Montag, 23. März 2026

Die Datifizierung der Wirklichkeit


 
aus spektrum.de, 20. 3. 2026                                                                         

»Kritik der Digitalisierung«
Die Datifizierung der Wirklichkeit
Unser Leben wird immer mehr von Prozessen bestimmt, die wir nicht durchschauen. Zeit für einen philosophischen Blick auf die Digitalisierung.


von Stefan Höltgen

Habe ich es mit menschlichem Tun oder einem maschinellen Prozess zu tun? Stammt dieser Text aus einem Gehirn oder einem künstlichen neuronalen Netz? Wurde dieses Bild fotografiert oder generiert? Dank der so genannten Digitalisierung haben wir es mit völlig neuen Phänomenen und Praktiken zu tun, die zwar unser Leben bestimmen, die wir aber nicht durchschauen. Und während IT-Unternehmen eine neue Technologie nach der anderen auf uns loslassen, bleibt uns kaum Zeit, über deren Wesen, Herkunft und Folgen zu reflektieren. In »Kritik der Digitalisierung« nimmt sich der Philosoph Daniel Martin Feige dieser Herausforderung an. 

Wenn aus Leben Daten werden

Philosophie ist stets auch »Arbeit am Begriff« – so hat es Theodor W. Adorno einmal formuliert, auf den sich der Autor vielfach beruft. Und so geht es Feige darum, neue Begriffe – oder alte, die durch Informationstechnologien neu gefasst wurden – zu hinterfragen. Denn, so Feige, allzu oft stünde hinter Begriffen wie »Digitalisierung«, »künstliche Intelligenz« oder »Computerkunst« eine Agenda mit einem Menschenbild, das im Widerspruch zum Verständnis des Menschen als vernunftbegabtem und sich seiner selbst bewusstem Wesen stehe. Feige, für den dieses aufklärerische Ideal ein Leitmotiv bleibt, reflektiert Begriffe wie diese technik- und philosophiegeschichtlich. Das ist keine leichte Lektüre – doch scheint die Komplexität seiner Argumentation angesichts der »gesamtgesellschaftlichen Transformation […], die Arbeit, Zusammenleben und Gegenständlichkeit« (S. 7) durch die Digitalisierung erfahren, gerechtfertigt.

Kritik der Digitalisierung
Daniel Martin Feige
Kritik der Digitalisierung
Technik, Rationalität und Kunst
Verlag: Meiner, Hamburg 2025, 185 S.
ISBN: 9783787347209 | Preis: 19,90 €

Aber was bedeutet »Digitalisierung«? Feige zufolge ist sie nicht bloß die Vollendung eines Prozesses, der vielleicht schon mit Aristoteles’ zweiwertiger Aussagenlogik begonnen hat. Ein solch teleologisches Verständnis würde einen beträchtlichen Teil der Kulturgeschichte zum Vorspiel der Digitalisierung degradieren, und der Transhumanismus wäre das nächste notwendige Etappenziel dieser Entwicklung. Vielmehr nimmt Feige den besonderen Charakter der Digitalisierung ernst, wenn er betont, dass digitale Technologien unsere Lebens- und Arbeitspraxis neu fassen. Sie transformieren das analoge Leben in Daten, machen es so scheinbar speicherbar, übertragbar und berechenbar: »Informations- und Kommunikationstechnologien unterziehen unsere Praxis einer Neuformatierung im Geiste der Digitalisierung.« (S. 38)

Wie die KI-Debatten das Menschenbild verändern

Als charakteristische Merkmale dieser Neuformatierung benennt Feige »Blackboxing«, »Datifizierung« und »Alterisierung«. »Blackboxing« meint das Unsichtbarwerden der Ebenen, auf denen unsere Daten verarbeitet werden – wir sehen lediglich ihre Oberflächen. Damit sei nicht bloß eine Geheimniskrämerei von IT-Firmen gemeint, »Blackboxing« sei vielmehr konstitutiv für unser Verhältnis zu digitalen Technologien: Wer kann schon nachvollziehen, was genau sich in einem Computer oder Smartphone vollzieht? »Daten sind die Lingua franca der Digitalisierung«, betont Feige (S. 42 f.), und »Datifizierung« beschreibe die dafür notwendige Reduktion des Analogen zum Zwecke seiner Komputierbarkeit – also für das, was Digitalisierung im technischen Sinne bedeute. Dies führe zur »Alterisierung« der digitalisierten Wirklichkeit: Auf der Ebene der Daten erscheinen alle Phänomene gleichartig – und werden zum Beispiel zu digitalen Objekten, die man handeln kann.

Im zweiten Kapitel hinterfragt Feige den Begriff der »künstlichen Intelligenz« und damit eine der relevantesten Entwicklungen unserer Zeit. Kaum eine technologische Neuerung der jüngeren Vergangenheit hat derart viele kulturelle, soziale und ökonomische Veränderungen angestoßen. Begriffe wie »Bewusstsein« und »Emotion«, die genuin Menschliches bezeichneten, wurden Feige zufolge im KI-Diskurs einem »conceptual engineering« unterworfen; ihr Sinn wurde verändert – mit erheblichen Konsequenzen für unser Menschenbild. Feige rekonstruiert diese Debatte von ihren Anfängen in den 1950er Jahren bis in die Gegenwart. Er zeigt dabei, wie immer wieder versucht wurde, Sprache zum alleinigen Gradmesser für Intelligenz zu machen (weil Computer nur symbolische Daten verarbeiten können), merkt aber zugleich an, dass man eigentlich nicht von »Sprache« reden könne, wenn ihr keine Überzeugungen und Wünsche zugrunde lägen, sondern bloß von »Textgenerierung«.

Künstliche Intelligenz spricht nicht und macht keine Kunst

Feige betont, dass eine künstliche Intelligenz kein vernünftiges Wesen sein könne, denn dazu bedürfe es eines begrifflichen Verständnisses von Selbst und Welt. KI-Anwendungen erfassten die Welt dagegen wie ein »forensisches Instrument durch die Sammlung von Daten oder die Applikation festverdrahteter Schlussschemata [, die] weitere Daten produziert.« (S. 77). Durch die schieren Datenmengen und die enorme Effizienz ihrer statistischen Korrelation erscheinen uns »Large Language Models« (LLM) vielleicht als sprechende Computer – seien jedoch bloß »stochastische Papageien«, wie es die Linguistin Emily M. Bender 2021 formuliert hat.

Vor allem fehle der KI praktisches Wissen. Damit ist gemeint, »dass ich im Vollzug meiner Handlung darum weiß, was ich hier tue, und zugleich den Zusammenhang der Handlungsphasen praktisch als Verwirklichung eines Zwecks begreife.« (S. 87) Weil Sprache auch (kommunikative) Handlung ist, könne ein textueller Austausch mit einem LLM stets nur die Simulation eines Gesprächs sein. Schließlich koppelt Feige die Fähigkeit zu denken und zu handeln – auch philosophiegeschichtlich – an den Begriff des Lebens: Ein rationales Lebewesen zu sein, bedeute, Praktiken vollziehen zu können, die außerhalb biologischer oder evolutionärer Erklärungen in unserer »zweiten Natur« lägen.

Der dritte Teil befasst sich mit den Zusammenhängen von Kunst und Digitalisierung. Hier fordert Feige zunächst einen Begriff von Autorschaft, der den Menschen mit seinen bewussten Entscheidungen und seiner Autonomie ins Zentrum stellt. Kunst fungiere als Reflexionspraxis und werde als Handlung verstanden, über die im Sinne der Kunstkritik verhandelt werden kann. Daher müsse hinter einem Kunstwerk ein Mensch stehen, der Intentionen habe und das Werk als Ausdruck seiner geistigen Tätigkeit darstelle. Künstliche Intelligenz könne daher prinzipiell keine Kunst hervorbringen. Gleichzeitig erkennt Feige an, dass Computerkunst durchaus geeignet sein kann, sinnvolle Debatten – zum Beispiel über das Verhältnis von Kunst und digitalen Medien – anzustoßen, »gerade weil hier die partielle Fremdheit dessen, was sie generiert, anschlussfähig ist an die konstitutive Fremdheit künstlerischer Gebilde«. (S. 12)

Daniel Martin Feiges kaum 200 Seiten umfassende »Kritik der Digitalisierung« ist keine leichte Kost. Denn Feige hat nicht einfach ein antidigitales Pamphlet verfasst, sondern argumentiert differenziert und ist dafür tief in die Technik- und Philosophiegeschichte eingestiegen. Dennoch vertritt der Autor eine klare Position, die sich in der Nähe von Adornos Kritik an der Kulturindustrie ansiedeln lässt. Wer seine Argumentation kritisieren möchte, muss gute Gegenargumente formulieren, um einen anderen Blick auf die Technik- und Philosophiegeschichte sowie die besondere Stellung des Menschen in der Welt begründen zu können.

Kritik der Digitalisierung« ist eine wichtige und philosophisch fundierte Auseinandersetzung mit den Technologien, Konzepten und Begriffen, die unser Leben heute prägen. Wer dieses Buch gelesen hat, wird über »Digitalisierung« oder »künstliche Intelligenz« sicher präziser denken und sprechen können als vor der Lektüre.

 

Nota. - Dem Computer fehlt nicht nur ein Begriff von Selbst und Welt, sondern dass er selber kein Selbst in einer Welt ist. Eine Welt ist keine endliche Summe digitaler Informationen auf einer elektronischen Lochkarte, sondern der Ort, wo ein Organismus tagtäglich zehntausende große und kleine Entscheidungen zu fällen hat, um darin überleben zu können. Diese Entscheidungen stehen ihm sämtlich frei, und was durch Freiheit möglich ist, ist praktisch. Der Computer steht für keine seiner Entscheidungen ein, und auch sich selbst zerstören könnte er nur aus Versehen - und fände nicht einmal Gelegenheit, es zu bedauern.

Dass Kunst übrigens als Reflexionspraxis oder als sonstwas "fungiere", will ich ausdrücklich bestreiten. 
JE 

 

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