. Und während IT-Unternehmen eine neue Technologie nach der
anderen auf uns loslassen, bleibt uns kaum Zeit, über deren Wesen,
Herkunft und Folgen zu reflektieren. In »Kritik der Digitalisierung«
nimmt sich der Philosoph Daniel Martin Feige dieser Herausforderung an.
Wenn aus Leben Daten werden
Philosophie
ist stets auch »Arbeit am Begriff« – so hat es Theodor W. Adorno einmal
formuliert, auf den sich der Autor vielfach beruft. Und so geht es
Feige darum, neue Begriffe – oder alte, die durch
Informationstechnologien neu gefasst wurden – zu hinterfragen. Denn, so
Feige, allzu oft stünde hinter Begriffen wie »Digitalisierung«,
»künstliche Intelligenz« oder »Computerkunst« eine Agenda mit einem
Menschenbild, das im Widerspruch zum Verständnis des Menschen als
vernunftbegabtem und sich seiner selbst bewusstem Wesen stehe. Feige,
für den dieses aufklärerische Ideal ein Leitmotiv bleibt, reflektiert
Begriffe wie diese technik- und philosophiegeschichtlich. Das ist keine
leichte Lektüre – doch scheint die Komplexität seiner Argumentation
angesichts der »gesamtgesellschaftlichen Transformation […], die Arbeit,
Zusammenleben und Gegenständlichkeit« (S. 7) durch die Digitalisierung
erfahren, gerechtfertigt.

Daniel Martin Feige
Kritik der Digitalisierung
Technik, Rationalität und Kunst
Verlag: Meiner, Hamburg 2025, 185 S.
ISBN: 9783787347209 | Preis: 19,90 €
Aber was bedeutet »Digitalisierung«? Feige zufolge ist sie nicht bloß die Vollendung eines Prozesses, der vielleicht schon mit Aristoteles’ zweiwertiger Aussagenlogik begonnen hat. Ein solch teleologisches Verständnis würde einen beträchtlichen Teil der Kulturgeschichte zum Vorspiel der Digitalisierung degradieren, und der Transhumanismus wäre das nächste notwendige Etappenziel dieser Entwicklung. Vielmehr nimmt Feige den besonderen Charakter der Digitalisierung ernst, wenn er betont, dass digitale Technologien unsere Lebens- und Arbeitspraxis neu fassen. Sie transformieren das analoge Leben in Daten, machen es so scheinbar speicherbar, übertragbar und berechenbar: »Informations- und Kommunikationstechnologien unterziehen unsere Praxis einer Neuformatierung im Geiste der Digitalisierung.« (S. 38)
Wie die KI-Debatten das Menschenbild verändern
Als
charakteristische Merkmale dieser Neuformatierung benennt Feige
»Blackboxing«, »Datifizierung« und »Alterisierung«. »Blackboxing« meint
das Unsichtbarwerden der Ebenen, auf denen unsere Daten verarbeitet
werden – wir sehen lediglich ihre Oberflächen. Damit sei nicht bloß eine
Geheimniskrämerei von IT-Firmen gemeint, »Blackboxing« sei vielmehr
konstitutiv für unser Verhältnis zu digitalen Technologien: Wer kann
schon nachvollziehen, was genau sich in einem Computer oder Smartphone
vollzieht? »Daten sind die Lingua franca der Digitalisierung«, betont
Feige (S. 42 f.), und »Datifizierung« beschreibe die dafür notwendige
Reduktion des Analogen zum Zwecke seiner Komputierbarkeit – also für
das, was Digitalisierung im technischen Sinne bedeute. Dies führe zur
»Alterisierung« der digitalisierten Wirklichkeit: Auf der Ebene der
Daten erscheinen alle Phänomene gleichartig – und werden zum Beispiel zu
digitalen Objekten, die man handeln kann.
Im zweiten Kapitel hinterfragt Feige den Begriff der »künstlichen Intelligenz« und damit eine der relevantesten Entwicklungen unserer Zeit. Kaum eine technologische Neuerung der jüngeren Vergangenheit hat derart viele kulturelle, soziale und ökonomische Veränderungen angestoßen. Begriffe wie »Bewusstsein« und »Emotion«, die genuin Menschliches bezeichneten, wurden Feige zufolge im KI-Diskurs einem »conceptual engineering« unterworfen; ihr Sinn wurde verändert – mit erheblichen Konsequenzen für unser Menschenbild. Feige rekonstruiert diese Debatte von ihren Anfängen in den 1950er Jahren bis in die Gegenwart. Er zeigt dabei, wie immer wieder versucht wurde, Sprache zum alleinigen Gradmesser für Intelligenz zu machen (weil Computer nur symbolische Daten verarbeiten können), merkt aber zugleich an, dass man eigentlich nicht von »Sprache« reden könne, wenn ihr keine Überzeugungen und Wünsche zugrunde lägen, sondern bloß von »Textgenerierung«.
Feige
betont, dass eine künstliche Intelligenz kein vernünftiges Wesen sein
könne, denn dazu bedürfe es eines begrifflichen Verständnisses von
Selbst und Welt. KI-Anwendungen erfassten die Welt dagegen wie ein
»forensisches Instrument durch die Sammlung von Daten oder die
Applikation festverdrahteter Schlussschemata [, die] weitere Daten
produziert.« (S. 77). Durch die schieren Datenmengen und die enorme
Effizienz ihrer statistischen Korrelation erscheinen uns »Large Language
Models« (LLM) vielleicht als sprechende Computer – seien jedoch bloß
»stochastische Papageien«, wie es die Linguistin Emily M. Bender 2021
formuliert hat.
Vor allem fehle der KI praktisches Wissen.
Damit ist gemeint, »dass ich im Vollzug meiner Handlung darum weiß, was
ich hier tue, und zugleich den Zusammenhang der Handlungsphasen
praktisch als Verwirklichung eines Zwecks begreife.« (S. 87) Weil
Sprache auch (kommunikative) Handlung ist, könne ein textueller
Austausch mit einem LLM stets nur die Simulation eines Gesprächs sein.
Schließlich koppelt Feige die Fähigkeit zu denken und zu handeln – auch
philosophiegeschichtlich – an den Begriff des Lebens: Ein rationales
Lebewesen zu sein, bedeute, Praktiken vollziehen zu können, die
außerhalb biologischer oder evolutionärer Erklärungen in unserer
»zweiten Natur« lägen.
Der dritte Teil befasst sich mit den Zusammenhängen von Kunst und Digitalisierung. Hier fordert Feige zunächst einen Begriff von Autorschaft, der den Menschen mit seinen bewussten Entscheidungen und seiner Autonomie ins Zentrum stellt. Kunst fungiere als Reflexionspraxis und werde als Handlung verstanden, über die im Sinne der Kunstkritik verhandelt werden kann. Daher müsse hinter einem Kunstwerk ein Mensch stehen, der Intentionen habe und das Werk als Ausdruck seiner geistigen Tätigkeit darstelle. Künstliche Intelligenz könne daher prinzipiell keine Kunst hervorbringen. Gleichzeitig erkennt Feige an, dass Computerkunst durchaus geeignet sein kann, sinnvolle Debatten – zum Beispiel über das Verhältnis von Kunst und digitalen Medien – anzustoßen, »gerade weil hier die partielle Fremdheit dessen, was sie generiert, anschlussfähig ist an die konstitutive Fremdheit künstlerischer Gebilde«. (S. 12)
Daniel Martin Feiges kaum
200 Seiten umfassende »Kritik der Digitalisierung« ist keine leichte
Kost. Denn Feige hat nicht einfach ein antidigitales Pamphlet verfasst,
sondern argumentiert differenziert und ist dafür tief in die Technik-
und Philosophiegeschichte eingestiegen. Dennoch vertritt der Autor eine
klare Position, die sich in der Nähe von Adornos Kritik an der
Kulturindustrie ansiedeln lässt. Wer seine Argumentation kritisieren
möchte, muss gute Gegenargumente formulieren, um einen anderen Blick auf
die Technik- und Philosophiegeschichte sowie die besondere Stellung des
Menschen in der Welt begründen zu können.
Kritik
der Digitalisierung« ist eine wichtige und philosophisch fundierte
Auseinandersetzung mit den Technologien, Konzepten und Begriffen, die
unser Leben heute prägen. Wer dieses Buch gelesen hat, wird über
»Digitalisierung« oder »künstliche Intelligenz« sicher präziser denken
und sprechen können als vor der Lektüre.
Nota. - Dem Computer fehlt nicht nur ein Begriff von Selbst und Welt, sondern dass er selber kein Selbst in einer Welt ist. Eine Welt ist keine endliche Summe digitaler Informationen auf einer elektronischen Lochkarte, sondern der Ort, wo ein Organismus tagtäglich zehntausende große und kleine Entscheidungen zu fällen hat, um darin überleben zu können. Diese Entscheidungen stehen ihm sämtlich frei, und was durch Freiheit möglich ist, ist praktisch. Der Computer steht für keine seiner Entscheidungen ein, und auch sich selbst zerstören könnte er nur aus Versehen - und fände nicht einmal Gelegenheit, es zu bedauern.
Dass Kunst übrigens als Reflexionspraxis oder als sonstwas "fungiere", will ich ausdrücklich bestreiten.
JE
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen